Der Doppelgänger (Walther Kabel)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Walther Kabel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Doppelgänger
Untertitel:
aus: Zeit im Bild, Jahrgang 1908, S. 59, 82–84, 106–108, 130–132, 154–156, 178–180, 202–204, 226–228, 250–252, 274–276, 298–300, 322–324, 346–348, 370–372, 394–396, 418–420, 442–444, 466–468, 490–492
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1908
Verlag: Berliner Central-Verlag
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Ein Kriminalroman.
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Der Doppelgänger.pdf
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[59]
Der
Doppelgänger
heißt der überaus spannende
Kriminalroman
von
Walther Kabel
der in der nächsten
Nummer der
„Zeit im Bild“
beginnt


[82]
Der Doppelgänger


Kriminalroman von Walther Kabel


(Nachdruck verboten)


1. Kapitel.

Der Bankier Friedrichs stand in seinem Privatkontor am Telephon, hielt das Hörrohr gegen die linke Ohrmuschel gedrückt und schaute wie auf Antwort wartend auf das diskrete Muster der dunklen Ledertapete, mit der die Wände des Zimmers bekleidet waren. Dann schien er gespannt zu lauschen, nickte auch verschiedentlich mit dem Kopf, bis er hastig in den Apparat hineinsprach …

„Nein … 150 000 Mark, und zwar 10 000 Mark in Hundertmarkscheinen und den Rest in Banknoten à 500 und 1000 Mark – so hat es der Baron von Berg ausdrücklich gewünscht. Wissen Sie nun Bescheid?!“

Er nickte dann wie zustimmend, hing das Hörrohr an den Haken und setzte sich an den großen Diplomatenschreibtisch, welcher der Tür gegenüber an der Wand stand. – Friedrichs war eine unbedeutende Erscheinung, klein und mager, mit eingesunkener Brust und schlechter nach vorm übergebeugter Haltung; nur die dunklen klugen Augen unter der hohen Stirn gaben dem von einem spärlichen grauen Vollbart umrahmten Gesicht einen Ausdruck von Intelligenz, den auch das lebhafte, nervöse Zucken der Mundwinkel nicht beeinträchtigte. Der Bankier war unverheiratet und ging völlig in seinem Geschäft auf, das er durch eigenen Fleiß und rücksichtslose Energie zu einem der bedeutendsten Bankinstitute der Provinzialhauptstadt X. gemacht hatte. Von seinen näheren Verwandten lebte nur noch ein älterer Bruder, der Sanitätsrat Dr. Friedrichs, in einer nahen Kreisstadt.

Friedrichs hatte sich in seinen bequemen Schreibtischsessel zurückgelehnt, die Arme aufgestützt und die schlanken Finger ineinander geschlungen. Er schien eine ihn besonders interessierende Sache nochmals zu überlegen. – Durch die beiden mit verzierten Eisengittern versehenen Fenster, die auf einen Lichthof hinausgingen, drang nur wenig Licht in das große Zimmer. Draußen herrschte das richtige Frühjahrswetter; es regnete in Strömen und die Regentropfen vollführten ein eintöniges Geklapper auf den Glasscheiben, mit denen der Lichthof überdeckt war. Dieses monotone Geräusch übte eine einschläfernde Wirkung aus. Friedrichs fuhr zusammen, als die Stutzuhr auf dem Kaminsims neben der Tür mit schnellen Schlägen die zehnte Stunde verkündete. Kaum war das leise Nachklingen des letzten Schlages verhallt, als sich ein leises Klopfen an der durch einen dicken Vorhang verdeckten Tür vernehmen ließ. Der Bankier erhob sich, schlug den Vorhang zurück und öffnete. In der Tür stand ein vielleicht fünfzehnjähriger Junge in einer Art Livree, der mit abgezogener Mütze den Herrn Baron von Berg meldete. Der Bankier hatte kaum den Namen gehört, als er auch schon die Tür, die in ein sehr elegant eingerichtetes Wartezimmer führte, vollends aufstieß und dem großen schlanken Herrn, der soeben vorsichtig seinen spiegelblanken Zylinder auf einen Sessel stellte, entgegenging.

„Bitte, wollen Sie nicht näher treten, Herr Baron!“ – Friedrichs ließ den Besucher vorangehen und zog dann die Tür wieder ins Schloß. „Guten Morgen, mein lieber Herr Friedrichs – zunächst – wie geht’s?“ meinte der Baron, nachdem [83] die Herren sich die Hände geschüttelt hatten. – „Danke bestens … unberufen – gut wie immer!“ lächelte der Bankier und nötigte seinen langjährigen Kunden auf einen der hohen, gepolsterten Stühle, die zwanglos[1] um den in der Mitte des Zimmers stehenden, grünbezogenen langen Tisch gruppiert waren.

„Also unser Geschäft, Herr Friedrichs … hm ja!“ sagte der Baron zögernd, nachdem er die ihm angebotene Zigarre angezündet hatte. „Ja, unser Geschäft … Ich war bereits in der Kasse, erfuhr aber, daß das Geld noch unten in Ihrer Stahlkammer lagert. Ihr Kassierer wollte es aber sofort heraufholen …“

„Sie werden verzeihen, Herr Baron, daß Sie noch einen Augenblick warten müssen,“ entschuldigte sich Friedrichs. „Aber – zunächst konnte ich nicht ahnen, daß Sie bereits zu so ungewöhnlich früher Stunde – es hat soeben zehn geschlagen – bei mir vorsprechen würden, und dann – ich lasse niemals größere Summen über Nacht in dem Kassenraum. Und mein Kassierer ist an der Verzögerung unschuldig, da ich ihm erst vor wenigen Minuten telephonisch die nötige Order gab.“

„Aber bitte, bitte – ob das Geld nun eine halbe Stunde früher oder später in meinen Händen ist, das bleibt sich gleich …“ Der Baron horchte auf das eintönige Geräusch hin, das die Regentropfen auf dem Glasdache hervorriefen.

„Ein garstiges Wetter draußen,“ murmelte er. – Friedrichs rückte indessen unruhig auf seinem Stuhle hin und her. Schließlich sagte er zögernd …

„Eine Frage, Herr Baron, die ich mir als Ihr langjähriger Vermögensverwalter wohl erlauben darf: Konnte diese Summe von 150 000 Mark nicht durch meine Vermittlung ihrem Zwecke oder ihren Zwecken zugeführt werden …? … Ich meine, es ist doch immerhin eine beträchtliche Summe, die Sie von hier mitnehmen … es kann etwas passieren … schon alles dagewesen …“

Der Baron fuhr sich wie verlegen mit der wohlgepflegten Hand durch den blonden Vollbart. „Eigentlich haben Sie ja recht … aber … sehen Sie, mein lieber Herr Friedrichs, die Sache liegt dieses Mal so, daß ich … daß ich – na kurz und gut, ich kann Ihnen nicht sagen, wozu ich das Geld gebrauche … und“, … er streckte dem Bankier wie begütigend die Hand hin – „das müssen Sie mir nicht verargen!“ – Des Barons Stimme klang gepreßt, als er fortfuhr: „Es gibt Verhältnisse im Leben, die man gern vor aller Welt verbirgt, verbergen muß, trotzdem wir selbst an ihnen unschuldig sind …!“ – Herr von Berg schwieg und schaute in Gedanken versunken vor sich hin. Seine von blondem, gescheiteltem Haar umgebene Stirn hatte sich in sorgenvolle Falten gelegt. Friedrichs unterbrach das peinliche Schweigen.

„Ich wundere mich, daß Herr Meisel das Geld noch immer nicht bringt,“ meinte er ärgerlich. „Ich werde sofort nochmals telephonieren.“ Der Baron erhob sich schnell.

„Aber lassen Sie doch – vielleicht ist in der Kasse gerade viel zu tun,“ wehrte er ab. „Außerdem, eigentlich paßt mir das ganz gut, ich habe nämlich hier in der Nähe noch eine Besorgung … Da komme ich eben später wieder – so in einer Stunde … Der Regen“ – der Baron trat an das Fenster und schaute in den Lichtschacht empor – „scheint ja auch nachgelassen zu haben …“ – „Aber Herr Baron, das Geld muß ja sofort da sein …“ Und wieder wollte der Bankier an das Telephon eilen.

„Lassen Sie … Lassen Sie … Adieu, auf Wiedersehen!“ Und nachdem Herr von Berg Friedrichs die Hand geschüttelt hatte, öffnete er selbst die Tür und nickte aus dem Wartezimmer dem Bankier nochmals freundschaftlich zu. – Das Telephon in der Wachtstube des Polizeipräsidiums zu X. läutete Sturm.

„Na – man immer Ruhe,“ brummelte einer der anwesenden Schutzleute, ging gemächlich an den Apparat und hielt das Hörrohr mit gleichgültigstem Gesicht an das Ohr. Kaum hatte er aber einige Sekunden hineingelauscht, als er sich erschreckt zu seinen Kollegen, die in leiser Unterhaltung am Fenster standen, hinwandte, das Hörrohr schnell aufhing und stotternd vor Erregung den andern zurief …

„Es gibt Arbeit … der Bankier Friedrichs ist tot aufgefunden … Stichwunde in der Brust …!“ – Damit war er auch schon hinaus, stürmte die Treppe zum ersten Stock hinauf, riß die Tür zum Zimmer 21 auf und hastete atemlos hervor …

„Herr Kommissar, telephonische Meldung aus dem Friedrichsschen Bankgeschäft: Der Bankier Friedrichs ist soeben tot in seinem Privatkontor aufgefunden worden mit einer Stichwunde in der Brust … außerdem sind aus demselben Zimmer 150 000 Mark verschwunden.“

Kriminalkommissar Richter, der gerade einen „alten Kunden“ vernahm, der schon oft wegen Hehlerei rangekommen war, erhob sich schnell und starrte den Beamten ungläubig an. Der Schutzmann wiederholte nun ruhiger seine erste Meldung, ohne etwas Neues hinzuzufügen.

„Weiteres wurde also nicht telephoniert?“ fragte der Kommissar hastig und warf bereits die vor ihm liegenden Akten in das Schreibtischfach zurück.

„Nein, Herr Kommissar – weiter nichts!“ Dieser überlegte eine kurze Zeit und befahl dann dem Beamten:

„Müller, Sie gehen jetzt zunächst nach Nr. 23 und sagen Herrn Dr. Werres, er müsse sich sofort fertig machen und mich begleiten; dann … ist Behrent da? … schön, der muß auch mit, sagen Sie ihm das. Und nachher [84] melden Sie Herrn Rat Scheller das Vorgefallene und auch, daß ich mich sofort an den Tatort begebe …“ Der Schutzmann machte kurz kehrt und auch der „alte Kunde“ wurde schnell entlassen. – Kriminalkommissar Richter, eine große, kräftige Erscheinung mit energischem Gesicht, schloß eilig die Fächer seines Schreibtisches ab und zog sich den Paletot an. Dann trat er an das Fenster und schaute hinaus. „Der Regen hat aufgehört,“ murmelte er vor sich hin. Und, sein Selbstgespräch fortsetzend … „Friedrichs – Friedrichs …? den müßte ich doch kennen? … ja, richtig!“ Und an den Kleiderständer tretend, stülpte er sich den Hut auf.

Die Tür wurde geöffnet und herein trat, zum Ausgehen fertig, ein anscheinend noch ziemlich jugendlicher Herr, dessen blasses Gesicht auf der linken Wange verschiedene auffallend rote Schmißnarben zeigte. Es war der frühere Referendar Dr. jur. Fritz Werres, jetzt Hilfsarbeiter bei der Kriminalabteilung des Polizeipräsidiums zu X. – Werres hatte vor einem Jahr kurz hintereinander beide Eltern verloren, und, da er kein Privatvermögen besaß, den Justizdienst quittieren müssen. Zur Kriminalpolizei hatte ihn nur seine Neigung geführt; er hatte verschiedene günstige Angebote von Bankinstituten und Versicherungsgesellschaften, die ihn von Anfang an sogar besolden wollten, ausgeschlagen, weil er sich für nichts so befähigt hielt, wie gerade für den Beruf der Kriminalisten. Und daß er sich in dieser Hinsicht nicht selbst getäuscht hatte, bewies dieses eine Jahr seiner Tätigkeit bei der Kriminalabteilung. Er hatte bei verschiedenen Gelegenheiten einen ganz außergewöhnlichen Scharfsinn bewiesen, den der Kriminalkommissar Richter allerdings nur dem Umstande zuschrieb, daß gerade ihm die Ausbildung des jungen Doktor übertragen war.

„Na, was sagen Sie dazu?“ rief Richter dem Eintretenden entgegen. „Wieder Arbeit für uns, daher habe ich Sie rufen lassen!“

„Ich danke Ihnen, Herr Kommissar,“ sagte Werres ziemlich kühl, indem er sich den Paletot zuknöpfte. Dann fragte er ganz unvermittelt:

„Wann traf die Meldung hier bei uns ein?“ – Richter, der im Zimmer auf und ab ging, blieb stehen. „Soeben vor wenigen Minuten,“ antwortete er zerstreut, seine Gedanken schienen ihm bereits an den Tatort vorangeeilt zu sein.

„Und wann war das?“ forschte Werres weiter.

„Wann … na …“ Richter zog die Uhr … „es kann nur einige Minuten nach elf gewesen sein …“

„Also gegen 11 Uhr vormittags am Freitag, den 19. April 19..,“ sagte Werres geschäftsmäßig. Während er noch sprach, hörte man draußen auf dem Korridor schnelle Schritte und in der halb offenstehenden Tür erschien eine untersetzte Gestalt in einfacher Zivilkleidung – der Kriminalbeamte Behrent, dessen rotes, feistes Gesicht vor Eifer förmlich strahlte.

„Gut, daß Sie da sind, Behrent,“ rief der Kriminalkommissar dem Beamten zu – „und nun – vorwärts!“ Die drei verließen das Polizeipräsidium und durchquerten schweigend mehrere Straßen, voran der Kommissar, links neben ihm Behrent und einen guten Schritt hinterher Doktor Werres, der sich ruhig seine Handschuhe aufzog. Nach wenigen Minuten mäßigte der Kommissar das Tempo und drehte sich halb zu Werres zurück.

„Da – das Bankhaus von Friedrichs.“ Richter wies flüchtig auf ein vierstöckiges Gebäude, in dessen Eingang er und Behrent dann eilig verschwanden.


2. Kapitel.

„Wo wollen Sie hin?“ fragte eine aufgeregte Stimme, die aus der schmalen Tür hervortönte. Werres drehte sich um und schaute den Mann, der nun sein Stübchen verließ und sich ihm beinahe mißtrauisch in den Weg stellte, gleichmütig an. Dann, ohne auf die Frage des dicken Portiers zu achten, sagte er sehr kurz und bestimmt: „Führen Sie mich zu dem Privatkontor des Herrn Friedrichs, ich weiß hier nicht Bescheid.“

„Da können Sie jetzt nicht hin,“ meinte der Portier wichtig, und geheimnisvoll setzte er hinzu … „die Polizei ist da …“ – Wahrscheinlich hatte er angenommen, bei dem fremden Herrn mit dieser Nachricht irgendwelchen Eindruck zu machen. Aber er sah sich bitter enttäuscht, denn dieser sagte nur: „Das weiß ich.“

„So …? Na, jedenfalls darf ich keinen reinlassen und auch keinen raus, hat Herr Wendland gesagt, was unser Prokurist ist,“ rief geärgert der Portier und trat noch einen Schritt vor, um diesem so wenig zugänglichen Herrn noch mehr die Passage zu versperren. Dieser Herr sagte weiter kein Wort, sondern knöpfte sich nur seinen Paletot auf und zog auf der innern Brusttasche seines Rockes eine Brieftasche hervor, der er eine Karte entnahm – seine Legitimation. Die Karte hielt er dem Portier hin, ohne sie ihm in die Hand zu geben. Der Portier las darauf nur die Worte – Kriminalabteilung – Polizeipräsident – sah den großen blauen Stempel, als er auch schon mit tiefem Bückling zur Seite trat, die mit einer breiten Goldborte besetzte Mütze abriß und stotternd hervorbrachte: „Bitte, Herr … Kommissar … da … die erste Tür rechts … dann gleich links … ich darf hier nicht fortgehen …“

[106] Werres hatte seine Karte wieder eingesteckt, ging den Korridor entlang – sieben Schritte waren’s –, öffnete die ihm bezeichnete Tür und betrat einen Vorraum, der durch eine einzige Glühbirne von der Decke ein mattes Licht empfing. Aus diesem Vorraum, der keinerlei Mobiliar aufwies, führten drei Türen heraus: die, durch die Werres soeben eingetreten war, dieser gegenüber eine zweite mit einem Schilde: „Kontor“ – und die dritte nach links – und diese sollte in das Privatkontor münden. Werres schaute sich nochmals in dem kahlen Raume um; sein Blick blieb auf einem Stuhl haften, der in der entferntesten Ecke neben der Korridortür stand. Diesen Stuhl hatte er zuerst übersehen. Dann bückte er sich. Der Boden war mit dunklem Linoleum ausgelegt und trotz der matten Beleuchtung sah er darauf die halbgetrockneten, sandigen Spuren vieler Füße.

In diesem Vorraum war’s merkwürdig still. Nur von links, wo das Privatkontor liegen sollte, drang es wie Stimmengemurmel zu ihm. Er schritt auf die betreffende Tür zu und öffnete sie. Eine blendende Helle strahlte ihm entgegen. Mit schnellem Blick umfaßte er das Zimmer. Das konnte das Privatkontor nicht sein, also ein Empfangs- oder Wartezimmer, kombinierte er richtig, wofür ja auch die elegante Saloneinrichtung sprach: In der Mitte ein dunkler, reichgeschnitzter Tisch, daran hochlehnige, seidenüberzogene Sessel in diskreten Farbenmustern, an den Wänden zwei Kopien Böcklinscher Werke in Orginalgröße, dazu Paneele, auf denen alte Zinne standen, die sich in ihrem matten Glanz wirkungsvoll von der in venetianischem Rot gehaltenen Tapete abhoben. Das Ganze überflutet von dem Lichte einer vierarmigen Krone, deren rötlicher Glanz die durch die beiden vergitterten Fenster eindringende Tageshelle wirkungsvoll bekämpfte. – In dem Zimmer standen drei Herren, die nun wie erstaunt über dieses formlose Eindringen den ihnen fremden Herrn Werres erwartungsvoll anblickten. Dieser zog mit leichter Verbeugung den Hut und schaute sich dann suchend um, ohne von den Anwesenden weiter Notiz zu nehmen. Er hatte die Tür hinter sich ins Schloß gedrückt und sah nun, einen Schritt vortretend, nach rechts durch eine offenstehende Tür in das ebenso hell erleuchtete Privatkontor. Dort standen neben dem großen, grünbezogenen Tisch der Kommissar Richter und der Kriminalbeamte Behrent, und dicht vor ihnen auf dem Smyrnateppich lang ausgestreckt lag der bewegungslose Körper eines Mannes.

Werres starrte wie gebannt auf den Leichnam … Es war der erste Mord in seiner Tätigkeit als Kriminalist, an dem er nun seine Fähigkeiten erproben sollte. Bis dahin hatte sein blasses Gesicht, dessen Zügen der kurze, nach englischer Mode verschnittene Schnurrbart durchaus keine erhöhte Intelligenz verlieh, den blasierten, müden Ausdruck beibehalten. Jetzt schien’s, als spannten sich plötzlich alle Muskeln darin, als bekämen die sonst leblosen Augen einen eigenen Glanz, der sie hinter den Kneifergläsern seltsam flimmern ließ. – Werres setzte wie mechanisch seinen Hut, den er bisher in der Hand behalten hatten wieder auf und machte langsam zögernd einige Schritte nach vorwärts, bis er in dem Rahmen der offenen Tür stand. Der Kriminalkommissar, dessen nachdenklicher Blick nun schon minutenlang auf dem Toten geruht hatte, schaute auf. Er winkte seinen [107] Schüler – denn als solchen betrachtete er den jungen Doktor noch immer – näher heran und flüsterte:

„Zweifellos ermordet. Zwar habe ich das Zimmer erfolglos nach einer Waffe durchsucht, aber das da – dabei wies er auf die Brust der vor ihm liegenden Leiche – ist so gewiß eine Stichwunde, als der Tote selbst der Bankier Friedrichs ist … Und“, – seine Stimme dämpfte sich noch mehr – „ebenso unzweifelhaft liegt Raubmord vor, denn hier aus diesem Zimmer sind 150 000 Mark – 150 000 Mark verschwunden …! – Die Hauptsache aber … auch der Mörder scheint bereits entdeckt!“ Bei den letzten Worten sah er den Doktor wie triumphierend an. Doch die von ihm erwartete Frage seines Schülers blieb aus.

Werres schien völlig ruhig und schaute dem Toten in das verzerrte Gesicht, auf dem die glasigen Augen unheimlich zur Decke emporstierten. Dann blickte er im Zimmer umher, von Gegenstand zu Gegenstand, langsam und bedächtig, als beschäftigte ihn schon jetzt ein schnell aufgetauchter Gedanke. Sein Blick schien die Entfernung von der Tür zu den Füßen des Ermordeten zu messen und wandte sich dann zu den vergitterten Fenstern, an denen er lange haften blieb.

„Darf ich mir einmal den Leichnam und das Zimmer genauer ansehen?“ fragte er leise den Kommissar.

„Gewiß – dazu habe ich Sie ja mitgenommen,“ erwiderte Richter.

„Aber Sie werden kaum etwas Wichtiges finden, Doktor. Behrent und ich haben bereits alles abgesucht – und Behrent hat für solche Sachen eine verdammt feine Spürnase, sage ich Ihnen; dem entgeht so leicht nichts – Messerstechereien, Totschlag, Mord – das ist so sein Spezialfach … Aber natürlich ist es Ihnen unbenommen, noch auf eigene Faust hier Ihr Licht leuchten zu lassen!“ Das klang spöttisch, wurde aber von Werres nur durch ein höhnisches Hochziehen des einen Mundwinkels beantwortet. „Ich will inzwischen,“ fuhr der Kommissar fort, „die drei Herren da mir vornehmen und mir die bisherigen etwas flüchtigen Angaben des Prokuristen vervollständigen lassen – es sind das der Prokurist und die beiden Kassierer der Bank. – Außerdem habe ich bereits nach der Staatsanwaltschaft telefonieren lassen und muß, wenn die Herren vom Gericht kommen, und das wird wohl sehr bald sein, einen einigermaßen übersichtlichen Bericht fertig haben. Na, jedenfalls viel Glück, Herr Doktor!“ – Damit ging er in das Nebenzimmer und bedeutete auch dem Kriminalbeamten Behrent[2] durch einen Wink, ihm zu folgen.


3. Kapitel.

Werres war mit dem Toten allein. Eine träumerische Stimmung, etwas wie Andacht vor der Allgewalt des Todes, war über ihn gekommen. Mechanisch zog er seinen Paletot aus und legte ihn und seinen Hut über die Lehne eines am Fenster stehenden Stuhles, nahm dann seinen Kneifer ab, putzte ihn sorgfältig mit seinem Taschentuche und drückte ihn wieder auf die Nase. Seine Augen wanderten prüfend im Zimmer umher. Es war, als wollte er sich das Bild des Raumes, die Stellung der Stühle, der Tische und die Lage des Leichnams genau einprägen. Vorsichtig kniete er nun neben dem Toten nieder und, auf den Knien weiter rutschend, musterte er aufmerksam diese erstarrten Züge, dann Zoll für Zoll den Anzug, bis ein größerer nicht allzu auffallender Fleck an dem dunklen Beinkleid seine Aufmerksamkeit längere Zeit in Anspruch nahm. Dieser Fleck war wohl nur aus nächster Nähe zu bemerken und sah aus, als ob den Stoff an dieser Stelle ein staubiger Gegenstand gestreift hatte. Werres beugte sich ganz tief herab und zog schließlich aus seiner Westentasche eine Lupe hervor, wie sie die Uhrmacher gewöhnlich bei ihrer subtilen Arbeit gebrauchen. Als er sich wieder aufrichtete, flimmerten seine Augen und um seine Lippen spielte ein eigenartiges Lächeln. Dann schien ihn wieder etwas in dem Gesichte des Toten aufmerksam zu machen; anscheinend gefühllos schaute er prüfend in das entstellte Antlitz und, als wollte er sich von der Richtigkeit eines in ihm aufgestiegenen Verdachtes überzeugen, bog er nun die Ecken des weißen Kragens zurück.

Inzwischen vernahm der Kriminalkommissar die drei Herren nebenan im Wartezimmer. Er hatte sich an den Tisch gesetzt und vor sich ein Blatt Papier ausgebreitet, auf das er eifrig Notizen niederschrieb. Der Kriminalbeamte Behrent stand dabei und hörte zu; aber der Blick seiner kleinen, stechenden Augen kehrte immer wieder zu dem ihm gegenüber an der Wand hängenden Bilde zurück, das ihn mehr als diese sich fortwährend im Kreise bewegende Ausfragerei zu interessieren schien. Es war eine künstlerische Reproduktion von Böcklins bekanntem „Spiel der Wellen“[ws 1]. Behrent war so in das Anschauen des Bildes vertieft, daß er erschreckt herumfuhr, als sich plötzlich die Tür öffnete und drei Herren hereintraten, bei deren Anblick der Kommissar sofort aufsprang; es waren der Staatsanwalt, der Gerichtsarzt und ein Protokollführer. Der Kommissar erstattete dem Staatsanwalt kurz Bericht, dann gingen die Herren, voran der Staatsanwalt Hübner, in das Privatkontor. Werres, der gerade den großen Diplomatenschreibtisch und die darauf herumliegenden Papiere, das Schreibzeug und die wenigen Nippes untersucht hatte, war stehen geblieben und schaute nun den Eintretenden entgegen. Der Staatsanwalt, dem Werres fremd war, sah sich fragend nach dem Kommissar um und dieser beeilte sich, die Herren miteinander bekannt zu machen.

„Herr Staatsanwalt Hübner – Herr Doktor Raum – Herr Referendar Ulrich – das war der Protokollführer – Herr Doktor Werres, Hilfsarbeiter bei der Kriminalabteilung“ stellte er vor. Die Herren verbeugten sich, der Staatsanwalt sehr förmlich, beinahe hochmütig. Man gruppierte sich um die Leiche, und während der Arzt dem Toten Weste und Oberhemd öffnete und die Wunde mit einer Sonde untersuchte, teilte der Kommissar dem Staatsanwalt mit, was er bisher durch die Vernehmung der drei Angestellten in Erfahrung gebracht hatte, indem er dabei des öfteren seine Notizen zu Rate zog. Trotzdem Richter leise sprach, um von dem noch im Nebenzimmer sich aufhaltenden Prokuristen und den beiden Kassierern nicht gehört [108] zu werden, verstand Werres, der vorsichtig näher gekommen war, doch jedes Wort.

„Der Herr Bankier Friedrichs ist heute morgen wie immer um ½10 aus seiner Privatwohnung, die im zweiten Stock liegt, zunächst in das große Kontor gegangen, hat dann hier in diesem Zimmer mit dem Prokuristen Westfal eine längere geschäftliche Besprechung gehabt, die vielleicht eine Viertelstunde dauerte. Wie der Prokurist angibt, hat er seinen Chef etwas nach ¾10 verlassen und ist in sein Arbeitszimmer im ersten Stock hinaufgegangen. Dieses hat er erst wieder gegen elf Uhr verlassen, und er ist auch derjenige, der den Ermordeten hier aufgefunden hat. Kurz vor 10 hat Herr Friedrichs den ersten Kassierer Herrn Meisel durch das Haustelephon angesprochen und ihm Order gegeben, 150 000 Mark, die Baron v. Berg heute von seinem Guthaben abheben wollte, bereit zu halten. Herr Friedrichs verwaltet nämlich seit Jahren das nicht unbeträchtliche Vermögen des besagten Baron v. Berg. Um 10 Uhr – ziemlich mit dem Glockenschlage – ist der Baron dann auch in der Kasse erschienen und hat das Geld abholen wollen. Da der Kassierer aber gerade sehr beschäftigt war, als er die diesbezügliche Order von seinem Chef durch das Telephon erhielt, war er noch immer nicht dazu gekommen, nach der Stahlkammer hinunterzugehen. Er entschuldigte sich bei dem Baron, und dieser ging nun hier in das Privatkontor, um, wie er zu dem Kassierer sagte, Herrn Friedichs einen „Guten Morgen“ zu wünschen. Der Baron hat dann nach wenigen Minuten nach Aussage des Portiers und des Laufburschen das Gebäude wieder verlassen. Kurz vor ¼11 – als der Baron v. Berg bereits fort war – soll Herr Friedrichs den ersten Kassierer nochmals telephonisch aufgefordert haben, die bewußten 150 000 Mark ihm sobald wie möglich in sein Kontor, also hierher zu bringen, da der Baron in einer Stunde wieder bei ihm vorsprechen würde, worauf Herr Meisel, der erste Kassierer, sofort das Geld aus der Stahlkammer heraufgeholt hat, damit direkt hier in das Privatkontor gekommen ist und die Summe vorgezählt und dann in ein großes gelbes Kuvert eingeschlossen hat, das Herr Friedrichs vor sich auf den Schreibtisch legte. Gegen ¾11 ist dann der Baron v. Berg wiedergekommen und hat sich bei Herrn Friedrichs melden lassen, ist nur ganz kurze Zeit hier in diesem Zimmer geblieben und dann wieder fortgegangen. Um 11 Uhr – es muß kurz vor 11 gewesen sein, da wir wenige Minuten nach elf die Meldung bereits auf dem Präsidium hatten – läutete Herr Westfal, der Prokurist, seinen Chef öfters durch das Haustelephon an, um in einer Sache seinen Bescheid einzuholen, und, da Herr Friedrichs sich nicht meldete, hat der Prokurist die Angelegenheit persönlich erledigen wollen. Als ihm auf verschiedentliches Klopfen an der in dieses Zimmer führenden Tür nicht geöffnet wurde, hat Herr Westfal mit seinem Schnepper die Tür selbst aufgeschlossen. Diese Tür hat nämlich nur auf der Innenseite einen Drücker – bitte, wollen der Herr Staatsanwalt sich überzeugen – hier außen befindet sich nur ein Porzellanknopf als Handgriff und darunter hier die Öffnung für den Schnepper, mit dem sich die Tür auch von außen öffnen läßt.“ Die Herren hatten die Tür in Augenschein genommen und traten nun wieder in das Zimmer zurück. Der Kommissar fuhr fort. „Zu dieser Tür besitzen außer Herrn Friedrichs nur zwei Herren noch die passenden Schnepper, der Prokurist und der erste Kassierer. Der Prokurist öffnete also die Tür und sah sofort, da wie jetzt sämtliche Flammen des Kronleuchters brannten, die auf dem Teppich ausgestreckte Gestalt seines Chefs. Zuerst glaubte er nur an einen Ohnmachtsanfall; als er dann aber hinzusprang, um seinem Chef Hilfe zu bringen, erblickte er die deutlichen Blutflecken auf der Weste und merkte sowohl an der Lage des Körpers, als auch daran, daß er nirgends eine Waffe entdecken konnte, daß etwas Außergewöhnliches passiert sein müsse. Er ist dann in das Kontor gelaufen und hat Lärm geschlagen. Als er noch von Herrn Meisel, dem ersten Kassierer, erfuhr, daß auf dem Schreibtisch in einem Kuvert eine Summe von 150 000 Mark liegen müsse und dieses Kuvert sich nirgends vorfand, ist dem Prokuristen erst die ganze Wahrheit klar geworden und er hat sofort nach uns telefonieren lassen und außerdem dafür gesorgt, daß niemand in diesem Zimmer etwas anrühre. Als die Meldung bei uns auf dem Präsidium eintraf, habe ich mich sofort mit Herrn Dr. Werres und dem Kriminalbeamten Behrent hierherbegeben. Wir haben das Zimmer genau untersucht, aber weder eine Waffe noch sonst etwas Besonderes gefunden.


4. Kapitel.

Der Staatsanwalt hatte den Bericht des Kommissars mit keinem Wort unterbrochen. Jetzt schaute er fragend auf.

„Also das haben Sie durch die bisherige Vernehmung festgestellt?“

„Jawohl, Herr Staatsanwalt – durch die Vernehmung des Prokuristen und des ersten Kassierers. Der zweite Kassierer, Herr Willert, konnte nicht viel aussagen, da er in der für die Sache wichtigsten Zeit, also in der Zeit von ¼11 bis 11, nicht in der Bank anwesend war.“

Der Staatsanwalt nickte. „Schön … Wir hätten also festzustellen, ob die Aussagen dieser beiden Herren stimmen. Ist dieses der Fall, so kommt als Täter nur dieser Baron v. Berg in Betracht.“

[130] Und diese Aussagen müssen stimmen,“ sagte eifrig der Kommissar, da der Laufbursche, der Herrn Friedrichs die Besucher zu melden hat, in der Zeit von vor 10 bis 11 den Vorraum da, in dem er gewöhnlich seinen Platz hat, nicht verlassen haben will und dem Prokuristen gegenüber ausgesagt hat, daß außer den genannten Herren niemand anders in das Privatkontor hier gekommen ist – auch wohl nicht gekommen sein kann – ich meine vielleicht auf einem andern Wege –, da die Fenster sowohl hier als dort im Wartezimmer fest vergittert sind und es auch einen anderen Zugang nicht gibt. Der Letzte, der den Bankier lebend gesehen hat, war – außer dem Mörder – der Laufbursche. Und dieser Mörder kann niemand anders, als der Baron v. Berg sein, da der Laufbursche, als er diesen gegen ¾11 meldete, seinen Herrn noch gesprochen hat; nach dem Baron v. Berg hat als nächster der Prokurist diesen Raum betreten, und da war Herr Friedrichs bereits schon ermordet.“

Der Staatsanwalt überlegte. Als ob er seiner Sache noch nicht ganz sicher sei, fragte er nochmals: „Also die Besucher bei dem Ermordeten folgten in der Reihenfolge: Zuerst der Prokurist, dann der Baron v. Berg, dann der Kassierer, der das Geld brachte, dann der Baron v. Berg zum zweitenmal und schließlich wieder der Prokurist, der seinen Chef ermordet auffand. Nicht wahr – so ist’s doch?“

„Jawohl, Herr Staatsanwalt – und auch die Zeit, um die der Mord ausgeführt wurde, steht fest: Als der Baron v. Berg zum zweitenmal gegen ¾11 sich durch den Laufburschen anmelden ließ, hat Herr Friedrichs zweifellos noch gelebt. Als jener Herr v. Berg dann nach wenigen Minuten, wie der Portier ausgesagt hat, das Gebäude verließ, hat niemand mehr den Bankier lebend gesehen. Der Baron ist der Täter – und die Tat wurde gegen ¾11 begangen.“ Der Kommissar schaute sich selbstzufrieden im Kreise um; als er aber das Gesicht des Dr. Werres sah, wandte er sich ärgerlich ab, da um den Mund seines „Schülers“ ein unangenehmes, ironisches Lächeln spielte.

„Und welche Maßnahmen haben Sie weiter getroffen, Herr Kommissar?“ fragte der Staatsanwalt.

