Betrachtungen über das Hohepriesterliche Gebet

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Hermann von Bezzel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Betrachtungen über das Hohepriesterliche Gebet
Untertitel: Joh. 17
aus: Vorlage:none
Herausgeber:
Auflage: 4
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1924
Verlag: Buchhandlung der Diakonissenanstalt Neuendettelsau
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Neuendettelsau
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Hermann von Bezzel - Betrachtungen über das Hohepriesterliche Gebet.pdf
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


|
Betrachtungen
über das


Hohepriesterliche Gebet
Joh. 17
von


Hermann Bezzel



Vierte Auflage


1924

Buchhandlung der Diakonissenanstalt Neuendettelsau

000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000

|
Solches redete Jesus und hob seine Augen auf gen Himmel und sprach: Vater (Joh. 17, 1a).

 Die Stunde des Abschieds ist gekommen. Was Jesus, der in seinem ganzen Hause treue Hohepriester, gelitten und erstritten hat, überschaut und prüft er, damit der Rückblick ihn für die noch ausstehende Aufgabe stärke. Der ihm bis zu dieser Stunde durchgeholfen hat, wird ihn nicht verlassen; die Treue wird der Treue begegnen.

 In der Welt, die zu erlösen er gekommen ist, hat er die Angst erlitten; wohin er kam, trat sie ihm entgegen. Das Leid und die Not des Lebens, das stark sein sollte und Kraft begehrte und ohnmächtig dahinsiechte, die Gewalt der Versuchung, die Güter verspricht und kaum den Schein von ihnen gewährt, Unverstand und Mißverstand, daß man die lebendige Quelle verläßt, weil man bessere zu kennen glaubt, die aber erst mit vieler saurer Mühe gegraben werden müssen und dann versagen. Es ist allenthalben so viel Mühe, daß niemand es aussagen kann, Eitelkeit und Torheit, Rätsel um Rätsel in einer Zeit, die doch der Gott reines Herzens geschaffen hat, in dessen Licht man das Licht sehen kann. Diese Angst ist Jesu zu Herzen gegangen und hat es erfüllt und bewegt und wird es im Tode brechen. Dann wird sie nicht verschwinden, aber ihre Gewalt verlieren. Denn der Heilige Gottes, der sie durchlitten hat, ist ihr nicht unterlegen, sondern hat ihr den starken stillen Frieden entgegengestellt, den er von seinem Vater empfangen und in ihm bewahrt hat, den Kindern aus der Gewißheit, daß niemand und nichts ihn von der Liebe Gottes scheiden könne. Und je größer und heftiger die Angst auf ihn eindrang, desto mehr hat er sich in diesen heiligen Gottesfrieden geborgen, der ihn bei den Wogen und Stürmen des ungestümen Meeres ganz in Frieden schlafen läßt. Die Winde brausen und stoßen an das Haus, aber der in ihm wohnt, weiß es fest gegründet und sich gerettet. Denn er und der Vater sind eins. Nun soll es fortan so stehen, daß die Seinen, denen er die Angst getragen und den Frieden angeboten und gebracht hat, getrosten Mutes sein dürfen, weil er die Welt, aus der die Angst heraufsteigt, überwunden hat. Soviel und soweit sie sich der Welt ergeben und für sie leben, haben sie Angst, wenn sie aber an den Sieg Jesu gläubig und getrost sich halten, werden sie Frieden haben. Nun gibt es zwei Gewißheiten für alle Getreuen Jesu. Wo er nicht ist, da ist Angst, die entschwindet, wo er erscheint. Denn vor ihm flieht die Angst, und aus ihm kommt der Friede. Der die Sünde der Welt getragen hat, hat das, was Angst erweckt, überwunden und gibt den Frieden.

|  Solches redet Jesus ins Herz der Jünger bis auf diesen Tag, und die es hören, danken für diesen starken Trost. Wo die Angst sich regt, fliehen sie, um stark zu sein, in die Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, ihrem Herrn, in ihm erschienen und von ihm bezeugt. Dann aber richtet der Herr seine Augen ganz der Heimat zu, die er auf eine kleine Zeit verlassen hatte, der seine Liebe und ihr Werk gehört. Das erste Wort, das von ihm aufbehalten ist, war vom Vater. Je fremder alles um ihn war, desto mehr gedachte er des Vaters; als das Wort an ihn kam „vom suchenden und trauernden Vater“, Luk. 2, 48, erwachte die Erinnerung an den rechten Vater in der Heimat, dem er nachging und anhing, diente und lebte, litt und starb, zu dem er begehrte und der ihn erhörte. Vater ist auch das letzte Wort. Ohne den Vater wäre der Himmel ihm so leer wie die Erde, die er jetzt verlassen will, mit dem Vater war er auch auf ihr nicht allein. Nun soll der Vater Zeugnis geben, ob der Sohn wahr geredet und recht getan, die Welt überwunden und den Sieg behalten hat. Das Bekenntnis des Siegers genügt ihm nicht, es soll das Gebet des Sohnes dazu treten, daß der Vater das Werk ansehe und bewährt erfinde. Denn nur Er weiß, was Sieg und Vollendung, Reife und Abschluß bedeutet. Menschen sehen, was vor Augen ist und darum Jesu Werk unfertig, ja zerfallend. Da ist kein Glanz und Ruhm, sondern Abnahme und Niedergang. Aber wie das Wort des Glaubens den Sieg bekennt, so wird der wahrhaftige Gott den Sieg aussprechen mitten in der Finsternis und die Herzen der Mutlosen stärken: Weint nicht, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda.

 Deine Knechte wissen nur das eine Wort: Vater, auf dich schauen sie, daß du sie in der Angst tröstest und Freude hören lässest, wenn Angst nahe ist. Der du das Werk deines lieben Sohnes gnädig angesehen hast, bezeuge unsern Herzen seine Siege und deine Ehre ihren Kindern, daß der Feind nicht unser mächtig und die Verzagtheit in uns stark werde. Denn du bist unsre Stärke und unsre Hoffnung und in Jesu Christo unser wahrer Vater.


Vater, die Stunde ist hier, daß du deinen Sohn verklärest, auf daß dich dein Sohn auch verkläre.
 Die Ruhe des guten Gewissens läßt den Herrn nicht nur bitten, sondern fordern, wie im 24. Verse dieses Gebets noch deutlicher zutage tritt. Sonst hat er seine Stunde ganz in die Hand des Vaters gestellt und aus ihr genommen, ja von der weltvollendenden gesagt, daß er sie nicht wisse, jetzt zeigt er mit eigner Hand dem Vater die Stunde, weil er alles im Geiste vollbrachte und bald in Wirklichkeit vollbracht haben wird, was ihm der Vater aufgetragen hat. Die Stunde ist gekommen, so spricht der siegreiche Glaube, der alles vollbracht sieht, ja dann am meisten, wenn er am wenigsten sieht. Was sichtbar ist, bleibt Stückwerk, während die Vollendung so groß| ist, daß jetzt das Auge sie nicht überschauen und nur der Glaube in Demut sie fassen kann. In die friedlose Welt ist der Friede Jesu Christi, die Gnade Gottes, die durchheiligende und erfüllende Kraft des heiligen Geistes eingesenkt, so ist die Arbeit an ihr getan.
.
 Darum und damit ist die Stunde der Verklärung gekommen, die Niedrigkeit soll wieder in die Herrlichkeit und die Knechtsgestalt in die Majestät versetzt werden. Es ist geschehen, was der Vater befohlen hat. So soll auch geschehen, was der Vater verhieß. Darin aber besteht die Verklärung, daß die Treue zu Ehren komme als die größte Kraft im Himmel und auf Erden und der Gehorsam nicht als Knechteszwang, sondern die gottgefällige Freiwilligkeit und das Leiden als Segen erklärt und bestätigt werden. Bisher hat die Welt Treue als matte Gewohnheit verachtet, deren ein Mann sich schämen muß, und das Verlangen nach Neuem als das einzige gepflegt, was vor Stumpfheit behüte. Fortan soll sie sehen, daß es nichts Größeres gibt als Beharrlichkeit auf dem gottgewiesenen Wege, dessen Herrlichkeit dem sich auftut, der nicht in die Weite blickt, ob sie Freude bringe, noch zur Tiefe hinabsieht, ob nicht zu viel Leid in ihr sei, sondern einfach Schritt für Schritt geht und den Erfolg dem anheimstellt, der recht richtet. Wo ein zerstoßenes Rohr des Gärtners und der pflegenden Hand wartet und der unter die Mörder Gefallene nach Hilfe aufblickt, da kehrt die ihres Wegs gewisse Treue helfend und heilend ein. In der Gleichförmigkeit der Aufgaben, die doch durch Zeit und Ort und Art so verschieden sind, liegt ihre stille Herrlichkeit. Wer Abwechslung als Reiz des Lebens sieht, den flieht sie. Wer sie nicht begehrt, dem wird sie zur Stärkung und zur Erquickung. Denn über dem alten Weg ist die Gnade alle Morgen neu. Gehorsam ist knechtisch, so meint die Welt, die dabei ihrem Ich dient und von sich nicht los werden kann und an sich stirbt. Aber Jesus zeigt, und die Welt soll es wissen, daß in der Hingabe des Willens an den Höchsten ein Leben liegt, welches stärkt und stählt und verklärt. Wie viele Fragen, die das Herz beschweren und beunruhigen und jedem Einflusse unterwerfen, hat der, der den Gehorsam nicht kennt. Er weiß nicht, was der Wille Gottes ist, aber der Gehorsam kennt ihn durch die Übung und merkt in allem seines Gottes Spur. Es gibt sich hin, nicht weil er muß, sondern weil er es über sich gewonnen hat, und gibt alle seine Kräfte dem, der sie ihm lieh, einzig darüber froh, daß er zu den Gedanken Gottes stehen und ihre Verwirklichung finden darf. Ich bin gekommen zu tun, Gott, deinen Willen. Frei von sich sind sie auch frei in sich; und los von der Welt sind sie frei für deren Sorgen. Daß dabei Leiden einkehren, weiß der treue Diener Gottes; aber Leiden ist nicht Last, sondern Kraft. Er hält alle Gedanken auf das Eine gerichtet, lehrt auf die Heimlichkeiten merken, die aus der Erde entwurzeln und in die Heimat versetzen und Wolken der Nacht heraufziehen lassen, damit desto heller Gottes Sterne leuchten: Leiden ist nicht Verneinung,| sondern Kern des Lebens, innerste Willigkeit zu erkennen, was das Leben, ferne von Gott, bringt und bedeutet, und zu verkosten, was das Leben in Ihm ist: Freude, Frieden, Sonne und wahrhaftiges Glück.

 Wenn der himmlische Vater die Worte und Werte zu Ehren bringt, die der Sohn von der auf ihnen ruhenden Schmach befreit hat, – ei du frommer und getreuer Knecht, ich will dich über viel setzen, gehe ein zu deines Herrn Freude – und dem Gehorsamen den Namen über alle Namen gibt, dem alle Knie sich beugen und dem, der gelitten hat, die Krone des Lebens gibt, dann wird der Sohn verklärt. Ein Wunder in seinen stillen Leiden wird er in seiner Herrlichkeit das Wunder sein.

 Diese Verklärung aber will der Sohn nicht um seinetwillen, hat er doch kein Gefallen an ihm selber, sondern damit der Vater verherrlicht werde. Würde das Kreuz das letzte auf Erden sein und die himmlische Weisheit über diesem letzten schweigen, so würden Gottes Allmacht und Wahrheit nimmer geehrt. Denn er konnte dem nicht vom Tode aushelfen, der ihn in Ehren hatte, und sein Wort nicht einlösen, daß er an seinem Sohne Wohlgefallen habe. Nun aber der Sohn geehrt wird, ist die Gnade Gottes, sein Helfenwollen und sein Helfenkönnen zutage getreten. Das Licht der Sonne wird durch das verklärte Leben Jesu nicht gemindert, sondern erhöht. –

 Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachfolgen; denen zeigst du immer die rechte Stunde und mehrst ihnen Treue und Gehorsam zum Leiden und durch die Not. In ihrer Arbeit suchst du sie heim und am Feierabend erfreust du ihre Seele. Sie glauben, daß sie vergeblich arbeiten und du behältst alle ihre Mühe in deinem Gedächtnis. Sie gehen in banger Sorge, aber du tust ihnen den Weg zum Leben kund. Ihr Leben enteilt, aber ihr Name bleibt bei dir angeschrieben, der du in Jesu den Gehorsam als Ehre der Deinen gezeigt und gesegnet hast. –

 Treue des Bekenntnisses ist Leid für Jesum, den es meint und will. Aber sie ist Kraft aus der Höhe, vor der die Zweifel weichen und die Bedenken hinfallen. Diese Treue ist mit dem Leid verbunden, so lange Widersprechen sich erhebt, aber wer in Mut nicht abläßt, ist schon in der Tat der Beharrlichkeit selig, die ihn, durch die er verklärt.


Gleichwie du ihm Macht gegeben hast über alles Fleisch.

 Ohnmacht und Allmacht in Jesu Gnade und Erbarmung vereint. Denn alles Fleisch ist Gras und was von Fleisch geboren ist, teilt das Los der Vergänglichkeit, die unter der Last dieser Erkenntnis hilflos zusammenbricht. Du arbeitest, und es besteht nicht, du mühst dich ab, und es bleibt nicht: Deine Zeit vergeht in Unruhe, und sie erreicht nichts.

|  Und wer von der Arbeit ließe, um zum Genusse zu gelangen und die Last des Lebens über seiner Lust vergessen wollte, der würde bald gewahr, daß die Welt mit ihrer Lust vergeht. Es ist auch eitel und Jammer. „Alles Fleisch“, sagt der Herr aus der tiefen Erkenntnis von Erdenwesen und Menschenwerten in Rückblick auf alles Große, was geschehen ist, und im Ausblick auf das, was noch geschehen, soll, „bis an die Enden der Erde.“ Es ist das göttliche Erbarmen, das ihn so sprechen läßt, nicht nur das Wissen um das elende Leben und nicht allein das Gedächtnis daran, daß wir Staub sind. Denn er weiß, welche Not das Menschenherz erfüllt und bewegt und da er aller Dinge seinen Brüdern gleich geworden ist, hat er auch das Weh der Erfolglosigkeit getragen: ich dachte, ich brächte meine Zeit unnützlich zu.

 Und darum, weil die ewige Allmacht aus herzlicher Herablassung in die Ohnmacht eingegangen ist, und Fleisch ward, zu dem allem, was Jesus unter Fleisch und Leid versteht, eingekehrt ist, hat ihm Gott Macht über alles Fleisch gegeben, nicht es zu richten, denn es ist an sich und in sich wahrlich genug gerichtet, sondern es zu retten und zu trösten, aus der Trauer zu reißen und mit Freude zu erfüllen, indem er das heilige Geheimnis der Wiedergeburt die erleben läßt, die zu ihm flohen.

 Wie aber das „alles“ jedes Leben einschließt, ob es in äußerem Glanze oder in Nacht und Traum auch äußerlich hingebracht wird, so umfaßt das Erbarmen alle, die sein begehren. Da ist kein Schächer so verkehrt und verloren, daß nicht die Gnade in letzter Stunde zu ihm sich wende und auf ein verlorenes und verurteiltes Gestern ein gnadenvolles Heute folgen lassen könnte, in dessen stillem Glanze ein verlorenes Paradies sich öffnet und aus Vergebung, Leben und Seligkeit über wüstes Land hinströmt. Da ist kein Denker so hoch, daß ihn nicht das unausdenkbare Erbarmen entwaffnete und einladen könnte Kind zu werden, um Erbe zu sein. Da ist Saulus ein Lästerer, Verfolger und Schmäher, die Stunde von Damaskus erreicht ihn, und das heilige Also gibt seinem Leben den wahren Inhalt und den ewigen Wert.

 Macht über alles Fleisch in Christi Händen! Das ist die alle Seelsorge erfüllende Kraft und der alle ihre Angst beschämende Trost. Die unsrer Sünde und Schwachheit, unserer Fehlsamkeit und Lauheit befohlenen Seelen sind einer ewigen, alles umfassenden, niemanden ausschließenden, alle zu tragen bereiten und geschickten Gotteskraft anvertraut, die viel tausend Weisen hat und kennt, aus dem Tode zu retten. Sie kann die Trotzigen zerbrechen und ihrer mächtig werden, ein geringes Wort zu einer festen Burg machen, dahin Verzagte sich retten, kann dem Widerstand und dem Abfall wehren, Dämme aufwerfen und Wehren niederreißen, Tore auftun und zuschließen. Sie befiehlt dem Worte, daß es nicht leer zurückkomme, und wehrt dem Feinde, der es aufhalten will.

|  Aus dieser Kraft hat Jesus die Welt überwunden, in dieser Gabe will er jedem Kampfe beistehen, der gegen das Fleisch sich aufmacht und es sich ernst sein läßt, zu überwinden. Niemand ist in diesem Kampfe allein, denn mit ihm ist der, welcher ins Fleisch kam, um allen zu helfen, welche von ihm versucht werden.

 Du hast es gegeben, darum kann es niemand nehmen. Darum will auch der Sohn weiter geben. Wie oft klingt durch diese Abschiedsreden das Wort, in dem die größte Wohltat liegt, so daß der Apostel als eine Rede seines Herrn anführen kann: Geben ist seliger als nehmen.

 Der Vater gibt und wird nicht arm, der Sohn gibt und gibt sich nicht aus, die Jünger dürfen geben. Alles Geben macht reich, denn es hat Genuß der Freude am Besitze, der erst in seiner Größe erscheint, wenn er andre bereichert.


