Sabbath und Vorsabbath

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Autor: Wilhelm Löhe
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Titel: Sabbath und Vorsabbath. Eine Anweisung zum Herzensgebet.
Untertitel: So ihr Solches wisset, selig seid ihr, so ihr’s thut. Joh. 13. 17.
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Herausgeber: Wilhelm Löhe
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Erscheinungsdatum: 1843
Verlag: C. H. Beck
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Erscheinungsort: Nördlingen
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Sabbath und Vorsabbath.




Eine
Anweisung zum Herzensgebet.


 


 
So ihr Solches wisset, selig seid ihr,
so ihr’s thut. Joh. 13, 17.


 



Nördlingen,
Druck und in Commission der C. H. Beck’schen Buchhandlung.
1843.


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| | Nachfolgende Anweisung zum Herzensgebet ist Ausfluß einer älteren Schrift. Der selige Calvör gab nämlich 1691, hernach 1711 unter dem Titel „geistliches Kleeblatt“ drei erbauliche Büchlein heraus, deren drittes die Aufschrift führt: „Gebahnter Weg zu der Ruhe in Gott.“ In diesem handelt er 1. von dem inwendigen Herzensgebete, 2. der Andachtsleiter, 3. der Seufzerandacht. Zuletzt folgt als Anhang „eine kleine Betschule.“ Von den drei ersten Abschnitten des „Gebahnten Wegs“ etc. hat der Verfasser der nachfolgenden Anweisung die Hauptgedanken genommen. Es wird dies ausdrücklich vorbemerkt, damit es nicht scheine, als werde etwas Neues gegeben. Es sind alte, bewährte Gedanken! – Calvör schrieb sein Büchlein gegen den Mißbrauch des freien Gebetes und des Buchgebets. Diese doppelte Absicht hatte auch der Verfasser der nachfolgenden Fragen und Antworten, welcher dem gedoppelten Mißbrauch leider nur zu häufig begegnet. | Möge die kleine Arbeit gesegnet sein und ihres Theils Beweis geben, daß von der Kirche, welcher diese Gedanken angehören, nichts ferner ist, als Tödtung des innern Lebens! Sie war je und je am reichsten an innern Schätzen, und ohne Zweifel auch darum, weil sie über dem Worte hielt: „Lasset alles ehrlich und ordentlich zugehen.“ 1. Cor. 14, 40. –

 Daß übrigens in den nachfolgenden Blättern die Lehre vom Gebete nicht vollständig vorgetragen ist, kann ihnen nicht zum Tadel gereichen, weil es nicht ihre Absicht war. Der Titel sagt, was das Büchlein sollte und wollte. Ist es hinter seinem eigenen Wollen und Sollen zurückgeblieben, so verzeihe der Leser und erfahre für’s erste den Inhalt.




|  1. In wie viele Stücke wird unser ganzes Christenthum gefaßt?

 In zwei: in die christliche Lehre und in das christliche Leben. Die Lehre muß ich wissen, verstehen und glauben, das Leben aber muß ich üben. In Glauben und Thun besteht also unser ganzes Christenthum. 2. Pet. 1, 5. Joh. 3, 17.

 2. Ist es also genug, in der christlichen Lehre unterrichtet zu werden?

 Nein. Ich muß auch Unterricht und Anweisung zu einem christlichen Leben empfangen.

 3. Da nun zum christlichen Leben auch die Uebung der Gottseligkeit gehört, so antworte mir auf die Frage, ob man auch zu dieser Uebung eine Anweisung empfangen könne?

 Darauf ist leicht zu antworten. Warum sollte Gottes Wort und Erfahrung in diesem Stücke keine Belehrung für empfängliche Seelen darbieten? Ein Unerfahrener wird schwerlich sagen können:

Wenn ich in Nöthen bet und sing,
So wird mein Herz recht guter Ding;
Dein Geist bezeugt, daß solches frei
Des ew’gen Lebens Vorschmack sei.


|  4. Du übst deine Gottseligkeit in der Kirche und außerhalb derselben, bei deiner Arbeit und wenn du deine Feierstunden hältst, beim Hausgottesdienst und auf der Reise, im Leben und Sterben. Was ist nun bei den mancherlei Andachtsübungen wohl das Nöthigste?

 Andacht ohne Zweifel. Gott ist gegenwärtig; ich gedenke Sein; ich trete vor Sein Angesicht; ich bete an. Ernst, Aufmerken, Innbrunst und Feuer des Geistes dürfen nicht fehlen, wenn die Andachtsübung nicht zu einem bloßen Namen werden soll.

 5. So wärest du also Gebetsübungen ohne Andacht durchaus nicht hold?

 Du fragst mich so, daß ich zum voraus deiner Beistimmung zur Antwort gewiß bin. Wenn die Andachtsübung nur ein Name ohne Wesen ist, so graut mir vor ihr, sie ist eine freventliche Lüge wider das zweite Gebot, eine schnöde Verachtung der allgegenwärtigen Majestät Gottes. Von solchen eitlen, unfruchtbaren Uebungen der Heuchler spricht der HErr:

„Darum, daß dies Volk zu mir nahet mit seinem Munde und mit seinen Lippen mich ehrt, aber ihr Herz ferne von mir ist, und mich fürchten nach Menschengeboten, die sie lehren; so will ich auch mit diesem Volke wunderlich umgehen, auf’s Wunderlichste und Seltsamste.“ Jes. 29, 13.

 6. Aber wenn nun ein Mensch Mangel der Andacht in seiner Seele spürt, soll er deshalb die Uebung der Andacht unterlassen?

 Wer den Mangel der Andacht spürt und sich | darüber straft, der ist nicht ohne Andacht und der heilige Geist ist nicht von ihm gewichen, sondern ladet ihn zum Gebete ein. Das Gefühl des Mangels soll uns zur Uebung treiben; so werden wir inne werden, wie sich in der Uebung die Andacht und ihr Feuer mehrt.

 7. Wenn nun ein Mensch, im Gefühle seines Mangels, die Andacht sucht, wird er alsbald und sprungweise in brünstiger Andacht seyn?

 Nein. Dem Sabbath geht der Vorsabbath voran. So geht der vollen Andacht, dem wahren geistlichen Sabbath, auch eine Vorbereitung, ein Vorsabbath voran, durch welchen man allmählich zur Andacht emporsteigt.

 8. Was rechnest du zum geistlichen Vorsabbath oder zur Vorbereitung auf die Andacht?

 Folgende sechs:

1. Das Seufzen um die Kraft des h. Geistes;
2. die Abwendung des Herzens von der Welt;
3. die stille, bewußte Abgeschiedenheit der Seele vom Irdischen oder den Feierabend;
4. die Hinkehr des Herzens zu Gott;
5. den Glaubensblick auf Gott;
6. das Umfassen dessen, zu welchem du schaust, und das gläubige Hangen an Ihm.

 9. Ich verstehe dich nicht, gib’s deutlicher!

 Wohl. Ich will dir deutlicher und weitläufiger wiederholen, was ich sagte. Auch das hat seinen Nutzen. Also:

1. Ich seufze zu Gott, daß ER mir die Kraft Seines heil. Geistes zur bevorstehenden Andachtsübung schenken wolle. |
2. Ich kehre mein Herz von allem Irdischen, auch von mir selbst, von allen meinen irdischen Gedanken, Bewegungen, Werken ab. Philip. 3, 13. Ps. 55, 7.
3. Mein Herz ruht und verweilt in einer geheimen, heiligen Stille, da es der Welt müssig geht. Es heißt alsdann: „Meine Seele ist stille zu Gott.“ Ps. 62, 2.
4. In solcher Stille wendet sich die Seele kräftig zu dem HErrn, HErrn. Es ist alsdann, wie wenn das Morgenroth auf den Bergen liegt, und ich der Sonne entgegen ginge, unter deren Flügeln mir Heil kommt.
5. Dann gedenke ich Seiner nach den Artikeln des Glaubens. Es ist, als ginge die Sonne auf – die Sonne der Seele. Ich erblicke sie – und grüße Den, der meinem Geist erscheint und meine Finsterniß Licht macht.
6. Ich bleibe in solchem Anblick, ich lasse mich durchleuchten und durchwärmen, ich fasse Seine Strahlen, – es ist heller, heiliger Morgen und ich rufe mit den Seraphim:
Heilig, Heilig, Heilig ist Gott,
der HErr Zebaoth!
und beginne zu erfahren, was das heißt: „Gott, man lobt Dich in der Stille zu Zion!“ Ps. 65, 2.

