BLKÖ:Schikaneder, Emanuel

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Schiffner, Joseph
Band: 29 (1875), ab Seite: 299. (Quelle)
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Schikaneder, Emanuel (Schauspieler und Theater-Director, geb. zu Regensburg im Jahre 1751, gest. zu Wien am 21., n. A. am 24. September 1812). Der Vater, den S. frühzeitig verloren hatte, ließ die Familie in ärmlichen Verhältnissen zurück. S. besuchte die Schulen, und da er Talent für die Musik hatte, verlegte er sich mit Fleiß auf diese Kunst, erlernte die Violine spielen und zog in der Ferienzeit mit seinen Collegen in Bayern herum, um sich mit Musik einige Groschen zu verdienen. Auf einer dieser Wanderungen kam S. nach Augsburg, wo er zum ersten Male Gelegenheit fand, der Vorstellung einer wandernden Schauspielertruppe beizuwohnen. Er wurde davon so hingerissen, daß er sofort den Entschluß faßte, selbst Schauspieler zu werden, worin ihn der Principal dieser Truppe auch bestärkte. Die Sache ward abgemacht. S. trat bei dieser Truppe ein und wurde in einiger Zeit auch des Directors Schwiegersohn. Damals bestand noch die Sitte oder Unsitte, wie man es eben auffassen mag, der sogenannten extemporirten Stücke. S., der in einer theatralischen Darstellung etwas Höheres sah, als eine gewöhnliche Hanswurstiade, dachte ernstlich daran, diesen Gebrauch zu beseitigen und begann selbst Stücke zu schreiben. So entstanden in den verschiedenen Städten, wohin er mit der Truppe kam, deren Leitung er von seinem Schwiegervater übernommen [300] hatte, verschiedene Lustspiele und Opern, welche sich zu jener Zeit, in welcher man eben Besseres noch nicht kannte, allgemeinen Beifalls erfreuten, so in Innsbruck im Jahre 1776: „Die Lyranten, oder das lustige Elend“, wozu er den Stoff aus seinem eigenen Jugendleben genommen hatte, – in Salzburg 1782 bis 1787: „Das Regensburger Schiff“. – „Die Raubvögel“, – „Das Laster kommt an den Tag“, – „Der Grandprofos“ u. dgl. m. In welcher Weise S. vorging und wie er Alles seinem Publicum anzupassen verstand, davon gibt folgende Thatsache, die in Salzburg 1783 sich ereignete, den sprechenden Beleg: Im Publicum herrschte, wie noch heute, so damals ein Widerwillen gegen tragische Ausgänge; insbesondere durfte die Unschuld nicht bestraft werden, das litt einmal der Jan Hagel durchaus nicht. Ein Lieblingsstück jener Tage war das Drama: „Agnes Bernauer“. Nur gegen das tragische Ende der Agnes wurde immer wieder remonstrirt und alle Wuth vornehmlich auf den Vicedom losgelassen, der die Agnes in das Wasser werfen läßt. In Salzburg war die Entrüstung über diese Scene so groß, daß man den Schauspieler Wallerschenk, welcher den Vicedom spielte, bei der Wirthstafel mit Messerstichen bedrohte, so daß, um ernsten Unzukömmlichkeiten vorzubeugen, bewaffnete Macht einschreiten mußte. Aber Schikaneder wollte das Stück, das ihm eine sichere Einnahmsquelle war, doch nicht fallen lassen, nur stieß die Aufführung, da Niemand die Rolle des Vicedom geben wollte, an nicht geringe Schwierigkeiten. Da wußte Schikaneder sich zu helfen, er arbeitete den Schluß des Stückes um und ließ bei der nächsten Aufführung desselben auf dem Komödienzettel verkündigen: „Wir geben uns die Ehre, anzuzeigen, daß heute bei der Vorstellung von Agnes Bernauerin nicht diese, sondern der Vicedom von der Brücke gestürzt wird“. Und so geschah es auch, dem Publicum war diese an sich ebenso kindliche als kindische Aenderung recht, und Schikaneder war es nur noch mehr recht, da seine Casse sich füllte. – So wanderte S. viele Jahre von Bühne zu Bühne und hatte alle Mühen und Drangsale zu bestehen, wie sie jeder Chef einer „Schmiere“ zu überstehen hat. An manchen Orten machte er gute Geschäfte, da ging es dann auch in Saus und Braus her; ja, in Pesth und Preßburg ging es ihm so gut, daß er sich ein kleines Vermögen erwarb, das ihn in den Stand setzte, Pferde und Wagen zu halten. Aber an letzterem Orte ereilte ihn in Folge seiner übermüthigen, wo nicht närrischen Laune wieder das verdiente Mißgeschick. S. hatte den tollen Einfall, ein Stück zu schreiben und aufführen zu lassen, in welchem als Darsteller nur Hähne und Hühner auftraten und eine Gans die Hauptrolle spielte. Das Costume dazu kostete ungeheure Summen und das Publicum, das der abgeschmackten Schnurre kein Gefallen abgewinnen konnte, blieb aus; so war denn S.’s Wohlstand wieder zu Wasser geworden und er bemüssigt, die ganze Gesellschaft zu entlassen. Nun begab sich S. nach Wien, wo ihm aber das Glück auch nicht lächeln wollte. Er, der bisher nur in komischen Rollen aufgetreten war, ließ sich beifallen, im National-Theater in der tragischen des Grafen Essex zu debutiren. Der Erfolg war, wie vorauszusehen, eine völlige Niederlage. Er trennte sich nun von seiner Frau, die in Wien vorderhand zurückblieb und im Theater im sogenannten Freihause in Engagement [301] stand. S. aber kehrte nach Bayern zurück und versuchte es, eine neue Gesellschaft zu bilden, was ihm endlich auch gelang. Mit dieser Truppe spielte S. in mehreren Reichsstädten und zuletzt in Regensburg, wo er so gute Einnahmen machte, daß er sich einigermaßen wieder erholte. Indessen hatte seine Frau in Wien die Leitung des Theaters im Freihause übernommen. S. gab nun seine Direction in Regensburg auf und begab sich nach Wien, wo er die Leitung der Bühne von seiner Frau