Auf daß er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.
 Wer aber sich Jesu erschließt, empfängt nicht nur Stärkung im Kampfe und Hilfe in dem, was ihn bedrängt, sondern die Kräfte, welche den Kampf immer mehr zurücktreten lassen und schließlich das ganze Leben zu einem wahrhaft des Lebens werten erheben. So schwer der Gedanke sein müßte, in fortwährendem Streite aussichtsloser Dauer die Kraft ohne Nutzen zu verzehren und zu zerreiben, so tröstlich ist die gewisse Zuversicht, daß jeder, den Gott an den Lebensfürsten gewiesen und der diesem seligen Zuge des Vaters zum Sohne sich geöffnet hat, ewiges Leben habe. Denn wo Jesus einkehrt, weil man ihn ruft, und ohne ihn nicht sein will und sein kann, da kommt ein Leben mit, das die Wahrheit von alle dem ist, was wir als Leben ahnen, Reinheit der Gedanken, die sich nimmer verklagen und entschuldigen müssen, sondern auf eines gerichtet sind, daß sie vor Gott bestehen und ganz in ihm und seiner Klarheit stehen möchten. Denn wo die Seele nur den einen Gedanken hat, daß sie vor und bei dem bleibe, der sie geschaffen und zu sich gezogen und für sich bestimmt, hat, da kehrt eine große, siegreiche und selige Kraft ein, die alles Widrige vertilgt und alles Kleinliche vertreibt. Die Seele ist in dem Gotte ihres Lebens frei geworden. So wird jede Äußerung ihres Lebens nicht Raub an ihm und Minderung, wie es die Sünde tut, sondern neue Stärkung und große Ermutigung. Was aus dem Leben von Gott und in ihm ausströmt, das strömt als Leben wieder zurück. Wie unbedeutend ist ein Wort, schneller verhallt als gesagt, und wie groß ist seine Wirksamkeit, wie bedeutsam seine Wirkung. Von der Hölle entzündet setzt es viel blühendes edles Leben in Gefahr, verdirbt und verheert, zerstört und hält auf. Es brennt in die Tiefe und entfacht dort die Glut der Leidenschaften, des Zorns und der Rache, der wilden Begehrlichkeit und des bittren Neides. Es schlägt in die Höhe und verheert manch hohes Glück.| Wenn es aber von dem Leben aus Gott beherrscht und erfüllt ist, bringt es Freude am Großen und Rechten in die Herzen hinein, in die Welt hinaus, heiligt es das öffentliche Leben und wäre es nur ein Zeugnis dagegen: Es ist nicht recht. – Es tröstet die Traurigen mit der Unmittelbarkeit der Gewißheit, daß Jesus unser Friede ist, und ermutigt die Verzagten durch das Bekenntnis der Tatsache und des Erlebnisses vom Siege des Herrn, es bezeugt den endlichen und ewigen Triumph des Heiligen allen Herzen, die um dessen Los bekümmert sind. Denn Jesus gibt aus seiner Kraft das Wort von ihm. So ganz von ihm erfüllt und stark in Christo geht das Wort nicht geduldet, nicht bedrängt und gedrückt, sondern voll guter Zuversicht durch die Welt, daß sie noch einmal ganz Gottes und Christi werde.

 Ewiges Leben ist Ruhen und Tun in gleichem Grade. Es ruht in der stillen und starken Gewißheit, daß wenn Gott für uns ist, niemand wider uns sein kann, und wirkt aus dieser alle Feinde verachtenden und zerstreuenden Zuversicht gegen alle Macht und Gewalt des Todes. Die Ruhe des Lebens ist Tat, und die Tat des Lebens Ruhe. Jene birgt sich in Gott, und diese bezeugt ihn durch ihre Gelassenheit.

 Welche Größe liegt in der Gabe Jesu, der allen alles gibt und nie verarmt. Ich gebe ihnen das ewige Leben, so spricht der, in welchem alle Fülle ist, der sich nie ausgibt und nie in die Sorge kommt, sich ausgeben zu müssen, der wie das Meer alles zurücknimmt, was er aussandte, alle Geschenke und alle mit ihnen Bedachten wieder zurückempfängt, nicht weil er sie braucht, sondern weil sie es wollen, um ihm danken zu können. Ich – ihnen: das sind die größten Gegensätze, die Heiligkeit und Sünde, Allmacht und Ohnmacht, Licht und Dunkel bezeichnen, einzig durch ein Wort zusammengeschlossen, das aus dem Meere des Reichtums in die Welt der Armut hinüberleitet: Ich gebe. Wie der Sohn alles vom Vater empfangen hat, um es zu geben, so darf jeder vom Sohne alles erwarten, der nicht vom Geben, sondern im Geben und durchs Geben lebt und seiner Gemeinde das Wort hinterlassen hat, daß Geben seliger sei als Nehmen. Reichtum für sich ist Armut durch sich. Aber die Armut für andere wird zum Reichtum im Eignen.

 Solche Grundwahrheiten der Ewigkeit vertragen es, eine kleine Weile verdüstert und verkürzt zu werden, treten hinter der grauen trüben Gegenwart zurück, ja sie erscheinen wie Unglaubhaftigkeiten.

 Aber dann treten sie licht und groß hervor. Ewiges Leben ist die Kraft, die Gabe, die Freude der Liebe, die nie aufhören kann. Denn in Gott wohnt es und von ihm kommt es, er aber ist die Liebe. Und diese Liebe verklärt den Sohn, dem und in dem sie sich gibt, und wird von ihm verklärt, der liebt, indem er leidet, und leidet, weil er liebt, der auch da gibt, wo die Empfänger die Gabe verschmähen, so lange er hoffen kann, daß sie doch zu ihr sich wenden.

 Wenn die Seele nur recht in dieser Gabe der Liebe und des| Lebens sich heimisch fühlen wollte, dann könnte nichts mehr sie betrüben. Ja, wenn sie nur darüber trauern wollte, daß sie so wenig noch von der Gabe Gottes in Christo lebt, dann würde diese Freude niemand von ihr nehmen.


Das ist aber das ewige Leben, daß sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum erkennen.

 Leben stammt aus der Liebe und zeugt von der Liebe und weckt sie. Ewiges Leben ist die Gabe der unablässig sich gleich bleibenden und keine, auch nicht die leiseste Veränderung und Trübung in sich aufkommen lassenden Liebe. Dieses unaufhörliche Leben der seligen Bewegung aus heiliger Stille und in ihr und wiederum zu ihr zeugt von der heiligen Liebe, und wo es wohnt und waltet, da weckt es Leben, das seine Kraft in sich bewahrt und je stärker wird, je mehr man sie beansprucht und verlangt.

 Ewiges Leben ist nicht nur ein zukünftiges Gut, ja nicht einmal in erster Linie der kommenden Zeit angehörig. Wer es jetzt, im Lande der Widersprüche und des Streites, auf der kalten und winterlichen Erde noch nicht hat, wird es späterhin nicht erlangen. Sein Jetzt unterscheidet sich von seinem Einst nur dadurch, daß dieses ohne Trübung und Störung voll in die Erscheinung des klaren Lichtes tritt, während jenes noch unter Schatten und Hüllen lebt und wirkt. Wer in der Welt des Kampfes nicht Lebensgaben hat und braucht, wird zu der Welt des Sieges nie gelangen.

 Das ewige Leben, Inbegriff alles Lebensgutes, hier Wahrheit, dort Wirklichkeit, hier Seligkeit auf Hoffnung, dort Seligkeit des Besitzes, steht darin, daß man Gott nicht verstandesmäßig erkennt – wer vermag dies, da sein Friede und sein ganzes Wesen alle Erkenntnis übersteigt und alle Begriffe hinter sich läßt? – sondern mit innigstem Vertrauen als den erfaßt, was er jedem sein will, höchstes Gut, reinstes Licht, reichste Gabe, als das einzige Ich, für das und auf das hin zu leben der Mühe wert ist. Erkennen ist liebend erfassen, wie sich der Müde ganz von der Frische des Waldes und seiner Stille, der Wanderer ganz von dem Frieden der Heimat umfangen läßt. Er kann nicht im einzelnen erklären noch stückweise feststellen, was ihn so froh macht. Die Waldes-, die Heimatsluft, die ihn umgibt, die er einatmet, ist Freude genug. Nur das verlangt Gott von dem, der sein genießt, daß er ganz sich von ihm erfüllen, antun, erfassen und umgeben läßt. Solche Erkenntnis, der Dank, der die Gnade einatmet, ist das Leben, das immer völliger wird, je näher die Seele der Quelle und dem kommt, der sie ihr erschloß.

 Der uns mit seinem Geiste erfaßt, mit seinem Troste erfüllt, in seinem Frieden bewahrt und erfreut, ist allein wahrhaftig des Namens wert, wie ihn Luther im großen Katechismus erklärt, daß von ihm alle gute Gabe herkomme, und er der Brunnquell aller| Güte ist. Götter ringsum, aber sie beschweren die Seele und lassen das Herz leer, sie verheißen und halten nicht, sie verlangen und geben nicht. Götter ringsum, die den fernen Blick täuschen, aber vor dem genauen nicht zu bleiben vermögen, lichte Gestalten, deren Schein betört, und deren Wesen zerstört.

 Du allein bist wahrhaftig gut. Denn in dir lebt die Seele, die an allem andren stirbt. Wenn jener einen großen Gedanken wünschte, davon er leben möge, du bist der einzige Gedanke, der das Herz erfüllen soll, die einzige Wirklichkeit, die es erfüllen kann.

 Ich aber sehe dein Wesen und seine Klarheit, vernehme dein Wort und seine Wahrheit, blicke in dein Herz und seine Güte durch den von dir gesandten Jesum, den du mit deinen Gaben gesalbt hast, so daß von seinem Antlitz die volle Klarheit erscheint.

 Er hat sich den Seinen ganz nahe getan, damit sie in seiner sehbaren und nicht unnahbaren Menschheit die Tugend und die Herrlichkeit des unsichtbaren Gottes erschauen möchten: denn wer ihn sieht, der sieht den Vater. Er ist als Jesus gesandt worden, ein Arzt der Schwachen, ein Helfer der Müden, ein Heiland der Verlassenen. Wie der Vater den hehren Gottesnamen erst durch sich zu rechten Ehren gebracht und alles Große und Gewaltige, Herrliche und Heilige, Gütige und Gnädige, was ein Menschenherz mit tiefster Sehnsucht wünscht, in sich verwirklicht und beschlossen, in sich dargestellt hat, so hat der viel gebrauchte Name Jesus erst in dem mit dem heiligen Geiste Gesalbten seine eigentliche Erfüllung gefunden.

 Zwar sind viele dieses Namens gewesen, dieweil sie der Tod nicht bleiben ließ. Aber der von Gott gesandte Jesus, der den heiligen Geist ohne Maßen empfangen hat, der mit dem Geist der Weisheit und Lindigkeit, mit dem Geiste des Gehorsams zum Tun und Leiden, mit dem ratsamen und hilfsbereiten Geiste erfüllt war, hat den Namen ganz nach allem, was man von ihm erwartet, zur Erfüllung gebracht. Er ist Helfer und Hilfe, Heiland und heilig, Arzt und Arznei.

 Ihn erkennen und in ihm den Vater, das ist eine Pflicht, die ein ganzes, auf Erden anhebendes und weit über sie ausgreifendes Leben beschäftigt, aber auch ein seliges Recht, das jede Stunde bereichert und von der Ewigkeit nicht ausgebraucht wird.

 Wir wissen vom ewigen Leben so wenig, daß uns vor seiner gähnenden Leere graut und vor seiner erhabenen Langweiligkeit, wie einer gemeint hat, Angst anwandelt. Hier zeigt Jesus, wie unübersehbar groß, wie unausschöpflich reich, in die Weite wie in die Höhe, in die Tiefe und Ferne gehend das Leben ist. Denn Leben ist Erleben. Wie aber kann das, was die Ewigkeit beschäftigt und aus ihr auf die Erde gereicht hat, von dem kurzen Leben der Erde ganz erfaßt werden!

 Um Ewigkeiten zu erleben, bedürfen wir ihrer, und, um in ihnen zu leben, muß unser Herz, Mut und Sinn ewig werden. Wahrlich,| wem Zeit wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit ist (Jakob Böhme), der ist befreit von allem Streit. Werden und Gewordensein, Anfang und Ausgang der Geschichte, Sein und Sosein des armen Menschen-Ich beschäftigt den ewigen Gott also, daß er diesen Armseligkeiten seinen eingeborenen Sohn gab. Und uns sollte nicht jede Stunde, da wir Armen mit diesem Wunder uns beschäftigen, zur Kraft und Freude der Ewigkeit werden? Wenn ein geringes Sein den ewigen Gott ganz beansprucht, wie könnte dieses Erdenleben ausreichen, um ihm gerecht zu werden?

 Nein, das ist ewiges, wirkliches, wahres Leben voll Gnade und Licht, voll Kraft und Reichtum, da die Seele nach dem fragt, der zuerst nach ihr fragte, und den sucht, der sie aus lauter Liebe gesucht und zu sich gezogen hat. Dann ist Zeit Vorwegnahme der Ewigkeit und diese ihre Erfüllung.

 Die Kleinlichkeiten und Ärmlichkeiten brauchen das Leben auf und geben ihm nichts, verdunkeln den Blick und verengen das Herz. Geistlich gesinnt sein ist Leben, irdisch gesinnt sein ist der Tod. Denn es ist die Freude an dem Vergänglichen ohne Ausblick auf das Bleibende und darum der Tod durch das Vergängliche.

 Aber mit dem Heimweh, das stark macht, die Gewißheit der Heimat verbinden, das ist Leben der Ewigkeit, die nichts klein erscheinen läßt, was wir für ihn tun sollen, bis das Größte und das Kleinste sich in der Größe der Ewigkeit verklärt geeinigt haben.


Ich habe dich verklärt auf Erden.

 Jesus hat um seiner selbst Verklärung gebeten, damit seine Krönung des Vaters Treue erweise, und seine Herrlichkeit des Vaters Größe verherrliche. Nun aber sieht er von dem über die Erde hinausgehenden Gebete, das in die Zukunft hinausweist, auf den Ertrag der Arbeit zurück. Welch wundersamer Glaube dessen, der klar in die Dinge sieht und wahr über sie spricht! Ich habe dich verklärt. Wie wenigen ist durch Jesu Dienst Gottes Wesen näher gebracht, Gottes Wille teurer gemacht worden! Etliche Fischer und Zöllner, einige geringe Frauen, die Hilfe suchten und den Helfer fanden: das war die Gemeinde, in deren Mitte Gottes Herrlichkeit groß geworden war. Eine arme Gemeinde und in ihr eine arme Herrlichkeit!

 Der Mensch sieht, was vor Augen ist, und mißt das Wesen der Dinge nach ihrer Erscheinung. Was in die Augen fällt, das allein ist ihm Erfolg, und verborgen bleibender Erfolg gilt ihm nichts. Aber Jesus weiß, was er der Erde getan und dadurch dem Vater zugebracht hat. Mit der leidenden und verwaisten Welt, die immer weiter von dem sich entfernt, der ihren Frieden und ihr Heil will, hat er Gott versöhnt und den über die Welt trauernden und erzürnten Herrn durch Darbringung seines Opfers in der Majestät seines schmerzlichen Zorns wie seiner verzeihenden und erlassenden Huld dargestellt.| Diese Tat der größten Treue, die das Verlorene sucht und es mit seinem Eigentümer durch das schwerste Opfer wieder vereinen will, hat den Himmel erschlossen und den Vater verklärt, wenn auch nur wenige beides sahen.

 Aber in die Erde war doch nach Stand und Wesen das Neue eingesenkt, die Opfergüte des Vaters, die Opferliebe des Sohnes. Es hatte eine kurze Weile das Weizenkorn zu neuem und ewigem Leben der Erde sich anvertraut, um der Anfang einer ewigen Ernte zu werden.

 So groß denkt Jesus Christus von dem Neuen, was er gebracht hat, von dessen Wachsfähigkeit und gewissen Zukunft, daß er die Verklärung des Vaters bei und in dem ersten Strahl der in seiner Menschwerdung aufgegangenen Gnadensonne erblickt. Nun wird diese Gnade langsam, mit vielem Aufhalt und unter schweren Kämpfen zwar, aber durch die ihr innewohnende Kraft gewiß das Alte überwinden und in die Macht der Sünde ihre Übermächtigkeit hineinstellen, in das Todesbereich die Lebensgewalt geben, daß überall und zu allen Zeiten und durch alles Leid hindurch in Wahrheit das Bekenntnis erschalle: Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

 Diese selige Hoffnungskraft Jesu soll seine Knechte an schweren Tagen der Verzagtheit, in der bittren Stunde der Verlassenheit, wenn all ihr Tun ohnmächtig und nichtig sich erweist, über sich selbst hinausheben: Ich habe verklärt, was fragt, klagt ihr, als ob ihr es müßtet, was vermeßt ihr euch, als ob ihr es könntet? Es ist alles geschehen und darum soll es werden: meinem Anfang wird Fortgang und Ausgang entsprechen. Was ist der Knecht unruhig, wenn der Herr, der alles übersieht, die Tiefen der Nacht und die Höhen des Lichts, getrost ist? Was sorgt der Mensch, wenn der Menschensohn die Sorge in Segen gewandelt hat? –

 Mit keinem Amte hat sich Christi persönliche Zusprache und Ermutigung so zusammengeschlossen als mit dem geistlichen, dem er in seine Reichsgedanken Einblick, in ihre endliche Verwirklichung Ausblick gewährt. Darum sollen und dürfen wir getrost sein und nicht verzagen, wenn die Nacht zu herrschen und die Herrlichkeit Gottes zu verbleichen und zu vergehen scheint.

 Das „Ich“ mußt du groß schreiben, – wie oft dringt dieses Lutherwort an die geängstete Seele. Und ist’s auch nur ein Stäublein. „Aus einem Stäublein hat Gott die Welt gemacht.“ Und die in dunklen Stunden von Luther oft beliebte Schrift: Vivit, er lebt – muß uns ins Herz leuchten.

 Weil und wenn Er lebt, so muß alles zu Ehren kommen, in dem, von dem, für das er lebt. Im Gehorsam lebt er vom Willen des Vaters für dessen Werk.

 „Jetzt hat alles sein Werkeltagskleid an. Aber es kommt die Zeit, wo alles sein Osterkleid und Pfingstkleid anlegen wird.“ Dann| wird alle Welt die Herrlichkeit Gottes sehen, an die jetzt seine Knechte treulich glauben.


