Die Höhlen von Saint-Pierre

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Autor: W. Belka
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Titel: Die Höhlen von Saint-Pierre
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Erscheinungsdatum: 1916
Verlag: Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Eine Höhlenabenteuer geschildert als Kriegserlebnis.
Band 25 der Romanheftreihe Erlebnisse einsamer Menschen. Text auch als E-Book (EPUB, MobiPocket) erhältlich
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[I]
Band 25 Erlebnisse einsamer Menschen Preis 20 Pf.
90. Band Erlebnisse einsamer Menschen Preis 15 Pf.
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Die Höhlen von Saint Pierre.
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Dann flogen die beiden Pfeile lautlos durch die Luft.


[1]
(Nachdruck, auch im Auszuge, verboten. – Alle Rechte vorbehalten. – Copyright by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin 14. 1916.)


Die Höhlen von Saint-Pierre.
W. Belka.


Für das Infanterie-Regiment Habsburg, das nun schon monatelang dem Gegner im nervenaufreibenden Stellungskampf in der Picardie östlich von Albert gegenüberlag, war am Abend des 28. Juni 1916 Ersatz eingetroffen, – 300 Mann ungedienter Landsturm, die zunächst beim Regimentsstabe, der in den Resten des Dorfes Saint-Pierre untergebracht war, noch verpflegt und dann sofort nach Verteilung auf die einzelnen Kompagnien zur vordersten Linie in Marsch gesetzt wurden.

Ganz hinten schritten zwei Leute nebeneinander her, die man beim Rekrutendepot des Ersatzbataillons, wo die ungedienten Landstürmer ausgebildet worden waren, allgemein „Max oder Moritz“ genannt hatte, obwohl der größere, blondbärtige den poetischen Namen Siegfried Balder führte und der um gut anderthalb Kopf kleinere sich mit dem bedeutend weniger klangvollen August Plautsack [2] begnügte, mithin von Max oder Moritz in den Kriegspässen der beiden keine Spur zu finden war.

Auch sonst bedeuteten diese Spitznamen eigentlich einen vollständigen Fehlgriff. Max und Moritz, die weltberühmten Helden des großen Zeichner-Humoristen Wilhelm Busch, waren bekanntlich halbwüchsige, stets zu dummen, übermutigen Streichen aufgelegte Knaben. Balder und Plautsack dagegen standen bereits Mitte der dreißig und lange schon in Amt und Würden, bevor der grausame Weltkrieg sie ihrer friedlichen Beschäftigung entriß und ihnen den feldgrauen Rock bescherte, den sie freilich nur mit etwas sauersüßem Lächeln anzogen. Beide ahnten ja, daß es ihnen beim Militär infolge ihrer besonderen Anlagen nicht gerade hervorragend gut ergehen würde, was denn auch in vollem Maße eintraf. Vorher hatte der würdige Herr Postassistent Siegfried Balder den kleinen, dicken und mehr als bequemen Eisenbahnschaffner August Plautsack nie gesehen. Keiner hatte vom anderen etwas geahnt. Dann aber hieß es in der aus dreißig frisch eingekleideten Vaterlandsverteidigern bestehenden vierten Korporalschaft des Rekrutendepots von Seiten der Vorgesetzten ohne Unterlaß. „Mensch, Balder, – sind Sie ungeschickt …!!“ oder …: „Plautsack – Beine in die Hand – ein bißchen munterer!!“

Balder und Plautsack fielen mit einem Wort gesagt stets und ständig auf – aber nicht angenehm – im Gegenteil. Sie wurden bald, trotzdem sie sich die redlichste Mühe gaben, die Schmerzenskinder der Korporalschaft. Und da das, was sie als Soldaten leisteten, zumeist Dummheiten waren, so tauchte für sie ganz plötzlich die Bezeichnung Max und Moritz auf, und schon wenige Tage später [3] nannten die Kameraden den langen, dünnen Postbeamten nur noch „Max“ und den fettgepolsterten, allzeit schwitzenden Eisenbahnschaffner „Moritz“, als ob die dergestalt Umgetauften niemals auf die ehrlichen Vornamen Siegfried und August gehört hätten.

Unglück bringt die Leute, wie man sagt, einander schnell näher. Aber auch Mißgeschick und … Ungeschicklichkeit. Max und Moritz wurden Freunde. Die Freundschaft begann damit, daß sie sich gegenseitig ihr Leid klagten, sich gegenseitig halfen, wo es nur ging, und abends nach dem Dienst Trost bei einem Glase Kriegsbier in der Kantine suchten, das gewöhnlich von dem begüterten Assistenten bezahlt wurde.

Endlich waren dann auch die zehn Wochen Ausbildungszeit überstanden, und schneller als sie es ahnten saßen Max und Moritz eines Morgens in einem Transportzuge und rollten als Ersatz für das aktive Regiment der französischen Grenze zu.

Und wie froh waren sie darüber …! Von dem Garnisonleben hatten sie ja ihrer seltenen Unbegabtheit für militärische Dinge wegen nur Ärger und Verdruß gehabt. Nun würde das anders werden! Da draußen an der Front kam’s auf stramme Wendungen, guten Anschlag und sonstige exerziermäßige Anforderungen nicht mehr an! Da konnte man zeigen, daß man trotz der ungeschickten Knochen und trotz der Taprigkeit das Herz auf dem rechten Fleck hatte …! Max sowohl wie Moritz waren unbeweibt, und da zieht es sich weit leichter hinaus in das mörderische Treiben des furchtbarsten Völkerringens, das die Erde je gesehen. Und die Freunde fangen denn auch mit echter Begeisterung während der Eisenbahnfahrt all die [4] verschiedenen alten und neuen Soldatenlieder, waren mit die fröhlichsten und sorgten aufs beste dafür, daß in ihrem mit Bänken ausgestatteten Güterwagen die Stimmung stets munter und zuversichtlich blieb.

Und jetzt stapften sie nebeneinander über den holprigen Boden, hörten vor sich hin und wieder den kurzen, harten Knall eines Gewehrschusses und in der Ferne das dumpfe Krachen eines schwachen Artilleriefeuers, sahen aber im übrigen noch nichts von den furchtbaren Bildern der Vernichtung, die sie sich in ihrer Phantasie vordem so lebhaft mit ganzen Haufen von Toten, mit Verwesungsgeruch, dem Röcheln Sterbender und den Angst- und Schmerzensschreien Verwundeter ausgemalt hatten. Die Nebelschleier der Sommernacht hüllten alles in ein eintöniges Grau ein – alles … Und wenn sie nicht gewußt hätten, daß da keine tausend Meter vor ihnen die vorderste deutsche Stellung und dieser gegenüber die französische in einem Abstand von angeblich nur zweihundert Schritt lag, dann wäre nicht der geringste Grund dazu vorhanden gewesen, daß ihre Herzen vor Erwartung und Spannung doch etwas lebhafter wie bisher klopften und ihre Hände das Gewehr als den jetzt vertrauenswürdigsten Freund fester umklammerten. –

Von vorne kam plötzlich leise der Befehl, nunmehr mit allergrößter Stille sich zu bewegen. Das bisherige Marschtempo wurde denn auch wirklich noch schneckenmäßiger. Sehr bald merkten die beiden äußerlich so ungleichen Freunde auch, weshalb dies geschah. Der Trupp mußte in eine tiefe Schlucht mit recht steilen Wänden hinabsteigen, was bei der unsicheren Beleuchtung nicht ganz einfach war. Nachher ging’s dann wieder noch mühsamer [5] die gegenüberliegende Wand empor und gleich darauf in einen im Zickzack verlaufenden Verbindungsgraben hinein, der sehr sauber mit Strauchwerk gefestigt und mit Reisigbündeln am Boden ausgelegt war. Hier mußte einer hinter dem anderen marschieren, und der lange Max stelzte denn auch vor dem kleineren Freunde einher, so daß dieser der letzte in der Reihe war.

Mit einem Male vor ihnen kurz hintereinander vier dumpfe Krache, – Kanonenschüsse, und gleich darauf oben in den Lüften ein unheimliches Heulen und Sausen, das schnell näherkam.

Dann war’s dem dicken Moritz, als ob eine unsichtbare Riesenfaust ihm einen furchtbaren Stoß vor die Brust versetzte, so daß er wie ein Gummiball aus dem Graben heraus durch die Luft flog.

Als er nach einer guten Stunde die Besinnung wiedererlangte, lag er in einem tiefen Granattrichter mit den Beinen nach oben und dem Kopf nach unten. Zunächst brachte er sich in eine bequeme Stellung, dann begann er seine Glieder der Reihe nach zu befühlen. Alles heil –, der Mensch muß eben Glück haben …! Nur der Schädel brummte dem braven Plautsack recht gehörig, und dann war es ihm auch so, als ob da oben auf seinem bereits etwas kahlen Haupte nicht alles in Ordnung sei. – Aha – der Helm fehlte! – Den jetzt suchen, war unmöglich. Aber er hatte ja noch die Feldmütze im Brotbeutel. Also zog er sich diese über den Kopf. Dabei überlegte er sich, was eigentlich so recht mit ihm geschehen war. Daß eine Granate, die dicht vor ihm eingeschlagen haben mußte, ihn aus dem Graben herausbefördert hatte, reimte er sich trotz seiner geringen Kenntnisse von den Wirkungen dieser [6] ungemütlichen Feindesgrüße schon selbst zusammen. Sein nächster Gedanke galt dann dem Freunde. – Was mochte aus Balder geworden sein? Ob der etwa bereits seine Soldatenlaufbahn für immer abgeschlossen hatte, ohne auch nur einen einzigen Schuß auf die Franzmänner abgefeuert zu haben …?! – Ihm wurde ganz traurig zu Mute. Jetzt erst merkte er, wie lieb ihm sein Leidensgefährte, dieser herzensgute Mensch, geworden war. – Armer Max! – Und August Plautsack kam sich mit einem Male wie verwaist vor. – Aber – was half das Grübeln?! Nichts – gar nichts! Besser, er sah zu, daß er wieder Anschluß an seinen Trupp fand oder irgendwie in den vorderen Schützengraben gelangte.

So krabbelte er denn aus dem Granattrichter heraus, wobei er sich auf sein Gewehr stützte, das er merkwürdigerweise bei der unfreiwilligen Tour durch die Luft krampfhaft festgehalten hatte.

Der Nebel war offenbar noch dichter geworden. Auch nicht zwei Schritte weit konnte man sehen. Plautsack glaubte, der Verbindungsgraben müsse dort nach links herüber liegen und tastete sich also vorsichtig in jener Richtung weiter. Aber bald merkte er, daß er sich geirrt hatte, und versuchte es nun nach rechts herüber. – Nichts – nichts! Nur ein Granatloch am anderen – die reine Berg- und Talfahrt.

