Geschichte der Stadt Basel. Zweiten Bandes erster Teil/6. Der Kampf mit Burgund

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Streitigkeiten Geschichte der Stadt Basel. Zweiten Bandes erster Teil
von Rudolf Wackernagel
Der Uebergang vom Reiche zur Eidgenossenschaft
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Sechstes Buch.
Der Kampf mit Burgund.


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[51] Die großen Mächte, die auf Basels Politik wirkten, — das deutsche Reich, Österreich, die Eidgenossenschaft, Burgund, Frankreich — hatten dies bis jetzt gesondert oder in vereinzelten Konflikten getan. Jetzt erhoben sie sich alle auf einmal, traten zu gleicher Zeit miteinander und gegeneinander auf; in wechselnden Gruppierungen und Richtungen bewegte sich die gesamte ungeheure Kraft dieser Massen.

Mitten in dieser großen Bewegung stand Basel. Auch jetzt wieder, aber stärker als je zuvor, empfand es die weltgeschichtliche Bedeutung seiner Lage. Wenn diese oberrheinischen Gebiete als der Rosengarten Österreichs galten, aber auch als Eingang und Schlüssel deutscher Nation, so war Basel den Eidgenossen Tor und Bollwerk ihrer Lande. Die Stadt lag zwischen der Gebirgswelt und der Rheinebene. Und an eben dieser Stelle auch trafen sich die Gegensätze deutsch und wälsch. Seit langem schon bewegten sie das Dasein des Oberrheins; jetzt, da Burgund selbst hier Herr wurde, traten sie ernster als je hervor und gaben Allem, was kommen mußte, seine größere Bedeutung.

Ganz unmittelbar und in der vordersten Linie empfing Basel alle diese Wirkungen. Seit Alters die Szene für das bewegteste Leben des Weltverkehrs, wurde die Stadt in diesen Jahren der Ort merkwürdig gedrängten und gefärbten Treibens, eines permanenten politischen Kongresses so gut als eines stets neu sich füllenden Kriegslagers. Neben den Ratsherren der elsässischen Städte, neben dem gefürchteten Landvogt Hagenbach und den Beamten Burgunds, neben Niclaus von Diesbach, Heinrich Göldlin, Heinrich Hasfurter und den andern großen Häuptern der Eidgenossenschaft kamen und gingen hier Kaiser Friedrich, die Fürsten von Österreich und von Lothringen, Gesandte König Ludwigs und des Mailänder Herzogs, städtische Milizen, Söldner, Freischaren, ein mannigfaltiger Adel deutscher und wälscher Lande, und zwischen all der lauten und oft derben Weltlichkeit der bewegliche Klerus, von Kardinälen und päpstlichen Legaten bis zu den Geschichtsschreibern Thomas Basin und Johann Knebel und dem das Neueste bringenden Bettelmönch.

[52] An den mündlichen Verkehr schlossen sich Beziehungen ins Weite. Basel war Sammelpunkt und Durchgangsort für zahllose hin und her, auf und nieder gehende Meldungen; der Rat hatte seine Kundschafter an allen Höfen; er trat in bisher nicht gewohnten Rapport mit Städten wie Metz und Köln; neben seinem offenen Briefwechsel mit Herzog Sforza ging die vertrauliche Korrespondenz des Hans Irmi.

Basel sah sich vor eine gewaltige Arbeitspflicht gestellt. Die „Tage“ häuften sich in Masse. Die Briefladen und die Missivenbücher des Rates aus dieser Zeit lassen ahnen, wie sehr alle Kräfte in Anspruch genommen wurden. Die finanzielle Belastung war außerordentlich. Viel größer noch, was an geistiger Betätigung und an Verantwortlichkeit gefordert wurde. Aber wir erfahren nichts Zuverlässiges über die Männer, denen die Stadt damals sich anvertraute. Einen guten und launigen Herrn aber schlechten Soldaten nennt Knebel den Bürgermeister Peter Rot; an Konrad von Laufen rühmt er die in langer Erfahrung gereifte Klugheit. Im übrigen finden wir nur Namen, und die Ereignisse selbst müssen uns die persönliche Art und Bedeutung dieser Männer lehren: des Hans von Bärenfels, des Heinrich Zeigler, des Hans Irmi, des seit langem tätigen und auch jetzt wieder viel beschäftigten Heinrich Iselin, des Lienhard Grieb usw. Wichtiger als Alle diese aber war vielleicht der Stadtschreiber Niklaus Rüsch, der im Herbst 1474 aus der geeignetsten Vorschule, Mülhausen, nach Basel kam und hier an die Spitze der städtischen Kanzlei gestellt wurde.

Was aber neben der Arbeit dieser Männer die Zeit erfüllt und ihr Bild für uns bestimmt, ist die dauernde und allgemeine Spannung der Geister. Nach der Größe des Unternehmens und der Gefahren ist die Gewalt der Erregung zu messen, die während all dieser Jahre die Bürgerschaft erfüllte.

Nicht durch eigene Initiative kam Basel in diese Lage. Aber es ist historisch bedeutsam, in welcher Weise es dann der unerbittlichen Nötigung begegnete und zu der Größe wuchs, die für Bemeisterung solcher Aufgaben gefordert war. Alle Energie, aller Patriotismus wurde durch die Gefahr erweckt; eine Leidenschaft, die „Mutter großer Dinge“, beherrschte Basel, die ihm sonst ferne blieb. Es eröffnete mit diesen Taten die schönste Periode seiner Geschichte, und denkwürdig bleibt, daß unter den gewaltigen Ereignissen der Burgunderzeit auch das Geistige reifte, daß in eben diese Jahre die erste Blüte der Universität fiel.

Und wie nahe wird uns diese Zeit gebracht durch eine Überlieferung von seltener Fülle! Das durch die Kanzlei mit einer sonst nicht gewöhnlichen [53] Sorgfalt gesammelte offizielle Schrifttum erhält seine Ergänzung und Belebung durch einzelne Schilderer. Unter diesen tritt der Domkaplan Johann Knebel weit hervor. Sein Tagebuch ist eines der wichtigsten Behelfe zur Erkenntnis der Zeit. Ohne Kunst und Form, das Ergebnis momentaner Redaktion, zeigt es deutlich, welchen Anregungen es sein Leben verdankt. Es ist fast ganz von der Burgundersache erfüllt und bietet sonst nur Weniges. Hier buchte Knebel, was er täglich erlebte und erfuhr. Allenthalben hatte er seine Gewährsmänner. Zumal in den amtlichen Kreisen Basels. Was man im Rathaus und in der bischöflichen Kanzlei wußte, trug man dem Knebel zu, von dem man wußte, daß er dies Tagebuch führte. Ähnlich handelten viele Andere. Er war der anerkannte Sammler und Aufspeicherer. Indem man von allen Seiten das Wissenswerte ihm übergab, sorgte man für die Fixierung der Ereignisse, für den Ruhm der Stadt; das Knebelsche Buch kann fast als eine Kollektivarbeit gelten, und die Verwertung zahlreicher authentischer Dokumente gibt ihm mancherorts offiziellen Charakter. Deutlich aber zeigt sich sein Reiz bei einem Vergleich mit der Beschreibung der Burgunderkriege durch Niklaus Rüsch. Nach dem rein sachlichen, kanzleimäßig trockenen Tone dieses Rapportes erfreut auf jedem Blatte Knebels die freie Äußerung persönlichen Empfindens. In der frischen Wiedergabe jeder augenblicklichen Stimmung, jeder neuesten Neuigkeit, jedes Tagesgespräches ist das Ebben und Fluten, das eine solche Zeit erfüllt, herrlich wiederzuspüren. Ganz im Gegensatz zum Berner Schilling, der erst nach den Ereignissen, von ihrer Erinnerung mächtig gehoben, seine Chronik hinschrieb. Dieser Gegensatz zeigt sich auch in anderm: Knebel sitzt ruhig in der warmen Stube seines Kaplaneihauses, handelt nirgends mit, aber bucht sorgsam, was vorfällt; und wenn er eine Pause machen kann während eines Feldzugs, geht er nach Baden und lebt dort peroptime mit Freunden und Freundinnen. Nirgends in seinem Werke tönt der stolze Klang des Erlebten und Geleisteten wie bei Schilling.


Am 9. Mai 1469 zu St. Omer verpfändete Herzog Sigmund von Österreich dem Herzog Karl von Burgund die Landgrafschaft im Elsaß, den Sundgau, Breisach, die Herrschaften Rheinfelden Säckingen Laufenburg Waldshut samt dem südlichen Schwarzwalde. Herzog Karl tat mit diesem Erwerbe den letzten, lange ersehnten Schritt einer Politik, die keineswegs sein persönliches Werk, sondern Tradition seines Hauses war; der Vertrag von St. Omer schloß eine hundertjährige konsequente Tätigkeit; [54] die von Burgund seit Generationen festgehaltenen Absichten auf den Oberrhein fanden jetzt ihre Erfüllung.

Schon im Vorjahre hatte man zu Basel allerlei dumpfes Gerede von solchen Machenschaften vernommen; im Herbste waren die Nachrichten von der Zerstörung Lüttichs, durch Appenwiler einläßlich aufgezeichnet, eine furchtbare Ankündigung des Herzogs gewesen. Jetzt wurde er der nächste Nachbar Basels.

Auch ohne die Wucht des seit langem drohenden Verhängnisses, das in dieser Tatsache lag, war es ein Ereignis der größten Art für Basel. Ein Blick auf die Karte zeigt die Ausdehnung des verpfändeten Gebietes. Im Westen Belforts begann es und zog sich, in der Hauptsache nur durch die Markgrafschaft Hochberg unterbrochen, bis über Waldshut und St. Blasien hinaus; von der Grenze des Basler Bistums im Süden Pfirts erstreckte es sich bis Thann, weiter über Ensisheim hinab und bis nach Breisach. Es grenzte im Westen unmittelbar an Burgund und öffnete diesem eine weite Pforte gegen Süddeutschland, gegen die Eidgenossen, gegen Basel. Als einer seiner Vorzüge galt sogleich, daß Herzog Karl nun „vier Brücken über den Rhein gewaltiglich inne habe“. Es waren die Brücken von Laufenburg Säckingen Rheinfelden Breisach; die wichtigste, die Basler Brücke, fehlte ihm noch.

Aber wir vernehmen zunächst kaum eine Äußerung Basels über diesen Vorgang. Briefe an Colmar, an Straßburg, auch an Nürnberg sind erhalten, in denen der Rat das Geschehene mitteilt; er entschuldigt damit sein Fernbleiben vom Ulmer Reichstag. Nur die hastige Schrift scheint die Aufregung zu verraten.

Ende Junis und zu Beginn Julis nahm Burgund von dem Pfande Besitz; die Untertanen leisteten seinen Kommissären den Eid. Nur in einigen Herrschaften freilich, in Ensisheim Säckingen Laufenburg Waldshut mit dem Schwarzwalde; alles Übrige war schon von früher her an Dritte verpfändet — Rheinfelden an Basel, Isenheim Belfort Rosenfels und Delle an Peter von Mörsberg, Pfirt an Christoph von Rechberg, Altkirch an Heinrich von Ramstein, Thann an Heinrich Reich usw. — und Sigmund hatte die Vollmacht gegeben, diese Pfänder von ihren Besitzern zu lösen; der Betrag der Lösungssummen im ganzen wurde auf hundertachtzigtausend Gulden veranschlagt. Karl begann sofort mit der Lösung. Wie er schon am 23. Juni 1469 die Eidgenossen mit der Zahlung der im Waldshuter Frieden bedungenen zehntausend Gulden abgefunden hatte, so erwarb er 1470 Thann, betrieb er die Lösung Rheinfeldens, zog er Landser an sich usw. [55] Es ist hier nicht zu schildern, wie die burgundische Verwaltung mit ihrer ausgebildeten Technik in diese oberrheinischen Zustände eindrang. Das Gebiet war ausgedehnt, aber durch kleinere Gebiete anderer Herren, der Städte Basel und Mülhausen, der Bischöfe von Basel und Straßburg, des Herrn von Rappoltstein usw. unterbrochen; der Bestand der Rechtsame war aber auch an sich selbst ungleichmäßig zersplittert; die Verpfändungen bewirkten, daß in vielen Fällen der Adlige Vasall seines Schuldners, Pfandgläubiger seines Lehnsherrn war. Wie demnach die Verhältnisse im Einzelnen gestaltet waren und auf welche Weise Herzog Karl sich ihrer bemächtigte, das zeigen mit lebendigster Deutlichkeit die Rapporte der von ihm im Sommer 1469, im September 1471, im Januar 1473 an den Oberrhein abgesandten Kommissäre.

Herzog Karl hatte sofort ein Regierungskollegium für die Pfandlande eingesetzt, dessen Mitglieder zumeist aus demselben oberrheinischen Adel genommen waren, der den Herzog Sigmund zur Verpfändung getrieben hatte: Herman Waldner, Peter Reich, Hans von Mörsberg, Bernhard von Bollwiler usw.

Diese eingeborenen Herren, dann aber die in einer ganz anderen Schule erzogenen Beamten, die von Burgund herübergeschickt wurden, wie Guillaume de la Baulme, Jean Carondelet, Jean Poinsot, Mangin Contault u. A., waren die Vertreter des neuen Herrn für Basel. Überraschend häufig sehen wir sie hier ankehren und mit dem Rate konferieren, den Ehrenwein der Stadt empfangen. Und die Wirkung ist unverkennbar. Man fühlte in Basel, daß man mit etwas Neuem, ungemütlich Großem zu tun hatte; dem entsprach eine überaus vorsichtige und beflissene Höflichkeit.

Noch mehr Eindruck als diese Räte aber machte der neue Elsässer Landvogt, Peter von Hagenbach, der am 20. September 1469 ernannt worden war. Die Art dieses Mannes erhellt ohne weiteres aus der einen Tatsache, daß wenige Jahre des Waltens in unserer Gegend genügt haben, um sein Andenken zu einem unauslöschlichen zu machen. Mit zu lautem Lob der guten Wirkungen seines Regiments, die wohl weniger sein persönliches Verdienst als das Ergebnis burgundischer Methode waren, würde man so sehr in die Irre gehen wie mit einer Beschönigung seiner Zuchtlosigkeit und Rohheit. Man wird Beides unterlassen können und doch die merkwürdige Kraft dieser männlichen Erscheinung anerkennen, die ihn weit heraushebt aus der flachen Gewöhnlichkeit seiner Landsleute.

Hagenbach war geborner Sundgauer; schon 1445 stand er unter den Feinden Basels. Bald darauf, infolge einer an Marquard von Baldegg [56] verübten Gewalttat, verschwindet er aus diesen Zusammenhängen und begegnet wieder in Burgund, wo er unter Herzog Philipp, dann unter Herzog Karl das Hofmeisteramt erhielt, zum Feldzeugmeister und zum Gouverneur der Herrschaft Bouillon gewählt wurde. Aus diesen wichtigen Obliegenheiten hinweg nahm ihn nun Karl zum Regenten am Oberrhein. Als solcher war Hagenbach ganz und gar Fremder, Burgunder, sowohl im System seiner Administration wie in der an großes und rasches Handeln gewöhnten Rücksichtslosigkeit. So arbeitete er für die Bildung eines einheitlichen konzentrierten Regiments, für die Beseitigung jeder mit der landesherrlichen Gerichtsbarkeit konkurrierenden Rechtspflege; durch eine allgemeine Entwaffnung, die auch den Ritterstand traf, brachte er es fertig, in dem verrufenen Lande die Sicherheit der Straße wieder herzustellen; für die wirtschaftlichen Interessen sorgte er durch Sperrmaßregeln. Alles dies aber auf gewalttätige Weise und mit Keinem sich vertragend. Selbst die vom Rechnungshof in Dijon abgesandten Inspektoren bekamen Streit mit ihm. Durch die schroffe und harte Durchführung seines Regierungsprogramms verletzte er nicht allein die Nachbarn, sondern vor diesen noch und zunächst die Einheimischen selbst, die Bürgerschaften der österreichischen Städte, das Landvolk, vor allem den Adel, der dem Landvogt nicht verzieh, seine Abkunft aus diesem Lande selbst so ganz zu verleugnen.

Und nun sein Verhältnis zu Basel. Wir stoßen hier während der ersten Jahre auf einen merkwürdig ruhigen Verkehr. Die Stadt und der Landvogt leben nebeneinander als Nachbarn ohne Freundschaft. Was sie zum Schreiben oder bei den häufigen Anwesenheiten Hagenbachs in Basel und baselischer Gesandter in Ensisheim zur mündlichen Verhandlung treibt, sind dieselben kleinen Grenzgeschäfte und Zwistigkeiten, die schon in der österreichischen Zeit die beiden Regierungen zu beschäftigen pflegten. Nur zwei Spezialitäten aus diesem Verkehre sind hier hervorzuheben.


Im Frieden vom Mai 1469 hatte Konrad Münch sein Schloß Münchenstein von Solothurn wieder zurückerhalten. Aber nicht um diesen Besitz zu genießen. Der Krieg hatte ihn ruiniert. Von allen Seiten meldeten sich die Gläubiger; Schloß und Herrschaft waren mit einer Zinsenlast belegt, die über die Kräfte Konrads ging. Da wendete er sich an Basel, „clegelich“, wie der Rat von ihm schreibt. Er erinnerte daran, wie er und seine Vorfahren allezeit Freundschaft und nachbarliche Guttat von der Stadt empfangen hätten, und suchte nun auch jetzt bei ihr Hilfe. Der Rat ließ sich finden, und am 18. Juli 1470 kam es zum Vertrag, wonach Konrad [57] Schloß und Herrschaft Münchenstein dem Rat auf zwölf Jahre in Verwaltung gab. Dieser übernahm, Schulden und Zinsen zu zahlen und die Nutzungen einzutreiben und sodann über solche Besorgung dem Konrad Rechnung abzulegen. „Wir sind soviel als seine Schaffner worden“ schrieb der Rat, „keineswegs um Nutzens oder Gewinnes willen, sondern damit er und seine Nachkommen bei dem Ihren bleiben möchten“.

Es war eine Abmachung, die für Fernerstehende wie ein Kauf aussah. Basel hatte daher wiederholt Auskunft zu geben. So an Bern. Namentlich aber erhob Landvogt Hagenbach Einsprache; die Herrschaft Münchenstein sei Eigen des Herzogs von Burgund als Nachfolgers von Österreich und könne ohne seinen Willen nicht veräußert werden. Der Rat erwiderte hierauf in ausführlichem Schreiben und legte die wahre Natur des Handels dar.

Zu gleicher Zeit trat er die Verwaltung Münchensteins an. Die Untertanen schworen der Stadt, die Gläubiger erhielten ihr Geld, auf das Schloß kam ein vom Rat gesetzter Vogt. Auch in zahlreichen Aufwendungen, dem Bau einer Mühle und einer Trotte, der Reorganisation des Rothausklosters, empfing die Herrschaft eine Pflege, die sie seit Jahrzehnten hatte entbehren müssen.


Wichtiger war die Angelegenheit von Rheinfelden.

