Über das Zusammenleben um der Allgemeinbildung willen/Text

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Über das Zusammenleben um der Allgemeinbildung willen
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[4] [I 519 M.] [1] 1 „Sara, die Frau des Abraham, gebar ihm keine Kinder. Sie hatte aber eine ägyptische Magd, die Hagar hieß. Da sprach Sara zu Abraham: Siehe, Gott hat mich verschlossen, so daß ich nicht gebären kann; gehe zu meiner Sklavin, auf daß du von ihr Kinder zeugest.“ (1 Mos. 16, 1f.)

2 Der Name Sara bedeutet in griechischer Übertragung „meine Obrigkeit“.[1] Die Vernunft in mir und die Sittlichkeit in mir, die individuelle Gerechtigkeit[2] und alle anderen Tugenden, die für mich allein bestehen, sind meine alleinige Obrigkeit. Denn da sie von königlicher Abkunft ist, beaufsichtigt und lenkt sie mich, der ich ihr zu gehorchen beschlossen habe. Diese (Sara, die Tugend) erklärt Moses – welch ungeheurer Widerspruch! – 3 sowohl für unfruchtbar wie für sehr fruchtbar, da er ja zugibt, daß das menschenreichste aller Völker[3] von ihr stammt. Denn wirklich ist die Tugend [5] unfruchtbar, das Böse zu gebären, besitzt aber die Fähigkeit, die Tugendgüter so leicht zur Welt zu bringen, daß sie nicht einmal der Hebammenkunst bedarf, sondern sofort niederkommt.[4] 4 Tiere und Pflanzen bringen nach langen Pausen nur einmal oder höchstens zweimal im Jahr in einer Zahl, die die Natur entsprechend den Jahreszeiten für jede Art bestimmt hat, die ihrer Gattung eigentümliche Frucht hervor. Die Tugend aber setzt nie aus, sondern gebiert ununterbrochen und ohne Unterlaß in kleinsten Zeitabschnitten, aber niemals Menschenkinder, sondern edle Worte, untadlige [520 M.] Entschlüsse und lobenswerte Handlungen.[5] [2] 5 Doch wie Reichtum, den man nicht gebrauchen kann, seinen Besitzern nichts nützt, so ist es auch mit der Gebärfähigkeit der Vernunft, wenn sie nicht auch für uns selbst etwas Nützliches zur Welt bringt. Denn die einen erachtete sie (die Tugend) des Zusammenlebens[6] mit ihr für durchaus würdig,[7] die anderen schienen ihr offenbar noch nicht die Reife zu besitzen, um ein lobenswertes und gesittetes häusliches Eheleben zu ertragen. Diesen gestattete sie das Opfer, das vor der Ehe dargebracht zu werden pflegt, und eröffnete ihnen damit die Hoffnung auf das Eheopfer selbst.[8] 6 Sara, die meine Seele lenkende Tugend, gebar nun zwar, aber nicht für mich;[9] denn, da ich[10] noch zu jung war, konnte ich ihre Erzeugnisse: das Vernünftigsein, das rechtschaffene Handeln, das Frommsein, wegen der Fülle der unehelichen Kinder, die mir der eitle Wahn geboren hatte, nicht aufnehmen. Denn deren Nährung, ständige Pflege und unaufhörliche [6] Wartung zwangen mich, die edelbürtigen und mit dem wahrhaften Bürgerrecht begabten (Kinder)[11] zu vernachlässigen. 7 Es ist nun schön, darum zu beten, daß die Tugend nicht nur gebäre, – denn sie gebiert auch ohne ein solches Gebet leicht – sondern auch für uns selber gebäre, damit wir im Besitze ihrer Samen und Erzeugnisse[12] vollkommen glücklich werden. Denn sie (die Tugend) pflegt für Gott allein zu gebären, indem sie die Erstlinge der erhaltenen Güter jenem, der – wie Moses sagt – „den jungfräulichen Schoß erschloß“ (1 Mos. 29, 31) mit Dank als Opfer abstattet.[13] 8 Denn auch der Leuchter[14] das Ur- und Vorbild der Nachbildung,[15] leuchtet, wie er (Moses) sagt, nur mit einem Teil,[16] d. h. mit dem zu Gott gerichteten.[17] Dieser bildet nämlich die siebente Lampe, die sich in der Mitte der sechs zweimal dreigeteilten Leuchterschäfte befindet, welche ihm zu beiden Seiten als Trabanten stehen, und sendet seine Strahlen aufwärts zum Seienden, da er sein Licht für zu strahlend hält, als daß der Blick eines Sterblichen darauf fallen könnte.[18] [3] 9 Darum sagt er (Moses) nicht, daß Sara „nicht gebäre“, sondern nicht „für jemand bestimmten gebäre“. Denn wir sind noch nicht imstande, die Erzeugungen der Tugend aufzunehmen, wenn wir nicht vorher mit ihrer Magd verkehrt haben. Die Dienerin der Weisheit aber ist die vermittels der Vorbildung zu erlernende allgemeine (enkyklische) musische Wissenschaft. 10 Wie nämlich vor dem Torweg der Häuser die Haustür und vor den Städten die Vorstädte liegen, durch die man in jene hineingelangt, so liegt auch die enkyklische [7] Wissenschaft vor der Tugend.[19] Denn diese bildet den Weg, der zu jener führt.[20]

11 Man muß wissen, daß zu großen Gegenständen auch die Einleitungen[21] groß zu sein pflegen. Der größte Gegenstand aber ist die Tugend; denn sie beschäftigt sich mit dem größten Stoff, dem gesamten Leben des Menschen. Mit Recht also mag sie sich nicht kurzer Einführung[22] bedienen, sondern verwendet dafür die Grammatik, Geometrie, Astronomie, Rhetorik, Musik und [521 M.] alle übrigen Zweige der geistigen Erkenntnis, deren Sinnbild, wie wir zeigen werden, Hagar, die Dienerin der Sara, ist. 12 Denn es heißt: „Es sprach Sara zu Abraham: Siehe, Gott hat mich verschlossen, daß ich nicht gebären kann. Gehe zu meiner Sklavin, auf daß du von ihr Kinder zeugst“ (1 Mos. 16, 1). Fleischliche Vermischung und Geschlechtsverkehr, deren Ziel die Sinnenlust ist, haben aus der gegenwärtigen Betrachtung auszuscheiden. Denn das hier gemeinte Zusammenleben ist das der Tugend mit dem Verstand, der Kinder von jener zu zeugen versucht, und wenn er es nicht sofort vermag, angewiesen wird, sich dann wenigstens ihrer Sklavin, der allgemeinen Bildung, anzuverloben.[23] [4] 13 Hier muß [8] man über die Weisheit ihrer (der Tugend) Züchtigkeit staunen, die uns nicht Trägheit oder völlige Unfähigkeit zum Zeugen vorwerfen mochte, obwohl das Gotteswort wahrheitsgemäß sagt: „Sie konnte nicht gebären“ (1 Mos. 16, 1): und zwar nicht aus Mißgunst, sondern wegen unserer eigenen Unfähigkeit. Denn die Schrift sagt: „Gott verschloß mich, daß ich nicht gebären kann“, aber sie fügt nicht „für euch“ (sc. gebären kann) hinzu, um nicht den Anschein zu erwecken, als werfe sie anderen den Mißerfolg vor und schmähe sie deshalb. 14 „Gehe“,[24] heißt es weiter, „zu meiner Sklavin“, d. h. der Bildung in den sog. mittleren enkyklischen Wissenschaften,[25] damit du vorher[26] von ihr Kinder zeugst. Dadurch wirst du später einmal Nutzen aus dem Verkehr mit der Herrin zum Zweck der Erzeugung edelbürtiger Kinder ziehen können. 15 Denn die Grammatik erklärt die Darstellungen der Dichter und Prosaschriftsteller, verschafft dadurch Einsicht und reiche Kenntnisse und lehrt auf Grund der Übeltaten, die von den dort besungenen Heroen und Halbgöttern berichtet werden, auch die Verachtung alles dessen, was die eitlen Gedanken vorgaukeln.[27] 16 Die Musik, die das Unrhythmische durch Rhythmen, das Unharmonische durch Harmonien, das Mißtönende und Unmelodische durch Melodien[28] beschwört, führt auch das Uneinige zum Einklang. Die Geometrie legt in die lernbegierige Seele den Samen der Erkenntnis des Gleichmaßes und des richtigen Verhältnisses und bewirkt durch eine in beständigem Studium erworbene Gewandtheit den Eifer für die Gerechtigkeit. 17 Die Rhetorik schärft den Verstand für eine wissenschaftliche Erkenntnis, übt und schult seine Rede in der Fähigkeit des Ausdruckes und macht so den Menschen zu einem wahrhaft denkenden Wesen, indem sie seine spezifische [9] Eigenart[29] pflegt, die die Natur keinem anderen Lebewesen verliehen hat. Die 18 Dialektik aber, Schwester oder, wie einige sagen, Zwillingsschwester der Rhetorik,[30] scheidet die wahren von den falschen Gründen, widerlegt die sophistischen Scheinargumente und heilt somit von einer großen Krankheit der Seele, der Trugrede. Mit diesen und anderen gleichartigen[31] Gegenständen sich zu beschäftigen und sich vorher zu üben ist nützlich. Denn sicher (vielen ist es so ergangen), sicher können wir durch Vermittlung der Untertanen mit den königlichen Tugenden bekannt werden. 19 Siehst du nicht, daß auch unser Körper erst dann eine feste [522 M.] und üppige Nahrung aufnehmen kann, wenn er in der Säuglingszeit einfache und milchige Kost zu sich genommen hat?[32] Ebenso glaube auch, daß als Kindheitsnahrung der Seele die enkyklische Wissenschaft mit ihren speziellen Wissensfächern bereitsteht, und danach als vollkommene und nur für wahrhafte Männer geeignete Speise die Tugenden.

[5] 20 Die besonderen Eigentümlichkeiten der allgemeinen Bildung treten im Symbol in doppelter Form hervor: in der Abstammung und im Namen. Denn von Abstammung ist sie Ägypterin und ihr Name lautet Hagar, was in der Übersetzung „Beisassentum“ bedeutet.[33] Wer sich nämlich den enkyklischen Wissenschaften anschließt und Freund des Vielwissens ist, ist mit Notwendigkeit dem irdischen und ägyptischen[34] Körper beigesellt, da er die Augen braucht, um zu sehen und zu lesen, die Ohren, um zu lauschen und zu hören, und die anderen Sinneswerkzeuge, um alle Dinge der Sinnenwelt aufzunehmen. 21 Denn ohne ein urteilendes Organ kann der zu beurteilende Gegenstand nicht begriffen werden. Die sinnlichen Gegenstände werden aber von den Sinnesorganen beurteilt, so daß kein Gegenstand der sinnlichen Welt, in deren Grenzen sich die Philosophie [10] zum größten Teil hält, ohne sie genau untersucht werden kann. Die Sinneswerkzeuge, der körperlichste Teil der Seele,[35] sind nun im Gefäß der Gesamtseele verwurzelt. Dieses Gefäß der Seele wird symbolisch als Ägypten bezeichnet. 22 Dies ist das eine Kennzeichen, das ihrer Abkunft, das die Magd der Tugend besitzt. Laßt uns jetzt sehen, welcher Art das im Namen enthaltene sei. Es steht fest, daß die sog. allgemeine Bildung die Stelle eines Beiwohners einnimmt.[36] Denn Wissenschaft, Weisheit und jede Tugend sind eingeborene, autochthone und in Wahrheit alleinige Vollbürger des Alls, die anderen Bildungszweige können im Wettstreit mit ihnen nur den zweiten, dritten und letzten Preis gewinnen und stehen in der Mitte zwischen Fremden und Vollbürgern. Sie gehören keiner Gattung von beiden in voller Reinheit an, haben aber doch mit beiden bestimmte Gemeinsamkeiten. 23 Denn ein Beisasse steht hinsichtlich seines Aufenthaltsrechts in der Stadt den Vollbürgern, hinsichtlich seines Niederlassungsrechtes den Ausländern gleich.[37] Ebenso stehen ja auch die Adoptivkinder, insofern sie ihre Adoptiveltern beerben können, den Vollbürtigen, darin daß sie aber nicht von jenen gezeugt worden sind, den Unehelichen gleich. Im gleichen Verhältnis wie eine Herrin zur Dienerin, eine rechtmäßige Frau zum Kebsweib, steht auch Sara, die Tugend, zu Hagar, der Bildung. Daher ist billigerweise die Frau dessen, der nach Erkenntnis und Wissenschaft strebt und Abraham heißt, die Tugend genannt Sara, während sein Kebsweib die gesamte enkyklische Bildung, genannt Hagar, ist. 24 Wer von der Belehrung zur rechten sittlichen Einsicht gelangt, wird Hagar nicht verwerfen. Denn die Aneignung der Vorbildung ist unbedingt notwendig.[38] [6] Wenn sich aber jemand entschlossen hat, den Kampf um die Tugend durchzufechten, sich ständig mit ihr beschäftigt und nicht von der Tugendübung abläßt, so darf er dafür zwei edelbürtige Frauen und die gleiche Zahl von Kebsweibern, [523 M.] deren Dienerinnen, [11] heimführen.[39] 25 Jede von diesen besitzt eine andere Natur und Gestalt. Z. B. ist die eine die gesündeste, gleichmäßigste und friedseligste Bewegung, die nach ihren Eigenschaften Leah heißt.[40] Die andere mit Namen Rachel gleicht einem Schleifstein, an dem sich der Kampf und Übung liebende Geist wetzt und schärft. Ihr Name bedeutet „Blick der Entheiligung“[41], nicht weil ihr Blick unheilig ist, sondern im Gegenteil, weil sie der Meinung ist, daß die sichtbaren und sinnlichen Dinge im Gegensatz zu der reinen Natur der unsichtbaren und intellegiblen Welt nicht geweiht, sondern unheilig sind. 26 Denn da unsere Seele aus zwei Teilen, dem vernünftigen und vernunftlosen[42] besteht, so besitzt jeder der beiden Teile eine Tugend, und zwar der vernünftige Leah, der vernunftlose Rachel. 27 Denn die letztere (Rachel) übt uns darin, mit unseren Sinneswerkzeugen und dem ganzen vernunftlosen Seelenteil alles, was Nichtachtung verdient: Ruhm, Reichtum und Lust,[43] zu verachten. Diese werden zwar von der großen Menschenherde als bewundernswürdige und erstrebenswerte Güter beurteilt, aber deren Ohren sind bestochen, wie auch der übrige Gerichtshof der Sinneswerkzeuge bestochen ist. 28 Die erstere (Leah) dagegen lehrt, wie man den unebenen und steilen und für tugendliebende Seelen ungangbaren Pfad vermeidet und glatt, ohne Unfall und Straucheln vor Hindernissen die Heerstraße beschreite.[44] 29 Notwendigerweise ist nun Dienerin der ersteren die Fähigkeit sich vermittels der Sprachwerkzeuge auszudrücken und die scharfsinnige [12] Erfindung von Scheinargumenten, die durch treffende Wahrscheinlichkeit faszinieren; die Dienerin der andern dagegen ist die notwendige Nahrung, Trank und Speise. 30 Als Namen dieser beiden Dienerinnen sind uns Zelpha und Bilha überliefert (1 Mos. 30, 3. 9). Zelpha bedeutet in Übersetzung „aussprechender Mund“, denn sie ist ein Symbol der Fähigkeit sich auszudrücken und auseinanderzusetzen.[45] Bilha bedeutet dagegen „Hinunterschlucken“,[46] die wichtigste und notwendigste Grundlage für alle sterblichen Lebewesen; denn unser Körper ist im Schlunde verankert, und die Taue des Lebens sind an ihm wie an einem Sockel befestigt[47]. 31 Mit allen diesen oben genannten Fähigkeiten pflegt nun der Asket[48] Umgang, und zwar mit den einen wie mit freien und edelbürtigen Frauen, mit den anderen dagegen wie mit Sklavinnen und Kebsweibern. Er strebt nämlich einerseits nach der Bewegung der Leah[49] – sanfte Bewegungen bewirken im Körper Gesundheit und in der Seele ethische Vollkommenheit und Gerechtigkeit –, andererseits liebt er Rachel, da er gegen seine Affekte ankämpft, sich zur Enthaltsamkeit rüstet und allen Erscheinungen der Sinnenwelt sich entgegenstellt. 32 Denn es gibt zwei Arten der Nutznießung:[50] entweder man genießt die Güter wie im Frieden[51] oder man widersteht dem Übel wie im Kampf[52] [13] und schafft es [524 M.] aus dem Wege. Man handelt nun im Sinne der Leah, wenn man die älteren[53] und führenden Tugendgüter nutzt, im Sinne der Rachel dagegen, wenn man gewissermaßen seine Kriegsbeute genießt. 33 Solcher Art ist das Zusammenleben mit den Edelbürtigen. Daneben bedarf der Asket noch der Bilha, des Hinunterschluckens, aber als einer Sklavin und Kebsfrau (denn ohne Nahrung und Unterhalt kann sich wohl kaum ein richtiges Leben ergeben, da ja die mittleren Tugenden[54] Grundlage der höheren sind). Er bedarf ebenso auch der Zelpha, der Äußerung des Gedankens im Gespräch, damit seinem Logos von zwei Seiten her zur Vollendung verholfen werde, von der Quelle in der Denkseele und von ihrem Ausflusse durch das Sprachwerkzeug.[55]

[7] 34 Diese nun wurden, wie die heiligen Schriften berichten, Männer mehrerer Frauen, und zwar nicht nur edelbürtiger Weiber, sondern auch Kebsfrauen. Isaak aber hatte weder mehrere Frauen noch überhaupt ein Kebsweib, sondern nur seine Ehegattin, die ständig mit ihm lebte. 35 Warum dies? Weil sowohl die lehrbare Tugend,[56] nach der Abraham strebt, mehrerer Frauen bedarf (und zwar edelbürtiger für die rechte sittliche Einsicht, sowie außerehelicher für die Wissenschaften der enkyklischen Vorbildung), wie auch diejenige Tugend, die sich vermittels der Askese vollendet und um die sich offensichtlich Jakob bemüht. 36 Denn die Tugendübungen bedienen sich vieler verschiedener Lehrsätze, die führen oder folgen, vorangehen oder hinterherziehen und bald geringere, bald größere Mühe machen. Diejenigen aber, welche die Tugend von selbst lernen, zu deren Gattung Isaak, die Freude,[57] der edelste Zustand des [14] Wohlbefindens,[58] gehört, sind einer einfachen, unvermischten und reinen Natur teilhaftig geworden. Sie haben weder Askese noch Belehrung nötig, bei denen man der kebsweibartigen Wissenschaften, nicht nur der edelbürtigen bedarf. Denn da Gott das aus eigener Kraft gelehrte und gebildete Gute vom Himmel herabregnen läßt,[59] so konnte er (Isaak) unmöglich mehr mit sklavischen und kebsweibartigen Fertigkeiten[60] zusammenleben und sich bastardartige Lehren als Kinder wünschen. 37 Denn er, der diese Ehrengabe erwarb, wird als Mann der herrschenden und königlichen Tugend bezeichnet. Diese heißt bei den Griechen Ständigkeit, bei den Hebräern Rebekka.[61] Wer nämlich infolge der glücklichen Beschaffenheit seiner Natur und der Zeugungskraft seiner Seele[62] die Weisheit ohne Mühe und Qual gefunden hat, braucht nicht nach Besserung zu suchen. 38 Denn ihm stehen die vollkommenen Geschenke Gottes, die ihm durch die ehrwürdigen Gnadengaben eingehaucht werden, ständig zur Verfügung. Er wünscht nur und betet darum, daß sie für immer andauern. Darum scheint es mir auch, daß der (göttliche) Wohltäter ihm als Frau die Ständigkeit anverlobt hat, damit seine Gnadengaben dem Empfänger ewig verblieben.

