RE:Deukalion

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
korrigiert  
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Band V,1 (1903), Sp. 261–276
Deukalion in der Wikipedia
Deukalion in Wikidata
Linkvorlage für WP   
* {{RE|V,1|261|276|Deukalion|[[REAutor]]|RE:Deukalion}}        

Deukalion (Δευκaλίων). Ein griechischer Flutheros, der an der Spitze wichtiger Genealogien steht (vgl. u. III), ja mit der Erschaffung eines neuen Menschengeschlechts überhaupt in Verbindung gebracht wird, und zwar mit der Entstehung aus geworfenen Steinen (vgl. u. IV a. V). Er ist zum Teil mit einem lokrischen Leukarion (s. IV) verschmolzen und schwer von ihm trennbar.

I. Kreta. Il. XIII 451f., in einem der älteren Teile der Dichtung, gilt D. als Sohn des Minos, Enkel des Zeus, Vater des Idomeneus, des Königs vieler kretischen Städte; vgl. v. 307. XII 117. XVII 608, wo Idomeneus Δευκαλίδης heisst. In der Odyssee XIX 180 giebt sich Odysseus bei Penelope fälschlich für einen anderen Sohn des D. aus Knossos in Kreta aus. Diesen homerischen Minossohn behandelte Pherekydes (frg. 43 aus Schol. Apoll. Rhod. III 1087, FHG I 83) und Aristippos Ἀρκαδικά (frg. 3 ebendaher, FHG IV 327), der ihn als ἄλλος Δ. vom hesiodischen (s. u. III) unterschied und in dritter Linie aufzählte. In pragmatische Verbindung mit der attischen Sage brachte ihn die Atthis des Kleitodemos (frg. 5 aus Plut. Thes. 19, FHG I 359). Da soll er, um die Herausgabe des nach Athen geflohenen Daidalos zu erzwingen, mit den Athenern Krieg angefangen und gedroht haben, er werde die von seinem Vater Minos gewonnenen Geiseln töten. Theseus verweigert die Herausgabe des Daidalos, befreit bei einem Überfall in Kreta die Geiseln und tötet D. und seine Leute, worauf er ein Bündnis mit Ariadne schliesst u. s. w.! So ist das Unzusammengehörige in Einklang gebracht, freilich ἰδίως πως καὶ περιττῶς, wie Plut. a. O. tadelt. Paus. I 17, 6 kennt und erwähnt kurz diese Sendung des Theseus zu D. nach Kreta, bei welcher Angelegenheit er zu Lykomedes nach Skyros kam, wohl aus älterer einfältigerer Überlieferung. Die apollodorische Bibl. III 1, 2, 4 nennt als Mutter dieses Minossohnes D. die Pasiphaë, Tochter des Helios und der Perseis, und als seine Geschwister Katreus, Glaukos und Androgeos, Akalla, Xenodike, Ariadne und Phaidra (Wissowa IV,1 330 b1.jpg Diod. IV 60); ferner III 3, 1, 1 als seinen unechten Sohn Molos neben dem echten Idomeneus. Das Frg. Sabb. III 13 p. 191 W. nennt, wie Hyg. fab. 97. Diod. V 79, D. als Vater des [262] Kreters Idomeneus in einer Aufzählung der griechischen Führer im troischen Krieg (von Wagner Ausg. d. Apollod. 273 im Register irrtümlich für den Prometheussohn D. erklärt); aber Eustath. zu Il. II 649 p. 314, 1ff. erklärt den Idomeneus des Schiffskatalogs Il. II 645 richtig für den Sohn des D., Enkel des Zeusgeborenen Minos von Pasiphae, Bruder des Molos, der den Merioneus erzeugte. Die Epit. Vat. 1, 17 = frg. Sabb. 184. 179 Wagner erzählt, dass D. dem Theseus nach Beilegung des (aus Kleitodemos bekannten) Streits die Phaidra, ebenfalls eine Tochter des Minos (also seine Schwester, vgl. Diod. IV 62), zur Ehe gab vor dem Amazonenabenteuer. Sie gebiert ihm Akamas und Demophon. Dasselbe hat Diod. IV 62, der V 79 sich für Idomeneus und Meriones auf das Zeugnis eines Denkmals in Knosos beruft und nicht verhehlt, dass dessen Verse weder Minos noch D. nannten. IV 60 wird dieser homerische Kreter D. genealogisch in Verbindung gesetzt mit dem hesiodischen Thessaler (s. u. III), indem sein Vater Minos als Sohn des Asterios, Enkel des Teutamos, der mit Aiolern und Pelasgern Kreta besiedelte, angeknüpft wird an D. III, Vater des Hellen, Grossvater des Doros, der den Teutamos erzeugte.

