Einfältiger Beichtunterricht für Christen evangelisch-lutherischen Bekenntnisses (4. Auflage)

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Textdaten
Autor: Wilhelm Löhe
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Titel: Einfältiger Beichtunterricht für Christen evangelisch-lutherischen Bekenntnisses
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Herausgeber: Wilhelm Löhe
Auflage: 4. Auflage
Entstehungsdatum: 1836
Erscheinungsdatum: 1900
Verlag: Kommissionsverlag der Buchhandlung der Diakonissenanstalt
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Erscheinungsort: Neuen-Dettelsau
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Quelle: Commons
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Einfältiger
Beichtunterricht
für
Christen
evangelisch-lutherischen Bekenntnisses
von
Wilhelm Löhe.



Vierte Auflage.


„Unsere Lehre geht die an, denen es Ernst ist um ihre Seligkeit und etwas Höheres am Evangelio suchen, denn die fleischliche Freiheit!“
Luther im Warnungsbrief an
die zu Frankfurt a/M.

Neuen-Dettelsau
Kommissionsverlag der Buchhandlung der Diakonissenanstalt
1900.


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Inhalt
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I. N. J.
 Es beichten viele Menschen, ohne zu wissen, was beichten ist. Wenn einer auf seinen Acker geht, so weiß er allemal zu sagen, was er auf dem Acker thun will; und doch sind die Geschäfte, welche man auf dem Acker zu thun hat, nur irdische Geschäfte, auf welche für das wahre Heil des Menschen nicht das Meiste ankommt. Warum gehen denn die Leute zur Beichte – alle Jahr ein- oder zweimal, ohne zu wissen, was die Beichte ist; und doch ist die Beichte für die ewige Wohlfahrt des Menschen wichtiger, als säen und ernten und alle weltlichen Geschäfte! Ja, wenn sie nicht wissen, was sie in der Beichte thun, warum fragen sie der Sache nicht einmal nach? Ist man doch sonst so neugierig, nämlich in irdischen Dingen: warum nicht auch in himmlischen? Man sagt: „Unsre Vorfahren haben’s auch so gemacht: alle Jahre zwei Male sind sie in die Beichte gegangen. Wie die es gemacht haben, so machen wir’s auch, | und unsre Kinder desgleichen; wir wollen auch das christliche Werk vollbringen; weiter können wir nichts sagen, denn wir sind eben nicht so gelehrt!“ – Gut! Eure Vorfahren sind freilich auch zur Beichte gegangen zweimal, ja (merkt’s euch!) viermal im Jahr; aber sie wußten, was sie thaten – und ihr wisset es nicht; das ist der Unterschied. Sie wußten, was das für ein christliches Werk ist, die Beichte, und waren so viel gelehrt, als nötig ist, mit Segen zur Beichte zu gehen: und so viel gelehrt könnet und sollet ihr eben auch sein. Ihr saget immer, daß jetzt so eine aufgeklärte Zeit ist: und doch wisset ihr weniger, als eure Väter? Merket ihr nicht, daß eure Väter zum Himmelreich aufgeklärter waren, als ihr? Werdet doch darin, wie eure Väter! Denn was hilft’s, wenn ihr fürs Erdreich aufgeklärter seid, als sie, wenn ihr darüber die Weisheit verloren habt, welche selig macht? Das wäre ein schlechter Tausch, welcher Sterben nichts nützte, und euch noch in der Ewigkeit gereuen müßte! Ihr wisset ja, was geschrieben steht: „Was hülf’s dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, daß er seine Seele wieder löse?“ Matth. 16, 26.
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|  Wer nun, ihr Lieben, von euch nicht zu stolz ist, noch etwas zu lernen für das Himmelreich, dem wird hier in herzlicher Mildigkeit ein einfältiger Unterricht von der Beichte angeboten. Der HErr segne ihn an euern Seelen, daß ihr hinfort den großen Segen der Beichte erkennet, suchet, findet, genießet und dem Geber aller guten Gaben mit Herz und Lippen dafür danket! Amen.




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1.
Was versteht man unter der Beichte?

 Wenn man von der Beichte redet, so begreift man unter diesem Namen gewöhnlich zwei zusammengehörige Stücke, nämlich:

a. Das eigentliche Beichten und Bekennen der Sünde (denn Beichten heißt Sünden bekennen), und
b. die Absolution, d. i. die Vergebung der Sünden, welche der Beichtvater an Gottes Statt spricht.

 Darum heißt es auch im kleinen Katechismus Luthers: „Die Beichte begreift zwei Stücke in sich: eines, daß man die Sünde bekenne, das andere, daß man die Absolution oder Vergebung von dem Beichtiger empfahe, als von Gott selbst, und ja nicht daran zweifle, sondern fest glaube, die Sünden seien dadurch vergeben vor Gott im Himmel!“

 Von diesen zwei Stücken wollen wir nun handeln.


2.
Ohne Erkenntnis der Sünde kein Bekenntnis derselben.
 Wer Sünden in der Beichte bekennen soll, muß zuvor seine Sünden kennen und erkennen; denn was soll der beichten, welcher meint, er habe nichts gesündigt? Nun ist es zwar in Gottes Wort fest gegründet, daß alle Menschen in Sünden liegen von Natur (Röm. 3, 10–12.); aber nicht alle sehen es ein; nicht alle erkennen, daß ihre Seele mühselig | und beladen ist in Sünden, nicht alle bekennen es und begehren von ihrer Last erlöset zu werden; die meisten liegen so tief in Sünden begraben, daß sie ihre Sünden gar nicht mehr kennen, – sie bilden sich ein, es stehe mit ihnen gut, da doch gerade diese Einbildung ein Beweis ist, daß es mit ihnen weit gekommen ist und schlimm steht. Zu gunsten der Leute, welche in Finsternis und Schatten des Todes sitzen, sich aber sehnen, ans Licht zu kommen, geben wir nur eine kurze Anleitung, wie man zur Erkenntnis der Sünde kommen kann. Gott gebe, daß der Leser die nun folgenden Worte mit sanftmütigem Geiste aufnehmen und zu seinem Heile gebrauchen könne! Ja, Gott gebe es; denn Erkenntnis der Sünde kommt allein vom HErrn, von Seinem Geist, aus lauter Gnade, durch das Wort!


3.
Erkenntnis der Sünde kommt aus dem Gesetz des HErrn.
 Wenn du die Sünde erkennen willst, so mußt du nicht bloß in dein Gewissen schauen; denn da hat jeder ein anderes Gewissen; der eine hält das und das für Sünde, der andere nicht – und es giebt Völkerschaften, die sich ein Gewissen daraus machen, wenn sie in einem bestimmten Lebensalter noch nicht so und so viel Feinde erschlagen haben. Das rechte Gewissen deiner Sünden ist das Gesetz Gottes, wie es 2. Mos. 20. und Matth. Kap. 5–7. | geschrieben steht. Dahin muß dein Gewissen in die Schule gehen!

 Wie einer in einem Glasspiegel sehen kann, was für Flecken und Gebrechen er an seinem Leibe und im Gesicht hat, so kann ein jeder im Gesetz Gottes, als in einem guten Spiegel aus dem Himmel, die Flecken und Gebrechen seiner Seele, d. i. seine Sünden erkennen; denn „durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde“ (Röm. 3, 20.). – Willst du also deine Sünde erkennen, so lies die 10 Gebote 2. Mos. 20., etwa auch Luthers Auslegung dazu im kleinen Katechismus, dazu die Bergpredigt Matth. 5–7. Ehe du liesest, rufe Gott um die Gnadengabe der Sündenerkenntnis an. Wenn du liesest, so lies langsam, Vers für Vers und Wort für Wort, und frage bei jedem: „Bin ich’s? Hab’ ich das gethan? Hab’ ich das unterlassen? Wie paßt dies Wort auf mich?“ Frag’ dich so in deiner Kammer und schone dein nicht; dann wirst du sehen und erkennen, daß du nicht nur nicht eines, sondern gar keines von allen Geboten Gottes gehalten hast; du wirst in Wahrheit und ohne Heuchelei mit St. Paulo Röm. 7, 14. sagen müssen: „Ich bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“ und v. 18.: „Ich weiß, daß in mir, d. i. in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes!“ dann wirst du nicht mehr erbittert werden, sondern mit weinender Demut Gott Recht geben, wenn Er spricht: „Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt, daß er darnach thue, und alles Volk soll sagen: Amen!“ (5. Mos. 27, 26.)


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4.
Bei Prüfung deiner selbst gedenk der Unterlassungssünden!
 Bei einer solchen Prüfung seiner selbst kommt viel darauf an, daß man die Unterlassungssünden für nicht minder groß ansehe, als die Begehungssünden. Unterlassungssünden sündigen gegen die Gebote, Begehungssünden gegen die Verbote Gottes. Es sind freilich unter den 10 Geboten dem Buchstaben nach nur 2 Gebote (das dritte und vierte), und daher könnte einer auf den Gedanken kommen, es gebe auch viel weniger Unterlassungs- als Begehungssünden. Allein genau genommen liegt in jedem Verbote ein Gebot, und in jedem Gebote ein Verbot, wie denn auch Luther in Auslegung eines jeden von den 10 Geboten nicht bloß angiebt, was verboten ist und was man also nicht thun soll, sondern auch, was geboten ist und was man also auch thun soll. Da nun auf diese Weise im Gesetze Gottes eben so viel Gebote als Verbote, und eben so viel Verbote als Gebote enthalten sind, so giebt es gewiß gegen die Gebote Gottes eben so viel, ja wohl mehr Unterlassungssünden, als es gegen die Verbote Begehungssünden giebt. Mit Bedacht rede ich von mehr Unterlassungs- als Begehungssünden; denn der Mensch nimmt die Gebote weniger in acht, als die Verbote, und meint alles gethan zu haben, wenn er nur kein Verbot übertreten hat. Und doch ist eine Unterlassungssünde bei Gott so groß, als | eine Begehungssünde, – es ist ein und derselbe ewige Gesetzgeber, welcher an beiden Greuel hat, welcher durch beide beleidigt wird! (Ps. 51, 6.)

 Darum richte deine Selbstprüfung, lieber Leser, nach dem Sinne dessen ein, der einst dein Richter sein wird, damit du Ihm nicht ins Gericht fallest; denn so wir uns selbst nach Seinem Sinne und Gesetze richten, so werden wir nicht gerichtet (1. Kor. 11, 31.). Frage dich also nicht allein: „Was habe ich gethan?“, sondern auch: „Was habe ich nicht gethan? Was habe ich unterlassen?“ Frage dich nicht bloß: „Habe ich meinen Feind gehasset?“, sondern auch: „Habe ich ihn geliebet?“, nicht bloß: „Habe ich andre Götter angebetet?“, sondern auch: „Habe ich den alleinigen Gott über alle Dinge gefürchtet, geliebt und Ihm vertraut?“ etc. etc. So wird dir in viel tausend Beweisen offenbar werden nicht allein dein Hang und Drang zu allem Bösen, sondern auch deine Lahmheit und Mattigkeit zu allem Guten, und du wirst die Wahrheit erkennen, daß deine Sünden wie der Sand am Meere sind – nämlich ohne Zahl; und wirst beten lernen: „So du willt, HErr, Sünde zurechnen, HErr, wer wird bestehen!“ Ps. 130, 3.


5.
Die meisten mögen sich nicht prüfen, leben sicher dahin.
 Obwohl diese Anleitung in aller ihrer Kürze zur Erkenntnis der Sünde für ein nach Licht und Wahrheit hungerndes und dürstendes Herz genugsam | ist, so ist doch nur der geringste Teil der Menschen nach Wahrheit hungrig und durstig. Die meisten gehen dahin in sicherer Blindheit, froh ohne alle Erkenntnis der Sünde, behauptend, es stehe mit ihnen ganz wohl. Für diese ist jede Anleitung, zur Erkenntnis zu kommen, ohne Gottes besondere Gnade vergeblich: denn sie wollen keine Erkenntnis, bei welcher sie vor sich selbst erscheinen müssen, wie sie vor Gott sind, durch welche sie mit sich unzufrieden werden und ein anderes Leben anfangen müßten. Weil jedoch das Wort Gottes auch an die Blinden und Toten ergeht – und die Kraft hat, lebend und sehend zu machen, – weil auch sichre Menschen Stunden haben, da ihnen Licht und Gnade angetragen wird, so möchten in solchen Stunden die nachfolgenden Gedanken nicht ganz ohne Frucht für sie gebraucht werden.


6.
I. Beweis für solche, welche keine Sünde spüren, daß sie dennoch Sünder seien.
Beweise der Sünde für die Sichern, die sich nicht fühlen:
a. aus dem Fleisch.

 Luther im großen Katechismus sagt:

 „Denselbigen, die so gesinnt sind, daß sie sich nicht fühlen, weiß ich keinen bessern Rat, denn daß sie doch in ihren Busen greifen, ob sie auch Fleisch | und Blut haben? Wenn du denn solches findest, so gehe doch dir zu gut in St. Pauli Epistel an die Galater Kap. 5, 19. und höre, was dein Fleisch für ein Früchtlein sei: „Offenbar sind aber (spricht er) die Werke des Fleisches, als da sind Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Geilheit, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifer, Zorn, Zank, Zwietracht, Sekten, Haß, Mord, Saufen, Fressen und dergleichen“. Deshalb kannst du es nicht fühlen, glaube doch der Schrift, die wird dir nicht lügen, als die dein Fleisch besser kennt, denn du selbst.[1] Ja weiter schließt St. Paulus Röm. 7, 18.: „denn ich weiß, daß in | mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes!“ Darf St. Paulus solches von seinem Fleische reden, so wollen wir auch nicht besser, noch heiliger sein. Daß wir’s aber nicht fühlen, ist so viel desto ärger: denn es ist ein Zeichen, daß es ein aussätziges Fleisch ist, das da nichts empfindet, und doch wütet und um sich frißt. Doch, wie gesagt, bist du so gar erstorben, so glaube doch der Schrift, so das Urteil über dich spricht; und in Summa, je weniger du deine Sünden und Gebrechen fühlest, je mehr Ursache hast du, Hilfe und Arzenei zu suchen!“


7.
II. Beweis.
b. aus der Welt Bosheit.

 Weiter sagt Luther:

 „Zum andern: siehe dich um, ob du auch in der Welt seiest, oder weißt du es nicht, so frage deinen Nachbarn darum. Bist du in der Welt, so denke nicht, daß es an Sünden fehlen werde; denn | fang nur an und stell dich, als wolltest du fromm werden und beim Evangelium bleiben, und sieh zu, ob dir niemand werde feind werden, dazu Leid, Unrecht und Gewalt thun, ferner zu Sünden und Untugend Ursache geben.[2] Hast du es nicht erfahren, so laß’ dir’s die Schrift sagen, die der Welt allenthalben solchen Preis und Zeugnis giebt!“[3]


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8.
III. Beweis.
c. aus des Teufels Verführung.

