Der immer in der Welt herum wandernde Jude

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Autor: Chrysostomus Dudalaeus
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Titel: Der immer in der Welt herum wandernde Jude
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Entstehungsdatum: teilweise 1634
Erscheinungsdatum: um 1800
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Quelle: Digitalisat der Universität Turin (PDF); djvu auf Commons
Kurzbeschreibung: Version der Legende vom Ewigen Juden, erweitert um weitere Legenden und einen ausführlichen verteidigenden Kommentar
Die Universitätsbibliothek Turin schätzt das Erscheinungsjahr auf 1642, nach Typographie und Orthographie scheint es sich aber um einen deutlich späteren Druck zu handeln. Auf Seite 34 wird Ahasverus, der bereits zur Zeit Jesu gelebt haben soll, als 1794 Jahre alt bezeichnet.

Vergleiche den Text Kurtze Beschreibung vnd Erzehlung von einem Juden mit Namen Ahaßverus

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[1]

Der

immer in der Welt herum wandernde

Jude,

Das ist:

Bericht von einem Juden aus Jerusalem, mit Namen Ahasverus welcher vorgiebt, er sey bey der Creutzigung Christi gewesen, und bisher durch die Allmacht Gottes beym Leben erhalten worden.


Hierbei ist auch ein Bericht von den zwölf Jüdischen Stämmen, was ein jeder Stamm dem HErrn Christo zur Schmach angethan, und was sie dafür leiden mussen.


Gedruckt in diesem Jahr.     (4.)

[3]
Gewisser Bericht.
Von einem Juden, gebürtig von Jerusalem, Ahasverus genannt, welcher die Creutzigung unsers HErrn und Heilandes JEsu Christi gesehen, und noch am Leben ist.

Es hat Paulus von Eitzen, der Heiligen Schrift Doctor und Bischof zu Schleßwig, wahrhaftig zu seyn, erzehlet: Als er in seiner Jugend zu Wittenberg eine Zeitlang studiret, und im Winter Anno 1547. heim zu seinen Eltern nach Hamburg hinwieder gereiset, habe er den nächsten Sonntag in der Kirchen, unter der Predigt, daselbst einen Mann, der eine lange Person mit langen über den Schultern hangenden Haaren, gegen der Canzel über, barfuß stehend gesehen, welcher mit solcher Andacht die Predigt angehöret, daß, wenn der Name JEsus genennet wurde, er sich zum höchsten und demüthigsten geneiget, an seine Brust geschlagen, und inniglich geseufzet. Er hat aber keine andere Kleidung angehabt, in solchen harten und kalten Winter, als ein paar Hosen, die an den Füßen durch und durch zerrissen gewesen, einen umgürteten Leib-Rock, welcher ihm bis auf die Knie gangen, und der Mantel, den er umgehabt, hat ihn bis auf die [4] Füsse gereicht. Was das Ansehen seiner Person anbelanget, soll er ungefehr wie ein Mann von 50 Jahren anzuschauen gewesen seyn.

Auch sind sonst mehr Leute, ja nicht wenig Standes-Herren und von Adel gewesen, so diesen Menschen in Engeland, Frankreich, Italien, Ungarn, Persien, Hispanien, Pohlen, Moscau, Liefland, Schweden, Dännemark und Schottland, und andern unterschiedlichen Orten, gesehen haben.

Ueber den Mann aber hat sich ein jeder gar sehr verwundert, darauf vorgemeldter Doctor, nach gehaltener Predigt, fleißig nachgefraget: An welchen Ort der Mann anzutreffen wäre? Und nachdem er solches erforschet, hat er sich gar eigentlich bey ihm erkundiget: Wo er her wäre, und wie lang er sich daselbst im Winter aufgehalten? Darauf hat er ihm sehr bescheiden geantwortet, und gesagt: Er sey ein gebohrner Jud, und von Jerusalem gebürtig, mit Namen hiesse er Ahasverus, seines Handwerks wäre er ein Schuhmacher daselbst, auch bey der Creutzigung Christi und seinem Tod damals persöhnlich vorhanden gewesen, und also von der Zeit an lebendig geblieben, und viele Länder und Städte durchreiset, wie er denn zu Bestätigung dessen, viel und mancherley Kundschaften, alle Umstände von sich selbst und dann auch folgendes, was sich mit Christo zugetragen, nachdem Er anfänglich vor Pilatum und Herodem gebracht, und endlich gecreuziget worden, angezeiget; [5] und zwar noch mehr, als die Evangelisten und Historien-Schreiber Meldung thun: Ueber dieses zeiget er auch an die Regiments-Veränderungen, sonderlich aber was in Orientalischen Ländern in so viel hundert Jahren, von einer Zeit zur andern, sich begeben, fürnehmlich aber hat er von den heiligen Aposteln Christi, wie ein jeder gelebet, und zuletzt gelitten und sein Ende genommen, ordentlich erzehlet.

Als nun Herr D. Paulus von Eitzen von ihme nach Nothdurft, und mit großer Verwunderung, wegen der vorhin nie erhörten, und fast unglaublichen Zeitungen gehöret, hat er ihn ferner gebeten, damit er noch bessere und gründlichere Nachricht dieser Dinge bekommen möchte, daß er ihm solches fleißig nach allen Umständen erzehlen wolle. Hierauf hat er geantwortet: Er sey zur Zeit der Creuzigung Christi zu Jerusalem wohnhaft gewesen, den HErrn Christum (welchen er damals mit den Jüden für einen Ketzer gehalten, auch anders nicht geglaubt noch gewust, Er sey ein Verführer des Volks gewesen,) mit leiblichen Augen in Person gesehen; derowegen habe er samt andern sein äusserstes vorwenden helfen, damit dieser Aufrührer, für dem sie ihm zu der Zeit gehalten, möchte vertilget und aus dem Wege geräumet werden. Nachdem nun endlich der Sentenz von Pilato gesprochen, haben sie Ihn vor seinem Haus vorbey führen müssen, da er eilends heimgegangen, und habe solches seinem Hausgesinde [6] vermeldet, damit sie Christum augenscheinlich sehen, und was Er für einer wäre, auch verstehen mögen.

Wie solches geschehen, habe er selbst sein kleines Kind auf die Arme genommen, und mit ihm vor seiner Thür gestanden, den HErrn Christum zu sehen. Indem nun Christus unter dem schweren Creuz dahin geführet worden, hat Er an seinem, des Schusters Haus, zu ruhen sich gelehnet, und sey daselbst ein wenig still gestanden. Wie aber der Schuster, aus Eifer und Zorn, und um Ruhms willen bey andern Jüden, den HErrn Christum fortzueilen abgetrieben und gesprochen: Er solle sich weg und an den Ort verfügen, dahin Er gehörte, so habe ihn Christus darauf stracks angesehen, und zu ihm diese Worte gesprochen: Ich will allhier stehen und ruhen, du aber sollst gehen bis an den jüngsten Tag.

Hierauf habe er alsbald sein Kind niedergesetzt, (denn er nicht länger daselbsten bleiben können,) und Christum immer nachgefolget und also gesehen, daß Er elendiglich gekreuziget, gemartert und getödet worden. Nach Vollendung desselben habe es ihm stracks unmöglich zu seyn gedeucht, wiederum in die Stadt Jerusalem zu gehen, wäre auch hernach nicht mehr dahin kommen, hätte auch sein Weib und Kinder nimmer wieder gesehen, sondern alsbald fremde Länder, eins nach dem andern, wie ein betrübter Pilgrim durchzogen. [7] Und da er nach etlichen Jahren, wieder gen Jerusalem gekommen, habe er alles zerstöhret, und jämmerlich zerschleifet gefunden, also, daß kein Stein auf dem andern zu sehen gewesen sey, und er nicht habe wissen können, was zuvor allda köstliches vorhanden gewesen wäre. Was nun GOtt mit ihm vorhabe, daß er in diesem Leben so elend herum wandern müsse, wäre ihm unbewust, er könne aber nicht anders gedenken, Gott wolle an ihm vielleicht bis an den jüngsten Tag, wider die Jüden einen lebendigen Zeugen haben, dadurch die Unglaubigen und Gottlosen des Todes Christi erinnert und zur Buße bekehret werden möchten. Seines Theils möchte er wohl wünschen, daß ihn Gott in den Himmel aus diesem schnöden Jammerthal abfordere.