II. Ein Troer D. wird in einem jüngeren Teile der Ilias XX 470–483 von Achilleus mit der Lanze erlegt.

III. Thessalien. Hesiodos hat in den zwei zusammengehörigen Bruchstücken des Frauenkatalogs I (der im ersteren ausdrücklich citiert wird) 19 und 20 Kinkel, soweit uns erhalten, blos Genealogien, (a) Frg. 19 aus Schol. Laur. Apoll. Rhod. III 1086 nennt in einem Atem Prometheus und *Πανδώρα als Eltern des D., und denselben *Προμηθεύς (!) mit Pyrrha als Eltern des Hellen. Für den zu zweit genannten Προμηθέος liest man mit Recht seit Markscheffel Δευκαλίωνος; aber auch Πανδώρας kann für die Gattin des Prometheus kaum richtig sein. Denn (b) frg. 20 aus Schol. Ambr. Harl. Homer. Od. X 2 giebt als Eltern des D. ,unter dem die Flut stattfand‘ (Worte des Scholiasten), Prometheus und *Πρυνόη {-νείη/, -λείη) an (wofür die von Hesiodos unabhängige Überlieferung vielmehr Klymene nannte; z. B. Schol. Plat. Tim. 22 a. Dion. Hal. arch. I 17 [in der Parnassossage]). Dindorf wollte ohne Rücksicht auf frg. 19 hier im frg. 20 Προνόη lesen. Das ist unzulässig. In beiden Fragmenten muss derselbe Name gestanden haben; freilich nicht Πανδώρα, wie z. B. C. Müller (FHG I 101, 7) wollte. Denn diese gehört bei Hesiodos fest und bestimmt dem Epimetheus (ἔργ. 81) als Gattin. Die Verderbnis muss alt sein, denn schon dem Aristippos (Ἀρκαδικά frg. 3 aus Schol. Apoll. Rhod. III 1087, FHG IV 327) ist es aufgefallen, dass Apoll. Rhod. a. O. die Gattin des Prometheus Mutter des D. zu nennen vermeide. Der richtige Name steht, als hesiodisch nicht erkannt vom Scholiasten, der ihn bei Aufzählung der verschiedenen Überlieferungen neben dem aus Hesiods frg. 19 falsch citierten nennt, im Schol. zu Apoll. Rhod. III 1087, wo er aus Akusilaos citiert wird (frg. 7, FHG I 101f.): Okeanos zeugte die Ἡσιόνη, Gattin des Prometheus, Mutter des D., der die Pyrrha heimführt. Das ist Hesiods Stemma; dasselbe bot schon Aischylos im Prometheus 560, [263] nur ohne D. zu nennen, aber unter Angabe von Hesiones Mutter, Thetis. Sturz durfte also bei Akusilaos nicht Ἡσιόνη in Ἀσία ändern, hiegegen fällt Tzetzes zu Lyk. 1283 ins Gewicht, der correct D., seine Eltern Hesione und Prometheus, und des letzteren Eltern Iapetos und [RE:Asia 8|[Asia]] nennt. Aus Ἡσιόνη wurde im Hesiodfragment 19 durch Verlesung Πανδώρη (Η missverstanden als Siglum Pauly-Wissowa V,1 0263 b1.jpg für παν, ιο als ω), aus dem seltenen, unbekannten Namen der allen geläufigere (anders entscheidet sich Preller-Robert Griech. Myth. I⁴ 86, 2). Über die sonstige Darstellung des Akusilaos wird unten (IV a a. E. V) gehandelt werden, wo von der Verquickung des thessalischen D. Hesiods mit dem lokrischen Λευκαρίων die Rede ist. Eine Tochter des D., offenbar doch des thessalischen, nannte das Frg. 23 K. des Frauenkatalogs, Thyia. Sie gebar dem Zeus den Magnes und Makedon, die um Pierien und den Olympos wohnten. Das Fragment hat Constant. Porphyr. de them. III 48 Bonn., nach Meinekes Vermutung aus Steph. Byz. s. Μακεδονία, erhalten. Hier sei nur noch anhangsweise als pseudohesiodeisch das frg. 22 K. erwähnt, das v. Wilamowitz als Fälschung erkannt hat (Herm. XXI 1886, 113; vgl. Niese ebd. XII 1877, 409): ἐν μεγάροισι Λευκαλίωνος gebar die Pandora dem Zeus den Graïkos, d. h. wie Eustath. Il. I 10 p. 23, 43 richtig umschreibt: Tochter des D. von Pyrrha. v. Wilamowitz vermutet (Herakles I¹ 15, 30), dass diese Weiterentwicklung der echt hesiodeischen Genealogie die historischen Verhältnisse im Auge hat: Pandora, D.s Tochter, geht auf die Dorier, wie auch Herodotos die Ἀσία, D.s Mutter, etymologisch auf Asien deutet. Und doch ist diese Gattin des Iapetos, Mutter des Prometheus, nur eine verkürzte Ἀσώπη, wie Proklos zu Hesiods ἔργ. 48 sie nennt, nämlich eine eponyme Heroine des phthiotischen Flusses Asopos. Sprachlich vgl. die tanagraeische Ἀσώ (IGA 181) Ἀσωπώ. Diese politischen Deutungen sind dadurch angeregt, dass Hesiods Stemma (frg. 19) sich auf Hellen zuspitzte, den Stammvater der Hellenen von Hellas. Auch frg. 26 K. (aus Schol. Strab. VIII 383) lässt an ihm den D. wohnen. Apoll. Rhod. IV 260 lässt das Geschlecht der Nachkommen D.s in Thessalien herrschen. Kein Wunder also, dass Herodotos (I 56) in seiner Gegenüberstellung der wanderlustigen Dorier = Hellenen und der heimatliebenden Ioner = Pelasger den Doros, der die Histiaiotis um Ossa und Olympos besiedelte, einen Sohn Hellens nannte, der König von Phthiotis zu D.s Zeit war, also ihm doch wohl auch als Sohn D.s galt; so erklärte sich Pandora als Tochter des D. Thukydides I 3 nennt ja ebenso den Eponymen der phthiotischen Hellenen, Hellen, Sohn des D. (= Arist. met. p. 1024 a 32. Marm. Par. I 10). Die Genealogien werden weiter ausgesponnen. Hellens Sohn Doros bekommt die dorische Tripolis am Parnassos nach Akusilaos, Andron u. a.; vgl. u. V. Hellanikos, der in seiner Δευκαλιώνεια II den Athener Kodros anknüpfte, führt diesen über acht Geschlechter auf Aiolos und Iphis, jenen mit Xuthos, Doros und Xenopatra auf Hellen und Othreïs, eine deutliche Heroine des phthiotischen Othrys, zurück, den Hellen wiederum auf D. und Pyrrha (wofür andere Zeus und Pyrrha nannten). Im Frg. 10 aus Schol. Plat. [264] conv. 208 d = Apoll. bibl. I 7, 3, 1 heisst diese Schwiegertochter des D. Ὀρσηΐς (p. 20 Wagner), was wohl eine Entstellung aus Ὀθρηΐς ist, da das frg. 16 der Δευκαλιώνεια des Hellanikos aus Schol. Pind. Ol. IX 64 die λάρναξ des D. am thessalischen Othrys landen liess; der weitere Verlauf seiner Erzählung steht unter dem Einfluss der unten (IV) zu besprechenden lokrischen Sage. Bruder des Epimetheus als Sohn des Prometheus und der Klymene ist D. beim Schol. Plat. Tim. 22 a. Den Namen Πύρρα der Gemahlin D.s bringt der Thessaler Suidas (Θεσσαλικά frg. 5 a aus Hesych. s. Πυρραία, FHG II 465) mit einer thessalischen Landschaft Πυρραία zusammen, die er vom gleichnamigen Hügel im dotischen Gefilde getrennt, sehen will. Der Name Thessaliens überhaupt soll Πύρρα gewesen sein nach den παλαίτεροι, aus denen der Scholiast zu Apoll. Rhod. III 1090 den Rhianos citiert (Θεσσαλικά frg. bei Meineke Anal. Alex. 186, 3; Hs. Πύρρα, Scaliger Πυρραία). Der grosse Apollodoros dagegen berichtet, die Einwohner des thessalischen Melite zeigten auf ihrem Markte das Grabmal des Hellen, Sohnes des D. von Pyrrha, zum Beweis dafür, dass ihre Stadt seit Einwanderung der Hellenen Pyrrha genannt sei. D. gelte als König von Phthiotis oder einfach Thessalia. In der Zusammenfassung der Namen Thessaliens und ihrer mythischen Erklärungen nennt Strabon IX 443f. ausser der Ansicht des Rhianos auch eine andere, dass D. nur die westliche, Pandora (!) genannte Hälfte Thessaliens beherrscht habe, die nach seinem Sohne dann Hellas umgenannt sei. Das Marmor Par. nennt ep. 5 den D., der ep. 6 Vater des phthiotischen Königs Hellen heisst, Vater des Amphiktyon, des Gründers der pylischen Amphiktyonie, dessen Cult zusammen mit dem der itonischen Athena nach Athen (s. u. VI 1) und Olympia übertragen wurde (Preller-Robert Griech. Myth. I 121, 3). Nach ,einigen‘ Gewährsmännern des Konon (27), schwerlich Akusilaos oder Andron (vgl. u. V), galt D.s Sohn Hellen als Sohn des Zeus (= Schol. Plat. Tim. 208 d. Apollod. bibl. I 7, 2, 6); d. h. D. galt als πατὴρ κατ’ ἐπίκλησιν. Das zeigt Eustath. Il. X 3 p. 1644, 2, der γόνῳ von Zeus, λόγῳ von D. den Hellen abstammen lässt, und zwar als Vater des Aiolos I., Grossvater des Kretheus, Athamas, Sisyphos. Weizsäcker (Roschers Myth. Lex. I 2029, 55ff.) construiert daraus fälschlich zwei verschiedene Genealogien: 1. Hellen als Sohn des D. und der Pyrrha und 2. des ,Zeus von Dorippe‘ (!). Er hat sich irreführen lassen durch C. Müllers Fassung des Apolloniosscholions I 118–121 in den FHG IV 488 (1851). Das dort überlieferte frg. 9 des Dieuchidas ist anders zu interpungieren: Ἀμυθάονος, τοῦ Κρηθέως τοῦ Αἰόλου τοῦ Ἕλληνος τοῦ Διὸς⟨,⟩ καὶ Δωρίππης[,] γίνεται Μελάμπους ὥς φησι Διευχίδας. H. Keils Scholien-Ausgabe (1854) enthält dies Scholion zwar nicht, giebt aber die Grundlage zur richtigen Abteilung zu V. 121 Αἰολίδης] Ἀμυθάονος γάρ ἐστι τοῦ Κρηθέως τοῦ Αἰόλου τοῦ Ἕλληνος τοῦ Διός (ohne Erwähnung der Dorippe); dagegen zu Ἰφίκλοιο] ... μήτηρ δὲ Μελάμποδος Δωρίππη, ὡς Διευχίδας. Thatsächlich ist auch in den anderen von Weizsäcker für Dorippe angeführten Stellen immer nur von der stellvertretenden Vaterschaft des Zeus die Rede, nirgends von einer Mutter [265] Dorippe. Das erste Buch der Bibliothek Apollodors handelt vom Geschlecht des D.; wie Robert {De Apollod. bibl. 70) meint, im Anschluss wiederum an Akusilaos. Auf Anraten des Prometheus baut D., als Zeus das eiserne Geschlecht der Menschen vernichten will, eine λάπραξ, packt Lebensmittel hinein und besteigt sie mit Pyrrha (I 7, 2, 1). Der ὑετός des Zeus überschwemmt ganz Hellas und ertränkt alle Menschen, so dass nur wenige sich retten (= Schol. Plat. Tim. p. 22 a) und die Berge Thessaliens auseinander klaffen (§ 3 = Philostrat. imag. 14 p. 831. Nonn. Dionys. VI 367ff. 375f.). Sein Sohn ist, ausser Hellen, Amphiktyon (vgl. Theopomp. frg. 80 aus Harpokr. s. Ἀμφικτύονες und Apostol. Cent. III 4; FHG I 291), seine Tochter Protogeneia, von Zeus Mutter des Aëthlios (§ 6); die Gattin seines Bruders Pandora (§ 1). Dazwischen sind (in § 4f.) Züge der Parnass- und lokrischen Steinwurfsage (s. u.) eingesprengt. Auch der Scholiast zu Apoll. Rhod. II 70 sucht an Thessalien als Schauplatz festzuhalten. Er erklärt den Cultnamen des Zeus, dem D. bei Apollonios nach der Rettung opfert, Zeus Φύξιος, als thessalisch, weil die Begleiter des Phrixos dorthin flohen. Plut. adv. Colot. 31 stellt D. als Begründer des Götterglaubens (Furcht und Hoffnung) und Gottesdienstes (εὐχαί, ὅρκοι, μαντεύματα, φῆμαι) bei den Hellenen neben Lykurgos, Ion und Numa wegen deren gleicher Thätigkeit bei den Lakedaimoniern, Athenern und Römern. Eine rationalistische Verwässerung bietet Iustin. II 6, 11, wo D. zu einem König von Thessalien wird, der den aus der Flut Entronnenen Obdach gewährte. Am pagasaeischen Busen tragen zwei Inselchen an der Einfahrt nach Iolkos den Namen D. und Pyrrha, Strab. IX 435. Die Δευκαλλία genannte λίθος Strab. IX 437 beruht wohl auf einer Verschreibung für Δοκιμία. Sicherer scheint die Zurückführung des alten Phthioten Pherekrates auf das Geschlecht des D. durch Dikaiarchos Dialog bei Cic. Tusc. I 10, FHG II 265, 62.

