Malerische Wanderungen durch Kurland/Die Gouvernementsstadt Mitau

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Der Hof und Park in Heyden; Weg bis Mitau Malerische Wanderungen durch Kurland
von Ulrich von Schlippenbach
{{{ANMERKUNG}}}
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Die Gouvernementsstadt Mitau.

Mitau zur Johanniszeit und. Mitau aufser derselben, Berstr: zwey ganz verschiedene Gemälde. Ich würde die Stadt mit dem Nil vergleichen, der zu gewissen Zeiten seine ‚Ufer verläfst, sie überschwemmt, und da- dasch fruchtbar macht; oder, wenn das Bild nicht zu gewagt wäre, mit der Proserpina, die einen Theil des Jahres im Tartarus ver- [388] 588

lebte, um den übrigen auf dem Olymp zu ge- nielsen. Zur Johanniszeit ist Mitau so in- teressants; als es nur eine grolse, volkreiche Residenz seyn kann, und aufser derselben stille genug, um die genossenen Johannis- freunden in ruhigen Erinnerungen zu feyern. Ich mufs dem Leser daher ein doppeltes Ge- mälde entwerfen, und, bevor ich die Stadt zeichne, wie sie ist, sie darstellen, wie sie immer seyn sollte, um eine der lebhaftestem Städte genannt werden zu können.

Nur allein der Einzug zur Johanniszeit jst nicht sehr glänzend, denn zleich an den Thoren, ja oft schon vor denselben, wird man von einer Menge grolser und kleiner ‚Ebräer umringt, die Quartiere anbieten ; man logirt nämlich, wie zur Mefszeit in Leipzig, hier zur Johanniszeit gröfstentheils in Privat- häusern. Mit bewundernswe Geläufg- keit rülımt ein jeder die vl, der Logis, die er anbietet, ihre Bequemlichkeit, ihre Wohlfeilheit, und zuweilen wohl auch die Reize der Wirthin. So wöllte, als ich ein« mal im Juny näch Mitau reiste, ein kleiner krausgelockter Ebräer diesen Vorzug durch- aus bey mir geltend machen, überschrie alle [389] 30 _

seine Kollezen und rief in einem fort: „was für ane schaine Wirthin!® _ Bey der An- kunft in Mitau von Doblen her hat man die Wahl, entweder auf der Grolsen-, Schreiber- oder Judenstralse seinen Einzug zu halten. Der bescheidenste ist unstreitig der durch die letztere. Sie ist ungepflastert, mit gröfsten theils kleinen Häusern besetzt, und, ange- messen ihrem Bilde und ihrer Überschrift, als Judengasse, gar nicht geeignet, einen grofsen Begrif von der Schönheit der Stadt beyzubringen, Man gewinnt aber wesent- lich für seinen Wagen und die von der Reise ermüdeten Pferde; denn das Pflaster der an- dern Stralsen gleicht an mehreren Stellen eher zerstresten Klippen, als geordneten Steinen, Hat man jedoch endlich sein Quartier — es sey nun mit oder obne Empfehlung Judäas — erreicht, und liegt dieses in einer guten Strafse, so ist'es schon unterhaltend, die Menge der Equipagen, Reuter und Fulsgän- ger zu betrachten, die in allen Richtungen die Stadt durchkreuzen — und man findet ‚Gelegenheit, alle Spielarten des Fuhrwerks, vom Leiterwagen an bis zur prächtigsten Staatskutsche, zu mustern. Bereits eine [390] ER Woche vor Johannis beginnt die Stadt leb- ‚haft zu werden, und diese Zeit gewährt man- chem ein irdisches Freudenleben, auf wel- ches das Fegefeuer der drey Zahl - oder Johan- nistage folgt. Die Tage vor Johannis sind dem Vergnügen, den Visiten, und höchstens ‚der Einleitung der Zahlungsgeschäfte gewid- met. Besonders aber werden sie wahre Freu- dentage für die Damen, indem, aulser den vielen abwechselnden Vergnügungen, die alle Stunden des Tages einnehmen, eine Menge Läden mit ausgesuchtem Putz gefüllt und in, jedem‘ Augenblick zahlreich besucht sind. Oft werden auch schon um ı0 und ıı Uhr Vormittags Koncerte gegeben. So sang vor zwey Jahren in dieser Morgenzeit, im Thea- ter, bey vollem Hause, die berühmte Mara, — selbst schon im Abende ihres Lebens. Nach- mittags um 53 Uhr hat man fast alle Tage Koncerte, die von durchreisenden Virtuosen, deren oft 6 und mehrere sich hier beysammen finden, ‚gegeben werden, Ihre Einnahme muls doch beträchtlich genng seyn, um eine weite Reise und einen kostbaren Anfenthält zu bezahlen, Wie mancher verdienstvolle Künstler hat hier nicht durch trefliches Spiel [391]

oder Gesang entzückt, und sein Andenken auch nach Jahren erhalten, Ich nenne, aulser derMara, nurDulon, Rhode, Lamare, Himmel, dieGebrüderPreumayr, Field und Ellmenreich, Zuweilen indessen er- tönt hier auch manches Waldgeschrey, das wir Nordländer, gegen unser baares, Geld, für Gesang nehmen sollen. So erinnere ich

mich, zB, eines gewissen Galliani, der,

vor ein paar Jahren sein sehr mittelmälsiges Geklimper auf der Guitarre für unerreichbare Tonkunst verkaufen wollte.

Um 6 Uhr Abends beginnt dasSchauspiel und nach demselben der Spaziergang im Olfen- bergschen Gärten, oder ein Ball, und so sind alte Stunden des Tages, bis spät in die Nacht hinein, den Vergnügungen geweiht. Blei. ben etwa noch einige Minuten übrig, so wer- den selbst diese zum Anschauen von Kabi- netten mit Wachsfiguren, Panoramas, wil- den Thieren, Milsgeburten, Riesen, Kunst- ‚zeutern oder Pferden in Beschlag genommen, und wer alle diese öffentlichen Ausstellun- gen sehen, alle Koncerte hören, das Theater und die Bälle besuchen will, bat wahrlich keine kleine Arbeit übernommen, und muls [392] RE

diese Freuden im Schweilse seines Angesichts ärndten. Ich babe manchen Herrn und man- che Dame gesehen, denen es auf die Weise sauer genug wurde, sich zu vergnügen, und die sich für ein jahrelanges stilles Landleben, mit vielem Gelde, und selbst mit Aufopfe- zung des Schlafs und der Gesundheit, Erin- nerungen aus der Mitauer Johanniszeit ein- „kauften. Wenn ein ächter Kunstgeist in die- sen Erinnerungen lebt, so sind sie Gewinn für das Daseyn, wo die Vergangenheit ihren ganzen Schatz der Erinnerung vertraut, und Erfahrung aus diesem die Kosten der Gegen- wart bestreitet. Nur müssen die Erinnerun- gen nicht den Wachsfiguren gleichen, bey denen das Leben in den kalten starren Bil-

dern mehr schreckt als erfreut. i ' Der ganze Tag wird also, wie man ge- sehen hat, von Künstlern und Gauklern, von Kunst und Spals, in Beschlag genommen ; aber auch von dem Reste sollen noch einige Groschen abfallen, und bis zum grauenden Morgen ziehen Leyern, Papagenoflöten und Tambourins durch die Straßsen, gleichsam als mülste die Ruhe um jeden Preis gebannt werden, und sie die einzige seyn, der kein [393] 595

Plätzchen gegönnt wird, um auch ihr Spiel in gaukelnden Träumen zu feyern, Endlich 'erscheint der Johannisteg mit seinen ihm nachfolgenden beyden jüngern Brüdern, und nun ändert sich einigermalsen die Scene, Die Freuden stellen sich mehr in den Hintergrund und lassen ernsten Geschäften den Vortritt. Mitau hat jezt die höchste Stufe seiner Flat erreicht und sieht wieder der Zeit der Ebbe entgegen. Alle Häuser sind mit Fremden vom Lande, aus Riga und aus den Städten Kur- lands besetzt; allenthalben hört und sieht man in den Häusern harte Thaler zählen; eine Menge Bediente laufen mit schweren Geldsücken über die Straßen, oder fahren (dergleichen auf Droschken und Schleifen, Die verschlossenen Kasten der Reichen öffnen sich, 'um ihren Inhalt den Händen der Ärmern, gegen jährlichen Zins, zu vertrauen. Juden aller Art durchrennen die Stralsen und wol- len der Noth ein Procentchen, und wohl auch "mehrere, abgewinnen, oder bringen ihre ‚Beute hier und da, wo man es am wenig- 5 erwarten sollte, in Sicherheit, Die Ge- 'sichter, die Tagcs zuvor ein Lächeln der Freude umzog, sind jezt ernst und gespannt; [394] 4 man bemerkt die Anstrengung der genauesten Überlegung und Berechnung. Sull und in sich gekelirt sieht man. jezt die Männer auf den Stralsen gehen und fahren. Nur die Da- ‚men lälst diefs Karneval des Pluto ungestört. Ihr Schutz allein hält die Musen von der ‚Flucht, vor dem Bannspruche der ernsten Ge- schäfte zurück; sie nähren die Göttinnen in dieser Prüfungszeit mit den silbernen Brod- samen, die von ihrer Herren Tische, fallen,

