Othello, der Mohr von Venedig

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Autor: William Shakespeare
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Titel: Othello, der Mohr von Venedig
Untertitel: Ein Trauerspiel
aus: Shakespear Theatralische Werke VII., S. 177–403
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1603
Erscheinungsdatum: 1766
Verlag: Orell, Geßner & Comp.
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Erscheinungsort: Zürich
Übersetzer: Christoph Martin Wieland
Originaltitel: The Tragœdy of Othello, the Moor of Venice
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: HAAB Weimar und Commons
Kurzbeschreibung:
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Text

[177]
Othello,
der
Mohr von Venedig.


Ein
Trauerspiel.


[178]

Personen.

Der Herzog von Venedig.
Brabantio, ein Edler Venetianer.
Gratiano, dessen Bruder.
Lodovico, derselben Neffe.
Othello, der Mohr, Venetianischer General in Cypern.
Cassio, sein General-Lieutenant.
Jago, Fähndrich des Othello.
Rodrigo, ein einfältiger Junker, in Desdemona verliebt.
Montano, des Mohren Vorfahrer im Commando zu Cypern.
Hans Wurst, des Mohren Diener.
Ein Herold.
Desdemona, des Brabantio Tochter.
Emilia, Jago’s Weib.
Bianca, eine Courtisane, Cassio’s Liebste.
Officiers, verschiedene Cavaliers, Abgeordnete, Musicanten, Matrosen, und Bediente.

Der Schau-Plaz ist im ersten Aufzug in Venedig; und durch das ganze übrige Stük in Cypern.


[179]
Der
Mohr von Venedig.
Erster Aufzug.
Erste Scene.
(Eine Strasse in Venedig.)
Rodrigo und Jago treten auf.

Rodrigo.

Stille, sage mir nichts mehr davon, ich nehm’ es sehr übel, daß du, Jago, der du mit meinem Beutel schalten und walten durftest, als ob er dein eigen gewesen wäre, Nachricht von diesem – –

[180] Jago.

Ihr wollt mich ja nicht anhören: Wenn ich jemals von so was nur geträumt habe, so seht mich als ein Scheusal an.

Rodrigo.

Du sagtest mir, du trügest einen unversöhnlichen Haß gegen ihn.

Jago.

Speyt mir ins Gesicht, wenn’s nicht so ist. Drey grosse Männer in dieser Stadt zogen, in eigner Person, die Müzen bis auf den Boden vor ihm ab, daß er mich zu seinem Lieutenant machen möchte: Und, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich kenne mich, ich weiß, daß ich keinen schlechtern Plaz werth bin. Aber er, dessen hochmüthiger Eigensinn andre Absichten hatte, entwischte ihnen mit einem Galimathias von Umständen, und rauhtönenden Kriegs-Kunst-Wörtern; und das Ende vom Liede war, daß er meine Gönner mit einer langen Nase abziehen ließ. Es ist mir leid, sagt er, aber ihr kommt zu spät; ich habe mir meinen Lieutenant schon ausersehen. Und wer ist denn der? Ein gewisser Michel Cassio, ein Bursche, der noch keinen Feldzug gethan hat, der von Anordnung eines Treffens gerade so viel versteht als eine Woll-Spinnerin – – nichts als was er aus Büchern gelernt, blosse Theorie, wovon unsre ehrsamen, friedliebenden Senatoren eben so gelehrt sprechen können als er; blosses Gewäsche, ohne Erfahrung – – Das ist alles, was er vom Krieg versteht – – Der hatte den [181] Vorzug; und ich, von dem seine Augen in Rhodis, in Cypern, und in so vielen andern Orten, auf Christlichem und Heidnischem Boden, die Proben gesehen haben; ich muß mich mit Complimenten und Versprechungen abspeisen lassen – – ich bin euer Schuldner, mein Herr, habt Geduld, wir wollen schon Gelegenheit finden, mit einander abzurechnen, und dergleichen – – Kurz, er muß nun sein Lieutenant seyn, und ich, Dank sey den Göttern! seiner Mohrischen Excellenz demüthiger Fahnen-Junker.

Rodrigo.

Beym Himmel, ich wollte lieber sein Profos seyn.

Jago.

Dafür ist nun kein Kraut gewachsen – – Es geht im Dienste nicht anders; Befördrung geht heutigs Tags nach Gunst und Empfehlungs-Schreiben, und nicht nach der Zeit, die man im Dienste gewesen ist, wie vor Zeiten, da der zweyte allemal den erstern erbte. Nun, mein Herr, mach’ ich euch selbst zum Richter, ob ich mit einigem Schein der Wahrheit beschuldiget werden kan, daß ich den Mohren liebe.

Rodrigo.

Ich möchte nicht gerne haben, daß du ihn begleitest.

Jago.

O mein Herr, das laßt euch keine Sorge machen; ich begleite ihn, um mir selbst auf seine Unkosten Dienste zu [182] thun. Wir können nicht alle Befehlhaber seyn, und nicht alle Befehlhaber können getreue Diener haben. Ihr werdet in der Welt manchen Dienst-ergebenen, knie-biegenden Schurken sehen, der unter einer vieljährigen treu-eyfrigen Dienstbarkeit endlich so grau wird wie seines Herrn Esel, ohne etwas anders davon zu haben, als daß er gefüttert, und wenn er alt ist gar abgedankt wird? Peitscht mir solche gutherzige Schurken – – Dagegen giebt es andre, die zwar ihr Gesicht meisterlich in pflichtschuldige Falten zu legen wissen, aber ihr Herz hingegen vor aller fremden Zuneigung rein bewahren; die ihren Herren nichts als den äusserlichen Schein der Ergebenheit und eines erdichteten Eifers zeigen, aber eben dadurch ihre Sachen am besten machen, und wenn sie ihre Pfeiffen geschnitten haben, davon gehen, und ihre eigne Herren sind. Das sind noch Leute die einigen Verstand haben, und ich habe die Ehre einer von ihnen zu seyn. Es ist so gewiß als ihr Rodrigo seyd; wär’ ich der Mohr, so möcht ich nicht Jago seyn: izt dien ich, das wissen die Götter! bloß um mir selbst zu dienen, und nicht aus Ergebenheit und Liebe – – ich stelle mich zwar so, aber das hat seine Absichten – – denn wahrhaftig, wenn mein Gesicht, und meine äusserlichen Handlungen die wahre innerliche Gestalt meines Herzens zeigten, so würde mein Herz in kurzem den Krähen zum Futter dienen – – Mein guter Freund, ich bin nicht, was ich scheine.

Rodrigo.

Was für ein Glük macht der dik-maulichte Kerl, wenn er sie so davon tragen kan!

[183] Jago.

Ruft ihren Vater auf, wekt ihn auf, macht Lerm, versalzt ihm wenigstens seinen Spaß; ruft es in den Strassen aus, jagt ihre Verwandten in den Harnisch, und wenn ihr ihn aus dem Paradiese, worein er sich eingenistert hat, nicht vertreiben könnt, so plagt ihn doch mit Fliegen[1], so daß seine Freude, wenn sie gleich nicht völlig aufhört Freude zu seyn, doch wenigstens durch die Verdrießlichkeiten womit sie unterbrochen wird, etwas von ihrer Farbe verliere.

Rodrigo.

Hier ist ihres Vaters Haus – – ich will ihm überlaut ruffen.

Jago.

Thut es, und mit einem so gräßlichen Ton, und Zetter-Geschrey, als wie wenn bey Nacht durch Nachlässigkeit Feuer in einer volkreichen Stadt ausgekommen ist.

Rodrigo.

He! holla! Brabantio! Signor Brabantio! he!

Jago.

Wacht auf! he! holla! Brabantio! he! Diebe! Diebe! Seht zu euerm Haus, zu eurer Tochter, und zu euern Geld-Säken: Diebe! Diebe!


[184]
Zweyte Scene.
Brabantio zeigt sich oben an einem Fenster.

Brabantio.

Was ist die Ursache dieser fürchterlichen Aufforderung? Was giebt’s hier?

Rodrigo.

Signor, ist eure ganze Familie zu Hause?

Jago.

Sind alle eure Thüren verriegelt?

Brabantio.

Was sollen diese Fragen?

Jago.

Sakerlot! Herr, man bestiehlt euch; zieht doch wenigstens einen Rok an, und seht zu euern Sachen; man greift euch nach der Seele, euer bestes Kleinod ist verlohren; eben izt in diesem Augenblik, Herr, bespringt ein alter schwarzer Schaaf-Bok euer weisses Schaaf. Auf, auf, wekt die schnarchenden Bürger mit der Sturm-Gloke, oder der Teufel wird euch zum Großvater machen; auf, sag ich.

Brabantio.

Wie? Habt ihr euern Verstand verlohren?

[185] Rodrigo.

Mein hochzuverehrender Herr und Gönner, kennt ihr meine Stimme nicht?

Brabantio.

Wahrlich nicht; wer seyd ihr dann?

Rodrigo.

Mein Nam’ ist Rodrigo.

Brabantio.

Desto schlimmer! Hab ich dir nicht verboten, um meine Thüren herum zu schwärmen? Hab ich dir nicht aufrichtig und ehrlich herausgesagt, meine Tochter sey nicht für dich gemacht? Und izt, nachdem du dich voll gefressen und gesoffen hast, kommst du in tollem Muthe boshafter Weise den Narren mit mir zu treiben, und mich in der Ruhe zu stören?

Rodrigo.

Herr, Herr, Herr – –

Brabantio.

Aber du darfst dich unfehlbar darauf verlassen, daß mein Unwille und mein Ansehen es in ihrer Gewalt haben, dich theuer davor bezahlen zu machen.

Rodrigo.

Geduld, mein guter Herr.

[186] Brabantio.

Was sagst du mir von Dieben? Wir sind hier in Venedig; mein Haus ist keine Scheure.

Rodrigo.

Sehr ehrwürdiger Brabantio, ich komm in der Einfalt meines Herzens, und in guter Meynung zu euch.

Jago.

Sakerlot! Herr, ihr seyd, glaub ich, einer von denen die Gott den Dienst aufkünden würden, wenn’s der Teufel so haben wollte. Weil wir kommen, und euch einen Dienst thun wollen, so meynt ihr wir seyen Spizbuben; ihr wollt also haben, daß eure Tochter von einem Barber-Hengst belegt werden soll; ihr wollt haben, daß eure Enkel euch anwiehern; ihr wollt Postklepper zu Vettern und kleine Andalusische Stutten zu Basen haben.

Brabantio.

Was für ein heilloser Lotterbube bist du?

Jago.

Ich bin einer, Herr, der ausdrüklich hieherkommt, euch zu sagen, daß eure Tochter und der Mohr im Begriff sind das Thier mit zween Rüken zu machen.

Brabantio.

Du bist ein Nichtswürdiger – –

[187] Jago.

Ihr seyd ein Senator.

Brabantio.

Du sollst mir das bezahlen. Ich kenne dich, Rodrigo.

Rodrigo.

Mein Herr, ich bin für alles gut. Aber ich bitte euch, hört mich nur an. Wenn es mit euerm guten Willen und hochweisen Beyfall geschehen ist, (wie ich fast vermuthen sollte) daß eure schöne Tochter, in dieser nehmlichen Nacht, in keiner bessern Begleitung als eines gemietheten Schurken, eines Gondoliers, den viehischen Umarmungen eines geilen Mohren zugeführt worden; wenn das, sag ich, mit eurer Begnehmigung geschehen ist, so haben wir euch allerdings gröblich beleidiget. Wißt ihr aber nichts hievon, so sind wir diejenigen, die sich über Unrecht zu beschweren haben; oder ich verstehe nicht was die gute Lebensart mit sich bringt. Glaubet nicht, daß ich von allem Gefühl der Anständigkeit so sehr verlassen sey, daß ich aus blossem Muthwillen hieher kommen und Eure Excellenz zum Besten haben sollte. Ich sag es noch ein mal, wenn ihr eurer Tochter nicht die Erlaubniß dazu gegeben habt, so hat sie sich sehr vergangen, indem sie ihre Pflicht, ihre Schönheit, ihren Verstand, und ihr Vermögen einem herumirrenden Ritter, einem Abentheurer, aufopfert, der hier und allenthalben ein Fremdling ist – – Verzieht nicht länger; sezt euch selbst ins Klare: Wenn sie in ihrem Zimmer oder in euerm Hause [188] zu finden ist, so laßt mich die ganze Strenge der Justiz dafür erfahren, daß ich euch so mißhandelt habe.

Brabantio.

Schlagt Feuer, he! bringt mir ein Licht – – Ruft meine Leute zusammen – – Dieser Zufall sieht meinem Traum nicht ungleich, und ich sterbe vor Furcht, daß es so seyn möchte. He! Licht, sag ich, Licht!

Jago.

Lebt wohl, ich kan mich nicht länger aufhalten – – Es würde sich gar nicht wol für meinen Plaz schiken, und mir in keinerley Absicht gesund seyn, als ein Zeuge gegen den Mohren vorgeführt zu werden. Die Gründe, die ihn zum Heerführer in dem Cyprischen Kriege, worinn sie würklich begriffen sind, bestimmen, sind so dringend, daß sie, für ihre Seelen, keinen andern von seinem Gewicht finden können, dem sie dieses Geschäft mit Sicherheit anvertrauen dürften. Bey solchen Umständen muß ich, ob ich ihn gleich so herzlich hasse als die Pein der Hölle, doch äusserlich, meines eignen Vortheils wegen, dergleichen thun, als ob ich ihm gänzlich ergeben sey. Damit ihr ihn aber unfehlbar findet, so führet den Brabantio und seine Leute zum Schüzen, und dort werd’ ich bey ihm seyn. Hiemit, gehabt euch wol.

(Jago geht ab.) 


[189]
Dritte Scene.
Brabantio und einige Bediente mit Fakeln.

Brabantio.

Mein Unglük ist nur allzugewiß. Sie ist weg; und Schmach und Bitterkeit ist nun der Antheil meines übrigen Lebens. Nun, Rodrigo, wo sahst du sie? O, das unglükselige Mädchen! Mit dem Mohren, sagst du? Wer wollte mehr ein Vater seyn wollen? – – Woher wußtest du, daß sie’s war? O! das ist unbegreiflich, wie sehr ich mich an ihr betrogen habe! – – Was sagte sie zu euch? – – Noch mehr Fakeln her – – Ruft meine ganze Verwandtschaft zusammen – – meynt ihr, sie seyen schon verheurathet?

Rodrigo.

Ich denke freylich, sie sind’s.

Brabantio.

O Himmel! wie ist’s möglich, daß sie so aus der Art schlagen konnte! – – Väter, forthin trauet euern Kindern nicht weiter als ihr sie sehet. Giebt es nicht Zauber-Mittel, wodurch die Unschuld eines jungen unwissenden Mädchens verführt werden kan? Habt ihr nichts von dergleichen Dingen gelesen, Rodrigo?

Rodrigo.

Ja mein Herr, das hab’ ich, in der That.

[190] Brabantio (zu einem Bedienten.)

Ruft meinen Bruder; oh, wie wollt’ ich izt, ihr hättet sie gehabt, auf eine oder die andre Art – – Wißt ihr, wo wir sie und den Mohren antreffen können?

Rodrigo.

Ich denke, ich werde sie entdeken können, wenn es euch gefällt, unter einer guten Bedekung mit mir zu gehen.

Brabantio.

Ich bitte euch, geht voran. Ich will von Hause zu Hause ruffen; ich kan befehlen, wenn’s nöthig ist; schafft Waffen her, holla! und holt einige Officiers, auf die man sich verlassen kan – – Geht, mein guter Rodrigo, ich will dankbar für eure Bemühung seyn.

(Sie gehen ab.) 


Vierte Scene.
(Verwandelt sich in eine andre Strasse vorm Schüzen.)
Othello, Jago, und Gefolge mit Fakeln.

Jago.

Ob ich gleich, seitdem ich das Kriegs-Handwerk treibe, manchen im Feld erschlagen habe, so mach’ ich mir doch das grösseste Gewissen draus, einen vorsezlichen Mord zu begehen! Weniger Bedenklichkeit würde manchmal mein [191] Vortheil seyn – – Ich dachte neun- oder zehn mal, ich müßte ihm nothwendig eins unter die Ribben geben.

Othello.

Es ist besser, daß du’s nicht gethan hast.

Jago.

Nein, aber er plapperte, er gayferte so lotterbübisches Zeug, und in so empfindlichen Ausdrüken gegen eure Ehre, daß all mein Bißchen Sanftmuth kaum zureichend war, mich bey Geduld zu erhalten. Aber ich bitte euch, mein Herr, seyd ihr auch recht gültig verheurathet? Denn davon dürft ihr versichert seyn, daß der Magnifico sehr beliebt ist, und daß seine Stimme in der Republik zum wenigsten so viel zu bedeuten hat, als des Herzogs selbst: Er wird auf die Zerreissung euers Bandes dringen, und wenn sich seine Macht auch so weit nicht erstrekt, euch doch so viel Uebels thun, als das Gesez in seiner äussersten Strenge ihm Befugniß geben kan.

Othello.

Er mag sein Aergstes thun; die Dienste, die ich der Regierung gethan habe, werden seine Klagen weit überschreyen. Es ist noch unbekannt, (ich werd es aber beweisen, wenn die Rettung meiner Ehre mich zu einem Schritt zwingt, den ich sonst als eine meiner unwürdige Pralerey ansehe,) daß mein Blut aus einer königlichen Quelle geflossen ist; und meine Verdienste allein sind, ohne Vergrösserung, zulänglich auf ein so stolzes Glük Anspruch zu machen, [192] als dieses ist, dessen ich mich bemächtiget habe. Denn wisse, Jago, wär’ es nicht, daß ich die reizende Desdemona liebe, der Werth des ganzen Oceans sollte mich nicht bewegen, meine Freyheit in die Fesseln des ehlichen Standes schliessen zu lassen. Aber siehe, was für Lichter kommen dort?


Fünfte Scene.
Cassio, mit Fakeln, zu den Vorigen.

Jago.

Es werden der aufgebrachte Vater und seine Freunde seyn – – das beste wär’, ihr giengt hinein.

Othello.

Ich? gewiß nicht, ich muß gefunden werden. Meine Verdienste, mein Titel, und mein unerschrokner Muth sollen mich in meinem wahren Lichte zeigen. Sind sie’s?

Jago.

Beym Janus, ich denke, nein.

Othello.

Es sind Leute vom Herzog und mein Lieutenant: guten Abend, meine Freunde; was bringt ihr Neues?

Cassio.

Der Herzog entbeut euch seinen Gruß, Feldherr; und [193] ersucht euch mit der eilfertigsten Behendigkeit, gleich diesen Augenblik, um eure Gegenwart.

Othello.

Was meynt ihr, warum es zu thun sey?

Cassio.

Etwas von Cypern, soviel ich errathen kan. Es muß eine dringende Anliegenheit seyn. Die Galeren haben in dieser nemlichen Nacht zwölf Expressen hinter einander hergeschikt, ein grosser Theil der Senatoren ist auf, und im Pallast des Herzogs versammelt. Man ließ euch sehr dringend ruffen, und da man euch nicht in euerm Quartier fand, schikte der Senat drey verschiedene Partheyen aus, euch überall aufzusuchen.

Othello.

Es ist gut, daß ihr mich gefunden habt: Ich habe nur ein Wort in diesem Hause zu reden, und dann will ich mit euch gehen.

[Othello geht ab.] 

Cassio.

Fähndrich, was thut er hier?

Jago.

Meiner Treue, er hat heute Nacht eine reiche Land-Caraque[2] aufgebracht; wenn sie für gute Prise erklärt wird, so ist sein Glük gemacht.

[194] Cassio.

Ich weiß nicht, was ihr sagen wollt.

Jago.

Er hat sich verheurathet.

Cassio.

Mit wem?

Jago.

Bey G*** mit – – he! Herr General, wollt ihr gehen?

Othello zu den Vorigen.

Othello.

Hier bin ich – –

Cassio.

Da kommt eine andre Parthey, die euch sucht.


[195]
Sechste Scene.
Brabantio, und Rodrigo, mit Officieren, Bedienten und Fakeln.

Jago.

Es ist Brabantio; General, nehmt euch in Acht; er hat nichts Gutes im Sinn.

Othello.

Holla! Steht, ihr dort!

Rodrigo.

Signor, es ist der Mohr.

Brabantio.

Zu Boden mit ihm, dem Räuber!

(Sie ziehen auf beyden Seiten.) 

Jago.

Wie, ihr, Rodrigo? – – Kommt, mein Herr, ich bin auf eurer Seite – – (Zu Othello.)

Othello.

Stekt eure Degen ein, der Thau möchte sie rostig machen. Werther Signor, euer Alter wird euch mehr Gewalt geben, als eure Waffen.

[196] Brabantio.

O du schändlicher Räuber! Wo hast du meine Tochter hin verborgen? Verdammlicher Bube! Du hast sie bezaubert; denn ich will alles was Vernunft hat den Ausspruch thun lassen, ob ein Mädchen, so jung, so schön, so zärtlich als sie war, von ihrem Stand und Glük, und so abgeneigt vom Heurathen, daß sie den Augen der auserlesensten und reichsten von unsrer edelsten Jugend sich entzog – – ob ein solches Mädchen, ohne die fesselnde Gewalt zaubrischer Künste fähig gewesen wäre, dem allgemeinen Spott Troz zu bieten, und aus dem väterlichen Haus zu entlauffen, um in die russichten Arme eines solchen Dings wie du, das geschikter ist Schreken zu erweken, als Liebe, sich hinein zu stürzen? Die ganze Welt sey Richter, ob es nicht handgreiflich ist, daß du vermittelst schnöder Zauber-Mittel oder Liebes-Tränke die das Hirn verrüken, ihre schuldlose Jugend mißbraucht und verleitet hast – – Ich will es untersucht haben: Es ist wahrscheinlich, man kan sich nichts anders vorstellen. Ich arrestiere dich also hier, als einen Verführer und der hiezu verbotne Künste treibt – – Bemächtigt euch seiner; und wenn er sich wehrt, so entwaffnet ihn auf seine Gefahr.

Othello.

Haltet ein, zu beyden Seiten; wenn es hier meine Scene zum Fechten wäre, so würd’ ich’s ohne einen Einsager gewußt haben. Wohin wollt ihr, daß ich mit euch gehen soll, mich auf diese Anklage zu verantworten?

[197] Brabantio.

Ins Gefängniß, bis zur gehörigen Zeit, wo du vor der Gerichts-Bank erscheinen sollst.

Othello.

Aber wenn ich euch gehorche, wie soll indeß der Herzog zufrieden gestellt werden, dessen Abgeordnete hier zu meiner Seite und im Begriff sind, mich in einer dringenden Angelegenheit des Staats zu ihm zu führen.

Officier.

Diß verhält sich würklich so, sehr edler Herr; der Herzog ist im Staats-Rath; und ich bin sicher, daß ihr gleichfalls dahin beruffen worden seyd.

Brabantio.

Wie? der Herzog im Staats-Rath? In dieser späten Nacht? Führt ihn dahin; meine Sache ist keine Kleinigkeit. Der Herzog selbst und jeder von meinen Brüdern im Staat kan nicht anders als diese Beleidigung so empfinden, als ob sie ihnen selbst angethan worden wäre. Wenn solche Frefel-Thaten ungestraft verübt werden dürften, so würden bald Sclaven und Banditen unsre Befehlshaber seyn.

(Sie gehen ab.) 


[198]
Siebende Scene.
(Verwandelt sich in das Rath-Haus.)
Der Herzog und die Senatoren, an einer Tafel mit Lichtern sizend, und einige Officianten etc.

Herzog.

Es ist zu wenig Uebereinstimmung in diesen Zeitungen, als daß sie Glauben verdienen könnten.

1. Senator.

In der That, sie gehen weit von einander ab; meine Briefe sagen hundert und sieben Galeren.

Herzog.

Und meine hundert und vierzig.

2. Senator.

Und die meinen zwoohundert; allein ob sie gleich in der Zahl nicht zusammentreffen, (welches in Fällen, wo der Bericht nach blosser Muthmassung gemacht werden muß, nicht zu verwundern ist,) so stimmen doch alle darinn überein, daß eine türkische Flotte in der See ist, und daß es auf Cypern abgesehen sey.

Herzog.

Es ist möglich, und wenn ich mich auch irren sollte, so werd’ ich doch alle Maaßnehmungen einer klugen Furcht, [199] die allezeit die Mutter der Sicherheit ist, bey diesen Umständen gut heissen.

Matrosen (hinter der Scene.)

Holla! ho! he! aufgemacht!

Die Matrosen kommen herein.

Officiers.

Eine Bottschaft von den Galeeren.

Herzog.

Nun! – – was ist euer Anbringen?

1. Matrose.

Ich habe Befehl der Regierung anzuzeigen, daß die Türkischen Kriegs-Zurüstungen der Insel Rhodis gelten.

[Die Matrosen gehen ab.] 

Herzog.

Was sagt ihr zu diesem Wechsel?

1. Senator.

Es kan nicht seyn, es ist ganz und gar nicht glaublich. Es ist ein blosser Kunstgriff, unsre Augen von der Seite abzuhalten, wo die Gefahr würklich ist. Wenn wir bedenken, wie wichtig Cypern den Türken ist – – wie viel gelegner es ihnen ist als Rhodis – – und daß sie die Eroberung desselben weit eher hoffen können, da es weniger befestigt, und in allen Absichten in schwächerm Vertheidigungs-Stand [200] ist – – Wenn wir dieses in gehörige Betrachtung ziehen, so werden wir uns schwerlich einbilden können, daß der Türk so unbesonnen seyn werde, eine reiche und leicht zu gewinnende Beute fahren zu lassen, um sich an eine gefährliche und wenig vortheilhafte Unternehmung zu wagen, von der er sich mit keiner Wahrscheinlichkeit einen guten Erfolg versprechen kan.

Herzog.

In der That, allen Umständen nach ist es nicht auf Rhodis abgezielt.

Officiers.

Hier kommt wieder eine Zeitung.

Ein Expresser tritt auf.

Expresser.

Erlauchte und Gnädige Herren, die Ottomannen, die in geradem Lauf gegen die Insel Rhodis gesegelt hatten, haben sich dort mit einem kleinern Geschwader vereinbart – –

1. Senator.

Das dacht’ ich ja; wie stark haltet ihr sie?

Expresser.

Dreyßig Segel; und nun steuern sie ihren Lauf, ohne ihre wahre Absichten länger zu verheelen, nach Cypern. Signor Montano, euer getreuer und tapfrer Befehlshaber [201] auf dieser Insel, erstattet Euch, unter Versicherung seiner pflichtvollen Ergebenheit, diesen Bericht, und bittet ihm vollen Glauben beyzumessen.

Herzog.

Wir sind also nun gewiß, daß es um Cypern zu thun ist; ist Marcus Lunicos nicht in der Stadt?

1. Senator.

Er ist würklich in Florenz.

Herzog.

Schreibet unverzüglich in unserm Namen an ihn, daß er sich mit der äussersten Eilfertigkeit hieher begebe.

1. Senator.

Hier kommt Brabantio und der tapfre Mohr.


Achte Scene.
Brabantio, Othello, Cassio, Jago, Rodrigo und Officiers, zu den Vorigen.

Herzog.

Tapfrer Othello, wir sind im Begriff Eurer gegen unsern allgemeinen Feind Ottoman vonnöthen zu haben. (Zu Brabantio.) Ich sah euch nicht gleich; willkommen, werther Signor; wir mangelten euern Rath und eure Hülfe diese Nacht.

[202] Brabantio.

Und ich die eurige; vergebet mir, Durchlauchtigster; weder mein Plaz, noch was mir von einem vorschwebenden Staats-Geschäfte gesagt wurde, hat mich aus meinem Bette aufgewekt; das gemeine Wesen ficht mich izt wenig an; mein Privat-Schmerz ist von einer so wüthenden und ungestümen Art, daß er alle andre Sorgen verschlingt, und mich nichts anders fühlen läßt.

Herzog.

Wie? Was kan die Ursach seyn?

Brabantio.

Meine Tochter! O! meine Tochter! – –

Senator.

Gestorben?

Brabantio.

Für mich wenigstens; sie ist verführt, von mir weggestohlen, mißbraucht worden, durch Zauber-Mittel und Liebes-Tränke, den Kram von Markt-Schreyern, zu Grunde gerichtet worden – – Denn auf eine so widernatürliche Art konnte die Natur (da sie weder dumm, noch blind, noch schwach von Sinnen ist,) nicht ausschweiffen – – Zauberey allein konnte sie dahin bringen – –

Herzog.

Wer der auch seyn mag, der durch so schändliche Mittel [203] eure Tochter, sich selbst, und euch entführt hat, dessen Urtheil sollt ihr selbst in dem blutigen Gesez-Buch lesen, und selbst der Ausleger des strengen Buchstabens seyn; ja, und wenn unser eigner Sohn der Thäter wäre.

Brabantio.

Ich danke Eu. Durchlaucht unterthänig. Hier ist der Mann, dieser Mohr, den nun eben, wie es scheint, euer Befehl, in Geschäften des Staats hieher gebracht hat.

Alle.

Das thut uns herzlich leid.

Herzog (zu Othello.)

Und was könnt ihr, eurer Seits, hierauf antworten?

Brabantio.

Nichts, als daß es so ist.

Othello.

Erlauchte und Großmächtigste Herren, meine sehr edle, geliebte und gnädige Gebieter; daß ich dieses alten Mannes Tochter entführt habe, ist wahr; und wahr ist’s, daß ich mit ihr vermählt bin – – So weit erstrekt sich die äusserste Linie meines Verbrechens, und weiter nicht – – Ich bin kein Redner, und wenig geübt in der friedsamen Kunst, die Zuhörer durch Worte zu gewinnen – – Seitdem diese meine Arme siebenjähriges Mark hatten, bis izt, die leztverfloßnen neun oder zehen Monate ausgenommen, sind die Arbeiten [204] des Kriegs meine einzige Beschäftigung gewesen – – in diesen Kreis ist alle meine Wissenschaft eingeschlossen, und das ist alles, wovon ich reden kan. Ich werde also, indem ich für mich selbst rede, meiner Sache wenig Vortheil verschaffen. Und doch will ich, mit eurer Erlaubniß, eine aufrichtige ungeschminkte Erzählung von dem ganzen Hergang meiner Liebes-Geschichte machen; damit ihr sehet, durch was für Tränke, Zauber-Formeln, Beschwörungen und übernatürliche Künste, (weil ich doch solche Mittel gebraucht zu haben beschuldiget werde,) ich seine Tochter gewonnen habe.

Brabantio.