Am 13. Februar 1467 hatte Herzog Sigmund diese Herrschaft der Stadt Basel als Pfand für eine Schuld von einundzwanzigtausendeinhundert Gulden verschrieben, und der Rat trat den Besitz an. Der bisherige Vogt Österreichs, Marquard von Schönenberg, wurde Basler Vogt; Herzog Sigmund befahl den Untertanen, nunmehr den Baslern zu huldigen. Aber das Volk sperrte sich. Es verweigerte Basel den Eid. Dieselbe Opposition, die vor vierzehn Jahren das große Pfandprojekt zu Fall gebracht hatte, brach wieder los, und alle Versuche sowohl des Basler Rates als der österreichischen Regierung blieben erfolglos. Den ganzen Sommer durch währten die Verhandlungen; Basel bot dem Landvogt Thüring von Hallwil ein großes Geschenk an, damit er die Sache ordne; dann sollte Sigmunds Gemahlin Eleonore die Leute gehorsam machen; Sigmund selbst griff auch ein. Nichts half. Basel übte gleichwohl die Herrschaft soweit es konnte, schlug allenthalben die Baselschilde an, erhob Zoll und Geleitsgeld, nahm zur Erntezeit den Zehnten. Im Oktober geschah ein kleiner Schritt: die Leute von Zeiningen und Mumpf bequemten sich zum Eide. Aber die Lage im Ganzen wurde dadurch nicht erleichtert. Und nun traten noch [58] neue Schwierigkeiten hinzu. Der Ritter Werner Truchseß verlangte Zahlung seiner Schuld, die Basel bei der Pfandnahme mitübernommen hatte; der Rat verweigerte die Zahlung, solange er nicht die ganze Herrschaft in Händen habe. Die Helfer zeigten sich nun auch, die hinter den widerspenstigen Untertanen standen. Vor allem ungeberdig regte sich die im Pfand mit inbegriffene Stadt Rheinfelden; wie sie den Versuchen Hasfurters, sie von Österreich abzuziehen, widerstand, so trat sie Basel entgegen bis zur offenen Feindschaft mit Überfällen und Streifzügen. Auch die obern Waldstädte machten natürlich gemeine Sache mit den Eidverweigerern, und diese fanden einen weitern Rückhalt in den benachbarten eidgenössischen Gebieten. Basel nannte als solche Anstifter und Helfer die „laufenden Knechte“; aber die Briefe, die es deswegen an Solothurn und Bern ergehen ließ, zeigen, wen es dabei wirklich im Sinne hatte.

Namens des Herzogs Sigmund verhandelten mit dem Rate Hans Werner von Pforr und Thüring von Hallwil, ihr Bestes verheißend und Basel immer wieder um Geduld bittend. Aber sie waren machtlos. Es kam zu gereizten Reden; monatelang zog sich auf diese Weise die leidige Sache hin, und endlich war es auch hier Markgraf Karl von Baden, der zum Frieden half. Er brachte einen Vergleich zu Stande, und im Dezember 1468 endlich konnte Basel den Altbürgermeister und die beiden Oberstzunftmeister hinauf schicken, um den Eid der Untertanen entgegenzunehmen.

Aber nur ein halbes Jahr dauerte dies Regiment Basels. Im Mai 1469 verschrieb Herzog Sigmund mit den übrigen Gebieten auch die Rheinfelder Herrschaft an Herzog Karl von Burgund, und bei der Wichtigkeit dieses Pfandes erschien baldige Lösung dem Herzog als geboten. Am 26. Juni 1469 erschienen die Gesandten Karls vor dem Basler Rate, begehrten und erhielten nach längerm Hin- und Herreden die Zusage, daß Basel dem Herzog der Pfandschaft Rheinfelden gewärtig sein und die Lösung annehmen werde. Zwei Tage darauf leisteten die im Rheinfelder Rathaus zahlreich versammelten Vertreter der Herrschaft den Burgundern den Eid.

Da Herzog Sigmund selbst s. Zt. noch dreitausend Gulden abbezahlt hatte, so betrug die Pfandsumme jetzt achtzehntausendeinhundert Gulden, und die Abrede ging dahin, dah Herzog Karl diesen Betrag in drei Jahresraten, erstmals auf 21. Dezember 1469, entrichten, Basel aber sämtliche Nutzungen und Gefälle der Herrschaft bis zur gänzlichen Tilgung der Schuld beziehen solle; im Falle von Säumnis in der Zahlung seien die Untertanen verpflichtet, der Stadt Basel neuerdings zu huldigen.

[59] Gleich zu Beginn trat dieser Fall ein. Der Herzog verlangte ein Verschieben des ersten Termins, der Rat lehnte ab, und auch eine scharfe Wiederholung des Begehrens durch Peter von Hagenbach fruchtete nichts. Es kam zu peinlichen Szenen; Hagenbach brauchte Drohungen; der Bischof mußte sich ins Mittel legen. Und er erwirkte nun vom Rate den Aufschub. Tags darauf, am 23. Dezember 1469, leisteten zu Kaisten und in der Au die Untertanen den geforderten Eid an Basel.

Dies Nebeneinander von Rechten aber war auf die Dauer unmöglich. Zur Regierungsart und Auffassung Hagenbachs paßte es vollends nicht. So sind denn auch diese Monate angefüllt von Beschwerden und Streit aller Art. Der Landvogt gebot, in den Dörfern die Fähnlein mit dem Baselstab zu ersetzen durch Fähnlein mit „Borgondien“; er wehrte den Vögten, ihre Gerichte im Namen Basels zu bannen; Basel machte demgegenüber seine Gewere laut Vertrag geltend. Man stritt sich ferner über das Aufgebot zum burgundischen Heer; Basel erklärte, daß die Leute ihm noch immer verpfändet seien und laut dem Pfandbrief weder zur Steuer noch zur Heerfolge aufgeboten werden könnten. Aber dasselbe Aufgebot erging auch an die der Stadt Basel gehörenden Eigenleute, die in der Herrschaft saßen, und hiegegen hatte sich der Rat wieder auf andre Weise zu wehren. Hagenbach entsetzte den Zoller zu Kaisten seines Amtes; Basel verlangte, ihn bis zur Lösung zu belassen, und dergleichen mehr.

Rasche Liquidation lag somit auch im Interesse Basels. Aber Burgund war ein schlechter Zahler. Die Verhandlungen vom Dezember 1469 wiederholten sich, Aufschub nach Aufschub wurde begehrt.

Am 30. April 1470 und am 9. Februar 1471 konnte Basel über die Zahlung von je sechstausend Gulden quittieren. Die dritte und letzte Rate aber gab allerhand zu reden. Hagenbach scheint verlangt zu haben, daß Basel beim Bezug der Herrschaftsnutzungen eine angemessene Ermäßigung nach Proportion der noch ausstehenden Rate eintreten lasse und ihm den Überschuß lasse. Auch erhielten die burgundischen Kommissäre im Herbst 1471, als sie Basel besuchten, von einigen Ratsgliedern Verheißungen wegen eines Nachlasses auf der letzten Zahlung. Aber es scheint weder zum Einen noch zum Andern gekommen zu sein; Basel machte Hagenbach auf andre Weise ein Geldgeschenk, und die letzte Zahlung Burgunds erfolgte in vollem Betrage am 7. Januar 1472, worauf der Rat den Herzog von Burgund in den Personen seines Landvogtes und des Finanzrates Mangin Contault in die Gewere der Herrschaft einwies. Jetzt entließ Heinrich Zeigler namens der Stadt die Herrschaftsleute förmlich ihres Eides.

[60] Im Vertrage von St. Omer hatte Herzog Karl die Verpflichtung übernommen, dem Herzog Sigmund beim Kriege wider die Eidgenossen Hilfe zu leisten. Zu einem solchen Kriege kam es freilich nicht. Wohl aber waren die Versuche von Karls Landvogt Hagenbach, sich der Stadt Mülhausen zu bemächtigen, dazu angetan, von den Eidgenossen als eine Herausforderung zum Kampf empfunden zu werden, indessen Herzog Sigmund, die Nachteile seines Vertrages mit Karl immer deutlicher erkennend, sich allmählich zu einer Verständigung mit den Eidgenossen gedrängt sah.

Es ist von Interesse, zu beobachten, wie Basel dieser Entwicklung zunächst ganz unbeteiligt gegenüberstand. Die Mandate, durch die Kaiser Friedrich im Mai 1469 den Waldshuter Frieden für nichtig erklärte und die Eidgenossen wegen Landfriedensbruches vor Gericht lud, dann am 31. August sie in die Acht erkannte und alle Länder des Reiches gegen sie aufrief, fanden in Basel keine Beachtung; während die Eidgenossen hinwiederum für Mülhausen eintraten, verhielt sich Basel auch in dieser Sache durchaus reserviert. Es sah vorerst zu, wie die Dinge gingen. Unbeteiligt noch, aber keineswegs teilnahmslos. Einzelne Tatsachen — die Botschaft Basels an gemeine Eidgenossenschaft im Januar 1470, mit der es in der „ihm anliegenden schweren Sache“ um Rat bittet, die Anwesenheit seiner Gesandten an einer Tagsatzung in Luzern kurz nachher — sprechen deutlich; auch verrät uns das Ausgabenbuch des Rates, daß man in beständigem Verkehre war, sich beiderseits auf dem Laufenden hielt. Oft und viel in diesen Jahren kehrten die eidgenössischen Boten hier an, trafen hier mit den Vertretern der Elsässer Reichsstädte, aber auch mit dem Landvogt und seinen Räten zusammen. Basel bot sich dar als der bestgelegene Konferenzort und übernahm doch Verbindlichkeiten weder hierhin noch dorthin.

Einige Momente aus diesem Getriebe dürfen hervorgehoben werden. Im Mai 1470 war große Zusammenkunft zu Basel; zahlreiche Herren aus den eidgenössischen Orten hatten sich eingefunden, von der andern Seite Hagenbach, burgundische Räte, dann Hans Friedrich vom Haus und Andere; Bischof Johann brachte einen Vergleich zu Stande, und der Landvogt erzeigte sich den Schweizern gegenüber freundlich; aber sie vernahmen, daß er hinter ihrem Rücken üble Drohworte gegen sie brauchte, und Adrian von Bubenberg erzählte ihnen, wie er am burgundischen Hofe dabei gewesen, als Herzog Karl eine Warnung wegen Hagenbachs mit den Worten abwies, daß der Landvogt zu tun habe, was ihm dem Herzog lieb sei, nicht was den Nachbarn gefalle.

[61] Sodann Ende Augusts 1472. Man hatte kaum erst die denkwürdige Konferenz zu Konstanz hinter sich, wo Herzog Sigmund mit den Schweizern über eine ewige Richtung unterhandelt, zur gleichen Zeit aber auch eine Botschaft des Burgunders, mit Peter von Hagenbach an der Spitze, empfangen hatte, die mit ihm Abreden traf über kriegerische Maßregeln gegen die Eidgenossen. Ebendort hatte Sigmund auch den Ritter Hermann von Eptingen beauftragt, bei Basel und Straßburg sich zu erkundigen, ob wohl dort das Geld für eine Lösung der Pfandschaft zu haben sein würde. Jetzt trafen sich diese Alle in Basel wieder, der Landvogt und seine Räte, die Eidgenossen, Ratsherren von Straßburg und Mülhausen, der Basler Bischof, der Landvogt von Mömpelgard, der Graf von Tübingen usw. Der Rat schickte ihnen den Ehrenwein und spendete ein Abendfest in der Mücke mit Fackeln Kerzen Wein und Konfekt.

Es war die letzte große Versammlung dieser Art. Äußerlich friedlich, stand sie doch unter der Wirkung des Befehls einer Fruchtsperre, den Hagenbach am 9. Juli erlassen hatte. Alle die Gegensätze, die durch das Auftreten Burgunds am Oberrhein waren geschaffen worden, lebten in diesen Versammlungen; ob an ihnen gestritten oder verabredet wurde, das Eine wie das Andre drängte einer Entscheidung zu. Und diesem provinzialen Wesen gingen in der großen Politik parallel die Verhandlungen zwischen Kaiser Friedrich und Herzog Karl, die Pläne des letztern auf das Reich, das Projekt einer ehelichen Verbindung ihrer Kinder; neben die Wirkung dieser Verhandlungen auf Herzog Sigmund trat jetzt die der Vernichtung Karls geltende Tätigkeit Ludwigs von Frankreich.

Dies ist der Punkt, auf dem unsere Lokalgeschichte eigentümlichen Reiz gewinnt durch die grellen Reflexe, die das Zusammentreffen so mächtiger Kräfte auch auf die kleine Existenz einer solchen Stadt werfen können.


Die erste Maßregel Hagenbachs, die von Basel geradezu als Rechtsbruch empfunden wurde, war die schon erwähnte Sperrung des feilen Kaufes im Sommer 1472. Der Rat verlangte ihre Aufhebung; Hagenbach antwortete damit, daß er im Januar 1473 dem Rate vorwarf, er benehme sich als Feind Herzog Karls. Anlaß hierzu nahm er wohl aus den Verhandlungen Basels mit Herzog Sigmund über Lösung der Pfandlande; von der diesem Geschäft geltenden Mission Hermans von Eptingen und dessen Bericht vor dem Dreizehnerrat in Basel am 18. Januar 1473 hatte er jedenfalls Kenntnis erhalten. Vom 1. Februar 1473 ist die Erwiderung Basels datiert, höflich, aber durchaus fest; der Rat weist die Anschuldigung [62] zurück und äußert sofort seine eigenen Beschwerden: wegen des feilen Kaufs, wegen Vergewaltigung der Baselleute in der Herrschaft Rheinfelden, wegen unziemlicher Reden und Forderungen Hagenbachs.

Von jetzt an war das Benehmen Hagenbachs gegen Basel nicht mehr nur das Gezänk eines unwirschen Nachbars, sondern offener heftiger Haß. Jetzt kam es zu jenen Uebeltaten, die später der Rat in seiner großen Anklageschrift aufzählte: daß Hagenbach Herren des Rates schmähte und beleidigte; daß er sich in Basel herausfordernd, mit trotzigen Worten und Geberden benahm; der Stadt eine Vernichtung verhieß wie Dinant; ihren Bürgern drohte, wenn er sie im Sundgau beträfe, sie an die Äste hängen, in die Türme werfen zu lassen; die Briefe, die ihm der Rat schrieb, höhnend zerriß; einzelne Basler an ihrem Gute, an Erbschaften und Gefällen schädigte usw. Neben alldem die andauernde schwere Verfügung der Fruchtsperre. Die Beschwerden, die Basel über den Kopf Hagenbachs hinweg an den burgundischen Gesandten Abt Augustin von Casanova, ja an Herzog Karl selbst richtete, blieben ohne Antwort und ohne Wirkung.

Aber während Basel dies erlebte, tat es Schritte, die eine Befreiung von all der Plage versprachen. Am 22. Februar 1473, zu Colmar, unterredeten sich die Boten Basels mit solchen der Städte Colmar Schlettstadt und Straßburg über Abschluß einer Vereinigung und über Einnehmung der Lande. Von da an verschwindet das Traktandum nicht mehr. Prachtvoll ist der Strom dieses neuen Lebens im Basler Ratsbuche. Tag folgt nach Tag. Und sie alle gelten, neben der nie zur Ruhe kommenden Angelegenheit Mülhausens, dem frischen großen Gedanken einer umfassenden Liga, einer Lösung der Vorlande und Beseitigung der burgundischen Macht. Am 14. März treffen in Basel die Gesandten der Eidgenossen mit den Gesandten jener Elsässer Reichsstädte zusammen, und bei dieser mehrere Tage währenden Konferenz werden die Grundlagen festgesetzt; sie wollen auch die Bischöfe von Basel und Straßburg sowie den Markgraf Karl von Baden auffordern; sie wollen sich mit den Eidgenossen verbinden und zwischen diesen und Herzog Sigmund eine Verständigung bewirken.

Wir vergegenwärtigen uns, wie im Basler Rathause die Beschäftigung mit diesen Plänen die Zeit zwar nicht erfüllt aber beherrscht. Nebenher gehen die vielen andern Geschäfte der Stadt, der Prozeß mit Thomas von Falkenstein, die Streitigkeiten mit Markgraf Rudolf von Hochberg, zahlreiche Privathändel, die Reichstage und die Städtetage. Namentlich aber die Gegnerschaft Hagenbachs und unter ihrem Druck, in der Sorge um ein plötzliches Sicherheben der burgundischen Macht die ernstlichsten Rüstungen.

[63] Schon im Februar 1473 beginnen diese. Der Rat trifft Anordnungen für Verstärkung von Wacht und Torhut, für Verproviantierung der Stadt mit Korn Kohlen Eisen Eichenholz usw. Er berät über Anstellung von Büchsenmeistern, Vermehrung der Soldtruppe; er ordnet Hauptleute unter die Tore und läßt die Rheinbrücke „verhenken“; ohne sein Wissen soll Niemand mehr, es sei Tags oder Nachts, hindurch fahren können. Er baut eine Rheinmühle, die mit Ketten an die Brücke gebunden wird, kauft in Nürnberg Büchsen, in Zürich und in Lyon Salpeter in großen Mengen, läßt Pfeilschäfte federn, erneuert die Ordnung für den Kriegsalarm. Am Spalentor wird ein starker Vorbau aufgeführt. Immer hastiger und sorglicher zeigt sich diese Tätigkeit. Niklaus Baumann von Nördlingen wird als Büchsenmeister angestellt, die Schlösser auf der Landschaft erhalten verstärkte Besatzungen. Man beschäftigt sich mit dem beunruhigenden Stationieren fremder Kriegsknechte am Horn; Streitigkeiten mit dem im burgundischen Interesse stehenden Hans Bernhard von Eptingen, Besuche des österreichischen Unterhändlers Herman von Eptingen halten die Erregung wach; der Rat muß auf das Äußerste gefaßt sein. Er hat mit dem Graf von Campobasso und ändern Kapitänen zu verhandeln, die große Truppen aus Italien zum Herzog Karl führen und den Durchzug durch die Stadt begehren. Er erhält Warnungen von da und dort, will bei den um die Stadt sitzenden Adligen nachfragen lassen, wessen man sich in diesen wilden Läufen zu ihnen versehen solle, berät die Aufnahme von Bewaffneten aus der Landschaft in die Stadt und die Wegweisung Aller, die hier nichts zu tun haben. Er befiehlt, daß sich ein Jeder für ein Jahr mit Salz versehe. Dabei reiten seine Gesandten zu den Eidgenossen, zu Herzog Sigmund; Peter Schönkind berichtet über seine ergebnislose Verhandlung mit Hagenbach, und Ende Julis zeigt sich ein Gesandter des Galeazzo Maria von Mailand, Herr Gabriel Morosini, im Rathause und läßt verlauten, seinem Herrn sei kund geworden, daß der burgundische Herzog etwas gegen Basel und die Eidgenossen unternehmen werde.