 Luther fährt fort:

 „Über das wirst du auch den Teufel um dich haben, welchen du nicht gar unter dich treten wirst, weil es unser Herr Christus selbst nicht hat umgehen können. Was ist nun der Teufel? Nichts anderes, denn wie ihn die Schrift nennet, ein Lügner und Mörder: ein Lügner, das Herz zu verführen von Gottes Wort und zu verblenden, daß du deine Not nicht fühlest, noch zu Christo kommen könnest; | ein Mörder, der dir keine Stunde des Lebens gönnt. Wenn du sehen solltest, wie viele Messer, Spieße und Pfeiler alle Augenblick auf dich gezielt werden, du solltest froh werden, so oft du könntest, Gnade und Vergebung im Sakrament zu holen.“[4]


9.
IV. Beweis.
d. Aus Christi Leiden.

 Dieser Beweis ist genommen aus den Leiden Christi, davon sagt der ehrwürdige Vater Martin Luther also:

a. „Die bedenken das Leiden Christi recht, die es also ansehen, daß sie herzlich davor erschrecken, und ihr Gewissen gleich sinkt in ein Verzagen. Das Erschrecken soll daher kommen, daß du | siehst den gestrengen Zorn und unwandelbaren Ernst Gottes über die Sünde und Sünder, daß Er auch seinem eignen, allerliebsten Sohn hat nicht wollen die Sünde losgeben, Er thäte denn für sie eine solche schwere Buße, als Er spricht durch Jesaiam 53, 8.: „Um die Missethat meines Volkes war Er geplaget.“
 „Was will dem Sünder begegnen, wenn das liebste Kind also geschlagen wird. Es muß ein unaussprechlicher, unerträglicher Ernst da sein, dem so eine große, unermeßliche Person entgegengeht und dafür leidet und stirbt. Und wenn du recht tief bedenkst, daß Gottes Sohn, die ewige Weisheit des Vaters, selbst leidet, so wirst du wohl erschrecken und je mehr, je tiefer.“
b. Zweifle nicht, du seiest es, der Christum also martert, denn deine Sünden haben’s gewißlich gethan. Also schlug und erschreckte St. Peter (Apostelgesch. 2) die Juden gleich wie ein Donnerschlag, da er zu ihnen allen insgemein sprach: „Ihr habt Ihn gekreuzigt“, daß drei tausend denselbigen Tag erschreckt und zappelnd zu den Aposteln sprachen: „O lieben Brüder, was sollen wir nun thun?“ „Darum wenn du die Nägel Christi siehest durch seine Hände dringen, glaube sicher, daß es deine Werke sind; siehst du seine Dornenkrone, glaube, es sind deine bösen Gedanken etc.“
 „Nun siehe, wo Christum eine Dorne sticht, | da sollten dich billig mehr, denn hunderttausend Dornen stechen, ja ewiglich sollten sie dich also und viel ärger stechen; wo Christo ein Nagel Seine Hände oder Füße durchmartert, solltest du ewig solche und noch ärgere Nägel erleiden; – wie denn auch geschehen wird denen, die Christi Leiden an ihnen lassen verloren werden; denn dieser ernste Spiegel Christus wird nicht lügen, noch schimpfen, was er anzeigt, muß also sein überschwänglich.“ Also gebot Er den Weibern (Luk. 23.): „Weinet nicht über mich, sondern über euch selbst und über eure Kinder“ und sagt Ursach: „Denn thut man also dem grünen Holz, was will mit dem dürren geschehen?“ Als wollte Er sagen: „Aus meiner Marter lernet, was ihr verdienet und wie es euch gehen soll.“
c. „In diesem Punkte muß man sich gar wohl üben; denn fast der ganze Nutzen des Leidens Christi gar daran gelegen ist, daß der Mensch zu sein selbst Erkenntnis komme und vor sich selbst erschrecke und zerschlagen werde. Und wo der Mensch nicht dahin kommt, ist ihm das Leiden Christi noch nicht recht nütz worden; denn das eigne, natürliche Werk des Leidens Christi ist, daß es ihm den Menschen gleichförmig mache, – daß, wie Christus an Leib und Seele jämmerlich in unsern Sünden gemartert wird, wir auch Ihm nach also gemartert werden im Gewissen von unsern | Sünden. Es geht auch hier nicht zu mit vielen Worten, sondern mit tiefen Gedanken und Großachtung der Sünden.“
 „Nimm ein Gleichnis: Wenn ein Übelthäter würde gerichtet darum, daß er eines Fürsten oder Königs Kind erwürget hätte, und du sicher wärest und sängest und spieltest, als wärest du ganz unschuldig, bis man dich schrecklich angriffe und dich überwände, du hättest den Übelthäter dazu vermocht. Siehe, hier würde dir die Welt zu enge werden, sonderlich wenn das Gewissen dir auch abfiele. Also viel ängster soll es dir werden, wenn du Christi Leiden bedenkst. Denn die Übelthäter, die Juden, wiewohl sie nun Gott gerichtet und vertrieben hat, sind sie doch deiner Sünden Diener gewesen, und du bist es wahrhaftig, der durch seine Sünde Gott seinen Sohn erwürgt und gekreuzigt hat, wie gesagt ist.“
d. Wer sich so hart und dürr empfindet, daß ihn Christi Leiden nicht also erschreckt und in sein selbst Erkenntnis führt, der soll sich fürchten. Denn da wird nichts anders draus, dem Bilde und Leiden Christi mußt du gleichförmig werden, es geschehe in diesem Leben oder in der Hölle. Zum wenigsten mußt du im Sterben in das Erschrecken fallen, und zittern, beben und fühlen, was Christus am Kreuze leidet. Nun ist es grausam, am Todbette das zu erwarten. „Darum sollst du Gott bitten, daß Er dein Herz erweiche | und lasse dich fruchtbarlich Christi Leiden bedenken. Denn es auch nicht unmöglich ist, daß Christi Leiden von uns selber möge bedacht werden gründlich, Gott senke es denn in unser Herz. Auch weder diese Betrachtung, noch keine andere Lehre dir darum gegeben wird, daß du sollst frisch von dir selbst darauf fallen, dasselbe zu vollbringen, sondern zuvor Gottes Gnade suchen und begehren, daß du es durch seine Gnade und nicht durch dich selbst vollbringest[.]
e. Christi Leiden so bedenken wandelt den Menschen wesentlich und gar nahe, wie die Taufe wiederum neu gebiert. Hier wirkt das Leiden Christi sein rechtes, natürliches, edles Werk, erwürgt den alten Adam, vertreibt alle Lust, Freude und Zuversicht, die man haben mag von Kreaturen, gleichwie Christus von allen, auch von Gott verlassen war.“
 Anmerkung. Siehe, wie gewaltig Luther aus dem Kreuze Christi Gesetz und Buße predigt! Es ist auch die reine Wahrheit und keine Lüge! Um sein selbst willen hat nun einmal Christus nicht leiden müssen; denn weder hat Er jemals Übles gethan, daß Er dafür hätte leiden müssen, noch hat Er durch Leiden, wie andre fromme Leute, geläutert und geprüft werden müssen; denn Er war von Anfang an lauter und vollkommen, daß auch der Neid samt dem Teufel an Ihm keinen Tadel fand. Hat Er aber nicht für sich selbst leiden müssen, so ist es offenbar, daß Er für andre leidet. Und so ist es auch. „Er ist um unserer Missethat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen,“ wie Jesaias 53. spricht. Die Strafen, welche wir und alle Menschen verdient haben mit unsern Sünden, liegen auf Ihm, auf daß | wir nicht gestraft würden, sondern Frieden hätten. Da sieh’ nun zu! Glaubst du wenig Sünde gethan zu haben und wenig Strafe zu verdienen, so hat Christus für dich wenig gelitten und du hast wenig Teil an Ihm und seinem Leiden. Erkennst du dich aber als einen Menschen, welcher um seiner Sünde willen zeitlichen und ewigen Tod verdient hat, als einen armen Sünder, so wirst du auch erkennen und erfahren, daß Christus viel für dich gelitten, dich viel geliebt hat, du hast viel Teil an Ihm und seinen Leiden. Hast du viel Teil an Ihm und seinen Leiden, so hast du Ihm auch viel zu danken, du bist Ihm viel Liebe schuldig und liebst Ihn wohl auch viel. Wem aber durch Christi Leiden wenig vergeben ist, der liebt ihn wenig, und wer Ihn wenig liebt, der ist ein schlechter Christ und ein Sünder über alle Sünder, – ja, St. Paulus spricht: „Wer unsern Herrn JEsum Christum nicht lieb hat, der sei verflucht!“ (1. Kor. 16, 22.) Darum willst du nicht verloren gehen, so bitte, daß du in Christi Leiden und bitterem Tod die Strafen deiner Sünden erkennen und vor der Last deiner Missethat erschrecken lernest! Der HErr aber erhöre dich und gebe dir anstatt eines harten und steineren Herzens ein weiches Herz, welches seine Krankheit und Bosheit empfindet und beklagt!


10.
a. Man kann nicht alle seine Sünden erkennen,
b. aber die Erkenntnis der Sünde wächst von Tag zu Tag bis in Ewigkeit.
 Wer das bisher Gesagte aufmerksam überlegt, der wird etwa doch zu einiger Erkenntnis seiner Sünden kommen. Alle seine Sünden kann man freilich nicht erkennen; denn, wie David Ps. 19, 13. sagt: „Wer kann merken, wie oft er fehlet?“ und wie Jeremias 17, 9. klagt: „Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding, wer kann es ergründen?“ | Es ist ja das Dichten des menschlichen Herzens böse von Jugend auf. (1. Mos. 8, 21.) Wir sind aus sündlichem Samen erzeuget, und unsre Mütter haben uns in Sünden empfangen (Ps. 51, 7.): wir sind also böse von Art und gleichsam von Haus aus – die Erbsünde hat alle unsre Blutstropfen und Fasern, dazu unsre ganze Seele vergiftet, wie ein Glas Wasser in allen seinen Tropfen vergiftet wird, wenn man Gift hineinwirft. Wer wollte da sich anmaßen, zu sagen: „Ich weiß, wie böse ich bin? Muß nicht vielmehr jedermann sagen: „Ich bin böser, verderbter, als ich weiß!“ Zwar weiß der Geist eines jeden besser als andere Menschen außer ihm, was in ihm vorgeht (1. Kor. 2, 11.), aber auf den Grund unserer Herzen sieht nur das Auge Gottes, welcher spricht: „Ich, der HErr, kann das Herz ergründen und die Nieren prüfen, und gebe einem jeglichen nach seinem Thun, nach den Früchten seiner Werke.“ (Jerem. 17, 10.) Sehen wir unsre Verderbtheit, unsre Untüchtigkeit zum Guten, unsre Lust zum Bösen, unsre Sünden in Gedanken, Begierden, Blicken, Geberden, Worten und Werken, mit so heiligem, über alles Böse erhabenem Auge, in so richtiger Schätzung, so auf einem Haufen, so auf einmal, wie Gott, wir würden in der Erkenntnis unsrer selbst verloren gehen, die Barmherzigkeit Gottes nicht mehr fassen können, sondern mit Kain verzweifelnd unsre Sünde für größer halten, als daß sie uns vergeben werden könnte. Darum verhüllt auch der barmherzige Gott, der nicht Lust hat am Tode des Sünders, die Menge | unserer Sünden und zeigt uns anfangs nur so viel von ihnen, als genug ist, um uns zu Christo, dem Versöhner und Friedefürsten zu treiben; denn in der Erkenntnis unsrer selbst an und für sich liegt kein Gut verborgen; wir sollen uns hauptsächlich darum kennen lernen, damit wir nicht mehr uns, sondern alleine den dreieinigen Gott liebenswürdig finden, welcher sich unser in Christo so herzlich angenommen hat. Kommt der Mensch zum Glauben an JEsum Christum, hält er sich fort und fort und Tag für Tag für reumütig an das Verdienst seines Heilandes, dann heißt es auch von der Erkenntnis der Sünden: „Wer da hat, dem wird gegeben;“ es wird ihm eine Sünde vergeben und der heilige Geist zeigt ihm dafür zwei andre, bisher unerkannte, im Lichte der Wahrheit. So bleibt man bei steigender Vergebungsfreude in der Demut, ja, je länger man bei Christo verharrt, je mehr die Liebe zu Ihm, dem Gnadenvollen, wächst, je mehr man in seiner Gemeinschaft Lust bekommt zum Gesetz des HErrn und zu allem Gotteswohlgefallen: desto kleiner, desto zerknirschter wird auch das Herz; denn desto mehr bekommt es von seiner Bosheit zu schauen, damit es sich der herrlichen Offenbarungen Gottes und seiner Gnade nicht überhebe. Je länger, je mehr wird einem Leben und Frieden eine Gabe der reinen Gnade, je länger, je demütiger wird man. Am demütigsten aber wird der Christ dann sein, wenn er zu seinem HErrn durch den Tod hindurchgedrungen, in Seinem Lichte lebend – alles, also auch sich | selber nach Gottes Urteil betrachten, seine Sünde in ihrer ganzen Größe, die Gnade in ihrer Allmacht erkennen und schauen wird.


11.
Man kann nicht alle Sünden bereuen.
 Da man hier auf Erden nach dem Gesagten nicht alle Sünden erkennen kann, so kann man auch nicht alle bereuen. Der, welcher uns nach Seiner weisen Gnade die größte Menge verhüllt und uns nur stufenweise über uns selbst aufklärt, will, daß wir allezeit so viele Sünden mit Leid und Schmerzen beklagen, als er uns erkennen läßt, – will, daß unsere Reue, wie unsre Selbsterkenntnis und mit ihr wachse. Unsre Selbsterkenntnis soll uns dahin führen, daß wir uns als Kinder des Zorns (Eph. 2, 3), als Verfluchte ansehen nach dem Wort des HErrn 5. Mos. 27, 26: „Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt, daß er darnach thue!“ Sie soll in uns eine Traurigkeit aufwecken, die sich nach Gottes Frieden in der Vergebung der Sünden, nach Befreiung von dem Fluche und der Macht der Sünde sehnt, – sie soll uns den Frieden dieser Welt zerstören, uns nicht mehr ruhig in ihr bleiben lassen, wie ein Engel mit hauendem Schwert uns hinaustreiben aus ihren Sündenlagern zu dem Altar hin, zu Golgatha, von welchem die Verheißung Gottes und ihre Erfüllung, von welchem das Evangelium von der vollbrachten Versöhnung zum Tröste mühseliger | und beladener Herzen erschallt. (Ebr. 13, 13.) Solche Reue, solches Leidtragen ist gut und wird oft durch Erkenntnis auch nur einer einzigen Sünde gewirkt. Da heißt es: „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden!“ (Mtth. 5, 4.) Gott gebe allen Lesern solche Reue. „Denn es muß zu einem Untergang kommen mit einem jeglichen Menschen, sagt richtig Martin Luther. Wenn nun der Mensch also untergehet und zu nichte wird in allen seinen Kräften, Werken, Wesen, daß nicht mehr, denn ein elender, verdammter, verlassener Sünder da ist: dann kommt die göttliche Hilfe und Stärke. Also (Hiob 11.) wenn du meinst, daß du verschlungen seiest, erst so wirst du hervorbrechen, wie der Morgenstern.

 Es ist aber hiermit genug gesagt von der Reue, welche nichts anderes ist, als eine lebendige Selbsterkenntnis, weshalb Nr. 9 auch hierher paßt.


12.
Beichten ohne Reue ist verwerflich.
 Nur wer seine Sünden erkennt und bereut, soll sie beichten oder bekennen. Es giebt eine Kenntnis und Erkenntnis der Sünde, die ohne Reue ist. Wer bloß diese hat und beichten, d. i. bekennen will, der sehe wohl zu. Erkennt einer seine Sünden und meint selbst nicht genugsame Reue darüber zu haben, ist ängstlich darüber, daß sein Herz nicht traurig ist: einem solchen verwehren wir nicht, zu beichten; es | ist in ihm etwa eine tiefere Traurigkeit über seine Sünde, als zu Zeiten, da er selber glaubte, Reue genug zu haben. Wenn aber einer seine Sünde kennt und noch Lust hat, ferner zu sündigen, in der Tiefe seiner Seele nicht einmal zu einem ernstlichen Vorsatz, der Sünde abzusterben, kommen kann: ein solcher beichte nicht; sein Beichten ist verwerflicher, als die Unverschämtheit der Trunkenbolde, welche einander ihre Heldenthaten im Trinken ohne Reue und Scham erzählen, nur damit sie sich zu neuen Sünden reizen; denn sie üben gleiche Unverschämtheit nicht gegen ihresgleichen, sondern gegen den allerhöchsten Gott. Sicherlich fordert man durch ein solches Bekenntnis der Sünden nur die Gerechtigkeit und den Zorn Gottes heraus; denn Er hasset die Übelthäter, geschweige die schamlosen unter ihnen; wer böse ist, bleibt nicht vor Ihm, sondern wird sein wie Spreu, die der Wind verstreuet.


13.
Es giebt dreierlei Beichte.

 Um nun von den Beichten selber zu reden, so sind es insbesondere drei Personen, welchen man Beichte und Bekenntnis abzulegen hat, nämlich:

a. Gott;
b. der Nächste;
c. der Beichtvater.