Ein unschuldiges junges Mädchen, die immer das zärtlichste, schüchternste Kind von der Welt war; eine so sanfte und ruhige Seele, das jede ihrer Bewegungen über sich selbst zu erröthen schien – – und sie sollte, troz Natur, Jugend, Geburt, Ehre, allem in der Welt, in einen Mann verliebt werden, den sie zu furchtsam war nur anzusehen – – Was für eine Art zu schliessen muß der haben, der sich vorstellen kan, daß die Natur so weit von ihren eignen Gesezen abweichen sollte – – Es ist unmöglich; aus der Hölle mußten die verdammten Künste hergeholt werden, die das zuwegebringen konnten. Ich behaupte also noch einmal, daß er sie durch Tränke, die das Blut in gewaltsame Unordnung sezen, oder durch irgend ein andres übernatürliches Mittel mißbraucht und zu Falle gebracht habe.

[205] Herzog.

Behaupten ist nicht Beweisen – – es gehören stärkere Beweisthümer hiezu als die blossen nakten Vermuthungen, die ihr, in ein dünnes Gewand einer schaalen Wahrscheinlichkeit gekleidet, gegen ihn aufzustellen vermeynt.

1. Senator.

Redet dann, Othello; brauchtet ihr krumme und gewaltsame Kunstmittel, die Neigungen dieser jungen Tochter zu erzwingen; oder erhieltet ihr sie durch Bitten, und auf diejenige Weise, wie eine Seele die andre anzuziehen pflegt?

Othello.

Ich bitte euch, laßt die junge Dame aus dem Schüzen herholen, und sich selbst in Gegenwart ihres Vaters erklären; findet ihr, daß ihre Erzählung seine Anklage rechtfertiget, so entsezet mich nicht nur aller Ehren und Würden, die ich von euch empfangen habe, sondern laßt mein Leben selbst der strengen Gerechtigkeit verfallen seyn.

Herzog.

Holet Desdemona hieher.

(Zween oder drey gehen ab.) 

Othello (zu Jago.)

Fähndrich, weiset ihnen den Weg, ihr kennt den Ort am besten – – (Jago geht ab.) – – Und indessen bis sie kommt, will ich, so aufrichtig als ich dem Himmel selbst [206] die Vergehungen meines Blutes bekenne, dieser ehrwürdigen Versammlung anzeigen, wie ich das Herz der schönen Desdemona gewonnen habe.

Herzog.

Redet, Othello.

Othello.

Ihr Vater liebte mich, lud mich oft ein, fragte mich immer nach der Geschichte meines Lebens, von Jahr zu Jahr, und ließ mich alle Schlachten, Belagerungen und Abentheuer, durch die ich passiert bin, erzählen. Das that ich nun, und durchlief mein ganzes Leben, von meinen kindischen Tagen an bis auf den nemlichen Augenblik, worinn er mich erzählen hieß: Und da sprach ich ihm also von den verschiedenen seltsamen Glüks-Wechseln, die ich erfahren, von hunderterley tragischen und herzbrechenden Unfällen, die mir zu Wasser und Land aufgestossen, und wie oft ich kaum noch auf der Breite eines Haars dem eindringenden Tod entgangen; und wie ich in die Hände grausamer Feinde gefallen, und zum Sclaven verkauft worden; und wie ich wieder in Freyheit gekommen, und dann die ganze Geschichte meiner irrenden Ritterschaft – – als von ungeheuern Grotten, und unterirdischen Gewölben, einöden Inseln, Steinbrüchen, Felsen und Gebürgen, die mit dem Kopf am Himmel anstossen, und von Cannibalen die einander aufessen, und von Anthropophagen, und von Leuten, die die Köpfe unter den Schultern tragen, – – und was der Dinge mehr war, womit ich ihn zu unterhalten [207] pflegte. Allem diesem hörte dann Desdemona mit grosser Aufmerksamkeit zu; und obgleich die Hausgeschäfte sie von Zeit zu Zeit wegrieffen, so machte sie sich doch so schnell als sie konnte, davon los, kam wieder zurük, und verschlang meine Erzählung mit gierigem Ohr: Ich bemerkte dieses, und da sich einst eine günstige Stunde anbot, wußte ich bald Anlas zu machen, daß sie mich recht von Herzen bat, ihr die ganze Geschichte meiner Reisen, wovon sie nur einzelne, zerrißne Stüke gehört hatte, vollständig und im Zusammenhang zu erzählen: Ich willigte ein, und lokte manche Thräne aus ihren schönen Augen, wenn ich auf die verschiednen Trübsalen und Unfälle kam, die meine Jugend ausgestanden. Wie ich mit meiner Geschichte fertig war, belohnte sie meine Mühe mit einer Welt voll Seufzer[3] – – sie schwur bey ihrer Treu, es sey ausserordentlich, über die Maassen ausserordentlich – – es sey rührend, zum Verwundern rührend – – Sie wünschte, sie hätte nichts davon gehört – – und doch wünschte sie, der Himmel hätte einen solchen Mann für sie gemacht – – und endlich dankte sie mir, und sagte, wenn ich einen Freund hätte, der in sie verliebt wäre, so möcht’ ich ihn nur meine Geschichte erzählen lehren, und er würde sie damit gewinnen. Auf diesen Wink fieng’ ich dann an zu reden, – – und so verlohren wir beyde unsre Herzen – – Sie liebte mich aus Mitleiden mit den [208] Gefahren die ich ausgestanden, und ich liebte sie um dieses Mitleidens willen: Das ist die ganze Zauberey die ich gebraucht habe. Aber hier kommt sie selbst, laßt sie Zeugniß geben.


Neunte Scene.

Herzog.

Ich denke, in vollem Ernst, eine solche Erzählung würde meine eigne Tochter noch oben drein behexen – – Guter Brabantio, seht diese Sache, da sie nun nicht mehr zu ändern ist, von der besten Seite an. Die Leute brauchen im Nothfall immer lieber ihre zerbrochne Waffen, als die blosse Hand.

Brabantio.

Ich bitte euch, laßt sie reden. Bekennt sie, daß sie seinen Liebes-Bewerbungen auf halben Weg entgegen gegangen sey, so falle Verderben auf mein Haupt, wenn ich ihn einen Augenblik länger tadle. Kommt näher, angenehmes Frauenzimmer; empfindet ihr, wem in dieser ganzen edeln Versammlung ihr am meisten Gehorsam schuldig seyd?

Desdemona.

Mein edler Vater, ich empfinde daß meine Pflicht hier getheilt ist: Euch bin ich für mein Leben und für meine Erziehung verbunden, und beydes lehrt mich die Ehrfurcht die ich euch schuldig bin. Ihr seyd Herr über meinen Gehorsam, in so fern ich eure Tochter bin. Aber hier ist mein [209] Gemahl; und soviel Ergebenheit, als meine Mutter gegen euch zeigte, da sie ihren Vater verließ um euch anzuhängen, so viel bin ich hoffentlich befugt zu bekennen, daß ich dem Mohren, meinem Gemahl, schuldig sey.

Brabantio.

Gott gesegne dir’s; ich habe nichts mehr zu sagen. Gefällt’s eurer Durchlaucht, so wollen wir nun von den Staats-Angelegenheiten reden. Ich wollte lieber ein Kind angenommen als gezeugt haben. Komm hieher, Mohr; hier geb ich dir von ganzem Herzen, was ich, wenn du’s nicht schon hättest, von ganzem Herzen vor dir verwahren wollte. Um euertwillen, Kleinod, bin ich in der Seele froh daß ich keine andre Kinder habe – – Denn der Streich, den du mir gespielt hast, würde mich tyrannisch genug machen, ihnen Klöze anzuhängen. Ich bin fertig, Gnädigster Herr.

Herzog.

Laßt mich nun in meinem eignen Character, in der Person eines allgemeinen Vaters reden, und ein Urtheil fällen, das diesen Liebenden zu einer Stuffe diene, sie wieder in eure Gunst zu heben.[4] Sobald nicht mehr zu helfen ist, so hat man das Aergste gesehen, und Klagen sind nicht nur fruchtlos, sondern der nächste Weg ein geschehenes Unglük mit einem neuen zu häuffen. Wenn die Klugheit die Streiche des Glüks nicht allemal verhindern kan, so kan doch Geduld einen Scherz aus seinen Beleidigungen [210] machen. Der Beraubte, der dazu lächelt, stiehlt dem Räuber etwas, und der beraubt sich selbst, der sich in vergeblichem Kummer verzehrt.

Brabantio.

Wenn das ist, so laßt die Türken uns immer Cypern wegnehmen; wir verliehren’s nicht, so lange wir dazu lachen können – – Ich erkenne, Gnädigster Herr, die Weisheit euers Raths – – Aber Worte sind doch nur Worte, und ein verwundetes Herz ist noch nie durch die Ohren geheilt worden – – Ich bitte euch, zu den Staats-Geschäften.

Herzog.

Die Türken machen furchtbare Zurüstungen, Cypern anzugreiffen: Othello, dir ist am besten bekannt, in was für einem Vertheidigungs-Stand der Plaz ist. Wir haben zwar einen Befehlshaber von bekannter Tüchtigkeit daselbst: Allein die allgemeine Meynung, die unumschränkte Königin der Welt, verspricht sich von euch eine noch grössere Sicherheit; laßt’s euch also gefallen, über die Glasur euers neuen Glüks hinweg zu schlüpfen, und die Freuden der Liebe mit den Beschwerden dieser hartnäkigen und Gefahr-vollen Unternehmung zu vertauschen.

Othello.

Die tyrannische Gewohnheit, erlauchte Senatoren, hat das steinharte und stählerne Lager des Kriegs mir längst zum weichsten Pflaum-Bette gemacht. Die rauhe Arbeit des Kriegs ist für mich ein Lustspiel, dem meine Seele mit [211] angebohrner, flatternder Freudigkeit entgegen eilt. Ich unterziehe mich also dem gegenwärtigen Krieg mit den Ottomannen; und alles, warum ich die Durchlauchtigste Republik mit gebognen Knien bitte, ist, meine Gemahlin in ihren unmittelbaren Schuz zu nehmen, und darauf bedacht zu seyn, daß sie an einem anständigen Ort, und mit allem dem Glanz und Ansehen, so sich für ihre Geburt schikt, unterhalten werde.

Herzog.

Also, in ihres Vaters Hause.

Brabantio.

Das will ich nicht.

Othello.

Ich noch weniger.

Desdemona.

Auch ich wollte nicht dort wohnen, und meinen Vater zu ungeduldigen Gedanken reizen, wenn ich immer in seinen Augen wäre. Gnädigster Herr, leihet meiner Bitte ein geneigtes Ohr, und unterstüzet sie mit eurer Stimme.

Herzog.

Was verlangt ihr, Desdemona?

Desdemona.

Daß ich den Mohren liebte, um mit ihm zu leben, [212] mag die Entschlossenheit, womit ich so vielen Vorurtheilen Gewalt angethan habe, durch die ganze Welt austrompeten. Mein Herz und meine Person sind von meinem Gemahl unzertrennlich. Ich sah Othello’s Gesicht in der Schönheit seines Gemüthes, und seinen Verdiensten und heldenmässigen Eigenschaften hab ich meine Seele und mein ganzes Glük gewiedmet. So daß, theureste Herren, wenn ich zurükgelassen werde, und er in den Krieg geht, ich des Rechts, seine Gefahren mit ihm zu theilen, des Rechts, um deßwillen ich ihn liebe, verlustig, und in seiner schmerzlichen Abwesenheit zu einem verdrießlichen Interim verurtheilt wäre. Laßt mich also mit ihm gehen.

Othello.

Eure Genehmigung, Gnädige Herren! Ich bitte euch, laßt sie ihren Willen haben. Ich bitt’ es nicht aus Rüksicht auf den Vortheil meines eignen Vergnügens, nicht aus Gefälligkeit gegen die Hize junger Begierden, die der erste Genuß mehr gereizt als befriedigt hat; – – sondern dem Edelmuth ihres Herzens seinen freyen Lauff zu lassen. Der Himmel verhüte, daß ihr mich fähig haltet, eure ernsthaften und grossen Angelegenheiten zu vernachläßigen, wenn sie bey mir ist – – Nein! Wenn jemals die kindischen Puppen-Spiele des befiederten Cupido die Werkzeuge meines Verstands und meiner Thätigkeit in üppige Trägheit senken, und meine Ergözungen meinen Arbeiten schädlich sind; dann laßt Haus-Weiber eine Brey-Pfanne aus meinem Helm machen, und die unwürdigsten, schmählichsten Wiederwärtigkeiten sich zum Untergang meines Ruhms verschwören.

[213] Herzog.

Ihr Gehen oder Bleiben soll eurer eignen Willkühr überlassen seyn – – Die Geschäfte fordern die hastigste Eilfertigkeit. Ihr müßt diese Nacht noch fort.

Desdemona.

Diese Nacht, gnädigster Herr?

Herzog.

Diese Nacht.

Othello.

Von Herzen gerne.

Herzog.

Morgen um neun Uhr wollen wir hier wieder zusammen kommen. Othello, laßt einen Officier zurük, durch den wir euch euer Patent, und eure Instruction nachschiken können.

Othello.

Wenn es Eu. Durchlaucht nicht entgegen ist, so ist hier mein Fähndrich, ein Mann von Ehre und Redlichkeit, dem ich die Begleitung meines Weibs anvertrauen will, und durch den mir zugleich alles andre nachgeschikt werden kan, was Eu. Durchlaucht für nöthig hält.

Herzog.

Ich bin’s zufrieden. Gute Nacht allerseits – – (Zu Brabantio.) [214] Und, edler Signor, wenn Tugend die glänzendste Schönheit ist, so ist euer Tochtermann mehr weiß als schwarz.

Senator.

Adieu, tapfrer Mohr, begegne Desdemonen wol.

Brabantio.

Sieh fleissig zu ihr, Mohr, wenn du Augen hast; sie hat ihren Vater betrogen, und wird dir’s vielleicht nicht besser machen.

(Der Herzog und die Senatoren gehen ab.) 

Othello.

Ich stehe mit meinem Leben für ihre Treue – – Ehrlicher Jago, dir muß ich meine Desdemona hinterlassen; ich bitte dich, gieb ihr deine Frau zur Gesellschaft, und bringe sie mit der besten Gelegenheit nach. Komm, Desdemona, ich habe nur eine Stunde, die ich der Liebe und unsern Angelegenheiten schenken kan. Wir müssen der Zeit gehorchen.

(Sie gehen ab.) 


Zehnte Scene.
Rodrigo und Jago bleiben.

Rodrigo.

Jago – –

Jago.

Was willst du mir sagen, tapfres Herz?

[215] Rodrigo.

Was denkst du, daß ich thun will?

Jago.

Was? Zu Bette gehen und schlaffen.

Rodrigo.

Ich will auf der Stelle gehn, und mich ins Wasser stürzen.

Jago.

Wenn du das thust, so werd’ ich dich in meinem Leben nicht mehr lieb haben. Wie, du bist ein recht alberner Edelmann!

Rodrigo.

Es ist etwas albernes, leben, wenn Leben eine Qual ist; und dann, so sterben wir ja nach den Regeln, wenn der Tod unser Arzt ist.

Jago.

O wie niederträchtig das gedacht ist! Es ist schon viermal sieben Jahre, daß ich mich auf der Welt umsehe, und seitdem ich einen Unterscheid zwischen einer Wohlthat und einer Beleidigung machen kan, hab’ ich noch keinen Menschen gesehen, der den Verstand hätte sich selbst zu lieben. Eh ich sagen wollte, ich wolle mich einer Guineischen Henne zulieb ersäuffen, eh wollt’ ich meine Menschheit mit einem Wald-Teufel vertauschen.

[216] Rodrigo.

Wie soll ich mir aber anders helfen? Ich bekenn’, es macht mir schlechte Ehre, daß ich so vernarrt in sie bin; aber meine Tugend ist nicht stark genug, dem Uebel abzuhelfen.

Jago.

Tugend? Pfifferling. Auf uns kommt es an, ob wir so oder so seyn wollen. Unsre Leiber sind unsre Gärten, und unser Wille ist der Gärtner darinn. Ob wir Nesseln oder Lattich drein säen wollen, ob wir ihn mit Ysop oder Thymian, mit einer einzigen Art von Gewächsen, oder mit vielerley Gattungen besezen, aus Faulheit verwildern und unfruchtbar werden lassen, oder durch fleissige Wartung in guten Stand sezen wollen: Das hängt alles lediglich von unsrer Willkühr ab. Hätten wir nicht in der Waage unsers Lebens eine Schaale voll Vernunft, um die Sinnlichkeit in der andern im Gleichgewicht zu halten, zu was für tollen Ausschweiffungen würde uns die Hize des Bluts und der thierische Trieb dahinreissen? Aber wir haben die Vernunft dazu, daß sie unsre rasenden Bewegungen, unsre fleischliche Triebe und zügellose Lüste bändigen soll – – Was nennt ihr Liebe? Meynt ihr, daß es eine so feyrliche Sache sey, als ihr euch einbildet? Ein blosser Trieb des Blutes ist’s, dem der Wille den Zügel verhängt – – Komm, sey ein Mann! dich selbst ersäuffen? Ersäuffe mir Kazen und junge blinde Hunde! Ich habe dir meine Freundschaft zugesagt, und ich mache mich groß, mit Seilen, die unser beyder Leben ausdauern sollen, zu deinen Diensten gebunden zu seyn. Izt ist die Gelegenheit, da ich dir nüzlich seyn [217] kan. Einen wolgespikten Beutel, und fort in diesen Krieg! Verbräme dein glattes Gesichtchen mit einem falschen Bart; Geld in deinen Beutel, sag ich. Es ist unmöglich, daß Desdemona den Mohren in die Länge lieben könnte, – – nur Geld in deinen Beutel – – noch der Mohr sie. Alle Sachen, die mit solcher Heftigkeit anfangen, pflegen auch schnell wieder aufzuhören – – Spik du nur deinen Beutel – – Diese Mohren sind veränderlich in ihren Neigungen; – – füll deinen Beutel mit Geld – – Der Lekerbissen, der ihm izt so süß daucht wie Syrop, wird ihm bald genug bittrer als Coloquinten schmeken; und wenn sie, an ihrem Theil, sich einmal an ihm ersättiget hat, so werden ihr die Augen über ihre ungereimte Wahl auf einmal aufgehen. Sie muß sich ändern, sie muß! Also füll du nur deinen Beutel. Wenn du ja zum T** fahren willst, so thu es wenigstens auf einem angenehmern Weg als Ersäuffen. Mach alles zu Gelde was du kanst. Wenn Tugend und ein armes zerbrechliches Gelübde zwischen diesem Landstreicher aus der Barbarey und einer super-feinen verschmizten Venetianerin, nicht stärker sind als mein Wiz und die ganze Zunft der Hölle, so sollst du sie in deine Arme kriegen. Also Geld in deinen Sekel, sag ich! Laß du dich lieber dafür hängen, daß du deine Lust gebüßt hast, als dich zu ersäuffen, und nichts dafür genossen zu haben.

Rodrigo.

Stehst du mir gut für meine Hoffnungen, wenn ich’s wage?

[218] Jago.

Verlaß dich auf mich – – Geh, mach Geld zusammen – – Ich habe dirs oft gesagt, und sage dirs wieder und wieder, ich hasse den Mohren. Meine Ursach stekt mir tief im Herzen; dein Haß hat keinen schlechtern Grund. Laß uns gemeine Sache machen, um unsre Rache an ihm zu nehmen. Wenn du ihn zum Hahnrey machen kanst, so machst du dir selbst ein Vergnügen, und mir einen Spaß. Die Zukunft geht mit allerley Begebenheiten schwanger, von denen sie zu gehöriger Zeit entbunden werden wird. Geh du izt, und sorge für Geld; morgen mehr von dieser Materie. Adieu.

Rodrigo.

Wo sehen wir einander morgen?

Jago.

In meinem Quartier.

Rodrigo.

Ich will bey Zeiten kommen.

Jago.

Gut, geht nur, lebt wohl. Hört ihr, Rodrigo?

Rodrigo.

Was soll ich hören?

Jago.

Nichts mehr vom Ersäuffen, hört ihr’s?

[219] Rodrigo.

Es ist mir anders gekommen; Ich will gehen und alle meine Güter zu Geld machen.

[Er geht ab.] 


Eilfte Scene.
Jago bleibt zurük.

Jago (allein.)

Geht nur, lebt wohl, nur einen wohlgespikten Beutel, – – Bin ich nicht ein gescheidter Kerl? So mach’ ich aus meinem Narren meinen Schazmeister – – Denn das hiesse wol meine erworbne Geschiklichkeit übel anwenden, wenn ich die Zeit mit einem solchen kleinen Schneppen verderben wollte, ohne daß ich Spaß und Vortheil davon hätte. Ich hasse den Mohren, und das Publicum thut mir die Ehre an, und glaubt, er habe zwischen meinen Bett-Laken meine Stelle vertreten. Ich weiß nicht, ob es so ist – – aber mir ist eine blosse Vermuthung von dieser Art genug, um so zu handeln, als ob ich’s mit Augen gesehen hätte. Er mag mich wol leiden – – Desto beßre Gelegenheit hab ich, ihm beyzukommen; Cassio ist ein Mann, der zu meinem Vorhaben taugt: Laßt einmal sehen – – seine Stelle zu kriegen und meinen Haß zu ersättigen – – Wie, wie kommt das? Laßt sehen – – Nach einiger Zeit dem Othello mit einer guten Art in’s Ohr raunen, daß er zu vertraulich mit seiner Frau ist – – Seine Figur und sein ganzes Betragen, [220] werden den Verdacht rechtfertigen; er ist der Mann dazu, die Weiber ungetreu zu machen. Der Mohr ist von der offnen treuherzigen Art Leuten, welche die Leute für ehrlich hält, wenn sie so aussehen; er wird sich so gutwillig an der Nase herumführen lassen wie ein Esel – – Ich hab es – – Mein Entwurf ist gezeugt – – und Rach und Hölle sollen die scheußliche Mißgeburt ans Taglicht bringen!

(ab.) 


[221]
Zweyter Aufzug.
Erste Scene.
(Die Hauptstadt von Cypern.)
Montano, Statthalter von Cypern, und zween Officiers.

Montano.

Was könnt ihr vom Vorgebürg in der See unterscheiden?

1. Officier.

Gar nichts, als aufgethürmte Wellen; ich kan zwischen dem Himmel und der See nicht ein einziges Segel entdeken.

Montano.

Mich däucht, der Wind ist zu Land sehr heftig gewesen – – Ein ungestümerer Sturm hat noch nie unsre Zinnen erschüttert – – wenn er auf der See eben so geraset hat, was für Ribben von Eichen sind, wenn Berge auf sie herabschmelzen, stark genug, sich in ihren Fugen zu erhalten? Was für Zeitungen werden wir hievon hören?

2. Officiere

Die Zerstreuung der Türkischen Flotte – – Steht nur am schäumenden Ufer, die zornigen Wogen scheinen euch [222] bis in die Wolken hinauf zu sprizen – – Man dächte, die vom Sturm geschleuderte Welle sprühe dem brennenden Bären Wasser entgegen, und lösche die Nachtlichter des Himmels aus – – Ich habe in meinem Leben keinen so rasenden Sturm gesehen.

Montano.

Wenn die Türkische Flotte sich nicht bey Zeit in irgend eine Bucht hat retten können, so ist sie verlohren – – es ist unmöglich, dieses Wetter auszuhalten.


Zweyte Scene.
Ein dritter Officier zu den Vorigen.

3. Officier.

Etwas Neues, meine Herren, der Krieg ist zu Ende; dieses verzweifelte Ungewitter hat die Türken so zugerichtet, daß ihre Entwürfe Halt machen müssen. Ein ansehnliches Venetianisches Schiff hat dem Schiffbruch und der Noth des grössesten Theils ihrer Flotte zugesehen.

Montano.

Wie? Ist das wahr?

3. Officier.

Das Schiff ist würklich hier eingelauffen; ein Veronesisches, welches den Michael Cassio, den Lieutenant dieses tapfern Mohren Othello, an Bord hatte; der Mohr selbst [223] ist in der Ueberfahrt begriffen, und wird in kurzem als oberster Kriegs-Befehlshaber hier in Cypern eintreffen.

Montano.

Ich bin erfreut darüber; er hat alle Eigenschaften zu einem so wichtigen Posten.

3. Officier.

Allein eben dieser Cassio, so tröstlich das lautet, was er uns vom Verlust der Türken berichtet, sieht doch düster aus, und wünscht daß der Mohr glüklich davon gekommen seyn möge; denn sie waren im heftigsten Sturm abgereißt.

Montano.

Der Himmel geb’ es! Ich bin sein Freund, und er ist beydes ein guter Soldat und ein vollkommner Feldherr. Wir wollen der See-Seite zugehen, sowol um das schon eingelauffene Schiff zu besichtigen, als dem wakern Othello, soweit bis Luft und Wasser sich in unserm Auge vermischt, entgegen zu sehen.

Officier.

Kommt, wir wollen das thun – – Eine jede Minute däucht uns lange, bis wir seiner glüklichen Ankunft versichert sind.


[224]
Dritte Scene.
Cassio zu den Vorigen.

Cassio.

Dank sollen die Tapfern dieser kriegerischen Insel davor haben, daß sie so gute Freunde des Mohren sind – – Der Himmel beschüze ihn gegen der Wuth der Elemente; ich hab’ ihn in einer gefährlichen See verlohren.

Montano.

Ist sein Schiff gut?

Cassio.

Sein Schiff ist gut gezimmert, und sein Pilot ein Mann von Erfahrung und bewährter Geschiklichkeit: Ich bin also nicht ohne Hoffnung.

Hinter der Scene

Ein Segel! ein Segel! ein Segel!

Cassio.

Was bedeutet dieses Geschrey?

1. Officier.

Die Stadt ist leer; Schaarenweis steht das Volk am Ufer, und sie ruffen: Ein Segel!

Cassio.

Ich hoffe es ist des Ober-Befehlhabers.

[225] Officier.

Sie geben ihm ihre Freude durch Zujauchzungen zu erkennen; es sind Freunde, wenigstens.

Cassio.

Ich bitte euch, mein Herr, geht und bringt uns Gewißheit, wer angekommen ist.

Officier.

Ich will.

(ab.) 

Montano.

Aber mein lieber Lieutenant, ist euer General vermählt?

Cassio.

Ja, und höchstglüklich; er hat eine junge Gemahlin davongetragen, die alles übertrift, was das ausschweiffende Gerücht zu ihrem Lob sagen kan: eine Gemahlin, deren Schönheit den Pinsel des feinsten Mahlers beschämt, und die in einem irdischen Kleide ein wahrer Auszug aller Vollkommenheiten der Schöpfung ist – –


Vierte Scene.
Der Officier kommt zurük.

Wie steht’s? Wer ist eingelauffen?

Officier.

Ein gewisser Jago, der Fähndrich des Generals.

[226] Cassio.

Das kostbare Kleinod, womit er beladen war, hat seine Fahrt so glüklich gemacht; die Ungewitter selbst, schwellende Seen und heulende Winde, die Wasser-bedekten Felsen und die aufgehäuften Sandbänke, (Verräther, die im Verborgnen lauren, den schuldlosen Kiel anzuhalten) vergassen, gleich als ob sie ein Gefühl der Schönheit hätten, ihre natürliche Grausamkeit, um die göttliche Desdemona unbeleidigt durchzulassen.

Montano.

Wer ist diese?

Cassio.

Sie, von der ich sprach, die Beherrscherin unsers grossen Befehlshabers, die er der Führung des kühnen Jago anvertraut hat, und deren beschleunigte Ankunft unsern Gedanken um eine Woche wenigstens zuvorkömmt. Beschüze nun, o Himmel, beschüze noch Othello! und schwelle seine Seegel mit deinem eignen allmächtigen Athem auf, damit er mit seinem schönen Schiff diese Bay beselige, und wenn seine Liebe in Desdemonens Armen die Entzükung des Wiedersehens ausgeathmet hat, unsre erlöschende Geister in neues Feuer seze, und ganz Cypern mit Muth und Vertrauen erfülle. – –


[227]
Fünfte Scene.
Desdemona, Jago, Rodrigo und Aemilia zu den Vorigen.

– – O sehet! der Schaz des Schiffes ist ans Land gekommen: Ihr Männer von Cypern, laßt eure Knie sie bewillkommen! Heil dir, Gebieterin, und jeder Segen des Himmels gehe vor dir her, folge dir, und schwebe zu deiner Seiten rings um dich her.

Desdemona.

Ich danke euch, tapfrer Cassio – – Was für Nachrichten könnt ihr mir von meinem Herrn geben?

Cassio.

Er ist noch nicht angeländet, doch weiß ich nichts anders, als daß er wohl ist und in kurzem hier seyn wird.

Desdemona.

O – – ich besorge nur – – Wie verlohret ihr ihn?

Cassio.

Der heftige Streit zwischen Luft und Meer trennte unsre Gesellschaft – – Aber horcht, ein Segel!

Hinter der Scene.

Ein Segel! ein Segel!

[228] Officier.

Dieser Gruß wird gegen die Citadelle gemacht; es ist gleichfalls ein Freund.

Cassio.

Seht was es ist: Mein lieber Fähndrich, willkommen! (Zu Aemilia, mit einem Kuß.) Willkommen, Madam. Nehmt mir nicht übel, mein guter Jago, daß ich meiner Freude den Lauf lasse; es ist eine Gewohnheit von meiner Erziehung her, daß ich so frey im Ausdruk einer schuldigen Höflichkeit bin.

Jago.

Ich wollte, mein Herr, sie wäre gegen euch so freygebig mit ihren Lippen, als sie es oft gegen mich mit ihrer Zunge ist, ihr würdet ihrer genug kriegen!

Desdemona.

Wie, sie spricht ja gar nichts.

Jago.

Wahrhaftig, nur zuviel; ich find’ es immer, wenn ich gerne schlafen möchte; vor Euer Gnaden, da glaub’ ich selber, daß sie ihre Zunge ein wenig in ihr Herz stekt, und nur in Gedanken keift.

Aemilia.

Ihr habt wenig Ursache so zu reden.

[229] Jago.

Kommt, kommt, ich kenne euch Weiber so gut als einer; ihr seyd Gemählde ausser Hause; Gloken in eurem Zimmer; wilde Kazen in eurer Küche; Heilige, wenn ihr beleidigt; Teufel, wenn ihr beleidigt werdet; Comödiantinnen in eurer Wirthschaft, und nirgends Haus-Weiber, als in – – euerm Bette.

Desdemona.

O fy, schämt euch, ihr garstiger Verläumder!

Jago.

Nein, es ist wie ich sage, oder ich will ein Türk seyn; ihr steht auf, um zu spielen, und legt euch zu Bette, um zu arbeiten.

Aemilia.

Ihr sollt mir gewiß keine Lobrede schreiben!

Jago.

Ich rathe euch nicht, daß ihr mich dazu bestellet.

Desdemona.