In solchen Aufregungen ging der Sommer dahin. Auch die furchtbare Hitze und Dürre, dazu eine verheerende Seuche gehören zum Bild dieser bangen Monate. Viele erinnerten sich an den Kometen des letzten Jahres, den man nicht vergeblich als Vorzeichen von Krieg und Pestilenz gedeutet hatte. Wie eine Wirkung seiner Kraft erschien nun auch das ungewohnte, seltsam beunruhigende Ereignis, daß der Kaiser aus seinem Osten hervorkam, nach langen langen Jahren sich wieder im Reiche zeigte. Jetzt zog er dem Oberrhein zu.

[64] Sein Aufenthalt in Basel selbst bezeichnet einen wichtigen Moment. Die ganze tiefbewegte Stimmung der Zeit liegt im Verlauf dieser denkwürdigen Kaisertage. Sie lebt auch für uns noch in den ungewöhnlich sorgfältigen Aufzeichnungen des Ratsbuches.

Basel hatte schon während der letzten Monate mit dem Kaiser zu tun gehabt. Dessen Einladung zum Reichstag in Augsburg am 21. März 1473 war durch den Rat abgelehnt worden, der unsichern und sorglichen Zeitumstände wegen; dann aber hatte er als seinen Vertreter den Unterschreiber Walther Baumgarter ins Reich geschickt und die Städtetage zu Frankfurt und Eßlingen durch ihn besuchen lassen. Dort war über die Reichshilfe gegen die Türken verhandelt worden, demzufolge dann Basel am 18. August dem Kaiser schrieb, daß es den verlangten Zuzug nicht schicken könne. „Wir wären geneigt, das Beste zu tun. Aber wir haben mehr Irrung als andre Städte und brauchen die Unsern täglich bei uns. Es sind wilde Läufe; wir wissen nicht, vor wem wir sicher sind.“

Als der Rat dies schrieb, war der Kaiser aus seiner Kur zu Baden in Straßburg eingetroffen; dann reiste er über Freiburg gen Süden. Basel erfüllte hier noch mit geziemender Würde die Förmlichkeit der Einladung, und der Kaiser gab seine Zusage.

Am 3. September kam er, auf den Abend, bei der Wiesenbrücke prächtig empfangen durch die Häupter und Räte der Stadt mit berittenem Gefolge, durch den Erzbischof von Besançon, den Bischof Johann von Basel, die gesamte Geistlichkeit, die zwischen Kerzenflammen die Reliquien in funkelnden Gehäusen trug. Und nun entwickelte sich das feierliche Ceremoniell, das für den Besuch einer Stadt durch den Kaiser galt. Es bezeugt die große weihevolle Bedeutung, das Außerordentliche eines solchen Besuches. In Basel verband sich damit die politische Wichtigkeit des Momentes.

Von der Grenze des Stadtgebietes an ritt der Kaiser unter einem Baldachin, den vier Ritter trugen; die Zäume seines Pferdes wurden gehalten durch den Bürgermeister Hans von Bärenfels und den Erbmarschall des Bistums Hermann von Eptingen. In dem gewaltigen Zuge, der hinter Friedrich sich heranbewegte, sah man glänzende Gestalten, vielgenannte Männer der Zeit: den Erzbischof Adolf von Mainz, die Herzoge Albrecht und Ludwig von Bayern, den Markgrafen Karl von Baden, vor Allen in jugendlicher Schönheit prangend den Kaisersohn Max, zahlreiche Fürsten und Herren, ihre Räte und Diener samt den kaiserlichen Kanzleischreibern Türhütern Pfeifern und Trompetern, aber auch den Landvogt Peter von [65] Hagenbach und als seltenes Schaustück einen leibhaftigen Türken, den Bruder des Großherrn, jetzt als Christ Calixtus Ottomannus geheißen. In solchem Geleite zog der Kaiser ein, langsam. Vor einunddreißig Jahren war er hier gewesen, seitdem hatte er Basel nicht mehr betreten, und Viele lebten, die sich noch an den frühern Besuch erinnerten, ihn mit dem heutigen vergleichen konnten; der Kaiser war gealtert, aber noch derselbe in seinem Wesen. Unter den Zuschauern stand Peter von Andlau neben seinem guten Freunde Knebel und wiederholte diesem, während die Majestät vorbeizog, was er in seinem Buche von der kaiserlichen Monarchie geschrieben; wie weit zurück blieb doch dieser Friedrich hinter jenen erhabenen Forderungen, wie sehr verdiente er Klagen und Vorwürfe.

Im Bischofshof stieg der Kaiser ab; ringsum und drüben bei St. Peter in den schönen Höfen der Geschlechter lagerten die Fürsten und Hofleute. Ueberall hin sandte der Rat seine reichen Geschenke: Goldgeschirre und Geldsummen, Wein Fische Getreide Ochsen und Hämmel. Aber auch die Eidgenossen waren da; sie wohnten im goldenen Löwen an der Freienstraße und besprachen sich mit Basel und mit Boten elsässischer Städte.

Der Domkaplan Knebel war überall dabei, in Betrachtung dieses einzigen Schauspiels, da die höchste Gewalt des Reiches sich in Basel niedergelassen hatte, da alle Strömungen der großen Politik sichtbar sich hier trafen und kreuzten. Er sah Friedrich mit den Fürsten und dem Basler Rat im Schatten der großen Eiche auf dem Petersplatz tafeln; er erlebte die denkwürdigen Szenen im Bischofshof bei den Audienzen der Basler und Eidgenossen vor dem Kaiser, dann im Kreuzgang und vor der Galluspforte, wo Peter von Hagenbach den Schweizern und den Ratsherren schnöde Worte gab. Knebel erfuhr Alles. Er vernahm, was Herzog Sigmund mit den Eidgenossen verhandelt hatte; er hörte, was da und dort geflüstert oder geredet wurde, die Hofmären die man sich herumgab, die losen Reden des Heinrich Sinner, die Unehrerbietigkeit des Apothekers bei Steblins Brunnen, der seinen Leuchter am Hause anzuzünden sich weigerte und Wasser darein goß; die zornigen und hochfahrenden Reden der Höflinge über die „Schweizerbuben“ und die plumpen Späße, die sich der Landvogt im Wirtshaus erlaubte.

An einem Freitag war der Kaiser gekommen, am folgenden Donnerstag ging er wieder, durch Hagenbach gedrängt, dem Herzog Karl zu.

Aber er ließ ein unerledigtes Geschäft in Basel zurück. Noch am letzten Tage hatte er an den Rat die Forderung gestellt, ihm zu huldigen, der Rat die Verpflichtung hiezu geleugnet, der Kaiser hierauf aber nichts [66] erwidert. In Straßburg richtete er dann dasselbe Begehren an den dortigen Rat, der nun seinerseits bei den andern Freistädten sich über ihr Verhalten informierte und von Basel am 15. September die Antwort erhielt, daß es den verlangten Eid nicht geleistet, sondern die Sache ins Bedenken genommen habe. Zeugnisse solchen Nachdenkens sind die wiederholten Notizen im Ratsbuch sowie die wunderliche Abhandlung des Kanzleisubstituten Johannes, worin der Freistadtcharakter Basels von den Römern als den Gründern der Stadt hergeleitet wird. Aber am 23. November schrieb dann der Rat dem Kaiser die bestimmte Ablehnung: Basel habe bisher nur dem Bischof seinem Herrn geschworen und tue dies jährlich noch; römischen Königen und Kaisern sei hier nie geschworen, solches bis dahin auch nie verlangt worden. Eine Erwiderung Friedrichs kam nicht.

Als Ergebnis der Kaisertage aber konnte Basel die Wahrnehmung festhalten, daß sowohl Friedrich als Sigmund den Eidgenossen in ungewöhnlich freundlicher Weise begegnet waren, und sodann die Tatsache einer ihm selbst von den Eidgenossen gewordenen wichtigen Zusage. Kein Bündnis verpflichtete diese; frei hatten sie versprochen, wenn Basel in Not komme, Leib und Gut zu ihm zu setzen.

Um so gespannter verfolgte man nun hier den Gang der Ereignisse in Trier, wo Kaiser Friedrich und Herzog Karl am 30. September zusammengetroffen waren. Die ausführliche Schilderung durch Knebel zeigt, welches Interesse man in Basel diesen Vorgängen schenkte. Eifrig bemühte sich der Rat um zuverlässige Nachrichten. Ging es bei den Gesprächen jener Beiden auch um die Vorlande? um Basel? Schon im September befragte er sich bei den Dreizehnern in Metz; als er endlich Berichte erhielt, gab er sie[WS 1] sofort auch dem Bischof sowie Bern Solothurn Zürich zu lesen.

Die Erregung, die sich hierin kundgab, war keineswegs unbegründet. Kaum acht Tage waren seit der Abreise des Kaisers verflossen, und schon kamen Meldungen nach Basel, daß Herzog Karl ein großes Heer hinter den Bergen bereit halte. Auch Straßburg schickte Warnungen. Man vernahm, daß im Sundgau selbst Rüstungen im Gange seien, der Landvogt eine allgemeine Bewaffnung betreibe. Und aus Italien kamen Scharen von Lombarden, zu Roß und zu Fuß, die zu den Truppen Karls zogen.

Basel blieb demgegenüber nicht müßig. Die Kriegsbereitschaft, an die man sich seit dem Frühjahr hatte gewöhnen müssen, dauerte weiter; in verstärkter Weise noch betrieb der Rat die Rüstungen. Er ließ große Waffeneinkäufe in Mailand machen; in der Stadt traf er Vorsorge für die Sicherheit von Werkhaus und Mueshaus. Mehrere Büchsenmeister [67] wurden eingestellt, der im Waffenwerk erfahrene Veltin von Neuenstein angeworben. Und weil Basel in solcher Not für das ganze Land stand, die Gefahr eine gemeinsame war, sah sich der Rat nach Helfern um. Er schrieb an Konstanz Ulm Augsburg Nürnberg und bat diese Städte, „getreues Zusehen zu uns zu haben“; aber das klang nur noch wie eine Reminiszenz an Beziehungen, die jetzt so gut wie tot waren. Dem wirklichen Leben entsprach, daß Basel vom Bischof die Zusicherung einer Hilfstruppe, und vor allem, daß es den Beistand der Eidgenossen gewann.

Ende Novembers wußte man hier, daß die Verhandlungen in Trier schroff abgebrochen worden waren, daß Karl seine Hoffnungen vereitelt sah. Und Alles drängte nun zur Katastrophe.

Die Darstellung ermangelt der Mittel, um ein richtiges Bild dieser mit Leben merkwürdig reichgefüllten Monate zu geben.

Auf der einen Seite die Bewegung, die dem Aufenthalte Karls im Sundgau vorangeht und ihn begleitet. Basel erhält Tag um Tag Nachrichten über das Näherkommen des gewaltigen Herrschers. Es kennt seine Art. Es weiß, wie der „große mächtige Fürst und Blutvergießer, der Wütrich von Burgunnen“ Dinant vernichtet, Lüttich gezüchtigt hat. Es vermag die Wirkung der Trierer Niederlage auf diesen Geist zu ermessen. Und nun vernimmt es auch wieder von den Unterhandlungen, die der Herzog, wohl in Fortsetzung früherer Versuche, mit Bischof Johann von Basel führt; dieser soll sich des Bistums entäußern zu Gunsten einer burgundischen Kreatur, des Propstes Anton Haneron von Brügge. Welche Folgen für die Stadt waren hievon zu erwarten! Der Rat läßt sogleich mit dem Bischof reden und vermag diesen zur Ablehnung der Vorschläge Burgunds zu bestimmen. Aber auch so noch bleiben der Sorgen genug.

Aufs deutlichste vergegenwärtigen uns die Notierungen des Chronisten, wie von Westen her der dumpfe Ton dieses Anmarsches immer deutlicher herankommt, Karls Nähe verkündend; wie der alte Wälschenschreck wieder die Sundgauer erfaßt, daß sie mit schwerbeladenen Wagen sich nach Basel flüchten. Am 20. Dezember überschritt die Vorhut Burgunds unter Peter von Hagenbach die First der Vogesen; ihr folgte das Heer mit zahlreichem Geschütz und Belagerungszeug. Am 22. Dezember war Karl vor Colmar, dann in Breisach, dann in Ensisheim. Hier hielt er am 3. Januar 1474 Heerschau über seine vereinigte Streitmacht; neben den fremden Truppen standen da die Mannschaften des Sundgaus und der Waldstädte.

Dieser großen nahen Gefahr gegenüber nun hier in Basel das völlige Entschlossensein zum Widerstand. Es hinderte nicht, daß der Rat die Pflicht [68] der Höflichkeit erfüllte; er ließ durch eine stattliche Gesandtschaft den Herzog bei der Ankunft im Elsaß begrüßen. Basel war auf das Schlimmste gefaßt. Der Rat rüstete sich für eine Belagerung, verschärfte Wacht und Aufsicht, verstärkte alle Befestigungen, armierte auch Münchenstein, zog achthundert Mann aus der Landschaft in die Stadt. Jetzt meldeten sich auch merkwürdige geheimnisreiche Kriegskünstler, die dem Rate zeigen wollten, wie man in vier Stunden eine Brücke über den Rhein schlagen, in die Stadt fliegende Geschosse unschädlich machen, „schlagendes“ und „laufendes“ Feuer bereiten könne und dergleichen. Ja eine Spezialkommission, aus den reifsten Männern des Rates gebildet, nahm Unterricht in der „goldnen Kunst“ der Verteidigung einer wie Basel in der Ebene gelegenen Stadt. Jetzt auch verlangte Basel Hilfe von den Eidgenossen. Auf der Tagsatzung am 13. Dezember kam dies Begehren zur Sprache, und mit erfreuender Wärme schildert uns der Berner Schilling die Verhandlungen. Die Basler erklärten, daß sie ohne Beistand der Eidgenossen eine Belagerung nicht würden überstehen können; die Eidgenossen, Bern voran, gaben rückhaltlos die Zusage. Bis zu achthundert Knechten wollen sie schicken, sobald Basel ihrer bedürfe. Wenn die Stadt vom Herzog belagert werde, wolle man mit Gottes Hilfe ihr ritterlich beistehen und sie bis in den Tod nicht verlassen. Während solches zu Luzern geschah, saßen zu Basel selbst in zahlreicher Versammlung Boten der elsässischen Reichsstädte und des Pfalzgrafen mit Gesandten von Bern Zürich Solothurn zusammen, bei ihnen die besten Köpfe des Basler Rates, sowie Botschafter Frankreichs und Mailands. Von Geräusch und Hast der Rüstungen rings umgeben, berieten sie. Sie einigten sich auf die Deckung der dringendsten Schuld Mülhausens, um diese Stadt damit gegen Burgund sicher zu stellen, und die Pfandnahme des dortigen Schultheißentums. Außerdem aber verständigten sie sich, in geheimer Weise, über den Abschluß einer großen umfassenden Liga zur Bekämpfung Burgunds.

Am 12. Januar 1474 hatte Karl den Sundgau wieder verlassen, ohne etwas gegen Basel unternommen zu haben. Doch Ruhe ward deswegen nicht. Vielmehr wie eine unmittelbare Wirkung dieser Anwesenheit des Herrschers erscheint, was jetzt eintrat: die Verschärfung aller Maßregeln und eine völlig rücksichtslose Anwendung der Gewalt durch den Landvogt, aber auch eine immer lauter werdende Opposition. Neben die trotz allen Beschwerden Basels stets wieder unternommene Vergewaltigung seiner Leute in der Rheinfelder Herrschaft trat eine Belästigung des Bischofs aus Anlaß [69] der in der Landvogtei neu eingeführten Steuer. Als dann Hagenbach diese Steuer auch in den Waldstädten eintreiben wollte und zugleich eine Aufhebung der Munizipalverfassungen ankündigte, brach hier der offene Widerstand aus; gleich darauf rächte sich Neuenburg für Übergriffe Hagenbachs durch einen Zug nach Ottmarsheim, wobei der Landweibel erschlagen wurde. Breisach plante eine Erhebung; Ensisheim, der Sitz der Regierung selbst, war dieser als rebellisch bekannt.

Währenddessen vollzog sich auf der andern Seite die besonnene Bildung einer gegen den Landvogt und seinen Herrn gerichteten Koalition.

Die ersten Ansätze zu dieser erkennen wir in der Verständigung Basels mit Straßburg Colmar Schlettstadt, die im Februar 1473 stattfand, greifbarer in der Abrede vom 19. März 1473; hier werden außer den vier Städten auch die Bischöfe von Basel und Straßburg und der Markgraf von Nieder-Baden als Mitglieder in Aussicht genommen. Sodann die Vereinbarungen im Dezember 1473 zu Basel und am 13. Januar 1474 sind weitere Stufen in der Entwicklung des Projektes. Als ihr Wesentliches steht fest, daß es sich um ein Bündnis der genannten vier Städte und zwei Bischöfe, „der mächtigsten Reichsstände am Oberrhein“ handelt, das geschlossen wird zu gegenseitigem Schutze gegen das burgundische Regiment. Das war die Niedere Vereinigung. An einer förmlichen Organisation fehlte es ihr noch; zu einer solchen kam es erst im April 1474, bei Anlaß des Beitritts von Herzog Sigmund.

Da wird ausgesprochen, daß die Glieder der Vereinigung sich zusammengetan haben dem heiligen Reiche zu Ehren, der deutschen Nation zu Hilfe und Förderung, zu gemeinem Frieden Nutz und Notdurft ihrer Lande. Es ist ein Bund alter Art, den großen Landfrieden des vierzehnten Jahrhunderts ähnlich, mit dem Gelöbnis gegenseitiger Hilfe im Falle der Not. Der Bund hat Geltung für das ganze Gebiet vom Hagenauer Forst bis zum Jurablauen und von den Vogesen zum Schwarzwald samt dem Bereich der vier Waldstädte. Burgund wird gar nicht genannt. Aber Anlaß und Absicht der Vereinigung war die Zurücknahme der an Burgund verpfändeten österreichischen Lande und deren Sicherung.

Dies war auch in der Tat das Einzige, was die Liga zusammenhielt. Wie fremd waren sich doch Basel und die Elsässer Städte geworden! Jetzt suchte man die alte Form einer solchen Landfriedenseinigung wieder hervor. Aber was schon ehedem ihr Mangel gewesen, die Ungleichartigkeit der Föderierten, das wirkte heute noch viel stärker. Mächtig hatte sich die Eigenart jeder Stadt entwickelt, und es mußte schon etwas Großes sein, [70] wie jetzt dieser gemeinsame Haß und diese gemeinsame Angst war, um sie über alles Trennende hinweg zu einen.

Für uns aber entsteht, wenn wir die Stellung Basels in dieser Koalition betrachten, die Frage: was begründete sein Interesse an einer Lösung der Pfandlande? War Österreich wirklich Burgund vorzuziehen?

An und für sich gewiß nicht. Dennoch bejahte Basel die Frage. Mußte sie bejahen im Geiste seiner alten, durch vielfachen Erfolg gerechtfertigten Politik. Es hatte gelernt, daß Schwäche des Gegners noch mehr nützen kann als eigene Stärke, und in dieser Erkenntnis war es mit dem Bischof zu seinem Nutzen verfahren. Ganz abgesehen davon, daß seit der Breisacher Richtung das Verhältnis zu Österreich sich leidlich gut gestaltet hatte, war eine ungeordnete, lässig geführte Herrschaft den Interessen Basels entsprechender als das straff geschlossene, planmäßige, rastlos tätige Regiment, das seit dem Sommer 1469 am Oberrhein waltete. Und welches Verfahren im Einzelnen bei diesem Regimente möglich war, welche Bedrohungen es enthielt, hatte Basel zur Genüge erkennen können.