 10. Mir däucht, als wären die Stücke 2, 3 und 4, 5, 6 nicht sehr von einander verschieden?

 Doch, doch: betrachte und erfahre sie nur genau.

|  11. Aber ist nicht die Phantasie dabei im Spiele?

 Gott ist gegenwärtig, das ist keine Phantasie. „Wendet euch zu mir, so werdet ihr selig“ – das ist keine Phantasie. Der Welt Valet geben und den HErrn suchen, erblicken, fassen und ihm Credo[1] und Heilig singen, das ist keine Phantasie, als alleine dem Phantastischen. Es gibt ein inwendiges Bewegen, inwendige Wendungen, ein inwendiges Schauen und Innewerden der Seele, daran mehr liegt, und in welchem mehr Wahrheit ist, als in allem äußerlichen Geräusch der Welt.

 12. Aber ob sich das Alles so bei jeder Andacht wieder vornehmen und erzeugen läßt? Es ist, scheint mir, zu viel Methode dahinter!

 Du nimmst es nur zu methodisch. Die Grundgedanken sind Grund-Gedanken der Bekehrung im Großen. Jede Vorbereitung zum Gebete aber ist eine Bekehrung im Kleinen.

 13. Wenn nun aber das Alles zum Vorsabbath gehört, so bin ich doch begierig zu vernehmen, was du zum Seelensabbath selber rechnest.

 Der Seelensabbath selbst ist nichts anderes, als eine lebendige, kräftige Uebung unsers ganzen inwendigen Christenthums, durch welche man zu der lebendigen Empfindung der Kraft, des Lebens und der Offenbarung Gottes in uns kommt. Daß aus seiner Fülle etwas auf den Vorsabbath überfließt, ist natürlich: er lebt nur vom Sabbath. Es ist wie bei der Ahnung und | Sehnsucht. Was sind sie anders als ein heimlicher, vorbereitender Antheil an dem, das da kommen soll, deß man wartet.

 14. Was nennst du aber das inwendige Christenthum?

 Die Tugenden und Früchte des heil. Geistes in unserm Herzen: Glaube, Liebe, Hoffnung, – Freude, Verwunderung, Lob, Danksagung, Seufzer, Gebet, Ergebenheit, Gelassenheit, Friede und Ruhe in Gott u. dgl.

 15. Wenn man nun aber zur Uebung und zum Genusse dieses inwendigen Christenthums durch jene Vorbereitungen alle hindurchdringen muß, so wird man langsam zur Andacht kommen.

 Es ist allerdings wahr, daß man über keine Stufe der Vorbereitung flüchtig hinwegeilen muß. Einer jeden muß man die nöthige Zeit widmen. Aber – inwendige Werke werden schnell vollbracht, wenn ihre Werkstatt eine willige, heilige Seele ist. Gedanken, Begierden etc. haben Blitzesschnelle. Eine träge, dem Irdischen ergebene Seele wird sich langsam durch jene sechs Stationen winden, vielleicht die erste nicht hinter sich bekommen. Uebe dich in der Andacht, so bekommst du Flügel. Je reiner und geübter deine Seele werden wird, desto mehr werden die Vorbereitungen in Augenblicke zusammengedrängt.

 16. Ich sorge, schnelle Andacht möchte flüchtig werden.

 Mit nichten! Das Postpferd dringt langsamer zum Ziele als die Brieftaube, aber diese erfährt, wenn sie am Ziele ist, den Vorwurf nicht, zu flüchtig gewesen zu seyn. – Ein Kind schreibt langsam und | doch nicht so gut, als ein Mann, der schnell schreibt. Ein Meister bedarf zu besserer Vollbringung derselben Werke weniger Zeit als ein Lehrjunge zu schlechterer. – So ist’s auch mit den Vorbereitungen zum Gebete.

 17. Könnte man nicht, wenn man einmal zu der Andacht hindurchgedrungen ist, auch in derselben verharren, um die immer neuen Vorbereitungen zu ersparen.

 Wie du redest! Als ob du nicht wüßtest, daß alle irdischen Zustände wechseln und wechseln müssen. Die Sonne geht auf, steigt, steht, geht abwärts und unter. Das Jahr schreitet seit Jahrtausenden durch die gewohnte Bahn des Frühlings, Sommers, Herbstes und Winters. Das Meer hat Fluth und Ebbe. Der Mond nimmt ab und zu. – Der Mensch könnte nicht immerdar beten, wie ihm doch befohlen und verheißen ist, wenn er immer auf der Höhe des geistlichen Sabbaths verharren sollte. Aber er kann immer beten, wenn er durch die Vorbereitung, die ja auch den Namen des Gebets verdient, zur eigentlichen Andacht ansteigt – und von neuem den Flug beginnt, wenn er die Kräfte und den Flug seiner armen Seele ermatten sah. So wird das Leben, das ganze Leben zu Einer dauernden Andacht, – deine ganze Zeit wird dem göttlichen Beruf, der Heimkehr zu Gott geweiht.

 18. Aber der zeitliche Beruf, wird er nicht beeinträchtigt?

 Gar nicht. Unter den Werken deiner Hände gedeiht nicht allein die inwendige Vorbereitung, sondern auch wohl das Gebet. Nur daß man zuweilen, am Feierabend, am Sonntag ganz unbeschäftigt mit Erdendingen zu dem Worte Gottes einkehre und dessen | Reichthum für die Werktage fasse. – Beten in Feierstunden, beten bei der Arbeit!

 19. Aber der irdische Beruf erfordert doch Aufmerken und Nachdenken. Beten und Arbeiten – ist das keine Theilung der Seele? Kann man auch an zweierlei Dinge zugleich denken?

 Es ist ein wunderliches Ding. Wenn man eine Creatur in geordneter Weise liebt, vergißt man sie eigentlich nie und vollbringt doch anderes ganz wohl, etwa gar aus Liebe zu ihr noch besser. Und wenn man Gott über alles liebt, so wird durch diese Liebe, dieses höchste Suchen Gottes alles andere zum Thun der Liebe, zum Suchen Gottes verklärt. Es hält nicht auf, es geht mit, es fördert oft. So kehrt sich die Seele zum irdischen Berufe, ohne dem himmlischen entwendet zu werden, – sie wandelt mit kräftigem Fuße durch’s Zeitliche, ohne das Ewige zu verlieren.

 20. Ach, man wird doch oft durch das Zeitliche abgezogen!

 Leider ja, man wird, aber man muß nicht; s’ist Sünde, wenn es geschieht. Und da wird ein Christenherz so unruhig, wenn die geheiligten, gereinigten Füße staubig werden! Da flieht man so eilig wieder zu seiner Ruhe. Der Irrende sucht dann die Heimath so sehnlich, – und je länger man lebt und seine Sünde und Schwachheit inne wird, desto mehr keimt und reift ein fröhliches Hoffen auf jene Ruhe, da man ruht von seinen Werken, wie Gott von den Seinigen. Ebr. 4.

 21. Lass’ uns zur Sache zurückkehren. Muß man denn vor jeder Andachtsübung durch die Vorbereitung gehen?

|  Man muß nicht blos, man kann gar nicht anders. Jedes Ding hat seinen unvermeidlichen Anfang zu nehmen, wenn es zum Ende kommen will. Kürzer – oder länger! das ist verschieden. Aber mit der Vesperzeit beginnt der Sabbath.

 22. Ich glaube, daß der Mensch den Vorsabbath suchen sollte. Aber ich glaube auch, behaupten zu müssen, daß der Vorsabbath gerade den Andachtsübungen des Sonntags am meisten abgeht. Ich sehe, wie meine Nachbarn, wenn die Kirchenzeit herankommmt, sich mühen, ihre Hausarbeit vor dem Läuten zu vollbringen. Zur Vorbereitung schreiten sie nicht. Auf’s Fertigwerden ist aller Sinn gerichtet. Dann geht man schwatzend zur Kirche, bleibt schwatzend vor der Thüre des HErrn und Seines Hauses stehen, geht auch wohl schwatzend hinein. Ich gestehe dir, daß dieser allgemeine Leichtsinn auch mich hie und da angesteckt hat. Wie manchmal bin auch ich zur Kirche gegangen, ohne nur an Vorbereitung zu denken.