Zu allem Unglück hatten selbst die Gewehrschüsse jetzt vollkommen aufgehört. Der arme, dicke Moritz hatte bald nicht mehr die geringste Ahnung, wohin er sich wenden solle. Auf gut Glück kroch er mehr als er ging vorwärts. Dann – er stieß einen unterdrückten Schreckensruf aus! – wich plötzlich der Boden unter seinen Füßen, und er [7] stürzte kopfüber in die Tiefe, schlug irgendwo hart auf und verlor aufs neue die Besinnung.

Stunden vergingen. Plautsack kam erst wieder zu sich, als der Morgen graute und der Nebel sich bereits stark gelichtet hatte. Auch dieses Mal war er mit heilen Knochen davongekommen, obwohl er gut acht Meter den steilen Westabhang derselben Schlucht herabgekollert war, die er mit seinen Kameraden am Abend vorher passiert hatte.

Gerade wollte er sich erheben, um jetzt mit hoffentlich besserem Erfolge als bisher den Schützengraben zu suchen, als er jenseits der Schlucht ein ohrbetäubendes Krachen hörte, das sich von Sekunde zu Sekunde noch mehr steigerte. Bald schlugen auch die ersten Artilleriegeschosse in die enge, tiefe Schlucht ein, so daß er schleunigst dicht an der westlichen Wand in einem Erdloche Deckung nahm, weil ihm ein paar Sprengstücke unheimlich nahe und noch unheimlicher brummend am Kopf vorbeigesaust waren.

Die Franzosen schienen zu vermuten, daß in dem schmalen Tale deutsche Reserven ständen. Unaufhörlich kamen Granaten schwersten Kalibers in steilem Bogen niedergesaust und krepierten mit einem Getöse, daß es Plautsack ganz wirr im Kopf wurde. Hiermit nicht genug, begann der Feind nun auch noch die Schlucht mit Schrapnells einzudecken, die bald mit größter Genauigkeit über der tiefen, von Süden nach Norden verlaufenden Erdspalte platzten und ihre Kugelsaat wie Hagelschloßen umherstreuten.

Der an sich durchaus nicht feige Plautsack hockte blaß und vor Angst zitternd in seinem Erdloch und wartete jeden Augenblick darauf, daß er getroffen werden würde. [8] rings um ihn tobte eine wahre Hölle. Granaten schleuderten Sand und große Erdbrocken umher, Schrapnellkugeln pfiffen ohne Unterlaß durch die Luft, stickige Dämpfe begannen das Tal zu füllen. Der dicke Infanterist schwitzte vor Erregung, daß ihm die Tropfen nur so über das feiste, glattrasierte Gesicht liefen. Aber mit der Zeit gewöhnte er sich an den Lärm und an die ihn umdrohende Todesgefahr. Er hoffte, daß das Geschützfeuer bald wieder nachlassen würde und daß er dann heraus könne aus dieser von Pulvergasen vergifteten Schlucht, in der ihm jetzt schon das Atmen schwer fiel. Er ahnte nicht, daß sein Unstern ihn gerade am Vorabend des Tages an die Sommefront geführt hatte, an dem der Feind zur Vorbereitung seiner großangelegten Durchbruchsversuche mit dem achtundvierzig Stunden währenden Trommelfeuer zur Zerstörung der ersten deutschen Stellung begann.

Das Artilleriefeuer schwoll, nachdem es nur eine knappe Viertelstunde ein wenig nachgelassen hatte, zu unerhörter Heftigkeit an. Noch immer lag die Schlucht unter schwerstem Feuer. Ein wahres Wunder war’s, daß der arme Musketier unverletzt blieb. Jetzt feuerte der Feind mit Geschossen eines Kalibers, die an dem jenseitigen Abhang beim Einschlagen ganze Erdstürze hervorriefen. Und eines dieser Riesenprojektile, die mit einem wahrhaft satanischen Geheul angesegelt kamen, sauste dann keine acht Schritt vor Plautsacks Schlupfwinkel nieder, krepierte und warf den kleinen Mann zusammen mit einer Wolke von Erdschollen in die Höhe, ließ ihn sich mehrmals überschlagen und dann rückwärts mit dem Kopf zuerst in die Tiefe hinabrutschen. Was half es, daß er die Finger in den Boden krallte …?! Er rutschte [9] pfeilschnell abwärts und landete schließlich mit recht unsanftem Stoß irgendwo in halber Dunkelheit.

Nachdem sich seine Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten und er langsam zu der Überzeugung gelangt war, daß er auch diesen neuen Feindesgruß glücklich überstanden habe, richtete er sich auf und schaute nicht wenig verwundert um sich. Schräg über ihm glänzte ein großer, heller Fleck. Das war das Loch, das die Granate in die Decke der Höhle, in der er sich jetzt befand, geschlagen hatte. Und diese Höhle schien gar nicht so klein zu sein, soweit Plautsack bei dem unsicheren Licht erkennen konnte. Das Geschoß hatte dicht an der südlichen Wand vorbei seinen Weg genommen und dann im Krepieren nicht nur eine Öffnung nach oben ausgesprengt, sondern auch bewirkt, daß durch den nachrieselnden Sand so etwas wie eine Rutschbahn aus Erde entstanden war, auf der unser Unglücksvogel Moritz verhältnismäßig sanft in die Unterwelt hinabgefahren war.

Draußen ertönten inzwischen ohne Unterbrechung die gewaltigen Knalle der in die Schlucht geworfenen Granaten weiter. Plautsack hielt es daher für geraten, sich an eine etwas sicherere Stelle der Höhle zurückzuziehen, da ja mit der Möglichkeit gerechnet werden mußte, daß noch eine zweite Bombe die Höhlendecke hier in der Nähe durchschlagen könne. Er holte also seine im Brotbeutel untergebrachte elektrische Taschenlampe hervor, schaltete sie ein und leuchtete jetzt erst einmal genau diesen ihm vom Schicksal gnädig bescherten Unterschlupf ab.

Die Höhle bestand aus einem grauweißen, kalkartigen Gestein, endete nach Osten zu bereits nach einigen zehn Metern, ging aber, ständig sich verbreiternd, nach Nordwesten [10] zu ziemlich steil im Bogen in tiefere Erdschichten hinab. Die Luft war hier völlig rein, wenn auch etwas kühl. Jedenfalls glaubte es unser Musketier wohl wagen zu dürfen, weiter in diese unterirdischen Räume vordringen zu können.

Langsam schritt er über den harten, unebenen Boden hin, indem er den Lichtkegel seiner kleinen Lampe stets vor sich hertanzen ließ, um nicht etwa in eine vielleicht vorhandene Spalte zu fallen. Wie notwendig diese Vorsicht gewesen war, zeigte sich dann sehr bald. Ein mehrere Meter breiter Schlund, der sich von Wand zu Wand zog, versperrte ihm plötzlich, nachdem er etwa fünfzig Schritte abwärtsgestiegen war, den Weg. Dieses Hindernis focht Plautsack jedoch nicht weiter an. Wenn er sich hier im Schutz einer vorspringenden Ecke der Höhlenwände niedersetzte, war er vor den zudringlichsten französischen Granaten sicher. Das tat er denn auch, nachdem er den schweren Tornister abgelegt hatte. Erst jetzt merkte er, daß ihm sein Gewehr fehlte. Die Fülle der Eindrücke, die in der letzten Viertelstunde auf ihn[1] eingestürmt waren, hatte ihm nicht gestattet, auch an seine bisher so sorgsam behütete Schußwaffe zu denken. Bald überkam ihn eine bleierne Müdigkeit, die die Folge der langen Eisenbahnfahrt und der Schrecken der letzten Nacht war und der er sich trotz seiner Energie nicht entziehen konnte. Er lehnte sich gegen das harte Gestein, schloß die Augen, dachte noch im letzten Augenblick vor dem Einschlummern in das Land der Träume an seine elektrische Taschenlampe, für die er nur noch zwei Ersatzbatterien besaß, schaltete sie noch schnell aus und … schlief ein.

Als er nach langem totenähnlichen Schlummer erwachte, [11] fand er sich nur schwer in die Wirklichkeit zurück. Er hatte so friedlich von seiner Berliner Heimat geträumt, von der Bahnstrecke Berlin-Werder, auf der er zuletzt die Züge als Schaffner begleitet hatte. Und nun saß er hier eine stattliche Anzahl von Metern unter der Erde, und draußen wütete ein Artilleriekampf, wie er ihn sich trotz aller bisher gelesenen Berichte von den Kriegsschauplätzen so furchtbar doch nicht vorgestellt hatte. – Ja – tobte denn der Kampf wirklich noch? – Er lauschte angestrengt. Nein – draußen herrschte jetzt offenbar Ruhe. Es hieß also die Gelegenheit schleunigst benutzen, um wieder ins Freie zu den Seinen zu gelangen.

Eilig erhob er sich, hing den Tornister über und kehrte an den von der Granate hergestellten Ausgang zurück. Nun stand er unter dem vielleicht anderthalb Meter breiten, runden Loche, sah über sich den blauen Himmel und … erkannte nur zu bald, daß die Höhle für ihn zu einer richtigen Mausefalle geworden war, aus der es kein Entweichen gab. So oft er nämlich auch auf allen Vieren auf der schrägen, aus losem Erdreich bestehenden Rutschbahn nach oben zu klettern versuchte, – stets gab die lockere Erdschicht nach und glitt mit ihm wieder abwärts.

Da bekam Plautsack es mit der Angst. Gelang es ihm nicht, wieder an die Oberwelt zurückzuklettern, so mußte er hier unten jämmerlich verhungern, denn die Aussicht, durch Hilferufe irgend jemand auf sich aufmerksam machen zu können, erschien ihm äußerst gering. Während er noch so recht bedrückten Herzens dastand und mit zurückgebeugtem Kopf durch den Erdtrichter über sich sehnsüchtig den wolkenlosen Himmel anstarrte, erlebte er ein Schauspiel, welches seine bangen Gedanken für eine Weile [12] von seiner verzweifelten Lage ablenkte. Das, was er beobachten durfte, war ein Fliegerkampf in den Lüften über ihm. Aus den Bewegungen der fünf dort oben kreisenden künstlichen Riesenvögel ersah er, daß zwei davon offenbar deutsche Flugmaschinen waren, die über ihre Gegner in engen Spiralen hinwegzusteuern trachteten, um so eine bessere Angriffsmöglichkeit zu haben. Dann plötzlich begann erst eines der Flugzeuge, die er für feindliche hielt, zu taumeln und sich zu überschlagen, gleich darauf ein zweites. Sie stürzten mit rasender Geschwindigkeit abwärts, entschwanden dann aber aus seinem Gesichtsfelde, bis zwei dumpfe Krache über ihm ihn belehrten, daß sie ohne Zweifel in die Schlucht gefallen waren und nun sicher als traurige Trümmerhaufen irgendwo in nächster Nähe auf dem geschoßzerwühlten Boden lagen.