So erschien die Beseitigung Burgunds, die Wiedereinführung der „guten alten Zeit“ als eine Lebensfrage für Basel. Hieneben aber wirkte mächtig, nicht allein die Entschließungen Basels mitbestimmend, sondern die ganze große Aktion begleitend und im wahren Sinne des Wortes adelnd das nationale Gefühl. Man empfand diesen Kampf als einen Rassenkampf von Deutsch gegen Wälsch, gegen die Herrschaft der fremden Zunge, gegen „lombardische Unkeuschheit und burgundische Hoffart“. Aber eine noch höhere Empfindung waltet, wenn unaufhörlich, in hundert Wendungen ausgesprochen wird, daß die Bündnisse geschlossen, die Aufgebote erlassen, die Schlachten geschlagen werden zur Ehre und zur Rettung der deutschen Nation; die Zugehörigkeit zur Niedern Vereinigung ist ein Mittel, um beim Reiche zu bleiben; die Sieger von Murten fühlen sich als die Vorfechter des deutschen Volkes. Mit herrlichen Worten feiert in Basel Peter von Andlau die nationale Bedeutung des großen Kampfes, bei dem es um den Ruhm Deutschlands, dieser „alten und erlauchten Wohnstätte des römischen Kaisertums“, geht.

Zwei Aktionen gingen im Winter 1473/74 neben einander her. Die eine, durch König Ludwig von Frankreich geleitet, galt der Aussöhnung zwischen Österreich und der Eidgenossenschaft, die andere der Verständigung des Herzogs und der Eidgenossen mit der Niedern Vereinigung und der Verständigung innerhalb dieser selbst über Lösung der Pfandlande.

Das Lösegeld belief sich auf achzigtausend Gulden. Nach zahlreichen Konferenzen wurde zuletzt vereinbart, daß an diese Summe Straßburg, [71] vierzigtausend, Basel dreißigtausend, Colmar sechstausend, Schlettstadt viertausend Gulden beitrugen.

Mit der Ordnung dieses Lösegeschäftes gingen Hand in Hand die Vorbereitung des Bundes, die Festigung der dem Vordringen Burgunds sich entgegenstellenden Gemeinschaft. Wichtig hiefür war die große Zusammenkunft um Mitte Januars 1474 in Basel. Von da an steigert sich Alles in ungewöhnlicher Weise. Die Führer der Basler Politik sind beständig nach allen Seiten unterwegs und überall bei Besprechungen tätig: Hans von Bärenfels in Straßburg Breisach Innsbruck, Hans Irmi in Luzern, Heinrich Zeigler beim Markgrafen Rudolf in Wälsch-Neuenburg, dann in Luzern, in Zürich, in Straßburg, in Stans, in Schwyz usw. Nebenher geht ein unaufhörliches Schreiben der Basler Kanzlei. Damit nichts übersehen werde, bestellt der Rat eine Spezialkommission zur Beratung all der schwebenden Fragen. Dann wird die ganze Angelegenheit vor den Großen Rat gebracht; zum letzten Male reiten die Gesandten. Endlich ründet sich Alles zum Gelingen und laufen sämtliche Bewegungen, die diese Monate erfüllten, zusammen bei der Konferenz in Konstanz, wo

  • am 30. März die ewige Richtung Herzog Sigmunds mit den Eidgenossen festgestellt wird,
  • am 31. März Eidgenossen und Niedere Vereinigung ein Schutzbündnis schließen,
  • am 4. April Herzog Sigmund der Niedern Vereinigung beitritt und diese ihr Recht verbrieft.

Jetzt, nachdem die Diplomatie ihre Sache getan hat und die Formen gefunden sind, folgt die gewaltige stürmische Entwickelung der Dinge selbst.

Sie wird für uns eröffnet durch ein unvergleichlich lebendiges Zusammentreffen von Gegensätzen im Basler Rathause. Am 1. April 1474 erschien da vor dem Rat eine Gesandtschaft des Herzogs von Burgund, der neben dem Wälschen Anton von Palant und dem Elsässer Landschreiber zwei alte Bekannte Basels angehörten: Christoph von Rechberg und Herr Stephan Häfeli, der vor zwanzig Jahren Propst von St. Leonhard gewesen war und jetzt das Chorherrenstift St. Ulrich bei Dammerkirch regierte. Diese Botschafter wünschten vom Rate zu erfahren, wie er sich zu Burgund zu stellen gedenke, namentlich mit Rücksicht auf den zwischen Frankreich und den Eidgenossen geschlossenen Bund. Der Rat verschob seine Antwort; er wußte, daß in eben diesem Momente die Entscheidung zu Konstanz fallen sollte. Tags darauf, am Samstag vor Palmarum, kam in der Tat die Botschaft vom Abschluß der ewigen Richtung, und ganz Basel empfing sie [72] mit lautem Jubel, mit Glockengeläute, mit Freudenfeuer, mit Dankgottesdiensten. Mitten darin sehen wir die burgundischen Gesandten, die dies Alles mit ansehen und hören müssen und auf die Antwort des Rates warten. Erst nachdem auch die Kunde vom Beitritt des Herzogs Sigmund zur Niedern Vereinigung eingetroffen, ließ sich der Rat vernehmen. Aber nun um so rückhaltloser. Am Mittwoch, 6. April, rief er die Herren vor sich: den Bund König Ludwigs mit den Eidgenossen lasse er auf sich beruhen; als Herzog Karl vor fünf Jahren die Lande Sigmunds eingenommen, habe Basel erwartet, daß das Verhältnis zu diesen Landen unter dem neuen Herrn das gleiche sein werde wie vordem; statt dessen sei durch den Landvogt Herrn Peter von Hagenbach Gewalt und Frevel aller Art geübt worden. Und nun ließ der Rat den Burgundern jene lange leidenschaftliche Klageschrift vorlesen, in der Alles zusammengefaßt war, was man in Basel wider Hagenbach auf dem Herzen hatte. Er fügte nur kurz bei, daß er weiterhin Solches sich nicht mehr werde bieten lassen, und mit Herzog Sigmund ein Bündnis geschlossen habe. Die Gesandten waren entlassen.

Am selben Tage ließ Herzog Sigmund in Konstanz die Kündung des Pfandvertrags an Herzog Karl abgehen, wurde das Lösegeld zu Karls Händen in Basel deponiert. Und nach kurzem kam die Nachricht, daß am Ostermontag früh die Breisacher den bösen Landvogt festgenommen und in den Kerker gelegt hätten.

Die Wirkung dieser Botschaft muß ungeheuer gewesen sein. Sie kündigte eine gewaltige Umwälzung, vielleicht den furchtbarsten Krieg an, und den Gedanken hierüber entsprang sofort, am 12. April, der Ratsbeschluß, durch den die Dreizehner unbeschränkte Vollmacht zu Maßregeln erhielten. Aber das Volk jubelte, und als am 20. April Herzog Sigmund, der Verbündete Basels, hier prächtig einritt, da empfing und geleitete ihn die Jugend mit dem Gesange

Christ ist erstanden.
Der Lantvogt ist gefangen.
Des sollent wir alle fro sin,
Sigmund soll unser Trost sin.
Kyrieleisz!

Es waren unvergleichliche Tage, und noch für uns spürbar lebt ihre Größe in dem Briefe vom 22. April, vielleicht dem gewaltigsten Dokument der Basler Geschichte, wodurch der Rat seine Kriegserklärung an Herzog Karl von Burgund erließ.

[73] Daneben aber weilten die Gedanken Aller in Breisach.

Die Überwältigung Hagenbachs war das Werk der Pfandlande selbst gewesen; jetzt wurde ihm der Prozeß gemacht durch die sämtlichen Konföderierten, unter hervorragender Beteiligung Basels. Dieses stellte den Folterer und dann in der großen Gerichtssitzung, am letzten Lebenstage Hagenbachs, sowohl den Ankläger Heinrich Iselin, als den Verteidiger Hans Irmi. Mit Geschick und Mut vertrat dieser die hoffnungslose Sache seines Klienten und mochte sich daran erinnern, daß er vor kurzem erst der Gesandte Basels zu den rauschenden Hochzeitsfeierlichkeiten Hagenbachs in Thann gewesen war. Am 9. Mai wurde der Landvogt in Breisach enthauptet.


Jetzt konnten die oberrheinischen Gebiete auf die rasch und furchtbar losbrechende Rache Karls von Burgund gefaßt sein. Daß sie sich gerüstet hielten, zeigen alle Nachrichten.

Aber Karl verschob sein Strafgericht. Höher als die Sache des österreichischen Pfandgebietes standen ihm seine Königspläne; um diese zu verwirklichen, hatte er sich der Kölner Stiftsfehde bemächtigt, gedachte er von ihr aus Kaiser und Reich mit Gewalt zur Anerkennung seines Willens zu zwingen, nachdem die Verhandlungen in Trier dies nicht bewirkt hatten.

Seit dem Frühjahr 1473 stritten um das Erzstift Köln der Erzbischof Ruprecht von der Pfalz und der durch das Kapitel als Administrator aufgestellte Hermann von Hessen. Auf des Letztern Seite standen die Städte Köln Neuß Bonn usw., stand außer mehreren Fürsten der Kaiser selbst. Ruprecht aber gewann sich als Helfer den Burgunderherzog und schloß mit ihm einen Vertrag, auf Grund dessen Karl die Schutzherrlichkeit über das Stift Köln in Anspruch nahm. Mit merkwürdiger Leidenschaft warf er sich in diese Sache, sammelte seine Streitkräfte, brach im Juli 1474 in das Kölner Gebiet ein. Er legte sich vor das unterhalb Kölns am Rhein gelegene Neuß, woselbst der Administrator Hermann residierte.

Fast ein Jahr lang wurde jetzt Herzog Karl vor diesem Städtlein festgehalten, das er in stets erneuten Anstrengungen zu bezwingen suchte und nicht bezwang. Es ist hier nicht zu erwägen, in wie weit er unter diesen Enttäuschungen und Demütigungen die Fähigkeit ruhigen Überlegens einbüßte, dem dunkeln Verhängnisse verfallen, dem er nach wenigen Jahren unterliegen sollte. Aber jedenfalls verstand man schon damals am Oberrhein die Bedeutung dieses Kölner Unternehmens. Die Ausführlichkeit und Sorgfalt, mit der Knebel sich über die Ereignisse vor Neuß informierte, sind ganz auffallend. Er urteilte — und sein Raisonnement [74] war unzweifelhaft das offizielle Basels, — daß, je länger sich der Herzog dort unten am Niederrhein verbiß, um so kräftiger und gesunder seine Gegnerschaft hier oben auswachsen konnte.

In der Tat zeigt der Sommer 1474 das Bild wirksamster Sammlung der Kräfte.

Allem voran ging die Wiedereinnahme der Pfandlande durch Herzog Sigmund in den letzten Apriltagen, noch bei Lebzeiten Hagenbachs. Sigmund gab das Landvogteiamt seinem treuen Hermann von Eptingen.

Sodann in den beiden großen Gruppen Niedere Vereinigung und Eidgenossenschaft die Rüstungen zum Kriege. Was die offiziellen Schriften hierüber melden, braucht nicht wiedergegeben zu werden. Es sind die üblichen Maßregeln. Aber merkwürdig und doch der Zeit völlig gemäß ist, wie Basel mitten in diesem Waffengeräusche Muße und Andacht fand zur Annahme eines kostbaren Reliquiengeschenkes der Solothurner; es waren Gebeine der tapfern Thebäer, die dort gerade in diesen Tagen höchster kriegerischer Gefahr sich auf wunderbare Weise hatten finden lassen; die Basler empfingen sie am 2. Juni in einer feierlichen mächtigen Prozession.

Wir sehen ernste Vorbereitung auf allen Seiten; die einzelnen Kräfte, die von hüben und drüben sich bedrohen, treten immer deutlicher hervor.

Am 11. Juni erhält die ewige Richtung der Eidgenossen mit Österreich ihre endgültige Formulierung; im Oktober darauf kommt eine Allianz der Eidgenossen mit Frankreich zu Stande.

Die Niedere Vereinigung erweitert sich im Juli durch den Beitritt der Städte Kaisersberg Oberehnheim Münster Rosheim und Türkheim, im Oktober durch den Beitritt der Stadt Mömpelgard und ihrer Herren der Grafen von Würtemberg.

Am 22. Juni erläßt Herzog Karl von Burgund ein allgemeines Verbot für seine Lande, mit den Untertanen des Herzogs von Österreich, den Bewohnern der Grafschaft Pfirt, den Städten Straßburg Basel Colmar und Schlettstadt Handel zu treiben oder irgendwie zu verkehren; er befiehlt, alles ihnen gehörende Eigentum einzuziehen. Am gleichen Tage ernennt er den Heinrich von Neuchatel, Herrn von Blamont, zum kommandierenden General auf der Gemarkung von Deutschland.

So rüsteten sich die Gegner, und rasch trafen sie aufeinander. In demselben Gebiete, der Einsenkung zwischen Vogesen und Doubs, das seit Alters der Hauptschauplatz des Grenzkrieges war und zugleich die große Pforte, durch welche die Wälschen in den Sundgau einzubrechen pflegten. Vor hundert und dann wieder vor fünfzig Jahren schon hatte Basel seine Waffen dort [75] hinüber an die Lisaine und den Doubs getragen; auch jetzt begann dort wieder der Kampf. An bedeutender Stelle lag Mömpelgard, „ein port tütschen und wälschen lands“, als festester Punkt des Gebietes von Burgund leidenschaftlich begehrt, von Basel und Österreich zu Schutz ihrer selbst und „aller deutschen Nation“ nach Kräften gehütet. Schon im Mai hatte Basel eine Besatzung hingesandt, Büchsen und Munition folgen lassen. Gleich darauf legte sich ein burgundisches Heer vor die Festung, so daß ein weiterer Zuzug von Baslern nicht mehr hineingelangen konnte; er begab sich nach Delle, wo, gleich wie in Belfort und Florimont, schon seit Wochen Garnisonen der Niedern Vereinigung als Grenzwachen standen.

Immer drohender häuften sich jetzt die feindlichen Truppenmassen bei Remiremont, bei Belfort, bei Pruntrut; mit täglich einlaufenden Nachrichten hierüber, unter Beratungen und Rüstungen gingen für den Oberrhein diese paar Sommerwochen hin. Bis am 18. August 1474, gerade als die Gesandten der Vereinigung und der Eidgenossen in Basel beisammen saßen, Burgund losbrach. Es war ein Heer von über viertausend Reisigen, das zuerst die Dörfer bei Delle ausraubte, dann am 19. August in den Sundgau sich ergoß. Auf furchtbare Weise hausten diese Scharen im Lande, um Dammerkirch und dann im Süden Alles verheerend, unter Greueln und Grausamkeiten, bei denen man wieder der Engländerstürme und der Schinder sich erinnerte. Wie Jene, so wagten auch diese Horden sich an keine Stadt, nicht an Basel; sie begnügten sich damit, das offene Land zu verwüsten und auszuplündern, die Bauern aufs unmenschlichste zu peinigen. Nach wenigen Tagen schon entwichen sie wieder, fliehend vor den Truppen der Vereinigung, die rasch allenthalben, in der Basler Landschaft und in den Gebieten Österreichs bis zum Aargau und Thurgau waren aufgeboten worden, aber den Feind schon nicht mehr im Felde fanden. In solcher Weise begann Burgund den Kampf. Die Antwort des Gegners war zunächst eine Verstärkung der Grenzbesatzungen. Außerdem aber erwog man einen großen Feldzug nach Burgund hinein. An der Grenze war ein unaufhörliches Scharmützeln mit Ausfällen und Streifen der Garnisonen, Handstreichen der Burgunder. „Sie battelleten mit eynander“; und ein Ende dieses unleidlichen Zustandes war nur zu erwarten, wenn man über die Grenze drang, die feindliche Macht vernichtete oder zersprengte.

Alles aber, die Not wie der Kampf, war Sache der Niedern Vereinigung allein. Wie diese ihre Stellung auffaßte, zeigen die Schreiben, die sie von ihrer Versammlung zu Basel am 5. September sowohl an den Kaiser als an die in Speyer tagenden Städteboten richtete. Da wird die [76] von Burgund drohende Gefahr als eine gemeinsame Angelegenheit und Sorge des Reiches dargestellt, der Kaiser zum Aufsehen gemahnt, seinem immer neuen Begehren um Hilfe wider die Türken entgegengehalten, daß die Bekämpfung der Wälschen nötiger und verdienstlicher sei.

Ein ähnliches Schreiben ging auch an Köln ab. Es ist bemerkenswert, wie stark das Gefühl einer Gemeinsamkeit der Geschicke von Köln und Basel war. Hier wie dort. Daher jetzt der beständige Verkehr zwischen den beiden Städten; man teilte sich alle Erlebnisse mit, stärkte sich mit Zuspruch und guten Hoffnungen. An beiden Orten wurde für dasselbe gekämpft: die Ehre und den Bestand deutscher Nation.

So dem Norden, dem Reiche zu. Aber bei allen Kriegsplänen faßte die Niedere Vereinigung eine Beteiligung der Eidgenossen ins Auge. Der Bundesvertrag gab ihr das Recht, jetzt deren Hilfe zu begehren, und wiederholt ließ daher Basel seine Mahnungen an die Tagsatzung ergehen. Vorerst ohne Erfolg. Auch das vom Kaiser am 9. Oktober erlassene Aufgebot hatte keine Wirkung. Die Eidgenossen zögerten. Ehe sie in den Krieg mit Burgund eintraten, wollten sie sowohl mit Herzog Sigmund, dessen Ratifikation der ewigen Richtung noch ausstand, als auch mit dem König von Frankreich wegen der Bündnissache im Reinen sein. Hin und her gingen die Unterhändler und die Briefe, bis endlich Alles sich fand und am 25. Oktober 1474 die Eidgenossen, nicht als „Hauptsächer“, sondern als verpflichtete Helfer, durch Bern die Kriegserklärung an Burgund erließen.

Aber jetzt kein Zögern mehr. Man hatte Zeit gehabt, sich vorzubereiten, und sofort setzte sich das Heer der Alliierten in Bewegung. In drei Kolonnen, als deren gemeinsames Ziel Blamont und Héricourt, dann Besançon Salins Dijon galt. Die Berner zogen über Pruntrut, die Kontingente der Elsässer Reichsstädte über Hirsingen, alle andern über Basel.