„Ich habe natürlich sofort durch den Kriminalbeamten Behrent an das Polizeipräsidium telefonieren lassen. Zurzeit sind alle verfügbaren Beamten auf der Suche nach diesem Baron von Berg, außerdem werden auch die Bahnhöfe bereits überwacht und auch nach dem Hotel „Deutsches Haus“, in dem der Baron gewöhnlich absteigt, sind Beamte geschickt.“ Wieder nickte der Staatsanwalt zustimmend. Dann wandte er sich an den Arzt. „Nun, und Sie Herr Doktor?“

„Der tödliche Stich“ – setzte dieser auseinander – „ist mit großer Gewalt ausgeführt, hat das Herz getroffen und [131] völlig durchbohrt. Der Stichkanal verläuft derart, daß anzunehmen ist, daß der Bankier den Todesstoß im Stehen erhalten hat. Der Tod muß nach wenigen Sekunden eingetreten sein. Weitere Verletzungen weist der Körper – so weit ich bei dieser oberflächlichen Untersuchung gesehen habe – nicht auf.“

„Sie irren, Herr Doktor,“ erklang da plötzlich eine ruhige Stimme. Die Anwesenden schauten überrascht auf. Werres war vorgetreten und wiederholte: „Sie irren, Herr Doktor, der Leichnam zeigt doch noch weitere Spuren von Gewalttätigkeit auf“. Er kniete nieder und bog die Ecken des Kragens am Halse des Ermordeten weit auseinander, und da hoben sich deutlich mehrere rote Flecken links und rechts der Kehle von der Haut ab. Der Arzt hatte sich schnell gebückt. Er riß dem Toten die Krawatte, die sich nicht gutwillig entfernen lassen wollte, ab, knöpfte den weißen Leinenkragen auf und betrachtete aufmerksam diese roten, auffallenden Stellen.

„Zweifellos Strangulationsmarken,“ sagte er zu dem Staatsanwalt, aufsehend. „Der Mörder muß ein außergewöhnlich kräftiger Mensch gewesen sein, denn die Flecken zeigen schon eine leicht bläuliche Färbung … die Kehle ist mit größter Gewalt zugedrückt worden …“

„Und von einem Manne, der an der linken Hand sehr spitz geschnittene Nägel trägt …“ fuhr Werres leise fort. Der Arzt richtete sich auf. „Woraus schließen Sie denn das?“ meinte er verwundert. „Bitte, Herr Doktor,“ sagte Werres höflich „wollen Sie einmal die roten Stellen auf ihre Anordnung hin genau betrachten. Sie sehen hier links der Kehle zwei sehr scharf ausgeprägte Flecken, während sich rechts nur ein einziger, aber wohl auch der deutlichste und der größte Fleck zeigt; dieser eine hier auf der rechten Seite wurde durch den Daumen eingepreßt, während die beiden Flecken links von dem Zeige- und Mittelfinger herrühren. Diese Anordnung ist aber nur möglich, wenn der Täter den Bankier mit der linken Hand zu erwürgen versucht hat.“ – Werres demonstrierte den erstaunt zusehenden Herren das eben Ausgeführte an dem Toten selbst und legte seine linke Hand leise um den Hals des Ermordeten – und es stimmte genau. – „Wäre der Bankier mit der rechten Hand gewürgt worden,“ setzte Werres noch hinzu, „so müßten die Abdrücke der Finger gerade entgegengesetzt angeordnet sein.“

Der Staatsanwalt warf einen merkwürdig prüfenden Blick auf Werres, dann sagte er: „Und wie verhält es sich mit den spitzgeschnittenen Nägeln, Herr Doktor?“ er suchte nach dem Namen. „Werres“ half ihm der Kommissar. „Ja – richtig – also wie ist’s damit, Herr Dr. Werres?“

„Sie sehen hier, Herr Staatsanwalt,“ – und Werres beugte sich über den Toten, – „an dem oberen Rande der beiden linksseitigen Flecken zwei kaum erbsengroße, stärker gerötete Stellen, und, wie ich den Herren ja eben bereits gezeigt habe, können diese stärker geröteten Stellen nur von den sehr spitz geschnittenen Nägeln des Zeige- und Mittelfingers herrühren, da sie ganz offenbar in ihrer gleichmäßigen Lage zu den sonstigen Eindrücken der Finger nicht zufällige Rötungen in der Haut sind.“ Der Arzt hatte sich wieder niedergekniet und beschaute sich die fraglichen Stellen sehr genau. „Es ist so, wie Herr Dr. Werres sagt,“ meinte er dann kopfschüttelnd. – „Ich habe allerdings diese höchst interessanten Merkmale vorher übersehen. Und – hier sehe ich auch zwei ganz feine blutunterlaufene Stellen – sicher die Druckstellen der äußersten Spitzen der Fingernägel.“

„Da hätten wir ja einen Anhaltspunkt mehr gewonnen,“ sagte der Staatsanwalt eifrig. „Wenn wir nur diesem Herrn Baron etwas genauer auf die Finger sehen könnten – fuhr er mit feiner Ironie fort – ich glaube, wir werden diese spitz geschnittenen Nägel bei ihm vorfinden!“ Der Staatsanwalt hatte dabei wie fragend auf Werres geschaut, als erwarte er von diesem eine Bestätigung; doch als Erwiderung auf diese halb an ihn gerichteten Worte huschte nur wieder ein blitzschnelles Lächeln über Werres sonst so leidenschaftslosen Züge – ein Lächeln, das das Gesicht und den ganzen Menschen unsympathisch erscheinen ließ. Der Staatsanwalt krauste die Stirn und wollte auffahren … Aber er zwang sich zur Ruhe und, sich an den Arzt wendend, fragte er:

„Und wann, meinen Sie, Herr Doktor, kann der Mord geschehen sein? Ist es vielleicht möglich, aus irgend welchen Anzeichen die Zeit genauer zu bestimmen?“

„Gewiß – ich habe das vorhin zu erwähnen vergessen. Der Herr Kommissar gab als Zeit der Tat ¾11 an – ich kann mich dem nur anschließen. Die Leichenstarre ist noch nicht eingetreten und auch aus verschiedenen anderen Anzeichen ist es nur möglich, mit ziemlicher Bestimmtheit zu behaupten, daß der Mord – der Arzt zog seine Uhr – vor kaum 1 Stunde geschehen sein kann – also gegen ¾11.“

„So – ich danke Ihnen Herr Doktor! Auch das ist mir sehr wichtig,“ sagte Hübner nachdenklich. „Das Netz um diesen Herrn Baron von Berg zieht sich immer mehr zusammen – ich fürchte nur, daß er uns entwischt …“ – „Das ist ganz ausgeschlossen“ meinte der Kriminalkommissar. „Mit einem Vorsprung von kaum ½ Stunde entkommt uns heutzutage kein Verbrecher mehr.“ – Das klang sehr selbstbewußt. Zufällig schaute der Staatsanwalt zu Werres hin, der sich mit verschränkten Armen an den Schreibtisch gelehnt hatte. Da sah er wieder dieses fast höhnische Lächeln, das jetzt nur noch stärker hervortrat … Der Staatsanwalt fuhr auf: „Herr Dr. Werres – Sie lächeln scheinbar sehr … skeptisch … bitte, dürfte ich den Grund wissen?!“ Das klang beinahe befehlend. Werres rührte sich nicht, nur ein durchdringender, drohender Blick traf Hübner, dann meinte er bestimmt: „Der Baron von Berg ist der Mörder nicht.“


5. Kapitel.

Es war plötzlich sehr still in dem Zimmer geworden. Alle Augen wandten sich erstaunt auf Werres; und der Kommissar Richter, dem das Benehmen seines „Schülers“ heute keineswegs behagte[3], platzte ärgerlich los:

[132] „Hören Sie, Herr Doktor, Ihre Fähigkeiten in Ehren! Aber daß Sie heute mit Ihren besonderen Theorien fehlgreifen, das müssen Sie doch wohl einsehen! Die Sachlage ist so klar …!“

„Meinen Sie, Herr Kommissar?“ sagte Werres mit offensichtlichem Spott. „Hoffentlich bringt Ihnen diese klare Sachlage nicht bald unangenehme Überraschungen …“ Da mischte sich auch der Staatsanwalt ein. „Ich möchte Sie doch bitten, Herr Dr. Werres, Ihre etwaigen Einwendungen gegen diesen sich bisher lediglich auf den Baron konzentrierenden Verdacht im Interesse der Untersuchung ohne Umschweife anzugeben!“

Werres erwiderte mit derselben Gelassenheit, indem er den Kommissar ernst ansah: „Ich möchte Sie nur daran erinnern, Herr Kommissar, daß meine Theorien, wie Sie es zu meinen belieben, sowohl bei der Entdeckung der Falschmünzerbande in Wermersdorf als auch bei der Aushebung des Diebs- und Hehlernestes in der Hökergasse anfangs ebenso angezweifelt wurden. Und wer nachher recht behielt, das werden Sie wohl auch noch wissen!“ – Der Kommissar wurde verlegen, und der Staatsanwalt schaute erstaunt auf.

„Herr Dr. Werres war also bei der Untersuchung in diesen beiden letzten Hauptaffären beteiligt?“ fragte Hübner den Kommissar. „Nicht nur beteiligt,“ sagte dieser ehrlich, „sondern … eigentlich ist es das alleinige Verdienst unseres Herrn Hilfsarbeiters, daß wir die beiden Schwefelbanden so schnell festmachen konnten.“

„So so“ – meinte nachdenklich der Staatsanwalt. Er schien doch jetzt langsam einzusehen, daß hinter diesem ironischen Lächeln mehr zu suchen war, als nur unhöfliche Wichtigtuerei. Und nach einer Weile fragte er Werres beinahe zuvorkommend: „Also Sie meinen wirklich, Herr Doktor, daß der Baron von Berg nicht der Mörder ist?“

„Der Baron ist ebenso unschuldig und unbeteiligt an der Tat, wie Sie und ich, Herr Staatsanwalt,“ erwiderte Werres bestimmt. „Die Beweise für diese meine Behauptung werden sich noch heute von selbst ergeben. Für die Person des wahren Mörders habe ich bisher keinerlei Anhaltspunkte, werde sie aber wohl noch finden. Ich möchte nur an Sie, Herr Staatsanwalt, die Bitte richten, bei der nun folgenden eingehenden Vernehmung der Angestellten der Bank bisweilen einige Fragen stellen zu dürfen – ebenso auch, daß die Betreffenden in unauffälliger Weise so gesetzt werden, wie ich es nachher vorschlagen möchte. Für letzteres habe ich meine ganz bestimmten Gründe.“

„Bitte, sehr gern, Herr Doktor, Ihre Wünsche sollen in jeder Weise berücksichtigt werden. Auch ich hätte jedoch eine Bitte: Wollen Sie uns nicht erklären, weshalb Sie jeden Verdacht gegen den Baron so bestimmt zurückweisen?“

„Ich habe keinen Grund, aus meinen Kombinationen ein Geheimnis zu machen, die allerdings, wie ich zugeben muß, mehr diesem, jedem Kriminalisten wohl eigenen sechsten Sinne entspringen als einer klaren Beweiskette. Zunächst habe auch ich an den Baron als den Täter gedacht. Dann aber fand ich bei der Durchsuchung dieses Zimmers auf dem Schreibtisch ein Blatt Papier, das Herr Friedrichs anscheinend kurz vor seiner Ermordung noch mit verschiedenen Zahlen und Daten beschrieben hat. Dort liegt es. – Die Tinte war erst vor kurzer Zeit getrocknet – also muß der Bankier in den letzten Minuten seines Lebens diese Aufzeichnungen gemacht haben. Das Papier enthält eine genaue Übersicht über das Vermögen des Herrn Baron von Berg – und daraus ersah ich, daß das Barvermögen des Barons sich auf Millionen beläuft. Und weiter fand ich in der dort liegenden Briefmappe ein an den Bankier gerichtetes Schreiben, datiert vom 16. April dieses Jahres und unterzeichnet mit von Berg. In diesem Schreiben bittet der Baron den Bankier, für ihn zum 19. des Monats eine Summe von 150 000 Mark – davon 10 000 in Hundertmarkscheinen und den Rest in Banknoten à 500 und 1000 Mark – bereit zu halten, da er das Geld an diesem Tage gebrauche. Diese beiden Entdeckungen sagten mir, daß ich mich auf einer falschen Fährte befinden müsse. Denn zunächst fehlt, nehmen wir den Baron von Berg als Täter an, für die Tat jedes Motiv. Ein mehrfacher Millionär, dessen Bankguthaben sich allein auf weit über eine Million beläuft, begeht wegen einer Summe von 150 000 Mark keinen Raubmord. Dann weiter! Wäre der Baron der Mörder, so hätte er wohl seit jenem Briefe vom 16. dieses Monats, in dem er um Bereitstellung der besagten Summe bittet, nach einem wohl überlegten Plane gehandelt, um sich auf dem Wege des Verbrechens in den Besitz der Summe zu setzen: Dieser Plan – man bedenke zunächst den kompromittierenden Brief selbst, sodann auch die Unmöglichkeit, hier ungesehen einzudringen, was der Baron als langjähriger Kunde des Bankiers sehr wohl wußte – wäre aber in seinen einzelnen Momenten derart töricht zusammengestellt, daß dieses geradezu kindisch unvorsichtige Vorgehen mich nicht nur stutzig machte, sondern mir sogar der beste Beweis war, daß ich mich geirrt hatte. Schon diese auffallende Sicherheit, mit der sämtliche Spuren nach der einen Richtung hinwiesen, hatte mich von Anfang an unsicher gemacht. Dann, als ich jene beiden Schriftstücke auf dem Schreibtisch fand, und die eben entwickelten Überlegungen ohne jede Voreingenommenheit anstellte, kam ich zu der Überzeugung, daß der Baron der Täter nicht sein könne, trotzdem ja anscheinend mehr als erdrückende Verdachtsgründe gegen ihn vorliegen.“

Jetzt war es an dem Kommissar, das Gesicht zu einem überlegenen Lächeln zu verziehen.

[154] Als der Staatsanwalt nicht sofort auf diese Ausführungen etwas erwiderte, meinte er gutmütig, aber doch mit bemerkbarem Spott in der Stimme: „Das mag ja alles ganz richtig sein, Herr Doktor, was Sie uns da eben theoretisch entwickelt haben … aber?! Er zuckte die Achseln … Motive?! In dieser Hinsicht habe ich manche Überraschungen in meiner Praxis erlebt, und, was diesen „kindisch unvorsichtigen Plan“ anbetrifft – wir haben es hier mit keinem Berufsverbrecher zu tun …!“ – Richter schaute sich im Kreise um und suchte in den Mienen der Umstehenden eine Billigung seiner Worte zu finden. Aber die Herren schienen so mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, daß sie nur kopfschüttelnd, als wären sie mit ihrer Weisheit zu Ende, zu Boden sahen. Nur der Staatsanwalt glaubte es sich und seiner Stellung schuldig zu sein, auch seine Meinung noch zum besten zu geben. „Ich kann eigentlich,“ sagte er überlegend, „Ihnen, Herr Doktor Werres, auch nicht ganz beipflichten. Ich dachte, Sie hätten irgendwelche Spuren gefunden, die in eine bestimmte andere Richtung hindeuten. Aber so … ja … da müßte der Herr Baron von Berg ja einen Doppelgänger haben, der ihm aufs Haar gleicht … und das …“ der Staatsanwalt lächelte ungläubig, „ist doch kaum anzunehmen!“

Werres erwiderte nichts. Er schaute gleichgültig zum Fenster hinaus, hatte die Arme über der Brust verschränkt und schien es gar nicht zu bemerken, wie der Kommissar Richter ihn seit Sekunden schon mit offenbarer Selbstzufriedenheit, daß er seinen Schüler so gut abgeführt hatte, lächelnd ansah.

Die Uhr auf dem Kaminsims schlug 12. Kaum waren die letzten Schläge verhallt, als die Tür im Wartezimmer aufgerissen wurde und schnell hintereinander drei Personen eintraten. Der Kriminalbeamte Behrent – einer von den dreien – rief schon von der Tür aus seinem Vorgesetzten zu:

„Herr Kommissar – hier, der Baron von Berg!“


6. Kapitel.

Mit schnellen Schritten war der Baron vorwärts geeilt, jetzt sah er den Ermordeten, entsetzt prallte er zurück und stotternd kam es über seine Lippen … „Meine Herren – was ist hier passiert?!“ – Das klang so ehrlich, so wenig gemacht … Trotzdem sagte der Staatsanwalt, indem er den vor ihm Stehenden fixierte … „Herr Friedrichs ist ermordet … sollten Sie das nicht wissen, Herr Baron von Berg?“ – „Ich …? Ich habe den Bankier vor zwei Stunden verlassen, da war er frisch und munter … und jetzt … ermordet?“ Der Baron hatte sich gefaßt und schaute jetzt beinahe wehmütig auf die vor ihm ausgestreckte Gestalt. Seine Hand, die den glänzenden Zylinder hielt, zitterte leise, als er sich an den Staatsanwalt wandte:

„Wie ist denn das geschehen – mir ist das alles so unerklärlich …“

„Sie waren vor zwei Stunden hier?“ fragte Hübner ernst, indem er „zwei“ betonte.

Der Baron schien noch nicht zu ahnen, wie schwer er verdächtigt war. „Ja – vor zwei Stunden,“ antwortete er ruhig.

„Und um ¾11 sind Sie nicht hier gewesen?“ fragte der Staatsanwalt weiter.

„Ich? … um ¾11? – Nein! Als ich den Bankier verließ, traf ich zwei mir bekannte Herren und wir haben bis jetzt in der Dannerschen Weinstube gesessen.“

[155] „Bis jetzt?“ Und wer waren denn diese beiden Herren?“

„Bis jetzt!“ Der Baron hatte sich aufgerichtet; er schien zu merken, daß diese Fragen irgend etwas zu bedeuten hatten, er sah die ernsten Gesichter der Umstehenden, deren Augen so merkwürdig forschend auf ihn gerichtet waren. Und in steigender Erregung fragte er den Staatsanwalt: „Mein Herr, dürfte ich wissen, was das alles zu bedeuten hat? Ihre Fragen – auch das Benehmen dieser … Leute, die mich da draußen vor der Tür zu diesem Gebäude beinahe überfielen, mir so rücksichtslos … befahlen, ich solle mit ihnen kommen?! Was heißt das alles?“

Hübner blieb ruhig und nur seine Stimme klang kurz und hart, als er antwortete: „Ich bin der Staatsanwalt Hübner – ich habe ein Recht, Fragen an Sie zu richten – und die beiden Beamten haben auf Befehl gehandelt, als sie Sie hierherführten!“

„Mich hierher … führten?! Das klingt ja, als … ja, als hätten Sie mich in Verdacht …“ – Der Baron brachte den Satz nicht zu Ende. Ratlos, ungläubig schaute er den Staatsanwalt an.

„Herr Baron von Berg – Sie sind aufs schwerste verdächtig, diesen … Mord hier begangen zu haben!“ Hübner dachte, nun werde der Baron aufbrausen, oder entsetzt zurücktaumeln. Nichts von dem. Der Baron schüttelte nur leise den Kopf und meinte wie vorwurfsvoll … „Aber wie sind die Herren nur auf diese unmögliche Vermutung gekommen! Ich – ich soll den … meinen, ich kann sagen alten Freund Friedrichs … ermordet haben?!“

„Bitte, Herr Baron“ – Hübner war nun doch erregt – „wollen Sie mir jetzt kurz und bündig antworten: Seit wann sind Sie in der Dannerschen Weinstube gewesen und mit wem?“

Wenn Hübner nun gehofft hatte, daß der Baron irgend welche Verlegenheit zeigen würde, so hatte ihn diese Hoffnung schwer betrogen.

„Gewiß werde ich antworten, Herr Staatsanwalt,“ sagte Herr von Berg plötzlich sehr kühl und sehr von oben herab. „Als ich Herrn Friedrichs kurz nach 10 Uhr am heutigen Vormittage verließ, wollte ich eigentlich nach einer Stunde – wie ich auch mit Friedrichs verabredet hatte, wiederkommen und eine geschäftliche Angelegenheit hier erledigen. Da ich jedoch in der Wilhelmstraße – es kann nur wenige Minuten nach ¼11 gewesen sein, zwei alte Bekannte, und zwar den Rittmeister Grafen Hoyne und den Regierungsrat von Werder traf und die Herren mich aufforderten, sie zu Danner zu begleiten, habe ich mich verspätet und komme soeben erst aus jener Weinstube, die ich seit ½11 nicht mehr verlassen habe. Vor der Tür der Bank stürmten dann diese beiden … Leute auf mich zu und … führten mich hierher.“

Der Staatsanwalt war merklich betreten. Er wollte nicht glauben, daß der Baron mit so frecher Stirn ein Alibi erfinden könne – wollte aber auch den einmal gefaßten Verdacht nicht so schnell fallen lassen.

„Und jene beiden Herren, Ihre Bekannten, Herr Baron, sind mit Ihnen bis jetzt zusammen gewesen?“

„Bis vor wenigen Minuten … die beiden Herren haben mich sogar bis vor dieses Gebäude begleitet, was Ihre beiden Beamten bestätigen werden.“ – Hübner sah Behrent fragend an. Dieser nickte. „Jawohl, Herr Staatsanwalt – das stimmt. Der Herr Baron kam mit zwei anderen Herren die Straße entlang und verabschiedete sich dann von ihnen – es war ein Offizier von den Husaren und ein Herr in Zivil.“

Hübners Verlegenheit stieg. Er sah ein, daß er zu weit gegangen war, daß auch der Ton, den er Herrn von Berg gegenüber angeschlagen, nicht der richtige gewesen. Und blitzschnell kam ihm dann die Erinnerung an das, was Dr. Werres vorher gesagt hatte. – „Die Beweise für die Unschuld des Barons werden sich noch heute von selbst ergeben!“ – Wie richtig jener doch kombiniert und wie leicht er sich durch den Kommissar hatte irreführen lassen! Jetzt erschien ihm selbst dieser Verdacht so unglaublich, daß er in seiner Betretenheit vergebens nach Worten suchte, um sein Ungeschick wieder gut zu machen. Und dazu sagte noch der Baron jetzt, während der Hochmut in seiner Stimme und in seiner Haltung immer deutlicher zutage trat: „Herr Staatsanwalt, falls Sie irgend welche Zweifel in die Wahrheit meiner Aussage setzen, so schicken Sie bitte in das Hotel „Deutsches Haus“. Die beiden Herren erwarten mich dort.“

„Verzeihung, Herr Baron“ – Hübner suchte mühsam nach Worten – „ich sehe, wir haben uns geirrt …“ Und dann setzte er dem erstaunt Aufhorchenden auseinander, wie sich die Verdachtsgründe gegen ihn so ganz von selbst ergeben hätten, wie nach den bisherigen Vernehmungen nur eine einzige Person übrig geblieben wäre, auf die alle Spuren hinwiesen – eben er, der Baron von Berg. –

„Aber das ist ja mehr wie rätselhaft, meine Herren – mehr wie rätselhaft …“ meinte Herr von Berg. „Unter diesen Umständen kann ich es Ihnen keineswegs verübeln, Herr Staatsanwalt, daß Sie mich etwas scharf angefaßt haben. Ja – der Portier und der Laufbursche wollen mich deutlich erkannt haben, als ich …, das heißt mein Doppelgänger – um ¾11 dem Bankier meine – das heißt er seine Aufwartung machte?! … Rätselhaft … da finde ich mich nicht zurecht!“

„Jedenfalls danke ich Ihnen, Herr Baron“ – sagte Hübner höflich – „daß Sie uns auf diese für Sie allerdings [156] wenig angenehme Weise von einer falschen Fährte abgebracht haben. – Von der falschen Fährte abgebracht … aber die richtige?!“ Der Staatsanwalt schaute nachdenklich vor sich hin. „Doch wir dürfen jetzt erst recht keine Zeit verlieren, zunächst muß das Personal der Bank vernommen werden – möglich, daß wir da etwas erfahren, was uns auf eine neue Spur hinweist.“

„Da bin ich hier wohl überflüssig geworden, Herr Staatsanwalt?“ fragte der Baron. – „Außerdem – die Herren finden mich, falls meine Aussage noch irgendwie notwendig sein sollte, heute bis gegen 6 Uhr abends im Hotel, und ebenso – werde ich auch meine Abreise bis auf weiteres verschieben.“ Herr von Berg verbeugte sich gegen den Staatsanwalt und verließ das Zimmer, ohne eine Antwort Hübners abzuwarten. Doch er ging nicht allein. Kaum hatte er hinter sich die in den Vorraum führende Tür des Wartezimmers geschlossen, als der Kommissar dem Kriminalbeamten Behrent schnell einige Worte zuflüsterte, worauf sich dieser lautlos davonschlich. Wenn Herr von Berg angenommen hatte, daß er nunmehr jedes Verdachtes los und ledig wäre, so irrte er sich. Man hatte ihm einen der geduldigsten und scharfsinnigsten Spürhunde auf die Fersen gehetzt. –

„Na Richter“ – wandte sich der Staatsanwalt an den Kommissar, als Behrent das Zimmer verlassen hatte – „was sagen Sie jetzt?!“

„Und er ist es doch gewesen,“ brummte dieser hartnäckig. – Werres, der seit dem Eintritt des Barons sich die ganze Zeit über damit beschäftigt hatte, den Schlips des Toten, den der Arzt vorher achtlos beiseite geworfen hatte, zu besichtigen und im übrigen kaum auf das Gespräch hinhörte oder hinzuhören schien, schaute jetzt zum ersten Male auf. Der Blick, der den Kommissar jetzt traf, zeigte eine so deutliche Geringschätzung, daß der Staatsanwalt, dem dieser Blick nicht entgangen war, wieder etwas wie leisen Groll gegen den allzu selbstbewußten Dr. Werres in sich aufsteigen fühlte. Im Grunde war ihm dieser junge Herr doch recht unsympathisch – darüber schien sich der Staatsanwalt klar geworden zu sein. Das diese Antipathie aber in neidischer Bewunderung ihren Ursprung hatte, das gestand sich Hübner nicht ein. Er war selbst sehr ehrgeizig und von seiner Vollkommenheit derart durchdrungen, daß ihm jeder fremde Erfolg auf seinem Gebiet ein Mißbehagen bereitete. Und nun noch dieser junge Dr. Werres – wahrscheinlich so ein verkrachter Jurist – mit seinem höhnischen Lächeln, das … der Staatsanwalt mehr fürchtete, als es ihn ärgerte! Jedenfalls war ihm die Stimmung gründlich verdorben!


7. Kapitel.

In dem Wartezimmer nebenan sollte die Vernehmung des Personals stattfinden. Der Gerichtsarzt war gegangen und in dem großen Raum, der durch die vierarmige Krone gleichmäßig erhellt wurde, saßen an dem runden geschnitzten Tisch in der Mitte der Staatsanwalt Hübner und ihm gegenüber der noch sehr jugendliche protokollierende Referendar; Dr. Werres ging auf und ab, mit seinen Gedanken beschäftigt; der Kommissar hatte sich einen Stuhl an das Fenster gerückt und auf dem Fensterbrett seine Notizen ausgebreitet. Die Tür nach dem Privatkontor war geschlossen – man wollte den Angestellten den Anblick des Leichnams ersparen. Der Staatsanwalt räusperte sich – „Hm – Herr … Dr. … Werres – Sie baten mich doch vorhin, daß die zu vernehmenden Personen nach Ihrem Wunsche … hingesetzt werden sollten … bitte, vielleicht treffen Sie die nötigen Vorkehrungen.“

Werres nahm einen der hochlehnigen Stühle und stellte ihn so vor den Spiegel, daß sowohl der Staatsanwalt als auch er selbst den darauf Sitzenden von dem elektrischen Lichte am hellsten bestrahlt vor sich hatten. Dann sagte er: „Außerdem gestatten Sie mir wohl einige Zwischenfragen, wo es mir nötig erscheint, Herr Staatsanwalt?“ – „Bitte!“ – Hübner hatte Werres gegenüber wieder den etwas hochfahrenden, fast unliebenswürdigen Ton angenommen, den dieser aber vollständig zu überhören schien. „Dann können wir also beginnen,“ meinte Hübner. – „Herr Kollege,“ – wandte er sich an den Referendar – „wollen Sie uns bitte zunächst den Prokuristen Westfal hereinrufen.“ – Der Staatsanwalt hatte sich vorhin verschiedene Notizen auf ein Blatt Papier gemacht und sah nun diese ein. Als der Referendar mit Westfal zurückkehrte, stellte Richter die Herren einander vor. Dann bedeutete Hübner dem Prokuristen durch einen Wink, auf dem vor dem Spiegel stehenden Stuhle Platz zu nehmen.

Westfal war ein älterer Herr, Ende der Vierziger, mit offenem, vertrauenerweckendem Gesicht, seine Aussage machte er mit ruhiger Stimme, klar und ohne Zögern.

„Sie sind,“ begann der Staatsanwalt, „heute im Laufe des Vormittags dreimal dort in dem Privatkontor gewesen?“

„Ja – zum erstenmal gegen ¾10 Uhr morgen. Ich besprach mit Herrn Friedrichs regelmäßig um diese Zeit, bevor er selbst irgendwelche Dispositionen traf, die notwendigen geschäftlichen Angelegenheiten.“

„Und wie lange blieben Sie heute bei Ihrem Chef?“

„Ich blieb vielleicht 10 Minuten und Herr Friedrichs sprach mit mir über“ … der Prokurist schien verlegen – „über die Angelegenheit des Herrn Baron von Berg.“

„Des Herrn von Berg?“ wiederholte der Staatsanwalt aufhorchend. „Ja … Herr Friedrichs wunderte sich, daß der Herr Baron plötzlich eine so bedeutende Summe – 150 000 Mark – von seinem Guthaben abheben wollte – auch darüber, daß der Baron ganz gegen seine sonstige Gewohnheit diese nicht durch uns anderweitig überweisen ließ.“

[178] „Wissen Sie vielleicht, Herr Westfal, zu welchem Zwecke der Baron das Geld brauchte?“

„Nein, Herr Staatsanwalt, auch Herr Friedrichs schien darüber nicht informiert zu sein.“

„Hm … der Baron befindet sich also in guten Vermögensverhältnissen?“

„Mehr noch, Herr Staatsanwalt – in glänzenden! Er besitzt in der Provinz drei große Güter, zwei weitere Besitzungen in Pommern, nebenbei noch mehrere Millionen Barvermögen.“

Der Staatsanwalt überlegte und schaute in seine Notizen.

„Sie haben vorhin, Herr Westfal, zugegeben, daß Sie dreimal bei Ihrem Chef in jenem Zimmer gewesen sind. Wann waren Sie die beiden anderen Male dort?“

„Als ich den Mord gegen 11 Uhr entdeckte – das heißt, anfänglich dachte ich“ … „Danke, danke,“ unterbrach ihn Hübner. Dieser sann wieder einen Augenblick nach und fragte dann:

„Außer Ihnen ist, nachdem der Tote aufgefunden war, niemand in dem Privatkontor gewesen?“

„Nein …“

Hübner schien befriedigt, er hatte sich kurze Bemerkungen auf sein Blatt geschrieben und überlas diese Aufzeichnungen nochmals. Dann legte er das Papier und den Bleistift wieder auf den Tisch und schaute zu dem Kommissar hinüber.

Dieser schien nur darauf gewartet zu haben, bis der Staatsanwalt seine Fragestellung beendigt hatte. Jetzt richtete er sich auf und, als Hübner ihm zunickte, sagte er langsam und bedächtig:

„Herr Westfal, halten Sie es für möglich, daß in diese beiden Räume jemand eindringt, ohne daß er entweder von dem Portier oder von dem Laufburschen, der doch eigentlich mehr Dienerstelle bei Herrn Friedrichs vertrat, gesehen wird?“

„Nein, das ist ganz ausgeschlossen. Denn diese beiden Zimmer haben nur diesen einen Ausgang durch diese Tür nach dem Vorraum, – ein Einsteigen durch die Fenster ist unmöglich – und in diesem Vorraum hat der Laufbursche sich so lange aufzuhalten, als Herr Friedrichs sich in seinem Kontor befand. Es passierte äußerst selten, daß mein Chef den Jungen einmal mit einer Besorgung fortschickte. Jedenfalls hat dieser heute vormittag den ihm angewiesenen Platz dort draußen nicht verlassen – also kann außer den bereits genannten Personen niemand hier in diesen beiden Zimmern gewesen sein, noch – man könnte ja denken, daß sich jemand vielleicht am Tage vorher oder ganz frühmorgens eingeschlichen habe – die Zimmer ungesehen verlassen haben. Außerdem sieht der Portier jeden, der die Bank verläßt und betritt.“

„Und … ich komme da auf eine etwas delikate Frage,“ – meinte der Kommissar zögernd – „haben Sie nun, Herr Westfal, [179] irgend einen Verdacht? … Sprechen Sie sich ganz offen aus, denn die anwesenden Herren sind zum Schweigen unbeteiligten Personen gegenüber verpflichtet.“ – Der Prokurist schien erstaunt. – „Ja … einen Verdacht?“ – meinte er eifrig – „gewiß, den habe ich … das wissen Sie ja auch schon, Herr Kommissar. Als Täter kann ich doch nur eine …“ – Richter fiel ihm ins Wort … „Danke, Herr Westfal …! – Weiter hätte ich nichts,“ wandte er sich zu Hübner. Dieser sah nach Werres hin, der sich an die nach dem Privatkontor führende Tür gelehnt hatte und in ein kleines Taschenbuch sich Notizen machte[4]. Er schien die in dem Zimmer eingetretene Stille nicht zu bemerken und schaute nicht auf. Da fragte Hübner: „Herr Dr. Werres, hätten Sie noch eine Frage an den Herrn Prokuristen zu richten?“

Werres verneigte sich nur gegen den Staatsanwalt und kam nun langsam auf den Prokuristen zu. Vor ihm stehen bleibend und scheinbar die Spitzen seiner Stiefel angelegentlichst musternd, meinte er in gleichgültigstem Tone: „Herr Westfal, würden Sie mir wohl angeben können, wie hoch die Gehälter Ihrer Angestellten sind?“ – Während der Prokurist nun, mit der eigenen Person beginnend, für jeden Betreffenden die Höhe des Gehalts nannte, notierte Werres eifrig Namen und Zahlen. „Das wären nun sämtliche Herren?“ fragte er schließlich. Als Westfal bejahte, schien er auf seinen Platz an der Tür zurückkehren zu wollen. Da entfiel ihm der Bleistift und rollte dem Prokuristen dicht vor die Füße. Ehe dieser sich bücken konnte, war Werres mit eigentümlicher Hast niedergekniet, und, nachdem er einige Sekunden vergeblich gesucht hatte, erhob er sich wieder und meinte mit leisem Lächeln: „Danke, Herr Westfal – ist schon etwas kurz, der Bleistift …“ – Dann ging er und lehnte sich wieder an die Tür. Keinem der Anwesenden war diese kleine Szene irgendwie aufgefallen – es war eben ein Zufall, daß der Bleistift herabfiel und dem Prokuristen so dicht vor die Füße rollte. Hübner entließ nun Herrn Westfal und bat ihn, den ersten Kassierer hineinzuschicken.