[8] 39 Die Wiedererinnerung ist dem Gedächtnis unterlegen, ebenso wie der sich wieder Erinnernde dem Eingedenken (unterlegen ist). Dieser [525 M.] gleicht einem, der immer gesund war, jener einem, der sich von einer Krankheit erholt hat; denn das Vergessen ist die Krankheit des Gedächtnisses. 40 Wer sich nämlich an etwas wieder erinnert, muß die Sache, an die er von neuem denkt, vorher vergessen haben. Die Heilige Schrift nennt nun das Gedächtnis Ephraim, d. h. in der [15] Übersetzung „Fruchttragung“.[63] 41  Die Wiedererinnerung nach dem Vergessen nennen die Hebräer dagegen „Manasse“.[64] 41 Denn wirklich trägt die Seele dessen, der im Gedächtnis behält, die Frucht des Gelernten, ohne etwas davon zu verlieren, die Seele des sich Wiedererinnernden aber hat sich erst vom Zustand des Vergessens zu befreien, in dem sie sich befand, bevor sie sich erinnerte. Mit dem gedächtnisstarken Mann lebt nun eine edelbürtige Frau, das Gedächtnis, zusammen, mit dem Vergeßlichen aber ein Kebsweib, die Wiedererinnerung, von Herkunft eine Syrerin, frech und prahlerisch; denn Syrien bedeutet „hochfahrend“.[65] 42 Den Sohn dieser Kebsfrau „Wiedererinnerung“ nennen die Hebräer „Machir“, die Griechen „<Erwachen> des Vaters“.[66] Denn die sich Wiedererinnernden glauben, daß der väterliche Geist Ursache des Gedenkens sei, und berücksichtigen dabei nicht, daß auch dieser selbst einst das Vergessen in sich faßte, das er wohl nie bei sich aufgenommen hätte, wenn das Nichtvergessen von ihm abgehangen hätte. 43 Denn es heißt: „Es waren die Söhne des Manasse, welche ihm das syrische Kebsweib gebar: Machir; Machir aber zeugte den Galaad“ (1 Mos. 46, 20).

Auch Nachor, der Bruder Abrahams, besitzt zwei Frauen, eine edelbürtige und ein Kebsweib. Der Name der Edelbürtigen ist Melcha, der der Kebsfrau Ruma (1 Mos. 22, 23. 24). 44 Doch hier handelt es sich nicht um historische Geschlechterlisten, die von dem weisen Gesetzgeber aufgezeichnet worden wären – kein vernünftiger [16] Mensch möge das annehmen –, sondern um die symbolische Erklärung von Tatsachen, welche die Seele zu fördern vermögen.[67] Wenn wir die Namen in unsere Sprache[68] übersetzen, werden wir erkennen, daß sich die Verheißung bewahrheitet. Laßt uns also jeden einzelnen Namen prüfen. [9] 45 Nachor bedeutet „Ausruhen des Lichts“, Melcha „Königin“, Ruma „die etwas Sehende“.[69] Der Besitz eines Lichtes im Verstand ist nämlich ein Gut, dagegen ist der Besitz eines Lichtes, das ausruht, ruhig und unbewegt ist, kein vollkommenes Gut. Denn es ist nützlich, daß das Schlechte sich im Ruhezustand, und zuträglich, daß das Gute sich in Bewegung befinde. 46 Welchen Vorteil bietet einer, der eine schöne Stimme besitzt, aber schweigt, oder ein Flötenspieler, der nicht bläst, ein Harfenspieler, der nicht spielt, oder ganz allgemein ein Künstler, der seine Kunst nicht ausübt? Die bloße Theorie ohne Ausübung ist doch für die Sachkundigen ohne Nutzen. Denn ein Pankratiast[70], ein Faustkämpfer oder ein Ringer, dem die Hände auf dem Rücken zusammengebunden sind, kann seine Kampftechnik ebensowenig nutzen wie der geübte Läufer, wenn er an der Fußgicht leidet oder einen anderen Schaden am Bein genommen hat.[71] 47 Das sonnenähnlichste Licht der Seele ist aber die Wissenschaft. Denn wie die Augen durch die Strahlen, so wird auch die Vernunft durch die Weisheit erleuchtet, und [526 M.] wenn sie schärfer zu blicken geübt wird, an immer neue Erkenntnisse gewöhnt. 48 Mit Recht wird also der Name Nachor „ausruhendes Licht“ übersetzt. Denn insoweit er mit dem weisen Abraham verwandt ist, hat er am Lichte der Weisheit teil. Insofern er aber an dessen Auszug vom Gewordenen zum Ungewordenen und [17] von der Welt zum Weltschöpfer nicht teilgenommen hat,[72] besitzt er nur ein lahmes und unvollkommenes Wissen, das ausruht und stehenbleibt, besser gesagt, wie eine seelenlose Bildsäule erstarrt ist. 49 Denn er wandert nicht aus dem chaldaeischen Lande aus, d. h. er trennt sich nicht von der Wissenschaft der Astronomie, da er das Geschaffene höher als den Schöpfer und die Welt höher als Gott schätzt, genauer gesagt: die Welt selber für den selbstherrschenden Gott und nicht für das Werk des selbstherrschenden Gottes hält. [10] 50 Dieser führt als seine Frau die Melcha heim, die nicht etwa eine Königin ist, die über irgendwelche Menschen oder Städte regiert, sondern nur den Namen mit einer solchen gemeinsam hat. Denn wie man den Himmel als das Gewaltigste aller geschaffenen Dinge treffend den König der sinnlichen Welt nennen könnte, so auch die Wissenschaft des Himmels, die von den Astronomen und besonders den Chaldäern betrieben wird, eine Königin der Wissenschaften.[73] 51 Diese Frau (Melkah) ist nun edelbürtig, dagegen ist die nur „etwas“ vom Seienden „Sehende“, und wenn es auch das Geringste wäre, ein Kebsweib. Das edelste Geschlecht nun darf das Edelste, das wahrhaft Seiende, schauen – denn Israel bedeutet „Gott schauend“[74]. Wer sich danach um den nächsten Platz bewirbt, erblickt das Nächstedle, nämlich den wahrnehmbaren Himmel, die harmonische Ordnung seiner Sterne und deren wahrhaft musischen Reigen. 52 Den dritten Platz[75] erhalten die Skeptiker, die sich mit den gewaltigsten Dingen der Natur, den sinnlichen und intellegiblen, nicht befassen, sondern sich nur mit inferioren Geisteskunststücken abplagen und dabei [18] nur kleinliche Redereien zustande bringen.[76] Diesen wohnt die Kebsfrau Ruma bei, die nur „recht wenig sehen“ kann; denn sie besitzen nicht die Kraft, um zur Erforschung der edleren Dinge zu gelangen, durch welche sie ihr Leben fördern könnten. 53 Wie in der Medizin die sog. Behandlung vermittels bloßer Worte[77] den Kranken keine Förderung verschafft – denn nur durch Arzneimittel, Chirurgie und Diät, aber nicht durch Redereien werden Krankheiten geheilt –, so gibt es auch in der Philosophie bloße Wortkrämer und Pointenjäger, die das mit Gebrechen beladene Leben weder zu heilen wünschen noch sich darum bemühen, sondern sich von frühester Jugend bis zum äußersten Greisenalter, ohne Scham zu empfinden, mit zänkischen Disputationen und Silbenstechereien abgeben, [527 M.] als ob die Glückseligkeit von der unendlichen und unermüdlichen Beschäftigung mit Substantiven und Verben[78] abhinge und nicht davon, daß man die Gesinnung, die Quelle des menschlichen Lebens,[79] bessere, indem man die Laster verjagt und die Tugenden hereinläßt.

[11] 54 Kebsweibartige Meinungen und Grundansichten aber legen sich auch die Frevler bei. Denn, wie es heißt, gebar Thamna, Eliphas’, des Sohnes Esaus, Kebsweib, dem Eliphas den Amalek (1 Mos. 36, 12). Wie glanzvoll ist doch die niedrige Herkunft dieses Sprößlings! Man kann seine geringe Herkunft sofort erkennen, wenn man sich von der Ansicht freimacht, daß die obigen Worte sich auf Menschen beziehen, und unsere Seele wie ein Anatom betrachtet.[80] 55 Denn den Vernunft– und maßlosen Ansturm des Affekts nennt die Schrift Amalek, d. h. übersetzt „aufleckendes Volk“.[81] Wie nämlich des [19] Feuers Kraft den hineingeworfenen Brennstoff verzehrt, so leckt auch die auflodernde Leidenschaft alles in ihrer Nähe Befindliche auf und vertilgt es. 56 Als Vater dieses Affekts wird mit Recht Eliphas überliefert; Denn dessen Name bedeutet: „Gott hat mich verstreut“.[82] Entsteht denn nicht sofort, nachdem Gott die Seelen aufgescheucht oder zerstreut und von sich mit Schimpf davongejagt hat, die vernunftlose Leidenschaft? Denn er (Gott) pflanzt einen edlen Weinstock, die schauende und wahrhaft gottliebende Vernunft,[83] läßt dessen Wurzeln sich bis zur Unendlichkeit strecken und segnet ihn mit reichem Ertrag zum Gebrauch und Genuß der Tugendgüter. 57 Darum betet auch Moses: „Nachdem du sie hineingeführt hast, pflanze sie ein“ (2 Mos. 15, 17), auf daß die göttlichen Gewächse nicht vergänglich, sondern unsterblich und ewig währten. Die ungerechte und gottlose Seele treibt er dagegen weit von sich fort und verstreut sie über die Gefilde der Lüste, Begierden und Freveltaten. Dieser Ort wird angemessen „Ort der Frevler“ genannt, damit aber nicht der Hades des Mythos gemeint; denn der wahre Hades ist das schuldhafte, blutbefleckte und mit allen Flüchen beladene Leben des Frevlers.[84] [12] 58 An einer anderen Stelle ist folgendes Wort eingemeißelt: „Als der Höchste Völker verteilte, wie er die Söhne Adams zerstreut hatte“ (5 Mos. 32, 8), – da vertrieb er alle erdgebundenen Naturen,[85] die sich nicht darum bemüht hatten, ein himmlisches Gut zu erblicken, und machte sie zu Haus– und Heimatlosen und wahrhaft Verstreuten. Denn die Frevler besitzen weder Haus noch Heimatort und vermögen auch keine gemeinschaftliche Beziehung zu bewahren, sondern verlieren ihren Halt, werden verstreut und hin– und hergetrieben, wechseln ständig ihren Ort und können nirgends festen Fuß fassen.[86] 59 Der [20] Frevler nun bekommt die Schlechtigkeit von seiner edelbürtigen Frau und, den Affekt vom Kebsweib. Denn die Seele, als Ganzes genommen[87], ist gleichsam eine edelbürtige Gattin des Verstandes [528 M.] (eine Seele, die tadelnswert ist, zeugt aber Böses), dagegen ist die Natur des Körpers ein Kebsweib, durch welches der Affekt sichtbar wird; denn der Körper ist das Land der Lüste und Begierden. 60 Sie heißt Thamna, was in der Übersetzung „schwankende Ohnmacht“[88] bedeutet; denn die Seele wird ohnmächtig und kraftlos durch den Affekt, wenn der Körper sie infolge des schweren Sturms, der durch die Maßlosigkeit des Triebes entfesselt wird, in Wanken und Schwanken bringt. 61 Das Haupt aller genannten Teile,[89] die gewissermaßen ein lebendes Wesen bilden,[90] ist Esau, der Vater des Geschlechtes, der bald „Gedicht“, bald „Eiche“ gedeutet wird;[91] und zwar Eiche, insofern er von Natur unbeugsam, unnachgiebig, unbeeinflußbar und hartnäckig ist, da er zu seinem Ratgeber die Unvernunft hat, also in der Tat aus Eichenholz besteht. Als „Gedicht“ wird er gedeutet, insofern als das unvernünftige Leben eine Lügenerfindung und Fabelerzählung[92] ist, voller Tragik und eitler Phrasen und andererseits voller Witzeleien und lächerlichem Spott, ohne gesunden Kern, verlogen, weitab von der Wahrheit und ohne Achtung vor der qualitäts–, [21] gestalt– und formlosen Natur, die der Asket[93] liebt. 62 Das bezeugt Moses mit den Worten: „Jakob war ohne Falsch[94] und bewohnte ein Haus“ (1 Mos. 25, 27), woraus folgt, daß sein Gegner Esau haus- und heimatlos ist, ein Freund alles Gefälschten, Erdichteten und der leeren Lügenmärchen, ja, er selbst nur ein Nomadenzelt und eine Fabel.[95]

[13] 63 Über die Zusammenkunft des nach der Schau strebenden Verstandes mit den edelbürtigen und kebsweibartigen Kräften ist nach bestem Vermögen gehandelt worden. Jetzt soll der Faden der biblischen Rede wieder aufgenommen und das Folgende geprüft werden. Es heißt: „Abraham gehorchte der Stimme Saras“ (1 Mos. 16, 2); denn der Schüler hat den Anweisungen der Tugend zu gehorchen. 64 Aber nicht jeder gehorcht, sondern nur wer von heftiger Liebe zur Wissenschaft beseelt ist. Denn[96] fast jeden Tag füllen sich die Hörsäle und Theater, und die Philosophen entwickeln ihre Darlegungen über die Tugend ohne Unterbrechung; aber was nützen diese Reden? 65 Anstatt aufzumerken, lassen die Hörer ihre Gedanken in andere Richtungen schweifen: die einen denken an Schiffahrt und Handel, die anderen an ihr Einkommen und ihre Landwirtschaft, die dritten an Ehrenämter und Politik, die nächsten an Gewinn aus allen möglichen Arten von Künsten und Berufen, andere an Rache an ihren Feinden, andere wieder an Liebesgenüsse; kurz gesagt: ein jeder denkt an etwas anderes und hat für das, was vor ihm dargelegt wird, keine Ohren: sie sind nur mit dem Körper anwesend, mit ihrem Denken aber fern und gleichen so Bildern oder leblosen Bildsäulen. 66 Wenn aber schon einige zuhören, so sitzen sie nur da und hören zu, aber behalten nach ihrem Fortgang keine Silbe im Kopfe, da sie ja um eines Ohrenschmauses und nicht um der Förderung (ihrer Seele) willen gekommen sind. Daher ist ihre Seele [22] nicht fähig zu empfangen und zu gebären,[97] sondern sowie die Ursache, die ihre Lust erregte, [529 M.] zur Ruhe kommt, erlischt auch ihre Teilnahme. 67 Eine dritte Gruppe bilden die, denen zwar die Rede in den Ohren nachklingt, die sich aber statt als Philosophen als Sophisten erweisen. Deren Rede ist zwar zu loben, dagegen ist ihr Leben zu tadeln. Denn sie sind zwar fähig über das Beste zu reden, aber unfähig es zu tun. 68 Selten nur kann man jemanden finden, der aufmerkt und sich zugleich auch später an das Gehörte erinnert und das Handeln dem Reden vorzieht, was dem Lernbegierigen (Abraham) durch die Worte: „Er gehorchte der Stimme der Sara“ bezeugt wird; denn er wird nicht als „hörend“, sondern als „gehorchend“ eingeführt. Das ist aber die treffendste Bezeichnung für eine innerliche Zustimmung und einen echten Gehorsam. 69 Nicht ohne Absicht wird hinzugesetzt, er habe „der Rede der Sara“, und nicht, er habe „der redenden Sara“,[98] gehorcht. Denn der Lernende pflegt auf die Stimme und die Worte (seines Lehrers) zu hören, da er durch diese beiden belehrt wird. Wer aber das Gute durch praktische Übung (Askese) und nicht durch Unterricht[99] erwirbt, hält sich nicht an das Gesprochene, sondern an den Sprechenden, indem er dessen Leben in seinen untadligen Handlungen im einzelnen nachahmt. 70 Denn es heißt von Jakob, als er ausgesandt wurde, um seine Verwandte[100] zu heiraten: „Es hörte Jakob auf seinen Vater und seine Mutter und brach nach Mesopotamien auf“ (1 Mos. 28, 7). Er hörte also nicht auf die Stimme oder die Worte – denn der Asket soll die Lebensart nachahmen und nicht auf Worte hören, da dies dem Lernenden, jenes dem sich (zur Tugend) Durchringenden eigentümlich ist –, damit wir auch hier den Unterschied zwischen dem Lernenden und dem Asketen erkennen; denn der eine richtet sich nach dem Redenden, der andere nach seinen Worten.[101]