In den letzten Oktobertagen trafen sie hier zu Tausenden ein, die Eidgenossen, die Appenzeller, die Schaffhauser, die Mannen aus den Waldstädten und dem Schwarzwalde, die Schwaben Breisgauer usw. Staunend betrachteten die Basler die Schönheit und Kraft der eidgenössischen Kriegsknechte, freuten sich an dem bunten wogenden Bilde dieses Heeres, wo jede Herrschaft und jede Stadt die Ihren einheitlich in ihre Farben gekleidet hatte. Mit lautem Leben füllten diese Massen die Stadt und die nahen Sundgauer Dörfer. Am Abend vor Allerheiligen sammelten sie sich im Münster, wo der Weihbischof ihnen Messe hielt und sie für den Feldzug einsegnete; während der folgenden Tage marschierten sie ab, am 2. November morgens die Basler selbst, zweitausend Mann stark.

[77] Mit außerordentlicher Sorgfalt hatte die Stadt diese Truppe ausgerüstet. Schon oft war sie ja ins Feld gezogen. Aber als wenn dies ihre erste Waffentat oder doch einer Aufmerksamkeit würdig wäre, die keiner der früheren Züge verdient hatte, wurde jetzt die ganze Tätigkeit und Vorbereitung gebucht. Das Bild einer Heeresausstattung bis ins innerste Detail steht vor uns. Neben den Waffen, dem Hauptbanner, dem Fähnlein der „Freiheiten“, den Büchsen aller Art, unter denen der „Drache“ und der „Rüde“ sich auszeichneten, den Pulverfässern Harzringen Pfeilen usw., finden wir all das Mannigfaltige, mit dem die sorglichen Beamten Reiströge und Speisewagen füllten, das Brot, den Wein, Butter, Schweinefleisch und Rindfleisch im Salz, Heringe und Stockfische für die Fasttage, Zwiebeln Habermehl Kernen und Hirse; aber auch der „gesottene“ Wein fehlt nicht in diesem rauhen Spätherbst, so wenig wieder Senf, das Gewürz, der gebrannte Wein; als später die Kälte noch fühlbarer wird, sendet der Rat seinen Truppen Handschuhe und „Vincklin“ aus weißem Hagenauer Tuch. Auch ein Feldaltar wird dem Heere mitgegeben, samt Lichtern und Gehänge, und ebenso stehen die Zahlungen an den Nachrichter bei den Kosten dieses Kriegszuges.

Am 8. November fand sich das gesamte Heer, über achtzehntausend Mann stark, vor Héricourt zusammen; und sofort begann die Beschießung.

„Ellenkurt ze dem anderen mole“ schrieb der Kanzleichronist über seine Schilderung des Feldzugs, und Knebel fand, daß man jetzt ein Jubiläum mit den Wälschen begehe. Die Erinnerung an 1425 lag ja nahe; wer als junger Bursch damals dabei gewesen, konnte heute als Greis wieder dabei sein. Man stand wieder vor demselben Feinde; aber wie viel mächtiger waren jetzt auf beiden Seiten die Kräfte!

Im Kriege Johanns von Fleckenstein war Basel die eigentliche Führerin, die entscheidende Macht gewesen. Jetzt dagegen, so hoch man auch Initiative und Leistung der Stadt werten mag, war ihre Stellung eine ganz andere. Und dies bestimmt auch unsere Darstellung. Der Anteil Basels tritt völlig zurück; nur indem wir den ganzen Verlauf betrachten, fassen wir auch das von Basel Erlebte und Getane.

Am 13. November, einem Sonntag, kam zur Mittagszeit die Kunde ins Lager vor Héricourt, daß ein burgundisches Heer zum Entsatz heranrücke. Die im Stilleliegen und im Betrachten der unwirksamen Beschießung ungeduldig gewordenen Belagerer erhoben sich dem Feind entgegen. Dieser wich. Die Hauptmacht der Verbündeten folgte ihm durch das enge Tal der Lisaine, indessen ein zweites kleineres Korps, hauptsächlich durch die [78] Berner und Luzerner gebildet, über das Waldgebirge zur Linken vordrang. Bei Chenebier, im Nordwesten Héricourts, brachen dann diese Scharen auf den Feind herein, und die Schlacht entbrannte. Vor den wiederholten stürmischen Angriffen warf sich zuerst das burgundische Fußvolk in unaufhaltsame Flucht, und bald wichen auch die Reitergeschwader. Auf der Höhe von Frahier suchte der Feind noch einmal die Stirne zu bieten; aber auch hier unterlag er im wilden Handgemenge, und nun war Keiner mehr zu halten. Alles stob in wilder Flucht davon.

Mehr als dreitausend Mann hatten die Burgunder eingebüßt, die Verbündeten selbst so gut wie gar keine Verluste gehabt. Kein Basler war tot, nur wenige wund. So froh man diese Nachricht zu Hause aufnahm, so ungerne dann die andere, daß die städtischen Ritter und Junker, die ihre Luxuspferde nicht im Lager bei sich behalten, sondern zu Mömpelgard in gute Ställe eingestellt hatten, beim raschen Aufbruch zur Schlacht zu kurz gekommen waren und unter dem Spotte der Übrigen zu Fuß hatten mitziehen müssen.

Der große Erfolg dieser einen Schlacht entschied. Am 17. November, während Basel durch Gottesdienste in allen Kirchspielen und eine allgemeine Prozession dem Himmel für den Sieg dankte, kapitulierte die Besatzung Héricourts. Sie erhielt freien Abzug; das Schloß wurde Herzog Sigmund übergeben.

Und nun wurde im Kriegsrat der Verbündeten verhandelt, was weiter geschehen solle. Die Herren der Niedern Vereinigung drängten vorwärts, weiter nach Westen gegen Besançon und Dijon; die Eidgenossen verlangten die Heimkehr. Die erregten Schreiben des Basler Rates an seine Hauptleute, eins dem andern auf dem Fuße folgend, zum Teil in tiefer Mitternacht geschrieben, zeigen, wie hart die Meinungen aufeinander trafen. Der Rat machte geltend, daß vorzeitiges Abbrechen des Krieges seiner Stadt und dem Sundgau große Gefahr bringen, das Land neuer Verheerung preisgeben würde; er wollte die Eidgenossen an ihre Hilfszusage erinnert sehen. Alles war umsonst. Die Eidgenossen, über die Untätigkeit König Ludwigs erbittert, fanden, daß sie ihre Pflicht als Helfer getan hätten, und verlangten nach Hause; ihr Ungestüm überwog.

Einige unruhige Tage erlebte noch Basel am 20. und 22. November, als die ganze Kriegsmacht hier durchzog und wegen der Besetzung der Herrschaft Röteln durch Bern sowie über die Verteilung der Beute Streit unter den Verbündeten ausbrach. Dann ging Alles auseinander, mit Verabredung einer Konferenz der Gesandtschaften, wieder in Basel.

[79] Am 13. Dezember trat die Konferenz zusammen. Sie besprach einen Brief des Kaisers, in dem dieser seine Unzufriedenheit mit der frühen Beendigung des Krieges bezeugte; sodann erhob sie die eidgenössische Kriegsordnung, wonach in Gefechten Niemand gefangen genommen, sondern jeder Feind ohne Unterschied getötet werden sollte, auch für die Niedere Vereinigung zum Beschluß; sie setzte fest, was mit der Beute und den Gefangenen des letzten Zuges zu geschehen habe. Unter den letztern, die sämtlich zu Basel verwahrt wurden, befanden sich gegen sechzig Lombarden, und Basel erhielt den Auftrag, gegen diese gerichtlich zu verfahren. Wiederholt kamen sie auf die Folter; am Weihnachtsabend wurden ihrer achtzehn zusammen auf einem großen Scheiterhaufen vor dem Steinentor verbrannt. Es war eine schauerliche Exekution, mit der man die unnatürlichen Laster dieser Leute bestrafte und Rache nahm für die vor wenigen Monaten durch sie und Ihresgleichen im Sundgau verübten Grausamkeiten.

In diesen Tagen gingen auch die Mannschaften ab, die durch Basel in die Grenzschlösser gelegt wurden. In seinem Solde finden wir zu Héricourt den Konrad Münch, zu Mömpelgard Veltin von Neuenstein, Ulrich Mellinger u. A. In Delle lag noch immer Basler Geschütz. Und zu dem Heere, das der österreichische Landvogt für einen Raubzug nach Burgund sammelte, lief auch aus Basel das junge Volk, das Beschäftigung und Gewinn lieber bei den Waffen suchte, als bei ruhiger Tagesarbeit.


Mittlerweile hatte sich der Rat mit wichtigen Erlassen des Kaisers zu beschäftigen. Zur gleichen Zeit, da dieser der Liga seine Vorwürfe wegen der raschen Beendigung des Ellikurter Zuges machte, erließ er den Befehl, ihm mit kriegerischer Macht zuzuziehen und in seiner Unternehmung vor Neuß Dienst zu leisten. Beides, der Vorwurf wie das Aufgebot, stellte die Tätigkeit der Niedern Vereinigung in den großen Zusammenhang der Reichspolitik. Aber der Vorwurf traf nicht sie, sondern die Eidgenossen, und dem Aufgebot leistete sie Folge.

Der Basler Rat konnte sich bei Behandlung dieses Geschäftes daran erinnern, wie oft in den vergangenen Jahren er sich gegen ähnliche Mahnungen des Kaisers gesperrt und die Reichshilfe versagt hatte. Zuletzt noch im Juli 1474 gegenüber dem Aufgebot wider die Türken. Wenn er jetzt anders handelte, so geschah dies, weil die gewaltige Bewegung der Zeit unmöglich machte, sich mit dem Titel einer Freistadt zu decken, und weil die Bekämpfung Burgunds überall, am Niederrhein wie am Oberrhein, den Interessen Basels entsprach. Später freilich verwahrte sich der [80] Rat gegen Konsequenzen, die man aus seiner Willfähigkeit zu ziehen Miene machte; er habe den Zug vor Neuß geleistet „in Hoffnung, gnad zu erwerben, und nit us schulden“. Überhaupt aber konnte Basel nicht für sich allein handeln, sondern nur gemeinsam mit der Niedern Vereinigung.

Hier hatte man verschiedenes versucht, um die Teilnahme abzulehnen; die wiederholten Mahnungen des Kaisers aber, dabei auch seine Erklärung, daß weiteres Weigern der Vereinigung ihren Ausschluß aus einem allfälligen Frieden des Reiches mit Karl bewirken könnte, brachen ihren Widerstand. Am 19. März 1475 beschloß sie, dem Aufgebot zu folgen.

Schon im Februar hatten die Vorbereitungen Basels für den „kaiserlichen Zug“ begonnen. Der Rat kaufte Mehl Butter Fleisch Wein usw., er ließ in Straßburg Tuch kaufen, um die Mannschaft einheitlich rot und blau zu kleiden; daneben wurde die Werbung betrieben, mit Sorgfalt und in der Absicht, nur Leute zu schicken, mit denen man bei Kaiser und Fürsten Ehre einlegen konnte. Meinrad Schütz von Waldhut, ein Berufssoldat, war vom Rate für dieses Werbgeschäft gedungen. Endlich am 11. April, unter dem Kommando Veltins von Neuenstein, dem Hans Stoßkorb als Venner und Proviantmeister beigegeben war, fuhr die Truppe in drei großen Schiffen den Rhein hinab, dem Kaiser zu; sie zählte zweihundertdreißig Mann, die mit Büchsen Armbrüsten und Spießen gerüstet waren.

Seit den Husitenzügen war dies die erste kriegerische Expedition Basels in die Ferne und im Verbande der Reichsarmee. Ein Dienst großer Art war zu erwarten, unter den Augen des Kaisers, an der Seite zahlreicher Kontingente von Fürsten und Städten, dem gewaltigen Burgunderherzog persönlich gegenüber. Wie ganz anders lockte dies als ein Zug hinüber an den Doubs oder der schwere einsame Grenzwachtdienst in Belfort und Héricourt! Nicht zu verwundern daher, daß die Edeln Basels und die ritterlichen Kaufmannssöhne sich zu diesem Zuge drängten; Hans von Bärenfels, Arnold von Rotberg, Jakob Reich, dann Konrad von Laufen, Lienhart Iselin, Hans zum Gold, Michel Meyer u. A. wollten mit dabei sein.

Aber nichts von dem Erwarteten geschah. Wie die ganze Neußer Sache Großes und Heldenhaftes nur auf Seite der Belagerten zeigt und zumal die Kriegführung des Kaisers eine merkwürdig plan- und haltlose war, — so daß die spottlustigen Basler sofort einen Witz über dieses Reichsheer ohne Führer bereit hatten —, so ist auch von den Basler Söldnern nichts gemeldet, das sie auszeichnet. Daß sie zu kämpfen verstanden, ließen sie nicht die Feinde, sondern die Verbündeten spüren, bei einem Straßenkrawall, der gleich zu Beginn des Feldzuges in Köln [81] losbrach; den Anstoß gab Studenoberlin aus Waldenburg, der einen Schwaben totschlug, und in dem Scharmützel, das folgte, gab es Tote bei den Baslern, den Ulmern, den Nürnbergern usw. Vor Neuß selbst war ein Lagerleben von wenig Abwechslung; die Basler hatten ihren Posten neben den straßburgischen und andern Städtetruppen; mit diesen zusammen führten sie auf Flößen den Neußern Proviant zu, besetzten durch einen Handstreich das Werth im Rhein u. dgl. m.

Am 19. Juni verabredete Kaiser Friedrich einen Waffenstillstand mit dem Herzog, und der Abmarsch der beiden Armeen begann. Am 18. Juli trafen die Basler wieder hier ein.


Nicht nur der Zug an den Niederrhein zeigt, wie der Schauplatz der Politik und der Leistungen Basels sich in diesen Jahren weit ausdehnt. Das Kriegsvolk der Stadt steht zur gleichen Zeit auf den verschiedensten Punkten. Sie muß Gedanken und Augen überall haben, beständig mit starker Hand zugreifen können. Ihr Ratsbuch, ihre Missiven, ihre Rechnungen reden eine Sprache hoher Art, die nun Jahre hindurch nicht mehr verstummen wird; sie ist aber nur ein Nachhall des allgemeinen mächtigen, damals jeden Tag belebenden Klanges.

Aus Allem tritt eine unvergleichliche Periode der Stadtgeschichte uns entgegen. Die größten Interessen und eine stets sich erneuernde Gefahr halten das Gemeinwesen Jahre hindurch in atemloser Spannung.

Wir beachten die unaufhörliche Bewegung an den westlichen Grenzen des Basler Bistums und des Sundgaus. Die Besatzungen, die in den Grenzfestungen Delle Belfort Héricourt Mömpelgard, später auch Pruntrut, liegen, und ihnen gegenüber die Burgundischen, die Picarden und Lombarden treffen sich in den heftigsten Gefechten. Ein beständiges Plänkeln Beutemachen, Abfangen von Transporten belebt diese Gegend, bis zu den großen Einfällen der Einen oder der Andern, bei denen ganze Strecken verheert und ausgeraubt, Dörfer zu Dutzenden niedergebrannt werden. Neben diesen Grenzkrieg treten die Expeditionen des Bischofs von Basel, des österreichischen Landvogts, der Städte, oft weit hinein ins feindliche Land.

Und als wäre es an diesem Treiben nicht genug, das die oberrheinischen Lande in beständiger Unruhe hält, bringen auch noch Freischarenzüge ihre Wildheit mit hinein. „Laufende Knechte“ machen Streifzüge, sengen und brennen und holen sich Beute, „damit die zyt des winters zu vertriben.“ An Basel vorbei, mitten durch den Sundgau, stürmen Knechte aus Bern Solothurn und Biel das St. Amarintal hinauf ins Lothringische [82] und bis nach Faucogney in Burgund. Sie schädigen dabei nicht nur den Feind; auch der Bischof von Basel und der Markgraf klagen über sie.

Aus einer solchen ungeordneten Unternehmung erwuchs der Zug in die Waadt im April und Mai 1475. Eine starke Freischar hatte sich nach Ostern des Schlosses Pontarlier bemächtigt, dann durch die burgundische Macht, die sie hier belagerte, kühn hindurchgeschlagen und zog mit reicher Beute der Heimat zu. Hier war mittlerweile durch Bern und Solothurn ein Ersatzheer aufgeboten worden, das sich jetzt mit der Schar von Pontarlier vereinigte und zuerst gegen Hochburgund wendete, dann, alles Land verwüstend und immerfort gegen den Feind kämpfend, den Rückmarsch antrat. Aber auch in der Niedern Vereinigung wurde es auf die Kunde von diesen Dingen lebendig. Man fühlte, daß es mehr gelte als einen gewöhnlichen Raubzug, daß unter der kräftig entschlossenen Führung des Berners Niclaus von Diesbach etwas Großes zu erreichen sein werde. Basel vor allem erwies sich als tätig. Es schickte eine Botschaft an Bern und Solothurn und bot seine Hilfe an. Bern griff zu und ersuchte am 13. April um die Basler Reisigen; gleichen Tags waren hier schon die Zünfte versammelt, um die Mannschaft zu einem Zuge auszuheben. Am 18. April ritten die achtzig Reisigen aus der Stadt; am 21. April folgten vierhundert Fußknechte nebst Geschützen und dem Büchsenmeister Konrad Tugy. In Neuchatel stießen diese Basler zu den Bernern, und jetzt, mit plötzlicher Wendung, führte Diesbach das gesamte Heer nicht neuerdings gegen Burgund, sondern gegen die savoyische Waadt. Sein Ziel war, die Jurapässe, die aus der Freigrafschaft herüberführen, in seine Gewalt zu bekommen, Savoyen von Burgund zu trennen. Mit unwiderstehlich rascher Gewalt kam er diesem Ziele nahe, erzwang er sich Sieg um Sieg.

Am 29. April wurde die Stadt, am 1. Mai das mächtige, durch zahlreiche Porten und Bollwerke geschirmte Schloß Grandson eingenommen, die Besatzung erhielt freien Abzug. Von dort vor Schloß Orbe, das man am 2. Mai „mit großem Sturm und Nöten“ bezwang; ein Basler aus dem Waldenburger Amt erklomm zuerst die Zinne. Unbarmherzig wurde die Besatzung niedergemacht oder lebend über die Mauer hinausgeworfen. „Wir merken, daß allermenklich vor uns zittert“, konnten die Hauptleute nach Hause schreiben. Das feste Echallens ergab sich ohne Gegenwehr, ebenso Schloß und Städchen Jougne, das oberhalb Orbe den Paß beherrschte.

Damit war das zunächst Nötige erreicht und „mit Gut und Ehre“ zogen die Sieger nach Hause. Am 11. Mai trafen die Basler hier wieder ein, das zu Orbe erbeutete Fähnlein mit sich führend. Es war ein Feldzug [83] gewesen, an dem neben Bern und seinen Zugewandten nur Basel teilgenommen hatte, „eigens willens und ungemant“; die übrigen Mitglieder der Niedern Vereinigung waren zu spät gekommen. Aber Basel hatte sich dieser Waffenbrüderschaft auch würdig gezeigt; „die Euern halten sich nach Ruhm unsers Hauptmanns so ehrlich und männlich, daß wir euch des zu ewigen Diensten verbunden sind“, schrieb Bern während des Feldzuges an Basel.

Aber Truppen und Feldzeichen kehrten nur heim, um schon nach wenigen Wochen wieder auszuziehen. Das Rastlose war dieser Zeit eigen. Alles drängte vorwärts, einer Erlösung und Klärung zu, die nur durch gewaltige Ereignisse gebracht werden konnte.