Auf diese Aussage und Besprechung hat ihn mehr gedachte Herr Doct. Paulus von Eitzen noch zum Ueberfluß, danebst dem R. R. der Schule in Hamburg, welcher dann treflich wohl in den Historien belesen und erfahren gewesen, von allerhand Sachen, so in den Orientalischen Ländern, nach Christi Geburt und Creuzigung sich begeben und zugetragen, um gewissen Grund gefragt, der alsbald hierauf von vielen alten Sachen genugsamen Bericht ertheilet, also, daß man seiner Person und Aussage hat müssen Glauben und Beyfall geben, und sich darüber nicht genugsam verwundern können, wie bey GOtt alle Dinge möglich, [8] aber den Menschen unglaublich und unerforschlich wären.

Sein des Juden Leben belangend, hält er sich sehr still und eingezogen, redet nicht viel mehr, denn was man ihn fraget. Wenn er zu Gaste geladen wird, soll er wenig essen und trinken, eilet immer wieder fort, und bleibet nicht lang auf einer Stätte; und als ihm zu Hamburg, Danzig und anderswo Geld verehret worden, hat er nicht viel über zween Schillinge genommen, davon er doch alsbald wiederum den Armen umher ausgetheilet hat mit Anzeigung, er bedürfe keines Geldes, Gott werde ihn wohl versorgen, denn er habe seine Sünde bereuet, und was er unwissend gethan, GOtt abgebeten.

So hat man ihn der Zeit über, die er zu Hamburg und Danzig zugebracht, auch niemals Lachen sehen. In welches Land er gekommen, desselben Sprache hat er gebraucht, wie er denn dazumal die Sächsische Sprache geredet, nicht anders als ein gebohrner Sachse. Die meisten, so aus denen benachbarten und auch fernern Orten, nach Hamburg und Danzig kommen, diesen Mann zu sehen und zu hören, haben geschlossen und dafür gehalten: Weil dieser Jud nicht allein GOttes Wort gern gehöret und davon geredet, auch allweg, mit besonderer Andacht und Ehrerbietung, dann auch mit großem Seufzen, wann der Name GOttes oder JEsus Christus genennet, sich erzeiget, über dieß auch kein Fluchen [9] dulten können, es geschehe durch göttliche Allmacht, und werde durch diesen Mann etwas sonderliches angedeutet. Und so er jemand bey GOttes Marter oder Leiden fluchen hörte, hat er sich darauf heftig erbittert, und nicht mit geringem Eifer und Seufzen gesagt: O du elender Mensch! O du elende Creatur! solltest du den Namen deines HErrn und GOttes und seiner bittern Marter und seines Leidens also liederlich mißbrauchen? Hättest du solches auch sowohl als ich gesehen und angeschauet, wie schwer und sauer dem HErrn seine Wunden, um meiner und dein selbst wegen, worden sind, du würdest dir eher selbst ein grosses Leid anthun lassen, denn daß du umsonst seinen Namen also verunehren solltest. Solches hat mir Hr. D. Paulus von Eitzen, mit noch vielmehr andern wahrhaften Umständen, treulich und fleißig zu Schleßwig erzehlet, welches mir seither auch von etlichen meinen alten Bekannten, welche denselben Mann damals auch mit Augen zu Hamburg, Rostock, Lübeck, Wißmar, Danzig, Königsberg, und andern Orten mehr, persönlich gesehen, und ihm nebenst Hrn. D. Paulo von Eitzen, fleißig zugehöret, für wahrhaftig und gewiß zu seyn vermeldet worden.

Anno 1575. ist der Herr Secretarius Christoph Kraus, und Magister Jacobus, von Hollstein, als Legaten am Königlichen Hof in Hispanien, und folgends in die Niederlande abgefertiget worden, wegen Bezahlung der Kriegsleute die Ihrer Königlichen Majestät in [10] Niederlanden gedienet. Als sie wieder zu Hause und nach Schleßwig kamen, haben sie für eine anständige Wahrheit erzehlet, und hoch und theuer bekräftiget, daß sie diesen Wundermann zu Madrid in Spanien, in aller Gestalt, Leben, Alter, Kleidung und Geberden, wie er ihnen beschrieben worden, auch in Person gesehen und angetroffen, daselbst mit ihm geredet, und nebst andern vielen Leuten, hohes und niedriges Standes vernommen, daß er damals gut Spanisch gesprochen.

Anno 1599. im Christmonat, ist von einer wahrhaftigen Person aus Braunschweig nach Straßburg geschrieben worden: Daß damals obgemelder Wunder Mann in Wien, in Oesterreich, noch beym Leben gewesen und von dannen in Pohlen und nach Danzig, zu verreisen Willens gehabt, damit er sich ferner von Pohlen nach Moscau begeben möchte.

Dieser Ahasverus ist Anno 1610. zu Lübeck gewesen, auch endlich zu Reval in Liefland, auch zu Cracau in Pohlen. Anno 1630. ist er auch in Moscau von vielen Leuten gesehen worden, die gleichfalls mit ihm geredet.

Was nun aber verständige Gott-liebende Menschen von dieser erwehnten Person halten wollen, steht einem jeden frey; die Werke Gottes sind gleichwohl wunderbar, unerforschlich und unergründlich, sie werden je länger je [11] mehr, von Tag zu Tag, herfürbracht, und vor dem Jüngsten Tag offenbar werden müssen.

Datum Reval, den 11. Martii,
Anno 1634.
D. W. D.          
Chrysostomus Dudalaeus,
Westphalus.
          




Ein Bericht von den zwölf Jüdischen Stämmen, was jeder Stamm den HErrn Christo zur Schmach gethan haben soll, und was sie bis den heutigen Tag dafür leiden müssen.

Von den Strafen, so über die Jüden in allen Stämmen, so viel derer zum Leiden des HErrn Christi geholfen, kommen, welches ein hochberühmter Medicus in Welschland, der Anfangs ein gebohrner Jud gewesen, zu Mantua mündlich und schriftlich geoffenbahret, und ungefehr vor vier Jahren in Druck gegeben. Der Bericht lautet von Stamm zu Stamm, und von Geschlecht zu Geschlechten, wie folget, also:

1. Der Stamm Ruben.

Diejenigen, so aus den Stamm Ruben sind gewesen, die unsern HErrn JEsum Christum [12] im Garten haben gegriffen und gefangen genommen, und darüber in seiner großen Unschuld aus großer Bosheit noch darzu geschlagen. Um solcher Missethat willen haben sie drey Plagen, Strafen und Flüche an sich in ihrem Geschlechte: 1. Was sie anrühren, das noch grün ist, solches verdorret in dreyen Tagen. 2. Alles, was sie säen und pflanzen, das hat kein Gedeyen. 3. Wann sie sterben und begraben werden, wächst kein Grünes auf ihren Gräbern.

2. Der Stamm Simeon.

Welche Jüden aus dem Stamm Simeon sind gewesen, so dem HErrn Christum gecreuziget, oder am Stamm des heiligen Creuzes angeheftet und angenagelt haben. Um solcher Sünde willen, haben sie alle Jahr vier große Plagen an Händen und Füssen: daraus ihnen Blut rinnet von Morgen bis an den Abend.

3. Der Stamm Levi.

Welche Jüden aus dem Stamm Levi sind gewesen, so den HErrn Christum in sein heiliges Angesicht geschlagen und gespeyet haben, die müssen in ihrem Geschlechte, und um solcher Sünde willen, diesen Fluch und Plage tragen: nemlich, daß sie nicht auf die Erde über ihren Bart speyen und auswerfen können.