IV. Lokris. a. Opus. Die älteste Stammsage der Lokrer enthält, wie Reitzenstein (Philol. N. F. IX 1896, 193ff. 196) vermutet, das hesiodeische Liedfragment 136 K., nämlich die Sage von Leukarion. Sie würde als solche in diesen Artikel gar nicht gehören, wenn sie nicht schon frühzeitig, in unseren Quellen zuerst bei Pindaros, die thessalische D.-Sage stark beeinflusst hätte. Der Text lautete nach Reitzensteins Herstellung: ἤτοι γὰρ Λοκρὸς Λελέγγων ἡγήσατο λαῶν, τούς ῥά ποτε Κρονίδης Ζεὺς ἄφθιτα μήδεα εἰδὼς λεκτοὺς ἐκ γαίης ἁλέας πόρε Λευκαρίωνι. Λεκτοί soll das Λελεγες, ἁλεες das λαοί etymologisch erklären. Leukarion empfing ,bei einander versammelt‘ von Zeus die Angehörigen desjenigen Volks der Leleger, das Zeus einst (im Gegensatz zu den anderen φῦλα ἀνθρώπων sich aus dem Erdreich erkoren und gesammelt hatte; einige Zeit später, als die Leleger nicht mehr ἁλέες waren, beherrschte einen Teil von ihnen Lokros. Von der Zersprengung des Volkes war noch Aristoteles (bei Strab. VII 321f.), überzeugt; die Einheitlichkeit vor Lokros Zeit will Hesiodos also betonen durch die Etymologie des λαοί von ἁλής, die der Glosse Cram. An. Ox. I 264, 27 ganz selbstverständlich galt: Ἡσίοδος δὲ παρὰ τὸ ἁλὲς τὸ σημαῖνον τὸ ἀθροῦν ἀλαός, λαός, ἀφαιρέσει τοῦ ᾱ. Von aufgenommenen und in [266] Menschen verwandelten Steinen ist also keine Rede. Wenn das Etym. Gud. s. λαοί in den besseren Hss. λεκτοὺς ἐκ γαίης λαοὺς πόρε bietet (Reitzenstein Berl. Philos. Wsch. 1895, 858), so kommt das blos daher, dass hier der erste der beiden Verse (ἤτοι – λαῶν) weggefallen war, das Wort λαοί aber, weil zum Verständnis unentbehrlich, sich an falscher Stelle, für ἁλέας, eindrängte. Das bei Strabon überlieferte sinnlose ἀλέους haben schon Villebrun und Schneidewin in das richtige ἁλέας geändert. Δευκαλίων ist die Lesung des späten Geographen; die Seleukosglosse hat noch Λευκανίων; das Etym. genuin, lautet Λευκαρίων· οἷον Πύρρα ἢ Λευκαρίων, der freilich angeblich über Λευκαδίων aus Λευκαλίων entstanden sein soll. O. Schneider (Callim. II 735, 130) gab das Fragment unnötigerweise dem Kallimachos. Auf die Etymologie von λαοὶ aus λᾶες spielte schon Homer in der Ilias an (XXIV 621): λαοὺς δὲ λίθους ποίησε Κρονίων, nur im umgekehrten Sinne unseres μῦθος, der vielmehr λαοὺς ἐκ λάων = λίθων ποιεῖ (Eustath. z. d. St. p. 1367, 49). Die letztgenannte Wendung findet sich im Bereiche der D.- wie der Leukarionsage, abgesehen von dem u. XXI (Anfang) angeführten epischen Verse, zuerst bezeugt bei Pindaros, der als Schauplatz seiner widerspruchsvollen Darstellung (Ol. IX 40ff.) Lokris, als Namen aber des Helden den thessalischen Δευκαλίων bietet. Hier ist die Verschmelzung vollzogen, so dass sich nicht entscheiden lässt, in welche Landschaft die Sage von der Steingeburt ursprünglich gehört. Dass D. und Pyrrha sich die Steine, aus denen Menschen wurden, über den Rücken warfen, berichtet erst Akusilaos frg. 7 aus Schol. Pind. Ol. IX 70, FHG I 101, und nach ihm (Robert De Apollodori bibl. 70) die Bibliothek (vgl. u. V). Um zunächst bei Pindaros stehen zu bleiben, so gilt ihm Ol. IX 85ff. der König Lokros von Opus als Ehegemahl einer von Zeus vorher geschwängerten ungenannten Tochter des eleischen Epeierkönigs Opus, die Opus den Jüngeren gebiert. Da nun v. 41ff. Opus als ,Stadt der Protogeneia‘ genannt wird, in der D. und Pyrrha zuerst Hütten gebaut und ohne Beischlaf ὁμόδαμον λίθινον γόνον stifteten, so haben die alten Erklärer, und wohl mit Recht, diese Protogeneia von v. 41 für die θυγάτηρ von v. 86 erklärt (vgl. Pherekyd. frg. 51 a), d. h. die elëisch-thessalische Genealogie von Protogeneia als Tochter des D. dem Pindaros abgesprochen; vgl. u. XIII. Der ὁμόδημος γόνος spielt eben so deutlich (was Reitzenstein nicht betont) auf die ἁλέες λαοὶ der hesiodeischen Leleger- und Leukarionsage an, wie die Ἰαπετιονὶς φύτλα (v. 81) auf die Prometheusgenealogie der thessalischen D.-Sage. Zum Überfluss spielt bei Pindaros auch die Sagenform vom Parnassos hinein, von dem D. und Pyrrha (v. 43) auf Zeus Geheiss herabstiegen (nach der Flut). – b. Kynos. Nach dem frg. 16 der Δευκαλιώνεια des Hellanikos, FHG I 48, 16, überliefert durch den grossen Apollodoros περὶ νεῶν frg. 149, FHG I 453, beide aus Schol. Pindar. Ol. IX 64, wohnten D. und Pyrrha in Kynos und zogen dort die Protogeneia auf, nachdem die λάρναξ am thessalischen Othrys gelandet war. Strabon IX 425 wiederholt das aus Apollodoros mit dem Zusatz, in Kynos zeige man das Denkmal der Pyrrha. Auch der eine [267] Scholiast zu Theokr. Id. XV 142 versteht dessen Δευκαλίωνες in Zusammenstellung mit Lapithen, Pelopiden, Pelasgern als Lokrer aus Kynos und fasst diese ,Träger schweren Geschicks‘ mit Agamemnon, Aias, Patroklos und Pyrrha zusammen, während der andere Scholiast auf Δευκαλίδας = Θεσσαλοί hinweist. – c. Ozolischer Lokrer ist D. als Vertreter des Königs Orestheus bei Paus. X 38, 1 in der Sage von dem Hund, der ein ξύλον gebiert. Als dies begraben wird, wächst daraus ein Weinstock auf, dessen Gerüche dem Volk den Namen gaben. Ob hier eine Volksetymologie des κύων (κῠνός) von der opuntischen Stadt Κῦνος (!) hineinspielt ? Κυνιδᾶν vermutete auch vorübergehend Bergk in dem pindarischen Κρονιδᾶν 56, stutzte aber wegen des Metrums.