Die Zustände an der Grenze gegen Burgund waren unerträglich. Der Ellikurter Krieg, vorzeitig abgebrochen, hatte nichts genützt. Der Feind war keineswegs eingeschüchtert; die Besatzungen reichten nicht aus, ihn zurückzuhalten, und mit unaufhörlichen Streifzügen suchte er den Sundgau und das Bistum heim, hielt er die Grafschaft Mömpelgard in Gewalt.

Eine Züchtigung dieses Treibens, über die gewöhnlichen kleinen Repressalien hinausgehend und eine gewisse Dauer wirkend, erschien um so mehr als geboten, da die Nachrichten, die den Rhein heraufkamen und von einem vor Neuß geschlossenen Frieden des Kaisers mit Burgund redeten, neue Verwicklungen befürchten ließen. Man mußte so rasch als möglich handeln. Dazu kam, daß der neue Landvogt Österreichs, Graf Oswald von Tierstein, vor Begierde brannte, sein Amt mit einer schönen Waffentat zu eröffnen; und auch von außen her wurde getrieben, durch eine französische Botschaft, die anfangs Junis sich in Basel einfand.

So sehen wir diese Monate von Beratungen und Rüstungen bewegt. Die Niedere Vereinigung besprach sich auf zahlreichen Tagen; sie nahm am 18. April den Herzog Renat von Lothringen in ihren Verband auf, sie plante einen großen Feldzug gegen Burgund, sie verhandelte mit den Eidgenossen über deren Teilnahme. Alles dies, während der kleine Krieg an der Westmark weithin gedehnt in vollem Gange war, der Herr von Neuchatel am 26. Mai bis gegen Hirsingen vordrang und gegen vierzig Dörfer in Flammen aufgehen ließ. In den Verhandlungen mit den Eidgenossen war als Abgeordneter Basels namentlich Heinrich Rieher tätig; wir begegnen ihm dort unaufhörlich. Aber Zürich und die Länder waren abgeneigt. Um so williger trat Bern „voll stolzer Zuversicht“ auf das Begehren ein und bewilligte die Hilfe, nachdem die Niedere Vereinigung zu Ensisheim am 19. Juni 1475 endgiltig den Heerzug beschlossen hatte. [84] Ihr Wille dabei war, wie sie dem Herzog von Lothringen mitteilte, in vierzehn Tagen mit ganzer Macht und Geschütz vor Blamont zu rücken und von da, wenn ihr Gott Gnade gebe, gegen andre Burgen und Städte des Feindes zu ziehen.

Allenthalben rüstete man sich nun. Da ein längerer Feldzug in Aussicht stand, beschloß Basel, nicht mit ausgehobener Mannschaft, sondern mit Söldnern daran Teil zu nehmen; es ließ durch den Aarauer Heini Breitschedel Knechte in der Eidgenossenschaft, hauptsächlich in Luzern und den Ländern, anwerben; außerdem fanden sich noch Söldner aus der Stadt und der Landschaft selbst; zu diesen sechshundert Mann traten die Basler Reisigen, sechzig an der Zahl; eine Hauptbüchse und einiges Feldgeschütz wurde mitgegeben.

Schon am 1. Juli zog eine Schar schwerer Reiter, von Herzog Sigmund gesandt, hier durch; am 10. Juli war der Abmarsch der Basler Mannschaft; gleich nachher trafen tausend Berner unter Diesbach ein.

Am 18. Juli fand sich das ganze Heer der Verbündeten, zwölftausend Fußknechte und zwölfhundertfünfzig Reisige stark, vor L'Isle am Doubs zusammen. Da sah man den Grafen Oswald von Tierstein mit den österreichischen Truppen, die Städte Straßburg und Basel, die Bischöfe dieser beiden Orte, die von Bern Solothurn Freiburg, die Städte Colmar und Schlettstadt.

Und nun wiederholt sich hier am Doubs, zwei Monate nach dem Zuge vor Grandson und Orbe, das Schauspiel dieser Kriegführung, die mit Raschheit und unwiderstehlicher Kraft Schloß nach Schloß bezwingt erstürmt leert und vernichtet. Schon vor Ankunft der Hauptmacht hatte Tierstein den starken Brückenkopf Pont de Roide genommen; am 20. Juli fiel L'Isle, dann das Städtlein Granges, dann die nahegelegenen Burgen Vellechevreux Courchaton Nans, Nans la Roche, Montby; am 9. August das mächtige Blamont mit den goldfunkelnden Türmen; dasselbe Schicksal ward in den folgenden Tagen den Schlössern Clermont Grammont Fallon. In sechs Wochen wurden so zwölf Schlösser und drei Städte gewonnen.

Aber neben der in solchen Leistungen sich zeigenden Tüchtigkeit der Einzelnen offenbarte der Feldzug dennoch die Schwäche dieser durch kein einheitliches Kommando geleiteten, auf einer Verbindung der disparatesten Truppen ruhenden Kriegführung.

Streitigkeiten innerhalb des österreichischen Kontingents führen schon bei Teilung der reichen Beute von L'Isle dazu, daß ein großer Teil des Fußvolkes, die Leute aus den Waldstädten, das Heer verlassen und nach [85] Hause ziehen. Aber auch Elsässer und Schweizer können sich nicht vertragen, und die Zuchtlosigkeit der Söldner aus der Eidgenossenschaft, namentlich der von Basel geworbenen, ruft unaufhörlichen Beschwerden. Das Schlimmste ist der Zwist unter den Hauptleuten selbst. Graf Oswald will das Heer nach Lothringen führen, dem Herzog Renat zu Hilfe; die übrigen Führer wollen die burgundischen Schlösser brechen, vor allen das Raubhaus Blamont, dessen Vernichtung die Basler dringend begehren; in heftigem Streite geht man auseinander, und Graf Oswald zieht mit dem größern Teil seines reisigen Zugs davon. Aber da er nun doch nicht nach Lothringen sich wendet, vielmehr ins Elsaß zurückkehrt, wird Allen klar, daß er nicht die Hand bieten will zur Vernichtung von Burgen seiner Standesgenossen. In denselben Tagen geht auch der große Niklaus von Diesbach dem Unternehmen verloren; er unterliegt zu Pruntrut der Epidemie.

Am 30. Juli legte sich das Heer vor Blamont, die schönste und festeste Burg der Freigrafschaft. Die Beschießung begann. Ohne Erfolg. Auch ein harter, vier Stunden lang währender Sturm, bei dem die Basler unter dem Befehl des Herman von Eptingen standen, hatte keine Wirkung. Die Verluste waren beträchtlich, das Heer wurde mutlos, an solchen Widerstand war man nicht gewöhnt. Dazu die Hitze, die ringsum wütende Seuche, Unfriede und Zank im Heere selbst und von draußen die Nachricht, daß der Bastard von Burgund ein Heer bei Besançon zusammenziehe, der Herr von Neuchatel bei Clerval die Rückzugslinie bedrohe. Bei solcher Lage der Dinge schrieben die Hauptleute nach Hause, begehrten Verstärkung.

Der Basler Rat säumte nicht. In diesen schweren Tagen, da zur Last und Sorge dieses Feldzuges alle die Befürchtungen traten, die sich an die nun sichere Kunde vom Frieden des Kaisers mit Herzog Karl knüpften, blieb er mutig. Sofort ließ er das Aufgebot zu Stadt und Land ergehen, und am 8. August gegen Abend zog die Mannschaft ab; es waren zwölfhundert Mann mit dem Banner, unter der Führung des Altbürgermeisters Peter Rot; als Hauptbüchse führten sie den „Rüden“ mit. Am 10. August rückten sie im Lager vor Blamont ein, gleichen Tags, da dritthalbtausend Berner über Pruntrut heranzogen.

Aber in zwischen war Blamont schon gefallen. Am 9. August hatte die Besatzung kapituliert.

Die prächtige Feste ward „zerrissen und verbrannt“. Es folgte noch — nach dem Abmarsch der Straßburger in der Hauptsache eine Leistung Berns und Basels — die Erstürmung von Grammont und die [86] Einnahme von Fallon. Aber Zwietracht Streit und Meuterei schändeten auch diese letzten Wochen des Feldzugs. Am 24. August kehrten die Basler heim.

So brachte auch dieser Feldzug keinen dauernden Erfolg. Die Verbündeten waren keinem Heere des Feindes begegnet; sie hatten nur die burgundischen Barone um eine Anzahl Schlösser gebracht. Wie wenig damit ausgerichtet war, zeigte sich sofort. Die Unsicherheit an der Grenze war nach dem Kriege dieselbe wie vor ihm, und schon am 1. September mußte die Niedere Vereinigung eine Verstärkung der Mömpelgarder Garnison beraten. Zugleich aber hatte sie Vorkehrungen zu treffen wider eine drohende Invasion Burgunds. Ganz in der Nähe, bei Vesoul, stand der Halbbruder Karls mit einem Heere von fünfzehntausend Mann, und jeden Tag war sein Hereinbrechen zu erwarten.


Die Stellung Basels in der Niedern Vereinigung richtig zu beurteilen, ist nicht leicht. Straßburg an sich war ja mächtiger, gebot über reichere Mittel, mochte politisch reifer und überlegener sein. Basel hatte den Vorteil, unmittelbar an den zunächst Föderierten, Österreich, zu grenzen, und den noch größern Vorteil, die Vorlande mit der Eidgenossenschaft zu verbinden. Nicht nur geographisch. Besser als irgend ein anderes Glied der Liga war Basel bekannt mit den Verhältnissen, den Persönlichkeiten, den Anschauungen und der Art des Handelns der Eidgenossen. Wie Basel im Frühjahr 1474 das Bündnis der Niedern Vereinigung mit den Eidgenossen angeregt hatte, so war es seitdem der Träger und Vermittler der Beziehungen zwischen Obern und Niedern. Zum größten Nutzen der Vereinigung selbst. So wenig Sympathien bestanden, so unentbehrlich war doch in diesen Jahren den Bundesgenossen am Rheine die derbe und unerschöpfliche Kraft der Oberländer, und so willkommen diesen wieder Basel als Vertreter der Liga. In den Frühjahr- und Sommermonaten 1475, während deren vor Neuß und bei König Ludwig die großen Veränderungen sich vorbereiteten, folgen wir dem unermüdlichen Reisen der Basler Bürgermeister und Ratsherren nach Bern, nach Luzern, nach Zürich, nach Innsbruck und Ensisheim, nach Straßburg, und werden dabei inne, wie wichtig diese in allen Ratssälen und Kabinetten heimischen Männer für die Koalition waren. Außerdem aber war Basel der schicklichste Ort, wo die Obern und die Niedern sich fanden. Zahlreich daher sind hier in diesen Monaten die Zusammenkünfte solcher Art; jeder Tag ein Vorgang, dessen Lebendigkeit wir nur zu ahnen vermögen.

[87] Aus solchen Verhältnissen mußte sich ohne weiteres eine Präponderanz Basels in der Niedern Vereinigung ergeben. Eine Stellung, die der Stadt vorab Arbeit Pflichten und Sorgen in Menge brachte. Aber nur durch diese erwirkte sich die Stadt ihren großen Anteil an weltgeschichtlichen Ereignissen und einen dauernden historischen Ruhm.

Zur Beurteilung dieser Stellung Basels gehört, daß wir uns das Wesen der Niedern Vereinigung selbst klar machen. Durch eine große gemeinsame Gefahr ins Leben gerufen war sie doch im Grunde nichts anderes, als eine Häufung von schlecht ausgeglichenen Gegensätzen, von gewaltsam niedergehaltenen Antipathien. Wie locker sie komponiert war und wie schwer oft der Basler Rat an diesen Zuständen trug, — an dem Verhältnis zum Bischof, welcher der nächste Verbündete war, daneben aber sich als Herrn der Stadt gab und mit ihr stritt und doch wieder für sein stets gefährdetes Gebiet um Hilfe bitten mußte; an dem Verhältnis zur Herrschaft Österreich und zumal zu ihrem Landvogt Oswald von Tierstein, dem hochfahrenden, aber an politischem und militärischem Verstand den Städtern in der Tat überlegenen Herrn, dem alten Feinde Basels; an dem Verhältnis zu Straßburg, — das zeigen deutlich viele Äußerungen des Chronisten und zeigen überdies die Akten. Näherer Beachtung wert ist namentlich das Verhältnis Basels zu Straßburg. Die Verschiedenheit der Interessen dieser beiden Städte tritt deutlich zu Tage; in den Beziehungen der Liga zu Lothringen ist durchaus Straßburg die treibende Kraft, Basel dagegen die Führerin bei sundgauischen und schweizerischen Unternehmungen. Es ist eine Verschiedenheit der Interessen, die sich gelegentlich als entschiedener Gegensatz ausspricht und als solcher beiderseits empfunden wird. Die Abneigung, die man in Basel wider das einst engverbündete, nun fremd gewordene Straßburg nährt, lebt in allerhand Bemerkungen Knebels, z. B., seinen Spöttereien über die schlechte Kriegstüchtigkeit der Straßburger Miliz. Und daß solcher Spott nicht grundlos war, zeigt uns eine hübsche Äußerung der Eidgenossen. Diese sprachen im November 1476 den Wunsch aus, die Städte Straßburg Colmar und Schlettstadt möchten statt ihres Zuzuges lieber Geld schicken, da ihre Fußknechte „ze der were nit verfanklich“, zum Kriege nicht tauglich seien; „aber die statt Basel haby guot lüt“.


Die Absorbierung Herzog Karls durch das Neußer Geschäft hatte im Juni 1475 ein Ende genommen. Auch drangen Gerüchte von einem Frieden, den er mit Kaiser Friedrich geschlossen haben sollte, nach Basel. [88] Die Wirkung einer neuen Konstellation zeigte sich deutlich genug dem jüngsten Genossen der Niedern Vereinigung, Herzog Renat von Lothringen, gegenüber. Schon im Juli hatte Herzog Karl den Kampf mit diesem ausgenommen, um sich seines Landes zu bemächtigen. Für die Vereinigung aber galt dies Land als „ein rechter Schlüssel zum Elsaß“, und im Gedanken hieran war Herzog Renat am 18. April 1475 in die Vereinigung ausgenommen worden. Jetzt warb er beim Bund um Hilfe wider Karl.

Auf wiederholten Tagsatzungen wurde diese Sache beraten; Straßburg sandte schon im August Truppen hinüber. Im September beschloß die Vereinigung, ein Heer von siebentausend Mann dem Herzog zuziehen zu lassen, und zu Beginn des Oktobers kam dies zur Ausführung. Basels Kontingent, sechshundert Fußknechte und fünfzig Reisige, brach am 6. Oktober auf, unter dem Befehl der Hauptleute Lienhard Grieb und Veltin von Neuenstein, und zog über den Paß von Kaisersberg nach St. Dié.

Aber dieses ganze Aufgebot richtete in Lothringen nichts aus. Es stand fast untätig, in denselben Wochen, während deren die Eidgenossen ihren erstaunlichen Siegeslauf durch die Waadt ausführten, mit rascher, durch kein Erbarmen gehemmter Kraft sechzehn Städte und dreiundvierzig Schlösser bezwangen. Wie so anders hier. Die französischen Truppen, mit denen eine Vereinigung geplant war, zeigten sich nicht, und Herzog Renat selbst, der die Bündner zu Hilfe gerufen, wich aus dem Lande. Ein Ort nach dem andern fiel in die Hände Karls, am 19. Oktober auch das feste Epinal. Da führte Graf Oswald das Heer wieder zurück über die Vogesen; am 26. Oktober trafen die Basler Zuzüger hier ein.

Sie brachten üble Botschaft und fanden daheim die größte Aufregung, geschaffen durch eine politische Wendung unerhörter Art.


Beunruhigend war vor allem die Haltung des Kaisers. Der vorläufige Friede, den er vor Neuß mit Karl geschlossen, war bekannt geworden, und die Befürchtungen, daß es dabei auf die Verbündeten abgesehen sei, wurde auch durch die Erlasse des Kaisers nicht gehoben, mit denen er noch Ende Septembers zur Bekriegung Burgunds aufrief.

Und hiezu trat nun der von König Ludwig am 13. September in Soleuvre geschlossene Vertrag mit Herzog Karl. Ein guter Freund Basels am königlichen Hofe ließ schon frühe davon verlauten, und die Vorgänge der Kapitulation von Epinal stärkten das Mißtrauen gegen den König.

Unter dem schweren Druck dieser Ereignisse und Drohungen tagte am 1. November die Niedere Vereinigung zu Basel. Man beschloß umfassende [89] Rüstungen, Verständigung mit den Eidgenossen, Hilfsgesuche an den Kaiser und die Reichsstände. Dem Kaiser wurde die Sache durch eine Gesandtschaft vorgetragen, der Heinrich Iselin von Basel angehörte; aber Friedrich wich aus, gab unbestimmte Antwort. Auch Fürsten und Städte zeigten sich ablehnend.

Es währte nicht lange, bis dieses Schweigen verständlich wurde. Man erfuhr die ganze Wahrheit; man hörte von dem definitiven Frieden Karls mit dem Kaiser, der am 17. November im Lager vor Nancy war geschlossen worden, und erhielt bestimmte Kunde von den Abmachungen zwischen König Ludwig und Karl. Der eine Vertrag wie der andere war eine Treulosigkeit. In beiden wurden die Niedere Vereinigung und die Eidgenossen preisgegeben, dem Burgunder geopfert.

Daß solches geschehen konnte, gab nicht allein den Politikern zu denken, sondern mußte rein menschlich aufs tiefste ergreifen. Und wenn etwa Der oder Jener seinem Zorn über die erneute Niederträchtigkeit der Majestät durch heftige Reden Genüge tat oder durch Anheften eines Pamphlets wider Friedrich, so standen die Führer und die Gemeinwesen unter einer andern höhern Wirkung des Ereignisses. Jetzt reiften sie rasch zu einer Großheit des Handelns, die ihnen bisher gefehlt hatte.

Die Vereinigung war entschlossen, den Krieg bis auf den letzten Mann zu führen. Bei Einbruch des Feindes über die Landesgrenze sollten alle Mühlen zerstört, alle Dörfer verbrannt, die Bauern in die festen Plätze gezogen werden. Straßburg brachte schon jetzt die größten Opfer, um sich verteidigungsfähig zu machen, indem es alle vor seinen Mauern stehenden Gebäude niederlegte. Aus der Gewißheit, allein dazustehen, erwuchs eine gesteigerte Kraft. Zugleich aber, der Schändlichkeit der Höchsten gegenüber, zeigte sich hier, was Bundestreue war, sowohl bei Herzog Sigmund, der die Zumutungen Friedrichs, als bei Bern, das die Lockungen Karls ablehnte.