 Von diesen drei verschiedenen Beichten wollen wir nun einzeln handeln.


|
14.
I. Von der Beichte zu Gott.
1) zu Gott.
 Gott ist allgegenwärtig und der rechte Beichtvater, welchem man vor allen andern beichten soll, denn Er wird von allen unsern Sünden am meisten beleidigt, wie denn auch David Ps. 51, 6 bekennt: „Alleine an dir habe ich gesündigt und Übel vor dir gethan, auf daß du recht behaltest in deinen Worten und rein bleibest, wenn du gerichtet wirst.“ Dieses Sündenbekenntnis, im Kämmerlein und sonst in der Einsamkeit, vor Gottes Ohren gethan, und oft geübt, hat einen großen Segen, welchen ein jeder an sich selbst leicht erfahren kann.[5] Man soll sich aber vor Gott, wie Luther im Katechismus sagt, „aller Sünden schuldig geben, auch die man nicht erkennt;“ denn Gott erkennt uns genauer, als wir selbst, und weiß, daß wir alle seine Gebote übertreten haben. Solches Bekennen aller Sünde ist keine Heuchelei, daß man etwa nur wie aus Bescheidenheit oder Nachgiebigkeit gegen Gott sich auch da schuldig bekennete, wo man im Herzen überzeugt ist, keine Schuld zu haben; sondern es ist eine ewige Wahrheit, welche ein aufrichtiges Herz täglich mehr an sich selbst erfahren soll; es ist eine göttliche | Offenbarung, Gottes Urteil über uns, an welchem wir unser Leben lang zu lernen haben und es nie genug beherzigen können, bevor wir in das Reich der Herrlichkeit kommen, woselbst wir uns erkennen werden, wie wir von Gott erkannt sind. – Bei den Alten wurde auf dies Sündenbekenntnis viel gehalten; nicht bloß die einzelnen Gemeindeglieder für sich übten es, sondern auch die ganze Gemeinde beim Gottesdienst. Ja, es wurde verlangt, daß in allen Versammlungen zum gemeinsamen Gebet nach der Lobpreisung Gottes und Danksagung für die empfangenen Wohlthaten eine allgemeine bittere Selbstanklage vor Gott und das Eingeständnis der Schuld mit Bitte um Verzeihung und Heilung folge. – Beides, die einzelne, wie die gemeinsame Beichte vor Gott sind auch schriftgemäß; davon lies 3. Mos. 26, 40.  4. Mos. 5, 7.  5. Mos. 26, 3.  Esra 9, 1–11.  Nehem. 1, 6. Kap. 9, 2. 3.  Ps. 32, 5.  Spr. 28, 13.  Dan. 9, 4–20.  Mtth. 3, 6.  1. Joh. 1, 9.[6]


15.
II. Von der Beichte gegen den Nächsten.
2) gegen den Nächsten.
 Dem Nächsten soll man beichten und bekennen, was man an ihm gefehlt hat, in der Absicht, Verzeihung von ihm zu erlangen; wiewohl hier insbesondere | von einem gläubigen Nächsten die Rede ist, weil es zweifelhaft ist, ob ein Ungläubiger durch ein Bekenntnis an ihm begangener Sünde keine Erbauung findet[7]. – Allein man soll seinem Bruder nicht allein bekennen, was man an ihm gesündigt hat; sondern wir sollen überhaupt gerne voreinander offenbar werden, damit wir hinfort nicht um der gegenseitigen guten Meinung willen einander anhangen, sondern einer den andern erkennen als einen armen, von Einem Sünder Adam stammenden Sünder, der da ohne Verdienst, allein aus Gnaden, um Christi willen, durch den Glauben gerecht werden könne, – damit auch ein jeder offenbar vor seinem Bruder als Sünder sich scheue, angesichts desselben sich abermals zu erheben nach dem alten Menschen, einer vor dem andern sich demütige, einer den andern tröste, einer des andern Schwachheit gebührend trage, einer samt dem andern gestärkt, gekräftigt und gegründet werde in der einzig wahren Einigkeit mühseliger und sündenbeladener Herzen, welche ist in dem, der die Gottlosen aus Gnaden gerecht macht. Wohl dem, der einen Bruder hat oder zwei, mit welchem er in solchem Bunde des Bekenntnisses und der Aufrichtigkeit steht, da werden der Sünden weniger werden und wenn man ja fällt, so hat | man Leute, die einem wieder zurechthelfen mit sanftmütigem Geiste. Denn es ist wahr, was der Prediger sagt: „Es ist besser zwei, denn eins. Fällt ihrer einer, so hilft ihm sein Gesell auf. Wehe dem, der allein ist; wenn er fällt, so ist kein anderer da, der ihm aufhelfe. Auch wenn zwei bei einander liegen, wärmen sie sich: wie kann ein einzelner warm werden? Einer mag überwältigt werden, aber zween mögen widerstehen; denn eine dreifältige Schnur reißt nicht leicht entzwei.“ (Pred. 4, 8–12.) Solche Einigkeit gefällt dem HErrn wohl, welcher aus der weiten Erde gerne ein Haus voll Brüder machen wollte durch Seine Menschwerdung, Seinen Tod und Seine Erhöhung, der Seinen Knecht David von Fried’ und Einigkeit der Erlöseten Ps. 133 so lieblich singen lehrte! Darum hat Er auch beides, Versöhnung, Mtth. 6, 22–24, und gegenseitiges Bekenntnis Jacob. 5, 16 geboten. – Wer seine Seele lieb hat, der gehorcht dem HErrn in diesem Stück und sucht die Gemeinschaft der Heiligen!


16.
III. Von der Beichte gegen den Beichtvater.
3) gegen den Beichtvater.

 Diese ist es, von welcher wir hier insbesondere zu reden haben und bei welcher wir notwendig länger verweilen müssen.


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a. Öffentliche und Privatbeichte zu unterscheiden.
Von letzterer die Rede.

 Zuvor muß bemerkt werden, daß bei dem Nachfolgenden nicht von der jetzt gewöhnlichen allgemeinen Beichte die Rede ist, wo man am Sonnabend des Nachmittags oder am frühen Morgen des Sonntags sich um den Prediger sammelt, eine Beichtrede anhört, den Prediger eine Beichte vorsagen und darauf ins allgemeine die Absolution sprechen läßt; denn obwohl auch dies nicht zu verachten und eine gute Übung ist, Gottes Wort zu hören und sich zuzueignen, so ist es doch an den meisten Orten nur ein Mißbrauch, der anstatt der Privatbeichte aufgekommen ist, nach welcher ein jeder einzeln die Sünden, welche sein Gewissen beschweren, einem berufenen Diener des Worts beichten und sich einzeln durch die heil. Absolution trösten lassen soll. Von dieser Privatbeichte reden wir, welche man nach dem 11. Art. der Augsburgischen Konfession „erhalten und nicht fallen lassen soll“, welche sich auch zwischen frommen Seelsorgern und heilsbegierigen Beichtkindern überall von selbst wieder einrichtet, wenn sie auch nicht gerade mehr so, wie ehedem in einem besondern „Beichtstuhl in der Kirche, sondern etwa im Hause des Beichtvaters oder des Beichtkindes geübt wird.“ S. darüber mehreres unter Nr. 23.

 Mancher zweifelt, ob in der heil. Schrift geboten sei, einem Seelsorger zu beichten; allein, auch wenn die Beichte dem Beichtvater nicht notwendig | wäre, um dem Sünder die Absolution zu sprechen, so erfordert doch schon die Ausübung des göttlichen Seelsorgeramts, daß dem Seelsorger gebeichtet werde.


b. Menschliche Seelsorge von Gott verordnet.
 Daß es göttlich eingesetzte Seelsorger gebe, ist leicht zu beweisen. Es ist Gottes ausdrücklicher Wille, daß der Mensch durch Menschen nicht allein vom Wege zum ewigen Leben unterrichtet, sondern auch auf demselben geleitet werde, und das Hirten- und Lehramt gehören beide zusammen. Lies Eph. 4, 11. So wie es ein großer Hochmut ist, wenn einer mit Verschmähung der Kirche aus der heil. Schrift den Weg des Herrn sich selber und allein suchen will[8]; so wie er unternimmt, durch seine Mühe zu finden, was 15, ja 18 Jahrhunderte nicht ohne vielfachen Irrtum und Kampf der ganzen Kirche haben finden und erhalten können; eben so ist es auch großer Hochmut, sich den von Gott gesetzten Hirten zu entziehen, als könnte man allein den Weg zur ewigen Heimat gehen, welches doch der HErr nicht für gut gehalten und darum Hirten verordnet hat. Lies Apostelgesch. 20, 28.  1. Cor. 12, 28.  Eph. 4, 11. Gleichwie man in eigener Sache nicht | Richter sein kann, so kann man auch die Wege des eigenen Lebens und Herzens nicht richtig beurteilen; und wie ein Kranker sich nicht selbst heilen kann, sondern eines Arztes bedarf, durch welchen ihm die Hilfe dessen zu teil werde, der gesagt hat: „Ich bin der Herr, dein Arzt“; so kann auch ein Mensch sich nicht selbst mit sicherem Troste trösten, sondern er bedarf eines Trösters und Seelsorgers, durch welchen ihm die Tröstung und Arznei des heiligen Geistes aus Gottes Wort gereicht werde. Darum hat auch der HErr, obwohl alle Menschen Vernunft haben und sie anwenden, ihre eigenen Wege zu gehen, dennoch sie angesehen als Schafe, welche der Hirten bedürftig sind (Mtth. 9, 36), und Petro und dessen Mitjüngern und Nachfolgern gesagt: „Weide meine Schafe! Weide meine Lämmer!“ Joh. 24, 15–17. Wie denn auch St. Petrus (1. Petr. 5, 2) die Ältesten der Gemeinden ermahnt: „Weidet die Herde Christi, so euch befohlen ist!“ und St. Paulus (Gesch. 20, 28) ihnen zuruft: „Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, unter welche euch der hl. Geist gesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeine Gottes, welche Er durch Sein eigen Blut erworben hat!“ Wohl sagt St. Paul „die ganze Herde“, so daß sich also niemand, auch kein Gebildeter ohne Hochmut über die Seelsorge wegsetzen kann; denn was die Bedürfnisse der Seelen anlangt, und gegenüber dem göttlichen Worte ist ein gelehrter Mann und ein armes, blödes Weib eines so arm und dürftig wie das andere.


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Aber ohne Beichte nicht wohl ausführbar.

 Ist es nun wahr, daß das Hirtenamt ein göttliches ist, so ist es auch von seiten eines Hirten nicht Anmaßung, wenn er von seinen Beichtkindern Hingebung, Vertrauen und Bekenntnis erwartet. Soll er für die Seelen der ihm anvertrauten Herde sorgen und wachen[9], ja gar Rechenschaft geben nach Ebr. 13, 17, so muß er sie, d. i. doch wohl vornehmlich ihre Sünden, Schwachheiten und Anfechtungen kennen; und da er diese argloser und heimlicher von niemand vornehmen kann, als von den Seelen selbst, so ist notwendig, daß die Seelen selber vor ihm offen werden. Wenn der HErr Jak. 5, 16. gebietet, daß ein Bruder dem andern seine Sünde bekenne, wie viel mehr wird Er es gebieten, oder recht zu reden, gar nicht für nötig achten, zu gebieten, daß ein Christ vor seinem Hirten beichte und bekenne. Es ist gewiß in den meisten Fällen nur Hochmut, wenn ein Herz sich sträubt, einem treuen Hirten zu beichten und es ist Thorheit dazu, weil es dadurch der Vorteile einer reumütigen Beichte (s. nachher e) verlustig wird.


c. Beichte zur Absolution nötig.
 Indes ist es ja nicht allein das Hirtenamt im Allgemeinen, welches Beichte der Christen notwendig | macht, sondern noch insbesondere das, wie wir später (20–22) erkennen werden, dem Hirten obliegende Amt, an Gottes Statt die Absolution zu erteilen. Es ist ja nicht ein jeder zu absolvieren, der Absolution begehrt, sonst wird, wie es auch jetziger Zeit am Tage ist, die Absolution zu Spott, vielmehr hat der Hirte auch das eben so heilige Amt, Sünden zu behalten und Sünden zu binden. Auf Bedingung hin zu lösen und zu binden macht die Seelen nur ungewiß, und eine bedingte Absolution bringt ein angefochtenes Herz nicht zum Frieden. Eine Absolution aber ohne Bedingung, nach der vollen Gnade des Evangeliums und der Natur desselben, setzt voraus, daß man das Gemüt des Absolvenden als bußfertig und nach der von Gott verordneten, vor Gott geltenden, gewissen Absolution verlangend erkenne[10]. Solche Erkenntnis gewannen die heiligen Apostel durch die wunderbare Gabe, die Geister zu unterscheiden; nun aber diese Wundergabe weggenommen ist, wie soll der Diener des HErrn zu jener Erkenntnis der Gemüter kommen, wenn sie sich ihm nicht beichtend offenbaren? – Wer es erfahren hat, der weiß es, welch ein Unterschied zwischen einer leichtfertigen Absolution ist und zwischen dem tiefen Troste und Frieden, welcher von dem Munde des Dieners in ein reumütiges und aufrichtiges Herz fällt! (Lies 2. Sam. 12, bes. v. 13.  4. Mos. 5, 7.  Matth. 3, 6.  Gesch. 19, 18 etc.)


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d. welche Sünden zu beichten?
 Eine andere Frage ist: welche Sünden man vor dem absolvierenden Geistlichen beichten solle? Man fürchtet sich nämlich gewaltig, es möchte aus der Privatbeichte eine solche Gewissensmarter werden, wie die römische Ohrenbeichte ist, wo sie mit Ernst geübt wird; d. h. man fürchtet, alle Sünden seines Lebens, so weit man sie kennen kann, beichten zu müssen. Diese Furcht aber ist unnötig und verschwindet, wenn man nur liest, was Luther im kleinen Katechismus auf unsre Frage zur Antwort giebt: „Vor Gott, sagt er, soll man aller Sünden sich schuldig geben, auch die wir nicht erkennen, wie wir im Vaterunser thun; aber vor dem Beichtiger sollen wir allein die Sünden bekennen, die wir wissen und fühlen im Herzen.“ – Wem das Beichten noch ein schweres Joch ist und eine unerträgliche Demütigung, der lasse es. Er ist überhaupt noch kein Christ und noch nicht demütig. Wem aber Gott durch die Gnade Seines heiligen Geistes die Menge seiner Sünde geoffenbart und vor Augen gelegt hat, wer in eine ernstliche Buße eingeführt worden ist, dem ist es eine Wohlthat, einen Mann zu wissen, in dessen Herz er seinen Sündenkummer ausschütten kann, welcher ihm denselben tragen hilft, geschweige, der von dem HErrn selbst bevollmächtigt ist, ihm die Vergebung seiner Sünden zu sprechen. Ein zerknirschtes Herz ist auch ein offenes Herz, ihm ist der stolze Zweifel gelöst, ob man beichten soll, oder nicht Ps. 32, 3.: – die Sünden, die es fühlt, weil | sie drücken, beichtet es, weil es nach Absolution hungert und dürstet; die Sünden, welche es außerdem weiß, obwohl es auch ohne besondere Absolution des Hirten deren Vergebung glaubt, beichtet es, wegen der unter b. angegebenen Gründe um so leichter; denn wer seine drückenden, d. i. schweren Sünden wagt zu bekennen, dem ist es ein kleines Wagnis, die übrigen, ihm bewußten, leichteren zu sagen.

 Die Sache verhält sich einfach so: einen Menschen drückt eine Sünde; er möchte ihrer Qual ledig gehen; er eilt zu seinem Beichtvater und klagt ihm seine Bosheit; der Beichtvater prüft nach der heiligen Schrift die Sünde, dann das Gemüt des Beichtenden, ob demselben auch nach des HErrn Sinn Vergebung gesprochen werden könne. Findet er, daß es also ist, so beweist er mit Sprüchen der Schrift, um das Herz aus dem Verzagen zu heben, daß Absolution gesprochen werden dürfe, – und wenn nach empfangener Absolution das Herz des Absolvierten in Liebe zu Gott und seinem Sohn und Geist brennet, so zeigt der Beichtvater dem liebenden Herzen, welcher Weg nun der sei, auf welchem die vorige Sünde am leichtesten vermieden, die Liebe zu Gott am leichtesten geübt werden könne. Er thut auch das Letztere mit Beweis aus der Schrift und wird so ein heilsamer Arzt der Seelen, zu welchem der Absolvierte, wenn ihn wieder eine Sünde drückt, mit Vertrauen und Verlangen auch wieder eilen wird. Ohne Beichte hingegen würde solcher Segen schwerlich gelingen.

|  Daraus ist auch klar, daß die Beichte nicht allein geschehen soll vor dem h. Abendmahl, sondern auch sonst, so oft dein Herz danach verlangt, – wiewohl eines Christen Herz auch öfter nach dem h. Mahl verlangen sollte, welches ein Siegel der Absolution ist.


e. Vorteile der Beichte.

 Schon aus dem bisher Gesagten wird ein Gutwilliger leicht einsehen, daß die Privatbeichte nützlich sei. Man sollte freilich dies überhaupt nicht erst behaupten und beweisen müssen; doch aber um der Schwachen willen sagen wir zum Überfluß noch was folgt:


α. Bekennen – Gnade.