Ich habe dich verklärt auf Erden und vollendet das Werk, das du mir gegeben hast, daß ich es tun sollte.

 Nur dadurch und weil Jesus die ihm gestellte Aufgabe erfüllt hat, das Werk vollendet, das ihm aufgetragen war, hat er den Vater verklärt, der im Gehorsam des Sohnes und in der Frucht dieses Gehorsams, was beides die Menschheit ihm verweigert hatte, sich fand.

 So winterlich die Erde vor dem Blick des scheidenden Heilands dalag, so fest hielt er an der Vollendung des Frühlings, den er gebracht hatte. So unübersehbar die Menge derer war, die sein Wort nicht erreicht hatte, wußte er doch, daß das Evangelium in der ganzen Welt so gewiß gepredigt werden müsse, daß, wenn die Menschen schweigen sollten, die Steine schreien müßten. Das Erlösungswerk ist vollendet. Ein übermächtiges Werk, viel zu groß, als daß es nicht den Widerspruch herausfordern mußte, aber auch viel zu gewaltig, als daß es ihn nicht besiegt hätte.

 In Wirklichkeit war nichts vollbracht, das Kreuz hatte der Werbearbeit ein hartes Ende bereitet, der Tod den Mund des getreuen Zeugen verschlossen. Glich er nicht dem Manne, der einen Turm hatte bauen wollen, ohne seine Kosten berechnet, dem Herzog, der Fehde ansagt, ohne seine Kräfte bemessen zu haben? War nicht die Stunde der Gottverlassenheit nahe vorhanden? Gingen nicht über diesen und andern harten Reden viele hinter sich und wandelten fortan nicht mehr mit Jesu? Verließen ihn, als er am Kreuze hing, nicht alle Jünger?

 So widerspricht der Augenschein dem Jesuswort, und die Wirklichkeit gibt ihm Recht. Aber das ist ja gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Christus Jesus kommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen. Und wiederum ist es ewig gewiß, daß die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

 Alles, was der Vater dem Sohne verheißen hat, Erniedrigung des Gehorsamen bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuze, die Einsamkeit, die ihn die Tiere des Feldes preisen ließ, die Versuchung, die immer wieder bei ihm einkehrte, das Leid, das seine Tage dunkel und die Nächte schwer machte, den Unverstand der wenigen Freunde, den Mißverstand der Jünger, den Hohn und Grimm des Feindes, den Zorn des Vaters, all das hat der Sohn getragen und den Kelch, den Gott mit Galle gefüllt hatte, zur Neige getrunken. Aber als du sprachst: Es ist vollbracht, hast du auch an mich gedacht, – auch für mich eine ewige Erlösung erfunden.

 Was fehlt dem Werke außer der noch ausstehenden Offenbarung und Herrlichkeit, außer der Erscheinung, wenn die Hüllen gefallen und die Decken weggetan sind?

|  So sieht die Menschheit zum ersten Male an Jesu Glaubenswerk auch die Glaubenskraft. Sein Werk der Erlösung, im Glauben an den Sieg des Gehorsams geschehen, ist in Kraft dieser Treue getan und wird als getan im Glauben angesehen. Bisher mußte ganz fertig dastehen, was der das Äußerliche sehende Mensch vollendet nennen sollte. Jetzt kann er lernen, daß all das fertig und sehr gut ist, was die Wahrheit so nennt und der Glaube so einschätzt. Denn nicht mit Unfertigem wird der Vater geehrt, der erst, als er das Werk der Schöpfung ausgeführt hatte, es sehr gut nannte, aber auch nicht mit dem rasch fertigen Werke, das mehr scheint als ist, sondern mit dem echten und gerechten, das alle Kräfte beansprucht, alle Anforderungen berücksichtigt und alle Hindernisse innerlich bestanden hat, deren äußerliche Wegnahme nur die letzte Probe auf Echtheit ist.


Und nun verkläre mich du, Vater, bei dir selbst mit der Klarheit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.

 Verklärung, nicht Erklärung des väterlichen Wortes, Willens und Wesens war das Werk des Sohnes. Verklärung erbittet er zum Lohn für sich, damit die Welt erkenne, daß er nur den Vater geliebt hat, wenn er für sie liebend litt, und nur getan hatte, was ihm der Vater befahl. Denn wie bei der vordeutenden Verklärung auf dem Berge, da die alttestamentlichen Glaubenszeugen über den Ausgang mit ihm redeten, den er in Jerusalem nehmen sollte, die väterliche Stimme ihm bezeugt, daß er ein geliebter, ja der Sohn des Wohlgefallens sei, so kann Jesus nichts höheres begehren als dieses Lob aus dem Munde des Vaters, ein Zeugnis der unbestechlichen irrtumlosen Wahrheit zu dem, den die Welt einen Toren und Verbrecher schalt, an dem selbst die wenigen Getreuen irre geworden waren.

 Rückkehr in das Leben der Klarheit zum Dank für die Heimkehr des Knechtes Gottes zum Vater: das wünscht jeder, und das gewährt dieser dem frommen und getreuen Knechte, der in seinem ganzen Hause und Amte treu war.

 Diese Klarheit, über welche keine Sünde verdunkelnd und kein Schatten verdüsternd hinzieht, ist nicht eine neue, in die der Sohn erst eindringen, an die er Auge und Herz erst gewöhnen müßte. Die Bitte um sie ist nicht aus der Begierde nach Neuem, Größerem und Reicherem erflossen. Der von Herzen Demütige begehrt nur den alten Stand „Gott, bei dir“. –

 Denn wo Gott ist, in seiner seligen Fülle, da ist Freude die Fülle und zu seiner Rechten liebliches Wesen für alle Zeit. Bei Gott, ganz wieder in seiner Nähe sein, ohne durch die Trübungen der Sünde und die Wolken des Irrtums sein Antlitz erst suchen zu müssen, vor Gott sein, ohne durch Trennung und Furcht vor ihr sehen zu müssen, sondern ungestört vor ihm stehen, in Gott und mit ihm sein – das erbittet der scheidende Herr, wenn er die alte Klarheit ersehnt.

|  Ehe die Welt vor Gott war, ja ehe der Gedanke an sie in ihm lebte, war der Sohn allezeit bei ihm. Und so will er, wenn er nun die Welt verläßt, das alte Leben, bereichert nur durch die Erfahrungen in ihr und aus ihr. Was wäre dem Sohne eine Herrlichkeit ferne von dem Vater? Was bedeutet ihm alle Ehre der Welt, los von Gott? Wie könnte ihm der Dank aller Erlösten einen Willkommengruß des Vaters aufwiegen?

 „Wenn ich nur dich habe“ das Wort des alttestamentlichen Gebets ist in seiner Vollendung im Herzen und auf den Lippen Jesu, der die Welt verläßt, um zum Vater zu gehen. Heimat, Herrlichkeit und Heiligkeit, alles, was groß und schön und wahr und teuer ist, faßt sich ihm in das eine Wort zusammen: bei dir.

 Wir dürfen ja mit unsren Wünschen nie an die des heiligen Gottessohnes uns angleichen, und doch geht aus dem zu Gott und für ihn geschaffenen Herzen, das schließlich ein Gedanke Gottes und dessen einziger Gedanke Gott ist, die flehentliche Bitte empor, bei ihm zu sein.

 Die Einzelwünsche, die Sonderanliegen, die Menge der Sorgen und die Not der Sünden, der Verfehlungen und Versäumnisse – alle Bitte um Vergebung und alle Reue klingen in der Bitte zusammen, nicht ohne Gott das Leben auf Erden enden, in der Vollendungszeit anheben zu müssen.

 „Verkläre mich bei dir!“ Eine kurze und doch die alles umschließende Bitte des enteilenden Lebens, das Verlangen nach seinem wahren und bleibenden Werte.

 Mit dieser Bitte um Herrlichkeit in der Heimat beschließt der Hohepriester das kurze Gebet für sich und seine Anliegen, endet der getreue Haushalter und Herr über Gottes Geheimnisse seine Rechenschaft. Der Gehorsam hat alles vollbracht, die Liebe alles gelitten, die Sehnsucht nur Eines und in diesem Einen alles erbeten: dem Heimweh die Heimat, dem Dienste den Dank als Antwort auf seine Völligkeit.


Ich habe deinen Namen offenbart den Menschen, die du mir von der Welt gegeben hast.

 Nun beginnt das Gebet der hohepriesterlichen Fürsprache, die Nächsten wie die Fernsten, die Herbeigebrachten und die Herbeizubringenden umfassend, ein Gebet, das Gottes Herz erreicht und erweicht, aber auch erstürmt, mehr ein Handeln mit dem Vater, weit hinaus über jenes Markten des gläubigen Abraham, eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ungezweifelte Überzeugtheit von dem, das Jesus nicht sieht.

 Das Gebet berücksichtigt mit wenigen Worten alle Verhältnisse der Seinen, die gegenwärtigen, ihr Werden und Heranreifen aus vergangenen und vergebenen, die zukünftigen, wie sie überall hinaus| greifen und reichen zu den Höhen der Ewigkeit. Immer mehr tritt das Tun des Herrn vor dem Los der Seinen, besser noch die Person des Herrn vor den Seinen zurück.

 Wie Großes ist an ihnen geschehen! Menschen, deren Augen stumpf und deren Sinne verblendet sind, die sich der Täuschung anheimgegeben und dem Irrtum gedient haben, zerstreuten und vergeßlichen Menschen, in deren Herzen so wenig hastete, hat Jesus, weil er sie von seinem Vater zugewiesen erhalten hatte, den Namen Gottes geoffenbart. Was und so oft er mit ihnen sprach, so ging die Rede auf den Vater. Seine Größe und Herrlichkeit, seine Gerechtigkeit und Heiligkeit, seinen verborgenen Rat und Willen offenbart er den Seinen, die gleichwohl gedankenarm bitten konnten: Zeige uns den Vater!

 Der Name des Vaters war ihnen ja von Jugend auf bekannt. Wohl achtmal nennt ihn das Alte Testament so und weist in Vergleichen auf das väterliche Tun hin. Und mit welchem Ernste ward dieser Name umhegt!

 Aber je mehr er geschützt ward, desto mehr verlor er an Wärme, was er an äußerer Weihe gewann. Ein erstarrtes Gleichnis, ein toter Begriff war aus dem lebensvollsten Vaternamen geworden! Da hat Jesus die Seinen in die Tiefe des Namens Gottes eingeführt als in den wundersamen Lebenskreis und den wonnesamen Lebensgehalt dessen, den wir im großen Gebete „nicht als Hochgeborne, aber als Wiedergeborne“ unsren Vater nennen, „Das ist gar eine freundliche, süße, tiefe und herzliche Rede“ (Luther). Und seitdem klingt über hundertmal der Vatername durchs Neue Testament.

 Die Menschen, deren Sinn nach dem Ewigen steht, erhalten immer wieder die Offenbarung, die froh und frei macht, daß über ihnen kein launisches, willkürliches Ungefähr ziellos und zwecklos schaltet, noch ein ehernes kaltes Ungetüm über ihnen ragt, das sie unter seinen Rädern mitleidslos begräbt, sondern der waltet, von dem alle Vatertreue, die das Erdenelend verklärt, ihr Urbild und Vorbild empfängt, der rechte Vater, weil der Vater unsers Herren Jesu Christi.

 So fällt mitten in die Welt ein heller Schein, und durch alle Irrwege leuchtet ein klarer Stern, durch alle Mißklänge und durch das Geläut der Sterbeglocken tönt und dringt das teure Vaterwort. Mitten in der Welt sind Menschen ihr fremd, werden von ihrer Sprache nimmer angelockt, von ihren Interessen nimmer bestimmt noch beherrscht, sondern tragen nur Eines im Herzen, daß sie nicht von der Welt sein möchten.

 „Aus der Welt gegeben.“ Was ist größer und köstlicher für den Menschen als diese selige Auswahl nicht der ewigen Vorherbestimmung, sondern der göttlichen Zustimmung zum Wollen des Menschen? Es sind nicht Große, aber zu Größtem berufen, nicht Edle, aber mit Edelstem bedacht, nicht Gelehrte und Begabte, aber zum| Himmelreich tüchtig, also daß der Seinen Bitte immer dahingeht: Nimm mich mir, nimm mir, was mich trennt von dir, gib mir, was mich führt zu dir. Dann will ich der Welt trotzen und ihr dadurch dienen, sie verleugnen, und dadurch lieben, sie meiden und also für sie sorgen.


Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort behalten.

 Dein waren sie. Auf Grund der natürlichen Herkunft, die auch in den menschlichen Potenzen und neben ihnen göttlicher Art ist, gehörten die Jünger Jesu dem Vater an, der sie nicht aus seiner Hand läßt und nicht aus den Augen verliert. Das ist ein gnadenvoller Einblick in Geheimnisse, von denen unser Leben abhängt. Nun wissen wir aus dem Munde des Wahrhaftigen, wie enge schon die Schöpfungstatsache das Einzelleben an Gott bindet. Je einfacher diese Wahrheit ist, desto leichter entschwindet sie dem, der die Grundlagen des Innenlebens vergessend immer über den tiefsten Geheimnissen sinnt.

 So steht es fest und bleibt gewiß, daß der Mensch Gottes ist von, ja vor dem Tage, da er das Licht der Welt erblickte.

 Aber freilich, auf solchen Grundlagen bauen sich die innigeren Beziehungen auf. Der die Seinen nicht wie die Fische im Meere gehen läßt, hat mit jeder Menschenseele bestimmte Gedanken, wo sie dem Ganzen und in ihm dienen sollen, daß sie Lücken ausfüllen, die Gott um ihretwillen aufgetan hat, und Pflichten erfüllen, die niemand einlösen kann als eben der, dem sie zugewiesen sind.

 So hat jeder Mensch einen Kreis, den er vorfindet, und ist bestimmt, einen neuen zu bilden. Wie arm war der Kreis, in den Gott einen Matthäus hat hineingeboren werden lassen, wie mächtig und gewaltig sind die Kreise, die er durch sein Evangelium über die ganze Welt gezogen hat. Sie waren dein nach dem Schöpfungsbestand und nach den Gedanken deiner Regierung. Und nun hast du sie mir gegeben. Also benennt Jesus seine Jünger; sie sind Gaben von Gott, anvertraute Güter, die der Vater dem Sohne befohlen und geliehen hat. Über jeden einzelnen der Seinen geht des Vaters Wille, Wunsch und Wort an den Sohn; mache ihn frei, daß er mir ganz gehöre, nimm seine Sünde auf dich, daß ich mich ganz in ihm finde, löse ihn ganz von sich und binde ihn ganz an mich.

 Wie groß ist nach vollbrachter Mühe und Arbeit der Dank des Sohnes an den treuen Vater, der Dank aber ist überwältigend und beschämend für die, um deren willen er ausgesprochen wird. Nicht für das Geleite der Engel noch für den Dienst der Heiligen dankt der Sohn, sondern für uns Arme, die der Vater ihm gegönnt hat; so gedenkt er nicht mehr der Angst um der Freude willen, daß Gottes Kinder und Gaben, auch mißratene und verderbte, ihm zugewiesen| waren. Wenn nur der Sohn weiß, daß der Vater ihn an die Aufgabe und diese an ihn wies, dann ist alles Schwere überwunden, vergeben und vergessen. Sie waren dein, darum sind sie mit wert, und sie sind mein, darum seien sie dir teuer.

 Denn sie haben dein Wort behalten, das Gebot mit Zittern und in viel Untreue, die Verheißung mit Sehnen und hoffender Geduld durch viele Irrung. Sie haben das Wort oft nicht nach Gebühr geschätzt, nicht ihre höchste ja einzige Freude sein lassen, aber sie haben es im tiefsten Herzensschrein bewahrt und durch Sünde und Schuld durchgerettet. Wenn sie es aber bewahrten, dann erschien ihnen das Gebot so starr und die Verheißung so fern: in ihrem Leben stritt das Gesetz der Sünde mit der Hoffnung des Lebens, jenes drohte ihnen den, dem sie von Gott gegeben waren, zu verdunkeln, als ob er ein neuer Gesetzgeber und schreckhafter Tyrann wäre, diese drohte zu ersterben, weil der Verheißene so lange ausblieb.

 Aber trotz allem blieben sie beim Worte, weil sie wußten, dieses allein sei das Band, mit dem Gott an ihr Leid sich gebunden und ihre Gebete an sich gefesselt habe.

 Darum ist es das feinste Zeugnis, das der scheidende Herzenskündiger den Seinen geben kann, daß sie den Schatz des Wortes nicht preisgaben und in dem einen Stücke dem gleich waren, der seinen Gehorsam auf das urkundliche „Es steht geschrieben“ gegründet und wider alle Anfechtungen dadurch gestählt und gestärkt hat. In seinen Mund hat Gott das Wort gelegt, also daß er ihm zur Lebensspeise und zum Inhalt seines Denkens und zum Gegenstand seines Zeugnisses wurde: Meine Rede ist nicht mein.

 Daran aber wird die Jüngerschaft erkannt, daß sie den Geber und seine Gabe und diese um des Gebers willen erfaßt und bewahrt. Die Seinen erkennt Gott an der Treue zu ihm und dem, was in ihm und von ihm ist. Letztlich heißt Bewahrung des Wortes Glaube an Jesum, Innigkeit mit ihm, und seine Folge ist Einheit des Vaters mit dem Sohne im Herzen des Jüngers.


Nun wissen sie, daß alles, was du mir gegeben hast, sei von dir.

 Dieses gewaltige Neue ist die Frucht der Treue und ihr sehr großer Lohn. Weil sie das Wort bewahrt haben, wider alle Zweifel und trotz aller Schwachheit sich auf das Wort bezogen und an seine gewaltige Kraft sich hielten, ist ihnen ein unerschütterliches Vertrauen zu dem Worte beschert und die Erkenntnis geschenkt worden um welche Könige und Propheten sie beneiden, die aber dem einfachsten Gläubigen nicht vorenthalten wird, daß alles, was der Vater dem Sohne gegeben hat, wirklich auch vom Vater stammt.