Herr Meisel, ein korpulenter kleiner Herr, dessen grauer Schnurrbart ihm traurig um die Mundwinkel herabhing, wiederholte nur seine Aussagen, die er bereits dem Kommissar gegenüber gemacht hatte. Herr Friedrichs habe ihn am Vormittage zweimal, und zwar kurz hintereinander durch das Telephon angerufen und mit ihm wegen der an den Baron von Berg auszuzahlenden 150 000 Mark gesprochen. Beim zweitenmal sei sein Chef ziemlich ungehalten gewesen, daß das Geld noch nicht bereit sei und habe ihm dann ausdrücklich befohlen, die Scheine und Banknoten ihm in sein Privatkontor zu bringen, da der Herr Baron sich das Geld von ihm persönlich abholen würde. Nachdem er besagte Summe Herrn Friedrichs selbst überbracht und vorgezählt habe, seien die Scheine und Banknoten von ihm wieder in ein großes gelbes Kuvert gesteckt worden, und dieses Kuvert habe sein Chef vor sich auf den Schreibtisch gelegt. Weiter wisse er nichts anzugeben, da er sofort in den Kassenraum zurückgegangen sei. Diesen habe er auch nicht verlassen, bis Herr Westfal mit der Unglücksnachricht hereinstürmte. Da habe er denn die Tür zu dem Kassenzimmer abgeschlossen und sei mit seinem Kollegen, dem zweiten Kassierer Willert, hier in das Wartezimmer geeilt. Das Privatkontor habe weder er noch sein Kollege betreten. – Der Staatsanwalt richtete noch einige Fragen an Herrn Meisel, die aber auch nichts Neues brachten. Als Hübner unzufrieden in sein Blatt mit den Notizen hineinsah, als wollte er nachsehen, ob er bei seiner Fragestellung nichts vergessen habe, sagte Werres unvermittelt: „Herr Meisel, Sie haben also den Kassenraum in der Zeit von 10 bis gegen 11 – ich meine bis Herr Westfal Ihnen die Nachricht von dem Morde brachte, nur einmal verlassen?“

„Jawohl – als ich das Geld für den Baron von Berg aus der Stahlkammer heraufholte und es dann meinem Chef brachte.“

„Und um welche Zeit war das ungefähr?“ fragte Werres weiter. „Es muß gegen ¼11 gewesen sein … Ja richtig – es war sogar bestimmt wenige Minuten vor ¼11. Denn als ich aus dem Privatkontor in die Kasse zurückkehrte, bat mich mein Kollege Willert für kurze Zeit die Arbeit allein zu übernehmen, da er notwendig zu seinem Schneider zur Anprobe gehen müsse. Er sagte noch, er würde spätestens in einer Dreiviertelstunde wieder zurück sein. Und da habe ich nach der in der Kasse hängendem Uhr gesehen und die zeigte wenige Minuten vor ¼11.“ Werres notierte sich wieder einiges und schaute dann den Kassierer nachdenklich an. Dann schritt er wie absichtslos [180] auf ihn zu und blieb vor ihm stehen. „Und Ihr Kollege ist dann auch pünktlich wiedergekommen? So ist es doch?“ sagte er harmlos.

„Ja – es war wenige Minuten, bevor der Prokurist uns den Unfall meldete, also kurz vor 11.“ Zum Erstaunen des Staatsanwalts und des Kommissars wiederholte sich jetzt dieselbe Szene mit dem herabfallenden Bleistift, der dann von Werres so eilfertig gesucht wurde, auf die vorhin niemand geachtet hatte, da jeder sie für einen bloßen Zufall hielt. Als Herr Meisel dann das Zimmer verlassen hatte, fragte Hübner, indem er Werres forschend ansah: „Herr Doktor, diese Geschichte mit dem Bleistift ist also beabsichtigt …? – Denn daß ein Bleistift zweimal so zufällig verschiedenen Personen vor die Füße rollt und von Ihnen mit gleicher Behendigkeit gesucht wird, – das kann wohl niemand glauben?!“

„Ich gebe zu, daß der Bleistift nicht durch ein Ungeschick mir entfiel … Ich habe sogar einen Zweck dabei – nur diesen Zweck möchte ich vorläufig für mich behalten …,“ sagte Werres unbefangen. – Der Kommissar rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her, als wollte er noch irgend etwas fragen. Aber da klopfte es schon an der Tür und auf das Herein des Staatsanwalts betrat der zweite Kassierer Willert das Zimmer. Ahnungslos setzte auch er sich auf den Stuhl vor dem Spiegel und schaute abwartend auf den Staatsanwalt, der wieder seine Notizen zu Rate zog. Dann sagte Hübner:

„Sie werden uns nicht viel Neues zu den Aussagen der beiden anderen Herren hinzufügen können, Herr Willert, da Sie ja in der für uns wichtigen Zeit von ¼11 bis 11 nicht in der Bank waren …?“

„Allerdings … Ich war während dieser Zeit bei meinem Schneider.“ Das klang sehr höflich und sehr gleichmütig. Der Staatsanwalt und auch der Kommissar richteten an Willert noch einige Fragen, die aber ziemlich belanglos waren. Werres stand wieder an die Tür gelehnt und starrte wie abwesend durch das Fenster in den Lichthof.

„Ich danke Ihnen, Herr Willert,“ sagte Hübner, als Werres keine Miene machte noch seinerseits eine Frage zu stellen. Der Kassierer erhob sich und wollte mit höflicher Verbeugung das Zimmer verlassen, hatte auch bereits die Hand auf den Türdrücker gelegt, als Werres vortretend hastig fragte:

„Haben Sie vielleicht auf jemanden Verdacht, Herr Willert, und – halten Sie den Baron von Berg einer solchen Tat für fähig?“

Der Kassierer hatte sich nun wieder umgewandt und schien zu überlegen.

„Als Täter kann doch wohl nur der Baron von Berg in Frage kommen,“ – antwortete er bedächtig. – „Ob ich den Baron einer solchen Tat für fähig halte …? Ja, dazu kenne ich den Herrn zu wenig …“ – Werres stand nun dicht vor ihm und schien weniger auf die Antwort geachtet zu haben, als auf die diamantbesetzte Schlipsnadel des Kassierers, deren Steine in dem Lichte des Kronleuchters blitzten und funkelten, und die er sich unverwandt, als interessiere ihn das Farbenspiel der Brillanten, ansah. Dann schaute er wieder gleichgültig auf die Spitzen seiner Stiefel.

„Einen anderweitigen Verdacht haben Sie also nicht, Herr Willert?“ – Seine Stimme klang merkwürdig gepreßt, als müsse er mühsam eine plötzliche Erregung unterdrücken. Zu einer Antwort kam es nicht, denn der Bleistift lag auf dem Teppich und Werres war blitzschnell niedergekniet und tastete suchend mit den Händen umher, wobei er des öfteren wie zufällig die eleganten Schuhe des Kassierers berührte. Es dauerte ziemlich lange bis er sich erhob.

„Ich habe ihn,“ – sagte er aufatmend; und dann ging er langsam wieder an seinen Platz zurück. Willert hatte ihm erstaunt nachgeschaut und sagte nun, indem er die letzte Frage beantwortete, – „Nein, ich habe einen anderweitigen Verdacht nicht …!“ – Aber Werres achtete auf ihn nicht mehr. Und, da Hübner den Kassierer mit einem nochmaligen – „Ich danke Ihnen“ – verabschiedete, verließ dieser das Zimmer. Kaum war er hinaus, als Werres unter den Kronleuchter trat und aufmerksam seine Fingernägel – erst die der einen Hand, dann die der andern – besichtigte. Plötzlich pfiff er leise durch die Zähne und nickte mehrmals mit dem Kopf, als habe er soeben eine höchst wichtige Entdeckung gemacht.

„Was haben Sie, Doktor?“ fragte neugierig der Kommissar. – „Sie tun ja gerade, als wäre durch dieses dreimalige Hinwerfen Ihres Bleistifts Ihnen ein großes Licht aufgegangen?“ – Auch Hübner blickte mit nicht zu verkennender Spannung auf Werres, der aber zur allgemeinen Enttäuschung nur sagte: „Was ich habe? … Nichts, als hier unter dem Nagel des Mittelfingers meiner rechten Hand“ – und er spreizte den betreffenden Finger ab – „etwas rotes Ziegelmehl, wie man’s auf jedem Neubau finden kann – bisweilen haftet er allerdings auch an Stiefelspitzen und Beinkleidern! Ziegelmehl, rotes Ziegelmehl – es entsteht durch Zertreten oder Aufeinanderreiben der gewöhnlichen gebrannten Bausteine …“

Richter zuckte hierauf nur wie bedauernd die Achseln, ohne ein Wort weiter zu verlieren.


8. Kapitel.

Die nun folgende Vernehmung des Portiers brachte die Untersuchung auch keinen Schritt vorwärts. Daß der Baron von Berg zweimal ein- und ausgegangen war, bestätigte er, wollte aber beide Male den Herrn nur flüchtig gesehen haben. Aus dem verschüchterten Laufburschen, der nach dem Portier hereingerufen wurde, war auch nicht viel herauszuholen. Er konnte nur zugeben, daß ihm das Anmelden der Besucher bei dem Bankier oblag und daß er bei dem zweiten Besuche des blonden Herrn mit der goldenen Brille Herrn Friedrichs dessen Karte hineingebracht habe, während der Herr selbst draußen in dem Vorraum wartete. [202] Daher habe er auch diesen Herrn von Berg nur sehr undeutlich beim zweiten Male gesehen, da dieser sowohl sehr eilig das Privatkontor betreten als auch verlassen habe. Ob der Baron zuletzt irgend ein Paket mitgenommen, wisse er nicht. Jedenfalls habe er den Besucher für denselben Herrn gehalten, der schon um 10 dagewesen sei.

Mit Recht machte Richter, nachdem der Laufbursche entlassen war, den Staatsanwalt darauf aufmerksam, daß der Baron oder sein geheimnisvoller Doppelgänger bei seinem zweiten Besuche sich doch eigentlich ganz anders benommen habe als beim ersten.

„Er schickt seine Karte hinein, bleibt im Vorraum stehen, während der Junge ihn anmeldet und …“

„Zufall, weiter nichts – ganz belanglos meiner Ansicht nach!“ unterbrach ihn Hübner. „Für mich steht es jetzt trotzdem fest: Der Baron war zum zweiten Male nicht hier – aber wer war’s … wer?“ –

Auf die Vernehmung der anderen Angestellten konnte verzichtet werden, da sie wohl kaum etwas auszusagen wußten, handelte es sich doch nur um das Kontorpersonal, das von den Vorgängen nicht früher etwas erfahren hatte, bis der Prokurist ihnen die Nachricht von dem Morde überbrachte. – Der Staatsanwalt hatte sich in seinen Sessel zurückgelehnt und studierte seine Aufzeichnungen; der junge Referendar beschaute seine Fingernägel und langweilte sich scheinbar, Richter ging auf und ab und Werres stand an der Tür, hatte die Arme wieder verschränkt und schaute vor sich hin, wobei sich bisweilen blitzschnell etwas wie ein Lächeln um seine Lippen stahl, bald wieder verschwand und dann einem beinahe drohenden Ausdruck Platz machte … Plötzlich blieb der Kommissar vor Werres stehen.

„Hören Sie, Doktor, tun Sie mir einen Gefallen und reden Sie! Man sieht Ihnen ja an, daß Sie bis oben mit Vermutungen vollgepfropft[5] sind, auch wohl mit … Theorien – lassen Sie uns doch auch von Ihrer Gedankenarbeit etwas zukommen!“

Werres blickte nicht auf und sagte nur ziemlich abweisend: „Bei unserem Berufe ist es das beste, Herr Kommissar, wenn jeder seinen eigenen Weg geht. Es wäre doch für diese Untersuchung wahrlich kein Glück“ – das klang wieder so ironisch – „wenn ich mich nun auch so ausschließlich für den Baron interessieren würde wie Sie … Im Grunde tue ich’s ja, nur daß ich dem Doppelgänger, dem falschen Herrn von Berg, nachspüre …“

Hübner hatte sich erhoben. „Unsere Arbeit wäre hier dann zu Ende, meine Herren. Nachmittags wird wohl der Untersuchungsrichter nochmals eine Lokalbesichtigung vornehmen. Jedenfalls werde ich diese Zimmer abschließen, und den Schlüssel nehmen Sie dann wohl an sich, Herr Kommissar.“ – Werres öffnete die Tür zu dem Privatkontor und betrat das Zimmer, um seinen Hut und Paletot zu holen, den er vorher über einen Stuhl am Fenster gelegt hatte. Er blieb vor der Leiche stehen und schaute sich dann wie suchend im Zimmer um. Aber ihm [203] schien nichts weiter aufzufallen und so nahm er seine Sachen und kam wieder in das Wartezimmer, indem er die Tür hinter sich leise ins Schloß zog.

Hübner räusperte sich … „Herr Dr. Werres, würden Sie mich vielleicht draußen erwarten … ich habe mit Ihnen noch etwas zu besprechen.“

Der Kommissar schaute überrascht auf. Was wollte denn der Staatsanwalt von Werres?! – Ihm war dieses Übergehen seiner Person unangenehm, außerdem argwöhnte er, daß Hübner versuchen würde, aus dem Doktor irgend etwas herauszuholen. Darin hatte sich Richter auch nicht getäuscht. So unangenehm dem Staatsanwalt Werres auch war – bei ruhiger Überlegung hatte er sich doch sagen müssen, daß jener wohl der einzige sei, der sich in diesem geheimnisvollen Dunkel einigermaßen zurecht fand.

Werres hatte Hübner nur sehr förmlich geantwortet: „Ich werde Sie draußen erwarten, Herr Staatsanwalt, da ich den Kassierer Meisel noch einiges fragen möchte.“ Damit hatte er das Zimmer verlassen, durchschritt den Vorraum und ging den Korridor entlang, bis er die zur Kasse führende Tür, die durch ein Porzellanschild gekennzeichnet war, erreichte. Er trat ohne Anzuklopfen ein und sah sich in dem großen Raum um. Der eigentliche Kassenraum war durch ein bis zur Decke reichendes, ziemlich engmaschiges Eisendrahtgitter von dem für das Publikum bestimmten Teile des Zimmers getrennt. Drei den Postschaltern ähnliche Schiebefenster vermittelten den Verkehr. Seitlich befand sich in dem Gitter eine Tür, die jetzt geöffnet wurde. Der erste Kassierer Meisel kam auf Werres zu und fragte in seiner nervös hastigen Art:

„Wünscht der Herr Staatsanwalt vielleicht noch irgend etwas …?“ Der kleine Herr schien noch höchst aufgeregt.

„Nein – nur ich hätte noch eine Bitte, Herr Meisel. Würden Sie mir Ihre und Ihres Kollegen Adresse und auch die des Herrn Prokuristen angeben – es ist ja möglich, daß wir einen der Herren irgendwie noch bemühen müssen.“

„Aber bitte …“ sagte Meisel eilfertig und nötigte Werres in den eigentlichen Kassenraum. „Ich werde Ihnen die gewünschten Adressen sofort aufschreiben – wollen Sie bitte so lange warten.“

Werres trat ein. „Verzeihung, Herr Willert, der Geldschrank da ist doch System Ada?“ fragte er, nachdem er sich in dem Raume umgesehen hatte, scheinbar mit Interesse.

„Allerdings!“ – Willert war aufgestanden. „Sogar neueste Konstruktion.“ – Und er erklärte eingehend die Neuerungen und Verbesserungen. Werres hörte zu – aber seine Augen blickten ein paarmal ganz unauffällig auf die brillantenbesetzte Krawattennadel des neben ihm Stehenden – auf dieselbe Nadel, deren Farbenspiel er vorhin schon in dem Wartezimmer bewundert hatte. Und das ironische, unerklärliche Lächeln spielte wieder um seine Lippen. Er hatte sich nicht getäuscht … zwischen den Steinen des ziemlich großen Schmuckgegenstandes hingen noch immer die beiden blonden Härchen, die seine Blicke schon bei der Vernehmung wie magnetisch angezogen hatten – blonde Härchen – die nur er bemerkt hatte und die … wohl nur durch einen merkwürdigen Zufall sich zwischen den Einfassungen der Brillanten festgeklemmt haben konnten, da Willert keinen Vollbart, sondern nur einen gutgepflegten Schnurrbart trug. – Der erste Kassierer trat hinzu und reichte Werres ein Blättchen Papier. Dieser steckte es in seine Paletottasche, bedankte sich und verließ nach kurzem Gruß die Kasse.

„Eigenartiger Mensch,“ brummte Meisel.

Willert hatte dem Doktor auch nicht gerade freundlich nachgeschaut. „So ein verkrachter Referendar,“ meinte er – „jetzt Polizeispitzel … aber“ – und er tippte sich mit dem Finger an die Stirn – „einen Nagel!! – Ich kenne ihn von Ansehen … mir notabene äußerst unsympathisch!“ –

Werres war inzwischen, dem Portier, der an dem Fenster seiner Loge saß, zunickend, die Treppen langsam herabgestiegen und auf die Straße hinausgetreten. Mit ungewohnter Hast zog er sein Zigarettenetui hervor, zündete sich eine seiner starken parfümierten Zigaretten an und sog mit Behagen den Rauch in die Lunge ein. – Er konnte mit der Arbeit dieser Stunden zufrieden sein! Während sein Vorgesetzter, der Kommissar, und auch dieser hochmütige Staatsanwalt diesem Raubmord noch wie einem unlösbaren Rätsel gegenüberstanden, während dieser als so sehr brauchbarer Detektiv bekannte Behrent den Baron von Berg belauerte, spann er die Fäden seines Netzes in Gedanken immer weiter aus, und dieses Netz wollte er schließlich über dem wahren Schuldigen zusammenziehen, über dem geheimnisvollen Doppelgänger des Baron von Berg! – Wenn aber dieser Staatsanwalt hoffte – Werres ahnte das Richtige – ihn ausfragen zu können, da sollte er sich doch geirrt haben! Was er wußte, behielt er für sich und kein Wort sollte früher über seine Lippen kommen, bis er den Schuldigen festhatte – den Schuldigen und seinen Raub. –

Als die drei Herren jetzt auf ihn zukamen, verabschiedete er sich von den andern und sagte dann zu dem Staatsanwalt:

„Herr Staatsanwalt, Sie wollten mich sprechen. Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir in die Dannersche Weinstube; man unterhält sich in einem Lokal ungenierter als auf der Straße.“

„Bitte, sehr gern! – Aber“ – Hübner schaute Werres prüfend an – „warum gerade zu Danner? Halten denn auch Sie noch den Baron für verdächtig?“

„Nein – nur Ihnen will ich jeden Verdacht gegen den Baron benehmen, Herr Staatsanwalt. Wir werden bei [204] Danner durch einen Kellner oder sonstwie erfahren, daß Herr von Berg tatsächlich seit ½11 in der Weinstube gesessen und auch diese vor 12 nicht verlassen hat – daß seine Aussage also auf Wahrheit beruht.“

Hübner überlegte. „Das sagen Sie so bestimmt, Herr Doktor – sollten Sie da nicht schon eine andere Spur gefunden haben?“

„Leider nein … aber es ist ja möglich, daß die nächsten Tage uns noch Überraschungen bringen – in unserem Beruf sind wir daran gewöhnt.“ Werres sagte das so leichthin, als habe der Fall Friedrichs für ihn als aussichtslos jedes Interesse verloren.

Hübners Gesicht zeigte deutlich, wie enttäuscht er war.

„Na, dann wollen wir zu Danner gehen – kommen Sie!“ Die Herren schritten in der Richtung nach dem Blücherplatz davon.


9. Kapitel.

Der Baron von Berg war, nachdem er noch an dem Begräbnisse seines langjährigen Geschäftsfreundes teilgenommen hatte, auf seine Güter zurückgekehrt. Seine Unschuld schien völlig erwiesen, da er in der verhängnisvollen Zeit von ¼11 bis 11 ahnungslos in der Dannerschen Weinstube mit seinen Bekannten gesessen hatte. Mit der Untersuchung des Friedrichsschen Mordes war die Kriminalpolizei inzwischen nicht weit vorwärtsgekommen. Dr. Werres schien allerdings mit allem Eifer an der Arbeit zu sein, da er schon am nächsten Vormittage nach dem Mordtage bei dem Polizeipräsidenten eine Unterredung nachgesucht und auch erreicht hatte, daß er vorläufig vom Dienst dispensiert wurde, weiter auch, daß ihm zwei Kriminalbeamte zur Verfügung gestellt wurden, die er ganz nach seinem Gutdünken beschäftigen konnte. Doch ob Werres mit seinen Recherchen etwas erreicht hatte, wußte weder der Kriminalkommissar Richter noch der Bruder des Ermordeten, der Sanitätsrat Dr. Friedrichs, der sofort telegraphisch herbeigerufen war, und natürlich die Untersuchung mit allen Mitteln gefördert wissen wollte. Werres zeigte sich hinsichtlich der Affäre Friedrichs von einer solchen Verschlossenheit, daß er bereits öfters mit Richter dieserhalb zusammengeraten war. Der Kommissar argwöhnte, daß der Doktor bereits einer bestimmten Spur nachjage und, da er auf alle seine Fragen nur immer dieselbe ausweichende Antwort erhielt, kam es dann an einem Vormittage in dem Arbeitszimmer Richters zum offenen Bruch zwischen beiden. Fortan gingen sich beide geflissentlich aus dem Wege.

Das einzige, was die Kriminalpolizei festgestellt hatte, betraf den Baron von Berg. Man wußte jetzt, zu welchem Zwecke Herr von Berg die 150 000 Mark, die ihm an dem Tage nach dem Morde dann auch wirklich ausgezahlt wurden, gebrauchen wollte. Ein jüngerer Bruder des Barons, der in der Reichshauptstadt bei der Garde stand, hatte sich auf leichtsinnige Wechselschulden eingelassen und war dabei von verschiedenen Wucherern in unglaublichster Weise ausgenutzt worden. Dem Baron war es unangenehm, diese Angelegenheit durch Vermittlung Friedrichs aus der Welt schaffen zu lassen und hatte daher die finanzielle Regelung der Verhältnisse seines Bruders selbst übernehmen wollen. Das hatte Richter durch langwierige Nachfragen, die fast eine ganze Woche in Anspruch nahmen, herausbekommen. –

Heute war nun wieder ein Freitag, der 26. April. Werres saß in seinem Dienstzimmer am Schreibtisch und las eifrig in mehreren Bogen, die sauber zusammengeheftet und mit eigenartigen Strichen, Kreuzen und Punkten bedeckt waren. Für jeden andern blieben diese Aufzeichnungen, die von Werres Hand stammten, völlig unleserlich, da der vorsichtige Doktor sich seine eigene Zeichenschrift erdacht hatte und wichtige Notizen nur in dieser niederschrieb. Die Blätter enthielten die bisherigen Erfolge der Nachforschungen in der Friedrichsschen Mordsache. Da gab’s scheinbar verschiedene Unterabteilungen und Einschachtelungen. – Das Ganze sah aus, wie eine sehr genaue Disposition über ein Aufsatzthema.

Werres las und verglich, schaute öfters nachdenklich zum Fenster hinaus und schrieb bisweilen, als sei ihm ein neuer Gedanke gekommen, in die noch offenen Stellen einige Zeichen hinein. So arbeitete er eine ganze Weile, bis er schließlich den Stuhl zurückschob und aufstand. Die Hände in die Taschen vergraben ging er in dem kleinen Zimmer auf und ab. Seine Gedanken verdichteten sich schließlich zu Worten. Er hielt leise Zwiegespräche mit sich, erst nur wenige Worte, dann ganze Sätze, die er vor sich hinmurmelte. Bald verlangsamte sich sein Schritt, bald ging er hastiger auf und ab.

„Er muß es sein … er kann es nur sein …“ Dann krauste er drohend die Stirn und die Hände in den Taschen ballten sich unwillkürlich zur Faust. – Auf dem Korridor ließen sich laute Schritte vernehmen. Die Tür öffnete sich und der Kriminalschutzmann Müller, derselbe, der zuerst die Nachricht von dem Tode des Bankiers durch das Telephon vernommen hatte, trat ein.

„Guten Morgen, Herr Doktor.“

„Morgen, bringen Sie was Neues?“

„Ja und nein, Herr Doktor. Die Liste mit den Nummern der geraubten Banknoten habe ich vom Herrn Kommissar Richter bekommen, hier ist sie.“ Er reichte Werres ein großes mit hektographierten Zahlen bedrucktes Papier.

„Und haben Sie die Friseure besucht?“

„Jawohl, Herr Doktor. Eine blonde Perücke und ein blonder Vollbart sind nebst anderen Theaterrequisiten vor ungefähr 14 Tagen von dem Friseur Wedel in der Kirchenstraße an die hiesige freie dramatische Vereinigung zu einer Aufführung geliefert worden. Ob diese Aufführung schon stattgefunden hat, weiß der Friseur nicht, jedenfalls hat er die Sachen noch nicht zurückbekommen.“

[226] Werres schaute gleichgültig zum Fenster hinaus.

„Das hilft uns nicht weiter,“ meinte er unzufrieden. Dabei flimmerten aber seine Augen so eigenartig … In solchen Momenten hatte sein Blick etwas von einem Raubtiere an sich, das heimtückisch eine Beute beschleicht und die Gier und Mordlust in den Augen unter den zusammengekniffenen Lidern verbergen will. – Nach einer Weile wandte sich Werres dem Kriminalbeamten zu.

„Hören Sie genau hin, Müller! Sie erkundigen sich jetzt zunächst, wer in dem Vorstande dieser freien dramatischen Vereinigung ist und dann besuchen Sie einen dieser Herren und fragen nach, zu welchem Zwecke die von dem Friseur Wedel gelieferten Requisiten gebraucht sind oder noch gebraucht werden und bitten auch den Herrn um das neueste Mitgliederverzeichnis. Natürlich erwähnen Sie nichts von einer blonden Perücke und dem blonden Bart – verstanden! – und ebenso verpflichten Sie den Herrn zum Schweigen. Sie können sich ja ruhig als Beamter ausweisen.“ – „Haben der Herr Doktor sonst noch Befehle? Ich werde alles besorgen, wie der Herr Doktor es wünschen …“

„Sie können dann gehen, Müller – und morgen vormittag erwarte ich Nachricht von Ihnen – ich bin hier zu treffen.“

Kaum war der Beamte gegangen, als Werres im Sturmschritt seine Promenade wieder aufnahm. „Wenn er in dem Verein Mitglied wäre – wenn …“ murmelte er erregt. Nach einer Weile setzte er sich dann an seinen Tisch und trug in seine Aufzeichnungen verschiedene Bemerkungen ein. Als er gerade die Feder weggelegt hatte, klopfte es. Werres schaute sich um und rief herein.


10. Kapitel.

Es war der Sanitätsrat Dr. Friedrichs, der Bruder des ermordeten Bankiers. Werres erhob sich. Er hatte den Herrn bereits gelegentlich [bei][6] einer Besprechung kennen gelernt und bot ihm nun höflich einen Stuhl an. Der Sanitätsrat nahm Platz und schaute seinem Gegenüber prüfend in das unbewegliche, leidenschaftslose Gesicht.

„Herr Doktor,“ begann er langsam, als ob er jedes Wort genau abwog – „ich komme soeben von dem Herrn Staatsanwalt Hübner.“ Der Sanitätsrat machte eine Pause. Aber die von ihm erwartete Frage des jungen Doktors blieb aus. Das setzte den alten Herrn etwas in Verwirrung. Nur zögernd fuhr er fort: „Ich habe nämlich nach Rücksprache mit dem Herrn Staatsanwalt für die Entdeckung des Täters eine Belohnung von 5000 Mark ausgesetzt und ebenso dem Wiederbringer des geraubten Geldes 1/3 der noch vorhandenen Summe zugesichert. – Das steht in den heutigen Morgenblättern unter den Annoncen und wird auch noch an den Litfaßsäulen angeschlagen werden. Was sagen Sie zu diesem Versuch, die Wahrheit durch die Lockungen klingenden Goldes an den Tag zu bringen?“ – Werres schien zusammenzufahren. Dann blickte er den alten Herrn prüfend an.

[227] „Hätten Sie mich vorher gefragt, Herr Sanitätsrat,“ – sagte er merkwürdig gepreßt – „ich hätte Ihnen von diesem Schritt entschieden abgeraten.“

„Aber warum denn – ich verstehe Sie nicht?!“ sagte der Sanitätsrat eifrig. „Sehen Sie, Herr Doktor, 5000 Mark sind für viele eine bedeutende Summe, und 1/3 des wiederaufgefundenen Geldes, das können an die 50 000 Mark sein, ein Vermögen. Und um zu dem Gelde zu kommen, da öffnet sich mancher Mund, der sonst wohl geschwiegen hätte – und der Verstand arbeitet emsiger, der Eifer wächst. Das letztere wollte ich hauptsächlich; denn offen gestanden, Herr Doktor, mir scheint es, als ob in den letzten Tagen der Mut und damit auch die Arbeitsfreudigkeit der Polizei zu sehr gesunken sind!“ – Werres schwieg und starrte an den Sanitätsrat vorüber auf die graugetünchte Wand. In seinem Hirn kreuzten sich die Gedanken, verwirrten sich … Was winkte ihm da – ein Vermögen! Wie leicht war es zu erringen, fast war’s ihm, als könne er jetzt schon die Hand nach diesen Tausenden ausstrecken, die ihm ein Glück ausbauen konnten – seine Zukunft – seine und die eines Mädchens dort in der Grenzstadt in Ostpreußen, die er liebte und nach der er sich sehnte mit so weichen, innigen Gefühlen in der Brust. – Kannten ihn denn diese Menschen, die ihm aus dem Wege gingen, nur weil er klüger war wie sie, weil er zu ehrlich war, um ihnen seine Geringschätzung nicht zu zeigen, weil eine harte Lebensschule seinen Verstand, nicht sein Herz zu ironischer Einschätzung seiner Mitmenschen gezwungen hatte?! Wer ahnte von ihnen, daß unter diesen starren Zügen, hinter diesen leblosen Augen eine Welt von reinen Empfindungen, ein so reiches Innenleben sich verbarg?! – Nur eine einzige wußte es, nur einer wurde ein Blick in dieses Herz gegönnt, das sich so rätselhaft vor allen andern durch eine häßliche Larve versteckte! – In Werres Gesicht war nichts von alledem zu lesen, nichts; nur die Linien um diesen fast grausamen Mund waren weich geworden; aber der, der in dieses Gesicht fortwährend hineinblickte, sah nichts als Rätsel und Widersprüche darin.

„Müssen Sie mir nicht recht geben, Herr Doktor?“ – fragte der Sanitätsrat wieder – „wird die Aussicht auf diese Belohnung nicht doch unsere Untersuchung fördern? – Sie wundern sich vielleicht über die Höhe der ausgesetzten Summe; aber – mein Bruder hat mir Millionen hinterlassen, ich selbst bin reich und meine Pflicht muß es sein, mit allen Mitteln wenigstens den Versuch zu machen, der vergeltenden Gerechtigkeit ihr Amt zu erleichtern.“

Werres nahm sich zusammen, er drängte diese Flucht von Gedanken, Hoffnungen – und Befürchtungen zurück. „Von Ihrem Standpunkt haben Sie richtig gehandelt, das gebe ich zu,“ – sagte er ernst – „aber ich von dem meinigen kann – nein, ich kann diesen Schritt nicht billigen!“ – Der Sanitätsrat starrte ihn ratlos an. „Sie von Ihrem Standpunkt? … Ich verstehe Sie wirklich nicht?“ – Werres war aufgestanden und lehnte sich an seinen Schreibtisch; seine Augen hatte er zu Boden geschlagen und seine Stimme klang wieder so merkwürdig gepreßt. – „Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig – jetzt haben Sie mich zum Reden gezwungen, Herr Sanitätsrat! Denn ich will nicht, daß es später heißt: Der Doktor Werres hat nur deshalb seine Erfolge so ängstlich verschwiegen, weil er diese Belohnung für sich allein haben wollte – aus Habgier also! – Bis jetzt konnte ich das, was ich wußte, verheimlichen, weil niemand mir daraus auch nur den geringsten Vorwurf machen kann! Jetzt, nachdem Sie diese Summe ausgesetzt haben, muß ich sofort meinem Vorgesetzten Mitteilung machen. Denn ich habe Erfolge gehabt, Herr Sanitätsrat – ich glaube dem Mörder auf der Spur zu sein. Aus Ehrgeiz – und um mir durch die Entdeckung dieser geheimnisvollen Mordtat eine baldige Anstellung zu erwirken, deshalb schwieg ich – nur deshalb!“ Der alte Herr schüttelte leicht den Kopf. „Jetzt sage ich Ihnen, Herr Doktor,“ meinte er freundlich, „daß Sie von Ihrem Standpunkt als Ehrenmann einen voreiligen Schritt tun wollen, etwas, was ich von dem meinigen auch nicht billigen kann. Ihre Absicht in Ehren – aber als der Ältere darf ich auch als Ehrenmann Ihnen wohl einen wohlmeinenden Vorschlag machen: Behalten Sie das, was Sie wissen, ruhig weiter für sich. Es genügt, daß Sie mir gegenüber Ihre Bedenken – Ihre Befürchtungen geäußert haben! Seien Sie versichert, Herr Doktor, daß, wenn ich bei wirklich erfolgtem glücklichen Gelingen Ihrer Pläne die Motive Ihres Schweigens erkläre und noch hinzufüge, daß ich mit der Geheimhaltung einverstanden war, niemand es wagen wird, Ihr Verhalten ungünstig zu kritisieren. – Nehmen Sie an,“ fuhr der Sanitätsrat fort, als Werres schwieg – „daß ich Sie von heute an – privatim mit diesen Recherchen beauftragt habe, daß Sie seit heute sozusagen in meinen Diensten stehen. Ich weiß, das kollegiale Gefühl sträubt sich in Ihnen, allein die Vorteile Ihres Könnens zu genießen; aber, lieber junger Freund, das Leben verlangt Egoisten und – nicht alle würden ehrenhaft genug sein, sich mit derartigen Erwägungen zu quälen.“

Werres schaute auf. „Ich habe mir’s überlegt, Herr Sanitätsrat; – gut, wenn Sie den Herrn Polizeipräsidenten bitten wollen, daß ich von heute ab mich als Ihr … Privatdetektiv betrachten darf, ich also vom Dienst bis auf weiteres vollkommen beurlaubt werde und der Herr Präsident das genehmigt – dann nehme ich Ihren Vorschlag an! – Die Motivierung Ihrer Bitte bleibt Ihnen überlassen, Herr Sanitätsrat. Ich möchte Sie nur ersuchen, dem Herrn Präsidenten keinen Einblick in unsere Privatangelegenheit zu geben – Sie verstehen mich wohl!“ Dr. Friedrichs nickte. „Ich werde noch heute den Präsidenten aufsuchen – er ist [228] ein alter Bekannter von mir; ich denke, die Sache wird sich arrangieren lassen. Doch nun, Herr Doktor – würden Sie mir jetzt ganz kurz mitteilen, was Sie wissen, eben die Erfolge Ihrer bisherigen Nachforschungen?“

Werres zögerte. Dann sagte er nachdenklich – „Ob ich Sie, Herr Sanitätsrat, in alles einweihen soll? – Offen gestanden, ich bin in dieser Beziehung beinahe abergläubisch. Würde ich Ihnen nun meine Kombinationen in ihrem sehr subtilen, auch sehr lose fundamentierten Aufbau erzählen und nachher mißglückten mir meine weiteren Unternehmungen – ich würde mir dann immer Vorwürfe machen, daß ich mir selbst die Aussicht auf Erfolg verbaut hätte! – Sie lächeln ungläubig, Herr Sanitätsrat – aber es ist so, und ich glaube, wir alle vom Fach neigen zu diesem Aberglauben! Doch ich sehe ein, daß Sie jetzt ein Recht auf mein Vertrauen haben, daher will ich Ihrer Bitte willfahren – allerdings nicht ganz – ich will Ihnen nur ganz allgemeine Andeutungen machen, die Ihnen aber wohl genügen werden. – Ich bin dem Mörder Ihres Bruders auf der Spur seit dem Mordtage, ich habe aber noch keine Beweise, die zu seiner Überführung genügen könnten. Diese Beweise werde ich beschaffen – es fehlen nur noch wenige Glieder einer Kette, und diese Kette wird fertig geschmiedet, verlassen Sie sich darauf, Herr Sanitätsrat! Den Namen des Täters will ich für mich behalten. – Noch eins! Ich selbst kämpfe fast täglich mit Zweifeln, die mir über die Zuverlässigkeit meiner Kriminalbeamten kommen; es hat sogar eine Stunde gegeben, wo das mühsam zusammengetragene Belastungsmaterial mir völlig belanglos und unrichtig erschien. Der Täter hat sein Alibi nachzuweisen versucht – nebenbei der Baron von Berg ist es nicht – und ich hatte diese seine Angaben geprüft – und erfuhr, daß sie stimmten – scheinbar stimmten. Denn das, was ich gesehen, blieb trotz alledem bestehen und jenes Alibi kann – nein, muß falsch gewesen sein.“ – Der Sanitätsrat lächelte fein. „Viel ist das nicht, was ich da erfahren habe – und klüger bin ich dadurch nicht geworden. Aber nehmen Sie es als Zeichen meines Vertrauens hin, daß ich nicht weiter in Sie dringe. – Und nun adieu, Herr Doktor! Die Antwort des Polizeipräsidenten hoffe ich Ihnen noch heute bringen zu können.“


11. Kapitel.

Werres setzte sich, nachdem der Sanitätsrat ihn verlassen hatte, an seinen Schreibtisch und grübelte. – Hatte er recht gehandelt, daß er das Anerbieten des alten Herrn angenommen?! Würde man ihn nicht trotzdem hinter seinem Rücken bereden, würden diese Menschen, denen er so wie so ein Dorn im Auge war, der Kommissar, der Staatsanwalt, wohl auch der Rat Scheller, ihn nicht noch mehr ihre Abneigung fühlen lassen, würde er nicht noch einsamer sein, als jetzt schon?! – Werres seufzte. Dann dachte er wieder an die Worte des Sanitätsrats – „Das Leben verlangt Egoisten!!“ – Ein Klopfen an der Tür schreckte ihn auf. Es war Grosse, der andere Kriminalbeamte, den Werres sich für seine Zwecke ausgesucht hatte.