 Und doch ist dieser Umstand ein Schlüssel zu dem Räthsel, warum in der Kirche so viel gesungen, gebetet, gepredigt, gesegnet wird, ohne daß eine sonderliche Frucht zu bemerken ist. Man schlägt den Vorsabbath todt, darum hat man keine Sabbathe.

 23. Und auch beim Hausgottesdienste habe ich denselben Mangel an Vorbereitung zu beklagen!

 Ach, was hätten wir nicht alles zu beklagen, zu | bekennen. Leider, daß wir oft selbst beim Hausgottesdienste so andachtlos wie das Gesinde stehen. Gott bessere uns!

 24. Ja, Gott bessere uns! Indeß, du wirst will ich hoffen, nicht blos zu klagen, du wirst auch eine Erfahrung haben, für welche du Gott danken, die du mir mittheilen darfst. Ich bitte dich daher, sage mir: Wie übst du in der eigentlichen Andacht die inwendigen Tugenden des Christenthums: Glaube, Liebe, Hoffnung etc.?

 Wenn ich nach geschehener Vorbereitung vor dem Angesichte meines Gottes stehe, so spreche ich zu Ihm inbrünstig: „Mein Gott, ich glaube an Dich“ – und verharre nun eine Zeit lang in der Uebung dieses Gedankens und meines Glaubens. Es scheint bei diesem Verharren nicht viel herauskommen zu können, aber die Erfahrung bezeugt es, daß viel dabei herauskommt. Zuversicht und Muth zu Gott werden erweckt.

 Ich spreche: „Mein Gott, ich liebe Dich“ – und verharre nun eine Zeit lang im Bekenntniß meiner Liebe und im geistlichen Schauen seiner Liebenswürdigkeit. Da erkenne ich zwar im Lichte, wie viel mir noch an völliger inniger Liebe fehlt, aber die Liebe Gottes fasse ich mit desto größerem Verlangen. Ich werde selber gespeis’t, getränkt von Seiner Liebe – und meine Liebe zu Ihm wächst.

 Ich spreche: „Mein Gott, ich hoffe auf Dich etc.“ Darauf gedenke ich aller Dinge, die ich fürchten könnte, und verharre ihnen gegenüber in dem Andenken an Gott, der meine Hoffnung, meine Hülfe ist. Da werde ich muthig und freudig und schreite getrost | der Zukunft entgegen. Es geht hiebei nicht mit vielen Worten, aber mit tiefer Fassung der Worte und Gedanken zu.

 So spreche ich auch vor dem Angesichte Gottes: „Mein Gott ich verwundere mich Dein, ich bete Dich an, ich lobe Dich, ich danke Dir.“ Dabei denke ich an Sein unaussprechliches, vollkommenes, heiliges Wesen, an Seine Wunder, an Seine Führungen, Sein Regiment, an alle Werke Seiner Hände, die meine Augen schauen, an alle Wohlthaten, die ich mit allen meinen Brüdern von Ihm empfange. Ich preise Ihn dafür mit innigen Dankseufzern und Lobsprüchen, wie mir Sein Geist verleiht. Erinnert Er mich an Lob- und Dankpsalmen, die ich gelernt habe, so preise ich auch mit diesen meinen Gott und erprobe und erfahre auf diese Weise deren Kraft. Ich spreche mit Sir. 50, 24.: „Nun danket alle Gott, der große Dinge thut an allen Enden, der uns von Mutterleibe an lebendig erhält und thut uns alles Gutes. Er gebe uns ein fröhlich Herz und verleihe immerdar Friede zu unsrer Zeit in Israel, und daß Seine Gnade stets bei uns bleibe, und erlöse uns, so lange wir leben.“ – So spreche ich auch mit David Ps. 103.: „Lobe den HErrn, meine Seele etc. etc.[“]

 Ich spreche zu Gott: „Mein Gott, ich seufze zu Dir'; ach, wende Dich in Gnaden zu mir etc.“ Hier trage ich Gott all mein Anliegen vor, es mag nun Leib oder Seele, Zeitliches oder Ewiges betreffen. Erinnert mich Sein Geist hiebei an etwa gelernte Gebete, Verse, Sprüche etc., so schicke ich auch diese mit herzlicher Begier, wie Pfeile der Sehnsucht, zu meinem Gott. Dazu habe ich sie ja gelernt, | daß ich sie in solchen Stunden gebrauche und ihrer froh werde.

 Ich spreche: „Mein Gott ich ergebe mich Dir mit Leib und Seele. Ich opfere mich ganz Dir und Deinem Dienste auf.“ Ich überlasse mich Dir, Deinem gnädigen Willen und Regieren mit Leib und Seele, zum Leben und zum Sterben. Was mein Gott will, das g’scheh allzeit etc. Was Gott thut, das ist wohlgethan etc.

 25. Ich danke dir und verstehe nun wohl, wie du’s meinst. Ich sehe auch, daß es erfahren seyn will und nicht blos überlegt. Aber sage mir: Du schickst in deinen Andachtsübungen Gebete, Verse, Sprüche, welche du gelernt hast, zu Gott auf. Wie ist’s nun, wenn einer dergleichen nicht gelernt hat? Du weißt, es war eine Zeit, da man in den Schulen und Kirchen nichts auswendig lernen ließ. Wer nun aus dieser Zeit stammt, der weiß gewiß nichts von auswendig gelernten Gebeten, Versen, Sprüchen.

 Ich denke, es wird keiner leicht zu alt, um Verse oder Sprüche, welche besonders kräftig sind, zu lernen. Wenn es aber auch nicht mehr möglich wäre, so bleibt man eben ohne Sprüche und Verse in der Uebung des inwendigen Lebens. – Du darfst auch wohl deine eigenen Worte und Seufzer mehrmals wiederholen – und wirst es schon nicht lassen können, wenn dir irgend ein Wort oder Seufzer so recht aus der Seele quillt. Jeden Falls ist bei andächtiger Uebung des inwendigen Lebens auch ohne Sprüche und Verse von langer Weile nichts zu fürchten.

|  26. Wie schließest du deine Andacht?

 Ich bleibe an meinem Gotte hangen und ruhe eine Zeit lang in heiliger, süßer Stille an dem liebreichen, getreuen Vaterherzen und in den Armen des HErrn. Da halte ich seligen Sabbath und schmecke, wie freundlich der HErr ist.

 27. Noch immer verstehe ich dich nicht völlig. Womit beschäftigt sich dein Geist in dieser Sabbathstille?

 Und ob ich dir’s schon mit mehr Worten sage, wirst du es besser verstehen, wenn du’s nicht erfährst? Es gibt ein tiefinniges Leben Gott verlobter Gemüther, das durchaus auf klaren, ewigen Gedanken ruht und eine Wirkung derselben ist, für welches man aber schwer solche Worte findet, die nicht mißverstanden werden können. Ich will’s jedoch versuchen, nimm’s mit meinen Worten nicht allzu genau. – In jener heiligen, stillen Ruhe lasse ich meinen Geist frei und ungebunden, jedoch dem Worte gemäß, auf dessen geringsten Tadel ich achte, – sich um Gott schwingen und schweben, wie sich der Mond um die Sonne schwingt. Das geschieht in Beschauung Seiner Herrlichkeit und Güte, in Lob und Dank, in der Uebung irgend einer von den Tugenden des inwendigen Lebens, die ich dir oben (Fr. 14) genannt habe. Oft geschieht es auch, daß mein Geist und Gemüth völlig stille wird und feiert. – Ich mag nun aber geistlich feiern oder mich bewegen, so ist es alles frei und ungezwungen, nur daß mein Herz in Lieb und Freude an Gott hangen bleibe und in Ihm die ewige Heimath genieße.

