Ueber Joseph

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Textdaten
Autor: Philon
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Titel: Über Joseph
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Herausgeber: Leopold Cohn
Auflage:
Entstehungsdatum: 1. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1909
Verlag: Verlag von H. & M. Marcus
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Erscheinungsort: Breslau
Übersetzer: Leopold Cohn
Originaltitel: De Josepho
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Das Buch „Ueber Joseph“ (de Josepho) führt eigentlich den Titel: Lebensbeschreibung des Staatsmannes (βίος πολιτικοῦ). Joseph gilt Philo als Typus des Staatsmannes. Der Staatsmann ist aber nach seiner philosophischen Anschauung nur ein Anhang des Weisen, der als Weltbürger nach dem Naturgesetz (dem stoischen ὀρθὸς λόγος) lebt. Die einzelnen Begebenheiten im Leben Josephs werden abschnittweise zuerst einfach nach dem Wortlaut der Bibel, nur mit Hervorhebung der ethischen Momente, wiedererzählt, dann folgt jedesmal die allegorische Erklärung. Im zweiten Teil des Werks, der die Vorgänge zwischen Joseph und seinen Brüdern in Ägypten schildert, ist von allegorischer Deutung gänzlich abgesehen.

Einleitung

[155] Da die Lebensbeschreibungen der Patriarchen Isaak und Jakob nicht erhalten sind, so folgt auf das Leben Abrahams unmittelbar das Leben Josephs. Das Buch „Ueber Joseph“ (de Josepho) führt eigentlich den Titel: Lebensbeschreibung des Staatsmannes (βίος πολιτικοῦ). Joseph gilt Philo als Typus des Staatsmannes; der Staatsmann ist aber nach seiner philosophischen Anschauung nur ein Anhang des Weisen, der als Weltbürger nach dem Naturgesetz (dem stoischen ὀρθὸς λόγος) lebt, sowie die Einzelstaaten mit ihren Verfassungen und Gesetzen nur Zusätze oder Anhänge des „Grossstaates“ d. h. der Welt mit ihrem Welt- oder Naturgesetz sind. Da nun Philo die drei Erzväter als Typen des vollkommenen Weisen geschildert hat, so fügt er gewissermassen als Anhang zu deren Lebensbeschreibungen das Leben des in Joseph verkörperten Staatsmannes hinzu.

Das Buch „Ueber Joseph“ ist in seinem ersten Teile, der bis (zur Ernennung Josephs zum Vizekönig in Aegypten reicht, ebenso angelegt wie das Buch „Ueber Abraham“. Die einzelnen Begebenheiten im Leben Josephs werden abschnittweise zuerst einfach nach dem Wortlaut der Bibel, nur mit Hervorhebung der ethischen Momente, wiedererzählt, dann folgt jedesmal die allegorische Erklärung. Im zweiten Teil dagegen, der die Vorgänge zwischen Joseph und seinen Brüdern in Aegypten schildert, ist von allegorischer Deutung gänzlich abgesehen. Philo beginnt mit einem kurzen Hinweis auf die vorausgehenden Lebensbeschreibungen der drei Erzväter (§ 1) und erzählt alsdann den Inhalt des 37. Kapitels des ersten Buches Mosis (§ 2–27): wie Joseph als Knabe die Herden seines Vaters weidete und dadurch eine gewisse Vorbereitung zu seinem staatsmännischen Beruf erhielt, wie er von dem Vater bevorzugt wurde und dadurch den Neid und Hass seiner Brüder erregte, wie dieser durch seine Träume neue Nahrung erhielt, und wie Joseph an die Kaufleute verkauft wurde. In der folgenden allegorischen Erläuterung (§ 28–36) entwickelt Philo auf Grund der Ableitung des Namens Joseph (= Zusatz) seine aus der stoisch-kynischen Philosophie geschöpfte Anschauung von dem Verhältnis der Einzelstaaten zu dem Kosmos und der Einzelverfassungen und Staatsgesetze zu [156] dem Welt- oder Naturgesetz. Der nächste Abschnitt schildert die im 39. Kapitel der Genesis erzählten Erlebnisse Josephs im Hause Potiphars (§ 37-57); hier macht Joseph zwei weitere Vorbereitungsstadien für seinen künftigen Beruf durch, da er sich als guter Hausverwalter und in dem Verhalten gegen die Frau Potiphars als standhafter Charakter bewährt. In der allegorischen Erklärung dieses Abschnitts (§ 58-79) vergleicht Philo Josephs Herrn, den Eunuchen Potiphar, mit dem Volke eines Staates, worin Ochlokratie herrscht, die Frau Potiphars mit der sinnlichen Begierde und Joseph selbst mit dem ernsten Staatsmann, der alle Demagogie verabscheut und der sinnlichen Begierde des Pöbels freimütig entgegentritt und ihr nicht nachgibt, wenn er auch das Schlimmste über sich ergehen lassen muss. Es folgt die Schilderung von dem Verhalten Josephs im Gefängnis und die im 40. Kapitel der Genesis erzählte Deutung der Träume des Obermundschenks und des Oberbäckers (§ 80-98). Darauf wird sogleich auch der Inhalt des 41. Kapitels erzählt, die Träume Pharaos, ihre Deutung durch Joseph und seine Einsetzung als Landesverweser (§ 99-124). Philo wendet sich dann zur allegorischen Erläuterung der beiden Abschnitte; die verschiedenen Träume und ihre Deutung durch Joseph geben ihm Gelegenheit zu einer längeren philosophischen Erörterung, worin er nachweisen will, dass der Staatsmann überhaupt ein Traumdeuter ist (§ 125 bis 150). Es handelt sich dabei aber nicht um die gewöhnlichen Träume der Schlafenden, sondern um den grossen allgemeinen Traum der Wachen: das ganze menschliche Leben ist ein Traum, und der Staatsmann hat die Aufgabe, diesen Traum zu deuten. Wie die Traumerscheinungen nicht der Wirklichkeit entsprechen, so haben auch die Vorstellungen des wachenden Menschen keinen rechten Bestand: sie kommen und gehen in ewigem Wechsel. Alles im menschlichen Leben ist der Veränderung unterworfen, eins ist immer der Tod des andern, nichts ist beständig; nicht nur körperliche und äussere Güter sind vergänglich und wechseln immerfort, auch unsere Sinneswahrnehmungen und Vorstellungen sind trügerisch, und eine sichere Erkenntnis der Dinge ist dem menschlichen Geiste unmöglich. Diese Ausführungen hat Philo wahrscheinlich aus einer skeptischen Quelle geschöpft. Es folgt noch eine zweite allegorische Erklärung, die er nach seiner Angabe von anderen vernommen hat (§ 151-156): der König von Aegypten ist Symbol des menschlichen Geistes; wenn dieser zu sehr auf leibliche Genüsse bedacht ist, hat er besonders dreierlei im Auge, Backwerk, Getränke und die Zukost; daher hat er drei Diener, die ihm diese verschaffen, den Oberbäcker, den Obermundschenk und den Oberkoch. (Brod-)Speise und Trank sind wichtige Nahrungsmittel, deshalb fallen ihre Verwalter in Ungnade, wenn sie ihre Pflichten vernachlässigen; ihr Schicksal ist aber [157] verschieden, weil der Wein nicht so notwendig und unentbehrlich ist wie das Brod. Der ganze übrige Teil des Buches (§ 157-270) gibt hauptsächlich den Inhalt der Kapitel 42-45 der Genesis wieder und schildert in ausführlicher Erzählung die beiden Reisen der Brüder nach Aegypten und die Begebenheiten bis zur Wiedererkennung Josephs, worauf kurz über die Ankunft Jakobs und seiner ganzen Familie in Aegypten berichtet wird. Zuletzt wird noch die Unterredung, die die Brüder mit Joseph nach dem Tode Jakobs hatten, erwähnt, und daran schliesst sich ein kurzer Rückblick auf die wunderbaren Lebensschicksale Josephs.

Die Darstellung ist in diesem Buche stark rhetorisch. Unter Benutzung der in der Bibel enthaltenen kurzen Reden, aber auch ohne solche, lässt Philo an zahlreichen Stellen lange Reden halten, die nach allen Regeln der Kunst gearbeitet sind. Manche von ihnen sind wenig am Platze, und was ihren Inhalt betrifft, so erscheinen die in ihnen ausgesprochenen Gedanken vielfach sehr gesucht (z. B. in der Rede Rubens § 17ff., in der Klage Jakobs § 23 ff.) Bisweilen kommen in den Reden bestimmte philosophische Theorien vor, die im Munde der betreffenden Persönlichkeiten wenig angemessen klingen. Ungeschickt ist die Rede Josephs an die Frau des Potiphar (§ 42ff.) eingeleitet: Philo lässt ihn (abweichend von der Darstellung der Bibel) seine lange Rede halten in dem Augenblick, da die Frau ihn an seinem Gewande ergriffen hat. Auch einen Anachronismus gestattet sich Philo in dieser Rede, er lässt Joseph auf ein Mosaisches Gesetz im Deuteronomium Bezug nehmen (§ 43). Die Erzählung selbst ist recht lebhaft und hebt die dramatischen Momente der Begebenheiten gebührend hervor.

Lebensbeschreibung des Staatsmannes, oder Ueber Joseph

[157]
LEBENSBESCHREIBUNG DES STAATSMANNES,
ODER UEBER JOSEPH

1II p. 41 M. (1.) Drei Dinge. sind es, durch die das höchste Ziel[1] erreicht wird, Unterricht, Naturanlage, Uebung, und die drei ältesten Weisen[2] sind nach Moses die Vertreter dieser Dinge. Nachdem ich deren Leben beschrieben habe, nämlich das durch Belehrung, das durch Selbstunterricht und das durch Uebung gewonnene, will ich als viertes in der Reihe das staatsmännische Leben schildern, als dessen Vertreter er ebenfalls, einen von den Stammvätern darstellt, der von Jugend [158] auf dazu herangebildet wurde. 2| Die erste Vorbereitung empfing er im Alter von siebzehn Jahren durch die Lehren betreffend die Leitung von Viehherden, die mit denen der Staatskunst übereinstimmen, weshalb wohl auch die Dichter die Könige „Hirten der Völker“ zu nennen pflegen; denn wer sich in der Führung von Herden bewährt hat, dürfte wohl auch ein sehr guter König sein, da er bei den geringerer Fürsorge bedürftigen Herden Belehrung über die Sorge für die vorzüglichste Herde von Lebewesen, für die Menschen, empfangen hat; 3| und wie für den künftigen Heerführer und Feldherrn die Jagdübungen eine sehr notwendige Vorbereitung sind, ebenso ist für solche, die Hoffnung haben einstmals die p. 42 M. Leitung eines Staates zu übernehmen, der Hirtenberuf sehr geeignet als Vorübung für die Stellung eines Oberhauptes und Feldherrn. 4| Da nun sein Vater eine edle und aussergewöhnliche Sinnesart in ihm entdeckte, erstaunte er darüber und gab acht auf ihn und liebte ihn mehr als die andern Söhne[3], zumal er ein Spätgeborener war, ein Umstand, der ganz besonders zur Steigerung der Zuneigung beiträgt; und als Schönheitsfreund förderte er die natürliche Anlage des Knaben durch besondere und ausserordentliche Sorgfalt, damit sie nicht nur (wie Feuer in der Asche) glimme, sondern schneller hervorleuchte. 5 (2.) Der Neid aber, der gewöhnliche Feind grossen Glückes, griff auch da ein und riss ein in jeder Hinsicht glückliches Haus auseinander und reizte die Mehrzahl der Brüder gegen den einen auf; im Gegensatz zu der Zuneigung des Vaters für ihn zeigten sie ihm ihre Abneigung und hassten ihn in demselben Masse, wie er (vom Vater) geliebt wurde. Sie äusserten aber ihren Hass nicht, sondern verbargen ihn im Herzen, wodurch er natürlich nur noch mehr wuchs; denn die verborgenen Empfindungen, die sich nicht in losfahrenden Worten Luft machen können, werden dadurch nur schlimmer. 6| Er selbst (Joseph) bewahrt sich [159] seine Herzenseinfalt, er merkt den versteckten Hass der Brüder gar nicht und erzählt ihnen einen glückverheissenden Traum, den er einmal hatte, wie guten Freunden: „Mir träumte“, sagt er, „dass die Zeit der Ernte herangekommen war und wir alle zur Einsammlung der Erdfrucht aufs Feld kamen und Sicheln nahmen und mähten, dass dann plötzlich meine Garbe aufstand und sich hoch emporrichtete, während eure Garben wie auf Verabredung scheu zu ihr hinliefen und mit aller Ehrfurcht sich verbeugten“. 7| Die Brüder aber, die durch ihre Einsicht wohl befähigt waren, der symbolisch angedeuteten Tatsache[4] durch wahrscheinliche Vermutungen auf die Spur zu kommen, sagten zu ihm: „du meinst doch nicht etwa König und Herr über uns zu werden? denn solches deutest du mit deinem erlogenen Traum an“. 8| Der Hass aber wurde noch mehr genährt und bekam immer neuen Anlass zum Wachsen. Einige Tage später berichtete er ahnungslos den Brüdern einen zweiten Traum, den er gehabt hatte, und der sie noch mehr erschreckte als der erste. Er sah nämlich im Traum, dass die Sonne und der Mond und elf Sterne kamen und sich vor ihm verbeugten. Auch der Vater war darüber verwundert; er bewahrte die Sache in seinem Herzen und dachte an die Zukunft[5]. 9| Den Knaben aber wies er aus Furcht, etwas zu versehen, sehr ernst zurecht und sagte ihm: „Sollen wir etwa, ich und die Mutter und deine Brüder, in die Lage kommen uns vor dir zu verbeugen? denn es scheint doch, dass du mit der Sonne den Vater, mit dem Mond die Mutter und mit den elf Sternen p. 43 M. deine elf Brüder bezeichnest. Möge solches dir nie in den Sinn kommen, mein Sohn; möge vielmehr die Erinnerung an den Traum dir rasch entschwinden; denn die Hoffnung und Erwartung einer Herrschaft über die Angehörigen ist nach meinem Urteil und, ich glaube, nach dem Urteil aller, denen gleiches Recht und rechtes Verhalten unter Verwandten [160] am Herzen liegt, durchaus verabscheuenswert“. 10| Da der Vater aber in Besorgnis war, dass aus, dem Zusammenleben Unruhe und Zwist bei den Brüdern entstehen könnte, die dem Träumer Hass nachtrugen für seine Träume, schickte er sie aus, die Viehherden zu weiden, ihn (Joseph) aber behielt er bis zu einem geeigneten Zeitpunkt zu Hause, weil er wusste, dass für die Empfindungen und Leiden der Seele die Zeit der beste Arzt sein soll[6], der imstande ist Trauer zu beseitigen, Groll zu tilgen und Furcht zu entfernen; denn alles mildert die Zeit, auch was im natürlichen Verlauf der Dinge schwer heilbar ist. 11| Als er aber vermutete, dass der Hass nicht mehr in ihrem Herzen fortwuchere, sandte er den Sohn aus, die Brüder zu begrüssen und zugleich Meldung zu bringen, wie es ihnen und den Viehherden gehe. 12| (3.) Dieser Weg sollte wider Erwarten beider Teile der Anfang grossen Unglücks und andrerseits auch grossen Glücks werden. Der Jüngling ging den Befehlen des Vaters gehorchend zu den Brüdern; als diese ihn von weitem kommen sahen, sprachen sie miteinander nichts gutes Verheissendes, wobei sie ihn nicht einmal mit seinem Namen benannten, sondern als „Traumseher“ und „Träumer“ und mit ähnlichen Ausdrücken bezeichneten; sie gingen in ihrem Groll so weit, dass zwar nicht alle, aber die Mehrzahl, seine Ermordung anrieten und, um nicht ertappt zu werden, daran dachten, nach der Tötung ihn in eine tiefe Grube zu werfen; es gibt nämlich in der Gegend viele Behälter für Regenwasser. 13| Und beinahe hätten sie die grosse Blutschuld des Brudermordes begangen, wenn sie sich nicht durch die Mahnungen des ältesten (Bruders) hätten überreden lassen, der ihnen riet, nicht ein solches Verbrechen zu begehen, sondern ihn nur in eine der Gruben zu werfen; er gedachte aber im Herzen ihn zu retten, nach ihrem Weggange nämlich ihn herauszunehmen und ganz unversehrt zum Vater zu schicken. 14| Nachdem sie zugestimmt hatten, ging er (der Aelteste) an ihn heran und begrüsste ihn, die andern aber ergriffen ihn wie [161] einen Feind, zogen ihm das Gewand aus und warfen ihn in eine der tiefen Gruben, das Gewand aber tauchten sie in das Blut eines Böckchens und schickten es dem Vater mit dem Vorgeben, dass er (der Jüngling) wohl von wilden Tieren zerrissen sei. 15| (4.) An jenem Tage kamen durch einen Zufall einige Kaufleute des Weges, die von Arabien nach Aegypten Waren zu bringen pflegen. Diesen Männern verkaufen sie den Bruder, nachdem sie ihn herausgezogen, auf Anraten des dem Alter nach vierten (Bruders). Dieser nämlich fürchtete, wie ich glaube, jener könnte doch noch (von den Brüdern), da sie unversöhnlichen Groll gegen ihn hegten, hinterlistig getötet werden; deshalb riet er ihn zu verkaufen, tauschte p. 44 M. also Sklaverei für Tod, das kleinere Uebel für das grössere, ein. 16| Als aber der Aelteste, der beim Verkauf nicht zugegen war, (in die Grube) blickte und ihn dort nicht sah, nachdem er erst vor kurzem ihn verlassen hatte, schrie er laut auf, zerriss seine Kleider von oben bis unten und gebärdete sich wie ein Wahnsinniger, indem er die Hände rang und sich die Haare ausraufte, und rief: 17| „Was ist ihm geschehen? Sprecht, lebt er oder ist er tot? Wenn er nicht mehr ist, zeiget mir den Leichnam, damit ich ihn wenigstens beweine und dadurch meinen Schmerz über das Unglück lindere; wenn ich ihn nur vor mir liegen sehe, werde ich Trost finden. Wozu tragen wir selbst dem Toten Groll nach? Gegen die Entschwundenen wächst kein Neid mehr. Wenn er aber lebt, wohin ist er gegangen? Bei welchen Menschen findet er Schutz? Denn ich stehe doch wohl nicht wie er in Argwohn bei euch, dass ihr mir misstraut?“ 18| Als sie nun berichteten, dass er verkauft sei, und ihm den Kaufpreis zeigten, sagte er: „Einen schönen Handel habt ihr da abgeschlossen; lasst uns doch den Gewinn teilen! lasst uns im Wettkampf mit den Sklavenhändlern um den Preis der Schlechtigkeit den Siegeskranz aufsetzen und lasst uns prahlen, dass wir an Roheit sie übertroffen haben; sie verfahren ja so nur gegen Fremde, wir aber gegen die Eigenen und Liebsten. 19| Eine grosse Schandtat ist begangen, ein schmachvoller Frevel. Denkmäler der Tugendhaftigkeit haben unsere Väter überall in der Welt hinterlassen, wir werden [162] untilgbare Schuldzeichen von Treulosigkeit und Menschenhass hinterlassen; denn der Ruf von Grosstaten dringt überallhin, die lobenswerten finden Bewunderung, die frevelhaften Tadel und Verurteilung. 20| Wie wird unser Vater die Kunde von dem Geschehenen aufnehmen? Dem dreimal gesegneten und dreimal glücklichen Manne habt ihr jetzt ein Leben bereitet nach unserer Art, das nicht verdient gelebt zu werden. Wird er den Verkauften ob der Sklaverei oder die Verkäufer ob der Rohheit bemitleiden? Ich bin überzeugt, weit mehr uns, denn Unrecht tun ist schlimmer als Unrecht leiden[7]; dieses wird durch zwei wichtige Dinge gemildert, Mitleid und Hoffnung, das andere erfährt keines von beiden und ist nach dem Urteil aller das schlimmere. 21| Aber wozu klage ich? Besser ist’s zu schweigen, sonst könnte mich selbst auch Unerwünschtes treffen; denn gar heftig und unerbittlich seid ihr in eurem Groll und noch wallet frisch in einem jeden von euch der Zorn“. 22| (5.) Als der Vater nicht die Wahrheit, dass sein Sohn verkauft sei, sondern die erlogene Kunde vernahm, dass er tot und wohl von wilden Tieren verzehrt sei, wurden gleichzeitig seine Ohren vom Schreck über das, was er vernahm, und seine Augen vom Schreck über das, was er sehen musste, getroffen; denn der zerrissene, beschmutzte und mit vielem Blute p. 45 M. getränkte Rock ward ihm gebracht. Zusammensinkend vor Schmerz lag er eine ganze Weile starr da und konnte nicht den Kopf erheben, da das Unglück ihn völlig knickte und niederwarf. 23| Dann brach er plötzlich mit heftigem Gestöhn in einen Strom von Tränen aus und benetzte Wangen und Bart und Brust und die Gewänder an seinem Leibe und sprach: „Nicht der Tod ist es, der mich so sehr betrübt, mein Kind, sondern die Art des Todes. Wenn du in deiner Erde hättest begraben werden können, wäre es ein Trost für mich gewesen; ich hätte dich doch vorher in der Krankheit gepflegt, ich hätte dir im Sterben die letzten Küsse gegeben und dir die Augen geschlossen, ich hätte die vor mir liegende Leiche beweint, ich hätte sie feierlich bestattet und keine der üblichen Ehren unterlassen. 24| Aber auch wenn du in fremder [163] Erde bestattest wärest, hätte ich mir gesagt; wenn die Natur ihren schuldigen Tribut fordert, gräme dich nicht, mein Lieber; nur Lebende haben ein Vaterland, für die Toten ist jede Erde das (geeignete) Grab; und rasch ereilt das Schicksal entweder keinen oder alle Menschen, denn auch der Langlebigste ist kurzlebig im Vergleich zur Ewigkeit[8]. 25| Und wenn du doch auf gewaltsame Weise und durch hinterlistigen Anschlag sterben musstest, gälte es mir als kleineres Unglück, wenn du von Menschen getötet wärest, die, nachdem sie dich getötet, des Toten sich vielleicht erbarmt hätten, so dass sie Erdstaub aufschütteten und deinen Körper begruben; und wenn sie auch die allerrohesten Menschen wären, was könnten sie weiter tun als dich unbegraben liegen lassen und davongehen? Dann hätte vielleicht ein am Wege Vorübergehender, der herantrat und dich erblickte, der gemeinsamen Natur sich erbarmt und dich sorgsam bestattet. Nun aber bist du, wie man sagt, Mahl und Leckerbissen für wilde und fleischfressende Tiere geworden, die sich an der Frucht meiner Lenden gesättigt haben. 26| Manche Widerwärtigkeiten habe ich erfahren, durch viele Kümmernisse bin ich arg geprüft, ich musste umherirren, in die Fremde gehen, war gezwungen um Lohn zu dienen, wurde bis zur Lebensgefahr mit Nachstellungen bedroht von solchen, die es am wenigsten durften, vieles habe ich gesehen, vieles gehört, sehr viel Unerträgliches auch selbst erduldet: durch all dies wurde ich nicht gebrochen, da ich gelernt hatte Mass zu halten im Schmerz, aber nichts war zu ertragen so unmöglich wie das jetzt Geschehene, das die Kraft meiner Seele gebrochen und vernichtet hat. 27| Denn wo gibt es einen grösseren und bedauernswerteren Schmerz? Das Gewand des Sohnes wird mir, dem Vater, gebracht, von ihm selbst nicht ein Stück, nicht ein Glied, nicht der geringste Ueberrest; er ist ganz und gar verzehrt und konnte nicht einmal bestattet werden, und das Gewand scheint mir nur zugesandt zu sein zur Erinnerung an den Kummer und zur Auffrischung dessen, was er erlitten, [164] zu unvergesslichem und unaufhörlichem Schmerz für mich“. Mit solchen Reden beklagte er das Schicksal des Sohnes. Die Kaufleute aber verkaufen den Jüngling in p. 46 M. Aegypten an einen der Eunuchen des Königs, der Oberküchenmeister war[9].

