Geschichte der Stadt Basel. Zweiten Bandes erster Teil/7. Der Uebergang vom Reiche zur Eidgenossenschaft

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Der Kampf mit Burgund Geschichte der Stadt Basel. Zweiten Bandes erster Teil
von Rudolf Wackernagel
Stadt und Gesellschaft von der rudolfinischen Zeit bis zur Reformation
{{{ANMERKUNG}}}
  Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

[103] 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000


Siebentes Buch.
Der Uebergang vom Reiche zur Eidgenossenschaft.


000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000

[105] Basel hatte im Kampfe mit Burgund äußerlich nichts gewonnen. Es stand sogar, da ihm die Herrschaft Rheinfelden durch Lösung abgenommen worden war, jetzt kleiner da als zu Ende der 1460er Jahre. Seine Anstrengungen hatten vor allem Österreich genützt.

Die Burgunderjahre waren nur eine Episode; sie stellten gewaltsam die Entwicklung stille, lenkten alle Kraft zeitweise auf ein Ziel hin. Sobald Karl tot war, wachten die alten Zustände wieder auf, meldeten sich wieder die Hemmungen und Streitigkeiten, die in der vorhergehenden Zeit das politische Leben Basels beherrscht hatten.

Nur in einer Richtung hinterließ der Krieg ein Neues: die Verschiebung in den wälschen Beziehungen. Burgund als selbständige Macht war verschwunden. Jetzt stand Frankreich in der vordersten Linie und wirkte mit ganzer Macht herüber. Die Bedeutung dieser neuen Konstellation für die Schweiz wie für Österreich und das Deutsche Reich war außerordentlich; auch Basel wurde dadurch unmittelbar berührt.

Außerdem haben wir eine allgemeine Stimmung der Zeit wahrzunehmen. Sie ist gegeben zunächst durch den großen Prozeß der Ausbildung von Landeshoheit und Landesverwaltung: durch das Bestreben aller Obrigkeit, an Stelle überlieferter Zersplitterung der öffentlichen Verhältnisse eine zentrale Gewalt zu setzen; durch das Werden eines neuen Staatsbegriffs und eines neuen Staatsbeamtentums. Dem Allem gegenüber lebt in der Bevölkerung ein wildes verwegenes Wesen und ungescheutes Mißachten obrigkeitlicher Verfügung.

Die Aufgaben, die hiebei der städtischen Politik gestellt wurden, waren sehr groß. Von allen Seiten kamen die Stöße; und wir begreifen, daß nicht nur der Einzelne litt, sondern auch die Behörde selbst die Isoliertheit empfand, die Lage der Stadt als eine ausnahmsweise ungünstige und gefährdete geltend machte.

Aber gerade darin, wie Basel dieses Übermaßes schwerer Arbeit Herr wurde, zeigt sich der Wert der in dem großen burgundischen Kampf ihm gewordenen Schulung. Hier liegt der Gewinn dieser Jahre. In ihnen ist die politische Kraft gereift. Mit merkwürdig nüchterner Überlegenheit [106] findet die Stadt einen Weg durch die Schwierigkeiten, die sich im Innern erheben und von Außen herandrängen.


Den mächtigen Ereignissen von Kampf und Untergang folgte sogleich 1477 das Gezänk Derjenigen, die sich zu Erben Karls von Burgund berufen glaubten.

Die Eidgenossen, Bern voran, gedachten mit der Freigrafschaft den wohlverdienten Preis zu greifen. Rascher und tätiger als sie machte König Ludwig von Frankreich lehnsherrliche Rechte geltend und ließ seine Truppen in die burgundischen Lande einrücken. Auf der dritten Seite erhob sich Kaiser Friedrich, dessen Sohn mit der Prinzessin Maria, Karls einzigem Kinde, verlobt war und der, sobald Frankreich sich geregt hatte, Alles im Reiche gegen diesen Widersacher aufrief, auch die Eidgenossen und Basel.

Für uns von Bedeutung sind die Verhandlungen, die in diesen Dingen zwischen den Eidgenossen geführt wurden. Aber sie bieten ein unerfreuliches Schauspiel. Die kühn vorandringende Politik Berns stößt auf die Eifersucht der andern Orte und eine oft kleinliche Opposition; der alte Streit der Städte und der Länder tritt leidenschaftlicher als je hervor; aber häßlich vor allem ist zu sehen, wie jetzt das Geld eine Wichtigkeit gewinnt bei den Erwägungen schweizerischer Politik.

Zwischen der Eidgenossenschaft und der Niedern Vereinigung war schon nach der Murtner Schlacht eine Lockerung der im Frühling 1474 geknüpften Bande eingetreten. Jetzt nach dem Kriege zeigten sich die Eidgenossen vollends gewillt, ohne Rücksicht auf ihre rheinischen Föderierten vorzugehen; diese aber waren durch die Bewegungen, die sich in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft vollzogen, in höchstem Grade interessiert. Vor allem Basel empfand die Wirkung dieser Ereignisse.