[23] [14] 71 Es heißt nun weiter: „Sara, die Frau Abrahams, nahm die Ägypterin Hagar, ihre Sklavin, nachdem Abraham zehn Jahre im Lande Kanaan gelebt hatte, und gab sie ihrem Manne Abraham zur Frau“ (1 Mos. 16, 3). Schmähsüchtig, bitter und böswillig von Natur ist die Schlechtigkeit, dagegen sanft, gemeinschaftsliebend und wohlwollend die Tugend, da sie Menschen von guter Naturanlage auf jede Art, sei es durch sich selber, sei es durch andere, fördern will. 72 Da wir nun zur Zeit noch nicht[102] fähig sind, von der Vernunft Kinder zu zeugen, so verbindet sie uns mit ihrer eigenen Sklavin, der oben genannten enkyklischen Bildung, wobei sie geradezu die Freiung und das Brautgeleit übernimmt. Denn sie selbst, heißt es, nahm sie (die Hagar), um sie ihrem Manne zur Frau zu geben. 73 Es ist der Überlegung wert, warum (die Schrift) hier noch einmal die Sara „Frau des Abraham“ nennt, nachdem sie sie doch bereits oben des öfteren als solche bezeichnet hat. Denn sie kann doch nicht eine Wiederholung, die häßlichste Form der Weitschweifigkeit in der Rede, bezweckt haben.[103] Was ist hierauf nun zu sagen? Da er (Abraham) im Begriff steht, sich die Dienerin der Vernunft, die enkyklische Bildung, anzuverloben, betont er ausdrücklich, daß er nicht die Eheversprechungen mit ihrer Herrin vergessen hat, sondern dessen eingedenk ist, daß diese nach Gesetz und freiem Entschluß, jene aber durch den Zwang und die Forderung des Augenblicks seine Frau ist. Solches geschieht aber mit jedem Lernbegierigen. 74 Wer es erlebt hat, dürfte der beste Zeuge dafür sein. [530 M.] Als zuerst die Philosophie[104] in mir eine leidenschaftliche Sehnsucht nach ihr entfachte, verkehrte ich im ersten Jugendalter zunächst mit einer ihrer Dienerinnen, der Grammatik, und brachte, was ich von ihr zeugte: das Schreiben, das Lesen, die Erzählungen der Dichter, ihrer Herrin dar. 75 Darauf verkehrte ich mit einer anderen Dienerin, der Geometrie, und obwohl ich ihre Schönheit bewunderte – denn sie besaß Gleichmaß und schöne Proportionen im Bau ihrer Glieder –, so schaffte ich doch [24] nichts von ihren Erzeugnissen beiseite, sondern brachte sie alle der edelbürtigen Gemahlin zum Geschenk. 76 Darauf eilte ich mit einer dritten zusammenzukommen – sie war voll schöner Rhythmen, Harmonien und Melodien und hieß Musik – und erzeugte ihr diatonische und enharmonische Tongeschlechter, getrennte und verbundene Tonarten sowie Quarten–, Quinten– und Oktavenverbindungen.[105] Und wieder verbarg ich nichts davon, damit meine edelbürtige und von unzähligen Sklavinnen bediente Gattin noch reicher würde. 77 Denn viele vernachlässigen, durch den Liebreiz der Dienerinnen bezaubert, die Herrin Philosophie, und so versäumen sich die einen in der Poesie, die anderen in der Geometrie, die dritten in der Farbenmischerei[106], andere in unzähligen anderen Dingen, ohne mehr die Kraft zu finden, zur edelbürtigen Herrin vorzudringen.[107] 78 Denn jede Kunst hat ihre Reize, gewisse magnetische Kräfte, die manche zum Verweilen verführen und die Versprechungen, die man der Philosophie einst gab, vergessen lassen. Wer aber seinen Abmachungen treu bleibt, gibt sich alle Mühe, nur ihr zu gefallen. Mit Recht sagt also die Heilige Schrift voll Bewunderung über Abrahams Treue, daß Sara auch dann noch seine Frau blieb, als er ihre Dienerin, jener zu gefallen, (zu sich) nahm. 79 Und in der Tat, wie die enkyklischen Wissenschaften zum Erwerb der Philosophie, so trägt auch die Philosophie zum Besitz der Weisheit bei. Denn die Philosophie ist die Beschäftigung mit der Weisheit, die Weisheit aber die Wissenschaft von den göttlichen und menschlichen Dingen und deren Ursachen.[108] So dürfte wohl ebenso wie die enkyklische Bildung die Sklavin der Philosophie, die Philosophie auch die Sklavin der Weisheit sein. 80 Die Philosophie aber lehrt Enthaltsamkeit des Leibes; der Geschlechtlichkeit und der Zunge. Diese drei werden (Tugenden) genannt, die um ihrer selbst willen zu erstreben sind, würdiger aber [25] dürfte es scheinen, wenn man sie um der Ehre und Geneigtheit Gottes willen pflegte. Man soll also der Herrin gedenken, wenn man ihre Dienerinnen freien will. In diesem Sinne wollen wir deren Männer genannt werden; jene aber soll in Wirklichkeit unsere Frau sein, nicht bloß heißen.[109]

[531 M.] [15] 81 Sara übergibt (ihre Sklavin dem Abraham) nicht sofort nach seiner Ankunft im Lande Kanaan, sondern erst nach einem zehnjährigen Aufenthalt.[110] Man muß sorgfältig danach forschen, was das bedeutet. Im Anfang unserer Entwicklung kennt die Seele als gemeinsame Pflegekinder nur die Affekte: Trauer, Schmerz, Furcht, Begierde und Lust[111], die durch die Sinnesorgane auf sie eindringen. Denn der Verstand vermag noch nicht zu sehen und das Gute und das Schlechte und deren Unterschiede genauer zu bestimmen, sondern ist noch schläfrig und hat seine Augen wie im tiefen Schlummer geschlossen. 82 Wenn wir aber später die Kinderschuhe ausziehen und an der Schwelle des Jünglingsalters stehen, wächst sofort aus einer Wurzel ein doppelter Stamm empor: Tugend und Laster. Wir nehmen beide in unser Bewußtsein auf und wählen auf jeden Fall eines davon, und zwar wer von guter Naturanlage ist, die Tugend, wer von entgegengesetzter, das Laster.[112] 83 Nachdem dies im voraus kurz angedeutet ist, muß noch in Erinnerung gebracht werden, daß Ägypten das Symbol der Affekte und das Land Kanaan das der Laster ist[113]. Daher läßt Abraham mit Recht sein Volk von Ägypten aufbrechen und führt es ins Land Kanaan[114]. 84 Denn der Mensch erhält, wie gesagt, mit der Geburt die ägyptischen Affekte als Wohnsitz und kettet sich an Lust und Schmerz. Später unternimmt er dann den Auszug zum Laster, wenn nämlich die Vernunft bereits an Scharfblick zugenommen [26] und beides, das Gute wie das Böse, begriffen, aber das Schlechtere für sich erwählt hat; denn zu fest ist sie an das Sterbliche gebunden, dem das Übel zugehört, während ihr Gegenteil, das Gute, dem Göttlichen angehört. [16] 85 Dieses sind nun die naturgegebenen Heimatländer: im Kindesalter die Leidenschaft, Ägypten, im Alter der Reife das Laster, Kanaan. Die Heilige Schrift aber, die die Heimatländer unseres sterblichen Geschlechtes wahrlich gut kennt, rät, was zu tun und förderlich ist, indem sie mit folgenden Worten deren Sitten und Gebräuche und Lebensweise zu hassen befiehlt: 86 „Und es sprach Gott zu Moses folgendermaßen: Sprich zu den Kindern Israels und rede zu ihnen: Ich bin der Herr euer Gott. Ihr sollt nicht nach den Gebräuchen des Landes Ägypten, in dem ihr einst wohntet, verfahren; auch nach den Gebräuchen des Landes Kanaan, in das ich euch führe, sollt ihr nicht verfahren und seinen Gesetzen nicht folgen. Meine Bestimmungen sollt ihr ausführen und meine Befehle einhalten und nach ihnen wandeln. Ich bin der Herr euer Gott. Ihr sollt alle meine Befehle und Bestimmungen einhalten und sie ausführen. Wer sie ausführt, wird in ihnen[115] leben. Ich bin der Herr euer Gott“ (3 Mos. 18, 1–5). 87 Also gibt es ein wahres Leben nur für den, der in den Bestimmungen und Befehlen Gottes wandelt. [532 M.] Daraus folgt, daß die Gebräuche der Gottlosen den Tod bedeuten. Welches sind nun die Gebräuche der Gottlosen?[116] Doch die des Affektes und der Übel, aus denen die Masse der Frevler und Übeltäter entsteht. 88 Zehn Jahre nach der Wanderung nach Kanaan also sollen wir[117] die Hagar zu uns nehmen, da wir, obwohl von Geburt [27] an mit Verstand begabt, zunächst an der naturgegebenen schändlichen Torheit und Unbildung Anteil nehmen. Erst lange Zeit später, und zwar nach einer Dekade von Jahren – der vollkommenen Zahl – erwacht in uns das Verlangen nach einer gesetzmäßigen Bildung, die uns fördern kann.[118]

[17] 89 Über die Zehnzahl[119] haben Jünger der Musik eingehend gehandelt; der hochheilige Moses pries sie besonders, indem er ihr die schönsten Dinge widmete: die Herrschaften,[120] die Abgaben, die ständigen Geschenke für die Priester, die Beobachtung des Passahfestes, das Sühnopfer, den Schuldennachlaß in jedem fünfzigsten Jahr und die Rückkehr zum alten Besitz, die Aufrichtung des unzerstörbaren Zeltes und noch unzähliges Andere, dessen Erwähnung zu weit führen würde. 90 Was aber in diesen Zusammenhang gehört, soll nicht übergangen werden. So führt er z. B. den Noah, der in der Heiligen Schrift als erster Gerechter erwähnt wird,[121] als Zehnten in der Kette der Generationen nach dem Erstgeschaffenen ein, nicht in der Absicht, auf die Fülle der Jahre hinzuweisen, sondern um deutlich zu lehren, daß, wie die Zehnzahl das vollkommene Ziel der Einerzahlen ist, so auch die Gerechtigkeit der Seele das vollkommene <Gute>[122] und wahrhafte Endziel aller Handlungen im Leben sei. 91 Denn die Dreizahl, die sich zur Neunzahl potenzieren läßt, verkünden die [28] göttlichen Orakel[123] als eine feindliche Zahl, die Einzahl dagegen, die man hinzufügt, um die Zehnzahl voll zu machen, erkennen sie als eine freundliche an. 92 Ein Beispiel dafür:[124] Als der innere Aufstand losbrach und die vier Affekte gegen die fünf Sinne kämpften und der gesamten Seele,[125] wie einer Stadt, völlige Zerstörung und Vernichtung drohte, da zog der weise Abraham zu Felde, erschien als Zehnter und beendigte die Herrschaft der neun Könige (vgl. 1 Mos. Kap. 14). 93 Er schaffte statt Sturm Meeresstille, Gesundheit statt Krankheit und – um die Wahrheit zu sagen – Leben statt Tod. Und da ihn der siegbringende Gott zum Trophäenträger ernannt hatte, weihte ihm Abraham auch als Dankopfer für den Sieg den Zehnten (1 Mos. 14, 20). 94 Von jedem zahmen und friedlichen Tier, welches „unter den Stab“,[126] d. h. unter die Hand der Erziehung kommt, wird das zehnte ausgesondert, das durch gesetzlichen Befehl für „heilig“ erklärt wird (3 Mos. 27, 30. 32), damit wir an vielen Beispielen die enge Beziehung zwischen Zehnzahl und Gott sowie der Neunzahl und unserem sterblichen Geschlecht lernen.