28(6.) Es geziemt sich jedoch, nachdem wir diese Begebenheiten nach dem Wortlaut (der h. Schrift) erzählt haben, auch die allegorische Deutung hinzuzufügen; denn nahezu alles oder das meiste in der Gesetzgebung (des Moses) ist Allegorie. Die Lebensrichtung, um deren Deutung es sich hier handelt, heisst bei den Hebräern „Joseph“, bei den Griechen „Zusatz des Herrn“[10], eine zutreffende und für die angedeutete Sache sehr passende Bezeichnung; denn ein Zusatz der die Herrschaft über alles besitzenden Natur ist die bei den einzelnen Völkern herrschende Staatsverfassung. 29| Der „Grossstaat“ nämlich ist diese Welt[11], und er hat eine Verfassung und ein Gesetz: es ist das Naturgesetz, das gebietet, was zu thun, und verbietet, was zu unterlassen. Die Einzelstaaten aber sind an Zahl unbegrenzt und haben verschiedene Verfassungen und ungleiche Gesetze; denn bei den einen sind diese, bei den andern jene Sitten und Gebräuche eingeführt oder später hinzugekommen. 30| Die Ursache davon ist der Mangel an engerer Verbindung nicht nur der Hellenen mit den Barbaren und der Barbaren mit den Hellenen, sondern auch jeder der beiden Volksarten mit der stammverwandten. Gewöhnlich geben sie als Ursache an, was nicht schuld ist, unerwünschte Zeitumstände, Unfruchtbarkeit des Landes, steinigen Boden, die Lage am Meere oder im Binnenlande, auf einer Insel oder auf dem Festlande, und anderes dergleichen, während sie die wahre Ursache verschweigen: die Habgier und das gegenseitige Misstrauen ist es, weshalb sie, nicht zufrieden [165] mit den Satzungen der Natur, das, was den gleichgesinnten Massen insgemein von Nutzen zu sein scheint, „Gesetze“ nennen[12]. 31| Darum sind die Einzelverfassungen eigentlich Zusätze zu der einen Naturverfassung; denn die Gesetze in den Einzelstaaten sind Zusätze zu der rechten Vernunft der Natur[13]; und so ist auch der Staatsmann ein Zusatz zu dem (Weisen), der nach (dem Gesetz) der Natur lebt. 32| (7.) Treffend heisst es daher auch, dass Joseph einen bunten Rock erhielt (1 Mos. 37,3); denn bunt und mannigfaltig ist eine Staatsverfassung, sie erfährt unzählige Veränderungen, durch Personen, Sachen, Beweggründe, eigentümliche Handlungen, Verschiedenheiten der Zeit und des Orts. 33| Denn wie der Steuermann mit den Aenderungen der Windrichtungen auch die Hilfsmittel zur guten Fahrt ändert und das Fahrzeug nicht immer auf eine Art lenkt, und wie der Arzt nicht ein Heilverfahren für alle Kranken hat, ja nicht einmal für einen Kranken, wenn das Leiden nicht denselben Charakter behält, wie er vielmehr auf das Nachlassen, die Steigerung, die Schwellungen, die Entleerungen und alle Wandlungen der Symptome achtet und danach seine Mittel p. 47 M. zur Rettung einrichtet und bald diese bald jene verordnet, 34| so, meine ich, muss auch der Staatsmann vielseitig und vielgestaltig sein, anders im Frieden, anders im Kriege, ein anderer, wenn wenige oder wenn viele sich gegen ihn erheben, da er wenigen kraftvoll entgegentreten, bei der Menge dagegen Ueberredungskunst anwenden wird und da, wo die Existenz (des Staates) bedroht ist, zum Heile der Gesamtheit allen anderen mit persönlicher Tatkraft vorangehen muss, wo aber (geringere) Mühewaltung erforderlich ist, anderen die Dienstleistung überlassen darf[14]. 35| Mit gutem Grunde wird auch erzählt, dass er verkauft wird; denn der Demagog und Volksredner betritt die Rednerbühne wie die Sklaven, die zum Verkaufe stehen; er wird aus einem Freien ein [166] Sklave durch die Preise[15], die er zu empfangen glaubt, und lässt sich von zahllosen Herren abführen. 36| Er wird auch als ein von wilden Tieren Zerrissener dargestellt; denn ein ungezähmtes Tier ist die auf der Lauer liegende eitle Ruhmsucht, die alle, die von ihr erfüllt sind, anpackt und vernichtet. Die Käufer aber verkaufen ihn weiter; denn die Staatsmänner haben zum Herrn nicht einen Mann, sondern einen Volkshaufen und zwar in beständigem Wechsel immer wieder andere; sie wechseln aber nach Art schlechter Sklaven die Herren, denn bei ihrem ungleichmässigen, habgierigen und neuerungssüchtigen Charakter halten sie es bei den früheren nicht aus. 37 (8.) Soviel darüber. Der Jüngling wurde aber nach Aegypten gebracht und kam, wie gesagt, zu einem Eunuchen als Herrn; und da er in wenigen Tagen Proben seiner Tüchtigkeit und seines edlen Sinnes lieferte, erhielt er die Aufsicht über seine Mitsklaven und die Sorge für das ganze Hauswesen; denn schnell zog der Besitzer aus vielen Umständen den Schluss, dass jener nicht ohne göttliche Eingebung alles rede und tue. 38| Er wurde also dem Anscheine nach von seinem Herrn zum Aufseher über das Hauswesen eingesetzt, in der Tat aber und in Wahrheit von der Natur[16], die ihm die Herrschaft über Städte, über ein Volk und ein grosses Land antrug. Er sollte nämlich, da er zum Staatsmann bestimmt war, vorher auch in den Geschäften der Hausverwaltung tüchtig eingeübt werden; das Haus ist ja ein Staat im Kleinen und die Hausverwaltung eine kleine Staatsverwaltung, wie umgekehrt der Staat ein grosses Haus und die Staatsverwaltung die Hausverwaltung einer Gesamtheit. 39| Daraus folgt, dass Hausverwalter und Staatsmann eins und dasselbe sind, wenn auch die Menge und Grösse der ihnen obliegenden Pflichten verschieden ist. Aehnlich verhält es sich ja auch mit der Malerei und Bildhauerkunst: der tüchtige Bildhauer oder Maler bleibt, gleichviel ob er [167] viele und kolossale Werke schafft oder wenige und kleinere, immer derselbe, wenn er die gleiche Kunstfertigkeit zeigt. 40| (9.) Während er nun bei der Besorgung des Hauswesens sich gar sehr auszeichnet, wird ihm von der Frau des Herrn p. 48 M. aus zügelloser Liebe nachgestellt. Durch die Wohlgestalt des Jünglings in rasende Liebe versetzt und von unbändiger Leidenschaft ergriffen, verfolgte sie ihn mit ihren Liebesanträgen, während er ihr kräftig widerstand und bei seiner angeborenen und durch Uebung in ihm befestigten Ehrbarkeit und Sittsamkeit sie sich durchaus nicht nahe kommen lassen wollte. 41| Als sie aber in ihrer zu voller Flamme gesteigerten sündhaften Begierde es immer wieder versuchte und immer das Ziel verfehlte, gebrauchte sie in ihrer leidenschaftlichen Erregung schliesslich Gewalt, fasste ihn kräftig an seinem Gewande und zog ihn mit starkem Ruck an ihr Lager, da die Leidenschaft, die auch die Schwächsten anzuspannen pflegt, ihr grössere Starke verlieh. 42| Er aber wurde doch Herr über die schlimme Lage und rief ihr die edlen und seiner Abkunft würdigen Worte zu: „Wozu brauchst du Gewalt? Ganz besondere Sitten und Gebräuche haben wir, Abkömmlinge der Hebräer. 43| Den andern ist es erlaubt nach dem vierzehnten Lebensjahre Buhlerinnen, Strassendirnen und andere, die um Lohn ihren Leib feilbieten, ohne jegliche Furcht zu gebrauchen, bei uns aber steht es einer Hetäre nicht einmal frei zu leben (5 Mos. 23,18), Tod ist als Strafe festgesetzt für die, die solches Gewerbe ausübt. Vor der gesetzlichen ehelichen Vereinigung kennen wir den Umgang mit einem andern Weibe nicht, sondern rein kommen wir bei Abschluss der Ehe zu reinen Jungfrauen und setzen uns als Ziel nicht die Wollust, sondern die Erzeugung legitimer Kinder. 44| Nachdem ich bis zu diesem Tage rein geblieben bin, werde ich nicht mit Ehebruch, dem grössten aller Vergehen, zu sündigen anfangen; und selbst wenn ich sonst den Trieben der Jugendkraft nachgegeben und in Nachahmung der Schwelgerei der Eingeborenen ausschweifend gelebt hätte, dürfte ich doch nicht nach Vereinigung mit der Gefährtin eines andern verlangen. Wo gibt es Menschen, die solchen Frevel nicht für todeswürdig halten? In andern [168] Dingen gewohnt verschiedener Meinung zu sein, stimmen allein darin alle überall ganz überein, alle sind der Ansicht, dass ein solches Verbrechen mehrfachen Tod verdient, und geben die dabei Ergriffenen ohne richterliches Urteil denen preis, die sie ertappt haben. 45| Du aber gehst noch weiter und mutest mir ein dreifaches Verbrechen zu, du heissest mich nicht nur Ehebruch treiben, sondern auch die Herrin und das Weib des Herrn schänden; bin ich etwa um deswillen in euer Haus gekommen, um unter Vernachlässigung der Dienste, die ein Diener leisten muss, mich dem Trunke zu ergeben, der Erwartungen des Herrn zu spotten und seine Ehe, sein Haus, seine Verwandtschaft zu schänden? 46| Im Gegenteil, nicht nur als Herrn, sondern auch als Wohltäter ihn zu ehren fühle ich mich verpflichtet. All sein Eigentum hat er mir anvertraut, nichts, weder Kleines noch Grosses, hat er davon ausgenommen ausser dir, seinem Weibe. Und diese Güte soll ich ihm durch das vergelten, wozu du mich aufforderst? Ein schönes Geschenk fürwahr würdenp. 49 M. ich ihm da als Gegenleistung geben, recht passend zu den vorausgegangenen Gnadenbeweisen. 47| Der Herr hat mich, den Gefangenen und Fremden, durch seine Wohltaten, soweit es an ihm lag, zu einem freien Bürgersmann gemacht, ich aber, der Sklave, soll dem Herrn wie einem Fremdling und Gefangenen begegnen? Mit welchen Gefühlen kann ich eine solche Schandtat begehen? Mit welchen Augen werde ich gefühlloses Eisen ihn dann ansehen? Das sich regende Gewissen wird mich ihm nicht gerade ins Auge blicken lassen, selbst wenn ich die Tat verheimlichen könnte; das werde ich aber keinesfalls können, denn es gibt zahlreiche Zeugen der heimlichen Tat, die nicht schweigen dürfen. 48| Ich will nicht davon reden, dass, wenn auch kein anderer es merkt oder, obwohl er es merkt, es nicht aussagt, um so mehr ich selbst mein eigener Angeber sein werde, durch die Gesichtsfarbe, den Blick, die Stimme, weil ich, wie ich schon vorhin sagte, von dem Gewissen gefoltert werde. Gesetzt aber, dass niemand es aussagen wird, müssen wir nicht die strafende Gerechtigkeit, die Beisitzerin Gottes und Aufseherin über alles Tun, fürchten und scheuen?“ 49| (10.) Während er dies [169] und noch manches dieser Art vorbrachte und auseinandersetzte, blieb sie zu allem stumm; denn mächtig sind die Begierden, sie bringen auch die schärfsten Sinne zum Schweigen. Als er dies erkannte, entfloh er und liess das Gewand, das sie erfasst hatte, in ihren Händen zurück. 50| Dieser Umstand gewährte ihr die Möglichkeit, Beschuldigungen gegen den Jüngling zu erfinden, mit denen sie sich an ihm rächen konnte. Als ihr Mann nämlich vom Markte nach Hause kam, stellte sie sich tugendhaft und sittsam und sehr erzürnt über unsittliche Anträge und sagte: „Du hast uns als Diener einen hebräischen Jüngling gebracht, der nicht nur deine Seele bereits verführt hat, so dass du ihm leichtsinnig und unüberlegter Weise das Haus anvertrautest, sondern auch gewagt hat meinem Körper Schimpf anzutun. 51| Es genügte ihm in seiner gierigen Lüsternheit nicht, nur die Mitsklavinnen zu gebrauchen, er hat auch versucht mich, die Herrin, zu verführen und zu vergewaltigen. Die Beweise für diese Verblendung liegen klar vor Augen; denn wie ich vor Schmerz aufschrie und die Leute im Hause zu Hilfe rief, bekam er ob des Unvorhergesehenen Angst, liess sein Gewand zurück und entfloh aus Furcht ergriffen zu werden“. 52| Und indem sie das Gewand vorzeigte, verlieh sie anscheinend Beweiskraft ihren Worten. Der Herr hielt sie auch für wahr und befahl den Sklaven ins Gefängnis abzuführen; er beging damit zwei grosse Fehler, einmal dass er keine Verteidigung zuliess und einen, der nichts begangen hatte, wie den grössten Verbrecher ungehört verurteilte, sodann aber auch weil das Gewand, das die Frau vorzeigte, als sei es von dem Jüngling zurückgelassen, ein Beweis war nicht für die Gewalt, die er angewandt hatte, sondern die er von der Frau erlitten hatte; denn hätte er Gewalt geübt, würde er das Gewand der Frau erfasst haben, da er aber gezwungen werden sollte, verlor er das seinige. 53| Der Mann ist aber vielleicht p. 50 M. wegen seiner grossen Unbildung zu entschuldigen, da er sein Leben in der von Blut und Rauch und Asche angefüllten Küche zubrachte, wo der Geist keine Gelegenheit hatte, Ruhe zu finden und sich mit sich selbst zu beschäftigen, weil er mehr noch oder nicht weniger als der Körper beschmutzt war. [170] 54 (11.) Drei Kennzeichen des Staatsmannes hat Moses nun bereits geschildert, (indem er ihn nach einander) als Hirten, als Hausverwalter und als enthaltsamen Jüngling (verführt). Ueber die beiden ersten Eigenschaften ist bereits gesprochen; die Enthaltsamkeit steht aber ebenso in Beziehung zur Staatsverwaltung. 55| Nützlich und heilsam ist die Enthaltsamkeit zwar für alle Lebensverhältnisse, ganz besonders aber für das Staatsleben, wie die, die lernen wollen, zur Genüge und leicht begreifen können. 56| Denn wer kennt nicht die Leiden, die aus der Zügellosigkeit Völkern und Ländern und ganzen Erdstrichen zu Lande und zu Wasser erwachsen? Durch Liebesverhältnisse und Ehebrüche und Weiberlisten sind die meisten und grössten Kriege entstanden, durch die der grösste und beste Teil der Hellenen und Barbaren aufgerieben und die Jugend der Städte vernichtet wurde. 57| Wenn aber die Folgen der Zügellosigkeit innere Unruhen und auswärtige Kriege und Leiden über Leiden ohne Zahl sind, so sind andererseits die Folgen der Enthaltsamkeit Wohlstand, Frieden, Besitz und Genuss vollkommenen Glückes. 58 (12.) Wir müssen aber auch die (tiefere) Bedeutung dieser Begebenheiten der Reihe nach darlegen. Der Käufer des darin geschilderten Jünglings wird (in der h. Schrift) als Eunuch bezeichnet; mit Recht; denn der Pöbel, der den Staatsmann kauft[17], ist in Wahrheit ein Eunuch, der scheinbar im Besitz der Geschlechtswerkzeuge ist, die Zeugungsfähigkeit aber verloren hat, sowie die Staräugigen, obwohl sie im Besitz der Augen sind, tatsächlich des Augenlichts beraubt sind und nicht sehen können. 59| Worin besteht nun die Aehnlichkeit des Pöbels mit den Eunuchen? Dass er unfähig ist Weisheit zu erzeugen (weisen Rat zu pflegen), wiewohl er glaubt Tugend zu üben; denn wenn ein Haufen zusammengewürfelter Menschen sich zusammenfindet, reden sie [171] zwar schickliche Dinge, denken aber und handeln entgegengesetzt und geben Falschem, vor Echtem den Vorzug, weil sie nur vom äusseren Scheine beherrscht werden und auf das wahrhaft Gute nicht bedacht sind. 60| Deshalb hat auch sonderbarer Weise dieser Eunuch ein Weib; denn der Pöbel wirbt um die Begierde, wie der Mann um das Weib; auf ihre Veranlassung redet und tut er alles und sie macht er zu seiner Ratgeberin in allen Dingen, erlaubten und unerlaubten, grossen und kleinen, während er auf die Ratschläge der Vernunft am wenigsten zu achten gewohnt ist. — 61| Sehr treffend nennt Moses ihn auch Oberküchenmeister; denn sowie der Koch für nichts anderes sorgt als für die unaufhörlichen und übertriebenen Gelüste des Leibes, ebenso begehrt der politische Pöbel nur das Vergnügen des Ohrenschmauses, durch das die Spannkraft des Geistes gelöst und p. 51 M. gewissermassen die Nerven der Seele zum Erschlaffen gebracht werden. 62| Wer kennt nicht den Unterschied zwischen Küchen und Aerzten? Diese bereiten mit aller Sorgfalt allein die zur Heilung dienenden Mittel, auch wenn sie nicht wohlschmeckend sind, die Köche dagegen nur die wohlschmeckenden Speisen, ohne sich um ihre Zuträglichkeit zu kümmern. 63| Aerzten gleichen nun die Gesetze eines Volkes und die nach den Gesetzen ihres Amtes waltenden Beamten, Ratsherren und Richter, die in unbestechlicher Weise auf das Gemeinwohl und die allgemeine Sicherheit bedacht sind, Köchen dagegen die vielköpfigen Massen der jüngeren Bürger; denn ihnen liegt nicht das Heil (des Staates) am Herzen, sondern nur wie sie ihre augenblicklichen Gelüste befriedigen sollen. 64| (13.) Die Sinnenlust der Volksmassen aber verlangt wie ein unzüchtiges Weib nach dem Staatsmann und spricht zu ihm: „Du da, komm doch zum Pöbel, mit dem ich verbunden bin, vergiss alle deine eigenen Sitten, Bestrebungen, Worte, Handlungen, in denen du erzogen wurdest; gehorche mir und liebe mich und tue alles, was mir gefällt. 65| Denn einen Mürrischen und Eigensinnigen, einen Wahrheitsfreund und Vertreter strengen Rechts, der in allen Dingen Ernst und Würde zeigt und in keinem Punkte nachgibt, der immer nur das Nützliche im Auge hat ohne Rücksicht auf die [172] Wünsche der Hörer, einen solchen vertrage ich nicht. 66| Unzählige Beschuldigungen werde ich gegen dich vorbringen bei meinem Manne, dem Pöbel, deinem Herrn; denn bis jetzt scheinst du mir zuviel Freiheit zu haben und weisst gar nicht, dass du der Sklave eines tyrannischen Herrn bist. Wenn du wüsstest, dass freies Handeln nur dem Freien zukommt, dem Sklaven aber nicht geziemt, dann hättest du gelernt, deinen Eigenwillen aufzugeben und auf mich zu blicken, sein Weib, die sinnliche Begierde, und nach meinem Wunsche zu handeln, wodurch du am meisten seine Zufriedenheit erlangen würdest“. 67| (14.) Der Staatsmann weiss nun zwar in Wirklichkeit sehr wohl, dass das Volk despotische Macht hat, er wird aber nicht zugeben, dass er Sklave ist, er wird sich vielmehr für einen freien Mann halten, <der handeln kann>, wie es ihm im Herzen gefällt. Darum wird er freimütig sprechen: „Volksschmeichler zu sein habe ich weder gelernt noch werde ich mir je Mühe geben es zu werden; nachdem ich mit der Leitung des Staates und der Fürsorge für ihn betraut bin, werde ich vielmehr wie ein guter Vormund oder wie ein liebender Vater in Reinheit und Lauterkeit und ohne Heuchelei, die mir verhasst ist, <meines Amtes walten>. 68| In dieser Gesinnung werde ich stets verharren, ich werde nichts verbergen und verheimlichen nach Diebesart, sondern gleichsam im Sonnenlicht mein Gewissen leuchten lassen; denn die Wahrheit ist Licht; und ich werde nichts von allem fürchten, womit man mich bedroht, auch nicht den Tod, denn schlimmer als der Tod ist für mich die Heuchelei. 69| Weshalb soll ich diese anwenden? Wenn auch das Volk der Herr ist, so bin ich doch kein Sklave, ich bin ein Adliger, wie irgend einer, und habe das Verlangen, in das grösste und beste Staatswesen, in das Weltall, als Bürger aufgenommen zu werden. 70| Denn wenn weder Geschenke noch Zureden, weder Ehrgeiz noch Herrschbegierde, weder Einbildung noch Ruhmsucht, p. 52 M. weder Ziellosigkeit noch Feigheit, weder Ungerechtigkeit noch irgend eine andere Leidenschaft oder Untugend mich verleiten, wessen Tyrannei soll ich da noch fürchten? Etwa die von Menschen? 71| Diese können sich höchstens die Macht über den Körper zuschreiben, nicht über mich; denn ich nenne [173] mich nach dem besseren Teil, dem Geiste in mir, nach dem zu leben ich entschlossen bin, ohne viel Rücksicht auf den sterblichen Leib zu nehmen; wenn dieser, der nach Art einer Muschel mich umgibt, manche Unbill erleidet, so werde ich das, wenn er nur von den schlimmen Herren und Herrinnen im Innern frei ist, nicht übel empfinden, nachdem ich dem schlimmsten Zwange mich entzogen habe. 72| Wenn also zu richten ist, werde ich Recht sprechen, weder zu Gunsten eines Reichen wegen seines Reichtums, noch zu Gunsten eines Armen aus Mitleid über sein Missgeschick; ich werde alle Rücksicht auf Ansehen und Stellung der Abzuurteilenden beiseite lassen und ohne Arglist das Urteil sprechen, wie es mir gerecht scheinen wird. 73| Wenn ich im Rate sitze, werde ich nur gemeinnützige Anträge einbringen, auch wenn sie nicht gefallen sollten; und in der Volksversammlung werde ich die Schmeichelreden anderen überlassen und nur heilsame und nützliche Reden halten, werde tadeln, warnen, zur Besonnenheit ermahnen, nicht in unsinniger und verkehrter Anmassung, sondern mit nüchterner Freimütigkeit. 74| Wenn einer an solchen Ermahnungen zur Besserung keinen Gefallen findet, so mag er auch Eltern und Vormünder und Lehrer und alle Pfleger tadeln, dass sie ihre leiblichen Kinder und Verwaiste und Schüler schelten und bisweilen sogar schlagen; und doch darf man dies gewiss nicht als Beschimpfung und Misshandlung bezeichnen, sondern muss es im Gegenteil Liebe und Zuneigung nennen. 75| Es wäre auch ganz unwürdig, wenn ich, der Staatsmann, dem das Wohl des ganzen Volkes anvertraut ist, in der Erwägung des Nützlichen hinter einem, der die ärztliche Kunst ausübt, zurückbleiben würde. 76| Denn dieser kümmert sich nicht im geringsten um das hohe Ansehen des von ihm Behandelten, das er wegen seines Wohlstandes geniesst, weder darum dass er adlig oder sehr reich ist, noch dass er der berühmteste König oder Herrscher seiner Zeit ist; er hat nur das eine Ziel im Auge, ihm nach Kräften zu helfen, und wenn es nötig ist zu schneiden oder zu brennen, so brennt und schneidet er den Herrn und Gebieter, er, der Untertan und Diener heisst. 77| Ich aber, der ich nicht einen Mann, sondern [174] einen ganzen Staat (zur Behandlung) übernommen habe, der an schlimmeren Krankheiten leidet, die die angeborenen Begierden verursachen, was muss ich tun? Das, was allen förderlich sein könnte, preisgeben und diesem oder jenem beliebigen niedrige und sklavische Schmeicheleien ins Ohr sagen? Lieber würde ich den Tod vorziehen als in gefälligen Reden die Wahrheit verbergen und das Heilsame p. 53 M. ausser acht lassen — wie der tragische Dichter sagt[18]:

78 „Mag Feuer kommen dazu, mag kommen auch das Schwert.
Zünd an, verbrenne mein Fleisch und trinke mein dunkles Blut
Und sättige dich; denn eher werden die Sterne hinab
Zur Erde kommen und eher wird zum Aether hinauf
Die Erde steigen, als Schmeichelrede von mir dich trifft“.

79 Einen Staatsmann also, der von so mannhafter Gesinnung und so frei von allen Leidenschaften ist, von Wollust, Furcht, Trauer und Begierde, verträgt der herrschende Pöbel nicht; er ergreift den wohlgesinnten Freund wie einen Feind und züchtigt ihn, bestraft aber nicht sowohl ihn als sich mit der grössten Strafe, der Unbildung, die die Ursache ist, dass er nicht gelernt hat sich befehlen zu lassen, die schönste und nützlichste Eigenschaft im Leben, durch die man erst die Fähigkeit erlangt zu befehlen.

80 (15.) Nachdem wir dies zur Genüge erörtert haben, wollen wir sehen, was weiter folgt. Nachdem der Jüngling von dem verliebten Weibe so bei dem Herrn verleumdet war, da sie Beschuldigungen erdichtete und gegen ihn erhob wegen eines Vergehens, dessen sie sich selbst schuldig gemacht hatte, wurde er, ohne die Möglichkeit einer Rechtfertigung erlangt zu haben, ins Gefängnis abgeführt. In dem Gefängnis aber zeigte er so hohe Tugenden, dass auch die schlimmsten Gefangenen von Bewunderung ergriffen wurden und in ihm einen Schutz und Trost in ihrem Unglück gefunden [175] zu haben glaubten. 81| Von welcher Roheit und Härte die Gefängniswärter gewöhnlich zu sein pflegen, weiss jeder; sie sind von Natur gefühllos, und durch die Gewohnheit wird ihre Roheit jeden Tag noch mehr gesteigert, da sie niemals auch nur zufällig irgend etwas Gutes sehen oder reden oder tun, sondern immer nur schlimme und gewalttätige Dinge. 82| Denn sowie die körperlich gut Gebauten, wenn sie die nötige Uebung in der Athletenkunst erlangt haben, sehnig werden und unwiderstehliche Kraft und ausserordentliche Gewandtheit erwerben, ebenso wird eine rohe und harte Natur, wenn sie noch mehr Uebung in der Grausamkeit bekommt, ganz und gar unzugänglich dem Mitleid, dieser edlen und menschenfreundlichen Empfindung. 83| Sowie nämlich die Menschen, die mit den Guten umgehen, ihren Charakter verbessern, wenn sie Gefallen finden an dem Umgang, so nehmen die auch, die mit den Schlechten zusammenleben, etwas von deren Schlechtigkeit an; denn die Macht der Gewohnheit ist so stark, dass sie (Gegensätze) ausgleicht und es dahin bringt, dass sie zur Natur wird. 84| Nun leben die Gefängniswärter zusammen mit Dieben, Spitzbuben, Einbrechern, Frevlern, gewalttätigen Menschen, Verführern, Mördern, Ehebrechern, Tempelräubern; von allen diesen eignen sie sich etwas Schlechtigkeit an und bilden aus dieser bunten Mischung schliesslich eine Einheit von Bosheit und Verruchtheit. 85| (16.) Gleichwohl wurde ein solcher (Gefängniswärter) p. 54 M. von der Bravheit des Jünglings so bezwungen, dass er ihm nicht nur Ruhe und Sicherheit (gegen schlechte Behandlung) gewährte, sondern auch die Aufsicht über alle Gefangenen übertrug, so dass er selbst des äusseren Ansehens wegen nur noch dem Namen nach Gefängniswärter blieb, den tatsächlichen Dienst aber dem Jüngling überliess, wovon die Gefangenen keinen geringen Vorteil hatten. 86| Sie glaubten den Ort nicht mehr Gefängnis nennen zu dürfen, sondern Besserungshaus; denn statt durch Martern und Strafen, die sie Tag und Nacht in Hieben und Fesseln und allen möglichen Misshandlungen zu erleiden hatten, wurden sie jetzt durch philosophische Reden und Lehren zurechtgewiesen, wie auch durch das Verhalten des Belehrenden, das noch wirkungsvoller [176] war als alles Reden. 87| Indem er ihnen nämlich sein enthaltsames und tugendhaftes Leben wie ein gut gemaltes Bild vor Augen stellte, führte er selbst solche auf den rechten Weg zurück, die ganz unverbesserlich zu sein schienen; die langwierigen Krankheiten der Seele hörten bei ihnen allmählich auf, sie machten sich bereits Vorwürfe wegen der von ihnen begangenen Uebeltaten und bereuten und riefen aus: „Wo war eigentlich das Gute, das wir früher verfehlt haben? Denn siehe, da es zum Vorschein kommt, schämen wir uns in unser schlechtes Betragen wie in einen Spiegel hineinzusehen“.

88 (17.) Während diese so gebessert wurden, werden zwei Eunuchen des Königs (als Gefangene) eingebracht, der Obermundschenk und der Oberbäcker, die wegen Vergehen in ihren Aemtern angeklagt und verurteilt waren. Der Jüngling wandte auch diesen dieselbe Fürsorge zu wie den andern, mit dem Wünsche, dass er die seiner Obhut Anvertrauten so bessern könnte, dass sie Unbescholtenen glichen. 89| Als einige Zeit verstrichen war, sah er bei einem Besuch der Gefangenen, dass die Eunuchen nachdenklicher und betrübter waren als sonst, und da er aus der starken Betrübnis schloss, dass etwas Besonderes vorgefallen sein müsse, fragte er sie nach der Ursache. 90| Als sie nun erwiderten, dass sie Träume gehabt hätten und deshalb verstimmt und verdriesslich seien, weil keiner da sei, der sie ihnen deuten könnte, sagte er: „Seid guten Mutes und erzählet sie mir; wenn Gott will, wird ihre Bedeutung erkannt werden; er will aber die verborgenen Dinge denen, die Wahrheit verlangen, enthüllen“. 91| Darauf erzählt zuerst der Obermundschenk: „Ich sah im Traume, dass ein grosser Weinstock aus drei Wurzeln hervorwuchs und einen schöngewachsenen Stamm trieb, dass er blühte und Trauben trug wie zur Zeit der Reife, und dass ich, da die Traube schon überreif war, einige pflückte und in den königlichen Becher ausdrückte, den ich dann mit dem Getränk gefüllt dem Könige reichte“. 92| Darauf sagte der Jüngling nach einer Weile: „Glück verkündet dir die Traumerscheinung und die Wiedererlangung des früheren Amtes; die drei Wurzeln des Weinstockes nämlich bedeuten [177] drei Tage, nach diesen wird der König deiner gedenken, dich von hier holen lassen, dir Verzeihung gewähren und dich in deine frühere Würde wieder einsetzen, und zum Zeichen der Bestätigung im Amte wirst du wieder Wein einschenken und den Becher dem Könige reichen“. Jener war sehr erfreut, als er solches vernahm. 93| (18.) Auch der p. 55 M. Oberbäcker nahm die Deutung beifällig auf, wie wenn auch er einen glückverheissenden Traum gehabt hätte, der aber im Gegenteil grosses Unglück kündete, und erzählt in trügerischem Vertrauen auf die guten Hoffnungen des andern seinen Traum: „Mir träumte, dass ich drei mit Backwerk gefüllte Körbe auf dem Kopfe trug, den obersten voll von allerlei Arten, die der König zu essen pflegt — natürlich ist das für die königliche Mahlzeit zubereitete Gebäck sehr mannigfaltig —, dass aber Vögel, die herabflogen, es von meinem Kopfe wegnahmen und gierig frassen, bis sie alles verzehrt hatten und nichts davon übrig war“. 94| Hierauf sagte der Jüngling: „Ich wünschte, du hättest die Traumerscheinnng nicht gehabt oder du hättest sie verschwiegen, oder sie wäre, wenn man sie schon erzählen musste, wenigstens fern von meinen Ohren erzählt worden, damit ich sie nicht hörte; denn ich scheue mich, mehr als irgend einer, Verkünder eines Unglücks zu sein und teile den Schmerz der Unglücklichen und leide aus Menschenfreundlichkeit nicht weniger als die vom Unglück Betroffenen. 95| Aber da die Traumdeuter als Dolmetscher und Verkünder göttlicher Aussprüche die Wahrheit sagen müssen, so will ich sprechen und nichts verheimlichen; denn nicht lügen ist unter allen Umständen das Beste, bei göttlichen Aussprüchen aber fromme Pflicht. 96| Die drei Körbe bedeuten drei Tage; nach deren Ablauf wird der König Befehl geben, dass man dich an den Pfahl schlage und dir den Kopf abhaue, und herabfliegende Vögel werden dein Fleisch fressen, bis du ganz verzehrt sein wirst“. 97| Natürlich war jener bestürzt und niedergebeugt in Erwartung des bestimmten Zeitpunktes und in Vorahnung der ihn treffenden Qualen. Als aber die drei Tage verstrichen waren, brach der Geburtstag des Königs an, an welchem alle im Lande sich zu Festfeiern versammelten, [178] besonders aber die Hofleute. 98| Während nun die hohen Beamten bewirtet werden und auch die Dienerschaft wie bei einem Volksfeste gespeist wird, erinnert sich der König der Eunuchen im Gefängnis und befiehlt, dass sie vor ihn gebracht werden; nachdem er sie angesehen, bestätigt er die Deutung der Träume, denn er gibt Befehl, dem einen den Kopf abzubauen und ihn an den Pfahl zu schlagen, dem andern dagegen das Amt zu übergeben, das er früher bekleidet hatte.