 28. Wie übt z. B. eine christliche Seele | diese Andacht beim Gebrauche des heiligen Abendmahls in der Kirche, wenn etwa die Communion etwas lange währt?
1. Ich seufze zu Gott um den Geist des Gebets und um Erleuchtung, dies hohe Sacrament würdiglich zu betrachten und zu genießen.
2. Ich wende meine Augen, Ohren und Gedanken von allem Irdischen ab,
3. und ruhe mit meinem Herzen in stiller Abgeschiedenheit von der Welt. Darauf wende ich mich
4. mit allen Kräften meiner Seele zu dem gegenwärtigen HErrn, meinem Gott, betrachte
5. inniglich, wie hoch mich Gott, der himmlische Vater geliebt, wie theuer mich der Sohn erlöset hat, wie gnadenreich mich der h. Geist mit dem Leibe und Blute Christi heiligt.
6. Darauf umfasse und umarme ich meinen gekreuzigten Heiland, freue mich Seines h. Leibes und theuern vergossenen Blutes und spreche:
7. „Mein Jesu, ich glaube an Dich! Du bist mein einiger Erlöser und das Heil meiner Seele. Mein Jesu, ich liebe Dich, ich hoffe auf Dich, ich verwundere mich Dein, ich lobe Dich, ich danke Dir, ich seufze zu Dir. Ach lass’ Deinen Leib, Dein Blut mir eine Speise des Lebens seyn.“ – Ich seufze: „Christe, Du Lamm Gottes“ etc., „O Lamm Gottes unschuldig“ etc., „Christi Blut und Gerechtigkeit“ etc., – Ich fahre fort: „Dir ergebe und opfere ich mich ganz auf mit Leib und Seele im Leben und Sterben. HErr JEsu, Dir | lebe ich. HErr JEsu, Dir sterbe ich. Ich überlasse mich Deinem Willen. Mache mit mir, was Du willst. Was mein Gott will, das gescheh allzeit“ etc. etc.

 In einer jeden solchen Andacht der Liebe, der Verwunderung etc. verharre ich, und übe mich eine Zeit lang, wiederhole auch wohl, wenn Zeit ist, solche meine Andachten. – So wird es dann je mehr und mehr Sabbath in meiner Seele, ich erfahre im Geiste die Kraft der genossenen Himmelsspeise. Wenn dann das Nachtmahl zu Ende geht, so schließe ich mit einem herzlichen, fröhlichen: „Danket dem HErrn“ etc. und „Halleluja.“

 29. Aber muß denn eine jede Andachtsübung eines Christenmenschen gerade die einzelnen Theile des Glaubens, der Liebe, der Hoffnung, des Lobes etc. haben, die du da in den von dir gegebenen Beispielen ausgeführt hast?

 Dieselben, alle, einige, einen, mehr, andere etc., wie es kommt, nur daß es Gaben und Tugenden des inwendigen neuen Lebens seien, die du übst, und daß nichts wider die h. Schrift geschehe. Denn diese ist auch eine Richterin aller unserer Andacht.

 30. Du hast oben (Fr. 28. Antw. 2) den Ausdruck gebraucht: „Ich wende meine Augen, Ohren und Gedanken von allem Irdischen ab.“ Demnach gäbe es auch äußerliche Veranstaltungen und Geberden, welche die Andacht fördern?

 Ohne Zweifel, – und sie sind nicht zu verachten. Die Augen, Ohren, Sinne sind, wenn sie zum Irdischen gerichtet sind, offene Thore für irdische Gedanken, | welche das Gebet stören. Es sind die Thore für von außen kommende Versuchungen geschlossen, wenn man bei’m Gebete die Sinne vom Irdischen abkehrt. – Jedoch will ich nicht behaupten, daß man nun gewisse Geberden, als z. B. das Schließen der Augen u. d. gl., annehmen müsse, um recht zu beten.

 31. Ich denke, man soll nichts verachten, was bei’m Beten die Abgeschiedenheit der Seele von weltlichen Gedanken fördert, denn die weltlichen Gedanken, welche uns im Beten stören, gehören zu den empfindlichsten, quälendsten Uebeln des inwendigen Lebens.

 Auch du, wie alle Beter, hast diese Erfahrung gemacht. Ich stimme dir ganz bei, wenn du sagst, man solle kein Mittel verachten, den fremden Gedanken zu entgehen. Ich glaube aber auch, daß man das einfachste Mittel, den fremden Gedanken zu begegnen, oft zum großen Nachtheil der Seele übergeht.

 32. Und was für eins wäre das?

Daß man ihrer nicht achtet. Ein Mann, der des Abends zur Heimath eilt, wird sich nicht damit abgeben, unter Wegs alle die kleinen, stechenden Mücken zu tödten, die sich im Sonnenstrahle vor seinem Angesichte tummeln. Er wird durchhin fahren und sein Ziel im Auge behalten, auch auf die Gefahr hin, daß ihn dann und wann ein solch Mückchen steche. Damit bleibt er gewiß am friedlichsten mit den Thierchen. Wenn hingegen einer nach ihnen schlagen und wider sie fechten würde, würden sie ihn nur desto mehr anfechten, und er würde nicht ohne Leiden sein Ziel erreichen. Gerade so ist es mit den fremden Gedanken beim Gebete. Sie | kommen, einmal mehr, das andere Mal weniger zahlreich. Achte ihrer nicht. Habe das Ziel im Auge, dringe hinzu, leide dich, sei stille. Wirst du das thun, so werden sie durch Gewöhnung die hindernde Kraft verlieren und im Fortgang deines Glaubens mehr und mehr wegbleiben. Wirst du es nicht thun, so wird der Satan, der oft dabei im Spiele ist, sich freuen, – du wirst bei jeder Andacht angefallen werden, wie von Mückenschwärmen, – du wirst dich müde kämpfen, zu keinem Gebete kommen und nach aller gehabten Plage Seelenschaden leiden.

 33. Sieht’s aber nicht wie Leichtsinn aus, wenn man um die Erzeugnisse des bösen Herzens so unbekümmert ist?

 Es sieht so aus; aber es ist kein Leichtsinn. Es ist für den Unerfahrenen und Ungeübten eine schwerere Sache, als dergleichen Gedanken mit Gram und Kummer nachhängen.

 34. Also die unnützen Gedanken verachten und immerzu beten?

 Ja bete, lerne recht beten, übe dich drinnen. Auch im Gebet macht Uebung den Meister. Bete ohne Unterlaß, insonderheit wenn du den Trieb des hl. Geistes zum Gebete in dir hast. Den übersieh und übergehe nie. Wo du auch seist, wann es auch sei, wenn du den Antrieb zum Gebete in dir merkst, so wende dich wenigstens in seufzender Andacht zu Gott.

 35. Vom Seufzen zu Gott hast du schon mehrmals gesprochen. Sollte denn wirklich eine Andacht, welche nur in kurzen Seufzern besteht, eine wahre Andacht seyn?

 Warum nicht? Auch eine wohlbereitete Seele bringt es oft zu nicht mehr als zum Seufzen. | Oft ist es die Schwachheit oder der Schmerz des Leibes, oder eine schwere Arbeit, oder eine große Traurigkeit der Seele, oder gar der kommende, nahende Tod, welche es zu keiner rechten, gewaltigen Andachtsübung kommen lassen. Da vertritt uns der heilige Geist, und es heißt alsdann: „HErr, vor dir ist alle meine Begierde und mein Seufzen ist Dir nicht verborgen.“ Ps. 38, 10. In solchen Fällen bewährt sich die Wahrheit des alten Sprüchwortes: „Stoßseufzer sind die besten Gebete.“ – Ueberdies ist auch mancher Mensch von Natur so einfältig und schwach an Geisteskräften, daß er’s zu mehr als zum Seufzen nicht bringt.

 36. Wie unterscheiden sich solche Gebetsseufzer von der Andacht eines Christen, wie sie oben beschrieben ist?

 Wie sich ein Blick vom stillen, steten Schauen unterscheidet. Es ist ein und derselbe Gott, welchen das geistige Auge des Beters und des Seufzenden schaut. Es ist ein und dasselbe Auge des Glaubens, welches beide zum Schauen haben. Es ist oft auch einerlei Wirkung auf das Gemüth, welche man durch Blicke und durch Schauen erfährt. Der Unterschied für den, welcher sich nicht blos aus Verdrossenheit zum Gebete mit bloßen Seufzern begnügt, allein in der Dauer und Zeit des Schauens; denn Seufzer zu Gott sind Blicke, Blicke aber sind kurzes Schauen. Die Seufzer nennt man deswegen göttliche Anblicke, weil unser Auge mit dem freundlichen Auge des HErrn nur kurz zusammentrifft; das Herzensgebet aber nennt man auch Beschauung, weil man im Anblick göttlicher Herrlichkeit verharrt und sich um Gott mit beständigerer Freude schwingt.

|  37. Was unterscheidest du nun bei der Seufzerandacht?
a. Das Loßreissen vom Zeitlichen und die Hinkehr der Seele zu Gott;
b. das sehnliche Verlangen nach Ihm;
c. das brünstige Forschen, Fragen und Ausschauen nach Ihm;
d. das Seufzen und Flehen zu Ihm, welches mir alleine übrig bleibt, wenn ich mehr nicht thun kann.