[18] 95 Aber nicht nur von den Tieren, [533 M.] so lautet der Befehl, soll der Zehnte geweiht werden, sondern auch von dem, was auf der Erde wächst. Denn es heißt: „Jeder Zehnte der Erde, vom Samen und der Frucht des Baumes, ist heilig dem Herrn, und von jedem zehnten Rind und Schaf und von allem, was in dieser Zahl unter dem Hirtenstab hindurchgeht, soll das zehnte heilig dem Herrn sein“ (3 Mos. 27, 30. 32). 96 Siehst du nun, daß man nach seiner (Moses) Meinung auch von unserem Körper, dessen Masse wahrhaft erdhaft und baumartig ist, Abgaben weihen muß? Denn Leben und Lebensdauer, Wachstum und Gesundheit wird dem Körper durch göttliche Gnade verliehen. Siehst du, daß auch von den vernunftlosen Lebewesen[127] in uns, d. h. den Sinnen, wieder eine Abgabe gefordert wird? Denn das [29] Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und auch das Tasten sind göttliche Geschenke, für die man zu danken hat. 97 Aber nicht nur für die baumartige und erdhafte Masse des Körpers oder die vernunftlosen Lebewesen, die Sinneswerkzeuge, werden wir angehalten dem Schöpfer zu danken, sondern auch für die Vernunft, die recht eigentlich der Mensch im Menschen und zwar der bessere im Schlechteren, der unsterbliche im Sterblichen ist. 98 Darum weihte wohl Moses alle Erstgeburten, indem er den Zehnten, ich meine den Stamm Levi, gegen sie austauschen ließ, um ihn zum Hüter und Bewahrer der Gottesfurcht, der Frömmigkeit und der heiligen Dienste einzusetzen, die zu Ehren Gottes dargebracht werden.[128] Denn das Vornehmste und Beste in uns ist der Verstand, und es ist recht und billig, von der Einsicht, dem Scharfsinn, der geistigen Wahrnehmung, dem rechten Denken und den anderen Fähigkeiten des Verstandes Gott, der die Fruchtbarkeit des Denkens bewirkt, Abgaben darzubringen. 99 Davon ging auch der Asket aus,[129] als er betete: „Von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten zehnen“ (1 Mos. 28, 22). Das gleiche gilt für den nach dem Siegessegen aufgeschriebenen Spruch, den Melchisedek, der die selbsterlernte und von selbst begriffene Priesterwürde erworben hatte, sprach:[130] „Er gab ihm den Zehnten von allem“ (1 Mos. 14, 19), und zwar von den Dingen der Wahrnehmung die Fähigkeit der besten Sinneswahrnehmung, von den Dingen der Sprache die schönste Redegabe, von den Dingen der Vernunft die Denkbegabung. 100 Auf zugleich schöne und notwendige Weise fügte er (Moses) in der Form eines Exkurses, nachdem er einen Rest der himmlischen und göttlichen Nahrung zum Andenken in einem goldenen [30] Krug geweiht hatte, hinzu: „Das Omer ist der zehnte Teil der drei Maße“ (2 Mos. 16, 36).[131] Denn in uns existieren offensichtlich drei Maße: die Wahrnehmung, das Wort und die Vernunft; und zwar für die wahrnehmbaren Dinge die Wahrnehmung, für Hauptwörter, Zeitwörter und das Gesprochene das Wort, für die intellegiblen Dinge die Vernunft.[132] 101 Von jedem dieser drei Maße soll man gleichsam einen heiligen Zehnt weihen, damit das Reden, das sinnliche Wahrnehmen und das logische Begreifen in Hinblick auf Gott fehlerlos und rechtschaffen geprüft werde. Denn nur dieses ist das wahre und [534 M.] gerechte Maß,[133] während die menschlichen Maße unwahr und ungerecht sind. [19] 102 Auch bei den Opfern soll ein Zehnt von dem Maß Weizenmehl mitsamt den Opfertieren auf den Altar gelegt werden (2 Mos. 29, 40), dagegen die anderen neun Teile, die nach Abzug des Zehnten übrigbleiben, bei uns verbleiben. 103 Hiermit stimmt auch das Ganzopfer der Priester überein. Es ist nämlich befohlen, ihnen jedesmal den Zehnten von dem Maß Weizenmehl abzugeben (3 Mos. 6, 20). Denn sie haben es gelernt, über den neunten, nur durch Mutmaßungen wahrnehmbaren Gott[134] hinauszugehen und den zehnten und wahrhaft Seienden zu verehren. 104 Denn neun Teile besitzt die Welt: am Himmel acht, und zwar den unbeweglichen Teil und die sieben beweglichen und in den gleichen Ordnungen wandelnden Teile, sowie als neunten die Erde[135] nebst Wasser und Luft; denn diese (drei), die mannigfache Wandlungen und Veränderungen erfahren, gehören zusammen. 105 Die Masse[136] verehrt nun diese neun Teile und die aus ihnen zusammengefügte Welt, der vollkommene Mensch aber nur den über diese [31] neun Teile Erhabenen, ihren Schöpfer, den zehnten, Gott. Denn er (der vollkommene Mensch) steigt auf der Suche nach dem Künstler über das Werk hinaus und strebt danach, sein Schützling und Diener[137] zu werden. Darum weiht der Priester dem Zehnten, Einzigen und Ewigen den Zehnten vom Ganzopfer. 106 Das bedeutet eigentlich das seelische Passah,[138] der Übergang von jeglichem Affekt und jeglicher Erscheinung der Sinnenwelt zum Zehnten, welches das Intellegible und Göttliche ist. Denn es heißt: „Am zehnten dieses Monats soll jeder ein Lamm für sein Haus nehmen“ (2 Mos. 12, 3), damit vom zehnten (des Monats) an[139] dem Zehnten (Gott) die Opfertiere geweiht werden. Diese werden in der zu zwei Dritteln erleuchteten Seele[140] so lange behütet, bis diese, wie der Vollmond nach seinem Wachstum in der zweiten Woche, ganz und gar zum himmlischen Licht geworden ist und nicht nur die makellosen und tadellosen Fortschritte des Geistes in sich bewahren, sondern auch als Opfer darzubringen vermag.[141] 107 Das gleiche gilt auch vom Sühnopfer, das ebenfalls auf den zehnten des Monats festgesetzt ist (3 Mos. 23, 27), wenn die Seele den zehnten Gott im Gebet angeht, nachdem sie von der Niedrigkeit und Nichtigkeit des Gewordenen durch verstandesmäßige Überlegung[142] überzeugt ist und des Ungewordenen (Gottes) Unerreichbarkeit in allem [32] Edlen und seine Erhabenheit begriffen hat. Dieser nimmt auch ohne Flehen sofort alle in Gnaden auf, die sich erniedrigen und demütigen und nicht in Prahlereien und eitlem Wähnen aufblähen. 108 Dies bedeutet der Schuldennachlaß (3 Mos. 25, 9ff.), dies die völlige Befreiung der Seele, die sich von ihren früheren Irrwegen lossagt, bei der nie irrenden Natur ansiedelt und zu den Besitztümern1 zurückkehrt, die sie besaß, als sie noch herrlich [535 M.] lebte und die mühevollen Kämpfe um das Gute kämpfte. Denn damals bewunderte sie der heilige Logos wegen ihrer Kämpfe und ehrte sie, indem er sie mit einer auserwählten Gabe und unsterblichem Besitz beschenkte: der Zuordnung zum Geschlecht der Unvergänglichen. 109 Dasselbe erfleht auch der weise Abraham, als dem Wortlaut nach das Land von Sodom, in Wirklichkeit aber die für das Gute unfruchtbare und an Verstand blinde Seele in Brand gesteckt werden sollte: er bat nämlich darum, ihr Verzeihung zu gewähren, falls in ihr das Erinnerungszeichen der Gerechtigkeit, die Zehnzahl, gefunden werde (1 Mos. 18, 32). Dabei leitet er seine Bitte mit der Zahl des Schuldennachlasses,[143] der Fünfzig, ein und hört mit der Zehnzahl, der letzten Summe für die Loskaufung, auf. [20] 110 Aus diesem Grunde hat, wie mir scheint, auch Moses nach der Wahl der Führer über die Tausend–, Hundert– und Fünfzigerschaften noch solche über die Zehnerschaften wählen lassen (2 Mos. 18, 25), damit die Vernunft, falls sie nicht durch die höheren Ordnungen gebessert werden könnte, wenigstens durch die untersten gereinigt würde. 111 Eine schöne Belehrung erhält auch der Sklave des Wissenschaftsliebenden[144] auf jener bewunderungswürdigen Gesandtschaft, die er unternahm, um dem selbstgebildeten Weisen[145] die ihm eigentümliche Tugend, die Beständigkeit,[146] zu freien. Denn „er nimmt zehn Kamele mit sich“ (1 Mos. 24, 10), d. h. die Erinnerung[147] an die durch die Zehnzahl dargestellte rechte Erziehung, von den [33] vielen, ja unzähligen Andenken seines Herrn.[148] 112 Er nimmt aber auch „von den Gütern jenes“ (ebenda), d. h. natürlich: nicht mit Silber oder Gold oder irgendwelchen anderen Dingen der vergänglichen Materie – denn niemals bedachte Moses diese mit dem Worte „gut“ – versorgt er sich für die Reise, sondern mit edelbürtigen Dingen, die alleinige (Güter) der Seele sind, wie Belehrung, ethische Förderung, Eifer, Verlangen, Streben, göttliche Begeisterung, prophetische Gabe und Leidenschaft zum rechten Vollbringen. 113 Wenn er hierin geübt und ausgebildet ist und gleichsam vom Meer in den Hafen einfahren will, um dort zu ankern,[149] wird er zwei Ohrgehänge, die je eine Drachme schwer sind, und Armbänder im Wert von zehn Goldstücken in die Hände der von ihm Gefreiten legen (1 Mos. 24, 22). Welch göttlicher Schmuck ist es, wenn das Gehörte eine Drachme, d. h. eine unteilbare und von Natur unzerstörbare und schwerwiegende Einzahl ist – denn es ziemt sich für das Ohr nur auf eine Rede zu hören, und zwar auf die, welche die Tugend des einzigen und einen Gottes auf vollendete Weise behandelt –, und wenn die Handlungen zehn Goldstücke wert sind; denn Taten, die man in Weisheit unternimmt, werden durch vollkommene Zahlen bestätigt, und jede von diesen ist wertvoller als ein Goldstück.[150] [21] 114 Zur gleichen Art gehört auch die Abgabe der auserwähltesten Gegenstände durch die Führer (4 Mos. 7). Sie fand statt, als die Seele nach ihrer Ausrüstung durch die Philosophie ihr Einweihungsfest feierte[151] und Gott, ihrem Lehrer und Führer, dankte. „Er stellt eine zehn Goldschekel schwere Opferschale voll von Weihrauch auf“ (4 Mos. 7, 14), damit die von[152] der [34] Vernunft und allen Tugenden aufsteigenden Düfte[153] vom einzig Weisen (d. i. Gott) beurteilt würden. 115 Wenn diese dafür (für das Rauchopfer) tauglich erscheinen, dann wird Moses dazu den Hymnus [536 M.] anstimmen: „Es roch der Herr den Duft des Wohlgeruchs“ (1 Mos. 8, 21), indem er „riechen“ für „zustimmen“ gebraucht; denn Gott ist nicht von menschlicher Gestalt und bedarf nicht der Nase oder anderer Teilorgane des Körpers. 116 Weiter aber wird er die göttliche Wohnstätte, das Zelt, „zehn Vorhänge“ nennen (2 Mos. 26, 1).[154] Denn das Gefüge der gesamten Weisheit besitzt eine heilige Zahl, die Dekade; die Weisheit aber ist die Wohnung[155] und der Königspalast des allanführenden und alleinig selbstherrschenden Königs. 117 Dieser (Palast der Weisheit) ist das intelligible Haus (Gottes), das sinnlich wahrnehmbare dagegen ist der Kosmos, da er (Gott) die Vorhänge aus den Stoffen weben ließ, die Symbole der vier Elemente[156] sind; denn sie werden aus Byssos und Hyazinth, Purpur und Scharlach, also wie gesagt aus viererlei Stoff verfertigt. Symbol der Erde ist der Byssos, denn er entsteht aus ihr; der Luft der Hyazinth, denn diese ist dunkel von Natur[157]; des Wassers der Purpur, denn die gleichnamige Muschel, die die Färbung verursacht, kommt aus dem Meer; des Feuers die Scharlachbeere, denn sie ähnelt sehr dem Feuer. 118 Hingegen züchtigt der Schutz– und Pflegeherr des Alls das aufsässige Ägypten, als es die widergöttliche Vernunft[158] vergötzte und ihm die Abzeichen der Königswürde: Thron, Zepter und Diadem zuerkannte, mit zehn Plagen und Strafen. 119 Ebenso verspricht er auch dem weisen Abraham, daß er den Untergang und die völlige Vernichtung von genau zehn Völkern, nicht mehr und nicht weniger, vollziehen und [35] das Land der Getöteten seinen Nachkommen geben werde (1 Mos. 15, 18–20). Immer hält er die Zehnzahl sowohl beim Lob wie beim Tadel, bei der Ehrung wie bei der Bestrafung der Verwendung für würdig. 120 Doch wozu daran erinnern, da ja Moses die heilige und göttliche Gesetzgebung in insgesamt zehn Worten aufschrieb! Diese sind die Satzungen, die allgemeinen Grundsätze für die unzähligen Einzelgesetze,[159] Wurzel, Ursprung und ewig strömender Quell der Anordnungen, die die Befehle und Verbote zum Nutzen derer, die sie befolgen, umfassen.

[22] 121 Mit Recht beginnt nun der Verkehr (des Abraham) mit der Hagar erst zehn Jahre nach seiner Ankunft im Lande Kanaan.[160] Denn wir[161] können, obwohl wir als denkende Wesen geschaffen sind, nicht sogleich nach der allgemeinen Bildung streben, solange der Verstand sich nicht gefestigt hat. Erst wenn wir unsere Einsicht und unseren Scharfsinn gestärkt haben, besitzen wir eine sichere und feste, keine leichtfertige und oberflächliche Ansicht über alle Dinge. 122 Darum folgen unmittelbar darauf [537 M.] die Worte: „Er ging zur Hagar hinein“ (1 Mos. 16, 4)[162]. Denn es ziemt sich für den Schüler, zur Wissenschaft als zu seiner Lehrerin zu gehen, damit er dort in den Gegenständen, die der menschlichen Natur angemessen sind, unterrichtet werde. An unserer Stelle wird der Schüler eingeführt, wie er in die Schule geht. Oft aber eilt die Wissenschaft, indem sie jeden Neid aus ihrem Herzen verbannt,[163] dem Begabten entgegen und zieht ihn zu sich heran. 123 Die Tugend, Leah,[164] kann man wenigstens sehen, wie sie dem Asketen (Jakob) entgegenzieht und zu ihm spricht: „Du wirst zu mir morgen kommen“ (1 Mos. 30, 16). Damals kehrte jener vom Felde zurück. Denn wohin sollte der Pfleger der Samen und Früchte der Wissenschaft gehen, wenn nicht zum Acker der Tugend?

[23] 124 Bisweilen aber liebt es (die Wissenschaft) ihre Schüler auf die Probe zu stellen, wie weit es mit ihrer Bereitwilligkeit und ihrem [36] Eifer gehe. Dann kommt sie ihnen nicht entgegen, sondern verhüllt ihr Antlitz, setzt sich wie Thamar[165] an einen Kreuzweg und verstellt sich vor den des Wegs Dahinziehenden, als sei sie eine Dirne (1 Mos. 38, 14. 15), damit die Eifrigen sie entschleierten und die unberührte, unbefleckte und wahrhaft jungfräuliche, herrliche Schönheit ihrer Züchtigkeit und Maßhaltung entdeckten und bewunderten. 125 Wer ist nun der wißbegierige Prüfer, für den es keine verhüllte Tatsache gibt, die er nicht einer Betrachtung und Durchforschung für würdig hielte? Kein anderer als der Hauptfeldherr und König, der treu bei seinen vor Gott geleisteten Versprechungen verharrt und sich an ihnen erfreut, mit Namen Juda[166]. Denn es heißt: „Er bog zu ihr vom Wege ab und sprach: Laß mich bei dir eintreten“ (ebd. 16), – er wollte sie also nicht dazu zwingen – um zu sehen, welches diese verschleierte Macht sei und wozu sie bereit ist. 126 Nach seinem Eintritt heißt es: „und umfing“ (ebd. 18).[167] Wer aber (umfing),[168] wird nicht ausdrücklich mitgeteilt; denn die Fertigkeit[169] umfängt und reißt den Lernenden an sich und sucht ihn dazu zu bewegen, sich ihr gegenüber wie ein Liebender zu verhalten, wie es auch der Lernende mit seiner Lehrmeisterin tut, wenn er das Wissen liebt.

[37] 127 Oft aber rühmen sich Lehrmeister der mittleren Wissenschaften, die einen begabten Schüler haben, ihrer Schule, indem sie sich als alleinige Urheber der guten Fortschritte ihres Schülers ansehen, heben sich in den Himmel und blähen sich auf, tragen den Kopf hoch, ziehen die Stirn in Falten, dünken sich wunder was und fordern von denen, die bei ihnen Unterricht nehmen wollen, gewaltige Summen. Wenn sie aber feststellen, daß ein bildungsdurstiger Schüler arm ist, weisen sie ihn von sich, als ob sie allein den Schatz der Weisheit entdeckt hätten. 128 Das bedeuten die Worte „im Leibe tragen“, nämlich anschwellen, hoffärtig sein, sich übermäßig aufblähen. Dadurch scheinen auch einige die Tugend, die Herrin der mittleren Wissenschaften[170], zu verunehren, während diese doch ihre Ehre aus sich selber bezieht[171]. 129 Die Seelen aber, die mit der Vernunft schwanger gehen, gebären ohne Umstände und mühelos,[172] indem sie wie Rebekka das Vermischte trennen und [538 M.] sondern. Als diese nämlich in ihrem Leib die Wissenschaft der beiden Völker der Denkseele, der Tugend und des Lasters, empfing,[173] gebar sie leicht und sonderte und trennte beide Naturen voneinander (1 Mos. 25, 23). Die Seelen aber, die ohne Vernunft schwanger werden, bringen entweder Fehlgeburten zur Welt[174] oder gebären einen Streitsüchtigen und einen Sophisten, der Lanzen wirft und Pfeile schießt oder mit Lanzen beworfen und von Pfeilen beschossen wird[175] (1 Mos. 21, 20). 130 Und vielleicht mit Recht. Denn die einen glauben im Leib zu „empfangen“, die anderen zu „besitzen“,[176] wozwischen doch ein großer Unterschied besteht. Denn (die Seelen), die zu besitzen wähnen, schreiben sich voller Prahlerei die Erfindung[177] und Entstehung (ihrer Weisheit) selber zu, [38] die sie aber zu empfangen wünschen, gestehen damit ein, daß sie nichts von sich aus besitzen. Sie wissen, daß Same und Frucht von außen her benetzt werden, bewundern den, der sie verleiht, und bannen die Selbstliebe, das größte Übel, durch das vollkommene Gut, die Gottesfrömmigkeit. [24] 131 Auf diese Weise wurde auch der Same für die Gesetzgebung der Menschen gelegt; denn es heißt: „Es lebte ein Mann aus dem Stamme Levi. Der nahm eine von den Töchtern des Stammes Levi zur Frau und besaß sie. Und sie empfing im Leibe[178] und gebar ein männliches Kind. Als sie aber sahen, daß es edel war, verbargen sie es drei Monate“ (2 Mos. 2, 1f.). 132 Das ist Moses, die reinste Vernunft, der wahrhaft edle Weise,[179] der zugleich die gesetzgeberische wie die prophetische Gabe durch die begeisterte und gottergriffene Weisheit empfangen hat,[180] von seiten beider Eltern aus dem Stamme Levi stammt, und zwischen ihnen erblühend[181] nur „an die Wahrheit hält“ (vgl. 5 Mos. 30, 20).[182] 133 Denn die wichtigste Verkündigung dieses Stammhauptes[183] ist es, wenn er zu sagen wagt, daß nur Gott allein zu ehren sei und nichts anderes nach ihm, weder Land noch Meer noch die Flüsse oder die Luft oder der Wechsel der Winde und Jahreszeiten, nicht die Gestalten der Tiere und Pflanzen, nicht Sonne, Mond und die Schar der Sterne, die in harmonischen Ordnungen im Kreise dahinziehen, auch nicht der gesamte Himmel und der Kosmos. 134 Welcher Ruhm für eine große und außerordentliche Seele, über die Schöpfung hinauszusteigen, ihre Grenzen zu überschreiten und sich allein an den Ungeschaffenen zu [39] halten, in Übereinstimmung mit den heiligen Weisungen, in denen es heißt: „Sich an ihn zu halten“ (5 Mos. 30, 20). Wer sich aber an ihn hält und ihm ununterbrochen dient,[184] dem gibt sich Gott dafür auch selber zum Besitz. Diese meine Behauptung wird durch das Wort verbürgt: „Der Herr selbst ist sein Besitz“ (5 Mos. 10, 9).[185] 135 So gebären die Seelen, die nicht im Leibe „besitzen“, sondern „empfangen“. Wie die leiblichen Augen bald trübe und bald klar sehen, so nimmt auch das Auge der Seele[186] die Besonderheiten der Gegenstände bald verwischt und undeutlich, bald rein und scharf [539 M.] auf. 136 Die unklare und unbestimmte Wahrnehmung ist dem Embryo vergleichbar, das im Leibe noch nicht zu Ende geformt ist; die deutliche und scharfe (Beobachtung) dagegen insbesondere dem, das voll ausgebildet und an allen inneren und äußeren Körperteilen kunstvoll gestaltet ist und die ihm angemessene Form erhalten hat. 137 Folgendes schöne und nützliche Gesetz wurde über diese (beiden) gegeben: „Wenn zwei Männer streiten und der eine eine Frau stößt, die ein Kind im Leibe besitzt, so daß ihr Kind, noch bevor es ausgebildet ist, heraustritt, so soll er Strafe zahlen. Soviel der Mann dieser Frau ihm auferlegt, soll er entsprechend der Forderung bezahlen. Wenn das Kind aber schon ausgebildet ist, so soll er Leben für Leben geben“ (2 Mos. 21, 22f.).[187] Denn es ist nicht gleichgültig, ob einer ein vollkommenes oder unvollkommenes Werk des Verstandes,[188] ein noch nicht in Gedanken vorgebildetes oder ein schon konzipiertes, ein noch nicht erhofftes oder ein schon vorhandenes zerstört. 138 Darum wird im Gesetz einmal für eine unbestimmte Sache eine unbestimmte Strafsumme und dann wieder für eine vollkommene Sache eine bestimmte Summe vorgeschrieben, wobei unter „vollkommen“ nicht an die Tugend, sondern an eine tadellose technische Ausführung zu denken ist.[189] Denn in diesem Falle gebiert nicht eine „empfangende“, sondern im Leib „besitzende“ Frau, die statt der schlichten Wahrheitsliebe [40] das eitle Wähnen predigt.[190] Unmöglich nämlich kann die im Leib „Empfangende“ fehlgebären, da die Frucht von dem, der den Samen spendet, bis zur Reife ausgetragen werden muß. Dagegen geschieht das bei der (im Leib) „Besitzenden“ häufig, da sie ohne die Möglichkeit zu einer ärztlichen Beihilfe von der Krankheit ergriffen wird.[191]