übernahm. Von dieser Zeit blieb S. in Wien, wo er die verschiedensten Wandlungen und Geschicke bis zu seinem traurigen Lebensende durchmachte. Er würde ungeachtet seiner Schicksale, die mitunter viel von ihm reden machten, zuletzt doch ebenso verschollen sein, wie etwa die Namen Carl und Pokorny , wenn nicht die Verbindung seines Namens mit dem eines Unsterblichen, mit Mozart, ihn der Vergessenheit entzöge. Durch die Schikaneder’n zugeschriebene Autorschaft der „Zauberflöte“, zu welcher Mozart seine unsterblichen Melodien componirte, ist S.. wie Börne sagt, unvergänglich geworden, wie die Mücke im Bernsteine. In Wien hatte S. mit seinen komischen Rollen Glück gemacht, auch seine daselbst zur Aufführung gebrachten Stücke fanden Beifall. Man will wissen, daß S., wie an der „Zauberflöte“, so auch an anderen, unter seinem Namen geschriebenen Stücken nur geringen Antheil habe. Die eigentliche Autorschaft der meisten schrieb man einem Geistlichen, Namens Wüst, zu, der um jene Zeit als Curat bei St. Stephan lebte und sich mit großer Vorliebe mit dramatischen Arbeiten, vornehmlich mit Zauberstücken befaßte, für welche er dann auch die Modelle zu den Maschinerien verfertigte. Die Richtigkeit dieser Angabe möge dahingestellt bleiben. Was aber vornehmlich die Autorschaft der so berühmt und unvergänglich gewordenen „Zauberflöte“ betrifft, so wird sie hinsichtlich des Textes ihm mit Bestimmtheit abgesprochen. Es ist nicht Sache dieses Lexikons, die Sache im Einzelnen darzustellen; die unten angegebenen Quellen geben hinreichende Aufschlüsse über den Sachverhalt. Der eigentliche Verfasser der „Zauberflöte“, der jedoch zu Gunsten Schikaneder’s der Autorschaft sich begeben mußte, ist Karl Ludwig Giesecke, der unter Schikaneder seine Laufbahn als Schauspieler begann und zuletzt Professor der Mineralogie zu Dublin wurde. Dieses Lexikon gedenkt seiner im V. Bande, S. 180. Giesecke hatte das Stück geschrieben, aber den Stoff auch nicht aus seiner Phantasie genommen, sondern war dazu durch ein noch immer interessantes Buch angeregt worden. welches sich betitelt: „Sethos. Histoire ou vie tirée des monumens anecdotes de l’ancienne Egypte. Traduite d’un manuscripte grec“ (Amsterdam 1742). Von diesem Buche erschien im Jahre 1777 zu Breslau eine von dem berühmten Wandsbecker Boten Mathias Claudius bewerkstelligte deutsche Uebersetzung und diese mochte Giesecke gekannt und benützt haben. Schikaneder machte an der von seinem Schauspieler ihm vorgelegten Arbeit mancherlei Aenderungen, wie Directoren es zu thun pflegen und, wie denn auch heutzutage bei Dramendichtern die Unsitte herrscht, nahm er es mit der Original-Autorschaft eben nicht gar zu strenge und setzte seinen Namen als Verfasser auf das Stück. Die Musik dazu schrieb, wie bekannt, Mozart, auch in dieser mußte S., den Geist seines Publicums genauer kennend, als Mozart, einige kleine Aenderungen vornehmen. [302] Ja, es ist nicht nur möglich, sondern geradezu wahrscheinlich, daß eine oder ein paar Melodien in der Oper von Schikaneder herrühren, der, wie es ja bekannt ist, selbst gut musikalisch war und schon viele Jahre früher zu der von ihm selbst verfaßten Operette „Die Lyranten“ die Musik geschrieben hatte. Das Alles aber benimmt der unsterblichen Schöpfung Mozart ’s nicht um ein Haar breit den Werth und steigert auch ebenso wenig Schikaneder ’s Verdienste als Musiker und Dichter. Der Ausspruch S.’s nach der Aufführung: „Ja, die Oper hat gefallen, aber sie würde noch mehr gefallen haben, wenn mir Mozart nicht so viel daran verdorben hätte“, ist so urkomisch und so unverwüstlich grotesk, daß man sie unter ein Basrelif meißeln sollte, das Mozart mit der Composition der „Zauberflöte“ beschäftigt darstellt. Auch das von so Vielen als „sinnlos“ verschrieene Sujet hat eben nur von Schikaneder Schädigung erfahren. Denn Giesecke wird sich gehütet haben, anzugeben, woher er den Stoff geschöpft; und wenn nun Schikaneder , ohne die Quelle und den geheimen Hintergedanken des libretto zu kennen, mit seinem directorialen Stifte im Textbuche herumwirthschaftete, ist es leicht begreiflich, daß Manches unsinnig herauskam, was vordem einen tieferen Sinn hatte. Bezüglich der Allegorie der „Zauberflöte“ wird auf S. 308 verwiesen und auch bemerkt, daß hinsichtlich der ausführlichen Quellen über diesen Punct der Artikel Mozart im XIX. Bande dieses Lexikons nachzulesen sei, wo S. 242 und 243 eine reiche Literatur über die „Zauberflöte“ nachgewiesen wird. Mit der „Zauberflöte“ hatte Schikaneder Glück gehabt und ganz stattliche Einnahmen erzielt, und die im Feuilleton des „Wanderer“ 1869, Nr. 352, in einer Anmerkung ausgesprochene Ansicht, daß Schikaneder mit der „Zauberflöte“ keineswegs Reichthümer gesammelt, will nicht recht passen, da es ja bekannt, wie Schikaneder, wenn er Geld besaß, Alles verpraßte. Wenn er hauszuhalten verstanden und gegen Mozart ehrlich gehandelt hätte, so konnte S. ebenso bis an sein Lebensende Vermögen besitzen, wie der hochsinnige Mozart das gemeine Vorgehen Schikaneder’s, der ihn um seinen Antheil betrogen hatte, nicht mit dem einfachen „der Lump“, womit Schikaneder gemeint war, abzuthun gezwungen gewesen wäre. Die Theaterbude im Freihause genügte schon lange nicht mehr, und so hatte sich denn S. entschlossen, ein neues Haus zu bauen, hatte aber dabei nicht wenig Hindernisse und Intriguen aller Art