99 (19.) Der in Gnaden wieder aufgenommene Obermundschenk aber vergisst den Jüngling, der ihm die Wiedereinsetzung vorausgesagt und ihm das ganze Unglück, das ihn betroffen, erleichtert hatte, vielleicht weil jeder Undankbare seiner Wohltäter uneingedenk ist, vielleicht aber nach dem Ratschlusse der göttlichen Vorsehung, weil Gott wollte, dass dem Jüngling nicht durch menschliche, sondern durch seine Hilfe das Glück zu teil werde[19]. 100| Denn nach Ablauf von zwei Jahren wird dem Könige das, was das Land treffen sollte, Glück und Unglück, in zwei Traumerscheinungen geweissagt, die zur besseren Bekräftigung beide dasselbe bedeuteten. 101| Er sah nämlich im Traume, dass sieben fette, wohlgenährte und schön aussehende Kühe aus dem Flusse heraufstiegen und am Ufer weideten, dass nach ihnen sieben andere, magere, abgezehrte und sehr hässliche heraufkamen p. 56 M. und mit den ersten weideten, dass dann plötzlich die besseren von den schlechteren verzehrt wurden, diese aber, nachdem sie sich so genährt, nicht im geringsten an Leibesfülle zunahmen, sondern noch dünner oder ebenso dünn aussahen. 102| Nachdem er erwacht und wieder eingeschlafen war, bekam er eine zweite Traumerscheinnng: sieben Weizenähren, die an einem Halme hervorwuchsen, von gleicher Grösse und von blühendem Aussehen, richteten sich kräftig in die Höhe; dann wuchsen sieben andere, magere und schwache in der Nähe empor, von denen in plötzlichem Ansturm der Halm [179] mit den dicken Aehren verschlungen wurde. 103| Nach dieser Erscheinung verbringt er den Rest der Nacht schlaflos – denn die quälenden und peinigenden Sorgen hielten ihn wach – und lässt am frühen Morgen die Weisen holen und erzählt ihnen den Traum. 104| Als aber keiner mit annehmbaren Vermutungen der Wahrheit auf die Spur zu kommen vermag, tritt der Obermundschenk hervor und sagt: „O Herr, den Mann, den du suchst, haben wir Hoffnung zu finden. Damals als wir uns vergingen, ich und der Oberbäcker, befahlst du uns in das Gefängnis abzuführen; in diesem befand sich ein hebräischer Diener des Oberküchenmeisters[20], dem wir die Träume erzählten, die wir hatten; und er deutete sie so richtig und zutreffend, dass bei jedem von uns das eintraf, was er voraussagte, bei dem Oberbäcker die Strafe, die er erlitt, bei mir die Erlangung deiner Verzeihung und Gnade“. 105| (20.) Als der König dies vernahm, gab er Auftrag, schleunigst den Jüngling herbeizurufen. Man lässt ihn also scheren — denn Kopf- und Barthaare waren ihm während der Gefangenschaft lang gewachsen –, gibt ihm ein reines Gewand statt des schmutzigen, lässt ihn auch im übrigen sich säubern und führt ihn zum Könige. 106| Dieser erkennt schon an seinem Antlitz den freien und edelgeborenen Mann in ihm – denn gewisse Merkmale zeigen sich im Aeusseren solcher, allerdings nicht sichtbar für alle, sondern nur für die, deren geistiges Auge scharf blickt –, und er spricht: „Mein Gefühl sagt mir, dass meine Träume nicht mehr lange im Dunkel verhüllt bleiben werden; denn dieser Jüngling zeigt das Kennzeichen der Weisheit, er wird die Wahrheit enthüllen, wie das Licht das Dunkel vertreibt, wird er mit seiner Einsicht die Unwissenheit unserer Weisen zerstreuen“. 107| Dann erzählte er die Träume. Joseph aber hatte nicht die geringste Furcht vor der Würde des Sprechenden, er redete wie ein König zu seinem Untergebenen, nicht wie ein Untergebener zum Könige, freimütig mit Ehrerbietung, und sagte: „Was Gott an diesem Lande tun will, hat er dir vorausverkündet. Glaube nicht, dass die beiden Erscheinungen [180] zwei Träume sind; es ist nur ein Traum, die Verdoppelung ist aber nicht überflüssig, sondern dient zum Beweise stärkerer Glaubwürdigkeit. 108| Die sieben fetten Kühe nämlich und die fruchtbaren und gut gediehenen sieben Aehren bedeuten sieben Jahre der Fülle und Fruchtbarkeit, p. 57 M. und die nachher gekommenen sieben mageren und hässlichen Kühe und die verdorbenen und leeren sieben Aehren bedeuten sieben andere Jahre der Hungersnot <und der Unfruchtbarkeit>. 109| Kommen wird zuerst ein Zeitraum von sieben Jahren mit überaus grosser Fruchtbarkeit, wo alljährlich der Fluss mit seinen Fluten die Fluren bewässert und die Felder reichen Ertrag haben wie nie zuvor; kommen wird aber danach hinwiederum ein Zeitraum von sieben Jahren, der im Gegenteil schwere Not und Mangel an den notwendigen Bedürfnissen mit sich bringt, da der Fluss nicht austritt und das Land nicht befruchtet wird, so dass die frühere Fruchtbarkeit vergessen und jeder Rest des alten Ueberflusses aufgezehrt werden wird. Das ist die Deutung. 110| Es tönt aber in mir die göttliche Stimme, die auch die Heilmittel, wie bei einer Krankheit, an die Hand gibt; die schwerste Krankheit für Staaten und Länder ist ja die Hungersnot, die man möglichst schwächen muss, damit sie nicht ihre volle Stärke gewinne und die Bewohner aufzehre. 111| Wie nun kann sie geschwächt werden? Was von der Frucht der sieben Jahre, die ertragreich sind, nach hinreichender Ernährung der Volksmassen übrig bleibt – es mag etwa der fünfte Teil sein –, muss man in Stadt und Land aufspeichern, nicht so, dass man die geernteten Früchte von weit her (an einen Ort) schafft, sondern sie an den Orten, wo sie sind, aufbewahrt zur Beruhigung der Bewohner. 112| Einsammeln soll man aber das Getreide mit den Garben und es nicht sogleich ausdreschen und säubern, aus vier Gründen: erstens weil es, wenn es diese Schutzhülle hat, sich länger hält und nicht verdirbt; zweitens weil alljährlich dann die Erinnerung an den Ueberfluss aufgefrischt wird, wenn man drischt und worfelt – denn die Erinnerung[21] an den wirklich vorhandenen [181] Vorrat soll zum zweiten Male Freude bereiten –; 113| drittens um die Berechnung zu verhindern, da die Frucht in den Aehren und Garben in ihrem Umfange unbestimmt bleibt, damit nämlich die Bewohner nicht vorzeitig den Mut sinken lassen beim Aufzehren des berechneten Vorrats, sondern durch Gemütsruhe, die eine bessere Nahrung ist als die Speisen – denn gute Nahrung ist immer die Hoffnung –, sich das schwere Leid der Hungersnot erleichtern; viertens weil auch für das Zuchtvieh Futter beschafft wird, wenn Spreu und Hacheln bei der (jährlichen) Säuberung der Erdfrucht ausgeschieden werden. 114| Als Aufseher darüber muss man aber einen verständigen und einsichtigen und in allem erprobten Mann wählen, der imstande wäre in neidloser und unantastbarer Weise alles Gesagte einzurichten, ohne dem Volke die zukünftige Hungersnot bemerkbar zu machen; denn hart wäre es, wenn die Menschen schon vorher im Herzen darunter leiden und in Hoffnungslosigkeit verfallen sollten. 115| Wenn aber einer nach der Ursache forscht, soll man sagen, es sei notwendig, wie im Frieden für die Kriegsrüstungen, p. 58 M. so in Zeiten des Ueberflusses für die Zeiten der Not zu sorgen; es sei aber unbestimmt, wann Kriege und Hungersnöte und überhaupt unerwünschte Verhältnisse eintreten; für solche müsse man gerüstet sein und dürfe nicht erst nach ihrem Eintritt Abhilfe suchen, wenn es nichts mehr nützt“.

116 (21.) Als der König die geradezu und scharfsinnig die Wahrheit treffende Deutung der Träume und den allem Anscheine nach sehr nützlichen Rat wegen der Vorkehrungen für die ungewisse Zukunft vernommen hatte, hiess er die Vertrauten näher herankommen, damit jener ihn nicht höre, und sagte: „Ihr Männer, werden wir wohl einen solchen Mann finden, der göttlichen Geist in sich hat“ (1 Mos. 41,38)? 117| Und da sie Zustimmung und Beifall bekundeten, sagte er mit einem Blick auf den dastehenden Jüngling: „Nahe ist der, den du uns suchen heissest, nicht weit entfernt ist der kluge und einsichtige Mann, der deine Ratschläge zur Ausführung bringen soll; du selbst bist es; denn nicht ohne göttliche Eingebung, scheint mir, sprichst du dies alles aus. Wohlan [182] denn, übernimm die Sorge für mein Haus und die Verwaltung von ganz Aegypten. 118| Keiner wird mir Leichtfertigkeit zum Vorwurf machen, wenn ich darin nicht der Eigenliebe folge, einem schwer zu beseitigenden Gefühle; denn grosse Naturen werden in ganz kurzer Zeit erkannt, da sie durch ein Uebermass von Fähigkeiten zu unverzüglicher Anerkennung ihrer Person zwingen; die Dinge selbst vertragen auch kein Zögern und Säumen, die Verhältnisse drängen zu den notwendigen Vorkehrungen“. 119| Alsbald setzt er ihn zum Stellvertreter in der Regierung ein oder vielmehr, wenn ich die Wahrheit sagen soll, zum Herrscher, da er selbst nur den Herrschernamen für sich behielt, die tatsächliche Regierung aber jenem überliess und alles tat, um den Jüngling zu ehren. 120| Er gibt ihm den königlichen Siegelring und ein königliches Festgewand und eine goldene Halskette und lässt ihn den zweiten der königlichen Wagen besteigen und in der Stadt herumfahren, wobei ein Herold voranschreitet und denen, die es noch nicht wissen, die Wahl verkündet. 121| Er legt ihm auch in einheimischer Sprache einen von der Traumdeutung hergenommenen andern Namen bei und gibt ihm zur Ehe die vornehmste der Aegypterinnen, eine Tochter des Priesters des Sonnengottes. Das geschah, als er gerade 30 Jahre alt war. 122| So gestaltet sich schliesslich das Schicksal der Frommen; wenn sie auch einmal niedergedrückt werden, stürzen sie doch nicht gänzlich, sondern erheben sich wieder und stehen fest und sicher aufrecht, so dass sie nicht mehr zu Falle gebracht werden können. 123| Wer hätte erwartet, dass an einem Tage plötzlich einer vom Sklaven zum Herrn, vom Gefangenen zum Allervornehmsten und vom Gehilfen p. 59 M. eines Gefängnisaufsehers zum Stellvertreter des Königs werden und statt des Gefängnisses die Königsburg bewohnen und aus äusserster Schande heraus zu den ersten Ehren gelangen würde? 124| Solches ist gleichwohl geschehen und wird noch oft geschehen, wenn es Gott gefällt; nur muss in den Seelen ein Funke von Tugendhaftigkeit glimmen, der einmal entfacht auflodern muss.