V. Parnassos. Ausser Pindaros (s. o. IV a) behandeln Aikusilaos in den Genealogien (s. o. III) und (wohl nach ihm) der Atthidograph Andron, die sonst an die thessalische Sagenform anknüpfen, die Sage vom Parnassos (frg. 2 aus Schol. Apoll. Rhod. II 705 und Etym. M. 655, 5, FHG II 349). Andron behauptet, der Berg habe wegen der landenden λάρναξ des D. ursprünglich Λαρνασσός geheissen. Der grosse Apollodoros hat seine Darstellung dem Strabon (VIII 383) vermittelt (Höfer Konon 106 Anm. 125), freilich ohne dieses Autoschediasma, das dagegen von Steph. Byz. s. Παρνασσός wiederholt wird. Ebenfalls aus Andron schöpfte Konon 27 (Höfer a. O. 48f.) die auch dem Strabon vermittelte Nachricht, dass D.s Herrschaft von seinem Sohne Hellen verteilt ward, und zwar die dorische Tripolis am Parnassos dem zweiten Sohne Doros zufiel. Einfach die Landung des D. nach neuntägiger Fahrt übers Meer zum Parnassos nach Aufhören des Regens und dem Opfer an Zeus Physios meldet Apollod. bibl. I 7. 2, 4. Daselbst werfen nur D. und Pyrrha die Steine, aus denen die Menschen entstehen, bei Eustath. Il. I 10 p. 23. 40 auch D.s Tochter Pandora, was sonst nirgends berichtet wird. Eine ausführliche Darstellung giebt Ovid. met. I 261–415, wo v. 412f. aus den von D. geworfenen Steinen Männer entstehen, aus den von der ,Epimethis‘ Pyrrha geworfenen Frauen. Plutarchos qu Gr. 9 erzählt aus heimischer Überlieferung, dass die fünf lebenslänglichen Ὅσιοι in Delphoi von D. abzustammen behaupten; über ihre Opferhandlungen s. ausserdem de Isid. et Osir. 35 und de def. orac. 49. Nach einer besonderen Sage bei Paus. X 6, 2 soll der Parnassosgipfel, auf den sich die Flüchtlinge aus der deukalionischen Flut (ὄμβροι) retteten, Λυκώρεια gewesen sein, genannt nach den λύκοι, deren Geheul die Richtung angab, in der Rettung winkte. Die Flüchtlinge kamen aus der ,uralten phokischen Stadt Parnassos‘, die von einem gleichnamigen Sohn der Kleodora gegründet sei. Eine wunderliche Verwertung hat diese Sagenwendung erhalten im Marm. Parium. Ihm zufolge herrschte D. schon vor der Flut in Lykoreia am Parnassos (zur Zeit König Kekrops I., ep. 2); infolge der Regengüsse bei der deukalionischen Flut verlässt vielmehr D. Lykoreia und flieht nach Athen (zur Zeit des Königs Kranaos, ep. 4). Auch Apollod. bibl. III 14, 5 setzt (unter Weglassung der Lykoreiasage, die Welcker Gr. Götterl. I 773 eine elende nennt) die deukalionische Flut [268] unter Kranaos an und berichtet, dass dessen Nachfolger Amphiktyon von einigen nicht für autochthon gehalten werde, sondern für einen Sohn des D.

Zum Parnassos gehört Hyampeia, einer seiner Gipfel; an der Grenze Boiotiens nach Opus zu liegend Hyampolis und, etwas südlicher, der hyphantische Berg; alle drei Örtlichkeiten zeugen für das alte Volk der Ὕϝαντες. Ihm muss die eigenartige Überlieferung gehören, über deren Vereinzelung v. Wilamowitz (Herm. XVIII 1883, 430) sich wunderte. Nach Schol. AB(L) Hom. Il. I 250 war Hyas Vater des Merops, welcher nach dem κατακλυσμός zuerst die Menschen – Μέροπες – gemeinsam ansiedelte (συνῴκισε). Der Ὕας ist offenbar der Eponymos der Hyanten, hier um seines Namens willen über ὕειν mit den Regengüssen, sonst ὄμβροι, der Flut zusammengebracht. Die Sage ist doch wohl eine Gründungssage, nach v. Wilamowitz eben von Ὑάμπολις (Ὑάντων πόλις), das nicht weit vom Parnassos wie von den lokrischen D.-Bergen abliege. Er denkt also an den κατακλυσμός des D., der im Scholion nicht genannt ist. Diese Auffassung wird bestätigt durch Nonnos, der Dionys. III 202 den D. ὀλλομένων μερόπων mit Pyrrha ἐνὶ λάρνακι über die Gewässer fahren lässt nach der ersten ogygischen und vor der dritten dardanischen Flut. Die Hyanten sind später nach Aitolien gewandert, empfehlen sich also als Überbringer der D.-Sage in diese Landschaft (vgl. u. VIII). Eine Tochter des D., Melantho, gebar dem Poseidon den Delphos, Eponymos von Delphoi, nach Tzetz. Lyk. 208. Dionysios von Halikarnassos (arch. I 17) hat eine pragmatische Verbindung zwischen der thessalischen und parnassischen Sage hergestellt, indem er D., den Sohn des Prometheus und der Okeanide Klymene, als Führer von Lelegern (= Lokrern und Aitolern), Kureten und anderen Umwohnern des Parnassos, die Pelasger vertreiben lässt.