 Der 63. Psalm gibt Licht und Anleitung zu dieser Andacht des Seufzens:

 „Gott, Du bist mein Gott! a. Früh wache ich zu Dir. b. Es dürstet meine Seele nach Dir. Mein Fleisch verlangt nach Dir in einem trockenen und dürren Lande, da kein Wasser ist. c. Daselbst sehe ich nach Dir in Deinem Heiligthume, wollte gerne schauen Deine Macht und Ehre. Wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an Dich. d. Meine Seele hanget Dir an.“

 38. Wie mancherlei sind die Seufzer?

 Je nach der Beschaffenheit des Herzens, aus welchem sie emporsteigen, sind sie entweder Seufzer der Betrübniß oder der Freude, der Liebe, der Hoffnung, der Verwunderung etc.

 39. Wenn nun einer in der Seufzerandacht sich zu Gott naht, so muß er doch die Seufzer nur aus seinem Herzen nehmen. Die Seufzerandacht scheint also jedenfalls den Gebrauch eines Betbuchs nicht zuzulassen.

 Sofern einer seine Seufzer in Worte einkleiden kann, die er in einem Buche gelesen oder aus einem | Buche auswendig gelernt hat, schließt doch auch die Seufzerandacht den Gebrauch eines Buches nicht völlig aus.

 40. Wie soll man überhaupt beten, mit oder ohne Buch?

 Ohne Buch und mit dem Buch.

 41. Wenn einer allezeit nur ohne Buch beten wollte, würde er zu strafen seyn?

 Es gibt Leute, welche ohne Buch beten müssen, wenn überhaupt gebetet seyn soll, weil sie blind sind, oder nicht lesen können, oder im Finstern sitzen. Doch werden auch diese häufig auswendig gelernte Sprüche, Verse, Gebete in ihre Andacht einmischen – und dann beten sie eigentlich doch nicht ohne Buch. Denn Auswendig-Gelerntes beten und aus einem Buche beten ist doch im Grunde einerlei. – Ferner gibt es Zeiten, Leiden und Freuden, wo man über das Buch weg ist, wiewol auch da sehr oft Auswendiggelerntes aus dem Herzen dringt wie eigene Gedanken. Wenn aber einer allzeit ohne Buch beten wollte, so würde er am Ende verlernen, auch ein gutes Buch, auch die Psalmen, auch die heiligen Lieder und Gebete der Kirche mit Andacht und Seelenbefriedigung zu gebrauchen. Er würde, wie es heut zu Tage vielen geht, das Buchgebet als eitel Geplapper verwerfen, weil er keinen besseren Gebrauch des Buches kennt. Ja er würde, wie es gleichfalls vielen eigensinnigen Herzensbetern gegangen ist und geht, je länger je mehr in einem bestimmten Kreis von Worten und Gedanken seines eigenen Herzens gefangen werden und damit in Gefahr kommen, ohne Buch zu plappern und gedankenlos zu beten.

|  42. Setzen wir nun aber den umgekehrten Fall, daß einer allezeit nur aus dem Buche beten wollte, wie dann?

 Ein solcher Mensch unternähme das Unmögliche. Denn im Finstern, in Blindheit, in Schwachheit, in schwerer Arbeit und Anfechtung, in Todesnoth etc. ist’s mit den Büchern aus. Du siehst also, das geht nicht, weil man überall und allezeit beten soll, die Bücher aber nicht allezeit und überall zu haben und zu gebrauchen sind.

 43. Aber wenn einer den Entschluß faßte, seine gewöhnlichen Andachten, bei welchen er es in der Wahl hat, die Bücher zu gebrauchen oder nicht, blos aus dem Buch zu halten?

 So wird er es entweder (was doch selten vorkommen mag!) mit dem hartnäckigen Entschluß thun, kein Herzensgebet zuzulassen, und dann würde er, wenn er den Entschluß wirklich durchzuführen vermöchte, gewiß ein Plapperer werden. Oder er wird es ohne Arg thun, weil er nicht angeleitet und geübt ist, das Herzensgebet zu gebrauchen, oder weil ihm die freien Gebete anderer ärgerlich und störend wurden. In diesem Falle wird seine Seele durch Lesen zum Herzensgebete vorbereitet werden, es kann sogar kommen, daß er unvermerkt in das freie Herzensgebet eintritt.

 44. Wie wird das Buchgebet am besten benützt?

 Wenn man es versteht, sich zum Herzensgebete dadurch vorzubereiten oder es selbst zum Herzensgebet zu erheben. Dazu soll es auch benützt werden. Weder die Psalmen, noch ein anderes Gebetbuch sind im | Gegensatz zum Herzensgebete verabfaßt worden. Sie haben keine andere Absicht, als den Menschen zu lehren, was und wie er von Herzen beten soll.

 45. Wie kann aber das Buchgebet zum Herzensgebet vorbereiten?

 Wenn einer mit ernster Prüfung die heiligen Gedanken liest, welche ihm ein gutes Andachtsbuch darbietet, so kann er dabei ganz wohl zum Gebete vorbereitet werden, seine Seele von der Welt abwenden zum Himmlischen schicken, nach dem Herrn und dem Gespräch mit Ihm, verlangend werden. Hat doch selbst manches Buch, welches gar nicht zur Vorbereitung auf das Gebet geschrieben ist, oftmals die Wirkung, daß es zum Gebete stimmt. Warum sollte ein eigentliches Gebetbuch diese Wirkung nicht haben können?

 46. Aber eine andere Frage ist es, ob man aus einem Buche sich nicht blos zum Gebete vorbereiten, sondern wirklich beten könne?

 Wenn Betbücher auch nur zur Vorbereitung auf’s Gebet angewendet werden können, so wären sie alles Dankes werth. Aber man kann aus Betbüchern auch wirklich beten. Ich denke, für die Wahrheit dieser Behauptung spricht die Erfahrung von Jahrhunderten und Jahrtausenden. Die Psalmen sind uralte, geschriebene und gedruckte Gebete und niemand wird in Abrede stellen, daß sie allezeit ein Gebetbuch aller Heiligen gewesen seien. Und wie viele Lieder der Kirche wurden je und je von den verschiedenartigsten Menschen in großen Nöthen, wo das Plappern aufhört, mit größter Inbrunst gebetet!

 47. Du sagtest oben (Fr. 44.), aus Betbüchern | lerne man, was man beten solle. Ich meine, was ein jeder beten solle, wisse ohnehin ein jeder. Man bittet ganz natürlich um das, was man entweder selbst bedarf, oder was andere bedürfen.

 Es ist aber nicht so gar leicht, zu erkennen, was man bedarf. Bei uns armen Christen heißt es gar oft: „Wir wissen nicht, was wir bitten sollen.“ Oft glauben wir zu wissen, was uns gut und nöthig ist, der HErr aber spricht: „Ihr wisset nicht, was ihr bittet.“ Da dient uns ein Betbuch trefflich. Es enthält keine eigenwilligen Bitten, es bietet nichts dar, was unsrer unlautern Begier entspricht. Aber es zeigt uns in seinen Gebeten die wahren Bedürfnisse Leibes und der Seele, um die man bitten soll und für welche Gott Erhörung zugesagt hat. Wer darum ein Betbuch recht gebraucht, dem kann es zur Läuterung und Klärung seines Herzens und Gebetes dienen.

 48. Aber du sagtest auch, durch Betbücher lerne man, wie man beten solle. Es hat aber doch ein jeder seine Art, zu reden und zu beten.

 Die kann er auch behalten, wenn er frei von Herzen betet. So ist das wie gar nicht gemeint.

 49. Wie aber ist es gemeint?

 Nicht von den Worten, nicht vom Ausdruck, nicht von Länge und Kürze, sondern von den näheren Umständen der Erhörung, die man verlangt, z. B. von der Zeit, wann, dem Orte, wo, dem Maße, der Art und Weise, wie man erhört seyn will, – desgleichen von der Versicherung der Erhörung. Gibt es doch Menschen, die Gott vorschreiben, Er solle ihnen ein Pfand der Erhörung, eine unmittelbare | Anweisung zu ihrem Verhalten in schwierigen Fällen etc. zukommen lassen u. d. gl.