4. Der Stamm Juda.

Diejenigen, so aus dem Stamm Judä sind [13] gewesen, und unsern HErrn Christum verrathen haben. Um solcher Sünde willen werden alle Jahr unter ihnen selbst 30 Personen, durch sonderliche große Verrätherey, vom Leben zum Tode gebracht: So treu sind sie selbst einander in ihrem Geschlechte.

5. Der Stamm Zabulon.

Welche Jüden aus dem Stamm Zabulon sind gewesen, die das Loos über den Rock Christi geworfen haben. Das Geschlecht hat jährlich auf den 25 Tag Martii die Plage, daß sie aus ihrem Munde, welches aus den Wangen entspringet, müssen Blut speyen, von Morgen bis auf den Abend.

6. Der Stamm Isaschar.

Welche Jüden aus dem Stamm Isaschar sind gewesen, die den HErrn Christum an die Säulen gebunden, und gegeisselt haben; und in seinen heiligen Körper viel hundert Wunden und Striemen gehauen. Um solcher Sünde willen hat dieses Geschlecht alle Jahr, den 25. Tag Martii, viel hundert Striemen und unzehlbare Wunden an ihren Leibern, daraus Blut fleußt von Morgen bis an den Abend.

7. Der Stamm Dann.

Welche Jüden aus dem Stamm Dann sind gewesen, die da überlaut geschrien, und gerufen: Christi Blut komme über uns und unsere [14] Kinder! Diese haben die Strafe, daß sie, ein jedweder in seinem Geschlecht, alle Monat sonderliche Plagen und Schmerzen an ihren Leibern fühlen, und vermögen sich über eine Woche, Gestank halben, nicht länger verbergen noch halten, wenn sie nicht mit den Christen-Blut ihren stinkenden Leichnam wiederum salben und schmieren.

8. Der Stamm Gad.

Welche Jüden aus den Stamm Gad gewesen, so dem HErrn Christo die Dornen-Krone von funfzehen spitzigen Dorn-Eisen geflochten, und Ihme dieselbige zu Schmach und Spott, durch Haut und Bein, bis auf das Gehirn gedrücket. Um solcher Sünde willen haben sie diese Plage in ihrem Geschlecht, daß alle Jahr, nemlich den 5. Martii, ein jeglicher unter ihnen fünfzehen Nacken oder Beulen an seinem Haupt hat, welche mit grossen Schmerzen Blut herausschweißen übers Angesicht bis auf die Erden, und währet von Morgen bis auf den Abend.

9. Der Stamm Asser.

Welche Jüden aus dem Stamm Asser gebohren sind, so unserm HErrn Christo den Backenstreich gegeben, und sonst seinen heiligen Leichnam geschlagen. Um solcher Sünde willen haben sie solche Strafe, daß ihnen der rechte Arm einer Hand breit kürzer ist, denn der linke.

[15]
10. Der Stamm Naphtali.

Welche Jüden aus dem Stamm Naphtali sind gewesen, die ihre Kinder, Söhne und Töchter, in einen Schweinstall gethan, als die andern Jüden dieses Geschlechts den HErrn Christum aus dem geistlichen Fürsten-Hause von Hanna zum Hohenpriester Caiphas führeten, und indem sie für dem Hause fürüber giengen, schrien obgedachte Kinder, (welche versperret und abgerichtet waren) nach Art der Schweine, Christum zu versuchen; worauf sie Ihn fragten, und sprachen zu Ihm: Weissagt uns, Christe, wer ist darinnen? Und Jesus sprach zu ihnen: Es sind eure Kinder; Söhne und Töchter. Da sagten die andern Jüden wieder zu Ihm: Es ist erlogen, es sind Schweine darinnen. Darauf der HErr JEsus ihnen geantwortet: Sollens Schweine seyn, so sind es Schweine, und müssen Schweine werden und bleiben. Hierauf sind ihre Kinder sämtlich zu Schweinen worden, umhergelaufen, gebläcket und geschrien wie Schweine. Um solcher Sünde willen haben alle Jüden in diesem Geschlechte Naphtali vier Zähne im Maul, nach Art und Weise der Schweine, auch Ohren wie Schweine, und stinken wie Schweine.

11. Der Stamm Joseph.

Welche Jüden aus dem Stamm Josephs sind gewesen, so die Nägel geschmiedet haben, damit der HErr Christus an das Creuz geschlagen [16] worden. Unter diesem Geschlecht soll ein Weib gewesen seyn, mit Namen Beatrix, die hat diesen Rath erdacht: Man solle die Nägel an den Spitzen stumpf machen, auf daß der HErr Christus desto schmerzlicher gepeiniget würde. Um solcher Sünde willen, haben alle Jüden-Weiber aus dem Stamm Josephs, wenn sie über drey und dreyßig Jahr kommen, des Nachts in dem Schlaf, ihren Mund voller lebendiger Würmer.

12. Der Stamm Benjamin.

Welche Jüden aus dem Stamm Benjamin sind gewesen, so dem HErrn Christum an dem Creuz mit Eßig und Gallen, aus einem Schwamm, getränket haben. Um solcher Sünde willen, hat dieses Geschlecht die Strafe und Plage, daß sie nimmermehr über sich in die Luft sehen können. Zudem, so haben sie auch allezeit Durst, und wenn sie reden wollen, so springts ihnen aus dem Mund heraus, nicht anders, als kleine Würmer.


In der Geißlung hat der HErr Christus fünf tausend Streiche empfangen, darüber Er fünf tausend, vierhundert und fünf und siebenzig Wunden an seinem heiligen Leib bekommen, daß sein ganzer Leib also zerrissen gewesen, daß es auch ein heidnisches Herz erbarmet und gesprochen: ECCE HOMO! Sehet welch ein Mensch! Dennoch haben die Jüden kein Genügen gehabt, sondern geschrien: Crucifige! Crucifige! Creuzige! Creuzige Ihn! Ja, freylich [17] sind wir diejenigen, die den Herrn Christum creuzigen, mit Fluchen und Schwören, da man fluchet bey seinem heiligen Blut und Marter, auch bey der Einsetzung der Heil. Sacramenta, will geschweigen, was für Fluch aus unserm stinkenden Madensack, durch Anreizung des Teufels, herausgehen; da wir doch billig einen Schrecken dafür haben sollten, wenn wir nur bedächten die große Unschuld bey HErrn Christo, daß doch der einige Sohn GOttes von unsertwegen große Marter ausgestanden: darum sind wir nicht alle dem Evangelio gehorsam, denn es stehet geschrieben: Wer glaubet unsern Predigen? Es. 53, 1. darum sind ihrer gar wenig, die des HErrn Christi bitteres Leiden betrachten, sondern sind lieber fröhlich mit Pfeifen, Joh. 21, v. 1. des Morgens früh des Saufens sich befleißigen, und sitzen bis in die Nacht, Es. 5, 11. Als Belsazar, des König zu Babel, sich, samt seinen Hauptleuten, voll soff, ward er des Nachts getödtet, Dan. 5, 29. und so wird es allen Verächtern GOttes auch gehen, so ferne sie nicht wahre Busse thun; denn gleichwie Herodes von den Würmern ist gefressen worden, daß er den HErrn Christum verspottet hat mit einem weißen Kleid, samt seinem Hof-Gesind. Ach! wie oft verspotten wir den HErrn JEsum mit losen Worten, als wenn der HErr JEsus nicht Richter wäre über Lebendige und Todte, da wir doch für ein jegliches unnützes Wort werden Rechenschaft geben müssen, Matth. 6, v. 14. Also wird auch Christus am jüngsten Tage sagen: Freund! wie bist [18] du herein kommen und hast kein hochzeitlich Kleid an? Matth. 22, 25. Denn Christus weiß, was im Menschen ist, Joh. 2, 25. Demnach der ungerechte Richter Pilatus dem HErrn Christum zum Creuz verurtheilet, auch wohl gewußt, daß Ihn die Jüden aus Falschheit überantworteten, hat also der verdammte Mensch Pilatus aus Verzweiflung sich selbst erstochen, und als er in die Tober ist geworfen worden, haben die Teufel ein so grausames Wüthen und Toben angerichtet, daß fast kein Mensch daselbst sicher wandeln können, bis sie den Körper wieder aus dem Wasser gezogen, und in das Meer geworfen haben; aber es hatte der verfluchte Körper keine Ruhe im Wasser, also, daß selbige Gegend kein Schiff wandeln durfte, weil der Teufel das Wasser bewegt und die Schiffe gar zu Grunde gestürzet, worauf sie den verdammten Menschen wieder herausziehen mußten, so hernach in die Schweiz gebracht, und in den Luzerner See, welcher auf einen sehr hohen Berg sich befindet, geworfen worden, da er noch bis auf den heutigen Tag, wie man vor gewiß dafür hält, liegen soll, welcher See zu gewissen Zeiten mit Wüthen und Toben ganz ungestüm, auch noch täglich Miracul und Wunderwerk daselbst noch immer sein Spiel haben soll.