 Wie oft kommt die Seele das Bedenken an, ob dieses Wort Jesu wirklich noch zeitgemäß sei, ob es nicht vielmehr nur aus den Verhältnissen verstanden werden müsse, in denen es gesprochen ward.| Nun aber weiß sie, daß ihr nie weggeworfenes Vertrauen, die größte Voraussetzung, die der Mensch dem Worte gegenüber haben kann und muß, seine große Belohnung hat. Nun hat sie durch ihre Treue, mit der sie alle Fragen niederschlug und in „erwogenem“ Glauben bestand, eine feste gewisse Zuversicht erhalten, daß jedes Wort Jesu göttlich klar, fest und treu sei, ohne Abzug zu nehmen, ohne Einschränkung zu verstehen, für jede Zeit gültig und für alle Verhältnisse diensam, aber auch verbindlich, weil es aus der Ewigkeit, die Zeit und Zeitliches überdauert und aus der über den Wandel der Dinge erhabenen Fehllosigkeit stammt.

 Nicht nur aber die Worte Jesu sind dem Vertrauen als göttlichen Gehaltes teilhaftig und voll gewiß geworden, sondern alle seine Kräfte und Zeichen, Taten und Zeugnisse: alles, was ihm der Vater gegeben hat, will und kann, soll und darf seinen Ursprung nicht verleugnen und wiederum will Gott zu ihm sich bekennen. Ob Jesus das scheinbar geringste Zeichen tat, als er Wasser zu Wein erhob und mit Erdenspeise die Hungernden sättigte oder ob er Sünde vergab und Schächern verzieh – Alles erweist und bewährt seinen Ursprung von dem heiligen und allmächtigen Gott. Jesus tut nichts aus Eigenem, ob er’s gleich könnte, sondern was er sieht den Vater tun, dasselbige tut gleich auch der Sohn (Joh. 5, 19). Wie und was der Vater wirkt, so wirkt der Sohn, eins mit dem Vater und frei in ihm.

 Diese Erkenntnis bildet den reichsten Ertrag eines Jüngerlebens. Es tut Einblicke in die geheimnisvollen Zusammenhänge, die alle ihm zugute kommen und stärkt sich selbst durch solche Blicke. Des Vaters Wille – das Wirken des Sohnes, das Werk des Sohnes – die Kraft des Vaters, und all dieses für ein Menschenleben!

 Nun also ist ihnen Jesus göttliche Autorität geworden, wert geglaubt zu werden und alles Gehorsams würdig. Was er euch sagt, das tut.

 Jünger sind Knechte nach seinem Entscheid, Freunde Jesu durch diesen Entscheid, ihm zugetan, weil er sie in sein Leben einschauen ließ und ihr Leben ganz ertrug.

 Wie groß ist die Wechselwirkung von Gehorsam und Glauben! Beides erfordert einander, eines ist der Lohn des andern. Wer glaubt, gehorcht leicht. Wer gehorcht, der glaubt immer froher. So ist das „Nun“ in Jesu Munde für jede Seele, der es gilt, Wendepunkt ihrer Geschichte.


Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben; und sie habens angenommen und erkannt wahrhaftig, daß ich von dir ausgegangen bin, und glauben, daß du mich gesandt hast.
 Zwei Lobsprüche des Wahrhaftigen schmücken die Jüngergemeinde (vgl. Offb. 3, 8), daß sie das Wort annahm und bewahrte. Weit entfernt gegen das Wort Jesu Mißtrauen zu hegen, weil es ein| ihm gegebenes, nicht ein originäres war, haben sie eben um seiner Herkunft willen dem Worte ihr ganzes Herz erschlossen und bewahrt, es als ein Wort ewigen Lebens erkannt und bekannt, auch seine Göttlichkeit erfahren, indem sie an seiner Menschlichkeit nicht sich stießen. Andre hätten sich von Jesu geschieden, weil er nur Gegebenes weiter gab, nichts „Eigenes“ bot, ihnen ward er um so größer je weniger er aus sich allein sprach und von sich allein.

 Dadurch aber ist ihnen die Erkenntnis licht aufgegangen und groß geworden, daß Jesus von Gott ausgegangen sei, nicht bloß von ihm gesandt war. Von Gott gesandt war Moses und der Chor der Propheten, jeder Zeuge der Wahrheit (Mark. 12, 2. 4. 5), aber nur einer (Mark. 12, 6) war von ihm ausgegangen als mit Gott wesenseins und ihm gleich. Die Jünger hatten Mose und die Propheten und konnten dieselbigen hören, aber alle traten hinter dem einen (Matth. 17, 3–8) zurück, von dem Petrus, freilich mehr ahnend als klar wissend sagen konnte: du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.

 Diese Erkenntnis ist stufenweisen Fortschritts nach ihrem Ausdruck fähig, ja bedürftig. Die Intuition schafft Worte, denen die Reflexion langsam nachkommt. Überwältigt ruft Thomas: Mein Herr und mein Gott. Wie langsam aber schreitet die begriffliche Darlegung nach! „Die Herzenserkenntnis eilt voraus vor der Verstandeserkenntnis.“ Was unsre alten Väter so gerne die fides directa nannten, die Kindern und Blöden eigne, ist der das Herz unmittelbar, wie ein Blitzstrahl hell die Umwelt erleuchtend, treffende Strahl des heiligen Geistes, dessen unfaßliche und überbegriffliche Gewalt dem „wahrhaft“ in Jesu Worten nicht widerspricht, es vielmehr verbürgt.

 So kommt alles darauf an, daß das von der Jesusgröße überwältigte Herz fest, daß die Unmittelbarkeit des von seinem Worte, Werk und Wesen ausgehenden Eindrucks zum Vollbesitz werde, der begrifflich und in der ihn ganz erschöpfend darlegenden Klarheit schwer und langsam, ja nie ganz dargestellt werden kann, aber je mehr er vom Innersten Besitz nimmt, desto einfacher zum Wort kommt und desto einfachere Worte prägt. –

 Mit dem achten Verse hat der scheidende Meister und Herr den Bericht über das an den Jüngern Erreichte geendet. Vor der Welt war es so wenig, daß sie des Erreichten selbst am Pfingsttage spottet und bis zur Stunde darüber sich wundert, wie wenig das Gewonnene zu der dargebotenen Mühe im Verhältnis steht. Etliche Unwissende, einige Schwärmer, rasch entflammte Frauen haben sich finden und gewinnen lassen, aber die andren gehen unbewegt und unerfaßt ihren Weg weiter.

 Jesus sieht tiefer. Er kennt das allmähliche Walten und Wirken des Sauerteigs und die stillen unbemerkten Vorgänge im Keimen und Wachsen der Pflanze. Unser Glaube, läßt er seinen Lieblingsjünger| preisen, ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Das Recht des Unsichtbaren hat die Macht des Sichtbaren besiegt.

 Eben darum, weil das Auge des Herrn so Großes erreicht sieht, kann er sich in seinem Geiste freuen, muß er aber auch für das begonnene Werk und seine Träger bitten. Um seinetwillen, um ihretwillen und zu Ehren des Vaters.

 Es soll nicht heißen, daß er das gute Werk angefangen und dann verlassen hat – dieser Mensch hatte nicht, es auszuführen – die Seinen sollen nicht am Werke stehen, das versinkt und die ihm trauten begräbt. Und Gottes Ehre würde gefährdet, wenn der von ihm Ausgegangene sein Lebenswerk müßig gehen und verfallen ließe. Der Gesandte hätte das Vertrauen nicht verdient, der Sohn des Vaters ihn getäuscht und das Geweissagte wäre hinfällig geworden. Wem soll die Seele noch trauen?


Ich bitte für sie.

 „Siehe, das ist der freundliche Abschied und tröstliche letzte Wort, so Christus den Seinen lässet und gerne wollte ins Herz reden. An dieses Wort hat der heilige Geist viele Herzen, wenn es ans Treffen kommt, erinnert und damit gestärkt, daß sie auf den Sieg alles erlitten und davongefahren sind. Gott helfe auch uns und gebe auch uns den Sieg, daß wir auch uns an das halten in Nöten und Sterben... Denn solches hat mein Herr und Heiland mir in mein Herz geredet, daß ich an ihm einen Siegesmann habe wider Welt, Tod und Teufel, ich sei wie gering und schwach ich wolle.“

 Die Worte Luthers, die er zu Joh. 16, 33 schreibt, mögen das große Königswort Jesu Christi erläutern. Welch eine Welt der Treue tut sich auf, in der kein Anliegen, auch das geringste nicht des geringsten Reichsgenossen, vergessen und versäumt werden wird. Weitsichtig ist diese Treue und übersieht doch nichts, in die Ferne blickt sie und läßt sich doch das Nächste befohlen sein. Ihr ist das Größte wie das Geringfügigste bedeutsam. „Ich bitte für sie.“ Dahin flüchtet die Kirche mit ihrem Optimismus, daß er echt und klar, lauter und rein werde und nicht in leichten losen Sinn ausarte, der Böses gut heißt und aus Finsternis Licht macht, mit ihrem Pessimismus, daß er nicht Gutes böse heiße und aus Licht Finsternis mache. Und jeder Diener der Kirche tröstet sich der Zusage an Petrus, daß sein Herr für ihn bitte, damit der Glaube nicht aufhöre und die Liebe nicht erkalte. Wenn die Zeichen wider die Kirche stehen und ihr um Trost sehr bange werden will, weil ihre Versäumnisse ihr auf die Seele fallen, und die Arbeit vergeblich erscheint, wenn der einzelne Christ sich nimmer zu fassen weiß, steigt wie über den dunklen Wolken ein tröstender Stern, die Treue empor: Ich bitte für euch.

 Diese Treue ist aber die Kraft dessen, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist. Er bittet und gewährt, er verheißt| und leistet, er wird nicht lassen, wofür er betet. So ist die Kirche nicht allein, ihre Diener sind nicht verwaist, der Erzhirte verläßt seine Knechte nicht. Er trägt alle ihre Dinge mit dem allmächtigen Worte seiner Fürbitte, dem das väterliche Ja zur Seite steht, und rettet seine Sache durch alle Not, Angst und Gefahr, daß sie völlig werde, was sie ist.

 Treue, Reichtum, der Kraft und heilige Einfachheit sprechen zu uns. Ein seiner Sache und ihres Sieges minder zuversichtlich gewisser Meister hätte dem Werke und denen, die an ihm stehen, bei seinem Scheiden größere und stärkere Verheißungen gegeben, gleichsam um sich selbst den Mut zu stärken. Jesus sagt mit der stillen Selbstverständlichkeit des endlichen und entscheidenden Sieges nichts als: Ich bitte für sie.

 Wenn ihm das genügt, so muß es uns recht und kann uns genug sein. Wir aber schämen uns all der Beschlüsse und Versprüche, aller großtönenden Projekte und weitragenden Verträge, aller Kirchenbaupläne, die alles in Rechnung stellen, nur das Wichtigste nicht, und lassen uns an der Gnade der alles begreifenden und umschließenden Fürbitte genügen, die zum Siege führt.

 Jesu Zusage hält an und hält aus, ist Gabe und Kraft. Jesu Gebet ist erhört, Tat und Geschichte.

 Das Werk seiner Hände läßt er nicht –, läßt ihn nicht, bis es vollendet ist.


Ich bitte nicht für die Welt.

 Für die Jünger das Gebet, für die Welt die Tränen (Luk. 19, 41). Niemand lasse sich dies befremden. Für eine Welt, die sich retten lassen will, weil sie als ungöttlich und ungeistlich sich findet und erkennt, für die Menge derer, die wirklich unzufrieden sind, bittet Jesus. Sie alle sind ihm Gegenstand werbender Seelsorge und darum wagemutiger Fürbitte. Aber, um recht zu sagen, wenn die Welt sich erkennen und verurteilen würde, hörte sie auf, Welt zu sein. Und wenn ein Weltmensch an sich schwer trägt, ist er noch in der Welt, nicht mehr aber von ihr.

 Aber die Liebe des fürbittenden Herrn, der die geringste Blume am Wege von der Welt in die Heimat nicht übersieht, würde verächtliche Schwachheit, wenn sie Dornen und Disteln als gleichwertig mit den Pflanzen ansehen wollte, die der himmlische Vater gepflanzt hat. Wundersame Treue des Gärtners, die das Unkraut nicht in Bündlein sammelt, daß man es verbrenne, sondern eifrig hegt und sorgsam pflegt, daß es den Blumen Saft und Kraft entziehe. Seelsorge Jesu, die das Gottgewisse und das Gottwidrige mit gleicher Liebe umfaßte, würde von diesem verlacht, von jenem zurückgewiesen, denn diese Fürsorge wäre der Tod.

 Darum ist die Liebe nicht sowohl im Bunde mit der Heiligkeit als sie diese selbst ist, eine heilige Liebe, die nicht für das beten kann,| was sie bewußterweise ihr entzieht. Diese heilige Liebe scheidet das ungöttliche Wesen aus ihrem Bereich aus; Heilung kann nur dem Verlangen nach Heiligung werden, der Arzt bietet seine Mittel nicht den Gesunden, sondern den Kranken.

 Wie gering denkt die Flachheit von der Tiefe und der Ernstlichkeit heiliger Wahrheit, die aller in sich verliebten und versunkenen Unwahrheit um ihrer eignen Existenz willen absagen muß. Man stellt sich Jesu Fürbitte als Verleugnung seiner Ehre vor, eine Schwachheit, die eine Seligkeit aufnötigt, obgleich niemand sie als solche empfindet.

 Man verschließt sich jeder Würdigung Christi und an dem Tage, wo man seiner, wie man sich innerlich zugesteht, bedarf, will man es nicht vor ihm gestehen, ja kann es nicht mehr. Für solche Verstockung antwortet nur noch die Klage über das „zu spät“.

 Jedem aber gehe die ernste Frage zu Herzen, ob er nicht soweit schon zur Welt gehöre, daß er an die Mühe und den Ernst der Fürbitte Jesu nimmer denkt. Und dann frage er weiter, ob er noch unter dem Trost der Geduld stehe, die „noch dies Jahr“ ihm erbittet oder ob das „Haue ihn darnach ab“ den unfruchtbaren Baum seines Lebens trifft.

 Dem heiligen Ernst der Absage: „Ich bitte nicht für die Welt“ steht die Liebe zur Seite, die zu sein aufhören müßte, wenn kritiklose Schwachheit ihr das Wort nähme. Darum sollen wir uns fürchten vor seinem Zorn, daß wir die uneingeschränkte Liebe erfahren.


Ich bitte für die, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein.

 In einem nur durch den Zusammenhalt mit dem „sie waren dein“ – V. 6 – klar werdenden Sinne spricht der Herr von denen, für die er zu bitten verheißt: Sie sind dein. Es liegt in dem Wörtlein „sind“ der Ertrag seiner Arbeit und der Gewinn ihres Lebens. Schöpfungsgemäß waren sie Gottes, ahnend und hoffend gaben sie sich ihm zum Eigentum. Aber es war eben doch ein gewaltiger Umschwung in ihrem Sein, darum in ihrem Sinn entstanden. Sie waren mit Gott versöhnt worden, der knechtische Geist war ihnen entwunden und von ihnen gebannt worden, der kindliche Geist war ihnen geschenkt. Nun war ihr Leben echt und rein, himmlisch und geistlich. Die heilige Liebe hatte Kinder auferzogen, die jetzt ihres Vaters Art kennen und ins Herz schließen und nach ihr leben. Aus der Bestimmtheit war Selbstbestimmung, aus der Abhängigkeit die Freiheit des Selbstentschlusses geworden.

 Sie waren dein, weil sie nicht anders konnten, nun sind sie dein, weil sie nicht anders wollten. Das ist die reine selbstlose Freude Jesu, der niemand auf sich verschränken, bei sich behalten und an sich fesseln will, sondern alle dem Vater zuführt, ein Herr, welcher viele Kinder zur Herrlichkeit führt und erhebt. Sie sind der Lohn für treue Sämannsarbeit,| der Dank des Arbeiters an den Arbeitgeber, Grund zur Freude für beide. Die kleine Schar der Gewonnenen wächst unter dem gewaltigen Freudenton des Jesuspreises: sie sind dein. Ein Adel ohnegleichen verjüngt ihr Wesen, Königskronen sind zu bleich für der Gotteserkorenen Würde. Über alle Maßstäbe und Messungen menschlicher Größe weit hinausgehoben sind sie Gotteskinder „über alle Lande von inniglichem Wert.“

 Aber der leuchtendste Edelstein in diesem Diadem bleibt doch die Heilandszusage: Ich bitte für sie. In einsamer Nacht, in trüben Stunden, wenn Zweifel das Herz beschweren, und sie voll Trauerns zu werden anheben, in schweren Tagen, da der König zu schlafen und der Feind allein zu wachen scheint, leuchtet mit starkem Schein allen den Seinen die tröstliche Versicherung, daß Jesus für sie bitte.

 Es sind nicht einzelne Werte, um die Jesus bittet. Das ganze hohepriesterliche Gebet kennt solche Aufzählungen nicht, es sind die großen Gesamtwerte der Heiligung und Bewahrung, der Bewährung und endlichen Verklärung, des Sieges Gottes und seines Willens in ihnen, um die Jesus bittet.

 Uns aber sei gewiß: Für wen Jesus beten will, kann und muß, der ist geborgen, und der Arge kann ihn nicht antasten. –


Und alles, was mein ist, das ist dein, und was dein ist, das ist mein. Und ich bin in ihnen verklärt.

 Als der Versucher Jesum auf einen sehr hohen Berg „mit sich“ führte, auf die Berge seiner heillosen Illusionen und gottfernen Träume, und ihm alle Reiche der Welt und ihre – es war aber seine dämonische – Herrlichkeit zeigte, verhieß er, ihm um den Preis der Untreue und Gottesverleugnung dies alles zu geben, die Größe des Scheins, die Macht des Betrugs, die Gewalt der Selbsttäuschung, die Süßigkeit des Genießens, den Beifall der Welt. Was an diesen „Gütern“ wirklich ist, ist nicht gut, und was gut ist, nicht wirklich.