Das Schauspiel und der Offenbergsche

Garten bleiben aber demungeachtet, immer angefüllt, weil selbst die Männer, welche den ganzen Tagubindurch die. wichtigsten ‚Geschäfte gehabt haben, gegen Abend einer Erholung bedürfen. Oft babe ich, auch ‚aufser dem Theater, Monologe auf der Stralse ‚kalten sehen und hören, denen es weder an feuriger Deklamation, noch an mimischer

‚Darstellung fehlte. So ging einst ein Mann

‚vor mir auf der Strafse, der sehr oft die Hand ausstreckte und dabey wiederholt sagte; „Das geht unmöglich an! ich brauche selbst mein Geld und kann es nicht länger lassen.“ Ein anderer stand jeden Augenblick suill, legte den Stockknopf an dieStiru und bewegte die [395] Lippen als ob er rechnete, 86 macht die An- strengung beym Geschäfte, indem es durch subjektive Wichtigkeit, oder durch die Nei- gung, mit der esergrifien wird, Leidenschaft erweckt, für die äulsere Umgebung fühllos, und hat sogar den ästhetischen Werth, ein, inneres Leben empor gerufen zu haben. Ge- wils hat selbst Archimedes, der, bey ihn umgebender Gefahr, seine Zirkel zu bewah- zen bat, nicht inniger seine Wissenschaft um- falst, als hier unsre Peripatetiker die Kreise ihrer Johannisrechnungen. Wenn man die Menge von Geld sieht, die um diese Zeit hier gezählt oder getragen wird, so sollte man Kurland für eine der reichsten Provin- zen Rufslands halten. Eine Voraussetzung, ‚die jedoch bey genauerer Kenntnils der Ge- schäfte verschwindet; denn dasselbe Kapital läuft oft durch zehn und zwanzig Hände in gröfsern und kleinern Summen. Ein wahrer Proteus, wechselt hier das Geld jeden Au- ‚genblick als Equivalent eines andern Werthes,

es enülich, oft und frey erblickt, im Kasten verschlossen seine Beschwörungen für denMoment endet. Einen schr richtigen Beweis, wie oft das Geld hier in Umlauf [396] 396

gesetzt wird, und dals die Quantität nicht ganz 30 beträchtlich ist, als sie scheint, giebt der Umstand, dafs wenn zuweilen nur 100,000 Thaler ausbleiben, oder durch Zufall steril liegen müssen, man augenblicklich eine Stockung in den Geschäften merkt, Dem Psychologen können diese Tage überdem als wahre Zahltage der Erfabrung dienen; aber er wird sich freuen, nicht selten auch Züge des höchsten Edelmuths zu entdecken, die, im Ganzen genommen, ihm den Charakter der Kurländer lieb machen müssen, Fälle, wo derÄrmere uneigennützige Unterstützung und ihn rettenden Kredit erhält, wo Freunde und Bekannte wetteifern, um jede Verlegen- heit zu mindern, kommen häufig vor; dage- gen die wenigen Wucherjuden und Jüdin- nen allgemein gekannt siud und ihren sauern "und unsichern Profit gegen allgemeine Ver- ‚achtung eintauschen.

Während nun alles zum Altare Pluto’s seine Opfer trägt, und mancher, der zu viel oder zu wenig des Goldes dJarbringt, auch die Ruhe seiner Seele unter die dem Höllen- gott — als solcher schon ein Gott des Keich- thums — dargebotenen Gaben mischt, 'wol- [397] 397

len wir desto ungestörter\ die vorzüglichsten Tempel der Kunst, und die dem geselligen Vergnügen geweihten Plätze betrachten. Ich nenne das Theater zuerst, weil es gewiß die vorzüglichste Unterhaltung ist, welche Mitau während der Johanniszeit dar- bietet. Die rigasche Schauspielergesellschaft kann sich dreist mit vielen vorzüglichen Theatern Deutschlands messen. Sie spielt in der Regel fast den ganzen Junymonat bin- durch in Mitau in einem von dem Direktor, Herrn Meyrer, vor wenig Jahren, auf sei» ne eigene Kosten, erbauten, geschmackvol- len Schauspielhause, das gegen 1200 Perso- nen falst, und jeden Abend ohne Ausnahme $tark besetzt, oft zum Ersticken überfüllt ist. Bey dem Tadel, der zuweilen über dieseGe- sellschaft, oft nur um die Bekanntschaft mit auswärtigen Bühnen zu beweisen, ausge- sprochen wird, fällt mir die Behauptung einer gereisten Dame ein, die im ganzen Ernst versicherte, die Nachtigallen hätten am Fufse der Alpen zwey Töne mehr Höhe und Tiefe, und modulirten ihren Gesang besscr als die unsrigen. So geht es denn auch mit den Urtheilen über einheimische Kunst aller [398] 598

Art, die, gerade weil sie einheimisch ist, nicht nur weniger geachtet wird, als sie ver- dient, sondern die selbst der Ausländer bes- ser kennt und ehrt, als derjenige, der sie, als vaterländische Kunst, vorzüglich ehren und aufmuntern sollte. Man mufs wirklich voller Vorurtheil seyn, wenn man das Spiel eines Porsch nicht vortreflich finden will. Eben so sind Herr Werther, Herr Wir- sing, Herr Loof ausgezeichnet verdienst- volle Schauspieler, und Herr Arnold ist ein sehr braver Sänger; Mad. Ohmann, Mad. Taube, Mad. Meyrer und Dem. Brück’l aber würden dem deutschen Thea- ter jeder Residenz Ehre bringen. Herr Wer- ther ist einer der gefälligsten Komiker, die ich kenne, und hat einen schr angenehmen und gebildeten Gesang. Dürfte das Verdienst in Riga mit dem in Berlin verglichen wer- den, so glaube ich, würde der so gepriesene Unzelmann, den ich mit allen seinen stärken Spälsen sehr ofı gesehen habe, Herrn Werihen, _ welcher das Komische mit dem Gemeinen nie. verwechselt , wohl nachsteben müssen.

Das Schauspielhaus ist so eingerichtet, dals das Parterre eıhüht werden kann, und

I [399] 39 alsdann, mit der Bühne vereint, einen größsen, weiten Ballsaal bildet, in welchem zur Johanniszeit. gewöhnlich imehreremal Maskerade ‚gegeben wird. Oft mögen, die Zuschauer in den Logen mitgerechnet, Avohl gegen 1800 Personen hier versammelt seyns Indessen sind die w enigsten maskirt, Be sonders aber erblickt man Charaktermasken nur sehr selten, und der versammelten Men- ge, da überdem fast gar nicht getanzt wird, fehlt es gemeinhin an Unterhaltung. Man mülste sich denn mit dem Anstaunen der Schönheiten An den Logen begnügen, deren man vielleicht an wenig Orten mehr als hier, wie in einer Gallerie schöner belebter Ge- mälde, versammelt findet. Von vielen weit gereisten Fremden habe ich die Bemerkung wiederholen hören, dafs die kurischen Da- men, die in Mitsu zur Johanniszeit ihren Kreis noch durch mehrere Grazien Riga’s vers _ stirken, zu len Schönsten ihres Geschlechts zu zählen sind, Ohne Parteylichkeit halte ich diese Bemerkung für sehr richtig und finde den Grund dazu darin, dals die meisten hier erscheinenden Damen. si b auf dem Lande aufhalten. Schönheit, ein holdes Kind der [400] 400

Natur, kann wohl nirgends besser gedeihen als wo sie frey und ungezwuugen 'von der lieblichen Mutter gepflegt und erzogen wird. Schon der alte gekrönte Poet Bornmann entwirft in seiner Gedicht „Mitau* im Jahr 1636. ein schmeichelhaftes Bild von den Schön- beiten dieser Stadt und sagt:

Über alle ist das Kohr schöner Nymphen hoch zu preissa,

Die zwar durch den schwarzen Flor nur der Schön» heit Schatten weisen,

Und mit weißen Mummeldecken, wie der Mond bey dunkler Nacht,

Ihrer Wangen Schnes verstecken, der doch zehn- mal feiner lacht,

Aber ihrer Augen Licht, und der schöne Stirnen- himmel,

Weichen keinen Sternen nicht, auch der Reden süsser Kümmel

Giebt den angenehmen Sitten einen Huld besoelten Geist,

Dals in allen Thun und Schritten Amor seine Flam- men weis’t.