„Es hat ein bißchen lange gedauert, Herr Doktor“ – sagte Grosse vertraulich, nachdem er seinen Filzhut an den Kleiderhaken gehängt hatte – „aber die Sache war nicht leicht, nein, ich hatte sogar öfters Unannehmlichkeiten gehabt – aber nun bringe ich Ihnen auch ganz bestimmten Bescheid. Er zog sein dickes Notizbuch hervor und blätterte darin.

„Es gibt hier in der Stadt sechs bessere Restaurants, in denen in separierten Zimmern des öfteren gespielt wird. Ein Herr, wie Sie ihn mir beschrieben haben, soll regelmäßiger Gast bei „Helfrich“ in der Hundegasse sein, aber der Herr heißt leider nicht Werner und ist auch nicht Arzt.“

„So … na dann ist es eben der Gesuchte nicht – dann heißt es weiter suchen …!“ sagte Werres ohne jeden Mißmut in der Stimme.

„Ja, weiter suchen, Herr Doktor! Das Schlimme ist nämlich, daß es einen Arzt namens Werner hier in der Stadt gar nicht gibt …!“ Werres tat erstaunt.

„Nein – ich habe die Adreßbücher der letzten Jahre durchgeblättert und mich auch auf dem Einwohnermeldeamt erkundigt – der Herr existiert nicht …“

„Schade – das ist nun wieder nichts,“ sagte Werres bedauernd.

„Ja – schade um alle die Lauferei und dieses Ausfragen der Kellner! … Und wir kommen keinen Schritt vorwärts … und Herr Doktor wissen wohl schon, dabei wäre ein Stück Geld zu verdienen …!!“

„Ich weiß,“ sagte Werres kurz. Dann stand er auf und trat an das Fenster. „Wer ist denn eigentlich dieser Herr, der unserem verschwundenen Arzt Werner so ähnlich sieht?“ fragte er nach einer Weile. Der Kriminalbeamte sah nicht, welche Spannung sich auf dem Gesichte seines Vorgesetzten ausdrückte.

„Den werden Sie kennen, Herr Doktor,“ meinte Grosse lebhaft – es ist der zweite Kassierer der Friedrichsschen Bank …“

[250] So – na der Herr geht uns nichts an; aber eigentlich sollte man doch einmal gegen diese geheime Spielhöllen vorgehen,“ sagte Werres leichthin. „Wird denn hoch gespielt in diesen separierten Zimmern?“

„Der Kellner bei Helfrich meinte ja. – Er hat die Herren öfters bedient und dabei auch Papiergeld auf dem Tische gesehen …“

„So so! Die Nester können wir später ja ausheben, vorläufig haben wir bessere Arbeit.“ – Werres kam wieder an den Tisch zurück und nahm seine Aufzeichnungen zur Hand. „Beinahe hätte ich etwas vergessen, Grosse“ – sagte er dann. „Setzen Sie sich hin, da haben Sie einen Briefbogen und nun schreiben Sie: „Sehr geehrter Herr Baron! Im Interesse der Untersuchung im Falle Friedrichs bitte ich Euer Hochwohlgeboren um gefällige baldige Einsendung Ihrer Photographie, die möglichst neueren Datums sein muß. Mit vorzüglichster Hochachtung – Dr. jur. Werres, Polizeipräsidium zu X.“ – „So, und nun noch die Adresse. – Seiner Hochwohlgeboren Herrn Baron von Berg, Scherwinden per Salan – – ! – Vorläufig hätte ich für Sie weiter nichts, Grosse. Aber melden Sie sich morgen vormittag bei mir.“ – Werres war wieder allein. Er steckte den Brief in das Kuvert und klebte den Umschlag zu. Dabei lächelte er vor sich hin; es war sein altes ironisches Lächeln. – Das sind nun Kriminalbeamte, dachte er geringschätzig. Diese Leute bringen mir die wertvollsten Nachrichten – merken nichts! Und dieser Grosse! Muß der Mensch mich für dumm halten, daß ich ihn einen Arzt Werner suchen lasse, den es gar nicht gibt …! Und dann murmelte Werres eine Bezeichnung vor sich hin, die für die beiden Beamten gerade keine Schmeichelei war. – Als er den Brief mit einer Marke versehen hatte, packte er seine Blätter zusammen, schloß sie in die Schublade seines Tisches ein und zog die Uhr.

„Einhalb zwölf – da könnte ich gerade noch zum – Frühschoppen zu Helfrich gehen. Ich muß mir dieses Restaurant doch einmal ansehen. – Aber der Sanitätsrat? – Den spreche ich schließlich noch früh genug!“ Werres machte sich zum Ausgehen fertig und verließ dann das Zimmer. –

An demselben Vormittage hatte auch der Kommissar Richter mit seinem Abteilungsvorstand, dem Polizeirat Scheller, eine etwas erregte Aussprache. Der Rat machte dem Kommissar Vorwürfe, daß die Untersuchung in der Angelegenheit Friedrichs so gar nicht vorwärts käme.

„Was haben Sie bisher erreicht – nichts – nichts! Der Herr Präsident macht mir Vorhaltungen, die Zeitungen schlagen einen Ton an, der uns nächstens zum Einschreiten veranlassen wird – und nirgends, aber auch nirgends ein Fingerzeig; eine aalglatte Affäre, die sich an keiner Stelle anfassen läßt!“ – Der kleine Rat fuchtelte ärgerlich mit den Händen in der Luft herum. „Und dabei ist noch das Schönste, daß wir genau wissen, wie dieser rätselhafte Doppelgänger des Baron von Berg aussieht – daß er eben dem Baron auf ein Haar gleichen muß, sonst hätte sich doch der Portier und der Laufbursche nicht so [251] täuschen lassen … Aber ihn finden …?! Keine Spur – nichts – wir sind heute nach einer Woche noch ebenso unwissend wie an dem Tage des Mordes! – Was haben Sie denn nun eigentlich in dieser Woche getan – in welcher Richtung betreiben Sie Ihre Recherchen …?“

Der Kommissar blickte finster vor sich hin. „Da es sich nur um eine Person handeln kann, die den Baron von Berg genau kennt, die außerdem von den Verhältnissen in der Bank genau unterrichtet sein mußte, so habe ich zunächst nur festzustellen versucht, ob der Baron während seines hiesigen Aufenthaltes vor dem Morde mit irgend jemandem zusammen gewesen ist, der ihm vielleicht äußerlich etwas ähnlich sieht. Ich werde – das habe ich ja schon öfters gesagt – den Verdacht nicht los, daß dieser Herr von Berg an der Tat beteiligt ist. Denn nur dann läßt sich eine Erklärung für diesen rätselhaften Raubmord finden.

„Und diese Erklärung wäre?“ fragte der Rat, ohne jedoch viel Interesse zu zeigen.

„Wie die Vernehmungen unzweifelhaft ergeben haben, Herr Rat, konnte als Täter zunächst von den Angestellten der Bank niemand in Frage kommen. Man könnte ja vielleicht an den Prokuristen Westfal denken, der den Ermordeten zuerst aufgefunden hat. Aber wenn man bedenkt, daß gegen ¾11 ein Unbekannter, der der Baron von Berg nicht war, in das Privatkontor zu dem Bankier gegangen und daß dieser Unbekannte seitdem spurlos verschwunden ist, wenn man ferner das Zeugnis des Arztes in Erwägung zieht, wonach der Mord gegen ¾11 geschehen ist – dann muß sich auch ein Verdacht in dieser Richtung als hinfällig erweisen. Der Mörder ist jener Doppelgänger des Barons – daran ist wohl nicht mehr zu zweifeln. Aber dieser Mörder kann nur eine Person sein, die sowohl den Herrn von Berg genau kannte als auch gewußt hat, daß sich gegen ¾11 in dem Privatkontor die Summe von 150 000 Mark befand und die ferner ebenso bestimmt wissen mußte, daß der Baron diese Summe noch nicht abgeholt hatte – mit einem Wort, der Mörder hat – da an ein unvorbereitetes Verbrechen nicht zu denken ist – seinen Plan genau den obwaltenden Umständen angepaßt, und – nur diese eine Erklärung findet sich da – diese Umstände sind ihm von niemand anderem als dem Baron selbst zugetragen worden, können es auch nur sein, da kein Fremder diesen so wohl überlegten Plan fassen konnte. Daher habe ich zunächst nur feststellen wollen, ob der Baron – wie ich ja schon erwähnte – in der Zeit vor dem Morde mit einer Person vielleicht eine Besprechung gehabt hat. Diese Nachforschungen haben aber bisher kein Resultat gehabt. Dann hält sich der Kriminalbeamte Turski seit fünf Tagen in dem zu dem Rittergute des Barons gehörendem Dorfe Scherwinden in der Verkleidung eines Fettviehhändlers auf, um vielleicht dort etwas über diesen merkwürdigen Freund des Herrn von Berg zu erfahren. Turski hat leider nur berichten können, daß der Baron die Summe von 150 000 Mark zur Bezahlung …“

Der Rat unterbrach ihn. „Das weiß ich alles schon, Richter – Ihre Mutmaßungen, daß der Baron den Mörder sozusagen angestiftet hat oder doch mit ihm unter einer Decke steckt, verteidigen Sie wirklich mit einer anerkennenswerten Hartnäckigkeit. Leider muß ich Ihnen sagen, daß Sie selten so fehlgegriffen haben wie mit diesem, durch nichts begründeten Verdacht. Ich halte den Baron für vollkommen unschuldig … und, wie wir auf diese Weise weiter kommen wollen, wo wir so in der Irre herumsuchen, das weiß ich wirklich nicht!“ – Der Herr Rat war aufgestanden und schritt aufgeregt im Zimmer auf und ab. „Und wie ist’s mit dem Werres?“ fragte er lauernd.

Richter zuckte die Achseln. „Ich sagte Ihnen ja schon, Herr Rat – ich glaube, daß Werres besser unterrichtet ist, als es scheint …“

„Auch das ist irrig,“ polterte Scheller los – „dem jungen Herrn sind seine ersten Erfolge etwas zu Kopf gestiegen – jetzt spielt er den Geheimnisvollen und hofft, daß er mit der Zeit schon hinter diese rätselhafte Geschichte kommen wird – und dann will er uns weißmachen, daß er vom ersten Tage der einzig Eingeweihte war! Der tappt ebenso im Dunkeln wie wir! Ich habe mir eben den Grosse vorgenommen; erst wollte er ja nicht mit der Sprache herausrücken, da Werres vorsichtig wie immer ihm Stillschweigen anbefohlen hat – aber schließlich erzählte er mir dann … und was war’s?! Werres läßt da einen Arzt Werner suchen, den es hier in der Stadt gar nicht gibt und ist nachher unangenehm überrascht, als Grosse ihm beweisen kann, daß der Gesuchte gar nicht existiert! – Lächerlich!“

Der Kommissar horchte auf. „Also der Doktor sucht eine bestimmte Person …?! Ob dahinter nicht doch mehr steckt?!“

„Keine Rede – der forscht ebenso dem großen Unbekannten nach, wie Sie, Richter! Er probiert herum – bald hier, bald da … Haben Sie denn diese Ihre Verdachtsgründe gegen den Baron Werres mitgeteilt?“

„Werde mich hüten – er spricht sich zu mir auch nicht aus!“

„Das ist dieser vermaledeite Ehrgeiz bei euch,“ rief Scheller nun wirklich böse – „jeder schleicht herum und verbirgt dem andern das Wenige, was er zu wissen glaubt – und natürlich leidet die Untersuchung darunter!“

Der Kommissar schwieg. Er war nachdenklich geworden. Daß Werres da einer Person nachjagen sollte, die überhaupt nicht existierte – daran glaubte er nicht; dazu kannte er seinen Schüler doch zu gut. – Der Polizeirat blätterte in einem Aktenstück.

[252] „Was sagen Sie zu den ausgesetzten Belohnungen, Richter?“ fragte er, aufsehend.

„Vielleicht hilft’s, Herr Rat – wer kann wissen! An Überraschungen in dieser Hinsicht sind wir gewöhnt …“

„Wenn diese Überraschungen nur bald kämen! Die Zeit vergeht und mit jedem Tage werden die Aussichten für uns geringer. Und eigentlich – viel Hoffnung habe ich nicht! Wir sitzen fest – so fest wie selten!“ Dann sah er wieder die Akten ein.

„Die Banken, die Post, Restaurants und Hotels sind also verständigt?“

„Jawohl; auch nach auswärts sind die Verzeichnisse der geraubten Banknoten geschickt worden. Es ist ja möglich, daß der Mörder einen der größeren Scheine einzuwechseln versucht und dabei abgefaßt wird.“

„Ja – möglich!“ lachte der Rat ärgerlich. – „Meinen Sie denn wirklich, Richter, daß ein so raffinierter Kopf, wie dieser Unbekannte es sein muß, die Unvorsichtigkeit begehen wird und von den Banknoten eine ausgibt! Nein, da können wir lange warten! Dieser mysteriöse Doppelgänger des Baron von Berg wartet bis Gras über die Geschichte gewachsen ist und genießt dann in Ruhe als Privatier seine Zinsen …“ – Bei diesen sarkastischen Worten schaute der Polizeirat den Kommissar nicht gerade sehr freundlich an. Richter schwieg verlegen. Scheller, der vor seinem Untergebenen stehen geblieben war, nahm seine Promenade durch das Zimmer wieder auf.

„Wird uns nicht viel Ruhm einbringen, dieser rätselhafte Mord!“ brummte er vor sich. „Was halten Sie davon, Richter wenn man einmal in den Buchdruckereien nachfragen läßt, ob vielleicht jemand Visitenkarten des Barons hat drucken lassen?“

„Ist schon geschehen, Herr Rat, ich vergaß Ihnen das zu sagen. Außerdem hat Herr von Berg versichert, daß die in dem Mordzimmer aufgefundene Karte zweifellos ihm gehöre. Wie sie allerdings da auf den Tisch gelangt ist, weiß er nicht und ebenso hat er angegeben, daß er sich nicht besinne, in letzter Zeit dem Bankier seine Karte hingeschickt zu haben, um sich anmelden zu lassen.“

Scheller schüttelte den Kopf. „Überall, wo wir hingreifen, zerfließt uns ein Truggebilde in nichts … und da soll nun ein Mensch noch Lust haben, sich weiter mit der Friedrichsschen Sache zu befassen.“

„Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf,“ sagte der Kommissar plötzlich lebhaft.

„Ich habe sie schon aufgegeben!“ Und der Rat warf ärgerlich das Aktenstück in ein Schreibtischfach zurück. – „Sie können dann gehen, Richter, und …“ Das Übrige verschwand in undeutlichem Gemurmel.

Der Kommissar kehrte eilig in sein Zimmer zurück, als treibe ihn ein neuer Gedanke vorwärts. Er drückte dreimal auf den Knopf der elektrischen Leitung und stellte sich dann wartend an das Fenster, bis nach kurzer Zeit der Kriminalbeamte Behrent erschien.

„Behrent, kommen Sie mal näher und hören Sie zu – und, die Hauptsache! – zu niemandem ein Wort von dem, was ich Ihnen jetzt sage. Sie werden von heute an den Dr. Werres beobachten – Sie gehen ihm nicht von den Fersen –! Verstanden?! Und ganz unauffällig natürlich; wählen Sie irgend eine Verkleidung – und sperren Sie Augen und Ohren auf!“ – Der Beamte schaute seinen Vorgesetzten fragend an. „Den Dr. Werres?“ meinte er erstaunt.

„Befolgen Sie meine Befehle – zu fragen haben Sie hier nichts,“ sagte Richter übelgelaunt. „Und zwar beginnen Sie heute schon Ihre Aufgabe – gleich! Und fangen Sie die Geschichte nicht ungeschickt an … ich könnte unangenehm werden!“

Behrent stieg die Treppe zu den im Parterre gelegenen Bureaus hinab und dachte ziemlich achtungswidrig – „Was will er von dem?! Der Werres …?!! Na so ein Unsinn.“


12. Kapitel.

An demselben Tage abends gegen 7 Uhr betrat Dr. Werres das in der Hundegasse gelegene Restaurant Helfrich. Er war bereits am Vormittage dort gewesen, hatte mehrere Krüge des gutgepflegten Münchener Bieres getrunken und dazu die Frühstücksspezialität des Lokals, Frankfurter mit einer sehr scharfen beißenden Meerrettichsauce[7], gegessen. – Das Restaurant bestand aus zwei großen Räumen, war einfach, aber ziemlich sauber eingerichtet und besaß ein Stammpublikum, das sich aus den besseren Kreisen zusammensetzte. Werres hatte sich am Vormittag mit dem Kellner in ein ganz nebensächliches Gespräch eingelassen, ein gutes Trinkgeld gegeben und sich auch nach dem Preise des Abendessens für Abonnenten erkundigt. Er kaufte sich für vier Mark sechs Eßmarken und, als er nach einer Stunde das Restaurant verließ, dachte sich der Kellner, daß er in dem freundlichen Herrn einen neuen Stammgast gefunden hätte.

[274] Als Werres abends wiederkam, war der vordere Raum noch ziemlich leer. Nur an zwei Tischen saßen zwei einzelne Herren und lasen bei einem Glase Bier ihre Zeitungen. Werres suchte sich seinen Platz so aus, daß er die Tür im Auge behalten und auch das Nebenzimmer möglichst überblicken konnte, aus dem lautes Stimmengewirr hervortönte. Da saßen in einer Ecke an einem großen, runden Tisch ungefähr ein Dutzend älterer Herren, – ein fester Stammtisch von Ärzten und Juristen, wie Werres nachher von dem Kellner erfuhr. – Zuerst bestellte er sich einen halben Liter „Münchener“ und ließ sich dann die Speisekarte geben. Der Kellner brachte ihm ohne Aufforderung eine Abendzeitung, in die sich der Doktor, nachdem er bestellt hatte, anscheinend vollständig vertiefte.

Die Tür öffnete sich und ein neuer Gast, ein kleiner korpulenter Herr mit kurzgehaltenem, dunklem Vollbart und einem Zwicker auf der Nase erschien und schaute sich ungeniert nach einem ihm genehmen Platze um. Plötzlich setzte er sich Werres gegenüber an die andere Seite des Zimmers, verlangte ein Glas Grog und putzte dann umständlich seinen Zwicker, ohne sich um die Anwesenden zu kümmern. Als er damit fertig war, erhob er sich schwerfällig und suchte sich von den an einem Ständer hängenden Zeitschriften einige heraus.

Werres hatte den Eintretenden schnell und scharf gemustert; und plötzlich flog’s wie ein Erkennen über sein Gesicht. Aber ruhig las er seine Zeitung weiter und kein einziger Blick traf den korpulenten Herrn, der sich nun ebenfalls hinter das große Format eines Berliner Blattes verborgen hatte. – Werres hielt den Kopf gesenkt, denn das Lächeln auf seinem Gesicht verstärkte sich wieder zu diesem Ausdruck überlegenen Hohnes, das seine gleichmütigen Züge immer entstellte, wenn er einer Dummheit seiner Mitmenschen auf der Spur war. Er hatte den Kriminalbeamten Behrent erkannt, der bei seiner sonst ganz gelungenen Maskierung leider nicht mit den allzuguten Augen des Doktors gerechnet zu haben schien. – Werres Gedanken arbeiteten blitzschnell. Während er auf dieselbe Stelle seiner Zeitung hinstarrte, ohne weiter zu lesen, überlegte er. – War es Zufall, daß Behrent hier so kurz nach ihm erschien, oder – und Werres blieb beinahe der Atem weg – sollte dieser gar nicht untalentierte Beamte dieselbe Fährte verfolgen wie er?! – Ich werde mir bald darüber Gewißheit verschaffen, beruhigte er sich und versuchte seine Lektüre fortzusetzen. Aber sein an schnelle Kombinationen gewöhnter und jetzt durch die Gegenwart des Kriminalbeamten angeregter Geist ließ sich so leicht nicht ausschalten. Er legte die Zeitung beiseite, da gerade der Kellner ihm das Essen zu servieren begann, und begann dann langsam seine Mahlzeit. Während er vorsichtig das Fleisch von der Gänsekeule löste, spielten seine Gedanken weiter … Nein – es ist unmöglich, Behrent kann nicht denselben Verdacht haben. Wie sollte er auch? War’s doch mehr ein glücklicher Zufall, daß ich so schnell diese Spur fand … Wenn Behrent etwas ahnte, das Richtige ahnte, dann würde mich Richter nicht in einer für ihn so demütigenden Weise ausgefragt haben, da ja der Kommissar und jener immer [275] gemeinsame Sache machen und der Beamte Richter sicherlich ins Vertrauen gezogen hätte …“ – Werres trank schon merklich ruhiger einen Schluck des vorzüglich gehaltenen Müncheners und setzte dann seine Mahlzeit fort. „Aber was tut Behrent in dieser Verkleidung hier?“ überlegte er weiter. Und daß er wenige Minuten nach mir kam und sich mir gegenüber setzte – sollte das wirklich nur Zufall sein?!“

Plötzlich legte Werres Messer und Gabel hin und lehnte sich in seinen Stuhl zurück; beinahe hätte er leise durch die Zähne gepfiffen. – Er war auf das Richtige gekommen: Behrent, zu dem der Kommissar das meiste Vertrauen hatte, war von diesem zu seiner Beobachtung beordert worden. – Der Doktor lächelte wieder vor sich hin, dieses Mal recht vergnügt. Ein Kriminalbeamter, der einen Kollegen belauert, eigentlich doch ein ganz scherzhafter Gedanke! – Aber das Lächeln verschwand schnell. Die Entdeckung, die er da eben gemacht hatte, war doch weniger harmlos, zeigte vielmehr, mit welch unlauteren Mitteln sich Richter von seinen Absichten und Plänen Kenntnis verschaffen wollte! – Feine Taktik, nur schade, daß dieser auf seine Art raffinierte Kriminalkommissar ihn so wenig kannte!“ – Werres schaute unauffällig zu dem Beamten hinüber, der anscheinend mit vielem Vergnügen ein Witzblatt studierte. – „Aber ich muß ihn hier weggraulen,“ sagte sich der Doktor weiter; „der Mann ist mir unbequem und außerdem möchte ich meinem Herrn Vorgesetzten baldigst zeigen, daß er’s mit mir doch etwas schlauer anfangen muß!“ Er schob den Teller von sich und warf die Serviette zusammengeknüllt auf den Tisch. Der Kellner trug ab und brachte ihm dann einen neuen Krug.

Nach einer Weile stand Werres auf und ging quer durch das Zimmer an den Zeitungsständer, wo er unter den Journalen herumsuchte. Wie enttäuscht wandte er sich schließlich ab und schaute zu Behrent hinüber, der neben sich auf dem Sofa verschiedene illustrierte Zeitschriften liegen hatte. Zögernd ging er auf ihn zu und fragte höflich – „Gestatten Sie mir vielleicht den „Kladderadatsch“ auf wenige Minuten?“ Zuvorkommend reichte ihm der Beamte das Blatt hin, ohne sich aber im geringsten zu verraten. Und während Werres nun etwas vornübergebeugt den Kladderadatsch zusammenrollte, sagte er mit dem ernstesten Gesicht, als ob er mit dem Herrn auf dem Sofa nur einige Dankesworte austauschte – „Sie sollten Ihren Beruf aufgeben, Behrent – Sie haben sich Ihre Nase zu blaß gepudert …“ Dann ging er mit einer höflichen Verbeugung auf seinen Platz zurück.

Das kleine Intermezzo war im Lokal nicht aufgefallen, wie Werres sehr bald feststellte, trotzdem der Kriminalbeamte wie erstarrt dasaß und sekundenlang seinem Gegenüber erschreckt nachschaute. Der Doktor zündete sich in aller Gemütsruhe eine Zigarette[8] an und nahm dann seine Abendzeitung wieder zur Hand. Die Nummer des Kladderadatsch ließ er unbeachtet neben sich liegen. Es dauerte nicht lange, da klingte Behrent gegen sein Glas und bezahlte. Der Kellner half ihm in den Mantel – dann schlug die Tür hinter dem Beamten zu. Werres hatte nicht aufgesehen; er war froh, daß er seinen Aufpasser so leichten Kaufs losgeworden war.

Die Zeit verging. Inzwischen waren noch mehrere Gäste gekommen und die beiden Räume des Lokals hatten sich ziemlich gefüllt. Die große Wanduhr schlug gerade mit dumpfen, langsamen Schlägen acht, als die Tür sich wieder öffnete und mit aufgeschlagenem Paletotkragen, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, ein Herr erschien, der Werres kaum erblickt hatte, als er auf ihn schon zusteuerte und ihn lebhaft begrüßte.

„Sagen Sie mal, wie geht es Ihnen denn? Man sieht Sie ja gar nicht mehr!“ Dann reichte er Hut und Paletot dem Kellner und setzte sich ohne weiteres zu Werres an den Tisch. „Angenehm bin ich Ihnen selbstverständlich, Kollege?!“ meinte er lachend. – Es war ein älterer Referendar, Dr. Möller, ein fideler Kauz, der sich seiner unverwüstlichen Laune wegen überall großer Beliebtheit erfreute. Möller bestellte sich nichts – der Kellner brachte ihm als altem Stammgast von selbst einen Halbliterkrug Echtes und fragte nur noch: „Haben Herr Doktor schon gegessen?“ Als dieser nickte, verschwand er wieder.

Der Referendar erkundigte sich eingehend nach Werres Tun und Treiben und schließlich lenkte sich das Gespräch auch auf die Angelegenheit Friedrichs.

„Da haben Sie nun wohl reichlich Beschäftigung?“ fragte er interessiert.

„Es geht, die Arbeit verteilt sich bei uns sehr.“

„Aber undankbar!“ meinte Möller bedauernd. „Schon die Zeitungen allein müssen Ihnen mit den ewigen Sticheleien die Sache verleiden! Na, in der Haut des mit dem Fall betrauten Kriminalkommissars möchte ich auch nicht stecken! – Wirklich eine geheimnisvolle, ganz unerklärliche Sache – habe selbst darüber manchen Übermittag nachgegrübelt, wenn ich auf meinem Diwan lag und zur Verdauung Gott Morpheus erwartete; aber der alte Herr kam regelmäßig sehr schnell; denn je länger man darüber nachdenkt, desto schneller verwirren sich die Gedanken und man ist eingeschlafen! Aber einiges habe ich mir in meinem klassisch reinen Juristenhirn doch zusammengeknobelt.“

Werres rauchte schweigend einige Züge und sagte dann achselzuckend: „Mögen die Zeitungsschreiber nur über die unfähige Polizei herziehen – noch ist nicht aller Tage Abend – und wer zuletzt lacht, lacht bekanntlich am besten!“

Möller schaute seinen Nachbar prüfend an. „Meinen Sie das nun wirklich ernst?“ fragte er ungewiß. „Nach dem was Sie eben sagten, müßte ja die Kriminalpolizei doch eine Spur verfolgen … und bisher hat man davon leider nichts gehört.“


[276]
13. Kapitel.

Mehrere Herren betraten das Lokal, grüßten Möller und gingen dann durch das erste Zimmer weiter in den Nebenraum. Einer dieser Herren, der auch Werres eine knappe Verbeugung machte, war der zweite Kassierer des Friedrichsschen Bankinstituts.

„Kennen Sie Herrn Willert?“ fragte der Referendar eifrig.

„Ja, von den Recherchen in der Mordsache her,“ meinte Werres gleichmütig. „Scheint ein recht umgänglicher Mensch zu sein, wenigstens hat er mir damals bei der Vernehmung sehr gefallen.“

Möller räusperte sich. „Herr – wenn ich ehrlich sein soll, mir ist er nicht sehr sympathisch. Ich kenne ihn schon lange – für mich ist er zu ruhig, zu abwartend – zweifellos so ein Charakter, der sich niemandem offenbart.“

„Sollten Sie ihm nicht unrecht tun?“ sagte Werres langsam, aber ohne jeden Nachdruck in der Stimme. Der Referendar fiel auch wirklich auf diese eigentlich recht plumpe Anzapfung hinein.

„Nein, Kollege, dazu kenne ich den Willert zu gut,“ sagte er sich ereifernd. „Wissen Sie, der Mensch ist nun schon seit Jahren mit einem lieben, netten Mädchen heimlich verlobt, hätte die Sache längst veröffentlichen können – warum tut er’s nicht?! Kein Mensch weiß den Grund. Und das arme Geschöpfchen, seine Braut, leidet darunter. Ich kenne sie persönlich, da ihre Mutter, eine Frau Rechnungsrat Schwarz, mit meiner verstorbenen Mutter viel verkehrte. Ich – ich fürchte beinahe, daß dem Willert diese Partie jetzt nicht mehr genehm ist. Das Mädel ist arm, die Mutter Witwe, die beiden Frauen stümpern sich so recht ehrlich durchs Leben! – Denn, unter uns gesagt, Willert hat Schulden – und sicher nicht geringe! Außerdem ist er … na, das ist beinahe indiskret – also Schluß damit! Aber wenn ich an dieses Mädel denke, an seine Braut, da packt mich immer so eine gelinde Wut gegen den Ke… Herrn!“ verbesserte er sich schnell.

Werres war sehr nachdenklich geworden. Er blies den Rauch seiner Zigarette[9] langsam von sich und meinte gutmütig: „Man merkt, daß Sie selbst eine kleine Schwäche für diese junge Dame haben.“

„Das gebe ich zu … Sie ist aber auch wirklich ein so liebes Mädel – und dieser Willert – für den ist sie zu schade, viel zu schade …!“

Werres Gesicht schien unbeweglich wie immer. Aber seine Gedanken reihten blitzschnell das eben Gehörte an seine bisherigen Feststellungen ein; die Kette schloß sich immer mehr. Und während er gleichgültig vor sich hinschaute, triumphierte er innerlich. Was hatte ihm dieser Abend gebracht?! Viel mehr, als er erwarten konnte. Und wie ahnungslos hatte sich dieser Referendar auf den Kassierer reizen lassen – welch glücklicher Umstand, daß Möller in seiner offenbaren Eifersucht sich zu diesen für ihn so wertvollen Äußerungen hinreißen ließ.

Möller sah nach der Uhr. „¾9 … Sie müssen mich schon entschuldigen Kollege – aber ich habe da im Hinterzimmer eine Verabredung.“ Werres horchte auf. Sollte der Referendar etwa auch zu dieser Spielgesellschaft gehören, die ja hier irgendwie in einem besonderen Raum ihre geheimen Zusammenkünfte haben sollte?!

„Schade,“ sagte er bedauernd – „ich freue mich immer, wenn ich einmal einen Bekannten treffe – ich gehe so selten aus …“

Möller schien zu überlegen. Dann sagte er zögernd: „Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Kollege – aber bitte um Ihre Diskretion.“

„Die sollen Sie haben …“

„Also – hm – da im Hinterzimmer findet sich so allabendlich eine geschlossene Gesellschaft zusammen – einige Kollegen, Offiziere, reiche Kaufmannssöhne, bisweilen auch ein Herr Agrarier – und – nun schrecken Sie nicht zusammen – es wird gespielt!“

„Zusammenschrecken?! Ich bin früher in besseren Zeiten auch eine wütende Jeuratte gewesen,“ meinte Werres ruhig.

„So? Das wundert mich eigentlich bei Ihrer durch nichts zu erregenden Gemütsart. Da sieht man aber wieder – das Jeu hat selbst die verständigsten Leute in seinen Klauen … Also es wird gespielt, nicht gerade sehr hoch, aber die hochwohlweise Polizei dürfte doch nicht dahinter kommen, schon des Wirtes wegen! Wenn Sie wollen, ich führe Sie ein. Es ist eine ganz fidele Gesellschaft – und Sie brauchen ja nicht mitzuspielen – nur eben Diskretion!“

Werres tat, als überlege er sich die Sache noch. Dann meinte er: „Wenn Sie so liebenswürdig sein wollen, Kollege – mir ist’s nämlich noch zu früh heimzugehen und auch zu langweilig, hier allein Zeitungen zu lesen.“ –

Sie beglichen ihre Rechnung, gaben dem Kellner noch einen Wink, daß er ihre Sachen in das Hinterzimmer bringen sollte und gingen dann durch den zweiten Raum und über einen langen Korridor auf eine Tür zu, an der ein Schild mit der Aufschrift – „Privatwohnung“ hing. Möller klopfte an und die Tür öffnete sich. Sie traten ein. Es war ein großes zweifenstriges Zimmer, darin ein Kronleuchter, drei Tische, zwei hochlehnige Paneelsofas und einiger Wandschmuck, der darauf schließen ließ, daß bei der Dekoration dieses Raumes mehr Geschmack und mehr Geld aufgewendet war als drüben in dem vorderen Lokal. Die Tür nach dem Korridor hatte man mit einer dicken Wollportiere verhängt – wahrscheinlich um den Schall abzudämpfen. Möller stellte seinen Begleiter vor und meinte dann mit erhobener Stimme in seiner kalaurigen Art: „Meine Herren, für uns den harmlosen Kegelklub „Arbeit“ ist heute ein wichtiger Tag, da wir heute zum erstenmal einen Vertreter der heiligen Hermandad in unserer Mitte begrüßen dürfen – Herr Referendar Dr. jur. Werres, Hilfsarbeiter der Kriminalabteilung unseres Polizeipräsidiums! Der Herr Gast gehört also sogar zu der gefährlichsten Zunft: Kriminalabteilung! – Ich habe den Herrn natürlich“ – fügte er ernst hinzu – „in der üblichen Weise zum Schweigen verpflichtet.“ –

[298] Zwei Stunden später. In dem Hinterzimmer des Restaurants Helfrich standen und saßen um zwei zusammengeschobene, unbedeckte Tische an die zwölf Herren herum. In der Luft hing dicker Rauch, der das Gas trübe brennen ließ und bei jeder Bewegung eines der Anwesenden hin und her wallte. Die Herren hatten ihre Getränke auf Stühle, den dritten Tisch, auch auf die Fensterbretter gestellt und warteten, daß der Bankhalter das neue Spiel auflege. Es wurde Kartenlotterie[ws 2], oder, wie es allgemein genannt wird, „Gottes Segen bei Kohn“ gespielt.