Zur Warnung soll sich wohl ein jeder gläubiger Christ vor solcher erschrecklichen That, Unrecht und Uebel fleißig hüten, und ein Exempel an diesem verfluchten Pilato nehmen, welcher, um einer bösen That wegen, [19] weder Erde noch Wasser leiden noch dulden wollen.




Erinnerung
an den Christlichen Leser von diesem Juden.

Johannis am ersten Capitel lesen wir, daß keiner Gott jemals gesehen, ohne allein der eingeborne Sohn, der im Schoos des Vaters ist. Diesen seinen Vater, und dessen uns sonst unerforschlichen Willen, hat der Sohn, nachdem er aus dem Thron seiner Majestät hervorgegangen, dem menschlichen Geschlecht allein geoffenbaret. Was aber GOtt, und wie großmächtig Er seye, geben uns seine unaussprechlichen Worte zu erkennen, daher sie dann aus seiner Güte, Barmherzigkeit und Macht, samt unermeßlicher Weisheit, genug zu vernehmen sind.

Und weil dann Gott über alle Maaß und menschlichen Verstand voll höchster Weisheit ist, und seine Weisheit mit keiner Zahl mag ausgerechnet werden, Ps. 147. so hat Er auch durch seine Weisheit die Himmel bevestiget, die Erde gegründet, und alles in der Welt gar weislich geordnet, also, daß Er die vernünftigen Creaturen in größter Weisheit seiner selbst halben, erschaffen hat. Dann weil Er voll Weisheit ist, [20] so hat Er auch wollen alles dermassen in der Welt lassen erscheinen, damit das Werk dem Meister immerdar möchte loben, und die vernünftigen Creaturen von seiner überaus hohen Weisheit, unaussprechlichen Güte, und gnädigen Willen gar leichtlich urtheilen können.

Ob nun aber dieser göttliche Rath so überaus hoch ist, daß er von englisch- und menschlicher Vernunft nicht genugsam könne verstanden oder mit Zungen ausgeredet werden; dennoch ist ein Theil der erschaffenen Creaturen Gottes für großer und verborgener Hoffahrt, von ihrem Schöpfer hinwiederum abgefallen, damit sie, wegen ihrer vielgeliebten eigenen Thorheit, Gottes Weisheit hintansetzen und gänzlich verachten möchten.

Insonderheit aber auch, auf daß, wie damal stracks, also hinfort allweg, die Weisheit von ihren eigenen Kindern gemeistert werden könne. Dann ein Theil der erschaffenen Engel sind, in ihrer Vollkommenheit und eingepflanzten Weisheit nicht bestanden, sondern von GOttes Weisheit, welche Unsterblichkeit und ewige Freude ihnen mitgetheilet, abgewichen, und haben sich gutwillig, sehend auch wissentlich in das ewige Verderben hineingestürzet.

Nicht aber allein ist solches mit der englischen Natur also zugegangen, sondern das menschliche Geschlecht hat auch in unsern ersten Eltern, sich durch dieselben, so voller Bosheit und Abgunst steckten, von Gottes Weisheit lassen abwenden, [21] zur Thorheit Lust bekommen, an Ungehorsam einen Gefallen gehabt, und zu der schändlichen Hoffarth sich schleunig gewendet, also, daß es dem bittern Tod und allem Unglück und Elend daher unterworfen ist. Und damit nun die verführten, auch von Gott abgewendeten Menschen in Ewigkeit nicht möchten verloren seyn, ist ein gar überaus hochweiser Rath hinwieder erfunden, wie das verlorne Ebenbild der Weisheit GOttes in ihnen wieder hervorleuchten, und von neuem möge eigentlich wahrgenommen werden.

Daher ist aus lauter Güte und Barmherzigkeit GOttes auch den menschlichen Geschlecht eine gnädige Verheissung geschehen, und zwar durch des Weibes Saamen, welcher nach GOttes Weisheit, und des himmlischen Vaters Wohlgefallen, der Thorheit, wie denn auch des Teufels Bosheit, und ewiger Verdammniß, in Zertretung des Schlangen-Kopfs, durch seinen Tod uns erretten und erlösen solle, jedoch also, daß man unterdessen wüßte, keiner hätte allhie eine bleibende Stätte, und das die rechte und beständige Wohnung der Menschen droben im Himmel wäre. Derowegen, so ist nun der Sohn GOttes, von der Jungfrau Maria, zur bestimmten Zeit in die Welt kommen, Gal. 4. unsere Erlösung, 1. Corrinth. 1. und wie zum Röm. am 3. Cap. vermeldet wird, unser Versöhner bey GOtt seinem himmlischen Vater worden. Und obwohl Christus Jesus ein allmächtiger und allwissender HErr, voll Weisheit und Gnade bey GOtt und den Menschen ist gewesen, also hat [22] Ihm der Teufel und die böse Welt, wegen seiner Armuth, großen Eifer und Ernst über die Sünden und Thorheiten der Menschen, in Hintansetzung der Weisheit Gottes, gestrafet, und wegen geringen Ansehens, in diesem Leben zum äussersten verhasset und verfolget. Denn aus Spott und Verachtung haben sie Ihn den Sohn Josephs, einen Freund der Zöllner und Sünder dieweil er mit ihnen umgangen, einen Fresser und Weinsäuffer, einen Samariter, und der den Teufel hätte, auch einen Gottslästerer, wie die Evangelische Historie es giebet, vielmal genennet. Wie aber sonst in viel andern Dingen mehr, also sind auch in diesem Fall die Prophetische Schriften erfüllet, dieweil des Menschen Feinde seine eigene Hausgenossen zu seyn nach Anmeldung des Propheten Mich. 7. Cap. vom HErrn Christo befunden worden, als es Mathäi am 10. von Ihm selbst angezogen wird. Denn ob wohl die Jüden GOttes Eigenthum und auserwähltes Volk waren, welchem zugehörte die Kindschaft, die Herrlichkeit und der Bund, das Gesetz und der Gottesdienst, neben der Verheissung; welche auch sind gewesen die Väter, und aus welchen Christus herkommet nach dem Fleisch, Röm. 9. so haben ihn dannoch große Farren umgeben, fette Ochsen umringet, ihren Rachen wider Ihn, wie ein brüllender und reißender Löw, aufsperret, Psalm 22. Welche Ihn endlich bis zum Tode, ja bis zum Tod des Creuzes, verurtheilet, Phil. 2.

Eben dasselbige hat nun gegenwärtiger Jud [23] Ahasverus, dessen hier in der Relation gedacht wird, auch gethan, und ist vor der Passion bey HErrn Christo ein Erz-Verfolger, und voller Löwen-Grimmes neben andern gewesen. Und endlich ist aus einem Saulo, ein Paulus, aus einem hoffärtigen Verächter, ein Demüthiger, und aus einem der äussersten Feinde, ein standhafter Bekenner des HErrn Christi, hernach geworden.