Kein Mensch in Basel zweifelte daran, daß Karl binnem Kurzem am Oberrhein stehen werde. Man wußte, wie sehr er gegen Basel erbittert war. Aber man war zum Widerstand entschlossen und traf seine Anstalten. Des heroischen Mittels freilich, das Straßburg anwendete, bedurfte Basel nicht. Es konnte seine Außenquartiere stehen lassen im Vertrauen auf die Eidgenossen. „Nach eurer Gutwilligkeit, uns je und je erzeigt, haben wir Herz und Zuflucht zu euch“, schrieb es ihnen. Sein Bürgermeister Bärenfels fand sich zu Luzern auf der Tagsatzung ein und wiederholte das Hilfsbegehren, legte die Wichtigkeit Basels auch für die obern Lande dar. [90] Die Antwort war, Basel solle sich in allen Vorkommenheiten keck und trostlich halten und bei drohender Gefahr sofort Nachricht geben. Die Eidgenossen würden mit aller Macht zur Hilfe heranziehen; eine Besatzung mit schweizerischen Söldnern wurde schon jetzt zugesagt.

Basel seinerseits ließ es an nichts fehlen. Es verstärkte seine Mauern, legte Verhaue Gräben Bollwerke an. Und da es von einem Wunderkünstler in Nürnberg hörte, genannt Heinrich der Visierer, der ein Mittel gefunden haben sollte, um Mauern und Zwinger vor Sturm sicher zu stellen und das Eindringen in die Stadt unmöglich zu machen, so berief es ihn, damit er diese Kunst in Basel zeige. In demselben Nürnberg kaufte es Schlangenbüchsen Hakenbüchsen u. dgl. Von Rotweil erbat es sich einige Büchsenmeister. Durch Meister Jos ließ es eine neue Hauptbüchse, den „Widder“, gießen, durch Meister Konrad Tugy große Mengen Büchsenpulvers bereiten. Die ungewöhnliche Gefahr zwang zur Vermehrung der Mannschaft, zur möglichst guten Besetzung des Kommandos. Daher der kriegserfahrene Veltin von Neuenstein, der seit 1473 als Söldner diente, nun in dauernder Weise auf Lebenszeit der Stadt verpflichtet, der Ritter Herman von Eptingen als Hauptmann angestellt wurde. In Nürnberg Ulm Ueberlingen Rotweil warb der Rat einige Hundert Handbüchsenschützen.


Karls Pläne wurden nicht gestört durch den Waffenstillstand, den er am 27. November zu Neuenburg am See hatte abschließen lassen. Eine solche Waffenruhe gab ihm Zeit zur Erledigung der lothringischen Angelegenheiten und gestattete einen nochmaligen Versuch, die Eidgenossen von der Niedern Vereinigung zu trennen. Den Unterhändler machte der Rötler Markgraf Rudolf, der bisher sich von allen Bewegungen fern gehalten hatte, jetzt aber hervortrat, weil seine Verpflichtungen, gegen Burgund einerseits, gegen Bern andrerseits, ihm bei einem Kriege jedenfalls, von hier oder von dort, Schaden bringen mußten. Daher auch, nachdem ihm der Abschluß des Stillstands geglückt war, seine Bemühungen für eine Verlängerung über den 1. Januar hinaus. Aber die am 6. Dezember zu Basel tagende Vereinigung wollte von einer Verlängerung nichts wissen, namentlich auf Betreiben Herzog Sigmunds, der alle Friedensprojekte des Kaisers zurückweisend ihn im Gegenteil bat, das Reichsbanner gegen Burgund aufzuwerfen, und im übrigen seine Sache nicht von derjenigen der Schweizer trennen wollte. Diese aber lehnten einen Entscheid ab, weil sie nur Helfer des Krieges seien und die Sache bei Herzog Sigmund stehe. So endete der Waffenstillstand, und das gewaltige Jahr 1476 brach an.

[91] Am 11. Januar erhob sich Karl von Nancy, am 27. Januar befand er sich in Besançon. Er zog nicht gegen das Elsaß, nicht gegen Basel, sondern, wohl durch Kaiser Friedrich dazu veranlaßt, gegen die Eidgenossen. Er griff Bern an und machte dadurch den Krieg zu einer Sache der Eidgenossenschaft selbst.

Am 12. Januar, durch den Überfall Yverdons, begann der große Kampf; sofort, bei Nacht noch, ließ der Basler Rat diese Meldung weitergehen an die Verbündeten im Elsaß. Und rasch kam von Bern Brief um Brief mit der Mahnung, sich bereit zu halten, auszuziehen, zu helfen. Zuerst wurden nur die Reisigen verlangt, dann am 10. Februar die ganze Macht.

Am Samstag, 17. Februar, rückte Basel ins Feld. In drei Transporten sandte es Kriegsgeräte und Proviant voraus; dann am 20. Februar zog die Mannschaft selbst aus dem Tore; es waren achthundert Fußknechte, darunter hundert Büchsenschützen, und sechzig Reisige. Den Oberbefehl führte Peter Rot; Fähnrich war der alte Konrad von Laufen.

Von Gedanken und Hoffnungen begleitet wie keiner der frühern Züge war dieser. Jeder, der heut eine Waffe trug, fühlte, um welchen Kampfpreis er zu fechten ging. Für die Stadt aber folgten Tage der tiefsten Erregung. Vom Elsaß marschierten die Aufgebote herein, eins ums andere; über die Rheinbrücke die Zuzüger aus der Markgrafschaft; sie Alle zogen den Basler Truppen nach, Bern und der Schlacht zu. Aber auch die Gerüchte kamen, die von Grandson her durchs Land flogen; die Schreiben Berns, die Meldungen der Basler Hauptleute vom Marsch — bis alle diese Gefühle, die Sorgen und Erwartungen zusammengefaßt wurden in der machtvollen Veranstaltung eines die ganze Stadt durchziehenden Bittganges und dann, wenige Tage später, die herrlichste Erlösung kam durch die Siegesbotschaft.

Am 20. Februar waren die Basler Truppen aufgebrochen und durch das Münstertal nach Biel gezogen. Hier rastete die Mannschaft, indes die Hauptleute zum Kriegsrate nach Bern ritten; da sahen sie die Luzerner, dann die andern eidgenössischen Zuzüge einrücken. In Neuenburg sammelte sich das Heer, mit Fußleuten und Troß gegen achtzehntausend Mann stark; am Abend des 1. März lagerte man in der Ebene zwischen Bevaix Boudry und Colombier.

Der folgende Tag, ein Samstag, war der Schlachttag. Eine starke Vorhut zog den höher im Gebirge laufenden Pfad, während die Hauptmacht, aus zwei Gewalthaufen und einer Nachhut gebildet, auf der Straße [92] längs des Sees gegen Vaumarcus und weiterhin gegen Concise sich bewegte. Hier traf man auf den Feind.

Die Vorhut und der vordere Gewalthaufe vereinigt begannen das Gefecht. Eine durch burgundische Kavallerie versuchte Umgehung, der die Reiter der Verbündeten entgegentraten, gelang nicht; vergeblich ließ Karl seine Geschwader auf den Speerhaufen der Eidgenossen anrennen; auch seine Kanonen brachten diese nicht zum Wanken. Da befahl er ein Zurückgehen, um eine bessere Position zu gewinnen. Aber seine weiter hinten stehenden Truppen verstanden diese Bewegung als den Beginn allgemeinen Weichens, und in eben diesem Augenblick erschien der zweite Gewalthaufe der Eidgenossen auf dem Schlachtfelde. Fürchterlich schallten die Harsthörner von Uri und Luzern, blitzte der Hellebardenwald. Und dies Zusammentreffen entschied rasch das Glück des Tages. Von Schrecken ergriffen lösten sich die Massen des burgundischen Heeres, stürzten vor dem jetzt mächtig zum Angriff übergehenden Feinde davon. Dem Herzog gelang es nicht, die Weichenden zu halten; ihre Flucht riß ihn mit fort. „Mit großem Schand und Schad“ floh sein Heer, von den Eidgenossen bis gegen Montagny verfolgt.

Dies war die Schlacht bei Grandson. Unter den Burgunderschlachten die mächtigste, nicht am tatsächlichen Erfolg, aber an der moralischen Wirkung gemessen. Sie vernichtete den Kriegsruhm Karls und seines Heeres; sie gab den Siegern die feste Sicherheit, die sie dann den entscheidenden Schlag bei Murten zu führen befähigte.

Zunächst aber rief der Sieg einem gewaltigen Erstaunen. Er war nur möglich gewesen durch die Hilfe der Heiligen selbst; er war ein göttliches Wunder, kein Menschenwerk. Dies Gefühl herrschte in den ersten Tagen vor und gestaltete auch die Rückkunft der Basler vom Schlachtfelde zu einer weihevollen Szene. Am 13. März zogen sie ein mit ihren Beutestücken, mit den Bombarden, die das stolze Wappen Burgunds trugen, und den goldflimmernden Bannern und Fähnlein; vom Tore gings sofort hinauf zum Münster; dort vor dem Hochaltar brachten sie ihren Dank dar, verließen dann in klirrendem Zuge, durch die ehrwürdige Galluspforte sich drängend, das Heiligtum.

Zu der Freudenstimmung, die in diesen Tagen Basel erfüllte, gehörte Manches. Zwar der Anteil der Basler selbst am Siege war nicht sehr namhaft; ihr Fußvolk war der Nachhut zugeteilt gewesen und nur Wenige aus ihnen hatten sich, den Befehlen der Hauptleute zuwider, nach vorn gedrängt und am Gefechte teilgenommen. Die Basler Reisigen, die einzige [93] Reiterei, die den Verbündeten in der Schlacht zur Verfügung stand, waren allerdings dem eine Umgehung versuchenden linken Flügel der Burgunder tapfer entgegengetreten; doch war es hiebei nicht zum Kampfe gekommen. Das Rühmlichste geschah wohl bei der Verfolgung des Feindes, der in vereinzelten Gefechten sich wiederholt und heftig zur Wehre setzte; hier holten die Basler ihre Wunden, gewannen ihre schönen Beutestücke wie das Banner von Avignon usw.; hier verdienten Arnold von Rotberg und Hans Schlierbach die Ritterwürde. So mochte sich Mancher dieses Sieges als eines auch durch ihn selbst erstrittenen Glückes freuen, und jedenfalls allgemein war das Frohlocken der befriedigten Rache. „Alle waren gegen uns, Papst und Kaiser und Fürsten; aber unser Widersacher wird noch vollends in die Grube steigen, die er sich gegraben hat“, jubelte Knebel. Daneben das fröhliche Geräusch der Bundestruppen, die jetzt wieder durch Basel nach Hause zogen. Und vor Allem die Überraschung und Wonne einer ganz unermeßlichen Beute.

Der wundergleiche Glanz des burgundischen Hofes war seit langem ein Gegenstand des Staunens von ganz Abendland gewesen. Noch vor Kurzem hatte die von Herzog Karl zu Trier entfaltete Pracht auch in Basel die lauteste Bewunderung, die Phantasie und den Neid Vieler erregt. Jetzt lag dieser ganze Reichtum in dem verlassenen burgundischen Lager ausgebreitet, und Jeder konnte greifen was er wollte.

Untrennbar gehört diese Beute zum Bilde des Ereignisses Grandson. Schon Commines würdigt dies und redet von dem Kontrast burgundischen Reichtums und schweizerischer Armut. In den Siegern selbst lebte dasselbe Gefühl. Nur Basel nahm hier eine besondere Stellung ein; seine Lebensart war luxuriöser als die aller Schweizer Städte; es besaß von vorneherein mehr Möglichkeiten und Formen als jene, um diese fremdartige, plötzlich sich bietende Fülle aufzunehmen.

Die Größe Herrlichkeit und Mannigfaltigkeit der Beute von Grandson treten uns aus den Basler Röteln und Verhörprotokollen fast berauschend entgegen. Da ist von Kriegsgerät die Rede, namentlich von großen Geschützen und prachtvollen, mit Gold oder bunten Figuren bemalten und bestickten Fahnen; die Gewebe zeigen sich uns, die Seidentücher und die weichen schönen Sammete; vor Allem aber in strahlender Schaustellung die Edelschmiedarbeiten, Tafelgeräte, Zierden, prunkvoll gefaßte Reliquien, Kleinodien aller Art.

Dieses kostbare funkelnde verführerische Wesen beschäftigt von da an Basel Monate lang, wie es weithin alles Land beschäftigt. Jeder hat [94] etwas oder weiß etwas; Jeder nützt es auf seine Art; der Rat versucht die Bildung einer gemeinen Beute; der Einzelne hat demgegenüber seine eigenen Interessen; und immer deutlicher treten im Verlaufe dieses aufgeregten gierigen Treibens die großen Krämer Wechsler und Goldschmiede Basels — Hans Irmi, Mathis zum Agstein, Anton Waltenhein, Andres Bischoff, die Rutenzwig u. A. — uns entgegen, die ihre Geschäfte machen, allenthalben Experten und Käufer sind. Bis zuletzt der ganze Schatz zerronnen ist, nichts mehr von ihm sichtbar bleibt als da und dort auf Kredenztischen, an Kleidern, an Fingern und über weißen Brüsten ein schönes Schaustück, und als Trophäen der Stadt die großen Büchsen im Zeughause oder von den Emporen des Münsters niederhängend die farbenhellen Fahnen.


Der Siegesfreude von Grandson folgte kein beruhigtes Atemholen. Man hatte noch zu wenig geleistet, den Frieden noch nicht verdient.

In der Tat bat Bern die Basler schon am 12. März, sich zu neuem Kriege gerüstet zu halten, und nach wenigen Tagen folgte die eigentliche Mahnung. Basel tat sein Möglichstes; am 29. März sandte es seine Truppen wieder ins Feld, elfhundert Fußknechte und gegen hundert Berittene, unter den Befehlen des Oberstzunftmeisters Heinrich Iselin und des Hans Eberler. Jenseits der Birsbrücke wurden die Kriegsartikel verlesen und beschworen; dann brach man auf zum Marsche. Aber ein Läufer Berns kam schon hier dem Zug entgegen mit einem Briefe, in dem Bern seine Mahnung widerrief; es bedürfe zur Zeit der Hilfe Basels nicht.

Berns Widerruf war eine Folge der Opposition, die seiner Politik durch die östlichen Kantone gemacht wurde. Der Streit dieser Meinungen auf der Tagsatzung und ein emsiges diplomatisches Getreibe füllen diese Wochen. Die Gesandten des Kaisers, Dr. Georg Heßler und Graf Heinrich von Rechberg, wollen Niedere Vereinigung und Eidgenossenschaft zur Annahme des Friedens mit Burgund veranlassen, desselben Friedens, aus dem sie durch die Beredungen von Nancy doch sind ausgeschlossen worden. Es ist ein ränkevolles Spiel, wobei der Kaiser die Eidgenossen vom vorzeitigen Losschlagen gegen Herzog Karl zurückzuhalten, sie und die Niedere Vereinigung zu trennen, die letztere überdies zum Preisgeben ihres lothringischen Bundesgenossen zu bringen sucht.

Ganz unmittelbar tritt uns aus den Aufzeichnungen des Chronisten, aus seinen bittern Äußerungen über den Kaiser, aus einer düstern Prophezeiung die ihm zu denken gibt, die Stimmung dieser Tage entgegen. Man [95] trug schwer an der Ungewißheit, der Untreue. Von allen Seiten flogen die verschiedensten Gerüchte heran, kamen Erzählungen und neueste Mären, die in Spannung hielten. Der lothringische Gesandte Herr Geoffroy von Bassompierre bemühte sich beim Rate für die Sache seines Herrn; Freischaren sammelten sich hier, machten Einfälle ins Burgundische. Und schon jetzt hatte Basel einige seiner Büchsenmeister bei den Besatzungen in Wälsch-Neuenburg und Murten.

Bern stellte sich mit großartiger Energie an die Spitze der Aktion gegen Herzog Karl, der sein Heer bei Lausanne gesammelt hatte und sich nun zu regen begann. Jetzt endlich erhielt es die Hilfszusage der eidgenössischen Orte, und zur gleichen Zeit erging sein Ruf an die Niedere Vereinigung. Eine Korrespondenz ohnegleichen sind die Briefe, die es in diesen Wochen an Basel schrieb, unaufhörlich, oft täglich, mit Berichten Meldungen Mahnungen. Basel hielt sich bereit, stellte seine Truppen auf Piket. Am 31. Mai ritt ein merkwürdiger Gast hier ein: Herzog Renat von Lothringen, aus seinem Reiche vertrieben, mit einem kleinen Gefolge auf magern Pferden. Der Rat beschenkte ihn und beriet sich mit ihm; am nächsten Tage reiste er weiter nach Bern.

Und nun war stündlich der Ausbruch des Krieges zu erwarten. Wieso ganz anders die Gesinnung jetzt, als da man vor Grandson stand. In Zuversicht, mit ruhigem Vertrauen hielt man sich bereit.

Am 11. Juni, um zehn Uhr vormittags, kam der Eilbote Berns mit dem letzten Hilferufe nach Basel; noch in derselben Stunde fuhr er weiter, auf einem vorsorglich bereit gehaltenen Nachen, den Rhein hinab nach Straßburg, um auch dort seine Mahnung anzubringen. Eine mächtige Bewegung brach los.

Samstags den 15. Juni rückten die Basler aus, fünfzehnhundert Fußknechte und hundert Reiter, mit zahlreichem Train. Den Oberbefehl führte wieder Peter Rot; das Hauptbanner war dem Jakob von Sennheim, das Fähnlein der Reisigen dem Thomas Sürlin anvertraut. Der Marsch ging über den Obern Hauenstein nach Bern. Hier strömten jetzt von allen Seiten die Kontingente zusammen, und in denselben Tagen hatte auch Basel die größte kriegerische Unruhe durchzumachen. Tag und Nacht mußten die Stadttore offen stehen für die städtischen österreichischen lothringischen Zuzüge, die zum Teil in eiligen Gewaltritten zum Heere der Eidgenossen stürmten.

Am Morgen des Zehntausendrittertages, des 22. Juni, eines Samstags, waren die Streitkräfte der Verbündeten im Lager bei Ulmitz, zwischen [96] Gümminen und Murten, vereinigt. Sie zogen durch den Wald gegen Murten zu; in den Höhen östlich des Städtchens trafen sie auf die starken Feldwachen und die mit Geschütz bewehrten Verschanzungen Burgunds, und der Kampf begann. Mit Verlusten der Eidgenossen zuerst. Dann aber drangen diese von verschiedenen Seiten vor, überwältigten die Feinde, drückten sie den Abhang hinab gegen das Lager. Hier unten war der Kampflärm vernommen, das Heranrücken der Eidgenossen gemeldet worden. Aber Herzog Karl zögerte. Als nun endlich seine Truppen zur Höhe hinanstiegen, um dort dem Gefecht ein Ende zu machen, stießen sie entsetzt auf den Strom ihrer von oben herab fliehenden Kameraden, auf die mit Wucht nachdrängenden Gegner. Die Schlacht wälzte sich unwiderstehlich, in ihrer furchtbaren Schrecklichkeit ins Lager selbst. Aber es war keine Schlacht, kein Widerstehen und Ringen, sondern sofort eine Niederlage. Wie bei Grandson herrschte auch heute diese Panik, die den Eidgenossen verheerend voranzog in das burgundische Heer hinein. Durch den plötzlichen Schrecken gelähmt, keiner Gegenwehr fähig, wichen die Truppen Karls. Und dieser selbst auch vermochte sich nicht zu halten, war weder Führer noch Held, ward mit fortgerissen in die Flucht. In wilder Hetze aus den Lagergassen hinaus und dem See entlang gegen Avenches stürmten die aufgelösten Massen; hinter ihnen, neben ihnen, auf schnellen Rossen voraneilend und die Straße sperrend die unerbittlichen Verfolger. Viele Tausende der Burgunder wurden niedergehauen oder in den See gesprengt. Nur ein kleiner Teil des Heeres vermochte sich zu retten.