Kaum war dieses aufregende Zwischenspiel vorüber, als die Kanonade auch schon wieder mit alter Stärke aufs neue einsetzte, so daß Plautsack nach den ersten Granaten, die mit donnerndem Widerhall in der Schlucht krepierten, sich schleunigst an seinen alten Platz in die Nähe der breiten Spalte zurückzog. Hier hörte er den Lärm des Artilleriefeuers nur noch gedämpft, konnte aber an dem Dröhnen der Höhlendecke ganz genau jeden Granattreffer feststellen, der den Boden der Schlucht zerfurchte.

Unser armer, auf sich allein angewiesener Musketier saß in trübem Sinnen auf dem harten Gestein und grübelte über seine verzweifelte Lage nach. Dann aber sagte ihm sein knurrender Magen, daß er die Dinge vielleicht mit anderen Augen ansehen würde, wenn er erst eine kräftige Mahlzeit zu sich genommen hatte. Zum Glück hatte er ja die eiserne Ration, den Beutel mit den kleinen, harten [13] Zwiebacken und die Büchse Konservenfleisch im Tornister, außerdem aber auch noch andere gute Sachen, die er mit nach vorn in den Schützengraben hatte nehmen wollen, darunter ein halbes Kommißbrot, das er mit Bindfaden über dem Kochgeschirr festgebunden hatte. Dieses selbst war mit den Liebesgaben gefüllt, die freundliche Leute den Ersatzmannschaften während der Eisenbahnfahrt auf den Bahnhöfen zugesteckt hatten.

August Plautsack war ein starker Esser. Trotzdem hielt er jetzt weise Maß, um seine Vorräte zu schonen. Zum Beschluß nahm er dann einen Schluck Kaffee aus der Feldflasche und zündete sich eine Zigarre an, die zwar recht kräftig auf der Zunge biß, aber immerhin noch etwas nach Tabak roch.

So kam der Abend heran und bald auch die Nacht. Das Geschützfeuer verstummte nicht. Plautsack wußte jetzt Bescheid. Hatte man doch schon beim Regimentsstabe in dem völlig zerstörten Dorfe Saint-Pierre gemunkelt, daß die Engländer und die Franzosen gerade an dieser Stelle Vorbereitungen für eine Offensive größten Stils träfen. Und das Trommelfeuer draußen war eben der Auftakt der kommenden Ereignisse.

Unser Musketier schlief schließlich wieder ein. – Aber auch der neue Tag brachte keine Ruhe da draußen, verging bis gegen die vierte Nachmittagsstunde in derselben Weise: unaufhörliches Geschützfeuer, krachende Geschoßeinschläge in die Schlucht und fortwährendes Erzittern der Höhlendecke, von der bisweilen sogar einzelne Stücke polternd herabfielen.

Genau um vier Uhr schwieg der nervenaufpeitschende Lärm urplötzlich. Nur von deutscher Seite her spien die [14] Feuerschlünde nach wie vor ihre heulenden Grüße gegen den Feind. Aber in der Schlucht war’s jetzt still geworden, so still, daß Plautsack neugierig wieder nach dem Granattrichter hinging, um besser lauschen zu können. Zu seinem nicht geringen Schreck fand er das Luftloch bis auf eine kaum mannsbreite Öffnung vollständig verschüttet. Trotzdem vernahm er jetzt deutlich immer mehr anschwellendes Gewehrfeuer, in das sich das Rattern von Maschinengewehren, dumpfes Schreien und die blaffenden Knalle explodierender Handgranaten mischten.

Ein feindlicher Angriff …! – Darüber konnte kein Zweifel bestehen! – Und er – er war hier acht Meter unter der Erde eingesperrt, er konnte nicht helfen, den Franzmann mit blutigen Köpfen heimzuschicken …! – Die Aufregung, die Spannung riß an allen Nervensträngen des kleinen, dicken Mannes. – Wie mochte es den Kameraden ergehen, die nun fast zwei Tage dem höllischen Artilleriefeuer ausgesetzt gewesen waren …?! – Und wieder dachte er an den blondbärtigen, gutmütigen Freund, von dessen Seite ihn das Schicksal so plötzlich fortgerissen hatte …

Da – abermals begann die feindliche Artillerie mit dem wahnwitzigen Trommelfeuer. Aber jetzt schien sie es mehr auf die rückwärtigen Zugangswege zur vorderen deutschen Linie abgesehen zu haben, um ein Heranführen von Verstärkungen unmöglich zu machen. Wie Schloßen eines riesigen Hagelschauers fegten Granaten und Schrapnells über die Schlucht hin, schlugen aber auch bisweilen in diese selbst ein. Jetzt blieb Plautsack jedoch auf seinem Lauscherposten. Wie hätte er es auch hinten in seinem geschützten Winkel aushalten können, wo der Lärm des [15] Kampfes immer deutlicher bis in seine Höhle herabdrang und er aus einzelnen gellenden Schreien, Kommandorufen und den deutlicher werdenden Schüssen entnehmen konnte, daß seine Landsleute langsam zurückgedrängt wurden …! Mit jagenden Pulsen stand er unter der jetzt nur noch schlauchähnlichen Öffnung, den Kopf ständig nach oben gebeugt, daß ihm schon die Nackenmuskeln schmerzten.

So verging eine gute Viertelstunde. Das Gewehrfeuer war wieder abgeflaut. Bisweilen glaubte er nun auch Rufe und Schritte in nächster Nähe zu hören. Und dann – der herabrieselnde Sand wäre ihm beinahe in die Augen gefallen – sah er über sich zwei menschliche Körper, die sich in den nach oben zu sich erweiternden Trichter der geborstenen Granate hineinschmiegten. Gleich darauf eine Stimme, bei deren Klang er förmlich hochfuhr …:

„Lassen Sie mich hier liegen – ich kann nicht mehr weiter …!“

Wie durch ein Sprachrohr drangen die Worte zu Plautsack herab.

Der Sprecher konnte nur Max sein, nur Siegfried Balder!

Und sofort formte er die Hände zur Muschel und brüllte mit Aufbietung aller Kräfte nach oben:

„Hallo – Max! Hier ist …“

Weiter kam er nicht. Unter den Füßen der beiden Feldgrauen war die Erde ins Rutschen gekommen. Erst sauste der eine abwärts, dann der andere, und beide landeten dicht vor dem jetzt ganz glücklich lächelnden Plautsack, der sich schnell bückte und dem Freunde wieder auf die Beine half.

Das war ein Wiedersehen, wie’s unerwarteter kaum [16] sein konnte! – Fragen und Antworten flogen hin und her, und bald wußte man gegenseitig Bescheid, wie dieses unverhoffte Sichfinden zu erklären war.

Die vorderste deutsche Stellung war tatsächlich, nachdem der Angreifer die Gräben völlig durch die furchtbare Artillerievorbereitung eingeebnet hatte, überrannt worden, obwohl die Reste der deutschen Kompagnien den verzweifeltsten Widerstand geleistet hatten. Was der Gefangennahme entging, flüchtete in die zweite Stellung jenseits der Schlucht. Das hatten auch der durch einen Streifschuß am Kopf verwundete Balder und sein Gruppenführer, der kriegsfreiwillige Gefreite Horst Blenkner versucht, waren dann aber, da der blonde Assistent sich nicht mehr vorwärtszuschleppen vermochte, in den Granattrichter gekrochen, um das Verfolgungsfeuer der Franzosen zu vermeiden, die bereits bis an den westlichen Rand der Schlucht vorgedrungen waren, dort aber in Schach gehalten wurden und sich einzugraben begannen.

Mit ehrlichem Erstaunen hörte Plautsack zu, wie der schmale, kaum dem Knabenalter entwachsene Gefreite, den bereits das Band des eisernen Kreuzes schmückte, über[2] den Verlauf des Kampfes mit einer Sachlichkeit und Ruhe berichtete, als handle es sich um die gewöhnlichsten Dinge von der Welt.

Horst Blenkner war in der Tat eben erst achtzehn Jahre geworden und vor vier Monaten direkt von der Schulbank her beim Regiment als Freiwilliger eingetreten, hatte sich an der Front dann sehr bald ausgezeichnet und sollte demnächst zum Unteroffizier befördert werden. Sein ganzes Auftreten verriet eine Sicherheit und eine Zielbewußtheit, [17] wie sie das um beinahe zwanzig Jahre ältere Pechvogel-Paar „Max und Moritz“ leider nicht besaß.

Der junge Gefreite dachte denn auch sofort an das Nötigste: an die Reinigung und das Verbinden von Balders Wunde, das er dann beides schnell und geschickt erledigte, indem er in Ermangelung von Wasser einen mit Kognak stark vermengten Rest Tee aus seiner Feldflasche benutzte. Dann wurde für den blonden Assistenten in einer Ecke ein Lager aus Mänteln und Zeltbahnen hergerichtet. Ihre Tornister hatten die beiden glücklich Entronnenen ja gerettet, nur die Gewehre waren ihnen, da sie sie zuletzt im Handgranatenkampf bei Seite legen mußten, verloren gegangen.

Balder fühlte sich recht schwach und fiel bald in einen tiefen Schlaf. Da der Verwundete nun sich selbst überlassen bleiben konnte, unternahmen die beiden anderen Feldgrauen auf Vorschlag des Gefreiten hin eine genaue Besichtigung der Höhle, in der man, wie Blenkner der ganzen Lage nach voraussah, vielleicht einige Tage würde zubringen müssen. Hatten doch die Franzosen jetzt den Westrand der Schlucht besetzt, wo sie sich eiligst zur Verteidigung des gewonnenen Terrains einrichteten, während die nunmehrige vorderste deutsche Stellung ein Stück hinter dem Ostrande, auf dem allmählich ansteigenden Gelände sich befand. Die Schlucht war mithin dem Feuer der Franzosen in ihrer ganzen Ausdehnung ausgesetzt und würde sicherlich auch nachts vom Feinde stets scharf mit Hilfe von Scheinwerfern zur Verhütung eines überraschenden Angriffs beobachtet werden.

Blenkner und der dicke „Moritz“ waren bald mit dem Rundgang durch die Höhle fertig. Ersterer schien etwas [18] enttäuscht, daß er in dem unterirdischen Raum nirgends auch nur die kleinste Wasseransammlung entdeckt hatte. Er erklärte dem aufmerksam lauschenden Plautsack, daß Grotten aus ähnlichem Gestein in Thüringen vielfach vorhanden seien, wo er mit seinen Eltern oft die Ferien verbracht habe. Und in jenen mitteldeutschen Höhlen gebe es überall kleine Wassertümpel, ja sogar ganze Seen, in denen besondere Arten von Fischen, Salamandern und Molchen vorkämen, die sämtlich völlig verkümmerte, in der Dunkelheit freilich auch überflüssige Sehorgane besäßen. Jedenfalls dürfte aber in den anderen Teilen dieser Höhle jenseits der tiefen Spalte Wasser zu finden sein, das sie notwendig sich beschaffen müßten, wenn sie hier eine Weile ihr Leben fristen wollten.