Sie sind alle wohlgeschickt, Haus und Kinder zu regieren, j

Und was die Natur geschmückt, noch viel besser Aaus2uzleren,

Keuschheit, Ehre, Zucht und Liebe, schenken sülsen Bitterwein,

Dals die.schmucken Herzens - Diebe freundlich und

® doch erbahr seyn. [401] 401

Die sich in den Stand der, Eh’ durch der Eltern Kaht begeben,

Können, wie Penelope, spinnen, knöppeln, nehen,

br weben:

Keine Thais mufs da wohnen, wo 2 ; Tempel findt,

Drumb hier so viel Tugend - Krohnen, ala aAöhes Jungfern sind,

Die weilsen Mummeldecken — über die sich "Dornmann einigermalsen zu ärgern scheint, obgleich nicht so sehr als sein Zeit- genosse Abraham a Santa Clara, der für ganz gewils versichert, dafs im Jahr 1585 ein Mensch in Wien von 12,650 Teufeln — eine recht ansehnliche Armee — besessen gewesen, die aber, mit Kirchenwaflen ausgetrieben, jäm- merlich gebeten, in die dickeKröfs, Hauben- nester und Tücher der Weiber fahren zu dür- fen *) — waren auch jezt allenthalben sicht- bar; aber wir wollen glauben, dafs eben so viel Amoretten, die vielleicht jener fürstliche Beichtvater damals für Höllengeister genom- men Hat, sich in jedem Pettinetschleyer ge: wiegt haben,

Der Reden süsser Kümmel und der Zucht und Liebe Bitterwein — vielleicht



  • ) Judas, der Erzschelin, von Abraham a St

Clara: P, 5. PAg+ 25. ’

Mal, Wand. Ce [402] - ko8 durch den Kürmmel so präparirt — sind blofs Bilder der Vorzeit; und wie, nach Henne- bergers Erzählung (in seiner alt - preulsischen Chronik S. 35), unter dem Hochmeister Her- 208 Friedrich von Meilsen, jemand Rocken gesäet, aus welchem Knoblauch erwuchs, was, beyläufig gesagt, den Untergang der Heiden bedeutet haben soll, „ malsen Knob- tauch ein Präservativ ist für andere Vorgift: * so sind aus jenem Kümmel der alten Welt jezt Rosen geworden, und Nektar aus dem Bitterweine. Ob jedoch gerade so viel Tu- gendkronen als. ge lobte Jungfrauen sind; lasse ich auf das Zeugnils des alten Dorn- imanns beruhen — es wäre doch ein beson deres Glück, wann so viele schmucke Herzensdiebe sich sicher im Dianentem- pel flüchten könnten, ohne unterwegs ein- mal gefangen zu werden. — | Auch im Kasino, im Klubbenhause und im Garten des Herrn wirklichen Etatsratlıs von Offenberg, finden jeden Johannis Bälle und Maskeraden Statt; die in letzterem aber sind vorzüglichangenehm, und daher mag denn auch die Beschreibung dieses Gartens, der eine Zierde Mitau’s ist, vorangehen. [403] AI |.

Er stölst an das, seinem Innern und Äufsern nach, höchst geschmackvolle Haus, des genannten Herrn Etutsraths — von des- sen Kunstschätzen ich weiter unten sprechen werde — ist nicht sehr großs und hat nur eine breite Hauptallee in der Mitte, die vom Hause bis zu einem am entgegengeserztem Ende des Gartens errichteten, mit freyste- henden jonischen Säulen und der Inschrift: Alexandro I. kuss. Imp, gezierten, klei- nen Tempel geht, An diese Allee schliefsen sich zu beyden Seiten, vorn Blamenstücke, und weiter hin, ein kleiner Park, durch welchen geschlängelte Wege, rechts zu einem. Blumenhügel, in dessen Mitte der edle Be- sitzer seiner verstorbenen Mutter ein Denk- mal der kindlichen Liebe errichtet hat, und links zu einer Einsiedeley führen, Ist man bis ans Ende des Gartens gelangt, so kann man den Rückweg entweder durch die grofse Allee nehmen, oder einen schönen verdeck- . ten Lindengang einschlagen, der zu beyden Seiten den Garten begränzt. Wer den zur linken Hand wählt, stößt am Eingange desselben abermals auf ein Monument der Baät — auf die sprechend ähnliche Büste

Cr a [404] 404 des verstorbenen Landhofmeisters von Offen- berg.

Unter den mancherley seltenen exotischen Bäumen und Stauden, die der Garten enthält; führe ich, aufser den verschiedenen Pappel- arten, nur den Lebensbaum, den Lerchen- baum, die kaspische Weide, mit ihrem hell- blauen Staube auf der Rinde; die Lonicera Tartarica, den Rubus odoratus, das Viburnum opulus und Hydrophyl+ lum Canadense an, Herrlich ist, zu- mal an einem warmen Sommerabende, der Anblick der hohen ’Silberpappeln; — man glaubt sich plötzlich unter einen entfernten Himmelstrich versetzt, Und dieser schöne Garten ist zu allen Tageszeiten für Niemand verschlossen. Der edle Besitzer verdient da- für gewils den lautesten Dank, daer; selbst mit Aufopferung mancher zarten Blüthe, man- cher seltenen Staude, welche der Muthwille zerstört, doch lieber diesen Verlust trägt, als dem Publikum eine Freude nehmen will, die man mit Recht hier in Mitau zu den schön- sten zählen darf. So lange das Johannisge: wühl dauert, ist der Garten fast zu jeder

Tageszeit mit Spaziergängern angefüllı, am

gt [405] RB... 289 meisten des Abends, wo eine grolse Menge Menschen hinströmt, und.die Stralsen dahin mit Equipagen und Fulsgängern besetzt sind. Alle Johannisgäste — wie man die zur Stadt gekommenen Fremden nennt — versammeln sich hier, und der Garten dient zugleich als Börse, wo Personen, die mit einander Ge- schäfte haben, sich zusammen finden. Auf und nieder wogt die Menschenmenge aus allen Ständen, während eine schöne Musik am Eingange ertönt, Die Hauptallee ist zu- weilen so angefüllt, dafs es Mühe kostet, sich durchzudrängen; weniger besucht sind die dunkeln Günge im Park, wo im Lispel der bewegten Blätter manches zärtliche Wort verrauscht, und die schweigende Nacht man- chen Kufs, manchen Händedruck verschleyert, Wer kann zweifeln, dafs es schr unterhaltend seyn mufs, an einem schönen Abend die Menge Spaziergänger, welche in der freyeren Natur, die sie umgiebt, den Zwang der städtischen Weise ablegten, zu beobachten ? Nur die ältlichen Herren und Damen sitzen | ernst und sıill auf den Bänken zu beyden Sei- ‚ten der Hauptallee, während die jüngern auf und nieder wandeln, Dort schielt ein Kund- [406] er mann seinem ihn kaum bemerkendön Iusti- gen Schuldner nach, von dem er hier nicht einmal des Grulses gewürdigt wird. Er scheint den Worten nachzusinnen, mit denen er Morgen seine Mahnung beginnen will. Hier begegnen sich Blicke, in denen freund- lieber die Mahnung gegenseitiger Liebe liegt, "während dem dort ein paar Gegner, die der Strom der Menge zusammenführte, sich Borg- fältig zu vermeiden suchen. Da tritt ein jun. ger Herr mit triumphirender Miene einher, und scheint die Welt zur Bewunderung auf- rufen und den Kernspruch einer neuern Phi» losophie; „Ich bin ich,* in Blick und Hal- tung deduciren zu wollen, und zwey Schritte davon eine Dame, die in der Grazie eines neuen Rleides das Erstaunen zu fesseln hofft, mit dem sie sich erblickt wähnt. Hier fin- den sich Freunde, die ein langes Jahr ge- trennt, und ihrem Gesichte sieht man die herzliche Freude an, indeßs dort die Höflich- keit in vielen Komplimenten den Kontrast zu diesem Gemälde hergiebt. Niemals er- blickt man wohl die Liebe zum eignen Selbst so deutlich and unverhüllt, als da, wo man e5 unter tausend andern herumtragen sieht. [407] &

„A

Das eigene Wesen wird am meisten gefühlt, wo die Menge Anderer, die man vor sich sieht, den Eindruck des fremden Daseyns theilt und vermindert. Auf die Weise steht Jeder unter tausend Menschen einsamer in sich selbst da, als unter zehn, wo einer den andern genauer zu bemerken gezwungen ist, Im Walde töntr- ein weites Rauschen durch alle Bäume, aber man bemerkt es nicht am einzelnen Stamme, in der Ebene hingegen hört man bey diesem auch den leisesten Lispel in den Zweigen.

Wenn der Garten und das Haus selbst durch mehrere tausend Lanıpen erleuchtet werden, was allemal zur Joharmiszeit, wenn hier eine Maskerade gegeben wird, zu ge schehen pflegt; so ist der Anblick des Ganzen gewils schön und prächtig. Das Laub der grofsen Bäume, besonders der Silberpappelm, der Hecken und-Büsche, alles scheint in einem Liehtmeere zu schwimmen. Über der Allee wölben sich flammende Bogen, Jas Haus selbst und der Tempel sind in ihren Umrissen, wie mit glühenden Zügen in freyer Luft gezeichnet, Eine schöne Musik ertönt am Eingange, und die Menschenmenge strömt [408] u

gedrängt durch alle Theile dcs erlenchteten Gartens. Hier erscheinen: denn auch häufig Charaktermasken. Betrachtet man nun die verschiedenen Gruppen, die wechselnden Ge- stalten, die, flüchtig von Strahlen umiflattert, vorüberziehen; so träumt man sich gern in jenen Hain jenseit des freundlichen Lethe, wo Vergessenheit der Leiden und Genufs nie aufhörender Seligkeit alle Stände und Natio- nen vereint — wo die Gegenwart, in Licht- strömen froher Augenblicke, den Wanderer allenthalben begleitet.