125 (22.) Da wir uns vorgenommen haben, neben der wörtlichen Wiedergabe (der Erzählung) auch den tieferen Sinn [183] zu erforschen, so müssen wir auch darüber das Nötige sagen. Vielleicht werden manche, die unüberlegt urteilen, lachen, wenn sie es hören; ich will aber doch unverhohlen behaupten, dass der Staatsmann überhaupt ein Traumdeuter ist, freilich nicht einer von den Possenreissern und einer von denen, die um Lohn schwatzen und klug reden und die Deutung von Traumerscheinungen zum Vorwand nehmen, um Geld einzuheimsen, sondern ein solcher, der gewohnt ist den allgemeinen grossen Traum nicht nur der Schlafenden, sondern auch der Wachenden sorgfältig zu erforschen[22]. 126| Dieser Traum ist, die Wahrheit zu sagen, das menschliche Leben; denn wie wir bei den Erscheinungen im Schlaf sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht hören, kosten oder tasten und doch nicht kosten oder tasten, sprechen und doch nicht sprechen, umherwandeln und doch nicht umherwandeln und überhaupt jede Bewegung zu machen und jede ruhige Haltung zu haben glauben und in Wirklichkeit keine haben – denn es sind das nur leere <Vorstellungen> der Seele, die, ohne dass etwas wirklich zugrunde liegt, das nicht Existierende als existierend sich ausmalt und gestaltet –, ebenso sind unsere Vorstellungen im wachen Zustande den Träumen ähnlich; sie kommen und gehen, erscheinen und entschwinden, sind verflogen, bevor man sie sicher erfasst hat. 127| Mag ein jeder nur sich selbst prüfen und er wird von sich aus ohne Gründe von meiner Seite den Beweis finden, besonders wenn einer schon in höherem Alter steht. Er war einstmals Kind, dann Knabe, dann Ephebe, dann Jüngling, dann junger Mann, dann Mann, zuletzt Greis. 128| Aber wo sind alle diese (Altersstufen) geblieben? Ist nicht im Knaben das Kind entschwunden, im heranreifenden Knaben der Knabe, im Jüngling der Ephebe, im jungen Mann der Jüngling, im [184] Manne der junge Mann, im Greis der Mann, und folgt nicht dem Alter das Ende? 129| Jedes Lebensalter tritt gewissermassen dem nachfolgenden die Herrschaft ab und stirbt zuvor; die Natur gibt uns damit stillschweigend die Lehre, den letzten Tod nicht zu fürchten, da wir doch die früheren leicht ertragen haben, den des Kindes, den des Knaben, den des Epheben, den des Jünglings, den des jungen Mannes, den des Mannes; von allen diesen Lebensaltern ist keines mehr vorhanden, wenn das Greisenalter herankommt. 130| (23.) Die anderen Dinge, die den Körper angehen[23], sind sie nicht Träume? Ist die Schönheit nicht von kurzer Dauer, die dahinschwindet, bevor sie aufgeblüht ist? Ist die Gesundheit nicht unbeständig wegen der häufig eintretenden p. 60 M. Schwächezustände? Ist die Körperkraft nicht Krankheiten unterworfen aus zahlreichen Ursachen? Auch die Schärfe der Sinne ist nicht beständig, sie wird beim Auftreten eines kleinen rheumatischen Schmerzes gestört. 131| Die Unsicherheit der äusseren Verhältnisse[24] aber, wer kennt sie nicht? An einem Tage sind oft grosse Reichtümer dahingeschwunden; viele, die die ersten und höchsten Ehren erlangt hatten, sanken zur Ruhmlosigkeit verachteter und unbedeutender Menschen herab; die grössten Königreiche wurden in einem kurzen Zeitmoment zerstört. 132| Eine Bestätigung meiner Worte bietet Dionys in Korinth, der erst Herrscher von Sizilien war, als er aber aus seiner Herrschaft vertrieben wurde, nach Korinth flieht und Schulmeister wird, er, der grosse Herrscher[25]. 133| Eine Bestätigung bietet auch Kroesus, der König von Lydien, der reichste Herrscher, der die Herrschaft der Perser zu zerstören hoffte und nicht nur die eigene verlor, sondern auch gefangengenommen wurde und auf dem Scheiterhaufen [185] verbrannt werden sollte. 134| Zeugen solcher Träume sind nicht nur Männer, sondern auch Staaten, Völker, Länder, Griechenland, die Barbarenwelt, Festlands- und Inselbewohner, Europa, Asien, der Westen, der Osten; nichts bleibt überhaupt irgendwo in demselben Zustände, alles erfährt durchweg Wandlungen und Veränderungen. 135| Aegypten hatte einst die Oberhoheit über viele Völker, jetzt ist es selbst untertänig[26]. Die Makedonier waren zu einer Zeit so mächtig, dass sie die Herrschaft über die ganze bewohnte Welt sich aneigneten, jetzt entrichten sie den Steuerpächtern den von den Herren[27] ihnen auferlegten jährlichen Tribut. 136| Wo blieb das Haus (die Dynastie) der Ptolemäer und der Glanz aller Diadochen, der einst zu Lande und zu Wasser bis an die Enden der Erde erstrahlte? Wo blieb die Freiheit der selbständigen Völker und Staaten? wo andererseits die Knechtschaft der untertänigen? Haben nicht früher die Perser über die Parther geherrscht, jetzt dagegen die Parther über die Perser infolge der Wandlungen und der wie im Brettspiel auf- und niedergehenden Veränderungen menschlicher Geschicke? 137| Manche malen sich langes und endloses Glück aus, es ist aber der Beginn grossen Unglücks; und wenn sie zur Besitznahme vermeintlicher Güter eilen, finden sie schlimme Verhältnisse, und umgekehrt wenn sie Böses erwarten, treffen sie auf Gutes. 138| Athleten, die sich mit ihrer Kraft und Stärke und Körpergewandtheit brüsteten und auf unzweifelhaften Sieg hofften, wurden häufig als nicht genügend erprobt vom Wettkampf ausgeschlossen oder nach ihrem Eintritt in den Kampf besiegt, andere wiederum, die schon die Hoffnung aufgegeben hatten auch nur den zweiten Preis zu gewinnen, trugen den ersten Siegespreis davon und wurden gekrönt. 139| Manche, die im Sommer in See stachen, der günstigsten Zeit für gute Seefahrt, litten Schiffbruch, andere, die im Winter schiffbrüchig zu werden fürchteten, wurden ungefährdet zum Hafen geleitet. Manche Kaufleute warten mit Spannung auf vermeintlich sicheren Gewinn und denken nicht an den ihnen etwa drohenden Schaden, und umgekehrt erlangen sie [186] grosse Vorteile, wenn sie denken Schaden zu erleiden. 140| So p. 61 M. unsicher sind die Schicksale nach beiden Seiten, die menschlichen Verhältnisse schwanken wie auf einer Wage hin und her und werden infolge des ungleichen Gewichts bald hinauf bald hinuntergezogen. Arge Ungewissheit und dichtes Dunkel ist über die Dinge ausgebreitet; wie in tiefem Schlaf irren wir umher und können mit der Schärfe des Verstandes nichts durchdringen oder kräftig und fest erfassen, denn alles gleicht Schatten und Gespenstern. 141| Und wie bei Festzügen die ersten flüchtig den Blicken entschwinden und bei reissenden Strömen die einzelne Welle vorüberzieht und wegen ihrer Schnelligkeit der Wahrnehmung entgeht, so ist es auch mit den Verhältnissen im Leben, sie kommen und gehen vorüber und haben nur scheinbar Bestand, in Wirklichkeit bleiben sie nicht einen Augenblick, sondern entfernen sich immer wieder. 142| Auch die Wachen, die, was die Unsicherheit im Begreifen der Dinge betrifft, sich in nichts von den Schlafenden unterscheiden, täuschen sich, wenn sie glauben imstande zu sein, die Natur der Dinge durch unfehlbare Schlüsse zu erkennen; ihrem Begreifen stehen alle Sinne im Wege, die bestochen sind durch das, was sie sehen, hören, schmecken und riechen; wenn sie sich diesen Dingen zuwenden, ziehen sie auch die ganze Seele mit sich fort und lassen sie nicht sich erheben und ungefährdet wie auf gebahnten Wegen vorwärtsschreiten; und so bringen sie in ihr die Vorstellung von hoch–niedrig und gross–klein[28] hervor und von allem, was mit Ungleichheit und Unregelmässigkeit zusammenhängt, und bewirken mit Gewalt, dass ihr ganz schwindlig wird. 143| (24.) Da nun so das Leben voll ist von Unruhe und Unordnung und Ungewissheit, muss der Staatsmann auftreten und wie ein kluger Traumdeuter die am hellen Tage eintretenden Träume und Erscheinungen der anscheinend wachenden Menschen deuten und mit glaubhaften Vermutungen und vernünftigen Gründen über alles belehren, dass dies schön, jenes hässlich sei, dies gut, jenes schlecht, dies gerecht, das Gegenteil ungerecht, [187] und ebenso über alles andere, über die Klugheit, die Tapferkeit, die Gottesfurcht, die Frömmigkeit, den Nutzen, den Vorteil, <die Menschenfreundlichkeit>, und andererseits den Unverstand, die Feigheit, die Gottlosigkeit, den Frevel, den Nachteil, den Schaden, den Eigennutz. 144| Und ausserdem noch: dies ist fremdes Eigentum, begehre es nicht; dies gehört dir, gebrauche es, aber missbrauche es nicht; du hast Ueberfluss, lass andere daran teilnehmen, denn die Schönheit des Reichtums ruht nicht in dem Geldbeutel, sondern in der Hilfeleistung für Bedürftige; du besitzest wenig, beneide nicht die Vermögenden, denn mit einem neidischen Armen wird niemand Mitleid haben; du bist angesehen und geehrt, prahle nicht damit; du bist in geringen Verhältnissen, lass deshalb den Mut nicht sinken; alles geht dir nach Wunsch, fürchte den Wechsel; du hast oft Unglück, hab dennoch gute Hoffnung, denn oft verwandeln sich die Geschicke der Menschen in das Gegenteil. 145| Mond und Sonne und der ganze Himmel haben ihre klaren und deutlich wahrnehmbaren p. 62 M. Eigenschaften, da alle Dinge an ihm immer gleich bleiben und nach den Regeln der Wahrheit selbst abgemessen sind in harmonischer Ordnung und in herrlichstem Einklang; die irdischen Dinge dagegen sind voll von Unordnung und Unruhe, ohne Harmonie und Uebereinstimmung, so dass man eigentlich sagen kann: die irdischen Dinge umgibt dichtes Dunkel, die himmlischen dagegen schweben in weithinstrahlendem Licht, oder vielmehr sie sind selbst reinstes und lauterstes Licht. 146| Ja, wenn einer in das Innerste der Dinge eindringen will, wird er finden, dass der Himmel ewiger Tag ist, ohne Nacht und ohne jeden Schatten, weil unaufhörlich erleuchtet von unverlöschbarem und reinem Licht. | 147 Und in demselben Masse, wie bei uns die Wachenden bevorzugt sind vor den Schlafenden, haben im Weltall die himmlischen Dinge einen Vorzug vor den irdischen; denn jene befinden sich in schlaflosem Wachezustand infolge ihrer sicheren und unfehlbaren und durchaus richtigen Bewegungen, diese aber sind von Schlaf umfangen, und wenn sie auch für eine Weile aufwachen, so sinken sie doch wieder in Schlaf, weil sie nichts klar mit dem geistigen Auge sehen können, sondern [188] irren und fehlgehen; denn alles wird ihnen verdunkelt durch falsche Vorstellungen, durch die sie zum Träumen gezwungen werden und die Macht über die Dinge verlieren, so dass sie unfähig sind etwas fest und sicher zu erfassen. 148 (25.) Bedeutungsvoll wird auch von ihm (Joseph) berichtet, dass er den zweiten der königlichen Wagen bestieg, nämlich aus folgendem Grunde: der Staatsmann nimmt die zweite Stelle nach dem Herrscher ein; denn er ist weder Privatmann noch Herrscher, sondern steht auf der Grenze zwischen beiden, indem er zwar mächtiger ist als der Privatmann, aber schwächer als ein Herrscher mit unumschränkter Gewalt, da er das Volk als Herrscher über sich hat, für dessen Wohl er in lauterer und aufrichtiger Treue alles zu tun entschlossen ist. 149 Er wird aber, wie ein auf einem Wagensitz Thronender, von den Staatsgeschäften und von der Volksmenge hoch empor gehoben, besonders wenn alles nach ihrem Willen geht, Kleines wie Grosses, wenn nichts Widriges in den Weg tritt, sondern wie bei guter Seefahrt unter dem Schutze Gottes alles in heilsamer Weise gelenkt wird. Und der Ring, den ihm der König übergibt, ist ein deutliches Kennzeichen des Vertrauens, das das herrschende Volk dem Staatsmanne und der Staatsmann dem herrschenden Volke schenkt. 150 Die goldene Halskette aber scheint zugleich auf Ruhm und auf Strafe hinzudeuten; solange nämlich unter seiner Verwaltung die Dinge einen guten Verlauf nehmen, ist er stolz, hochangesehen und geehrt bei der Volksmenge; sobald aber ein Unglück sich ereignet, nicht etwa mit Absicht herbeigeführt, denn das wäre straffällig, sondern durch Zufall, was verzeihlich ist, wird er nichtsdestoweniger an dem Halsschmuck hinabgezogen und gestürzt, indem der Herr (das Volk) dann etwa so spricht: „Diese Halskette schenkte ich dir als Schmuck, wenn meine Angelegenheiten gut gehen, und als Schlinge, wenn sie fehlgehen“.

151(26.) Ich hörte aber auch in anderer Weise den tieferen Sinn p. 63 M. dieser Stelle erläutern. Nämlich folgendermassen: der König von Aegypten, sagte man, sei unser Geist, der Beherrscher des körperlichen Teils in jedem Menschen, der die Macht besitzt wie ein König. 152 Wenn dieser ein Freund des Leibes [189] geworden ist, wendet er seine Sorgfalt hauptsächlich drei Dingen zu, dem Gebäck, der Zukost und den Getränken; deshalb hat er auch drei Verwalter für diese Dinge, den Oberbäcker, den Obermundschenk und den Oberküchenmeister; einer hat die Aufsicht über das Backwerk, einer über die Getränke, und einer ist mit der Zubereitung der würzigen Zukost betraut. 153 Alle drei aber sind Eunuchen, da der Lüstling unfähig ist die notwendigsten Dinge zu erzeugen, Besonnenheit, Sittsamkeit, Enthaltsamkeit, Gerechtigkeit, überhaupt jede Tugend; denn es gibt kaum zwei Dinge, die einander so feindlich sind, wie Tugend und Lust; diese ist die Ursache, weshalb die meisten das vernachlässigen, worum sie sich allein kümmern sollten, während sie den unbändigen Begierden willfahren und ihnen in allem nachgeben, was sie verlangen. 154 Der Oberküchenmeister wird nun nicht ins Gefängnis abgeführt und verfällt in keine Strafe, weil die würzige Zukost nicht eigentlich zu den notwendigen Dingen gehört und nicht selbst Genussmittel ist, sondern nur leicht vergehendes Reizmittel zu Genüssen; wohl aber die beiden andern, die um den unglückseligen Leib beschäftigt sind, der Oberbäcker und der Obermundschenk, weil die wichtigsten unter den zum Leben nützlichen Dingen Speise (Brod) und Trank sind; wenn diese sorgfältig behandelt werden, erhalten die mit ihrer Aufsicht Betrauten natürlich Lob, wenn sie aber vernachlässigt werden, ziehen sie sich Ungnade und Strafe zu. 155 Ein Unterschied besteht aber in den Strafen, weil der Gebrauch verschieden, weil der der Speisen notwendig, der des Weines dagegen nicht durchaus erforderlich ist; denn auch ohne Wein leben Menschen, die als Getränk nur reines Wasser geniessen. 156 Deshalb wird der Obermundschenk wieder in Gnaden aufgenommen, weil er in minder Wichtigem gesündigt hat, der Oberbäcker dagegen erlangt keine Verzeihung und der Groll gegen ihn steigert sich bis zur Todesstrafe, weil er im Wichtigsten sich vergangen hat. Der Tod folgt ja gewöhnlich auf Nahrungsmangel; wer darin gesündigt hat, muss deshalb sterben und wird gehängt, und er erfährt dasselbe Leid, das er einem zugefügt hat; denn er selbst hat den [190] Hungerleidenden in Angst schweben lassen und auf die Folter gespannt.

157 (27.) Soviel darüber. Der Jüngling aber, der als Stellvertreter des Königs eingesetzt war und die Verwaltung und Leitung Aegyptens übernommen hatte, zog aus, um sich bei allen Landesbewohnern bekannt zu machen; und als er die einzelnen Bezirke von einer Stadt zur andern bereiste, flösste er allen, die ihn sahen, starke Zuneigung ein, nicht nur durch die Vorteile, die er allen gewährte, sondern auch durch die ganz ausserordentliche Liebenswürdigkeit seines Antlitzes und seiner Verkehrsformen. 158 Als aber entsprechend der Traumdeutung die ersten sieben Jahre, die Jahre der grossen Fruchtbarkeit, eintraten, liess er den fünften Teil der Früchte p. 64 M. alljährlich durch die Statthalter und die ihm zur Dienstleistung beigegebenen Beamten einsammeln und brachte eine so grosse Getreidemenge zusammen, wie sie seit Menschengedenken niemand gesehen hatte. Der klarste Beweis dafür ist, dass man sie nicht einmal zählen konnte (2 Mos. 41,49), obgleich einige, die es sich angelegen sein liessen, grosse Mühe aufwandten sie zu zählen. 159 Als die sieben Jahre vorüber waren, in denen der Boden reichen Ertrag lieferte, nahm die Hungersnot ihren Anfang, die immer mehr wuchs und weiter vorschritt und nicht Aegypten allein umfasste; denn sie breitete sich weiter aus, ergriff der Reihe nach die benachbarten Städte und Länder und gelangte bis an die äussersten Grenzen im Osten und im Westen und herrschte im ganzen bewohnten Erdkreis. 160 Niemals soll eine allgemeine Krankheit in solchem Umfange ausgebrochen sein; sie war ähnlich der Krankheit, die die Aerzte Aussatz nennen; diese nämlich dringt in alle Teile ein und verbreitet sich schrittweise nach Art des Feuers verheerend über den ganzen eiternden Körper. 161 Daher wählte man in jedem Lande die angesehensten Männer und schickte sie als Getreidekäufer nach Aegypten; denn schon war die Kunde von der Vorsorge des Jünglings, der reichlichen Nahrungsvorrat für die Zeit der Not aufgespeichert habe, überallhin gedrungen. 162 Er aber befahl zuerst alle Speicher zu öffnen, da er mit Recht annahm, dass er alle durch diesen Anblick ermutigen [191] und seelisch noch mehr als körperlich durch die guten Hoffnungen kräftigen werde; alsdann liess er durch die mit der Aufsicht über das Getreide betrauten Beamten an die, die kaufen wollten, Getreide verkaufen, während er selbst immerfort die Zukunft im Auge hatte und das Kommende sorgfältiger beachtete als das Gegenwärtige.