Worauf Plautsack kopfschüttelnd erwiderte, dann würden sie wohl auf einen Trunk verzichten müssen, da der trennende Schlund vollkommen unpassierbar sei, eine Äußerung, auf die der schlanke Gefreite mit dem offenen, heiteren Knabengesicht seinerseits achselzuckend erwiderte, er würde schon über die Spalte hinüberkommen. Zunächst hätten sie freilich wichtigeres zu tun, nämlich die notwendigen Vorbereitungen zu treffen, damit er gleich nach Einbruch der Dunkelheit sich zum Kundschaften in die Schlucht hinaufbegeben könne, wo er auch gleichzeitig etwas Proviant und andere nützliche Dinge, die ihnen ihr Höhlendasein erleichtern könnten, beschaffen wolle.

Der brave, schwerfällige Plautsack sperrte Mund und Ohren vor Erstaunen weit auf. – Wie selbstverständlich dieses junge Kerlchen mit den Gefreitenknöpfen das alles vorbrachte, so, als ob diese Pläne das reine Kinderspiel seien …! – Aber unser behäbiger Musketier hielt den [19] erfahrenen Kameraden trotzdem für keinen windigen Prahlhans – o nein! Er merkte, daß Blenkner sowohl ihm als seinem Freunde Max in allen Dingen weit überlegen war und ordnete sich dem Jüngeren daher auch ohne weiteres unter. –

Blenkner prüfte beim scheidenden Lichte dieses unheilvollen Tages, der so vielen wackeren Feldgrauen das Leben gekostet hatte, sehr genau das Erdreich, das durch die Granattrichter in die Höhle herabgerieselt war. Dann mußte Plautsack mit dem Seitengewehr vom Boden und von den Wänden große Stücke des mürben, weißgrauen Gesteins losbrechen, wobei der Gefreite ihm nach Kräften half. Nach zweistündiger Arbeit hatten sie auch eine genügende Anzahl unregelmäßiger Kalksteine übereinander auf dem lockeren Erdreich der steilen Rutschbahn aufgeschichtet, so daß ein gewandter Mensch nun ganz leicht durch das Loch in der Höhlendecke bis in den eigentlichen Granattrichter hinaufklettern konnte.

Inzwischen war draußen die Dunkelheit hereingebrochen. Auch der blonde „Max“ hatte fürs erste ausgeschlafen und schaute die Gefährten nun aus bedeutend klareren Augen an. Er war völlig fieberfrei, so daß zu hoffen stand, daß der Streifschuß weiter keine bösen Folgen haben werde. Nachdem die drei Feldgrauen dann eine bescheidene Mahlzeit aus den Vorräten ihrer Brotbeutel eingenommen hatten, brach Blenkner nach kurzem Abschied auf. Während seiner Abwesenheit sollte der dicke Musketier unterhalb des Höhlenzugangs für alle Fälle Wache halten. – Darüber, was er eigentlich vorhatte, besonders woher er den Proviant und die nebenbei noch erwähnten nützlichen Gegenstände hernehmen wolle, ließ der [20] schlanke Gefreite sich nicht weiter aus, wie er überhaupt mehr für Taten als für Worte war.

Plautsack sah die Gestalt des jungen Kameraden mit recht gemischten Gefühlen oben in der Dunkelheit verschwinden. Die Öffnung zeichnete sich gegen den sternenklaren Himmel als ein runder, blaugrauer Fleck ab, den Blenkners Körper für eine Weile fast völlig verdeckt hatte. Nun war nur noch eines seiner Beine oben wie ein schwarzer Strich zu sehen, nun hörte auch das Nachfallen des losen Erdreichs auf. Der Gefreite hatte also die Sohle der Schlucht glücklich erreicht. – Ob er aber auch von seinem gefährlichen Gange ebenso wohlbehalten wiederkehren würde …?! – Plautsack hatte in dieser Beziehung recht ernste Bedenken. Und unwillkürlich blickte er zu den Sternen empor, über denen ein gütiger, gerechter Schöpfer thronte, der schon dafür sorgen würde, daß der kleine Kamerad keiner französischen Kugel zum Opfer fiel.

Der Schlachtenlärm war inzwischen fast vollkommen verstummt. Nur hin und wieder dröhnte ein einzelner Kanonenschuß in der Ferne, oder knatterten ein paar Gewehre. Es schien, als ab die Gegner nach dem furchtbaren Ringen der letzten Stunden erst wieder Kräfte zu neuer Vernichtungsarbeit sammeln müßten. –

Plautsack wurde die Zeit bald lang. Er hatte sich auf den Boden der Höhle gesetzt und verfiel schließlich in eine Art Halbschlaf, der infolge der ungewohnten Aufregungen fast einer Betäubung glich.

Dann fuhr er plötzlich empor, schlug wild mit den Armen in der Schlaftrunkenheit um sich. Irgend etwas hatte sein Gesicht recht unsanft berührt, – etwas Hartes, Spitzes, und auch seine zur Abwehr umherfuchtelnden [21] Fäuste trafen nun gegen einen Gegenstand, so daß er schnell vollends munter wurde. Für einen Augenblick ließ er das Licht seiner Taschenlampe aufblitzen und beleuchtete nun ein zu seinen Füßen liegendes Bündel, das mit einem Stahldraht zusammengebunden war.

Allmählich dämmerte ihm dann die richtige Erkenntnis auf. Natürlich – der Gefreite hatte dieses Bündel von oben heruntergelassen. – Und nun vernahm er auch Blenkners leise Stimme, der ihm zurief:

„Du, Kamerad, mach’ den Draht los. Ich habe noch mehr hier, was ich Dir auf diese Weise hinunterschicken möchte.“ –

Zehn Minuten später war der Gefreite dann auch in eigener Person wohlbehalten wieder in der Höhle angelangt, wo Plautsack ihn mit ehrlicher Freude begrüßte.

„Leise – leise!“ warnte Blenkner jedoch. „Die Sache da draußen ist keineswegs geheuer. Französische Horchposten liegen dicht am Ostabhange der Schlucht. Zum Glück passen die Kerle nur nach vorn hin auf. Sonst wäre es mir kaum gelungen, all diesen Kram da zusammenzutragen.“

Nachher, als die sämtlichen von dem Gefreiten erbeuteten Gegenstände neben dem Lager Siegfried Balders aufgeschichtet waren, meinte Blenkner lachend:

„So, Plautsack, nun kannst Du Deine Lampe ruhige eingeschaltet lassen, damit wir unsere Schätze eingehend mustern können. – Woher ich das alles habe? – Ja, – die eisernen Portionen stammen aus den Tornistern und den Brotbeuteln von gefallenen Kameraden, von denen in der Schlucht leider nur zu viele ihren letzten Seufzer ausgehaucht haben. Auch sonst habe ich zugesehen, was [22] wohl das Mitnehmen verlohnte. Da – manches ist darunter, was uns recht gute Dienste leisten wird. So die Zeltbahnen, die gerollten Mäntel und all der Kleinkram, den ich in die eine Zeltbahn dort eingewickelt habe. – Hm – woher die beiden Acetylenlaternen stammen, die beiden Pistolen, und der kleine Vorrat an Karbid, die Holzstücke und der Draht …?! – Na – ratet mal! – Wie, Ihr kommt nicht darauf? – Und dabei ist die Lösung doch so sehr einfach! –: von den beiden abgestürzten französischen Flugzeugen natürlich, deren Trümmer mitten in der Schlucht liegen.“

Plautsack und der blonde Postassistent konnten nur immer wieder staunend die Köpfe schütteln. Wie kaltblütig Blenkner davon erzählte, daß er draußen von Leiche zu Leiche gekrochen sei und daß er mit unendlicher Geduld beim unsicheren Sternenschein aus den Trümmerhaufen der Flugzeuge das geborgen habe, was ihm des Fortschaffens wert erschien. Dabei fehlte seinem Bericht jede Spur von Großsprecherei. Und Balder gab nachher nur seiner und seines dicken Freundes ehrlichen Überzeugung Ausdruck, als er sagte: „Kamerad – was wäre wohl ohne Dich hier unten aus uns beiden ungeschickten und unpraktischen Menschen geworden …! Man sieht – was nützen einem die Lebenserfahrungen vieler Jahre, wenn man sie nicht anzuwenden weiß …! Du hast sofort das Richtige herausgefunden und zu unserem Besten mit eigener Lebensgefahr durchgeführt …!“

Blenkner lächelte schon wieder ganz sorglos, wehrte diese seiner Ansicht nach viel zu überschwengliche Anerkennung bescheiden ab und erklärte dann, er wolle diese Nacht noch zu einem zweiten Ausflug in die Schlucht benutzen. [23] – „Wer weiß, ob die Verhältnisse morgen für mein Vorhaben so günstig sind wie jetzt“, sagte er in seiner bestimmten Art.

Tatsächlich brach er dann gegen ein Uhr nachts abermals auf. Wieder mußte Plautsack unterhalb der Öffnung aufpassen, um die Bündel in Empfang zu nehmen. Alles schien auch wieder ohne ernsten Zwischenfall abgehen zu wollen. Schon hatte der Gefreite vier Pakete der verschiedensten Sachen an einem Spanndraht eines der Flugzeuge hinabgelassen, als der dicke Musketier oben in der Schlucht lautes Laufen hörte, gleich darauf Schüsse und wütendes Geschrei.

Es war, als ob dieser Lärm plötzlich das Zeichen zur Wiederaufnahme des erbitterten Kampfes an dieser Stelle der Front gegeben habe. Artillerie-, Gewehr- und Maschinengewehrfeuer schwoll in wenigen Minuten zu äußerster Heftigkeit an. Granaten, jetzt aber deutsche, schlugen in die Schlucht ein. Wieder erzitterte und gähnte die Höhlendecke unter den Explosionen der schweren Geschosse, wieder hatte der dicke Musketier den Eindruck, als sei da oben der jüngste Tag mit allen Schrecken des Weltgerichts angebrochen. Wie versteinert stand Plautsack da und stierte zu dem Stückchen Nachthimmel empor, das durch das Loch sichtbar war. – Armer Blenkner, armer wackerer Junge, dachte er, so hat Dein Wagemut Dich doch das Leben oder zum mindesten die Freiheit gekostet!

Aber dieses Bedauern war verfrüht. Mit einem Mal tauchten über dem ängstlich Harrenden zwei Beine auf, denen zugleich mit einer Masse herabpolternder Erde Blenkners schlanker Körper folgte.