Was würdest du von mir schreiben, wenn du mich loben müßtest?

Jago.

O Gnädige Frau, sezt mich nicht in Versuchung; ich bin nichts, oder ich bin ein Criticus.

[230] Desdemona.

Kommt, eine kleine Probe – – Dort ist jemand in die Bay eingelauffen. – –

Jago.

Ja, Gnädige Frau.

Desdemona.

Ich bin nicht aufgeräumt; ich belüge das was ich bin, indem ich was anders scheine; – – Komm, was wolltest du zu meinem Ruhm sagen?

Jago.

Ich bin würklich daran; aber, in der That, meine Erfindung geht so ungern von meinem Hirnkasten ab, wie Vogel-Leim von einem Frieß-Rok – – doch meine Muse arbeitet, und nun ist sie entbunden – –

Ein jeder Mund bekennt und spricht, sie ist so weis’ als schön,
Doch eines zehrt das andre auf, das muß man auch gestehn.

Desdemona.

Vortreflich; aber wie, wenn sie schön und albern wäre?

Jago.

Albern? Gut, die blödste Schöne hatte stets so viel Verstand
Daß sie, wo nicht einen Mann, mindstens einen Erben fand.

[231] Desdemona.

Das sind alte abgedroschne Einfälle, um Narren im Bierhause lachen zu machen. Was für ein armseliges Lob hast du dann für eine, die häßlich und albern ist?

Jago.

Keine ist so dumm und häßlich, die an List bey schlimmer Sache
Den Verschmiztesten und Schönsten nicht den Vorzug streitig mache.

Desdemona.

O grobe Ungeschiklichkeit! Du lobest die Schlechteste am besten. Aber was könntest du dann zum Lob eines Frauenzimmers sagen, das in der That Lob verdiente? Einer solchen, deren Verdienste so unstreitig wären, daß sie es auf den Ausspruch der Bosheit selbst ankommen lassen dürfte?

Jago.

Die, bey niemals welker Schönheit frey von Stolz und Eigensinn,
Meisterin von ihrer Zunge, und doch keine Schreyerin,
Immer Geld im Beutel hat, und sich nie dadurch entehrte,
Die gelassen meiden kan, was ihr Herz sich gern gewährte;
Die, wenn sie der Mann beleidigt, doch der Rache gern entsagt,

[232]

Welche sanften Weiber-Herzen, wie man glaubt, so sehr behagt:

Die so treu der Weisheit ist, daß sie nie in ihrem Leben,
Um den Schwanz des besten Salms, eines Schel-Fischs Kopf gegeben;
Die zwar denkt, doch was sie denkt, niemand als sich selbst vertraut,
Noch, wenn ihr Verehrer folgen, aus Zerstreuung um sich schaut;
Diese, wenn sie jemals war, konnte wol vortrefflich taugen. – –

Desdemona.

Und wozu dann?

Jago.

Ein Schmahl-Bier-Protocoll zu führen, und Narren auszusaugen.

Desdemona.

O, was für ein krüppelhafter, armseliger Schluß! Lerne ja nichts von ihm, Aemilia, ob er gleich dein Mann ist. Was sagt ihr, Cassio, würd’ er nicht einen feinen Rath abgeben?

Cassio.

Es ist besser gemeynt als gesagt, Madam; Euer Gnaden werden den Soldaten grösser in ihm finden, als den Gelehrten.

[233] Jago (bey Seite.)

Er nimmt sie bey der Hand; gut, wol gegeben – – flüstert einander ins Ohr – – Ich brauche kein stärkeres Gewebe als diß, um eine so grosse Fliege wie Cassio zu verstriken. Ey ja doch, lächle sie an, thu’s – – in deiner eignen Höflichkeit sollst du gefangen werden – – Ihr habt recht, es ist so, in der That – – Wenn solche arme kleine Freyheiten euch um eure Lieutenants-Stelle bringen sollten, so wär’ es besser, ihr hättet eure drey Finger nicht so oft geküßt – – O vortrefflich! wol geküßt! vortreffliche Galanterie! – – es ist so, in der That – – Noch einmal – – eure Finger an eure Lippen? Ich wollt’ es wären Clystier-Sprizen, so lieb seyd ihr mir. (Trompeten.) Ha, der Mohr kommt; ich kenne seine Trompete.

Cassio.

Es ist würklich so.

Desdemona.

Wir wollen ihm entgegen gehen – –

Cassio.

Seht, hier ist er schon.


[234]
Sechste Scene.
Othello und Gefolge zu den Vorigen.

Othello.

O meine schöne Heldin!

Desdemona.

Mein theurer Othello!

Othello.

Meine Verwundrung euch vor mir hier zu sehen, ist so groß als mein Vergnügen. O Wonne meines Herzens! Wenn auf jeden Sturm eine so süsse Stille folgte, so möchten die Winde blasen, bis sie den Tod aufgewekt hätten: So möchte die arbeitende Barke an Hügeln von Wasser bis an den Olymp hinauf klettern, dann wieder so tief sich tauchen, als die Hölle vom Himmel ist! Wenn ich izt sterben müßte, so wär’s in dem Augenblik, da meine Glükseligkeit ihren höchsten Punkt erreicht hat; ich besorge sehr, diese Wonne meiner Seele ist zu groß, als daß noch eine solche in der unbekannten Zukunft für mich ligen kan.

Desdemona.

Das verhüte der Himmel, daß unsre Liebe und unser Vergnügen nicht in gleichem Maasse zunehmen sollte, wie unsre Tage wachsen!

[235] Othello.

Amen, zu diesem holden Wunsch! Ich kan nicht genug von dieser Freude sagen, mein Herz ist so voll – – (er küßt sie – –) und diß, und diß, möge die grösseste Dissonanz seyn, die jemals unsre Herzen machen werden!

Jago (bei Seite.)

O, izt seyd ihr noch wolgestimmt; aber ich will den Wirbel legen, der diese Musik macht, so wahr ich ehrlich bin!

Othello.

Kommt, wir wollen in’s Schloß. Nun, meine Freunde, der Krieg ist geendigt, eh er angefangen hat; die Türken sind ertrunken. Wie leben unsre alten Bekannten auf dieser Insel? – – Mein liebstes Herz, ihr werdet in Cypern sehr geliebt werden; ich habe viele Freundschaft hier empfangen – – O meine Liebe, ich merke daß ich mich vergesse; das Uebermaaß meiner Freude macht mich schwärmen. – – Ich bitte dich, guter Jago, geh an die Rhede und laß meine Kisten auspaken; und den Schiffs-Patron bring’ in die Citadelle zu mir; er ist ein geschikter Mann, dessen Verdiensten eine vorzügliche Achtung gebührt. Kommt, Desdemona, noch einmal willkommen in Cypern!

(Othello und Desdemona gehen ab.) 


[236]
Siebende Scene.
Jago und Rodrigo bleiben.

Jago (zu einigen Bedienten.)

Geht ihr dem Hafen zu, ich werde in einem Augenblik folgen – – (zu Rodrigo.) Komm näher, wenn du ein tapfrer Mann bist; (und man sagt doch, daß die Liebe auch den feigesten Seelen eine gewisse Stärke und Erhabenheit gebe, die ihnen sonst nicht natürlich ist) – – Horch mir zu; der Lieutenant commandirt diese Nacht auf der Hauptwache. Zuerst muß ich dir sagen, daß diese Desdemona geradezu in ihn verliebt ist.

Rodrigo.

In ihn? Wie, das ist nicht möglich.

Jago.

Leg deine Finger auf den Mund und laß dir sagen, was du zu wissen brauchst. Bedenk einmal mit was für einer Heftigkeit sie anfangs den Mohren liebte, bloß weil er aufschnitt, und ihr romanhafte Lügen vorsagte. Meynst du, sein Pralen werde machen, daß sie ihn immer liebe? Sey nicht so einfältig, und bilde dir solche Dinge ein. Ihr Auge muß doch auch eine Nahrung haben. Und was ein Vergnügen kan sie davon haben, wenn sie den Teufel ansieht? Wenn die Entzükungen des Liebes-Spiels das Blut ermattet haben, so braucht es Reizungen, Schönheiten, Sympathie im Alter, zärtliche Empfindungen, was weiß ich’s, kurz [237] lauter Eigenschaften, die der Mohr nicht hat, um es wieder anzuflammen. Nun aber kan’s nicht fehlen, der Abgang dieser Erfordernisse und Uebereinstimmungen wird ihre jugendliche Zärtlichkeit gar bald empören; sie wird finden, daß sie sich betrogen hat; sie wird des Mohren erst satt, dann überdrüssig werden, dann einen Ekel vor ihm bekommen, und ihn endlich gar verabscheuen, die Natur selbst wird sie das lehren und sie zu einer andern Wahl nöthigen. Nun, Herr, dieses vorausgesezt, (wie es dann eine ausgemachte Sonnenklare Sache ist,) wer darf sich dieses Glük mit beßrer Hoffnung versprechen als Cassio? Der geschmeidigste Schurke von der Welt; der nicht mehr Gewissen oder Tugend hat, als der Wohlstand und die Klugheit erfordern, um unterm Schuz der äusserlichen Form eines bescheidnen und wohlgesitteten Betragens seine geheimen Ausschweiffungen und Leichtfertigkeiten desto sichrer auszuüben; ein glatter, abgefeilter Schurke, ein Gelegenheits-Hascher, ein Gleißner, der sich das Ansehen von Tugenden geben kan, die er nie gehabt hat; ein verteufelter Schurke! Und dann kommt noch in Betrachtung, daß der Schurke hübsch, jung, und mit allen den Erfordernissen begabt ist, worauf Thorheit und unreiffe Jugend am meisten sehen. Ein schwer-nöthischer ausgemachter Schurke! Und das Weibsbild kennt ihn schon besser, als du dir einbildest.

Rodrigo.

Das kan ich unmöglich von ihr glauben; sie ist von einer so tugendhaften Gemüthsart – –

[238] Jago.

Tugendhafter Pfifferling! Der Wein den sie trinkt ist aus Trauben gemacht. Wenn sie tugendhaft gewesen wäre, so würde sie sich nicht in den Mohren verliebt haben: Tugendhafter Quark! Hast du dann nicht gesehen wie sie mit seiner Hand auf- und abschaukelte? Hast du nicht darauf Acht gegeben?

Rodrigo.

Ja, das that ich; aber das war nur Höflichkeit.

Jago.

Leichtfertigkeit war’s, bey meiner Seele! Eine geheime Andeutung, ein stillschweigender Prologus zu einem Lustspiel, wo man keine Zuschauer verlangt. Sie kamen einander ja mit ihren Lippen so nah, daß ihr Athem sich vermischen und zusammenfliessen mußte. Das ist ein vertrakter Gedanke, Rodrigo! Wenn solche Vertraulichkeiten den Weg bahnen, so darf man sich darauf verlassen, daß die Haupt-Action bald nachkommen wird – – Fy, Henker! – – Aber, laßt euch nur von mir rathen, Herr. Ich hab’ euch von Venedig mitgebracht. Zieht mit auf die Wache diese Nacht, ich will euch dazu commandieren. Cassio kennt euch nicht; und ich will nicht weit von euch seyn. Seht daß ihr dann eine Gelegenheit findet, ihn aufzubringen; redet zu laut, oder haltet euch über seine Art zu commandieren auf, oder thut sonst was das ihn ärgern kan, wie es Zeit und Umstände an die Hand geben werden.

[239] Rodrigo.

Gut.

Jago.

Er ist jäh, und in einem Augenblik aufgebracht; es kan leicht begegnen, daß er euch einen Schlag giebt. Reizt ihn dazu; dann das würde mir einen vortrefflichen Anlaß geben, die Cyprier in eine solche Empörung gegen ihn zu sezen, daß nichts als seine Entfernung sie besänftigen soll. Dadurch kommt ihr desto bälder zu euerm Zwek; denn wenn Cassio einmal aus dem Weg ist, so will ich für das übrige schon Mittel finden, und ihr sollt glüklich werden.

Rodrigo.

Ich verstehe mich zu allem, wenn ihr’s dahin bringen könnt.

Jago.

Dafür steh ich dir. Laß dich vor der Citadelle wieder antreffen; ich muß nur einen kleinen Gang machen, um sein Gepäke ans Land zu holen. Lebt wohl indessen.

Rodrigo.

Adieu.

(Er geht ab.) 


[240]
Achte Scene.

Jago (allein.)

Daß Cassio sie liebt, das glaub ich, und daß sie ihn wieder liebt, das läßt sich wenigstens glauben. Was den Mohren betrift, so muß ich gestehen, ob ich ihn gleich nicht leiden kan, daß er von einer gesezten, liebreichen und edeln Gemüths-Art ist; und ich zweifle gar nicht daran, daß er gegen Desdemona ein recht zärtlicher Ehmann seyn wird. Nun lieb ich sie auch, nicht eben aus Antrieb einer sonderlichen Lust zu ihr, (ob ich gleich vielleicht für eben so grosse Sünden in des Teufels Schuldbuch stehe,) sondern mehr um an dem üppigen Mohren Rache zu üben, den ich im Verdacht habe, daß er meinem Weibe zu nah’ gekommen seyn möchte; ein Gedanke, der mir wie mineralisches Gift an meinem Inwendigen nagt, und mir keine Ruhe lassen wird, bis ich quitt mit ihm bin, Weib um Weib: Oder wenn mir auch das fehlschluge, so muß mir der Mohr wenigstens in eine so starke Eifersucht gesezt werden, daß die Vernunft selbst ihm nichts dagegen helfen soll. Und wenn dieser arme Venetianische Brak, den ich bloß um seines guten Jagens willen liebe, unserm Michael Cassio nur recht zu Leibe geht, so wollen wir ihn bald bey der Hüfte kriegen, und ihn dem Mohren auf eine Art empfehlen, die ihre Würkung thun soll; und der Mohr soll mir noch danken, und mich noch dafür lieben und belohnen, daß ich ihn fein sauber zu einem Esel mache, und ihn aus dem stolzen Frieden seiner Seele bis zur Tollheit herausbetrüge. Das alles [241] ligt hier – – aber noch verworren; Spizbüberey läßt ihr ganzes Gesicht nicht eher sehen, bis sie vollbracht ist.

(Geht ab.) 


Neunte Scene.
(Die Strasse.)
Ein Herold tritt auf.

Herold.

Es ist Othello’s, unsers edeln und tapfern Ober-Befehlhabers, Wille und Belieben, daß auf die zuverlässig eingelauffene Nachricht von dem gänzlichen Untergang der Türkischen Flotte, jedermann seine Freude öffentlich, durch Tänze, Freuden-Feuer, und alle die Spiele und Lustbarkeiten, wozu einen jeden seine Neigung treiben mag, an den Tag geben möge – – Zumal, da noch über diese glükliche Zeitung, sein Vermählungs-Fest ein Gegenstand der allgemeinen Freude ist. Alle seine Vorraths-Kammern sind aufgeschlossen, und es ist jedem erlaubt von dieser fünften Stunde an, bis die Gloke eilfe geschlagen haben wird, zu schmausen und sich zu erlustigen, wie es ihm beliebt. Dieses sollte, nach seinem Befehl, durch öffentlichen Ausruf bekannt gemacht werden. Heil der Insel Cypern, und unserm edeln General!

[242]
Othello, Desdemona, Cassio, und Gefolge treten auf.

Othello.

Mein lieber Cassio, seht diese Nacht zur Wache; wir wollen nicht vergessen, in unsern Lustbarkeiten nie über das Ziel der Anständigkeit und Mässigung hinauszuschweiffen.

Cassio.

Jago hat schon Befehl auf die Nacht; ich will aber nichts destoweniger selbst ein Aug’ auf alles haben.

Othello.

Jago ist ein ehrlicher Mensch – – Gute Nacht, Cassio. Morgen, so früh als euch gelegen ist, laßt mich eine Unterredung mit euch haben – – (Zu Desdemona.) Komm, meine theure Liebe – – Wenn der Kauf geschehen ist, so folgt die Nuzniessung; – – Gute Nacht.

[Othello und Desdemona gehen ab.] 
Jago zu Cassio.

Cassio.

Willkommen Jago, wir müssen zur Wache.

Jago.

Izt noch nicht, Lieutenant, es ist noch nicht zehn Uhr. Unser General hat uns seiner Desdemona zu lieb so früh entlassen, und wir können ihn nicht deßwegen tadeln – – es ist seine erste Nacht, und sie ist ein Lekerbissen für einen Jupiter.

[243] Cassio.

Sie ist eine vortreffliche Dame.

Jago.

Und sie liebt das Spiel, ich stehe für sie.

Cassio.

In der That, sie ist ein reizendes Geschöpf.

Jago.

Was sie für ein paar Augen hat? Es ist, als ob sie einen auffordern – –

Cassio.

Sehr anziehende Augen, und doch, wie mich däucht, vollkommen sittsam.

Jago.

Und wenn sie redt, ist nicht der blosse Ton ihrer Stimme ein Signal zur Liebe?

Cassio.

Sie ist, in der That, die Vollkommenheit selbst.

Jago.

Gut, viel Glüks zu ihrer Hochzeit-Nacht! Kommt, Lieutenant, ich habe eine Flasche Wein, und es sind ein paar brave junge Cyprier draussen, die gerne eins auf Othello’s Gesundheit mit uns trinken möchten.

[244] Cassio.

Diese Nacht kan’s nicht seyn, Jago; ich habe ein armes unglükliches Gehirn zum Trinken. Ich möchte wol wünschen, daß man eine andre Manier, einander seinen guten Willen zu bezeugen, erfinden möchte als Gesundheittrinken.

Jago.

Oh, es sind gute Freunde; nur ein Gläschen; ich will für euch trinken.

Cassio.

Ich habe diesen Abend nicht mehr als einen Bechervoll getrunken, der noch dazu mit Wasser gemischt war, und ihr seht, was für Veränderungen er schon hier gemacht. Es ist ein Unglük für mich, daß ich so wenig ertragen kan, aber ich darf es nicht wagen, mehr zu thun.

Jago.

Wie, Mann? Die heutige Nacht ist dazu bestimmt, daß man sich lustig mache, und die jungen Herren würden sich durch unsre Weigerung beleidigt finden.

Cassio.

Wo sind sie?

Jago.

Hier, vor der Thür; ich bitte euch, ruft sie herein.

(Cassio geht ab.) 

[245] Jago (allein.)

Wenn ich ihm, über das was er schon getrunken hat, nur noch einen Becher voll beybringen kan, so wird er so händelsüchtig seyn, und sich so unnüz machen wie meiner jungen Fräulein Hund – – Nun hat mein ehrlicher Rodrigo, dem die Liebe nun vollends die unrechte Seite herausgekehrt hat, diese Nacht auch manchen Stuzer auf Desdemonens Gesundheit ausgeleert, und izt wird er mit auf die Wache ziehen. Drey junge Cyprier, frische rüstige Bursche, die Herz und Ehre haben, hab ich gleichfalls mit vollen Bechern zugedekt, und sie sind auch von der Wache. Unter dieser Schaar von Betrunknen kan es mir also nicht schwer fallen, unsern Cassio zu einem Exceß zu bringen, wodurch er diese Insulaner vor die Köpfe stößt – – Aber da kommen sie ja schon. Wenn der Erfolg meinem Entwurf antwortet, so segelt mein Boot mit Wind und Fluth davon.


Zehnte Scene.
Cassio, Montano, und drey junge Cyprier.

Cassio.

Beym Himmel, sie haben mir schon einen Tips angehängt.

Montano.

Einen sehr kleinen, in der That: ihr habt nicht über eine Maaß getrunken, so wahr ich ein Soldat bin.

[246] Jago.

Wein her, Wein her! (er fängt an zu singen) he! Wein her, ihr Jungens!

Cassio.

Beym Himmel, das war ein hübsches Lied.

Jago.

Das lernt ich in England, wo sie, in der That, mächtige Zecher sind. Euer Dähne, euer Deutscher, euer schmerbauchichter Holländer – – he! zu trinken! – – sind nichts gegen meinen Engländer.

Cassio.

So ist euer Engländer ein so grosser Trinker?

Jago.

Ob er’s ist? Ich sag euch, er trinkt euch eure Dänen zu Boden, ohne daß ihr’s ihm anseht. Er braucht nicht zu schwizen, um über euern Deutschen Meister zu werden; und euern Holländer bringt er zum Speyen, eh die nächste Flasche gefüllt werden kan.

Cassio.

Auf die Gesundheit unsers Generals!

Montano.

Da bin ich auch dabey, Lieutenant, ich will euch Bescheid thun.

[247] Jago.

O das liebe England! König Stephan war ein braver Pair etc. (Er singt.) Mehr Wein her, he!

Cassio.

Ha, das Lied ist noch schöner als das vorige.

Jago.

Wollt ihr’s noch einmal hören?

Cassio.

Nein, wahrhaftig, und hielte den für einen Mann der seines Plazes nicht würdig wäre, der solche Dinge thun wollte – – Gut – – Der Himmel ist über uns alle; und es ist nun schon einmal so, daß die einen selig werden, und die andern nicht selig werden.

Jago.

Das ist wahr, Herr Lieutenant.

Cassio.

Was mich betrift, (ohne unserm General, oder sonst einem Mann von Stande zu nah zu treten,) so hoff’ ich, selig zu werden.

Jago.

Und ich auch, Lieutenant.

[248] Cassio.

Schon gut, aber, mit eurer Erlaubniß, nicht vor mir. Der Lieutenant muß vor dem Fähndrich selig werden. Sagt mir nichts mehr hievon! – – Wir wollen von unsern Geschäften reden – – Vergieb uns unsre Schulden! – – Meine Herren, wir wollen zu unsern Geschäften sehen. Bildet euch nicht ein, ihr Herren, daß ich betrunken sey: Das ist mein Fähndrich; das ist meine rechte Hand, und das ist meine linke. Ich bin noch nicht betrunken, ich kan noch ziemlich aufrecht stehen, und ich rede noch gut genug.

Alle.

Vortreflich gut.

Cassio.

Nun, recht gut also; so müßt ihr also nicht denken, daß ich betrunken sey.

(Er geht ab.) 


Eilfte Scene.

Montano.

Auf die Platte-Forme, meine Herren; kommt, wir wollen die Wache besezen.

Jago.

Ihr seht diesen Burschen, der voraus gegangen ist; er ist ein guter Soldat, werth zunächst an Cäsarn zu stehen, [249] und unter ihm Befehle zu geben. Aber ihr seht auch sein Laster; – – es ist schade für ihn – – er hat Stunden, wo dieses einzige Gebrechen alle seine Tugenden unbrauchbar macht – – ich fürchte nur, das Vertrauen, das Othello in den Mann sezt, mag in irgend einem solchen unglüklichen Augenblik das Verderben dieser Insel seyn.

Montano.

Ist er denn oft so?

Jago.

Es ist jedesmal der Prologus zu seinem Schlaf. Er würde euch zweymal vier und zwanzig Stunden an einem Weg wachen, wenn Bacchus seine Wiege nicht rüttelte.

Montano.

Es wäre gut, wenn dem General eine Vorstellung hierüber gemacht würde; vielleicht weiß er’s nicht; oder sein gutes Gemüth ist von den Verdiensten, die an Cassio in die Augen leuchten, so eingenommen, daß er ihm seine Untugenden übersieht; ist’s nicht so?

Rodrigo zu den Vorigen.

Jago.

Was macht ihr hier, Rodrigo? Ich bitte euch, seht wo der Lieutenant ist, geht.

[Rodrigo geht ab.] 

[250] Montano.

Und es ist in der That recht zu bedauren, daß der Mohr einen so wichtigen Plaz, die Vertretung seiner eignen Person, einem Mann anvertrauen soll, der mit einem so eingewurzelten Gebrechen behaftet ist; es wäre die That eines ehrlichen Mannes, wenn man dem Mohren das sagen würde.

Jago.

Der möcht’ ich nicht seyn, und wenn ich diese ganze Insel damit zu gewinnen wüßte; ich liebe den Cassio, und wollte alles in der Welt thun, ihn von diesem Uebel zu heilen. Horcht, was für ein Lerm ist das?

(Man schreyt hinter der Scene: Helft, helft!) 
Cassio verfolgt den Rodrigo auf den Schau-Plaz.

Cassio.

Du Raker! du Lumpenhund!

Montano.

Was habt ihr, Lieutenant?

Cassio.

Ein Schurke soll mich meine Schuldigkeit lehren! Ich will den Schurken in eine Kürbis-Flasche hineinprügeln.

Rodrigo.

Mich prügeln – –

[251] Cassio.

Rüppelst du dich noch, Lumpenkerl?

Montano (der ihn zurükhält.)

Haltet ein guter Lieutenant; ich bitte euch, mein Herr, haltet ein.

Cassio.

Laßt mich gehen, Herr, oder ihr kriegt eins auf die Ohren.

Montano.

Kommt, kommt, ihr seyd ein betrunkener Mann.

Cassio.

Betrunken? – – (Er zieht den Degen gegen Montano, welcher sich zur Wehr sezt.)

Jago (zu Rodrigo leise.)

Weg, sag ich, hinaus, und schlagt Lermen. (Rodrigo geht.) Nein, guter Lieutenant – – Ums Himmels willen, meine Herren – – Helft! he! – – Lieutenant – – meine Herren – – Montano – – helft, ihr Herren! das ist mir eine feine Wache, in der That! – – Nu ja, wer hat den Einfall gar die Sturmgloke zu läuten? – – Zum Teufel, halt! die ganze Stadt wird in Bewegung kommen. Fy, fy, Lieutenant! halt, sag ich! Ihr verliehrt eure Ehre auf eine unwiederbringliche Art.


[252]
Zwölfte Scene.
Othello, mit seinem Gefolge zu den Vorigen.

Othello.

Was giebt es hier?

Montano.

Ich blute stark, ich bin verwundet, doch nicht tödtlich.

Othello.

Halt, so lieb euch euer Leben ist.

Jago.

Halt, he, Lieutenant – – Herr – – Montano – – meine Herren – – Habt ihr denn allen Verstand verlohren? Wißt ihr nicht mehr, wer, und vor wem ihr seyd? Der General redt mit euch – – Halt, sag ich – – schämt euch doch wenigstens, und haltet ein – –

Othello.

Wie, was soll das seyn, he! Wer ist der Urheber von diesem Unfug? Sind wir zu Türken geworden? Und thun uns selbst was der Himmel den Ottomannen verboten hat? Aus Schaam wenigstens vor diesen Ungläubigen, macht diesem barbarischen Gefecht ein Ende; der erste von euch, der sich noch rührt, ist auf der Stelle des Todes! Heißt diese Gloke schweigen, sie schrekt diese Insel aus ihrer [253] Ruhe auf. Was war denn der Anlas zu diesem Handel? Ehrlicher Jago, dein blasses Gesicht sagt mir, daß du bekümmert bist – – Sprich, wer machte den Anfang? Sage die Wahrheit, so lieb ich dir bin!

Jago.

Ich weiß es nicht; wir waren alle gute Freunde, nur eben, nur noch vor einem Augenblik auf der Hauptwache beisammen, so freundlich wie Braut und Bräutigam, wenn sie zu Bette gehen wollen – – und dann, in einem Augenblik (nicht anders als ob irgend ein aufgehender Planet den Leuten die Vernunft genommen hätte) sind sie mit ihren Degen heraus, und gehen einander auf Leib und Leben. Ich kan nicht sagen, was der Anlas zu diesem unsinnigen Zwist war; aber ich wollte, ich hätte in irgend einer rühmlichen Action diese Beine verlohren, die mich zu einem Theil davon geführt haben.

Othello.

Wie kommt es, Cassio, daß ihr euch so vergessen habt?

Cassio.

Ich bitte euch, entschuldigt mich, ich kan nicht reden.

Othello.

Würdiger Montano, ihr seyd sonst ein gesitteter Mann; die Welt legt euch den Character eines gesezten und sittsamen Jünglings bey, und die Weisesten sprechen euern Namen [254] mit Hochachtung aus. Was für ein Anlas konnte euch dahin bringen, euern Ruhm so leichtsinnig zu verschleudern, und die gute Meynung der Welt um den Namen eines Nacht-Schwärmers hinzugeben? Antwortet mir auf das!

Montano.

Würdiger Othello, ich bin gefährlich verwundet: Euer Officier, Jago, kan mir eine Mühe ersparen, die mir izt einige Ungelegenheit verursachen würde; er weiß alles, was ich euch sagen könnte; und ich wißte auch nicht was ich diese Nacht über Unrechtes gesagt oder gethan hätte, es wäre denn, daß Selbstvertheidigung, wenn wir gewaltsam angefallen werden, eine Sünde seyn sollte.

Othello.

Nun, beym Himmel, mein Blut fangt an über meine Vernunft Meister zu werden – – Reizt mich nicht, sag ich euch, oder wenn ich nur diesen Arm hebe, so soll der Beste von euch unter meinem Zorn zu Boden sinken. Laßt mich wissen, wie dieser schändliche Tumult sich anhub; wer der Anfänger war; und derjenige, welcher schuldig befunden wird, hat einen Freund an mir verlohren, und wenn er mein Zwillings-Bruder wäre – – Wie? in einer mit Krieg bedräuten Stadt, deren Einwohner noch mit Schreken angefüllt sind, sich von der Furcht eines feindlichen Ueberfalls noch nicht erholt haben, um Privat-Händeln willen einen Lerm anfangen? Und das bey Nacht, und auf der Hauptwache, [255] die der Schirm der allgemeinen Sicherheit seyn soll? Es ist etwas ungeheures! Rede, Jago, wer war der Anfänger?

Montano.

Wenn du aus Partheylichkeit, Freundschaft oder vermeynter Pflicht mehr oder weniger sagst als wahr ist, so bist du kein Soldat.

Jago.

Rühret mich an keinem so empfindlichen Theil an: Ich wollte mir lieber diese Zunge aus dem Mund reissen lassen, als daß ich meinem Freund Cassio zum Schaden reden wollte: Jedoch hoff’ ich es könne ihm keinen Schaden thun, wenn ich die Wahrheit sage. So verhält sich die Sache, General: Montano und ich waren in einem Gespräch begriffen, als ein Bursche hereinzulauffen kam, der aus vollem Hals um Hülfe schrie, und Cassio mit blossem Degen hinter ihm her, vermuthlich um ihn abzustraffen. Hierüber gieng dieser Herr auf den Cassio zu, und bat ihn sich zufrieden zu geben, ich selbst aber lief dem schreienden Kerl nach, aus Furcht, sein Geschrey möchte, (wie es auch würklich begegnet ist,) die Stadt in Unruh sezen; allein, da er schneller auf den Beinen war, so verlohr’ ich ihn gleich aus dem Gesicht, kehrte also wieder zurük, um so mehr als ich das Klingeln und Fallen von blossen Degen und den Cassio gewaltig fluchen hörte, welches ich vor dieser Nacht niemals hätte von ihm sagen können. Wie ich nun zurük kam, so fand ich sie im hizigsten Gefecht begriffen, [256] kurz, in den nemlichen Umständen, worinn ihr selbst sie auseinander gebracht habt. Mehr kan ich von diesem Handel nicht sagen. Aber Menschen sind Menschen; die besten vergessen sich zuweilen; und wenn ihm auch Cassio ein wenig zuviel gethan hat, wie denn Leute in der Wuth oft ihre liebsten Freunde schlagen, so glaub ich doch gewiß, daß Cassio von dem Burschen, der entlauffen ist, irgend eine grobe Beleidigung, die nicht zu dulden war, empfangen haben muß.