Bis gegen den Morgen bleibt der Garten belebt; wenn aber hin und wieder die Lam- pen zu verlöschen anfangen, und die ersten Strahlen des Morgenrothes die Zauberbilder bannen, die mit schimmernden Schwingen über diesem Feengarten schwebten, dann wird man auf eine unangenehme Weise an die Flüchtigkeit der menschlichen Freuden erinnert. Es gilt dann von diesen, wie vom menschlichen Leben selbst, mit sprechender Wahrheit: j

».Weg von der Kerzo in die Luft gehaucht, Verfliegt die Flamme und die Kerze raucht." [409] 409

Die Bälle und Assembleen auf dem Ra- sino, im grolsen schön dekorirten Ritterhanse, werden von dem versammelten Adel zahlreich besucht, und in voller Pracht erscheinen bier Herren nnd Damen. Der Tanzsaal ist grols und mit Geschmack verziert. Er wird von mehreren Spiel- und. Gesellschaftszimmern umgeben, Aber die Bewirthung, wenn nicht besondere Feten eine Ausnahme machen, könnte für den Preis, den sich ein französi- scher Koch, der sie besorgt, zahlen läfst, auch bey den gewöhnlichen . Kasinobällen

besser seyn. In der Legel erbält man hier ziemlich magere Kost, nach dem strengsien Sinne, Die Bälle im Klubbenhause werden ebenfalls zahlreich besucht, Schade, dals ‚das Lokalnicht zweckmälsiger ist.

Unter dergleichen abwechselnden Freu- den und unter den Leiden der Geschäfte, sind endlich $ bis 10 Tage nach Johannis verilos- sen. Immer einsamer wird nun die Stadt; man erblickt nur heimgiehende bepackte Wa-

gen; die Schauspielergesellschaft kehrt naclı ihrem bestimmten Aufenthalte, Riga, zurück, ‚und Mitau hört auf, die stark bevölkerie, . belebte Stadt, voll Pracht und Freude, zu [410] 4ıo

|— seyn; Die Strafsen werden täglich leerer, und die eigentlichen Bewohner kehren all-

mälig in die Ufer ihres gewöhnlichen Lebens zurück, Diejenigen Hausbesitzer, welche ihre eigenen Wohnzimmer an Fremde ver- miethet hatten, beziehen diese wieler — kurz Mitau, wie es seyn sollte, ist ver- schwunden, es erscheint nun, wie es ist, zieht, mit dem Schlusse der Johanniszeit, seinen Alltagsrock wieder an, und legt das glänzende Galla bey Seite. Doch auch in diesem anspruchlosenGewande will ich eine Zeichnung versuchen. Aber wenn hier die Farben nicht so lebhaft erscheinen, so mag der Leser ein treues Bild einem blols ge- schmückten vorziehen,

Mitau, das, die Vorstädte mitgerechnet, etwa 700 Häuser, von denen aber nur unge- fähr 40 steinern sind, 6 Kirchen und gegen ı2000 Einwohner zählt, liegt in einer weiten Ebene auf Triebsand und Morast, an einem Sumpfbache, die Drixe genannt, welche ganz nahe bey der Stadt ihren Ursprung hat, und einige Werst weiter nord wärts in die Aa, mit der sie, 'in geringer Entfernung, immer parallel läuft, hinein füll, "Die Stadt [411] AT ist von wenigen Überresten eines Walles um- geben, der, als Schutzwehr der Einwohner, verfallen und umgewühlt, nur noch die an ihm lIchnenden, und Freuden mancherley Art geweihten Häuser, verdeckt. Unter den öffentlichen Gebäuden verdient besonders das ehemalige Residenzschlofs der Herzoge be- merkt zu werden, Es liegt an der Ostseite der Stadt, zwischen der Aa und der Drixe, von Wall und Graben umringt. Den Bau des ersten hiesigen Schlosses fing im Jahr 1271 derHerrmeister Konrad von Medem an, mehrere Jahre später wurde er über erst durch Eberhard von Monheim vollendet. Nachdem disse Burg 1545 von den Lithauern, ‚auf einem Streifzuge, verwüstet war, wurde sie in der Folge wieder hergestellt, und im Jahr 1705, als sie die Schweden in Besitz hatten, von russischen Truppen, unterPeter dem Großsen, der damals selbst in der Stadt gegen wärtig war, (den 4.Sept.) erobert. Das jetzige Schlols ist vom Herzoge Ernst To- ‘ bann im Jahr 1756, nach ‚einem Risse des ‚Grafen Rasırelli, der auch das Winterpalais in St. Petersburg gebanet hat, angefangen und späterhin weiter ausgeführt worden. Es [412] 4ı%

besteht aus einem Corps de Logis und zwey Flügeln, hat ein Souterrain und zwey Stock, und soll, bey seiner vorigen Einrichtung, 500 Zimmer enthalten haben. Unter diesen zeichnete sich der Tanzsaal im linken Flügel, durch seine beträchtliche Gröfse, vorzüglich aus. Auch war die Hanpttreppe im Corps de Logis im grolsen Style angelegt. Kurz, man konnte das Schlols mit Recht eine fürst- liche Wohnung nennen, Aber 1788 (dem 22. December) brannte ein ansehnlicher Theil desselben ab, und ohne Dach blieben nun die Mauern bis zum Jahre 1796 stehen, wo dann das Schadhafte wieder hergestellt und zu Kasernen eingerichtet wurde.

Von Merkwürdigkeiten aus den frühern Zeiten, als Kurlands Fürsten dieses Schlols bewohnten, ist hier nichts mehr zu finden; die Reste jener Beherrscher selbst ausgenom- men, die in einem Gewölbe unter dem lin- ken Ende des Corps de Logis aufbewahrt werden. Hier sind die kurländischen Für- sten alle, mit Ausnahme des letztverstorbe- nen Herzogs Peter, in ihren engen Woh- nungen des Todes versammelt, Eine ehr- würdige Gesellschaft, der man sich gewils [413] 45 Aa5

nicht ohne Rührung naht. Hier endlich ver- schlofs auf ewig der schwere Sargleckel die Entwürfe, die Plane, mit denen diese schlum- imernden Herrseher nach Gröfse rangen, Der Kinrlinder, der das Glück empfindet, ein UnterthanAlexanders zu seyn, durf, selbst im Gefühl einer beglückenden Gegenwart, der Vergangenbeit mit Rührung gedenken, die ihn an die Zeiten seiner Väter erinnert; an jene Zeiten, wo Charaktergrüfse und männ- liche Stärke, die weniger feine Ausbildung in reichlichem Mafse ersetzte, und wo ge- wils kein Gold und keine Würde, auch nur einen Grenzstein des Vaterlandes hätte er- kaufen können, Dreylsig grölstentbeilsschim- mernde Metallsärge, stehen hier wie Tro- phäen der Siege des Todes über Gewalt und Stärke im Leben, und jene Züge, die ehe- mals auf Gold- und Silbermünzen prangten, hat nanmelir die Verwesung, nach ihrer Weise; weniger sehmeichelnd in Särge aus Zinn und Kupfer umgeprägt und in diesem ihrem Schatzgewülbe aufbewahrt Von dem ersten Herzöge Gotthard Kettler, der das herr- meisterliche Kreuz , was sehr wahrscheinlich ist, nicht um eine Krone, sondern nıchr um [414] ur ein geliebtes Weib, vertauschte, sind, wie von seiner ‚Gemahlin Anna, nur erwas Staub und Knochen übrig. Herzog Gotthard war in jeder Hinsicht ein merkwürdiger Fürst, . von seltener Kraft und Heldengröfse, der, von allen Seiten gedrängt und bedroht, im HKampfe gegen überlegene Feinde in sich selbst allemal Mittel fand, um sich mit Ehren zu erhalten. Eben so auch Herzog Jakob, der durch weise Mafsregein seinem Fürstenthum unter den Staaten damaliger Zeit ein be- | trächtliches Ansehen zu verschaffen waulste, An dem Herzoge Friedrich Kasimir, von einer ungeheuren Perücke und einem roh sammtenen Fürstenmantel umhüllt, sind. noch einige Gesiehtszüge zu erkennen, Her- zog Ernst Johänn aber, der, so wie seine Gemahlin, in einem grolsen, mit vergoldeter Bronze verzierten, kupfernen Sarge liegt, ist, obgleich er nicht eigentlich balsamirt worden, doch noch völlig kenntlich, Mamhat ihn in einem schwarzen Sammtrock und schnee- weilser Perücke beygesetzt, mit dem Sterne des Andreasordens auf der todten Brust. Zu einer Fürstengruft,; wo der Schmuck nur modernde Gebeine deckt, dahin wandle [415] 45 man, um zu sehen wie die Krone den Schä- del drücken mulste, den sie nicht mehr zie- ren kann; die Ordenssterne aufeinerLeichen- brust gleichen.der Lava, die nieht mehr F glänzt, wenn mnter ihr der Vulkan ausge: / glühr, , “ ‚Es geht die Sage, dafs unter diesen fürst- lichen Leichen auch die eines kurischen Bauern liege, der sich für einen der Herzo- ge — einige nennen Wilhelm, andre Fer- dinand — in den Tod gab, und sich, in der Kleidung, des Fürsten ; als dieser auf einer Reise hinterlistig ermordet werden sollte, freywillig erschielsen lief. Man hat aber neuerlich sprechende Gründe zum Beweise angeführt, «dafs die Leiche, welche man für jenen edlen Bauern ausgiebt, keine andere, als die des Prinzen Alexander, eines Soh« nes des Herzogs Jabob, ist, der ohne den rechten Arm zur Welt kam, und bey der Be- lagerung vom Ofen im Jahr 1653 blieb. Ich ‚glaube indessen, dafs eine so allgemeine Sage doch nicht ganz ohne Grund seyn kann und die Geschichte selbst wenigstens wahr iet. Züge des höchsten Edelmubs werden oft mr dex Tradition vertraut, merk würdigen Frevel [416] 416 aber bewahft die Geschichte genauer in ihren Denkmalen, Atch! scheint es im Grunde aweckmälsiger, die Tugenden in der Tradi- tion fortleben zu lassen: sie gehen dann mehr von Mund zu Mund und von Herzen zu Herzen, —