Solches darf nun niemand groß Wunder nehmen, weil mans, wie sich wohl eigentlich sollte und wollte gebühret haben, vom ganzen Jüdischen Volk durchaus nicht vernommen hat, dennoch so wird am erwehnten Juden gespüret, wovon der Prophet Esaias Cap. 2. geweissaget hat: Der Tag des HErrn Zebaoth wird gehen über alle Hoffärtige und Hohe, und über alles Erhabene, daß es erniedriget werde, daß sich bücken muß alle Hoheit der Menschen und sich demüthigen, was hohe Leute sind. Demnach so wird uns Zweifels ohne dieser gegenwärtige Jud sich vielmalen haben vernehmen lassen, und mit dem König David gesprochen haben: Der HErr zog mich aus der grausamen Gruben, und aus dem Schlamm, und stellet meine Füsse auf einem Fels, daß ich gewiß tretten kunte: daher so will ich den HErrn loben, der mir geholfen und gerathen hat, Psalm 7.

Dieweil aber das Wort Jude eigentlich so viel als ein Bekenner heißt, und die kleinen Kinder, ihrer Art nach, ruffen, Luc. 19. indem die ganze Versammlung der Juden sie bedräuet, auch [24] mit ihrer Bekänntniß still schweiget, nicht schreyet, Christum bekennet, und seinen Ruhm verkündiget. Also werden die Steine rufen müssen, wie von Säuglingen und kleinen Kindern der Prophet David redet. Daher, so thut nun solches zu der Zeit auch dieser oft erwähnte Ahasverus, wie ein geringer und verachter Stein, und demnach als ein recht standhafter Bekenner. Zudem, so sind auch nicht so sehr für rechtschaffene Jüden zu achten, die sich mit dem Munde allein rühmen, sondern vielmehr, die es auch öffentlich oder verborgender Weise im Herzen und mit dem Munde thun; es geschehe solches sowohl bey den, als bey den Christen oder Heyden.

Ob nun schon dieser unser Ahasverus solches vor etlich hundert Jahren, absonderlich bey denen Christen nicht mag gethan haben, so geschieht dennoch nunmehr dasselbe von ihme in unsern mitternächtigen Orten, wie wir jetzt vernehmen, und zwar im letzten Alter und Theil der Welt.

Derohalben so hat nun der HErr Christus einen solchen verborgenen, nunmehro aber öffentlichen Bekenner, als die Religion giebt, zur Zeit seines heiligen bittern Leidens erleuchtet, der Zweifels ohne zuvor von Pilato samt dem ganzen Volk Matth. 27. gerufen: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.

Folgendes aber Luc. 23 neben den grossen Haufen Volks und der Weiber, JEsum Christum dem HErrn beklaget und beweinet, auch endlich mit dem Hauptmann, samt vielen andern, so bey dem Creuz des HErrn Christi gestanden, und [25] den HErrn JEsum, in Acht gehalten, für grosser Andacht gesprochen und von Ihm bekennet hat: Wahrhaftig dieser war GOttes Sohn.

Dasselbe hat nun die sehr grosse Menge und Schaar der Jüden, so auf die Zeit zu Jerusalem, oder auch an andern Orten gewesen, nicht gethan noch erkennet, wie Christo wohl gebühret, oder wie man mit Ihme sonst gehandelt.

Damit aber die Juden, so auf dißmal zu Jerusalem beym Osterfeste nicht waren, solches in andern Städten und Oertern auch erfahren möchten, ist vielleicht dieser Ahasverus zu ihnen dermassen abgefertiget, als zu rechtschaffenen und natürlichen Jüden, denen unsere heutige abschlägige und abartige Gesellen vom alten Geblüte mit nichten zu vergleichen sind, ob sie wohl in ihrer Unbußfertigkeit zu gleicher Verdammniß miteinander laufen.

Denn man kann beyderseits von ihnen mit David aus dem 14. Psalm sprechen: Sie sind alle abgewichen, und allesamt untüchtig worden, da ist keiner der Gutes thue, auch nicht einer. Ihr Schlund ist ein offen Grab, mit ihren Zungen heucheln sie. Ottergift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit. Ihre Füsse eilen Blut zu vergießen; in ihren Wegen ist eitel Unfall und Herzenleid, und den Weg des Friedens wissen sie nicht. Daher sie dann den Weg des Unfriedens zur ewigen Verdammniß wandern.

Dieweil aber dieser Jud auf seiner langwierigen Reise und Wanderschaft, nach seiner frevlen [26] Verläumdung des HErrn Christi, so zuvor geschehen, wie man aus der Relation zu vernehmen hat, gleichwohl bis daher so ein standhafter Bekenner ist, daraus mag man wohl spühren, wie GOtt der HErr, nach laut des 4. Psalms, seine Heiligen wunderlich führet, als man dann solche Exempel an Joseph dem Träumer, David, dem Schaaf-Hirten, der alt belebten Sara, und unfruchtbaren Elisabeth, Paulo, den Apostel und anderer mehr, deren man viel in der Heil. Schrift findet.

Wie nun dieselben sämtlich in ihrem ganzen Leben von GOtt geleitet worden, also geschiehets mit diesem Ahasvero auch. Dann erstlich haßte er den HErrn Christum, lästert und verfolgte Ihn: bald aber rühmet er denselbigen, und bekennet Ihn öffentlich viel hundert Jahr lang aneinander, und zwar an mancherley Orten und weit entlegenen Landen: also, daß man sich darüber zu verwundern hat, wofern es GOtt der HErr dermassen, wie vermeldet wird, bis daher geschehen lassen.

Er verstehet und kann auch reden alle Sprachen der Provinzen und Völker, wo er hinkomt, daß die Reise ihm nicht vergeblich und ohne Frucht möge abgehen; Dieses solle sich niemand wundern lassen, denn das Erkänntniß und Wissenschaft der vielerley Sprachen, im neuen Testament, ist eine besondere große Gnade GOttes des Heil. Geistes, Art 5. solche hat nun dieser als ein gottseliger und frommer Mensch, welcher zu GOtt und seinem heiligen Wort große Lust [27] träget, gar leichtlich in so viel hundert Jahren fassen und lernen können, wofern er nicht sonst, aus besonderer Zulassung GOttes, es haben sollte.

Auch wallte nun der betrübte Mann solchermassen, nach dem gemeinen Lauf vieler gottseliger Leute mehr, lange Jahre umher, wie es GOtt dem HErrn gefällig, und zu allen Zeiten also hergangen ist. Zwar die Patriarchen haben ihren Lauf vor der Sündfluth, nach Pilgrams Art vollführet, wie aber nach der Sündfluth Abraham, Isaac, Jacob, die Kinder Israel, der HErr Christus selbst, und die lieben Apostel, neben vielen andern Heiligen mehr, ihre Wallfahrten vollendet haben, ist aus den Historien des Alten und Neuen Testaments genugsam zu vernehmen. Dieser Ahasverus ist nun in die 1774. Jahr nacheinander von einem zum andern umher gewandert.

Es däucht zwar solches einem Menschen gar seltsam zu seyn, und dennoch geschicht es nicht vergeblich: Denn GOttes des HErrn seine Gerichte und Sachen sind wohl verborgen, spricht der Heil. Augustinus, aber unrechtmäßig und unbillig sind sie mit nichten.

Vielleicht hat es müssen also hergehen, auf daß etliche unter den verstockten und verblendeten Jüden, die hin und her in der Welt noch zerstreuet sind, von diesem Ahasvero, der bis daher das Ite in orbem universium[1] langwierig practiciret, die grossen Wunder GOttes in allerley Sprachen anhören möchten, da sie vielleicht [28] noch möchten bekehret werden, welche hartnäckige Sinne bis zu der Zeit die heilsame Lehre des heiligen Evangelii noch nicht von ihren Sünden abwenden und zu sich bringen können. Um der Ursach willen wird nun ohne Zweifel dieser Jud bis an den Jüngsten Tag so müssen verharren, wie denn Christus ihm solches zur Strafe auferleget haben soll, dieweil doch ein Hirte, Schaaf-Stall und Kirche aus bekehrten Jüden und Heyden werden soll. Joh. 10.