[25] 139 Glaube nicht, daß die Worte: „Als sie sah, daß sie ein Kind im Leibe trug“ (1 Mos. 16, 4), besagen, daß Hagar ihre Schwangerschaft selber bemerkte. Vielmehr beziehen sie sich auf ihre Herrin Sarah. Denn später sagt auch diese Sarah von sich: „Als ich sah, daß sie ein Kind im Leibe trug, wurde ich von ihr entehrt“ (ebd. 5)[192]. Weswegen? 140 Weil die praktischen Fertigkeiten mittleren Ranges[193] die ihnen gemäßen Dinge, mit denen sie schwanger gehen, zwar sehen, aber doch getrübt erblicken, während die Wissenschaft diese klar und ganz deutlich erkennt. Die Wissenschaft ist nämlich mehr als eine praktische Fertigkeit, da sie die Merkmale: „sicher“ und „unumstößlich durch die Vernunft“ mehr hat. 141 Denn die Definition der praktischen Fertigkeit lautet folgendermaßen: sie ist ein System von Begriffen, die gemeinsam für einen nutzbringenden Zweck verwandt werden; dabei wird das Wort „nutzbringend“ der Definition mit Recht hinzugefügt, um die schlechten Fertigkeiten auszuschließen. Die Wissenschaft wird dagegen definiert als ein sicheres und festes Begreifen, das durch die Vernunft nicht widerlegt werden kann[194]. 142 Musik, Grammatik und die verwandten Gegenstände nennen wir Fertigkeiten – daher auch diejenigen, welche sich in ihnen vervollkommnet haben, Kunstfertige in der Musik und Grammatik heißen –, Philosophie aber und die anderen Tugenden nennen wir Wissenschaften und diejenigen, die sie besitzen, Wissenschaftler. [540 M.] Denn sie sind einsichtsvoll, verständig und weisheitsliebend, und keiner von ihnen irrt in den Lehren der von ihm gründlich erlernten [41] Wissenschaft, ebensowenig wie die Obengenannten (d. h. die Kunstfertigen) in den Lehren der praktischen Fertigkeiten von mittlerem Werte. 143 Denn wie die Augen sehen, die Vernunft aber vermittels der Augen schärfer blickt, die Ohren hören, die Vernunft aber mit den Ohren besser hört, die Nase riecht, die Seele aber mit der Nase besser riecht, und die anderen Sinneswerkzeuge die ihnen zukommenden Gegenstände wahrnehmen, diese aber reiner und klarer durch die Vernunft wahrgenommen werden – denn genau genommen ist sie das Auge der Augen, das Ohr der Ohren und das reine Sinnesorgan jedes Sinnes, da sie diese nur gleichsam als Gerichtsdiener[195] benutzt, die Natur der Gegenstände aber selber beurteilt, um sich für die einen zu entscheiden und die anderen zu verwerfen –, so gelangen die sogenannten Fertigkeiten mittleren Ranges, die den Fähigkeiten des Körpers gleichen, vermittels einfacher Beobachtungen zu ihren Erkenntnissen, während die Wissenschaften diese schärfer und mit äußerster Exaktheit erfassen. 144 Denn wie die Vernunft zur Sinneswahrnehmung, so verhält sich die Wissenschaft zur praktischen Fertigkeit. Ebenso wie nämlich die Seele, wie oben gesagt wurde,[196] der Sinn der Sinne ist, <so ist die Wissenschaft die Fertigkeit der Fertigkeiten>.[197] Jede dieser (praktischen Fertigkeiten) nimmt sich einen bestimmten kleinen Ausschnitt aus der Natur vor, um den sie sich bemüht und mit dem sie sich beschäftigt: so die Geometrie die Linien, die Musik die Töne. Die Philosophie aber befaßt sich mit der gesamten Natur des Seienden; denn ihr Forschungsgegenstand ist diese Welt und die ganze sichtbare und unsichtbare Substanz des Seienden. 145 Was Wunder also, wenn sie, die das Ganze überschaut, auch die Teile sieht, und zwar besser als jene, da sie mit besseren und schärfer blickenden Augen versehen ist? Mit Recht wird darum die Herrin Philosophie die Schwangerschaft ihrer Dienerin, der allgemeinen Bildung, eher entdecken als diese selbst.

[26] 146 Und auch das weiß jedermann, daß es die Philosophie war, die allen Teilwissenschaften Anfang und Samen schenkte, aus dem dann offensichtlich deren Erkenntnisse erwuchsen. Denn gleichschenklige und ungleichseitige Dreiecke, Kreise, Vielecke und andere Figuren sind spätere Erfindungen der Geometrie, dagegen nicht die [42] Natur des Punktes, der Linie, der Fläche und des Körpers, welche Wurzel und Grundlage der genannten (Figuren) sind. 147 Denn woher hat sie (die Geometrie) die Definition, daß der Punkt das ist, was keine Teile hat, die Linie eine Länge ohne Breite ist, die Fläche das, was nur Breite und Länge, der Körper aber das, was drei Dimensionen: Breite, Länge und Tiefe besitzt? Das obliegt der Philosophie, wie dem Philosophen die gesamte Beschäftigung mit den Definitionen. 148 Schreiben und Lesen ist das Lehrfach der niederen Grammatik (welche einige unter Abänderung des Wortes „Grammatistik“[198] nennen), während das der höheren Grammatik die Erklärung der Dichter und Prosaschriftsteller ist. [541 M.] Wenn (die Grammatiker) nun die Teile der Rede behandeln, übernehmen sie und eignen sie sich dann nicht für ihre Zwecke die Entdeckungen der Philosophie an? 149 Denn ihr spezielles Amt ist es zu untersuchen, was eine Konjunktion, ein Nomen, ein Verbum, was ein Gattungsname und ein Eigenname, was ein verkürzter, ein vollkommener Satz, was ein Aussagesatz, was eine allgemeine und spezielle Frage[199], was ein Imperativ,[200] ein Optativ und eine Wunschform ist.[201] Denn sie (die Philosophie) ist es, die die Abhandlungen über vollständige Sätze, Urteile und Prädikate verfaßt hat. 150 Einen Buchstaben als Halbvokal, Vokal oder Konsonant zu erkennen und seinen Namen zu bestimmen, sowie die gesamte Gattung des Lautes, der Buchstaben und der Redeteile, – ist das nicht alles durch die Philosophie erarbeitet und ausgeführt worden? Aber diese Diebe, die kleine Tropfen wie von einem Bergstrom wegnehmen und in ihre noch kleineren Seelen hineinpressen, wagen es ohne zu erröten das Gestohlene für eigenes Gut auszugeben.[202]

[27] 151 Daher fühlen sie sich in ihrer Torheit der Herrin, der die wahrhafte Herrschaft[203] und Festigung des Erkannten obliegt, überlegen. [43] Sie aber bemerkt die Geringschätzung jener, tadelt sie und spricht freimütig: „Ich werde von euch ungerecht und wider jeden Vertrag behandelt, da ihr eure Abmachungen verletzt. 152 Denn seitdem ihr die Vorbildung, den Sprößling meiner Sklavin, in eure Arme geschlossen habt, ehrt ihr jene wie eine rechtmäßige Gattin, von mir aber habt ihr euch so abgewandt, daß ihr niemals mehr mit mir zusammenkommt.[204] Doch vielleicht nehme ich das von euch <zu Unrecht>[205] an, indem ich aus eurem offenen Verkehr mit der Magd auf eine unmerkliche Entfremdung von mir schließe. Sollte es sich mit euch nun meiner Vermutung entgegengesetzt verhalten, so ist das für jeden andern schwer, für Gott allein aber leicht zu durchschauen.“ 153 Darum sagt sie passend: „Gott möge zwischen mir und dir richten“ (1 Mos. 16, 5); denn sie verdammte ihn nicht im voraus, als ob er unrecht gehandelt habe, sondern war im Zweifel, ob er vielleicht doch recht getan hätte. Bald darauf klärt er (Abraham) sie durch seine Verteidigungsworte völlig auf und heilt sie von ihrem Zweifel, indem er spricht: „Siehe, die junge Magd ist in deinen Händen, tue mit ihr, was dir gefällt“ (1 Mos. 16, 6). 154 Indem er sie „junge Magd“ nennt, gibt er beides zu: daß sie eine Sklavin und daß sie unmündig sei – denn der Begriff „junge Magd“ bezieht sich auf beide Eigenschaften. Ebenso erkennt er damit auch sofort ohne Einschränkung die entgegengesetzten Anlagen an:[206] daß nämlich der Unmündigen die Erwachsene[207] und der Sklavin die Herrin gegenübersteht, indem er geradezu laut ausruft: „Ich liebe die enkyklische Bildung wie eine junge Magd, die Wissenschaft und die Vernunft aber ehre ich wie eine erwachsene Herrin.“ 155 Die Worte „in deinen Händen“ bedeuten zunächst: „Sie ist in deiner Hand (Gewalt).“[208] Sie besagen aber noch etwas anderes: „Wie die Fähigkeiten der Sklavin sich auf die Hände [542 M.] des Körpers übertragen – denn die allgemeine [44] Bildung bedarf der Organe und Fähigkeiten des Körpers[209] –, so gehen die der Herrin in die Seele[210] über; denn Einsicht und Wissenschaft sind der rationellen Überlegung geweiht. 156 Je mächtiger also und wirksamer und in allem kräftiger die Denkseele ist als die Hand, um so mehr halte ich[211] Wissenschaft und Einsicht für bewundernswert als die allgemeine Bildung und meiner besonderen Ehrung für würdig. Nimm daher, die du Herrin bist und von mir dafür gehalten wirst, meine gesamte Bildung entgegen und behandle sie wie eine Magd, ‘wie es dir gefällt’. 157 Denn ich weiß recht wohl, daß, was dir gefällt, auch gut ist,[212] selbst wenn es nicht sanft ist, und daß es nützlich ist, auch wenn es weit vom Angenehmen abliegt.[213] Gut und nützlich aber ist denen, die eines Tadels bedürfen, die Zurechtweisung, welche die Heilige Schrift mit einem anderen Wort ‘Drangsal’ nennt.“[214]

[28] 158 Darum wird hinzugefügt: „Und sie schuf ihr Drangsal“ (1 Mos. 16, 6), was gleichbedeutend ist mit: „Sie wies sie zurecht“, oder „sie züchtigte sie“.[215] Denn für Menschen, die in völliger Ungebundenheit leben, ist wie für störrische Pferde ein scharfer Sporn nützlich, da sie mit Peitsche und Zügel (allein) kaum gebändigt und gezähmt werden können. 159 Oder siehst du nicht den Kampfpreis,[216] dem diese Zuchtlosen zustreben? Sie mästen sich, werden breit und üppig und blähen sich auf, und schließlich gewinnen diese Elenden[217] und vom bösen Dämon Erfaßten den traurigen Siegespreis der [45] Unfrömmigkeit und werden wegen ihrer Gottlosigkeit vom Herold ausgerufen und bekränzt. Denn da ihnen die Gaben des Glückes glatt zufließen, halten sie sich selber nach Art einer verfälschten Münze für versilberte und vergoldete Götter[218] und vergessen den wahren und wahrhaft seienden Gott. 160 Das bezeugt auch Moses mit den Worten: „Er wurde fett, dick und breit und verließ Gott, der ihn geschaffen hatte“ (5 Mos. 32, 15).[219] Wie demnach die fortschreitende Zügellosigkeit den Frevelmut, das größte aller Übel, zur Welt bringt, so gebiert umgekehrt die gesetzliche Züchtigung die lobenswerte Zurechtweisung, das vollkommene Gut. 161 Davon ging auch Moses aus, als er das Symbol des ersten Festes, das ungesäuerte Brot, „Brot der Drangsal“ nannte (5 Mos. 16, 3). Doch wer wüßte nicht, daß Feste und Opfermahlzeiten Heiterkeit, Freude und Frohsinn, nicht Drangsal verursachen? Offensichtlich gebraucht er (Moses) hier aber das Wort als Bezeichnung für die Mühsal, den Zuchtmeister.[220] 162 Denn die meisten und höchsten Tugendgüter pflegen durch asketische Übungen und kraftvolle Mühen errungen zu werden. Ein Fest der Seele[221] ist aber das Streben nach dem Besten und die von Erfolg gekrönte Mühe. Darum wird auch befohlen, das ungesäuerte Brot „mit Bitterkraut zu essen“ (2 Mos. 12, 8), nicht als Zukost, sondern weil die meisten es zu den Unannehmlichkeiten rechnen, nicht in Begierden anzuschwellen und aufzulodern, sondern sich bescheiden und mäßigen zu müssen; denn sie halten es für bitter, aller [543 M.] Leidenschaft abzusagen, was doch für eine kampfliebende Denkseele eine Freude und ein Fest bedeutet. [29] 163 Aus diesem Grunde wurden, wie ich glaube, die Gesetze an einem Ort verkündet, der „Bitterkeit“ hieß. Denn es ist süß und angenehm, Unrecht zu tun, aber beschwerlich, gerecht zu handeln. Das aber ist das untrüglichste Gesetz. Es heißt nämlich: Als sie die ägyptischen Leidenschaften[222] verlassen hatten, „kamen sie nach Merra und konnten das Wasser von Merra nicht trinken; denn es war bitter. Darum wurde der Name jenes [46] Ortes ‘Bitterkeit’ genannt. Und das Volk murrte wider Moses und sprach: ‘Was sollen wir trinken?’ Da schrie Moses zu Gott, und der Herr zeigte ihm ein Holz. Er warf es ins Wasser, und das Wasser ward süß. Hier legte er ihm Gesetz und Recht auf und hier prüfte er ihn“ (2 Mos. 15, 23–25). 164 Die ungewisse Prüfung und Untersuchung der Seele besteht nämlich darin, daß man sich abmüht und es sich bitter werden läßt; denn es ist schwer zu entscheiden, wohin sich die Schale neigen wird. Die einen werden vorzeitig matt und fallen ab, da ihnen die Mühsal (der Askese) als eine allzu starke Gegnerschaft erscheint, lassen wie Athleten, die den Widerstand aufgeben, die Hände sinken[223] und beschließen, wieder nach Ägypten zum Genuß der Leidenschaften zurückzulaufen. 165 Die anderen aber nehmen die Furchtbarkeiten und Schrecknisse der Wüste mit großer Kraft und Ausdauer auf sich, kämpfen den Wettkampf des Lebens ungebrochen und unbesiegt bis zu Ende durch, leisten dem Zwang ihrer Natur Widerstand und unterwerfen sich Hunger, Durst, Frost, Kälte und Hitze, und allem, was die anderen zu versklaven pflegt, mit dem Übermaß ihrer Kräfte. 166 Die Ursache (dieses Sieges) ist nicht bloß die Anstrengung, sondern auch deren Verbindung mit der Süßigkeit. Denn es heißt: „Das Wasser wurde süß.“ Eine süße und angenehme Mühe heißt aber mit anderen Worten „Liebe zur Mühe“.[224] Denn das Süße an der Mühe ist die Leidenschaft, die Sehnsucht, der Eifer und die Liebe zum Schönen. 167 Niemand möge darum eine solche Peinigung von sich weisen oder gar meinen, daß die Mahlzeit des Festes und des Frohsinns zum Schaden und nicht zum Nutzen „Brot der Drangsal“ genannt werde. Denn die zurechtgewiesene Seele[225] wird von den Lehren der wahren Bildung gespeist. [30] 168 Dieses ungesäuerte Gebäck ist so heilig, daß ein göttlicher Ausspruch befiehlt, zwölf ungesäuerte Brote, d. h. die gleiche Zahl wie die der Stämme, auf dem goldenen Tisch im Allerheiligsten vorzusetzen (2 Mos. 25, 29). 169 Sie heißen darum „Brote der Vorsetzung“.[226] Außerdem ist durch Gesetz verboten, jeglichen Sauerteig und Honig zum Altar zu bringen (3 Mos. 2, 11)[227]. Denn es ist schwierig, die Süßigkeit [47] der Vergnügungen des Leibes sowie die lockere und weichliche[228] Anschwellung der Seele – also das, was von Natur unrein und an sich unheilig ist – als heilige Dinge zu weihen. 170 Mit Recht spricht darum der prophetische Logos, mit Namen Moses, mit feierlichen Worten: „Erinnere dich an den langen Weg, den dich Gott der Herr in der Wüste geführt hat, um dich zu peinigen und zu prüfen und das Innere deines Herzens zu erkennen, ob du seinen Befehlen folgen willst oder [544 M.] nicht. Denn er hat dich gepeinigt, hat dich hungern lassen und mit dem Manna gespeist, das deine Väter nicht kannten, um dir zu verkünden, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Munde hervorgeht“ (5 Mos. 8, 2. 3). 171 Wer wäre so frevelhaft, Gott für einen Peiniger zu halten, der den Hunger, das schlimmste Übel, über die brachte, die ohne Nahrung nicht leben können?[229] Denn er ist gut und die Ursache des Guten, ein Wohltäter, Retter, Ernährer, ein Bringer des Reichtums und Gabenspender. Er hat das Böse aus dem heiligen Bezirk verbannt; so hat er Adam und Eva, eine Last für die Erde,[230] aus dem Paradies vertrieben. 172 Lassen wir uns darum durch den Wortlaut nicht täuschen, sondern suchen wir das, was nach der geheimen Bedeutung der Worte darunter zu verstehen ist, und sprechen wir aus, daß, „er peinigte“ hier das gleiche bedeutet wie „er erzog“, „er wies zurecht“, „er maßregelte“, und daß, „er ließ ihn hungern“[231] hier nicht besagen kann: „er bewirkte Mangel an Speise und Trank“, sondern: an Lüsten und Begierden, Furcht und Trauer[232] und Ungerechtigkeiten,[233] kurz an allen Werken der Schlechtigkeit oder Leidenschaft. Das bezeugen die beigefügten Worte: „Er speiste dich mit Manna.“ 173 Ist es etwa recht, ihn, der dem Menschen eine Nahrung ohne Plage und Strapazen darreichte, die ihm ohne Bemühung zufiel und nicht wie üblich aus der Erde hervorsproß, sondern als ein Wunderwerk zum [48] Wohle derer, die ihrer (der Speise) bedurften, vom Himmel herabregnete[234] – ist es recht und billig, diesen als Urheber des Hungers und der Drangsal zu bezeichnen, statt umgekehrt als Urheber des Überflusses und der Fruchtbarkeit, der Straflosigkeit und gesetzlichen Ordnung? 174 Aber die Masse der Herdenmenschen glaubt, daß die von göttlichen Worten Gespeisten in Elend und Mühsal dahinleben – denn sie haben die allnährende Kost der Weisheit nie gekostet –, während jene unerkannt von den anderen in Wohlergehen und Frohsinn leben. [31] 175 Darum ist eine so geartete Peinigung eine Förderung, so daß selbst ihre niedrigste Form, die Knechtschaft, für ein großes Gut gehalten wird. 176 Tatsächlich erflehte diese in der Heiligen Schrift ein Vater für seinen Sohn, nämlich der in der Tugend vollkommene Isaak für den törichten Esau. Er sagt einmal: „Mit deinem Schwert sollst du leben und deinem Bruder dienen“ (1 Mos. 27, 40), hält es also für den, der Krieg statt Frieden wählte und wegen der Zwietracht und der Wirren in seiner Seele wie im Kampf Waffen trägt, für das Nützlichste, sich zu unterwerfen, Knechtdienste zu leisten und jedem Befehl von seiten des Liebhabers der Maßhaltung zu gehorchen.[235] 177 Aus den gleichen Ursachen spricht auch, wie mir scheint, einer der Jünger des Moses, mit Namen „Friedfertig“, der in der Sprache der Altvorderen Salomon heißt:[236] „Verachte nicht, mein Sohn, die Zucht Gottes, und entziehe dich nicht seinem Tadel. Denn wen der Herr liebt, den tadelt er, und er züchtigt den Sohn, dessen er sich annimmt“ (Prov. 3, 11. 12). Für so schön gilt also die Strafe und Zurechtweisung, [545 M.] daß durch sie die Gottergebenheit zur Verwandtschaft mit Gott wird. Denn wer ist dem Sohn enger verbunden als sein Vater, und dem Vater enger als sein Sohn? 178 Doch um nicht eine Überlegung an die andere zu reihen und allzu weitläufig zu erscheinen, wollen wir, abgesehen von den schon genannten, noch ein eindeutig klares Zeugnis dafür anführen, daß die so geartete Peinigung ein Werk der Tugend ist. Es besteht nämlich folgendes Gesetz: „Keine Witwe und Waise dürft ihr peinigen: wenn ihr sie aber in [49] Bosheit peinigt usw.“ (2 Mos. 22, 22).[237] Was meint (Moses) damit? Können sie denn noch auf andere Weise als in Bosheit gepeinigt werden? Wenn die Peinigungen nur die Tat der Bosheit sind, wäre es ja überflüssig, diese Selbstverständlichkeit niederzuschreiben, da dies ja auch ohne den Zusatz (sc. durch die Bosheit) verständlich ist. 179 Er will also jedenfalls sagen: „Ich weiß, daß man auch von der Tugend getadelt und von der rechten Einsicht gezüchtigt wird. Darum erkläre ich nicht jede Peinigung für ein Verbrechen, vielmehr bewundere ich ganz besonders die (Peinigung), welche eine Tat der Gerechtigkeit und Gesetzgebung ist; denn diese bringt durch Strafe zur Vernunft. Die Peinigung der Unvernunft und Schlechtigkeit aber verwerfe ich, da sie schädlich ist, und halte sie notwendig für schlecht. 180 Wenn du also vernimmst, daß Hagar von Sarah gepeinigt wird, so darfst du darunter nicht eine der unter Frauen üblichen Eifersuchtsszenen verstehen; denn nicht um Frauen geht die Rede, sondern um Denkseelen, deren eine sich in der Vorschule (der allgemeinen Bildung) übt, während die andere die Wettkämpfe der Tugend bis zum Ende durchkämpft.“