Othello.

Ich sehe, Jago, daß dein gutes Gemüth und deine Liebe zu Cassio seine Schuld zu verkleinern sucht. Cassio, ich liebe dich, aber du bist mein Officier nicht mehr – –

Desdemona, mit Gefolge, zu den Vorigen.

– – Seht, ist nicht meine Liebste Desdemona aufgestanden – – ich will dich zu einem Exempel machen.

Desdemona.

Was ist hier zu thun?

Othello.

Es ist alles in seiner Ordnung. Komm zu Bette, meine Liebe – – Mein Herr, ich will selbst der Arzt für eure Wunden seyn – – Führt ihn nach Hause. Jago, laß dir die Beruhigung der Stadt angelegen seyn – – Komm, Desdemona; es ist einer von den Zufällen des Soldaten-Lebens, [257] oft vom süssesten Schlummer durch kriegrisches Getümmel aufgewekt zu werden.

(Sie gehen ab.) 


Dreyzehnte Scene.
Jago und Cassio bleiben.

Jago.

Wie seyd ihr verwundet, Lieutenant?

Cassio.

So, daß mir alle Wundärzte der Welt nicht helfen können.

Jago.

Das verhüte der Himmel!

Cassio.

O Guter Name! Guter Name! Ich habe meinen guten Namen verlohren; ich habe mein unsterbliches Theil verlohren, was mir übrig geblieben ist ein blosses Thier. Meinen guten Namen, Jago, meinen guten Namen! – –

Jago.

So wahr ich ein Bidermann bin, ich dachte, ihr hättet irgend eine tieffe Wunde in den Leib bekommen; das hätte mehr zu bedeuten als ein guter Name – – Diese Schimäre, die so oft ohne Verdienste gewonnen, und ohne Verschuldung verlohren wird. Ihr habt nichts verlohren, als in [258] so fern ihr euch einbildet, daß ihr was verlohren habt. Wie, Mann – – man kan Mittel finden, den General wieder zu gewinnen. Ihr seyd nur noch mündlich cassiert, eine Straffe, worinn mehr Politik als böser Willen ist; gerade so, als wenn einer seinen unschuldigen Hund schlüge, um einen übermüthigen Löwen zu erschreken. Gebt ihm gute Worte, so ist er wieder euer.

Cassio.

Ich wollte lieber selbst um meine Verwerfung bitten, als einen so rechtschaffnen General mit einem so schlechten, so versoffenen, so unbedachtsamen Officier betrügen. Besoffen? und plappern wie ein Papagay? und Händel anfangen? großpralen? fluchen? und dummes Zeug mit seinem eignen Schatten reden? O du unbändiger Geist des Weins, wenn du noch keinen Namen hast, woran man dich kennen kan, so laß dich Teufel heissen.

Jago.

Wer war der Kerl, den ihr mit dem Degen verfolgtet? was hatte er euch gethan?

Cassio.

Das weiß ich nicht.

Jago.

Ists möglich?

Cassio.

Ich erinnere mich eines verworrenen Klumpens von [259] Sachen, aber nichts deutlich: Eines Handels, aber nicht warum. O daß ein Mann einen Feind zu seinem Mund einlassen soll, damit er ihm seine Vernunft wegstehlen könne! daß wir fähig sind, mit lauter Freude, Lust, Scherz und Wohlleben uns in Bestien zu verwandeln!

Jago.

Nun, gebt euch zufrieden, ihr seyd wieder ganz wohl: Wie habt ihr euch sobald wieder erholt?

Cassio.

Der Teufel der Trunkenheit hat dem Teufel des Zorns Plaz gemacht; eine Unvollkommenheit zeigt mir eine andre – – o wie herzlich veracht’ ich mich selber!

Jago.

Kommt, ihr seyd ein allzustrenger Moralist. In Betrachtung der Zeit, des Orts und der gegenwärtigen Umstände dieses Lands möcht’ ich selbst von Herzen wünschen, es wäre nicht begegnet; aber da es nun einmal so ist wie es ist, so ergebt euch darein, und denkt darauf, wie ihr’s wieder gut machen wollt.

Cassio.

Gesezt, ich geh, und bitt’ ihn wieder um meine Stelle, so wird er mir sagen, ich sey ein Trunkenbold – – Hätte ich so viele Mäuler als die Hydra, eine solche Antwort würde sie mir alle stopfen. Izt ein vernünftiger Mensch seyn, bald darauf ein Narr, und dann plözlich gar ein [260] Vieh – – Ein jedes Glas das man zuviel trinkt ist verflucht, und das Ingrediens davon ist ein Teufel.

Jago.

Kommt, kommt, guter Wein ist ein guter Spiritus familiaris, wenn man mit ihm umzugehen weiß: Keine Declamationen mehr dagegen! – – Mein lieber Lieutenant, ich hoffe doch, ihr glaubt, daß ich euer Freund bin.

Cassio.

Ihr habt mir Proben davon gegeben, mein Herr – – Ich, betrunken! – –

Jago.

Das ist etwas, das euch und einem jeden andern ehrlichen Mann in der Welt einmal begegnen kan – – Ich will euch sagen, was ihr thun solltet. Unsers Generals Frau ist izt der General. Ich kan mich dieses Ausdruks bedienen, weil er sich ganz und gar der Beschauung, Betrachtung und Beherzigung ihrer Vollkommenheiten und Schönheiten gewiedmet und überlassen zu haben scheint. Macht ihr ein freymüthiges Geständniß euers Fehlers, und laßt nicht ab, bis sie euch verspricht euch wieder zu euerm Plaz zu helfen. Sie ist von einer so großmüthigen, so gütigen, so menschenfreundlichen Gemüths-Art, daß sie es für einen Mangel an Güte hielte, nicht noch mehr zu thun als man von ihr begehrt. Bittet sie, dieses zerbrochne Band zwischen euch und ihrem Manne wieder zusammen zu löthen – – [261] und ich will alles was ich habe gegen eine Steknadel sezen, eure Freundschaft wird stärker werden als sie je gewesen ist.

Cassio.

Euer Rath ist gut.

Jago.

Er ist wenigstens gut gemeynt, und kommt aus einem aufrichtigen und freundschaftlichen Herzen.

Cassio.

Davon bin ich überzeuget; ich will es nicht länger als bis morgen früh anstehen lassen, die tugendhafte Desdemona um ihr Vorwort zu bitten; ich bin gänzlich verlohren, wenn ich auf eine so schimpfliche Art von hier gejagt werde.

Jago.

Ihr habt recht; gute Nacht, Lieutenant; ich muß zur Wache sehen.

Cassio.

Gute Nacht, redlicher Jago – –

[Er geht ab.] 


[262]
Vierzehnte Scene.

Jago (allein.)

Und wo ist nun der, welcher sagen kan, ich spiele die Rolle eines Spizbuben? Da der Rath, den ich ihm gebe, gut, ehrlich, von dem wahrscheinlichsten Erfolg, ja in der That der gerade Weg ist, den Mohren wieder zu gewinnen. Denn es ist etwas sehr leichtes die gutherzige Desdemona zu bewegen, daß sie irgend eine erlaubte Bitte begünstige; sie ist von einer so überfliessend-wohlthätigen Natur wie die alles umfassenden Elemente. Und dann ist für sie wiederum nichts leichters als den Mohren zu gewinnen, wär’ es auch seinem Taufbund zu entsagen, so gänzlich ist seine Seele in ihrer Liebe verstrikt; sie kan mit ihm anfangen was sie will, machen, wieder vernichten, wie es ihrem Eigensinn nur belieben mag, den Gott mit seiner Schwäche zu spielen. Bin ich denn also ein Spizbube, dem Cassio einen Weg zu rathen, der ihn so gerade zu seinem Besten führt? Beym Abgott der Hölle! wenn Teufel ihre schwärzeste Sünden ausüben wollen, so täuschen sie uns zuvor in himmlischen Gestalten – – So mach’ ichs würklich auch. Denn indeß daß dieser ehrliche Thor sich Desdemonen zu Füssen wirft, um sein Glük wieder herzustellen, und sie alle ihre Macht über den Mohren zu Cassio’s Vortheil anwendet; ich will ihm den giftigen Argwohn in die Ohren blasen, daß sie ihn nur zu Büssung ihrer Lust so gerne bey sich zu behalten wünsche; und je eyfriger sie sich bemühen wird, ihm Gutes zu thun, je mehr wird sie ihren Credit in den Augen des Mohren verliehren. [263] So will ich ihre Tugend in Pech verwandeln, und aus ihrer Güte selbst ein Nez machen, worinn sie alle gefangen werden sollen. Wo kommt ihr her, Rodrigo?


Fünfzehnte Scene.
Rodrigo zu Jago.

Rodrigo.

Ich lauffe hier mit der Jagd, nicht wie ein Hund der jagt, sondern nur, wie einer der schreyen hilft. Mein Geld ist beynah aufgebraucht; heute Nachts bin ich ganz unvergleichlich abgeprügelt worden; und ich denke, das Ende vom Liede wird seyn, daß ich so viel Erfahrung für meine Mühe habe; und so werd’ ich mit einem leeren Beutel und einem Bißchen mehr Wiz wieder nach Venedig zurük kehren – –

Jago.

Was für elende Leute sind doch die, so keine Geduld haben können! Wenn heilt jemals eine Wunde anderst als nach und nach – – Du weißst doch, daß wir nicht zaubern können, sondern daß alles was wir thun, natürlich zugehen muß; und die Natur will ihre Zeit haben. Wo fehlt es dann, laßt sehen? Cassio hat dich geprügelt, und du hast für ein paar arme Schläge diesen Cassio cassiert – – Was reiff werden soll, muß erst blühen. Gedulde dich noch ein wenig: Es ist würklich schon Tag. Vergnügen und Arbeit machen, daß uns die Stunden kurz scheinen. Entfern’ [264] dich; geh, wohin du angewiesen bist; geh, sag ich – – du sollst bald mehr von mir hören – – Nun, so geh doch – –

(Rodrigo geht.) 

Nun sind zwey Dinge zu thun; mein Weib muß für den Cassio zur Desdemonen gehen, und das will ich bald veranstaltet haben; ich muß indeß den Mohren auf die Seite nehmen, und ihn nicht eher wieder erscheinen lassen, als gerade wenn er den Cassio bey seiner Frauen überraschen kan – – ja, so muß es gehen – – und das Eisen soll geschmiedet werden, weil es noch warm ist.

(Er geht ab.) 


[265]
Dritter Aufzug.
Erste Scene.
(Vor Othello’s Pallast.)
Cassio, mit Musicanten, tritt auf.

Cassio.

Meine Herren, hier spielt eins, (ich will eure Mühe vergelten,) etwas das nicht zu lange währt, und dann wünscht dem General einen guten Morgen.

(Die Musik fängt an; Hans Wurst kommt aus dem Hause heraus.)

Hans Wurst.

Wie, ihr Herren, sind eure Instrumente in Neapel gewesen, daß sie so durch die Nase reden? – – Hier ist Geld für euch; eure Musik gefällt dem General so wol, daß er wünscht, ihr möchtet ihm den Gefallen thun, und nicht gar zu laut damit seyn.

Musik.

Gut, Herr, wir wollen’s leiser machen.

[266] Hans Wurst.

Wenn ihr eine Musik habt, die man nicht hört, so macht immer fort: Aber was man heißt, Musik zu hören, davon ist der General kein sonderlicher Liebhaber.

Musik.

Eine Musik, die man nicht hört? – – Wir können eine solche, Herr.

Hans Wurst.

So stekt eure Pfeiffen wieder in euern Sak, und zieht ab. Geht, zerfließt in Luft, fort.

(Die Musicanten gehen ab.) 

Cassio.

Hörst du, guter Freund?

Hans Wurst.

Mit beyden Ohren.

Cassio.

Hier ist ein kleines Goldstük für dich; wenn die Kammer-Frau der Generalin auf ist, so sag’ ihr, es sey ein gewisser Cassio da, der sich die Erlaubniß ausbitte, ein paar Worte mit ihr zu reden. Willt du?

Hans Wurst.

Sie ist auf, Herr; wenn sie mir in den Wurf kommt, so will ich nicht ermangeln, es ihr zu notificieren.

[Er geht.] 

[267] Cassio.

Thu das, guter Freund – – Da kommt Jago eben recht.

Jago (zu ihm.)

Jago.

Ihr seyd also nicht zu Bette gegangen?

Cassio.

Nein, gewiß nicht; der Tag brach ja schon an, eh wir schieden. Ich bin so frey gewesen, und habe eure Frau hieher bitten lassen; ich will sie ersuchen, sie möchte mir Zutritt bey Desdemona verschaffen.

Jago.

Ich will sie augenbliklich hieher schiken, und indeß ein Mittel ausfindig machen, um den Mohren auf die Seite zu bringen, damit ihr ungehindert mit Desdemonen sprechen könnt.

(Er geht ab.) 

Cassio.

Ich dank euch gehorsamst davor – – In meinem Leben hab’ ich keinen gutherzigern und ehrlichern Florentiner gesehen!

Aemilia zu Cassio.

Aemilia.

Guten Morgen, Herr Lieutenant. Es ist mir leid, [268] daß ihr Verdruß gehabt habt; aber ich hoffe, es wird alles wieder gut werden. Der General und seine Gemahlin reden mit einander davon, und sie nimmt eure Parthey sehr lebhaft. Der Mohr hält ihr entgegen, derjenige, den ihr verwundet hättet, sey ein Mann von grossem Namen in Cypern, und von einer ansehnlichen Familie; er könne aus politischen Ursachen nicht anders, als euch von sich entfernen. Jedoch versichert er zu gleicher Zeit, er liebe euch, und habe keine andre Fürbitter nöthig, um euch wieder bey ihm in Gunst zu sezen, als seine eigne Zuneigung.

Cassio.

Ich bitte euch dem ungeachtet, wenn ihr anders glaubt daß es schiklich sey, und wenn es sich thun läßt, mir Gelegenheit zu verschaffen, daß ich ein paar Worte mit Desdemonen allein sprechen könnte.

Aemilia.

Ich bitte euch, kommt herein; ich will euch an einen Ort führen, wo ihr Gelegenheit haben sollt, ihr alles zu sagen was ihr auf dem Herzen habt.

Cassio.

Ich bin euch sehr dafür verbunden.

[Sie gehen ab.] 


[269]
Zweyte Scene.
Othello, Jago, und etliche Cyprische Edelleute.

Othello.

Diese Briefe, Jago, gieb dem Schiffs-Patron, und bitte ihn, dem Senat meine Schuldigkeit zu bezeugen. Ich will indessen einen Gang in die Vestungs-Werker thun; mache, daß du dort wieder zu mir kommst.

Jago.

Ich werde nicht ermangeln, gnädiger Herr.

Othello.

Wollen wir gehen, meine Herren, und die Vestung besehen?

Edelleute.

Wir werden die Ehre haben, Eu. Gnaden zu begleiten.

(Sie gehen ab.) 


Dritte Scene.
(Verwandelt sich in das Zimmer im Pallast.)
Desdemona, Cassio, und Aemilia.

Desdemona.

Sey versichert, mein guter Cassio, ich will alle meine Vermögenheit zu deinem Besten anwenden.

[270] Aemilia.

Thut es, liebste Madam; ich weiß, es bekümmert meinen Mann, als ob es seine eigne Sache wäre.

Desdemona.

Ich glaub’ es, er ist ein guter Mensch; zweifelt nicht, Cassio, ich will meinen Herrn und euch wieder zu so guten Freunden machen, als ihr gewesen seyd.

Cassio.

Meine großmüthigste Gebieterin, was auch aus Cassio werden mag, so wird er nie was anders als euer getreuer Diener seyn.

Desdemona.

Ich weiß es; ich danke euch; ihr liebet meinen Gemahl; ihr kennt ihn schon lange; und seyd vollkommen versichert, er wird in dieser Entfernung von euch nicht weiter gehen, als er durch politische Ursachen sich genöthigt sehen wird.

Cassio.

Sehr wohl, Gnädige Frau; aber diese politische Freundschaft kan so lange währen, und indeß mit einer so leichten und wäßrichten Nahrung unterhalten werden, daß, indem ich abwesend bin, und ein andrer meine Stelle inne hat, mein General meiner Ergebenheit und meiner Dienste endlich gänzlich vergessen wird.

[271] Desdemona.

Macht euch keine solche Gedanken; hier in Aemiliens Gegenwart verbürg’ ich mich selbst für deine Stelle. Versichre dich, wenn ich meine Freundschaft verspreche, so darf man sich darauf verlassen, daß ich ihre Pflichten bis auf den äussersten Punkt erfüllen werde. Mein Gemahl soll keine Ruhe haben, bis er sich ergeben wird; er soll Tag und Nacht nichts anders hören, ich will ihn bis in sein Bette damit verfolgen, und er soll nichts sagen noch thun können, wovon ich nicht den Anlas nehme, ihn an Cassio’s Gesuch zu erinnern; sey also ruhig, Cassio; deine Sachwalterin soll eher das Leben lassen, ehe sie deine Sache aufgeben soll.


Vierte Scene.
Othello und Jago treten von der Seite, in einiger Entfernung auf.

Aemilia.

Gnädige Frau, dort kommt euer Gemahl.

Cassio.

So will ich meinen Abschied nehmen, Gnädige Frau.

Desdemona.

Warum dann? Bleibt da, und hört mich reden.

[272] Cassio.

Izt nicht, Gnädige Frau; ich bin so übel aufgeräumt, daß ich meiner Sache keinen guten Schwung geben würde.

(Cassio geht ab.) 

Desdemona.

Gut, nach euerm Belieben.

Jago (leise.)

Ha! Das gefällt mir nicht zum Besten – –

Othello (zu Jago.)

Was sagst du?

Jago.

Nichts, Gnädiger Herr; oder wenn – – ich weiß selbst nicht was.

Othello.

Gieng nicht diesen Augenblick Cassio von meiner Frauen weg?

Jago.

Cassio, Gnädiger Herr? – – Nein, versichert, ich kan mir nicht vorstellen, daß er sich, sobald er euch kommen sieht, so eilfertig davon schleichen würde, als ob er kein gutes Gewissen hätte.

Othello.

Ich glaube nicht anders als er war’s.

[273] Desdemona.

Wie steht’s, mein Gemahl? Ich sprach eben izt mit einem Supplicanten, einem Mann, den eure Ungnade sehr unglüklich macht.

Othello.

Und wer ist dieser Mann?

Desdemona.

Wer sollt es seyn als euer Lieutenant, Cassio? Liebster Gemahl, wenn ich nur das mindeste Vermögen über euer Herz habe, so söhnt euch auf der Stelle wieder mit ihm aus. Wenn er nicht ein Mann ist, der euch aufrichtig liebt, und der aus blosser Uebereilung und nicht mit Vorsaz gefehlt hat, so versteh ich nichts davon was ein ehrliches Gesicht ist.

Othello.

War er’s, der nur eben weggieng?

Desdemona.

Und so niedergeschlagen, daß er meinem mitleidigen Herzen einen Theil seines Kummers zurükgelassen hat. Ich bitte euch, mein Schaz, laßt ihn zurükruffen.

Othello.

Noch nicht, liebste Desdemona, ein andermal.

Desdemona.

Aber doch bald?

[274] Othello.

Bald genug, mein Herz, für dich.

Desdemona.

Heute, Abends, zum Nacht-Essen?

Othello.

Das nicht.

Desdemona.

Also doch morgen auf den Mittag?

Othello.

Ich esse morgen mit einigen Officiers in der Citadelle zu Mittag.

Desdemona.

Nun, also doch Morgen Nachts, oder Dienstag Morgens oder Nachts, oder Mittwoch Morgens, ich bitte dich, bestimme die Zeit; aber laß es nicht länger als drey Tage seyn; bey meiner Treue, er ist bußfertig; und doch ist sein Verbrechen, nach der gemeinen Art davon zu urtheilen und bey Seite gesezt, daß in Kriegszeiten von einem Officier das beste Exempel gefordert wird, eine kleine Uebereilung, die kaum einen Privat-Verweis verdient – – Wenn soll er kommen? Sag mir’s, Othello! Mich nimmt in der Seele Wunder, was ihr mich bitten könntet, das ich euch abschlagen würde, oder wobey ich so verdrieslich dastühnde! Wie? Michael Cassio! – – Der eurer Liebe zu mir so gute [275] Dienste leistete; der so oft, wenn ich nicht sehr vortheilhaft von euch sprach, eure Parthey nahm – – und ich soll soviel Mühe haben, ihn wieder bey euch in Gunst zu sezen? Glaubt mir auf mein Wort, ich wollte wohl mehr – –

Othello.

Ich bitte dich, laß es genug seyn; er kan kommen, wenn er will; ich will dir nichts abschlagen.

Desdemona.

Wie, das ist keine Gefälligkeit, die ich für mich bitte; es ist als ob ich euch bitte eure Kleider zu tragen oder von einer gesunden Speise zu essen, oder euch warm zu halten; kurz, als ob ich bey euch darum anhielte, daß ihr euch selbst etwas zu gut thun möchtet. Nein, wenn ich eine Bitte habe, wodurch ich eure Liebe in der That auf die Probe zu stellen gedenke, so soll es etwas schweres und grosses seyn, etwas das Herz erfordert, um bewilliget zu werden.

Othello.

Ich werde dir nichts abschlagen, und alles was ich mir dagegen von dir ausbitte, ist, daß du mich izt ein wenig allein lassen wollest.

Desdemona.

Sollt’ ich euch’s abschlagen? Nein; lebt wohl, mein Gemahl.

Othello.

Lebe wohl, meine Desdemona, ich will gleich folgen.

[276] Desdemona.

Aemilia, komm; seyd wie es euch eure Laune eingiebt, ihr mögt seyn wie ihr wollt, so bin ich gehorsam.

(Sie gehen ab.) 


Fünfte Scene.
Othello und Jago bleiben.

Othello.

Anmuthsvolle Spizbübin! – – Verderben erhasche meine Seele, wenn ich dich nicht liebe – – und wenn ich dich nicht mehr liebe, so ist die Welt wieder zum Chaos worden.

Jago.

Mein Gebietender Herr – –

Othello.

Was willt du sagen, Jago?

Jago.

Wie ihr euch um eure Gemahlin bewarbet, wußte Michael Cassio etwas von eurer Liebe?

Othello.

Allerdings, vom Anfang bis zum Ende: Warum fragst du?

[277] Jago.

Bloß zu meiner eignen Befriedigung; es hat gar nichts böses zu bedeuten.

Othello.

Warum zu deiner eignen Befriedigung?

Jago.

Ich glaubte nicht, daß er etwas davon gewußt habe.

Othello.

Oh, ja, das hat er, und er war oft die Mittels-Person zwischen uns beyden.

Jago.

In der That!

Othello.

In der That? Ja, in der That! Siehst du was hierinn? Ist er nicht ein rechtschaffner Mann?

Jago.

Rechtschaffen, Gnädiger Herr?

Othello.

Rechtschaffen? Ja, rechtschaffen!

Jago.

Gnädiger Herr, so viel ich weiß.

[278] Othello.

Was denkst du?

Jago.

Denken, Gnädiger Herr!

Othello.

Denken, Gnädiger Herr! – – Wie, beym Himmel! Was meynst du damit, daß du mir immer nachhallest, gleich als ob irgend ein Ungeheuer, zu gräßlich um gezeigt zu werden, in deinen Gedanken verborgen läge? Du meynst etwas damit; vor einer kleinen Weile hört’ ich dich sagen, das gefalle dir nicht – – wie Cassio von meinem Weibe weggieng. Was gefiel dir nicht? – – Und wie ich dir sagte, er sey während dem ganzen Lauf meiner Bewerbung um Desdemona mein Vertrauter gewesen; riefst du, in der That? und zogst deine Augbraunen auf eine Art zusammen, als ob du in selbem Augenblik irgend einem scheußlichen Gedanken in deinem Gehirn den Ausgang versperren wolltest: Wenn du mein Freund bist, so sage mir was du denkst.

Jago.

Gnädiger Herr, ihr wißt, daß ich euer Freund bin.

Othello.

Ich denke, du bist’s: Und weil ich weiß, daß du ein gutherziger, ehrlicher Mann bist, und deine Worte wiegst, eh du ihnen Athem giebst, so schreken mich diese Pausen [279] an dir; denn wenn es an einem falschen unredlichen Spizbuben ein Kunstgriff oder auch oft bloß ein angewöhntes Wesen ist, das nichts zu bedeuten hat; so ist es hingegen an einem rechtschaffnen Mann ein Zeichen, daß er sich Mühe giebt etwas in seinem Herzen zurück zu halten, dessen Entdekung schlimme Folgen habe könnte.

Jago.

Was Michael Cassio betrift, so darf ich schwören, daß ich ihn für einen ehrlichen Mann halte.

Othello.

Dafür halt’ ich ihn auch.

Jago.

Die Leute sollten seyn, was sie scheinen; oder die es nicht sind, von denen wäre zu wünschen, daß sie auch so aussähen, wie Schelmen.

Othello.

Es ist wahr, die Leute sollten seyn, was sie scheinen.

Jago.

Nun, ich denke also, Cassio ist ein ehrlicher Mann.

Othello.

Nein, du willt mehr damit sagen; ich bitte dich, rede mit mir, wie mit deiner eignen Seele, und gieb deinem ärgsten Gedanken auch den ärgsten Ausdruk.

[280] Jago.

Mein liebster General, verschonet mich. Ob ich euch gleich einen vollkommnen Gehorsam schuldig bin, so bin ich doch dazu nicht verbunden, worinn alle Sclaven frey sind – – euch meine Gedanken zu sagen – – Wie? gesezt, sie seyen einmal falsch, schändlich; wo ist der Pallast, in den sich nicht zuweilen garstige Dinge eindrängen? Wer hat ein so reines Herz, das nicht manchmal unziemliche Vorstellungen sich unter seine guten Gedanken einmischen sollte?

Othello.

Du bist ein Verräther an deinem Freund, Jago, wenn du glaubst, er werde betrogen, und ihm doch nicht entdekest was du denkst.

Jago.

Ich denke, daß ich mich vielleicht in meiner Muthmassung betrüge; (wie ich dann bekennen muß, daß es ein unglüklicher Fehler meines Temperaments ist, zum Mißtrauen geneigt zu seyn, und mir eine Sache manchmal schlimmer einzubilden als sie ist,) ich bitte euch also, Gnädiger Herr, euch selbst aus den ungefehren und unsichern Bemerkungen eines Menschen, den sein Argwohn so leicht betrügen kan, keine Ursachen zur Unruhe zu ziehen: Es wäre nicht gut für euch, und nicht ehrlich und vernünftig an mir, wenn ich euch meine Gedanken wollte wissen lassen.

Othello.

Was meynst du damit?

[281] Jago.

Der gute Name, mein liebster gnädiger Herr, ist bey Manns und Weibsleuten ein Kleinod das ihnen so theuer seyn soll als ihre Seele. Wer mir mein Geld stiehlt, stiehlt Quark; es ist etwas und ist nichts; es war mein, nun ists sein, und ist schon ein Sclave von Tausenden gewesen; aber wer mir meinen guten Namen nimmt, beraubt mich eines Schazes, der ihn nicht reicher und mich in der That arm macht.

Othello.

Ich will wissen, was du denkst – –

Jago.

Ihr könntet das nicht, wenn ihr gleich mein Herz in eurer Hand hättet; und sollt es nicht, so lang es in meiner Verwahrung ist.

Othello.

Ha!

Jago.

Oh, Gnädiger Herr, nehmt euch vor der Eifersucht in Acht; sie ist ein grün-äugiges Ungeheuer, das sich toller Weise von demjenigen nährt was es am meisten verabscheut. Mancher betrogne Ehemann ist seines Schiksals gewiß, ohne desto unglüklicher zu seyn, weil ihm seine Ungetreue gleichgültig ist – – Aber, o was für unselige Minuten [282] zählt derjenige über, der vor Liebe schmachtet und doch zweifelt; der argwöhnet, und nur desto heftiger liebt!

Othello.

Ein elender Zustand, beym Himmel!

Jago.

Arm und zufrieden, ist reich und reich genug; aber ein unermeßlicher Reichthum ist so arm als der Winter für denjenigen, der immer besorgt, es werde ihm ausgehen. Gütiger Himmel! bewahre alle menschlichen Herzen vor Eifersucht!

Othello.

Wie? Was meynst du damit? Denkst du, ich wollte jemals mein Leben in Eifersucht zubringen? Die Monds-Veränderungen unverwandt mit argwöhnischen Augen begleiten? Nein, einmal zweifeln heißt bey mir entschlossen seyn. Tausche mich gegen eine Ziege aus, wenn ich jemals fähig bin meine Seele so mißgeschaffnen Gespenstern einer kranken Phantasie Preiß zu geben, als du dir einbildest. Das kan mich nicht eifersüchtig machen, wenn jemand sagt, mein Weib ist schön, ißt mit gutem Appetit, liebt Gesellschaft, ist munter, gesprächig, singt, spielt und tanzt gut; an einer tugendhaften Person werden diese Dinge selbst zu Tugenden. Eben so wenig werd’ ich jemals von meinen eignen Unvollkommenheiten Anlas zum kleinsten Zweifel oder Verdacht einer Untreue von ihrer Seite nehmen; denn sie hatte Augen und wählte mich. Nein, Jago; ich will sehen [283] eh ich zweifle; wenn ich zweifle, so will ich Beweise; und sobald ich diese habe, weg auf einmal mit Liebe und Eifersucht!

Jago.

Das hör’ ich sehr gerne; dann nun darf ich mir also kein Bedenken mehr machen, euch die Freundschaft und Ergebenheit sehen zu lassen, die ich zu euch trage. Nehmt also was ich sagen werde so auf, wie es gemeynt ist. Ich rede noch nicht von Beweisen; gebt auf eure Gemahlin Acht, habt ein aufmerksames Aug auf sie und Cassio, das ist alles was ich sagen kan: Nicht eifersüchtig, aber auch nicht sicher; ich möchte nicht gerne, daß ein so edles Gemüthe wie das eurige, aus einem Uebermaaß von angebohrner Gutherzigkeit betrogen würde; seht euch also vor. Ich kenne die Venetianische Landes-Art; in Venedig bekümmern sie sich wenig, ob der Himmel ein Zeuge ihrer Streiche ist, wenn nur ihre Männer nichts davon gewahr werden; ihre gröste Gewissenhaftigkeit geht insgemein nicht weiter, als daß sie niemand zusehen lassen, wenn sie sündigen.