 Vom Berge, auf dem einsam das Kreuz ragt, aus dem Tale des Leids und der Tränen sieht der getreue Gottesknecht auf das, was der Vater ihm gegeben hat. Es war Arbeit und Mühe, Not und Angst, Sorge und Kampf. Aber es war: ich habe die Welt überwunden. Der Ertrag ist dem blinden Auge gering, dem seligen wertvoll, dem kurzsichtigen Blick klein, dem hoffenden groß. Jesus sagt: Alles, was mein ist, denn in dieser Abschiedsstunde denkt er, der nicht für die Welt bitten kann und den scharfen Schnitt und klare Grenze zwischen dem, wofür er bitten und wofür er nicht bitten kann, gezogen hat, an alle Personen und alle Werke, die seiner Fürbitte sich empfehlen und ihrer sich getrösten, nicht nur der Jünger, die jetzt werben und derer, die von ihnen sich werben lassen, sondern jedes Heilswerks, das im Vertrauen zu ihm und in seinem Geiste begonnen| und ausgeführt wird, aber auch seines eignen Werks, das er im Heimatlande ganz ausgestalten will.

 Alles, was mein ist – wie königlich groß ist Blick und Wort, die weit gehen und die Weite umfassen, das ist dein, so hebt das priesterlich opfernde Wort an. König, Herr sein ist ihm auch in dem Himmel nicht Raub, den er ängstlich und enge an sich halten müßte und wollte, sondern er hat alles, um es dem Vater zu geben, und gewinnt alles, um es dem zurückzuerstatten, von dem alle Dinge sind. Erst in diesem Lichte gewinnt das Seine für ihn Wert.

 Opfernd und gelobend, darbietend und verheißend naht er dem Vater: das ist des Gebens Kraft. Danksagend und vertrauend nimmt er aus des Vaters Hand alle späteren Erfolge: das ist des Opfers Lohn. Alles, was dein ist, das ist mein. Lebensfülle, die vom Vater kommt, geht auf den Sohn über, das Sprießen der Saat und die Reise zur Ernte, die große Schar und das edle Volk, die ihm der Vater gab, die Wolke von Zeugen, die auf das väterliche Geheiß Jesum umgibt, das alles ist des Vaters, und überkommt von ihm der Sohn. Für jede Gabe an den Vater dankt dieser mit neuer, jede zu ihm zurückströmende Kraft vergilt und ersetzt er mit neuer, Engel Gottes steigen empfangend hinauf und gewährend herab. Im Geben schließen der Sohn und der Vater sich zusammen, es ist ein heiliger Wetteifer der Liebe, und ihr Objekt ist Menschtum und Menschenseele.

 So kann der Herr, der um Verklärung bittet, wie und weil er den Vater verklärt hat (v. 1. v. 4), vorschauend rühmen: daß er an und in den getreu bewahrenden, recht erkennenden und freudig bekennenden Jüngern ein Stück der früheren Herrlichkeit gefunden hat (2. Kor. 3, 18). In jeden Jünger hat Jesus sein eignes Bild hineingelegt, aus jedem es sich herausgestalten lassen, die Schöpferidee ringt darnach, dem schöpferischen Ideale nahe zu kommen. Weil so aus dem wankelmütigen Simon der Mann des Felsens und aus dem stürmischen Johannes der Jünger, den Jesus lieb hatte, aus dem Lästerer Saulus der Bekennerapostel herausgebildet ward, preisen die Meisterwerke den Künstler und nötigen Jesum, für sie zu beten und den Vater, an ihnen Jesu wohlzutun, dessen Bild er an ihnen ehrt.


Und ich bin nicht mehr in der Welt. Sie aber sind in der Welt, und ich komme zu dir.
 So ist der erste Grund zur Fürbitte für die Jüngergemeinde, die jetzige und die kommende, das an ihnen Erreichte. Der andere aber ist das noch an ihnen zu Erreichende. Ich bin nicht mehr in der Welt. Hoffnung auf die für ihn bereite Herrlichkeit, auf die Wiedergewinnung der einstigen Klarheit, die bereichert und vergrößert ihm wird zurückerstattet werden, läßt den Herrn an den| Pforten von Gethsemane so sprechen. Weit über Berg und Tale, weit über blaches Feld, hoch über Kreuz und Grab geht der sehnliche Geist und eilt das verlangende Herz. Aber ein bittres Weh fällt in die Seligkeit, ein düstrer Schatten zieht über die sonnenbeglänzten Halden des Heimwegs hin: sie aber sind in der Welt. Wie reich wird er, wie arm sind doch die Seinen, ärmer als sie vordem waren (1. Kor. 15, 19). Die Welt ist ihnen entfremdet, ihr Sinn ihr entwachsen, ihrem geheiligten Blicke ist sie Lüge, ihrem geschärften Schein. Aber die Welt der Herrlichkeit ist ihnen noch verschlossen. Sie haben Hohes empfangen, als sie aber das Höchste in Aussicht hatten, entzog sich ihnen der, welcher jenes gegeben und dieses verheißen hatte.

 Ich daheim, sie in der Fremde, der Hirte im Frieden, die Herde im Streit, das Haupt in stolzer Ruhe, die Glieder in der Angst. Ich komme zu dir, das ist gewißlich wahr, sie aber sind voll Trauerns geworden.

 Ja, wenn sie nur bereit zum Gehen und bereit zum Bleiben wären! Aber wie unreif sind sie doch, obgleich Jesus in ihnen verklärt war! Auf einem taubeglänzten Blatt am Baum kann sich die Sonne spiegeln und von ihm ihr heiliges „Angesicht“ zurückempfangen, und doch bleibt dies Blatt schwach und schwankt. Wie haben sie in törichtem Rangstreite um die Ehrenstellen im Himmel geeifert, als ob es nicht der Seele genug tun müßte, wenn sie nur daheim ist! Welch ungute Gespräche haben sie auf dem Wege geführt und welchen Unverstand der Verkündigung des Leidens als des einzigen Wegs zur Herrlichkeit entgegengebracht! Sie haben sich alle vermessen, bei ihm auszuhalten, und nicht einmal der engste Kreis der drei Erwählten konnte eine Stunde mit ihm wachen. Sie haben als ungläubige und verkehrte Art sich erwiesen. – Und so läßt sie Jesus, weil seine Stunde gekommen war, allein in der Welt. Die sie schützende Hand wird zurückgezogen – wird die im Gebet erhobene den Schutz ersetzen? Das für sie eintretende Wort: „Sucht ihr mich, so laßt diese gehen“ schweigt, nur die Fürbitte wirkt weiter. Mag das genug sein? Man spürt aus der hellen Freude jauchzender Heimatlust das Weh heraus: es liegt Jesu beides hart an, Gehen und Bleiben.

 Um der Seinen willen, daß sie reifen, völliger, gefestigt werden, bittet er für sie, daß sie in ihm bleiben und an ihm wachsen. Es ist ja schließlich doch das Beste, daß er heimgeht: nur dann werden Kinder Männer, Schwächlinge Helden, Unreife Charaktere.

 „Als du mir nahe warst, da warst du mir so ferne. Nun du mir ferne bist, bist du mir so nahe,“ sagt Luther. Allein gelassen dringen sie in die Tiefe, aus der sichtbaren Gemeinschaft genommen suchen und finden sie die unsichtbare. Des Abends, als er ging, währte das Weinen, aber am Morgen war Freude da (Luk. 24, 52). So ward Jesu Hingang des heiligen Geistes Eingang, ihr Heimweh ward zur Kraft, mit der sie um die Heimat arbeiteten.


|
Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, die (den) du mir gegeben hast, daß sie eins seien, gleichwie wir.

 Weltabgewandt in seinem Wesen, weltzugewandt um ihres armen Wesens willen, rein von der Welt, aber gnädig der aus ihrer Unreinheit zu ihm rufenden, klar und völlig von der Welt geschieden ist der Vater, der heilige Gott. Was er aber ist, das kann er geben. Und weil es es ist, darum will er, daß er’s gebe, gebeten sein. Was er dem Sohne ungebeten gegeben hat, Licht vom Lichte, Heiliges dem Heiligen, so daß Vater und Sohn nicht nur einig und eines Sinnes, sondern eines Wesens sind, das muß er den Jüngern geben. Sie soll er in dem Namen, den er dem Sohne bescherte, in dem reinen rechten völligen Sohnes- und Kindesnamen erhalten.

 Wenn Gott durch seinen Geist, den Träger seines, den Zeugen des Wesens Jesu, die Jünger immer tiefer in das Geheimnis des unerschöpflichen Jesusnamens, des Heils und der Hilfe, der Treue und der Wahrheit einführt, dann wachsen die Kräfte der allein gelassenen Jünger zu dem Maße des vollkommnen Alters, der in Christo Jesu urständenden heiligen Mannesreife. Nicht nur werden sie vor der Versuchung des Fürsten dieser Welt bewahrt, der sie mit List berückt, mit Gewalt bedroht, die Diesseitigkeit verklärt und die Überweltlichkeit verbirgt, verdüstert und entzieht, sondern sie werden zu festem Schritt gekräftigt und zu entschiedenem Zeugnis befähigt. Immer mehr leben sie nicht von Erinnerung an Vergangenes, sondern vom Besitze des Gegenwärtigen und in der Gewißheit der Wiederkunft ihres Herrn. Wer aber solche Hoffnung hat, der reinigt sich, gleichwie Er rein ist.

 Nicht neue Offenbarungen sollen die alte Jesuslehre, nicht ungeahnte Kräfte eines Außerordentlichen die heilige Kraft, welche Jesu Leiden und Tod darbrachten, verdrängen und ersetzen oder auch nur übertreffen und überholen, sondern wen der heilige Vater in dem Namen dessen bewahrt, der gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit ist, in dem Namen Jesu Christi, den kann der Arge nicht antasten. Seine, des scheidenden Herrn Jünger bleiben bei ihm und können nicht sündigen, also daß sie fortan der Sünde wieder dienten. Sondern so oft sie sündigen, flüchten sie zu dem Fürsprecher, daß er sie heile und heilige, reinige und stärke, frei mache und frei halte.

 Heiligung ist letzten Endes Zusammenschluß des Geheilten mit seinem Arzte, tiefere Eingründung der Rebe in den Weinstock, Jüngerwerden auf Grund und infolge des Jüngerseins.

 So überwindet der Herr die Wehmut des Scheidens, das die Seinen allein läßt, mit ihrer Unfertigkeit, ihrem Reichtum an Fragen und ihrer Armut an klarer Selbstbescheidung, wie Waisen in der Fremde, wie Lämmer mitten unter den Wölfen, und besiegt den Abschiedsschmerz mit dem fortwirkenden Gebete um Bewahrung.


|
Dieweil ich bei ihnen war, erhielt ich sie in deinem Namen, die (den) du mir gegeben hast, die habe ich bewahrt und ist keiner von ihnen verloren, ohne das verlorne Kind, daß die Schrift erfüllt würde.

 Was anders soll und kann der Vater tun als was der Sohn während seiner Lehr- und Leidenszeit getan hat? Es war die unscheinbare und doch selige Arbeit, daß er die Jünger erhielt und bewahrte, schützte und stärkte mit und in dem Namen Gottes. Es war Jesu heiliges und inniges Anliegen, die Seinen ganz in das Friedensglück einzuführen, einzugründen, das ihm der Vater von Anbeginn der Welt und nach seinem Eintritt in die Welt gegeben und gegönnt hatte, die Umschattung durch den Namen, das Wesen und Wirken Gottes. Von Ur an hat der Vater den Sohn in dieses feste, lichte, hohe Schloß seines Namens eingeladen. Der Gerechte eilte dahin und ward beschirmt. Darum kennt niemand den Vater denn nur der Sohn, kennt ihn in seinen fernsten, liebt ihn in seinen heiligsten, findet ihn in seinen verborgensten Gedanken.

 Allein wem der Sohn es offenbaren will, was die große Gnade seines Lebens ist, da Gottes Name über seiner Hütte stund, der ahnt von dem Reichtum und will ihn kennen lernen, indem er aus der Fülle Gnade um Gnade nimmt.

 Was also Jesus den Jüngern widerfahren ließ, da er sie beim Preise des Vaters und im Besitze des Vaternamens bewahrte und vor dem Feinde bewahrte und hütete, daß der Arge sie nicht antasten konnte, das soll nun der Vater, damit der Sohn getrost aus der Unmittelbarkeit der Erdenberührung mit den Seinen scheiden, und den Seinen nichts abgehen möge, seinesteils gewähren: Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe in allem Guten. Das zwiefache Gut und Teil, das die Treue darbietet, Mehrung des Besitzes und Behütung der Besitzer, soll den Jüngern und der von ihnen zu erhoffenden und zu gewinnenden Gemeinde bleiben.

 Dann wird dem Glauben Stärkung, dem Gebete Erhörung, dem Ringen der Sieg, dem Kampfe der Lohn. Und kein Einwohner in Gottes Schloß und Gut soll sagen: Ich bin schwach.

 Wenn aber doch einer verloren geht, wie Jesus den Ungenannten verlor, den Verräter, dessen Namen auszusprechen er sich scheut, so trifft den Vater so wenig Schuld als Jesus sich an dem Verderben des Jüngers schuldig bekennen muß, den er, ihn an sich in lauterer Güte zu ziehen, erwählt, den er gewarnt und umhegt, für den er treulich gebetet hat.

 Der Sohn des Verderbens, nicht das verlorne Kind, wie Luther mehr sinnig als richtig, mehr hoffend als verurteilend übersetzt, hat mit den Fluchmächten der Hölle einen Bund gemacht, daß der von ihm gewichene finstre Geist nach langer Irrfahrt mit sieben Geistern, die ärger waren als er, zurückkehrte und ihn völlig besiegte. Das| wußte der Herr aus der Kenntnis der Schrift und des Herzens, so las er im Buchstaben und so im Herzen. Wie oft hat er gewollt, und jener entzog sich!

 Die Schrift hat ihr Recht behalten; Jesus hat siebenzig mal siebenmal die Seele gesucht, um ihr vom falschen Weg zurecht zu helfen. Wo aber die Seele dem Lichte, und der Jünger sich der Liebe entzieht, da ist beides ohnmächtig.

 O wie groß ist dein Vermögen, kannst des Priesteramts pflegen, das nur um Eines bittet – um Bewahrung der Seele durch Gott und um ihre Bewährung vor Gott.


Nun aber komme ich zu dir und rede solches, auf daß sie in der Welt haben meine Freude in ihnen vollkommen.

 „Darum will er ihnen hiermit einen andern gewissen Ort zeigen, da er sie viel besser verwahren und erhalten wolle, nämlich bei dem Vater, da er selbst hinfährt, auf daß er alle Dinge in seine Gewalt nehme und allenthalben bei ihnen sein könnte, ob er wohl äußerlich und leiblich von ihnen geht.“ So Luther.

 Herzandringend, wie einer Gottes Ja erstürmt und seine Liebe, mit Gewalt erzwingt, hebt der Herr noch einmal an. Jetzt, in wenigen Stunden, nachdem die Schrecken des Todes überwunden und die Pforten der Hölle entriegelt sind, jetzt, wo ihn die Jünger am nötigsten brauchen, damit der angefachte Eifer nicht erkalte und das begonnene Werk nicht hinfalle, ist es hohe Not, daß Jesus das Anliegen seiner Seele für die Seinen immer und immer wieder vorbringe, auf das Eine immer wieder zurückgreife. Die Jünger sollen es hören und wissen, sich noch oft, ja immer daran erinnern und einander ins Gedächtnis zurückrufen, wenn sie kleingläubig werden wollen, daß in der Nacht des Verrates ein Gebet für sie angehoben hat, das weiter dringt, durch alle Zeiten geht, über alle Lande reicht, in allem Leid besteht ein Gebet innigster und doch kürzester Zwiesprache Jesu mit seinem Vater, dessen Inhalt und Ziel die Jüngerseele und ihr Los ist.

 Wenn in den Herzen der betrübten Jünger, über die der Osterfriede jubelnd hinzog, in deren Herzen und Häusern einfachste Gaben geheiligt wurden, da der Verklärte das Abendbrot brach, die Erinnerung an Jesu Gebet als Erlebnis dieser Großtat erwacht, da sollen sie tief im Innern eine Freude empfinden, welche von der Welt so wenig gestört werden kann, daß sie geradezu an ihr erwächst.

 Daß Gottes Wille und des Sohnes Gebet sich auf einen Menschen und auf die eine Frage verbünden und finden, wie ihm zu helfen sei, das muß Freude erwecken, der gegenüber der Jubelton des achten Psalms von dem Menschenkind, dessen Gott gedenkt, verstummen muß, aber auch schweigen darf.

 Christentum ist Freude in Gott, mit ihm und auf ihn, Freude über die Erlösung, über deren Gebrauch und rechten Nutzen und auf die abschließende Gottestat der Verklärung.

|  Wo freudlos und unfroh Jesu Frohbotschaft bezeugt wird, beraubt man sich des Segens und sie der Weihe. Wo im engen Kämmerlein das „Hier ist Christus“ verkündet wird, ist ebensowenig gesunde Freudigkeit als wenn in eine verflachende und verödende Wüste, da alle Meinungen und Ansichten sich tummeln, hinausgezeigt wird.

 Wo aber zwei oder drei in Jesu Namen, der Gottes Name ist, sich zusammenfinden, einander nicht mit Worten, sondern mit Kraft zu trösten und zu stärken, da kehrt die Freude ein, die dem enteilenden Tage nachruft: Gottlob, ein Schritt zur Ewigkeit ist abermals vollendet, den Stürmen zujubelt, weil sie den Frühling einläuten, der Trübsal sich rühmt, weil sie Geduld wirkt, die ein festes Wesen schafft und erhält.

 Immer näher und härter treten und drängen die Gegensätze zusammen: Leid des Abschieds und Freude des Besitzes, Weh der Trennung und Glück der Gemeinschaft, Unfertigkeit der Welt und Vollgehalt der Freude, Erdennot und Himmelsfriede, Todesgrauen und Lebenssieg.