Das Gebäude des bisherigen akade- mischen Gymnasiums, welches der Herzog Peter im Jahr 1774 stiftete, das aber seit kurzem, als solches, aufgehört bat, und in, ein Gymnasium illustre umgewandelt ist, wurde an der Stelle, wo ehemals das soge- nannte Palais stand, in der Palaisstraise, vor dem noch lebenden sehr geschickten Archi- tekten SeverinJensen, einem gebornen Dänen, der lange in Italien und namentlich an dem Schlosse zu Caserta gearbeitet hat, erbaut, Unstreitig ist diels Gebäude eins der schünsten in Kurland und eine wahre Zierde der Stadt, Die prächtige 170 Fuls lange Fa- gade schmückt ein von sechs römischen Säus len getragenes Fronton, auf welchem die Kolossalstätuen des Apoll und der Minerva stehen; In der Mitte des unter dem Fronton laufenden Frieses liest man auf einer schwar- zen Platte mit gohlenen Buchstaben die [417] il Inschrift; SapientiaeertMusis sacrum Petrus Curlandiae et Semgalliae Dux po MDCCLXXV. Über dem Fron- ton erhebt sich ein viereckiger, auf jeder Seite mit vier korintbischen Säulen und einem schönen Gebälke geschmückter Thurm;, auf dessen Platteforme eine achteckige, mit Glas- thüren, aus denen man heraustritt, versehe- ne Laterne steht, die von einer Kuppel, wel- che eine zweyte kleinere Läterne trägt, ge- schlossen wird: Eine bequeme, erst neuer- lich angelegte Windeltreppe, führt inwendig bis zur äulsersten ‚Spitze, von wo aus man nach allen Seiten hin, weit über die Stade weg, die herrlichste Aussicht genielst. Das obere Geschols des Gebäudes enthält das Auditorium maximum zu den Feyer- lichkeiten, zwey kleine Hörsäle zu den Vor- lesungen und die Bibliothek. Unten ist der Tanz- und Fechtboden , die Koncilienstu- be, einige Zimmer, worin die mancherley Sammlungen aufbewahrt werden, die Woh- nung des Pedells und das Karcer. Das Ob- servatorium ist auf der Südseite unter dem Dache angebracht, und wohl etwas unbe- quem, hat aber viele trefliche Instrumente Mal, Wand. D.4 [418] 418 und einen noch treflichern Observator, Henm Hofrath und Professor Beitler, dessen tiefe Gelehrsamakeit die Welt anerkennt und ihn zu ‚den varzüglichsien jezt lebenden Mathemati- kern zählt, dessen Charakter aber im engem Kreise seiner Freunde und Bekannten eben so. verehrungswerth. ist, als es seine weit umfassenden Kenntnisse sind. Zu den vor- züglichern mathematischen, Instrumenten, welche sich hier beünden,, gehört cin Regu- lator von Shelton, «ein andrervon Vul- kiamy, ein astranomischer Quadrant von Sisson 5 Fuls imRadio, ein kleinerer vom + Fuß, ein Teleskop von Nairne,. ein Dol- klondischer achromatischer Tubus von 3 Fuls Fokaldistanz mit einem Mikrometer, eine parallaktische Maschine und ein Mit- tagsfeınrobr, beyde von Dollond. Die Bibliothek zählt ungelühr 25,000 Bände, un- ter. denen sich vorzüglich im Kunstfache, :o wie. im, Fache. der klassischen Literatur und Geschichte die, kostbarsten und seltensten Werke befinden. Amistärksten ist das juristi- sehe Fach besetzt. Der ‚erste Grund zu die- ser Sammlung wurde ‚durch Ankauf aus den berühmten Badenhauptschen und Ger- [419] 19 mershansischen Bibliotheken in Berlin gemacht. Späterhin schenkte auch der Her- zog noch manches Einzelne, und endlich kam im Jahr 1796 die etwa 10,000 Bände starke ehemalige mitausche Freymanrerbiblio- thek hinzu, welche die hochselige Kaiserin Katharina, nachdem die bis dahin hier bestandene Freymaurergesellschäft, mit aller- höchster Einwilligung, ihr Haus und ihre Büchersammlung dem Kollegio der allgemei- nen Fürsorge geschenkt hatte, der akademi- schen Bibliothek einzuverleiben befahl. Im Bibliorhekensaal sind zwey Büsten, beyde von karrarischem Marmor aufgestellt, Sul- zers Büste, vonMeyer gearbeitet, schenkte Herzog Peter hieber, um das Andenken des Mannes, der den Plan zu dem Gymnäsio ent- worfen hatte, zu ehren, und im Jahr 1901 wurde die Büste des Dr. Lieb, ihm, wegen seiner medicinischen Verdienste um Kurland, _ von der kurländischen Ritterschaft gewidmer, und von Friedemann in St. Petersburg gearbeitet, gleichfalls hieher gestellt. An dem ‚runden Piedestal, auf "welchem die Büste

steht, liest man, mit Buchstaben von Bronze, folgende Inschrift; Aesculapio et Lin- Dis [420] u. neo Nostro, Jgann.Wilb.FriedLieh, Salutifero, Rusticorum Pauperum- que Amico, Grata Curlandiae et Se migalliae Nobilitas. MDCCCH ...Bemerkt zu werden verdient auch die Sammlung kurländischer ausgestopfter Vügel des ehemaligen Professors der Jurisprudenz Besecke*) Diese Sammlung sowohl als ein sehr. instruktives Mineralienkabinet hat die kurländische Ritterschaft angekauft und der Akademie geschenkt, Unter den ange stellten Lehrern gab es von jeher Männer von: ausgebreiteten Kenntnissen und gründlicher Gelehrsamkeit,

Von den sechs Kirchen in Mitau, der Iutherisch - deutschen und lettischen, der grie- chischen, katholischen, reformirten und Ho- spitalkirche, ist wenig merkwürdiges zu sagen. Die deutsche wurde im Anfange des ı7ten Jahrhunderts zwar sehr massiv ‚ aber in einem verdorbenen, nicht ächt gotbischen Geschmack erbaut. Das gelälligste Äulsere hat die griechische Kirche, die erst vor un- gefähr dreylsigJahren errichtet ist, Der Dich-



”) Voraitglich enthält sie eine Menge Hrbichte, die sehr gur erhalten sind. _ [421] gar ter Bornmann, in seinem schon oben erwähns ten Gedicht Mitau, beschreibt die deutsch- Iutherische Kirche zwar als ein ächtes Mei- sterwerk, das die Fürstin Anna erbauen

lassen

„Wo die sohönsten Glaubensspuren, wo des Künsılers Kunst und Hand,

An dem Schalker und Figuren, Fleils und Sin-' nen angewandt

Doch dürften jezt jene Figuren nur von des Künstlers Hand, nicht aber von seinerkunst zeugen. u Mitau besitzt. zwey wohlthätige Sufte:

das adeliche Katharinenstift, von der

verstorbenen Generälin Katharina von

Bismark, gebomen von Treyden, im Jahr 1775 gegründet. Es werden in demsel- ben 6 adeliche Fräulein oder Wittwen, un-

ter der Aufsicht einer Äbtissin, in einem be-

quemen, gemauerten, zwey Stock hohen

Hause, standesmälsig unterhalten. . Sie tra-

gen, zufolgeder Bestätigung des ehemaligen

Königs vonPolenStanislaus Augustus,

‚an einem blauen Ordensbande ein emaillirtes -ovales Medaillon, mit dem Namenszuge des Königs. Der Fonds dieses Stifts beträgt 52000