zu besiegen, bis Kaiser Franz mit ah. Entschließung vom 19. April 1800 resolvirte: „Dem Schikaneder will Ich die Erbauung eines Theaters gestatten, die Vorstellung des Freiherrn von Braun (des Hauptgegners des Schikaneder’schen Theaterbaues) aber ist ohne Ertheilung eines Bescheides ad acta zu legen“. In diesem neuen, damals schönsten Schauspielhause Wiens, welches am 13. Juni 1801 eröffnet wurde, gab Schikaneder Lustspiele, Schauspiele und Trauerspiele, und mitunter auch sogenannte heroische Opern, meist von ihm gedichtet. Schikaneder’s Compagnon war Zitterbarth. Schon ein Jahr nach der Eröffnung überließ S. sein Privilegium nebst allen Ansprüchen um die Summe von 100.000 fl. seinem Compagnon. Auch die Direction hatte er aufgegeben und sich auf’s Land, wo er in Nußdorf ein Landhaus besaß, zurückgezogen. Dort litt es ihn nicht lange in dieser Unthätigkeit. Von Zeit zu Zeit [303] erschien er, um in einer oder der andern seiner Rollen zu spielen, aber auch das Publicum, dessen Liebling er als Komiker gewesen, sehnte sich nach ihm und endlich übernahm er wieder die Direction. Aber das hatte keinen Bestand. Im Jahre 1804 kaufte Baron Braun, der Pächter und Vicedirector der beiden Hoftheater, das Theater an der Wien von Zitterbarth, und das erste, was er bei Uebernahme desselben verfügte, war – Schikaneder’s Entlassung. Nach einem halben Jahre aber war er bereits genöthigt, Schikaneder zurückzurufen. Aber diesem wollte doch auf die Dauer dieses Verhältniß nicht gefallen. Im Jahre 1807 übernahm er die Direction des Theaters in Brünn und erbaute in der Nähe der Stadt, bei Kumrowitz, eine grandiose Arena. Die Vorstellungen in derselben, wie seine in der Redoute veranstalteten prachtvollen Maskenzüge brachten ihm reiche Einnahmen. Besonders Aufsehen erregte er damals mit seinem großartigen Spectakelstücke: „Die Schweden vor Brünn“, bei welchem nicht weniger denn 300 Mann Militär, Cavallerie und Kanonen auf die Bühne kamen. Die Ausstattung hatte Tausende gekostet, die Einnahmen dagegen waren nicht entsprechend. Im Jahre 1809 machte er sich Hoffnung, das Josephstädter Theater in Wien zu übernehmen, aber die zweite Invasion trat störend dazwischen, die Sache zerschlug sich und auch sonst noch erlitt er schwere Verluste, da sein Landhaus in Nußdorf ganz verwüstet worden war. Das verschwenderische, zügellose Leben von früher und nun die großen Verluste jetzt hatten S. tiefsinnig gemacht. Allmälig verwirrten sich seine Sinne immer mehr und mehr, er ward zur Uebernahme jedes Geschäftes untauglich und die ihm angebotene Direction des Pesther Theaters mußte abgelehnt werden. Mit seiner Frau, die in Stadt Steyr eine kleine Unternehmung angefangen hatte, reiste S. dahin; als aber die Sache bald ihr Ende erreicht hatte, kehrte sie mit ihrem Gatten, dessen Zustand bereits in stillen Wahnsinn übergegangen war, nach Wien zurück. Das geschah im Juli 1812. Daselbst lebte er in den traurigsten Umständen. Vom Morgen bis zum Abend saß er unbeweglich, in ein Bettlaken verhüllt, welches seinen Kopf bedeckte. Erschien ein Besucher, so streckte er den Kopf aus dem Bettlaken hervor, starrte den Angekommenen an und fragte: „Haben Sie Maria Theresia und den Kaiser Joseph gekannt?“ fiel die Antwort bejahend aus, so sprach er einige verwirrte Worte, zog sich aber schnell unter sein Bettlaken zurück; wurde die Frage verneint, so erfolgte der Rückzug in größter Eile, von keinem Worte begleitet. Um seine Noth zu lindern, veranstaltete der damalige Director des Leopoldstädter Theaters, Friedrich Hensler, eine Wohlthätigkeitsvorstellung, zu welcher eben das Stück, das seinen gänzlichen Ruin veranlaßt hatte: „Die Schweden vor Brünn“, wählte. Graf Pálffy, der hochsinnige Cavalier [Bd. XXI, S. 202], verfügte, daß der Unglückliche von jeder Aufführung der „Zauberflöte“ vier Percente der Einnahme erhalte. Nicht lange genoß S. diese Wohlthat, denn wenige Monate später erlöste ihn der Tod von der geistigen Zerrüttung, der er bereits seit Langem verfallen war. In den Registern des magistratischen Todtenbeschreib-Amtes heißt es: Schikaneder Emanuel, geb. aus Regensburg, 61 Jahre alt, gest. am 21. September 1812 in der Alservorstadt in Nerbaß’schen Haus Nr. 30 (heute VIII. Bezirk, Florianigasse 10). Nun [304] soll noch Einiges über den Theaterdichter, den Schauspieler und Menschen folgen. Wie bereits in vorstehender Lebensskizze bemerkt worden, hat S. mehrere Possen und Singspiele geschrieben. Von späteren, auf seinen Namen getauften Arbeiten mag wohl auf seine Autorschaft nur die bühnengerechte Redaction entfallen. Stoff und ursprüngliche Bearbeitung rühren von Anderen, von denen ein paar Namen bereits genannt worden sind. Nicht alle Stücke Schikaneder’s, sondern nur der kleinere Theil ist im Drucke erschienen. Es sind folgende: „Die Lyranten, oder das lustige Elend“ (Wien 1778, 8°.); – „Das Regensburger Schiff“, Lustspiel (Augsburg 1782, 8°.); – „Die Raubvögel“. Schauspiel (Salzburg 1783, 8°.); – „Das Laster kommt an den Tag“, Schauspiel (Salzburg 1783, 8°.); – „Der Grandprofos“. Trauerspiel (Regensburg 1787, 8°.); – „Die beiden Antone, oder der Name thut nichts zur Sache“, komische Oper (Wien 1793); – „Die Waldmänner“ (Wien 1793, 8°.); – „Die Zauberflöte“. große Oper (Wien 1793; Leipzig 1794; Altona 1794 u. noch öfter); – „Der wohlthätige Derwisch“ (Wien 1794, 8°.); – „Der redliche