 Diese Widersprüche hat der gelöst, der sie in sich vereinigte, zu dessen Kreuz emporblickend die Gemeinde sagt: Er ist unser Friede. Die Kirche aber singt:

In dir ist Freude
Bei allem Leide –
O werter Heiland Jesu Christ –

und heißt die Häupter emporheben, darum daß Freude die Fülle und selige Stille uns erwarten, wie wir zur Arbeit gerüstet, nicht zur Ruhe bestimmt, nach Stille uns sehen.


Ich habe ihnen gegeben dein Wort, und die Welt haßte sie.

 Wie reich hat Jesus die Seinen gemacht, aber auch wie beneidet, wie froh, aber auch wie schmachbedeckt! Seine Freude am Worte, ja dieses selbst hat er ihnen erschlossen, in die geheimen Klänge, die das ärmste Kind in sich aufnehmen und der Weiseste und Denker nicht enträtseln kann, hat er sie Einschau tun lassen. Aus schlichten Lauten, deren die Welt zu Torheit und Schalkheit, wenn’s gut heißen will, zu Eitelkeit und Leerheit sich bedient, hat Gott gebildet, was in seiner Liebe beschlossen war und zu einer Gemeinde ladend und lockend, drohend und verheißend gesprochen: So spricht der Herr.

 Dieses Wort, Gottes heilige und selige Offenbarung hat Jesus, wie er’s verstand, erlebte und erlitt, den Jüngern gegeben; ob er sie das Vaterunser lehrte oder durch Gleichnisse geleitete, die dem Worte dienten, ein jegliches in seiner Art, ob er mit Seligpreisungen anhob und mit Drohworten endete, wie einer, der Gewalt hat, ob er von den letzten Dingen im Menschenleben sprach, da der Herr um den Hahnenschrei eintritt oder um den Morgen oder vergeblich erwartet| um Mitternacht kommt, so daß das „Wachet“ zur heiligen Pflicht wird, oder ob er die letzten Dinge im Völkerleben ausdeutete, da Zeichen und Zeiten wider einander stehen und Himmel und Erde vergehen – immer ist es das Wort des Vaters in seiner seligen Klarheit und mächtigen Gewalt, das er den Seinen bringt.

 Wie reich sind sie geworden, da sie sein Wort haben, für die Zeit Stecken und Stab, für die Ewigkeit Szepter und Gewalt, – und wie haßte und haßt sie die Welt. Daß sie an ihrer Philosophie nicht teilnahmslos, aber unbeteiligt vorübergehen, ihre Gerüste abbrechen lassen, ohne zu ihrer Erhaltung die Hand zu rühren, Torheit des Kreuzes und die Armut des eignen Lebens verkünden, welche nun von der Gnade gewendet und geendet werden kann, das erregt ihren Haß. Und weil sie den Herrn gescholten hat, so wird sie seine Diener auch schmähen. Von denen das hellste Licht ausgeht, das die Sünde straft und die Liebe verkündet, die heißt die Welt Finsterlinge. Die in Christo höchste Weisheit verborgen wissen, sollen aller Aufklärung abhold sein. Ihr seid das Salz der Erde, kräftig genug, um Würze des Geschmacks und stark genug, um Schutz vor Zersetzung zu sein, – aber die Welt nennt sie dumpf und stumpf.

 Wieder zeigt der scheidende Herr den ganzen Ernst des Leides, das der Jünger wartet, nachdem er dem Haß der Welt, der ihn ans Kreuz und ins Grab bringt, entronnen sein wird. Ihn wird bald keine Qual mehr anrühren und Schmerz und Seufzen wird wegmüssen. Aber die Nazarener, die Christianer, die Lutheraner trifft der Haß der Welt umso unmittelbarer, je mehr sie der Welt Bestes suchen und wollen.

 Ernst Moritz Arndt hat einst die Dornen Christi, wenn die Welt Jesu Braut anficht, ihre „Ehrenröselein“ genannt. So tröstet der Herr ja die Seinen über die Wehetat, wenn sie verlästert und verfolgt werden: so teilen die Glieder die Schmach des Hauptes, so wird Christenschmach Christusschmach, und der Geist der Herrlichkeit ruht auf den Verfolgten.

 Gottes Wort haben und der Welt Haß ernten – wie leicht hört sich das an! Wie schwer aber fällt die Frage dem aufs Herz, der zwar Ignorierung seitens der Welt empfindet, die oft noch schwerer ist als offner Haß, aber die Weltfeindschaft noch nicht verkostet: Habe ich denn nicht Gottes Wort, predige ich das Meine, rede ich schön, um zu schonen und lind, um geliebt zu werden?

 Oder ist mein ruhevolles Leben ein hartes Zeugnis wider mich? „Rette mich aus der ungewissen Ruhe, mache den Gedanken bange, ob das Herz es redlich meine. Wer nicht gehaßt wird, der hat nicht Jesu Partei ergriffen.“


Sie sind nicht von der Welt, wie denn auch ich nicht von der Welt bin.
 Zweimal betont diese Erkenntnis der Herr, der die geheimsten Zusammenhänge von Grund und Folge durchschaut und ermißt, der| Haß der Welt trifft den zuerst, der sie zur erlösen gekommen ist, weil sie nicht gebunden, nicht befreiungsbedürftig sein wollte. Daß ein Armer kam, um sie zu bereichern, ein Schwacher, um sie zu stärken und ein Verachteter, um sie zu Ehren zu setzen, das verdroß sie. Darum hat sie den Armen am Kreuze so verächtlich gemacht und den Schwachen unter die Übeltäter gerechnet, und den Verachteten verflucht. Am dritten Tage aber ist er von den Martern allen erstanden. Von der Welt ist er nie gewesen, hat keinen Zug aus ihr, denn die ganze Welt liegt im Argen, in seinem Mund aber ist kein Betrug erfunden. In ihm waren die größten Gegensätze vereint, weil er trug, was er nicht verschuldet, und litt, was er nicht verwirkt hatte. Aber der Gegensatz zwischen Wollen und Tun, dem Fleisch und dem Geist, fand sich nimmer bei ihm.

 Wie hätte ihm darum die Welt alles nachgesehen: Strafrede und Drohwort, Eigenart und Flucht von ihr, wenn sie nur einen Hauch ihres Geistes bei ihm verspürt hätte, und wäre es nur ein unreiner Gedanke, ein ungutes Wort gewesen. Aber der Fürst dieser Welt kam prüfend, spähend, versuchend, drohend und verheißend, lockend und spottend, und mußte ihn immer wieder lassen, denn er fand und hatte nichts an ihm. Darum haßt er ihn als seinen grimmigsten Feind, der gekommen ist, daß er die Werke des Teufels zerstöre.

 Die Werke des Teufels in den Jüngerherzen, die Jesus der Welt entnahm, deren Gewinn dem nichts hilft, der Schaden an seiner Seele nimmt. Ihnen hat er seine Güter angeboten, nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem heiligen Geist, sie hat er nicht an eine zu genießende, sondern an eine zu erobende Welt gewiesen. So sprechen sie zu der ewig sich dünkenden, daß sie mit ihrer Lust vergehe, und zu der glänzenden, daß sie weinen und heulen werde, und drohen ihr mit Vernichtung, wenn sie nicht den annimmt, der ihre Sünde trägt. –

 Sie weiß zu hassen, was sich nicht von ihr lieben läßt noch sie anders als mit Mitleid liebt. Sie hat ein feines Gefühl für alles ihr Wesens- und Wahlverwandte und pflegt und schont seiner. Sie läßt das Christentum weltförmiger Art, alle Pflege des Ich und alle Liebkosung des Ich sich gerne gefallen und nimmt als Ornament, was ihr zum Gegensatz bestimmt war. Sie will auch der „Rechtgläubigkeit“ Raum geben, wenn sie nur nicht in den Ernst des heiligen Lebens zwingt und ist tolerant, wenn sie herrschen darf.

 Aber Jünger Jesu wollen und können nicht sich abdingen und abdringen lassen, das „Rein ab und Christo an“ zwingt sie, die weltlichen Lüste, all diese Sympathien mit der Welt zu verleugnen. So wird ihr Weg schmäler und die Pforte enger und das Ziel schwerer. Aber die Mühe lohnt sich. Während Weltart im Wandel und Wechsel versinkt, bleibt, der den Willen Gottes tut, in Ewigkeit.


|
Ich bitte nicht, daß du sie von der Welt nehmest, sondern daß du sie behütest vor dem Übel.

 Wie einfach wäre es doch gewesen, wenn der scheidende Herr auf den Verspruch der Jünger „und wenn ich mit dir sterben müßte, wollte ich dich doch nicht verleugnen,“ auf die Thomasmahnung „Laßt uns mit ihm ziehen, daß wir mit ihm sterben“ nach Art der Jünger geantwortet und sie dem Elias gleich in den Himmel entrückt hätte oder wenn er sie wenigstens durch Leiden alsbald zur Herrlichkeit würde erhoben haben. Dann hätte alle Not ein Ende, das hohepriesterliche Gebet wäre dem königlichen Machtwort und dem Lobe des Überwindens gewichen. Ja wohl hätte die Not ein Ende, aber die Arbeit auch – und die Unreife der Jünger, da doch Fleisch und Blut das Himmelreich nicht erben kann? Und die zur Erlösung bestimmte, aber auch nach ihr sich sehnende Welt? Und endlich das „es ist vollbracht“ am Kreuze mitten im ärmlichsten Stückwerk.

 Dem Weltschmerze, der zur Arbeit lässig und aus Lässigkeit unfähig ist, dem Mitleide mit dem eignen Ich, dieser Bequemlichkeitssünde der Gedankenlosen, dem verträumten Wesen, das, ohne sich angestrengt zu haben, den Lohn anspricht, der nur dem wird, der recht kämpft, tut der Heiland, der die Sünde der Welt getragen und die Welt überwunden, aber ihre Angst noch gelassen hat, in heiliger Nüchternheit Bescheid. So wie er den Leidenskelch allein und völlig geleert hat – indes war niemand bei ihm in seinem großen Leid – und nicht früher aus der Welt scheiden wollte als bis alles vollendet und die Schrift in Geheiß und Verheißung erfüllt war, so bittet er nicht für die Seinen um alsbaldige Entrückung aus der Welt, sondern um Behütung vor den Mühseligkeiten, die der Verführer bald durch Wohltun bald durch Wehtat ins Menschenleben senkt. In der Welt sollen sie der Welt absagen, sollen für sie, nicht von ihr sein. Sie sollen nicht eher scheiden als bis sie ihr Werk ausgerichtet haben, und ehe ihr Meister sein Werk an ihnen vollendet hat. Denn „Reif sein ist alles.“

 Diese Bitte Jesu, der die Last kennt, und die Schultern, denen sie aufgelegt wird, die Welt durchschaut und die Schwachheit der Jünger nicht vergißt, soll uns trösten. Wenn er uns die Widerstandskraft zutraut, wird er sie auch stärken und wenn er den Feind kennt, wird er ihn auch abwehren. Die drei letzten Bitten seines Wandergebets sollen die Jünger trösten, denen begangene Schuld und Unterlassungssünde der Vergangenheit vergeben, die Lockung und Reizung gegenwärtiger Versuchung erspart und Freiheit von aller bösen Gewalt und aller Gewalt des Bösen gegönnt werden wird.

 Weltferne und doch weltmächtig zieht der Jünger Jesu im Besitze der überwindenden Mächte und sieghaften Gnaden durch dieses Leben. Es ist ihm zu gering, um gewünscht, zu gefährlich, um unterschätzt zu werden, aber auch zu arm, um vergessen zu sein.| Der ihn in seinem Namen erhalten will, muß und wird ihn aus dem Argen erretten und vor ihm bewahren. – In Gott getrost rüstet sich der Herr jetzt zum Scheiden. Die Seinen sind in treuer Hut. Nicht verziehen wollte er sie und nicht verweichlichen durfte er sie, aber stählen und stärken und dann aussenden. So sie etwas Tödliches trinken werden, soll es ihnen nicht schaden, auf Ottern und Schlangen sollen sie gehen und unversehrt bleiben, sie sollen vor denen sich nicht fürchten, die nur den Leib töten, weil sie dem in heiliger Furcht nahen, der Leib und Seele des Ungetreuen und Wankelmütigen verderben kann.

 Und wie versöhnend klingt die Bitte nochmals an und aus: Wie der Meister nicht aus der Welt ist, so ernst er in ihr war, so sind es auch die Jünger nicht. Ohne Gott sind sie allein, auch wenn die ganze Welt ihnen sich zugesellte, mit ihm sind sie in der Gemeinschaft der Seligen und am Heiligen, wenngleich ein Heer wider sie sich legt.

 Alle Rinnsale, die vom Meere ausgehen, fließen ins Meer zurück. Alle Strahlen, die das Licht der Sonne sendet, streben zu ihr zurück. Alle Gaben und Kräfte, von Gott ausgegangen, verlangen nach ihm zurück. In diesem strebenden, lebensvollen Verlangen werden die Jünger bewahrt und geeint, bewahrt vor dem trennenden vereinsamenden Feinde, geeint untereinander. „Streitet nicht auf dem Wege“ ward ihnen geboten, damit jedermann ihre Jüngerschaft daran erkenne, daß sie Liebe untereinander haben. Und diese haben sie, weil sie den lieben, von dem sie alle stammen und zu dem sie alle wollen.


Heilige sie in Deiner Wahrheit, Dein Wort ist die Wahrheit.

 Je mehr die Wahrheit, diese den Schein zerteilende und das Wesen der Dinge herausstellende Gotteskraft die Seele des Jüngers erfaßt, desto mehr wird er der Welt entzogen und desto freier von ihr kann er ihr dienen. Wahrheit ist der Welt abhanden gekommen, und an diesem Mangel stirbt und siecht sie dahin. Seit dem Tage, da ein in der Wahrheit nicht bestandener und außerhalb ihrer Wohnung haltender Geist der unruhvollen und peinigenden Ungewißheit gefragt hat: Sollte Gott gesagt haben, und gehöhnt hat: Was ist Wahrheit? – ist die Welt dem Trug verfallen und verhüllt die Ihrigen in Täuschung, aus der sie erst erwachen, wenn der Tod den Dingen Schein und Schimmer abstreift und mit der Nacktheit der Wirklichkeit den Sieg der Wahrheit verkündet.

 Aber Jesus betet um die heiligende Kraft der Wahrheit, die durchdringt, bis daß sie scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, wo Täuschung Raum hat und Betrug sich einnistet, die lieber tötet – ni perisses, perisses – als schont und entseelt, um zu beleben.

 Und seine Jünger haben ein Gebet, das ein junger Diener Christi (Martin Kögel, gestorben zu Kassel 31. Mai 1894) aus Joh. 15, 12 sie gelehrt hat:

|

Heil’ges Winzermesser, schneide tief hinein,
Bin noch nicht gereinigt, wie ich sollte sein.
Heil’ges Winzermesser, sieh’, ich küsse dich,
Weiß ich doch, du rettest vor dem Tode mich.
Heil’ges Winzermesser, laß mir keine Ruh’,
Ist es not, so fahre nochmals kräftig zu!

(Rudolf Kögel. Sein Werden und Wirken.
Band 3 S. 347.) 

 Wen Gott die Wahrheit so lieb gewinnen läßt, den hat er in ihr geheiligt, vor allem Scheinwesen gefeit, von aller Schwärmerei geheilt, aus Pose und Manier erlöst und mit dem Mute der Einfachheit gerüstet.

 Dieses ab- und ausschneidende Messer der Wahrheit ist sein teures Wort, das Taufenden mit seinem „Du bist der Mann“ ins Herz geschnitten und den Tod genommen hat, der ihnen drohte. „Lieber ist man in Gott getötet als ohne ihn lebendig !“ –

 Aus den Terzinen aber des unvergessenen D. Graul (gestorben 10. November 1864 zu Erlangen) folge das gewaltige Wort:

....
Und als wir dich verschmäheten als Bürgen,
Bist du aus Lieb zum Kampf mit uns geschritten,
Bis daß du uns das Herz entseelt inwendig.
Kein Menschenwitz ist da hineingedrungen:
Sowie wir starben, wurden wir lebendig.
Lob, Ehr und Preis und Dank sei dir gesungen!

 Wenn Gott einem Menschen den Geist der Wahrheit gibt, ja ihn damit erfüllt, so hat er einen Sinn, daß er alles Wahrhaftige erkennt und alles Unwahre ausscheidet, daß er von der Wahrheit frei gemacht und behalten mitten in einer unfreien Welt bleiben kann. Nur dem darf die Welt schaden, der sie nicht durchschaut. Aber dem Manne des klaren Blicks und des reinen Wesens nützt sie, weil sie ihn immer tiefer zu dem Reinen und dessen Nachfolge führt. Darum kann er in der Welt bleiben, die ihm nicht schaden darf. Ihr wird er den Sieg der Wahrheit verkündigen, die den Schein tötet und allein das Leben fördert.


Gleichwie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt.
 Der Heiland sieht aus der Nähe des Jüngerkreises in die Weite, deren er späterhin noch besonders (von v. 20 ab) gedenkt. Die Bezeichnung des nächsten Verkehrs und der Anfangsgemeinschaft, der Jüngername tritt hinter dem weitgreifenden Apostelnamen zurück. Gleichwie der Vater, des Sohnes und seiner Treue gewiß, ihn in die| versuchungsweise und gefahrvolle Welt sandte, ohne andern Stab als den verlässigsten des Gottesworts, ohne Gabe als die des Schutzes von oben, ohne Gnade als die des willigen Gehorsams und des heiligen Mutes, so sendet Jesus die Seinen in die Welt.