 50. Daß man Gott nicht Zeit, Ort und Weise der Erhörung vorschreiben soll, habe ich immer gehört. Aber ich habe mir auch immer gedacht, es gebe besonders begnadigte Beter, denen Gott auf heimlichen Wegen eine Antwort auf ihre Fragen und Bitten gebe. Ich habe diejenigen, welche sich solcher Antworten rühmten, immer mit Ehrfurcht angesehen. Du scheinst nach deinen letzten Worten anderer Meinung.

 Ich läugne nicht, sondern ich behaupte, daß Gott denen nahe ist, die Ihn anrufen, und daß ER ihnen durch Seinen hl. Geist Erinnerungen an göttliche Verheißungen und Aussprüche und dadurch Beruhigungen und andere Eindrücke schenken kann, welche in Beziehung auf das Gebet stehen, das man gethan hat. Ich glaube auch, daß der Allmächtige durch Fügungen und Schickungen dem Menschen eine deutliche Antwort auf das Gebet geben kann und gebe. Er kann auch auf Wunderwegen antworten. Aber diese Eindrücke, Erinnerungen, Fügungen, Schickungen und Wunderwege kann sich der betende Mensch nicht ausbedingen. Er kommt sonst in Gefahr, Gott zu versuchen und zu freveln. Es haben viele Menschen unmittelbar auf ihr Beten eintretende Umstände als göttliche Weisungen genommen, ohne sich und diese Umstände zu prüfen, – und zur Strafe ihres Fürwitzes und ihres Uebermuthes im Beten sind sie dann in groß Unglück gekommen.

 51. Ahne ich recht, so erkennst du auch im Ziehen und Stechen der Bibelsprüche, | welches manche bei zweifelhafter Wahl nach vorgängigem Gebete üben, kein Mittel, göttliche Antwort zu bekommen.

 Du ahnest ganz recht. Nichts berechtigt uns den Willen Gottes anders als durch geordnetes Lesen seines hl. Wortes zu erkennen. Mangelt dir’s in einem Falle an Licht, so geh zu einem erfahreneren Freunde, welcher dir anzeigen kann, in welchen Stellen der hl. Schrift für deine Dunkelheit Licht gegeben sey. Suche, forsche, lerne die heilige Schrift, so wird sie dich nicht im Stiche lassen. Statt zu beten, daß dir Gott durch einen dir begegnenden Spruch Antwort geben möge, bete lieber: „Oeffne mir die Augen, daß ich sehe die Wunder an Deinem Gesetze,“ – und lege dich dann auf’s Lesen und Forschen.

 52. Aber das ist oft lang und schwer, während es mit dem Bibelaufschlagen und Spruchziehen ganz kurz gethan ist!

 Ganz wohl! Aber drum ist auch das Bibelaufschlagen und Spruchziehen eine faule Kunst, ja eine böse Kunst, die wider das zweite Gebot streitet.

 53. Sagst du nicht zu viel?

 Vielleicht sage ich für den unter den sogenannten Erweckten üblichen Mißbrauch noch zu wenig.

 54. Und den Gebrauch des Looses. –

 Verwerfe ich in Fällen, für welche die Bibel sammt der Lebens-Weisheit frommer Christen keinen Rath mehr gibt, nicht ganz und gar. Wenn sich z. B. zwei Personen unter völlig gleichen Umständen um eine Wohlthat bewerben, die nun einmal nur einer haben kann; so finde ich, daß es der friedlichste und gerechteste Weg ist, das Loos zu | werfen. Denn der Friede ist oft dann gesichert, wenn kein Mensch zur Entscheidung beitrug. – In dergleichen Fällen gilt ohne Zweifel das Wort: „Das Loos stillet den Hader und scheidet zwischen den Mächtigen“ (Spr. 18, 18.); „es wird geworfen in den Schoos, aber es fällt, wie der Herr will.“ (Spr. 16, 33.) – In diesem Sinne wurde auch das Loos im Alten und Neuen Testamente vielfach gebraucht, aber freilich nie zum Fürwitz, nie zur Unterhaltung und nie aus Trägheit, von anderem Mißbrauch nicht zu reden.

 55. Lass’ uns zu angenehmeren Fragen zurückkehren und sage mir, wie man aus einem Betbuche recht beten lernen könne.

 Wähle dir ein gutes, nicht allzudickes Gebetbuch aus, dasselbe lerne zuerst nach seinem Bauriß, d. i. nach dem Inhaltsverzeichnisse, dann nach dem Inhalt selber genau kennen. Lies Gebet um Gebet, zunächst um es kennen zu lernen. Bezeichne dir dann die Gebete, welche für deine gegenwärtigen Verhältnisse am besten passen. Diese bringe dann vor Gott und prüfe sie vor Seinem Angesichte, d. i. versuche, dein Anliegen mit den gedruckten Worten vor dem HErrn auszusprechen, wie du es auch mit Worten der Psalmen etc. thust. Sprich nicht: da rede ich lieber mein Anliegen mit meinen Worten heraus. Du bist ja ungehindert – und wir reden jetzt nur davon, wie du aus Büchern beten lernen sollst. – Die Gebete, welche du also erprobt hast, werden dir gewiß Herzensgebete werden. – Bei Aenderung deiner Verhältnisse und Umstände wählst du andere passende Gebete. So fährst du fort, dein Gebetbuch (eben so | wie dein Liederbuch) zu gebrauchen, du wächsest auf diese Weise in dein Buch hinein und dein Buch wird dir nach seinem wahren Werthe bekannt. Je mehr du dein Betbuch kennen lernst, desto öfter und lieber wirst du dich der Worte bedienen, welche auch andere Kinder Gottes gebrauchen, – und der Gedanke mit manch anderem Bruder im Beten einmüthig und einhellig zu seyn, wird dir ein heiliges Vergnügen gewähren.

 56. Du billigst es also nicht, mancherlei Gebetbücher abwechselnd zu gebrauchen?

 Du magst mancherlei prüfen und die guten Gebete gebrauchen. Aber wenn du ein gutes Gebetbuch gefunden hast, wirst du es doch immer vorzugsweise gebrauchen. Es ist gerade so mit den Stuben in deinem Hause: du hast mehrere, aber in einer wohnst du. Es ist eben so mit den Freunden: du hast mehrere, aber unter ihnen ist ein Herzensfreund.

 57. Es kommt freilich sehr viel auf das Gebetbuch an, das man hat.

 Ich rathe dir zu einem Betbuche, das alte und kurze Gebete darbietet. Die neueren sind zu sehr gemacht und zu sehr aus vorübergehenden, des göttlichen, unveränderlichen Grundtons ermangelnden Stimmungen hervorgegangen, als daß sie sich zum täglichen Brote des geistlichen Lebens eigneten.

 58. Deine oben gegebene Anweisung zum Gebrauche der Betbücher ist sehr einfach.

 Verachte meine Anleitung nicht. Sei nicht zu träge, sie zu üben. Was gilt’s, nach einiger Erfahrung wirst du sagen, wie ich: „Ein Gebetbuch muß einem völlig bekannt, man muß darin zu Hause seyn, um wirklich daraus beten zu können. Aber wenn | man einmal in einem guten Betbuche zu Hause ist, so dient es trefflich zur Andacht.“ – Ich möchte dich jedoch auf einen besondern Nutzen der Gebetbücher aufmerksam machen.

 59. Ich höre, mein Freund!

 Ich meine den Nutzen der Gebetbücher bei dem Hausgottesdienste. Will einer im Hausgottesdienst das freie Gebet üben; so gehört viel dazu, wenn er nicht seine Bedürfnisse und Eigenheiten hervortreten lassen soll. Die meisten lassen sich ganz gehen und bewirken dadurch ein Einerlei des Gebetes, welches für andere um so störender und verletzender ist, weil es das allereigenste Einerlei des Beters ist, das man nicht allein hören, sondern auch für sein eigenes innerstes Anliegen vor Gott bekennen soll. Es sind auch die wenigsten Menschen so aufmerksam und fähig, daß sie hören, verstehen und gleich auch mitbeten können, was ein anderer vorbetet. Von den Gefahren des Betens vor menschlichen Zuhörern soll gar nicht einmal viel geredet, nur erinnert werden, daß dergleichen Vorbeter leicht eitel und hoffärtig werden, daß sie am Ende auch im Kämmerlein nicht mehr einsam mit Gott seyn können, weil es ihnen, so oft sie den Mund aufthun, immer ist, als hörten Menschen zu. – Alle diese Uebel fallen weg, wenn man ein ständiges Gebetbuch hat, das entweder alle Hausgenossen haben können oder doch durch den Gebrauch leicht kennen lernen. Ist ein solches Gebetbuch einmal einheimisch, so kommt es dann nur auf den Hausvater an, seine Familie zu rechter Andacht anzuleiten. Die Wahl der Gebete, für welche man den Grund angeben sollte, – ist kein so schweres Geschäft. Man kann sich auch | eingangsweise mit den Mitbetenden, wenn sie einmal zum Beten willig geworden sind, über das zu wählende Gebet besprechen und so auf eine ungesuchte Weise zur Andacht einlenken. Sie wissen dann, um was man betet, und die Worte kennen sie auch. Es ist dann leichter für sie, laut oder leise mitzubeten.