„Da bin ich wieder“, meinte der Gefreite, sich den [24] Sand aus dem rechten Ärmel schüttelnd. Dieses Mal wär’s beinahe vorbeigeglückt – beinahe! Einer der Horchposten wurde aufmerksam, als ich ein Stück Holz von einem der zersplitterten Propeller abzureißen versuchte. Na – die Hauptsache bleibt: sie haben mich nicht erwischt, und …“

Weiter kam er nicht. Eine wahre Flut von Erdschollen prasselte plötzlich durch den Trichter herab, so daß die beiden Feldgrauen kaum schnell genug bei Seite springen konnten. Als sie dann nachher wieder vortraten und den bisherigen Zugang zu ihrem Schlupfwinkel suchten, stellten sie fest, daß das Loch durch eine dicht daneben eingeschlagene Granate wieder zugeschüttet worden war.

„Schadet nichts!“ meinte Blenkner. „Dann sind wir wenigstens davor sicher, daß die Franzosen uns hier nicht aufstöbern.“ –

Beim Scheine einer der leidlich unversehrten Acetylenlaternen wurden die neuen Bündel nach dem vorläufigen Lagerplatz gebracht. Dann bereiteten sich auch Blenkner und der dicke Moritz aus Mänteln und Zeltbahnen ein Lager und schliefen sehr bald ein. – –

Drei Tage waren verflossen. Das Höhlendasein begann für unsere drei Feldgrauen schon recht eintönig zu werden und hatte längst den Reiz des Außergewöhnlichen eingebüßt. Der blonde „Max“ ging zwar mit Riesenschritten unter der treuen Pflege der Kameraden seiner Genesung entgegen, litt aber ebenso wie seine Gefährten unter dem Aufenthalt in der beständigen Finsternis und unter der erzwungenen Untätigkeit, da man mit den vorhandenen Beleuchtungsmitteln sehr sparsam umgehen und zumeist im Dunkeln sitzen mußte.

[25] Am vierten Tage, als draußen der Lärm des Kampfes einige Stunden vollständig schwieg, beschloß Blenkner daher, in der kommenden Nacht den Versuch zu wagen, sich mit den Gefährten bis zu den deutschen Linien durchzuschleichen. Ob es Nacht oder Tag war, konnten die in der Höhle eingeschlossenen freilich nur durch ihre Uhren feststellen, die sie nie aufzuziehen vergaßen, um nicht jeden Anhalt für eine Zeitberechnung zu verlieren.

Nachmittags gegen sechs begaben die drei sich zu der jetzt mit Erde völlig verstopften Öffnung und wollten gerade vorsichtig damit beginnen, sich einen Ausweg ins Freie zu bahnen, als draußen abermals eine sehr lebhafte Beschießung der Schlucht und zwar offenbar von deutscher Seite her mit den schwersten Kalibern begann. An den gewaltigen Detonationen der krepierenden Granaten und den Erschütterungen der Höhlendecke merkte man, daß das Artilleriefeuer hauptsächlich auf den Westrand der Schlucht gerichtet war. Blenkner hielt es daher für ratsam, vorläufig die Arbeit zur Freilegung des Ausganges zu verschieben. Kaum hatten die Gefährten ihren Lagerplatz wieder aufgesucht, als zwei Geschosse fraglos allergrößten Kalibers dicht neben dem ersten Granattrichter die überlagernden Erdschichten durchschlugen, explodierten und die Höhlendecke von Wand zu Wand unter einem furchtbaren Krach zum Einsturz brachten. Halb betäubt saßen die drei Feldgrauen eine Weile da. Dichter Staub erfüllte die Luft, und große Stücke des Gesteins waren wie Projektile bis in die entferntesten Ecken geschleudert worden.

Nachdem Blenkner als erster sich von dem gewaltigen Schreck erholt hatte, zündete er eine der Acetylenlampen an und besichtigte schnell die Einsturzstelle. Zu seinem [26] nicht geringen Entsetzen sah er, daß die beiden Artillerietreffer ihnen jetzt jeden Ausgang nach der Oberwelt vollständig versperrt hatten. Mit den ihnen als Grabwerkzeuge lediglich zur Verfügung stehenden Seitengewehren war es unmöglich, sich einen Weg durch diese Erd- und Felsmassen zu bahnen.

Als der Gefreite dies seinen beiden Kameraden mitteilte, sagte Plautsack mutlos. „Dann sitzen wir hier also wirklich jetzt wie Mäuse in der Falle und sind dem Hungertode preisgegeben!“ – Auch der blonde Assistent verfiel in einen Zustand dumpfer Verzweiflung, aus dem Blenkner ihn erst durch die Bemerkung wachrüttelte, daß noch lange nicht jede Hoffnung geschwunden sei, da er bestimmt annehme, daß die Höhle nach Westen zu eine beträchtliche Ausdehnung und sicherlich irgendwo eine Verbindung mit der Außenwelt habe, was schon daraus hervorgehe, daß die Luft hier unten so verhältnismäßig rein sei. –

Bisher war es den Gefährten nicht gelungen, die breite und tiefe Spalte, neben der sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, zu überwinden. Freilich hatte Blenkner es auch nur bei einem Versuche bewenden lassen, da er hierzu Beleuchtung brauchte und er diese sparen wollte. Nun aber zwangen ihn die veränderten Umstände dazu, mit allen Mitteln die Überquerung der Kluft zu betreiben. – Diese war etwa fünf Meter, stellenweise auch bis zu acht Meter breit, zog sich, wie schon erwähnt, von Wand zu Wand und erstreckte sich an beiden Seiten als tiefer Schlund noch weit in die Gesteinsmassen hinein. Umsonst zerbrach Blenkner sich jetzt den Kopf, wie man auf die andere Seite der Spalte hinübergelangen könne. Der [27] erste Versuch, mit Hilfe der Spanndrähte der Flugmaschinen, die, zu einem Drahttau vereinigt, mit der an einem Ende angebrachten Schlinge um einen Höcker des jenseitigen Höhlenbodens geworfen werden sollten, war wie gesagt mißlungen. Schließlich entschloß sich der gewandte Gefreite dann, als er kein anderes Mittel fand, zu einem tollkühnen Versuch: er wollte mit einem Anlauf den Schlund überspringen …! – Balder und Plautsack rieten zwar entschieden hiervon ab; Blenkner jedoch ließ sich nicht mehr umstimmen.

„Wir dürfen auf keinen Fall hier tatenlos dasitzen“, erklärte er. „Jede Stunde Zeitverlust bringt uns dem Tode näher. Darüber müssen wir uns klar sein. Jetzt sind wir noch gut bei Kräften. Das muß ausgenutzt werden. Die Rettung winkt uns nur da drüben.“

Sofort begann er nun auch mit den Vorbereitungen für dieses Wagnis, das ihm nur zu leicht das Leben kosten konnte. Er entledigte sich seiner schweren Stiefel, suchte an der schmalsten Stelle eine ebene Fläche zum Absprung aus, gab Balder und Plautsack je eine der Acetylenlaternen in die Hand, damit er genügend Licht hatte, prüfte mit den Augen genau den gegenüberliegenden Rand des Schlundes und schnellte sich endlich ohne langes Zögern nach kurzem Anlauf über die gefährliche Tiefe hinweg, um drüben tatsächlich glücklich zu landen. Jedenfalls war die Angst des Freundespaares Max und Moritz gänzlich überflüssig gewesen. – Der kühne Springer ließ sich nun von Plautsack das eine Ende des auf seine Festigkeit vorher sorgfältig geprüften Drahttaues herüberwerfen und befestigte es nach kurzer Umschau an einer starken Zacke [28] des Bodengesteins. Das andere Ende war schon vorher in gleicher Weise drüben verankert worden.

Es kostete dem Gefreiten dann recht viel gutes Zureden, bevor der blonde Feldgraue als erster sich dazu entschloß, mit Hilfe dieser schwankenden Verbindung über die Spalte hinüberzuturnen. Ihm folgte schließlich auch der dicke Plautsack, der die fürchterlichsten Grimassen schnitt, als er, mit beiden Händen das Tau umspannend, über dem Abgrund hing. –

Genau abends neun Uhr traten die drei Gefährten die Wanderung durch die ihnen nunmehr zugänglich gewordenen weiteren Räume der Höhle von Saint-Pierre an, wie Blenkner diese nach dem nahen Dorfe getauft hatte. Ziemlich steil ging es zunächst gut hundert Meter über rissigen Fels abwärts. Dann verbreiterte die bisher vielleicht vierzig Schritt breite Grotte sich plötzlich zu einem weiten Gewölbe von ganz ungleichmäßiger Höhe, dessen Boden sich nach der Mitte zu senkte und eine mit Wasser gefüllte, große Mulde bildete. Die Luft war auch hier recht gut und sogar weniger kellerfeucht als in dem oberen Teile, in dem die Feldgrauen bisher gehaust hatten.

Dieser riesige, unterirdische Dom mit seiner phantastischen Deckenform und den überall umhergestreuten, zum Teil recht wunderbar gestalteten Gesteinsbrocken hatte nach Westen zu zwei weitere Ausgänge, von denen der eine jedoch sehr bald vor einem Schacht von solcher Breite mündete, daß das Laternenlicht nicht hinreichte, um die gegenüberliegende Seite erkennen zu lassen. Der andere tunnelähnliche Gang stieg dagegen langsam an, zog sich, sehr verschieden breit, gut hundert Meter in stets westlicher [29] Richtung unter der Erde entlang und endete schließlich in einer geräumigen, quadratischen Halle, deren Wände nicht etwa aus dem bisherigen grauweißen Kalkgestein, sondern aus jenen Ziegeln ausgeführt[3] waren, wie man sie überall in Frankreich bei den uralten Bauten der römischen Legionen verwendet findet, so besonders bei den Wachttürmen, die der große Eroberer Julius Caesar überall in dem eroberten Lande der Gallier errichten ließ.

Dieses unterirdische, ausgemauerte Gelaß war nicht etwa leer, sondern enthielt außer einem rohen Steinherde in der einen Ecke noch verschiedene, aus dicken, nachgedunkelten Eichenbrettern gezimmerte Verschläge, deren Türen allerdings längst aus den von Rost völlig zerfressenen Angeln herausgefallen waren. Außerdem gab es hier aber auch an der Rückwand eine zum Teil schon eingestürzte Steintreppe, die durch ein viereckiges Loch in der Decke hindurchführte.

Mit leicht erklärlicher Spannung klomm Blenkner die Stufen empor, gefolgt von den beiden Kameraden, die ihm gern überall den Vortritt ließen. Aber des Gefreiten Hoffnung, von hier aus vielleicht irgendwie ins Freie gelangen zu können, erfüllte sich nicht. Das obere Gemach war größtenteils mit Schuttmassen ausgefüllt, und nirgends ließ sich etwas wie eine Öffnung oder dergleichen erkennen, die die Oberwelt mit diesen Gelassen verband, von denen Blenkner mit Recht annahm, daß sie die untersten Kellergewölbe eines alten, längst eingestürzten und wahrscheinlich von Erdreich schon wieder bedeckten römischen Wachtturmes darstellten.