Othello.

Sagst du das?

Jago.

Sie betrog ihren Vater, wie sie sich euch ergab; und zu eben der Zeit, da sie euch am heftigsten liebte, stellte sie sich, als ob sie sich vor euch fürchte.

[284] Othello.

Das machte sie würklich so.

Jago.

Macht also den Schluß; konnte sie, so jung, so unschuldig als sie war, sich so gut verstellen, daß ihr eigner Vater von allem was in ihrem Herzen vorgieng, nichts gewahr werden konnte – – Er dachte, es müsse nothwendig Zauberey dabey gebraucht worden seyn – – Doch ich bin sehr zu tadeln: Ich bitte euch recht demüthig um Vergebung, daß ich mich von meiner Liebe zu euch so weit verleiten lasse.

Othello.

Ich bin euch auf immer dafür verbunden.

Jago.

Ich sehe doch, es hat eure Lebensgeister ein wenig in Unordnung gebracht.

Othello.

Im mindsten nicht, im mindsten nicht!

Jago.

Glaubt mir, ich besorge, es ist so etwas; ich hoffe wenigstens, ihr werdet überzeugt seyn, daß, was ich sagte aus Freundschaft zu euch geflossen ist. Aber, ich seh’ es, ihr seyd beunruhigt – – Ich bitte euch recht inständig, meinen Reden keine schlimmere Auslegung zu geben, als meine Meynung ist.

[285] Othello.

Das will ich auch nicht.

Jago.

Thätet ihr’s, Gnädiger Herr, so könntet ihr Folgen daraus ziehen, an die ich in der That nie gedacht habe. Cassio ist mein Freund und ein Mann der Verdienste hat – – Gnädiger Herr, ich sehe, ihr seyd unruhig – –

Othello.

Nein, nicht sonderlich unruhig – – ich denke nichts anders, als Desdemona ist tugendhaft.

Jago.

Lange lebe sie so! Und lange möget ihr leben, so zu denken!

Othello.

Und doch, wenn die Natur einmal aus ihrem Geleis getreten ist – –

Jago.

Das ist eben der Punct – – Daß sie (wenn ich so frey seyn darf, es herauszusagen) so viele Partheyen, die ihr natürlicher Weise hätten angemeßner scheinen sollen, abgewiesen hat, um sich einem Liebhaber zu ergeben, dessen Landesart, Farbe und Alter dem ihrigen so entgegen gesezt war. In der That, das scheint etwas ausschweiffendes in ihrem Gemüth, eine gewisse Ueppigkeit und Unordnung ihrer Einbildung [286] und ihrer Neigungen anzuzeigen. Doch ich bitte euch um Vergebung, ich rede eigentlich nicht von ihr ins besondere; ob ich gleich nicht ohne alle Sorge bin, so könnte, bey kühlerm Blut, darauf fallen, eure Gestalt mit derjenigen von ihren Landsleuten zu vergleichen, und sich vielleicht ihre Wahl gereuen zu lassen.

Othello.

Leb wohl, leb wohl; wenn du etwas weiters merkest, so laß mich’s wissen: Trag es deiner Frau auf, sie genau zu beobachten. Verlaß mich, Jago.

Jago.

Ich beurlaube mich, gnädiger Herr.

(Er geht.) 

Othello.

O warum heurathete ich! Dieser ehrliche Mann sieht und weiß ohne Zweifel mehr, weit mehr, als er sagt.

Jago (wieder zurükkommend.)

Gnädiger Herr, ich wollt’ ich dürfte Eu. Gnaden bitten, dieser Sache nicht weiter nachzuhängen; überlaßt es der Zeit; ob es gleich ganz gut wäre, daß Cassio wieder seine Stelle hätte, (denn in der That, bekleidete er sie mit grosser Geschiklichkeit,) so würdet ihr doch, wenn es euch gefiele ihn noch eine Zeitlang in der Ungewißheit zu lassen, dabey Anlaß finden, ihn und sein Betragen besser kennen zu lernen. Gebt auch acht, ob eure Gemahlin seine Wiedereinsezung [287] mit Merkmalen von Ungestüm und Heftigkeit betreiben wird; daraus würde sich vieles abnehmen lassen. Mittlerweile glaubet lieber, ich treibe meine Besorgnisse zu weit, und begegnet ihr so, daß sie keine Veränderung spüren könne; ich bitte Eu. Gnaden sehr darum.

Othello.

Verlaß dich hierüber auf meine Klugheit.

Jago.

Ich empfehle mich nochmals.

(Er geht ab.) 


Sechste Scene.
Othello allein.

Othello.

Dieser Bursche ist der ehrlichste Mensch von der Welt, und kennt die Menschen und den Lauf der Welt meisterlich: Find’ ich sie unkeusch, so soll alle meine Liebe sie nicht vor meinem Grimm retten – – Vielleicht weil ich schwarz bin, und keine von den einschmeichelnden Eigenschaften im Umgang habe, die das ganze Verdienst dieser Jungfern-Knechte ausmachen; oder weil ich schon im herabsteigenden Alter bin – – Doch, das will nicht viel sagen – – Sie ist hin, ich bin betrogen, und mein Trost muß seyn, einen Ekel vor ihr zu fassen. O der Fluch des Ehestandes! Daß wir diese reizenden Geschöpfe unser nennen können, und nicht [288] ihre Neigungen! Ich wollte lieber eine Kröte seyn, und von den Ausdünstungen einer Mistgrube leben, als in dem was ich liebe, einen Winkel für eines andern Gebrauch zu wissen. Und doch ist das die gewöhnliche Plage der Grossen, die hierinn unglüklicher als die Geringen sind; es ist ein unvermeidliches Schiksal wie der Tod – – Hier kommt sie ja!

Desdemona und Aemilia treten auf.

Wenn sie ungetreu ist, so spottet der Himmel seiner selbst. Ich kan es nicht glauben!

Desdemona.

Wie geht’s, mein liebster Othello? Euer Mittag-Essen, und die edeln Insulaner, die ihr dazu eingeladen habt, warten auf eure Gegenwart.

Othello.

Ich bin zu tadeln.

Desdemona.

Warum redet ihr so schwach? Fehlt euch was?

Othello.

Ich hab’ einen Schmerz hier an meiner Stirne.

Desdemona.

Das kommt nur, weil ihr zu viel gewacht habt, es wird bald wieder vergehen. Erlaubt mir nur, daß ich euch [289] die Stirne hart verbinde, so wird es in einer Stunde wieder besser seyn. (Sie zieht ihr Schnupftuch heraus, um es ihm umzubinden.)

Othello.

Euer Schnupftuch ist zu klein; laßt es gut seyn: Kommt, ich will mit euch gehen.

(Das Schnupftuch entfällt ihr, indem sie es einsteken will.)

Desdemona.

Es ist mir recht leid, daß ihr nicht wohl seyd.

[Sie gehen ab.] 


Siebende Scene.
Aemilia bleibt zurük.

Aemilia (indem sie das Schnupftuch aufließt.)

Ich bin froh, daß ich dieses Schnupftuch gefunden habe; das war das erste Geschenk, das sie von dem Mohren empfieng. Mein wunderlicher Mann hat mir schon hundertmal gute Worte gegeben, daß ich es stehlen sollte. Allein sie liebt es so sehr, (denn er beschwor sie, es immer zu seinem Andenken zu behalten,) daß sie es immer mit sich herum trägt, um es zu küssen und damit zu schwazen. Ich will den Riß von der Stikerey abzeichnen, und es dann dem Jago geben; was er damit machen will, weiß der Himmel, nicht ich: Ich habe nichts dabey, als seine Grille zu befriedigen.

[290]
Jago tritt auf.

Jago.

Wie steht’s? Was macht ihr hier allein?

Aemilia.

Schmählt mich nicht; ich hab etwas für euch.

Jago.

Ihr habt etwas für mich? Es ist etwas gemeines – –

Aemilia.

Wie?

Jago.

Ein närrisches Weib zu haben.

Aemilia.

O, ist das alles! Was gebt ihr mir für dieses Schnupftuch?

Jago.

Was für ein Schnupftuch?

Aemilia.

Was für ein Schnupftuch? – – Wie, das so der Mohr Desdemonen gab; das nemliche, wo ihr mich so lange schon stehlen hiesset.

Jago.

Hast du ihr’s gestohlen?

[291] Aemilia.

Nein; aber sie ließ es aus Versehen entfallen, und da ich zu allem Glük dabey war, so hub ich’s auf; sieh, da ist es.

Jago.

Du bist ein braves Mensch; gieb mir’s.

Aemilia.

Was wollt ihr damit machen, daß ihr so ernstlich haben wolltet, daß ich’s stehlen sollte?

Jago.

Wie, was geht das dich an?

Aemilia.

Wenn es nicht zu irgend einem Vorhaben von Wichtigkeit ist, so gebt mir’s wieder. Die arme Frau! Sie wird närrisch werden, wenn sie es missen wird.

Jago.

Thut nicht, als ob ihr was davon wißt. Ich hab es nöthig. Geh, laß mich allein – – (Aemilia geht ab.) Izt will ich dieses Schnupftuch in Cassio’s Quartier verliehren, und es ihn finden lassen. Die ärmsten Kleinigkeiten sind für eifersüchtige Leute so starke Bekräftigungen, als Beweise aus der Bibel. Dieses Ding kan zu was gut sein. Das Gift das ich dem Mohren beygebracht habe, fangt schon an bey ihm zu würken: Argwöhnische Einbildungen haben [292] in der That die Natur des Gifts, welches man anfangs am Geschmak kaum erkennen kan: aber sobald es ins Blut übergeht, wie eine Schwefel-Mine brennt – – Das sagt ich!


Achte Scene.

Seht, da kommt er! Weder Mohn-Saamen, noch Mandragora, noch alle einschläfernde Säfte in der Welt zusammen genommen werden dir jemals diesen süssen Schlaf wiedergeben, den du gestern noch hattest – –

Othello (vor sich!)

Ha! Sie soll mir untreu seyn!

Jago.

Wie, wie stehts, General! Nichts solches mehr!

Othello.

Hinweg! fort! Du spannst mich auf die Folter: Ich schwör’ es, es ist besser mit seinen Augen sehen, daß man betrogen wird, als nur besorgen müssen, daß man’s sey.

Jago.

Wie, Gnädiger Herr?

Othello.

Was wußt’ ich von ihren verstohlnen Ausschweiffungen? Ich sah sie nicht, ich dachte nicht daran, sie thaten mir kein Leid; ich schlief die Nacht darauf wohl; war ruhig [293] und froh; ich fand Cassio’s Küsse nicht auf ihren Lippen. Laßt den der bestohlen ward und das Gestohlne nicht vermißt; laßt ihn nichts davon wissen, und es ist soviel als ob er gar nicht bestohlen worden wäre.

Jago.

Ich bedaure, daß ich solche Dinge hören muß.

Othello.

Und hätte das ganze Lager bis auf die Troßbuben herab, ihren holden Leib gekostet, und ich wüßte nur nichts davon, so wär’ ich glüklich. Aber, o! nun auf ewig fahr wohl, Ruhe des Gemüths! Fahr wohl Zufriedenheit! Fahret wohl, ihr mit Federbüschen geschmükten Schaaren; und du, stolzer Krieg, der die schwellende Seele mit edler Ruhmbegierde füllt: O fahret wohl! Fahret wohl wiehernde Stuten, schmetternde Trompete, Muth-erwekende Trummel, und du muntre Queer-Pfeiffe, königliches Panner, und der ganze Prunk und Pomp des glorreichen Kriegs! Und, o! ihr tödtlichen Werkzeuge, deren eherner Rachen Jupiters furchtbaren Donner nachahmt, fahret wohl! Othello’s Arbeit ist gethan!

Jago.

Ist’s möglich, Gnädiger Herr? – –

Othello.

Nichtswürdiger, sey gewiß, daß du mir beweisen kanst, daß meine Liebe eine Hure ist; sey dessen gewiß, gieb mir [294] eine sichtbare Probe – – (Er faßt ihn wüthend an.) Oder, beym Werth der unsterblichen Seele des Menschen! es wäre dir besser, wenn du ein Hund gebohren worden wärest, als meinem aufgeschrekten Grimm zu begegnen.

Jago.

Ist es dazu gekommen?

Othello.

Laß mich’s sehen; oder beweis es wenigstens so, daß kein Schatten eines Zweifels übrig bleibe: Oder weh deinem Leben!

Jago.

Mein edler Gebieter – –

Othello.

Wenn du sie unschuldig angeklagt, und mich auf diese Folterbank geschraubt hast, so bete nicht mehr, erstik dein Gewissen, häuffe Greuel auf Greuel, begeh Sünden, daß der Himmel weinen und die Erde sich entsezen muß; du kanst nichts ärgers thun, um das Maaß deiner Verdammniß voll zu machen als du schon gethan hast.

Jago.

O! Barmherzigkeit! Der Himmel steh mir bey! Seyd ihr ein Mann? Habt ihr eine Seele? oder ein menschliches Gefühl? Gott sey bey euch; nehmt mir mein Amt, und wenn ihr wollt, mein Leben dazu – – O ich unglüklicher [295] Thor, daß ich erleben soll daß meine Ehrlichkeit zum Verbrechen gemacht wird! O Welt! Welt! Das ist dein Lauff; ehrlich und aufrichtig, ist sein eigner Feind seyn. Ich dank’ euch für diesen Unterricht; von nun will ich der Freundschaft gute Nacht geben, und niemand mehr lieben als mich selbst.

Othello.

Nein, warte – – Du solltest ehrlich seyn – –

Jago.

Ich sollte klug seyn; Ehrlichkeit ist ein Narr, der jedermann gutes thut, und nur sich selbst schadet.

Othello.

Bey allem was in der Welt ist, ich denke mein Weib ist unschuldig, und denke sie ists nicht; ich denke du bist rechtschaffen, und denke du bist’s nicht; ich will Beweis haben. Ihr Name, der so frisch war wie Dianens Antliz, ist nun so schwarz als mein eignes. Nein, wenn noch Strike, noch Dolche, noch Gift, Feuer oder Wasser in der Welt sind, so will ich diese Pein nicht länger ausstehen – – Ich wollt’ ich wäre meines Schiksals gewiß!

Jago.

Ich sehe, Gnädiger Herr, ihr werdet von eurer Leidenschaft aufgerieben. Es reut mich, daß ich Anlas dazu gegeben habe. Ihr wollt eures Schiksals gewiß seyn?

[296] Othello.

Ja, das will ich.

Jago.

Und könnt; aber wie? wie gewiß seyn, Gnädiger Herr? wolltet ihr ein Augenzeuge seyn – – mit weitoffnen Augen zu sehen? Sehen wie sie – –

Othello.

Tod und Verdammniß! oh!

Jago.

Ich denk’ es würde schwer halten, sie so vertraulich zu machen: Bey solchen Spielen liebt man keine fremde Augen zu Zuschauern. Was dann? Wie dann? Was soll ich sagen? Was nennt ihr Gewißheit? Es ist unmöglich, daß ihr’s mit Augen sehen könnt; und wenn sie so unverschämt wären wie Geissen, so hizig wie die Wald-Teufels, und so unbesonnen wie ein Dummkopf, den man mit Wein angefüllt hat. Und doch sag ich, wenn Wahrscheinlichkeiten, wenn Umstände die geradeswegs bis vor die Thüre der Wahrheit führen, euch Gewißheit geben können, so könnt’ ihr sie haben.

Othello.

Gieb mir einen überführenden Beweis, daß sie ungetreu ist.

Jago.

Ihr legt mir eine unangenehme Pflicht auf; aber da ich [297] mich nun einmal, aus unüberlegter Aufrichtigkeit und Freundschaft, so weit in diese Sache eingelassen habe, so will ich weiter gehen. Ich lag lezthin mit Cassio in einem Bette; ein rasender Zahn machte daß ich nicht schlafen konnte – – Es giebt eine Art von Leuten, deren Seele so schlapp ist, daß ihnen ihre geheimsten Gedanken im Schlaf entgehen. Von dieser Art ist Cassio. Er redte im Schlaf. Liebste Desdemona, hört’ ich ihn sagen, laß uns vorsichtig seyn? Laß uns unser Liebes-Verständniß dem schärfsten Aug’ unerforschlich machen! Und dann, gnädiger Herr, tappte er um sich, und drükte mir die Hand, rief – – O bezauberndes Geschöpf! und küßte mich dann nicht anders, als ob er Küsse, die auf meinen Lippen wüchsen, mit den Wurzeln ausziehen wollte, legte dann sein Bein über meinen Schenkel, und seufte und küßte mich, und rief, verfluchtes Schiksal, das dich dem Mohren gab!

Othello.

O Scheusal! Scheusal!

Jago.

Nein, das war nur ein Traum.

Othello.

Aber ein Traum, der ganz deutlich anzeigt, was geschehen ist.

Jago.

Das ist ein verdammter Zweifel, ob es gleich nur ein [298] Traum ist. Es kan doch immer dazu dienen, andre, an sich selbst zu schwache Anzeigen zu verstärken.

Othello.

Ich will sie von Glied zu Glied in Stüke reissen.

Jago.

Nicht so heftig! Fasset euch; noch sehen wir nichts, sie kan noch unschuldig seyn – – Sagt mir nur das, habt ihr niemals ein Schnupftuch, mit Erdbeeren überstikt, in eurer Gemahlin Hand gesehen?

Othello.

Ich gab ihr so eines, es war mein erstes Geschenk.

Jago.

Davon weiß ich nichts; aber mit einem solchen Schnupftuch (und ich bin gewiß, es war eurer Gemahlin ihres,) sah ich Cassio heute seinen Bart wischen.

Othello.

Wenn’s das nemliche wäre – –

Jago.

Es mag dieses oder ein anders seyn, so war es doch von ihr, und, zu den andern Proben genommen, spricht es nicht zu ihrem Vortheil.

Othello.

O daß die Elende tausend Leben hätte! Eines ist zu [299] wenig für meine Rache. Nun seh ich endlich – – Schau, Jago, so blase ich alle meine Liebe dem Himmel zu: Sie ist weg; – – erhebe dich, schwarze Rache, aus deiner unseligen Gruft! und du, Liebe, tritt dem tyrannischen Haß deinen Thron und deine Krone ab! Wie mein Herz mir schwillt, als ob es mit lauter Natter-Zungen angefüllt wäre!

Jago.

Gebt euch noch zufrieden.

Othello.

O Blut, Blut, Blut! – –

Jago.

Geduld, sag ich; ihr könnt vielleicht anders Sinnes werden.

Othello.

Niemals, Jago – – niemals sollen meine blutige Gedanken, in ungestümer Fluth sich daherwälzend, zu sanfter Liebe zurük fliessen, bis eine weite hinlängliche Rache sie verschlungen haben wird – – Das schwör’ ich, (er kniet,) höre Himmel das schrekliche, unwiederrufliche Gelübd! – – Bey deiner unzerstörbaren Veste schwör’ ich Rache!

Jago (kniend.)

Stehet noch nicht auf – – Seyd Zeugen, ihr ewigbrennenden Lampen dort oben, und ihr Elemente, die uns rings umfassen; seyd Zeugen, daß Jago hier alles was [300] sein Verstand, seine Hand und sein Herz vermag, zum Dienste des beleidigten Othello wiedmet! Er befehle! Und ich will gehorchen, ohne zaudern gehorchen, so blutig auch der Befehl seyn mag!

Othello.

Ich bewillkomme deine Freundschaft nicht mit eiteln Danksagungen, sondern mit gutwilliger Annahm; und im gleichen Augenblik will ich dir sagen, wozu ich sie nöthig habe. In den nächsten dreyen Tagen, laß mich von dir hören, daß Cassio nicht mehr ist.

Jago.

Mein Freund ist todt; ihr wollt es, es ist gethan. Aber sie – – sie laßt leben!

Othello.

Verderben über sie, die unzüchtige Gleißnerin! oh! Verderben, Verderben über sie! Komm, geh mit mir auf die Seite, ich muß auf irgend ein schnelles Mittel denken, den schönen Teufel aus der Welt zu schaffen. Nunmehr bist du mein Lieutenant – –

Jago.

Ich bin auf ewig der eurige.

(Sie gehen ab.) 


[301]
Neunte Scene.
(Ein andrer Theil des Pallasts.)
Desdemona, Aemilia, und Hans Wurst.

Desdemona.

Guter Freund, wißt ihr, wo der Lieutenant Cassio ligt?

Hans Wurst.

Das unterstühnd’ ich mich wol nicht zu sagen, daß er irgendwo lüge.

Desdemona.

Warum?

Hans Wurst.

Er ist ein Soldat; und wenn unser einer sagte, ein Soldat lüge, das wäre Hals-Arbeit.

Desdemona.

Keine Possen! Wo ist sein Quartier?

Hans Wurst.

Da würd’ ich selbst lügen, wenn ich euch das sagen wollte.

Desdemona.

Auf diese Art werd’ ich von dir keine Antwort kriegen.

[302] Hans Wurst.

Ich weiß sein Quartier nicht; und wenn ich folglich ein Quartier erdenken wollte, und sagen, er lige da, oder er lige da im Quartier, so würd’ ich’s in meinen Hals hinein lügen.

Desdemona.

Du kanst ihn doch erfragen?

Hans Wurst.

Ich will die ganze Welt catechisieren; ich will so lange nach ihm fragen, bis mir jemand antwortet, wo er ist.

Desdemona.

Such ihn auf, und heiß ihn hieher kommen; sag ihm, ich habe meinen Herrn auf gute Gedanken für ihn gebracht, und ich hoffe, es werde alles gut gehen.

Hans Wurst.

Das ist endlich eine Verrichtung, die innert den Grenzen von eines ehrlichen Kerls Wiz ligt; und also will ich sehen, ob ich damit zu Stande kommen kan.

[Er geht.] 

Desdemona.

Wo mag ich doch das Schnupftuch verlohren haben?

Aemilia.

Ich weiß es nicht, gnädige Frau.

[303] Desdemona.

Ich versichre dich, ich wollte lieber einen Beutel voll Crusado’s verlohren haben. Wenn mein edler Mohr nicht zu vernünftig und zu großmüthig gesinnt wäre, um eifersüchtig zu seyn, so brauchte es nicht mehr, um ihn auf schlimme Gedanken zu bringen.

Aemilia.

Ist er nicht eifersüchtig?

Desdemona.

Wer, er? Ich denke, die Sonne, unter der er gebohren ward, zog alle groben Dünste von dieser Art aus ihm.

Aemilia.

Seht, da kommt er.

Desdemona.

Ich will izt nicht von ihm ablassen, bis er den Cassio zu sich ruffen läßt – – Wie stehts mit euch, mein lieber Gemahl?


Zehnte Scene.
Othello zu den Vorigen.

Othello.

Wohl, meine liebe Gemahlin – – Himmel! wie werd ich an mich halten können! – – wie gehts euch, Desdemona?

[304] [WS 1]Gebt mir eure Hand; diese Hand ist feucht, Madam. Heiß, heiß, und feucht – – eine solche Hand erfordert Eingezogenheit; fasten und beten, viel Casteyung, und geistliche Uebungen; denn es ist ein feuriger, schwizender Teufel hier, der oft rebellisch wird; es ist eine gute Hand, eine freygebige Hand.

Desdemona.

Ihr könnt in der That wohl so sagen; denn es war die Hand die mein Herz weggab.

Othello.

Eine freygebige Hand. In vorigen Zeiten gaben die Hände Herzen; aber unsre neue Heraldik ist Hände ohne Herz.[5]

Desdemona.

Ich verstehe mich nichts hierauf; kommt, wir wollen nun von euerm Versprechen reden.

Othello.

Was für ein Versprechen, mein Däubchen?

Desdemona.

Ich habe zu Cassio geschikt, daß er kommen und mit euch reden solle.

[305] Othello.

Ich bin mit einem beschwerlichen Schnuppen geplagt; leih mir dein Schnupftuch?

Desdemona.

Hier, mein Gemahl.

Othello.

Das, so ihr von mir bekommen habt.

Desdemona.

Ich hab es nicht bey mir.

Othello.

Nicht?

Desdemona.

In der That, nicht.

Othello.

Das ist ein Fehler. Das nemliche Schnupftuch hatte meine Mutter von einer Zigäunerin, die sich auf die Zauberey verstuhnd, und den Leuten so gar sagen konnte was sie dachten. Sie sagte ihr, so lange sie es behalten würde, würd’ es sie liebenswürdig und ihr das Herz meines Vaters gänzlich eigen machen; wenn sie es aber verlöhre, oder verschenkte, würde sie auf einmal allen Reiz in seinen Augen verliehren, und ihm verhaßt und unerträglich werden. Meine Mutter gab mir’s da sie starb und bat mich, wenn ich jemals heurathete, es meinem Weibe zu geben. Ich that [306] es, und ich sag euch, habt Acht darauf: – – Bewahrt es, wie euern Augapfel: Es verliehren oder weggeben, wär’ ein Unglük, dem kein anders zu vergleichen wäre.

Desdemona.

Ists möglich?

Othello.

Es ist würklich so; es ist etwas zauberisches in dem Gewebe davon. Eine Fee, welche den Lauf der Sonne zweyhundert mal anfangen und enden gesehen hatte, machte die Stikerey daran: Die Würmer waren geweyht, welche die Seide dazu spannen, und es wurde mit Mumien von einbalsamierten Jungfern-Herzen gefärbt.

Desdemona.

In der That! Ist das wahr?

Othello.

Sehr wahr; ihr könnt also nur Sorge dazu tragen.

Desdemona.

Wenn es so ist, so wollt’ ich zu Gott, ich hätt’ es nie gesehen!

Othello.

Ha! Warum?

Desdemona.

Warum sprecht ihr so hastig und auffahrend?

[307] Othello.

Ist’s verlohren? Ist’s hin? Sagt, ist es fort?

Desdemona.

Gott sey bey uns! – –

Othello.

Was sagt ihr?

Desdemona.

Es ist nicht verlohren; aber gesezt, es wäre verlohren?

Othello.

Ha!

Desdemona.

Ich sag, es ist nicht verlohren.

Othello.

Holt es, ich will es sehen.

Desdemona.

Gut, das kan ich, mein Herr; aber ich will izt nicht: Das ist ein kleiner Streich, wodurch ihr mich von meiner Bitte abbringen wollt. Ich bitte euch, laßt euer Haus dem Cassio wieder offen seyn.

Othello.

Holt mir das Schnupftuch – – ich will nicht hoffen – –

[308] Desdemona.

Kommt, ihr werdet niemals einen bravern Mann an seinen Plaz bekommen.

Othello.

Das Schnupftuch – –

Desdemona.

Ein Mann, der bisher sein ganzes Glük auf eure Freundschaft gebaut hat; der Gefahren mit euch getheilt hat – –

Othello.

Das Schnupftuch.

Desdemona.

Wahrhaftig, ihr seyd zu tadeln – –

Othello.

Hinweg! – –

(Er geht ab.) 


Eilfte Scene.

Aemilia.

Wie? Ich glaube der Mann ist eifersüchtig?

Desdemona.

So hab’ ich ihn noch nie gesehen. O ganz gewiß ist [309] etwas ausserordentliches in diesem Schnupftuch. Ich bin höchst unglüklich es verlohren zu haben.

Aemilia.

Man lernt weder in einem noch in zweyen Jahren was ein Mann ist; sie sind alle lauter Magen, und wir Arme sind ihr Futter; sie schlingen uns gierig hinein; und wenn sie sich überfüllt haben, so rülpsen sie uns wieder aus.[6] Seht, da kommt Cassio und mein Mann.

Jago und Cassio treten auf.

Jago.

Es ist kein andres Mittel übrig; das muß sie thun – – Wie glüklich! hier ist sie schon; geht und bittet sie so sehr ihr könnt.

Desdemona.

Wie steht’s, guter Cassio? wie gehn eure Sachen?

Cassio.

Gnädige Frau, ich habe noch immer meine vorige Bitte. Auf eurer Großmuth beruht alle meine Hofnung zu meiner Wiederherstellung in die Freundschaft euers Gemahls, den ich mit so gänzlicher Ergebenheit des Herzens ehre und liebe. Ich möchte nicht noch länger aufgezogen werden. Ist mein Vergehen so groß, daß weder meine Reue noch [310] meine ehmaligen Dienste, noch diejenigen die ich künftig zu leisten wünsche, mich loskauffen und wieder in seine Gunst einsezen können, so ist wenigstens das eine Wohlthat, wenn ich weiß daß es so ist; damit ich in diesem Fall, in eine erzwungene Zufriedenheit eingehüllt, einen andern Weg suchen kan, um vom Allmosen des Glüks zu leben.

Desdemona.

Ach, mein lieber guter Cassio, meine Fürsprache ist dermalen sehr unvermögend; mein Gemahl ist nicht mein Gemahl; ich würde ihn nicht mehr kennen, wenn er sich an Gestalt so sehr wie am Humor, verändert hätte. So stehe jeder gute Engel mir bey, wie ich nach meinem äussersten Vermögen für euch gesprochen habe. Aber alles was ich durch meine Freymüthigkeit erhielt, war, daß ich mir seinen Unwillen zuzog. Ihr müßt euch noch ein wenig gedulden; was ich thun kan, das will ich: Und ich will mehr als ich Herz hätte für mich selbst zu thun. Laßt euch das genug seyn.

Jago.

Ist der General zornig?

Aemilia.

Er gieng nur erst von hier fort, und, versichert, er ist in einer seltsamen Gemüths-Unruhe.

Jago.

Kan er zornig seyn? Ich war dabey, wie die Canone [311] seine Lilien in die Luft zerstiebte, und so schnell und gewaltsam wie der Teufel, seinen Bruder unmittelbar an seiner Seite wegrafte; und kan er zornig seyn? So muß etwas wichtiges daran Ursache seyn; ich will gehn und ihn aufsuchen; in der That, das bedeutet was, wenn er zornig ist.

[Er geht ab.] 


Zwölfte Scene.
Desdemona, Aemilia und Cassio bleiben.

Desdemona.