Rubel, — Feiner: Das Klocksche Witt- [422] A. wenstift, in einem geräumigen hölzernen Hause in der grofsen Sıralse. Dieses wurde im Jahr 179ı von dem ehemaligen hiesigen Bürgermeister Klock für6 Kaufmanns- oder Schullehrerwittwen gestiftet, hat einen Fond von 44800 Rubeln, und’ steht unter der Auf- sicht des Magistrats. Die hiesige Armenan- stalt, unter Direktion $r. Excellenz des Herrn Civilgouverneurs, dessen Humanität sich für diese Anstalt mit der grölsten Sorgfalt inter- essirt, ist in 5 Häusern vertheilt, wo gegen 250 Kranke und Nothleidende verpflegt wer- den. Sie besitzt ein Kapital'von 172537} Ru- bel, zu dem noch jährlich freywillige an- sehnliche Beyträge kommen, so wie auch die Hälfte desjenigen, was von solchen zu dieser Anstalt gehörigen Personen erworben wird, die noch zu arbeiten im Stande sind. In dem ältesten Stadtarmenhause, :neben der Armen - oder Hospitalkirche, wo an jedem Montage Gottesdienst gehalten wird, werden, theils von den Zinsen eines Kapitals von 12800 Rubel,‘ theils durch Kollekten , über 30 Arme unterhalten. Die Stadt hat eine grofse und 4 kleine Schulen, nebst der katho- lischen und reformhirten Kirchenschule, Auf [423] I. diese Weise fehlt es den Bewohnern Mitau's nicht an Mitteln für den Unterricht lirer Kinder zu sorgen. Die neue vortrefliche Einrichtung der Schulen in Rufsland ist be- kannt, und dem Plan derselben gemäls sind auch hier die Schulen jezt eingerichtet, und mit geschickten und thätigen Lehrern beseızt worden. Mit Vergnügen bemerkte ich neuer- lich die Fortschritte, die der Sohn meines Wirthes — eines alten biedern Sattlermeisters Namens aan — in mehreren Wissen- schaften, in der russischen und französischen Sprache und im Zeichnen, gemacht hatte, Da, woes selbst dem Handwerker möglich wird, seinen Kindern mit schr geringen Ko- sten einen beträchtlichen Grad der Ausbil. dung zu verschaffen, da kann sich der Sınae von seinen Bürgern, was Industrie und Mo- ralität anlangt, gewils viel versprechen, Ruls- land reift auf diese Weise schnell der Stufe einer Kultur entgegen, die man in andern Staaten selten so auf alle Stände verbreitet finden wird, Und wahrlich in diesen Zeiten der Stürme ist Geistesausbildung allein die schuldlose Taube, die, wie in jener Sünd- flath, die die Bibel beschreibt, den Öhlzweig [424] 424

zurückbringt, der auf Frieden und bessere Tage hoffen läfst.

Unter den Privatgebäuden zeichnen sich durch ‚Schönheit und Pracht das Haus des ältern Herren Grafen von Medem, das Bernersche, das Wächtersche und das gräflich Lievensche vorzüglich aus.

Gemäldesammlungen, die von Privat- personen besessen werden, kenne ich zwey,

Sie enthalten manches Merkwürdige, Die

erste besitztHerr Kollegienassessor von Ber- ner, in dessen Hause überhaupt alle Musen eine freundliche Aufnahme finden, und des- sen fein gebildeter Geschmack für alles Schö- ne und Gute selbst unter den wichtigsten Geschäften nicht verloren ging, indem er von jeher Künste und Wissenschaften in dem angenehmen Kreise seines Umgangs versam- melte, | Die zweyte gehört dem Herrn wirklichen Etatsrath von Offenberg, von dessen Gar- ten ich schon früher Gelegenheit zu sprechen fand.

Aus der Bernerschen Gemäldesammlung nenne ich, als vorzüglich , folgende Stücke:


I [425] 425 __

Eine Landschaft von Isaak Moucheron. Der Baumschlag ist vortreflich und das Ganze schön geordnet, über der Land- schaft schwebt ein so richtig vertheiltes Licht, dafs man die Gegkarkiile von wirk- lichem Sonnenschein beleuchtet glauben sollte, Das Bild ist eins der ausgeführte- sten dieses Meisters.

Ein alter Kopf von Gerbrand van den Eckhout. Ganz in «der Manier seines

. grolsen Lehrers Rembrand, und vom höch-

. sten Effekt.

Das Portrait des Malers Franz Rusca, von ibm selbst gemalt, und voll Leben und Haltung.

Zwey Chorknabenköpfe; aus Correggios Schule, Ein Bild voll hoher Schönheit und eine währe Zierde der Sammlung. Ver- muthlich ist es aus einem grölsern Gemäl- de ausgeschnitten.

Zwey kleine Portraits; ein Niederländer und seine Frau, von einem unbekannten, aber

‘ gewils sehr braven künstler, Al

Eine überhöhete Landschaft vom wärmsten Kolorit, von einem unbekannten italieni» schen Meister.

Eine äufserst tleilsig gearbeitete Landschaft mit Figuren und Vieh von Ladwig Tie- ling; und als Pendant

Eine zweyte von einem unbekannten italieni« schen Meister.

Zwey Landschaften von LudwigWeitsch,

Ein Seehafen von Thomas Wyck; die

‘ Farben sind stark angelegt, und das Kolo- zit vortreflich. a [426] 480

Ein Scharmützel von Heinrich Ver- schauring, Was für eine genievolle Komposition! welch ein Feuer! welche

Ab eek) alles ist voller Bewegung

u

Ein trefliches Seestück von Dubbele. i

Vier..kleine historische ‚Kabinetsstücke, auf Kupfer gemalt, von Sebastian Frank.

Zwey enthalten Vorstellungen aus der My- thologie; zwey aus ler heiligen Geschichte, und allen gebührt das Lob einer herrlichen Gruppirung und lebhafter Farben.

Zwey Pendants: Ein Finabe und ein Mäd.-

"chen, von van der Werf.

Eine niederländische Familie, welche zu- sieht, wie die Tochter des Hauses im Tan- zen Unterricht erhält; von PeterCodde.

Ein Frauenzimmer am Klavier, daneben der

Vater, der zuhörl; von Franz Mieris, Ein allerliebstes kleines Stück

Zwey vortrelliche Landschafien mit Figuren

‚and Vieh; von Glomp. -

Eine sehr brave üb+rhöhete Landschaft; von

‘ einem. unbekannten Meister aus der nie derländischen Schule,

Zwey Landschaften, mit Pferden und Rei- tern im Vordergrunde; von Peter van

Bloemen. Die Pferde sind besonders

- schön gemalt,

Eine Bauerschenke; von Tenniers, und als Pendant

Eine Faschingsscene; von demselben.

Bauern, die in einer Schenke Karten spie- len; von Peter van Elst. Voller Aus- druck, obgleich sehr gemeine Naturen, [427] -

z-

Kin alter Mann, und als Pendant ur

Eine alte Fran; beyde von Anton Pesne.

"Halbe Fi sprechender Wahrheit ‚gemalt ’ a) N f

Ein Alchymist in seinem Laboratorio ;ı von Ostade,

Ein Stilleben (Mancherley Silbergeschirre und zwey Teller mit Austern); von einem un- bekannten alten Meister, aber vortreflich gemalt.

Unter den vielen herrlichen Kopfern, mit denen mehrere Zimmer geschmückt sind, nenne ich nur das berühmte Abendmahl von Morghen nach Leonardo da Vinci *), von dem hier ein vorzüglich schöner Abdruck hängt. Auch darf ich eine selten schöne Handzeichnung, das Portrait des berühmten Violöncellisten Lamare, von einem Künstler in St. Petersburg, Namens Baudiot, nicht unerwühnt lassen.

Unter den verschiedenen Kunstschätzen im Hause des Herm wirklichen Etatsrath


> ,.*) Diese vortrefliche Platto kann als eine Ret- tung des unsterblichen Werkes jenes großen Ma- lers angesehen werden, das, auf Kalk gemalt, in

ı bey. der Kirche Satz Madonne deile Grezia liegenden Kloster zu Mailand, durch unverzeihli- elie Verwebrlosung , «einer Vernichtung ganz nabe ist, [428] j rn DE | von Offenberg, bemerke ich. als vorzüglich zwey antikeN vr yü ten, nämlich ein jun- ger Nero und der Kopf des Marcellus. _Fer- ner der Kopf der Ariadne in Kolossalgröfse, und die berühmte tragische Muse im Mu- seo Clementino, beyde aus karrarischem Marmor von einem neuern römischen Künst- ler vortreflich gearbeitet. Auch die Marmor- büste des Vaters des Herrn Besitzers, von Schadow, verdient Erwähnung, und ist schön ausgeführt. Von Gemälden sind fol- gende die merkwürdigsten und schönsten :

Die priesterliche Zusammengebung Josephs und Mariens, von Lukas Cranach 1460 ge- malt. Eim höchst seltenes Stück; die Far- ben sind so frisch und lebendig, als wäre das Gemälde eben erst vollendet.

Eine Madonna mit dem Kinde; Lebensgröfse, von Morillio. Die richtigste Zeichnung, ein maärkiger Pinsel. und die herrlichste Vertheilung von Schatten And Licht zeich-

' nen diels Gemälde besonders aus. ;

Zwey vortrefliche Landschaften von Ro- bertson.