Am 27. Juni kehrten die siegreichen Basler in ihre Stadt zurück. Von denen, die vor zwölf Tagen ausgezogen, fehlten vierhundert; sie hatten sich unter Veltins von Neuenstein Führung dem vom Murtner Schlachtfelde aus in die Waadt unternommenen Zug angeschlossen. In der Schlacht selbst waren nur drei Basler tot geblieben, unter diesen der Söldner Speckesser.

Die Beute freilich ließ sich mit derjenigen von Grandson nicht vergleichen. Einige Büchsen und Fahnen sowie ein Waffenrock des Herzogs Karl selbst waren die Hauptstücke. Mit größerm Stolze mochte Basel sein eigenes Banner betrachten, das ihm Herzog Renat nach der Schlacht durch Abhauen des roten Schwenkels „streitbar und geviert“ gemacht hatte; der Rat ließ jetzt ein Banner dieser veredelten Art neu und so kostbar als möglich anfertigen. Das dauernde Gedächtnis des Sieges aber wurde gesichert durch Einsetzung einer jährlich am Zehntausendrittertag in allen Kirchen zu begehenden Schlachtfeier.

[97] Nach dem entscheidenden Ereignis von Murten begannen Eidgenossenschaft und Niedere Vereinigung auseinanderzugehen. Der Zweck ihres vor zwei Jahren geschlossenen Bündnisses war in der Hauptsache erreicht.

Dagegen traten jetzt die Angelegenheiten Lothringens in den Vordergrund. Während die Eidgenossen ihre Sache mit Karl als beendigt ansehen konnten und dem Herzog Renat, nach Abweisung seines Gesuchs um Aufnahme in ihre Bünde, zuletzt nur eine Freundschaftszusicherung erteilten und für den Notfall die Werbung schweizerischen Kriegsvolkes gestatteten, nahm sich die Niedere Vereinigung ihres Föderierten nach Kräften an.

Unaufhörlich sehen wir in diesen Monaten den Herzog Renat hin- und herreisen; bald führt er den Kampf in Lothringen, bald unterhandelt er mit der Niedern Vereinigung und den Eidgenossen. Jedesmal bei diesem Durchreisen empfängt ihn Basel, ehrt und bewirtet ihn. Am festlichsten wohl, als er zu Beginn des Juli von Murten kam und alle Welt im herrlichen Hochgefühl dieser Tage lebte. Schon vierzehn Tage später fuhr er wieder hier durch, auf dem Wege zum Freiburger Kongreß, u. s. f.

Bei diesen häufigen Besuchen hat es an Besprechungen über die Sache Lothringens nicht gefehlt. Dort war noch immer Karl von Burgund Herr des Landes, und Renat vermochte nichts gegen ihn zu unternehmen ohne die Hilfe seiner oberrheinischen Verbündeten. Er verlangte diese, sogleich nach Murten schon, und von da an kam die Bewegung nicht mehr zur Ruhe.

Der gewaltige Schlag jenes Sieges war noch kaum verhallt, und schon wieder bot sich das Schauspiel rastloser Erregung. In den wilden Kriegsjahren und an ihren unerhörten Erfolgen war das Volk der schweizerischen und oberrheinischen Gebiete seiner Kraft mehr als je bewußt geworden, hatte sich an dieses Leben gewöhnt wie an ein Bedürfnis, und so sehen wir, wie es immer lauter aufschäumt, stets aufs neue sich in Freikorps sammelt, verheerende Züge ins Burgundische unternimmt. Daneben her geht die Tätigkeit der Regierungen, auch sie aufs höchste gesteigert, aber besonnen, durch Erwägungen des Interesses und bestehender Bundespflichten getragen.

Hier in der Lothringer Sache ist es vor allem das Interesse Straßburgs, das sich geltend macht, und zeigt sich dementsprechend innerhalb der Niedern Vereinigung die schon erwähnte Antagonie Basel—Straßburg. Basel und seine Nachbarn zögern anfangs in der Zusage der von Renat geforderten, von Straßburg empfohlenen Hilfe, und Straßburg beschwert sich über dieses Zögern bei den Eidgenossen. Basel hinwiederum weigert [98] sich dem Herzog Renat, solange er nur im Hilfebegehren eifrig sei, aber den Kampf, bei dem es doch sein eigen Land gelte, selbst nur lässig führe.

Basels Akten aus diesem Spätsommer und Herbst reden wieder wie so oft schon von Rüstungen. Die Leistungsfähigkeit der Stadt erscheint als eine erstaunliche. Durch alle die Feldzüge und Schlachten in keiner Weise erschöpft geht sie unverdrossen von neuem an die Beschaffung von Kriegsgerät aller Art, die Anwerbung und Organisierung von Mannschaft. Am 2. September schickt sie ihren ersten Zuzug über die Vogesen, am 24. September einen zweiten Trupp. Hauptmann dieser Basler ist Veltin von Neuenstein; unter seiner Führung kämpfen sie vor Nancy und nehmen an der Belagerung dieser Stadt teil. Am 11. Oktober schickt ihnen Basel eine Verstärkung von zweihundert Mann.

Zu diesen militärischen Leistungen tritt die Tätigkeit des Rates. Er führt eine ausgedehnte und stets pressante Korrespondenz; die Boten müssen oft Tag und Nacht laufen. Daneben die Zusammenkünfte und Beratungen in Ensisheim, bei der Tagsatzung in Luzern, wiederholt in Basel selbst.

Mit dem November gewinnt diese ganze eifrige Tätigkeit ein noch heftigeres Tempo. Die Nachrichten vom Kriegsschauplatz, wo Herzog Karl wieder siegreich vordringt und seit dem 22. Oktober auch Nancy belagert, wirken herein. Neue Personen treten hinzu, wie der päpstliche Legat Alexander von Forli. Andre Geschäfte — der Streit zwischen dem Bischof und der Universität, zwischen dem Bischof und der Stadt, zwischen Mendikanten und Pfarrern — kreuzen sich mit der lothringischen Angelegenheit. Mitten inne stehen die Stadt und ihr Rat unter stärkster Anspannung aller Kräfte.

Am 1. November begann in Basel eine große Konferenz von Gesandten der Eidgenossen und der Niedern Vereinigung, bei der die Botschafter des Kaisers und des Papstes neuerdings sich um einen Frieden mit Burgund bemühten. Ohne Erfolg. Auch Herzog Renat war zu diesem Tag erschienen, um seine Sache vorzubringen, und ritt dann von hier weiter in die Eidgenossenschaft. Mittlerweile erging im Sundgau das Aufgebot des Landvogts zu allgemeiner Kriegsbereitschaft.

Am 23. November schloß Herzog Renat zu Luzern eine vorläufige Abmachung über Werbung schweizerischer Mannschaft. Und nun drängen sich die Tatsachen immer rascher. Am 30. November läßt Basel seine Reisigen nach Lothringen abgehen. Am 1. Dezember wird auf allen Zünften die Mannschaft bestimmt, die mit den schweizerischen Söldnern zusammen [99] ins Feld rücken soll. Die Niedere Vereinigung faßt ihre letzten Beschlüsse. Aus Lothringen kommt die Kunde vom Siege der Verbündeten bei Sankt Niklausport. Am 4. Dezember gestattet die Tagsatzung endgiltig die Werbung durch Herzog Renat. In wenigen Tagen schon ist die Werbung durchgeführt, und als Sammelplatz der Geworbenen dient Basel. Diese Stadt wird zum brausenden Kriegslager.

Nicht nur Herzog Renat, sondern auch die Stadt Straßburg hatte Söldner in der Schweiz geworben, und auch diese mußten sich in Basel stellen. Schon am 14. Dezember fuhren ihrer Dreihundert hier zu Schiffe ab. Dann aber zogen die Söldner des Herzogs herein. Am 18. Dezember zweihundertdreißig Solothurner, am 19. vierhundert aus der Herrschaft Lenzburg und hundert von Willisau, am 21. dreizehnhundert Zuger und Luzerner, dann über zweitausend Zürcher unter Hans Waldmann, weiterhin die Berner Unterwaldner Schwyzer usw. Schar um Schar strömte herein. Zuletzt waren es ihrer achttausendvierhundert Mann.

An Biwakieren war bei der Kälte nicht zu denken. Und wir vergegenwärtigen uns schwer, wie die Tausende untergebracht wurden. Vergegenwärtigen uns auch schwer das Getöse dieser unter dem Befehl keiner Obrigkeit stehenden, nur um Sold dienenden, durch wilde kriegerische Erinnerungen wie Erwartungen gleich stark erregten Mannschaft, die sich hier hinter den Stadtmauern zusammendrängte. Was ihr Ungestüm ausrichten konnte, zeigte der peinliche Vorfall am 19. Dezember, da bei der Abfahrt zweier mit Söldnern schwer beladener Kähne an der Schifflände eines dieser Fahrzeuge brach und zahlreiche Männer im Rhein untergingen. Aber mitten in die Reihen der trotz aller Kälte neugierig auf den Gassen stehenden und zuschauenden Basler führt uns Knebel mit seinen Bemerkungen, daß die Solothurner Mannschaft lauter junges und kriegsuntüchtiges Volk gewesen seien, daß er aber die Zürcher und die Appenzeller als die Stattlichsten habe rühmen hören, und von völlig bildlicher Anschaulichkeit ist die Erwähnung, wie am Tage nach Weihnachten fünf Panner zwischen den verschneiten Städten über die Rheinbrücke ziehen.

Jetzt begann der Abmarsch, Lothringen und dem belagerten Nancy zu. In einzelnen Heerhaufen. Voran Herzog Renat, der in Blotzheim Quartier genommen hatte. Am 24. Dezember, einem furchtbar kalten Tage, marschierten die Berner Luzerner Solothurner, am 26. die Zürcher, die Waldstädte usw. Gleichen Tags zogen zum andern Tor die von Basel Ausgehobenen aus der Landschaft herein, und am 27. rückte das Basler Kontingent selbst aus, fünfhundert Mann zählend, unter dem Kommando [100] des Bernhard Schilling. Nicht wie die Andern im Solde des Lothringer Herzogs, sondern als Aufgebot der Niedern Vereinigung.

Über Colmar St. Dié Lunéville ging der Marsch des Heeres, in schlechter Ordnung. Schon im Elsaß brachen die Knechte raubgierig aus den Reihen, fielen über die Häuser der Juden her und plünderten sie, in Ensisheim Schlettstadt usw., sodaß das Erste, was man in Basel von den gegen Karl von Burgund Ziehenden vernahm und erhielt, ein mit geraubtem Judengut vollbepackter Wagen war, der hier durch nach Bern geführt wurde.

Am 4. Januar 1477 ritt hier auch wieder der Legat Alexander von Forli ein, um am Frieden mit Burgund zu arbeiten; es war wieder von Abhaltung einer Konferenz in Basel die Rede. Aber während man sich in solchen Plänen erging, waren sie schon durch die Tatsachen zunichte gemacht.

Am 5. Januar trafen Renat und Karl vor Nancy aufeinander. Das Heer der Verbündeten, von St. Nicolas heranziehend, nahm Stellung bei Jarville; eine starke Vorhut, unter dem Befehl Wilhelm Herters, sollte hier dasselbe Manöver ausführen, das schon bei Chenebier den Sieg gebracht hatte. In angestrengtem Marsche, durch Nässe und Schnee, stieg diese Vorhut, bei der auch die Basler waren, durch den Wald links hinan, um dem Feind in die rechte Flanke zu fallen. Endlich war die Höhe erreicht. Das Wetter wurde plötzlich sonnig, und die Trompeten gaben das Signal zum Angriff; in langgezogenen Tönen schallte das Horn, meldete dem Hauptheer, daß man zur Stelle sei. Dann sofort mit gewaltigem Stoße warf sich die Schar vom Berge herab auf die völlig überraschten Burgunder, die hemmenden Dornhecken niederreißend, daß der Nahkampf beginnen konnte; und zu gleicher Zeit stieß von der andern Seite her der Gewalthaufe vor. Ein kurzer wütender Widerstand, aber merkwürdig rasch gaben die Truppen Karls auch heute wieder Alles verloren vor den Unüberwindlichen. Die verzweifelte Tapferkeit Einzelner, zumal des Herzogs selbst, ging im allgemeinen hoffnungslosen Schrecken unter. Wer nicht hier schon von den erbitterten, keinen Pardon gebenden Feinden niedergemacht wurde, wandte sich zur Flucht. Und den Fliehenden eilten die Sieger nach. Eine weite Strecke hin ging die Jagd, über die Mosel, wo an der Brücke von Bouxières die Scharen sich stauten und eine grausige Schlächterei geschah, und weiter ins Land hinein bis Custines; unter den Letzten, die endlich, bei einbrechender Nacht, von der Verfolgung und Niedermetzelung abließen, waren die Basler Reisigen.

Auffallend früh, schon am 7. Januar, erhielt Basel die Siegesbotschaft. Da hielt man Jubelmessen in allen Kirchen und Klöstern der Stadt; droben [101] im Münster sang der Geschichtschreiber dieser großen Jahre, Kaplan Johannes Knebel selbst, die Messe vor dem Hochaltar, fröhlicher gesinnt als je in seinem Leben! Und nach wenigen Tagen, am 10. Januar, kam die Nachricht, daß unter den Erschlagenen auch Herzog Karl gefunden worden sei.

Basel erlebte nun noch die Heimkehr derselben Schweizer Söldner, die es vor kurzem hatte ausrücken sehen. Am 13. Januar und an den folgenden Tagen trafen sie hier ein, mit erbeuteten Bannern, noch unbändiger und wilder als zuvor. Basel aber hatte die Soldauszahlung zu besorgen, und da die Annahme der von Herzog Renat hiefür geschickten fremden Goldstücke durch die Söldner verweigert wurde, mußte Basel eine rasche Umprägung in seiner Münzstätte vornehmen, die ungestümen Gesellen Tage lang hier liegen haben. Die blutige Schlägerei, die beim Pferdetränken auf dem Fischmarkt zwischen Zürchern und Bernern ausbrach, zeigte den Geist dieser Einquartierung. Bedrohlicher war, daß sie ungeduldig über die Langsamkeit der Ablöhnung schalten, Intriguen des Grafen Oswald witterten und laut davon redeten, ihm vor sein Schloß Pfäffingen ziehen zu wollen. Auch an Beschuldigungen Basels fehlte es gewiß nicht, während es hinwiederum bei den Baslern hieß, daß die Schweizer Hauptleute dem Herzog Soldlisten eingäben mit mehr Mannschaft, als im Felde gewesen sei. Allmählich aber entleerte und beruhigte sich die Stadt; die Söldner zogen nach Hause, während Ausschüsse zur Erledigung des Soldgeschäftes hier zurückblieben. Endlich im Februar kam es zu solcher Erledigung; die Niedere Vereinigung hatte das Geld vorzustrecken.

Aber zum Wesen dieser eigentümlich belebten Wochen gehört auch noch Anderes. Zunächst, daß im Streit zwischen Bischof und Universität, der damals über Kompetenzen entbrannt war, die durch die Examensperre des Bischofs geschädigten Kandidaten, unter denen z. B. der Luzerner Peter Kündig war, die Schweizer Söldner zur Plünderung der Domherren- und Kaplanenhäuser führen wollten und solche Gewalttat nur mit Mühe verhindert werden konnte. Sodann die große Zusammenkunft der Hauptleute mit den Gesandten der Niedern Vereinigung und der Eidgenossen, die am 20. Januar hier stattfand, zur Abrede wegen der Beute und der Gefangenen und zur Beratung über das künftige Verhalten gegen Burgund und Frankreich. Im Februar bei einer zweiten Konferenz hatten diese Gesandten auch im Streit zwischen Bischof und Stadt zu vermitteln.


Unter solchen Bewegungen endete Basels Kampf mit Burgund. Dessen Verlauf überschauend konstatierte jetzt der Chronist, daß das vor vier Jahren [102] durch den Kometen Angekündigte zum guten Teil eingetroffen sei. Daneben erging er sich in Betrachtungen über Person und Schicksal des überwundenen furchtbaren Feindes und in Sammlung von Anekdoten aus seinem Leben, von Gedichten über ihn und den bösen Landvogt.

Eine andre Art von Epilog verfaßte der Stadtschreiber: er summierte die Kosten, die der Stadt seit 1474 durch Rüstungen Auszüge und Schlachten erwachsen waren und deren Summe eine beträchtliche war, etwa sechsunddreißigtausend Pfund. Aber die Zahlen dieser Rechnung waren natürlich lange nicht erschöpfend. Neben ihnen standen noch gewaltige Beträge von Ausgaben, die der Krieg mittelbar verursacht hatte. Sie wiesen, auch mit Einrechnung dieser, nur Leistungen des Gemeinwesens nach, nicht auch solche des Einzelnen. Und sie vergegenwärtigten überhaupt nur eine äußerlich zu berechnende Wirkung.

Weit über sie hinaus ging das tatsächlich Erlebte Geopferte Erlangte. Wer versuchen wollte, eine allgemeine Bilanz der Burgunderzeit für Basel zu ziehen, der hatte den finanziellen Aufwendungen ein ungeheures Maß geistiger und physischer Arbeit beizugesellen, Wirkung und Erfolg jeder einzelnen kriegerischen oder diplomatischen Aktion zu bemessen. Wenn auch die militärischen Taten der Stadt nicht als außerordentliche zu werten waren, so erschien dagegen ihre politische Tätigkeit als hochbedeutend.

Neben den Leistungen von Rat und Heer war der Einfluß solcher Zeiten auf das Gemeinwesen als Ganzes und auf die Wohlfahrt des Einzelnen zu erwägen. Wie hatte der Handel leiden müssen, wie gefährdet war der Verkehr gewesen, wie gestört und beunruhigt das tägliche Leben. Aber das waren momentane Dinge, denen ein Dauerndes die Wage hielt.

Manche mochten Betrachtungen anstellen über das Verhalten von Kaiser und Reich in diesen Kämpfen, über das Wesen der Eidgenossenschaft, über die Beziehungen zu Österreich und den elsässischen Reichsstädten. Sie wurden dabei inne, wie viel die Stadt bei all diesen politischen Wandlungen, in einem ungewöhnlich regen und gehaltvollen Verkehr erlebt hatte und wie viel sie hatte lernen können. Über den einzelnen Gewinn oder Verlust hinweg gewahrten sie die neuen Horizonte, die diese Zeit geöffnet, fühlten sie die neuen Kräfte, die sie geweckt hatte. Allem Leiden gegenüber stand als Errungenschaft eine außerordentliche politische und geistige Festigung.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ie