Ich bitte dich, thu das – – Ganz gewiß muß etwas das den Staat betrift, entweder von Venedig, oder irgend ein unausgebrütetes Complot hier in Cypern, wovon er die Entdekung gemacht hat, seinen sonst immer heitern Geist verfinstert haben; und in solchen Fällen ist es die Art der Menschen, daß sie ihren Unmuth an geringern Dingen auslassen, wenn gleich grosse ihr Gegenstand sind. Es ist nicht anders. Es darf uns nur ein Finger weh thun, so verbreitet sich auch über unsre übrigen gesunden Gliedmassen ein Gefühl von Schmerz. Nein, wir müssen denken, daß unsre Männer keine Götter sind; wir können nicht von ihnen fordern, daß sie immer so zärtlich mit uns umgehen, als sie vor der Hochzeit thun. Schilt mich nur recht sehr aus, Aemilia; ich unartiges Ding, ich war schon im Begriff seiner unfreundlichkeit in meinem Herzen den Proceß [312] zu machen; aber nun find’ ich, daß meine Eigenliebe den Zeugen bestochen hat, und daß er ungerechter Weise angeklagt worden ist.

Aemilia.

Gebe der Himmel, daß es Staats-Sachen seyen, wie ihr glaubt, und keine eifersüchtige Grillen, die euch angehen.

Desdemona.

Das wäre gar zu unglüklich! Ich gab ihm niemals Ursache dazu.

Aemilia.

Eifersüchtige Gemüther lassen sich damit nicht beruhigen; sie sind nicht allezeit eifersüchtig, weil sie eine Ursache dazu haben, sondern oft nur, weil sie eifersüchtig sind. Die Eifersucht ist ein Ungeheuer, daß keinen andern Vater und keine andre Mutter hat als sich selbst.

Desdemona.

Der Himmel bewahre Othello’s Herz vor diesem Ungeheuer!

Aemilia.

Dazu sag ich Amen, Gnädige Frau.

Desdemona.

Ich will sehen, wo er ist. Cassio, entfernt euch nicht zu weit; wenn ich ihn in einer bessern Laune finde, so will [313] ich euer Anligen wieder in Bewegung bringen, und das äusserste versuchen, um glüklich damit zu seyn.

Cassio.

Ich danke Eu. Gnaden demüthig.

(Sie gehen auf verschiedenen Seiten ab.) 


Dreyzehnte Scene.
(Eine Strasse vor dem Pallast.)
Cassio, tritt wieder auf, und begegnet der Bianca.

Bianca.

Guten Tag, Freund Cassio.

Cassio.

Was führt euch hieher? Wie steht’s mit euch, meine schönste Bianca? In der That, mein Herzchen, ich war im Begriff bey euch anzusprechen.

Bianca.

Und ich war im Begriff euch einen Besuch in euerm Quartier abzustatten, Cassio. Wie? eine ganze Woche wegbleiben? Sieben Tag’ und Nächte? Hundert und acht und sechszig Stunden? Und eines Liebhabers Abwesenheits-Stunden, die hundert und sechszig mal langweiliger sind als der Stunden-Zeiger. O! eine verdrießliche Rechnung!

[314] Cassio.

Vergieb mir, Bianca; ich war diese Zeit über von bleyernen Gedanken zu Boden gedrükt; aber ich werde in einer glüklichern Zeit diese lange Rechnung von Abwesenheit zu tilgen wissen. Liebste Bianca, zeichne mir diesen Riß ab – – (Er giebt ihr Desdemonens Schnupftuch.)

Bianca.

O Cassio, woher habt ihr das? Das hat mir die Mine von einem Liebes-Pfand irgend einer neuern Freundin: Nun merk’ ich die Ursache deiner Abwesenheit die mir so schmerzlich war: Ist es dazu gekommen? Wohl, wohl!

Cassio.

Geh, Mädchen, und wirf deine häßlichen Muthmassungen dem Teufel in die Zähne, von dem du sie hast. Du bildest dir also ein, das sey ein Andenken von einer Liebste? Nein, Bianca, in ganzem Ernst.

Bianca.

Wie, von wem ist es dann?

Cassio.

Das weiß ich selbst nicht; ich fand es in meinem Zimmer; die Arbeit daran gefällt mir ungemein, und eh man es wieder begehrt, (welches vermuthlich geschehen wird) möcht’ ich einen Abriß davon haben. Nimm es, mein Herz, und zeichn’ es ab, und laß mich izt allein.

[315] Bianca.

Euch allein lassen? Warum?

Cassio.

Ich warte hier auf den General, und denke es würde mir eben keine grosse Dienste bey ihm thun, wenn er mich beweibt sehen würde.

Bianca.

Wie ist das zu verstehen?

Cassio.

Nicht als liebt’ ich euch nicht.

Bianca.

Sondern nur daß ihr mich nicht liebet. Ich bitte euch, macht mir das ein wenig deutlicher und sagt mir, ob ich euch diese Nacht nicht sehen soll?

Cassio.

Wenigstens will ich euch sehen, sobald ich kan.

Bianca.

Nun wohl dann, ich muß es also drauf ankommen lassen.

[Sie gehen ab.] 


[316]
Vierter Aufzug.
Erste Scene.
(Eine Strasse vor dem Pallast.)
Othello und Jago treten auf.

Jago.

Denkt ihr das?

Othello.

Ob ich’s denke, Jago?

Jago.

Wie, einander heimlich küssen?

Othello.

Unauthorisierte Küsse?

Jago.

Oder auch nakend bey ihrem Freund im Bette zu ligen, eine, zwo und mehr Stunden, ohne was böses dabey zu meynen? Das sollte nicht möglich seyn?[7]

[317] Othello.

Nakend im Bette, Jago, und nichts böses dabey meynen? Das heißt, den Teufel zum Narren machen wollen: Leute, die mit tugendhaften Absichten so etwas thun, die versucht der Teufel nicht; sie versuchen den Himmel.

Jago.

Und doch, wenn sie nichts thun, so ist es nur eine läßliche Sünde: Aber wenn ich meinem Weib ein Schnupftuch gebe – –

Othello.

Was dann?

Jago.

Was dann? So gehört’s ihr zu, Gnädiger Herr; und da es ihr zugehört, so kan sie’s, denk’ ich, wieder einem andern geben.

Othello.

Ihre Ehre gehört auch ihr zu; darf sie solche darum weggeben?

Jago.

Ihre Ehre ist ein unsichtbares Ding und es bleibt immer problematisch ob man sie hat oder nicht hat; aber das Schnupftuch – –

Othello.

Beym Himmel! du erinnerst mich an etwas das ich so [318] gern vergessen hätte; du sagtest – – oh, es kommt über mein Gedächtniß wie ein Unglük-weissagender Rabe über ein verpestetes Haus – – er habe mein Schnupftuch.

Jago.

Ja, und was ist’s dann mehr?

Othello.

Es ist nur zuviel.

Jago.

Was wär’ es denn, wenn ich sagte, ich habe mit meinen eignen Augen gesehen, daß er euch beleidigt habe, oder ich hab’ es von ihm selbst gehört, (wie es denn solche Schurken giebt, die, wenn sie irgend ein Frauenzimmer, entweder durch ungestüme Verfolgungen oder durch die freywillige Ergebung der Dame unter sich gebracht haben, es unmöglich von sich selbst erhalten können nicht zu plaudern.)

Othello.

Hat er dann etwas gesagt?

Jago.

Das hat er, Gnädiger Herr; aber dessen seyd versichert, nichts was er nicht wieder läugnen und verschwören würde.

Othello.

Was sagt’ er denn?

[319] Jago.

Was? Er habe bey ihr – – ich weiß nicht was gethan – –

Othello.

Was denn, was denn?

Jago.

Gelegen.

Othello.

Bey ihr?

Jago.

Bey ihr, oder auf ihr – – was ihr wollt – –

Othello.

Bey ihr! Auf ihr! Bey ihr gelegen! Das ist alles was man sagen kan: Das Schnupftuch – – Sein eigen Geständniß – – Das Schnupftuch! das Schnupftuch! – – Ich erschüttre vom blossen Gedanken – – Ohne eine grosse Ursache würde die Natur sich selbst in keinen solchen Schatten einhüllen. Es sind keine Worte, die mich so schütteln – – Nasen, Ohren und Lippen – – ist’s möglich! Sein Geständniß! Ihr Schnupftuch! – – O Teufel!

(Er wird ohnmächtig.) 

Jago.

Würke du nur wohl, meine Mixtur, würke! So muß man leichtgläubige Narren fangen – – manche rechtschaffne und keusche Frauen kommen, mit aller ihrer Unschuld, [320] gerad auf solche Art um ihren guten Namen. Wie, he! Gnädiger Herr! Hört ihr nicht? Othello! he!


Zweyte Scene.
Cassio tritt auf.

Wo kommt ihr her, Cassio?

Cassio.

Was giebt’s hier?

Jago.

Der General ist von dem fallenden Weh überfallen worden; das ist nun der zweyte Anstoß; er hatte gestern den ersten.

Cassio.

Reibt ihn um die Schläfe.

Jago.

Nein, rührt ihn nicht an; man muß der Ohnmacht ihren ruhigen Gang lassen; oder, er fängt an zu schäumen, und bricht endlich völlig in die wildeste Tobsucht aus: Seht, er rührt sich; entfernt euch ein wenig, er wird gleich wieder zu sich selbst kommen; wenn er weg ist, so möcht’ ich über eine Sache von grosser Wichtigkeit mit euch sprechen können. (Cassio geht ab.) – – Wie steht’s mit euch, Gnädiger Herr? Habt ihr den Kopf nicht angeschlagen?

[321] Othello.

Spottest du meiner noch?

Jago.

Ich spotte, beym Himmel! nicht; aber ich wünschte, daß ihr euer Unglük wie ein Mann trüget.

Othello.

Ein gehörnter Mann ist ein Ungeheuer; ein Unthier.

Jago.

Wenn das ist, so giebt es in volkreichen Städten eine Menge Ungeheuer, und dazu noch recht zahme und manierliche Ungeheuer.

Othello.

Er gestand’s also selbst?

Jago.

Liebster General, seyd ein Mann! denkt, es sind wenige bärtige Gesellen, die, wenn sie anders bejocht sind, nicht mit euch ziehen. Millionen Männer leben diesen Augenblik, die alle Nacht in einem Bette ligen, das sie mit andern theilen; und die doch schwüren, daß es ihnen eigen sey. Euer Fall ist doch noch besser. O, das ist des Teufels gröster Spaß, eine unzüchtige Meze in ein sichres Ehe-Bette zu legen, und sie für ein Tugendbild zu geben. Nein, besser ist’s ich wisse’s; wenn ich weiß, was ich bin, so weiß ich auch, was sie seyn soll.

[322] Othello.

O, du sprichst wie ein Orakel; das ist gewiß.

Jago.

Geht nur eine kleine Weile bey Seite, verbergt euch, und habt ein wenig Geduld. Während daß ihr hier von euerm Schmerz so unmännlich überwältigt laget, kam Cassio hieher. Ich erdachte gleich etwas, um eurer Ohnmacht eine scheinbare Ursache zu geben, und schaffte ihn wieder weg, bat ihn aber bald wieder zu kommen, weil ich mit ihm zu reden hätte. Er versprach mir’s. Verbergt euch also nur irgendwo, wo ihr ihn sehn könnt; und beobachtet das schelmische, triumphierende Lächeln, die hönische Züge, die sichtbare Leichtfertigkeit, die sein Geheimniß in seinem ganzen Gesicht verrathen. Denn er soll mir seine Erzählung wieder von vorn anfangen; wo, wie, wie oft, seit wie lange, und wenn er mit eurer Frau handgemein worden ist, und es noch ferner werden will; ich sage, gebt nur auf seine Mine Acht – – O zum Henker, Geduld, oder ich muß endlich glauben, ihr seyd über und über lauter Galle, und habt nicht das mindeste von einem Mann.

Othello.

Hörst du, Jago! Ich will dir zeigen, daß ich so lange geduldig scheinen kan, als es nöthig ist; aber eine blutige Rache soll mich davor schadlos halten.

Jago.

Es läßt sich hören; aber nur alles zu rechter Zeit. [323] Wollt ihr bey Seite gehen? (Othello verbirgt sich.) (– – Jago, ohne daß ihn Othello hören kan, fährt fort:) Nun will ich den Cassio nach seiner Bianca fragen, einem Weibsbild, das seine Reizungen verkauft, um sich Brod und Kleider davor anzuschaffen. Die Närrin ist sterblich in Cassio verliebt, und zur Straffe davor, daß sie schon so viele betrogen hat, wird sie izt von ihm betrogen; denn er kan sich, wenn er nur von ihr reden hört, des überlauten Lachens nicht verwehren. – – Da kommt er.


Dritte Scene.
Cassio kommt.[WS 2]

Je mehr er lachen wird, je mehr wird Othello rasen; sein Lächeln, seine Gebehrden, seine leichtsinnigen Manieren, seine kleinsten Bewegungen, werden durch die Auslegung, die der eifersüchtige Mohr davon macht, zu Verräthern an ihm werden – – Nun, wie geht’s euch, Lieutenant?

Cassio.

Desto schlimmer, weil ihr mir einen Charakter beylegt, dessen Beraubung mir das Leben zur Quaal macht.

Jago.

Macht euch nur recht lebhaft an Desdemona, so kan’s euch nicht fehlen. (leiser.) Gelt, wenn Bianca die Gewalt dazu hätte, wie schnell würdet ihr wieder hergestellt seyn.

[324] Cassio (lachend.)

Wie kommt ihr auf diese arme Närrin?

Othello (vor sich.)

Seht, wie er schon lacht.

Jago.

In meinem Leben hab’ ich kein Weibsbild so verliebt in einen Mann gesehen.

Cassio.

Der arme Tropf, ich denke, in der That, sie ist in mich verliebt.

Othello (vor sich.)

Izt läugnet er’s so ganz kaltsinnig, und lacht hinten nach.

Jago.

Hört ihr, Cassio?

Othello (vor sich.)

Izt sezt er ihm zu, es ihm zu gestehen: Gut, gut, nur weiter?

Jago.

Sie giebt aus, ihr wollt sie heurathen. Ist das eure Absicht?

Cassio.

Ha, ha, ha!

[325] Othello.

Triumphierest du, Schurke? Triumphierest du?

Cassio.

Ich, sie heurathen? – – Eine barmherzige Schwester? Ich bitte dich, erweise meiner Vernunft so viel Christliche Liebe, und glaube etwas bessers von ihr. Ha, ha, ha!

Othello (vor sich.)

So, so: Wer gewinnt, hat gut lachen.

Jago.

In der That, die Rede geht, ihr werdet sie heurathen.

Cassio.

Ich bitte dich, redst du im Ernst?

Jago.

Ich will ein Schelm seyn, wenn es anderst ist.

Othello (vor sich.)

Hast du mein Maß genommen? Nun, wohl dann!

Cassio.

Wenn das ist, so kommt es von dem Affen selbst. Sie hat sich’s in den Kopf gesezt, daß ich sie heurathen werde, und das bloß, weil sie es wünscht, und nicht, weil ich ihr’s versprochen hätte.

[326] Othello.

Izt fängt er die Historie an – –

Cassio.

Sie war erst kürzlich hier; sie spükt mir nach, wo ich hingehe. Ich war neulich am Ufer, und sprach mit etlichen Venetianerinnen, da kommt die Närrin, und fällt mir so zärtlich um den Hals – –

Othello (bey Seite.)

Und ruft, o du allerliebstes Cassio, oder so was; seine Gebehrden sagen das.

Cassio.

Hängt sich so an, und herzt und küßt mich, und weint auf mich, und schüttelt und drükt mich, so abscheulich zärtlich – – Ha, ha, ha! – –

Othello.

Izt erzählt er, wie sie ihn in mein Schlafzimmer gezogen habe: O, ich sehe deine aufgestülpte Nase vor mir, aber ich seh’ den Hund nicht, dem ich sie vorwerfen will.

Cassio.

Gut, ich kan mich nicht länger hier aufhalten.

Jago.

Wie es euch beliebt – – Aber da kommt sie ja selbst.


[327]
Vierte Scene.
Bianca zu den Vorigen.

Cassio.

Was das für eine Meer-Kaze ist! Zum Henker, und sie riecht noch dazu nach Biesam: – – Was soll denn das bedeuten, daß ihr mir so nachlauft?

Bianca.

Das mag der Teufel und seine Großmutter thun! Sagt mir einmal, was wolltet ihr mit dem Schnupftuch, das ihr mir vorhin gegeben habt? Ich war wol eine grosse Närrin, daß ich’s annahm: Ich sollte die Arbeit absehen? Ein feines Stük Arbeit, daß ihr in euerm Schlafzimmer gefunden habt, und wißt nicht, wer es da verlohren haben mag. Ich will nicht ehrlich seyn, wenn es nicht ein Geschenk von irgend einer ehrsamen Matrone ist; und ich soll die Arbeit dran absehen? Da, gebt es euerm Steken-Pferde: Woher ihr’s auch haben mögt, ich will nichts daran absehen, ich.

Cassio.

Nun, nun, meine schöne Bianca, sachte, sachte!

Othello (bey Seite.)

Beym Himmel, das wird wohl mein Schnupftuch seyn.

[328] Bianca.

Wenn ihr heute zu mir zum Nachtessen kommen wollt, so könnt ihr; wo nicht, so kommt nicht eher als bis man Anstalten auf euch gemacht hat.

[Sie geht ab.] 

Jago.

Lauft ihr nach, lauft ihr nach.

Cassio.

Das muß ich, sonst fangt sie auf der Strasse einen Lermen an.

Jago.

Wollt ihr bey ihr zu Nacht essen?

Cassio.

Ja, ich hab es im Sinn.

Jago.

Gut, vielleicht seh ich euch dort; denn ich möchte sehr gern mit euch reden.

Cassio.

Ich bitt euch, kommt; wollt ihr – –

Jago.

Verlaßt euch darauf – –

(Cassio geht ab.) 


[329]
Fünfte Scene.
Othello und Jago.

Othello.

Was für eine Todesart soll ich ihm anthun, Jago?

Jago.

Habt ihr gesehen, wie lustig er sich mit seinem Verbrechen machte?

Othello.

Oh, Jago!

Jago.

Und saht ihr das Schnupftuch?

Othello.

War’s das meinige?

Jago.

Das eurige, auf meine Ehre! und habt ihr gesehen, wie viel er sich aus dem einfältigen Geschöpf, eurer Frau, macht? – – Sie gab es ihm und er verschenkt es an seine Hure!

Othello.

Ich wollt, ich könnte neun Jahre lang an ihm morden – – eine so artige Frau! Eine so schöne Frau! Eine so anmuthsvolle Frau!

[330] Jago.

Nein, das müßt ihr nun vergessen!

Othello.

O, laß sie verfaulen, verdorren und zur Hölle fahren, eh es wieder Tag wird! leben soll sie nicht! Nein, mein Herz ist zu Stein worden: ich schlage drauf, und die Hand schmerzt mich davon – – O, die ganze Welt hat keine reizendere Creatur! Sie hätte an eines Kaysers Seite ligen können, er würd’ ihr Sclave gewesen seyn!

Jago.

Nicht doch; das sind Gedanken, die gar nicht zur Sache taugen.

Othello.

An den Galgen mit ihr, ich sage nur was sie ist – – eine so feine Arbeiterin mit der Nadel – – eine vortrefliche Musicantin – – Oh, sie würde die Wildheit aus einem Bären heraus singen – – so belebt, so wizig! So voller Geist!

Jago.

Desto schlimmer ist sie um das alles.

Othello.

O, tausend, tausendmal: Und dann von so einnehmender Gestalt! – –

Jago.

Nur gar zu einnehmend.

[331] Othello.

Ja, das ist wahr. Aber doch ist es erbärmlich, Jago – – oh, Jago, es ist erbärmlich! – –

Jago.

Wenn ihr so zärtlich gegen ihre Bosheiten seyd, so gebt ihr ein Patent, daß sie euch beleidigen darf wie sie will; wenn ihr gleichgültig dabey seyd, so hat sich niemand darum zu bekümmern.

Othello.

Ich will sie in kleine Stükchen haken: Mich zum Hahnrey zu machen!

Jago.

Es ist garstig an ihr!

Othello.

Mit meinem Lieutenant!

Jago.

Das ist noch garstiger!

Othello.

Verschaffe mir eine Dose Gift bis auf die Nacht, Jago; ich will keinen Wortwechsel mit ihr haben – – ich darf meine Standhaftigkeit nicht an ihre Reizungen wagen – – Diese Nacht, Jago – –

[332] Jago.

Aber nicht durch Gift; erdrosselt sie in ihrem Bette, in dem Bette, das sie entweiht hat.

Othello.

Gut, gut; dieses Mittel gefällt mir, weil es gerecht ist – –

Jago.

Und was den Cassio betrift, den überlaßt mir; bis Mitternacht sollt ihr mehr hören.

[Eine Trompete hinter der Scene.] 

Othello.

Vortrefflich! – – Wie? Was bedeutet diese Trompete?

Jago.

Vermuthlich etwas von Venedig – – Es ist Lodovico, vom Herzog abgeschikt: Au, seht, eure Gemahlin ist schon bey ihm.


Sechste Scene.
Lodovico, Desdemona, und Gefolge treten auf.

Lodovico.

Seyd mir gegrüßt, würdiger General.

[333] Othello.

Ich erwiedre den Wunsch von ganzem Herzen, mein Herr.

Lodovico.

Der Herzog und die Senatoren von Venedig grüssen euch. (Er überreicht ihm ein Schreiben.)

Othello.

Ich küsse die Urkunde ihrer Befehle.

Desdemona.

Und was giebt es neues, mein lieber Vetter Lodovico?

Jago.

Ich bin sehr erfreut euch zu sehen, mein Herr; willkommen in Cypern.

Lodovico.

Ich danke euch; was macht der Lieutenant Cassio?

Jago.

Er lebt, mein Herr.

Desdemona.

Vetter, es ist zwischen meinem Gemahl und ihm zu einem unfreundlichen Bruch gekommen; aber ihr werdet alles wieder gut machen.

Othello (vor sich.)

Seyd ihr dessen so gewiß?

[334] Desdemona.

Mein Gemahl?

Othello (ließt:)

„Ermangelt nicht, dieses zu befolgen, so lieb euch – –“

Lodovico zu Desdemona.

Er rief euch nicht; er ist in seinem Schreiben vertieft. Ist ein Mißverständniß zwischen dem General und Cassio?

Desdemona.

Ein sehr unglükliches; ich wollte gern alles thun, sie wieder zu vereinigen, so lieb ist mir Cassio.

Othello.

Feuer und Schwefel! (vor sich.)

Desdemona.

Mein Gemahl!

Othello.

Seyd ihr bey Verstand?

Desdemona zu Lodovico.

Wie, ist er zornig?

Lodovico.

Vielleicht hat ihn das Schreiben in einige Bewegung gebracht. Denn, wie ich vermuthe, so beruffen sie ihn [335] nach Hause, und befehlen ihm, sein Gouvernement dem Cassio zu überlassen.

Desdemona.

Glaubt mir, es erfreut mich.

Othello.

In der That! (vor sich.)

Desdemona.

Mein Gemahl!

Othello.

Ich bin erfreut, dich toll zu sehen. (vor sich.)

Desdemona.

Wie, mein liebster Othello?

Othello (nach ihr schlagend.)

Teufel! – –

Desdemona.

Das hab’ ich nicht verdient.

Lodovico.

Mein Herr, in Venedig würde das niemand glauben, wenn ich gleich schwüre, daß ichs gesehen habe. Es ist sehr viel; bittet ihr’s ab; sie weint.

Othello.

O Teufel! Teufel! Könnte die Erde von Weiberthränen [336] geschwängert werden, jeder Tropfe, den sie weint, würde ein Crocodil werden: Aus meinem Gesicht – –

Desdemona (indem sie gehen will.)

Ich will gehen, wenn euch mein Anblik so zuwieder ist.

Lodovico.

Wahrhaftig, eine gehorsame Frau – – ich bitte Euer Gnaden, ruffet sie zurük.

Othello.

Madam – –

Desdemona.

Mein Gemahl – –

Othello.

Was wollt ihr mit ihr, mein Herr?

Lodovico.

Wer, ich, mein Herr?

Othello.

Ja; ihr wolltet ja, ich sollte machen, daß sie sich wieder umdrehe. Herr, sie kan sich drehen, und drehen, und doch weiter kommen; sie ist eine Meisterin darinn. Und sie kan auch weinen, Herr, weinen; und sie ist gehorsam; wie ihr sagtet, gehorsam; sehr gehorsam – – weint ihr nur fort – – Was das anbetrift, mein Herr – – O die Leidenschaften spielt sie vortreflich! – – Ich bin zurükberuffen – – (zu Desdemona.) Pakt ihr euch fort, ich will gleich wieder nach euch schiken – – Mein Herr, ich gehorche dem Oberherrlichen Befehl, und will nach Venedig zurük kehren [337] – – Weg, pake dich! – – (Desdemona geht ab.) – – Cassio soll meinen Plaz haben. Und ihr, mein Herr, werdet mir die Ehre erweisen, heute mit mir zu Nacht zu essen. Ihr seyd willkommen in Cypern – – (vor sich.) Geissen, und Affen![8]

(Er geht ab.) 


Siebende Scene.
Lodovico und Jago bleiben zurük.

Lodovico.

Ist diß der edle Mohr, den unser ganzer Senat sein Alles und Alles nennt? Ist diß das Gemüth, dessen standhafte Tugend keine Leidenschaft, kein Glük, kein Zufall erschüttern kan?

Jago.

Er hat sich sehr verändert.

Lodovico.

Ist er recht bey Sinnen? Leidet er etwann am Gehirn?

Jago.

Er ist was er ist; ich mag nicht sagen, was ich denke. Ich wollte zu Gott, er wäre, was er seyn könnte, wenn er nicht ist, was er sollte.

[338] Lodovico.

Wie, seine Gemahlin schlagen!

Jago.

In der That, es war nicht fein; und doch wünscht’ ich, ich wißte, daß dieser Streich das ärgste wäre.

Lodovico.

Ist er gemeiniglich so? oder würkte das Schreiben so stark auf sein Blut, daß er zum ersten mal sich selbst so ungleich war?

Jago.

Es ist eine schlimme Sache, leider! Es wäre nicht anständig, wenn ich sagen wollte, was ich gesehen und gehört habe. Ihr werdet ihn durch euch selbst kennen lernen, und sein eignes Betragen wird ihn so charakterisieren, daß ich meine Worte sparen kan. Geht ihm nur nach, und seht, wie er fortfahren wird.

[Sie gehen ab.] 


Achte Scene.
(Verwandelt sich in einen Saal im Pallast.)
Othello und Aemilia treten auf.

Othello.

Ihr habt also nichts gesehen?

[339] Aemilia.

Noch jemals was solches gehört, oder nur gemuthmasset.

Othello.

Ihr habt doch den Cassio und sie beysammen gesehen?

Aemilia.

Aber da sah ich nichts böses, und ich hörte eine jede Sylbe, die sie mit einander redeten.

Othello.

Wie, flüsterten sie niemals zusammen?

Aemilia.

Niemals, Gnädiger Herr.

Othello.

Und schikten sie euch niemals fort?

Aemilia.

Niemals.

Othello.

Etwann ihren Fächer, ihre Handschuhe, ihre Maske, oder so was zu holen?

Aemilia.

Niemals, Gnädiger Herr.

[340] Othello.

Das ist seltsam!

Aemilia.

Ich dürfte meine Seele an einem Pfahl wetten, Gnädiger Herr, daß sie ehrlich ist: Wenn ihr anders denkt, so verbannet diesen Gedanken, er betrügt euer Herz. Der Himmel vergelt’ es dem Elenden, der es euch in den Kopf gesezt haben mag, mit dem Fluch der Schlange! Wahrhaftig, wenn sie nicht tugendhaft, keusch und getreu ist, so giebt’s keinen glüklichen Mann auf Erden; so ist die reinste ihrer Weiber so häßlich als Lästerung.

Othello.

Geh, ruffe sie hieher. (Aemilia geht ab.) Sie sagt genug; allein sie ist eine einfältige Kupplerin, die nicht mehr sagen kan – – Das ist eine verschmizte Hure, die ihre garstigen Geheimnisse behutsam zu verriegeln weiß – – und doch kniet sie euch in ihrem Zimmer hin, und betet: Das hab’ ich selbst gesehen.


Neunte Scene.
Desdemona und Aemilia treten auf.

Desdemona.

Was ist euer Wille, mein Gemahl?

[341] Othello.

Kommt näher, Hühnchen, wenn ich bitten darf.

Desdemona.

Was beliebt euch?

Othello.

Laßt mich eure Augen sehen; seht mir in’s Gesicht.

Desdemona.

Was für eine entsezliche Einbildung kommt euch an?

Othello (zu Aemilia.)

Ein Stük von euerm Amt, Madam; laßt die handelnden Personen allein, und schließt die Thüre zu; hustet, oder ruft wenn jemand kommt. Euer Geheimniß, euer Geheimniß – – nein, macht euch fort.

(Aemilia geht ab.) 

Desdemona.

Auf meinen Knien, was wollen diese Reden sagen? Ich sehe wol, daß etwas Entsezliches in euern Worten ist, aber ich verstehe sie dennoch nicht.

Othello.

Wie? Was bist du?

Desdemona.

Euer Weib, mein Herr; euer getreues, redliches Weib.

[342] Othello.

Komm, schwör mir das; sprich dir dein Urtheil selbst; sonst möchten, da du einem himmlischen Wesen so ähnlich bist, die Teufel sich scheuen Hand an dich zu legen. Zieh dir also eine zweyfache Verdammniß zu; schwöre, du seyest ehrlich.

Desdemona.

Der Himmel weiß es.

Othello.

Der Himmel weiß, daß du falsch wie die Hölle bist.

Desdemona.

An wem, mein Gemahl? Mit wem? Wie bin ich falsch?

Othello (Er weint.)

Ach, Desdemona! Weg, weg, weg! – –

Desdemona.

O des unglükseligen Tags! Warum weint ihr? Bin ich die Beweg-Ursach dieser Thränen, mein liebster Mann? – – Wenn ihr vielleicht meinen Vater in Verdacht habt, daß er an eurer Zurükberuffung Schuld habe, so laßt es doch mich nicht entgelten; wenn ihr ihn verlohren habt, so hab’ ich ihn ja auch verlohren.

Othello.

Hätt’ es dem Himmel gefallen, mich durch Trübsale [343] zu prüfen, hätt’ er alle Arten von Schmerzen und Demüthigungen auf mein naktes Haupt regnen, mich bis an die Lippen in Armuth versinken, mich ohne Hoffnung der Befreyung in Sclaverey gerathen lassen; so würd’ ich noch in irgend einem Winkel meiner Seele einen Tropfen Geduld gefunden haben. Aber, ach! mich zu einem festen Ziel für den unbeweglichen Finger der spottenden Verachtung zu machen – – und doch auch das, auch das wollt’ ich noch ertragen können. Aber da[9], wo die Ruhe, der Trost, die Wonne meines Lebens lag, aus deinem Herzen vertrieben zu seyn, oder es als eine Cisterne, worinn unflätige Kröten zügeln, zu besizen: Hebe dich weg, Geduld, du junger, rosenwangichter Cherubin, – – Da seh’ ich grimmig wie die Hölle aus.