VI. Athen. Südöstlich der Akropolis lag nördlich der Kallirrhoe und des Ilissosthals auf einer Terrasse ein alter Tempel des Zeus Olympios, den D. gegründet haben sollte; das Grab des Gründers wurde nicht weit davon (wohl im Peribolos) gezeigt; Pausanias I 18, 7f. erzählt, dass in einem ellenbreiten Felsspalt, der innerhalb des Peribolos irgendwo unweit des τέμενος der Γῆ Ὀλυμπία klaffte, nach der ἐπομβρία des D. alles Wasser verlaufen sei, weswegen noch jetzt in ihn alljährlich Honigweizenbrote geworfen würden. E. Curtius Stadtgeschichte von Athen 29 sieht im Anschluss dieser Legende an das Naturmal ein Zeugnis für das hohe Altertum dieses Dienstes. Über den Neubau des Hadrian und die Schonung der alten heiligen Stätten s. Curtius 268 (Fig. 32). Wie Thukydides (II 15) als südlich der Akropolis gelegene Heiligtümer das des Zeus Olympios, der Ge und des Dionysos ἐν Λίμναις in einem Atem aufzählt, so verknüpfte auch schon Theopompos (frg. 342 aus Schol. Ar. Ran. 220, FHG I 332f.) den Dionysoscult mit der Flutsage. Für das dionysische χύτροι-Fest nämlich hat er das αἴτιον: die geretteten Menschen (D. wird nicht genannt) hätten diesen Namen dem Festtag zur Erinnerung an ihre Rettung gegeben. Χύτρινοι hiessen auch die ἀγῶνες, die dort stattfanden (Philochoros a. O.), und χύτραι [269] die Opferspeise dieses Tages. Mit der Angabe, dass man an diesem Tage keinem der olympischen Götter opfere, scheint Theopompos direct auf einen Gegensatz zwischen dem Empfänger dieses Opfers, Hermes Χθόνιος, und den von Pausanias als Umgebung der deukalionischen Stätten genannten Zeus Ὀλύμπιος, Kronos, Rhea und Ge Ὀλυμπία anzuspielen. Auch für die Verstorbenen wird an diesem Fest Hermes Χθόνιος angefleht, offenbar im Anschluss an dasselbe grosse Sterben. Denn das Etymon von χύ–τροι weist allerdings auf Wasserergüsse hin; die ἀγῶνες sind die der Λιμνομάχαι, der Dionysos der ἐν Λίμναις, die Λίμναι aber reihen sich direct westlich an die Terrasse des Olympieion und die Kalirrhoe an. Der Name ,Brühl‘ forderte direct zu einer Anknüpfung an die berühmte Flut heraus. Vgl. über die Lage des Lenaion und die Verknüpfung mit D. Maass Ind. schol. Gryphisw. 1891 p. VIII. Das athenische σῆμα des D. erwähnt auch Strab. IX 425. Der Zeus Ὀ(μβριος Ἀπή)μ(ιος), den Milchhoefer in den Schriftquellen zu Curtius Stadtgeschichte von Athen S. XL 4f. noch aus Boeckhs Emendation des Marmor Parium ep. 7 übernommen hat, ist endlich aufzugeben zu Gunsten der Prideauxschen Lesung Ζεὺς Φύξιος Ὀλύμπιος, die allein die Übereinstimmung mit Pausanias Überlieferung wahrt. Das chronologische System dieser Inschrift setzt das Eintreffen des D. in Athen aus Lykoreia (ἐκ Λυκωρείας), die Gründung des Zeustempels und Stiftung der Σωτήρια θυσίαι unter die Regierung des athenischen Königs Kranaos, 45 Jahre früher dagegen (ep. 2), unter die Regierungszeit des Kekrops I; die Herrschaft des D. in Lykoreia am Parnassos, und lässt in Athen auf Kranaos einen Amphiktyon folgen, von dem nicht ganz klar ist, ob er identisch sein soll mit dem gleichnamigen Sohn des D., der während seiner Regierungszeit die pylische Amphiktyonie gegründet haben soll (ep. 9) und aus Theopompos frg. 80, FHG I 291 bekannt ist; s. o. III a. E. und u. VII a. E. Unter des Atheners Amphiktyon Zeit wird jedenfalls ep. 10 auch der phthiotische D.-Sohn Hellen angesetzt. Die Wiederholungen dieser Chronologie mit ihren Abweichungen s. in C. Müllers Commentar zum Marm. Par., FHG I 558b. Während E. Curtius (a. O.) an der Echtheit dieser athenischen D.-Altertümer festhält, glaubt Robert (Preller I 405), dass die Flut des D. hier nur zum Sinnbild des überwundenen Winters (χειμών) geworden war, dessen Abzug man gegen Frühlingsanfang im Februar zum Voraus feierte. Durch ihren [attischen?) Sohn Amphiktyon sollen D. und Pyrrha nach Steph. Byz. s. Βοιωτία Grosseltern des Itonos und Boiotos sein, nach demselben s. Φύσκος auch Grosseltern des Aitolos. Ἀπὸ Δευκαλίωνος war Kodros nach Diogen. IV 84 und wurde darum sprichwörtlich als εὐγενέστατος bezeichnet.

VII. Epeiros. Nach Dodona setzt in unseren Quellen den D. und seinen κατακλυσμός zuerst Aristoteles (meteor. I 14 p. 353 a 27ff. Bekk.), weil er daselbst das alte Hellas, des D. Heimat, sucht; denn die dortigen Σελλοί seien die späteren Ἕλληνες. Während W. Helbig noch 1876 (Herm. XI 273) ihm folgte und den Mythos von D. aus Epeiros nach Thessalien übertragen sein liess, zeigte B. Niese (ebd. XII 1877, 412f.), dass diese [270] Auffassung erst entstanden ist, seitdem man die Σέλλοι von Dodona mit den Ἕλληνες identifizierte; nach U. Koehler (Sat. phil. H. Sauppio oblata 79) geschah dies zwar schon vor Aristoteles, nämlich im 5. Jhdt., doch erst nach Herodotos (a. a. O. 81), begünstigt durch Hesiods Zeugnis für die Namenform Ἑλλοπία für die epeirotische Gegend und die entsprechende Form Ἕλλοι, die E. Meyer (Forschungen zur alten Geschichte I 37ff.) bei Homeros einsetzt (vgl. Gesch. d. Altert. II 65f.). Auf Aristoteles gehen wieder zurück Akestodoros π. πόλεως (FHG II 464) und Thrasybulos (ebd.), die im Anschluss an die Erklärung des homerischen Ζεὺς ἄναξ Δωδωναῖος (Il. XVI 233ff.) den D. nach dem κατακλυσμός nach Epeiros gelangen lassen. Daselbst fragt er die heilige Eiche des Zeus um Rat, siedelt auf Anraten der πελειάς sich mit Pyrrha und seinen geretteten Begleitern an und nennt den Ort Dodona nach Zeus und einer der Okeaniden. Akestodoros birgt sich nach Köhler (a. O. 80) in den ἔνιοι. Plutarchs (Pyrrhus 1), die die Gründung Dodonas durch D. und Pyrrha ins Molosserland verlegten: eine Sagenform, die nach Nieses (a. O. 412, 1) Beobachtung die spätere Zugehörigkeit Dodonas zu den Molossern voraussetzt. In die Zeit der Flut des D. verlegt die Ankunft der auf einem Kinde reitenden Themis in der epeirotischen Stadt Βούχετα in einem etymologischen Mythos Philostephanos von Kyrene (Ἠπειρωτικά frg. 9 a aus Harpokration s. Βούχετα, FHG III 30). Die Zeuseiche von Dodona spricht zu D. und Pyrrha bei Nonnos XV 297f.