Enttäuscht wollten die Gefährten wieder kehrtmachen, als von oben her mehrere dumpfe Detonationen bis zu [30] ihnen herabdrangen, ohne Frage Geschützdonner, der nur von französischer Artillerie herrühren konnte. Mithin befand man sich zweifellos in nächster Nähe einer feindlichen Batterie, war von dieser und der Oberwelt aber durch eine Erd- oder Mauerschuttschicht von unbekannter Dicke getrennt. Blenkner schloß jedoch aus dem nur wenig deutlichen Knall der einzelnen Schüsse, daß diese Schicht recht stark sein müsse, so daß keine Aussicht bestand, sich etwa durch sie hindurchzuarbeiten. –

Nachdem man so das Höhlengebiet in seiner ganzem Ausdehnung durchforscht hatte, wurden noch die Holzverschläge in dem untersten Kellerraum in Augenschein genommen. Dort fanden die drei Kameraden außer einer Menge altrömischer, sehr gut erhaltener Waffen, unter denen auch starke Bogen nebst Pfeilen vertreten waren, allerlei altertümliches Hausgerät, das sicherlich einst von den Legionssoldaten der Turmbesatzung benutzt worden war, – so mehrere Kochtöpfe aus gebranntem Ton, Gefäße der verschiedensten Form, eine Getreidemühle mit Kurbelantrieb und manches andere, was Blenkner zu der Bemerkung veranlaßte, es sei doch sehr schade, daß man für diese beinahe vollständige Kücheneinrichtung nicht auch die nötigen Lebensmittel zum Zubereiten besitze. – Plautsack seufzte daraufhin sehr vernehmlich, fragte dann aber doch zaghaft, ob nicht vielleicht in dem unterirdischen kleinen See Fische vorhanden sein könnten, die ein schmackhaftes, warmes Gericht liefern würden.

Dieser Gedanke wurde von dem Gefreiten sofort mit Eifer aufgenommen. Er ordnete denn auch an, daß einiges von den Geräten mit nach der großen Halle genommen wurde, in der man sich fürs erste wohnlich einrichten [31] wollte. Auf dem Rückwege dorthin besprachen die Gefährten nochmals eingehend ihre Lage, wobei der stets zuversichtliche Blenkner das Freundespaar Max und Moritz durch den Hinweis in bessere Stimmung zu versetzen suchte, daß vielleicht eine neue Granate ihnen auch wieder einen Ausweg in die Schlucht bahnen würde. Vorläufig müsse man allerdings zusehen, wie man hier unten sein Leben fristen könne.

In das mächtige Mittelgewölbe der Höhle zurückgekehrt, suchte man zunächst einen Lagerplatz aus. Dieser wurde in Gestalt einer von drei großen Gesteinsblöcken gebildeten, dicht am Ufer des Teiches gelegenen kleinen Grotte gefunden, neben der dann auch ein Vorratsraum angelegt wurde, in den man noch in derselben Nacht sämtliche Gegenstände von der ersten Lagerstelle herüberschaffte. Mittlerweile war es drei Uhr morgens geworden, so daß die Gefährten sich nunmehr in ihrer neuen Behausung zur wohlverdienten Ruhe niederlegten.

Als erster wachte der dicke, stets hungrige Plautsack wieder auf, schaltete seine Taschenlampe ein und schaute nach der Uhr. Sie zeigte auf zehn. Mithin war es draußen schon längst heller Tag. Leise erhob der kleine Musketier sich, um die noch fest schlafenden Gefährten nicht aufzuwecken, nahm eine der Acetylenlaternen und begab sich an das Ufer des kleinen Sees, um nach Fischen auszuspähen. Das Wasser war durchsichtig klar, kühl und schmeckte sehr weich, – etwa wie Regenwasser. Der Boden der vielleicht dreihundert Meter im Durchmesser großen Wasseransammlung senkte sich allmählich nach der Mitte zu, war zumeist eben und hier und da mit einem Überzuge von langen, faserigen Pflanzen bedeckt, den sogenannten [32] Grottenalgen, die mit zu der spärlichen Höhlenflora, die die Wissenschaft bisher kennt, gehören. Hin und her huschende dunkle Schatten belehrten Plautsack dann bald, daß der unterirdische See tatsächlich Fische enthielt. Und diese Entdeckung gab dem auf ein warmes Gericht geradezu erpichten Berliner einen guten Gedanken ein. Unter den aus dem Kellerraum des alten Wachtturmes mitgebrachten Geräten befand sich auch ein mit starkem Kupferdraht kunstvoll umsponnenes Trinkgefäß. Aus diesem Kupferdraht fertigte Plautsack sich einen Angelhaken. Und nach einer knappen Viertelstunde befand er sich schon im Besitz einer primitiven Angel, für die er als Köder Kommißbrotrinde und als Stock die zusammengebundenen Stücke der Tragflächenverstrebungen, die Blenkner von seinen waghalsigen Ausflügen in die Schlucht mitgebracht hatte, benutzte.

Als der Gefreite und der blonde Assistent eine Stunde später erwachten, waren sie nicht wenig erstaunt, den dicken, sonst so bequemen Kameraden schon munter zu finden. Außerordentlich erfreute sie dann aber der reiche Fang des glücklichen Anglers, der inzwischen etwa zwölf hellfarbige, an Gestalt dem Karpfen gleichende Fische aus dem feuchten Element herausgeholt hatte.

Dieser Höhlenfisch wird bis zu fünfzig Zentimeter lang, besitzt verkümmerte, mit einer feinen Haut überzogene und daher zum Sehen unbrauchbare Augen und ist durchaus genießbar. Hiervon überzeugten die drei Kameraden sich auch sofort, indem sie einige der Fische kochten. Das nötige Holz lieferten die Propellerstücke, auch die Eichenholzverschläge des Turmkellers, die man mit Hilfe eines unter den Waffen vorhandenen Wurfbeiles [33] auseinanderschlug. Jedenfalls trug diese Tatsache, daß man jetzt sowohl Brennmaterial als auch Trinkwasser und besonders den offenbar recht fischreichen See besaß, nicht wenig dazu bei, die Gefährten mit frischem Mute zu erfüllen.

In den nächsten Tagen gab es allerlei notwendige Arbeiten zu erledigen, so daß die Kameraden kaum Zeit zum nachgrübeln über ihre ungewöhnliche Lage hatten. So wurden die sämtlichen Holzverschläge abgebrochen und die so gewonnenen Eichenbretter neben der Behausung aufgeschichtet. Dann wieder mußte Balder mit einem eigens hierzu hergestellten Instrument von dem Boden des Sees soviel Algen losreißen, als er der zunehmenden Wassertiefe wegen erreichen konnte. Die Algen wurden zum Trocknen am Ufer ausgebreitet und später sowohl als Polster für die Lagerstätten als auch zu Fackeln benutzt, indem man sie mit dem Tran benetzte, den der erfinderische Gefreite aus den Fischlebern, die sorgfältig gesammelt wurden, auskochte. Nebenbei versäumte man nicht täglich mindestens zwei Mal nach dem östlichen, schmalen Teil der Höhle unterhalb der Schlucht zu wandern, um nachzusehen, ob dort irgend welche Veränderungen eingetreten seien. Aber leider waren diese Ausflüge ganz ergebnislos. Die Kampftätigkeit schien an dieser Stelle der Front erheblich nachgelassen zu haben. Später erfuhren unsere drei Feldgrauen denn auch, daß die Franzosen und Engländer tatsächlich ihre Hauptangriffe weiter südlich in die Somme-Gegend verlegt hatten.

So verging eine Woche. Im ganzen waren die drei Gefährten nun bereits zwölf Tage in der Höhle eingeschlossen. [34] An die seltsamen Lebensbedingungen hier unten in tiefster Finsternis hatten sie sich mittlerweile völlig gewöhnt. Trotzdem dachten sie jede Stunde daran, ob es nicht für sie eine Möglichkeit gebe, ihr weites Gefängnis zu verlassen. Blenkner untersuchte zu diesem Zweck noch verschiedentlich die Turmgelasse, mußte sich aber stets aufs neue sagen, daß man sich von hier aus keinen Ausweg an die Oberfläche bahnen könnte.

Nur zu bald begann die Langeweile ihren unheilvollen Einfluß besonders auf die weniger widerstandsfähigen Naturen Balders und Plautsacks geltend zu machen. Hierzu kam noch, daß das Dasein in beständiger Dunkelheit – denn Beleuchtung durfte man sich stets nur ein paar Stunden am Tage leisten – sehr niederdrückend wirkte. Jedenfalls hatte der Gefreite, der alle Widerwärtigkeiten mit größtem Gleichmut und mit stets derselben guten Laune ertrug, es mit „Max und Moritz“ nicht leicht. Diese waren oft recht gereizt, nahmen jedes harmlose Wort übel und gerieten sogar untereinander in Zwist, bei dem zuweilen schon heftige Worte fielen.

Die einzige Zerstreuung bildete noch das Angeln. Um diesen Sport auch ohne Licht ausüben zu können, hatte Blenkner das Angelgerät so eingerichtet, daß man die Angelschnur, die oben an der Spitze des Stockes durch einen Ring lief, in der Hand behielt und so an dem Ruck merkte, wenn ein Fisch gebissen hatte. Hierdurch war der Schwimmer überflüssig geworden, den man bisher stets hatte beobachten müssen, wozu immer ein größeres Feuer oder eine der Laternen nötig gewesen war.

Der Fischreichtum des kleinen Sees war wirklich überraschend groß. Eines Tages in der dritten Woche ihrer [35] ungewöhnlichen Gefangenschaft machte dann Plautsack zufällig die überraschende Entdeckung, daß der See von unten her einen Zufluß hatte. Der kleine Berliner, der sehr auf Reinlichkeit hielt, hatte schon einige Male in dem kühlen Wasser gebadet und dabei als guter Taucher auch die Tiefe des Wasserbeckens festzustellen versucht. Bei einem neuen Reinigungsbade fand er dann heraus, daß der Boden des Sees in der Mitte eine breite, unregelmäßig runde Öffnung hatte[4], die offenbar zu einer zweiten, unter der großen Halle gelegenen und völlig mit Wasser angefüllten Höhle hinabführte. Nur so war ja auch die Fischmenge des Teiches zu erklären, die trotz des reichlichen Fanges an jedem Tage nie abnahm. Die Fische ergänzten sich eben ohne Zweifel stets wieder aus dem tiefer gelegenen natürlichen Wasserbehälter.