Allhie möchten nun etliche Widersprecher sich erheben und einen Einwurf thun. Der HErr Christus spricht ja selbst Matth. 11. Er sey sanftmüthig und von Herzen demüthig, und daher, weil er die ganze Zeit seines Lebens und Predigt-Amts jedermann Gutes gethan, sey also gar nicht zu glauben, daß Er, der HErr, diesen Ahasvero, wegen den einigen Worts, welches er vielleicht aus unbedachtsamer Weise, im verblendeten Eifer hat entfallen lassen, so eine so schwere Strafe werde gedrohet, vielweniger auferlegt haben, insonderheit zur Zeit der Passion und seines heiligen bittern Leidens, da Er mit vielen andern Sorgen und Gedanken ist umgegangen, wie er die Sünde der ganzen Welt auf seinem Rücken laden und tragen möchte.

Diejenige, so die Heil. Schrift mit Fleiß gelesen, wissen sich leicht zu erinnern, daß der HErr Christus, nebst dem, daß Er sein Lehramt fleißig verwaltet, und auch jedermann Gutes gethan, vielmal den Pharisäern, Saducäern [29] und andern mehr, zum heftigsten gedrohet, wie bey Matth. 23. und Luc. 13. zu sehen ist.

Die Zeit aber seines bittern Leidens über, was hat Er daselbst gethan? Er hat, nach dem Spruch Esaiä, 53. und dem Bericht St. Petri 1. Cap. v. 2. seinen Mund nicht aufgethan, wie Er gescholten ward, hat Er nicht wieder gescholten, hat Alles gelitten, und ohne Ungedult ausgestanden, vor Hanno, Caipha, Herode und Pilato. Denn es war dazumal Zeit des Leidens und der Geduld,und nicht des zornigen Vergeltens. Wie aber die Töchter von Jerusalem Ihn beweineten, spricht Er Luc. 23. zu ihnen: Ihr Töchter von Jerusalem weinet nicht über Mich, sondern über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Seelig sind die Unfruchtbaren, und die Leiber, die nicht gebohren haben. Alsdann werden sie anfangen zu sagen zu denen Bergen: Fallet über uns, und zu den Hügeln: Bedecket uns. Da Er aber am Creuz angehängt gewesen ist, wie hat Er sich damal verhalten? Er sprach, wie Luc. 22. geschrieben steht: Vater, vergieb ihnen, dann sie wissen nicht, was sie an Mir vollbringen. Diese Collecte und Fürbitte hat Christus für die Bußfertigen, und denen ihre Sünden und Mißhandlungen von Herzen leid waren, bey dem himmlischen Vater eingelegt. Welches aber von den Unbußfertigen, die seiner noch zur Zeit seines Leidens gespottet, wie auch von den Pharisäern und Schriftgelehrten, Marc. 15. und dem ganzen unbußfertigen [30] Haufen der gottlosen Jüden, so in ihren Sünden verharren, mit nichten zu verstehen; für welchen unter andern die Finsterniß, Erdbeben, Zerspaltung der Felsen; des Vorhangs im Tempel gewaltiger Riß, Eröfnung der Todten-Gräber, und Auferstehung vieler Heiligen gehöret und geordnet ist.

Was nun weiter anlanget, daß gegenwärtiger Mensch, so Ahasverus genennet wird, so lang nunmehr nach der Sündfluth lebet, däucht ihrer viel insonderheit seltsam, indem er alle Patriarchen und andere Leute, welche vor und nach Christi Geburt jemals gelebet, ihr Alter weit übertrifft. Aber wer kann allhier die Tiefe des Reichthums beedes der Weisheit und Erkenntniß GOttes, und seine Wege wissen und erforschen? Wer hat des HErrn Sinn erkannt? Oder, wer ist sein Rathgeber gewesen? Daß er möchte verstehen, warum er diesen, der den HErrn Christum zuvor gehasset hat, wollen so lange Zeit aneinander, eine solche Bekänntniß auf dieser Erden thun, und umher wandern lassen? Vielleicht darum, dieweil er jetzo zu unsern Zeiten, bey uns erstlich möchte bekannt werden, und alle Dinge von Christo predigen und bekennen, wie es in den prophetischen Schriften und der Paßions Historie von den Evangelisten beschrieben. Was die Langwierigkeit des Lebens anlanget, welche eben seltsam anzuhören und zu vernehmen ist, ob man schon alles das andere leichtlich zulassen könne, so sind ja dem HErrn alle Dinge möglich.

Derowegen so kann Er einem jeglichen nach [31] seinem Willen und Wohlgefallen erhalten, auch einem jeden offenbaren, was Er will, gleichwie Er 2. Cor. 12. den Apostel Paulum bis in dritten Himmel und ins Paradies hinein verrücket hat, auf daß er daselbst unaussprechliche Worte hörte. Wie nun mit St. Paulo was sonderliches zugetragen, also kann Er diesen Ahasverum auch haben dazu ausersehen, hie zeitlich die Freud und Herrlichkeit seines Reichs im Herzen zu empfinden, wie er samt andern, gesprochen: Wahrhaftig, dieser war GOttes Sohn! und ihn erhalten bis zu seiner Wiederkunft zum Jüngsten Gericht, laut der Zusag. Matth. 19. Warlich! Ich sage euch, es stehen etliche hie, die werden den Todt nicht schmecken, bis daß sie des Menschen Sohn kommen sehen, in sein Reich. Und von Johannes, dem Evangelisten und Apostel, wird Cap. 21. gelesen: Wann ich will, daß er bleibe, bis Ich komme, was gehet es dich an; eben dasselbe kann man auch von diesem Ahasvero melden, dem so ihn GOtt der HErr bis an den Jüngsten Tag im Leben erhalten will, was wollen wir uns groß darum bekümmern, die wir eher sterben müssen.

Wofern nun gleichwohl etliche Leute ohne das lang leben, wie vor etlichen Zeiten, heut zu Tage aber bey uns wenig mehr geschiehet, so würde sich zwar niemand groß wundern. Nun deucht aber die Sache ihrer vielen gar seltsam, und fast wie ein groß Wunderwerk zu seyn, auch bey ihrer etlichen gar unglaublich zu scheinen, dieweil der Erz- und Alt-Vatter Jacob 132. und wenig Jahr mehr allhie auf Erden gewallet hat. Moses setzet [32] das menschliche Lebens-Ziel bis ins siebenzigste oder achtzigste Jahr. Zu unsern Zeiten werden die Leute selten so alt. Doch beweisen nachbeschriebene Historien etlicher Menschen langes Leben und hohes Alter.

Historie aus dem Fasciculo Temporum: Johannes de Tempore stirbet, nachdem er 361. Jahr gelebet hatte, dieser ist des Kaisers Caroli Magni Schildknecht gewesen, welcher gelebet bis auf 1144. Jahr. In des Achillis de Cassari Auszug der Chroniken und Historien, wird diese jetzt angezogene Historie bekräftiget: Johannes de Temporibus, nachdem er 361. Jahr gelebet, stirbt in Gallia. Rogericus Bacho, ein Engländer, im Buche von der wunderbaren Macht und Art der Natur.