Vorgearbeitet hatte dem Aristoteles bei dieser Übertragung Platon durch seine Gegenüberstellung der beiden grössten Urkatastrophen: des Weltbrandes und der Flut: φθοραὶ πυρὶ καὶ θδατι μέγισται Tim. 22 c, χειμὼν ἐξαίσιος und καῦμα 22 d (M. Mayer Herm. XX 1885, 137ff.). Denn Phaethon wurzelt alt in Epeiros am Aoos, in Apolloniii, der Heliosstadt (M. Mayer 142f.). Diese fruchtbare Combination, die also nicht, wie Robert (Eratosth. Catast. rel. 214ff.; Herm. XVIII 1883, 434ff.) vermutete, hesiodeisch ist (Knaack Quaest. Phaethont. 1886 [Philol. Unters. VIII], 1ff. M. Mayer a. O. 113). wiederholt sich in der ps.-aristotelischen Schrift de mundo 6 p. 400 a 25 (κατακλυσμός und πυρκαïαί), in den problem. 14. 15; in der Fabelsammlung, welche Hyg. fab. 152 (dem Ausgangspunkt der Controversen) und Ovid. met. II 309 zu Grunde lag, der die platonische Combination freilich absichtlich ablehnte; bei Censorinus 18 (cataclysmos und ecpyrosis); im Schol, Plat. Tim. 22 c (wo der κατακλυσμός in Thessalien, die ἐκπύρωσις in Aithiopien sich ereignet, von räumlichem Zusammenfallen also keine Rede ist). Den Synchronismus beider local getrennt gedachten Katastrophen betonen auch die Kirchenväter: Eusebios, laut Chron. I p. 183f. Schöne: in Thessalien und Aithiopien zur Zeit des Moses, Kekrops, Triopas und Marathon; laut Canones II 27f. Schöne ebendaselbst jedoch unter Kranaos, citiert Platon Tim. (22 c), oder vielleicht nur seinen Scholiasten (über Sext. African.); aus Eusebios Orosius I 9 und 10; ferner Synkell. 297, 7. Tat. adv. Graec. 60, nach ihm Clem. Alex. Strom. I p. 380 Sylb. und 145 (das frg. 3 des Thrasyllos von Mendes Αἰγυπτιακά, FHG III 503). In [271] loseren Zusammenhang bringt beide Vorgänge Iustin. Martyr. Apol. II 7. Serv. Ecl. VI 41. Philostrat. Her. p. 287, 15 Kayser. Lukillios Anth. Pal. XI 131 und 214. Lukian. Timon 4 p. 108. Vgl. über diese sämtlichen Zeugnisse M. Mayer a. O. 137ff. Auffallend ist, dass meist nicht die Flut zur Löschung des phaethontischen Weltbrandes erfolgt, sondern vielmehr diesem vorausgeht. Das erleichterte eine Zusammenstellung, wie wir sie im Schol. V zu Lukian. Timon 3f. lesen: Noah = alttestamentlicher D., die ἐκπύρωσις διὰ Σοδόμων das Gegenstück zu Phaethons Brand.

VIII. Aitolien. Hekataios, der im frg. 334 die Überlieferung von Hesiod frg. 26 (s. o. III) wiedergiebt, nennt im frg. 341 (aus Athen. II 35 B) den D. Vater des Orestheus, Grossvater des Phytios, des Vaters des Oineus, von dem Aitolos stammt. Die Sage handelt von der Einführung der οἴνη = ἄμπελος und der Pflanzung (daher Φύτιος) des ersten Weinstocks in Aitolien. Auffallenderweise wird das στέλεχος, aus dem der erste Weinstock erwächst, von einer ,Hündin‘ des Deukalionsohnes geboren. Sollte sich hier eine etymologische Anspielung mittels κύων, κῠνός auf das lokrische Κῡνὸς ἢ Κῦνος (Ptolem. III 15, 10) bergen, so hätten wir es freilich nicht mit D., sondern mit dem lokrischen Λευκαρίων zu thun, dem Reitzenstein auf der Spur ist (s. o. IV; doch vgl. u. XXIII a. E.). Aitolien gilt als vermittelnde Zwischenstation in jener Genealogie, welche die beiden D.-Länder Thessalien (s. o. III) und Kreta (s. o. I) verknüpfen will, bei Diodor. IV 60: nach Kreta wandern Aitoler und Pelasger mit Aitolern unter Teutamos, der über Doros und Hellen von D. abstammt. Über die Hyanten als mögliche Überbringer der D.-Sage von Boiotien und Lokris nach Aitolien s. o. V. Aitolos war Sohn des Amphiktyon, Enkel des D. nach Steph. Byz. s. Φύσκος.

IX. Akarnanien. Vom leukadischen Fels soll sich D., von Liebe zur Pyrrha verzehrt, gestürzt haben nach der ps.-ovidischen Epist. Sapphus 165 – 170. Er kam unversehrt im Wasser an und wurde von der Liebesqual befreit. Die Erzählung ist einer Najade in den Mund gelegt, die der Sappho ein Gleiches zu thun rät. Wir haben hier ein Merkmal alexandrinischer Erfindung (Comparetti Publ. del Inst. di Studi superiori in Firenze II 1 a, 52. Birt Rh. Mus. XXXII 399. De Vries Epistula Sapphus ad Phaonem 146; vgl. auch Ehwald Bursian. Jahresb. XLIII 222). Diese alexandrinische Wendung ward nicht sowohl durch echte Überlieferung veranlasst, als vielmehr durch etymologische Spielereien, wie sie uns noch vorliegen im Etym. genuin.: Λευκαρίων ... Δευκαλίων (καθ’ ὑπέρθεσιν) Λευκαδίων, τροπῆ τοῦ δ εἰς τὸ ρ Λευκαρίων, bis auf die eingeklammerten Worte wiederholt im Etym. Flor. S. Marci 304 (vgl. Reitzenstein a. O. 195, 4: wohl durch Herodian. π. παθῶν vermittelt). Wenn die Zwischenform Λευκαλίων, die H. Lewy Jahrb. f. Philol. CXLVII 1893, 768, 12 sogar als echte Urform des Namens voraussetzt, belegt wäre, würde man eine antike Etymologie Λευκ-αλιων = Leukas-Springer annehmen dürfen, wie Lewy (brieflich) vorschlägt. Aber die Form ist nicht bezeugt, und seit Reitzensteins Untersuchungen (s. o. IV) liegt keine Nötigung mehr vor, den [272] thessalischen Δευκαλίωνv und den lokrischen Λευκαλίων etymologisch zusammenzupassen durch Construction von Mittelformen.

X. Megara. Die einheimische Sage bei Paus. I 40, 1 führt den Namen der Γερανίας ἄκρα auf den Eponymos Megaros zurück, der bei der Δευκαλίωνος ἐπομβρία schwimmend dem Rufe der Kraniche folgte und auf diesem Höhenzug dem Tode des Ertrinkens entging.

XI. Argos. Arrianos von Nikomedeia (Βιθυνιακά II frg. 26 aus Etym. M. s. Ἀφέσιος Ζεύς, FHG III 591) erzählt, D. habe sich aus der Flut nach Argos gerettet und dort den Altar des Zeus Aphesios gegründet, im späteren Nemeia, ὅτι ἀφείθη ἐκ τοῦ κατακλυσμοῦ ,ein auf entschieden falscher Deutung (als ,Regenspender‘?) beruhender aitiologischer Mythos‘: Preller-Robert Gr. Myth. I⁴ 118, 3. Vgl. über die Flut-Könige Inachos und Krotopos o. VII.

XII. Arkadien. Unter die Herrschaft des Nyktimos, des jüngsten der Lykaoniden, der vom Blitzstrahl des Zeus verschont blieb, setzt die Flut des D. Apollod. bibl. III 8, 21; nach ,einigen‘ soll sie eben wegen der Gottlosigkeit der Kinder Lykaons verhängt sein (s. Tzetz. Lyk. 481). In den Ἀρκαδικά des Aristippos von Kyrene (frg. 3 aus Schol. Apoll. Rhod. III 1087, FHG IV 327) wird als vierter D. ein sonst nicht bekannter Sohn des Abas genannt, ohne dass sich ausmachen liesse, dass er nun gerade nach Arkadien gehöre. Abas weist eher nach Argos oder Euboia.