Der Angelsport gab den Kameraden aber auch Gelegenheit zu allerlei wissenschaftlichen Erörterungen, so über die Frage, ob die Fische einen Geruchssinn besäßen. Blenkner, der recht belesen war, erklärte, daß die Zoologen dies schlangweg verneinen, daß aber doch allerlei Anzeichen dafür sprächen, daß die Fische doch „riechen“ könnten. Er machte die Freunde besonders auf den Umstand aufmerksam, daß die Höhlenfische, die ihnen so zahlreich an die Angel gingen, den Köder nicht sehen könnten, da ihnen brauchbare Sehorgane fehlten. Mithin müßten sie den Haken mit dem Köder auf andere Weise wahrnehmen. Und hier käme nur der Geruchssinn in Betracht, der fraglos bei den Höhlenfischen nach Ausschaltung des Gesichtsinnes doppelt gut ausgebildet sein dürfte, wie dies stets im Tierleben zu beobachten sei, wo eine bestimmte Gattung durch besondere Daseinsbedingungen zur Fortentwicklung [36] eines einzelnen Sinnes gezwungen sei, wie zum Beispiel die Raubvögel hinsichtlich ihrer Sehschärfe, vierfüßige Raubtiere wieder hinsichtlich des Geruchs und Gehörs. –

Nachdem Blenkner bei dieser Gelegenheit erkannt hatte, daß derartige Gespräche wissenschaftlichen Inhalts bei dem Freundespaare lebhafte Teilnahme fanden, berührte er häufiger einen ähnlichen Gegenstand, der zum Meinungsaustausch anregte. Dann aber sorgte er auch in anderer Weise für eine die trüben Gedanken ablenkende Zerstreuung. Es gelang ihm nämlich, eine leidlich hell und sparsam brennende Tranlampe und … eine Art Brettspiel ureigenster Erfindung herzustellen, dessen Spielregeln er mit der Zeit recht verzwickt gestaltete. Er hatte dann auch die Genugtuung, daß Balder und Plautsack bald mit wahrer Leidenschaft sich dieser neuen Zerstreuung hingaben, die daher für eine Weile äußerst wohltuend das eintönige Leben in dem unterirdischen Gefängnis beeinflußte.

Was die Gefährten am meisten vermißten, war die Abwechslung in dem täglichen Speisenzettel. Dieser wies nämlich nur drei Gerichte auf: Höhlenfisch gebraten (in Tran!!), Höhlenfisch gekocht und eine Suppe, die aus Kommißbrotstückchen oder den Zwiebacken der eisernen Ration bestand – und von Tag zu Tag dünner wurde. Alles mußte völlig ungesalzen genossen werden, da dieses Gewürz unseren Feldgrauen vollkommen fehlte. Daß die drei nun schon seit drei Wochen in der dunklen, kühlen Grotte Eingeschlossenen bei dieser Ernährung langsam abmagerten und ihre körperliche und geistige Spannkraft allmählich schwinden fühlten, war nur zu sehr erklärlich.

[37] Der junge Gefreite, der nach wie vor von seinen beiden Gefährten als Anführer anerkannt wurde, blickte denn auch mit rechter Sorge in die Zukunft, zumal die gereizte Stimmung seiner Gefährten selbst durch die neugeschaffene Zerstreuung des Brettspieles nur für kurze Zeit etwas verscheucht wurde. Balder sowohl wie Plautsack gehörten eben zu jenen Durchschnittsnaturen, die, sofern sie durch unvorhergesehene Zwischenfälle aus ihrer gewohnten Ruhe und in andere Lebensbedingungen gebracht werden, sich in all dem Neuen nicht zurechtfinden.

Um die Kameraden bei Laune zu erhalten, schlug Blenkner dann gegen Mitte der vierten Woche, als gerade die Vorräte an Kommißbrot und Zwieback trotz der äußersten Sparsamkeit aufgezehrt waren, dem hierüber ganz verzweifelten Freundespaare vor, die altrömischen Bogen in Ordnung zu bringen und täglich mit ihnen nach einer aus einem Brett bestehenden Scheibe zu schießen. Die Idee fand bei den beiden nur mäßigen Anklang. Trotzdem wurden aber von den vorhandenen neun Hornbogen die brauchbarsten in Stand gesetzt, was auch ohne große Schwierigkeiten gelang. Schon am zweiten Tage bezeigten Balder und Plautsack dann regeres Interesse für diesen Sport, und nach einigen Übungsstunden, bei denen die Scheibe durch seitwärts aufgestellte Algenfackeln erleuchtet wurde, besaßen alle drei bereits eine recht große Fertigkeit im Gebrauch dieser geräuschlosen Waffe, deren lange, mit eisernen Spitzen bewehrte und aus einem steinharten Rohr bestehende Pfeile bis auf sechzig bis siebzig Schritt sich noch tief in die Holzplanke einbohrten.

[38] Zu Beginn der sechsten Woche traten dann zwei Ereignisse ein, die für die Bewohner der Saint-Pierre-Höhle die Quelle großer Sorge und nur zu berechtigter Aufregungen wurden.

Der blonde Postbeamte erkrankte, bekam starkes Fieber und verlor bereits am zweiten Tage das Bewußtsein, lag nun völlig teilnahmlos da und mußte von seinen Kameraden wie ein kleines Kind gepflegt und gewartet werden. Am Abend dieses zweiten Tages nach den ersten Anzeichen von Balders Erkrankung hatte dann der Gefreite eine der Acetylenlaternen mitgenommen und war, um nochmals nach einem Ausgang aus der Grotte zu suchen, in jene Seitenhöhle eingedrungen, die ebenfalls nach Westen zu verlief und sehr bald vor dem breiten, tiefen Schlunde endigte, bis zu dessen anderer Seite nicht einmal die Lichtstrahlen der hellbrennenden Acetylenlampen hinüberreichten. Als Blenkner gerade durch Hineinwerfen von Steinen die Tiefe dieses Abgrundes feststellen wollte, drangen plötzlich Stimmen an sein Ohr, und zwar waren es französische Worte, die er ganz deutlich verstand.

Sofort löschte er seine Laterne aus und duckte sich hinter ein paar Felstrümmern zusammen. Gleich darauf tauchte jenseits des Schlundes auch schon ein blendend weißer Lichtkegel auf, der nur von einem tragbaren elektrischen Scheinwerfer herrühren konnte. Der Gefreite erkannte dann zwei französische Offiziere und vier Soldaten, die drüben hinter einer Biegung der Fortsetzung der Höhle aufgetaucht waren und nun dicht am Rande des Abgrundes in eifriger Unterhaltung haltmachten.

[39] Blenkner verstand jede Silbe des Gesprächs, obwohl die Franzosen mit gedämpfter Stimme redeten und der Schlund gute fünfzig Schritt breit war. Der Schall pflanzte sich aber in dieser Seitengrotte sehr gut fort, und so erfuhr der junge Kriegsfreiwillige denn zu seinem nicht geringen Schrecken, daß die Franzosen die Seitenhöhle bereits vor einigen Tagen entdeckt hatten und jetzt den Abgrund auf irgend eine Weise überwinden wollten, da sie hofften, die Grotte könne sich vielleicht bis hinter die deutschen vordersten Stellungen hinziehen und ihnen die Möglichkeit zu einem Angriff von Rückwärts her bieten.

Jetzt ließ einer der Offiziere drüben ein Seil, an dem ein Stein befestigt war, als Lot in die Tiefe hinab, während gleichzeitig der den Scheinwerfer bedienende Mann dessen Lichtkegel in den Abgrund hinabrichtete.

Der Offizier war von dieser kurzen Untersuchung sehr befriedigt und äußerte zu seinem Kameraden, einem Major, daß der Schlund mit Hilfe von Leitern unschwer zu passieren sei. – Nach einer Weile verschwanden die Franzosen dann wieder, so daß Blenkner nun auch selbst in größter Hast nach dem Lagerplatz zurückeilen konnte, wo er Plautsack das eben erlebte berichtete und hinzufügte, daß es ihre Pflicht sei, den Franzosen, die noch in dieser Nacht wiederkehren wollten, mit allen Mitteln das Überqueren der Schlucht unmöglich zu machen.




[40] Plautsacks matte Lebensgeister wurden durch diese Kunde in geradezu wunderbarer Weise aufgerüttelt. Er versprach dem Gefreiten mit einem Eifer, der völlig echt war, die tatkräftigste Unterstützung und half dann auch aufs beste bei den Vorbereitungen zum Empfang des Feindes. Freilich war man genötigt, den Kranken, der mit geschlossenen Augen dalag und nur noch schwach atmete, vielleicht mehrere Stunden allein zu lassen. Aber hier standen eben höhere Interessen auf dem Spiel, da die weiten Grottenräume, die bis dicht an die deutsche Stellung heranreichten, von Feinde nur zu leicht zu verderblichen Unternehmungen ausgenutzt werden konnten.

Als gegen elf Uhr nachts drüben jenseits des breiten, tiefen Schlundes abermals Stimmen laut wurden und das weiße Licht des Scheinwerfers auftauchte, hockte Blenkner und der dicke Berliner hinter einem Wall von übereinandergehäuften Felsstücken dicht am Rande des Abgrundes, hatten ihre Waffen, – je eine der Pistolen der abgestürzten französischen Flieger, Bogen und Pfeile und handliche Felsbrocken als Wurfgeschosse, neben sich liegen und warteten klopfenden Herzens auf die weitere Entwicklung der Dinge.

Wenige Minuten später standen drüben neun Franzosen auf einem Haufen ziemlich dicht zusammen. Diese Gelegenheit ließen die beiden Verteidiger des wichtigen [41] Überganges nicht unbenutzt. Ein leises Wort der Verständigung, und dann flogen die beiden ersten Pfeile, lautlos von den dicken Darmsehnen fortgeschnellt, durch die Luft und verfehlten auch nicht ihr Ziel, wie zwei wilde Aufschreie beim Feinde verrieten. Pfeil folgte nun auf Pfeil, solange eben die bestürzten Franzosen drüben in ihrer Kopflosigkeit den Scheinwerfer noch eingeschaltet ließen und daher ein gutes Ziel boten.

Dann aber erlosch der weiße Lichtkegel urplötzlich, nachdem allerdings schon vier der Gegner, darunter einer der Offiziere, nicht unbedenklich verwundet worden waren.