Landmann“ (Wien 1793, 8°.), für dieses Stück erhielt S. von Kaiser Franz mit ah. Entschließung vom 19. April 1792 die Erlaubniß, es dem Kaiser zueignen zu dürfen; – „Der Spiegel von Arkadien“. Heroisch-komische Oper in 2 Aufzügen (Musik von Süßmayer) (Passau 1796, Wien 1796, Augsburg 1815, 8°.); – „Der Königssohn aus Ithaka“, Oper (Musik von Hoffmeister) (Wien 1797, 8°.); – im Jahre 1792 erschienen seine „Sämmtlichen theatralischen Werke“ (Wien und Leipzig, A. Doll, 8°.), wovon aber nur zwei Bände ausgegeben wurden folgenden Inhalts, 1. Band: „Hans Dollinger, oder das heimliche Blutgericht“; – „Der Bucentaurus, oder die Vermälung mit dem Meere zu Venedig“; – „Die Postknechte, oder die Hochzeit ohne Braut“; – 2. Band: „Herzog Ludwig von Steyermark, oder Sarmät’s Feuerbär“; – „Philippine Welserin, oder die schöne Herzogin von Tyrol“; – „Die getreuen Unterthanen, oder der ehrliche Bandit“. Außer diesen gedruckten Stücken Schikaneder ’s sind noch von ihm bekannt: „Die Schneckenpost, oder ein Zufall beim Theater“; – „Kasperl, der Müller-Thomerl, oder sechs Bergmandeln“, beide im J. 1784 im Leopoldstädter Theater gegeben; – „Die Ostindier vom Spittelberg“, Oper, und „Der Teufel in Wien“, Lustspiel, beide 1799 im Theater im Freihause gegeben. Das Wienerblättchen vom 4. Februar 1785 bringt folgende Notiz: Das von Herrn Schikaneder verheißene Lustspiel: „Die Hochzeit des Figaro“, ist gestern nicht aufgeführt worden und hat selbiges nach der dem Publico im gestrigen Anschlagzettel mitgetheilten Nachricht die Censur zwar zum Drucke, nicht aber zur Vorstellung erhalten; – ferner noch folgende Stücke: „Johanna von Weimar“; – „Der Streit der Elemente“; – „Die Verwirrung im Gasthofe“; – „Tyroler Wastel“; – „Die Pyramiden von Babylon“, Musik von Winter; – „Der dumme Gärtner“, ein Singspiel, welches so ungeheures Glück machte, daß Schikaneder dazu nicht weniger denn sieben Fortsetzungen schrieb; – „Swethar’s Zauberthal“; – „Die Fiaker in Wien“, worin er eine seiner Glanzrollen hatte; – „Lumpen und Fetzen“; – „Tsching, tsching, tsching“ u. m. a. Der ästhetische Werth all dieser Stücke ist gering; auf die Schaulust des Publicums berechnet, spannten sie die Nerven oder erschütterten [305] das Zwerchfell, aber die Mache hatte S. heraus, er kannte die Bretter, welche die Welt bedeuten und kannte die Menschen, welche auf den Brettern suchen, was sie in der Welt nicht finden. Ueber Schikaneder ’s Charakter ist Manches geschrieben und seine Gewissenlosigkeit gegen Mozart ihm höher angerechnet worden, als es recht ist. S. hat gegen Mozart gehandelt wie ein Komödiant, deßwegen war er durchaus kein böser, hinterlistiger, tückischer Mensch; er war überhaupt nur, wie ihn Mozart, der doch mit ihm befreundet war, leichthin, ohne es gar zu ernst zu meinen, nannte: ein Lump. Schmidt-Weissenfels schildert ihn zutreffend: ein Mann der Speculation und daher der Schulden, ein Gourmand wie Einer, verliebt, witzig und Schauspieler bis zum Schlafengehen (ein wahrhaft geflügeltes Wort). Er hatte Helden gespielt und tragische Rollen, dann hatte er als Komiker die Wiener entzückt, als Possenschreiber seine Beliebtheit erhöht, als Schauspieldirector zuletzt das glücklichste Talent eines solchen entfaltet. Schikaneder war der Mann des Tages in Wien; die genialen Liederlichen, die Künstler und Cavaliere waren seine Freunde, die besten Gasthäuser seine Ruhepuncte, die Frauen die Spielbälle seiner Launen. Er verstand, sybaritischen Luxus zu entfalten, immer Geld zu haben, immer lustig zu sein; er aß sehr oft, sehr gut und trank dazu sehr viel, daher war er auch sehr dick und fett. Seine Equipagen waren fürstlich, seine Geliebte kannte die Kunst, ihn zu ruiniren, seine Tafel war immer offen und cardinalisch. Er liebte nie allein zu sein, am allerwenigsten beim Essen; dazu hatte er seine Gäste, lauter feste Trinker und flotte Geister, worunter auch Mozart gehörte (den er noch in Salzburg kennen gelernt, wo dieser für ihn im Jahre 1780 die zweiactige Oper „Zaide“ componirt hatte). S. war der beste Gesellschafter, unermüdlich im Erzählen seiner Abenteuer und von Schnurren, Schwächen hatte er natürlich zahllose; er schrieb z. B. Operntexte, bildete sich ein, nicht allein ein großer Schauspieler, ein großer Dichter, sondern auch ein großer Sänger und Musiker zu sein. Singen konnte er wie eine Krähe und seine Musikkenntnisse entsprachen der Claviatur eines Leierkastens (hier geht Schmidt-Weissenfels offenbar zu weit; Schikaneder war wirklich ein bedeutender Schauspieler, namentlich Komiker, und ein ganz tüchtiger Musiker). Er hatte in Allem einen glücklichen Instinct für Volksthümliches und war reich an Ideen, welche in der Bearbeitung eines Genies zu großartigen Erfolgen werden konnten. Wenn nicht besondere Capricen der Liebe, der Gourmandize und der Kunst ihn plagten, war Politik sein Lieblingsthema. Jede Rede, er mochte eine große Weltbegebenheit berichten oder eine noch größere prophezeien, begleitete er mit den effectreichen Worten: „Ich sag’ Ihnen, wir werden noch Etwas erleben“, dann blies er die Backen auf und er hatte ordentliche, stieß ein tragisches „Puh“ heraus und stärkte sich durch einen halben Fasan und eine Flasche Champagner“. So Schmidt-Weissenfels“. – Als Schauspieler war S. gar nicht so unbedeutend, wie man im Allgemeinen es glauben machen will. Ein zeitgenössisches