Werres stand in der Nähe des Bankhalters, ruhig und leidenschaftslos wie immer und schaute nochmals flüchtig auf die drei Karten, die er in der Hand hielt. Möller rührte sich am Fenster seinen Grog zurecht, und als der Bankhalter nun, nachdem ein Spiel gemischt und abgehoben war, ausrief: „Herz Neun Freilos!“ – kam er an den Tisch, zeigte eine seiner Karten, eine Herz Neun, vor und erhielt dafür eine andere von einem kleinen Häuflein, das neben dem Bankhalter lag. Dieser breitete nun je zwei und zwei Karten von dem vorher durchgemischten Spiel in vier Reihen untereinander aus, und zwar so, daß die Kartenbilder auf die Tischplatte zu liegen kamen. Dann zog er die neunte Karte ab und rief wieder: „Großes Los, Pique As.“ – Es meldete sich einer der Herren und erhielt seinen Gewinn, das neunfache des für die Karte bezahlten Betrages, ausgehändigt, wovon er allerdings ein Neuntel wieder in eine in der Mitte des Tisches stehende große Schale – die sogenannte Pinke – abgeben mußte. Der Gewinner des „großen Loses“ hatte die Karte mit 10 Mark bezahlt und steckte gleichmütig den Gewinn von 80 Mark in die Tasche, den ihm der Bankhalter aus einem vor ihm liegenden Haufen Gold- und Silbergeld, der auch einige Scheine enthielt, ausbezahlte.

Werres war in der dritten Ziehung mit seinem Einsatz herausgekommen, Möller dagegen hatte seine 40 Mark für vier Karten verloren.

„Ich habe heute wieder ein Pech,“ räsonierte er – „unglaublich! Ich muß mir einen anderen Platz suchen, vielleicht hilft das!“ Er ging um den Tisch herum und stellte sich neben den Kassierer Willert.

„Wie geht’s Ihnen heute denn?“ fragte er diesen. „Erbärmlich schlecht wie immer –“ meinte Willert achselzuckend.

Es begann ein neues Spiel. Werres kaufte wieder drei Karten à 10 Mark. Er hatte bisher gegen 90 Mark verloren; diese 30 Mark, mit denen er jetzt seine Karten bezahlte, waren der Rest seines Geldes. Zufällig hatte er eine für ihn recht hohe Summe heute in der Tasche. Am Nachmittag war nämlich der Sanitätsrat Friedrichs bei ihm gewesen und hatte ihm mitgeteilt, daß der Polizeipräsident zuvorkommend seine Bitte genehmigt habe und daß Werres sich nunmehr als sein Privatdetektiv – wie der alte Herr lächelnd sich ausdrückte – betrachten könne. Der Präsident war ohne Zögern auf den Vorschlag des ihm schon länger bekannten Dr. Friedrichs eingegangen.

„Wenn Sie Vertrauen zu dem Herrn haben – bitte, ich beurlaube ihn gern vollständig vom Dienst,“ hatte er liebenswürdig [399] geäußert. „Außerdem ist Herr Dr. Werres vorläufig bei uns nur informatorisch beschäftigt – auch aus dem Grunde habe ich gegen Ihr Ansinnen nichts einzuwenden, Herr Sanitätsrat.“

Dieses hatte Dr. Friedrichs Werres mit sehr zufriedener Miene zu erzählen gewußt und dann etwas verlegen hinzugefügt: „Herr Doktor, ich hätte[10] nun noch eine Bitte, die Sie mir aber nicht falsch auslegen dürfen. Ihnen können durch die Nachforschungen Kosten entstehen, ich möchte auch, daß Sie kein Geld sparen, um zu einem Erfolge zu kommen. Daher gestatten Sie mir wohl, daß ich Ihnen hier vorläufig 500 Mark als … Vorschuß für etwaige Auslagen gebe.“

Werres hatte sich zwar gegen die Annahme des Geldes gesträubt, aber schließlich den dringenden Bitten des alten Herrn nachgegeben. Er sagte sich selbst, daß er leicht eine größere Summe plötzlich gebrauchen könnte – und er selbst besaß nichts, als seine 150 Mark monatlichen Zuschuß, den er von einem Bruder seiner verstorbenen Mutter regelmäßig am 1. jeden Monats zugeschickt bekam und die er noch dazu zurückzuzahlen sich verpflichtet hatte. Den 500 Mark-Schein ließ Werres am Abend durch seine Wirtin wechseln und steckte sich für alle Fälle, wie er sich sagte, von dem Gelde dann 100 Mark in sein Portemonnaie. Den Rest schloß er in seinen Schreibtisch ein. Da er selbst jetzt am Ende des Monats, es war der 26. April, noch gegen 25 Mark besaß, so hatte er sich an dem Spiel beteiligen können. Das tat er ohne Bedenken und griff auch ebenso die ihm eigentlich nicht gehörenden 100 Mark an, da ihm eine unbestimmte Ahnung sagte, daß der heutige Abend für ihn noch mehr Überraschungen bereit hatte.

Das neue Spiel wurde aufgelegt und Werres hatte seine letzten 30 Mark verloren. Er schaute wie zufällig zu Willert hinüber. Dieser stand da und schaute in Gedanken vor sich hin; seine sinnlichen, vollen Lippen waren fest aufeinander gepreßt und die Stirn ärgerlich gekraust. Auch er hatte wieder verloren. Ebensowenig war dem Referendar Möller das Glück hold gewesen.


14. Kapitel.

Als der Bankhalter gerade die Karten für ein neues Spiel mischen ließ, klopfte es in der bestimmten Weise an die Tür. Es wurde geöffnet und drei Herren traten ein – ein Oberleutnant des in X stehenden Grenadierregiments, ein Assessor und ein Gutsbesitzer, der zur Zeit bei demselben Regiment übte. Die Herren legten ab; der Kellner kam und es wurde mit allgemeiner Zustimmung eine Sektbowle bestellt, die aus der gemeinsamen Pinke bezahlt werden sollte.

Werres hatte sich in die Ecke eines Sofas gesetzt und beobachtete die einzelnen. Als nun der Bankhalter das neue Spiel ansagte, rief der neuhinzugekommene Gutsbesitzer laut über den Tisch: „Wie hoch geht’s?“ – „Bis 10 Mark“ antwortete ihm jemand. Da warf er drei 20 Markstücke. „Ich kaufe à 20,“ sagte er zu dem Bankhalter. „Bedauere,“ erwiderte dieser, „nur wenn mindestens fünf Herren um diesen erhöhten Einsatz spielen, darf ich Ihnen Karten à 20 Mark verkaufen – das ist hier Spielregel!“ – Die Umstehenden waren aufmerksam geworden. Da rief auch schon Willert dem Bankhalter zu: „Dann kaufe ich auch zu 20.“ – Schließlich einigten sich sogar fünf Herren, darunter auch Willert und der Gutsbesitzer, daß sie den Satz noch mehr erhöhen und die Karte mit 25 Mark bezahlen wollen. Der Referendar Möller schüttelte warnend den Kopf – „Kinder, Kinder, das geht heute wieder bis in die Puppen!“ Aber man hörte nicht auf ihn. Dann kam er und setzte sich verstimmt neben Werres auf das Sofa, indem er seine Beine weit von sich streckte und sich dehnte und reckte.

„Eigentlich doch ein Unsinn … nicht wahr?!“ meinte er gähnend. „Na, wieviel haben Sie ans Bein gebunden, Kollege?“

„120 Mark – genau,“ antwortete Werres ruhig.

„Ich sitze schon dicker drin – das mag Ihnen ein Trost sein,“ sagte er resigniert und strich sich nachdenklich über das nicht allzuvolle Haar. „Sie haben aufgehört?“ fragte er dann weiter.

„Ja, ich stehe vis a vis de rien – d. h. meine Kasse ist leer.“

„Wenn ich könnte, Kollege, würde ich Ihnen gern aushelfen – aber hier, das sind meine letzten Kröten!“ Er holte 5 Zehnmarkstücke aus seiner Jackettasche hervor und ließ sie durch die Finger gleiten. „Vorläufig spiele ich auch nicht – vielleicht habe ich später Glück,“ meinte er wieder gähnend. Dann legte er Werres vertraulich die Hand auf die Schulter und sagte in seiner ehrlichen, gutherzigen Art – „Schade, daß ich Sie in diesen Hexenkessel eingeführt habe. Hier holt der Teufel sich seine Seelen. Sehen Sie nur da den Willert an, der muß wieder unglaublich im Verlust sein. Wo der Mensch all das Geld hernimmt – ich verstehe das nicht.“

„Er wird doch sicher ein sehr gutes Gehalt haben,“ sagte Werres, sich völlig unwissend anstellend, trotzdem er über des Kassierers Einnahmen sehr wohl unterrichtet war.

„Das mag sein – aber was will das bei Willerts Ansprüchen und Ausgaben sagen, wenn er schließlich auch vielleicht seine 5000 Mark Gehalt hat – und soviel wird’s noch nicht einmal sein!“ Werres schwieg; er wußte, der Kassierer bezog alles in allem nur 4500 Mark.

„Den andern“ – spann der Referendar seine Betrachtungen fort – „schadet so ein kleiner Aderlaß nichts – mir ja auch nicht. Aber mit dem Willert …“ Das Weitere verschluckte Möller und hüstelte dann verlegen. „Nun müssen Sie wirklich denken, Kollege, daß ich auf den eifersüchtig bin, weil ich ihn so belauere … aber mir tut nur seine Braut leid … nur das!“

Werres schaute ihn lächelnd von der Seite an. Der Referendar wurde noch verlegener und lenkte ab. „Ich [300] denke, ich versuche das Glück nochmal – oder, hören Sie, ich habe eine Idee … Kaufen Sie für mich für mein Letztes zwei Karten à 25 Mark! Sie kennen doch diesen alten Spieleraberglauben, daß ein Dritter mit eigenem Gelde gewinnen soll!!“ – Werres tat Möller den Gefallen. Das Spiel wurde aufgedeckt – und er hatte für den Referendar das große Los mit 200 Mark gewonnen. Als er das Geld diesem aushändigte, meinte er kopfschüttelnd: „Manchmal macht sogar der Aberglaube selig!“

Möller klopfte ihm vergnügt auf die Schulter und sagte leise: „Werres – bitte – ich borge Ihnen hier 100 Mark – nein, Sie müssen’s nehmen … Sie wissen doch, geborgtes Geld bringt Glück im Spiel!“ Er drängte ihm das Geld auf, das Werres dann auch gleichmütig in die Tasche seines Beinkleides gleiten ließ.

Inzwischen hatte der Kellner die Bowle und ein großes Tablett mit grünen Römern hereingebracht, die Herren schenkten sich eifrig ein und die Stimmung wurde immer lebhafter. Die Stimmen klangen erregter, die Unterhaltung wurde in überlautem Tone geführt und mancher nicht ganz einwandfreie Witz mit einer Heiterkeit begrüßt, die die von Alkohol erhitzten Gesichter noch dunkler färbte. Als gerade ein Spiel beendet war, rief Willert, nachdem er hastig ein Glas des starken Getränks hinuntergestürzt hatte: „So ein Pech … kann mir einer der Herren mit Geld aushelfen, – ich habe mich verausgabt!“ – In seinem geröteten Gesicht flimmerten die Augen unstet und seine Stimme klang heiser und vibrierte leicht. Er hatte, ärgerlich über seine fortwährenden Verluste, der Bowle allzu reichlich zugesprochen und war angetrunken. – Auf seine Frage erhielt er keine Antwort; nur der Gutsbesitzer glaubte sich aus Höflichkeit verpflichtet, bedauernden Tones zu sagen: „Ich bin leider auch nicht genügend versehen, sonst …“ Die Übrigen schienen absichtlich Willerts Worte überhört zu haben. Da zog er sich eilig den Paletot an und nahm seinen Zylinder vom Kleiderständer. „Ich komme sofort wieder – die Herren bleiben doch noch – gehe nur nach Hause mir Geld holen …“ Damit war er auch schon hinaus.

Werres, der neben dem Oberleutnant Hilger stand und diesem auf einige Fragen, die natürlich die Mordaffäre betrafen, in seiner Weise recht wenig befriedigende Auskunft gegeben hatte, zog die Uhr. Es war fünf Minuten nach zwölf. Werres überlegte … Sollte der Kassierer wirklich noch eine derartige Summe zu Hause liegen haben, daß sie ihm ein Weiterspielen mit einer Aussicht auf Erfolg ermöglichte? Oder … sollte er so leichtsinnig sein, so unvorsichtig, eine andere Summe anzubrauchen, die er besser liegen ließ, bis … Gras über eine gewisse Affäre gewachsen war?! Und sollte er diese Summe wirklich zu Hause mit einer kaum zu verstehenden Frechheit eingeschlossen haben – fühlte er sich so sicher, daß er vom Alkoholdunst und der Leidenschaft des Spiels umnebelt, eine Dummheit begehen wollte, die ihm so leicht verhängnisvoll werden konnte?! Und weiter … ließ es sich denn nicht feststellen, ob Willert wirklich nach Hause ging?! – Werres lächelte vor sich hin … Ihm war ein Gedanke gekommen. Der Kassierer wohnte, wie er wohl wußte, in der Wrangelstraße. Von hier gebrachte jener, selbst wenn er sich einen Taxameter nahm, immerhin fünf Minuten zur Hinfahrt und dieselbe Zeit zur Rückfahrt – im ganzen ungefähr 12 Minuten – das Mindeste gerechnet. Kam Willert vor Ablauf dieser 12 Minuten zurück, so hatte er gelogen – dann hatte er gar nicht die Absicht gehabt nach Hause zu eilen, sondern irgendwo andershin … Aber wohin?! … Und diese Frage setzte allen weiteren Kombinationen eine unüberwindliche Schranke.

Inzwischen hatte Werres sich wieder am Spiel beteiligt, aber ohne jede Aufmerksamkeit. Er gewann … gewann. Das Goldgeld in der Tasche seines Beinkleides zog diese schon schwer herunter … Werres dachte an anderes. Keiner der Anwesenden ahnte, wie wenig ihn diese laute, lärmende Gesellschaft, dieses geisttötende für andere so nervenaufreibende Jeu kümmerte … Er war jetzt wieder nur Kriminalist, und der kühl und scharfsinnig abwägende Verfolger des geheimnisvollen Doppelgängers des Baron von Berg.

Die schrille Stimme des Bankhalters weckte ihn aus seinem Brüten auf. „Wer übernimmt die Kasse, meine Herren – ich habe zehn Spiele gegeben!“ – Es war hier Spielregel, daß der Bankhalter nach je zehn Spielen wechselte. Möller, der jetzt neben Werres stand, sagte: „Nehmen Sie die Bank, Kollege“ … und dieser setzte sich denn auch ohne Zaudern an die Schmalseite des Tisches und faßte in die Tasche seines Beinkleides, nur sein Geld hervorzuholen. Beinahe erschreckt fühlte er zwischen seinen Fingern eine Menge der schweren Goldstücke, und als er diese vor sich hinlegte, mußte er sich bei ganz oberflächlicher Taxierung sagen, daß er weit über 400 Mark in der kurzen Zeit gewonnen hatte. Gedankenlos waren die Gewinne von ihm eingesteckt worden, gedankenlos hatte er, weil’s die anderen auch taten, immer drei Karten zu 25 Mark gekauft … und gewonnen! Das geborgte Geld hatte ihm Glück gebracht – Möllers Aberglaube feierte an Werres einen weiteren Triumph!

Der Kellner hatte eine zweite Bowle gebracht und auf einem schmalen silbernen Tablett ausgebreitet Zigaretten. Auf allgemeinen Wunsch waren auf Sekunden unter den nötigen Vorsichtsmaßregeln die Fenster und die Tür geöffnet worden, um der schon nicht mehr einzuatmenden, stickigen Luft Abzug zu verschaffen. Dann gruppierte sich alles wieder um den Spieltisch.

[322] Als Werres das erste Spiel gerade auflegte, kehrte Willert zurück. Werres zog ruhig das große Los ab, zahlte dem Oberleutnant Hilger seinen Gewinn aus und sah dann flüchtig, wie absichtslos nach der Uhr. Es war 13 Minuten nach zwölf – Willert hatte gelogen, er hatte sich von Hause in 8 Minuten, die er nur gebraucht hatte – denn als er fortging, zeigte Werres Uhr fünf Minuten nach zwölf – kein Geld holen können. Das überlegte Werres sich blitzschnell und deckte dann die Karten weiter auf.


15. Kapitel.

Willert hatte Paletot und Zylinder aufgehängt und war den Tisch getreten. Er schaute dem Spiele eine Weile zu, ohne sich zu beteiligen. Dann schenkte er sich ein Glas Bowle ein und goß es herunter, ein zweites ebenso … Die Nachtluft schien ihn ernüchtert zu haben, wenn auch das unruhige Flimmern in seinen Augen geblieben war. Nun qualmte er nervös eine Zigarette und schaute unschlüssig auf den Tisch, der mit Aschenresten, Bowlepfützen und den Geldhäufchen der Spielenden bedeckt war.

Werres ließ die Karten für ein neues Spiel mischen. Das Häufchen Gold vor ihm war angeschwollen; auch zwei Hundertmarkscheine befanden sich darunter. Dann kauften die Herren; der Gutsbesitzer mußte stark im Verlust sein, da er seine vier Karten mit einem 500 Markschein bezahlte und sich 400 Mark herausgeben ließ; es war nicht die erste Banknote, die er gewechselt hatte. Werres kniffte den Schein zusammen und schob ihn unter einige Goldstücke – eigentlich absichtslos. Dann wollte er die Karten auflegen. Da rief die heisere Stimme des Willerts: „Geben Sie mir noch vier Karten à 25 Mark …“ Er hatte bisher gezögert, nun schien die Leidenschaft des Spiels ihn wieder gefaßt zu haben. Werres langte ihm die vier verlangten Karten über den Tisch hin und eine leise zitternde Hand griff danach. Dann warf ihm Willert eine Banknote hin – und wieder klang seine Stimme merkwürdig gepreßt, als er sagte: „Es sind 500 Mark.“ Der Schein war zusammengefaltet und gleichgültig gab Werres, ohne ihn sich genau anzusehen, dem Kassierer die einzigen drei Hundertmarkscheine, die in seiner Kasse waren und noch 100 Mark in Gold heraus. Die Banknote, die er von Willert erhalten hatte, legte er oben auf die ungeordnet aufgeschichteten Goldstücke. Werres bemerkte, wie der Kassierer mit nervöser Unruhe seine Hände verfolgt hatte, als wollte er sich überzeugen, wo die Banknote blieb … Blitzschnell reihten sich die kombinierenden Gedanken in des Kriminalisten Kopf aneinander. Er mußte diese Banknote, die Willert soeben eingewechselt hatte, um jeden Preis an sich bringen – aber die Schwierigkeit war, dieses unauffällig zu tun und geschickt den von dem Gutsbesitzer ihm gegebenen 500 Markschein, den der Kassierer unter dem über ihn gehäuften Goldgelde kaum bemerkt haben konnte, gegen den anderen einzutauschen … Werres bemächtigte sich eine seltene Erregung; er, der sonst so kaltblütig überlegte, den die Geistesgegenwart kaum verließ – jetzt fühlte er, daß seine Nerven vibrierten und sein Denken sich verwirrte, gerade jetzt, wo er sichere Klarheit und schnelles Handeln so notwendig brauchte … Aber seine seltene Energie blieb Siegerin … und seine Stimme klang so gleichmütig als [323] er fragte: „Wünscht sonst einer der Herren noch Karten?“ – Es erfolgte keine Antwort. Und in den wenigen Sekunden, in denen Werres Mund mechanisch diese Frage ausgesprochen hatte, war er mit seinem Plane fertig. Er nahm das vor ihm auf dem Tisch liegende Spiel in die linke Hand, als wollte er die Karten jetzt auflegen. Da entglitten sie ihm scheinbar absichtslos – er wollte mit der rechten noch schnell zufassen – da lag ein Teil der Kartenblätter über seine Kasse ausgestreut, ein Teil am Boden, einige waren weit ins Zimmer geflogen. „Pardon, meine Herren“ – rief Werres scheinbar verlegen und sprang auf, um die Karten aufzuheben. Die Herren halfen bereitwilligst, kurze Zeit achtete niemand auf ihn. Und blitzschnell hatte er die Banknote des Kassierers in der Hand zusammengeknüllt und dafür die unter den Goldstücken verborgene, ebenso zusammengefaltete des Gutsbesitzers hervorgezogen. Dann faßte er in die Brusttasche, holte sein Taschentuch hervor – dabei ließ er den in der Handfläche verborgenen Schein in die Tasche gleiten – und ein lautes Hatschi ertönte, so täuschend nachgeahmt, daß der etwas biedere Gutsbesitzer, der gerade eine Karte vom Boden auflas, Werres zurief „Prosit – zur Gesundheit, Herr Doktor.“ Niemand hatte die Komödie durchschaut, auch der Kassierer nicht, niemand den Austausch der beiden Scheine bemerkt. Als die Karten wieder beisammen waren, mußte jedoch ein anderes Spiel genommen werden, da einige Kartenblätter zu sehr beschmutzt und zerknüllt aussahen. Auf Werres Goldhäuflein aber lag wie vorher ein zusammengekniffter 500 Markschein.

Der Kassierer gewann, als Werres die Karten aufgelegt hatte, mit Kreuz As das große Los. Es war, als ob eine merkbare Unruhe ihn verließ, als der Bankhalter ihm jetzt den 500 Markschein wieder hinreichte und er ihm dafür die drei 100 Markscheine zurückgab. – Das Spiel nahm seinen Fortgang. Werres als Bankhalter hatte, als er die Bank nach den üblichen zehn Spielen abgab, nur noch 20 Mark vor sich liegen – in seiner Brusttasche aber noch die Banknote des Kassierers. Als er jetzt um den Tisch herumging, um sich ein Glas Bowle einzuschenken, lächelte er wieder so spöttisch vor sich hin. – Wie leicht sich die Menschen doch täuschen ließen … und wie gut es war, daß der Zufall ihn heute in diese Gesellschaft geführt hatte. Wenn seine Vermutung zutraf, dann trug er da in seiner Tasche nichts anderes, als einen der Scheine, die bei dem Friedrichsschen Morde geraubt waren.

Nach einer Stunde brach man auf. Es war inzwischen zwei geworden und mehrere der Herren wollten noch in ein Kaffee gehen, um dort den Abend zu beschließen. Als Werres sich von Willert mit einem fast absichtslos hingesprochenen „Auf Wiedersehen morgen!“ verabschiedete, sagte dieser bedauernd – „Ich kann morgen erst sehr spät kommen – leider, ich habe abends in einem Verein etwas vor.“ – Dann trennte man sich. Möller begleitete Werres, und als sie durch die erquickende Nachtluft dahinschritten, meinte der Referendar zögernd: „Sie haben verloren, Kollege, nicht wahr?“

„Nein – ich habe sogar genau 300 Mark gewonnen.“

„So – ich dachte, daß Ihnen, weil sie die letzten zehn Spiele nicht mehr mithielten, wieder das Kleingeld ausgegangen sei … Na, da seien Sie froh – mir ist’s schlechter ergangen – aber ich kann’s vertragen. – Sagen Sie – Kollege, haben Sie Willert heute beobachtet?“ fuhr er dann nach einer Weile fort.

Werres stutzte. Sollte dieser Referendar etwas gemerkt haben?! – „Nein – wieso meinen Sie?“ sagte er jedoch in seinem stets gleichen Tonfall.

„Weil Willert heute nämlich ausnahmsweise gewonnen hat. Zuerst – besonders als er sich das Geld von Hause geholt hatte, war er doch merklich aufgeregt. Aber nachher blieb ihm das Glück hold und er hat sicher seinen Verlust von vorhin wieder eingeholt. – Er kann’s auch brauchen …“

„Wird ihm nicht viel nützen, dieser Gewinn,“ meinte Werres zweideutig.

„Erlauben Sie mal, Kollege, ob man an die 1000 Mark mehr oder weniger hat – und so viel hat er sicher eingeheimst – das macht doch schon was aus! – Dann trennten sich die beiden, da Möller die anderen Herren in dem Kaffee noch aufsuchen wollte. Werres aber beschleunigte seine Schritte; ihn trieb es heim. Die Banknote in seiner Tasche glaubte er zu fühlen, es war, als ob sie zu ihm spräche und ihm die Geschichte eines rätselhaften Mordes erzählte, von den Motiven der Tat bis zu den feinsten Details ihrer Ausführung. Nur eines verschwieg sie ihm – wo der Raub verborgen war. Und daß dieser Erzählung so der Schluß fehlte, beunruhigte Werres.


16. Kapitel.

Den nächsten Morgen wachte Werres sehr spät und mit einem ziemlich schweren Kopfe auf. Er bewohnte in der Abeggasse ein großes möbliertes Zimmer der ersten Etage, dessen einfache Einrichtung er mit Geschmack und wenig Kosten ergänzt hatte. Er liebte ein gemütliches Heim, und bei seiner Neigung zum zurückgezogenen Leben wäre es ihm unmöglich gewesen, so viele Stunden allein in seinen vier Wänden zuzubringen, wenn er sich nicht ein „Zuhause“ geschaffen hätte, in dem nicht aus allen Ecken von allen Wänden die Erinnerungen früherer Jahre in Gestalt von bunten Mützen, Mensurschlägern, Bildern und anderen Kleinigkeiten zu ihm sprachen. – Als er nun aufstand und dann seine Toilette beendet hatte, kam seine Wirtin und brachte ihm auf sauber überdecktem Tablett den Morgenkaffee. Während er behaglich in einem Sessel sitzend sich die Brötchen strich, schweiften seine Gedanken doch wieder zu dem zurück, was ihn gestern nacht so lange wach gehalten. Der gestrige Abend hatte ihm das letzte Glied für seine Beweiskette geliefert, er hätte zu seinen Vorgesetzten hingehen und ihnen sagen können: „Ich habe den Mörder des Bankier Friedrichs entdeckt – jetzt ist kein Zweifel mehr möglich!“ Und wie genau griffen die Glieder dieser Beweiskette ineinander, [324] wie reihten sich logisch seine Kombinationen von der ersten so geringen Entdeckung an die folgenden, die ihm erst die letzten Tage gebracht hatten. Er konnte stolz sein auf diesen Erfolg, zu dem ihm sein Scharfsinn, seine seltene Begabung für seinen Beruf verholfen hatte. Und doch empfand er heute keine rechte Befriedigung mehr bei diesen Gedanken, denen er sonst so gerne nachhing, die ihm dann seine Zukunft weiter ausmalten, eine Zukunft, die er sich geschaffen hatte durch eigene Energie, ohne das andere Hände ihm geholfen. Etwas Fremdes war in sein Denken gekommen, etwas, wovon er sich jetzt noch keine Rechenschaft geben konnte, das er wie eine bange Ahnung nur fühlte. Aber war das nicht Torheit, so kurz vor dem Ziele sich durch Stimmungen quälen zu lassen, die keinen Grund, keine Berechtigung hatten?! – Das unsichere Gefühl verließ ihn nicht, so sehr er auch mit allen Vernunftsgründen dagegen ankämpfte. Es waren nicht die Folgen der durchschwärmten Nacht; die hatte er mit reichlich viel kaltem Wasser bald beseitigt … Es war eine unbestimmte Furcht vor etwas, das ihn bedrohte, das sich ihm schleichend näherte und sein Herz zusammenpreßte … „Torheit,“ sagte er laut und sprang auf … „Torheit, daß ich von meinen Nerven mich so unterbekommen lasse.“ Er suchte sich einzureden, daß es die Nerven wären … Aber das gelang ihm nicht.

Draußen schellte die Flurglocke. Er hörte die schlürfenden Schritte seiner Wirtin, dann klopfte es. „Ein Brief, Herr Doktor …“ Dann verschwand die Frau wieder. Werres hielt den Brief in der Hand und schaute auf die energische Handschrift, mit der die Adresse geschrieben war. Der Brief kam von seiner Braut … Und wieder kroch ihm diese unerklärliche Angst zum Herzen, jetzt nur noch stärker als ginge von diesem Brief ein lebendiger Strom zu seinem Herzen, daß es klopfte und hämmerte … Werres ließ sich in den Sessel fallen, müde, abgespannt … Den Brief legte er vor sich hin auf den Tisch – er fürchtete ihn zu öffnen. Die Minuten gingen hin und er saß da, in Gedanken versunken. Sein Leben war an ihm vorübergeflogen, eine bunte Bilderreihe; seine freudlose Kindheit, in der er sich so nach Liebe, Elternliebe, gesehnt hatte – so sehr! Aber die hatte er nie kennen gelernt – nie! Er dachte an jene häßlichen Szenen, die sich so fest in sein Kindergemüt eingegraben hatten, wenn der Vater und die Mutter zankten – warum? Jetzt wußte er’s. Der, dem er sein Leben verdankte, hatte sein Weib betrogen – warum? – Weil die, die er Mutter genannt, den Mann nicht verstand, weil sie aufging in den Kleinlichkeiten ihrer beschränkten Lebensauffassung – weil seine Eltern nicht für einander paßten … Und dann seine Schüler-, seine Studentenjahre! Was hatte er seelisch gelitten unter der wachsenden Erkenntnis, daß es für ihn kein Elternhaus, keine Elternliebe gab – daß er der dritte von drei Menschen war, die sich nie verstehen würden … Und schließlich – dann fand er sie – sie, seine Braut. Und er, der verbitterte Mensch, hatte diesem stolzen Wesen die Liebe abgebettelt, hatte sich in ihre Launen gefügt, bis er sie eines Tages, als er ihr übermannt von der Sehnsucht nach Glück und Liebe, seine Gefühle gestanden, in seinen Armen hielt und sie ihn küßte und stammelte: „Weil ich dich liebte, habe ich dich gequält …“

Seine Eltern starben kurz hintereinander; das war nun auch länger als ein Jahr her … Da hatte er sich nur fester an das einzige Wesen geklammert, das ihm geblieben, an seine Braut. Die Menschen, die ihn nicht kannten, die nur sein höhnisches Lächeln sahen, sie wußten nicht, wie oft er bis in die Nacht auf gesessen an jenem Schreibtisch und Seiten und Seiten geschrieben hatte – für sie …! Sie kannte ihn, mußte ihn kennen … Denn seine Briefe atmeten eine Zärtlichkeit, ein berauschendes Glück aus – seine Briefe waren die Sehnsuchtsschreie eines unverstandenen, liebeleeren Herzens …

Und dann trat das eine zwischen sie, das sie ihm entfremdete … Ihretwegen hatte er doch eigentlich diesen Beruf ergriffen, war zur Polizei übergetreten, um es schneller zu einer Stellung zu bringen, die es ihm ermöglichte, sie heimzuführen … Gewiß, auch andere Bedenken hatten da mitgesprochen, seine pekuniäre Notlage und seine Neigung. Aber – wenn er ehrlich sein wollte, den Ausschlag bei diesem Wechsel seiner Stellung hatte doch nur der Gedanke an sie gegeben. Er war zu zartfühlend, um sich das einzugestehen. Und traurig hatte er so oft in ihren Briefen aus den Zeilen herausgelesen, daß sie diese seine Tätigkeit bei der Kriminalpolizei nicht billigte, daß sie mit dem Vorurteil so vieler Menschen in dem Beruf des Kriminalbeamten etwas Verächtliches sah. Vergeblich hatte er versucht, ihr die ideale Seite dieses Berufs klarzumachen, hatte so viele Worte verschwendet, um in ihr ein wohlmeinendes Interesse für seine Arbeit, seine so komplizierte geistige Arbeit zu erwecken. So hatte er ihr auch von dem Falle Friedrichs geschrieben, ihr zu beweisen gesucht, daß die Ausdrücke Spitzel und Spion für Leute, die die irdische Gerechtigkeit scharfsinnig unterstützen, nur durch einseitige Beurteilung, durch Dummheit geprägt seien! Vergeblich!

[346] Auch ihre letzten Briefe zeigten wieder diese resignierte Trauer über diese seine Verirrung, wie sie es nannte – ja, sie hatte ihm sogar den Vorschlag gemacht, diese Tätigkeit aufzugeben; – denn sie fühle, daß sie sich mit dem Gedanken nicht vertraut machen könne, ihren späteren Gatten in einer Stellung zu sehen, die seinen Kenntnissen nicht entspreche. – Diesen ihren Brief hatte er zusammengeknüllt und von sich geschleudert. – Also noch etwas anderes sprach bei ihr mit: Ihr genügte seine Stellung nicht …! Da hatte er ihr zum ersten Male eine Antwort geschrieben, in der schroffe Worte ihr klar machten, wie Unrecht sie täte und wie kleinlich es sei, mit solchen Bedenken seine besten Absichten so egoistisch zu beurteilen – daß eine große, echte Liebe sich kaum an solchen Äußerlichkeiten stoßen könnte, die außerdem lächerlich wären, da er als Referendar und Dr. jur. es sehr bald zu einer höheren Stellung bringen könnte, die auch ihren Wünschen dann entsprechen würde. Nur seine Tatkraft sollte sie nicht durch diese ihn verletzenden Bemerkungen lähmen. – Das hatte er seiner Braut vor wenigen Tagen geschrieben …

Und da lag nun wieder ein Brief von ihr – wohl wieder dieselben versteckten Vorwürfe darin, dieselben Bitten: Gib diese Stellung auf …! – Werres nahm langsam den Brief und öffnete das Kuvert. Es waren acht engbeschriebene Seiten … Seine Wirtin kam und räumte das Zimmer auf, so geräuschlos, daß sie ihn kaum störte. Er las – las – und dann ließ er müde die Hand mit den Blättern sinken und starrte vor sich hin. Ein in Werres Gesicht so seltener Zug lagerte sich um seinen Mund, um seine Augen. Es war ein so trauriger, gequälter Ausdruck darin und seine Lippen zuckten in verhaltenem Weh. Lange saß er so und überlegte. Die Frau war wieder davon geschlichen – er merkte es nicht. Und jetzt wußte er, was ihn heute aufgestört hatte, jetzt kannte er den Grund für dieses Angstgefühl. Es war die bange Ahnung, daß er sie, sein Letztes, das ihm lieb und teuer war, verlieren würde.

Er erhob sich und ging im Zimmer auf und ab. Dann blieb er vor seinem Schreibtisch stehen. Da waren ihre Bilder – das war sie, die er liebte, er, der scheinbar so wenig warmes Empfinden besaß … scheinbar! Und jetzt lächelte er wieder sein altes, böses Lächeln! So war er denn auch an ihr irre geworden, an diesem Wesen, dem er sein Bestes gegeben … So war ihre Liebe zu ihm nichts als – Mitleid, das ihre weiche Mädchenseele für den so seltsam Verschlossenen, in Momenten so frauenhaft zart Empfindenden gefühlt hatte … Nun sollte er wieder allein sein wie einst, wo die Sehnsucht ihn zu ihr hintrieb und er bettelte – um Liebe! – Und glücklich war er gewesen – eine kurze Zeit hatte die Sonne ihm anders geschienen und die Welt war ihm so verklärt vorgekommen … Vorbei …! Sollte er denn nochmals bitten, nochmals ihr [347] Vorstellungen machen über diesen Brief, der da auf dem Tisch lag, einige weiße Bogen nur und doch ein Lebensschicksal! – Er schaute auf dieses liebe Gesicht, auf diese Stirn, die er so oft dankbar geküßt. Und da überkam es ihn wie Kampfesfreude. Er wollte ihr doch nochmals schreiben, einmal ihr seine Seele wieder eröffnen – ihr aber auch sagen, daß er seinen jetzigen Beruf nicht aufgeben würde. Er würde schon die Worte finden … und dann würde wieder ein Brieflein kommen wie einst, wo er ihre Briefe aufriß in wilder Hast und sich trunken machte an ihrer spitzbübischen Zärtlichkeit. – Werres richtete sich auf. – Ja, das würde er tun … Und dann saß er am Schreibtisch und die Feder flog über das Papier so eilig – nur bisweilen stockte sie und dann – dann schaute der Schreibende auf das Bild eines Mädchens, das er dicht vor sich auf die Platte des Tisches gestellt hatte.