Desdemona.

Ich hoffe, mein edelmüthiger Mann kennt mich genugsam, mich für unschuldig zu halten.

Othello.

O, ja, wie Sommerfliegen in Schlachthäusern, die von einem anwehenden Lüftchen lebendig werden. O du giftiges Unkraut, warum bist du so lieblich anzusehen? Du riechst so gut, daß einem der Kopf davon weh thut. Ich wollte, du wärest nie gebohren worden!

[344] Desdemona.

Himmel! was für eine Sünde kan ich unwissender Weise begangen haben?

Othello.

Wie, du fragst noch? Du fragst was du begangen habest? Begangen? – – O du Nichtswürdige, ich würde meine Wangen zu Feuer-Essen machen, wo die Zucht zu Asche verbrennen müßte, wenn ich deine Thaten nennen wollte. Wie? was du begangen hast? Der Himmel stopft sich die Nase darvor zu, und der Mond die Augen; der buhlerische Wind sogar, der alles küßt was ihm vorkommt, hat sich in die holen Minen der Erde verkrochen, und will es nicht anhören. Was du begangen hast? – – Unverschämte Meze!

Desdemona.

Beym Himmel! ihr thut mir Unrecht.

Othello.

Du bist keine Meze?

Desdemona.

Nein, so wahr ich eine Christin bin. Wenn ein Weib, die sich für ihren Mann allein, und von jeder fremden, unkeuschen, unerlaubten Berührung rein bewahrt hat, keine Meze ist, so bin ich keine.

Othello.

Wie, auch keine Hure?

[345] Desdemona.

Nein, so wahrlich selig zu werden wünsche!

Othello.

Ists möglich?

Desdemona.

O Himmel, sey uns gnädig!

Othello.

So bitt’ ich also um Vergebung. Ich sah euch für diese abgefeimte Hure von Venedig an, die den Othello heurathete – –


Zehnte Scene.
Aemilia zu den Vorigen.

Ihr, Frau Gelegenheits-Macherin, – – Ihr, ihr, ja ihr! Wir haben unsre Sachen gemacht. Hier ist Geld für eure Mühe; ich bitte euch, dreht den Schlüssel, und behaltet unser Geheimniß für euch.

(Er geht ab.) 

Aemilia.

Um’s Himmels willen, was macht der Herr sich vor Gedanken! – – Wie befindet sich Eu. Gnaden? Wie steht’s um meine liebste Gnädige Frau?

[346] Desdemona (allein.)

Es ist billig, daß mir so mitgespielt wird, sehr billig; wie hab ich mich denn aufgeführt, daß er nur den Schatten eines Grundes zum allerkleinsten Mißtrauen gefunden haben soll? – –


Eilfte Scene.
Jago und Aemilia zu Desdemona.

Jago.

Was ist zu Eu. Gnaden Befehl? Wie steht’s?

Desdemona.

Das kan ich nicht sagen; diejenigen, die eure Kinder ziehen, thun es mit Freundlichkeit, und legen ihnen nicht zuviel auf; er hätte mich ja mit Sanftmuth ausschelten können: Denn, die Wahrheit zu sagen, ich bin wie ein Kind wenn ich ausgescholten werde.

Jago.

Wovon ist die Rede, Gnädige Frau?

Aemilia.

Ach, Jago, der Gnädige Herr hat sie so behurt, ihr so schmählich begegnet, so garstige Namen über sie ausgegossen, daß ein ehrliches Herz es nicht ertragen kan.

[347] Desdemona.

Verdien’ ich einen solchen Namen, Jago?

Jago.

Was für einen Namen, Gnädige Frau?

Desdemona.

Den, so sie sagte, daß mir mein Mann gegeben habe.

Aemilia.

Er nannte sie eine Hure; ein betrunkner Bettler würde sich schämen, seinem Menschen einen solchen Namen zu geben.

Jago.

Warum that er das?

Desdemona.

Das weiß ich nicht; was ich weiß, ist, daß ich nichts solches bin.

Jago.

Weinet nicht, weinet nicht; das ist ein leidiger Handel!

Aemilia.

Hat sie so viele grosse Partheyen ausgeschlagen – – Hat sie ihren Vater, ihr Vaterland, ihre Freunde aufgeopfert – – um eine Hure geheissen zu werden? Sollte das einen nicht weinen machen?

Desdemona.

Das ist nun mein Schiksal.

[348] Jago.

Ihr müßt es nicht von ihm leiden. Wie überfiel ihn denn dieser Anstoß?

Desdemona.

Das weiß der Himmel?

Aemilia.

Ich will mich hängen lassen, wenn nicht irgend ein höllischer Bube, irgend ein geschäftiger, raubsüchtiger Schurke, irgend ein glatter, lekender, Schlangen-züngigter Sclave, um sich ein Verdienst bey ihm zu machen, sie bey ihm verlästert hat; ich will mich hängen lassen, wenn es anders ist.

Jago.

Fy, es lebt kein solcher Mann, es ist unmöglich.

Desdemona.

Wenn ein solcher Mann ist, so vergeb ihm der Himmel!

Aemilia.

Ein Strik vergeb ihm! Und der Teufel nag’ ihm seine verdammten Knochen ab! Warum soll er sie eine Hure heissen? Wer soll denn ihr Buhler seyn? Wo? wann? wie? Wo ist auch nur eine Wahrscheinlichkeit davon? Der Mohr ist durch irgend einen galgenbübischen Schurken, irgend einen elenden nichtswürdigen Erzlotterbuben belogen worden. O Himmel, daß du doch solche Gesellen an’s [349] Taglicht ziehen, und in jede ehrliche Hand eine Geisel steken möchtest, um den Raker nakend durch die ganze Welt zu peitschen, von einem Ende der Welt bis zum andern!

Jago.

Schreyt nur nicht so laut.

Aemilia.

O fy, die garstigen Kerls! Gerad ein solcher Schuft wars, der euch einst den Kopf auf die unrechte Seite stellte, und euch weis machte, daß ich mit dem Mohren in heimlichem Verständniß sey.

Jago.

Du bist nicht klug; geh, geh.

Desdemona.

Ach, Jago, sage mir, was soll ich thun um meinen Gemahl wieder zu gewinnen? Mein guter Freund, geh, rede du mit ihm; bey diesem Licht des Himmels, ich weiß nicht, wie ich sein Herz verlohren habe. Hier knie ich; (sie kniet.) Wenn jemals mein Wille in Worten, Gedanken oder in würklicher That sich gegen seine Pflicht aufgelehnt hat; oder wenn jemals meine Augen, meine Ohren oder irgend einer meiner Sinne sich an einem andern Gegenstand ergözt haben; oder wenn ich ihn nicht immer liebte, geliebt habe, und sollt’ er mich auch als eine Bettlerin von sich verstossen, aufs zärtlichste lieben werde, so komme kein Trost in meine Seele! Unzärtlichkeit kan viel thun, sie kan mich ums Leben [350] bringen, aber meine Liebe kan sie nicht vermindern. Ich kan nicht sagen, Hure; es graut mir, da ich izt das Wort ausgesprochen habe; aber das zu thun, was er bezeichnet, könnte mich die Welt mit ihrer ganzen Masse von Eitelkeit nicht bewegen.

Jago.

Ich bitte euch, gebt euch zufrieden; es ist nur eine Laune von ihm; die Staats-Angelegenheiten gehen ihm im Kopf herum, er ist mißvergnügt darüber, und da muß nun sein Unmuth über euch ausbrechen.

Desdemona.

Wenn es nur dieses wäre – –

Jago.

Es ist nichts anders, ich stehe dafür. (Trompeten.) Horcht, diese Trompeten ruffen zum Nacht-Essen. Der Abgeordnete von Venedig bleibt bey der Tafel; geht hinein und weint nicht; es wird alles wieder gut werden.

(Desdemona und Aemilia gehen ab.) 


Zwölfte Scene.
Rodrigo zu Jago.[WS 3]

Ha, wo kommt ihr her, Rodrigo?

Rodrigo.

Ich finde nicht, daß du ehrlich mit mir zu Werke gehst.

[351] Jago.

Wie findt ihr das?

Rodrigo.

Jeden Tag machst du mir irgend einen Dunst vor die Augen, Jago; und ich fange endlich an zu sehen, daß du, anstatt mich nur um einen Schritt meinen Hoffnungen näher gebracht zu haben, mich weiter zurükgesezt hast, als ich jemals war. Ich will es nicht länger dulden; und bin auch gar nicht der Meynung so ruhig einzusteken, was ich närrischer Weise bereits gelitten habe.

Jago.

Wollt ihr mich anhören, Rodrigo?

Rodrigo.

Meiner Treue, ich habe nur zuviel angehört; eure Worte und eure Thaten haben gar keine Gemeinschaft mit einander.

Jago.

Ihr beschuldiget mich mit gröstem Unrecht.

Rodrigo.

Ich sage die lautre Wahrheit: Ihr habt mich um mein ganzes Vermögen gebracht. Die Juwelen, die ihr von mir bekommen habt, um sie Desdemonen zu überliefern, hätten eine Vestalin verführen sollen. Ihr sagtet mir, sie [352] habe sie empfangen, und brachtet mir die tröstlichsten Versicherungen von ihrer guten Würkung; aber ich finde keine.

Jago.

Gut, nur weiter; sehr gut.

Rodrigo.

Sehr gut, nur weiter; ich kan nicht weiter, Herr, und es ist nicht sehr gut; nein, ich denke, es ist boshaft, und ich fange an zu merken, daß man mich nur am Narren-Seil herumführt.

Jago.

Sehr gut.

Rodrigo.

Ich sag euch, es ist nicht sehr gut. Ich will mich Desdemonen selbst entdeken; wenn sie mir meine Juwelen wieder geben will, so will ich klug seyn und ihr mit meiner Bewerbung nicht mehr beschwerlich fallen: Wo nicht, so versichr’ ich euch, ich will meine Schadloshaltung an euch suchen.

Jago.

Ihr habt nun geredt – –

Rodrigo.

Ja, und nichts, als was ich, meiner Seel! zu thun im Sinn habe.

[353] Jago.

Wie, nun seh ich doch daß du Feuer im Leibe hast; und von diesem Augenblik an hab’ ich eine grössere Meynung von dir als jemals. Gieb mir deine Hand, Rodrigo; du hast alle Ursache gehabt, mir Vorwürfe zu machen, aber ich schwöre dir, daß ich in der ganzen Sache redlich an dir gewesen bin.

Rodrigo.

Es hat sich nicht gezeigt.

Jago.

Ich muß es gestehen, in der That, euer Argwohn ist nicht ohne Wahrscheinlichkeit. Aber, Rodrigo, wenn du das hast, was ich dir izt mit besserm Grund als jemals zutraue, (ich meyne, Standhaftigkeit, Herz und Tapferkeit,) so zeig es diese Nacht. Wenn du in der nächstfolgenden Nacht nicht bey Desdemonen ligen wirst, so halte mich für einen Verräther, und schaffe mich aus der Welt wie du willst.

Rodrigo.

Gut, was ist es? Ist es etwas, das sich vernünftiger Weise unternehmen läßt?

Jago.

Wisset, mein Herr, daß eine Special-Commißion von Venedig eingetroffen ist, um den Cassio an Othello’s Stelle einzusezen.

[354] Rodrigo.

Ist das wahr? Nun, so kehren Othello und Desdemona wieder nach Venedig zurück.

Jago.

O nein; er geht nach Mauritanien, und nimmt seine schöne Desdemona mit sich; das geschieht unfehlbar, es müßte denn etwas begegnen, wodurch sein hiesiger Aufenthalt verlängert würde: Und das könnte durch nichts gewisser erhalten werden, als wenn Cassio auf die Seite geschaft würde.

Rodrigo.

Was nennt ihr, den Cassio auf die Seite schaffen?

Jago.

Das versteht sich von selbst; ihn unfähig machen, in Othello’s Stelle einzutreten, mit einem Wort, ihm den Hals zu brechen.

Rodrigo.

Und ihr wollt, daß ich das thun soll?

Jago.

Ja, wenn ihr das Herz habt euch selbst Gutes zu thun. Er ißt heute bey einer Courtisane zu Nacht; und ich will ihm dort Gesellschaft leisten. Er weiß noch nichts von seiner Beförderung; wenn ihr dann nur aufpassen wollt, bis er dort weggeht, (und ich will schon dafür sorgen, daß es zwischen zwölf und ein Uhr geschehen soll:) [355] So könnt ihr ihn mit der grösten Bequemlichkeit überraschen. Ich will in der Nähe seyn, euern Angriff zu unterstüzen, und wir wollen ihn zwischen zwey Feuer kriegen. Kommt, steht nicht so bestürzt da; kommt mit mir; wir wollen von der Sache reden. Ich will euch zeigen, daß sein Tod so unumgänglich nothwendig ist, daß ihr euch verbunden sehen werdet, ihn zu befördern. Es ist izt bald Nacht-Essens-Zeit, und die Nacht nimmt überhand – – Wir müssen gehen.

Rodrigo.

Ich muß mehr Licht in dieser Sache haben – –

Jago.

Das sollt ihr bekommen.

(Sie gehen ab.) 


Dreyzehnte Scene.
Othello, Lodovico, Desdemona, Aemilia und Gefolge.

Lodovico.

Ich bitte euch, mein Herr, bemüht euch nicht weiter.

Othello.

Oh, ich bitte um Vergebung; die Bewegung wird mir wohl bekommen.

[356] Lodovico.

Madam, gute Nacht; ich danke Eu. Gnaden unterthänig.

Desdemona.

Ihr werdet allezeit willkommen seyn, mein Herr.

Othello.

Wollt ihr gehen, mein Herr? – – o, Desdemona! – –

Desdemona.

Mein Gemahl – –

Othello.

Geht sogleich zu Bette, ich werde bald wieder zurük kommen; schikt eure Bedienung hier fort; thut, was ich euch sage.

Desdemona.

Ich will, mein Gemahl.

(Lodovico und Othello gehen ab.) 

Aemilia.

Wie geht es nun? Er sieht freundlicher aus als diesen Abend.

Desdemona.

Er sagt, er wolle gleich zurük kommen, und hat mir befohlen zu Bette zu gehen, und euch wegzuschiken.

Aemilia.

Mich wegzuschiken?

[357] Desdemona.

Das war sein Befehl; also, meine gute Aemilia, gieb mir mein Nacht-Zeug, und gute Nacht. Wir müssen ihm keinen Verdruß machen.

Aemilia.

Ich wollte, ihr hättet ihn nie gesehen!

Desdemona.

Das wollt’ ich nicht; meine Liebe ist so wol mit ihm zufrieden, daß sogar sein mürrisches Bezeugen, sein Schelten und Zürnen, eine Art von Anmuth in meinen Augen hat. Ich bitte dich, steke mir mein Kopfzeug ab – –

Aemilia.

Ich habe die Laken, die ihr mir sagtet, auf euer Bette gelegt.

Desdemona.

Es ist all eins: Guter Himmel! Was für alberne Geschöpfe sind wir nicht! Wenn ich vor dir sterbe, so mache mir, ich bitte dich, aus einem dieser Tücher mein Todten-Hemde.

Aemilia.

Kommt, kommt; wie ihr redt!

Desdemona.

Meine Mutter hatte ein Kammer-Mädchen, die Barbara [358] hieß; das arme Ding war in jemand verliebt, der sie nicht wieder lieben wollte, und da wurde sie zulezt närrisch; sie hatte ein Lied, das sich immer mit Weide endigte, es war ein altes Ding, aber es schikte sich auf ihre Umstände, und sie sang es bis in den lezten Augenblik ihres Lebens. Ich kan mir dieses Lied diese ganze Nacht durch nicht aus dem Sinn bringen; es braucht alles, daß ich mich erwehre, den Kopf auf eine Seite zu hängen, und es zu singen, wie die arme Barbara. Ich bitte dich, mach’ daß du fertig wirst.

Aemilia.

Soll ich gehn und euern Schlaf-Rok holen?

Desdemona.

Nein, steke mich hier ab; dieser Lodovico ist ein recht artiger Mann.

Aemilia.

Ein sehr hübscher Mann.

Desdemona.

Er spricht gut.

Aemilia.

Ich kenn’ eine Dame in Venedig, die um einen Druk von seiner Unterlippe eine Wallfahrt ins Gelobte Land gemacht hätte.

[359] Desdemona (singt.)

Das arme Ding, sie saß und sang, an einem Baum saß sie,
     Singt alle, grüne Weide;
Die Hand gelegt auf ihre Brust, den Kopf auf ihrem Knie,
     Singt Weide, Weide, Weide;
Der Bach, der murmelt neben ihr, in ihre Seufzer ein,
     Singt Weide, Weide, Weide;
Und ihrer Thränen heisse Fluth erweichte Kieselstein;
     Singt Weide, Weide, Weide;
Weide, Weide, Weide etc.

Ich bitte dich, mache hurtig, er wird alle Augenblike wiederkommen.

Singt all’, ein grünes Weiden-Zweig, das muß mein Kränzchen seyn.
 *     *     *
O! tadelt nicht sein hartes Herz, mein Herz verzeiht ihm gern;

Nein, das folgt noch nicht – – Horch was klopft so?

Aemilia.

Es ist nur der Wind.

[360] Desdemona (singt.)

Ich nannte meinen Liebsten falsch; was sagt’ er denn dazu?
     Singt Weide, Weide, Weide;
Ich thu mit andern Weibern schön, mit andern Männern du.

So, geh du izt, gute Nacht; meine Augen brennen mich; bedeutet das Weinen?

Aemilia.

Das wollen wir nicht hoffen.

Desdemona.

Ich hab’ es sagen gehört; o diese Männer, diese Männer! Sag mir einmal, Aemilia, glaubst du in deinem Gewissen, daß es Weiber giebt, die ihre Männer auf eine so grobe Art hintergehen?

Aemilia.

Es giebt solche, das ist nur keine Frage.

Desdemona.

Wolltest du um die ganze Welt so was thun?

Aemilia.

Wie, thätet ihr’s nicht?

Desdemona.

Nein, bey diesem himmlischen Licht!

[361] Aemilia.

Ich bey diesem himmlischen Licht auch nicht; es liesse sich eben so gut im Dunkeln thun.

Desdemona.

Wolltest du eine solche That um die ganze Welt thun?

Aemilia.

Die ganze Welt ist gleichwol ein hübsches ansehnliches Ding, es wär’ ein feiner Preis für ein so kleines Verbrechen.

Desdemona.

Bey meiner Treu, ich denke, du thätest es nicht.

Aemilia.

Und bey meiner Treu, ich denk’ ich thät’ es; mit dem Vorbehalt, daß es das erste und lezte mal seyn sollte. Wahrhaftig, ich thäte so was nicht um einen Finger-Ring, noch für ein paar Ellen Kammer-Tuch, noch für einen neuen Unterrok, oder eine Kappe, oder so was armseliges; aber für die ganze Welt! Welches Weib wollte ihren Mann nicht zu einem Hahnrey machen, damit er Herr von der ganzen Welt würde? Dafür wollt’ ich noch wol das Fegfeuer wagen.

Desdemona.

Ich will des Todes seyn, wenn ich so was Unrechtes um die ganze Welt thun wollte.

[362] Aemilia.

Wie, das Unrecht ist nur ein Unrecht in der Welt; und da ihr die Welt für eure Mühe bekämet, so wär’ es ein Unrecht in eurer Welt, und ihr könntet es bald recht machen.

Desdemona.

Ich kan nicht glauben, daß es ein solches Weib giebt.

Aemilia.

O Ja, wohl ein duzend und so viele oben drein, daß sie die Welt, um die sie spielten, bevölkern könnten. Allein, ich denke, der Fehler ligt an den Männern, wenn ihre Weiber fallen; gesezt, sie vergessen ihre Pflichten gegen uns, und verschwenden an andre, was uns gehört; oder sie brechen in eine verdrießliche Eifersucht aus, und belegen uns mit sclavischem Zwang; oder sie schlagen uns, oder sie bringen uns unser Vermögen durch; wahrhaftig, wir haben auch Galle, und so sanft wir sind, so rächen wir uns doch gerne, wenn wir beleidigt werden. Unsre Herren Männer sollen wissen, daß ihre Weiber so gut Empfindlichkeit haben als sie; sie sehen, und riechen, und haben einen Geschmak für süß und sauer, so gut wie ihre Männer. Was thun sie, wenn sie uns mit andern vertauschen? Ist es Spaß? Ich will es glauben: Geschieht es aus Leidenschaft? Ich will es glauben: Ist es eine menschliche Schwachheit? es mag auch seyn. Und haben wir nicht auch Leidenschaften? Lieben wir den Zeitvertreib nicht auch? Sind [363] wir nicht so gebrechlich als sie? Sie mögen uns also nur wohl begegnen; oder sie sollen wissen, daß wenn wir sündigen, sie unsre Lehrmeister gewesen sind.

Desdemona.

Gute Nacht, gute Nacht; der Himmel gebe mir Gnade, anstatt Böses mit Bösem zu vertreiben, das Böse gut zu machen!

(Sie gehen ab.) 


[364]
Fünfter Aufzug.
Erste Scene.
(Eine Strasse vor dem Pallast.)
Jago und Rodrigo treten auf.

Jago.

Hier stellt euch hinter diese Fässer. Er wird augenbliklich kommen: Deinen blossen Degen in die Hand, und dann frisch dran! Nur munter, munter, sey unverzagt: ich will an deinem Ellenbogen seyn: Es macht unser Glük oder wir sind verlohren: Denk an das, und entschliesse dich wie ein Mann.

Rodrigo.

Seyd ihr nur nahe bey der Hand, ich könnt’ ihn verfehlen.

Jago.

Ich will hier stehen, es könnte nicht näher seyn; fasse Muth und zieh deinen Degen.

Rodrigo (indem er sich auf die Seite stellt.)

Ich gehe ungern an diese That, aber er hat mir Gründe vorgelegt, gegen die nichts einzuwenden ist; es ist [365] endlich nichts, als ein einzelner Mann weniger – – Heraus, mein Schwerdt; er soll sterben.

Jago (vor sich.)

Ich habe diesen armen Geken gerieben, bis er empfindlich worden ist, er fängt an aufzubrennen. Nun mag er den Cassio ermorden, oder Cassio ihn, oder einer den andern, so find’ ich allemal meine Rechnung dabey – – Gut, aber wenn Rodrigo lebt, so wird er mich anhalten, ihm die Menge Gold und Juwelen wieder zu erstatten, die ich ihm als Geschenke für Desdemona, abpracticiert habe? Das muß nicht seyn – – Bleibt Cassio übrig, so macht mir der Anblik seines Glüks meinen Zustand unerträglich; und überdem, könnte mich der Mohr verrathen; da käm’ ich in saubere Ungelegenheiten; nein, sterben soll er! So muß es seyn; ich hör’ ihn kommen.

Cassio tritt auf.

Rodrigo.

Den Gang kenn’ ich; es ist Er: Schelm, du must sterben.

(Er fällt den Cassio an, und bringt ihm einen Stoß bey.)

Cassio.

Dieser Stoß hätte mir in der That übel bekommen können, wenn mein Kleid nicht besser gefüttert wäre als du wußtest: Nun will ich sehen, wie das deinige die Probe hält.

(Er ficht mit Rodrigo; Jago haut den Cassio von hinten in die Beine, und entläuft; Rodrigo und Cassio fallen.)

[366] Rodrigo.

O, ich bin des Todes.

Cassio.

Ich bin auf immer zum Krippel gemacht; Hülfe, he! Mörder! Mörder!


Zweyte Scene.
Othello erscheint am Fenster.

Othello (vor sich.)

Das ist Cassio’s Stimme – – Jago hält sein Wort.

Rodrigo.

Oh, Bösewicht, der ich bin!

Othello.

Das ist wol nicht anders.

Cassio.

Oh, Hülfe, Hülfe! he! Licht! einen Wund-Arzt! – –

Othello.

Es ist Er! O braver, ehrlicher, redlicher Jago, den das erlittne Unrecht seines Freundes in einen so edlen Eifer sezt! Du lehrst mich – – Püpchen, euer Liebling ist todt; und eure Stunde eilt heran – – Ich komme, Meze – – Deine [367] Reizungen, deine Blike, dein Lächeln, sind aus meinem Herzen ausgewischt; und in deinem Bette, dem Schau-Plaz deiner zügellosen Lust, soll deine Straffe dich erhaschen!

(Er geht ab.) 


Dritte Scene.
Lodovico und Gratiano treten in der Ferne auf.

Cassio.

Wie dann, he! Ist kein Wächter, ist kein Mensch da? Mörder, Mörder!

Gratiano.

Es ist irgend ein Unheil begegnet; die Stimme ist gräßlich.

Cassio.

O Hülfe!

Lodovico.

Horcht!

Rodrigo.

O elender Bösewicht!

Lodovico.

Ich höre zween oder drey wehklagen. Es ist stokfinster; es könnte Verstellung seyn: Es ist nicht sicher, näher hinzugehen, da unsrer nur zween sind.

[368]
Jago, in seinem Hemd, mit gezognem Degen und einem Licht, tritt auf.

Lodovico.

Horcht.

Gratiano.

Hier kam einer in blossem Hemde, mit einem Licht und gezognem Degen.

Jago.

Wer ist hier? Wer ruft Mörder?

Lodovico.

Das wissen wir nicht.

Jago.

Hört ihr nicht schreyen?

Cassio.

Hier, hier: Um’s Himmels willen, helft mir.

Jago.

Was giebt’s hier?

Gratiano (zu Lodovico.)

Wie mich däucht, so ist dieser hier Othello’s Fähndrich.

Lodovico.

Er ist’s, in der That, ein wakrer herzhafter Camerad.

[369] Jago.

Wer seyd ihr hier, die ein so klägliches Geschrey erheben?

Cassio.

Jago? – – O ich bin gestümmelt, von Banditen zum elenden Manne gemacht – – Kommt mir zu Hülfe!

Jago.

Gott sey bey uns! Lieutenant! Was für Bösewichter haben das gethan?

Cassio.

Ich denke, einer davon ligt hier, und kan sich nicht davon machen.

Jago.

Die meuchelmördrischen Schurken! (zu Lodovico und Gratiano.) Wer seyd ihr hier? Kommt näher, und helft.

Rodrigo.

O, helft mir hier.

Cassio.

Das ist einer von ihnen.

Jago.

Du mördrischer Sclave! du Raker!

(Er giebt dem Rodrigo vollends den Rest.) 

Rodrigo.

O verruchter Jago! unmenschlicher Hund!

[370] Jago.

Leute im Dunkeln zu ermorden! Wo sind diese blutige Diebe? Wie? diese Stadt ist ja so still als wenn alles ausgestorben wäre! He! Mord! Mord! – – Wer seyd[WS 4] wohl ihr? Seyd ihr ehrliche Leute oder – –

Lodovico.

Qualificiert uns, wie ihr uns findet.

Jago.

Signor Lodovico? – –

Lodovico.

Er selbst, mein Herr.

Jago.

Ich bitte tausendmal um Vergebung! Hier ligt Cassio, von Meuchelmördern verwundet.

Gratiano.

Cassio?

Jago.

Wie steht’s um dich, Bruder?

Cassio.

Mein Bein ist entzwey gehauen.

Jago.

Das verhüte der Himmel! Licht, meine Herren, ich will ihn mit meinem Hemde verbinden.


[371]
Vierte Scene.
Bianca zu den Vorigen.

Bianca.

Was ist hier für ein Lerm? He, wer ist der, so ruft?

Cassio.

Wer ist der, so ruft?

Bianca.

O mein liebster Cassio! Mein süsser Cassio! O, Cassio, Cassio! Cassio!

Jago.

O merkwürdige Meze! Cassio, könnt ihr nicht errathen, wer diejenigen seyn mögen, die euch so zugerichtet haben?

Cassio.

Nein.

Gratiano.

Es bekümmert mich sehr, euch so zu finden. Ich war im Begriff, euch aufzusuchen.

Jago.

Lehnt mir ein Knieband. So – – O wenn wir nur einen Lehn-Sessel hätten, um ihn bequemer wegzutragen!

Bianca.

O Himmel, er wird ohnmächtig. O Cassio, Cassio, Cassio!

[372] Jago.

Meine Herren allerseits; ich hab’ eine Vermuthung, daß dieser Bündel hier Antheil an dem verübten Bubenstük haben möchte. Ein wenig Geduld, lieber Cassio; kommt, kommt: Leiht mir das Licht: Kennen wir dieses Gesicht oder nicht? O Himmel! Mein Freund, mein liebster Landsmann? Rodrigo? Nein: ja, würklich: ja, es ist Rodrigo.

Gratiano.

Wie, von Venedig?

Jago.

Eben er, mein Herr; kanntet ihr ihn?

Gratiano.

Ob ich ihn kannte? Ah!

Jago.

Signor Gratiano! Ich bitte Eu. Gnaden sehr um Vergebung: Die Verwirrung bey einem so blutigen Auftritt muß die Entschuldigung meiner Unhöflichkeit machen.

Gratiano.

Ich erfreue mich euch zu sehen.

Jago.

Wie geht’s euch, Cassio? O, einen Arm-Sessel! Einen Arm-Sessel!

[373] Gratiano.

Rodrigo?

Jago.

Er, Er, es ist Er – – Wenn wir nur einen Sessel hätten, damit man ihn ohne Erschütterung von hier wegbringen könnte; ich will den Wund-Arzt des Generals holen. Ihr, Mamsel, könn’t eure Mühe sparen. Der Mann Cassio, der hier in seinem Blute ligt, war mein bester Freund. Was für ein Mißverständniß war denn zwischen euch?

Cassio.

Keines in der Welt; ich kenn’ ihn nicht einmal.

Jago.

Wie? Ihr seht ganz bleich aus? – – Oh, tragt ihn doch aus der freyen Luft? – – Bleibt doch hier, meine Gnädige Herren – – (Zu Bianca.) Seht ihr blaß aus, Mamsel? – – Merkt ihr meine Herren, wie verstört ihre Augen herumfahren? Gut, gut, das bedeutet was, wir werden bald mehr hören. Betrachtet sie recht, ich bitte euch, seht sie an; seht ihr, meine Herren? O, ein böses Gewissen wird reden, wenn alle Sprachen abgegangen wären.


[374]
Fünfte Scene.
Aemilia zu den Vorigen.

Aemilia.

Ums Himmels willen, was giebt’s hier? Was giebt’s hier, Mann?

Jago.

Cassio ist hier im Dunkeln von Rodrigo und seinen Gesellen, welche entsprungen sind, angefallen worden; er ist übel verwundet, und Rodrigo todt.

Aemilia.

O Jammer! der arme Cavalier! der arme, gute Cassio!

Jago.