163 (28.) Unter diesen Umständen schickt auch sein Vater, da auch dort Mangel an den notwendigen Lebensbedürfnissen eintrat, ohne Kenntnis von dem Glücke des Sohnes zehn seiner Söhne zum Getreidekauf aus, während er den jüngsten zu Hause behielt, der ein leiblicher Bruder des Vizekönigs war. 164In Aegypten angekommen, wenden sie sich an den Bruder wie an einen Fremden und werfen sich in ehrfürchtiger Scheu vor seiner Würde nach alter Sitte vor ihm nieder, wodurch also seine Träume sofort ihre Bestätigung erhielten. 165Er aber erkannte die Brüder, die ihn verkauft hatten, als er sie erblickte, alle sogleich, während er selbst von keinem erkannt wurde, weil Gott aus bestimmten und zunächst verschwiegenen Gründen die Wahrheit noch nicht offenbaren wollte und deshalb entweder das Antlitz des Landesverwesers so veränderte, dass es würdevoller aussah, oder den Geist der Brüder, als sie ihn sahen, so verwirrte, dass sie ihn nicht erkennen konnten. 166Aber nicht wie man es von einem jungen Mann erwartet hätte, der zu solcher Macht gelangt ist, der den ersten Rang nach dem Könige einnimmt, p. 65 M. und zu dem der Osten und der Westen aufblicken, trug er ihnen in jugendlichem Uebermut und stolz auf seine grosse Macht das erlittene Unrecht nach, wiewohl er Gelegenheit hatte sich zu rächen; vielmehr konnte er nur mit Mühe sein brüderliches Gefühl beherrschen und in seinem Herzen verbergen; mit schwerem Entschluss gab er sich als ein Fremder aus, und indem er in Blick und Stimme und in seinem ganzen Benehmen die Rolle des Zürnenden spielte, sagte er: „Ihr da, nicht friedlich gesinnt seid ihr; einer von den Feinden des Königs hat euch als Kundschafter ausgesandt, dem ihr schlimme Dienste zu leisten versprochen habt, da ihr dachtet es unbemerkt tun zu können; es bleibt aber nichts verborgen von dem, was heimtückischer Weise [192] geschieht, auch wenn es mit tiefer Finsternis bedeckt wird“. 167Die Brüder versuchten sich zu rechtfertigen und erklärten, dass sie ohne jeden Grund beschuldigt werden; denn weder kamen sie von Feinden, noch seien sie selbst den Bewohnern des Landes feindlich gesinnt, und niemals würden sie eine solche Dienstleistung übernehmen, denn sie seien von Natur friedliche Leute und hatten von frühester Jugend an die Ruhe wertschätzen gelernt bei ihrem frommen und gottgesegneten Vater, dem 12 Söhne geboren wurden, von denen einer, der jüngste, weil er noch nicht das Alter für Reisen ins Ausland habe, zu Hause geblieben sei, zehn hier vor seinen Augen stehen und einer verlorengegangen sei. (29.) Als er so von sich wie von einem Toten die Brüder, die ihn verkauft hatten, sprechen hörte, was musste er da in seiner Seele empfinden? 168Wenn er auch das Gefühl, das ihn überkam, jetzt nicht laut werden liess, sondern nur im Innern durch diese Reden heftig erregt und warm wurde, so erwiderte er ihnen gleichwohl in tiefer Bewegung: „Wenn ihr wirklich nicht gekommen seid, um das Land auszukundschaften, müsst ihr, damit ich euch glauben kann, eine Zeitlang hier verweilen, euer jüngster Bruder aber mag durch Briefe berufen werden und herkommen. 169Wenn ihr aber des Vaters wegen, der vielleicht ob eurer langen Abwesenheit ängstlich sein wird, eiligst abreisen wollt, so ziehet ihr andern alle ab und einer mag als Geisel hier bleiben, bis ihr mit dem Jüngsten zurückkehret; wenn ihr aber nicht gehorchet, wird die höchste Strafe zur Anwendung kommen, der Tod“. 170Mit dieser Drohung entfernte er sich finster blickend und mit allen Zeichen anscheinend schweren Zornes. Sie aber waren von Sorge und Trauer erfüllt und machten sich Vorwürfe wegen ihres hinterlistigen Anschlages gegen den Bruder und sprachen: „Jenes Unrecht ist die Ursache unseres gegenwärtigen Unglücks, da die Gerechtigkeit, die Lenkerin der menschlichen Geschicke, jetzt offenbar etwas gegen uns vorhat; denn wenn sie auch kurze Zeit sich still verhält, so erwacht sie doch bald wieder und zeigt ihre harte und unerbittliche Natur den Strafwürdigen. 171Denn wie sollten wir nicht Strafe verdienen? Wir Erbarmungslosen, [193] die wir den bittenden und uns anflehenden Bruder mit Verachtung ansahen, der nichts verbrochen und nur seine Traumerscheinungen uns als seinen nächsten Verwandten berichtet hatte; darum haben wir brutale und rohe Menschen ihm p. 66 M. gezürnt und eine ruchlose Tat — so muss man sie wahrheitsgemäss nennen — an ihm verübt. 172Deshalb müssen wir darauf gefasst sein, dies und noch Schlimmeres zu erleiden, nachdem wir, die wir allein beinahe von allen Menschen (mit Recht) wegen der ausgezeichneten Tugenden unserer Väter, Grossväter und Vorfahren Adlige genannt werden, diesen Adel[29] geschändet und eine offenkundige Schmach mit Absicht auf uns geladen haben“. 173Der älteste der Brüder aber, der schon anfangs, als sie den Anschlag berieten, ihnen entgegengetreten war, sagte jetzt: „Unnütz ist die Reue über das, was einmal geschehen ist; ich ermahnte euch, ich flehte euch an, eurem Zorn nicht nachzugehen, indem ich darauf hinwies, wie gross die Freveltat sei; aber statt mir beizustimmen, folgtet ihr eurem unüberlegten Willen. 174Deshalb erhalten wir jetzt den Lohn für unsere eigenwillige Ruchlosigkeit; untersucht wird jetzt der Anschlag, den wir damals gegen den Bruder ersonnen haben; der ihn aber untersucht, ist nicht ein Mensch, sondern Gott oder das göttliche Wort oder das göttliche Gesetz“. 175(30.) Diese Reden vernahm der von ihnen verkaufte Bruder, als sie leise miteinander sprachen, weil ein Dolmetscher zugegen war; und überwältigt von seinen Gefühlen, da er nahe daran war in Tränen auszubrechen, wendet er sich weg, um sich nicht zu verraten[30], und vergiesst heisse Tränen. Nachdem er sich ein wenig erleichtert und sein Gesicht getrocknet hat, wendet er sich wieder zu ihnen und befiehlt, vor aller Augen den zweitältesten der Brüder zu fesseln, der ihm selbst [194] in der Reihe gegenüberstand; denn der zweite unter mehreren entspricht dem vorletzten, wie dem letzten der erste. 176Vielleicht aber (nahm er diesen) deshalb, weil er den grössten Anteil an dem begangenen Unrecht zu haben schien und gewissermassen der Anführer war, der die anderen zur Feindseligkeit antrieb; denn wäre er auf die Seite des ältesten (Bruders) getreten, der den guten und menschenfreundlichen Rat gab, so wäre vielleicht durch ihn, der jünger war als jener, aber älter als die anderen, das Verbrechen verhütet worden, weil die zwei, die den höchsten Rang und das grösste Ansehen besassen, völlig einer Meinung über die Sache gewesen wären, was schon an sich grosses Gewicht gehabt hätte. 177Nun aber hatte er die freundliche bessere Partei verlassen und war zu der unfreundlichen schlimmen übergetreten und hatte als ihr erklärter Führer die Genossen der Freveltat so ermutigt, dass sie unnachsichtlich die schändliche Tat zur Ausführung brachten. Aus diesem Grunde wurde, wie mir scheint, er allein von allen in Fesseln geschlagen[31]. 178Die anderen aber rüsten alsbald zur Heimkehr, während der Landesverweser den Getreideverkäufern den Befehl erteilt, die Säcke der Brüder wie die von Gastfreunden sämtlich zu füllen, das Geld, das sie dafür empfangen hatten, heimlich an den Oeffnungen niederzulegen, ohne den Käufern etwas zu sagen, und drittens Nahrungsmittel, die für den Weg ausreichen, besonders hinzuzutun, damit das von ihnen gekaufte Getreide unvermindert nach Hause gelange. 179Als sie sich auf dem Wege befanden, bemitleideten sie natürlich den gefangenen Bruder, nicht minder aber waren sie in Sorge wegen des Vaters, der nun schon wieder von einem Missgeschick hören sollte, als ob auf jeder Reise sein Kindersegen p. 67 M. vermindert und geschwächt werden müsste, und sprachen untereinander: „Er wird gar nicht glauben wollen, dass er nur gefangen ist, er wird die Gefangenschaft vielmehr für einen Vorwand seines Todes halten, weil die einmal von [195] einem Unglück Betroffenen gewöhnlich wieder in dasselbe Unglück geraten“. Unter solchen Reden bricht der Abend herein; sie nehmen daher den Zugtieren die Lasten ab und gönnen ihnen Ruhe, während sie selbst nur noch schwerere Sorge im Herzen empfanden; denn beim Ausruhen des Körpers pflegt die Seele, die sich das Unangenehme dann deutlicher vorstellt, gar sehr gequält und geängstigt zu werden. 180(31.) Als aber einer einen Sack öffnete, sah er an der Oeffnung einen mit Geld gefüllten Beutel; wie er nachzählt, findet er, dass das ganze Kaufgeld, das er für das Getreide erlegt hatte, ihm zurückgegeben ist, und erschrocken erzählt er es den Brüdern. 181Diese argwöhnen nicht eine Gnade, sondern eine Hinterlist, werden ängstlich und wollen zuerst alle Säcke durchsuchen, aber aus Furcht vor Verfolgung brechen sie schleunigst auf, rennen beinahe atemlos davon und legen einen Weg von vielen Tagen in kürzester Frist zurück. 182Dann warfen sie sich einer nach dem andern weinend in die Arme des Vaters und umschlangen und küssten ihn leidenschaftlich, während sein Herz bereits Unangenehmes ahnte; denn sowie er sie wahrnahm, als sie herankamen und ihn begrüssten, erhob er schon gegen den zurückgebliebenen Sohn, als ob er sich verspätet hätte, Klage wegen seiner Langsamkeit und blickte immerfort auf den Eingang in dem Wunsche, die Kinder vollzählig zu sehen. 183Da aber keiner mehr hineinkam und die Söhne ihn von Angst erfüllt sahen, sprachen sie endlich: „Lieber Vater, schlimmer als die Kenntnis des Unangenehmen ist der Zweifel; denn wenn man es weiss, findet man auch einen Weg zur Abhilfe, der Zweifel aber und die Ungewissheit verursacht nur Schwierigkeiten und Verlegenheiten. So vernimm denn eine sehr schmerzliche Nachricht, die aber verkündet werden muss. 184Der mit uns zum Getreidekauf gesandte und nicht zurückgekehrte Bruder lebt — wir müssen dich gleich von der grösseren Furcht, dass er tot sei, befreien —; lebend verweilt er in Aegypten bei dem Landesverweser, der entweder infolge einer Verleumdung oder aus eigenem Argwohn uns beschuldigte, dass wir Kundschafter seien. 185Als wir uns dagegen in angemessener Weise verteidigten und ihm von dir, [196] unserm Vater, erzählten und von den übrigen Brüdern, einem toten und einem bei dir weilenden, der, so sagten wir, noch jung und deswegen zu Hause geblieben sei, als wir so alles über unsere Verwandtschaft enthüllten und offenbarten, um den Argwohn zu beseitigen, richteten wir doch nichts aus; er sagte vielmehr, dass er unserer Verteidigung nur Glauben schenken werde, wenn der jüngste Knabe zu ihm komme; und deshalb behielt er auch den zweiten als Geisel und Unterpfand für den jüngsten zurück. 186Dieser Befehl ist der allerunangenehmste, aber die Verhältnisse gebieten es noch mehr als der Befehlende: man muss ihm notgedrungen p. 68 M. gehorchen wegen der Lebensmittel, die Aegypten allein den vom Hunger Bedrängten darbietet“. 187(32.) Er aber seufzte schwer auf und sprach: „Wen soll ich zuerst bedauern? den vorletzten, den nicht zuletzt, sondern zuerst das Unglück ereilt hat? oder den zweiten, der die zweite Art von Unglück erleidet, Gefängnis statt des Todes? oder den jüngsten, der die verwünschte Reise unternehmen soll, falls er wirklich reisen sollte, nicht gewarnt durch das Missgeschick der Brüder? Ich aber werde stückweise auseinandergerissen – Teile der Eltern sind ja die Kinder — und laufe Gefahr in Kinderlosigkeit zu geraten, nachdem ich bis vor kurzem für kinderreich und kindergesegnet gehalten worden bin“. 188Da sprach der Aelteste (der Söhne): „Zum Pfande gebe ich dir die beiden einzigen Söhne, die ich gezeugt habe; töte sie, wenn ich dir den in meine Hände gegebenen Bruder nicht wohlbehalten zurückbringe, dessen Reise nach Aegypten uns zwei sehr grosse Vorteile verschaffen wird, erstens den klaren Beweis, dass wir nicht Kundschafter und Feinde sind, zweitens die Möglichkeit, den im Gefängnis sitzenden Bruder zurückzuerhalten“. 189Der Vater war aber sehr betrübt und sagte, dass er Bedenken trage[32], weil doch von den zwei von derselben Mutter geborenen Söhnen der eine bereits tot sei und der andere verwaist und einsam Zurückgelassene die Reise scheuen und lebend vor Angst sterben werde in der Erinnerung an das Schreckliche, das der Aeltere erlitten. Da er so sprach, wählten sie den kühnsten [197] und zum Herrschen von Natur am meisten befähigten und redegewandtesten (der Brüder) — es war aber dem Alter nach der vierte — zu ihrem Dolmetsch und überredeten den Vater endlich, dass er ihrer aller Meinung beitrat. 190Ihre Meinung aber ging, da die notwendigen Lebensmittel fehlten – denn der zuerst gebrachte Getreidevorrat ging schon aus —, der Hunger also mächtig drängte, natürlich dahin, zu neuem Getreidekauf abzureisen, aber nicht zu reisen, wenn der Jüngste zurückblieb; denn der Landesverweser habe ihnen verboten, ohne ihn zu kommen. 191Da er nun als weiser Mann bedachte, dass es besser ist, einen der Ungewissheit und dem Schwanken der Zukunft preiszugeben, als so viele dem sicheren Verderben auszusetzen, das über jedes Haus kommen muss, das von Hungersnot, dieser unheilbaren Krankheit, bedrängt ist, so sprach er schliesslich zu ihnen: 192„Wenn die Not stärker ist als mein Wille, so muss man ihr nachgeben. Vielleicht, ja vielleicht hat die Natur[33] irgend etwas Besseres vor, was sie unserm Geiste noch nicht kundtun will. 193Nehmet also auch den Jüngsten (mit euch), wie es eure Absicht ist, und reiset, jedoch nicht in derselben Weise wie das vorige Mal; denn damals brauchtet ihr nur Geld zum Getreidekauf, da ihr nicht bekannt waret und noch nichts Schlimmes erfahren hattet, jetzt aber auch Geschenke, p. 69 M. aus drei Gründen, einmal um den Herrn und Aufseher des Getreideverkaufs zu versöhnen, von dem ihr gekannt seid, wie ihr sagt, sodann um den gefangenen Bruder schneller wiederzuerhalten, wenn ihr ein grosses Lösegeld für ihn erleget, endlich um den Argwohn der Kundschafterei möglichst vollständig zu beseitigen. 194Nehmet also von allem, was unser Erdboden hervorbringt, eine Ehrenspende und überbringet sie dem Manne und dazu das doppelte Geld, das euch das erste Mal zurückgegebene, was vielleicht nur durch Unkenntnis eines (Beamten) geschah, und anderes ausreichendes zu neuem Getreidekauf. 195Nehmet aber auch meine Wünsche mit euch, die ich an den hilfreichen Gott richte, dass ihr als Fremdlinge bei den Landesbewohnern gute Aufnahme [198] finden und wohlbehalten zurückkehren und die notwendigen Unterpfänder, die beiden Söhne, dem Vater zurückbringen möget, den im Gefängnis zurückgelassenen und den in allen Dingen unerfahrenen jüngsten, den ihr jetzt mit euch nehmet“. So brachen sie denn auf und eilten nach Aegypten.

196(33.) Als sie wenige Tage später dort ankamen und der Landesverweser sie sah, freute er sich sehr und befahl seinem Hausverwalter ein reichliches Mahl zu rüsten und die Männer hineinzuführen, weil sie „Salz und Tisch“ mit ihm teilen sollten[34]. 197Als sie nun hineingeführt wurden und nicht merkten, zu welchem Zwecke, waren sie sehr erschrocken und vermuteten in ihrer Bestürzung, dass sie wegen Diebstahls angeklagt werden sollen, weil sie das Geld für das Getreide entwendet hätten, das sie in ihren Säcken vorfanden. Sie traten daher alsbald an den Verwalter des Hauses heran, suchten wegen einer Sache, in der niemand sie anzuklagen wagte, sich zu rechtfertigen, da sie ihr Gewissen beruhigen wollten, und wiesen zugleich das Geld vor, um es zurückzugeben. 198Er aber beruhigte sie mit milden und freundlichen Worten und sprach: „Keiner ist so gottlos, dass er die Gnade Gottes anklagen möchte; Gott sei euch ferner gnädig, denn er hat Schätze in eure Säcke regnen lassen (1 Mos.43,22) und euch nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Reichtum sofort beschert“. 199Nachdem sie so beruhigt waren, stellten sie der Reihe nach die Geschenke auf, die sie von Hause mitgebracht hatten, und überreichten sie dem Hausherrn, als er herankam. Auf seine Frage, wie es ihnen gehe und ob der Vater noch lebe, von dem sie ihm früher erzählt hätten, erwidern sie nur, dass der Vater lebe und gesund sei, von sich selbst aber nichts. 200Da wünschte er dem Vater alles Gute und nannte ihn einen Gottgesegneten[35]. Dann sah er sich nach seinem leiblichen Bruder um, und wie er ihn erblickte, [199] konnte er sich nicht halten und wurde sofort von seinem Gefühl überwältigt; daher wendet er sich, ehe es bemerkt werden konnte, ab[36], läuft angeblich zu einem dringenden Geschäft — denn die Wahrheit auszusprechen war der Zeitpunkt noch nicht gekommen — und lässt in einem Winkel des Hauses aufschluchzend seinen Tränen freien Lauf. 201(34.) Nachdem er sich dann gewaschen, wurde er seiner Qual durch vernünftige Ueberlegung Herr; er trat wieder zu den Fremden und lud sie zum Mahle, nachdem er ihnen zuvor den für den Jüngsten als Geisel zurückbehaltenen Bruder herausgegeben hatte. Es nahmen aber auch andere an dem Mahle teil, angesehene Aegypter. 202Die Bewirtung erfolgte bei allen nach ihrem väterlichen Brauche, da es ihm eine Härte dünkte, alte Gesetze unbeachtet zu lassen, zumal bei einem Gastmahle, wo doch das Angenehme das Unangenehme p. 70 M. überwiegen soll. 203Da er auch Auftrag gegeben hatte, dass sie nach dem Alter gesetzt werden — damals hatten die Menschen noch nicht die Sitte des Lagerns bei den Mahlzeiten[37] —, wunderten sie sich, dass die Aegypter dieselben Bräuche hatten wie die Hebräer, dass sie auf bestimmte Reihenfolge achtgaben und in der Ehrung der Aelteren und der Jüngeren Unterschiede zu machen wussten. 204Vielleicht, dachten sie, hat sonst in dem Lande eine rohere Lebensweise geherrscht, und dieser Mann, der an die Spitze des Gemeinwesens gestellt ist, hat nicht nur in die grossen Dinge, durch die im Frieden und im Kriege alles gut geleitet wird, schönste Ordnung hineingebracht, sondern auch in die Dinge, die als unwesentlich gelten und meistens in Spielereien bestehen; denn das Mahl verlangt eigentlich Heiterkeit und lässt einen allzu ernsten und strengen Gast nicht gern zu. 205Während sie im stillen sich in solchen Lobsprüchen über ihn ergehen, werden Tische mit nicht zu kostspieligen Speisen hineingebracht, da wegen der Hungersnot der Gastgeber es nicht für richtig hielt zu schwelgen, wenn andere Mangel [200] litten. Sie aber rechneten ihm als einsichtige Männer auch dies zum Lobe an, dass er protziges Benehmen, das zu Neid leicht Anlass gibt, verabscheue, und sagten: „Wie zeigt er auch sein Mitgefühl mit den Darbenden und wahrt doch zugleich die Würde des Gastgebers, indem er die rechte Mitte innehält und den Tadel nach beiden Richtungen vermeidet“. 206Die Zurüstungen hatten also nichts Anstössiges und waren den Verhältnissen angemessen; das Fehlende ersetzten die fortwährenden Beweise von Freundlichkeit, im Zutrinken, in guten Wünschen und in Aufforderungen zum Nehmen (der Speisen), lauter Dinge, die den Freien und Gebildeten angenehmer sind als alles an Speise und Trank, was die Liebhaber grosser Gastmähler bereit halten, die ganz wertlose Dinge als Schaustücke für Unverständige in Parade vorführen.