17. Kapitel.

Werres schrieb, kämpfte um seine Liebe; und er tat’s freudig, die trüben Gedanken waren gewichen, die Hoffnung belebte wieder sein Herz. Und unwillkürlich wob er in diesen Brief Zukunftsgedanken ein – er und sie, eine kleine Wohnung ihr beider Königreich; und durch diese Räume sollte die Liebe ihre Zauberfäden weben und sie so fest einspinnen, ihn und sie …

Der Brief war beendet; viele Seiten waren’s geworden, aber Werres saß noch da und träumte weiter … von der Zukunft. Da kam die Wirklichkeit, das Leben meldete sich, hart, rücksichtslos. – Es klopfte. Werres fuhr empor … Wo waren seine Gedanken hingeirrt … er fand sich kaum zurück. Wieder klopfte es. Da rief er Herein. Es war der Kriminalbeamte Grosse, der sich vorsichtig ins Zimmer schob auf seine unangenehme, lautlose Manier. Der Mann schlich wie ein Raubtier und sein hageres Vogelgesicht zeigte auch so gefühllose kalte Augen.

„Guten Morgen, Herr Doktor – ich habe Herrn Doktor vergeblich auf dem Präsidium gesucht – ich sollte mich heute wieder melden … Gibt’s Arbeit, Herr Doktor?“

Werres mußte sich zusammennehmen und sich auf die Gegenwart besinnen … Seine Gedanken fanden sich langsam zurecht.

„Ja, warten Sie einen Augenblick, Grosse, ich muß mal erst etwas nachsehen. Da – setzen Sie sich.“ – Dann nahm er aus der verschlossenen Schublade seines Schreibtisches seine Aufzeichnungen vor – dieses für Fremde so vollkommen unleserliche Verzeichnis seiner Entdeckungen – Kombinationen – das in sich, seit gestern nacht, ein geschlossenes Ganze bildete: das vollkommene Belastungsmaterial für den rätselhaften Doppelgänger des Baron von Berg. Er blätterte in den Notizen. Auf der letzten Seite war noch eine halbe Seite offengelassen und unten am Rande der Seite standen nur einige Kreuze, Punkte und Striche. Werres durchflog diese; dann wandte er sich dem Beamten zu.

„Bleiben Sie sitzen, Grosse, und hören Sie hin. Ich habe für Sie sehr subtile Arbeit … die muß schlau angefangen werden und – vorsichtig! Nehmen Sie Ihr Buch vor und schreiben Sie das Nötige auf. – Also es gibt hier eine Frau Rechnungsrat Schwarz – ob mit z, tz, oder ob sie gar Schwartzt heißt, weiß ich nicht. Die Dame ist Witwe und soll eine Tochter haben – ob noch andere Kinder da sind, ist mir auch nicht bekannt. Jedenfalls suchen Sie die Adresse dieser Frau Schwarz zu erfahren – aber der richtigen – also Witwe eines Rechnungsrats, Tochter anfangs der 20er, hübsches Mädel! – Daß Sie mir da nicht eine falsche heraussuchen, Grosse, denn Menschen die Schwarz heißen, sind ebenso häufig wie die Müllers, Schulzes usw. – Das wäre eine Aufgabe, die durchaus keine Schwierigkeiten bietet. Das Folgende ist nun schon weniger einfach. Wenn Sie die Adresse dieser Dame erfahren haben, dann müssen Sie – wie Sie das anfangen, ist Ihre Sache – festzustellen suchen, ob gestern nacht oder vielmehr heute früh um ¼1 ungefähr der Arzt Werner die Wohnung dieser Dame oder das Haus betreten hat. Ich möchte Ihnen da einen Fingerzeig geben: Vielleicht erfahren Sie etwas durch den Schließer …“

„O, das werde ich schon besorgen, Herr Doktor,“ meinte Grosse diensteifrig; aber in sein Gesicht war ein hämischer Ausdruck getreten.

„Schön, das wäre Ihre Aufgabe für heute nachmittag. Bis 6 Uhr erwarte ich noch heute hier Ihren Bericht.“ – Werres drehte sich wieder nach dem Schreibtisch hin und sah die ersten Seiten seiner Aufzeichnungen durch. „Es handelt sich für mich nämlich zunächst darum, Grosse“ – sagte er erklärend – „daß ich unzweifelhaft festgestellt sehe, daß dieser Arzt Werner, nach dem Sie sich ja bereits vergeblich erkundigt haben, tatsächlich hier in X. sich um die Zeit vom 17. bis 20. April nicht aufgehalten hat. Daß er hier nicht dauernd seinen Wohnsitz hat, glaube ich jetzt auch. Aber der Mann ist mir doch interessant genug – wenn er auch in keiner direkten Beziehung zu dem Morde steht –, um ihm weiter nachzuspüren. Jedenfalls soll er gestern nacht – falls es eben nicht jemand war, der ihm sehr ähnlich sieht, die Frau Rechnungsrat Schwarz aufgesucht haben. Woher ich das weiß, ist gleichgültig.“

Grosse räusperte sich. „Hm – versprechen sich Herr Doktor von diesen Recherchen wirklich etwas?“ meinte er dann zögernd.

[348] „Versprechen?“ – Werres zuckte die Achseln. – „Bei einer so verwickelten Geschichte muß man jeder noch so zweifelhaften Spur nachgehen. – Sagen Sie mal, Grosse,“ fuhr er dann nachsinnend fort, „wissen Sie, ob der Herr Kommissar Nachricht von Turski erhalten hat, der doch in Scherwinden den Baron von Berg beobachten soll.“ Grosse schaute erstaunt auf. „Das wissen Herr Doktor? … Ich denke, der Herr Kommissar wollte das geheimhalten!?“

Werres lächelte ironisch. „Lieber Grosse, dann müßte Richter nur nicht so unvorsichtig sein und Turskis Adresse in Scherwinden so offen auf den Tisch legen. Denn was das zu bedeuten hat, wenn da auf einem Blatt Papier steht: Turski – Kaufmann und Händler Dreher Scherwinden per Salan –, das ist doch nicht schwer zu erraten. Grosse schwieg und nickte nur zustimmend. Dann sagte er kleinlaut: „Turski hat geschrieben, ich weiß es von Behrent – aber es ist da nichts zu machen. Alles ebenso vergeblich wie hier …“

„Schade,“ meinte Werres bedauernd, „ich hatte mir eigentlich von dieser Beobachtung des Barons etwas versprochen.“ – Der Beamte konnte sein Gesicht nicht sehen, da er es dem Fenster zugedreht hatte. Aus diesem Gesicht lag ein ironisches Lächeln. – Dann schickte Werres den Kriminalbeamten fort.


18. Kapitel.

Grosse stieg langsam die Treppe hinab und blieb vor der Haustür stehen, um sich eine Zigarre anzustecken. Gemächlich schaute er auf ein paar Spatzen, die sich auf der Straße lärmend balgten und dann in jäher Hast, ohne ersichtlichen Grund, davonflogen. Wenn Werres vorhin über die Naivität seines Beamten gelächelt hatte, der alles, was er sagte, so brav für bare Münze nahm, so fühlte sich jetzt Grosse durchaus berechtigt, nach den ersten Zügen aus seiner Zigarre ebenso höhnisch das Gesicht zu verziehen. – „Dieser Doktor,“ sagte er sich, „ist ja ein sehr freundlicher Herr – nur hat er das Pulver auch nicht erfunden. Jetzt scheint’s mir beinahe, als ob er uns – mich und den Müller – nur deswegen herumhetzt und uns diese lächerlichen Geschichten ausbaldowern läßt, um uns zu beschäftigen – damit es oben so aussieht, als ob er weiß Gott wie eifrig hinter diesem Mörder her wäre. Und dabei hat er doch sicherlich ebenso wenig Ahnung von dem Herrn Doppelgänger, wie wir alle.“ – Damit ging Grosse die Abeggasse hoch und bog in die nächste Straße ein. Als er an einer Stehbierhalle vorbei kam, wurde er plötzlich angerufen. In der Tür zu dem Lokal stand sein Kollege Müller und winkte ihn herein.

„Du, Grosse, ist der Doktor zu Hause?“ fragte er eilig. – „Du kommst doch gerade von ihm?“

„Ja – wird auch wohl noch eine Weile dableiben, da er noch Hausschuhe anhatte.“

„Dann brauche ich mich nicht zu beeilen. – Komm, wir wollen noch schnell ein Bier trinken, so viel Zeit muß sein.“ – Sie hatten sich an einen Tisch in die Nähe des Fensters gesetzt und tauschten nun gegenseitig ihre Erlebnisse aus.

„Ja,“ meinte Müller behaglich lachend – „schwer haben wir’s bei dem Doktor nicht. Aber von dieser Belohnung – Mensch, denke, das können 55 000 Mark günstigstenfalls sein – werden wir auch nichts zu sehen bekommen. Du hast recht – was wir bisher für ihn festgestellt haben, ist keinen Pfifferling wert. Und wozu das alles?! Was hat das mit dem Morde zu tun, möchte ich einen Menschen fragen, daß Vorsitzender der freien dramatischen Vereinigung der Landesrat Pankritius ist, daß heute abend im Schützenhause von diesem Verein ein neues Stück aufgeführt wird, und daß ich ihm das Mitgliederverzeichnis besorgen mußte! Denke dir, Grosse, das rauszubekommen war nun meine gestrige Arbeit …!“ Müller trank sein Glas aus. „Eines genehmigen wir uns noch, denn ob Pankritius oder der heilige Pankratius der Vorsitzende ist, das kann dem Doktor kaum was helfen und dem toten Bankier auch nicht.“

Grosse grinste vor sich hin. „Du“ – meinte er vertraulich – „ich habe mir etwas überlegt. – Ich werde dem Doktor doch mal beweisen, daß wir auch nicht so von heute sind, daß er uns da wie die dummen Jungens nach Eiern suchen läßt, die ein Hahn gelegt haben soll. Wenn es diese verwitwete Frau Rechnungsrat Schwarz wirklich gibt – ich glaube aber beinahe, die existiert ebenso wenig, wie dieser Doktor Werner – dann werde ich ihm mal beweisen, daß unsereins auch kombinieren kann. Er will erfahren haben, daß jener Arzt heute morgen um ¼1 diese Witwe aufgesucht hat … na, und das ist doch klar, daß, wenn dieser Werner wirklich dagewesen ist, er die Frau Schwarz sehr gut kennen muß. Denn für gewöhnlich besucht man doch nachts allerhöchstens Leute, denen man sehr nahe steht – wenn man’s überhaupt tut! Und weißt du, was ich nun machen werde? – Ich gehe einfach zu dieser Witwe – falls sie eben nicht nur in Werres Phantasie existiert – und stelle mich als Bekannten ihres verstorbenen Mannes vor. Was der eigentlich gewesen ist und wo er gelebt hat, ob hier oder wo anders, werde ich schon auf dem Einwohnermeldeamt, oder auf dem Standesamt erfahren – rauskriegen tu ich’s sicher! Und dann schwindle ich der Frau so eine recht hübsche Geschichte vor – was, wird sich finden. Und schließlich frage ich sie dann, ob denn der Doktor Werner noch lebt, den ihr Mann doch auch gekannt haben muß. – Da werde ich ja sehen, ob sie den überhaupt kennt … und wenn’s der Fall ist, horche ich sie schon weiter aus.“

[370] Nach einer Pause fuhr er fort: „Wenn nicht – und das ist wohl das Wahrscheinlichere – dann gehe ich schnurstracks zu Werres und sage ihm: „Herr Doktor, eine Frau Schwarz gibt es schon, aber keinen Arzt Werner; den hat’s wohl überhaupt nie gegeben, denn ich habe ihn weder finden können, noch weiß jene Witwe etwas von ihm – also muß der, der Ihnen von diesem unauffindbaren Herrn was erzählt hat, Sie grob belogen haben und das beste wird sein, wir fangen unsere Nachforschungen wo anders an! – Wenn er uns dann noch immer mit diesen nutzlosen Scherereien behelligt, dann … dann …“

Müller lachte laut auf. „Dann … dann …?! – Du ich rate dir eins: Sag’ das dem Werres lieber nicht; der kann verdammt eklig werden! Und … dein Plan für diese Witwe Schwarz?! Mensch, das wird nichts – das kriegt wohl der Behrent fertig, der ja – denn der hat Lügen und Schauspielern besser raus, wie wir – aber du – oder auch ich?! Nein! … Paß auf, die Dame merkt sehr bald, wes Geistes Kind du bist …“

„Na, und was kann mir das schaden …? Merkt sie’s, dann merkt sie’s – versuchen tu ich’s jedenfalls …“

„Viel Glück,“ meinte Müller ironisch und trank sein Bier aus. „So, nun werde ich dem Doktor seinen Pankratius oder Pankritius auftischen und ihm feierlich dieses Mitgliederverzeichnis überreichen.“

„Dann kann er sich aus dem Heftchen den Doppelgänger des Baron von Berg heraussuchen,“ vollendete bissig der Kriminalbeamte Grosse und stand auf. Darauf verließen sie das Lokal.


19. Kapitel.

Die Uhr von dem Turme der St. Katharinenkirche schlug vier. Dann setzte das Glockenspiel ein und Töne dröhnten durch die laue Frühjahrsluft, als kämen sie aus dem weiten Äther, der wolkenlos sich über der Stadt X. ausspannte. – Ein hagerer Mann in einfachem, aber nicht unelegantem Paletot, dessen Vogelgesicht mit der schmalen krummen Nase den lauernden Ausdruck nie verlor, stieg die Treppe eines dreistöckigen Hauses der Werterstraße empor und läutete dann in der ersten Etage an der linken Tür. Nach geraumer Zeit näherten sich schwere Schritte, die Tür wurde geöffnet und vor dem Manne mit dem Vogelgesicht, der kein anderer als der Kriminalbeamte Grosse war, stand eine etwas korpulente, einfach gekleidete Frau, die den Herrn nun bescheiden nach seinem Begehren fragte.

„Ist die Frau Rat vielleicht zu Hause?“ fragte Grosse, der sofort gemerkt hatte, daß er die Dame nicht selbst vor sich hatte.

„Nein, die Damen sind vor kurzer Zeit auf den Kirchhof gegangen. Heute ist der Sterbetag des Herrn Rats.“

„Richtig, ja,“ fiel Grosse der Frau ins Wort, „heute ist ja der 27. April! – Daß ich das so ganz vergessen habe!! So, also die Frau Rat ist nicht zu Hause …? Schade!!“

„Der Herr ist wohl ein Bekannter von den Herrschaften?“ forschte die Frau höflich.

„Nur von dem Verstorbenen. Ich bin auch Rechnungsrat – heiße Winter“ – log Grosse frech. – „Er war ein alter Bekannter von mir – der Herr Rat Schwarz. – Wirklich, es tut mir leid, daß ich die Damen nicht angetroffen habe. Ich hätte so gern …“

[371] „Aber vielleicht kommen der Herr Rat wieder? – Die Damen sind spätestens in einer Stunde zurück, da wir gerade viel Arbeit haben. – Ich bin die Aufwartefrau und wir sind beim Frühjahrsreinmachen.“

Grosse überlegte blitzschnell.

„Wiederkommen …?! Ich bin nur auf der Durchreise hier, bin auch zu müde.“

„Dann können der Herr ja auch warten,“ meinte sie und nötigte ihn herein. – Grosse wurde es doch etwas schwül zu Mut, als er nun in dem Wohnzimmer dieser ihm wildfremden Damen saß und der Frau zuschaute, die gerade mit Fensterputzen beschäftigt war.

„Sagen Sie mal, liebe Frau,“ – begann er dann, indem er sein Gesicht in freundliche Falten zu legen suchte – „verkehren ihre Damen noch mit Herrn Werner?“

„Werner? – Nein, Herr Rat, einen Herrn Werner habe ich hier noch nie gesehen. Was ist der Herr denn?“

„Der Herr ist Arzt, liebe Frau, und wohnt in Wermersdorf, nicht hier. War er denn letztens nicht zum Besuche hier …?“

„Sicher nicht!“ – entgegnete die Aufwartefrau harmlos. „Mit meinen Damen verkehrt nur der Herr Willert – vielleicht kennen der Herr Rat den auch?“

„Willert – Willert? – Bekannt kommt der Name mir ja vor.“

„Herr Willert ist Kassierer bei der Bank, wo sie letztens den Herrn Friedrichs ermordet haben …“ Grosse horchte auf. So schwerfällig war er doch nicht, daß ihm dieses etwas merkwürdige Zusammentreffen von Umständen nicht stutzig machen sollte: Werres schickte ihn her, um einen Arzt Werner suchen zu lassen, der nirgends aufzufinden war – und dafür hörte er hier etwas von einem Angestellten des Friedrichsschen Bankgeschäfts! Und plötzlich fiel ihm ein, daß der Doktor ihm diesen Arzt Werner so genau beschrieben hatte … Sollte Werres ihn nur haben täuschen wollen und …? …

„Wie sieht denn dieser Herr Willert aus – beschreiben Sie ihn mir mal, liebe Frau, vielleicht besinne ich mich dann …“ sagte er gleichgültig.

Die Aufwartefrau schilderte ihn genau … jenen Arzt Werner, gab dieselbe Beschreibung von ihm, wie Werres …

Grosse lächelte vor sich hin. „Also so kommt man hinter deine Schliche,“ dachte er – „du überschlauer Doktor läßt mich Werner suchen und meinst Willert; aha – man soll dir nicht in die Karten sehen … na, damit ist’s nun vorbei.“

„Nein, den Herrn kenne ich nicht,“ meinte er laut. „Aber es ist doch wunderbar, daß dieser mein Bekannter, der Arzt Werner, nicht hier gewesen sein soll. Hatten denn gestern abend die Damen keinen Besuch …? – Denn ich hatte mich für gestern um 9 Uhr mit dem Arzt verabredet, er schrieb mir aber, daß er Bekannte besuchen müsse … und da dachte ich, daß er hier gewesen ist. Früher verkehrte er nämlich viel mit dem Rat Schwarz.“

„So, so … aber gestern abend ist der Herr bestimmt nicht hier gewesen. Denn heute morgen beim Kaffee, als ich nebenbei das Schlafzimmer reinmachte und die Tür offen stand, sagte das gnädige Fräulein zu der Frau Rat: „Das war gestern noch ein unerwarteter Besuch, Mama, nicht wahr? Ein Glück, daß Hans uns noch bei der Arbeit fand …“ Und da habe ich die Frau Rat gefragt, ob denn Herr Willert – der heißt Hans und ist mit unserem Fräulein heimlich verlobt …“

„So, das freut mich herzlich,“ brachte Grosse scheinbar wirklich erfreut heraus.

„Ja – ob denn der Herr Willert gestern abend da war … In der letzten Zeit ist er sehr wenig gekommen und deswegen war unser Fräulein schon ganz traurig und da freute es mich, weil ich dachte, daß die Frau Rat sich auch freute – und daher fragte ich. Und die Frau Rat sagte zu mir: „Nein, Frau Schirmer, abends waren wir allein – Hans kam erst nachts auf ganz kurze Zeit herauf, weil er noch Licht sah, und holte sich etwas – er ging aber gleich wieder.“ – Ja, das hat die Frau Rat gesagt; und von dem Herrn Doktor Werner hat sie nichts gesagt.“

Hätte die redselige Aufwartefrau jetzt zu diesem alten Bekannten des Herrn Rat hinübergeschaut, ihr wäre sicher das wunderbare Mienenspiel in dessen Gesicht aufgefallen. Denn dieses Gesicht zuckte und verzerrte sich, da Grosse Mühe hatte, sein vergnügtes Lachen zu unterdrücken. Aber die Frau lehnte sich jetzt weit zum Fenster hinaus, um die Scheiben von außen zu reinigen. Inzwischen hatte der Kriminalbeamte Zeit gehabt, seine etwas wirren Gedanken zu ordnen. – Also so schlau wollte der Doktor es anfangen – so schlau! Tatsächlich interessierte ihn dieser Kassierer – und er, Grosse, mußte „Werner“ suchen! Und Werner sollte um ¼1 Uhr morgens hier gewesen sein?! „Werner“, den es gar nicht gab, den dieser raffinierte Werres nur erfunden hatte, um seine Schachzüge zu verbergen! – Oho, Doktor, dir komme ich immer mehr hinter deine feinen Schliche; Willert ist in der Nacht hier gewesen; das steht fest! Und diesen Willert werde ich mir doch [372] auch jetzt einmal genauer ansehen … Als die Aufwartefrau sich wieder in das Zimmer zurückwandte, um ihren Rehlederlappen, mit dem sie die Fenster reinigte, auszuwinden, war der „Herr Rat Winter“ aufgestanden.

„Liebe Frau,“ sagte er freundlich, „mir ist da eben eingefallen, daß ich mir ja noch ein Paar Handschuhe kaufen wollte; ich werde also die Zeit, bis Ihre Damen wiederkommen, zu dieser Besorgung verwenden. Nachher finde ich die Damen dann wohl vor.“ –


20. Kapitel.

Als Grosse die Treppen hinabstieg, summte er ein Liedchen vor sich hin; und die Turmuhr von St. Katharinenkirche[11] schlug gerade ¼5, als er wieder auf die Straße trat. Eilig ging der Beamte durch die Straßen dahin – ebenso eilig stürmten seine Gedanken. Hin und wieder huschte es wie ein schadenfrohes Lächeln über sein Vogelgesicht. – Armer Dr. Werres. – Die Pläne, die dieser Grosse jetzt schmiedete, können dir gefährlich werden! Du hast deinen Beauftragten doch unterschätzt – er hat dich durchschaut und will nun doch einmal seinen Kollegen Müller fragen, ob der bei seinen Recherchen nicht auch so zufällig auf die Person dieses Kassierers Willert gestoßen ist. Und dann werden sie gemeinschaftliche Sache machen, die beiden gegen dich, werden dir die Frucht deiner mühsamen Arbeit mit ihren plumpen Händen so mühelos entreißen – und du wirst das Nachsehen haben … – Grosse läutete an der Flurtür in der ersten Etage der Abeggasse Nr. 12. Werres’ Wirtin öffnete und ließ den Beamten ein. „Der Herr Doktor ist zu Hause …“ sagte sie vertraulich, da ihr der Beamte durch seine häufigen Besuche bereits bekannt war. –

Werres saß am Schreibtisch und vor ihm lagen seine Aufzeichnungen, die er wieder und wieder überlesen hatte, um vielleicht irgend einen Anhalt für das Letzte zu finden, was bisher noch verborgen geblieben war. – Wo hatte der Mörder seinen Raub gelassen, in welchem Versteck lagen diese 150 000 Mark …? – Seit Tagen schon beschäftigte ihn diese Frage, aber eine Lösung fand er nicht. – Gewiß gestern nacht, als er hier bei der brennenden Lampe saß und das Verzeichnis der geraubten Banknoten mit der Nummer des 500 Markscheines verglich und plötzlich vor Erregung aufspringen mußte, da seine Gedanken ihn hochrissen, da war blitzschnell ein Verdacht in ihm aufgetaucht … Der Kassierer hatte gelogen, als er während des Spiels aufbrach und sagte, er wollte sich von Hause Geld holen – denn er war nicht zu Hause gewesen; das hatte Werres ja festgestellt, da Willert den Weg von dem Helfrichschen Restaurant bis zu seiner Wohnung und zurück in acht Minuten zurückgelegt hatte … Zu Hause war er also nicht gewesen – woher hatte er aber sonst diesen Schein geholt – gerade diesen Schein?! – Nachts in dem Helfrichschen Hinterzimmer, als seine Gedanken durch die schwere Bowle und den Zigarettenrauch benommen waren und nicht mehr so tadellos funktionierten, da war er über diese Frage nicht weitergekommen. Dann hatte ihn die Nachtluft leise durchfröstelt, die schnelle Bewegung tat ihm wohl, ermunterte ihn, denn er war beinahe im Sturmschritt nach Hause geeilt; – und dann hier in seinen vier Wänden, als er noch erregt auf und ab lief, als neben dem Banknotenverzeichnis dieser 500 Markschein – dieser Schein lag, da war er plötzlich stehen geblieben und der Herzschlag hatte ihm beinahe gestockt … Und das Resultat seiner weiteren Überlegungen war dann dieser Auftrag für Grosse gewesen, der nur feststellen sollte, ob der Arzt Werner gestern nacht gegen ¼1 die Frau Rechnungsrat Schwarz aufgesucht hatte. – Nun war Grosse da, nun mußte es sich herausstellen, ob seine Vermutungen auch dieses Mal zutrafen!

Werres hatte den Gruß des Beamten kurz erwidert. „Hier – setzen Sie sich hin, Grosse, dabei wies er auf den dicht am Fenster stehenden Sessel – „und nun schießen Sie los! Was haben Sie erfahren?“ – Dann drehte er sich wieder um und blätterte in seinen Papieren, als ob das, was er nun hören würde, nicht allzuviel Interesse für ihn hatte. Links neben Werres auf dem Schreibtisch stand noch der große Stehspiegel mit der Nickeleinfassung, den er vorhin zum Rasieren benutzt hatte.

„Ja,“ meinte Grosse – „das war vergebliche Mühe.“

Werres schaute doch etwas enttäuscht unwillkürlich auf und … zufällig sah er in dem Spiegelglase vor sich das Gesicht des Beamten – und dieses Gesicht zeigte einen so verschmitzten, schadenfrohen Ausdruck, daß Werres aufmerksam wurde. Aber gelassen sagte er nur: „So – also dieser Arzt Werner bleibt verschwunden …“ Sein Blick blieb aber seitwärts auf dem Spiegel haften.

[394] „Ja – bleibt verschwunden, Herr Doktor,“ entgegnete Grosse. Werres fühlte jetzt auch den leisen Spott in der Stimme des Beamten, und – das schadenfrohe Grinsen auf dessen Gesicht hatte sich noch verstärkt, wie er sehr wohl bemerkte. – Grosse glaubte sich unbeobachtet, da Werres ihm den Rücken zukehrte; aber jetzt zeigte sich auch um den Mund des Doktors, der da scheinbar so ahnungslos an seinem Schreibtisch saß, ein überlegenes Lächeln. Seine Stimme zeigte keine Veränderung, als er fragte:

„Bitte, erzählen Sie mir Genaueres.“

„Ich habe zunächst im Adreßbuch die Frau Rechnungsrat Schwarz gesucht – sie schreibt sich nur mit z. – Dann erkundigte ich mich bei der Wach- und Schließgesellschaft nach der Adresse des Schließers, der in der Werterstraße – da wohnt die Frau Rat – den Dienst versieht. Aber der Mann konnte mir keine Auskunft geben. Ich ging daher direkt zu der Frau Rat, klingelte in der Etage an, und mir öffnete eine Aufwartefrau; die Damen, Mutter und Tochter, waren ausgegangen. Ich führte mich bei dieser recht redseligen Frau als alter Bekannter des Verstorbenen ein und auf Umwegen bekam ich dann heraus, daß“ … Grosse zögerte etwas, fuhr dann aber hastig fort – „daß die Damen überhaupt niemals Herrenbesuch empfangen und sehr zurückgezogen leben. Außerdem behauptete die Frau bestimmt, daß gestern abend überhaupt niemand dagewesen sei, da die Damen heute gesprächsweise dieses erwähnt haben.“ – Grosse log frech, da er hoffen mußte, daß Werres ihm unbedingt Glauben schenken würde. Aber er log auch dumm – denn selbst wenn dem Doktor sein schadenfrohes Lächeln entgangen wäre, diese zufällige Bemerkung der Schwarz’schen Damen, es sei niemand abends dagewesen, die Grosse so plump ohne jede Motivierung vorbrachte, hätte Werres sicher stutzig gemacht.

Dieser hatte sich plötzlich erhoben und blieb vor dem Beamten stehen, den er durchdringend zu fixieren begann. Grosse wußte nicht, wie er sich des Doktors Benehmen auslegen sollte; er wurde verlegen und brachte nur stotternd heraus, indem sein Blick unstät im Zimmer umherirrte:

„Ja, schade … Herr Doktor!“

„Warum belügen Sie mich!?“ sagte Werres ohne den Ton seiner Stimme zu verstärken. Der andere begann unruhig zu werden und strich in wachsender Verlegenheit über die Lehne des Sessels hin. Aber seine Hand zitterte leise …

„Wollen Sie mir nicht antworten?!“ – Jetzt lächelte Werres – es war sein altes, jeden aufreizendes Lachen.

„Ich … ich … lügen?! Aber Herr Doktor.“

„Sie wollen mir also nicht die Wahrheit sagen, Grosse! Gut! Sie können gehen. Aber das Weitere wird sich finden. Gehen Sie!!“ Werres Stimme klang hart und befehlend. – Aber Grosse blieb sitzen und starrte den vor ihm Stehenden hilflos an. Und dann … kam eine Flut von Worten, Entschuldigungen, Beteuerungen, schließlich – die Wahrheit. Als der Beamte zu Ende war, sagte Werres ohne jede Erregung: „Ihr Glück, daß Sie sich besonnen haben! – Diese Schwindelei soll Ihnen vergeben sein – aber ich warne Sie: Kein, aber auch kein Sterbenswörtchen zu einem Dritten! – oder haben Sie etwa schon geplaudert?“

[395] „Nein – so wahr ich hier sitze, Herr Doktor …! – Ich bin direkt aus der Werterstraße zu Ihnen gekommen und habe auf dem Wege keinen Bekannten getroffen und auch mit niemandem gesprochen …“

Werres ging auf und ab, langsam, in tiefem Nachdenken.

„Es wird Zeit, daß ich das Netz zusammenziehe!“ – sagte er laut. Dann blieb er vor dem Beamten stehen.

„Sie sind durch Zufall dahinter gekommen, daß ich den Kassierer Willert beobachte. Aber – auch wenn Sie nun mit Müller, was Sie ja ehrlich eingestanden haben – gemeinsam gegen diesen Willert operiert hätten – einen Erfolg konnten Sie nie haben, da Sie – zu wenig wissen! Hätte ich Sie nicht diesem angeblichen Arzt Werner nachspüren lassen, – allein wären Sie auf diese Spur doch nie gekommen.“

„Nein, Herr Doktor – das gebe ich zu! Und über das, was ich jetzt weiß, werde ich schweigen, Sie können mir glauben.“ – Grosses Vogelgesicht sah so zerknirscht aus, daß Werres lächeln mußte.

„Sie müssen mich doch für sehr … töricht gehalten haben, daß Sie überhaupt auf die Idee, mich belügen zu wollen, gekommen sind. Ein Fehler ist es ja nicht, von den Menschen für dumm gehalten zu werden, besonders bei uns Kriminalisten nicht – man kommt denselben Menschen dann leichter hinter ihre Schliche – nicht wahr, Grosse!? – Doch nun,“ – Werres richtete sich höher auf – „nun an die Arbeit; Sie werden mir helfen und – schweigen! – Da liegt Briefpapier. Setzen Sie sich und schreiben Sie! Ich muß Ihnen verschiedene Briefe diktieren – darunter einen, der einen groben Fehler ausgleichen wird, den Sie heute nachmittag gemacht haben. – Also schreiben Sie!“ – Noch eins, haben Sie der Aufwartefrau der Frau Schwarz Ihren Namen genannt?“

„Ich habe mich als Rechnungsrat Winter eingeführt, der hier in der Umgegend wohnen soll.“

„So, also dann können wir beginnen – über die Briefe schreiben Sie natürlich Ort und Datum des heutigen Tages – 27. April –: Meine verehrteste Frau Rat! Als guter Bekannter Ihres verstorbenen Herrn Gemahls wollte ich mir heute erlauben, Ihnen meine Aufwartung zu machen, da ich mich zur Zeit auf der Durchreise hier aufhalte. Zu meinem Bedauern traf ich Sie, verehrteste Frau Rat, nicht an und konnte auch nicht, wie ich es Ihrer Aufwärterin zusagte, wiederkommen, da ich einen mir befreundeten Herrn aus meiner Heimatstadt getroffen habe und mit demselben zusammen soeben die Rückreise antreten will. Ich werde mir erlauben, den jetzt versäumten Besuch gelegentlich nachzuholen. – Ihr ergebenster Heinrich Winter, Rechnungsrat, Marienburg, Unter den Lauben 32 II. – Nun adressieren Sie den Brief an Frau Schwarz. – So, das wäre der erste! – Wissen Sie, Grosse, weswegen ich Ihnen den Brief diktiert habe? Weil die Frau Rat sicher argwöhnisch über Ihr Ausbleiben geworden wäre und … dieser Herr Willert so vielleicht auch etwas davon erfahren hätte, wie genau Sie die Aufwärterin ausgefragt haben … und der Mann soll sich sicher fühlen bis zur letzten Minute! … Nun weiter; nehmen Sie einen neuen Bogen –: Sehr geehrter Herr Sanitätsrat! Bitte wollen Sie mich auf jeden Fall noch heute besuchen. Ich erwarte Sie bis ¾8 in meiner Wohnung. Ihr ergebenster Dr. jur. Werres, Abeggasse 12 I. – Adresse: Herrn Sanitätsrat Friedrichs, Bahnhofstraße 11. – Und schreiben Sie noch darüber: Sehr dringend, eventuell nachzuschicken! – Nummer zwei wäre auch fertig. – Weiter – und schreiben Sie etwas schneller, Grosse –: Sehr geehrter Herr Staatsanwalt! Wollen Sie die Liebenswürdigkeit haben und sich morgen, Sonntag vormittag elf Uhr, in dem Friedrichsschen Bankgeschäft einfinden. Es betritt die bewußte Angelegenheit!“ Werres diktierte noch Unterschrift und Adresse.