 Es ist ohne Zweifel eine große Gnade von Gott, wenn man in Demut bekennen kann, denn nur die Gnade bricht das verschlossene Herz und macht es aufrichtig. Um diese Gnade muß man bitten, – um was man aber, als um eine Gnade bitten muß, das muß auch gut sein, darum muß auch die Privatbeichte gut sein.


β. Beichte – Gelegenheit die Einzelnen zu belehren.
 Die Privatbeichte giebt die beste Gelegenheit die Leute zu belehren. Man lehrt zwar in der öffentlichen Predigt, allein die Lehre geht da ins Allgemeine und bleibt daher von der großen Menge derer, die Ohren haben und doch nicht hören, unbeachtet. | In der Beichte hingegen hat man die Einzelnen vor sich und kann einen jeden über Gesetz und Evangelium nach seiner Notdurft unterrichten. Es versteht auch ein Mensch leichter und behält besser, was man ihm alleine bei solcher geheiligten Gelegenheit sagt, als was er öffentlich predigen hört. Mag es immerhin Leute geben, welche um dieses Nutzens willen der Beichte nicht bedürften, weil sie alles genugsam wissen; so werden ihrer doch nicht gar viele, und der Haufe der Unwissenden wird um vieles größer sein. Denn der gemeine Mann versteht wenig, und was göttliche Dinge anlangt, so verstehen heutzutage die Vornehmen, die sich mit weltlicher Bildung und Aufklärung aufgeblasen haben, meistens noch weniger, und hätten wohl not, wenn sie nicht zu stolz dazu wären, zu werden wie die Kinder, und als Unmündige in die Schule zu gehen, damit ihnen offenbaret würde, was den Weisen und Klugen verborgen bleibt Matth. 11, 25. Zu dem ist es auch etwas ganz anderes, ein Ding wissen, und so wissen, daß es einem zum Heile diene. Ein solches Wissen aber soll in der Beichte gewährt werden.


Luther über diesen Vorteil der Privatbeichte.
 Von diesem Nutzen der Beichte hält Luther große Stücke und sagt darüber 1533 in der Warnungsschrift an die zu Frankfurt a. M.: „Solch Beichten nicht allein darum geschieht, daß sie Sünde | erzählen, sondern daß man sie verhöre, ob sie das Vaterunser, Glauben, zehn Gebot und was der Katechismus mehr giebt, können. Denn wir wohl erfahren haben, wie der Pöbel und die Jugend aus der Predigt wenig lernt, wo sie nicht insonderheit gefragt und verhört wird. Wo will man aber das besser thun und wo ist’s nötiger, denn so sie sollen zum Sakrament gehen.“

 „Man soll die groben Leute verhören und aufsagen lassen, ob sie die Stärke des Katechismus wissen, und ob sie die Sünde, dawider gethan, verstehen und hinfort mehr lernen und sich bessern wollen, und sonst nicht zum Sakrament lassen. Denn weil ein Pfarrherr soll ein treuer Diener Christi sein, muß er, so viel ihm möglich ist, das Sakrament nicht vor die Säue oder Hunde werfen; sondern hören, wer die Leute sind. Betrügen sie dann ihn und sagen nicht recht, so ist er entschuldigt, sie haben sich selbst betrogen.“

 „Gott will sein Wort auf allerlei Weise, täglich, an allen Orten getrieben haben, wie er auch in Mose gebot, sie sollten an sein Gebot gedenken gehend, stehend, sitzend und dasselbe an alle Orte schreiben (5. Mos. 6, 6–9.) Weil denn nun ein Pfarrherr nicht kann zu aller Zeit, Ort, Person, Gottes Wort treiben, so nehme er für sich diese Zeit, Stätte, Person, die man in der Beicht hat.“

 „Wer dieser Beicht für sich nicht haben will, der lasse sie gehen; doch soll er sie darum uns und andern Frommen (die ihrer benötigt und ihren | Nutzen verstehen) nicht nehmen, noch vernichten. Es heißt: Quis ignorat, ignoret. Wenn tausend und aber tausend Welten mein wären, so wollt ich alles lieber verlieren, als ich wollt’ dieser Beicht das geringste Stücklein eines aus der Kirche kommen lassen. Ja, lieber sollt’ mir sein, des Papsttums Tyrannei vom Fasten, Feiern, Kleidern, Stätten, Platten, Kappen und was ich könnt’ ohne Versehrung des Glaubens tragen, als daß die Beicht sollt’ von den Christen genommen werden. Denn sie ist der Christen erste, nötigste und nützlichste Schule, darin sie lernen Gottes Wort und ihren Glauben verstehen und üben, welches sie nicht so gewaltig thun in öffentlichen Lektionen und Predigten.“


γ. Andere Vorteile.

 Andere Vorteile der Beichte fassen wir in folgende Absätze zusammen: Die Beichte ist ein Mittel den Stolz des alten Adams zu töten, der sich vor sich selbst und anderen immer besser stellen möchte, als er ist.


 Vor dem Bekenntnis sieht der Mensch selbst seine Sünde nicht in der ganzen Größe, erst der ausgesprochene Name derselben enthüllt sie, wie wenn man die Decke von einem Modergrabe wegthut. Das Bekenntnis führt also zur richtigen Schätzung unser selbst, d. i. zur Demut.


|  Erst durch das Bekenntnis kommt man zur hellen Klarheit, zum sichern Bewußtsein seines verderbten Zustandes und ist damit mächtiger getrieben, desselben los zu werden. Bekenntnis treibt vorwärts auf dem Wege zur Seligkeit und verschließt den Rückweg zur alten stolzen Verhärtung!

 Vor dem Bekenntnis ist die Reue ein Brand, der nicht Luft hat, nur raucht, dampft, finster macht und ängstet; im Bekenntnis bricht sie heraus zur hellen, lichten Flamme, wird recht lauter, eine Freude der h. Kirche (2. Kor. 7, 9.) und der Engel (Luk. 15, 7).


 Helles Bekenntnis ist schon ein Anfang des Gebetes um Vergebung der Sünden und ein Anfang der Erhörung, d. i. des Friedens. Es ist eine Sache der Erfahrung, daß man nach dem Bekenntnis ruhiger ist, als zuvor, wenn man gleich noch nicht die volle Ruhe der Vergebung der Sünde hat.


 Wer bekannt hat, hat einen Mitwisser seiner Sünden und Anfechtungen, dessen Andenken bei künftigen Sünden eine Warnung und ein Zuchtmittel, – dessen Erscheinung seinem alten Menschen ein Stich in’s Herz, seinem sinkenden Glauben, seiner kämpfenden, neuen Kreatur, eine Stärkung sein wird. Wenn aber die bloße Erscheinung das ist, wie erst das Wort und die Ermahnung des Erscheinenden.


|  Wer einmal bekannt hat, dem wird es leichter, öfter zu bekennen. Wer aber öfter, bei jeder Anfechtung und Sünde zum Bekenntnis gegen den einmal vertrauten Hirten seine Zuflucht nimmt, der wird durch wiederholte Stärkung und Tröstung immer mehr grünen und blühen und Früchte des Geistes bringen und je länger, je seltener Bekenntnis schwerer Sünden nötig haben.

 Manche Sünde ist überwunden, so wie sie nur einmal gestanden ist.


 „Wie manches Christenherz hat ein heimliches Anliegen, oder wird mit Erinnerung besonderer Sünden jämmerlich gequält und weiß weder aus noch ein. Solchen hat Gott zum Trost seiner Diener verordnet, in deren Schoß wir all unser Anliegen vertraulich werfen und denken sollen, wir haben es Gott allein persönlich entdeckt und in sein väterliches Herz hineingelegt.“


 Im Beichtstuhl kann man den schwachen Glauben stärken durch Gottes Verheißung, den glimmenden Docht nähren, das zerstoßene Rohr heilen. Hier sind die Herzen besonders empfänglich: drum kann man die Thale erhöhen, d. i. den Mangel an Vertrauen zu Gottes Liebe durch Anpreisung derselben ausfüllen: – man kann die Berge und Hügel d. i. das Selbstvertrauen, die Hoffahrt, welche vor dem Falle kommt, erniedrigen. Summa: wo gebeichtet, | wird da werden alle Pflichten eines Seelsorgers am leichtesten und gesegnetsten geübt, weil da der Beichtende ohnehin durch sein Bekenntnis bemüht ist, dem HErrn die Thür zu öffnen und den Weg zu bereiten.


f. Hindernis der Beichte; falsche Scham.

 Ein Hindernis, dieser Segnungen teilhaftig zu werden, ist eine falsche Scham, welche im Grunde nur ein feinerer oder gröberer Hochmut und darum wert ist, durch williges Bekenntnis von seiten des neuen Menschen in uns getötet zu werden. Es gefalle dem Leser über seine Scham folgende merkwürdige Stellen alter Lehrer zu lesen:

 „Der Teufel, sagt Chrysostomus, hat die Ordnung verkehrt, indem er der Sünde den Mut, der Bekehrung die Schamhaftigkeit gab.“
 „Sehr viele, sagt Tertullian, scheuen die Beichte wie eine Preisgebung ihrer selbst, oder verschieben sie wenigstens von einem Tage auf den andern, der Scham mehr eingedenk, als ihres Heiles; jenen gleich, welche bei Krankheiten an heimlichen Orten den Ärzten sich nicht offenbaren wollen und so vor lauter Scham zu Grunde gehen!“
 „Was, fragt Ambrosius, errötet der Sünder, seine Sünden zu offenbaren, da sie doch vor Gott und allen Engeln bekannt, und offenbart sind?“
 „Scham, sagt ein anderer, darf den nicht abhalten, der an die Beschämung des großen | Welttags denkt!“
 „Der Thon, erinnert Clemens von Rom, der Thon in der Hand des Töpfers fügt sich jeder Bildung; ist er aber einmal dem Feuer übergeben worden, dann mag seiner Gestalt nimmer nachgeholfen werden. So laßt auch uns, weil wir in dieser Welt sind, von dem Bösen, das wir im Fleische verübt, aus ganzem Herzen uns bekehren, auf daß wir vom HErrn gerettet werden, so lange wir zur Buße Zeit haben; denn nachdem wir aus der Welt hinausgegangen sind, können wir dort nicht mehr bekennen und Buße wirken.“

 Vor allen aber ist Luther zu hören, welcher spricht:

„Daß wir williglich und gerne beichten, soll uns reizen das h. Kreuz, das ist die Schand und Scham, daß der Mensch sich williglich entblößet vor einem andern Menschen, und sich selbst verklagt und verhöhnt. Das ist ein köstlich Stück von dem h. Kreuz. O wenn wir wüßten, was Strafe solch willige Schamröte vorkäme, und wie einen gnädigen Gott sie machten, daß der Mensch Ihm zu Ehren sich selbst so vernichtigt und demütigt, sich nichts denn aller zeitlichen und ewigen Strafen würdig achtet und erkennt, und alle seine Hoffnung auf die Gnade Gottes und auf das Verdienst JEsu Christi setzt: wir würden die Beichte aus der Erde graben und über tausend Meilen holen.“

|  Es muß ja doch einmal der Mensch vor Menschen zu Schanden werden, hier oder am Tage der Auferstehung vor allen Millionen Auferstandener. Schäme dich also nur, indem du bekennest, vor deinem Beichtvater, und bedecke mit der Hand deine Augen, während dein Mund deine Missethaten erzählt; schäme dich, auf daß deine Seele genese und der ewigen Schande entgehe! Schäme dich aber noch mehr, o du, der du dich nicht schämst vor Gott und Engeln offenbar zu sein, und du dich schämst, vor deines gleichen armen Sündern zu Schanden zu werden! Siehe, du bist erfunden als einer, der die Ehre vor Menschen mehr liebt, als die Ehre vor Gott! Ja, schäme dich noch mehr: denn du hast dich nicht geschämt, zu sündigen und schämst dich doch, es zu deinem Heile zu bekennen. Thaten wirktest du ohne Scheu, welche dich dem Verderben näher brachten; Worte aber fliehest du, obwohl sie dich zu deinem Heile näher bringen. – Schäme dich – aber bekenne! Schamloses Bekenntnis ist Hohn der Tugend und der Heiligkeit des Allerheiligsten! Aber ein schamhaftes und errötendes Bekenntnis deiner Sünden ist lieblich vor Gott! Ps. 51, 19. Bekenntnis vertilgt die Scham nicht; sondern richtet sie auf nach unverschämten Sünden! – – Kannst du nun deine Scham nicht überwinden, um vor Gott und deinem Seelensorger zu bekennen; so spürst du entweder deine Not nicht sehr oder du bist hochmütiger, als heilsbegierig!


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g. Beichtsiegel.

 Auch das ist oft ein Hindernis der Beichte, daß Unkundige fürchten, es möchte der Jammer ihres Herzens weiter gesagt werden, wenn sie ihn dem Beichtvater klagen. Allein davon ist nichts zu fürchten, wenn du, lieber Leser, dir einen frommen, gewissenhaften Beichtvater gewählt hast. Denn dem Beichtvater hat schon sein Amtseid ein Siegel auf den Mund gedrückt, daß er nicht sagen darf, was ihm in der Beichte anvertraut worden ist. In ihm hast du einen Freund, der von Gott selbst verpflichtet ist, dein treuer Freund zu sein und reinen Mund zu halten, also einen Freund, welcher vor jedem andern einen Vorzug hat. Es ist eben, als sprächest du deine Beichte ins stumme Grab; so wenig, wie dieser schweigsame Ort, trägt dich dein Beichtvater aus. Ja, der Beichtvater empfängt deine Beichte an Gottes Statt, und gleichwie Gott alle Bekenntnisse hört und verschweigt, so muß auch der Beichtvater alles verschweigen.

 Anm. 1. Nicht einmal auf Aufforderung der weltlichen Obrigkeit darf ein Beichtvater Gebeichtetes sagen. „So lange Gott schweigt, sagt Luther, soll der Kaplan oder der Beichte gehört, auch schweigen. Denn der es ihm gebeichtet hat, hat es nicht einem Menschen gebeichtet, sondern Gott, an des Statt der Prediger dasitzt. Darum soll er es heimlich halten.“ „Man muß Kirche und weltlich Regiment unterscheiden,“ lehrt er in diesem Stück.

 Anm. 2. Es kann allerdings Beichtväter geben, von denen für das Beichtsiegel zu fürchten. Rücksicht ihrer s. Nr. 31. gegen das Ende.


|
17.

 Nachdem wir genugsam von dem Beichten Bericht gegeben haben, gehen wir zum zweiten Stück über, von welchem zu reden ist, nämlich zu

der heiligen Absolution.


Was ist Absolution?

 Die Absolution ist die Lossprechung von den Sünden, von ihrer Schuld, von ihren ewigen Strafen; Erteilung des Segens, Zusprechung des Lebens und ewiger Seligkeit ist mit ihr verbunden.


18.
Wer giebt sie?

 Sie wird von dem Beichtvater vermöge des Amtes der Schlüssel erteilt. (S. das fünfte Hauptstück im kleinen Katechismus.)


19.
Wie vielfach ist das Amt der Schlüssel?

 Das Amt der Schlüssel aber ist ein doppeltes: es schließt durch die Absolution oder den Löseschlüssel den Himmel auf, aber es ist ihm auch ein Zweites befohlen, nämlich durch den Bann oder Bindeschlüssel den Himmel zuzuschließen.


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20.
Schriftgründe.

 Beide, der Löse- wie der Bindeschlüssel, wurden den h. Aposteln und ihren Nachfolgern zum Heile der Kirche anvertraut – und zwar von dem HErrn selbst. Drum unser HErr Christus spricht zu dem Apostel Petrus:

„Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben. Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.“ Matth. 16, 19.