207(35.) Am folgenden Tage mit dem Frührot lässt Joseph den Verwalter seines Hauses holen und befiehlt ihm, die Säcke der Männer, die sie mitgebracht hatten, mit Getreide zu füllen und wiederum an den Oeffnungen, das Geld in Beuteln hinzulegen, in den Sack des Jüngsten aber auch noch den schönsten seiner silbernen Becher, aus dem er selbst zu trinken gewohnt war. 208Der Verwalter führte bereitwillig den Auftrag aus, ohne einen Zeugen zuzulassen; sie aber wussten nichts von dem heimlichen Tun und zogen ab in voller Freude über alles Gute, das sie wider Erwarten erfahren hatten. 209Denn was sie erwarteten, war dies: dass sie wegen Entwendung des zurückgegebenen Geldes eine Anklage zu bestehen haben, dass sie den als Geisel zurückgelassenen Bruder nicht zurückerhalten und vielleicht dazu noch den jüngsten verlieren werden, denn er würde gewaltsam zurückgehalten werden von dem Manne, der so eifrig gewünscht hatte, dass er mitgebracht werde. 210Was aber wirklich geschah, ging noch über die höchsten Wünsche hinaus: abgesehen davon dass keine Anklage erhoben wurde, teilten p. 71 M. sie „Tisch und Salz“ mit ihm, was als Symbol echter Freundschaft bei den Menschen gilt, hatten sie den (gefangenen) Bruder unverletzt zurückerhalten, ohne dass einer darum zu bitten brauchte, und den jüngsten führten sie [201] heil zum Vater zurück, während sie selbst dem Argwohn der Kundschafterei entronnen waren und reichen Vorrat an Nahrungsmitteln heimbrachten und Gutes auch für die Zukunft erwarten durften; denn wenn die Lebensmittel noch öfter ausgehen sollten, sagten sie sich, werden wir nicht mehr wie früher ängstlich, sondern freudig die Reise zu dem Landesverweser wie zu einem Angehörigen, nicht wie zu einem Fremden, unternehmen. 211(36.) Während sie aber in solcher Stimmung sind und solches im Herzen bedenken, ergreift sie eine plötzliche und unerwartete Aufregung. Denn auf Befehl (Josephs) kam der Hausverwalter mit einer nicht geringen Schar von Dienern herangesprengt und gab ihnen (schon von ferne) durch Handbewegungen ein Zeichen, dass sie halten sollen. Ganz atemlos vom Laufen sprach er: 212„Nun habt ihr die früher gegen euch erhobenen Beschuldigungen besiegelt; Gutes mit Bösem vergeltend habt ihr wieder denselben Weg des Verbrechens eingeschlagen; nachdem ihr das Geld für das Getreide entwendet habt, begeht ihr jetzt einen noch grösseren Frevel; denn böse Tat geht immer weiter, wenn sie unbestraft geblieben ist. 213Den schönsten und kostbarsten Becher meines Herrn, aus dem er euch zutrank, habt ihr gestohlen, ihr so dankbaren, ihr so friedlichen Menschen, die ihr nicht einmal das Wort „Kundschafterei“ kennen wollt, die ihr doppeltes Geld zum Ersatz für das frühere gebracht habt, vermutlich als schlaue Lockspeise, um grössere Beute zu gewinnen. Aber nicht immer kommt die Schlechtigkeit gut fort, wenn sie sich auch noch so schlau verbirgt, einmal wird sie doch ertappt“. 214Ueber solche Rede waren sie ganz starr, Schmerz und Furcht, die beiden schlimmsten Uebel, überfielen sie so plötzlich, dass sie nicht den Mund zu öffnen imstande waren; denn das Hereinbrechen unerwarteten Unglücks macht auch redegewandte Menschen sprachlos. 215Um aber nicht den Schein zu erwecken, dass sie schwiegen, weil sie sich in ihrem Gewissen schuldig fühlten, rafften sie sich aus der Erstarrung auf und sagten: „Wie sollen wir uns verteidigen und bei wem? Du, der Ankläger, sollst auch unser Richter sein, und du müsstest auch, wenn andere uns beschuldigen, unser Anwalt sein nach allem, was [202] du über uns erfahren hast. Oder haben wir nicht das in den Sticken damals gefundene Geld, ohne dass einer es verlangte, wiedergebracht, um es abzuliefern? Jetzt aber sollen wir unsern Charakter so geändert haben, dass wir dem Gastgeber mit Schädigungen und Diebstählen (seine Güte) vergelten? Allein solches ist weder geschehen noch würde es uns je in den Sinn kommen. 216Wer von uns Brüdern im Besitz des Bechers betroffen wird, soll sterben; den Tod beantragen wir als Strafe für das Verbrechen, falls es wirklich geschehen ist, aus vielen Gründen: erstens weil Habsucht und das Begehren fremden Eigentums eines der grössten Verbrechen ist, zweitens weil der Versuch, die Wohltäter zu schädigen, eine Ruchlosigkeit ist, und drittens weil es die grösste Schmach ist, wenn Menschen, die auf ihre edle Abstammung stolz sind, das Ansehen ihrer Vorfahren durch p. 72 M. strafwürdige Handlungen zu vernichten sich erdreisten. Wenn einer von uns gestohlen hat, ist er aller dieser Verbrechen schuldig, er hat mehrfach den Tod verdient und soll sterben“. 217(37.) Und während sie noch sprechen, nehmen sie den Zugtieren die Lasten ab und fordern (den Verwalter) auf, mit grösster Sorgfalt alles zu durchsuchen. Dieser wusste zwar sehr wohl, dass der Becher in dem Sacke des Jüngsten lag, da er selbst ihn heimlich hineingelegt hatte, er stellte sich aber unwissend, machte bei dem Aeltesten den Anfang und suchte der Reihe nach ihrem Alter entsprechend, indem ein jeder seinen Sack verbrachte und zeigte, bis zu dem letzten, bei dem denn auch das Gesuchte gefunden wurde. Bei dem Anblick (des Bechers) schrieen sie alle laut auf, zerrissen ihre Kleider, weinten und stöhnten, beklagten im voraus den noch lebenden Bruder und nicht minder sich selbst und den Vater, der das Unglück, das dem Sohne zustossen würde, vorausgesagt und deshalb nicht zugeben wollte, dass der Bruder mit ihnen ziehe, als sie es verlangten. 218Niedergeschlagen und verstört zogen sie nun denselben Weg in die Stadt zurück, ausser sich über das Geschehene, aber doch mit dem Gedanken, dass ein böser Anschlag und nicht Habgier des Bruders dahinterstecke. Sie werden alsbald zu dem Landesverweser geführt und legen ihre aus echtem [203] Gefühl stammende brüderliche Liebe an den Tag. 219Denn insgesamt warfen sie sich ihm zu Füssen, als ob sie alle des Diebstahls schuldig wären, was man doch von ihnen nicht sagen konnte, und zerflossen in Tränen, flehten, boten sich selbst an, versprachen freiwillige Knechtschaft, nannten ihn ihren Herrn und sich selbst Verworfene und für Geld gekaufte Sklaven, sie liessen keinen verächtlichen Sklavennamen aus, mit dem sie sich nicht benannten. 220Er aber stellt sie noch mehr auf die Probe und sagt in strengstem Tone zu ihnen: „Niemals möchte ich das Unrecht begehen, so viele als Gefangene abführen zu lassen, weil einer gefehlt hat; denn wie darf man die an der Strafe teilnehmen lassen, die an dem Verbrechen nicht beteiligt sind? Jener allein soll bestraft werden, da er allein die Tat begangen hat. 221Ich erfahre nun, dass ihr vor der Stadt sogar den Tod über den Schuldigen verhängt habt. Ich aber behandle alles nach Billigkeit, ich mildere daher die Strafe und bestimme Knechtschaft an Stelle der Todesstrafe“. 222(38.) Sie waren natürlich über die Drohung sehr betrübt und von der Anklage ganz niedergedrückt. Da trat der vierte der Brüder vor – er war keck und zuversichtlich, ohne unbescheiden zu sein, und freimütig, ohne unverschämt zu sein — und sprach: „Ich flehe dich an, o Herr, nicht deinem Zorn nachzugeben und deshalb, weil du die erste Stelle nach dem Könige einnimmst, gleich zu verurteilen, ehe du unsere Verteidigung angehört hast. 223Als du bei unserm ersten Aufenthalt uns nach dem Bruder und dem Vater fragtest, p. 73 M. erwiderten wir: der Vater ist ein alter Mann, nicht sowohl durch die Zeit gealtert als durch die zahlreichen Schicksalsschläge, die er wie ein Ringkämpfer immerfort zu bestehen hatte, so dass er in lauter Mühseligkeiten und unerträglichen Kümmernissen sein Leben verbracht hat; der Bruder aber ist noch sehr jung und wird vom Vater unendlich geliebt, da er ein Spätgeborener ist und von zwei leiblichen Brüdern allein übrig blieb, denn der ältere wurde durch einen gewaltsamen Tod dahingerafft. 224Als du aber befahlst, den Bruder hierher zu bringen, und drohtest, wenn er nicht käme, auch uns ferner nicht zu gestatten, vor dein Angesicht zu kommen, [204] zogen wir sehr betrübt ab und meldeten, kaum nach Hause zurückgekehrt, dem Vater den von dir erhaltenen Befehl. 225Er widersprach anfangs, da er um den Knaben sehr besorgt ist; als uns aber die Lebensmittel ausgingen und keiner von uns wegen deiner Drohungen wagte, zum Getreidekauf hierher zu reisen ohne den Jüngsten, liess er sich nur mit Mühe überreden ihn mitzuschicken; er machte uns viele Vorwürfe, weil wir bekannt hatten, noch einen Bruder zu haben, und beklagte es gar sehr, dass er sich von ihm trennen solle; denn er ist noch unmündig und unerfahren in allen Dingen, nicht nur in Angelegenheiten der Fremde, sondern auch in einheimischen. 226Wie sollen wir nun zu dem so gesinnten Vater zurückkehren? Wie werden wir ihm, (wenn wir) ohne den Knaben (kommen), in die Augen sehen können? Er wird — o des Jammers! — sterben, wenn er nur vernimmt, dass der Knabe nicht zurückgekehrt ist. Dann werden uns Mörder und Vatermörder nennen alle feindlich Gesinnten, die über solches Unglück Schadenfreude empfinden. 227Der grösste Teil der Schuld aber wird auf mich fallen; denn viele Versprechungen habe ich dem Vater gemacht, ich erklärte ihm, dass ich ein anvertrautes Pfand übernehme, das ich zurückgeben werde, wann es verlangt wird. Wie aber kann ich es zurückgeben, wenn du dich nicht erbitten lassest? Ich flehe dich an, Mitleid zu haben mit dem Greis und zu bedenken, welcher Kummer ihn treffen wird, wenn er (den Knaben) nicht wiedererhält, den er mir widerwillig anvertraut hat. 228Verhänge du nur die Strafe für die Schädigung, die du erlitten zu haben glaubst. Ich will sie gern auf mich nehmen; erkläre mich vom heutigen Tage an als deinen Sklaven, freudig will ich die Arbeiten eben gekaufter Sklaven verrichten, wenn du den Knaben ziehen lassen willst. 229Die Gnade aber, falls du sie gewährst, wird nicht (der Knabe) selbst empfangen, sondern der von seinen Sorgen befreite Mann, der nicht anwesend ist, der Vater dieser Männer hier, die alle als Schutzflehende vor dir stehen; denn Schutzflehende sind wir, die zu deiner erhabenen Rechten flüchten[38] — o möchte es keine Fehlbitte sein! 230Habe [205] Mitleid mit dem Alter eines Mannes, der zu jeder Zeit nur Kämpfe der Tugend durchgekämpft hat. Die Städte Syriens hat er für sich gewonnen, so dass sie ihn freundlich aufgenommen haben und ihn achten, obwohl er fremdartige und von den ihrigen sehr abweichende Sitten und Gebräuche hat und sich von den Eingeborenen ziemlich fernhält. Aber seine vortreffliche Lebensführung und die volle Uebereinstimmung seiner Worte mit seinen Handlungen und seiner Handlungen mit seinen p. 74 M. Worten brachten es dahin, dass er auch die wegen der väterlichen Gebräuche nicht Wohlgesinnten umstimmte. 231So wirst du eine solche Gnade erweisen, wie sie grösser nicht leicht einer empfangen kann; denn welch grösseres Geschenk könnte einem Vater zuteil werden, als einen schon aufgegebenen Sohn zurückzuerhalten?“

232(39.) Aber damit wie mit allem, was früher geschah, wurden sie nur auf die Probe gestellt, denn der Landesverweser wollte erforschen, wie weit ihre Liebe zu seinem leiblichen Bruder gehe; er fürchtete nämlich, dass sie eine natürliche Abneigung gegen ihn haben, wie gewöhnlich die Kinder der Stiefmütter gegen die Familie der andern gleichberechtigten Frau. 233Deshalb hatte er sie auch wie Kundschafter mit Beschuldigungen empfangen und über ihre Herkunft befragt, um unter diesem Vorwande zu erfahren, ob sein Bruder noch lebe und nicht etwa hinterlistiger Weise getötet sei; deshalb hatte er auch einen zurückbehalten und die andern abziehen lassen, nachdem sie versprochen hatten, den Jüngsten ihm zuzuführen, den zu sehen er heftiges Verlangen trug, wie er auch von der schweren und drückenden Sorge um ihn befreit sein wollte. 234Nachdem dann der Bruder erschienen war, und er ihn mit eigenen Augen gesehen hatte, wurde er ein wenig diese Sorge los; er lud sie darauf zum Gastmahl, bewirtete sie und liess dem leiblichen Bruder bessere Stücke von den Speisen reichen; dabei sah er auf jeden einzelnen und suchte aus ihren Mienen zu erforschen, ob versteckter Neid bei ihnen vorhanden sei. 235Und wiewohl er sie heiter sah und erfreut über die Ehrung des Jüngsten, also schon durch zwei Zeugnisse den Beweis erhalten hatte, dass keine heimliche Feindschaft bestehe, hatte er doch noch eine dritte [206] Prüfung erdacht und die Anklage gegen den Jüngsten wegen vermeintlicher Entwendung des Bechers veranlasst; denn hier musste der klarste Beweis geliefert werden für die Gesinnung eines jeden und für ihr verwandtschaftliches Verhältnis zu dem fälschlich angeklagten Bruder[39]. 236Aus alledem gewann er jetzt die Ueberzeugung, dass das mütterliche Haus[40] durch keinen Zwist und keine Nachstellungen bedroht sei; und zugleich kam er über das, was ihm selbst widerfahren war, zu dem einleuchtenden Schluss, dass er es nicht sowohl durch die feindlichen Anschläge der Brüder zu erdulden hatte als nach dem Ratschluss der Vorsehung Gottes, der weit blickt und die Zukunft nicht minder als die Gegenwart im Auge hat. 237(40.) Nun war er überwältigt von seinem verwandtschaftlichen Gefühl und schritt rasch zur Wiederversöhnung mit ihnen; und um die Brüder nicht zu beschämen wegen ihrer Handlungsweise, wünschte er, dass keiner von den Aegyptern bei der ersten Wiedererkennung zugegen sei. 238Er befahl deshalb der ganzen Dienerschaft hinauszugehen; dann brach er plötzlich in eine Flut von Tränen aus, gab ihnen mit der Rechten ein Zeichen, näher heranzutreten, damit nicht zufällig ein anderer ihn hören könnte, und sprach zu ihnen: „Eine verborgene und lange Zeit mit Schweigen bedeckte Sache will ich euch enthüllen und rede deshalb allein mit euch allein: der Bruder, den ihr nach Aegypten verkauft habt, bin ich selbst, den ihr jetzt vor euch stehen sehet“. 239Da sie über diese unerwartete Kunde erschrocken und bestürzt waren und wie infolge eines gewaltsamen Stosses die Augen zur Erde senkten und stumm und starr dastanden, fuhr er fort; „Betrübet euch nicht, Verzeihung gewähre ich euch für alles, was ihr p. 75 M. an mir getan, suchet nicht nach einem andern Fürsprecher; 240ungeheissen und freiwillig komme ich zur Versöhnung mit euch, ich folge zwei Ratgeberinnen, der Pietät gegen den Vater, [207] dem ich hauptsächlich meine Gnade widme, und der natürlichen Freundlichkeit, die ich gegen alle Menschen übe, besonders aber gegen die von meinem Blute. 241Auch meine ich, dass das Geschehene nicht von euch, sondern von Gott veranlasst ist, weil er wollte, dass ich der dienstfertige Bote seiner Gnadengeschenke werde, die er in diesen Zeiten der Not dem Menschengeschlechte gewähren wollte. 242Einen deutlichen Beweis könnt ihr aus dem entnehmen, was ihr hier sehet: über ganz Aegypten bin ich als Verwalter gesetzt, ich nehme die erste Ehrenstellung beim Könige ein, und er, der älter ist als ich, ehrt mich, obwohl ich jung bin, wie einen Vater; und verehrt werde ich nicht nur von den Bewohnern dieses Landes, sondern auch von sehr vielen andern Völkern, sowohl untertänigen als selbständigen; denn alle bedürfen eines Schutzherrn wegen der Hungersnot. 243Silber und Gold und, was viel notwendiger ist, die Nahrungsmittel werden bei mir allein aufbewahrt, ich verteile sie nach den notwendigen Bedürfnissen an alle Bedürftigen, so dass weder Ueberfluss an Mitteln zum Schwelgen vorhanden ist, noch auch etwas fehlt zur Beseitigung der Not. 244Aber das erzähle ich nicht, um mich zu brüsten und damit zu prahlen, sondern damit ihr erkennet, dass nicht ein Mensch der Urheber solchen Glückes werden konnte für einen, der einst Sklave und dann auch Gefangener war — ich wurde nämlich auch einmal auf falsche Anklage hin gefangengesetzt —, sondern dass Gott es war, der das schlimmste Unglück und Missgeschick in das höchste und herrlichste Glück verwandelt hat; denn ihm ist ja alles möglich. 245So denke ich; darum fürchtet euch nicht mehr, werfet allen Kummer von euch und wandelt ihn in heiteren Frohsinn um. Es wäre auch gut, wenn ihr schnell zum Vater eiltet, um ihm zuerst die frohe Botschaft von meiner Auffindung zu bringen; denn Gerüchte dringen schnell überall hin“. 246(41.) Die Brüder verkündeten nun der Reihe nach sein Lob und priesen ihn unaufhörlich in überströmenden Worten, indem der eine dies, der andere das hervorhob, der eine seine Versöhnlichkeit, der andere seine Verwandtenliebe, ein dritter seine Einsicht; alle aber insgesamt rühmten seine Frömmigkeit, weil er den [208] schliesslichen guten Ausgang auf Gott zurückführte und keinen Groll mehr empfand über alles Unangenehme, was er früher zu erleiden hatte, und seine ausserordentliche, mit Bescheidenheit gepaarte Charakterfestigkeit: 247trotz der schlimmen Lage, in der er sich befand, hatte er weder als Sklave schlecht geredet über die Brüder, die ihn doch verkauft hatten, noch damals, als er ins Gefängnis abgeführt wurde, aus Unmut ein Geheimnis ausgeplaudert, noch bei seinem längeren Aufenthalt daselbst nach der Sitte der Gefangenen, die ihre p. 76 M. misslichen Schicksale sich mitzuteilen pflegen, irgend etwas verraten; 248als ob er nichts wüsste von dem, was ihn betroffen, äusserte er nicht einmal, als er die Träume deutete, sei es den Eunuchen sei es dem Könige, obwohl er da eine günstige Gelegenheit zum Erzählen hatte, irgend etwas über seine edle Abstammung, auch nicht als er zum Stellvertreter des Königs ernannt wurde und die Leitung und Verwaltung von ganz Aegypten übernahm, (während er es doch hätte tun können), um nicht als ein Mann von niederer und dunkler Herkunft zu erscheinen, sondern als wirklicher Edelmann, und nicht als Sklave von Geburt, sondern als einer, der durch schreckliche Anschläge solcher, von denen sie am wenigsten ausgehen durften, ins Unglück gestürzt war. 249Ausserdem wurde ihm noch grosses Lob gespendet wegen seines gerechten und freundlichen Verhaltens; denn da sie den Uebermut und die Unbildung anderer Herrscher kannten, bewunderten sie bei ihm die Art, wie er gar nicht prunkte und stolz auftrat, und dass er auf ihrer ersten Reise, als er gleich, sowie er sie sah, sie hätte töten oder in ihrer äussersten Not ihnen wenigstens die Nahrung verweigern können, sie nicht nur nicht bestrafte, sondern ihnen sogar, als ob sie Gnade verdient hätten, die Lebensmittel umsonst gab und das Geld ihnen zurückzugeben befahl. 250So völlig unbekannt war aber der feindliche Anschlag und der Verkauf, dass die vornehmen Aegypter ihm ihre Freude ausdrückten, als ob seine Brüder eben zum ersten Mal angekommen wären, und sie zu Gaste luden und eilends dem Könige die frohe Nachricht brachten; und alles war voller Freude, nicht anders als wenn der Boden wieder fruchtbar [209] geworden wäre und die Hungersnot sich in Ueberfluss verwandelt hätte. 251(42.) Als aber der König erfuhr, das Josephs Vater noch lebe und die Familie zahlreich sei, forderte er sie (Josephs Brüder) auf, mit ihrer ganzen Familie auszuwandern, und versprach ihnen, wenn sie kommen würden, den fruchtbarsten Teil Aegyptens zu schenken. Er gibt den Brüdern auch Lastwagen und Reisewagen und eine Anzahl Lasttiere, die mit den Lebensmitteln beladen wurden, und genügende Dienerschaft, um den Vater sicher zu geleiten. 252Als sie aber bei ihm angekommen waren und die unglaublichen und unverhofften Dinge von dem Bruder erzählten, hörte er nicht sehr aufmerksam zu; denn wenn auch die Sprechenden glaubwürdig waren, so liess es doch das Ungewöhnliche der Sache nicht zu, ihnen leichthin Glauben zu schenken. 253Als der Greis aber die für solche Zeit allzu reichlichen Vorräte an Lebensmitteln sah, die mit den Erzählungen von Josephs Glück im Einklang standen, da pries er Gott, dass er ihm den verloren geglaubten Teil seines Hauses wiederschenkte. 254Die Freude darüber erzeugte aber auch sogleich die Besorgnis in seiner Seele wegen der Abwendung von den väterlichen Sitten[41]; denn er wusste, dass die Jugend von Natur leicht strauchelt, und dass in der Fremde grössere Freiheit zu sündigen gegeben, ist, besonders im Lande Aegypten, das p. 77 M. in seiner Verblendung den wahren Gott verkennt und aus vergänglichen und sterblichen Dingen sich Götter bildet; er bedachte auch, dass Reichtum und Ruhm auf kleine Geister schädlich wirken, und dass er, allein gelassen und guter Lehrer beraubt, da keiner aus dem väterlichen Hause, der ihn zurechtweisen konnte, mit ihm ausgezogen war, leicht zur Annahme fremder Sitten geneigt sein konnte. 255Als nun der, welcher allein in die unsichtbare Seele zu schauen vermag, ihn in solcher Stimmung sah, hatte er Erbarmen mit ihm und erschien ihm nachts im Schlafe und sagte: „Fürchte nichts wegen der Reise nach Aegypten; ich selbst werde dir auf dem Wege vorangehen und dir die Reise sicher und [210] angenehm machen; ich werde dir auch den heissgeliebten Sohn wiedergeben, der einstmals vor vielen Jahren tot geglaubt wurde und der jetzt nicht nur lebend, sondern auch als Beherrscher eines so grossen Landes wiedererscheint“. Da wurde Jakob von guter Hoffnung erfüllt und betrieb freudig in aller Frühe die Abreise. 256 Als der Sohn vernahm — denn Späher und Wegweiser berichteten ihm alles —, dass der Vater nicht mehr weit von der Grenze entfernt sei, ging er ihm rasch entgegen; und als sie bei der sogenannten Heroenstadt[42] sich trafen, fielen sie sich in die Arme, lehnten jeder den Kopf auf die Schulter des andern und benetzten ihre Kleider mit Tränen; so hielten sie sich in langer Umarmung und konnten nur mit Mühe ein Ende finden; dann eilten sie zusammen zur Residenz. 257Als der König den Greis erblickte, war er über sein ehrwürdiges Aussehen erstaunt und begrüsste ihn mit aller Achtung und Ehrerbietung wie seinen eigenen Vater, nicht wie den eines Untergebenen; und nach den der Sitte entsprechenden ausnehmend freundlichen Begrüssungen schenkt er ihm ein fruchtbares und sehr ertragreiches Stück Land; und da er erfährt, dass seine Söhne Viehzüchter seien, deren Habe grösstenteils in Viehherden bestehe, setzt er sie zu Hütern seiner eigenen Herden ein und übergibt seine Ziegen-, Rinder- und Schafherden und alle andern ihrer Obhut.