  1. Zur allegorischen Deutung des Namens שָׂרַי‎ (von שָׂרָה‎, herrschen) vgl. Über Abraham § 99f.
  2. [Nicht an die spezielle Tugend der Gerechtigkeit im Gegensatz zur allgemeinen ἀρετή denkt hier Philo, sondern ἐπὶ μέρους variiert nur den Ausdruck ἐν ἐμοί M. A.]
  3. Gemeint ist das jüdische Volk, dessen Menschenreichtum auch sonst (s. Philo, Über die Einzelgesetze I § 7, vgl. auch Hekataios von Abdera bei Diodor XL Frg. 3 § 9) gerühmt wird. Philo denkt hier besonders an 2 Mos. 1, 7. 9, da er im Folgenden deutlich auf v. 19 anspielt.
  4. Vgl. die vorige Anm. sowie Text und Anm. zur Schrift Über die Wanderung Abrahams § 142.
  5. Vgl. Über Abraham § 101.
  6. Über die Metapher von der συμβίασις des Weisen mit der σοφία vgl. Weisheit Salomos 8, 9. 16.
  7. Das sind die Vertreter der auserwählten Klasse, das αὐτομαθὲς γένος, vgl. § 35 Anm. 4.
  8. Über diese, dem griechischen Eherecht entnommenen Metaphern vgl. Ruhnken, Timaeus s. v. προτέλεια, der auch Philo: Über Abraham § 89 zitiert. [Vgl. Heinemann, Philons griech. u. jüd. Bildung, S. 618. M. A.]
  9. Philo urgiert hier den seiner Erklärung zugrundeliegenden Bibeltext: „Sarah ... gebar ihm keine Kinder“, indem er das „ihm“ zunächst als dat. commodi (‘zu seinem Nutzen’) und dann (§ 7 Ende und § 9) als Dativ des Besitzes erklärt.
  10. Über dieses „Ich“ (bzw. „Wir“) vgl. § 6. 9. 18f. 72. 80. 88. 121.
  11. ἀστός, Vollbürger, wird hier u. ö. mit ἀστεῖος, dem Epitheton des stoischen Weisen, gleichgesetzt.
  12. Die paradoxe Verbindung σπέρματα καὶ γεννήματα ἀρετῆς (fem.!) erklärt sich aus der kühnen Deutung: Über Abraham § 101 = quaest. in Gen. III § 18.
  13. Vgl. Über die Namensänderung § 255f.
  14. Zur Symbolik des Leuchters vgl. Über das Leben Mosis II § 102f.
  15. D. h. das Urbild des Leuchters, das nach 2 Mos. 25, 40 dem Moses auf dem Sinai gezeigt wurde.
  16. Nach LXX Exod. 25, 37: φανοῦσι ἐκ τοῦ ἑνὸς προσώπου.
  17. Der siebenarmige Leuchter galt nach Philon (s. Anm. 4) und Josephus (Altertümer III 182; Krieg V 217) als Sinnbild der Planeten. Der ‘zu Gott gerichtete Teil’ oder die 7. Lampe ist also Symbol für die Sonne.
  18. Wie die 7. Lampe allein zu Gottes Ehren leuchtet, so gebiert auch die wahre Tugend nur für Gott und für keinen Menschen.
  19. Fast wörtlich übereinstimmend mit: Über die Trunkenheit § 49 und: Über die Flucht § 183.
  20. Die sog. enkyklische Bildung (ἐγκύκλιος παιδεία), die die sieben Fächer: Grammatik, Geometrie, Astronomie, Rhetorik, Musik, Dialektik und Arithmetik umfaßte (die artes liberales der Römer), galt nach mittelstoischer Ansicht, der Philon folgt, als notwendige Vorschule (προπαίδευμα) der Philosophie. Vgl. Über die Geburt Abels § 38 Anm. 2 und: Über die Trunkenheit § 49 Anm. 5.
    Die Deutung des Dienstverhältnisses der Hagar zur Sarah auf die Beziehung der ἐγκύκλιος παιδεία zur Philosophie erinnert an ein im Altertum verbreitetes Wort des Stoikers Ariston von Chios, wonach diejenigen, welche sich mit den enkyklischen Wissenschaften beschäftigen und dabei die Philosophie vernachlässigen, den Freiern der Penelope gleichen, die mit deren Mägden umgingen, da sie die Herrin selbst nicht gewinnen konnten (s. Arnim, StVF. I 350). Vgl. Über die Trunkenheit § 49 Anm. 7.
  21. Προοίμιον, eigentlich Einleitung eines Musikstücke oder Vorwort einer Rede, wird ganz allgemein vom Vorstadium eines Zustands gebraucht. I. H.
  22. Die Vorschule der Tugend, ist die Propädeutik durch die ἐγκύκλιος παιδεία, s. die vorige Anm.
  23. Dieser Satz enthält die prägnanteste Erklärung des Titels unserer Schrift: Über das Zusammenleben um der allgemeinen Bildung willen. Vgl. auch § 63.
  24. Oben (§ 9) hatte Philo das Fehlen des Objekts („so daß ich nicht gebären kann“) damit erklärt, daß Sarah, die Tugend, nicht „jemand bestimmten“ gebären könne. Hier erklärt er es als absichtliche Auslassung: Sarah, die Tugend, habe die Zeugungsunfähigkeit ihres Schülers aus Schamhaftigkeit mit Schweigen übergangen.
  25. S. o. § 10 (S. 7 Anm. 2).
  26. Dieses „Vorerst“ wird von Philo in die biblische Rede eingeschoben, um Sarah von dem Verdacht der Unfruchtbarkeit zu reinigen (s. Anm. 1) und ihr den pädagogischen Plan einer geistigen Ausbildung des Abraham unterzulegen. Vgl. quaest. in Gen. III § 20.
  27. Über die ethische Wirkung des Studiums der Poesie und Geschichte vgl. Über die Geburt Abels § 78 und: Über Abraham § 23.
  28. Vgl. Über die Landwirtschaft § 137.
  29. D. h. die Fähigkeit zum logischen Denken.
  30. Vgl. Hans von Arnim, Dion von Prusa S. 11.
  31. Mit diesen Worten deutet Philon an, daß er in der Aufzählung der propädeutischen Fächer die Astronomie und Arithmetik übergeht. Vgl. § 74 Anm. 3.
  32. Der Vergleich stammt aus der hellenistischen Moralphilosophie und kam von dort auch zu Paulus, vgl. I Cor. 3, 2 (s. a. Hebr. 5, 12ff. I Petrus 2, 2); er ist auch in der jüdischen Philosophie des Mittelalters beliebt.
  33. Der Name הגר‎ wird hier von der Wurzel גוּר‎ abgeleitet (vgl. גֵר‎ = πάροικος). Zur Allegorese der Hagar vgl. Allegorische Erklärung III § 244f. u. ö. Zum Folgenden vgl. Quaest. in Gen. III § 19.
  34. Über die allegorische Deutung Ägyptens s. u. S. 25 Anm. 5.
  35. Die stoische Psychologie, der Philo folgt, unterscheidet einen unvernünftigen (ἄλογον), den Trieben des Körpers unterworfenen, und einen vernünftigen Seelenteil (s. u. § 26). Vgl. Über die Trunkenheit § 70 Anm. 2.
  36. πάροικος s. o. S. 9 Anm. 5 die etymologische Deutung des Namens der Hagar.
  37. Über die staatsrechtliche Unterscheidung zwischen κατοικεῖν und παροικεῖν (Ansässigkeit in einer Polis mit oder ohne Bürgerrecht) vgl. Über die Verwirrung der Sprachen § 76 Anm. 1. Mit solchen Halbbürgern gibt es keine Vollehe: s. Einleitung.
  38. Vgl. o. § 10 (S. 7 Anm. 2).
  39. Mit diesen Worten leitet Philo zur allegorischen Erklärung des biblischen Berichtes über Jakob, den Typus des Asketen (s. u. § 35 Anm. 4), seinen beiden Frauen Leah und Rahel und seinen Kebsweibern Bilhah und Selpha über, die in enger Beziehung zu seiner Deutung des Verhältnisses zwischen Abraham und Sarah steht.
  40. Philo leitet hier (s. auch § 31 und Alleg. Erkl. II § 59) den Namen der Leah von einer griechischen Wurzel (λεῖος, sanft, glatt) ab. Er legt dieser Deutung die epikureische Definition der Lust als einer ‘sanften Bewegung’ zugrunde. Vgl. Usener Epicurea S. 279. 280 und die Parallelstellen in der Anm. 2 zur Schrift Über die Nachkommen Kains § 79.
  41. Rachel, abgeleitet von רְאׅי‎ + חוֹל‎. Vgl. Siegfried, Philon von Alexandrien als Ausleger des A. T., Jena 1875, 194, wo die anderen etymologischen Deutungen dieses Namens aufgezählt sind.
  42. S. o. § 21.
  43. Das sind drei stoische Kardinallaster.
  44. Philo paraphrasiert hier die berühmten, in der Schrift Über die Trunkenheit § 150 wörtlich angeführten Verse aus den Erga des Hesiod (287f.).
  45. Zelpha (abgeleitet זָלַף‎ von und פֶּה‎) = στόμα ἐκπορευόμενον (wörtlich ‘heraustretender Mund’) im Sinne von LXX 5 Mos. 8, 3: ῥῆμα ἐκπορευόμενον διὰ στόματος (an diese Stelle knüpft Philo seine Logosspekulation, s. u. § 33. 170f.). Ἐκπορευόμενον wird hier (§ 30) synonym mit διεξοδικόν gebraucht (vgl. die Phrase διεξέρχεσθαι διὰ λόγων) und steht im Sinne von πορεύεσθαι διὰ λόγων, ‘durchgehend behandeln’.
  46. בלהה‎, abgeleitet von בלע‎. Zur Allegorese vgl. Alleg. Erkl. II § 96 Anm. und III § 146.
  47. Philo verwendet hier (nb. recht ungeschickt) den in der griechischen Moralphilosophie und Dichtung verbreiteten Vergleich des Lebens mit einer stürmischen Seefahrt.
  48. Jakob ist der Mensch, der (den Leidenschaften) ein Bein stellt (יעקב‎ von עקב‎ „Ferse“), also in gutem Sinne πτερνιστής (zu All. Erkl. I 61), daher allgemeiner der „Kämpfer“ um die Tugend und insofern sehr oft ἀσκητής – ein Wort, das noch nicht den Beiklang der „Ertötung des Fleisches“ hat: Heinemann, Philons Bildung 543.
  49. Zum Wortspiel mit dem Namen der Leah vgl. o. Anm. 2 zu § 25.
  50. Jakob ist als Herr seiner beiden Kebsweiber auch Nutznießer ihrer Tugenden.
  51. Das bezieht sich auf die εἰρηνικὴ κίνησις der Leah, s. o. § 25 Anm. 2.
  52. Gemeint ist Rahel, s. o. § 25 Anm. 3.
  53. Leah ist die ältere der beiden Schwestern. Vgl. Über die Trunkenheit § 48 (und Anm. 4).
  54. Die μέσαι ἀρεταί sind die Tugenden des Körpers.
  55. Über die Unterscheidung zwischen dem λόγος ἐνδιάθετος und dem λόγος προφορικός, auf die sich auch die Etymologie der Ballah (στόμα ἐκπορευόμενον, s. o. § 30 Anm. 1) gründet, vgl. Erbe des Göttlichen § 4 Anm. 6 und § 69 Anm. 1.
  56. Im folgenden wiederholt Philo seine Erzvätertypologie, wonach Abraham Typus der διδασκαλικὴ ἀρετή, Jakob des ἀσκητής und Isaak des αὐτοδίδακτος ist. Näheres darüber s. Über die Geburt Abels § 6 Anm. 3.
  57. Isaak = Γέλως (nach der hebräischen Etymologie), vgl. Über die Cherubim § 7 Anm. 3.
  58. Stoische Definition, s. Arnim StVFr. III Nr. 431. 436. Über den philonischen Begriff der Freude und seine Beziehung zur Isaakallegorese vgl. meine Schrift: Sobria ebrietas, Untersuchungen zur Geschichte der antiken Mystik, Gießen 1929, S. 34ff.
  59. Mit dieser Metapher umschreibt Philo den Begriff des Logos, der wie ein Mannaregen auf die Begnadeten herabträufelt. Vgl. Erbe des Göttlichen § 79 Anm. 5.
  60. Τέχνη im Gegensatz zu ἐπιστήμη. Über den Unterschied vgl. § 141.
  61. Die etymologische Erklärung dieser bei Philo feststehenden allegorischen Deutung des Namens der Rebekka ist unsicher, vgl. All. Erkl. III § 88 Anm. Geburt Abels § 4 Anm. 2.
  62. Diese Metapher, die in unserer Schrift besonders häufig ist, stammt aus Platons Theaetet 150b sq.
  63. Ephraim wird hier von פָּרָה‎ ‘fruchtbar sein’, Manasse (מְנַשֶּׁה‎) von נָשָׁה‎ ‘vergessen’ und מִן‎, ‘aus’ abgeleitet. Vgl. All. Erkl. III § 93 Anm. 3 und 4. Andere Parallelstellen s. Über die Nüchternheit § 28 Anm. 3.
  64. Ephraim wird hier von פָּרָה‎ ‘fruchtbar sein’, Manasse (מְנַשֶּׁה‎) von נָשָׁה‎ ‘vergessen’ und מִן‎, ‘aus’ abgeleitet. Vgl. All. Erkl. III § 93 Anm. 3 und 4. Andere Parallelstellen s. Über die Nüchternheit § 28 Anm. 3.
  65. Die Deutung des Volksnamens Συρία = μετέωρα (codd. μετεωρία, corr. Wendland) erklärt sich aus der Ableitung des Wortes אֲרָם‎ vom Verbum רום‎, vgl. All. Erkl. III § 18.
  66. Vor πατρός ist mit L. Cohn auf Grund der Nebenüberlieferung im Onom. Sacr. 195, 68 ed. Lagarde ἐγρήγορσις zu ergänzen. Die etymologische Deutung ist unklar. Wutz (Onom. Sacra I 72) nimmt dagegen an, daß Philon in seiner Vorlage πατρὸς irrtümlich statt πρατὸς (מָכוּר‎) gelesen habe. [Vielleicht dachte Philos Vorlage an מְכוּרָה‎ „Abstammung, Herkunft“. Die Ergänzung ἐγρήγορσις ist mir nicht wahrscheinlich. Denn die Deutung nimmt nicht auf den mystischen, Philo vertrauten Begriff des Erwachens (aus Dumpfheit und Sünde) Bezug, sondern tadelt den Stolz, der sich des „Vaters“, des Verstandes rühmt, wie Über die Einzelges. I 333. I. H.]
  67. Zu dieser grundsätzlichen Äußerung vgl. Über die Namensänderung § 65. 70.
  68. D. h. die griechische Sprache, vgl. Über die Verwirrung der Sprachen § 129. S. Siegfried, Philon S. 131.
  69. נָחוֹר‎ wird hier von אוֹר‎ + נָח‎, מִלְכָּה‎ von מַלְכָּ‎, Ruma von רְאוּ מַה‎ abgeleitet. In den beiden folgenden Paragraphen wird der Name Nachor allegorisch gedeutet. Vgl. S. 17 Anm. 1.
  70. Pankration ‘Gesamtkampf’ ist eine Verbindung von Ring- und Faustkampf. S. Über die Nachstellungen des Schlechten usw. § 32 Anm. 2.
  71. § 47 knüpft gedanklich an § 45 an. § 46 ist Exempel für das § 45 erwähnte ἀγαθόν ἐν κινήσει, zu dessen Verständnis daran zu erinnern ist, daß κίνησις durchaus nicht nur die Ortsbewegung, sondern (zumal im aristotelischen System) jede Veränderung als Wirkung bedeutet.
  72. Diesem Gedanken liegt die (in den beiden Schriften: „Über Abraham“ und: „Über die Wanderung Abrahams“ durchgeführte) allegorische Deutung des biblischen Berichts von der Wanderung Abrahams von Charan nach Kanaan zugrunde, an der Nachor nicht teilnahm. Philo deutet dieses Faktum allegorisch dahin, daß Nachor auf der tiefsten Stufe der μάθησις, der rein sinnlichen Naturerkenntnis, stehengeblieben sei. Vgl. auch: Über den Erben des Göttlichen § 96ff. u. ö.
  73. Über Philons Stellung zur Astronomie vgl. Siegfried, Philo usw. S. 259.
  74. Der Name Israel wird von אִישׁ רָאָה אֵל‎ abgeleitet. Zur Allegorese vgl. Über die Geburt Abels § 120 Anm. 2. Über die Wanderung Abrahams § 18 und Über Abraham § 57 und Anm.
  75. Philo teilt die nach Erkenntnis strebenden Menschen in drei Klassen ein: die Gottschauenden (‘Israel’), die über die Schöpfung zum Schöpfer hinausstreben; die Astronomen, die sich mit der Naturerkenntnis begnügen; drittens die Skeptiker (Ruma).