 60. Aber plappern können sie dann auch!

 Wohl, sie können, und wenn sie es thun, ist es schlimm. Aber habe keine bekannten und ständigen, keine wiederkehrenden, habe immer neue Gebete – und sieh zu, ob dann dein Gesinde nicht in eben so große Sünde und noch größeren Nachtheil geräth. Sieh in unsre Kirchen! Um dem Plappern zu begegnen, that man die stehenden und immer wiederkehrenden Gebete hinweg. Man führte eine große Abwechselung der zu lesenden Gebete ein. Was ist gewonnen? Kein Mensch plappert mehr in den Kirchen, aber – das Volk betet auch nicht mehr. Die neuen, mannigfaltigen Gebete und ihre Sprache sind dem größten Theile der Kirchgänger fast so unverständlich, als wenn sie lateinisch wären. Man gibt nicht auf sie Acht! Man steht in einem todteren Formendienste da, als sonst, da man bekannte Gebete plappern, aber doch auch beten konnte, wenn man wollte; man wartet nur das Amen ab, man hälte das Gebet für ganz überflüssig, die Predigt hat vollständig gesättigt. Die Möglichkeit eines seligen Zusammenbetens für Alle ist dahin, seitdem man die alten, bekannten ständigen Gebete hinwegthat. – Drum ist’s Jammerschade, zumal die alten Gebete kurz, wahr und unvergleichlich schöner sind, als die neuen zu seyn pflegen.

|  61. Aber ist’s nicht unnatürlich, aus dem Buche oder Auswendiggelerntes zu beten? Liest denn auch ein Kind seinem Vater die Bitte, die es gerade anbringen möchte, aus dem Buche ab? Oder lernt es die Bitte auswendig, um sie aufzusagen?

 Eine von den heut zu Tage gewöhnlichen Einwendungen, welche aber jeden Falls keinen größeren Werth hat, als den, daß sie weit verbreitet und von sehr Vielen nachgesagt ist. Eine Mutter lehrt das Kind gar oft Worte und Weise, wie es den Vater bitten soll, und es macht dann eine solche Bitte den Eindruck der Unkindlichkeit nicht. Im Gegentheil! Ob aber eine Mutter mündlich ihr Kind unterrichtet, wie es den Vater bittet, ob es ihm die Worte in’s Gedächtniß prägt, – oder ob die Mutter Kirche den großen Kindern, die nicht beten, nicht allezeit recht frei beten wohl aber lesen können, die Worte sichtbar, im Buche gibt: was ist da für ein Unterschied? Die Unkindlichkeit ist auf Seite derer, welche die Einwendung machen, zumal man Gott kein Gebet vorliest und nicht der pure Leser, sondern der gilt, welcher beten lernte, was er liest. Das Auge kann im Buche, das Herz muß vor Gott seyn. Was liegt am Auge, was am Buche, was daran, ob deine Worte ein anderer von dir, mit dir sagt, wenn du sie nur auch und zwar von Herzen sagst! – Möchtest du nur die alten Gebete recht im Geist und in der Wahrheit beten und so in die Glaubens- und Kirchengemeinschaft derer eintreten, die nun ohne Unterlaß vor Gottes Throne ewige Gebete beten.

 62. Aber die längst Verstorbenen beten | nicht mehr aus Büchern, brauchen auch nicht mehr die mühseligen Vorbereitungen, von denen du sprichst.

 Ganz wohl. Sie brauchen keine Bücher und keiner Vorbereitung, aber wir bedürfen beide, wenn wir auch keiner mühseligen Vorbereitung bedürfen. Sich zum Gebete bereiten, ist zunehmende Seligkeit – und ist für uns arme zerstreute Seelen ganz nöthig. Oder ist etwa auch die Vorbereitung zum Gebete unnatürlich, unkindlich?

 63. Etliche, die gerne ohne Aufenthalt vor den Vater treten, sagen es wenigstens.

 Aber mit Unrecht, zumal vor den himmlischen Vater auch der tritt, welcher sich vorbereitet. – Es widerspricht der herzigen Kindlichkeit eines Knaben nicht, wenn er sich, bevor er den Vater zu bitten, geht, besinnt, was und wie er bitten will, wenn er sich dazu mit kindlicher Furcht und Liebe bereitet. Eben so wenig ist es unnatürlich, wenn einer, der Gott bitten will, vorher mit sich – und wenn er mit anderen beten soll, auch mit diesen – Eins wird, was und wie zu bitten sei, und wie man vor Gott in rechter Bereitung erscheinen wolle. Lass’ dich, mein Freund, Gottes Schwätzer (denn so möchte ich die allzeit fertigen freien Beter und Vorbeter anderer nennen) nicht irre machen! Ich meines Theils bin so gar nicht der verächtlichen Meinung von der Vorbereitung zum Gebete, daß ich dir vielmehr noch eine vortreffliche Vorbereitung zum Gebete mittheilen möchte. – Versteh, ich läugne nicht, daß man manchmal sprungweise in’s Gebet kommt, aber der Sprung ist nicht keine, sondern nur eine kurze Vorbereitung zum Gebete. Daß ich aber kurze Vorbereitungen oben | ausdrücklich zugegeben habe, wird dir noch erinnerlich seyn.

 64. Da wir einmal so lange mit einander geredet haben, so bitte ich dich auch noch um Mittheilung der von dir angedeuteten weiteren Art der Vorbereitung zum Gebete.

 Es ist die, welche man vor Alters Andachts- oder Himmelsleiter nannte, weil sie so sehr zur Andacht fördert.

 65. Und was versteht man darunter?

 Den rechten, seligen Gebrauch des göttlichen Wortes, wie es in der hl. Schrift, oder auch in menschlichen Büchern, dem Catechismus etc. vorkommt.

 66. Ich gestehe dir, daß ich nun doch nicht weiß, was du meinst?

 Sieh, dieser selige Gebrauch der göttlichen Wahrheit besteht in drei Theilen: 1. in der Betrachtung, 2. in der Prüfung, 3. im Gebet. Man kann die Schrift schnell lesen und das hat seinen eigenen Vortheil und ist nöthig. Aber man soll auch jene drei Theile des seligen Gebrauchs der Schrift nicht verabsäumen. Es liegt viel daran! –

 67. Nun wohlan! Also wie übst du die Betrachtung?

a. Ich nehme vor mich einen bekannten Spruch, einen Liedervers, ein Stück aus dem Catechismus, ein Gebet etc. Ich lasse kein Wort unerwogen vorüber gehen, sondern bedenke und beherzige eines nach dem andern.
b. Damit ich desto tiefer und gründlicher in den Sinn und Verstand der vorgenommenen Worte | hineindringen möge, so wiederhole und überlege ich sie langsam, mit andächtiger Aufmerksamkeit etliche male, theile auch den Spruch in gewisse Fragen, frage nach allen Umständen (wer? was? wo? warum? etc.)[.]
c) Ich erinnere mich dabei aus der Schrift, dem Gesangbuch, dem Catechismus anderer Stellen, welche mit der vorgenommenen übereinstimmen und bewege auch diese in meinem Herzen.
d) Ich bedenke, was ich aus meinem Spruche, Verse etc. für eine Lehre, Vermahnung, Trost nehmen könne.