Eine kleine Landschaft von Franz Kobel,

Ein römischer Soldat, halbe Figur; von einem unbekannten aber sehr braven Künst- ler aus der italienischen Schule,

Ein Johannes in der Wüsten; gleichfalls aus der italienischen Schule. y [429] 429

Portrait der Herzogin Dorothea von Kurland, ‚von Angelika Kaufmann, vortreflich emalt, aber wenig getroffen. Enden Zwey schr schöne Bataillensticke, von einem "unbekannten italienischen Maler und sehr ae. Se au | Drey Fruchtstücke, von einem unbekannten Künstler, aber von der höchsten Schönheit, Die Trauben zumal können nicht läuschen-

der seyn. E'z we Das Portrait eines Niederlinders, aus Van- Die bekannte Magdalena von Battoni; von

Gottlob kopirt, L x j !

Eine schlafende Venus, Lebensgröfßse, aus

der niederländischen Schule,

Eine kleine Landschaft mit Ruinen; enkau- " stisch gemalt von Philipp Hacker Gewils etwas sehr seltenes in hiesigen Ge- - genden, j Aufser diesen und andern Gemälden be» sitzt der Herr Etatsrath mehrere vortrefliche Zeichnungen ; 2. B. acht großse mit Sepia ge arbeitete Landschaften von Philipp Ha- ckert; zwölf farbige Landschaften von Bir« mann und vier vonÄneipp; so wie noch andre Handzeichnungen von Angelika Kaufmann, Kobel und vorzüglich eine höchst merkwürdige von West, nämlich die Skitze seines berühmten Gemäldes: der Tod des Genera} Wolf, Ein seltenes Mosaik von mehr als 7 Zoll im Durchmesser, den Tempel der Minerva Medica vorstellend, und [430] 430

— eine beträchtliche Sammlung nach Antiken geformter Glaspasten von Tassi®, * dürfen nicht übersehen werden.

‚ Musik wird in Kurland mehr als jede an- dere Kunst geliebt und erlernt. Sie hat auch in Mitau ihre vorzüglichen Lieblinge. Meb- xere geschickte Tonkünstler, unter denen ich die Herren Rose, Brettschneider und Roth als die vorzüglichsten nenne, haben alle Stunden des Tages besetzt, und ‚es giebt bier Dilettanten, die ihr Talent zur hohen Vollkommenheit ausgebildet haben; so dals sie manchen reisenden Virtuosen, der sich übertroffen fühlt, beschämen, Fräulein Ma- riane von Berner, die unter andern.auch von dem berühmten Rode Unterricht erhalten hat, macht ihrem Lehrer wahrhaft Ehre. Mit einer Fertigkeit, ‚mit einer Zartheit und doch mit: seltener. Yiraft und Fülle trägt ‚sie die schwersten Sachen auf der Violine vor, Man erstaunt, und kann nur die liebenswürdige Bescheidenheit, mit der sie. als vollendete Künstlerin.erscheint, noch mehr als ihr vor- "welichesSpiel selbst bewundern. Die beyden Herren von Arsenieff, Söhne Seiner Ex* cellenz des Herim Civilgouverneurs, haben es ebenfalls auf mehreren Instrumenten zweinem hohen Grade von Vollkommenheit gebracht, besonders der zweyte auf dem Pianoforte. Anfserdem wird fast in jedem Hause der hö- [431] 4a _

heren, gebildeten Stände, ja selhst bey meh- reren wohlhabenden Handwerkern Musik, mit mehr oder weniger glücklichen Erfolg, @lernt, undman geht selten’ eine Stralse ‘durch, ohne hin und wieder Harmonien der Tonkanstersehallen zu hören.

Die beständigen Finwohner Mitaus be stehen ausıden daselbst angestellten Mitglie- dern der höheren und niederen Behörden, mehreren andern Beamten, dem Landadel, ‚der sich jedoch nur in sehr geringer Anzahl für immer in Mitau aufhält, "und wenigstens den Sommer hindurch fast all-emein auf sci- “ nen Gütern lebt. Ferner aus dem Militair, den Gelehrten und Künstlern, der Kaufmann- schaft, dem Handwerkern und den Juden, welche letztere, ıa nur schr wenige vonihnen Kaufleute oder Handwerker sind, sie viel- mehr ihren Erwerb auf eine Weise treiben, den nur ihre eigene Sprache mit dem Worte Schacher ausdeuten kann, allerdings auch als eine besondere Klasse der Einwohner be- zeichnet werden müssen, Man will in Mitau bemerken, dafs die verschiedenen Stände zu sehr von einander getrennt leben, ja selbst unter gleichen Ständen sich mehrere von ein- ander absondern, und daher der gesellschaft- liche Umganz für jedes Individuum nur einen sehr engen Kreis bilde. Im Ganzen mag diese Bemerkung ihre Richtigkeit haben, doch [432] se

scheinen ihr mehrere angesehene Hänser,; wo man fast täglich gemischte, und eben daher

‚ schr angenehme Gesellschaften findet, zu widersprechen. Indessen macht freylich ein grolser Theil der Beamten und anderen Ein- wolner Mitaus, was vielleicht auch nur durch die Theurung des Ortes bewirkt wird, gar kein Haus und läfst sich aus den Gasthöfen speisen

Da Mitau keine Seestadt i ist und das.be- lebte Higa voll Thätigkeit und Industrie ‚so nahe liegt, so ist der Handel hier auch nicht sehr wichtig Ehen daher giebt es unter den hiesigen Kaufleuten auch nur sehr wenige die man reich nenuen kann; viele sind nicht einmal wohlhabend, Eh@mals war die Stadt; als Iiesidenz der Herzoge, die, bey nur we- nigen Ausgaben für den Staat, schr beträcht- liche Revenüen hatten, und ihrer Hofhal-. tung daher einen nicht geringen Glanz gaben, viel beliebter; die Einwohner selbst, beson- ders aber die geringeren Klassen, waren wohl- habender,

Als Herzog Ferdinand hier lebte — meldet der Baron von Blomberg in seiner » Description de la Livonie pag. 250. — hatte er einen Stall von 530 Gespann Autsch-, pierden und 300 Reitpferden aus allen Län- dern; unter diesen auch eins, das mit dem, einen Auge des Tages, mit dem andern. aber [433] 433

desNachts sah. Das für die Nacht bestimmte war ein Glasauge. Ob dieser seltene Gaul nur die Dunkel der Nacht, nicht aber auch die der Zukunft habe durchblicken können, da- von schweigt die Geschichte,

Von eigentlichen Fabriken ist mir in Mitau nichts bekannt geworden. Indessen könnte man die ansehnliche Niederlage an fertigen Sätteln und Riemerwerk aller Art, die Herr Alberti zu Kauf stellt, beynahe dahin rech- nen. Auch wird von einem andern geschickten _ Künstler sehr guter$altıan hier verfertigt *).

Einer ausgezeichnet- ehrenvollen Erwäh- nung verdient noch die Buchdruckerey der Herren Steffenhagen undSohm Sieist vielleicht die beste Offiem im Norden, bat einen sehr beträchtlichen Vorrath der schön- sten Typen allerArt, druckt in den mehrsten Sprachen und beschäftigt vier Pressen unun- terbrochen, Erst ganz neuerlich istsie auch mit einer Notendruckerey vermehrt worden **).


  • ) Nicht weniger verdienen die vortreflichen

Tischlerarbeiten in Mahagony , welche die Herren Papendieck, Cariwitz undSchmidt lietern, und wovon sis gewöhnlich grofse Quantitäten zum Verkauf in Bereitsehait haben, bemerktzu werden; so wie auch Herrn Kiasons Arbeiten in Bronze, seine Lüstres, Girandolen etc. , den geschmuckvoll- sten ausländischen Artikeln dieser Art an die Seile gestellt werden können. —

  • ) Die Kuronia für 1807 und ıg08 enthält

bereits schöne Proben aus derselben.

Mal, Wand, Ee [434] 434

An Gasthöfen fehlt es Mitau nicht, und ich glaube gewils, dafs, die Johanniszeit aus- genommen, selten in Mitau so vi«l Fremde sind, als Gasthöfe. Sie scheinen auf die Weise gleichsam in Vorrath für eine künftig grölsere Bevölkerung angelegı zu seyn, für die, bey- läufig gesagt, auch übrigens in Mitau nicht übel gesorgt werden mag. Den vorzüglichsten Ruf haben ‚das Hotel de Petersbourg» die Stadt Moskau und dieSonne. Im letzteren Gasthofe zeichnet sich zwar nicht eben das Logis, wohl aber die Tafel vor allen andern aus, ohne doch theurer zu seyn als in den übrigen.

Mitau, als Gouvernementsstadt, istzugleich die Kreisstadt der Mitauischen Oberhaupt- mmannschaft, zu welcher die Stadt Bauske und die Flecken Doblen und Schönberg gehören, und die einen Flächeninhalt von 4592 Qua- drat- Wersten enthält, in welchem 63,567 See- len männlichen, und 59,28ı weiblichen Ge- schlechts wohnen, und 79 Krons- und 94. Pri- vatgüter (die Beyhöfe ungerechnet), 24 Pa- storate, 10 Kironsforsteyen und 585° Bauer- gesinde gelegen sind. j

Der Leser mag mit diesem flüchtigen Ge- mälde von Mitau zufrieden seyn; er mag, ‚wenn er'es fHuchtig gezeichnet fünd, bemer- ken, dals, so ‚wie ich auf der einen Seite es mir zur Pilicht machte, eine treue und wahre [435] _ 488

Darstellung zu liefern, ich dennoch auf der andern die Schonung mancher Verhältnisse zu bewahren hatte, um nicht mit dem miebr be- lobten Pichter Bornmann ausrufen zu müssen: U ’

Wale mich, mein Miran, hassen?