Deßwegen, daß Artechius in Erforschung der Natur, Kräfte der Thiere und Edelgesteine, auch andern Sachen, seine Zeit zugebracht, und sich darinnen erlustiget, wird gerühmet, daß er 1025. Jahr durch seine Kunst sein Leben aufgehalten habe. Dieses Artechii, und solches seines hohen Alters, gedenket auch Leo Suavius I. S. P. in Compendio Philosophiae & Medicinae utriusque Philosophus Theophrastus Paracelsus vom Schlaf Epimenidis Cretensis: Die Historie von dem Epimeni die Cretensi puero ist auch zu finden in den Noctibus Gellianis: wird auch gelesen Diogenes Laërtio: welcher, nach dem langen Spazierengehen etwas müde worden, in eine offene Höle gehet, und entschläfet darinnen, und ist nicht eher erwacht vom [33] Schlaf, bis sieben und vierzig Jahre vorüber gewesen. Wie Plinius im 13. Buch seiner Histor. nat. meldet, soll er erst in dem 97. Jahr erwachet seyn.

Mußte nicht jener ungehorsamer Sohn zu Freyberg in Meissen, noch bey unserer Zeit, viel Jahre leben, auf dem Fluch und Wunsch seines Vatters, daß er stehen sollte sein Lebtage? darum auch dieser also lange und sein Lebtage zu gehen vermochte, auf den Willen und Befehl Christi. Promptuarium Exemplorum über das vierte Gebot.

Hat doch GOtt der HErr den Hennoch und Eliam; wider den gemeinen Lauf der Natur, ohne göttliches Absterben, also verordnet, daß sie in Ewigkeit leben sollen. Warum könnte es allhie nicht auch seyn, da GOtt der HErr diesen Ahasverum vielleicht verordnet hätte, auch in dieser Welt, wider den gemeinen Lauf der Natur zu leben, bis an das Ende der Welt, dann da niemals GOttes Verhängnis mag ausgegründet werden.

Will man vom Schlaffen sagen, so gedenke man, was die alten Landleute und Bauern in Thüringen sagen vom Kaiser Friederichen, so im Koffhäuser Berge sitzt mit seinem Krieges Volk und ganzem Heere, und schlafe nun eine lange Zeit her, dem der getreue Eckhard auf dem Dienst warte.

Und wofern demnach die rechte natürliche Jüdische Nation, nach des HErrn Christi Verkündigung, Matth. am 24. Das Ziel von Zerstörung der Stadt Jerusalem und Untergang der ganzen Welt erreichen sollte; alsdenn würde gewißlich dieser [34] Ahasverus derjenige seyn, an deme die Weissagung erfüllet wird, dieweil er allein der Stadt Jerusalem Zerstörung erlebet hat, und den Jüngsten Tag noch erleben soll, wann Christus spricht: Warlich, ich sage euch, das Geschlecht wird nicht vergehen bis das alles erfüllet ist. Dahero so kann nun gar leicht daran gezweifelt werden, daß unsere Jüden nicht als recht natürliche Jüden, sondern als Bastarte, sterben werden, die unter ihnen bleiben.

Methusalem hat zwar vor der Sündfluth 969. Jahr gelebet; der gegenwärtige Ahasverus aber, dessen jetzt gedacht wird, ist 1794. Jahr alt, wie allhier zu vernehmen ist. Dann der HErr, unser GOtt, ist unser Leben, und die Länge unserer Tage hat Er in seinen Händen, Deut. 30. Welcher in andern Leben erstlich aller Rechtgläubigen Leben als in alle Ewigkeit, und ohne einiges Aufhören, erhalten wird. Und wir, ohne der Heiligen Schrift Zeugnisse, daran nicht zweifeln, sondern es desto leichtlicher zu fassen haben, wie GOtt der Menschen Leben in die Länge im ewigen Leben erhalten könne, haben wir schon in diesem vergänglichen Leben ein Fürbild, gleich als im Schatten, und zwar in diesem Ahasvero uns vorgestellet, wofern die Sache, nach angemeldter Relation, sich also verhält, wie denn ihrer viel es für gewiß halten wollen.

Und wo dann nun die gegenwärtige Relation von Ahasvero nicht für wahrhaftig sollte befunden werden, so gedenke gleichwohl einer, daß die Historien in der Catholischen Kirchen bis daher wie [35] ein Wunderwerk geglaubet, und ihr nicht widersprochen wird; wie von den sieben Schläfern aufgeschrieben ist. Diese sollen zur Zeit der Verfolgung, unter Decio, dem Römischen Kaiser, in die Wälder und Wüsteneyen, aus der Stadt Epheso entflohen seyn, sich verborgen haben, und also entschlafen seyn, auch nach hundert und achtzig Jahren schlafender Ruh, unter Theodosio dem Jüngern, erstlich erwacht seyn. Zu mehrerer Bestätigung der Wahrheit, werden ihre Namen angezogen, und sollen geheissen haben: Maximilianus, Malchus, Martianus, Dionysius, Johannes, Seravion und Constantinus.

Viel dergleichen Historien mehr werden in Catholischen Schriften angezogen, und man hat sie bis daher nicht getadelt, werden auch noch heut bey ihnen wahr zu seyn geglaubet, welche nicht weniger, oder so sehr, wie diese von unserm Ahasvero, oder den sieben Schläfern.

Was wird von der Veronica gemeldet? Diese hat zur Zeit des Leidens Christi sich erinnert, wie sie der HErr Christus zuvor von ihren Blutgang befreyet habe, wie das Evangelium Nicodemi davon Meldung thut. Daher, als sie gesehen, daß der HErr Christus durch die Gassen sein schweres Creuz getragen, und wie sein Angesicht so voller Blut gewesen, hat sie Ihm dasselbe abgetrocknet.

In der Stadt Beryja, in Syria, hat sich diß auch zugetragen: Etliche Juden überkamen daselbst ein hölzernes Bildniß der Creuzigung Christi, und trugen es mit sich in ihre Synagog; fiengen [36] daselbst alsbald an, aus verbittertem Haß gegen den HErrn Christum, das Bild eben so übel zu tractiren, gleich wie ehemals ihre Vorfahrer mit JEsu von Nazareth gethan haben. Endlich haben sie auch mit einem Spieß die Seite desselben Bildniß durchstochen; Darauf ist alsobald aus der Seiten des hölzernen Bildes viel Wasser und Blut geflossen, also daß die Jüden sehr darüber erschrocken, das Blut aufgehoben, und darnach die Schwachen und Kranken damit bestrichen und gesund gemacht haben.

Hiedurch sind die Jüden diß Orts alle bewogen worden, daß sie den gecreuzigten Christum für den wahren Sohn GOttes und Heiland der Welt, und den rechten Messiam erkennet und geehrt, auch sich taufen lassen, und den Christlichen Glauben angenommen und bekennet haben.

Von etlichen frommen Bergleuten auf dem Kuttenberg in Böhmen wird für eine Wahrheit gemeldet, daß, nachdem sie im Bergwerk verfallen, und wenig Speise bey sich gehabt, und ihre Lampen brennend behalten, hat doch ihre Speise nicht abgenommen, sondern ihr Brod ist stets wieder so groß gewesen, nach dem Essen, als da sie zu essen angefangen, desgleichen ihr Fett und Docht in den Lampen ist fort und fort blieben, und nicht verloschen. Dieser einer, nachdem er endlich zu GOtt unter der Erden geruffen, und sein Wunsch gewesen, daß er nur das Tageslicht mit seinen Augen wiederum sehen möchte, hat, nach seiner fleißigen Arbeit, über sich endlich mit seiner Hacken hindurch gehauen, und den Tag gesehen, darüber er hoch erfreuet, und nachdem er vollends herausgekommen, hat er stehend GOtt den Allmächtigen höchlich gedanket, ist also, nachdem er das herrliche Geschöpf des Himmels angesehen, umgefallen, und todt geblieben.

Des andern Wunsch und emsiges Bitten ist gewesen: daß er nur noch einmal seine Hausfrau und Kinder sehen, und mit ihnen essen möchte. Dieser, nachdem er auch wieder aus dem zerfallenen Bergwerk kommen, [37] ist er zu seinem Weib und Kindern gangen, und hatte sie alle frisch und gesund gefunden, sein Weib aber hat ihn nicht gekannt; und nachdem er auf den Abend spät kommen, und nun fast ein ganzes Jahr gewesen, daß sie im Bergwerk verfallen, hat sie ihn für ein Gespenst gehalten; nachdem er ihr aber die Umstände berichtet, ist sie mit ihren Kindern von Herzen deßwegen erfreuet worden, und hat Essen zugerichtet. Als er nun mit seinem Weib und Kindern gegessen, ist er über der Mahlzeit todt geblieben.