„So, damit wären wir fertig. – Nun habe ich für Sie einen Auftrag, Grosse, den Sie dem Herrn Kommissar noch heute ausrichten werden. Richter soll sich morgen vormittag elf Uhr ebenfalls in der Bank einfinden – pünktlich! Sagen Sie ihm, ich ließe ihn darum bitten. Wenn er Sie ausfragen sollte, können sich ruhig auf mich berufen und – schweigen, oder noch besser, Sie sagen einfach, Sie wüßten nichts. Verstanden?! Schön – also damit wäre das Netz zum großen Fischzug bereit gelegt. Die Schnur, die es zufallen läßt, habe ich in der Hand – und morgen vormittag, Grosse, morgen ist der große Tag!“

„Also morgen, Herr Doktor?“ …

„Ja – morgen, und Sie sollen dabei sein – weil Sie heute so hübsch gelogen haben, Grosse! Sie kommen morgen vormittag um … ja um 10 Uhr hierher – in Zivil natürlich! Und lassen Sie die Briefe an Frau Schwarz und den Sanitätsrat durch einen Dienstmann besorgen – hier ist das Geld dazu – aber sofort! – den an den Staatsanwalt werfen Sie in den nächsten Briefkasten, besorgen Sie aber vorher eine Marke. Also morgen um 10 Uhr, und … vergessen Sie ein Paar Handschellen nicht!“


21. Kapitel.

Nachdem der Beamte ihn verlassen hatte, machte Werres sich zum Ausgehen fertig. Seiner Wirtin sagte er, daß er [396] spätestens in einer Stunde wieder da sein würde. – Falls jemand käme, solle der Betreffende nur warten. – Es war inzwischen ½6 geworden und er mußte sich beeilen, wenn er die beiden Gänge, die er vorhatte, so schnell erledigen wollte. Bevor er sein Zimmer verließ, schaute er darin prüfend umher, besonders musterte er seinen Schreibtisch auf etwaige liegengebliebene Blätter. Grosse hatte zum Schreiben eine fast neue weiße Löschblattunterlage benutzt; auf dieser zeigten sich kreuz und quer in Spiegelschrift verschiedene Reihen von Buchstaben, – die Abdrücke der vorhin von Werres diktierten Briefe. Diese Unterlage zerriß Werres in kleine Stückchen und steckte sie in den Ofen, den er dann wieder zuschraubte. Dann verließ er das Zimmer und ging schnellen Schrittes die Abeggasse entlang, bestieg an der Kreuzung der Friedrichstraße eine Elektrische, die in der Richtung nach dem Schützenhause fuhr. Vor dem Schützenhause, einem großen Gebäude mit dahinterliegendem stattlichen Park, verließ er den Wagen und betrat die Restaurationsräume. Ein Kellner wies ihn an das Büfett, wo es die Eintrittskarten für die heutige Aufführung der freien dramatischen Vereinigung geben sollte. Werres erstand zwei Logenplätze hintere Reihe und bezahlte 6 Mark dafür. – Der nächste Wagen der elektrischen Bahn brachte ihn wieder in das Zentrum der Stadt zurück. Dann stieg er in der Nähe des Friedrichsschen Bankgeschäftes aus und ging langsam, als ob er durchaus keine Eile habe, durch die Eingangstür und stieg die wenigen Stufen zu dem Korridor empor. Der dicke Portier saß in seiner Loge und studierte die Abendzeitung. Werres klopfte leise an das Fenster, und den ehrfurchtsvollen, beinahe etwas erschreckten Gruß des Portiers erwidernd, fragte er, ob der Herr Prokurist Westfal zu sprechen sei. Der Portier hatte schnell das kleine Fenster aufgerissen und sagte mit abgezogener Mütze: „Jawohl, Herr Kommissar – er ist oben – erster Stock, erste Tür rechts.“ Werres schritt den Korridor entlang. Ein eigenartiges Gefühl überkam ihn, als er in diesem stillen Gebäude über den jeden Schall dämpfenden Läufer ging. Die Ruhe in dem großen Hause wirkte auf seine Nerven aufreizender als draußen der Straßenlärm. Er dachte zurück an jenen Vormittag, als er zum ersten Male diese Räume betreten, dachte daran, wie er sie nach wenigen Stunden verlassen hatte. In diesen Stunden hatte er noch nicht beweisen können, daß sein Spott, seine Ironie, mit der von ihm die Meinungen der anderen lächelnd abgetan wurden, berechtigt waren. Und jetzt?! Wie war er heute wiedergekommen – als Sieger! Als er an der ihm bezeichneten Tür im ersten Stock angeklopft hatte, wurde drinnen laut „Herein“ gerufen. Werres öffnete die Tür und betrat das Zimmer. Herr Westfal empfing ihn sehr höflich, wenn man ihm auch das leise Erstaunen über diesen Besuch etwas anmerkte. Er bot Werres einen der bequemen, lederüberzogenen Sessel an und drehte dann das elektrische Licht über dem großen Mitteltische auf, da die Glühlampe auf seinem Schreibtisch nur wenig Licht verbreitete. Werres hatte schnell den Raum mit seiner einfachen, aber gediegenen Einrichtung überschaut und wandte sich nun an den Prokuristen, der sich ihm gegenüber in einen anderen Sessel gesetzt hatte. – „Herr Westfal, ich komme mit einer Bitte zu Ihnen. Die Untersuchung in der Sache Friedrichs will nicht recht vorwärts gehen. Weil wir uns nun von einer nochmaligen – ich möchte sagen privaten Unterredung mit den Herren Ihres Geschäfts etwas versprechen, wollen wir morgen vormittag gegen 11 Uhr uns hier einfinden und, da wir auch nochmals eine Lokalbesichtigung vorzunehmen gedenken, wird es am besten sein, wenn wir das Privatkontor Ihres ermordeten Chefs zu dieser Besprechung benutzen. Wollen Sie daher so liebenswürdig sein, die beiden Herren Kassierer davon zu benachrichtigen – und vielleicht bestellen Sie auch den Portier und den Laufburschen hierher. – Also dann morgen um 11 Uhr und Ihre Herren und die beiden anderen Leute sind dann bestimmt zur Stelle.“

[418] „Bestimmt, Herr Doktor, ich werde dafür sorgen.“

„Besten Dank; und verzeihen Sie die Störung.“ Die Herren trennten sich mit einer höflichen Verbeugung.

Als Werres zu Hause angelangt war, fand er auf seinem Schreibtisch einen Brief, der die Aufschrift „Eilbrief“ trug und dessen Adresse mit Rotstift in Kreuzform durchstrichen war. Der Brief war an ihn adressiert, doch nicht nach seiner Wohnung, sondern nach dem Polizeipräsidium und war auf der einen Seite „Scherwinden“ abgestempelt. Werres wog den Brief in der Hand. Er fühlte etwas Hartes darin – das von ihm erbetene Bild des Baron von Berg, wie er richtig kombinierte. Dann rief er seine Wirtin.

„Wer hat den Brief gebracht, Frau Meier?“

„Einer der Herren von der Polizei, der schon öfters hier war, der kleine Schwarze.“ – Das war Müller.

„War sonst noch jemand da?“

„Nein, Herr Doktor.“

Werres schloß die Vorhänge, zündete die Lampe an und setzte sich an den Schreibtisch. Er öffnete den Brief und nahm den Inhalt heraus. Es war die Photographie des Baron von Berg und ein kurzes Schreiben, das Herr von Berg wahrscheinlich durch seinen Sekretär hatte abfassen lassen. Das Bild – Visitformat – war eine Profilaufnahme und wahrscheinlich in dem letzten Jahre hergestellt. – Werres schaute lange auf dieses aristokratische Männergesicht. Dann legte er das Bild beiseite, schloß die Schreibtischschublade auf und breitete seine Aufzeichnungen vor sich aus. Er tauchte die Feder ein und füllte auf der letzten Seite die bisher offengelassene Stelle aus; die Feder flog über das Papier hin, knirschte und kratzte bisweilen, aber sie ließ sich nicht aufhalten; in einem Zuge bedeckte sie diese weiße Fläche mit Kreuzen, Strichen und Punkten. Dann warf Werres den Halter hin, daß der Rest der Tinte verspritzte und sich in immer kleiner werdenden schwarzen glänzenden Pünktchen auf den grünen Schreibtischbezug verlor … Werres lehnte sich zurück und überflog das Geschriebene. Ein tiefer Atemzug hob seine Brust, ein Laut wehte durch das Zimmer wie ein Seufzer der Erleichterung – oder war’s ein Stöhnen? – Werres Mund hatte sich fest zusammengepreßt und in sein Gesicht war ein Ausdruck von Seelenpein getreten; ein weher schmerzlicher Zug lag um die sonst so spöttisch verzogenen Lippen … Sein Werk war vollbracht – vollbracht! Langsam richtete er den Blick empor zu dem Bilde, das da oben auf dem Schreibtischaufsatz stand. Und wie fragend schaute er in das liebe Mädchengesicht; es war, als hoffte er, daß dieses von so vollem Haar umrahmte Köpfchen ihm zunicken werde, ermunternd, dankbar! Nichts – nichts … als seine Gedanken … Sein Werk war vollbracht! Und morgen? … morgen würde da in der Werterstraße ein junges Weib besinnungslos schluchzen, würde mit wilden, trostlosen Augen ins Leere starren und vielleicht verfluchen, was sie heute noch liebte … Und das würde sein Werk sein …! –

Lange saß er so da; der Schmerz in seinen Zügen hatte sich verstärkt; ein Ausdruck von qualvoller Angst entstellte sein blasses Gesicht, in dem die roten Schmißnarben jetzt brannten wie Kainszeichen. Und dann richtete er sich schwerfällig auf. Er hatte ausgekämpft; die Pflicht hatte gesiegt und Werres glaubte für alle Zeit das begraben, was trotz dieses spöttischen Lächelns in seiner Seele gelebt: das warme Mitempfinden fremden Unglücks.


[419]
22. Kapitel.

Die Flurglocke schellte, lange, anhaltend. Dann klopfte es. Werres wandte sich der Tür zu, so müde, so gleichgültig. – „Herein!“ – Es war der Sanitätsrat. Die Herren begrüßten sich und Werres nötigte seinen Gast in einen Sessel. Er hatte die Lampe auf den Mitteltisch gestellt und setzte sich auf einen der Rohrstühle, weit weg von dem hellen Lichte, das er heute fürchtete. Doch wie immer klang seine Stimme leidenschaftslos ruhig.

„Herr Sanitätsrat, ich habe Sie hergebeten, um Ihnen an dem heutigen Abend eine Person zu zeigen, der Ihr und mein Interesse jetzt länger als acht Tage ausschließlich gehört. Wen ich meine, wissen Sie wohl …“ Der alte Herr war aufgesprungen.

„Sie … Sie?“ … – Dr. Friedrichs brachte kein zusammenhängendes Wort heraus.

„Bitte, keine unnötige Aufregung, Herr Sanitätsrat,“ sagte die müde Stimme. – „Ich habe Ihnen gestern vormittag versprochen, den Mörder Ihres Bruders der Gerechtigkeit auszuliefern – morgen wird es geschehen. Und heute sollen Sie selbst sich überzeugen, daß es einen Doppelgänger des Baron von Berg gibt!“

Dr. Friedrichs starrte mit beinahe entsetzten Augen auf Werres.

„Sie wollen mir den Mörder zeigen …? Sprechen Sie nicht in Rätseln, ich verstehe Sie nicht, Herr Doktor?!“ – Er war noch einen Schritt näher getreten.

Werres hatte ruhig seine Uhr gezogen, ohne auf die Frage des Sanitätsrats zu antworten. – „Es ist sieben – wir haben noch eine Stunde Zeit und die wollen wir, wenn es Ihnen recht ist, dazu benutzen, um in einem stillen Winkel eines Restaurants zu Abend zu speisen. Sie sind doch noch vor Tisch, Herr Sanitätsrat? – Dann wollen wir aufbrechen. Nachher erzähle ich Ihnen das Nötige.“

Dann saßen die beiden Herren bei Helfrich, und während sie ihre Abendmahlzeit einnahmen, hatte Dr. Friedrichs Zeit, seinen ziemlich wortkargen Begleiter auszufragen. Aber soviel er auch in Werres drang, den Namen des Täters nannte dieser ihm nicht. „Sie werden ihn morgen erfahren – morgen vormittag. Und ehe ich’s vergesse – bitte, wollen Sie morgen vormittag um 11 Uhr in das Bankgeschäft kommen, aber nicht früher, ganz pünktlich! Ich habe mir einen Plan zurecht gelegt und der muß bis in die feinsten Teile genau nach meinen Absichten ausgeführt werden! Eine geringe Abweichung kann uns um den Erfolg bringen, den ich neben der Überführung des Mörders erreichen will: An demselben Orte, wo Ihr Bruder so hinterlistig ermordet wurde, soll der Verbrecher die Tat eingestehen – und er wird es tun, Herr Sanitätsrat! Dann wird mein Erfolg erst ein ganzer sein, wenn er freiwillig seine Tat bekennt! –“ Der Sanitätsrat hatte ihm atemlos zugehört.

„Herr Doktor … wenn ich nicht ein reines Gewissen hätte, weiß der Himmel, ich würde heute Angst vor Ihnen haben.“ – Und ein scheuer Blick traf Werres, ein Blick, in dem sich Bewunderung und etwas wie leise Abneigung mischte … Dr. Friedrichs schaute dann in Gedanken vor sich hin.

„Ihr seid doch merkwürdige Menschen, ihr Kriminalisten,“ – meinte er dann kopfschüttelnd. „Wenn man euch so auf der Fährte eines Wildes beobachtet, diese fast grausame Hartnäckigkeit sieht, diesen Scharfsinn bewundert, dem jedes Mittel recht ist, um die Vermutung zum sicheren Beweis umzuformen, dann weiß man wirklich nicht: Lebt in eurer Brust dasselbe Empfinden, wie in der anderer Menschen, oder macht euer Beruf aus euch diese harten gefühllosen Verfolger eurer Mitmenschen, die ihr hetzt und jagt, bis sie um Gnade winselnd, ermattet niedersinken … Ein eigener Beruf …!“

In Werres Gesicht war eine plötzliche Veränderung vorgegangen. – „Also auch Sie als Arzt sogar haben diese Meinung von uns?! Gefühllos …?! – Wer sagt Ihnen das?! Ich – und wohl jeder von uns hat Stunden durchlebt, in denen er einen harten Kampf bestehen mußte – in denen die Pflicht und – wie Sie sagen – das Gefühl miteinander stritten! Ich werde Ihnen eines sagen, Herr Sanitätsrat: Heute, heute bevor Sie kamen, habe ich zum erstenmal diesen Kampf in meiner Brust gespürt; da zerrte die Pflicht hierhin und – das Gefühl dahin … Der Kampf war nicht leicht! Ich weiß, ich halte ein Menschenleben in meiner Hand, ich kann es vernichten – ich kann aber auch schweigen – und dann soll die irdische Gerechtigkeit zusehen, wie sie Ihrem Wahrspruch gerecht wird: Auge um Auge, Zahn um Zahn! – Ein Mensch, der grausam mit so kaltblütiger Überlegung einen anderen hinmordet, der ist kein Mitleid wert! Für den – Gefühl zu zeigen, hieße ein Narr sein! – Nein, ein Mörder ist diese Qualen nicht wert, die ich heute erduldet, als ich daheim an meinem Schreibtisch saß, vor mir die Beweise, die ihn vernichten sollten … – Aber es gibt noch andere Menschen, unschuldige Wesen, die mit dem Schuldigen leiden … Nicht an die Todesangst des überführten Verbrechers denken wir – wir denken an die, die ihm vielleicht nahe stehen, die nicht ahnen, daß der Sohn, Bruder, Gatte oder Geliebte dem Gesetz verfallen [420] muß, daß er ein Verworfener, ein Ausgestoßener der menschlichen Gesellschaft ist …! Mitleid, warmes Mitleid müssen wir überwinden, wenn einer von uns, wie ich heute, vor der Entscheidung steht, wenn man wie Gott Leben und Tod geben kann mit einem einzigen Wort! – Gefühllos?! … O nein, Herr Sanitätsrat, da irren Sie sich, da irrt die Menschheit sich in uns! – Aber wir sind es gewöhnt, wir, die wir die Gerechtigkeit auf Erden unterstützen, verkannt, vielleicht verachtet zu werden!“

Friedrichs antwortete nicht; aber als er jetzt Werres die Hand über den Tisch hinreichte, leuchtete in seinen Augen ein warmer Strahl.

– Schweigend saßen die beiden Herren sich nun gegenüber und jeder schien seinen Gedanken nachzuhängen. Schließlich begann der Sanitätsrat zögernd: „Lieber Herr Doktor – Sie wollten mir doch erklären, was nun heute abend geschehen wird?“ – Werres schaute schon wieder gleichmütig vor sich hin. Aber in seinem Gesicht brannte jetzt eine heiße Röte – das einzige sichtbare Zeichen, wie sehr ihn die eigenen Worte vorhin ans Herz gegriffen hatten.

„Ja, wir kamen davon ab, Herr Sanitätsrat! – Sie besinnen sich doch noch auf den Baron von Berg?“

„Ungefähr … ich habe ihn allerdings nur einmal flüchtig gesehen …“

Werres zog aus seiner Brieftasche eine Photographie hervor. „Bitte, – wollen Sie sich dieses Bild genau ansehen – es ist Herr von Berg. – Wie bekannt, konnte der Mörder Ihres Bruders seine Tat nur dadurch in ein so geheimnisvolles Dunkel hüllen, daß er anscheinend nur eine Spur zurückließ: Er mußte dem Baron auf ein Haar gleichen! – Das war noch das einzige – anscheinend das einzige, was wir von ihm wußten. Und diesen Doppelgänger werden Sie heute sehen – nicht den Mörder, wie er in gewohnter Sicherheit der blinden Menschheit ein anderes Gesicht zeigt. Sie sollen selbst urteilen, ob die Ähnlichkeit zwischen Herrn von Berg und seinem Abbilde so groß ist! Es ist jetzt ¾8, wir müssen aufbrechen. Um 8 Uhr beginnt die Vorstellung. Ja, wir gehen in ein Theater, Herr Sanitätsrat – wir werden uns die Aufführung des „Traumulus“ ansehen, die heute die hiesige freie dramatische Vereinigung im Schützenhause veranstaltet. Und bitte – fragen Sie nichts mehr – lassen Sie uns so lange von etwas anderem sprechen oder schweigen, bis Sie mir sagen werden: „Der – der ist es!“

Als die Herren die Seitenloge betraten, war es wenige Minuten vor acht. Der große Saal des Schützenhauses, vollständig in Weiß und Gold gehalten, war nicht nur einer der schönsten Festsäle der Provinzialhauptstadt X, sondern besaß auch eine Bühne, die nach den neuesten technischen Vorschriften eingerichtet war und die, was Breite und Tiefe anbetraf, selbst der Bühne des Stadttheaters nicht viel nachgab. Hier fanden die sich ziemlich regelmäßig alle sechs Wochen wiederholenden Aufführungen der freien dramatischen Vereinigung statt, die von dem dichterisch nicht unbedeutenden Landesrat Pankritius vor ungefähr fünf Jahren ins Leben gerufen wurde und deren Mitglieder sich aus den ersten Gesellschaftskreisen zusammensetzten. Für heute abend stand „Traumulus“ auf dem Programm, jene tragische Primanergeschichte, in der der blinde Idealismus eines weltfremden Schulmannes ein junges Menschenleben in den Tod treibt. – Der Saal, besonders das Parkett und die Logen, waren gut besetzt. Für die Stadt X stellten diese Veranstaltungen eine Gelegenheit dar, die sowohl den Spitzen der Militär- und Zivilbehörden und der reichen Kaufmannschaft als auch den durch ihre künstlerische Interessen in allen Kreisen verkehrenden Herren und Damen zum Rendezvous dienten. – Das an- und abschwellende Flüstern verstummte, als der dumpfdröhnende Ton eines Gongs zum dritten Male ertönte, zugleich das Licht des Kronleuchters abgedämpft wurde und die Rampenbeleuchtung der Bühne aufflammte. Der Vorhang rauschte empor. Die Szenen zeigte das Innere eines Restaurants; an einem runden Tische rechts saßen mehrere Herren, im Hintergrunde spielten zwei andere Billard.

[442] Der Sanitätsrat und Werres konnten von ihren Plätzen die Bühne bequem überblicken. Dr. Friedrichs hatte das Opernglas eingestellt und suchte unter den auf der Szene Beschäftigten die eine Person, der jetzt alle seine Gedanken gehörten. Der alte Herr befand sich in einer Aufregung, die sich deutlich in seinem Mienenspiel, seinen zitternden Händen zeigte. Jetzt ließ er das Glas sinken und schaute enttäuscht zu Werres hin, der links von ihm saß. Dieser hatte ihm, als sie auf der elektrischen Bahn nach dem Schützenhause hinausfuhren, nur das eine noch gesagt: „Nicht im Zuschauerraum werden Sie den Gesuchten finden, sondern auf der Bühne!“ – Damit hatte sich der Sanitätsrat dann auch zufrieden gegeben.

„Ich sehe ihn nicht,“ – flüsterte Dr. Friedrichs vorsichtig – „sollten Sie sich nicht doch geirrt haben …?“

Aber Werres schüttelte den Kopf. „Ich habe mich nicht geirrt, Herr Sanitätsrat, verlassen Sie sich darauf und warten Sie ab.“ – Nein, Werres war seiner Sache ganz sicher. Als heute in der Mittagsstunde der Kriminalbeamte Müller bei ihm war und die Erfolge seiner Ermittelungen ihm berichtete, als er dann das Mitgliederverzeichnis nachher aufschlug und unter den Aktiven einen Namen las – den einen Namen, der ihn bis in seine Träume verfolgte, da hatte ihn ein Gefühl stolzer Genugtuung erfüllt: Auch diese seine scheinbar so haltlosen Schlußfolgerungen von zwei blonden Härchen in einer Krawattennadel bis hin zu der Person eines der Mitwirkenden des heutigen Abends, stimmten. Inzwischen hatte das Spiel auf der Bühne seinen Fortgang genommen. Es kam der Augenblick, in dem der Landrat die Szene betritt. Die Tür zu dem Restaurant öffnete sich, der Landrat erschien, eine hohe elegante Gestalt in Paletot und Zylinder, der mit seinem blonden gescheitelten Haar und dem wohlgepflegten langen Vollbart von derselben Farbe den vollkommenen Eindruck eines Aristokraten machte. Werres Augen weiteten sich, noch einmal schaute er scharf nach der Bühne, dann neigte er sich zu seinem Nachbar und sagte leise nur ein Wort: „Bitte!“

Der Sanitätsrat riß das Glas an die Augen; seine Hände zitterten so stark, daß die Personen auf der Bühne ihm hin und her zu tanzen schienen – und dann … Lange blickte der alte Herr angestrengt hin; als er das Opernglas senkte, war sein ehrwürdiges Gesicht merkwürdig versteinert; und heiser raunte er Werres zu: „Er ist’s!“ –


23. Kapitel.

Der Sonntag hatte nach dem klaren sonnigen Wetter des vorigen Tages Sturm und Regen gebracht. Es war ½10, als Werres nach unruhigem Schlaf aufwachte und nun langsam in Gedanken sich ankleidete. Gestern hatte er mit dem Sanitätsrat der „Traumulus“-Aufführung bis zu Ende beigewohnt. Als sie dann nachher in einer der Nischen der Dannerschen Weinstube saßen, da zeigten beide nicht viel Lust zum Reden. Der Sanitätsrat [443] rauchte schweigend seine schwere Havanna und Werres schaute nachdenklich in das rot verhüllte Licht des auf dem Tische brennenden Lämpchens.

Sie hatten sich früh getrennt, und Werres saß dann lange allein in seinem stillen Zimmer und überdachte den kommenden Tag. Dieser Tag war nun da; aber die Nacht hatte ihm keine ruhigere Stimmung gebracht. Tolle, zusammenhanglose Traumbilder ließen sein überanstrengtes Hirn nicht zur Ruhe kommen. Als er jetzt am Fenster stand und herausschaute in die regennasse Straße, sah, wie die Regentropfen die Scheiben hinabrannen … wie Tränen, dachte er – dieselben Regentropfen, die unaufhörlich knatternd der Sturm gegen die Fenster trieb, da fühlte er wieder diese seltsame, unbestimmte Angst, diese bange Ahnung vor etwas, das ihn bedrohte und das er nicht von sich abzuwehren vermochte … Dann brachte ihm die korpulente, stets vergnügte Frau Meier den Kaffee; und während sie aufräumte, schwatzte sie unaufhörlich, erzählte ihm den neuesten Hausklatsch und Werres war’s heute wie eine Wohltat, daß sie ihn so von seinen Gedanken ablenkte.

Der Kriminalbeamte Grosse stellte sich pünktlich ein. Er hatte sein listiges Vogelgesicht in beinahe feierliche Falten gelegt. Der war über Bedenken, über Seelenkämpfe, wie sie Werres durchgemacht, längst hinaus. Er berichtete kurz, daß er die Bestellung an den Kommissar ausgerichtet und auch die Briefe besorgt habe. Und dann fügte er hinzu: „Freuen tue ich mich auf diese Geschichte heute, Herr Doktor! – Sie wissen gar nicht, wie dankbar ich Ihnen bin, daß ich mitmachen darf. Und die Hauptsache ist ja für mich – ich werde nun endlich erfahren, wie Sie das alles so fein herausbekommen haben, Sie ganz allein; denn der Herr Kommissar“ – Grosse lächelte überlegen – „der hoffte noch gestern, daß er von Turski aus Scherwinden bald bessere Nachrichten haben würde. Außerdem hat er sich mit seinem Freunde Behrent erzürnt – der muß doch irgend eine Dummheit gemacht haben und ist doch sonst so überschlau!“

Werres mußte unwillkürlich lachen. Er dachte an Freitag abend, an die Szene im Restaurant Helfrich zurück, wie Behrent so gedrückt fortgeschlichen war, nachdem er ihm so unzweideutig zu verstehen gegeben hatte, daß er ihn nicht nur erkannt, sondern auch durchschaut habe.

Inzwischen fuhr unten der Taxameter vor, den Werres durch Grosse hatte holen lassen. Er rief dem Kutscher eine Adresse zu und stieg ein. Schweigend saßen die beiden nebeneinander, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Dann hielt der Wagen

„Sie bleiben sitzen, Grosse,“ – befahl Werres kurz. Und dem Kutscher rief er nur zu – „Warten!“ – Dann verschwand er in der Haustür. – Grosse, der anfangs geglaubt hatte, daß sie nach dem Friedrichsschen Bankgeschäft fuhren, sah bald, daß sie Straßen eines anderen Stadtviertels kreuzten. Jetzt lehnte er sich hinaus, schaute sich neugierig das Haus an, in dem[12] der Doktor verschwunden war. Der Wagen hielt in der Werterstraße vor dem Gebäude, in dem die Frau verwitwete Rechnungsrat Schwarz wohnte. – „Was will er denn hier?“ fragte sich der Beamte. Aber eine Antwort fand er nicht.

Werres hatte an der Tür oben geklingelt und dann durch die ihm öffnende Aufwärterin seine Karte hineingeschickt. „Sagen Sie der gnädigen Frau, ich müßte sie unbedingt sprechen,“ hatte er der Frau bestellen lassen. Er wurde in eine mit altmodischen Möbeln eingerichtete, sogenannte gute Stube geführt und setzte sich mit einem leisen Seufzer in einen der verschossenen Sessel. Das Schwerste dieses Tages stand ihm jetzt bevor … das Allerschwerste! Würde er die richtigen Worte finden, um hier seine Mission so durchzuführen, wie er sich’s vorgenommen hatte …?! Doch um seinen trüben Gedanken weiter nachzuhängen, blieb ihm keine Zeit. Die Tür öffnete sich und eine grauhaarige Matrone, mit einem Leidenszuge um den Mund, stand vor ihm. Er erhob sich.

„Gnädige Frau werden verzeihen, daß ich Sie zu so früher Stunde belästige. Aber eine unaufschiebbare, sehr ernste Angelegenheit führt mich zu Ihnen.“ – Die alte Dame, der man bisher nur eine leise Verlegenheit angemerkt hatte, sah ihn erschreckt an.

„Bitte, gnädige Frau, wollen Sie mir vielleicht gestatten, an Ihr Fräulein Tochter einige Fragen zu richten,“ fuhr er fort, ohne die Frau Rat zu Wort kommen zu lassen.

„Meine Tochter … ich verstehe Sie nicht, Herr Doktor …?“ meinte die Matrone würdevoll. Sie hatte ihre Fassung wiedergefunden.

„Sie haben wohl auf meiner Karte gelesen, gnädige Frau, wer ich bin. Ich komme in – amtlicher Eigenschaft zu Ihnen. Also wollen Sie bitte meinem Wunsche willfahren.“

Frau Schwarz hatte die Visitenkarte noch in der Hand. Sie überflog sie schnell.

„Amtlich? – verstehe ich recht – der Herr ist von der Polizei?“ sagte sie nun wieder erschreckt.

„Jawohl, gnädige Frau.“ – Werres zog seine Uhr. Es war wenige Minuten nach ¼11. „Meine Zeit ist knapp, bitte, wollen Sie Ihr Fräulein Tochter herbitten,“ meinte er höflich aber bestimmt. Kopfschüttelnd verließ die Dame das Zimmer. Werres blieb stehen und schaute vor sich hin. Nun kam das Schwere, vor dem ihm bangte … Und dann öffnete sich wieder die Tür und Mutter und Tochter erschienen.

Dr. Werres,“ stellte er sich selbst vor und fragte dann die Damen, ob er Platz nehmen dürfe. Man setzte sich – Werres absichtlich so, daß sein Gesicht im Schatten war, während er die wunderbar feinen, mädchenhaft weichen Züge Fräulein Schwarz’ von dem dämmerigen Tageslicht voll getroffen vor sich hatte.

„Gnädiges Fräulein,“ – begann er ohne Umschweife direkt auf sein Ziel zugehend –, „Sie sind mit Herrn Willert heimlich verlobt. Ihr Herr Bräutigam hat Ihnen vor ungefähr acht Tagen etwas zur Aufbewahrung übergeben, bitte, wollen Sie mir diesen Gegenstand aushändigen.“

Die junge Dame war aufgesprungen und die Mutter saß vor Erstaunen erstarrt in ihrem Sessel.

„Mein Herr, wie kommen Sie dazu … was soll das heißen,“ rief das Mädchen empört, ahnungslos.

„Gnädiges Fräulein – Werres Stimme klang merkwürdig weich – bitte behalten Sie Platz. – Ich kann Ihnen keine Erklärungen abgeben – ich wiederhole nur auch Ihnen gegenüber: Ich komme in amtlicher Eigenschaft als Beamter der Kriminalpolizei! Falls die Damen zweifeln sollten – bitte, hier ist meine Legitimation.“

„Und ich soll – soll Ihnen die Kassette geben …?“ stotterte Fräulein Schwarz fassungslos. Sie heute sich verraten und Werres hatte sein Verhalten richtig berechnet.

[444] „Ja, Sie müssen mir die Kassette geben,“ erklärte er ruhig. Aber seine Augen scheuten sich, in dieses vor Erregung gerötete Mädchengesicht zu schauen, dem er heute das Lebensglück zertrümmern mußte – mußte!

„Nein – die Kassette gebe ich nicht heraus,“ rief die junge Dame – „ich habe Hans – Herrn Willert versprochen, niemandem zu sagen, daß er sie mir gegeben hat – und woher wissen Sie davon?“

„Frieda – Kind,“ sagte begütigend die Matrone – „bitte, bleib ruhig … Eine Kassette sagen Sie, Herr Doktor?! Ich weiß von einer Kassette nichts! – Wie hängt das zusammen, Kind?“ Die Tochter hatte sich in ihren Stuhl zurückgelehnt und schluchzte leise vor sich hin. Werres litt Folterqualen.

„Frieda – was ist’s mit dieser Kassette?“ fragte Frau Schwarz nochmals.

„Ich sage nichts – nichts –.“ Und in Tränen ausbrechend, wollte sie aus dem Zimmer stürzen. Werres vertrat ihr den Weg.

„Gnädiges Fräulein,“ sagte er bittend, „zwingen Sie mich doch nicht zu anderen Maßregeln. Ich wiederhole – ich komme als Beamter, ich tue nur meine schwere Pflicht!“ Auch die Mutter hatte sich erhoben.

„Frieda, du wirst dem Herrn gehorchen! … Aber von Ihnen, mein Herr, bitte ich jetzt eine Erklärung zu hören! Was hat mein Kind mit der Polizei zu schaffen?!“

Werres unterbrach sie. „Gnädige Frau, ich werde Ihnen allein nachher das sagen, was ich für nötig halte. – Erleichtern Sie mir doch meine Aufgabe, Sie werden mir es später danken.“ – Es mußte etwas in der Stimme des Sprechers liegen, das die Matrone für ihn einnahm.

„Kind – wandte sie sich liebevoll an ihre Tochter – ich wünsche, daß du dem Herrn Doktor diese Kassette aushändigst. Wir werden ja bald erfahren, wie diese ganze Angelegenheit zusammenhängt – etwas Schlimmes kann es ja kaum sein …“ Die junge Dame hatte sich gefaßt.

„Ich werde es tun, Mama, aber Hans wird sehr böse sein …“ Damit wollte sie an Werres vorbei das Zimmer verlassen. Wieder versperrte er ihr den Weg. „Verzeihung, ich muß Sie bis dahin begleiten, wo die Kassette verborgen ist, gnädiges Fräulein …“ Fragend schaute das Mädchen zu ihrer Mutter hin. Diese winkte nur ergebungsvoll. – Den Widerstand hatten die Damen diesem höflichen und doch so energischen Herrn gegenüber aufgegeben. Dann gingen sie in das Nebenzimmer, die junge Dame kniete vor einem Schränkchen nieder, schloß die unterste Schublade auf und kramte zwischen sauber zusammengelegten Wäschestücken einen Gegenstand hervor – die Kassette, die sie Werres ohne ein Wort hinreichte. Dieser wog sie prüfend in der Hand und schaute dann forschend der alten Dame in das ehrwürdige Gesicht.

„Sie kennen die Kassette nicht, gnädige Frau?“ fragte er.

„Nein …!“ Die Frau log nicht, das sah er. Und jetzt atmete er auf; in seiner Hand hielt er die Kassette – und darin lag – mußte das geraubte Geld liegen. – Dann wandte er sich wieder an die Frau Rat.

„Gnädige Frau, dürfte ich Sie noch um wenige Minuten Gehör bitten?“ – Die Dame nickte und ging ihm voraus in die gute Stube. Werres verbeugte sich verabschiedend vor dem Fräulein. Er suchte ihre Augen – aber nur ein verächtlicher Blick streifte ihn. Und müde ging er in das andere Zimmer, die Kassette in der Hand.

„Gnädige Frau“ – sie standen sich gegenüber und er sprach leise – „Sie und Ihr Fräulein Tochter wird heute noch … ein … großes Unglück treffen. Herr … Willert … ist … mit den Gesetzen in Konflikt geraten … er wird noch heute verhaftet werden!“ Die Matrone schwankte; entsetzt starrte Werres in das jetzt starre Gesicht.

„Verhaftet … werden?!“ stotterte sie.

„Bereiten Sie Ihre Tochter vor“ … und Werres verließ fluchtartig das Zimmer, eilte die Treppe hinunter. Diese Qualen waren zuviel für ihn … und in den Sekunden, wo er dieses entgeisterte Gesicht der alten Frau vor sich gehabt hatte, da … hatte er seinen Beruf selbst als gefühllos, als gemein verachtet! Unten riß er die Tür des Taxameters auf.

„Grosse,“ rief er herein – „steigen Sie aus. Sie bleiben bis pünktlich 11 Uhr hier in dem Hausflur und lassen niemanden hinaus – nein, am besten ist, Sie stellen sich oben in der ersten Etage in den Treppenflur! Von den in der Schwarzschen Wohnung anwesenden Personen hindern Sie jede am Verlassen des Hauses. Im Notfalle weisen Sie sich als Beamter aus. Um 11 kommen Sie dann nach der Friedrichs’schen Bank. Verstanden?“ – Dann fuhr der Taxameter davon. Neben Werres auf dem Polster lag die Kassette. – Und in das Rollen der Räder mischte sich ein tiefer Seufzer.


24. Kapitel.

In dem Privatkontor des ermordeten Bankiers Friedrichs beschien der hellstrahlende Kronleuchter die ernsten, erwartungsvollen Gesichter dreier Herren, die auf der einen Seite des großen grünüberzogenen Tisches in der Mitte des Zimmers saßen. Der vierte, Dr. Werres, lehnte an dem Schreibtisch und hatte soeben den andern, besonders dem Staatsanwalt Hübner und dem Kriminalkommissar Richter des längeren auseinandergesetzt, in welcher Weise er seinen Plan durch sie unterstützt sehen wollte, ohne ihnen aber irgendwelche Aufschlüsse über seine Absichten zu geben.

[466] „Also mit einem Wort: Sie wollen hier in unserer Gegenwart den Täter entlarven!“ sagte jetzt Hübner, indem er einen bewundernden Blick auf Werres warf.