Warurub werzest du ten Zahn,

Mich ins dicke Fleisch zu fassen ?

Hab ich Übles dir gerkan ?

Ey, so sage, was as ist, Und warumb du zornig bist.

Eben daher scheide ich von der Hanpt- stadt meines Vaterlandes, an der ich keinen auffallenden Mangel kenne, welcher nicht eben so gut das Erbiheil anderer Städte des zweyten oder dritten Ranges wäre, gem in Frieden. Doch ebe ich Mitau ganz verlasse, will ich noch ein Paar Worte von den näch- sten Umgebungen sprechen, welche den Städ- tern zu Spaziergängen oder zum Sommerauf: enthalte dienen.

Sehr häufig wird die von Flössen zusam- mengesetzte Brücke über die Aa, besonders an heitern Sommerabenden, von Spaziergän- gern besucht. Die Aussiebt auf die schönen Häuser an der Drixe, auf das Schlofs und den mit ansehnlichen Lastböten besetzten Strom ist veizend, und das Hin- und Herfahren der Extraposten und mancherley Equipagen, die von Riga kommen oder dahin wollen, geben der Brücke eine Lebendigkeit, wie sie keine Gasse in der Stadt selbst hat. —

Eee [436] 436

Ein zweyter angenehmer Spaziergang ist der am Kanal vor dem Doblenschen Thore, ob- gleich der Weg aufserhalb der Stadt bis dahin, besonders für Fulsgänger, und vollends wenn es geregnet hat — wie der Wegzur Tugend— ziemlich schlüpfrig ist. Ist man aber einmalan "Ort und Stelle, so wandelt man im Schatten ho- her Weiden und Erlen neben dem Kanal fort, derim heilsen Sommer doch immer noch Was- ser genug aufbewahrt, um dem Spaziergänger an seinen Ufern sanfte Kühlung zu gewähren. Mehrere niedliche Landhäuser, oder, wie sie bier heilsen, Höfchen, von Gärten und den schönsten Wiesen umringt, geben einen ange- nehmen Anblick. Dieser Spaziergang endigt sich bey dem sogenannten Dammwächter, einem Wirthshause, das aber gröfstentheils nur von der niedern Klasse der Einwohner Mitaus besucht wird.

Hier am Kanal liegt auch das Höfchen, wel- ches der verstorbene Professor der Beredsam- keit und reformirte Prediger zu Mitau, Tilling, besals, Als Kanzelredner verdiente Tilling ge- wils den grolsen Ruf, den er hatte, und war überhaupt ein Mann von seltnen Talenten und Kenutnissen, und als Mensch durfte er gewils eben so auf Schonung und MälsigungAnspruch machen, als viele seiner wüthendsien Gegner, deren er wie jeder Mann von Talent so viele hatte, Der Ton seiner kraftvollen Stinme, die

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zum Herzen sprach, ist verhallt wie er selbst, möge«loch von ihr, mit der er oft so kraftvoll seine stammelnden Feinde zurüuckwies, dieEr- innerung so viel bewahren, um sein Anden- _ ken in Frieden erhalten zu dürfen.

Die Grabmäler zweyer Freunde, Tetsch und Schwander — beyde durch Redlich- keit, Kenntnisse und Talent in ihrem Vater- lande gekannt und so geliebt, dafs ihr Anden- ken, nachdem sie selbst schon lange nicht mehr sind, sich auch ohne Marmormonumente eh- renvoll erhalten hat — liegen zwey Werst von der Stadt, hart an der Strafse nach Doblen. Schwanders Denkmal, - ihm von einer Freun- din gesetzt und von dem Bildhauer Werdell gearbeitet — ein Obelisk aus grauem Marmor, an dessen obern Theil sich das Bildnils des Verstorbenen und am Fulse eine passende In- schrift befindet, ist durch eine etliche hun- dert Schritte lange Birkenallee mit dem Monu- mente seines Freundes Tetsch verbunden, das in einer grolsen Urne von karrarischem Marmor besteht, welche aufeiner mit derein- fachen *) Inschrift: „, gratus in patria * ver. sehenen Basaltplatte ruhend, einen grünen, von eisernem Gitterwerk umgebenen Rasen- hügel ziert. Tetsch verordnete durch ein Ver-


  • ) Aber, die Wahrheit zu gestehen, auch nicht

ganz verständlichen. — [438] 458 möächtnißs, dafs der jährliche Ertrag einer Wiese, die an diese Grabmäler grenzy immer dem ersten Paare, das währen. (lem Laufe des Jahres aus dem Mitauschen Gewerkstande ge- traut würde, zu Theil werden söllte, mit der Bedingung, dafür die Birkenallee zu unterhal- ten und an Stelle der ausgegangenen Bäume, die neue zu pflanzen. Seyes nun aber, dals der Ehesegen auf die Erblasser — die beyde un- verheirathet starben — auch selbst in den ge- pflanzten jungen Stämmen nicht haften will, oder dals die zütternde Hand junger Liebenden die zarten Spröfslinge nicht fest genug in die Erde zu setzen vermag, oder dafs das Verhäng- nils, darüber erzürnt, «als zwey Diener der streitenden Themis — beide die Lieblinge des Vaterlandes — einander ohne Neid und Hals theuer und lieb waren und blieben, den Kranz von frischen Zweigen und Blättern zerstört, der auch nach ihrem Tode sie mit einander ver- bindet, — kurz, mit jedem Jahre scheint die Birkenallee gröfsere Lücken zu erhalten, und einige neu angepflanzte Bäuinchen stehen, wie - freudenlose Ehen, ohne Blätter, mieverdorrten Zweigen da. Auch der Muthwille hängt sich hier mit seinem Schmutz an die Denkmäler des Verdienstes, wie ällenthalben an das Ver- dienstselbst. Mit Unfläthereyen wird derreine Marmor überschrieben ; die bronzenen Buch- staben, ja selbst dieStäbe aus dem Gitterzaun [439] 459 wrerilen enıwandt, und so steht diesen Denk- mälern edier Männer in kurzem ein Schicksal bevor, welches das Gute und Edle, der Nach» welt übertragen, fast immer bat: dals es ent« stell:, nnkenntlich, endlich in den Staub ge- treten und — vergessen wird,

Nahe vor der Stadt liegen auch einige üf- fentliche Gärten, die aber wenig besucht wer- dem Der Hoppsche Garten scheint grüls- tentheils nur dem Hopsa der Seiltänzer und Luftspringer bestimmt zu seyn, die hier ge- wöhnlich ihre Kunststücke zeigen. Während der Sommermonate werden vorzüglich auch folgende dreyÖrter zu Spazierfahrten benutzt, Straute Krisch, der Bauerhof eines letti- schen Buschwächters, in seinem zum Ärongu- te Würzan gehörigen Fichtenwalde, wo man von der leuischen Wirthin, nicht allein gute Milch und die Speisen des Landmanns, son- dern — so hat sich der Lette bier schon über- feinert — auch Punsch, Kaflee etc, erhalten kann, An schönen Sommertagen sieht man hier viele Equipagen und Spaziergänger, be- sonders am Sonntage. — Wadschekaln, etwa zwey Werst weiter, und noch weiter Ledeckne oder die sogenannten hohen Berge, durchdie Aussicht von einem ansehn- lich mit Wald bewäachsenen Hügel, wo man die Aa mit ihren vielen Krümmmungen und einige an den Ufern derselben liegende Höfe [440] 440

überblickt, interessant, Links um diese lieb- liche Gegend, wo sich die Würzau zwischen Feldern von üppiger Fruchtbarkeit schlängelt, zielt sich ein junger Eichenwald, wie eine Dürgerkrone, die hier in den sandigen Flä- chen das Streben nach freyer Höhe belohnen zu wollen scheint.

Noch giebt es einige andere Plätze, wo- hin Promenaden zu Fuls und in Equipagen - unternommen werden; z.B. Brüningshöf- chen, Halt an! etc; sie sind aber weni- ger stark besucht, als die ersigenannten, Einen sehr interessanten Spaziergang im Früh- jahr beym Eisgange bieten die Wälle des Schlosses dar. Wie von einem Altan herab be- trachtet man das fürchterlich schöne Schan- spivl, das die Natur Biebt,

Von den entfernteren ehemaligen herzog- lichen Lustschlössern, als Würzau, Grünhofi, Schwedholf, Friedrichslust und Ruhenthal, so wie von mehreren um Mitau gelegenen schönen Gegenden, z.B. bey Brandenburg, Jungfernhoß etc. schweige ich für jezt, um sie, wenn diese Wanderungen den Beyfall der Leser erhalten, in einer Fortsetzung, so wie die Gegenden Kurlands, in der Windau- schen, Zabelnschen, Tuckunischen und Ober- ländischen Gegend zu zeichnen,