Werk, welches kurze, aber treffende Charakteristiken deutscher Schauspieler in den Achtziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts enthält, bezeichnet ihn als „einen Principial, der in der Wahl seiner Stücke nicht nur sehr sorgfältig, sondern der auch jeden seiner Acteurs an seinen [306] eigentlichen Platz zu stellen weiß. Er hat sich als Director eben das Lob erworben, das er schon vorher als Schauspieler gehabt hat. Seine Gesichtsbildung, sein Wuchs (1783) ist schon von Natur ungemein vortheilhaft und schön. Er ist groß, sehr wohlgewachsen und hat eine ausgebildete, schöne Stellung. Er spielt alle ersten Rollen – in der That spielte er auch im Jahre 1778, am 4. Juli, zu Stuttgart den „Hamlet“ mit so großem Beifalle, daß er, wie auch später in München, die ganze „letzte Scene“ wiederholen mußte!! – Liebhaber, komische Väter, Tyrannen und Helden. Sein Anstand, seine männlich reine Sprache, sein Geberdenspiel, das er so sehr in seiner Gewalt hat, Alles zeigt in ihm den guten Schauspieler. Im Singspiele nimmt er meistens die komischen Rollen, verfällt aber zuweilen in’s Allzuniedrig-komische und übertreibt. Seine Stimme ist rein, melodienreich, er singt mit Einsicht und Geschmack.“ In den Quellen unten folgt eine Charakteristik Schikaneder’s von Castelli, der S. erst in den späteren Jahren kennen gelernt hatte. Damals nahm auch S. bereits zu unstatthaften Mitteln, welche freilich auf die Gutmüthigkeit und den Patriotismus der Wiener berechnet waren, die Zuflucht. Er war im August 1796, nach den Siegen am Rhein des Erzherzogs Karl über Jourdan. Das Publicum war zahlreich im Theater versammelt, als eben wieder eine Siegesnachricht anlangte. Schikaneder ließ das Extrablatt sich auf die Bühne, wo er eben eine seiner komischen Rollen gab, bringen. Im Extrablatte hieß es: 600 Franzosen wären in den Rhein gesprengt worden. S.’s Patriotismus fand diese Zahl zu geringe: er las 6000. Das begeisterte Publicum verlangte nochmalige Lesung. Nun las S. 60.000. Der Jubel wollte kein Ende nehmen. Endlich kam S. zu Worte und sprach: „Ich feiere heute meines Lebens schönsten Tag. Sollte ich in meiner Freude ein paar Nullen zu viel gelesen haben, verzeihen Sie mir’s. Eben meldet mir der Cassier, die Einnahme des heutigen Tages betrage 756 fl., ich widme sie ganz den verwundeten kaiserlichen Soldaten“. Man muß das Herz der Wiener kennen, um zu ermessen, welch ein Beifallsrasen darnach ausbrach. S. war Patriot, er bewies das auch bei anderen Gelegenheiten. Als er das Theater auf der Wieden übernommen, gab er zum Vortheile der durch den Feind verunglückten Tiroler am 20. Juni 1799 das von ihm verfaßte Singspiel: „Oesterreichs treue Brüder, oder die Scharfschützen in Tirol“, bestritt alle Kosten der Vorstellung und führte den reinen Betrag der Einnahme, 503 fl., an die niederösterreichische Regierung ab. Und trotz alledem wäre S. schon längst vergessen, aber durch die „Zauberflöte“ ist S. unvergänglich geworden – ja, ja, wie die Mücke im Bernstein.

I. Zur Biographie. Allgemeine Theater-Chronik 1856, S. 53: „Keine schlechten Operntexte mehr!“ [über den Text der „Zauberflöte“, der immer und immer Schikaneder’n zugeschrieben wird, da er doch eigentlich von Giesecke herrührt]. – Allgemeines Theater-Lexikon u. s. w. Herausg. Von R. Blum, K. Herloßsohn, H. Marggraff u. A. (Altenburg und Leipzig o. J., 8°.) Neue Ausgabe, Bd. VI, S. 247. – d’Elvert (Christian Ritter von), Geschichte der Musik in Mähren und Oesterreichisch-Schlesien mit Rücksicht auf die allgemeine böhmische und österreichische Musik-Geschichte (Brünn 1873, C. Winiker, gr. 8°.) S. 201. – Gallerie von teutschen Schauspielern und Schauspielerinen der älteren und der neueren Zeit (Wien 1783, Epheu, 8° ) S. 198. – Gaßner (F. S. Dr.), Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Frz. Köhler, Lex. 8°.) S. 752. – Gerber [307] (Ernst Ludwig), Historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1792 J. G. I. Breitkopf, gr. 8°.) Bd. II, Sp. 429. – Derselbe. Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1813, A. Kühnel, Lex. 8°.) Bd. IV, Sp. 68. – Der Gesellschafter. Herausgegeben von Gubitz (Berlin, 4°.) 1834, Nr. 71–74: „Emanuel Schikaneder“ [dieser Aufsatz ist aus der Feder des Neffen S.’s, J. Karl Schikaneder] – Gräffer (Franz), Kleine Wiener Memoiren: Historische Novellen, Genrescenen, Fresken u. s. w. (Wien 1845, Beck, 8°.) Bd. III, S. 21: „Mozart und Schikaneder“ [erzählt Schikaneder’s Antheil an der Wienerisirung der „Zauberflöte“, da er Mozart’s sublime Ideen immer etwas herabdrücken mußte]. – Hanslick (Eduard), Geschichte des Concertwesens in Wien (Wien 1869, Braumüller, gr. S. 192 [daselbst wird der Compagnon Schikaneder’s im neu eröffneten Theater an der Wien Zillerbarth genannt; er hieß Zitterbarth]. – Kehrein (Joseph), Biographisch-literarisches Lexikon der katholischen deutschen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller im 19. Jahrhunderte (Zürch, Stuttgart, Würzburg, 1870, L. Wörl, gr. 8°.) Bd. II, S. 90 [nach diesem gest. am 24. September 1812, was bestimmt unrichtig ist]. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Zweite Abthlg. Bd. VII, S. 746. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1867, Nr. 1020, im Feuilleton: „Briefe eines alten Wieners an eine Freundin“, herausg. von Bauernfeld [über Schikaneder und die Zauberflöte]. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Jul. Schladebach, fortgesetzt von Ed. Bernsdorf (Dresden 1856, R. Schäfer, Lex. 8°.) Bd. III, S. 465. – Nordmann (Johannes), Salon (Wien, gr. 8°.) 1853, S. 164: „Wiedener Theater“ [mit ausführlichen Nachrichten über Schikaneder und seine Truppe]. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. IV, S. 534. – Oesterreichische Zeitung (Wien, Fol.) 1855, Nr. 400: „Schikaneder und Mozart, zwei Demagogen“. – Ostdeutsche Post (Wiener polit. Blatt) 1857, Nr. 196: „Die Zauberflöte ist nicht von Schikaneder“. – Realis. Curiositäten-und Memorabilien-Lexikon von Wien. Herausg. von Anton Köhler (Wien 1846, gr. 8°.) Bd. II, S. 304. – Sammler (Wiener Unterhaltungsblatt, 4°.) 1812, S. 470. – Tagespost (Gratzer polit. Blatt) 1860, Nr. 143, in der Rubrik: Buntes: „Schikaneder und Mozart“. – Theater-Zeitung. Herausgegeben von Adolph Bäuerle (Wien, gr. 4°.) I. Jahrg. (1806), Nr. 7. S. 100: „Skizze“; – dieselbe, II. Jahrg. (1807), 2. Quartal, S. 14 u. 48: über S. als Theaterdirector in Brünn; – dieselbe, VII. Jahrg. (1812), Nr. 80: Nekrolog, von A. Bäuerle; – dieselbe, XX. Jahrg. (1827), Nr. 39, 41 u. 42: „Berichtigung dessen, was über Schikaneder in Brockhaus’ Conversations-Lexikon irrig angeführt ist“, von Rittersberg; – dieselbe, XXXVIII. Jahrg. (1844), Nr. 48: „Schikaneder’s Charakteristik als Komiker“ [von Castelli, der auch in seinen „Memoiren“, I. Bd. S. 229 u. f., S.’s gedenkt]; – dieselbe, XLIX. Jahrg. (1855), Nummer vom 8. Mai, im (Bäuerle’s) Roman: „Die Dame mit dem Todtenkopfe in Wien“ [ein Beitrag zu seiner Charakteristik]. – Von Haus zu Haus (Prager Unterhaltungsblatt, Kober, 4°.) 1860, Nr. 23, S. 292: „Mozart und Schikaneder“, von Dr. Schmidt-Weissenfels. – Wanderer (Wiener polit. Blatt) 1869, Nr. 352, im Feuilleton: „Schikaneder’s Theater im Freihause auf der Wieden“, von Dr. A. Schmidt. – Wiener Abendpost (Abendblatt der amtlichen Wiener Zeitung) 1870, Nr. 83 u. 84, in den „Erinnerungen aus der Theaterwelt“ von Dr. Hermann Meynert [mit interessanten Details über die Hindernisse, welche sich Schikaneder bei seinem Theaterbaue entgegenstellten, bis Kaiser Franz einfach am 19. April 1800 resolvirte: „dem Schikaneder will ich die Erbauung eines Theaters gestatten“]. – Zuschauer, herausg. von J. S. Ebersberg (Wien, gr. 8°.) 1841, S. 1259: „Mozart’s und Schikaneder’s Grabstätte“.
II. Schikaneder’s Charakteristik von Castelli. Schikaneder, als Komiker betrachtet, war nicht von Bedeutung, ich wenigstens (Castelli) habe nie herzlich über ihn lachen können. Er schrieb sich seine Rollen meistens selbst und schuf für sich gewöhnlich eine Art Naturmenschen (wie Papageno in der „Zauberflöte“), die aber voll Unnatur waren. Er wollte für einen feinen Komiker gelten und dadurch wurde seine Komik so superfein, daß man gar nichts davon merkte. Indessen weiß ich doch eine Rolle von ihm, die er eigenthümlich, [308] einzig und wahrhaft komisch darstellte, und diese war der Dorfschuster im „Abgebrannten Hause“. Da er, wie gesagt, sich seine Rollen meist selbst schrieb, so legte er in jede derselben eine Art Sonderbarkeit, wodurch sie auch ohne sein Zuthun gefiel. So machte z. B. damals das Federgewand Papageno’s mehr Effect, als das, was er sprach. So wirkten in dem Stücke: „Lumpen und Fetzen, oder die Caprice“ die absurden Eigenheiten eines Engländers, den Schikaneder darstellte, das meiste. Schikaneder war groß und dick, hatte einen watscheligen Gang, aber ein sehr lebhaftes Auge. Mit diesem letzten wußte er nicht selten durch einen Blick seinen Worten eine Zweideutigkeit zu geben, die gefiel. Die Couplets, welche er in Opern mit erbärmlicher Stimme sang, waren nichts weniger als witzig, aber da er dem Compositeur, dem er eine Oper von sich anvertraute, die Melodien zu jenen Stellen, die er selbst sang, vorschrieb, so wußte er gewöhnlich in diese Melodien etwas zu legen, was die Wirkung nicht verfehlte. Derselbe Fall trat auch bei der „Zauberflöte“ ein; auch der große Mozart mußte sich hierin dem Dichter Schikaneder fügen und nur ein solcher Geist wie Mozart konnte aus jenen Alltagsmelodien durch geniale Instrumentirung Meisterstücke liefern. So soll Mozart das Duett, als sich Papageno und Papagena zum ersten Male erblicken, anfangs ganz anders componirt haben, als man es gegenwärtig hört. Beide riefen nämlich ein paar Male staunend aus: Papagena! Papageno! Als aber Schikaneder dieses hörte, rief er in’s Orchester hinab: Du Mozart, das ist nichts, da muß die Musik mehr Staunen ausdrücken. Beide müssen sich erst stumm anblicken, dann muß Papageno anfangen zu singen: „Pa papapa papa Pa“ – Papagena muß dieß wiederholen, bis endlich Beide den ganzen Namen aussprechen – und Mozart hat dieß so nach Schikaneder’s Willen gesetzt und das Duett mußte immer wiederholt werden. In Localstücken war Schikaneder – wenn eben kein komischer – so doch stets ein Charakterdarsteller, das Gemüth behielt darin fast immer die Oberhand. In seinem vortrefflichen Wiener Lebensgemälde: „Die Fiaker in Wien“, spielte er den Fiaker so wahr, so ganz aus dem Leben gegriffen, daß man diese Rolle als eine Meisterrolle S.’s bezeichnen muß. Die Scene, in welcher er leichenblaß aus dem Cabinet stürzt, weil er sein närrisches Weib, da nichts mehr fruchtete, endlich wider seinen Willen schlagen mußte, wäre eines Iffland’s würdig gewesen.