258(43.) Der Jüngling aber bewies seine Treue in ausserordentlicher Weise; denn obwohl die Zeitverhältnisse ihm sehr viel Gelegenheit boten, sich zu bereichern, so dass er in kurzem der Reichste seiner Zeit hätte werden können, zog er doch den wahrhaft echten Reichtum dem unechten und den „sehenden“ dem „blinden“[43] vor und speicherte alles Silber und Gold, das er aus dem Verkauf des Getreides zusammenbrachte, in den Schatzkammern des Königs auf und entwendete nicht eine Drachme, sondern begnügte sich allein mit den Geschenken, die der König zum Dank ihm machte. 259Wie ein einzelnes Haus verwaltete dieser Mann Aegypten [211] und mit ihm die andern vom Hunger bedrückten Länder und Völker in überaus fürsorglicher Weise, indem er die Nahrungsmittel angemessen verteilte und nicht nur auf den Nutzen für die Gegenwart, sondern auch auf den Vorteil für die Zukunft sah. 260Als nämlich das siebente Jahr der p. 78 M. Hungersnot anbrach, liess er, da man bereits wieder auf Fruchtbarkeit und guten Bodenertrag hoffen durfte, die Ackerbauer holen und gab ihnen Gerste und Weizen zur Aussaat, sorgte aber dafür, dass niemand etwas entwendete, sondern jeder das, was er empfing, wirklich dem Boden anvertraute; er stellte nämlich Späher und Wächter nach sorgfältiger Auswahl an, die die Aussaat zu überwachen hatten.

261Als aber lange nach der Hungersnot der Vater gestorben war, wurden die Brüder wieder von Argwohn ergriffen und fürchteten, dass ihre böse Tat ihnen noch immer nachgetragen werde, und dass sie jetzt dafür würden büssen müssen; deshalb gingen sie zu ihm, nahmen ihre Frauen und Kinder mit und baten flehentlich um Verzeihung. 262Er aber erwiderte ihnen weinend: „Der Zeitpunkt ist zwar geeignet argwöhnische Besorgnis denen zu erregen, die einstmals Entsetzliches verübt haben und bisher in keiner andern Weise als bloss durch ihr Gewissen dafür bestraft sind; ja, der Tod des Vaters hat die alte Furcht, die ihr vor der Wiederversöhnung hattet, erneuert, als ob ich damals nur, um den Vater nicht zu betrüben, die Verzeihung gewährt hätte. 263Ich aber wandle meinen Sinn nicht mit den Zeiten, und nachdem ich einmal erklärt habe Frieden zu halten, werde ich niemals feindselig handeln; denn ich habe nicht die Rache verschoben und die rechte Zeit abgewartet, sondern habe die Befreiung von jeder Strafe für immer gewährt, teils aus Ehrfurcht vor dem Vater — denn ich darf nicht lügen —, teils aber auch aus inniger Liebe zu euch. 264Aber wenn ich auch bloss des Vaters wegen so edel und menschenfreundlich gehandelt hätte, so will ich es doch auch so halten, nachdem der Vater tot ist; denn nach meinem Urteil ist kein tugendhafter Mann tot, ein solcher lebt vielmehr immerfort, nie alternd, in unsterblicher Wesenheit, als Seele, die nicht mehr an die Enge des Körpers gefesselt ist. 265 Was brauche ich aber nur des [212] sterblichen Vaters zu gedenken? Haben wir doch den unvergänglichen, den unsterblichen, den ewigen (Vater), „der alles sieht und alles hört“[44], auch das was im stillen geschieht, der stets auch das sieht, was im innersten Winkel der Seele vorgeht: ihn rufe ich als Zeugen an für die aufrichtige Versöhnung in meinem Gewissen. 266Denn — wundert euch nicht über meine Worte — „Gottes bin ich“ (1 Mos. 50,19)[45], der eure schlimmen Pläne in ein Uebermass von Glück verwandelt hat. Seid also ohne Furcht, in Zukunft soll eure Lage eine noch günstigere sein als die, deren ihr euch zu Lebzeiten des Vaters erfreut habt“. 267(44.) Mit solchen Worten beruhigte er die Brüder und bekräftigte seine Versprechungen noch mehr durch die Tat, da er nichts an Fürsorge für sie ausser acht liess. Auch nach den Zeiten der Hungersnot, als die Bewohner sich schon wieder der Fruchtbarkeit des Landes und des Ueberflusses erfreuten, stand er in hohen Ehren bei allen, da man sich erkenntlich zeigte für die in schwierigen Zeitläuften empfangenen Wohltaten. 268Sein Ruf drang von Stadt zu Stadt, und überall wurde der Ruhm dieses Mannes verkündet. Er lebte 110 Jahre und starb in glücklichem Greisenalter, nachdem er den Gipfel der Schönheit, Einsicht und Redegewandtheit erreicht hatte. 269Zeugnis für seine körperliche Schönheit ist die Liebe, die ein Weib zur Raserei für ihn entflammt hat; Zeugnis für p. 79 M. seine Einsicht die gleichmässige Standhaftigkeit in den vielen Wechselfällen des Lebens, durch die er Einklang in die misstönenden und Harmonie in die an sich unharmonischen Dinge zu bringen vermochte; Zeugnis für seine Beredsamkeit die Deutung der Träume, seine Gewandtheit in der Unterhaltung und die entsprechende Ueberredungskunst, durch die er es erreichte, dass keiner der Untergebenen gezwungen, sondern jeder freiwillig ihm gehorchte. 270Von seinen Lebensjahren verlebte er die ersten siebzehn bis zum Beginn [213] des Jünglingsalters in dem väterlichen Hause, die nächsten dreizehn verbrachte er in schlimmen Leiden, da er verfolgt und verkauft wurde, da er als Sklave dienen musste, fälschlich angeklagt und im Gefängnis gehalten wurde, die übrigen achtzig aber im vollen Glück einer Herrschaft, in Zeiten der Not wie im Ueberfluss ein ausgezeichneter Verwalter und Ratgeber, der es vorzüglich verstand für beide Zeitläufte die nötigen Vorkehrungen zu treffen.


  1. d. h. das Ideal des Weisen nach stoischer Anschauung.
  2. die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob.
  3. Vgl. Joseph. Altert. II § 9: „Den Joseph liebte Jakob sowohl wegen seiner körperlichen Schönheit als wegen der Vortrefflichkeit seiner Seele, denn er zeichnete sich durch Einsicht aus, mehr als die andern Söhne“.
  4. πρᾶγμα δηλούμενον (nicht πρᾶγμ’ ἀδηλούμενον) ist mit der Mehrzahl der Hss. zu lesen; διὰ συμβόλων ist mit δηλούμενον zu verbinden.
  5. Midr. Beresch. R. c. 84 zu 1 Mos. 37,11: „… Der heilige Geist sprach (zu Jakob); beachte die Worte, denn sie werden einst in Erfüllung gehen“. Vgl. Joseph. Altert. II § 15.
  6. „Die Zeit der beste Arzt der seelischen Affekte“ ist stoische Lehre. Vgl. Seneca de ira II 29.
  7. Bekannter Ausspruch des Sokrates. Vgl. z. B. Plat. Gorg. 509 c.
  8. Derselbe Gedanke bei Cicero Tusc. I 94 Cato mai. 69.
  9. Die Septuaginta übersetzt den Ausdruck 1 Mos. 37,36 שר הטבחים‎ (Oberster der Leibwächter) durch ἀρχιμάγειρος (Oberküchenmeister).
  10. Philo deutet hier den Namen Joseph als κυρίου πρόσθεσις, an andern Stellen aber (de mut. nom. § 89 de somn. II § 47) bloss als πρόσθεμα oder πρόσθεσις.
  11. Vgl. Ueber die Weltschöpfung § 19.
  12. Plato Gorg. 483b nennt die Furcht vor der Habsucht der Menschen die Ursache der Gesetze der Menschen.
  13. „Gerade“ oder „Rechte Vernunft“ (ὀρθὸς λόγος) ist der stoische Ausdruck für Weltseele, Weltvernunft, Naturgesetz im ethischen Sinne.
  14. So glaube ich den Sinn des nicht ganz korrekt überlieferten Satzes richtig wiederzugeben.
  15. In τιμῶν liegt ein Wortspiel: τιμή bedeutet zugleich Kaufpreis und Ehre.
  16. Hier gleichbedeutend mit „göttlicher Vorsehung“, entsprechend der stoisch-pantheistischen Terminologie.
  17. Philo denkt an die Ochlokratie, die zu Zeiten in einigen griechischer Staaten bestanden hat, wo der leitende Staatsmann ein Demagoge ist, der ein Sklave des herrschenden Pöbels genannt werden kann, weil er dessen bösen Neigungen und Begierden nachgibt, um sich in seiner Stellung zu behaupten.
  18. Verse des Euripides, Vers 1 aus den Phönissen (521), V. 2-5 aus einem verlorenen Satyrdrama (Fragm. 687).
  19. Vgl. Midr. Beresch. R. c. 88 zu 1 Mos. 40,23: „Der Sinn der Worte „aber der Obermundschenk gedachte nicht des Joseph“ ist dieser: der Obermundschenk hat dich vergessen, aber ich (Gott) habe dich nicht vergessen“.
  20. s. die Anm. zu § 27.
  21. ὑπόμνησις nach Mangeys Konjektur für μίμησις.
  22. Philo bringt Josephs Traumdeutungen in Verbindung mit dem philosophischen Gedanken, dass das menschliche Leben ein Traum sei, dessen Deutung dem ἀνὴρ πολιτικός zukomme, als dessen Typus Joseph dargestellt wird. Den ganzen folgenden Abschnitt („das Leben ein Traum“) hat Philo einer auf heraklitischen Anschauungen fussenden skeptischen Quelle (wahrscheinlich Aenesidem) entlehnt, derselben, die auch Plutarch (De Ei ap. Delphos cap. 18) benutzt hat. Vgl. H. v. Arnim, Quellenstudien zu Philo S. 94ff.
  23. Die körperlichen Güter, die zweite der drei Güterklassen, die Philo unterscheidet. Vgl. Ueber Abraham § 219.
  24. Der äusseren Güter, der dritten Güterklasse.
  25. Dionys II, Tyrann von Syrakus, lebte nach dem Sturz seiner Herrschaft und nach seiner Vertreibung aus Syrakus (344 v. Chr.) als Privatmann in Korinth. Nach einer Sage soll er dort Schulmeister geworden sein und auf öffentlichen Plätzen Kinder unterrichtet haben. Διονύσιος ἐν Κορίνθῳ (Dionys in Korinth) war deshalb später sprichwörtliche Redensart (vgl. Cic. ad Att. IX 9. Plut. de garrul. 17).
  26. Zu Philos Zeit war Aegypten römische Provinz.
  27. den Römern.
  28. Die vielleicht von Philo selbst gebildeten Worte ὑψηλοτάπεινον und μεγαλόμικρον beziehen sich auf die skeptische Lehre von der Relativität der Eigenschaften der Dinge.
  29. εὐγένειαν, wie eine Handschrift hat, ist wohl der gewöhnlichen Lesart συγγένειαν vorzuziehen.
  30. Fast dieselben Worte gebraucht in der Wiedergabe der biblischen Erzählung (1 Mos. 42,24) Josephus Altert. II §109: „als Joseph die Brüder so ratlos sah, brach er, von seinen Gefühlen (überwältigt), in Tränen aus, und da er sich den Brüdern nicht verraten wollte, wandte er sich weg und kehrte erst nach einer Weile zu ihnen zurück“.
  31. Nach dem Midrasch war es Simeon, der Joseph nahm und in die Grube warf (1 Mos. 37,24) und der sagte: siehe, der Träumer kommt da (ib. v. 19). Vgl. Beresch. R. c. 84 zu 1 Mos. 37,24 und Raschi zu 1 Mos. 42,24. Vgl. auch Testam. XII patriarch. Simeon 2,6 f.
  32. Für ἀγνοεῖν ist wohl ἀποκνεῖν zu lesen.
  33. Hier ebenso wie § 38 gleichbedeutend mit „göttlicher Vorsehung“.
  34. Sprichwörtliche Redensart für gastliche Bewirtung; als sehr wesentlicher Bestandteil eines Mahles war das Salz Symbol der Gastfreundschaft.
  35. Philo kannte also bereits den Zusatz der Septuaginta zu 1 Mos. 43,28 καὶ εἶπεν · εὐλογημένος ὁ ἄνθρωπος ἐκεῖνος τῷ θεῷ.
  36. Josephus Altert. II § 123 stimmt auch hier in seinen Ausdrücken fast wörtlich mit Philo überein.
  37. Bei Griechen und Römern herrschte bekanntlich die Sitte, bei Tisch nicht zu sitzen, sondern zu lagern.
  38. „Zur Rechten flüchten“, weil man die Rechte gibt zum Zeichen einer Zusage, eines Versprechens, einer Gnade.
  39. Vgl. Joseph. Altert. II §125: „er tat dies, weil er die Brüder auf die Probe stellen wollte, ob sie dem Benjamin, wenn er des Diebstahls beschuldigt würde, zur Seite stehen oder ihn verlassen und im Bewusstsein ihrer eigenen Unschuld zu dem Vater zurückkehren werden“.
  40. Das Haus (die Familie) der Rahel, dem Joseph und Benjamin angehörten.
  41. In der Bibel (1 Mos. 45,28) steht nichts von einer derartigen Besorgnis Jakobs. Philo will auf diese Weise die Worte „fürchte dich nicht nach Aegypten hinabzuziehen“ (1 Mos. 46,3) erklären.
  42. Die Septuaginta übersetzt 1 Mos. 46,29 גשנה‎ (nach Gosen) durch καθ᾿ ῾Ηρώων πόλιν. Auch Josephus Alt. II § 184 folgt hier der Septuaginta.
  43. Vgl. Ueber Abraham § 25.
  44. Zitat aus den Homerischen Gedichten, wo diese Worte vom Sonnengotte gebraucht werden (Il. III 277. Od. XI 109. XII 323).
  45. Die Septuaginta übersetzt die Worte Josephs התחת אלהים אני‎ (bin ich an Gottes Statt?) durch τοῦ θεοῦ γάρ εἰμι ἐγώ (ich bin Gottes, ich gehöre Gott an).