XIII. Elis. Der einheimische König [[RE:Aethlios 1 |Aëthlios]], der mit der Aiolostochter Kalyke den Endymion, den Vater des Paion, des Eponymos der thrakischen Paionier, erzeugt, soll als Sohn der Protogeneia Enkel des D. sein nach Apollod. bibl. I 7, 2, 6 (vgl. III 3, 5, 1. Paus. V 1, 3), eine Genealogie,die nach Roberts Vermutung (Preller Gr. Myth. I⁴ 121, 3) aus der Zeit stammt, die noch an den Zusammenhang zwischen Elis und Thessalien glaubte. Denn Itonos, mit dessen Tochter Chromie Endymion den Paion erzeugt (Paus. a. O. 4) gehört nach Thessalien. Robert irrt nur, wenn er a. O. die Itonostochter statt der Aiolostochter dem Aëthlios zur Gemahlin giebt.

XIV. Chalkidike. ,An Pellas Küste‘, d. h. auf Pellene ist D. (wie sonst Asterios) als speerschleudernder Argonaut ein Bruder des Amphion, Sohn (des Hyperasios und) der Hypso (Enkel des Pelles) bei Val. Flacc. I 365f. Wenn dagegen Serv. Ecl. VI 41 den D. sich mit Pyrrha auf den Athos retten lässt, so liegt nach M. Mayer (Herm. XX 1885, 136f., 1) hier nur ein Schreibfehler für Othrys vor. Über Makedon, Sohn des D., bei Hesiod. s. o. III.

XV. Lesbos, Chios, Rhodos. Die ἐπομβρία von Lesbos setzt Diodor. V 81 sieben Geschlechter nach dem κατακλυσμός des D., während Ephoros (frg. 34 aus Athen. III 105 D, FHG I 242f.) Makar, den Gründer von Lesbos, zugleich mit den Gründern der chiischen Stadt Kagide; aus der Flut des D. gerettet werden lässt. In Rhodos erscheint D. in der Sage von den Teichinen und Heliaden bei Diodor. V 56 (Welcker Griech. Götterl. I 775, 25).

XVI. Apameia-Kibotos in Phrygien, von Seleukos Nikator gegründet, zeigt auf Münzen aus der Zeit des Septimius Severus und Philippus [273] Arabs einen auf Wogen schwimmenden Kasten (κιβωτός) mit Mann und Frau: Eckhel III 132ff. Friedländer und v. Sallet Berliner Münzcabinet nr. 656, Taf. 9. Ein Vogel auf dem Kasten, ein anderer, der, einen Zweig in den Füssen haltend, heranfliegt, und die Inschrift ΝΩ einiger Exemplare lassen auch für die männliche Figur, die wiederum, und offenbar gerettet, neben der weiblichen, dabei steht, nur die Deutung auf den Noah des alten Testaments zu. Das Weib ist seine Tochter Sambethe (Maass De Sibyll. iudic. Diss. Gryphisw. 1879, 41f.), deren Namen der chaldaeischen Sibylle beigelegt wird, und die unter diesem Namen mit Noah auch im Peribolos des Chaldaios zu Thyateira verehrt wird (CIG II 3509). Die Legende von Apameia geben die von Buttmann Mythol. I 193 übersetzten Verse aus den sibyllinischen Büchern. Hier haben wir einen der Plätze, wo in hellenistischer Zeit schon Orientalisches in die griechische Sage von D. Eingang fand.

XVII. Kandyba in Lykien soll nach Steph. Byz. s. v. von einem Sohne des D., namens Kandybos, genannt sein; Meineke giebt die Notiz dem Hekataios.

XVIII. Ikonion in Lykaonien ist nach Steph. Byz. und Etym. M. s. v. danach benannt, dass nach der Flut des D. Prometheus und Athena aus Erde neue Menschen bildeten, denen die Winde Seelen einhauchten: eine griechische Umgestaltung der einheimischen Sage von der Flut des Annakos, richtiger Nannakos, die Hermogenes περὶ Φρυγίας (frg. 2 aus Zenob. VI 10, FHG III 524) von Pessinus erzählt (vgl. Bodl.).

XIX. Hierapolis. Den dortigen berühmten Tempel soll der Skythe (!) D. gegründet haben nach Lukian. d. d. Syria 12f., der Züge aus dem alten Testament von Noah einflicht. D. nahm in die λάρναξ seine Kinder und Weiber (!) sowie paarweis die Tiere, deren Verträglichkeit hervorgehoben wird in der aus den griechischen Schilderungen des goldenen Weltalters bekannten Weise. Weil in dem noch später zu Hierapolis gezeigten Erdspalt das Wasser sich verlief, gründete D. über der Schlucht einen Heratempel und stiftete den Brauch jährlichen Salzwassertragens vom Meer in den Spalt (13). Wenn (c. 28) die Sitte, Phallen zu besteigen und sieben Tage droben zu verweilen, begründet wird durch den massgebenden Vorgang, dass zur Zeit der Flut des D. Berge und Bäume bestiegen worden seien, so befinden wir uns erst recht auf dem Boden syrischen Cults. Den CΚυθέα Δευκαλίωνα hat Buttmann (Myth. I 192*) in sinnreicher Weise zu eliminieren gesucht, indem er in diesem syrisch gefärbten Zusammenhang den zu Lukians Zeit längst den Griechen bekannt gewordenen assyrischen Flutnamen Sisuthros oder Xisuthros (Alexandros Polyh., Abydenos u. a.) in der Form CΙCυθέα vermutet und an die Verlesung des Derkylidas Σίσυφος in Σκύφος bei Athen. XI p. 500 B erinnert. In gleicher Weise zeigt sich Plutarchos beeinflusst, wenn er (de sollert. anim. 13) erzählt, D. habe zur Probe aus der λάρναξ eine Taube (περιστερά, also eine orientalische, von der künstlich gezüchteten weissen Art Syriens) entlassen, die bei Sturm zurückkam, bei εὐδία wegflog.

XX. Aitna. Dahin versetzt Hygin. fab. 153 (in Übereinstimmung mit Nigidius beim Schol. [274] German. Arat. p. 154 Breysig) die Sage von D. und Pyrrha, ihre Landung nach der Flut und das Steinwerfen mit der Etymologie von λαοί aus λᾶες. Dasselbe Nigidiusfragment a. a. O. p. 85 Breys., aber ohne Ortsangabe.

XXI. Vereinzelte Zeugnisse ohne deutliche Beziehung auf eine bestimmte Örtlichkeit. Der epische Vers beim Schol. Pind. Ol. IX 69: ἐκ δὲ λίθων ἐγένοντο βροτοὶ λαοί τε καλεῦντο schliesst sich der von Pindaros gegebenen Version der D.-Sage an, s. o. IV a. Epicharms Πύρρα ἢ Προμαθεὺς (frg. 78–81 Ahrens) nannte im frg. 80 aus Etym. M. p. 589, 42 D. und Pyrrha zusammen: Πύρρα γα μῶται Δευκαλίωνα. Einen D. schrieben auch Antiphanes der Komiker (frg. 77, Kock CAF II 43), Eubulos (ebd. 173, 24, nach Kock vielleicht auch Eupolis frg. 136) und Ophelion (nichts erhalten); Sprichwörtlich erscheint die Steingeburt des Menschengeschlechts genannt und wohl auf die Hartherzigkeit bezogen bei Kallimachos frg. 500 Schn.: λᾶες Δευκαλίωνος ὅσοι γενόμεσθα. O. Schneider wollte den Vers in dieser Form den Αἴτια zuweisen. Auch Eustath. zur Ilias I 10 p. 23ff. 40 reflectiert über die Beziehungen der Metamorphose auf die σκληρότης der Menschen, die schon Homeros selbst Il. XXIV 611 als λιθῳδία versinnbildliche; λαός soll, als von λᾶας abstammend, so viel sein wie ἀτεγκτός, ἀσυμπαθής.