 68. Wie übst du die Prüfung?

 Ich frage, ob der Spruch auch mich angehe. Das sehe ich sonderlich daraus, wenn ich die Personen[2] ansehe, von welchen oder zu welchen der Spruch gesagt ist. Gehöre auch ich zu ihnen, so gehört der Spruch auch mir. Ich wende und deute ihn dann ganz auf mich, wie wenn er zu mir insonderheit gesprochen wäre. Alle Fragen, die ich bei der Betrachtung gethan habe, beantworte ich noch einmal mit Beziehung auf mich. Bin ich aber unter den Personen nicht, auf welche sich der Spruch bezieht, so ziehe ich ihn auch nicht auf mich. Und zwar, ist’s ein Trostspruch, so deute ich ihn nicht eher auf mich, als bis ich ein solcher Mensch geworden bin, welcher sich des Trostes annehmen kann. Ich fange deshalb sofort meine Besserung an, indem ich zu Gott um Gnade und Bekehrung seufze. Ist der | Spruch, der mich nicht angeht, ein Strafspruch, so danke ich zwar Gott, daß ER mich vor der gestraften Sünde behütet hat, bitte Ihn aber auch, Er wolle mich ferner behüten, meine andern Sünden und Schwachheiten mir gnädig vergeben. –

 69. Wie übst du das Gebet?

 Was ich bei Betrachtung und Prüfung gefunden habe, das fasse ich vor Gott in ein Gebet zusammen.

 70. Wie schreitest du dann aus dieser Vorbereitung zur Herzensandacht weiter?

 Die Tugenden des inwendigen Lebens, an welche der Spruch erinnert, benütze ich sogleich zur Herzensandacht, zu dem friedlichen, seligen Werke meines inwendigen Sabbaths. Die Sünden und Laster, welche bezeichnet werden, fasse ich in’s Auge, vermaledeie, verwerfe sie und bitte Gott, daß ich dies mehr und mehr von ganzem Herzen thun könne, und daß meine Seele von Lust und Liebe zu ihnen abgeschieden seyn und ruhen möge. So bin ich über die drei Stufen der Himmelsleiter zur vierten, d. i. durch die Vorbereitung zur wahren Herzensandacht gekommen. Und wenn ich nun durch geistliches Entfernen vom Bösen, durch Nahen zum Guten, durch die selige Bewegung meiner Seele im Herzensgebete gestärkt worden bin, so gehe ich hin an mein Tagwerk und übe auch äußerlich das Gute und hasse und lasse das Böse. –

 71. Eigentlich sagst du mir mit dieser von dir sogenannten Himmelsleiter nichts Neues. So sollte man immer die h. Schrift gebrauchen und sich durch sie zu Feierstunden des inwendigen Lebens zum Vorschmack des ewigen Lebens leiten lassen.

|  Freilich ist es nichts Neues. Aber wer gebraucht die h. Schrift so? Was ist leichter, als dies Betrachten, Prüfen, Beten – und was macht weiser, stärker, seliger im Guten? Wie wird man da die Kräfte der zukünftigen Welt inne, welche im Worte verborgen liegen! Wie wird da das Wort süßer denn Honig und Honigseim! – Die Sache ist nicht neu. Aber für viele Christen mag die Ausübung ganz neu seyn. Wollte Gott, daß diese Himmelsleiter, dieser Gebrauch des göttlichen Wortes allgemeiner, geübter und beliebter wäre! Man würde es an allen Orten und in allen Stücken spüren.

 72. Ich wünschte, du zeigtest mir an einem oder einigen Beispielen den Gebrauch der Himmelsleiter.

 Ich möchte dich doch für’s Erste zu eigenen Versuchen ermahnen. Vielleicht könnte ich dir später eine oder einige Betrachtungen, Prüfungen, Gebete vorlegen. Man lernt hier aus fremdem Beispiel mehr, wenn man durch Versuch und Erfahrung diejenigen Punkte gefunden hat, welche einem besonders schwer werden. – Die Uebung ist übrigens nach der dir gegebenen Anleitung ganz leicht.

 73. Nur um ein einziges Beispiel bitte ich dich. Wie wendest du etwa Betrachtung und Prüfung bei dem Spruche Joh. 3, 16.: „Also hat Gott die Welt geliebt“ etc. an?

 Fragen zur Betrachtung sind diese:

Wer hat die Welt geliebt? – Was hat Er geliebt? – Wie, wie sehr hat Er sie geliebt? – Was heißt: „Er gab seinen Sohn?“ – In welcher Absicht hat er seinen Sohn gegeben? – Was heißt: „verloren werden?“ – | Was heißt: „das ewige Leben haben?“ – Wer soll nicht verloren werden? – Was heißt: „an den Sohn glauben?“ – Wer unter denen, die an JEsum glauben, ist ausgenommen von der Verheißung des ewigen Lebens? – – Welche andere Sprüche stimmen mit diesem Spruche? etc.

 Bei der Prüfung kann man etwa sprechen:

Geht dieser Spruch auch dich an, o meine Seele? Er geht dich eines Theils an, weil du zur Welt gehörst, welche Gott so sehr geliebt hat. Also auch geht dich das herrliche „Also“ an. Also auch für dich ist der Sohn, – der Eingeborene – gegeben. Also auch du sollst nicht verloren gehen etc. – Aber du würdest doch verloren gehen, wenn du nicht zu den Gläubigen gehörtest. Die selige Verheißung des ewigen Lebens geht dich nicht an, wenn du nicht an JEsum Christum glaubst. Geht dich also der Spruch mit seiner seligen Verheißung wirklich an? Glaubst du? – Ist dein Glaube rechtschaffen? etc. –

 74. Aber ist das nicht eine pure Katechese?

 Ja, aber eine solche, bei welcher Lehrer und Schüler eine und dieselbe Person ist. Da klingen die Fragen ganz anders und die Antworten desgleichen. Das dringt mächtig vom Herzen und geht zum Herzen.

 75. Es kann aber doch auch pure Kopfsache seyn.

 Es kann, aber das ist dann Schuld der Menschen selbst, und dann ist’s freilich eine pure Schulmeisterei. Aber treib es nur mit rechtem Ernste, in abgeschiedener Stille, als einer der Gott sucht. Du wirst einen großen Segen finden. Auch muß ja nicht | gerade alles und alles gefragt seyn. Noch viel weniger muß alles in Fragen geschehen. Ich setzte nur Kürze halber die Fragen. Uebe dich und du wirst bald merken, daß bei der ganzen Sache eine selige Freiheit herrscht, alles ängstliche, sclavische Wesen verschwindet bald.

 76. Ich habe dich noch nicht gebeten, mir zu zeigen, wie man nach Betrachtung und Prüfung über Joh. 3, 16. alles im Gebet zusammenfasse.

 Du hast wohl gethan. Denn das braucht kein Muster, zumal im Beten noch weniger, als bei Betrachtung und Prüfung Aengstlichkeit obwalten soll.

 77. Du verweisest mich nun auf Uebung und Erfahrung? –

 Ganz und gar. Ein anderes Urtheil als das, welches aus Erfahrung hervorgeht, gilt hier nicht. – Geh hin, prüfe, erprobe, was du gelernt hast!




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Anzeige einiger wichtigerer Punkte.
(Die Zahlen deuten auf die Fragen.)




Alte Gebete. 57. 60.
Andacht. 4. 5.
Andachtsleiter ober Himmelsleiter. 64 ff.
Anleitung zum Gebrauch des Betbuchs. 55.
Auswendiggelerntes bei’m Gebete. 25.
Betbücher. 39 ff.
Fremde Gedanken bei’m Gebete. 31 ff.
Geberden. 30.
Gebet ohne Andacht. 4. 5.
Gebrauch der Betbücher. 55 ff.
Göttliche Anblicke. 36.
Göttliche Antworten. 49. 50.
Hausgottesdienst. 59. 60.
Kindlicher Gebrauch des Betbuchs. 61. 62.
Loos. 54.
Mangel an Andacht. 6.
Mangel des Vorsabbaths bei den Andachten in Kirche u. Haus. 22. 23
Notwendigkeit des Vorsabbaths. 21. 63.
Plappern. 60.
Schauen. 36.
Schnelle Andacht. 16.
Seelensabbath. 13 ff. 24. 26. 27. 29.
  „   „    bei’m heiligen Abendmahl. 28.
  „   „    ohne Vorsabbath. 17.
Seufzerandacht. 35 ff.
Vorsabbath. 7 ff.
Was man beten soll? 47.
Wie man beten soll? 49 ff.
Zeitliches wirkt auf die betende Seele. 18 ff.
Ziehkästchen. 51 ff.





  1. D. h.: „ich glaube“, verstehe: das Glaubensbekenntnis singen.
  2. Eben so kann man auch die Tugenden und Laster etc. erforschen, von denen die Rede ist, und sich prüfen, ob man sie an sich habe oder nicht etc.