 Ebenderselbe sagt Matth. 18, 18 zu seinen Jüngern insgesamt:

„Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein; und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein.“

 Und am Abend des Auferstehungstages kam Er zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen:

„Friede sei mit euch! Gleichwie Mich der Vater gesandt hat, so sende Ich euch.“

 Und da Er das sagte, blies Er sie an, und spricht zu ihnen:

  „Nehmet hin den heiligen Geist! welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“ Joh. 20, 21–30.


|
21.
Schlüsselgewalt allen Zeiten der Kirche geschenkt.
 Es läßt sich von vornherein glauben, daß die Schlüssel, welche für das Bestehen und Gedeihen der Kirche so wichtig sind, (s. 23. 25 ff.) nicht bloß den Aposteln und ihrer Zeit, sondern der ganzen Kirche bis ans Ende der Tage geschenkt sind. Der HErr gab sie den heiligen Aposteln, als Er sie ordinierte und mit der Predigt Seines Evangeliums an alle Völker abordnete, als eine himmlische Mitgabe. Gleichwie aber die heil. Apostel bei ihren Lebzeiten nicht vermochten zu allen Völkern zu kommen, – gleichwie Er in den Worten: „Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ (Matth. 28, 20.) mit den h. Aposteln alle ihre Nachfolger im göttlichen Predigtamte anredet bis ans Ende der Welt: so schenkt Er auch in den Einsetzungsworten des h. Schlüsselamtes die Schlüssel allen ihren Nachfolgern bis ans Ende der Tage. Dieselben hat auch die heilige Kirche von Anfang an geübt und bewahrt. Ihre Diener haben gelöset und gebunden als in göttlicher Machtvollkommenheit – wie in der römischen und griechischen, so auch in der lutherischen Kirche.[11] Man kann dagegen nicht einwenden: die heiligen Apostel hätten lösen | und binden, Sünden vergeben und Sünden behalten können, weil sie die Gabe des heiligen Geistes, die Gabe, Geister zu unterscheiden, gehabt hätten; wir aber, weil wir diese Gabe nicht hätten, könnten Bußfertige und Unbußfertige nicht mehr unterscheiden, also auch niemanden mehr gültig absolvieren. Die Gabe der Absolution ist keineswegs an jene Gabe, Geister zu unterscheiden, gebunden; diese diente insbesondere zur Aufrichtung der Kirche, die Welt durch Beispiele, wie jenes Ananias und seines Weibes Sapphira, auf die h. Apostel als außerordentliche Gesandte des HErrn aufmerksam zu machen; jene hingegen dient insbesondere zur Stärkung, Reinigung und Erhaltung der Kirche. Wenn daher der HErr, welcher den Dienst der h. Apostel so gesegnet hatte, daß über ihren Gräbern bereits die Kirche festgegründet stand und sein Gnadenreich über denselben wie ein Paradies blühte und Früchte trug, hierauf jene außerordentliche Gabe des h. Geistes wegnahm: so ließ Er ihr desto gewisser h. Wächter, welchen die ordentliche Gnadengabe der Schlüssel vertraut war, daß nicht ohne Unterschied jedermann zum Verderben der Kirche ein- und ausgelassen würde und in ihrem Reiche walten dürfte. Oder wäre es Ihm zuzutrauen, daß Er der ersten Kirche, welche ohnehin Geistes und Lebens die Fülle hatte, auch noch jene Schlüsselgewalt verlieh, um sie der nachher so oft krankenden, von allen Übeln der letzten Zeit betroffenen, besonderer Stärkung so notwendig bedürfenden | Kirche der Spätlinge samt andern Gaben der ersten Zeit zu entziehen? – Ist Er doch Der, welcher den glimmenden Docht nicht auslöscht und das zerstoßene Rohr nicht zerstößt, der genannt wird ein Heil aller Völker!

 Es hüte doch jeder seine Gedanken. Gewiß nicht die Einsetzung des Schlüsselamtes für alle Zeiten der Kirche ist unklar; sondern der Glaube ist bei vielen durch Zweifel getrübt. Zweifel aber werden nicht durch Verstandesgründe widerlegt, sondern wider sie ist die einzige Hilfe, daß, wie sie aus einem unreinen, ungläubigen Herzen kommen, sie auch durch Erleuchtung des Herzens und Willens geheilt werden.

 NB. Hierher gehört auch, was wir oben Nr. 16 c. lehrten, daß nämlich zu unserer Zeit an die Stelle der Gabe Geister zu unterscheiden, das aufrichtige Bekenntnis des Beichtenden getreten ist. Ist ein Mensch falschen Herzens in der Beichte, so kann er freilich die Absolution nicht glauben, und nicht der Beichtvater, sondern da[s] Beichtkind hat sich am Amte der Schlüssel versündigt; gleichwie wenn Gott verheißt, der Mensch aber nicht glaubt, Gottes Verheißung ein teures Kleinod bleibt; wenn gleich der Mensch sich selber durch Verachtung und Unglauben desselben unwert und unteilhaftig macht.


22.
Ob Menschen Absolution der Sünden sprechen dürfen?
 Ununterrichteten Leuten kommt es öfters bei, das Amt der Schlüssel auch deswegen zu bezweifeln, | weil es überhaupt nicht glaublich sei, daß Menschen Sünden vergeben können. Sünde ist Beleidigung nicht eines menschlichen, sondern eines göttlichen Gesetzes; darum, sagen sie, kann er zwar vergeben, was und insoweit wider seine Satzungen gefehlt wird; hingegen kann auch nur Gott und kein Mensch vergeben, was wider Gottes Gesetze anläuft.
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 Und freilich, dem kann nicht widersprochen werden; nur Gott kann Sünde vergeben. Denn da etliche Schriftgelehrte Matth. 9 unserm HErrn JEsu Christo Seine dem Gichtbrüchigen gesprochene Absolution für Gotteslästerung auslegten, weil sie ihn für einen Menschen hielten, Vergebung der Sünden aber alleine Gottes Sache wäre: widersprach ihnen Christus nicht, sondern Er bewies ihnen Seine Gottheit durch ein alle Kreaturenkräfte übersteigendes Wunder – um ihnen daraus zu beweisen, daß Er auch Sünden vergeben könne; denn Sünden vergeben oder Wunder aus eigner Kraft zu thun, ist eines für Menschen so unmöglich, als das andere, – eins wie das andere erfordert göttliches Vermögen. Darum sagt aber auch kein Beichtvater, daß er von sich selbst die Sünden vergebe, sondern er thut es im Namen des dreieinigen Gottes und auf Befehl JEsu Christi, welcher selbst ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. Gleichwie nun, was ein königlicher Gesandter im Namen des Königs thut, ebensoviel ist, als thäte es der König selbst – und wer dem Gesandten nicht gehorcht, an der Majestät selber sich versündigt: also | sprechen die Beichtväter Vergebung der Sünden im Namen Gottes; es ist ebenso, als spräche Gott selbst, denn Sein ist auch die Absolution Seiner Gesandten und Stellvertreter – und wer ihnen den Glauben verweigert, hat in ihnen den HErrn selbst und Seine Absolution verschmäht. Allein bei dem HErrn steht die Macht, Sünden zu vergeben; diese Seine Macht kann Er üben, durch wen Er will, – und wenn Er von den Predigern und Seelsorgern die Offenbarung dieser Macht auf ihre Lippen legt, wie Er in den Nr. 20 angeführten Sprüchen wirklich thut: siehst du denn scheel darum, daß Er so gütig ist? Was gehet es dich an? und wie darfst du sagen: was machst du? – Glaube lieber und erfahre selbst; schmeck’ und sieh, wie freundlich der HErr im Amte der Schlüssel ist!

 Ähnlich ist auch rücksichtlich des Bindeschlüssels zu antworten.


23.
Wozu besondere Absolution, da Vergebung der Sünden in der h. Schrift und in evangelischen Predigten ohnehin zugesichert wird?
 Du antwortest hierauf: „Aber wozu denn eine Absolution durch einen Seelsorger? Haben wir doch in der h. Schrift, jedermann offen, das Evangelium von Vergebung der Sünden geschrieben! Und überdies – wird doch Vergebung auf allen | Kanzeln ohnehin gepredigt! Wozu also noch eine besondere Absolution?“

 Darauf diene zur Antwort: Wenn auch gleich keine Gründe angegeben werden könnten, warum der HErr so oder so verfährt, so haben wir doch gesehen, daß der HErr Seinen Dienern geboten hat, zu absolvieren und zu binden, also der Menge der Christen, sich absolvieren zu lassen, und auf der Diener Wort, als auf Sein eigenes Wort zu trauen – und wer also immer ein gehorsames Kind Gottes ist, muß ohne weiters gehorchen und aus der Erfahrung lernen, was es um die Absolution ist. Denn wahrlich, es ist dies Gebot des HErrn erprobt als eine leichte Last und ein sanftes Joch, das sicherlich auch die Verheißung hat: „Ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen!“ – Mit dieser Antwort könnte ein frommer Mensch genug haben.

 Damit wir aber angefochtenen Gemütern beispringen, fügen wir hinzu, was folgt:

 Es ist wohl wahr, daß in der h. Schrift die Vergebung der Sünde geschrieben ist, und daß sie auf allen oder, ohne Übertreibungen zu reden, auf manchen Kanzeln gepredigt wird, und unangefochtene, sichere Seelen haben damit genug. Aber wie dann, wenn die Augen aufgehen, wenn man nach langem Stande der Sicherheit sich plötzlich an einem Abgrund auf schmalem Steige wandeln, in höchsten Gefahren schweben sieht, wenn einem seine Sünden und als Lohn derselben der drohende ewige Tod | und Gottverlassenheit (Matth. 27, 46) gezeigt wird? In solchen Schrecken ist der Mensch nicht geschickt, auszuwählen, was auf ihn in der h. Schrift geschrieben steht; er bezieht alsdann alle Drohungen und Strafen Gottes auf sich – denn nur diese scheinen ihm nach seinem durch Anfechtung verblendeten Verstand für seine Seele zu passen. Gleichermaßen findet er dann in den Predigten nur das als für ihn gesagt, was, wie ein Schwert einschneidend, sein armes Herz noch mehr in dem Gedanken stärkt, daß es verloren sei, – und es beschleicht ihn, ich weiß nicht, welch’ eine fürchterliche Wollust, Gottes Fluch in seine Seele zu drücken und sein Herz bluten, seine Hoffnung sterben zu sehen – und in der grauenvollen Trübe des peinigendsten Elends zu liegen. Einem Menschen in solcher Anfechtung mag ein Prediger auf der Kanzel noch so gewaltig Gnade oder Vergebung predigen; er ahnt wohl, welch’ eine Seligkeit in dieser Botschaft liegen mag, – aber der Geist der Anfechtung lehrt ihn gerade aus dem Evangelio erst die rechte Seelenpein zu nehmen; er betrachtet die gepredigte Vergebung als ein schönes Paradies – spricht aber, wenn er sich dasselbe in aller Lieblichkeit vor Augen gestellt hat, zu seiner Seele: „Ein Paradies, aber nicht für dich! Für dich verloren! – – So ist die Kanzel, wo nicht Gottes besondere Gabe hier und da waltet, zu hoch für die, welche unter ihr sitzen, und das Wort der Predigt zu allgemein und fährt in der Regel über die | Häupter hin. Wenn hingegen ein rechtschaffenes Herz dem Beichtvater sich offenbart[12], dann ist Gelegenheit, aus Gottes Worten, unter Beweisung des Geistes und der Kraft, darzuthun, daß gerade für zerschlagene Herzen das Evangelium geschenkt ist, – denn kann man alle ungläubigen Einwendungen eines sich selber quälenden Geistes mit dem Schwerte des göttlichen Worts unaufhaltsam töten, dann kann auch ein Mensch samt seinem Trauergeiste der göttlichen Tröstung am wenigsten widerstehen, muß sich endlich gefangen geben – und überwunden an des Friedefürsten, des seligen Heilands Brust fallen und sprechen: „Herr, du hast mich überwunden! Nun bin ich dein – und du bist mein!“ Wahrlich, dann ist ein Gotteskind geboren, lieblicher wie ein Tautropfen aus der Morgenröte, – und es ist nichts schöner, als die Demut und Scham eines durch die Absolution gesegneten und zum Frieden eingeführten Sünders. – Man hat dem HErrn zu danken, daß Er Menschen durch Menschen zu sich zieht, und Sünder durch begnadigte Sünder tröstet und absolviert. O welch’ ein Leben ist die Botschaft des Friedens, wenn sie aus dem Munde eines Menschen dringt, der sie selbst erfahren! | Welch’ ergreifendes Leben, wenn sie aus dem Munde eines Sünders dringt, der, nachdem er sie, wie Petrus am See Tiberias selbst erfahren, den ausdrücklichen Befehl des HErrn ausübt: „Stärke deine Brüder!“ „Weide meine Lämmer! Weide meine Schafe!“ Glaubwürdig und zu JEsu Christo lockend ist die Erzählung eines jeden begnadigten Herzens, welches andern zum Trost von dem HErrn erzählt, welcher ihm seine Sünden vergeben hat! Aber doppelt glaubwürdig, mit gewaltiger Kraft zum Friedefürsten tragend, ist das Zeugnis eines Menschen, der Befehl hat, durch die in Stellvertretung Gottes gesprochene Absolution die befriedigende, seligmachende Erfahrung andern mitzuteilen! – Wohl dem, der, ohne an einen Seelsorger sich abgöttisch zu hängen (denn verflucht ist, wer auf Menschen vertraut), glauben kann, daß des Seelsorgers Worte Gottes Worte, Gottes Tröstungen sind!

 Ähnliches kann von dem Bindeschlüssel gegenüber sicheren Seelen, die ohne Recht sich das Evangelium anmaßen, gesagt werden.

 Anmerk. Trefflich ist, was Luther 1533 an die zu Frankfurt am Main schrieb:

 „Das andre Stück in der Beicht ist die Absolution, die der Priester spricht an Gottes Statt. Und darum ist sie nichts anderes, denn Gottes Wort, damit Er unser Herz tröstet und stärkt wider das böse Gewissen, und wir sollen ihr glauben und trauen als Gott selber. Wer aber so blind ist, daß er solches nicht sieht, oder so taub, daß er’s nicht hört, der weiß freilich nicht, was Gottes Wort | und christlicher Glaube oder Trost sei: was kann er denn Gutes lehren? Sieht er’s aber und hört’s und verdammet also wissentlich die Beicht in diesem Stücke, so ist er ein lauterer Teufel und kein Mensch, als der sich wissentlich wider Gott setzt und wehrt, daß man Gottes Wort den Leuten nicht soll sagen, noch die Herzen trösten und im Glauben stärken. Der mag billig Gottes Wort und aller Menschen Feind gehalten werden, sonderlich der h. Christenheit. Und wo solche Prediger sind, da mögen sich wahrhaftig alle frommen Christen vor ihnen hüten, als vor den leibhaftigen Teufeln. Denn Gottes Wort soll frei sein und gehen, und beide öffentlich und sonderlich jedermann lehren und trösten.“

 „Und dies Stück ist nicht allein der Jugend und dem Pöbel, sondern jedermann nütz und not, und soll’s keiner verachten, er sei, wie gelehrt und heilig er wolle. Denn wer ist sogar hoch kommen, daß er Gottes Wort nicht bedürfe oder verachten möge? Und um dieses Stücks willen brauche ich der Beichte am allermeisten, und will und kann ihrer nicht entbehren; denn sie mir oft und noch täglich großen Trost giebt, wenn ich betrübt und bekümmert bin. Aber die Schwärmer, weil sie sicher sind und von Traurigkeit und Anfechtungen nichts wissen, verachten sie leichtlich die Arzenei und Trost, wollen’s dazu denen auch nehmen und wehren, die es bedürfen und haben müssen. Sind sie satt, so sollten sie die Hungrigen auch essen lassen! Sind sie heilig, so sollten sie die Sünder auch heilig lassen werden! Bedürfen sie Gottes und Seines Wortes nicht mehr, so sollten sie es denen auch lassen, die es noch bedürfen! Aber, wie gesagt, sie zeigen mit solchem Toben an ihre große Blindheit und Narrheit, als die noch nie gelernt haben, was Gottes Wort, Glaube, Trost, Christentum und Gewissen sei, und führt also ein Blinder den andern und fallen alle beide in die Gruben. Darum laß sie fahren und immer hinfallen. Hüte du dich vor ihnen!“

 Desgleichen im Sermon vom Beichtwesen in der Kirchenpostill:

|  „In der Beichte hast du auch diesen Vorteil, daß das Wort auf deine Person gestellt wird. Denn in der Predigt fliegt es in die Gemeinde dahin und wiewohl es dich auch trifft, so kannst du es doch nicht so stark fassen, als hier, da es niemanden trifft, denn dich allein. Solltest du aber nicht herzlich froh werden, wenn du einen Ort wüßtest, da Gott mit dir selbst reden wollt? Ja, wenn wir einen Engel möchten reden hören, so würden wir wohl bis an’s Ende der Welt laufen.“ (Gesch. 20, 31.) „Sind wir aber nicht tolle, elende und undankbare Leute, die wir nicht hören, was man uns sagt? Da steht die Schrift und bezeugt, daß Gott durch uns redet, und daß es ja so viel gilt, als wenn Er’s persönlich mit seinem Munde redete. Als da Christus spricht: Matth. 12, 20. „Wo – ihnen.“ Item Joh. 20, 23. „Welchem – behalten“.