III. Die Allegorie in der Zauberflöte. Es wurde oben in der Biographie, im Gegensatze zu der herrschenden Meinung, angedeutet, daß Schikaneder, der die Zauberflöte von einem Andern entgegengenommen hatte und daran nur seinen Directionsröthel hatte spielen lassen, von der geheimen Tendenz, die dem Ganzen zu Grunde lag, ursprünglich keine Ahnung hatte, daher die mancherlei nicht zusammen zu reimenden Momente, die geradezu unsinnig erscheinen, ohne jedoch die Bedeutung der Allegorie zu zerstören. Jahn in seiner herrlichen Mozart-Biographie behauptet hingegen, Schikaneder hätte das Märchen theilweise verändert, weil in dem neuerbauten Theater in der Leopoldstadt ein Singspiel nach demselben Märchen mit großem Erfolge aufgeführt wurde, daher sei die Unverständlichkeit und Zusammenhanglosigkeit des Textes bewirkt worden. Es können gut beide Ursachen neben einander bestehen und zusammen an der Verballhornung des Märchens Schuld sein. Ein wohl nur im Besitze von bibliographischen Curiositäten und in großen Bibliotheken noch vorkommendes Werk: „Geheime Geschichte des Verschwörungs-Systems der Jacobiner für Wahrheitsfreunde“ (London 1795), enthält die interessante und allem Anscheine nach ganz glaubwürdige Geschichte der „Zauberflöte“. Zur Zeit, als die Oper in Wien zum ersten Male gegeben worden, war der Illuminatenorden in ganz Europa, vornehmlich in Deutschland, durch seine geheime Propaganda thätig, die Ideen der französischen Revolution, welche eben damals in die Blüthe schoß, den Völkern zugänglich und ihre Verwirklichung wünschenswerth zu machen. Bilder und Gedichte mußten dazu dienen und auf den Theatern gab es unzählige Allegorien. Die „Zauberflöte“ war eine Allegorie auf die französische Revolution, wie sie bis zum Jahre 1791 sich darstellte. Allgemein verbreitete sich im Publicum, daß hinter der Oper noch etwas Anderes stecke, als Musik und Gesang, so anziehend beide waren. Mit jeder neuen Aufführung steigerten sich Neugierde und Zudrang. Alles wollte die Oper sehen. Dabei nahm Schikaneder natürlich auch seinen Vortheil wahr. Am 30. September 1791 fand unter Mozart’s persönlicher Leitung die erste Aufführung Statt, und als am 20. November [309] 1793 die Oper zum 83. Male gegeben wurde, kündigte S. diese Aufführung als die 100. an. In gleicher Weise, um den Besuch zu beleben, kündete er die am 20. October 1795 stattgehabte 135. Aufführung als die 200. an, und noch immer wollte der Zulauf nicht abnehmen. Nach Jahren wiederholte sich dieses Schauspiel wieder, jedoch aus anderen Motiven. Es war im Sommer 1811, als die Concurrenz-Vorstellungen der „Zauberflöte“ im Hof-Operntheater und im Theater an der Wien, welch letzteres Graf Pálffy dirigirte, stattfanden und in der Hofoper WeinmülIer (Sarastro), Madame Milder (Tamino, in der Hofoper war dieser Part auf Sopran transponirt), Madame Rosenbaum (Königin der Nacht) mit Forti, Franz Wild und Madame Campi im Theater an der Wien wetteiferten. – Nun nach schriftlich aufgefundenen Andeutungen wäre die Allegorie der „Zauberflöte“ die folgende:

Personen:
Die Königin der Nacht …….. Die frühere Regierung.
Pamina, ihre Tochter …….. Die Freiheit, welche immer eine Tochter des Despotismus ist.
Tamino …….. Das Volk.
Die drei Nymphen der Königin ... Die Deputirten der drei Stände.
Sarastro …….. Die Weisheit einer besseren Gesetzgebung.
Der Priester des Sarastro …... Die Nationalversammlung.
Papageno.…... Die Reichen.
Eine Alte.…... Die Gleichheit.
Monostatos, der Mohr .…... Die Emigranten.
Sclaven .…... Die Diener und Söldner der Emigranten.
Drei gute Genien. Klugheit, Gerechtigkeit und Vaterlandsliebe, welche Tamino leiten.

Die Idee, welche diesem Stücke zum Grunde liegt, ist: Die Befreiung des französischen Volkes aus den Händen des alten Despotismus durch die Weisheit einer besseren Gesetzgebung. Der Gang des Stückes ist demgemäß folgender: Tamino wird von einer ungeheuren Schlange (dem bevorstehenden Staatsbankerotte), die ihn zu verschlingen droht, verfolgt. Die Königin der Nacht will ihn gern retten, da auf der Existenz des Tamino auch die ihrige beruht. Sie kann es aber nicht allein und braucht daher ihre drei Nymphen dazu, die auch das Unthier vernichten. Tamino bricht in lauten Dank gegen seine Erretterinen aus, welche ihm überdieß noch eine Zauberflöte schenken (die Freiheit, für sein Bestes sprechen und sich beklagen zu dürfen). Zugleich trägt ihm aber die Königin auf, ihre Tochter aus den Händen eines grausamen, wollüstigen und tyrannischen Königs, des Sarastro, zu befreien, der sie ihr geraubt habe und in einer Höhle verborgen halte. Um Tamino noch mehr zu diesem Unternehmen zu entflammen, verspricht sie ihm die Tochter dann zur Ehe; aber sie täuscht ihn damit, denn sie hat ihre Tochter schon längst dem Monostatos zugesagt. Tamino schwört der Königin, alle Kräfte anzuwenden, ihr die geraubte Tochter wieder zu bringen. Die Königin aber läßt ihm sagen, daß er sich bei seinem Abenteuer nur ganz auf die Leitung dreier guter Genien verlassen solle. Tamino tritt nun seine Fahrt an, in Begleitung Papageno’s (der Reichen, die, weil sie vor der Revolution gegen Clerus und Adel zurückgesetzt waren, zur Staatsumwälzung gern ihre Hand boten). Er kommt zu Sarastro und erstaunt, in ihm an Stelle eines grausamen Tyrannen einen glänzenden und geliebten Regenten zu finden. Sarastro erscheint auf einem von wilden Thieren gezogenen Triumphwagen, um anzudeuten, daß gesetzgebende Weisheit die natürliche Rohheit des Menschen mildert und Alle sich ihr gern unterwerfen. Statt den Tamino, wie dieser besorgte, feindselig