 Sie müssen sich nicht senden lassen: ihre Wahl und Wille ist es, wenn sie sprechen: Hier bin ich, sende mich. Wenn sie aber einmal dieses Wort ausgesprochen haben, dann müssen sie ihm, wohin er sie gehen heißt, folgen. Jesus redet nicht von einer sonnenbeglänzten, freudenreichen Welt, in der Sendung und Dienst eitel Freude wäre, weiß nichts von raschen und leichten Erfolgen, die alle kühnsten Erwartungen übertreffen, redet aber auch nicht von einer verlornen und verdammten Welt, an die Mühe und Arbeit nur verschwendet, nicht angewendet sind. Schon der Umstand, daß er sendet, wie er gesandt ward, kann die Jünger trösten und ermutigen, muß sie freilich auch beschämen und ins Gebet treiben.

 Gesandt sind sie, nicht gegangen nach Willkür und aufs Geratewohl. So wird, der sie sandte, mit ihnen sein. Er hat die Verantwortung für seine Sendlinge übernommen und wird sie nicht täuschen. Sie gehen auf betretenen Wegen, weil sie die Bahnen beschreiten, die Jesus mit heiligem Gehorsam gebrochen hat. Überall werden sie an seinen Vorgang erinnert und an sein Wort gemahnt. Was sie ängstet, das ängstete ihn auch, jede Last hat er vor ihnen getragen, um sie die Seinen nennen zu können, und jedem Joche hat er sich unterstellt, um über sein Joch rühmen zu können, es sei sanft.

 Ich sende euch – das ist Mut und Tat des Trostes, entbindet von ängstlichen Fragen, befreit von quälenden Sorgen. Ein Apostel weiß sich durch den Befehl seines Herrn gedeckt und in dessen Wissen vor Not und Gefahr geborgen.

 Aber beschämend und tief demütigend ist die durch Jesu Wort hervorgerufene und veranlaßte Vergleichung des eignen Tuns mit dem des großen Apostels Jesu Christi. Von ihm bevollmächtigt, mit seinen im Amte erprobten Gaben ausgerüstet und gestärkt, auf seinen Vorgang gestützt tritt der Jünger die Sendung an: wie wenig entspricht er dem Vertrauen seines Herrn und wie wenig denkt er daran, ihm zu entsprechen!

 Wenn er Lust hat mit den Seinen zu hadern, so können sie ihm auf tausend nicht eines antworten. Er aber fragt nur um Treue und Sorgfalt, um den Ernst und die Eifrigkeit in Ausrichtung des Amtes. Und auf diese einzige Frage muß jeder erröten und bitten: Laß mich deinen Knecht bleiben, so will ich mich zu dir halten und nach dir.


Ich heilige mich selbst für sie, auf das auch sie geheiligt seien in (der) Wahrheit.
 Mit diesem Worte hat der Hohepriester das Geheimnis aufgezeigt, in dem seine Tätigkeit die Höhe erreicht, das Opfer seines| ganzen heiligen Lebens für die Seinen. Er hat nicht nur das Vorbild der Hirtentreue sein wollen, die allen nachgeht und den einzelnen nicht versäumt, nicht nur der Arbeitgeber sein mögen, der in die Ernte sendet, er hat seine ganze Person zum Opfer gegeben, damit durch sein einmaliges und vollkommnes Opfer die Seinen von aller Hemmung der Selbstsucht und allen Banden der Sünde befreit würden. Er gibt sich in den Tod zu einem Lösegeld für viele, die er durch seine Gebundenheit befreit, durch seine Schwachheit stärkt, durch seine Hingabe erhöht. Von dem Tage an, da er am Kreuze sein Leben in den Tod senkt, kennt die Welt die volle, reiche, einzigartige Hingabe des getreuen Knechtes nicht nur an seinen himmlischen Vater, dessen Willen zu tun bis in die Stunden der Gottverlassenheit sein Leben und dessen Aufgabe war, sondern an alle Menschen, deren Bestes er suchte und deren Schlimmstes er nimmt und trägt.

 Ex iactura lucrum. Weil er sein Leben dahingegeben hat, wird er Nachfolge haben und weit reichen, den Opfergedanken als den höchsten herausstellen, in dessen Befolgung das Leben erst den rechten Wert erhält. Fortan will die Altarkerze lieber am Altare leuchten und in solcher Arbeit sich verzehren als daß sie verstaubt im Sakristeiwinkel sich erhielte, und die Erntesichel lieber brechen als verrosten. Wer sein Leben verliert, der wird es gewinnen. – Ich heilige mich selbst für sie. So ganz stellt sich Jesus den Seinigen zu Dienst, daß sie von dieser Treue und ausschließlicher Opfergesinnung überwältigt sich ihm erschließen, bereit für ihn zu leben, zu leiden und zu verzichten und in Wahrheit geheiligt zu werden.

 Scheinfrömmigkeit, die zu allem sich erbietet und das „Herr, Herr“ mit kräftigem Eifer sagt, bedeutet vor dem nichts, der nach dem Willen fragt und die Tat des Willens begehrt. Flammende Begeisterung gilt bei dem nichts, der an großen Taten vorübergeht und die einzige Tat des gottgebotenen und gottgenehmen Opfers verlangt, die in der Alltäglichkeit der Ansprüche nicht ermattet, im Gleichmaß der Anforderungen nicht abstumpft, sondern alle Morgen mit neuem Ernste den alten Pflichtenkreis durchmißt. In Wahrheit geheiligt ist der Mensch, den sein Sinn und Wille ein beständiges und ein lebendiges Opfer sein läßt, das festlich zu Gott emporsteigt.

 Beständig, ohne neue Weisen und Methoden, ohne Verlangen nach großen Erfolgen, immer dem Einen zugewandt, daß es Gott gefalle, und dabei doch den ganzen Menschen beanspruchend und verwertend, die ganze Persönlichkeit in den Dienst stellend, darum lebensvoll und lebenswert.

 So steht der Herr von der Höhe des Kreuzes, da er das Vollmaß alles Opferlebens erwiesen hat, auf allen Dienst, der das Ich in den Tod gibt, damit andre dann Leben haben. Die Jünger sind ihm nur Priester voll hingebenden Opferernstes, die im Kreuz sich| bewähren und so der Welt zeigen, daß man in Weltverleugnung ihr den treuesten Dienst erweist.

 Geheiligt in Wahrheit verzichten sie auf äußere Ehre und auf geistliche Würde, die sich nach außen kund gibt, und wollen nur als echt, wahr und ganz erfunden sein, damit ihr Opferleben gewinne. Denn nur der Opfernde gewinnt.


Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden.

 Wie groß und reich kehrt bei dem Herrn, der sein opfergewaltiges Leben ausschließen, aber nicht beschließen, sondern in seinen Jüngern fortsetzen will, die Hoffnung ein! Wie er weiß, daß das Weizenkorn über der Erde, und wenn es edelster Art wäre, allein bleibt ohne Gewinn für sich und ohne Segen für andere, Beute der eilenden Vögel, von dem schweren Tritte zertreten, wenn es aber in die Erde fällt, Halm und Ähre emporsendet, Brot und Segen für die Menschen und Freude für sich, so weiß er durch seinen Opfertod, der ihm eine kleine Weile in die Erde verbirgt, eine Gemeinde gesammelt, die im Frührot der Ostern ihren Frieden findet, der alle Stürme überdauert.

 Wenn und weil seine Apostel Priester werden und so viele sie es sind, werden sie Seelen gewinnen, Früchte seiner heiligen Gebete, Erfolg ihrer völligen Arbeit. Das große Regierungsprogramm des bald durch Leiden des Todes zur Herrlichkeit Gekrönten ist umfassendes, eingehendes, nachgehendes Gebet. Ich bitte für sie – in seinem Gebete geschützt, von ihm begleitet treten die Jünger ihren Siegeszug an über Land und Meer, durch gute Gerüchte und böse Gerüchte, übel gescholten und heiß bedankt, verachtet und zur Hilfe gerufen, ganz vergessen und doch viel genannt ziehen sie dahin und gewinnen Seelen durch kein andres Mittel als durchs Wort, durch das in ihnen zu lebendiger Ausgestaltung gelangte und durch ihre Erlebnisse und Erfahrungen bestätigte Wort. Sie bringen nicht ihre Weisheit an, Weisheit hat die Welt soviel, daß sie ihrer um ihrer Wandelbarkeit willen müde geworden ist –, sondern das schlichte unscheinbare Wort von dem, in dem gleichwohl alle Fülle der Weisheit und der Erkenntnis wohnt, sie kommen nicht mit hohen Worten, sondern mit dem ganz auf sich und seine wundersame Ernstlichkeit und Wahrhaftigkeit beschränkten großen Also der göttlichen Liebe. Es mag die Stimme sich wandeln und den Bedürfnissen sich anpassen, dort linder und hier stark werden, aber immer ist es dieselbe Botschaft von seinem Worte aus ihrem Leben.

 Und dieses geschichtsreiche, durchlebte und durchlittene, im Himmel gepriesene und in der Hölle als einziges Heil gekannte Wort hat die Verheißung, daß es nicht leer zurückkommen, sondern Seelen erobern werde, denen es fortan nicht um tausend Welten, sondern| um dies Wort zu tun ist. Für die Jünger der Jünger (Hebr. 2, 3), für den von dem kleinen Kreise über das Völkermeer sich weiternden und vergrößernden Kreis bittet der Herr. Es ist ihm eine liebe, hehre Arbeit, mit der apostolischen immer Schritt zu halten, ihre Wege zu begleiten. Ich bitte für sie. Und wenn ihre Wege enden, will ich weiter mit den andern gehen, daß eher die Menschengeschlechter vergehen, ehe meine Fürbitte für die auf dem Herzen getragenen Seelen abläßt.

 Für die widersetzliche und mit Willen gegen ihn sich abschließende Welt (V. 9) bittet er nicht, aber für alle, die glauben wollen und glauben werden. So gedenkt er, der den Missionsbefehl gegeben hat, auch ihrer Tätigkeit und ihres Erfolges. Und durch die Nöte des Abfalls von ihm, die er kennt und beklagt, durch die Sorge über Verkürzung, Verschweigung und Umdeutung des alten Trostes weiß er dem Jüngerwort sein ganzes Zutrauen zu schenken. Es bleibt echt und es ist von Erfolg.

 „Ihr Wort“ – wie großartig und weitherzig ist der Herr, wenn Jünger missionieren. Ihnen schreibt er nichts vor, sind sie doch sich selbst ein Gesetz, da sie nichts andres können als von ihm reden. Ihr Dienst, Sieg und Erfolg in seinem Gebet – damit ist dem Amte, das die Versöhnung mit Jüngerlippen predigt, der größte Sieg gegeben: Seelen werden von Menschen für Gott gewonnen.


Auf daß sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir, und ich in dir, daß auch sie in uns eins seien, auf daß die Welt glaube, du habest mich gesandt.
 Jünger und Jüngergemeinden, Apostel und apostolische Siege, Hirten und Herden, von einer Liebe des Erzhirten umfaßt, durch ein Gebet getragen und geschützt, ja geradezu ein Gedanke im Herzen Jesu, bei dem die zeitliche Folge und das Nacheinander der Jahrhunderte die Einheit des Bildes nicht stören können, sollen – darum bittet der Herr – gerade durch dies Gebet fest aneinander geschlossen, treu miteinander verbunden werden. Sie sollen nicht Einer sein, was öde Einförmigkeit und Aufhebung des individuellen Rechtes wäre, also daß Erlösung Vernichtung des Schöpfungsgedankens, der jeden einzelnen eigens ins Leben sendet, sein müßte. Jünger und ihre Gemeinden sollen ihre Eigenart, ihre Einzelerfahrungen, Erlebnisse und Lebenswege bewahren, wenn und weil sie in Herkunft und Ziel eins sind. Aus dem Worte geboren, aus dem lebendigen, das ewiglich bleibt (1. Petr. 1, 23), und zu dem Erbteil der Heiligen im Lichte bestimmt, wahren sie sich um des Anfangs wie des Ausgangs willen ihre Selbständigkeit, welche von der Wiedergeburt erst recht verklärt wird; der Mensch in Christo ist in sich ganz bestimmt. Aber Eines sollen sie werden, eine Gemeinschaft der Heiligen und von Heiligen, nicht zerrissen und zerklüftet wie dort die| Sprachenverwirrung, die Folge der Selbstliebe, Uneinigkeit erregte und bewahrte, sondern um Jesum geschlossen, seines Wortes kundig und begehrend: diese alle hier versammelt kommen zu ihm. Ihre Einheit hat Urbild und Ausreifung in der heiligen Einheit, die den Vater und Herrn der Sendung mit dem Sohne, dem Knechte und Boten verbindet. In dem Sohne ist der Vater verklärt, im Vater der Sohn geehrt, in der Arbeit des Sohnes lebt der Gedanke des Vaters, in den Gedanken des Vaters lebt die Freude des Sohnes. Nicht werden Vater und Sohn ineinander aufgehen, des einen Selbständigkeit ist des andern Leben. Aber Eines sind sie bei aller Verschiedenheit, ein einheitliches Denken, Wollen und Wirken verbindet sie.

 Einigungen, welche Nebensächliches zusammenschließen, weil sie im Hauptsächlichen nicht zusammenkommen können oder in Hauptsachen Zwang ausüben, damit sie zu nebensächlicher Einheit gelangen, Vereinigungen, die das geschichtlich Gewordne, die Sonderausprägung des Einen Gottesgedankens übersehen wollen, müssen an dieser Ungeschichtlichkeit scheitern.

 Es gibt aber eine weit über Grenzen und Marken gehende Einheit von Jüngern Jesu auf Grund der einen Erfahrung, daß Sünde durch Gnade aufgehoben und in Frieden gewandelt wird.

 So ist zur rechten Einheit Vorbedingung die Einstimmigkeit des Jüngersinns, der Jüngererkenntnis und Einheit des ihr sich verdankenden Werkes. Jesus bittet darum; je größer die Wirren und je gewaltiger die Irrtümer werden, desto näher tritt die Erfüllung seiner Bitte, denn dann treten fernste Geschlechter mit dem der Gegenwart, entlegenste Völker mit den uns benachbarten, Stammes- und Standesunterschiede, Bildungs- und Erfahrungsverschiedenheiten in dem Schöpfungs- und Erlösungsgedanken, welch beiden sie entstammen, innerlich zusammen. Von einem Blute abstammend, von einem Blute erlöst sind sie in Gott durch Jesum Christum Eines göttlichen Geschlechts.


Und ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, daß sie eins seien, gleichwie wir eines sind.

 Jesus hat den Jüngern den Namen Gottes in seiner Herrlichkeit geoffenbart, die nirgends größer ist als im Vaternamen, er hat sie in das Vaterherz Einblick tun lassen, dessen einziger Gedanke die Menschheit und ihre Not, der Menschensohn und das in ihm ruhende Heil ist. Die Jünger haben die Betenden den Vaternamen gelehrt und sie ihrerseits zu dem geführt, von dem Vatersinn, Vaterart und -treue Ursprung und Segen hat.

 So hat sich eine Gemeinde von Gotteskindern, in dem Sohne und durch ihn erworben, um Gott geschart, daß er sie als die Seinen erkenne und bewahre. Nur Ein Name, aber ein alles erfüllender,| Sehnen und Sorge stillender Trost. Jesus hat den Seinen das Wort gegönnt, Sein Wort, ihm lieb und wert, von ihm erfüllt, in ihm erlebt, durch ihn gekrönt. Um dieses Wort und seine Werke haben sich seinen Reichtum anbetend die Suchenden und Forschenden, die Klagenden und Trauernden versammelt. Das Wort schallt, wo der Name glänzt. Das Wort wirbt, wo der Name gewinnt. Es verheißt, was der Name gewährt.

 Jesus hat den Seinen in den beiden Gaben die Herrlichkeit – beatifica illa inter Patrem et Filium itemque inter divinam et humanam in Christo naturam communio – geschenkt, die er vom Vater erhielt und diesem erstattete.

 Diese Herrlichkeit grundleglicher Art, der Austausch von Gaben, Kräften, Siegen zwischen Vater und Sohn, die segensvolle, freudenreiche Gemeinschaft der Sorgen und Freuden, welche des Vaters Antlitz mit dem Glanz der Leutseligkeit und des Sohnes Wesen mit seligem Abglanz schmückte, ist den Jüngern nach ihren Maßen vorgebildet und eingebildet worden, damit sie in ihnen sich ausbilde.

 Der im Sohne erschien, und durch den der Sohn erschien, will, daß aus den Jüngern des Sohnes Bild, aus diesem das seine erstrahle. Denn nur ein Bild gilt als echt und rein und schön: Gottes Gedanke, im Wesen der Dinge begründet, in ihrer Wirklichkeit erfüllt. –

 Daß die Gemeinde, ehe „sie viel hundert Unionsschriften schreibt und pelagianisches Selbstwerk treibt und so statt Einheit immer mehr Gewirre macht“ (Paul Anton † 1730, der Freund Franckes) nur auf der Einheit ruhen möge, welche der Vater durch den Sohn ihr schenkt! Diese Einheit ist Frucht heiliger Gebete und der Segen betender Heiligung, sie kommt ohne menschliches Zutun und ruht im Segen bei Gott, wie es Christus erwarb.


Ich in ihnen und du in mir, auf daß sie vollkommen seien in eines, und die Welt erkenne, daß du mich gesandt hast und liebest sie, gleichwie du mich liebest.

 Ich in dir – daß ist Jesu nicht erstes Verlangen, sondern Lebensbedingung. Wäre er ein einzigesmal nicht im Vater, so wäre er auf ewig von ihm geschieden, das wäre nicht erst Folge seines Alleinseins, sondern Ursache und Folge zumal. Jesus ganz im Vater nicht aufgehend, aber sich findend, im väterlichen Ja und Nein mit dem Gehorsam gegen beides mit dem Danke für beides. Weil er ganz im Vater ist, kann er in den Seinen, die ihm der Vater (V. 10. V. 12) gegeben hat, soweit sein als sie des Vaters sein wollen. Jesus wohnt in den Seinen, um sie ganz zu des Vaters Kindern zu machen, wirkt und waltet durch den heiligen Geist in ihnen, bis sie, ausgestaltet und ausgereift, des Vaters Gepräge deutlich widerstrahlen.