 Ebenderselbe an einem Ort:

 „Ich will mir die heimliche Beicht niemand nehmen lassen und wollt sie nicht um der ganzen Welt Schatz geben; denn ich weiß, was Stärke und Trost sie mir gegeben hat. Es weiß niemand, was die heimliche Beicht vermag, denn der mit dem Teufel oft fechten und kämpfen muß. Ich wäre längst vom Teufel überwunden und erwürgt worden, wenn mich die Beicht nicht erhalten hätte.“


24.
Heilsame Vereinigung der öffentlichen und Privatbeichte und Absolution. cf. 16, a.
A. C. Art. 11. u. 25. Apol. ed. Detzer. p. 225 ff. Schmalkald. Art. p. III. Art. 8.
 Daß hier nicht von jener Absolution die Rede ist, welche heutzutage in unserer Kirche leider aufgekommen ist, wird man längst bemerkt haben. | Unsre Kirche liegt im Staube und hat die hl. Sitten der Väter verlassen, obwohl sie sich fort und fort zu der Augsburgischen Konfession und den andern Bekenntnisbüchern unsrer Väter hält, in welchen dieselben auf Kindeskind eingeprägt werden. Zu unserer Zeit ist, wie gesagt (16, a.), aus Beichte und Absolution ein allgemeiner Gottesdienst geworden; der Prediger hält eine Rede für alle anwesenden Beichtkinder, spricht im Namen aller eine Beichte und absolviert alle insgesamt.
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 Auf diese Weise ist zwischen einem Predigtgottesdienst und einem Beichtgottesdienst gar kein Unterschied gelassen, außer etwa der, daß die Prediger auf eine Beichtrede sich weniger vorbereiten, als auf eine Predigt, – und die versammelten Christen in der Regel noch weniger wissen, was sie in der Beichte, als, was sie in der Predigt wollen. – Man macht aus jener, wie aus dieser ein opus operatum, d. i. eine abscheuliche Werkheiligkeit, läßt wohl auch Beichte und Absolution mit schlummernden Augen an sich vorübergehen und träumt, so schlummernd Heiligkeit zu erlangen, um welche die Glieder der römischen Kirche in Ohrenbeichte und andern Werken sich es wenigstens sauer werden lassen. – Was hilft eine solche Beichte zum Zweck der Beichte? Der Prediger absolviert da Leute, welche er gar nicht kennt; er absolviert also die Lasterhaften und Ungläubigen (Matth. 7, 6.), wie die Reumütigen, nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden. Jene nehmen etwa die Absolution | dahin zur Stärkung ihrer Sicherheit, während manch’ zerschlagenes Herz sie, so allgemein gesprochen, nicht fassen kann[13]. Was also soll man bei der Beichte, wenn sie nichts anderes gewährt, als die Predigt? So wird ja eine pure Gewohnheit daraus, von welcher niemand etwas hat, als der Prediger, welcher das Beichtgeld einstreicht, und am Ende wohl leiden muß, daß man den lutherischen Beichtpfennig nicht minder schändlich findet, als die ehemaligen katholischen Ablaßpfennige! Denn wahrlich, eine totere Zeremonie, einen gröberen Mißbrauch, eine jämmerlichere Entleerung des Heiligen, als die gegenwärtige Gestalt der Beichte in unsrer Kirche gegenüber der rechten Gestalt der Privatbeichte meistens ist, giebt es nicht – und mehr hat man in früheren Zeiten das h. Institut der Absolution nicht zu unehrlichem Gewerbe gemißbraucht, als bei uns Lutheranern häufig, ja meistens der Fall ist.
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 Indes wird nicht geläugnet, daß auch die jetzigen allgemeinen Vorbereitungen unter der Hand frommer und erweckter Diener Gottes, wie auch die Predigten gesegnete Wirkung haben können; nur müßten sie nicht für das ausgegeben werden, was | sie nicht sind, was nach der Lehre unsrer symbolischen Bücher die Privatbeichte und Privatabsolution ist. Das Letztere festgehalten wollen wir sogar zugeben, daß unter gegenwärtigen Umständen treue Diener sich sogar eines Vorteils der allgemeinen Vorbereitungen getrösten können – so traurig auch dies Zugeständnis an und für sich selbst ist. Sollte nämlich heutzutage nur Privatbeichte gehalten werden, so würden, wenn man es ernstlich nähme, entweder überhaupt nur sehr wenige, oder wenn viele, unter diesen vielen die meisten als Heuchler in den Beichtstuhl kommen, – und es würden für den absolvierenden Beichtvater eine Menge Gewissensnöten entstehen, welche bei der allgemeinen Beichte und der bei ihr gebräuchlichen bedingten Absolutionsformel wegfallen, während in ihr dennoch eine feierliche Gelegenheit mehr gegeben ist, den Herzen nahe zu kommen. – Dieser zugestandene Vorteil aber darf keineswegs Ursache werden, die Privatbeichte und Privatabsolution zu vernachlässigen, sondern man sollte sie vielmehr bei allen denen ins Leben treten lassen, welche durch die Predigt und öffentlichen Abendmahlsvorbereitungen erweckt worden sind. Ohne Privatbeichte und Privatabsolution kann man die Seelsorge erweckter Seelen nicht kräftig führen. Während daher die allgemeine Beichte fort bestände, sollte man Konfirmanden und Erweckte von dem großen Segen der Privatbeichte und Privatabsolution unterrichten und sich ihnen zur Übung derselben anbieten. Ist | irgendwo ein neues Leben entzündet, so wird ein solches Anerbieten, wie die Erfahrung lehrt, mit Begierde ergriffen werden – und die Privatbeichte, mit ihr wahre Seelsorge, führt sich alsdann ohne Prunk und Aufsehen mit leichterer, wenn auch nicht völlig zu vermeidender Gefahr der Heuchelei von selbst wieder ein; es genießt ihren Segen, wer da will und kann, und die Perlen werden um so weniger vor die Säue geworfen, die ihrer nicht begehren. – Man kann also nicht sagen, daß Privatabsolution keine Statt mehr finde; im Gegenteil, sie findet eine gute Statt, wo überhaupt Gottes Wort eine Statt gefunden hat, – wenn nur Seelsorger vorhanden sind, welche nicht sich selber, sondern die Schafe weiden wollen. – Für solche eben und für ihre erweckten Gemeindeglieder schrieben wir diese Blätter.
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 Anmerkung. Was das Beichtgeld anlangt, so könnte es, wenn man Gemeinden voraussetzen könnte, welche unterrichtet genug sind, um es nicht für eine Bezahlung der Absolution zu nehmen, – entschuldigt, ja gerechtfertigt werden. Alleine bei dem Stande der Gemeinden, so wie er ist, – bei der Versuchung, welcher so manche, namentlich arme Geistliche um des Beichtgelds willen ausgesetzt ist, – bei dem Schaden, welchen die Ehre eines Geistlichen schon durch den Verdacht und Schein des Geizes leidet, da doch gerade seine Ehre unangetastet sein und bleiben sollte: bei allen diesen Umständen ist freilich zu wünschen, es möchte dem Geistlichen diese Einnahme, falls sie ihm zu seinem Bestehen notwendig ist, anderweit ersetzt werden. Es steht ja auch zu frommen Geistlichen zu hoffen, daß sie nicht, wenn es sich von Abschaffung des | Beichtpfennigs oder Beichtgroschens handelt, mit einem Alten zu reden, sich „Beichtthaler“ ausbedingen und so die mögliche Abhilfe eines nicht geringen Schadens der Kirche selbst unmöglich machen werden. Denn wahrlich, dadurch wird Abhilfe unmöglich, weil auch die Gemeinden in solchen Fällen so gerne, als jemand, auf das Ihre sehen – und überhaupt keinem Menschen weniger ein genügendes Auskommen zu gönnen pflegen, als ihren Geistlichen, deren Amt ins Reich des HErrn gehört und nicht von dieser Welt ist. Besinnt man sich doch heutzutage erst, wenn es sich fragt, wozu, zu welchem Nutzen Geistliche besoldet werden! Eine heilige Selbstverläugnung von seiten der Geistlichen wäre hier sehr löblich und nach dem Sinn des HErrn. Würde ein Geistlicher für seinen Anteil das Beichtgeld ganz fahren lassen, damit nicht Geschenke seine Augen verblenden[14], so würde der HErr gewiß einem solchen den nötigen irdischen Segen nicht versagen, er würde solchen Verlust als um Seinetwillen erlitten ansehen. Es ist ein göttliches Gemüte, welches 1. Kor. 9, 18 schreibt: „Was ist denn nun mein Lohn? Nämlich daß ich predige das Evangelium Christi und thue dasselbige frei umsonst, auf daß ich nicht meiner Freiheit am Evangelio mißbrauche? Solch göttlicher Sinn thut not und hat große Verheißung, z. B. Matth. 19, 27 ff.


25.
Kostbarkeit der Schlüsselgewalt.
 Die Schlüsselgewalt ist etwas Kostbares, welches von den Menschen niemals genug geschätzt | worden ist. Niemals hätte Menschen diese Gottes Stelle auf Erden vertretende Gewalt übertragen werden können, wenn nicht der Sohn Gottes die Menschheit an sich genommen und also zu Ehren gebracht hätte. Niemals hätte den Menschen eine so herrliche Gnadengabe anvertraut werden dürfen, wenn nicht der große Erlöser sie durch Sein Leiden und Sterben erworben hätte, wenn sie ihm nicht, wie alle Gewalt im Himmel und auf Erden in Seine Hände wäre gelegt worden, wenn nicht Er hinwiederum sie, nachdem Er sie sauer verdient hatte, zum Troste und Heile der erlösten, teuer erkauften Kirche Seinen Dienern aus eitel Gnade und Barmherzigkeit vertraut hätte. Wahrlich, sie ist teuer erkauft, ein Kleinod, ein Schatz, welchen der HErr einst mit Wucher aus den Händen Seiner Diener wieder empfangen will! O laß uns beten, lieber Leser, daß kein Seelsorger leichtsinnig umgehe mit des HErrn Schlüsseln, – daß keiner aufschließe, da er zuschließen sollte, und keiner zuschließen, wo er aufschließen sollte! Daß der HErr barmherzige Hirten gebe, daß Er gewaltige Hirten gebe, welche durch Seinen Geist vermögend seien, aufzuthun und zuzuschließen nach Seinem h. Wohlgefallen! Laß uns aber auch beten, daß das Amt der Hirten und | Seelsorger, welches sehr verachtet ist, wieder Ehrfurcht finde bei den Gemeinden, daß der HErr ihnen Demut und Glauben verleihe, tüchtig zu werden zur Aufnahme der Absolution der Hirten als eines göttlichen Wortes, – – damit die Hirten Schafe und nicht eitel Böcke und wilde Tiere finden, wenn sie weiden und leiten wollen zu dem Frieden Gottes in der Absolution! Laß uns beten, daß die Absolution, die bei den Katholiken, wie im Anfang der Reformation selbst noch bei den Vätern unsrer Kirche, im Ansehen eines Sakraments steht, wenn auch gleich nicht wieder diesem allzugroßen Ansehen, doch aber wieder zu dem Ansehen eines reichgesegneten, göttlichen Gnadenmittels komme, welches ihr gebührt! Und daß sie so teuer und wert werde vor den Menschenkindern, als sie teuer und wert ist vor Gott und teuer erkauft ist von Christo JEsu! Laß uns beten, daß sie uns erhalten bleibe zum Trost der armen Seelen, sonderlich auch der Sterbenden, bis an das Ende der Tage!


26.
Rechtfertigung und Absolution in Harmonie.
Joh. 3, 16–18. 36.  Röm. 3, 21–28.  Gal. 3, 10–14. 21. 22. etc.
 Die Absolution ist die Offenbarung der Rechtfertigung Gottes im Himmel. Wenn ein Sünder sich voll Reue und Schmerzen über seine Sünden, | voll Hunger und Durst nach Frieden des Gewissens, voll Vertrauen auf den ewigen Fürbitter Christo und sein Verdienst sich zum himmlischen Vater wendet, um Vergebung zu erlangen, so wird im Himmel nach den Verheißungen Gottes, die Vergebung und ewiges Leben allen gläubigen Sündern zugesprochen, der Schuldbrief des Menschen zerrissen, seine Schuld versenkt in ein Meer der Gnade, um nie wieder, auch nicht im Gerichte, zum Vorschein zu kommen – der Mensch wird los- und freigesprochen von Dem, welcher der einzige Richter aller Lebendigen und Toten ist, und er kommt nicht mehr ins Gericht, er ist vom Tote zum ewigen Leben durchgedrungen. Und wenn ein solcher Mensch nach der Ordnung Gottes sich an seinen Hirten wendet, um durch ihn seines Gebetes Erhörung, Vergebung und Frieden zu empfangen, – wenn er, um allewege Demut zu üben und nichts zu werden, sich nicht schämt, vor einem berufenen Diener sich darzustellen als einen, der traurig ist, auf daß er nach JEsu Verheißung getröstet werde, – wenn er keinen andern Trost verlangt, als den Trost des Amtes, das die Versöhnung predigt, als den Trost aus JEsu Wunden, aus dem Schatze Seines reichen, für alle genugsamen Verdienstes: so bringt ihm der berufene Diener die Absolution Gottes, welches dem sehnsüchtigen Herzen ebenso erwünscht, erquickend und erfreuend ist und ein ebenso gewisses Zeichen, daß die Wellen und Wogen des göttlichen Zorns und Gerichts verlaufen sind, | als dem Noah das junge Ölblatt, welches die Taube brachte. In der göttlichen Rechtfertigung singen die h. Engel, welche sich über Sünder freuen, die Buße thun, der bedrängten Seele: „Friede auf Erden!“ (Luk. 2, 14.) In der Absolution singt die h. Kirche, nicht minder über bußfertige Sünder erfreut, durch ihre Diener dem verlangenden Herzen: „Friede im Himmel!“ (Luk. 19, 38.) Rechtfertigung im göttlichen Gerichte und Absolution auf Erden, die beiden sind unzertrennlich: die eine ein Echo der anderen, ja, Eine Stimme, durch welche Himmel und Erden des Preises göttlicher Gnade und Barmherzigkeit voll werden. Was im Himmel der dreieinige Gott losspricht, spricht seine Kirche auf Erden los, was seine Kirche losspricht, das spricht auch ihr Gott und HErr im Himmel los. Darum wahrlich selig ein gläubiger Absolvend! Er kann nach empfangener Absolution fröhlich jauchzen: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hie, der da gerecht macht! Wer will verdammen? Christus ist hie, der gestorben ist; ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns!“ Röm. 8, 33 ff.


27.
Wer wird absolviert? (dazu gehört auch 28–30.)
 Zur Absolution zugelassen wird ein jeder, welcher seine Sünden erkennt, bereut, bekennt und | alleine bei JEsu Christo Vergebung derselben sucht. Allen diesen wird zugerufen: „Kommt her zu Ihm, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Er will euch erquicken!“ Allen diesen soll ihre Traurigkeit in Freude verwandelt werden! Sie sollen in der Absolution den himmlischen Vater gegen sich so freundlich finden, wie ihn der verlorene Sohn fand; sie sollen in Vergebung gehüllt werden, wie der verlorene Sohn in neue Kleider, – – und ihnen soll zum Pfand und Siegel der gewissen Wiederaufnahme in das himmlische Vaterhaus und Gottes selige Familie der Leib und das Blut des für sie geschlachteten Lammes gereicht werden. Diese, welche absolviert werden, sind es, welche den Gnadenbund, in der Taufe geschlossen, wieder erneuen, und ihre Kleider immer wieder im Blute des Lammes waschen und hell machen!