zu behandeln, kommt ihm Sarastro würde- und liebevoll entgegen und theilt ihm mit, daß er, von der Königin der Nacht betrogen, offenbar in sein Unglück rennen würde, wenn er Willens wäre, den Versuch zur Ausführung seines Vorhabens zu wagen, und bietet ihm freiwillig an, ihn in den Tempel der Ehre und Glückseligkeit zu führen, wenn er ihm folgen wollte. Tamino, gerührt von der Güte des trefflichen Alten, überzeugt von der Wahrheit seiner Aeußerungen, überläßt sich nun mit ganzer Seele dem Sarastro, besonders da ihm dieser feierlich verspricht, ihm die holde Pamina zur Ehe zu geben. Sarastro beruft nun seine Priester zusammen, um ihnen zu sagen, daß er den Tamino werth halte, in den Tempel der Ehre und des Glückes aufgenommen zu werden. Das freudige Ergebniß dieser Verhandlungen verkünden die Priester durch weitschallende Sprachrohre,[310] zum Zeichen, daß sie auf den ganzen Erdball gerichtet sind. Auch erleuchten die Priester bei der Aufnahme Tamino’s die grauenvollsten Oerter mit Fackeln, um anzudeuten, daß endlich auch die Fackel der Aufklärung in die finstersten Gegenden des Weltalls dringe. Ehe aber Tamino wirklich in den Tempel des Glückes gelangen kann, muß er sich allen und auch den schwersten Prüfungen unterziehen, welche vorgeschrieben sind. Tamino besteht die fürchterliche Probe des Wassers, des Feuers, überzeugt von der Güte des alten Sarastro, mit standhaftem Muthe und wird endlich mit seiner Pamina in den Tempel des Glückes aufgenommen, wo sie seine Gattin wird. Sein Begleiter Papageno. der im Anbeginn, so lange die Abenteuer glatt ablaufen, guten Muthes, dabei aber prahlerisch ist, ist im Grunde ein ebenso schwacher als roher Mensch, der, so gern er auch glücklich sein möchte, doch jede Anstrengung und Schwierigkeit haßt und sich nicht gern etwas versagt. Während Tamino geduldig alle auferlegten Proben übersteht, denkt Papageno nur an seine plumpen Vergnügen, an Essen und Trinken. Als er endlich zur Einsicht gelangt, daß Alles dieß doch nicht wahrhaft glücklich mache, wird er des Lebens satt und will aus Furcht vor kommenden Gefahren sich aufhängen. Zur rechten Zeit aber wird er durch die guten Genien eines Besseren belehrt und gibt, wiewohl noch immer höchst ungern, dem alten Weibchen (der Gleichheit, als der ältesten Eigenschaft des menschlichen Geschlechtes) seine Hand, das sich nun wieder in ein holdes Mädchen verjüngt und den Papageno glücklich macht. Das Auszeichnende an Papageno ist: schöne Federn über den ganzen Leib wegen seiner Eitelkeit; die Hirtenpfeife bezeichnet seine Rohheit und alles Glockenspiel (wornach Alles tanzen muß, als eine Wirkung des Reichthums) gleicht dem Schalle des Goldes, das in den Händen der Reichen circulirt. Monostatos (die Emigranten) sucht auf alle Weise dem Glücke des Tamino Hindernisse in den Weg zu legen, durch List und Trug und auch durch Gewalt, so daß er am Ende die Pamina gar tödten will. Aber Sarastro straft ihn dafür. Noch einmal rafft er seine letzten Kräfte zusammen, um mit der Königin der Nacht einen Sturm auf den Tempel des Glückes zu wagen; aber er wird mit ihr auf ewig in den Abgrund gestürzt, nachdem er vorher feierlich geschworen hat, daß er mit seiner Geliebten und ihm an schwarzer Sinnesart gleichenden Königin stets verbunden bleiben wird. Die wilden Thiere, welche auf die süßen Töne der Zauberflöte ihre Wildheit auf einige Zeit ablegen, sind Löwen (Wappen der Niederlande), Leoparden (England), Adler (Oesterreich, Rußland und Preußen), die übrigen bedeuten die kleineren Staaten. – So die Allegorie. So wenig geistreich man dieselbe finden mag, sie verfehlte, von Mozart’s sphärengleichen Melodien getragen, ihre Wirkung nicht und behauptet sie bis auf unsere Tage und wird sie behaupten, so lange der Sinn für Musik im Menschenohre leben wird.
IV. Schikaneder’s Porträte. Ein solches von sich ließ Schikaneder selbst, und zwar in Stein ausführen. Als er das Theater an der Wien – lange Zeit Wiens schönstes Schauspielhaus – hatte bauen lassen, gab er demselben zwei Haupteingänge, einen vorn gegen die Wien, wo die Fiaker halten müssen, den andern an der (damaligen) Glacisseite, wo die Privatwagen anfahren. Ueber dieses letztere Thor ließ Schikaneder sich selbst als Papageno (daher der Name Papageno-Thor) setzen, wie er sein Lockpfeifchen gegen die Stadt hinein bläst, und neben ihm ein paar pausbackige Buben, die ihre Netze schon voll Vögel haben. Er soll dieß gethan haben, weil ihm die „Zauberflöte“, die er im Ganzen sechsthalbhundert Male gegeben, vorzüglich emporgeholfen hatte. Die Papageno-Figur ist sechs Fuß hoch, hat einen Speckhals, mißt eine gute Klafter in der Peripherie und wiegt dritthalb Centner – und ist allerdings für einen Papageno etwas schwerfällig. – Außerdem ist ein schönes Blatt im Kupferstiche von Philipp Richter (ohne Angabe des Verlegers, gr. 8°.) bekannt, mit der Unterschrift: Emanuel Schikaneder, Schauspieler-Director und Schauspieler. Das schon sehr seltene und nett ausgeführte Blatt diente den Herren Grünfeld und Schilcher als Vorlage, als sie im Jahre 1864 den neuen Vorhang im Theater an der Wien malten, der eine Apotheose der „Zauberflöte“ bildet und Schikaneder’s Bildniß in einem Blumenmedaillon weist. – Außerdem brachte der Gubitz’sche Volkskalender in einem der Vierziger-Jahrgänge Schikaneder’s Bildniß in ganzer Figur und später das von Kober in Prag herausgegebene illustrirte Blatt: „Von Haus zu Haus“ (gr. 4°.) 1860, Nr. 23, S. 292, wo Schikaneder – so ziemlich ähnlich dem Bilde im Gubitz’schen [311] Volkskalender – mit Mozart zusammen dargestellt ist.