 Mit der Freude an solcher Einigungsarbeit Jesu auf Grund seiner Einheit mit dem Vater und den Jüngern will der Vater dem| Sohne ganz sich dankbar erweisen und in ihm wohnen, damit, der gibt, empfange und der darreicht, hat.

 Aus diesem heilvollen Lebensverkehr überweltlicher und innermenschlicher Art haben sich alle die Einheitsmomente ergeben, die annoch in der Einen heiligen christlichen Kirche vorhanden sind, Einigungsmomente, die nicht geringer und spärlicher werden dürfen –, das wäre Sünde gegen Gott und sein Werk in Christo und Verbrechen gegen die Welt und Sieg des Jesu Werk aufhalten und verstören wollenden Feindes, – aber auch nicht geringer werden können, weil sie mit dem Zusammenschluß der kraftvollen und planvoll zielkundigen Irrungen ihrerseits sich zusammenschließen müssen.

 An der immer stärkeren Betonung des unum necessarium, an der immer innigeren Erfassung der Sühnegabe vom Kreuze und dem immer tiefer und wahrer werdenden Danke für diese Treue wächst die Einheit der Geliebten und Erwählten zu einer Vollkommenheit, für welche die Erde nicht Raum, aber Ahnung hat.

 An dem Zuge der Einheit zur Vertiefung und Erhöhung, zur umfassenden Kraft der Vollendung soll die Welt, was sie an den Anfängen der Einigung zu glauben begann, erkennen, daß nur ein Gottesknecht, nur Ein Gottesknecht die Einheit gebracht hat und bringen kann, begonnen hat und vollführen muß, wenn er nicht sich untreu werden will.

 Von Gott gesandt ist der, welcher die gute Gabe der Einheit in das zerrissene Leben gebracht hat. Von Gott geliebt, der Einzige, der dieser Liebe wert war, muß der sein, der die vollkommene Gabe der Einigkeit zur Erscheinung bringt.

 Immer wieder geht des um Einigkeit andringlich betenden Herrn Gedanke auf die Welt: sie soll ihrer Uneinigkeit Jammer und ihrer in Unrecht ruhenden Einigkeit Leid, das Weh der nach Zerstreuung hastenden Eintönigkeit an der heiligen seligen Harmonie der wahren Jünger erfahren und erschauen, nach ihr sich sehnen und ihrer Vollkommenheit Zeuge werden.

 Staunend soll die Welt das Schauspiel des Pfingstwunders sehen, dessen Predigt die fernsten Geschlechter und die entlegensten Zeiten, das längst entsunkene Gestern, das zum Scheiden sich rüstende Heute, die in unmeßbarer Ferne liegende Zukunft mit der einen frohen Botschaft erreicht, daß Gottes Liebe zur Welt den eingebornen Sohn zum Leid der Welt gesandt hat, daß er es in sich nehme und durch sich in Frieden wandle, Sprachen verneut, Worte bildet und schafft, ihre Bedeutung erhebt und vertieft – der Pfingstgeist, Menschen erfüllt er mit Ewigkeitsfragen und -gütern, neue nie gesehene Werke der dienenden Liebe, die das Elend in den Elenden aufsucht und des Leidenden sich erbarmt, stiftet er ein. – Daran erkennt die Welt, daß der verachtete Nazarener, der arme Zimmermannssohn, der ungelehrte Lehrer und hilflose Helfer aller Zeiten Wendepunkt heraufgeführt hat. Denn er ist von Gott gesandt.

|  Wo durch die zerrissene Welt die Glocken des heiligen Frühlings läuten, der mit Christo auf die Erde gekommen ist, Glocken, deren Schall die Gemeinde immer wieder ein Herz und eine Seele sein lassen will, da kehrt die große Verteidigung Christi ein, dessen Ehre die Einigkeit der Erlösten und die Schönheit des seiner froh gewordenen Lebens ist.

 So kehrt der Gedanke des Herrn von den Jüngern und ihrer Gemeinde wieder zur Welt zurück, ob sie nicht doch auch dieser Gemeinde sich anschließen werde. Soweit sie über dem Pfingstwunder ehrfürchtig staunend steht, hat sie Verlangen. Das Verlangen aber hat die Verheißung: Ich will Ströme auf das Durstige gießen. Und dies alles durch den gottgesandten Jesus.

 An dem Umstande aber, daß Gott in dem Sohne und um seinetwillen Sünder begnadet und Begnadete liebt, soll die Hoffnung der Welt Halt haben: das ist auch mir geschrieben.

 Klingt nicht durch dieses Jesuswort Hoffnung auf Eine Herde aus allerlei Volk, nicht auf Erfüllung schwärmerischer Träume, die einem Naturprozesse verdanken wollen, was nur Gnade wirkt, und eine endliche Heimkehr alles Erschaffenen wähnen, wobei die heimholende Liebe zur Schwachheit würde, die andren und sich selbst nicht genügt, sondern die starke, treue Hoffnung, daß wenn die Welt erkenne, sie bekenne, bereue, einkehre, umkehre? Wo aber Umkehr ist, da hebt die Heimkehr an.


Vater, ich will, daß wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, daß sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast.

 „Das ist das letzte, aber tröstliche Stück in diesem Gebete, für alle, die an Christo hangen, daß wir gewiß und sicher sein, was wir endlich zu hoffen haben, wo wir Ruhe finden und bleiben sollen, weil wir hier in der Welt elend, verstoßen und keine bleibende Stätte haben.“ So Luther.

 Wie die letzten Sonntage des Kirchenjahres nach der Satzung lutherischer Reformation von dem Ernst und dem Frieden der letzten Dinge reden, bald mit dem tiefen Ton der Abendglocke, bald mit dem hellen und frohen des Morgengeläutes, mit der stillen Ergebung, weil es nun Abend worden ist, mit dem frohen Morgengruß der Ewigkeit entgegen, so endet unser Herr, sein eignes Herz tröstend zum schwersten Gang auf dem Wege der Gottesgebote, das Gebet mit der majestätischen Forderung, zu der ihm der zweite Psalm das Recht gibt: Heische von mir, und ich will dir die Heiden zum Erbe geben und der Welt Enden zum Eigentum – Vater, ich will –. Der seinen Willen stets in dem des Vaters fand, weiß, daß der Vater den seinen mit dem des Sohnes eint, und darum spricht er, daß die erschreckten und betrübten Jünger aufjauchzen und die heimatlos| umherirrende Welt lauschen möge; Vater, ich will. Über dem teuer Erkauften, treu Bewahrten (V. 12), an das er Leben und Ehre gesetzt hat, gilt nur sein Wille, der als Wunsch zum Vater kehrt, daß was alles in Einheit des Gedankens zur Einigung im Wesen ihm der Vater gab, bei ihm in der Heimat sein möge, damit die Seinen ihren geliebten Herrn, dessen Niedrigkeit ihnen das Herz gewonnen und zugleich mit tiefem Mitleid erfüllt hat, in der ihm gebührenden Herrlichkeit sehen mögen, sich zum größten und seligsten Troste: denn seine Verklärung ist ihre Klarheit und seine Ehrung ihre Seligkeit.

 So gewiß die Substanz des ewigen Lebens die gläubige Erkenntnis Gottes und seines Christus ist, so gewiß ist die Krone des Lebens die schauende Gemeinschaft, die fruitio sine fine.

 Es ist ausgleichende Gerechtigkeit, einmal daß die Armen, welche den Todesleib an Jesum geliehen haben, von ihm den Herrlichkeitsleib als Gegengabe empfangen, der darstellen kann, wie der Menschenleib eigentlich war, in dem, wie er durch das letzte Werde! geworden ist. Zum andern, daß die Kreuzgemeinde, welche um Jesu willen verfolgt wird den ganzen Tag, in die Freudengemeinschaft versetzt werde, welche in Christo Jesu, unsrem Herrn uns mit dem Urgrund ewiger Schönheit verbindet.

 Alle Zweifel schlägt dies übermächtige: Ich will – trotzig zu Boden. Mögen sie in einer verblaßten Ideologie die Seligkeit als unpersönliche, spiritualistische auffassen – Jesus will – da schweigen Bedenken, Klagen und Sorgen: er wird alle Dinge mit seinem, mit diesem allmächtigen Wort tragen, heben und erretten.

 Und das Ziel der Gotteswege ist Leiblichkeit, ist Realität. Die Herrlichkeit Jesu ist Selbstverklärung, Menschheitsverklärung, Weltverklärung.

 Wenn alles Gebet erhört und das priesterliche Amt vollendet sein wird, dann wird er zum König werden, dessen Leidenszeichen ganz licht und dessen Herrscherwille ganz und völlig erfüllt werden wird, dann wird in jeder Menschenseele, die sich hat heimbringen, an jeder, die sich im Widerstand hat verfestigen lassen, Sein Bild dort in rettender, hier in richtender Majestät überstrahlen. Und diese Strahlen werden den Leib der Verklärten weben, den der Verworfnen gestalten, hier als Karikatur, dort als Ebenbild. Dann wird die Welt im Anblick der Herrlichkeit ausbrechen, ihre Grenzen weiten und ihre Gestalt verneuen dürfen. Die Sprache hat für Unaussprechliches noch kein Wort, und ihre Bilder rühren kaum an den Saum der seligsten Wirklichkeit.

 Über das Weh des Scheidens, dessen mächtige Tiefen ihn bald umfangen werden, hebt der Herr seine Seele machtvoll und sehnsüchtig empor, indem er den Verwaisten die Hoffnung ins Herz gibt. Spes est res.


|
Denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war.

 Wie der Mann der Tat am liebsten der Tage der Kindheit sich erinnert, damit aus dem Vergleich vom Erreichten und Verheißenen, von Ausführung und Verspruch Dank und stiller Lobpreis in ihm erwacht, so kehrt vom Throne der Herrlichkeit, den er bald und auf immer einnehmen wird, Jesus noch einmal durch die Niedrigkeit des allereinsamsten Lebens zu den vorweltlichen Erinnerungen zurück, die zugleich stetige Lebenskräfte sind. Reicher als er einst gewesen, obgleich seine in der väterlichen Liebe verankerte Herrlichkeit: so groß und ungemessen war, kehrt Jesus heim. Vor einer sündigen Welt und ihrer bittren Not stand er einst sinnend und sorgend, ihr Heil mit dem Vater erwägend. Aus einer erlösten Welt und mit ihr kehrt er heim. In Ewigkeitsfernen leidloser Liebe geht sein Geist, durch die durchlittnen Zeiten, durch die erstrittenen Siege, aus durchkämpften Schrecken kommt, mit heiligen Erfahrungen bereichert, mit der Menschheitsgeschichte, die er befreite, belastet der Wanderer heim.

 Was aber das Einst vorweltlicher Herrlichkeit, der Ruhe vor dem Streit und das Jetzt der leidensschweren Nacht in dem Streit mit dem vollendeten Einst der triumphierenden Ruhe nach dem Streit – zusammenschließt, ist das Kindesbekenntnis des Sohnes: du hast mich geliebt. Die Liebe hat ihn froh gemacht, als alles um ihn dunkel ward, hat ihn in die Fremde geleitet, in der zuerst niemand ihn aufnahm, zum Leiden bereitet und in ihm trotz des Grauens und Grolles vor dem Abgrund bei sich gehalten, ihm als letztes Erdenheim das Grab bereitet und soll ihn nun heimbringen, daß er ihr danke. – Schließlich ist alle Herrlichkeit nichts andres als die Erfahrung von der nimmer aufhörenden Gewalt der Liebe, die Gericht und Verdammnis niederrühmt. –


Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese erkennen, daß du mich gesandt hast.
 Der als Heiliger die Seinen für sich bewahrt und als in sich Geschlossener die Seinen nun zu sich zieht, soll als Gerechter, der zu seinem Worte steht und über seines Willens Ehre wacht, die Welt lehren, was es um eine gerechte Sache ist. Jesus weiß von der Gerechtigkeit des Vaters, die ihm gegenüber Treue ist, von ihr verstanden, getragen, gestärkt und verklärt. Ihm behält Gott Recht in allen seinen Werken: Umwege, Kreuz und Not, Widerspruch und Verleugnung, Niederlage und Tod – alles ist Jesu das Werk des Gerechten, der trotz der Umwege geradeaus und zum Ziele geht. Vor dem Auge des scheidenden Sohns liegt jetzt eine Welt der Herrlichkeit, weil in ihr Gerechtigkeit wohnt, des Ausgleichs und Abgleichs, der Richtigstellung und endlichen Annahme zu Ehren. Lüge ist als solche offenbart,| der stille ungedankte Dienst der Wahrheit kommt zum Sieg, die göttliche Niedrigkeit und Torheit übertrifft alle menschlichen Höhen, aus Tränen werden heilige Triumphe.

 Wie aber Jesus die Gerechtigkeit kennt, die des Vaters Wesen ausmacht, ohne die er aufhörte nicht nur Gott, sondern Person zu sein, so glauben die Jünger, daß Gott die Gerechtigkeit erwählt habe, um sie siegreich zu machen. Noch ahnen sie kaum. den tiefinneren Zusammenhang von Christi Kreuz und der Gerechtigkeit des Vaters. Aber wenn die Ostersonne ihnen aufgeht, wird in ihrem Lichte das „Mußte nicht Christus solches leiden?“ – ihnen klar werden, und daß er zu seiner Herrlichkeit eingehen wird, erfordert ihnen die Vatertreue.

 Sie haben es gelernt auf Gerechtigkeit zu hoffen, wenn die Lüge siegte und die Wahrheit darniederlag und haben zu fragen verlernt, wenn Jesus die Armen am Geiste, die um Gerechtigkeit willen Verfolgten selig pries.

 Aber die Welt kennt die Gerechtigkeit nicht, weil sie eine Welt voll Ungerechtigkeit ist. So soll es der heilige Geist zeigen, daß Unglaube nichts andres ist als Scheidung von dem Lebensgut und Gerechtigkeit Gottes den Heimgang des Sohnes zum Vater verlange und bedinge, Gericht aber in der Verurteilung ihres Fürsten sich zeige.


Und ich habe ihnen deinen Namen kund getan und will ihn kundtun, auf daß die Liebe, damit du mich liebest, sei in ihnen, und ich in ihnen.

 Das Amen des hohenpriesterlichen Gebetes ist gekommen. Noch einmal zeigt der Herr die Arbeit auf, die er getan hat: er hat den Namen der Vaters durch die Erlösung vom Joch des Strafzorns zu Ehren gebracht, und aus der Knechtesfurcht und ihren Schrecken die Seligkeit kindlicher Furcht zum Sieg geführt. Was er von Gottes richterlicher Majestät gegen die Sünde in seinem Leiden und von Gottes väterlicher Leutseligkeit nach seinem Leiden ja nach jedem Schweren erfuhr, hat er treulich kundgetan. Ein langes Leben des Lernens hat er der Menschheit ebenso gewidmet wie die kurzen Jahre der Lehre, er hat sich an die Gestalt des sündlichen Fleisches gewöhnt, damit dieses sich an die Lauterkeit des entsündigten Lebens gewöhnen möge.

 Was er in Niedrigkeit getan hat, will er in der Hoheit fort- und zu Ende führen. Durch den teuren Beistand und Wegleiter aus und zu der Wahrheit will er den hohen Namen weiterhin kundtun, von dem und durch den und zu dem alle Dinge sind. Solch seligernster Aufklärung und Erklärung wird Gott mit der Klarheit der Liebe danken, mit der er den Sohn geliebt hat und in ihm alle von ihm Erlösten lieben will. Wie ein warmer Sonnenstrahl alle Blüten und Blumen zum Leben erweckt, daß in ihnen Gottes Güte erschaut| werde, so soll die Liebe des Vaters die Jünger erwärmen und verneuern, durchleuchten und verklären, und diese Liebe ist des Sohnes Bild. Wo Gott liebt, da ist Christus nicht ferne. Denn in ihm ist der Liebesgedanke lebendig, und zu ihm weht der Dank für die Liebe zurück.

 Daß die heilige Passion Jesu Christi mit dem Lobpreise der Liebe endet, die sie erweckt, angenommen und gekrönt hat, öffnet der wartenden Seele den Blick in Fernen, welche die Liebe denen auftut und erschließt, denen das Nahe allzu drückend ist.

 So ist die Stunde des Abschieds immer Verklärung. Man geht von dem Durchlebten zu dem Lebensgut. Und die Liebe Gottes bleibt, ob sie beleidigt oder versöhnt und wieder entdeckt ist, immer das Geheimnis, zu dem die Seele sich sehnt, damit sie nicht in sich verzehrt wird. –

 So viel aber wirkt Arbeit und Gebet, als beides von der Liebe regiert wird, die das Ihre findet, weil sie es nicht sucht, und Seelen rettet, weil sie sich gerettet bekennt.




Buchhandlung
der Diakonissenanstalt Neuendettelsau, Mittelfranken
(Postscheckkonto 8720 Nürnberg)
Bezzel: Beichtreden 2.25
 Hohepriesterl. Gebet 1.20
 Dienst des Pfarrers 2.40
 Zehn Gebote 3.50
Eichhorn: Die Gnade und die Kraftquelle 1.80
 Die Reformation der Kirche 1.80
 Die wichtigsten Punkte der Heillehre 1.80
Gottesdienstordnung (Auszug) –.25
Lauerer: Christliche Persönlichkeit 1.80
 Der Stand der Rechtfertigung 1.40
 Das Wort vom Kreuz 1.40
 Die Diakonissenanstalt, aus Geschichte und Gegenwart 1.50
 Die Diakonie Jesu Christi 1.80
 In Jesu Gebetsschule (im Druck) etwa 1.40
 Vom Lebenswert des alten Evangeliums –.15
 Was ist die Kirche? –.10
Löhe: Beichtunterricht –.70
 Betbüchlein für Kinder –.30
 Kleine Sakramentale –.60
 Samenkörner des Gebetes 1.60
 Was will ich? –.30
Spruchkarten von Bezzel usw. –.10
Weishaupt: Abendmahl, d. L. da Vinci –.50