28.
Versöhnung mit allen Menschen, Vorbereitung zur Absolution.
 Wer Absolution sucht, sucht Gottes Vergebung. Darum wird nur der absolviert, welcher sich zuvor mit der ganzen Welt versöhnt hat, welcher keine Feinde mehr hat, die er selber haßt, falls er auch etwa noch Feinde hat, welche ihn hassen. Nur wer ein Christ ist, wird absolviert; für den Heiden ist die Taufe Tilgung seiner Sünden. Nur wer als Christ versöhnlichen Geist empfangen hat, empfängt immer | aufs neue Gottes Versöhnung, – denn nur wer da hat, dem wird gegeben. Wer, nachdem ihm der HErr vergeben, den Menschen ihre Fehler vergiebt, dem werden die eigenen durch Gottes Vergebung täglich wieder bedeckt, – und wer sich nicht schämt, seinem Nächsten eine kleine Schuld abzubitten, wird von dem ewigen Gläubiger aller Menschen um Christi willen Erlassung einer ewigen Schuld empfangen. Frieden schließen mit den Menschen, nachgiebig und lind sein gegen alle ist die schönste Vorbereitung zur h. Absolution – eine Vorbereitung, welche nicht bloß eine feine, äußerliche Zucht, sondern eine Zucht des Geistes, eine Kreuzigung des Fleisches ist, welche, vom Geist gewirkt, alle Kräfte der zukünftigen Welt herabziehet – die Vergebung Gottes zu begleiten und als Anfängerin eines neuen Lebens in die Seele einzuführen. – Wer aber nicht vergeben will, dem wird auch nicht vergeben! Wer nicht vergeben will, kann auch nicht zur Absolution kommen! Ja, wer nicht vergeben will, darf auch nicht im Vaterunser beten: „Vergieb uns unsre Schuld;“ denn es steht dabei: „wie wir vergeben unsern Schuldigern!“ und Christus versichert zu dieser Bitte: „So denn ihr euerm Bruder seine Fehle nicht vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater eure Fehle auch nicht vergeben!“ – Wer weder sich, noch andern Versöhnungsfreuden und Friedensfeste bereitet, dem werden auch keine bereitet vom himmlischen Vater. Wer mit seinen Brüdern nicht Friede schließt, kann auch niemals in | Gottes Frieden kommen, – hat nie seinen Heiland gesehen, kann nie mit Simeon beten: „HErr, nun lässest du deinen Diener im Frieden fahren; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen!“ Ein solcher hat im Herzen keinen Frieden, so lang er auf Erden ist, und keinen Frieden, wenn er in Gottes Ewigkeit geht! Er ist ein Friedenstörer, wie Kain, muß ewiglich im Lande Not unstät und flüchtig sein! – – Das merke sich jedes Beichtkind und bleibe von der Absolution, wenn es nicht vergeben will. Der HErr läßt das Amt der Versöhnung nicht verspotten, wie geschrieben steht: „Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten! (Gal. 6, 7.)

 NB. Dies alles wird noch ernsthafter, wenn man bedenkt, daß Beichte und Absolution Vorbereitungen zum h. Abendmahle sind.


29.
Auch Erstattung Unrechten Gutes, Bezahlung irdischer Schulden ist Vorbereitung auf die Absolution.
 Gleichwie es eine schöne Vorbereitung zur Absolution ist, geistliche Schulden vergeben und bei seinem Nächsten Vergebung suchen, so ist es gleichfalls eine löbliche Vorbereitung irdische Schulden berichtigen, Geliehenes, Entwendetes, auf unrechtmäßigen Wegen Erworbenes zurückgeben. Denn wenn du einem abbittest, daß du ihn betrogen oder bestohlen hast, ihm aber das Seine nicht erstattest, | da du doch kannst: so ist deine Abbitte eine neue Lüge und die Versöhnung mit ihm vor Gott ein Greuel, als die da ein eitles Wortgepränge ist und weder die Liebe zur Seele, noch die That zum Leibe hat. Auch gedeiht ungerecht Gut nicht, oder wo das Gut gedeiht, gedeiht doch nicht des Diebes und Betrügers Leib und Seele, sondern es ist ein Stein in seinem Herzen, der drückt es schwer, daß er weder Vergebung glauben, noch beten kann, ob es schon tausendmal zur Absolution käme. Wer fremdes Geld im Beutel hat, hat zwar einen schweren Beutel, aber auch ein schweres Gewissen, in welches die Vergebung nicht eingehen kann; denn es ist nicht Raum darin; – er kann auch nicht leichten Gewissens und Schrittes aus der Zeit in die Ewigkeit gehen; sondern das Geld wird ihm ein Mühlstein, der ihn niederzieht ins Tiefe, Bodenlose – ich meine, in Gottes Fluch, wo ewig Seufzen ist.


30.
Auch Vorsatz neuen Lebens ist notwendige Vorbereitung auf die Absolution.
 Daß, um absolviert zu werden, in der Seele der Vorsatz eines neuen Lebens wohnen müsse, ist klar. Denn was wäre das für eine Reue, und wie könnte man den absolvieren, welcher den umgekehrten Vorsatz hätte, sein Leben fortzusetzen, wie bisher? Indes ist hier unter dem Vorsatz eines neuen Lebens nicht bloß ein flüchtiger, schnell aufsteigender, | schnell wieder entrinnender Wunsch, anders zu sein, – oder gar nur der Abwesenheit des entgegengesetzten Vorsatzes, sich durch nichts in einem sündlichen Leben stören zu lassen, gemeint; sondern ein solcher Vorsatz, welcher aus der tiefen Einsicht hervorgeht, daß die alte Lebensweise eine zum sichern Verderben führende ist, ein Vorsatz, welcher nicht auf Hochschätzung eigner Kräfte, sondern auf festem Glauben ruht an den, von welchem Kraft und Vermögen kommt, – ein Vorsatz, der vom h. Geist erweckt, mit fröhlichem Vertrauen alsbald zur That schreitet, welcher Früchte herzlicher Buße alsbald zur Reife bringt, ein Vorsatz, der, vom HErrn stammend, in der Absolution vergangener Sünden zu wachsen und sich zu stärken trachtet, welcher das Gelächter und den Hohn vormaliger Sündengenossen verschmähend, in Geduld und guten Werken nach dem Ziele des Glaubens, der Seelen Seligkeit, ringt und nicht eher abläßt, bis er ewiglich gesegnet ist.
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 Dieser Vorsatz soll sich verjüngern bei jeder Absolution, die er für seine Mängel empfängt; soll immer mehr zum gläubigen Gelübde werden, welches in uns der HErr hält und alsdann krönet. – Dieser Vorsatz soll dermaßen im Glauben erstarken, daß er auch unter vielen Schwachheiten und täglichen Sünden nichts destoweniger als ein Werk des h. Geistes aufrecht bleibt. Er soll mit einem Worte nichts anders sein, als ein Treiben des h. Geistes nach dem, was davornen ist, wie | geschrieben steht: „welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder!“ – Wohl dem, der solchen Vorsatz in sich spürt! – Doch auch nicht wehe dem, der viele Anfechtung und die böse Neigung des Herzens spürt; denn weil er diese spürt, ist das Leben des Geistes in ihm nicht erloschen. Ist es auch etwa einem glimmenden Dochte gleich, so ist ihm neues Öl und Stärkung in der Absolution bereitet; ist der innere Mensch auch noch so schwach, in Vergebung der Sünden wird er erneuet werden! Darum eile ein solches Herz desto brünstiger zur Absolution, auf daß es gestärkt und sein Vorsatz jenem Vorsatz, von dem wir oben geredet haben, immer ähnlicher werde.


31.
Wie oft und bei welchem Seelsorger soll man sich absolvieren lassen?
 Nach alledem fragt sich: wie oft soll man sich absolvieren lassen – und bei welchem Seelsorger? Auf die erste Frage läßt sich keine Antwort in Zahlen geben, die Zahlen anlangend, muß der Mensch sich selbst beurteilen. Alles, was wir sagen können, ist: „So oft dich deine Sünden nagen, so oft sie dich beunruhigen!“ Diese Antwort schließt fürs erste aus die starken Geister, welche sich allezeit eines fröhlichen Glaubens rühmen, niemals angefochten sind, ihr Leben lang der Absolution nicht begehren, als die ein für allemal absolviert seien | und der Seelen Tröstung samt Stärkung des Glaubens nicht bedürfen. Solche sind entweder nie aus der Welt und Sünde ausgegangen, oder sie sind wieder tief hineingeraten; denn Seine Heiligen führt der HErr wunderlich in manchen scharfen Kampf, wo Stärkung durch Absolution nötig ist; – auch ist der Satan gar vielfach geschäftig, Lügen hoher Anfechtungen anzufachen und die Seele zu erschrecken, als wäre die Gnade von hinnen und hätte der gute Heiland sein leutseliges Wesen verändert[15]. Hier thut es Not, einen Diener Gottes in den Streit eintreten zu lassen, welcher durch Absolution Gottes, des Allmächtigen, den eitlen Bösewicht mit seinen Lügen vom Plane treibe – und ihn mit Gottes h. Worte und Verheißung dahinstrecke in seinen Lügen. – – Umgekehrt aber bedarf man nicht alle Tage absolviert zu werden; denn es erlaubts einem Diener Gottes nicht täglich die kurze Zeit; auch möchte es scheinen, als wäre Gottes Trost und Absolution so kurzer Kraft und Lebens, daß sie nur eines Tages Tröstung reichen könnten, da doch, falls es nötig wäre, ein gläubig Herz von dem einzigen Wörtlein Gottes „JEsus“ oder „Friedefürst“ oder „Gnade“ sein lebenlang sollte zehren und fröhlich sein können. Es hat die Absolution, recht verstanden, eine heilsame Kraft | vorwärts, wie rückwärts, auf gestern, heute und morgen, für Schwachheitssünden das Gewissen zu stillen, – und wäre es schlimm, wenn ich vor einer Stunde absolviert, nun aber zu einem unbedachtsamen Worte hingerissen oder von einer jähen Gemütsbewegung ergriffen, alsbald wieder aus meinem jungen Frieden und der Kraft der Absolution entfallen sollte. Denn Gott und Sein Christus geben nicht, wie die Welt giebt; sondern es können wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber Seine Gnade nicht, und der Bund Seines Friedens fällt nicht hin. Jes. 54, 10. – Darum habe ein Herz auf sich und seine Notdurft wohl acht. Ist Not vorhanden, so komme er getrost aufs neu und steige im Geiste wieder in das „gnadenreiche Wasser des Lebens;“ denn es ist kein Zweifel, daß die immer wiederkehrende Tröstung der h. Absolution die Gnadenfluth der h. Taufe und ihre Kräfte bußfertigen Seelen erhält und darreicht, so oft vom Weg und Streit des Lebens die Füße oder Hände samt dem Leibe staubig geworden sind.
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 Was die zweite Frage anlangt, bei wem man sich solle absolvieren lassen, so höre. Die Absolution ist im Grunde Gottes und der Absolvierende im Grunde nur die Stimme eines Predigers, die Gottes Worte zu den Menschen trägt. Insofern läge nichts dran, wer persönlich dein Beichtvater sei – und die Wahl wäre leicht und gleichgültig; denn des Menschen Würdigkeit schmückt die Absolution Gottes doch nicht, welche andernteils auch | viel zu hoch ist über aller Menschen Wegen, als daß ein Mensch mit seinen Sünden sie verunehren könnte. Allein weil die Absolution eine Beichte voraussetzt und es keineswegs gleichgültig ist, wem du beichtest; da ferner die Absolution das Herz der Seelsorge ist und die Seelsorge eine Gabe ist, welche nicht jedem in gleichem Maße verliehen ist, du aber, je kränker und hinfälliger du bist, einen um so treueren und weiseren Seelsorger bedarfst; so hast du bei der Wahl deines Beichtvaters, wenn du nämlich unter mehreren wählen kannst, allerdings den zu wählen, des Leben und Amtsverwaltung am meisten apostolisch ist, d. i. den, der selbst in Christo JEsu lebt und dessen jedem offenbare Früchte beweisen, daß er für die eigne Seele richtig sorgt und treu ist in der Führung anderer ihm anvertrauten Seelen. Nicht also den Geehrtesten, noch den Gelehrtesten, sondern den besten erfahrensten Christen wähle dir, und welcher am meisten Weisheit und demütige Treue erprobt, Gottes Wort recht zu teilen. – – Hast du aber zu Zeiten gewählt, wo du selbst noch in völligem Dunkel und Vergessenheit des ewigen Lebens saßest, wo du selbst für deine Seele noch nicht sorgtest und es dir nicht darum zu thun war, einen treuen Seelsorger zu haben, – hast du unter diesen Umständen einen Seelsorger erwählt, der entweder nicht für dich sorgt, oder zu sorgen nicht vermag, weil er keine Gaben von oben her dazu hat, oder vielleicht gar auf der Apostel Stuhle als ein Ungläubiger und | Entarteter sitzt; so geben dir die kirchlichen Gesetze Erlaubnis, ihn zu verlassen und einen andern zu wählen. Es werden keine Hindernisse in den Weg gelegt, als solche, welche von dem leicht überwunden werden, der nach dem Heile seiner Seele mehr trachtet, als daß ihn weichliche Zärtlichkeit, Menschenfurcht und Scheu, oder was dgl. ist, in Verhältnissen halten sollten, welche nur zum Schaden seiner Seele ungelöst bleiben können[16]. – Wohl mögen viele Seelen sich aus einer fleischlichen Scheu vor ihren Beichtvätern, d. i. aus verkehrter Neigung zu Kreaturen ins Verderben stürzen, da sie mit sehenden Augen blinden Leitern folgen! Würden rechte Christen sich um ernste Beichtväter bekümmern, so würde es der letzteren mehr geben, – – und viele würden aus ihrem Schlafe aufwachen und an die anvertrauten Schafe denken, von welchen nun der Erzhirte klagen muß, daß sie wie Schafe seien, die keine Hirten haben!
32.
Bindeschlüssel.
a. Binden ist Offenbarung göttlichen Gerichts.
 Bisher haben wir hauptsächlich vom Löseschlüssel und der Absolution geredet, nun aber wollen wir auch noch von dem Bindeschlüssel reden, der | nicht minder des HErrn Einsetzung ist, ob schon weniger Geistliche Liebe und Ernst genug haben, ihn zu üben, wo er zu üben ist.
a. Gleichwie das Lösen in der Beichte eine Offenbarung der göttlichen Gnade ist, welche im Himmel die Sünder löst, die reumütig und um JEsu Christi willen um Vergebung bitten, so ist das Binden eine Offenbarung des göttlichen Gerichts – nicht daß es, wie Gottes Gericht, den Sünder dahinnimmt in den endlichen Fluch des HErrn, sondern daß es auf denselben Fluch warnend hinweist und zwar mit heiligem Ernste und Verweigerung der Absolution, ob vielleicht der Sünder erschrecke und eile, dem zukünftigen Zorn zu entrinnen. Die Stimme des bindenden Priesters auf Erden ist Gottes Stimme – hat auch ein göttlich Ja und Amen vom Himmel her; denn so spricht der HErr: „Was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein.“


b. Ruhe des Bindeschlüssels ist Verachtung des Löseschlüssels.
b. Wenn immer nur der Löseschlüssel geübt wird und der Bindeschlüssel in Ruhe bleibt, so kommt am Ende der Löseschlüssel in Verachtung, wie es nun um Tage ist[17]. Ich will dir sagen, | schreibt Heinrich Müller, woher es kommt, daß bei so vielem Beichten so wenig Besserung ist? Im Beichtstuhl wird nichts gebunden, alles gelöst. Weil nichts gebunden wird, findet man wenige, die sich in die Schranke der Lehre und des Lebens JEsu Christi einbinden wollen. Weil alles gelöst wird, ist überall ein loses, wildes Leben. Das viele Lösen macht viel loser Leute; einer steckt den andern an, weil man die Herde nicht fleißig untersucht und das Räudige vom Gesunden scheidet.“ – Es ließen sich dicke Bücher drucken, wenn man nur die Aussprüche frommer Lehrer unsrer Kirche über die Notwendigkeit des Bindeschlüssels oder des Bannes wollte zusammendrucken. (S. z. B. Eckards gottgefälliges Beichten p. 164–200. Porta 682 ff. A. H. Francke kurzer und einfältiger Entwurf von den Mißbräuchen des Beichtstuhls p. 69–72.)


c. Wer wird gebunden?
c. Nicht gelöst, sondern gebunden werden: (S. Porta 692–994.)
α. Alle, welche hartnäckig und trotz ernstlicher Belehrung falscher Lehre anhangen und sie bekennen und verbreiten, dazu die reine Lehre der Kirche Gottes verleugnen, schmähen und höhnen.
β. Alle, welche in offenbaren Sünden trotz ernstlicher und wiederholter Vermahnung beharren, | als z. B. Feindschaft[18], Zauberei, Ehebruch, Hurerei, Geiz, Stolz, Wucher[19], Meineid, Saufen, Fressen, etc. etc. Sonderlich auch, welche in offenbarer Verachtung des göttlichen Worts und h. Predigtamts dahinleben, oder in Verachtung, Vernachlässigung Ungehorsam, Aufruhr wider Eltern und Obrigkeiten.