Das sind die Früchte vom Huren-Leben – – Ich bitte dich, Aemilia, geh, frage den Cassio, wo er heute zu Nacht gegessen habe – – (zu Bianca.) Wie, zittert ihr vor dieser Frage?

Bianca.

Er aß in meinem Hause zu Nacht, aber ich zittre nicht deßwegen.

Jago.

O, that er das? – – ich arretiere euch hier – – kommt mit mir.

[375] Aemilia.

O fy, die garstige Hure!

Bianca.

Ich bin keine Hure, ich bin eine so ehrliche Frau als ihr, die mich so beschimpfet!

Aemilia.

Als ich? Pfuy, das garstige Ding!

Jago.

Meine liebsten Herren, wir wollen dafür sorgen, daß Cassio verbunden wird. Kommt, Mamsell, wir wollen euch schon die Zunge lösen. Aemilia, lauft ihr in die Citadelle, und sagt dem General und der Gnädigen Frauen was begegnet ist: Wollt ihr voran gehen? – – (vor sich.) Der Ausgang dieser Nacht wird mein Glük oder meinen Untergang entscheiden.

[Sie gehen ab, Jago zulezt.] 


[376]
Sechste Scene.
[Ein Schlaf-Zimmer. Desdemona in einem Bette, wovon der Vorhang halb weggezogen ist.]


Othello tritt mit einem Degen in einer, und einem Licht in der andern Hand auf.

Othello.

Die Beleidigung ist zu groß, zu groß, meine Seele – – Laßt sie mich nicht vor euch nennen, ihr keuschen Sterne! Sie ist zu groß! – – Und doch will ich ihr Blut nicht vergiessen, noch diese ihre Haut zerrizen, die weisser als Schnee, und so glatt wie Alabaster ist.

[Er legt seinen Degen nieder.] 

Und doch muß sie sterben; sie würde sonst noch mehr Unglükliche machen. Das Licht ausgelöscht, und dann – – Das Licht auslöschen – – O du dienstbare Flamme, wenn ich dich auslösche, und es gereut mich, so kan ich dir dein Licht wieder geben: Aber wenn dein Licht einmal ausgeblasen ist, du vollkommenstes Modell der sich selbst übertreffenden Natur, so weiß ich nicht, wo dieser prometheische Funke ist, der es wieder anzünden kan – – (Er stellt das Licht hin.) Wenn ich deine Rose abgepflükt habe, so kan ich ihr den belebenden Geist nicht wiedergeben; sie muß verwelken – – Ich will dich noch am Stoke riechen – – (Er küßt sie.) – – O du balsamischer Athem, fast könntest du die Gerechtigkeit [377] bewegen ihr Schwerdt zu zerbrechen – – Noch einen; noch einen – – Sey so, wenn du todt bist, und ich will dich erst ermorden, und dann lieben – – noch einen, der soll der lezte seyn – – Holdseliges Geschöpf, wie Schade, daß du sterben sollst! Ich muß weinen, aber es sind grausame Thränen – – Sie weinen auf die Hand, die dir den Tod bringt – – Sie erwacht.

Desdemona.

Wer ist hier? Othello?

Othello.

Ja, Desdemona.

Desdemona.

Wollt ihr zu Bette kommen, mein Gemahl?

Othello.

Habt ihr euer Nachtgebet gebetet, Desdemona?

Desdemona.

Ja, mein Herr.

Othello.

Wenn ihr euch noch irgend eines Verbrechens erinnert, worüber ihr euch mit dem Himmel noch nicht ausgesöhnt habt, so säumt euch nicht, um seine Gnade zu flehen.

Desdemona.

O Gott! was meynt ihr mit dieser Aufforderung?

[378] Othello.

Gut, thu es, und machs kurz; ich will bey Seite gehen. Ich möchte dich nicht unbereitet überraschen, nein, (der Himmel bewahre mich davor!) ich möchte deine Seele nicht ermorden.

Desdemona.

Redet ihr von ermorden?

Othello.

Ja, das thu ich.

Desdemona.

So erbarme sich der Himmel über mich!

Othello.

Amen, von ganzem Herzen.

Desdemona.

Wenn ihr so sagt, so werdet ihr mich doch nicht umbringen wollen.

Othello.

Hum!

Desdemona.

Und doch fürcht’ ich euch; ihr seyd gefährlich, wenn eure Augen so rollen. Warum ich mir förchten soll, weiß ich nicht, da ich mir keiner Schuld bewußt bin; und doch fühl’ ichs, daß mir bang ist.

[379] Othello.

Denk an deine Sünden.

Desdemona.

Ich kenne keine, als die zu grosse Liebe, die ich zu euch trage.

Othello.

Ja, und davor must du sterben.

Desdemona.

Das ist unnatürlich, Liebe mit dem Tode zu bestrafen, O Gott! Warum beißt ihr so in eure Unter-Lippe? Irgend ein blutiges Vorhaben erschüttert euern ganzen Bau; das sind fürchterliche Vorbedeutungen; und doch hoff’ ich, ich hoffe, sie zielen nicht auf mich.

Othello.

Schweig, und sey still.

Desdemona.

Ich will; was habt ihr dann?

Othello.

Das Schnupftuch, das mir so lieb war, und das ich dir gab, gabst du dem Cassio?

Desdemona.

Nein, bey meinem Leben und meiner Seele; schikt nach ihm, und fragt ihn.

[380] Othello.

Holde Seele, nimm dich in Acht, nimm dich vor Meineyd in Acht; du bist auf deinem Tod-Bette.

Desdemona.

Ja, aber doch noch nicht izt zu sterben.

Othello.

Diesen Augenblik; entlade dich also durch ein aufrichtiges Bekenntniß deiner Sünde; denn wenn du auch jeden Artikel mit einem Eyde läugnen würdest, so würd’ es unvermögend seyn, die tiefe Ueberzeugung zu erschüttern, die mir diesen Seufzer erpreßt. Du must sterben.

Desdemona.

O Himmel, erbarme dich meiner!

Othello.

Ich sag, Amen.

Desdemona.

Und erbarmt ihr euch auch! – – Nie, in meinem Leben hab ich euch nie beleidigt; niemals diesen Cassio geliebt, als mit dieser allgemeinen Liebe, die der Himmel selbst billigt und fordert. Ich gab ihm niemalen kein Andenken.

Othello.

Beym Himmel, ich sah mein Schnupftuch in seiner Hand. O meineydiges Weibsbild! du versteinerst mein Herz! [381] du machst, daß ich das was ich zu thun vorhabe, einen Mord nennen muß, da ich es für ein Opfer hielt. Ich sah das Schnupftuch.

Desdemona.

So hat er’s also gefunden; ich gab’ es ihm nie; schikt nach ihm, laßt ihn die Wahrheit gestehen.

Othello.

Er hat gestanden.

Desdemona.

Was, mein Gemahl?

Othello.

Daß er – – mit dir zu thun gehabt – –

Desdemona.

Wie, auf eine unerlaubte Art?

Othello.

Ja.

Desdemona.

Das kan er nicht sagen.

Othello.

Nein, sein Mund ist verstopft. Der ehrliche Jago hat davor gesorgt.

Desdemona.

Wie, ist er todt?

[382] Othello.

Wär’ in jedem seiner Haare ein eignes Leben gewesen, meine grosse Rache hätte Zorn genug für alle gehabt.

Desdemona.

O Gott, so ist er verrathen, und ich bin verlohren!

Othello.

Weg mit dir, Schandhure! Weinst du vor meinen Augen um ihn?

Desdemona.

Verbanne mich, lieber Mann, tödte mich nur nicht.

Othello.

Hinab, unzüchtiger Balg!

Desdemona.

Tödte mich morgen, laß mich nur diese Nacht noch leben.

Othello.

Nein, wenn du dich sträubst – –

Desdemona.

Nur noch eine halbe Stunde.

Othello.

Schweige, du bekommst keinen Aufschub.

[383] Desdemona.

Nur so lang ich ein Vater Unser beten kan.

Othello.

Es ist zu spät.

(Er erstekt sie.) 


Siebende Scene.
Aemilia, vor der Thüre.

Aemilia.

Gnädiger Herr, Gnädiger Herr! He! Gnädiger Herr!

Othello.

Was für ein Getös ist das? – – Noch nicht todt? noch nicht völlig todt? So grausam ich bin, bin ich doch barmherzig; ich wollte dich nicht gern lang leiden lassen – –

So, so.

Aemilia (vor der Thüre.)

Wie? he! Gnädiger Herr! Gnädiger Herr!

Othello.

Wer ist da?

Aemilia.

O mein lieber Gnädiger Herr, ich möchte nur ein Wort mit euch reden.

[384] Othello.

Ja, es ist Emilia – – In einem Augenblik – – sie ist todt – – Vermuthlich wird sie mir die Nachricht von Cassios Tode bringen – – Der Lerm war groß – – Ha, du rührst dich nicht mehr? Still wie ein Grab. Soll ich sie hereinlassen? Wär’ es gut? Mich däucht, sie rührt sich wieder – –Nein – – Was ist das Beste? Wenn sie herein kömmt, so wird sie mit meinem Weibe reden wollen; meinem Weib? Meinem Weib? Was für einem Weib? Ich habe kein Weib – – O Unerträglich! o bange Stunde! Mich däucht, es sollte izt eine dichte Verfinsterung der Sonne und des Monds seyn, und der geschrekte Erdball sollte vor Entsezen beben – –

Aemilia.

Ich bitte euch, nur ein paar Worte; ach, mein lieber Gnädiger Herr! – –

Othello.

Ich hatte dich vergessen; oh, komm herein, Aemilia. Sachte, augenbliklich, ich muß nur erst den Vorhang ziehen. – – Wer bist du? Was willst du?

(Er riegelt die Thür auf.) 
Aemilia kommt herein.

Aemilia.

Ach, Gnädiger Herr, es ist eine greuliche Mordthat begangen worden!

[385] Othello.

Wie? izt?

Aemilia.

Eben izt, Gnädiger Herr.

Othello.

Da hat der Mond die Schuld; er ist der Erde näher gekommen als seine Gewohnheit ist, und nun werden alle Leute toll.

Aemilia.

Cassio hat einen jungen Venetianer, Rodrigo genannt, umgebracht.

Othello.

Rodrigo umgebracht? und Cassio umgebracht?

Aemilia.

Nein, Cassio ist nicht todt.

Othello.

Cassio ist nicht todt? So ist die Rache nur halb befriedigt.

Desdemona.

O unbillig, unbillig ermordet! – –

Aemilia.

Gott helf uns! was für ein Geschrey ist das?

[386] Othello.

Das? Was?

Aemilia.

O Himmel, es war meiner Gnädigen Frauen Stimme. Zu Hülfe, zu Hülfe! He! zu Hülfe! O Gnädige Frau, redet weiter; englische Desdemona, o meine theureste Gebieterin, redet!

Desdemona.

Ich sterbe unschuldig.

Aemilia.

O, wer hat diese entsezliche That gethan?

Desdemona.

Niemand, ich selbst, lebe wohl; bringe meinem gütigen Gemahl meinen lezten Gruß; o, lebe wohl.

[Sie stirbt.] 

Othello.

Wie, wie sollte sie ermordet worden seyn?

Aemilia.

O Gott! wer weiß das?

Othello.

Ihr hörtet’s, sie sagte selbst, ich sey’s nicht gewesen.

Aemilia.

Sie sagte so, ich kan nichts anders sagen.

[387] Othello.

Sie ist als eine Lügnerin zur Hölle gefahren; ich war’s, der sie ermordete.

Aemilia.

Oh, desto mehr Engel ist sie nun, und du ein desto schwärzerer Teufel.

Othello.

Sie ergab sich der Leichtfertigkeit, sie war eine Hure.

Aemilia.

Du lästerst sie, du bist ein Teufel.

Othello.

Sie war falsch wie Wasser.

Aemilia.

Und du bist rasch wie Feuer, wenn du das sagst. Oh, sie war ein Engel von Unschuld.

Othello.

Sie ließ sich von Cassio deken; frag deinen Mann, wenn du’s nicht glauben willst. Welcher Abgrund in der flammenden Hölle wäre tief genug für mich, wenn ich ohne die stärksten Gründe so weit gegangen wäre? Dein Mann weiß alles.

Aemilia.

Mein Mann?

[388] Othello.

Dein Mann.

Aemilia.

Das sie ihrem Ehbett untreu war?

Othello.

Ja, mit Cassio. Wäre sie treu gewesen, glaube mir, wenn mir der Himmel noch eine solche Welt, wie diese, aus einem einzigen ganzen Chrysolith hätte machen wollen, ich hätte sie nicht darum gegeben.

Aemilia.

Mein Mann!

Othello.

Ja, er war’s, der mir die erste Nachricht davon gab. Er ist ein ehrlicher Mann, und ein Feind schändlicher Thaten.

Aemilia.

Mein Mann!

Othello.

Wozu soll diese doppelte Ausruffung, Weib? Ich sage, dein Mann.

Aemilia.

O meine Gebieterin! Arglistige Bosheit hat die eifersüchtige Liebe betrogen, und du bist das Opfer. Mein Mann soll gesagt haben, sie sey ungetreu!

[389] Othello.

Er, Weibsbild; ich sage, dein Mann; verstehst du das Wort? Mein Freund, dein Mann, der ehrliche, rechtschaffne Jago.

Aemilia.

Wenn er das sagt, so verderbe seine verruchte Seele in langsam marternden Qualen? Er lügt’s in sein Herz hinein! Nur zu sehr liebte sie den hassenswürdigen Teufel, mit dem sie sich beladen hatte.

Othello.

Ha! – –

Aemilia.

Thu dein ärgstes; diese greuliche That, die du gethan hast, ist den Himmel werth, wie du ihrer werth warst.

Othello.

Schweigen wäre das rathsamste für dich.

Aemilia.

Du kanst nicht halb so geneigt seyn, mir Leid anzuthun, als ich es wünsche: o Erzbetrüger! o dummer Kerl! dumm wie Mist! du hast eine That gethan – – ich frage nichts nach deinem Degen, ich will bekannt machen wer du bist, und wenn ich zwanzig Leben zu verliehren hätte – – Hülfe! Hülfe! He! Hülfe! Der Mohr hat meine Frau umgebracht. Hülfe, Hülfe!


[390]
Achte Scene.
Montano, Gratiano, Jago und andre treten auf.

Montano.

Was giebt es hier? Wie, was bedeutet das, General?

Aemilia.

O, seyd ihr auch da, Jago? Ihr habt es weit gebracht, daß die Leute ihre Mordthaten auf euern Hals schieben.

Gratiano.

Was soll dieses bedeuten?

Aemilia.

Wiedersprich diesem Bösewicht, wenn du ein Mann bist; er giebt aus, du habest ihm gesagt, seine Frau sey untreu gewesen: Ich bin gewiß, du hast es nicht gesagt; du bist kein solcher Bube! Rede, mein Herz ist so voll, daß es zerspringen wird.

Jago.

Ich sagte ihm was ich dachte; und nicht mehr, als er selbst glaubwürdig und wahr befand.

Aemilia.

Aber sagtet ihr ihm jemals, sie sey untreu?

Jago.

Ja, das that ich.

[391] Aemilia.

So sagtet ihr eine Lüge; eine hassenswürdige, verdammte Lüge; auf meine Seel’, eine Lüge; eine verfluchte Lüge. Sie untreu mit Cassio? Sagtet ihr, mit Cassio?

Jago.

Mit Cassio, Frau; geht, geht, und laßt euch eure Zunge legen.

Aemilia.

Das will ich nicht; ich will, ich muß reden; es ist meine Pflicht, daß ich rede. Meine Frau ligt hier ermordet in ihrem Bette.

Alle.

Das wolle der Himmel nicht!

Aemilia.

Und eure Ohrenbläsereyen sind der Antrieb zu diesem Mord gewesen.

Othello.

Nein, seht nicht so erschroken aus, meine Herren; es ist wahr, es ist würklich so.

Gratiano.

Das ist eine verwünschte Wahrheit.

Montano.

O ungeheure That!

[392] Aemilia.

Büberey! Schändliche verruchte Büberey! Ich seh – – ich rieche sie – – Verdammte Büberey! – – Ich dachte gleich – – O, ich möchte vor Schmerz Hand an mich selbst legen – – o Büberey! Büberey!

Jago.

Wie, seyd ihr toll? Ich befehls euch, pakt euch heim.

Aemilia.

Meine liebe Herren, erlaubt mir daß ich reden darf; ich bin ihm sonst Gehorsam schuldig, aber nicht izt: Vielleicht, Jago, werd’ ich nie wieder heim gehen.

Othello.

O! o! o!

(Er sinkt auf das Bette.) 

Aemilia.

Ja, leg dich nur hin, und heule: Du hast die liebenswürdigste Unschuldige umgebracht, die jemals geathmet hat.

Othello (auffahrend.)

O, sie war lasterhaft! – – Ich erkenn’ euch erst izt, Oheim; hier ligt eure Nichte, deren Athem, ich bekenn’ es, diese Hände nur eben gestopft haben; ich weiß es, diese That sieht gräßlich aus.

[393] Gratiano.

Arme Desdemona! Ich bin froh, daß dein Vater todt ist: Deine Heurath kürzte ihm das Leben ab. Lebte er noch, dieser Anblik würde ihn zur Verzweiflung treiben; ja, er würde seinen guten Engel von seiner Seite wegfluchen, und in Verzweiflung sterben.

Othello.

Es ist erbarmenswürdig; aber Jago weiß es, daß sie die schaamvolle That mit Cassio wol tausendmal begangen hat. Cassio hat es eingestanden; und zu Vergeltung seiner Liebes-Proben gab sie ihm das, womit ich ihr das erste Geschenk gemacht hatte; ich sah es in seiner Hand; es war ein Schnupftuch, ein altes Andenken, das mein Vater meiner Mutter gegeben hatte.

Aemilia.

O Himmel! O himmlische Mächte!

Jago.

Schweig, sag ich dir!

Aemilia.

Es muß heraus, es muß heraus – – Ich, schweigen? Laßt Engel, Menschen und Teufel, laßt sie alle, alle, alle Schaam über mich schreyen, wenn ich nicht rede.

[394] Jago.

Sey klug und geh heim.

(Jago will sein Weib ermorden, und wird zurük gehalten.) 

Gratiano.

Fy, euern Degen gegen ein Weibsbild!

Aemilia.

O du dummer Mohr! Dieses Schnupftuch, wovon du redst, fand ich von ungefehr, und gab es meinem Manne, der mich gar oft aufs inständigste, angelegenste, (mehr, in der That, als eine solche Kleinigkeit werth war,) bat, daß ich es stehlen möchte.

Jago.

Verfluchte Hure!

Aemilia.

Sie, soll es dem Cassio gegeben haben? Weh mir! ich fand es, und gab es meinem Manne!

Jago.

Rabenaaß! du lügst.

Aemilia.

Beym Himmel! ich lüge nicht; ich lüge nicht, meine Herren; o du meuchelmördrischer Dummkopf! Was sollte ein solcher Narr mit einer so vortreflichen Frau machen?

(Jago bricht los, verwundet seine Frau, und entspringt.) 

[395] Othello.

Sind keine Donnerkeile mehr im Himmel? Wozu nüzt dann der Donner? Unerhörter Lotterbube!

Gratiano.

Sie fällt; er hat sein Weib umgebracht – –

Aemilia.

Ja, ja; oh, legt mich an meiner Frauen Seite.

Gratiano.

Seine Frau ist ermordet, und er ist entlauffen.

Montano.

Das ist ein entsezlicher Bösewicht; nehmt diesen Degen in Verwahrung, damit ihn der Mohr nicht erhasche; kommt, besezt die auswendigen Thüren, laßt ihn nicht durch; tödtet ihn eher; ich selbst will diesem Bösewicht nach; es ist ein verdammter Geselle!

(Montano und Gratiano gehen ab.) 


Neunte Scene.

Othello.

Ich bin auch nicht mehr tapfer; ein jeder kleiner Klopffechter nimmt mir meinen Degen weg. Aber warum sollte die Ehre die Tugend überleben? Laßt immer alles dahin fahren!

[396] Aemilia.

Was bedeutete dein Gesang, meine Gebieterin? Höre, kanst du mich hören? Ich will den Schwanen machen, und singend sterben; Weide, Weide, Weide – – Mohr, sie war keusch; sie liebte dich, grausamer Mohr; so sehe mein Geist die Seligkeit, wie ich die Wahrheit rede, und diese Wahrheit – – sey mein leztes Wort – –

[Sie stirbt.] 

Othello.

Ich habe noch einen andern Degen in diesem Zimmer, eine Spanische Klinge, mit Wasser aus dem Ebro gestählt; o, hier ist sie: Oheim, ich muß hinaus.

Gratiano (vor der Thüre.)

Wenn du es versuchst, wird es dir theuer zu stehen kommen; du hast kein Gewehr, und sollst dich unterwerfen, du magst wollen oder nicht.

Othello.

So schau zu mir herein und rede mit mir, oder ich will ohne Gewehr über dich.

Gratiano kommt herein.

Gratiano.

Was wollt ihr?

Othello.

Seht! ich hab ein Gewehr; ein schöneres hieng niemals [397] an eines Soldaten Hüfte. Ich habe den Tag gesehen, da ich mit diesem kleinen Arm, und diesem guten Degen mir durch mehr Hinternisse einen Weg machte, als zwanzig solche Wächter wie ihr seyd. Aber, o eitle Pralerey! Wer kan über sein Schiksal Meister werden? Es ist nun ein anders. Erschreket nicht, ob ihr mich gleich bewaffnet sehet; hier ist das Ende meiner Fahrt, hier ist mein Ziel, die äusserste Marke, die mein leztes Segel noch erreichen kan – – tretet ihr erschroken zurük? Es ist eine vergebliche Furcht: Züket nur ein Schilfrohr gegen Othello’s Brust, so wird er sich zurükziehen. Wo sollte Othello hin gehen? Nun – – (Er sieht auf Desdemona.) – – Wie siehst du nun aus? Unglükliches Geschöpf! wie bleich! Wenn wir vor Gericht zusammen kommen, wird diese Mine, die du hast, meine Seele vom Himmel herabschleudern, und Teufel werden sie auffangen – – Kalt, kalt, mein Mädchen; kalt, wie deine Keuschheit – – O verfluchter Sclave! Peitscht mich, ihr bösen Geister, peitscht mich vom Genuß dieses himmlischen Anschauens weg; zerstäubt mich in die Winde, röstet mich in Schwefel, wascht mich in bodenlosen Schlünden von flüssigem Feuer – – O Desdemona! Desdemona! todt! todt! oh, oh!


[398]
Zehnte Scene.
Lodovico, Cassio, der hereingeführt wird, Montano, Jago gebunden, und einige Officiers, zu den Vorigen.

Lodovico.

Wo ist dieser rasche und höchst unglükliche Mann?

Othello.

Das ist der, der einst Othello war, hier bin ich.

Lodovico.

Wo habt ihr diese Viper? Bringt den Buben hervor!

Othello.

Ich seh ihm auf die Füsse; aber das ist eine Fabel. Wenn du ein Teufel bist, so kan ich dich nicht tödten.

(Othello stoßt nach Jago, und verwundet ihn.) 

Lodovico.

Windet ihm seinen Degen aus den Händen.

Jago.

Ich blute, Herr, aber ich lebe noch.

Othello.

Auch ist es mir nicht leid; ich will daß du lebest; du verdienst nicht, so glüklich zu seyn und zu sterben.

[399] Lodovico.

O du, Othello, einst ein so vortrefflicher Mann – – nun in die Fallstrike eines verruchten Sclaven gefallen – – was soll man zu dir sagen?

Othello.

Wie, was man will; daß ich ein ehrlicher Mörder sey, wenn ihr wollt: Denn was ich that, that ich nicht aus Haß, sondern meine Ehre zu rächen.

Lodovico.

Dieser Unselige hat einen Theil seines Bubenstüks eingestanden: Beschlosset ihr und er mit einander, den Cassio zu ermorden?

Othello.

Ja.

Cassio.

Mein theurer General, ich gab euch niemals Ursache dazu.

Othello.

Ich glaub es, und bitte euch um Vergebung: Wollt ihr, ich bitte euch, diesen Halb-Teufel fragen, warum er meinen Leib und meine Seele so verstrikt habe?

Jago.

Fragt mich nichts; was ihr wißt, das wißt ihr; von diesem Augenblik an soll kein Wort mehr aus meinem Munde gehen.

[400] Lodovico.

Wie? Auch nicht zum Beten?

Gratiano.

Foltern sollen dir den Mund schon aufthun.

Othello.

Gut, du thust am besten.

Lodovico.

Mein Herr, mich däucht, ihr seht noch nicht klar in der Sache; diese zween Briefe, die man in des erschlagenen Rodrigo Tasche gefunden, werden euch aus dem Wunder helfen. Einer davon enthält die Ermordung des Cassio, welche Rodrigo auf sich nehmen sollte – –

Othello.

O Bösewicht!

Cassio.

Mehr als heidnisch!

Lodovico.

Und hier ist der andre, die Antwort, die, dem Ansehen nach, Rodrigo ihm zugeschikt haben wollte, wenn Jago nicht indessen selbst gekommen und ihn befriediget hätte.

Othello.

O du verpesteter Bube! – – Wie kam’t ihr zu meines Weibs Schnupftuch, Cassio?

[401] Cassio.

Ich fand es in meiner Kammer, und er gestuhnd uns eben izt, daß er es in einer besondern Absicht daselbst hingeworfen habe, welche er auch nach Herzens-Lust erreicht habe.

Othello.

O Narr! Narr! Narr! der ich war!

Cassio.

Hier ist auch noch in Rodrigo’s Briefe, wie er ihm vorwirft, daß er ihn vermocht habe, mich auf der Wache zu beschimpfen; welches die Gelegenheit dazu gab, daß ich cassiert wurde: Und eben erst, da er nach einer langen Ohnmacht, worinn er für todt gehalten wurde, wieder zu sich selbst kam, sagte er, Jago selbst habe ihm den Rest gegeben.

Lodovico (zu Othello.)

Ihr müßt nun diesen Ort verlassen, und mit uns gehen: Eure Gewalt ist euch abgenommen, und Cassio regiert nun in Cypern. Was diesen Sclaven betrift, wenn irgend eine sinnreiche Marter ausgedacht werden kan, die ihn die grausamste Pein leiden mache, ohne ihn zu bald aufzureiben, so wartet sie auf ihn. Ihr, Othello, sollt in enger Verwahrung bleiben, bis die Beschaffenheit eures Vergehens der Regierung von Venedig bekannt gemacht seyn wird. Kommt, führet ihn hinweg.

[402] Othello.

Sachte; ein paar Worte, eh ihr geht. Ich habe dem Staat einige Dienste geleistet, und sie wissen’s: Nichts mehr davon. Ich bitte euch, wenn ihr in euern Briefen diese unglükliche Geschicht’ erzählet, so redet von mir wie ich bin; verkleinert meine Fehler nicht, aber macht mich auch nicht schlimmer als ich war. Redet also von einem, der nicht weislich liebte, aber zu sehr; von einem der nicht leicht eiferte; aber nachdem er einmal von dieser Leidenschaft ergriffen war, keine Grenzen kannte; von einem, dessen Hand gleich dem verworfnen Juden (Herodes) eine Perle wegwarf, deren unschäzbaren Werth sein ganzer Stamm nicht bezahlen konnte; von einem dessen ungewohnte Augen, ihr gleich Arabiens Balsam-Staude Thränen, Jammer-lindernde Thränen quellen sahet. Dieses schreibet, und sezt hinzu, daß ich einst in Aleppo, wo ein boßhafter schelmischer Türke einen Venetianer schlug und auf den Staat schimpfte, den beschnittnen Hund bey der Gurgel gefaßt, und ihn so gekizelt habe.

(Er ersticht sich.) 

Lodovico.

O blutige Nacht!

Gratiano.

Hier verliehren Worte alle ihre Kraft!

[403] Othello (zu Desdemona.)

Ich küßte dich, eh ich dich tödtete; nun ist nichts übrig, als da ich mich selbst getödtet habe, mit einem Kuß zu sterben.

(Er sinkt auf Desdemonens Leiche und stirbt.) 

Cassio.

Das besorgte ich, aber ich glaubte nicht, daß er ein Gewehr habe; er hatte ein grosses Herz.

Lodovico (zu Jago.)

O Spartanischer Hund, verderblicher als Pest, Hunger, oder die tobende See! Schau auf die jammervolle Last dieses Bettes hin; das ist dein Werk; der gräßliche Anblik vergiftet das Gesicht – – Laßt ihn verhüllen, Gratiano. Behaltet das Haus, und bemächtigt euch des Vermögens des Mohren, denn ihr seyd sein Erbe. (Zu Cassio.) Euch, Herr Statthalter, verbleibt die Abstraffung dieses höllischen Bubens, die Zeit, der Ort, die Marter, o! laßt sie so greulich als seine Bosheit seyn. Ich selbst eile zu Schiffe, um mit schwerem Herzen dem Staat diesen jammervollen Zufall vorzutragen.


  1. Eine Anspielung auf die Beobachtung, daß die schönsten und fruchtbarsten Gegenden des Erdbodens am meisten mit Ungeziefer gestraft sind.
  2. Eigner Name, der ehmaligen grossen Portugiesischen Kauffardey-Schiffe.
  3. Es hieß (Küsse) in einigen Ausgaben; und das war freylich in mehr als einer Betrachtung sehr ungereimt. Pope hat die ächte Lesart wieder hergestellt. Das junge Fräulein, meynt er, wäre gar zu freygebig gewesen, wenn sie für die blosse Erzählung einer Historie eine Welt voll Küsse gegeben hätte – – und er hat allerdings recht.
  4. Von hier an spricht der Herzog im Original in Reimen, und wird von Brabantio in gleicher Münze bezahlt.
  5. Eine satyrische Anspielung auf die vielen Baronets, welche König Jacob der Erste machte, und die unter andern Vorrechten eine rothe Hand in einem silbernen Feld in den Wappen-Schild ihrer Vorfahren bekamen.
  6. Dieses Gleichniß ist freylich unanständig genug; allein darum bekümmert unser Autor sich nicht; genug für ihn, daß es wahr ist.
  7. Eine Anspielung auf die berüchtigte Keuschheits-Probe des heiligen Robert von Arbrissel, der mitten zwischen zwoen schönen jungen Nonnen eine Probe machte, die mit einer Häßlichen gefährlich wäre.
  8. [Sind diese Venetianer,] denkt er hinzu.
  9. Man hat hier, einem herrschenden, obgleich an sich vielleicht ungerechten Vorurtheil zu gefallen, von dem buchstäblichen Sinn des Originals ein wenig abweichen müssen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Desdemona.
  2. Vorlage: Cassio (zu Jago.)
  3. Vorlage: Rodrigo (zu Jago.)
  4. Vorlage: sryd

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