Absichtlich hatte der Gefreite den Kameraden angewiesen, die Pistolenschüsse für den äußersten Notfall aufzusparen, da man für jede Schußwaffe nur einige dreißig Patronen besaß. Jedenfalls war der Feind nun fürs erste gezwungen worden, von seinem Vorhaben abzustehen. Tiefe Dunkelheit herrschte wieder in der Seitengrotte. Aber trotz dieser rabenschwarzen Finsternis ging es drüben beim Gegner recht lebhaft zu. Stimmen brüllten durcheinander, in die sich das Stöhnen und Jammern eines offenbar durch einen Pfeil sehr schwer Verletzten mischte, allerlei Befehle erschallten, aber auch Flüche, Drohungen und Verwünschungen gegen die unsichtbaren Verteidiger des Abgrundes. Nach einer Weile wurden für einen Augenblick elektrische Taschenlampen eingeschaltet. Die Franzosen suchten die Verwundeten zurückzutransportieren. – Ein paar leise Worte genügten für Blenkner und Plautsack, um sich zu verständigen. Als abermals ein feiner Lichtkegel auf der Gegenseite aufblitzte, feuerten die beiden Feldgrauen die ersten Pistolenschüsse ab, – freilich [42] nur mit dem Erfolg, daß der Knall sich, durch das Felsgewölbe hundertfach verstärkt, wie ein Donnerschlag weithin fortpflanzte, so daß es schien als solle die Höhlendecke jeden Moment herabstürzen.

Der Gefreite und sein Kamerad waren von diesem trommelfellerschütternden Getöse minutenlang selbst förmlich betäubt und kamen erst wieder recht zur Besinnung, als die Franzosen bereits hinter der ersten Biegung der Grotte Deckung gefunden hatten. Ein heller Lichtschein verriet, daß der Feind noch anwesend war und im Schutze der Felswand drüben auf Vergeltung sann. Bisweilen vernahmen Blenkner und Plautsack auch gedämpfte Stimmen, sahen auch hin und her huschende Schatten von Leuten, die sich vor dem Scheinwerfer bewegten, selbst aber unsichtbar blieben.

So verging reichlich eine Stunde. Dann erlosch drüben an den weißgrauen Felsen der helle Schein. Tiefe Stille, tiefste Dunkelheit. – Blenkner ahnte, daß der Feind jetzt seinerseits zum Angriff übergehen würde.

Und wirklich … Bereits wenige Minuten später hörten die beiden Feldgrauen einen harten Aufschlag dicht vor sich an der Seitenwand des Abgrundes, und wieder ein paar Sekunden nachher erfolgte unten in der Tiefe des Schlundes eine Explosion, deren Widerhall so fürchterlich war, daß Plautsack vor Entsetzen einen lauten Schrei ausstieß.

Auch Blenkner fühlte, wie ihm der kalte Schweiß auf die Stirn trat. Er wußte jetzt, auf welche Weise die Franzosen den Übergang über den Abgrund erzwingen und die Verteidiger vertreiben wollten.

[43] Eine Handgranate war es gewesen, die ein in der Dunkelheit bis zum jenseitigen Rand des Schlundes herangeschlichener Feind geschleudert hatte, – eine Handgranate, der sicherlich sehr bald weitere folgen würden.

Und der Gefreite hatte nur zu richtig vermutet. Kaum hatte sich das wahnwitzige Getöse, dieser bis ins Tausendfache gesteigerte Donner gelegt, als auch schon die zweite Granate krachend auf das Gestein aufschlug, dieses Mal aber etwa zehn Schritt hinter dem Schutzwall, wo sie dann explodierte und die obersten Schichten der als Deckung aufgehäuften Felsbrocken in den Abgrund hineinfegte. Wie durch ein Wunder waren Blenkner und Plautsack unverletzt geblieben. Auch die dritte Handgranate, die mit schwächerem Knall seitwärts von ihnen explodierte, schienen sie glücklich überstanden zu haben, als dem Gefreiten ein stechender Geruch in die Nase drang. Ohne sich auch nur einen Moment zu besinnen schnellte er jetzt hoch, ergriff den Bogen, die ihm noch verbliebenen Pfeile und die Pistole, rief Plautsack ein paar warnende Worte zu und tappte im Dunkeln so schnell wie möglich nach der großen Halle zu davon, gefolgt von dem dicken Berliner, der in der von der Gashandgranate mit giftigen Dämpfen bereits angefüllten Luft kaum noch zu atmen vermochte. Trotzdem erreichten beide glücklich das Lager an dem unterirdischen See, wo Blenkner dann zu seiner großen Freunde feststelle, daß Balder inzwischen in einen wohltuenden Schweiß verfallen war und offenbar jetzt in tiefem, gesundem Schlafe lag.

Nach kurzer Beratung zogen sich die beiden Kameraden unter Mitnahme des Kranken, den sie samt den Zeltbahnen und Mänteln, auf denen er ruhte, tragen mußten, [44] in den östlichen Ausläufer der Höhle zurück, wo sie vor nunmehr fünf Wochen den gefährlichen Übergang mittels des Drahttaues über den dort befindlichen Abgrund bewerkstelligt hatten. Diesen beabsichtigte der Gefreite bis auf das äußerste zu verteidigen, wenn er sich auch sagte, daß man auch hier die Feinde nur für kurze Zeit aufhalten könne und schließlich die Verteidigung dieses letzten Hindernisses mit dem Leben bezahlen würde. – Plautsack, ebenso opferfreudig wie der energische, junge Gefreite, half dann zunächst den kranken Kameraden über den Abgrund hinüberschaffen, was nach vieler Mühe endlich gelang. Balder wurde weit hinten, dort, wo die Höhlendecke in ihrer ganzen Breite eingestürzt war, niedergelegt. Er war jetzt wach und wieder bei klarer Besinnung, aber so geschwächt, daß er kaum einige leise Worte flüstern konnte.

Hierauf richteten Blenkner und Plautsack sich zur Verteidigung ein. Da dieser Teil der Höhle bedeutend niedriger als jener andere westliche Ausläufer war, aus dem die giftigen Gase die beiden Feldgrauen verjagt hatten, außerdem hier auch von der Höhlendecke zahlreiche Felszacken tiefherabreichten, mußte es dem Feinde weit schwerer werden, an dieser Stelle ebenfalls die verderblichen Handgranaten anzuwenden, die wegen der Enge des Raumes kaum sehr weit geschleudert werden konnten.

In atemloser Spannung erwarteten sie nun das Erscheinen des Feindes. Aber dieser kam und kam nicht. Schließlich fiel Blenkner auch der Grund für dieses Zögern der Franzosen ein: der Gegner mußte von einem weiteren Vordringen zunächst so lange Abstand nehmen, bis die [45] Luft in jenem Grottenausläufer wieder einigermaßen von den erstickenden Dämpfen gereinigt war.

Als der Gefreite dann nach einer Stunde sich zu dem Kranken begab, um diesem einen Schluß Wasser zu reichen und nach seinen sonstigen Wünschen zu fragen, machte Balder den fürsorglichen Kameraden auf ein Geräusch aufmerksam, das von dorther hervorzudringen schien, wo die Höhlendecke in ihrer ganzen Ausdehnung unter den Granattreffern eingestürzt war. Nachdem Blenkner dann selbst dem deutlich vernehmbaren Klopfen und Pochen eine Weile gelauscht hatte, gelangte er zu der Überzeugung, daß der dumpfe Lärm aus dem Innern der Erde auf deutsche Pioniere zurückzuführen sei, die einen Minenstollen auf die feindliche Stellung hin vortrieben. Aus der Stärke der Geräusche schloß er auch, daß die arbeitenden Soldaten kaum noch einen Meter von der diesseitigen Grenze der Einsturzstelle entfernt sein konnten, eine Vermutung, die ihn mit frischer Hoffnung belebte.

Und er hatte sich nicht verrechnet. Bereits eine halbe Stunde später begannen ein paar der Felstrümmer der schrägen Schuttwand polternd herabzufallen, und gleich darauf drang durch das eben entstandene Loch ein Lichtstrahl in die Grotte hinein, den Blenkner mit einem unterdrückten Freudenruf begrüßte.

Und wieder nach zehn Minuten stand der Gefreite einem deutschen Pionierunteroffizier gegenüber, der durch die jetzt metergroße Öffnung in die Höhle hineingekrochen war. Mit fliegender Hast verständigte Blenkner den Pionier von dem Eindringen des Feindes in die westlichen Grottenräume. Der Unteroffizier schickte darauf sofort [46] einen seiner Leute ab, um eine Sprengladung herbeiholen zu lassen. Inzwischen wurde Balder vorsichtig durch den sich einige sechzig Meter weit unter der Erde hinziehenden Stollen in die deutsche Stellung geschafft.




Die folgenden Ereignisse konnten Blenkner und Plautsack, denen ihre glückliche Rettung zunächst noch wie ein unwirklicher, schöner Traum vorkam, von dem deutschen Schützengraben jenseits der Schlucht aus beobachten, wo sie von ihren Landsleuten mit ehrlicher Freude begrüßt wurden und dem dort befehligenden Kompagnieführer ganz eingehend ihre seltsamen Erlebnisse berichten mußten.

Die Pioniere hatten schleunigst an der Stelle, wo der östliche Ausläufer der Höhle mit der großen Halle zusammenstieß, eine überaus starke Sprengladung angebracht, um die Grotte in weitem Umfange zu verschütten.

Der elektrische Leitungsdraht führte von der Sprengladung bis in den Schützengraben hinein. Als der Pionierunteroffizier dann den Strom schloß, befanden sich die eingedrungenen Franzosen bereits in der großen Halle.

In der Schlucht stieg urplötzlich eine gewaltige Fontäne von Erdmassen auf. Gleichzeitig drang aus dem Erdinnern [47] ein Rollen und ein Krachen wie von einem starken Erdbeben hervor. Als die Staubmenge sich verzogen hatte, konnte man von deutscher Seite her erst so recht überblicken, welche Zerstörungen in der Schlucht und an dem jenseitigen Abhang angerichtet waren. Tiefe Trichter hatten sich am Boden der Schlucht gebildet, der sich weithin gesenkt hatte. In der westlichen Wand aber klaffte eine breite Erdspalte wie ein neu erstandenes, sich nach Westen zu hinziehendes Quertal. Dort war offenbar ein Teil der Grottendecke der großen Halle mit eingestürzt. Daß die dort befindlichen Feinde der furchtbaren Katastrophe sämtlich zum Opfer gefallen waren, konnte kaum bezweifelt werden.

Ein gleich darauf von den deutschen Gräben aus unternommener Angriff auf die französischen Stellungen am Rande der Schlucht hatte vollen Erfolg, da der durch die gewaltige Sprengung noch völlig kopflose Feind einfach überrannt wurde. – –




[48] Die drei Gefährten, die ein gnädiges Geschick noch im letzten Augenblick vor sicherem Tode bewahrt hatte, erhielten sofort einen längeren Erholungsurlaub, den sie in der Heimat verlebten, wo auch Balder nach kurzem Aufenthalt in einem Etappenlazarett sich schnell erholte.

Die in den[5] Höhlen von Saint-Pierre zugebrachten Wochen blieben jedenfalls das merkwürdigste Feldzugsabenteuer, das unsere drei Feldgrauen während des mörderischen Weltkrieges erlebten.


Ende.



Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.



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