d. Verfahren mit dem Bindeschlüssel ist langsam.
d. Dabei wird niemals schnell verfahren, sondern, als in einer hohen Sache, langsam, damit Gerechtigkeit gehandhabt werde und nicht ins Amt der h. Kirche sich Leidenschaft, Gunst, oder Abgunst schleiche. Der Sünder wird darum mehrere Male gewarnt – und erst nach fruchtloser Warnung in den Bann gethan. Desgleichen, obgleich keinem Seelsorger zugemutet werden kann, sein leidenschaftloses Gewissen dem Ermessen eines andern zu unterstellen, wird doch keiner auch bloß nach dem Gutachten eines einzelnen Seelsorgers gebunden und in den Bann gethan; sondern es muß die Zustimmung der Kirche, resp. ihrer Vorstände eingeholt werden. Denn | Christus spricht Matth. 18, 15–18: „Sündiget dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm alleine. Hört er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er dich nicht, so nimm noch einen oder zween zu dir, auf daß alle Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Munde. Hört er dich nicht, so sag es der Gemeinde. Hört er die Gemeinde nicht, so halt ihn als einen Heiden oder Zöllner. Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein; und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein.“
 Verschieden von dem Bann oder der Anwendung des Bindeschlüssels ist es, wenn Leute, die in Sünden leben, auf den Rat ihres Beichtvaters sich selbst vom Schlüsselamte ferne halten, um erst rechtschaffene Früchte der Buße zu bringen.
NB. An wem der Bann sein Werk gethan, d. i. Buße gewirkt hat, derselbe wird durch die Absolution erfreut. 2. Kor. 2, 18.


e. Der Bindeschlüssel ist in heiligen Schranken gewissenhaft zu brauchen. Lies: Tit. 3, 10. 11.  1. Tim. 5, 19-22.  2. Kor. 13, 1. 2 ff.  Jacobi 2, 1–10.
e. In solchen Schranken soll aber auch der Bindeschlüssel alles Ernstes gebraucht werden, | und zwar beides an Leuten des hohen, wie des niedrigen Standes. Sie haben beide Seelen zu gewinnen und zu verlieren, und sollen darum nach dem Sinn des barmherzigen Gottes beide auch der Zucht des h. Geistes im Amte Seiner Kirche teilhaft werden. Aus himmlischer Liebe zu den Seelen muß man auch den Haß dieser Seelen auf sich nehmen können; denn am wenigsten in unsern Tagen läßt man gutwillig die Kirche ihr heiliges Amt an den Seelen üben, weil durch der Hirten Tod das Leben der Kirche und ihr göttlicher Ernst in Vergessenheit geraten ist, und, wo er sich zeigt, alsbald gefragt wird: „Was thust du für ein Zeichen, daß du Solches thun mögest!“ Es gehört auch ein sehr standhafter Mut dazu, in unsern Tagen den Bindeschlüssel treulich zu gebrauchen. Denn der offenbaren und dem Worte Gottes geradezu widerstrebenden Sünder sind so viele, daß von Seiten der Pfarrer nicht ohne viele Leiden, Gram und Kummer, ja nicht ohne eine Selbstverleugnung, welche Gut und Blut darzulegen oder wenigstens in solcher Treue das Amt zu verlieren bereit ist, das Amt des Bindens wird durchgeführt werden können. Zu geschweigen, daß wer es thut oder nur unternimmt, auch von seinesgleichen, statt unterstützt, verlassen, geschmähet und sein Thun auf die schlimmste Seite hin, als Hochmut etc., wird ausgelegt werden. An | den gemeinen Leuten wird es allenfalls noch fruchten; „tastet man aber die Berge an, so rauchen sie.“ Laß’ aber rauchen und Feuer speien, was geht es den an, der Sein Amt in Lieb und Treue verwaltet? Ein treuer Diener ist treu gegen die, welche seine Treue mit Dank annehmen, nicht minder aber auch gegen die, welche ihn dafür hassen; – er liebet frei und kann sich trösten, wenn es aus dem Walde anders widerhallt, als er hineingerufen hat. Denn mit ihm ist Gott!

 „Ihr thätet wohl daran, schreibt Luther in einem Bedenken von Zeremonien und Bann wieder aufzurichten, – und ließe mir’s gefallen, so ihr den Bann wieder anrichten könntet, nach Weise und Exempel der ersten Kirchen. Aber es würde den Hofjunkern eurer Führnehmen sehr faul thun und sie hart verdrießen, als die nun des Zwangs entwöhnet sind. Unser Herre Gott stehe auch bei und gebe Sein Gedeihen dazu. Hoch wäre solche Disziplin vonnöten; denn der Mutwille, daß jedermann thue, was er nur will, nimmt zusehends überhand und wird durchaus eine lautere Schinderei.“


 So schwer es auch ist, den Bindeschlüssel nach des Herrn Befehl zu gebrauchen, so nötig ist es und so ganz und gar ist es Pflicht der Kirchendiener. Denn wohl sagt ein alter Lehrer, D. G. C. Dannhauer: „Es wäre ein liederlicher Haushalter, | welchem ein schönes Haus geschenkt worden, der es nicht wollte im Bau erhalten, ließe ihm allenthalben ins Dach regnen, besserte es nicht und ließe es endlich gar einfallen. Also ist es schlimm gehauset, wenn man den eingerissenen Ärgernissen nicht wehrt und die Kirche nicht durch gute Zucht erhalten wollte. Äcker, die lange wüste gelegen, baut man; warum sollte man nicht auch die gefallene Kirchendisziplin nicht wieder aufrichten?“
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 Indes ist jetzt wie damals, und damals wie jetzt mit Luther über der Kirche Lauheit und Ungehorsam zu klagen. Der Löseschlüssel ist abgeführt und abgewetzt in den Händen unheiliger Lehrer: der Bindeschlüssel ist verrostet und hängt an ihrem Gürtel nicht als eine Zier, sondern als eine alte Klage und Schmach, die in ihrer ganzen Schwere an jenem Tage laut werden wird. – Aber: „Narratur fabula furdo!“ (Man predigt tauben Ohren!“) Es werden die Laster, deren sich auch die Heiden geschämt, ohne Scheu und Strafe begangen. Aus der Kirche Gottes macht man eine Mördergrube, Gottes Name wird stinkend gemacht, Falschgläubige von unsrer Religion abgeschreckt, der Bann wird nicht weggethan; sondern als die wilden Pferde will man sich nicht besser zäumen, als die Unsinnigen zerreißt man alle Bande, als die Cyklopen[20] stürmt man Gott Seinen Himmel. Je mehr | Gott geißelt, je verhärteter sind die Menschen, je größer Feuer, je mehr Öl!“

 Lieber Leser! – da schweigt das Büchlein. Es ist nicht lang für einen solchen Gegenstand – und du wirst noch manche Einwendungen und Zweifel gegen manches haben, was darin gesagt ist. Ist dir daran gelegen, so gehe zu einem frommen Beichtvater, der wird dich lehren. Zuvor aber prüfe dich, ob nicht deine Einwendungen aus Stolz und aus dem Hochmut kommen, daß du bisher gemeint hast, den Weg zum Leben selber finden zu können, während du dich in diesem Büchlein an deinen Seelsorger bis ans Ende deines Lebens gekettet siehst. Bist du demütig, so ist dir das vielmehr eine Freude – und du giebst dich dem dir von Gott verordneten Freunde mit Vertrauen hin. Gott gebe dir Demut und schreibe dir in dein Herz:

„Gehorchet euern Lehrern und folget ihnen denn sie wachen über eure Seelen, als die da Rechenschaft dafür geben sollen: auf daß sie das mit Freuden thun und nicht mit Seufzen; denn das ist euch nicht gut!“
Ebr. 13, 17. 

Druck von Pöschel & Trepte in Leipzig.



  1. Du kannst dem weisen Luther vielleicht einwenden: „Aber mein Fleisch hat doch von diesen Früchten viele nicht getragen, als z. B. Ehebruch, Hurerei, Sekten, Mord, Saufen, Fressen etc.! Ich muß doch kein so ganz böser Baum sein!“ – Antwort:
    a. „Die Menschen sollen andere aus ihren Früchten erkennen (Mtth. 7, 16.); sich selbst aber nicht allein aus den Früchten, die vor Augen sind, sondern auch aus dem Herzen. Sie sollen sich ansehen, wie sie Gott ansieht; Gott aber sieht das Herz an – und weiß, was am Menschen ist, ehe er Werke thut, kennt die Bäume, ob sie böse oder gut sind, ehe sie Früchte tragen. So weiß auch der Geist des Menschen, was in ihm ist. (1. Kor. 2, 11.)
    b. Ferner, hast du die Früchte nicht getragen, so kannst du sie noch tragen; sind sie noch nicht reif, so reifen sie vielleicht schon; wer weiß, was aus dir in kurzem für ein Bubenstück hervorwächst? Wer weiß, wie bald du vor Menschen als Hurer oder Ehebrecher stehen wirst, wie dein Herz vor Gott vielleicht schon längst eines Hurers oder Ehebrechers Herz ist. Ja, [14] wer weiß, wie viel böse Früchte du im Geheimen schon getragen hast, was die Wände und Nächte von dir zu erzählen haben? Wer weiß, ob du nicht schon oft die Früchte getragen hast, die du nur leugnest, eben weil du sie nicht anders zu verdecken weißt. Es bleibt dabei: „Gott kennt dein Fleisch besser, als du selbst!“ Wie denn geschrieben steht: „Wer kann das Herz ergründen? Ich, der HErr, kann das Herz ergründen und die Nieren prüfen.“ (Jerem. 17, 9. 10.)
  2. Unser HErr JEsus Christus sagt: „Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb.“ (Joh. 15, 19.) Darum, ist einer ohne Haß der Welt oder gar von ihr geliebt, so muß er in vieler Sünde liegen. Denn wer die Welt liebt, der gehört zur Welt; wer aber zur Welt gehört, der liegt im Argen; denn die ganze Welt liegt im Argen“, d. h. in Sünden. (1. Joh. 5, 19.) Ferner, wer zur Welt gehört, der lebt in Augenlust, Fleischeslust und Hoffahrt des Lebens, d. h. in Sünden – denn die Welt hat sonst nichts, – alles, was in der Welt ist, ist des Fleisches Lust, der Augen Lust und hoffärtiges Leben (1. Joh. 2, 16.), d. h. Sünden. Wenn also einer nach Luthers Worten an sich noch nicht erfahren hat, wie sehr die Kinder Gottes durch der Welt Lockung und Haß zur Sünde gereizt und verführt werden, der ist in desto größerer Sünde; er gehört selbst zur lockenden, hassenden Welt und ist daher Gottes Feind und der größte Sünder (Jak. 4, 4.); denn der Welt Freundschaft ist Gottes Feindschaft, und die elende Welt liegt in immerwährendem Kriege gegen Gottes guten, gnädigen Willen!
  3. Wenn man der Welt sagt, daß sie böse ist, will sie es nicht eingestehen, und doch gesteht sie es alle Tage unaufgefordert selber ein. Denn wer klagt mehr über die Bosheit der Welt, als die Kinder der Welt? Ein jedes weiß von dem andern Dinge zu erzählen, die allerdings böse sind; die andern führen dagegen wieder einen gleichguten Beweis von der Bosheit jenes. Könnte man die [16] Welt, ja nur eine einzige Stadt oder ein einziges Dorf verhören, – wollte jeder Einwohner sagen, was er weiß: man würde erschrecken, wie sehr das Zeugnis der Welt von sich selbst und ihren Kindern mit dem Zeugnis Gottes übereinstimmt, welcher spricht: „Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht Einer; da ist nicht, der verständig sei; da ist nicht, der nach Gott frage. Sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig worden; da ist nicht, der Gutes thue, auch nicht Einer. Ihr Schlund ist ein offen Grab, mit ihren Zungen handeln sie trüglich, Otterngift ist unter ihren Lippen; ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen; in ihren Wegen ist eitel Unfall und Herzeleid – und den Weg des Friedens wissen sie nicht. Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.“ (Röm. 3, 10–18.) – Ist aber die Welt nach Gottes und ihrem eignen Zeugnis so beschaffen, wie gefährlich muß es sein, in ihr zu wohnen? Gewiß wird sie weder Witz, noch Fleiß sparen, ihr Reich zu schirmen und zu mehren und zu ihrem eignen Wesen zu verführen, wo noch etwas zu verführen ist.
  4. Wenn nun der Satan so heftig nach deiner Seele trachtet und allerlei feurige Pfeile der Anfechtung wider sie schleudert, wirst denn du der Mann sein, der ihn so gar tapfer und beständig überwindet, daß auch gar keine Sünde an dir klebend bleibt? Ei! was für ein blinder und hochmütiger Thor mußt du sein, wenn du dich für einen solchen Satansüberwinder hältst, da doch der ewige und gewaltige Sohn Gottes ihn nicht anders, als durch Darlegung seines Leibes und Lebens überwinden konnte. Glaub du fest, wenn du nicht weißt, wie oft dich der Satan verführt in Zweifel, Murren wider Gott und Mißtrauen, wie auch in andre schändliche Sünden und Laster, so liegst du, wie Luther sagt, „zweimal tiefer, denn ein anderer armer Sünder“ und bedarfst du Vergebung der Sünden mehr, als dein Leib die Speise.
  5. Dieser Segen ist um so größer, wenn mit dem Bekenntnis der Sünden zugleich das Bekenntnis der Herrlichkeit Gottes gethan wird. (Röm. 10, 10. Ebr. 13, 15.)
  6. Wir üben zu wenig Konfiteortion in unsern Gottesdiensten.
  7. Es hat auch Petrus, da ihm nach der Verläugnung das Gewissen aufwachte, nicht den Mägden des Hohenpriesters und den Knechten Bekenntnis gethan; sondern er ging hinaus und weinte bitterlich vor Gott.
  8. Diese Worte sollen keine Einwendung wider die Deutlichkeit des göttlichen Wortes sein oder enthalten; sondern wider den menschlichen Hochmut, welcher dunkle Augen macht, daß man auch Deutliches nicht sehen kann.
  9. Es ist offenbar, daß ein Seelsorger dem am besten – oder wenigstens am vorsichtigsten und besonnensten rät und für ihn sorgt, den er samt seinen Verhältnissen am besten kennt.
  10. S. Nr. 17 ff.
  11. Möge, wer Lust hat, was selbst Calvin Instit. L. III. C. 4. §. 13. 14. Merkwürdiges sagt, vergleichen.
  12. „Obgleich ein Prediger nicht alle Sünden der Leute wissen muß, so muß er doch insoweit von dem Zustand der Pfarrkinder Nachricht haben, daß er ihre Wunden heilen und also auch die Arzenei recht darauf attemperieren könne.“
  13. Unterricht der Visitatoren 1523: „Man soll niemand zum h. Sakrament gehen lassen, er sei denn von seinem Pfarrherrn insonderheit verhört, ob er zum h. Sakrament zu gehen geschickt sei. Denn Paulus spricht (1. Cor. 11), daß die schuldig sind an dem Leibe und Blute Christi, die es unwürdiglich nehmen.“ Vgl. Porta’s Pastorale Lutheri p. 659–662.
  14. Mit großem Rechte sagt Sirach 19, 31: „Geschenke und Gaben verblenden die Weisen und legen ihnen einen Zaum ins Maul, daß sie nicht strafen können.“ Und ernster noch spricht der Herr 23, 8 (cf. 5. Mos. 16, 19 etc.): „Du sollst nicht Geschenke nehmen: denn Geschenke [67] machen die Sehenden blind und verkehren die Sachen der Gerechten.“ – Das Beichtgeld der Reichen überbietet das der Armen, wird zum Geschenk und macht oft den Geistlichen untüchtig, in der Seelsorge der Reicheren treu zu sein.
  15. Die sogenannten hohen Anfechtungen sind Lügen, weil in ihnen, wie gesagt, der Satan den Seelen glaublich machen will, was nimmermehr wahr sein kann, daß nämlich Gottes Gnade wegen vieler Sünden zu Ende sei.
  16. s. Amtshandbuch ed. 1833. Verordnung vom 26. Febr. 1830. p. 359.
  17. „Mögen sie es nur auslöschen im Katechismo und sagen: das Amt des Schlüssels, und nicht: das Amt der Schlüssel
    Francke. 
  18. S. Luther 6. Francke p. 70. Eckard p. 170.
  19. S. Luther im Traktat vom Wucher. Francke p. 69.
  20. Soll wohl heißen Titanen.