  76. Philo polemisiert hier ganz allgemein gegen die Streitsucht der Skeptiker, die er als Sophisten behandelt. Er will nicht sagen, daß sie sich nicht mit metaphysischen Problemen befassen wollen (s. dagegen: Erbe des Göttlichen § 246f.), sondern daß sie vor lauter Streitereien gar nicht zu den wesentlichen Fragen kommen.
  77. Mit dieser καλουμένη λογοϊατρία ist nicht eine bestimmte medizinische Schule des Altertums, sondern ein Typus Arzt gemeint, der seine Unkenntnis der medizinischen Praxis hinter sophistischen Redekünsten verbirgt. Vgl. Galen XV 159 ed. Kühn: Σοφιστὴς … ἀνομίλητος τοῖς ἔργοις τῆς τέχνης, οὓς ὀρθῶς ὀνομάζουσιν οἱ παλαιοὶ λογιάτρους. Anders: Über die Nachstellung usw. § 43 Anm. 1.
  78. Vgl. Über die Wanderung Abrahams § 49 Anm.
  79. Vgl. Arnim, StVFr. I 205.
  80. Vgl. zu § 44.
  81. Amalek = עם לקק‎ ; vgl. Alleg. Erkl. III § 186 Anm. 1.
  82. Eliphas = אל‎ + י‎ + פזז‎ [dabei soll י‎ Objektssuffix sein; Philos Vorlage hat aber פזז‎, das im bibl. und nachbibl. Hebräisch „beweglich sein“ bedeutet, mit פזר‎ „zerstreuen“ verwechselt oder letzteres Zeitwort als Wurzel angenommen, was mit antiker Methode der Etymologien durchaus vereinbar ist. I. H.].
  83. D. i. Israel, s. o. § 51 Anm. 2.
  84. Der Vergleich zwischen dem sündhaften Dasein und dem Leben im Hades ist bei Philo (Über die Träume I § 151. Erbe des Göttlichen § 45) und überhaupt in der antiken Moralphilosophie (vgl. z. B. Lucretius III 978ff. und Heinze in seinem Kommentar zur Stelle) sehr häufig.
  85. Adam ist nach der etymologischen Bedeutung seines Namens Symbol für den „Erdgebundenen“ (γήινος); vgl. Über Abrahams Wanderung zu § 146.
  86. Vgl. § 57 das Bibelzitat (2 Mos. 15, 17).
  87. D. h. also nicht nach ihren Teilen (s. o. § 21 Anm. 1) beurteilt.
  88. Θάμνα, von תָּם‎ „aufhören“ und נָע‎ „schwankend“ abgeleitet.
  89. D. h. die Familie des Esau.
  90. Vgl. oben § 54 die symbolische Auslegung der Familie Esaus als πάθη τῆς ψυχῆς und daselbst die Ankündigung einer anatomischen Betrachtungsweise der Seele. [Ich würde übersetzen: „das Haupt dieser Teile – wie (wir vom) Haupt eines Lebewesens (reden) – ist ihr Stammvater Esau“. Die Stelle steht in der Genealogie Esaus. I. H.]
  91. עֵשָׂו‎ (von עָשָׂה‎ „machen“ oder עֵץ‎ „Baum“ abgeleitet, s. Über die Geburt Abels usw. § 17 Anm. 2 und: Über die Flucht § 39f.) ist Symbol der Unvernunft. [Die Ausführung der ersteren Etymologie verwertet aber den Doppelsinn von ποιεῖν, das, abweichend von עשׂה‎, in Nomina wie ποίημα, ποιητής „dichten“ bedeuten kann; dabei hebt er einseitig die (nach griechischer Theorie allerdings unerläßlichen) mythischen, also unwahren Bestandteile der Dichtung heraus und verwertet den abgeschliifenen Gebrauch von τραγῳδία = Bombast; die darauf folgenden Worte spielen auf die Komödie an. I. H.]
  92. Über Philos Polemik gegen die heidnischen Mythen vgl. die in der Anm. 5 zu: Über die Nachkommen Kains § 2 gesammelten Parallelstellen und ebenda § 165 Anm. 3, wo auch der Vergleich des Lebens mit einer Theaterposse erklärt wird.
  93. D. i. Jakob, s. o. § 35 Anm. 3.
  94. Ἄπλαστος (in der LXX Übersetzung von תָּם‎) wird von Philo sowohl als „ohne Falsch“ (im Gegensatz zum πλάσμα der Mythen) wie „ohne Gestalt“ (von πλάττω, „formen“, synonym mit ἄποιος und ἀνείδειος, womit die überirdische Ideenwelt gemeint ist) verstanden.
  95. Esau ist also der Konterpart zum „unverfälschten“ Jakob, der „ein Haus bewohnte“. Vgl. Anm. 2. [Der Sinn der letzten Worte ist: E. ist nicht nur Bewohner eines Zeltes, sondern selbst so schwankend wie ein solches. I. H.]
  96. Wendland interpungiert vor ἐπεί § 64 zu schwach, nach φιλοσοφοῦντες zu stark.
  97. S. o. zu § 37 Anm. 5.
  98. Griechisch: Τῆς φωνῆς, ἀλλὰ μὴ τῆς φωνούσης Σάρρας ὑπακοῦσαι. S. u. Anm. 5.
  99. Über den Unterschied zwischen dem durch Abraham symbolisierten Typus des Lernenden und dem durch Jakob repräsentierten Typus des Asketen s. o. § 35 Anm. 4 und: Über die Nachkommen Kains § 154 Anm. 1.
  100. Gemeint sind Leah und Rahel, deren Vater Laban ein Sohn Nachors, des Bruders des Abraham, war.
  101. Philo benutzt die beiden gedanklich übereinstimmenden und nur in der Ausdrucksweise abweichenden Bibelstellen (1 Mos. 16, 2: ἤκουσε τῆς φωνῆς ... und 28, 7: ἤκουσε… τοῦ πατρὸς καὶ τῆς μητρός ...), um WS: Die auf der nächsten Seite fortgesetzte Anmerkung wurde hier vervollständigt den Unterschied zwischen der Lebensart des Asketen und des Weisheitsschülers (s. § 69 Anm. 3) zu demonstrieren. Vgl. § 69 Anm. 2 und über den Unterschied zwischen Abraham und Jakob die Anm. zu § 35.
  102. S. o. § 14 Anm. 3.
  103. Über diese exegetische Regel, die auch die Rabbinen kennen, vgl. Siegfried S. 168ff.
  104. In der folgenden Aufzählung der Lehrfächer der ἐγκύκλιος παιδεία wird – wie auch in den anderen Listen (§ 11, 15ff.) keine Vollständigkeit erstrebt. S. o. § 18 Anm. 3.
  105. Über die verschiedenen Tonsysteme vgl. den knappen,aber gut informierenden Artikel „Musik“ in: Lübkers Reallexikon des klass. Altertums 1914 S. 685ff. S. auch Über die Landwirtschaft § 137. All. Erkl. III § 121. Über die Nachkommen Kains § 104 Anm. 2.
  106. Colson (Philo ed. Loeb Classical Library IV p. 578/79) übersetzt ἐν χρωμάτων κράσεσιν „on musical colours“, vgl. § 76 διατονικὰ χρώματα.
  107. Vgl. Über die Trunkenheit § 51.
  108. Beide Definitionen sind stoischer Herkunft (vgl. Arnim, StVF. II 36). Zur ersten vgl. auch Diels, Doxographi S. 27, 12; zur zweiten vgl. Cicero de fin. II 37. Tusc. IV 57. V 7. de off. II 5. Leisegang, Philonindex und Pauly-Wissowa s. v. Sophia.
  109. Vgl. Philo quaest. in Gen. III § 21.
  110. Vgl. 1 Mos. 16, 3.
  111. D. s. nach der epikureischen (vgl. Usener Epicurea Fg. 398) und stoischen Lehre (vgl. Arnim StVF. I 211 III 385ff.) die Affekte des Menschen. Vgl. Über Abraham § 236. Über die Landwirtschaft § 83. Über die Nachstellungen § 119.
  112. Vgl. Über die Geburt Abels § 20ff. (s. Anm.), wo das Motiv von der αἵρεσις κακίας ἢ ἀρετῆς im Anschluß an den prodikeischen Mythos vom Herakles am Scheidewege breit ausgeführt wird.
  113. Zur allegorischen Deutung Ägyptens vgl. oben § 20 und Über die Nachkommen Kains § 155 und Anm. Über die gewöhnliche Deutung Kanaans (σάλος) vgl. Über die Nüchternheit § 44 und Anm. 1.
  114. S. 1 Mos. 12, 10.
  115. LXX: καὶ ζήσεται ἐν αὐτοῖς wird von Philo prägnant als: „Er wird in ihnen (d. h. in ihren Grenzen, vgl. § 87 περιπατεῖν) leben“ verstanden. Das hebräische Original (וָחַי בָּהֶם‎) bedeutet: „Er wird durch sie leben.“
  116. Die überlieferten Worte τινα δὲ ἀθέωρητα sind verdorben, die vorgeschlagenen Konjekturen befriedigen nicht. Ich vermute, daß ursprünglich: Τίνα δὲ ἀθέων; Ἤτοι ἅ usw. dastand, und übersetze danach. Colson (Loeb Classical Library, Philo IV S. 502) verbessert ähnlich: τίνα δὲ τὰ ἀθέων εἴρηται· τὰ πάθους καὶ κακίας ἐστίν, entfernt sich aber zu weit von der Überlieferung. [Beide Textgestaltungen ergeben keinen befriedigenden Sinn. In den „Untersuchungen zum philonischen Genesiskοmmentar“ versuche ich als ursprüngliche Lesart zu erweisen: τινὲς δ` ἀθεώρητοι πάθους καὶ κακιῶν εἰσιν, ἐξ ὧν – φύεται. Das wäre etwa so zu übersetzen: Einige aber, welche unkundig der Leidenschaft und der Laster blieben, sind es, aus denen die Mengen der Gottlosen und Frevler erwachsen“. M. A.]
  117. Zu diesem „Wir“ vgl. oben § 6 Anm. 7.
  118. Philo benutzt die biblische Datierung der Geburt Ismaels („10 Jahre nach der Wanderung Abrahams von Ägypten nach Kanaan“, vgl. 1 Mos. 16, 3 kombiniert mit 12, 10), um daran die geistige Entwicklung des Weisheitsschülers Abraham zu demonstrieren, der die ersten zehn Jahre seines Aufenthaltes in Kanaan, dem Lande der κακία (s. § 83), mit der Ablösung vom Bösen zubringt, ehe er zu Hagar, der Propädeutik der wahren Tugend, gehen darf. Ähnliche, an chronologische Angaben der Bibel anknüpfende allegorische Deutungen auf die geistige Entwicklung s. Erbe des Göttlichen § 293f. Über die Geburt Abels § 17f.
  119. Zum Exkurs über die Zehnzahl, der an pythagoreische Zahlenspekulationen anknüpft (s. § 89 μουσικῶν παῖδες) vgl. Über die Einzelgesetze II § 200f. Über den Dekalog § 20ff. und quaest. in Gen. IV § 110, wo eine (verlorene) Schrift Philos über die Zahlen (περὶ ἀριθμῶν) zitiert wird.
  120. Ἀρχαί bezieht sich auf § 92. Zum Folgenden vgl. die Disposition. – Philo führt die § 89 angeführten Exempel öfter mit der stereotypen Formel τοῦτ` ἐστί (‘das gleiche besagt’, sc. die Hochschätzung der Zehnzahl) ein. S. § 106. 107. 108. 109. 114.
  121. Zur Deutung des Namens des Noah vgl. Anm. zu Alleg. Erkl. III § 77 und Über die Landwirtschaft § 2.
  122. Hinter τέλειον ist mit Wendland ἀγαθόν einzusetzen.
  123. Gemeint sind die biblischen Schriften, vgl. das Folgende.
  124. Zur allegorischen Erklärung von 1 Mos. Kap. 14, die diesem Paragraphen zugrunde liegt, vgl. Über Abraham § 236ff.
  125. S. o. § 59 Anm. 1.
  126. Der Hirtenstab wird bei Philo zum Prügelstock des Pädagogen. S. All. Erkl. II § 89ff. Über die Nachkommenschaft Kains § 95ff.
  127. Das bezieht sich auf die im angeführten Bibelvers genannten Tiere, ebenso wie die „erdhafte Masse des Körpers“ auf die „Erde“ der Bibelstelle. Über die Deutung der „Tiere“ als der Sinnesorgane vgl. meine: Neuen Philontexte in der Überlieferung des Ambrosius (Sitz. d. Preuß. Akad. 1932. IV) Frg. 21 S. 44.
  128. Nach 4 Mos. 3, 11ff. (in den Ausg. nicht angeführt) sollen an Stelle der Erstgeborenen die Leviten treten. Daraus schließt Philo, daß mit dem Erstgeborenen das Religiöse gemeint ist. Das Recht, dies Religiöse (und insofern auch sein Symbol, die Leviten) als Zehnt zu bezeichnen, nimmt sich Philo freilich nicht aus dieser Stelle (die Zahl der Leviten beträgt nur etwa ein Dreißigstel der Volkszahl), sondern aus den unmittelbar folgenden Belegen; es ist auch kaum Zufall, daß die Leviten an der Parallelstelle Über die Geburt Abels 119 ἱκέται heißen, ebenso wie hier § 105, wo der Ausdruck auf ihre innere Zugehörigkeit zu Gott als dem „zehnten“ im Gegensatz zu den neun Teilen der Welt, bezogen wird. I. H.
  129. Gemeint ist Jakob, s. o. § 35 Anm. 4.
  130. Melchisedek, der Priester von Salem (1 Mos. 14, 18), bei Philo Symbol des priesterlichen Logos (vgl. Alleg. Erkl. III § 82). Über die Attribute des λόγος αὐτοδίδακτος vgl. meine: Sobria ebrietas S. 55, 2.
  131. Das biblische אֵיפָה‎–Maß wird hier von der LXX, der Philo wie immer folgt, mit τρία μέτρα übersetzt.
  132. Auch diese Unterscheidung zwischen ‘Wort’ und ‘Vernunft’ geht auf die stoische Lehre vom λόγος ἐνδιάθετος und προφορικός zurück, über die oben § 33 Anm. 3 und: Über die Trunkenheit § 70 Anm. 3 gesprochen wurde.
  133. Gemeint ist das μέτρον κατὰ θεόν.
  134. Gemeint ist die Erde, der neunte Teil des αἰσθητὸς κόσμος (vgl. Anm. 6).
  135. Die Himmelssphären, die aus acht Teilen bestehen, werden von den sieben Planetenkreisen und dem äußersten Kreis des Fixsternhimmels (ἀπλανής) gebildet, der sich um die Erde dreht. Vgl. Platon Timaios 36c; Philo Über den Dekalog § 103 Anm., Über die Cherubim § 22 Anm. 1 und quaest. in Gen. IV § 110.
  136. Das sind die chaldäischen Sternanbeter, während Abraham sich zur Schau des supranaturalen Gottes erhebt. Vgl. oben § 49 und: Über die Wanderung Abrahams § 176ff.
  137. Ἱκέτης καὶ θεραπευτής: vgl. den griechischen Titel der Schrift über die Therapeutensekte: περὶ βίου θεωρητικοῦ ἢ ἱκετῶν.
  138. Zur Allegorese des Passah (s. 2 Mos. 12, 27) vgl. Über die Opfer Abels § 63 und: Über die Einzelgesetze II § 145 Anm. 2.
  139. Vgl. 2 Mos. 12, 6: „Ihr sollt es aufbewahren bis zum 14. Tag dieses Monats, dann soll es die gesamte Gemeinde Israel zur Abendzeit schlachten.“
  140. Gemeint ist das λογικόν (Denkvermögen) und ἐπιθυμητικόν (das triebhafte Element) der Psyche. Über die philonische, von Platon entlehnte Lehre von der Dreiteilung der Seele vgl. All. Erkl. I § 70 Anm.
  141. Das vom 10. Nissan an im Hause aufbewahrte (vgl. φυλάττειν; zu ἀσινεῖς καὶ ἀμώμους s. 2 Mos. 12, 5) Passahopfer wird am Abend des 14. Nissan, also am Ende der zweiten Woche (§ 106: κατὰ δευτέρας ἑβδομάδος παραύξησιν), und zwar mit Eintritt des Vollmonds (πλησιφαὴς σελήνη) geopfert. S. 2 Mos. 12, 18. Die philonische Deutung des Passahopfers beruht auf der für seine Gesamtauffassung vom Opfer charakteristischen Ansicht, daß der Weise als würdigstes Opfer seinen eigenen Geist (als λογικὴ θυσία) darbringt. Näheres darüber in meinem Buch: Sobria ebrietas S. 6, 3, wo weitere Literatur angeführt wird.