XXII. Sprichwörtlich und an Theokrits Δευκαλίωνες = Λοκροί (Id. XV 142) erinnernd ist der Gebrauch des Plurals von D. bei Lukian. Tim. 4f.: wieviel Φαέθοντες und Δευκαλίωνες würden nötig sein, um die gegenwärtige ὐπέραντλος ὕβρις τοῦ βίου auszutilgen? Plutarch (de nobilitate) stellt ihn als Repräsentanten der Vorzeit mit Ägyptern und Chaldaeern zusammen. Straton macht den Scherz (Anth. Pal. XI 19): wie sein Leib dereinst im Tode mit deukalionischer Flut getränkt werde, so wolle er ihn jetzt mit Wein tränken. D. und die Flut citiert als vorweltlich, um das methusalemische Alter der Nikoë damit lächerlich zu machen, Nikarchos (Epigramm Anth. Pal. XI 71) und mit gleicher Beziehung auf eine andre Alte Myrinos im Epigramm XI 67 (als Σισύφου μάμμη, Δευκαλίωνος ἀδελφή). So hatte schon Platon im Timaios (22 a) als Beispiele der allerältesten Mythen neben dem von Phoroneus auch den vom κατακλυσμὸς des D. und der Pyrrha und deren Genealogie genannt. Ähnlichen Sinn hat die Anrede ὦ κοσμιώτατε Δευκαλίων in dem Opusc. astrol. ins. bei Lambecius Bibl. agr. VII 1, 54. Mit der alten Auffassung, dass die Flut ein Strafgericht des Himmels sei für den Frevel der Menschen, suchte schon Aristoteles zu brechen, als er sie als meteorologisches Phänomen erklärte, hervorgebracht durch periodische Kyklen in der Atmosphäre (in der Meteorologie; vgl. o. VII Anfang). Auch der Zweck, dass sie bestimmt gewesen sei, den durch Phaethon herbeigeführten Weltbrand zu löschen, tritt nur selten hervor, obgleich zu solcher causalen Verknüpfung beider elementarer Ereignisse der Anlass bequem gegeben war. Seitdem man auf die Übereinstimmung der griechischen Flutsage mit der alttestamentlichen Flut des Noah aufmerksam geworden war, beginnen wieder ethische Motivierungen für die erstere Platz zu greifen. Lukian de dea Syr. 12 [275] weiss, dass das vorflutliche Geschlecht frevelhaft, gottlos, eidbrüchig und unbarmherzig gegen Schutzflehende war. Zur Strafe hiefür stieg viel Wasser aus der Erde auf (!), das Meer stieg, Flüsse schwollen. Vgl. das Weitere o. XIX. Als Gegenstand mimischer Darstellung durch die Tanzkunst nennt unter anderen Stoffen aus der alten mythischen Überlieferung die ναυαγία des D. Lukian. de saltat. 39.

XXIII. Etymologien und Deutungen. Buttmann betrachtete 1812 und noch 1828 den D. (= Ogyges) als eine Modifikation des aus dem selbständigen fernen Orient nach Griechenland übertragenen Nilflut bringenden ,Hundssterns‘ Sethos = Sisuthios = Noah (Mythologus I 202, 180ff.). Völcker (Japet.-Geschlecht 1824, 343) erklärte ihn als Flutmann von δεύω (so auch Schwenck Etym.-myth. Andeutungen 149) und ἅλς, zurückgewiesen durch Grote (Griech. Gesch. I 80, d. Uebers. v. Meissner). C. F. Unger Philol. XXV 212. Pape-Benseler s. v. raten auf δευκές = δεικές (δείκηλος, δείκελος) und übersetzen ,Ebenbild‘, wohl wegen der neuen Menschenschöpfung. Preller deutete D. als Heros der Weincultur mit Berufung auf die Hesychglosse Δευκαλίδαι· σάτυροι und das Schol. Apoll. Rhod. I 30 δεῦκος τὸ γλυκύ, ὅθεν τὸ Πολυδεύκης (= dulcis), wobei er δεῦκος = Weinmost versteht (Griech. Myth. I² 66). Dagegen erklärte sich G. Curtius Gr. Etym.⁵ 492. Robert-Preller Griech. Myth. I 86, 1. Schömann De Pandora 1853, 23ff. dachte an die im lateinischen dux liegende Wurzel, wiederum auf den (anders gedeuteten) Πολυδεύκης sich berufend. E. Hoffmann (Mythen aus der Wanderzeit der graeko-italischen Stämme I Kronos-Zeus 1876, 123) lehnt wieder Δεύκαλος, -ίων an Noah an und erklärt ihn über Διὸς καλιά als ,Gotteshüttner, Zeus-Verehrer, Frommer‘, weil er nach der Flut das erste Heiligtum gründete. Fick (Griech. Personennamen² 386) etymologisiert aus δεῦκος Zauber. E. Maass Herm. XXIII 1888, 615 geht auf Δεύκαλος zurück, das auch von dem Δευκαλίδης (Homer Il. XII 117) und Δευκαλίωνες Theokrit XV 141 vorausgesetzt werde, versucht aber keine Etymologie. Wiederum auf die Analogie von Πολυδεύκης, der aber als πολυλεύκης gedeutet wird im Anschluss an Baunack (Mem. de la soc. de ling. V 3) und Brugmann (Griech. Gramm.² § 60), kommt H. Lewy zurück (Indogerm. Forsch. I 446, 1) und erklärt D. als entstanden aus Δευκ-αλ-ίων (wie Λεύκ-ιππος) als Weissmeermann. Er lässt damit Schwencks ,treffliche‘ Deutung des D. als Personification des (weissen) Wassers (πολιὴ ἅλς) im Contrast zu Πύρρα als der ,roten Erde‘ wieder aufleben (Schwenck a. O. 351). Ganz geklärt ist damit die Sachlage noch nicht. Die Beziehungen zum Kreise des Dionysos, die Preller vermutete, dürfen doch nicht ausser acht gelassen werden. Der älteste Mythos, den wir von diesem kennen, ist seine Flucht ins Wasser und seine Rettung, in Argolis-Halieis, die im Volksbrauch der Insel Syra, wo ein Christusbild an die Stelle getreten ist, in einem Taucherfeste sogar alljährlich am 18. Januar mimisch dargestellt wird bis auf den heutigen Tag: Δεόνυσος Πελάγιος oder Ἁλιεύς. Wenn nun schon die Δευκαλίδαι = σάτυροι ein eigentümliches Bindeglied zwischen D. und dem Dionysoskreise [276] darstellen, so stellt sich der hesychische Δύαλος· ὁ Διόνυσος παρὰ Παίωσιν als eine überraschend ähnliche Bildung neben den alten Δεύκαλος, der dem Δευκαλίδης, Δευκαλίων wohl nur unter dem Druck epischen Verszwangs gewichen war. Wenn der paionische Δύ-αλος ein Διόνυσος ἁλι-(β)δύων (πελάγιος ἁλιεύς) war, so war vielleicht auch Δεύκαλος nichts anderes, vorausgesetzt dass man eine Verhärtung des Spiritus in κ annehmen darf. Ob man die Erfindung des Weinbaus durch den aitolischen D.-Sohn hierher ziehen darf, bleibt zweifelhaft (s. o. VIII). Lewys Konjektur und Etymologie (Jahrb. f. Philol. CXLVII 1893, 768): Δύαλος = *Λύαλος – Λυαῖος kann ebensowenig hindern, wie die Gerhardsche ( = Δρύαλος Griech. Myth. I 488). Zu denken giebt, dass die Sage von Brasiai am argolischen Golf den Dionysos in einer λάρναξ angetrieben werden lässt, nicht anders als den D.

Andere Flutsagen sind die von Ogyges und Dardanos (s. d.), zwischen welche die von D. eingereiht wird vom Schol. Plat. Tim. 23 b u. a. Dieselbe Reihenfolge hat auch Nonn. Dionys. III 215.