„Nichts anderes, Herr Staatsanwalt! Nur muß ich nochmals betonen, die Herren müssen die ihnen zugeteilten Rollen mit vollständiger Harmlosigkeit spielen, sich nichts merken lassen, nichts …!“

„Eine Komödie, die um ein Menschenleben geht –“ meinte ernst der Sanitätsrat. – Werres bleiches Gesicht zeigte wieder jenen gequälten Ausdruck, der in den letzten 24 Stunden das ironische Lächeln vollständig verdrängt zu haben schien. Es war still in dem großen Raume geworden. Richter nagte nervös an seinen Schnurrbartspitzen, Hübner malte mit dem Bleistift verschnörkelte Arabesken auf das erste Blatt des vor ihm liegenden Aktenstückes und Dr. Friedrichs lauschte auf das Toben des Sturmes draußen, der die Scheiben des Glasdaches über dem Lichthof bisweilen laut klirren ließ. Der Regen rauschte dazu in monotonem Geräusch auf dieselben Scheiben; es klingelte, klapperte – eine eintönige Musik wie eine Trauermelodie. –

Die Stutzuhr auf dem Kamin schlug ¼12. Die Herren fuhren nervös zusammen, nur Werres zuckte mit keiner Wimper; er starrte vor sich hin auf die Stelle des Smyrnateppichs, wo an einem Freitag vormittag die Leiche eines Mannes gelegen hatte, der einem selten raffinierten Verbrechen zum Opfer gefallen war.

Der Staatsanwalt hüstelte leise. „Worauf warten wir noch, Herr Doktor?“ fragte er leise. Die ganze Situation bedrückte ihn. Was er da eben gehört hatte, die Rolle, die er in diesem Drama jetzt spielen sollte, das war alles zu plötzlich, zu unerwartet über ihn gekommen; soviel ungelüftete Rätsel sah er noch vor sich … und doch: Die Lösung würde erfolgen, aber nicht durch ihn, sondern durch jenen seltenen Menschen, den sie alle nun doch unterschätzt hatten.

„Auf den Kriminalschutzmann Grosse,“ entgegnete Werres aus seinen Gedanken auffahrend. – Es wurde wieder still im Zimmer. Als Grosse dann eintrat, fragte Werres nur kurz:

„Nun, ist etwas passiert?“

„Nein, Herr Doktor! Ich habe pünktlich bis 11 Uhr gewartet.“

„Sie werden nachher, wenn die Herren hier an der anderen Seite des Tisches Platz genommen haben, scharf acht geben! Auf wen, wissen Sie!“ – Werres Stimme klang matt, als machte ihm das Sprechen Mühe. „Sie setzen sich dort auf das Fensterbrett, Grosse, im übrigen verlasse ich mich ganz auf Sie. Nur kein vorschnelles Handeln! Ich gebe Ihnen einen Wink, wenn das, was ich fürchte, eintritt. Und nun … ja nun gehen Sie und bitten Sie den Prokuristen und die beiden Kassierer hierher – im Namen des Herrn Staatsanwalts. Die Herren sind oben im ersten Stock im Zimmer des Prokuristen – erste Tür rechts. Und Sie, meine Herren,“ sagte Werres, als Grosse verschwunden war, – „Sie bitte ich nochmals im Interesse der Durchführung meines Planes genau nach meinen Angaben zu handeln.“ Seine Stimme hatte plötzlich den müden Klang verloren; es war wieder seine alte, leidenschaftslose Sprechweise, in der man von seelischer Erregung nichts bemerken konnte.

Als die Gerufenen erschienen, erhoben sich die Herren und begrüßten sich. „Die Herren kennen sich wohl,“ meinte Hübner.

[467] „Dann bitte ich Platz zu nehmen.“ – Man folgte der Aufforderung, und zufällig traf es sich, daß der zweite Kassierer Willert sich zwischen seinen beiden Kollegen niederließ und er so dem Staatsanwalt gerade gegenüber saß. Auch Werres hatte sich einen Stuhl genommen und fand seinen Platz an der Schmalseite des Tisches zwischen dem Sanitätsrat und dem Prokuristen Westfal.

Hübner hatte sich in seinen Sessel bequem zurückgelehnt und begann nun, während er seinen Bleistift zwischen den Fingern drehte:

„Meine Herren, wir haben uns heute hier zusammengefunden, um nochmals durch eine Aussprache den Versuch zu machen, in der Untersuchung dieses geheimnisvollen Mordes irgendwie weiterzukommen. Die bisherigen Recherchen haben so gut wie nichts ergeben. Wir stehen noch heute vor demselben Rätsel, wie vor neun Tagen.“ Unwillkürlich schaute nun Hübner die ihm gegenübersitzenden drei Angestellten nach einander wie fragend an. Aber er begegnete nur drei völlig gleichgültigen Augenpaaren, die nur auf seine weiteren Ausführungen zu warten schienen. Der Kriminalkommissar, welcher ebensowenig wie Dr. Friedrichs und der Staatsanwalt bisher wußte, auch kaum ahnte, wer der Täter sei, der nach den von Werres gegebenen Verhaltungsmaßregeln nur folgerte, daß die betreffende Person unter den Angestellten der Bank selbst zu suchen war, hatte während der Worte Hübners unauffällig die Gesichter der drei an der anderen Seite des Tisches sitzenden Herren gemustert. Doch in diesen Zügen zeigte sich eine so vollkommene, nur bei einem guten Gewissen mögliche Harmlosigkeit, daß er vergeblich nachsann und überlegte, wer außer diesen dreien von dem ihm doch bekannten Personal des Geschäfts hier in Betracht kommen könnte.

Der Staatsanwalt fuhr nach der kurzen Pause fort: „Den ursprünglich gegen den Baron von Berg gehegten Verdacht haben wir nun endgültig fallen gelassen, da Herr Doktor Werres eine andere Spur gefunden zu haben glaubt.“ Der Prokurist und auch seine beiden Kollegen schauten überrascht auf. Und Westfal drehte sich halb zu dem rechts von ihm Sitzenden hin.

„Aber gestern nachmittag sagten Sie mir doch noch, Herr Doktor, daß … daß Ihre Untersuchung in dieser Richtung noch nicht abgeschlossen wäre.“

Da fiel der Kommissar ein, mit viel Talent, wie Werres sich eingestand. „Das war gestern, Herr Prokurist – inzwischen sind wir anderer Meinung geworden“ … Westfal schien beruhigt.

„Ja, meine Herren – wir sind also nun übereingekommen“ – sagte Hübner ohne jegliche Unruhe – „daß Herr Doktor Werres uns hier seine Mutmaßungen und die Anhaltspunkte dafür entwickeln soll. Wir haben Sie dazu gebeten, weil es ja möglich ist, daß einer oder der andere von Ihnen uns vielleicht hiernach weiteren Aufschluß über die Person des Mörders geben kann. – Herr Doktor, würden Sie so freundlich sein zu beginnen.“

Auf den Gesichtern der Anwesenden merkte man deutlich das erwartungsvolle Interesse, mit dem sie dem Kommenden entgegensahen. Aber Richter entging es nicht, daß blitzschnell um die Mundwinkel des Kassierers Willert etwas wie ein höhnisches Lächeln zuckte.

Werres’ rechter Arm ruhte auf dem Tische und während er nun sprach, fuhr er mit dem Zeigefinger wie spielend über den grünen Bezug. Seine Stimme klang gleichmäßig wie immer und seine verschleierten Augen waren auf die elektrische Stehlampe gerichtet, die auf dem Schreibtische vor ihm brannte.


25. Kapitel.

„Bei dem uns beschäftigenden Morde,“ begann er, „handelt es sich zunächst um kein seit langem vorbereitetes Verbrechen. Die Annahme, daß der Baron von Berg der Täter sei, habe ich sofort unter eingehender Begründung sowohl dem Herrn Staatsanwalt, als auch dem Herrn Kommissar zu widerlegen versucht. Die Annahme der Beschaffung eines Vermögensvorteils als Motiv der Tat erschien mir in der Person des Barons durch nichts begründet; vielmehr mußte man sich bei den glänzenden Vermögensverhältnissen des Herrn von Berg sagen, daß er wegen einer Summe von 150 000 Mark ein solches Verbrechen nie begehen würde. Nach dieser Erwägung war es meine nächste Aufgabe, nach etwaigen Spuren zu suchen, die den Verdacht der Täterschaft in eine andere Richtung lenken konnten. Und ich fand auch bei der Besichtigung dieses Zimmers am Vormittage des 19. April etwas, das allerdings weder für noch gegen den Baron von Berg sprach und mir auch keinen direkten Schluß auf eine andere Person ermöglichte. Ich sah nämlich an dem dunklen Beinkleid des Ermordeten in der Höhe des linken Knies einen ungefähr talergroßen verschwommenen Fleck, den ich dann mit einer Lupe genauer untersuchte und so feststellte, daß dieser Fleck entstanden sein mußte, nachdem der Herr Bankier ermordet war. Denn dieser Fleck war durch die Berührung einer Stiefelspitze entstanden, die vorher irgendwie mit rotem Ziegelmehl beschmutzt worden war. Wie sollte nun gerade ein solcher Fleck an diese Stelle gelangen und außerdem noch von rötlichem Ziegelmehl herrühren? Herr Friedrichs hatte die Bank am Vormittage nicht verlassen, also schien die Annahme ausgeschlossen, daß er selbst sich irgendwo gerade mit Ziegelmehl beschmutzt hatte, das man doch gewöhnlich nur auf Neubauten oder auf der Straße findet, wo mit diesen Steinen beladene Wagen geleert werden. Weiter sagte mir die Lage des Flecks, daß der ihn hervorrufende Gegenstand nur die Stiefelspitze einer Person gewesen sein konnte, die zwischen dem Leichnam und diesem Tisch stand und sich weit vorbeugend irgend etwas von dem Schreibtisch da wegnehmen wollte. Dabei hat die betreffende Person unwillkürlich den linken Fuß gehoben und das Beinkleid des Toten gestreift. Ich habe versucht, mich selbst derart hinzustellen, habe auch nach dem Schreibtisch hinübergelangt und mich überzeugt, daß diese meine Kombinationen stimmten. – Sind den Herren meine bisherigen Ausführungen klar?“ Er schaute auf und ließ seinen Blick über die Anwesenden hingleiten; aber er sah nur erwartungsvolle Gesichter, in keiner Miene etwas mehr.

„Bitte fahren Sie nur fort, Herr Doktor,“ sagte Hübner höflich.

„Dieser Fleck konnte nun ja ebensogut von der Stiefelspitze des Barons herstammen wie von der eines Dritten, war für mich also noch kein eigentlicher Hinweis auf eine andere Person. Aber ich fand, nachdem Herr von Berg uns hier sein Alibi nachgewiesen hatte, noch mehr.“ – Werres machte eine kleine Pause.

„Ich sah in einer Krawattennadel zwischen den Verzierungen eingeklemmt zwei kurze, blonde Härchen, nichts weiter. Da derjenige, der diese Nadel trug, nun keinen [468] Vollbart hatte, mußten mir diese blonden Härchen wohl auffallen, da es doch ein etwas sonderbarer Zufall sein müßte, wenn sich Haare gerade in einer Krawattennadel, also an einer so schwer zugänglichen Stelle, verfangen. Die allerdings leicht irrige Folgerung aus dieser meiner Entdeckung war, daß dieser Herr mit der Krawattennadel, in der die beiden Härchen hingen, vor nicht allzulanger Zeit, einen – falschen blonden Vollbart getragen hatte und so auf sehr leichte und natürliche Weise die Härchen sich in den Verzierungen der Nadel eingeklemmt hatten. Auch hierin werden die Herren mir wohl gefolgt sein …“

Konnte man bisher in den Mienen der um den Tisch Sitzenden nur das Interesse an diesen Ausführungen bemerken, so lag jetzt in all den auf Werres gerichteten Augenpaaren die gespannteste Erwartung. Der Kommissar hatte sich weit vorgebeugt, der Staatsanwalt sich ganz zu Werres hingewandt – selbst die Körperhaltung der einzelnen drückte diese Spannung aus. Nur der Sanitätsrat schaute als einziger vorsichtig prüfend auf die drei Angestellten … und – machte es die Beleuchtung? – das sonst so frische Gesicht des zweiten Kassierers sah geisterhaft bleich aus …

Werres sprach weiter. „Da nun der Portier und der Laufbursche den Baron von Berg um ¾11 hier in der Bank gesehen haben wollten, der Baron aber für mich als Täter vollkommen ausfallen mußte, so konnten meine weiteren Feststellungen sich nur mit einer Person beschäftigen, die eben hier den Herrn von Berg mit viel Geschick gespielt hatte, das heißt – mit dem rätselhaften Doppelgänger des Barons. Und für diesen Doppelgänger hatte ich ja vielleicht schon einen Anhalt gefunden, eben die beiden Härchen in der Krawattennadel. Aber diese meine Vermutung konnte ebenso leicht sich als hinfällig erweisen, jedenfalls mußte ich mir weitere Beweise zu verschaffen suchen. Bei der Vernehmung dort im Wartezimmer habe ich, wie die Herren sich besinnen werden, meinen Bleistift – es geschah absichtlich – den einzelnen Personen vor die Füße rollen lassen und mich dann jedesmal blitzschnell gebückt. Während ich den Bleistift suchte, fand ich Gelegenheit, mit den Fingernägeln meiner rechten Hand schnell in dem Rande der linken Stiefelspitzen der vor mir Stehenden entlang zu fahren. Mein Zweck war der, festzustellen, ob sich vielleicht in diesem Rande etwas getrocknetes rotes Ziegelmehl vorfand. Und ich habe gefunden, was ich suchte. Sie, Herr Staatsanwalt, werden sich besinnen, ebenso wohl auch der Herr Kommissar, daß ich Ihnen auf Ihre Frage, warum ich mir plötzlich meine Fingernägel so angelegentlich betrachte, zur Antwort gab, daß sich unter dem Nagel des Mittelfingers meiner rechten Hand etwas – rotes Ziegelmehl befände – nichts weiter!“

Hübner drehte sich schnell zu dem Kommissar hin. Sie tauschten nur einen beredten Blick aus – sie hatten sich verstanden. Ja, das hatte Werres gesagt, als der zweite Kassierer kaum das Wartezimmer verlassen! Und beide, Hübner und Richter, schauten nun auf den, der jetzt in seinem Stuhl zusammengesunken dasaß, das fahle Gesicht verzerrt, den Blick starr vor sich hingerichtet … Ein unheimliches, die Nerven aufreizendes Schweigen folgte. Und dann fuhr die leidenschaftslose Stimme fort …

„Dieses rote Ziegelmehl fand ich an der Stiefelspitze derselben Person, in deren Nadel auch die beiden Härchen hingen. Aber auch dieser Beweis konnte mich täuschen – ich mußte sicherer gehen. Durch die mir beigegebenen Kriminalbeamten stellte ich fest, daß von einem Friseur acht Tage vor dem Morde eine blonde Perücke und ein blonder Bart für eine Aufführung der hiesigen freien dramatischen Vereinigung entliehen war. Weiter brachte ich heraus, daß der Besitzer jener Krawattennadel nicht nur beträchtliche Schulden hatte, sondern auch ein Spieler war. Es gelang mir, in eine Gesellschaft mir Eingang zu verschaffen, in der auch jene Person verkehrte und in der hoch gespielt wurde. Ich beteiligte mich am Spiel und wußte geschickt einen 500-Markschein, den der Betreffende einwechselte, an mich zu bringen. Dieser Schein – war einer der Geraubten! Den Mörder hatte ich nun gefunden!“

Ein qualvolles Stöhnen zitterte durch das Zimmer. Aller Blicke richteten sich auf Willert, der wie leblos mit geschlossenen Augen, die Gesichtszüge bis zur Unkenntlichkeit entstellt, dasaß. Aus seiner Brust kam’s wie ein unterdrückter Schrei, er schien sich aufzurichten, etwas sagen zu wollen – aber gebrochen fiel er zurück und nur die blutleeren Lippen bewegten sich zitternd. Jetzt lag auf den Gesichtern der Anwesenden das helle Entsetzen; dieses furchtbare Drama, das sich da vor ihnen abspielte, packte ihre Nerven und ließ sie vibrieren … Und dazu diese Stimme, die so monoton das Strafgericht heraufbeschwor!

„Den Täter hatte ich, – aber auch den Raub mußte ich haben. Der Mörder ist verlobt, seiner Braut hatte er die in eine Kassette eingeschlossene Summe zur Aufbewahrung übergeben. Und der Mörder hat gestern in derselben Maske, die ihm zur Ausführung seines Verbrechens diente, auf der Bühne des Schützenhauses in nicht zu begreifendem Sicherheitsgefühl den Landrat im „Traumulus“ gespielt! Sie, Herr Sanitätsrat und ich – wir haben diesen Menschen gesehen, der mit vollendetem, schauspielerischem Talent, angetan mit derselben Perücke und demselben Barte, den er genau vor 9 Tagen getragen und von dem zwei winzige Härchen in seiner Nadel haften blieben, oben auf der Bühne agierte – den Doppelgänger des Baron von Berg! Und hier meine Herren – Werres war schnell an den Schreibtisch gegangen und hatte von einem Gegenstand die Papierhülle heruntergerissen – hier ist die Kassette, der Raub des Mörders!“

[490] Ein schrilles, nervenzerreißendes Lachen, Töne, wie sie nur die von Folterqualen gepeinigte Brust eines halb Irren hervorbringen kann, gellten durch den Raum. Willert war aufgesprungen, sein wilder Blick stierte nach Werres hin, seine Hände hoben sich wie zur Abwehr – dann fiel er in den Stuhl zurück, die Arme sanken herab und in ächzendem Flüstern kam es heraus …

… „Erbarmen …“ –

Die Herren hatten sich erhoben, standen da und starrten entgeistert, keines Wortes mächtig auf den völlig Zusammengebrochenen, von dessen bleicher Stirn die Schweißperlen langsam herunterrannen.

Der Staatsanwalt faßte sich zuerst. Er flüsterte dem Kriminalkommissar einige Worte zu. Richter ging um den Tisch herum, legte dem Kassierer die Hand auf die Schulter und sagte laut …

„Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie, Willert, als Mörder des Bankier Friedrichs!“

In das unheimliche Schweigen, das diesen Worten folgte, klang wieder jenes furchtbare Stöhnen hinein. – Werres war an das Fenster getreten und schaute hinaus in den Lichthof. Er wollte sein Gesicht vor den andern verbergen – sein Gesicht, in dem jetzt so fest der gramerfüllte Zug eingemeißelt lag. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als müsse er etwas verscheuchen – seine Gedanken, die so blitzschnell nach der Werterstraße geeilt waren …

Die Stutzuhr auf dem Kamin schlug mit ihren hellen Schlägen die Mittagsstunde. Sein Werk war vollbracht …


26. Kapitel.

Als Werres am folgenden Tage gegen 12 Uhr nach Hause kam, fand er in seinem Zimmer den Sanitätsrat Friedrichs, der ihn erwartet hatte.

„Ich komme soeben vom Polizeipräsidium, Herr Sanitätsrat,“ – erzählte er, nachdem sie sich gesetzt hatten. – „Der Kommissar Richter hat das umfassende Geständnis Willerts mitangehört. Dieses Geständnis brachte mir nicht viel Neues. Ihnen aber möchte ich das, was Sie gestern noch nicht völlig überschauen konnten, jetzt ergänzen. – Als der erste Kassierer Meisel Ihrem Bruder die Summe in das Privatkontor gebracht hatte, kehrte er in die Kasse zurück. Willert, der das Telephongespräch zwischen Meisel und Ihrem Bruder gehört hatte und daher wußte, daß der Baron erst in einer Stunde wiederkommen wollte, faßte nun den abenteuerlichen Plan, als Baron von Berg in das Privatkontor einzudringen und sich mit Gewalt in den Besitz der 150 000 Mark zu setzen. Hierbei trafen nun verschiedene Umstände zusammen, die ihm die Ausführung seines Vorhabens überhaupt erst ermöglichten. Seine Figur gleicht der des Barons vollkommen, ebenso hat er einen starken, blonden Schnurrbart; er kannte auch Herrn von Berg von Ansehen sehr genau und wußte ebenso, daß dieser an jenem Vormittage einen Zylinder trug, da der Baron, bevor er Ihren Bruder besuchte, in der Kasse war und nach dem Gelde gefragt hatte. Ferner hatte Willert in seiner Wohnung seit einigen Tagen jene Perücke und den blonden Bart liegen, da er vor der Traumulus-Aufführung seine Maske daheim ausproben wollte. Er sagte also dem anderen Kassierer, daß er zu seinem [491] Schneider gehen müsse und verließ dann die Bank. – Und dieses Alibi, das er sich durch diesen Besuch bei seinem Schneider zu verschaffen suchte, hat mir alle meine Vermutungen und Kombinationen zu zerstören gedroht. Ich hatte nämlich durch vorsichtige Nachfragen von dem Prokuristen Westfal erfahren, daß Willert bei Dembowski in der Junkerstraße arbeiten läßt. Ich ging daher zu Dembowski, nebenbei eines der ersten Schneiderateliers hier – und bestellte mir einen Anzug; während der Geschäftsinhaber beim Maßnehmen mit mir plauderte, holte ich ihn auf Umwegen aus – und wirklich, Willert war an jenem Vormittag dort gewesen. Wie lange, konnte ich nicht herausbringen, nur daß es zwischen zehn und elf war. Diese Feststellung war geeignet, alles Vermutete über den Haufen zu werfen. Aber schließlich waren die gegen Willert sprechenden Verdachtsgründe doch zu schwerwiegende, als daß ich diese Fährte nun aufgegeben hätte. Ich überlegte mir auch, daß, wenn Willert nur wenige Minuten bei Dembowski geweilt hatte, ihm noch immer soviel Zeit blieb, um nach Hause zu eilen und diese Maskerade vorzunehmen. Und sein Geständnis beweist mir jetzt, daß ich mir das Richtige gedacht hatte. Willert ist in einem Taxameter nach dem Schneideratelier gefahren, hat dort ungefähr drei Minuten geweilt und derselbe Taxameter brachte ihn zunächst nach dem Geschäft eines Optikers, wo er sich eine Brille mit vergoldeter Einfassung kaufte, und dann nach seiner Wohnung. Und denken Sie, Herr Sanitätsrat, in dem Hause, in dem Willert zwei möblierte Zimmer bewohnte, waren Maurer mit der Renovierung der Parterreräume beschäftigt, wobei sich auf der Stufe zur Haustür ziemlich viel von dem roten Ziegelmehl festgesetzt hatte. Das habe ich selbst mir sofort am Tage nach dem Morde angesehen. – Bekanntlich hatte es am 19. ziemlich stark geregnet, das Ziegelmehl auf der Stufe war breiig geworden, und als Willert das Haus hastig betrat, blieb an der Spitze seines linken Stiefels etwas von dem rötlichen Brei haften und setzte sich auch in dem Rande zwischen Oberleder und Sohle fest. Ich erwähnte schon, daß Willert sich bereits einige Tage vor dem Morde Perücke und Bart nach seiner Wohnung kommen ließ. Dieses muß unabsichtlich geschehen sein, da der Plan zu dem Verbrechen den ganzen Umständen nach erst am Tage der Ausführung selbst von ihm gefaßt sein kann. Nach seiner Aussage ist ihm nun am Donnerstag morgen, also am Tage vor dem Morde, als er Perücke und Bart angelegt hatte und sich im Spiegel beschaute, seine geradezu frappante Ähnlichkeit mit dem Baron von Berg unwillkürlich aufgefallen. Hieran erinnerte er sich, als er das Telephongespräch zwischen dem Kassierer Meisel und Ihrem Bruder mitanhörte und – diese Ähnlichkeit verleitete ihn auch, überhaupt den Versuch zu wagen, als Herr von Berg sich Zutritt bei Ihrem Bruder zu verschaffen. Wie Willert angibt, hat er sich nun, als er in seiner Wohnung eben angelangt war, blitzschnell nochmals die Ausführung seines Verbrechens zurechtgelegt und alle Möglichkeiten ins Auge gefaßt. Die Absicht Ihren Bruder zu ermorden, will er nicht gehabt haben und hierfür spricht auch die Ausführung des Verbrechens. Willert hat sich dann in seiner Wohnung vor dem Spiegel Perücke und Bart befestigt und auch die eben gekaufte Brille aufgesetzt. Als er nun noch den Zylinder – den er täglich trägt – aufsetzte, mußte ihn jeder oberflächliche Beobachter notwendig für den Baron halten. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen; trotzdem spannte Willert, um sein Gesicht zu verbergen, auf der Straße seinen Schirm auf und schloß ihn erst in der Tür zu der Bank. Der Portier hat sich also geirrt, da er angab, daß der Herr, den er für den Baron hielt bei seinem zweiten Besuch keinen Schirm gehabt hat. Man sieht, wie wenig auf solche Aussagen zu geben ist, Herr Sanitätsrat. – Willert eilte die Stufen zu dem Korridor hinauf, schritt mit abgewandtem Gesicht an der Portierloge vorbei und betrat das Wartezimmer. Die Karte des Herrn von Berg, die er dort dem Laufburschen schweigend hinreichte, soll durch einen Zufall in seine Hände gelangt sein, was mir auch ganz glaubhaft erscheint. Ihr Bruder schickte Willert – wie dieser angab – nämlich vor längerer Zeit einige Geschäftsbücher zur Durchsicht zu und in einem derselben soll die Karte gelegen haben, die auf irgendeine Weise zwischen die Seiten geraten war. Es war nun ein ganz raffinierter Trick von ihm, daß er in dem halbdunklen Vorraum abwartete, ob der Herr Bankier ihn empfangen würde. Denn hatte ihr Bruder vielleicht gerade Besuch, so konnte er unerkannt wieder verschwinden und auch der Junge bekam ihn auf jeden Fall nur undeutlich zu sehen. Allerdings an eins hatte Willert doch nicht gedacht. Es war ja möglich, daß der Baron das Geld bereits abgeholt hatte – und wie wollte er sich dann aus der Affäre ziehen? – Wieder ein Beweis, Herr Sanitätsrat, daß selbst die größten und schlausten Schurken bei ihren Überlegungen nicht die notwendige Sorgfalt und Ruhe verwenden. Zum Glück für die Menschheit, zum Vorteil für uns, die wir nur durch die Nachlässigkeit der Verbrecher auf ihre Spur geführt werden. – Aber das Unglück wollte es – Ihr Bruder war allein! Die Vorgänge in dem Privatkontor haben sich nun nach dem Geständnisse des Mörders folgendermaßen abgespielt: Als der Laufbursche zurückkam und meldete, daß der Herr Bankier bitten ließe, hat Willert das Wartezimmer passiert, die offengebliebene Tür zu dem Privatkontor geöffnet, ist eingetreten und hat die Tür hinter sich ins Schloß gezogen. Ihr Bruder stand am Schreibtisch und kam dann dem Herrn, den er wohl auch im ersten Augenblick für den Baron hielt, entgegen. Willert hat mit einem schnellen Blick gesehen, daß das ziemlich starke, gelbe Kuvert noch auf dem Schreibtisch lag und ist Ihrem Bruder sofort an die Kehle gefahren und hat ihn durch Zudrücken der Kehle zu betäuben versucht. Die Strangulationsmarken haben wir an der Leiche nachher auch gesehen. Der Bankier wehrte sich zuerst, taumelte dann aber zurück und riß den Mörder mit. Dabei wird Ihr Bruder wohl die Kehle einen Moment freibekommen und – ich nehme das an – um Hilfe gerufen haben. Willert hat ihn dann wieder gepackt und ihn mit aller Kraft am Schreien zu hindern gesucht. Da die roten Flecken an dem Halse des Toten so stark ausgeprägt waren, glaube ich bestimmt, daß der Widerstand des Bankiers bald nachgelassen haben muß. Willert, der den bereits halb Ohnmächtigen wohl nur durch seine Armkraft aufrecht hielt, tastete nun mit der rechten Hand auf dem Schreibtisch nach dem gelben Kuvert und dabei soll ihm das lange, dolchartige Papiermesser Ihres Bruders zwischen die Finger gekommen sein. Da hat er in der Aufregung und Angst, daß der erst Halberwürgte nochmals um Hilfe rufen könnte, mit dem Papiermesser zugestoßen – und leider zu gut getroffen. Den immer schwerer werdenden Körper des Sterbenden, konnte er nicht mehr halten; er ließ ihn fallen, [492] beugte sich vor, berührte dabei das linke Knie des Liegenden mit der Fußspitze, an der noch das halbgetrocknete Ziegelmehl klebte, nahm das gelbe Kuvert, knöpfte es unter den Paletot und stürmte davon. Ungehindert verließ er das Gebäude, eilte nach seiner Wohnung, legte Bart und Perücke ab, verschloß das Kuvert in seinem Schreibtisch und kehrte ohne jede Spur von Erregung in die Bank und an seine Arbeit zurück. Wenige Minuten nach seiner Rückkehr wurde dann der Ermordete von dem Prokuristen Westfal aufgefunden. Die Mordwaffe hat Willert ebenfalls in seiner Rocktasche verborgen mitgenommen und will sie bereits an demselben Abend von der Kreuzbrücke aus in den Fluß geworfen haben. Daher auch unser bisher vergebliches Suchen nach dem todbringenden Instrumente …“

„Entsetzlich!“ stöhnte der alte Herr. „Wenn man das so anhört, wenn man bedenkt, welcher Fülle von ineinander greifenden unglücklichen Zufällen mein Bruder zum Opfer fiel … fürchterlich! Ich habe selbst als Arzt viel Trauriges erlebt, aber das hier … das …“ – Werres schaute teilnahmsvoll auf das durch den schmerzerfüllten Ausdruck so greisenhaft erscheinende Gesicht des alten Herrn.

„Sie sagen – Zufälle! – Herr Sanitätsrat! Glauben Sie denn an das, was die Menschheit so bequem mit diesem gedankenlos hingesprochenen Wort abtut? – Ich nicht! Wir, die wir das Arbeiten dieser sogenannten Zufälle, diese zuweilen so wunderbar zusammengeschmiedete Kette von – „zufälligen“ Ereignissen mit langen, schwierigen Überlegungen zergliedern müssen, wir sehen am besten, daß es – keinen Zufall gibt. Nichts, kein Glied unseres Körpers, kein Stäubchen im Weltall wird zufällig bewegt – alles, alles hat hier auf der Erde seinen vorgezeichneten Weg. – Für mich hat dieser Fatalismus nur etwas Beruhigendes.“

Da klopfte es an die Tür. Auf lautes Herein erschien die korpulente Frau Meier und brachte atemlos einen Brief und verschwand. Werres schaute auf die Adresse.

„Herr Sanitätsrat,“ – das klang ein wenig verlegen – „würden Sie mir wohl gestatten, nur schnell diesen Brief durchzufliegen – er ist von meiner Braut.“

Der alte Herr lächelte. „Aber bitte, Herr Doktor.“

Werres reichte ihm noch eine Nummer der „Zeitschrift für Kriminalistik“ hin und riß dann das Kuvert auf. Es waren sechs engbeschriebene Briefbogen. Er nahm den ersten, las oben Ort und Datum. Dann … er schreckte leicht zusammen … eine Anrede fehlte. Und da kroch ihm plötzlich wieder dieses marternde Angstgefühl zum Herzen, preßte es zusammen, daß ihm das Atmen fast schwer wurde. Und er las – seine Blicke flogen über die Wortreihen dahin. Plötzlich … Dr. Friedrichs hob den Kopf – stöhnte Werres laut auf. – Die Briefbogen flatterten zur Erde und in dem durch die beiden Fenster so hell hineinflutenden Tageslicht sah er ein blasses, schmerzverzerrtes Gesicht … Dann war Werres aufgesprungen und an das Fenster geeilt. Der Sanitätsrat glaubte zu bemerken, wie seine Gestalt bebte, als unterdrücke er mühsam ein Schluchzen. Und dann – drang wieder dieses tiefe, stöhnende Atemholen durch den Raum …

Der alte Herr saß verlegen in seinem Sessel. Was hatte nur der Doktor?! Werres drehte sich langsam um. Er mußte eine seltene Selbstbeherrschung besitzen, denn seine Stimme klang unverändert, als er nun sagte:

„Sie hatten ja gestern bereits die Liebenswürdigkeit, Herr Sanitätsrat, mich für heute zu Tisch einzuladen. Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir vorher noch spazieren. Ich bin überarbeitet – mir bekommt die Stubenluft nicht!“ Und dabei wieder die Handbewegung, als verscheuche er trübe Gedanken. Dr. Friedrichs war aufgestanden und legte Werres seine runzlige Greisenhand auf die Schalter. „Mein lieber junger Freund, mich täuschen Sie doch nicht – der Brief da – der hat Ihnen sehr, sehr Trauriges gebracht!“ Werres schaute auf in dieses gütige Gesicht, aus dem eine so vorsichtige, nicht verletzen wollende Teilnahme sprach.

„Ja, Herr Sanitätsrat – wozu soll ich’s Ihnen verschweigen, der Brief – der Brief ist das – Ende!“ – Er wandte sich ab und langsam, zögernd zog er von seiner linken Hand den breiten Goldreif ab, hielt ihn dann noch zwischen den Fingern, als müsse etwas geschehen, das ihm diesen Ring wieder aufstreifte … etwas … etwas … Aber in dem Zimmer war’s so unheimlich still jetzt, weiter nichts … Da schloß er den Goldreif in seinen Schreibtisch ein, bückte sich müde nach den auf dem Teppich liegenden Briefbogen und steckte sie in die Tasche seines Rockes.

„Kommen Sie jetzt, Herr Rat“ – sagte er bittend – „draußen – in der Frühlingsluft erzähle ich Ihnen eine Geschichte, die Geschichte einer Liebe …“

Dann gingen sie.


Werres erhielt die für die Entdeckung des Mörders und die Wiedererlangung des Geldes ausgesetzte Summe – 55 000 Mark von dem Friedrichs’schen Bankhause nach wenigen Tagen ausgezahlt. Er verteilte an die Kriminalbeamten Behrent, Grosse und Müller je 5000 Mark, an die Unterbeamten des Polizeipräsidiums weitere 5000 Mark, ebensoviel ließ er an die Armenverwaltung der Stadt überweisen mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß das Geld sofort an bedürftige Personen ohne Unterschied der Konfession zu verteilen sei. Den Rest legte er durch Vermittlung[13] der Friedrichs’schen Bank in sicheren Papieren an. Bereits am 15. Mai wurde er als Kriminalkommissar nach der Provinzialhauptstadt der Nachbarprovinz einberufen. Von der Frau Rechnungsrat Schwarz und ihrer Tochter hörte er nichts mehr, vermied es auch, sich nach den beiden Damen zu erkundigen. Willert wurde in der Untersuchungshaft unheilbar geisteskrank, mußte in eine Irrenanstalt überführt werden und starb dort nach kurzer Zeit.


Ende.



Das sinkende Schiff
heißt der überaus spannungsreiche, die Gegensätze von Deutschtum und Polentum scharf beleuchtende und sie dramatisch steigernde, doch in dem Schicksal der beiden Hauptgestalten, eines Deutschen und einer Polin, versöhnlich ausklingende
Roman aus der Ostmark
von
Fritz Skowronnek
der in der nächsten
Nummer der
„Zeit im Bild“
beginnt



Errata (Wikisource)

  1. Vorlage: zwanklos
  2. Vorlage: Berent
  3. Vorlage: besagte
  4. Vorlage: macht
  5. Vorlage: vollgepropft
  6. Vorlage: Wort fehlt
  7. Vorlage: Merrettichsauce
  8. Vorlage: Zigarrette
  9. Vorlage: Zigarrette
  10. Vorlage: hatte
  11. Vorlage: Katharinakirche - siehe vorherige Seite.
  12. Vorlage: indem
  13. Vorlage: Vermittelung - siehe Seite 83 (PDF 3).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Das Bild kann auf commons betrachtet werden.
  2. Auch Schlesische Lotterie genannt.