  142. Unter περινοίᾳ (περινοίαν codd., corr. Mangey) λογισμοῦ ist die philosophische Überlegung zu verstehen, denn: „Die Erkenntnis des Nichtwissens ist das Ziel alles Wissens, da es nur einen gibt, der wissend ist, den einzigen Gοtt“ (Über die Wanderung Abrahams § 134).
  143. Über den alle 50 Jahre angeordneten Schuldennachlaß vgl. auch Über die Einzelgesetze II § 110ff. Wie die biblische Gesetzesformel im ganzen wird auch das Wort κλῆρος (‘Besitztum’) hier allegorisch erklärt.
  144. Gemeint ist Elieser, der Sklave des ‘Τugendschülers’ (s. o. § 35 Anm. 4) Abraham.
  145. Isaak, s. o. § 35 Anm. 4.
  146. Rebekka (s. o. § 37 Anm. 4).
  147. [Das Kamel als Wiederkäuer gilt Philo als Symbol der μνήμη Ü. d. Nachkommensch. Kains § 148 Anm. 2; von den zahlreichen Kamelen, μνῆμαι Abrahams, nimmt Elieser gerade nur zehn. M. A.]
  148. Statt ἀπὸ πολλῶν ἀπείρων μὲν οὖν ist mit Wendland ἀπὸ πολλῶν καὶ ἀπείρων ὅσων zu verbessern.
  149. Philo deutet die Reise des Elieser zu Rebekka als mühereiche Wanderung der Asketen zur Tugend und vergleicht dessen Strapazen auf dem Wege mit einer stürmischen Schiffahrt.
  150. Die Ohrgehänge sind Symbole der – durch das Ohr aufgenommenen – Preisrede auf Gott, ihr reales Gewicht wird auf die moralische Schwerkraft der Worte bezogen, und die Einzahl δραχμή als die unteilbare Einheit dieser Rede gedeutet (vgl. Erbe des Göttlichen § 187). Analog werden die ober halb der Hand angebrachten Armbänder als Sinnbilder der göttlichen Handlungen (ἐπιχειρήματα, von χείρ abgeleitet) erklärt und als ἔργον dem λόγος der Preisrede gegenübergestellt. Vgl. quaest. in Gen. IV § 109/10.
  151. Symbolische Deutung der Einweihung des Stiftzeltes, vgl. § 116.
  152. Es ist mit Wendland ἀπό statt ὑπό zu lesen.
  153. Zu der allegorischen Deutung des Weihrauchopfers als „Opfer im Geist“ vgl. oben § 106 Anm. 5 und: Über die Trunkenheit § 87.
  154. Philo erklärt LXX 2 Mos. 26, 1: καὶ τὴν σκηνὴν ποιήσεις δέκα αὐλαίας: „Und du sollst das Zelt, die zehn Vorhänge (statt aus zehn Vorhängen) machen“, faßt also den Akkusativ δέκα αὐλαίας; als Apposition zu τὴν σκηνήν.
  155. Das Wortspiel zwischen αὐλή und αὐλαία läßt sich im Deutschen nicht wiedergeben.
  156. Zur Allegorese der Stiftszeltvorhänge vgl. Über das Leben des Moses II § 84ff. und die in der Anm. zu § 88 angeführten Parallelstellen aus Josephus (Altert. III 183. Jüd. Krieg V 212).
  157. Über die Dunkelheit der unteren Luftschicht (ἀήρ) vgl. All. Erkl. I § 46 Anm.
  158. Gemeint ist Pharao, vgl. Über die Träume II § 183 und All. Erkl. III § 12 Anm. Über die Trunkenheit § 208 Anm. 2.
  159. Vgl. den Titel der beiden aufeinanderfolgenden Schriften Philos: περὶ τῶν δέκα λόγων, οἳ κεφάλαια νόμων εἰσίν und: περὶ τῶν ἐν μέρει διαταγμάτων.
  160. § 121 schließt an § 89 an. Vgl. die Disposition.
  161. Vgl. o. § 6 Anm. 7.
  162. Εἰσέρχεσθαι ist nicht so gebräuchlich vom Verkehr mit einer Frau wie בוא אל‎.
  163. Über das Motiv von der (jüdischen) Weisheit, die ihre Lehre „ohne Neid“ (ἀφθόνως) verschenkt, s. o. § 13 und meine: Sobria ebrietas S. 12f.
  164. Leah ist hier wie schon § 27 Symbol der sich abmühenden Tugend, vgl. Über Abrahams Wanderung § 99.
  165. Zur allegorischen Deutung der Erzählung von Thamar und Juda (1 Mos. Kap. 38) vgl. Über die Flucht § 149f.
  166. Der Name Juda wird von Philo gewöhnlich als ἐξομολόγησις θεοῦ, ‘Lobpreis Gottes’ (יהודה‎ von הודה‎, wie 1 Mos. 49, 8) gedeutet, vgl. Über die Trunkenheit § 94 Anm. 6. Diese Allegorese hat Philo bereits als feststehend übernommen, da er oben ἐξομολόγησις als Synonym zum Simplex ὁμολόγησις, ‘Vertrag’, ‘Versprechen’ versteht. Vielleicht in Hinblick auf 1  Mos. 49, 8ff. wird Juda, das Haupt des mächtigsten israelitischen Stammes, ein Oberfeldherr genannt.
  167. [In Wendlands und Colsons Ausgabe wird das Zitat: καὶ συνέλαβε unrichtig mit Gen. 38, 18 identifiziert; abgesehen davon, daß der Wortlaut der LXX das Verbum συνέλαβε nicht aufweist, ist auch das Subjekt zu ἐν γαστρὶ ἔλαβεν ἐξ αὐτοῦ nicht zweifelhaft. Philo zitiert hier vielmehr Gen. 16, 4: καὶ συνέλαβεν und setzt also die Erklärung des § 122 begonnenen Verses hier fort; nur in Gen. 16, 4 ist das Subjekt zu συνέλαβεν nicht ausdrücklich angegeben: τὸτίςῥητῶς οὐ μεμήνυται. M. A.]
  168. [Philo weicht dem Wortsinne von συλλαμβάνειν, der in diesem Zusammenhange eindeutig nur das „Empfangen, Schwangerwerden“ sein kann, aus, wie συναρπάζειν zeigt: „durch Liebe gewinnen“. M. A.]
  169. Griechisch τέχνη (vgl. die Definition § 141). Philo spricht hier und im folgenden von den mittleren Wissenschaften (§ 127. 128: μέσαι ἐπιστῆμαι), d. h. den propädeutischen Lehrfächern der allgemeinen Bildung (ἐγκύκλιος παιδεία), die für den Erwerb der Tugend vorbereiten. Vgl. oben § 74ff.
  170. S. o. § 126 Anm. 5.
  171. S. o. § 80.
  172. Es ist mit Wendland <ἄνευ> πραγμάτων … ἀπόνως (codd. ὁμοίως) zu lesen.
  173. Allegorische Deutung von 1 Mos. 25, 23: „Zwei Völker werden in deinem Leibe sein ... und zwei Völker werden sich in deinem Leibe sondern.“
  174. S. o. § 37 Anm. 5.
  175. Ismael, der Bogenschütze (s. 1 Mos. 21, 20) ist bei Philo Symbol der Sophistik. Vgl. Über die Nüchternheit § 9 Anm. 1. Im übrigen vgl. Über die Flucht § 209f., wo der Schriftvers 1 Mos. 16, 12: „Seine Hände werden wider alle und die Hände aller wider ihn sich richten“ wie oben gedeutet wird.
  176. [Philo erweitert den Unterschied der biblischen Ausdrucksweise: ἐν γαστρὶ λαμβάνειν und ἐν γαστρὶ ἔχειν zu einem Gegensatz. M. A.]
  177. Es ist mit cod. FG. εὔρεσιν (sc. σοφίας) statt αἵρεσιν zu lesen. [Schwieriger vielleicht, aber nicht unmöglich ist die Lesart der besseren Hss.: WS: Die auf der nächsten Seite fortgesetzte Anmerkung wurde hier vervollständigt αἴρεσιν, das hier sowohl „die Erwählung“, wie „die Entscheidung“ heißen könnte; γένεσιν bedeutet bei Philo auch das Entstandene, d. h. hier das Kind oder die Nachkommenschaft. M. A.]
  178. Ἐν γαστρὶ ἔλαβε wie oben. Vgl. § 130 Anm. 7.
  179. Philo identifiziert das Wort ἀστεῖος in der LXX mit der Bezeichnung des stoischen Weisen. S. o. § 6 Anm. 1.
  180. Vgl. das 2. Buch der Schrift „Über das Leben Mosis“, in dem diese Eigenschaften des Moses ausführlich behandelt werden.
  181. ἀμφιθαλής bezeichnet den jungen Menschen, der noch beide Eltern hat; das Wort hat aber den Nebensinn des Überflusses, der Fülle. Indem sich Moses an die Wahrheit hält, folgt er der elterlichen Tradition.
  182. Vgl. Über die Nachkommen Kains 12.
  183. [Daß Levi sich nur an Gott halt, folgt nach All. Erkl. II 51 aus 5 Mos. 33, 9 (der zu seinem Vater und seiner Mutter sagt: ich habe dich nicht gesehen) und 10, 9 (der Herr selbst ist sein Anteil); s. u. Die in den Ausgaben als Schriftgrundlage genannte Stelle aus dem Dekalog 2 Mos. 20, 3 hat mit Levi nichts zu tun und wirkt nur auf die rednerische Ausmalung. I. H.]
  184. D. h. die Leviten. Vgl. die folgende Anm.
  185. Über die ‘Flucht’ der Leviten aus der Welt vgl. Über die Trunkenheit 72. Ü. d. Opfer Abels 129ff. Über die Flucht 88f.
  186. Der Ausdruck: τὸ τῆς ψυχῆς ὄμμα ist platonisch, vgl. Über die Geburt Abels § 36 Anm. 2. Über die Trunkenheit § 82 Anm. 4.
  187. Vgl. Über die Einzelgesetze III § 108f.
  188. Die folgenden Worte bezwecken eine Erklärung des Septuagintawortes: ἐξεικονισμένον.
  189. Es ist mit Wendland [τῶν] ἀνεπιλήπτῳ (ἀνεπιλήπτων codd.) zu verbessern. Vgl. die Definition der τέχνη § 141.
  190. S. o. § 130ff.
  191. Die Krankheit ist die Sophistik, der Arzt der wahre Philosoph. [Man kann auch übersetzen: da sie von einer Krankheit ergriffen ist, für die es keinen Arzt gibt. M. A.]
  192. Vgl. quaest. in Gen. III § 22.
  193. Die μέσαι τέχναι (stoischer Begriff, s. Arnim StVF. III 505 = Philo Über die Opfer Abels und Kains § 115 u. ö.) sind die Fähigkeiten des Körpers. Vgl. § 155 Anm. 1.
  194. Beide Definitionen sind stoischer Herkunft, vgl. Arnim StVF. I 73, II 90ff. S. Über die Trunkenheit § 88 Anm. 4.
  195. Vgl. oben § 27 über den „Gerichtshof“ der fünf Sinne.
  196. S. o. § 143.
  197. Die Ergänzung der Textlücke <οὕτως τέχνη τις τεχνῶν ἡ ἐπιστήμη> stammt von Wendland. Vgl. Über die Trunkenheit § 58 Anm. 4.
  198. Vgl. Dionysius Thrax, Ars grammatica § 1 p. 5 ed. Uhlig.
  199. Ἐρώτημα ist eine Frage, die mit ‘Ja’ und ‘Nein’, πύσμα eine, die nur durch einen vollen Satz beantwortet werden kann, vgl. Diog. Laert. VII 66.
  200. Περιεκτικόν (‘Medium’) ist mit Wendland in προστακτικόν zu verbessern, vgl. Arnim, StVF II 99.
  201. Eine ähnliche Liste grammatischer Termini findet sich auch in der Schrift Über die Landwirtschaft § 140.
  202. Zu dieser Erörterung über den Vorrang der Philosophie vor den Einzelwissenschaften, die auf eine stoische Quelle zurückgeht, vgl. Über die Trunkenheit § 49 und Arnim, StVF. II 95ff. 99f.
  203. Die Übersetzung versucht das Wortspiel κύριοςκῦρος nachzuahmen.
  204. Vgl. Philo quaest. in Gen. III § 23.
  205. Es ist mit Wendland οὐκ ὀρθῶς (hinter ἴσως) zu ergänzen. [Wendlands Ergänzung wird überflüssig, wenn man die Stelle folgendermaßen auffaßt: „Doch vielleicht vermute ich bloß das von Euch, weil ich ... schließe.“ M. A.]
  206. Dieses „Eingeständnis“ erschließt Philo auf indirektem Wege (κατ` ἀντίφρασιν) aus der Bezeichnung παιδίσκη ‘junge Magd’ (שפחתך‎ im Urtext bedeutet nur ‘Magd’).
  207. Τέλειος bedeutet ‘erwachsen’ und ‘vollkommen’.
  208. Ὑποχείριος (‘untertänig’) wird hier etymologisch (von χείρ) interpretiert. Vgl. quaest. in Gen. III § 24.
  209. Vgl. § 140 Anm. 4.
  210. Damit ist der vernünftige Seelenteil (τὸ λογικὸν μέρος τῆς ψυχῆς) gemeint, s. o. § 21 Anm. 1.
  211. Über dieses ‘Ich’ und die folgende Anrede an Sarah vgl. § 151.
  212. [Nach stoischer Auffassung, die wir auf Chrysipp zurückführen können, ist ἀρεστόν ein Prädikat des ἀγαθόν; vgl. StVF. III 29. 37. 88. M. A.]
  213. Philo spielt hier auf die αὐστηρότης der stoischen ἀρετή an, vgl. Erbe des Göttlichen § 47 Anm. 6.
  214. Damit leitet Philo zum folgenden Hauptgedanken über, s. die nächste Anmerkung.
  215. Κακόω, ‘mißhandeln’ wird hier und § 171f. im moralischen Sinne gedeutet, s. auch All. Erkl. III § 174 Anm. 4. Zum folgenden vgl. quaest. in Gen. III §25 und zum Vergleich mit dem Pferde Panaetius = Cic. off. I 90.
  216. Das Wortspiel zwischen ἆθλα ‘Kampfpreis’ (im Pferderennen) und πανάθλιοι ‘Elende’ ist im Deutschen nicht wiederzugeben. Im folgenden wird der Vergleich zwischen einem störrischen Pferde (über das Pferd als Symbol der Leidenschaft vgl. Über Abrahams Wanderung § 62) und dem ungebildeten Menschen durchgeführt.
  217. [βαρυδαίμων spielt auf das gegensätzliche εὐδαίμων an. M. A.]
  218. Vgl. 2 Mos. 20, 23: „Ihr sollt euch keine silbernen und goldenen Götter machen.“
  219. Vgl. Über die Nachkommen Kains § 121.
  220. Die Worte γυμνάζειν, ἄσκησις usw. bezeichnen sowohl das körperliche Training wie die geistige Tugendübung (‘Askese’).
  221. Vgl. die analoge Deutung des ‘Fasttages’ (Νηστεία, gemeint ist der Versöhnungstag) in der Schrift Über die Einzelgesetze II § 193ff.
  222. S. o. § 83 Anm. 5.
  223. S. o. § 161 Anm. 3.
  224. φιλοπονία (aus φίλος und πόνος zusammengesetzt). [Philo faßt γλυκύς und ἡδύς als Synonyma von φίλος. M. A.]
  225. D. i. Hagar.
  226. Vgl. Über die Einzelgesetze II § 161.
  227. Vgl. Über die Einzelgesetze I § 291f.
  228. Der Honig symbolisiert hier das ἄλογον oder ἐπιθυμητικὸν μέρος τῆς ψυχῆς (s. darüber oben § 21 Anm. 1).
  229. Gemeint sind die Menschen, s. o. § 33.
  230. [Anklang an Homer Ilias XVIII 104: ἄχθος ἀρούρης. M. A.]
  231. Λιμῷ παρέβαλε ist Umschreibung des im literarischen Griechisch ungebräuchlichen Septuagintawortes: ἐλιμαγχόνησεν.
  232. [Das sind die vier stoischen Affekte, in zwei Paare eingeteilt nach dem Gesichtspunkte: πάθη περὶ τὸ ἀγαθόν ἐνεστὼς ἢ μέλλον und περὶ τὸ κακὸν παρὸν ἢ προσδοκώμενον, StVF. III 388. M. A.]
  233. S. o. § 81 Anm. 3.
  234. Hinter χρησομένων ist mit Wendland ὀμβρηθεῖσαν einzusetzen. [Dies Wort ist wohl schon Z. 14 hinter ἔργον einzufügen. M. A.]
  235. Esau ist hier Symbol der ἀφροσύνη (s. o. § 61), Jakob, der Typ des Asketen, Allegorie der σωφροσύνη. Zum Allgemeinen vgl. All. Erkl. III § 193 (und Anm.) und quod omnis probus liber est § 57.
  236. Εἰρηνικός ist etymologische Übersetzung des Namens שְׁלמה‎.
  237. Κακίᾳ κακώσετε, das die hebräischen Worte עַנֵּה תְעַנֶּה‎ wiedergibt, wird hier von Philo wörtlich gedeutet. Ähnliche Erklärungen von βρώσει φάγῃ (1 Mos. 2, 16) und θανάτῳ ἀποθανεῖσθε (ebd. V. 17) finden sich in den Alleg. Erkl. I § 98 bzw. § 105.
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