Des Dritten Wunsch ist gewesen: daß ihn GOtt aus den verfallenen Bergwerk erretten wollen, daß er mit seinen Weib und Kindern nur noch ein Jahr leben möchte. Welches denn auch geschehen. Und nachdem er ein Jahr mit seinem Weib und Kindern gelebet, und mit ihnen umgegangen, ist er endlich, nach verflossenem Jahr, bey seinem Weib todt im Bette gefunden worden. Hat also GOtt der Allmächtige dieser drey Bergleute Wunsch erhöret: welches billig zu verwundern, und wohl zu merken ist.

Was zur Zeit des Propheten Eliä mit der Witwen zu Sarepta sich zugetragen, ist uns Christen nicht unbekannt. Und dergleichen viel hundert Wunder-Sachen und Thaten sind mehr vorhanden, welche alle menschliche Vernunft weit übertreffen. Als wie unter andern, die Kleidung der Kinder Israel in der Wüsten vierzig ganzer Jahr aneinander nicht zerrissen sind. Ist nicht auch das Wasser im rothen Meer und Jordan stille gestanden, und hat denen Israeliten einen trockenen Durchgang vergünstiget? Ist auch nicht die liebe Sonne zu zweyen unterschiedlichenmalen eine Zeitlang stille gestanden, und hat ihres schnellen Laufs vergessen?

Was darf man sich dann über diesen Juden also verwundern, welchen der HErr Christus Zweifels ohne bis daher und noch erhält, auch vom Schlaf des Hasses und der Feindschaft gegen Christum den HErrn, darinnen er gänzlich neben andern Jüden, erstorben, [38] hinwieder erwecket; gleich wie Er, laut der Historie im Evangelio, der betrübten Witwe zu Nain wahrhaftig und natürlicher Weise erstorbenen Sohn wiederum erwecket, und seiner Mutter lebendig zugestellet hat.

Von der Zeit aber, da dieser Ahasverus aus der Stadt Jerusalem gangen, und stracks davon gewandert, hat er sein Weib, Kinder, Gesind, und ganzes Haus verlassen, und nimmer wieder gesehen. Diejenigen, so nun solches thun, auch dermassen, alles verlassen, und dem HErrn Christo nachfolgen, sind seiner rechtschaffen werth, und die liebsten Jünger, Matth. 16. Luc. 14.

Folgends so giebts uns nun diese Relation, wenn sie dermassen betrachtet wird, Lehre und nützliche Vermahnung. Die Jüden haben allhie einen Spectacul, indem diese Sachen mögen eine Erinnerung und Warnung geben in ihrer grossen Blindheit und Unbußfertigkeit und Verstockung, ob sie vielleicht hierdurch sich noch möchten zurecht bringen lassen. Christen und Jüden zugleich wird ein Exempel an Ahasvero vorgestellet, ihme nachzufolgen und dem HErrn Christo solche Bekänntniß zu thun. Wir aber sämtlich, so in der Welt jetzt leben, sollten uns daran erinnern, daß wir Pilgrim und Fremdlinge in diesem Leben sind, wenn wir auch länger als Methusalem, oder auch dieser Ahasverus, lebten: Dann endlich müssen wir doch miteinander sterben.

Wann nun gleichwohl unterdessen auch erwähnter Ahasverus aus sonderlicher Zuneigung zur Gottseligkeit, die Menschen darzu ermahnet, daß sie Christi bitteres Leiden hoch halten, und nicht also mißbrauchen sollen, ist er nicht unbillig zu loben. Dahingegen ist an unsern Leuten das gottlose Leben und Wesen billig ganz sehr zu tadeln; wie sich denn dessen Ahasverus vernehmen lässet, wenn er das Fluchen und den Mißbrauch der Wunder und des heiligen Leidens Christi also gestraffet, welches er thut aus grossen Eifer, und besonderer Dankbarkeit für das bittere [39] Leiden des HErrn, und alle seine unaussprechliche Wohlthaten.

Diesen allen, wie es zuvor die Relation geben, und davon die Erinnerung kurzen und einfältigen Bericht gethan, mag nun seyn wie ihm will, und es mögens ihrer viele gar schimpflich verlachen, so ist dennoch nicht ohne, daß das Exempel der Gottseligkeit und grossen Andacht gegen Christi heiliges Leiden, und seiner Wohlthaten an Ahasvero, und andern, die nachfolgen, keineswegs zu tadeln; und demnach, wenn man schon alles möchte und leichtlich könnte ablegen, dieses alles dennoch mit Nutzen könne betrachtet werden, indem er mit seinem guten Exempel, Vermahnen und Wünschen, den Gottlosen in dieser Welt zu dienen, sich befleißiget, damit sie von ihrem verdammten Wesen mögen abgeschröcket werden.

Und dieweil unterdeß in der Historie der Paßion, oder sonst der Heil. Schrift, von diesem Menschen und seiner Wanderschaft gar mit nichten gedacht wird; als geschiehet solches Zweifels ohne nicht sondern verborgenen Ursachen. Insonderheit aber, wenn alle Dinge, die sich mit Christo zugetragen, item seine Wunderthaten, und andere grosse und hohe Werke, sowohl auch diejenigen, die bey und um Ihn sind gewesen, was sie mit Ihme geredt, und was Er selbst die ganze Zeit des Lebens sonst verrichtet, oder ein jeglicher über diß auch von Ihm gehöret, und zu erzehlen gewust, vornehmlich was sich mit diesem Ahasvero alles begeben und zugetragen, nach Nothdurft sollte aufgeschrieben seyn, so würde die Welt die Bücher nicht alle fassen und begreiffen können.

Es kann auch seyn, daß die Evangelisten und Josephus, aus gewissen Ursachen, nach GOttes Willen, es übergangen, dieweil in ihren Schriften seiner nicht erwehnet wird, indeme daran, wie etliche vorgeben, so groß nicht gelegen, daß eben in der Paßion dessen sollte gedacht seyn, insonderheit aber, nachdem er alsobald stillschweigend davon gegangen, und weggewandert, [40] und nicht stracks wieder in die Stadt Jerusalem kommen, damit er es zu der Zeit repartirt, und allen andern alles, wie es mit ihme hergegangen, referiret hätte.

Dieweil aber die Juden unbußfertig geblieben, also, daß sie auch darüber ins äusserste Verderben gerathen sind. Stadt, Policey und Regiment verlohren; und die jenigen vermeinten Jüden in aller Welt an ungewissen Oertern wohnen, auch keiner Dinge Eigenthum, ohne ihr Schingeld, haben und besitzen, wollen wir ihnen, als denen verstockten und verblendeten Menschen, wie denn auch viel unter den Christen-Leuten zugleich, dieses zum Beschluß vorhalten, und allhier noch erinnern, was Paulus zum Röm. am 2. Capitel schreibet: Verachtest du den Reichthum der Güte GOttes, seiner Gedult und Langmüthigkeit? Weist du nicht, daß dich GOttes Güte zur Busse leidet? Du aber nach deinem verstockten, und unbußfertigen Herzen, häufest dir selbst den Zorn auf den Tag des Zorns und der Ofenbahrung des gerechten Gerichts GOttes, welcher geben wird einem jeglichen nach seinen Werken, nämlich Preiß und Ehre, und unvergängliches Wesen denen, die mit Gedult, in guten Werken trachten nach dem ewigen Leben; Aber denen, die zänkisch sind, der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber dem Ungerechten, Ungnade und Zorn, Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die da Böses thun, beyde Jüden und Griechen. Der HErr hat Greuel an den Blutgierigen und Falschen, Psalm 5.

ENDE.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gehet hin in alle Welt