Überall in der Schweiz erhoben sich Freischaren, die teils den Burgundern wider Frankreich zu Hilfe eilten, teils der Werbung König Ludwigs wider Burgund folgten, und dies ungeordnete Kriegsvolk zog beständig über Basel hin und her oder traf sich hier als auf dem bestgelegenen Sammelplatze. Der Rat suchte sich den Unfug fern zu halten, schloß die Tore und hieß die Banden vorbeiziehen. Ihre Antwort war dann, daß sie das Gelände um die Stadt verwüsteten und noch Ärgeres drohten, womit sie zuweilen den Einlaß erzwangen. Waren nun aber solche Kriegsleute drinnen, so brauchten sie erst recht die gröbsten Worte, stifteten Krawalle, fielen über Bürger und Werkleute her u. dgl. m. Basel, das auch in solchen Dingen zu fühlen bekam, was es hieß, an einer länderverbindenden [107] Stelle zu liegen, sparte die Beschwerden bei der Tagsatzung nicht. Aber diese blieben natürlicherweise ohne Wirkung. Erlebte doch Basel unter seinen eigenen Leuten dieselbe Unruhe, dieselbe Ungeberdigkeit. Aus Stadt und Landschaft liefen sie von der Arbeit weg in den burgundischen Krieg; Basler selbst waren es zum Teil, die in der Eidgenossenschaft die Knechte warben und sammelten und trotz den Verboten des Rates ins Wälsche hinüberführten. Seine eigenen Söldner Wernlin Rieher und Meinrad Schütz taten solches; der Metzger Hübschhans befehligte eines der Freikorps; auch Herren wie Hans Schlierbach ließen den Rat beschließen und verbieten soviel er wollte und ritten den Fahnen nach. So daß uns aus dem Gewühl der Kämpfe, die in den Sommermonaten 1477 bei Dôle Gray Salins usw. geführt wurden, diese Basler Namen wiederholt entgegentönen.

Unterdessen gingen die Verhandlungen weiter. König Ludwig von der einen, der Kaiser und sein Sohn Max von der andern Seite suchten die Eidgenossen zu gewinnen; auf dem Tage zu Zürich, im Januar 1478, kam es zur Entscheidung. Höchst lebendig schildert uns Knebel, wie man in Basel auf das Ergebnis dieser Konferenz gespannt war und die großen Herren dorthin hier durchreiten sah: am 29. Dezember den Erzbischof Karl von Besançon, der Maximilians Gesandter war, dann den Herzog Renat von Lothringen; dieser blieb einige Tage hier liegen, um seine Dienerschaft in weiße Livree zu kleiden. Auch die Niedere Vereinigung hatte ihre Botschaft in Zürich; Basels Vertreter waren Hans von Bärenfels und Heinrich Iselin. Am 24. Januar 1478 wurde in der Tat ein Friede geschlossen zwischen Herzog Maximilian als dem Herrn Burgunds einerseits, den Eidgenossen und der Niedern Vereinigung anderseits, wobei Max gegen den Verzicht auf die Freigrafschaft die Zahlung von hundertfünfzigtausend Gulden zusagte.

Frankreichs Antwort auf diese Abmachung war der heftigste Krieg. Die Freigrafschaft litt entsetzlich, und auch jetzt wieder finden wir zahlreiche Basler an diesen Kämpfen beteiligt. In Salins den Jörg Hutmacher, den Konrad Mutschellenmacher, den Friedrich Brotbeck, in Dôle den Ludwig Metzger als Hauptmann und unter seinem Befehl den Klaus Koch, den Waldenburger Hans Schweizer u. A. Hauptmann zu Verdun war Hans Falkner, und wie es bei Erstürmung dieses Platzes durch Amboise zuging, konnte später Hans Bischoff schildern, der gleichfalls bei der Besatzung gewesen war.

Betrachten wir die Zustände, die während dieser bewegten Monate in Basel selbst herrschten. Von Kaiser Friedrich, der vor wenigen Monaten [108] wiederum Basel gegen König Ludwig aufgeboten hatte, hieß es jetzt, daß er seine Tochter mit dem Dauphin verlobt habe; man vernahm vom Heranziehen eines großen französischen Heeres gegen das Elsaß. Die Torwachen wurden verstärkt, die Werbungen neuerdings verboten. Es war eine bedrohliche Zeit, Raub und Bosheit in allen Landen; in der Nähe der Stadt, beim Roten Hause, wurde der angesehene Dr. Durlach durch den österreichischen Landvogt Wilhelm von Rappoltstein überfallen. Dazu die schwere Not im Sundgau, wo unter der Schuldenlast ein Sturm gegen die Juden losbrach, das Ungeziefer die Saaten fraß, Teurung herrschte. Ganz unmittelbar hatte Basel mitzutragen und zu leiden, was das Nachbarland litt, und erlebte zu Allem noch das ängstigende Wunder einer Sonnenfinsternis.

Der Rat mußte auch deswegen in Sorgen stehen, weil der Zürcher Friede keineswegs eine dauernde Beruhigung gebracht hatte. Die Unterhändler Frankreichs waren nach wie vor am Werke bei den eidgenössischen Orten; sie fanden um so eher Gehör, als das Geld Maximilians ausblieb. Und neben diesen Verhandlungen her ging der Krieg der französischen Truppen in der Freigrafschaft. Im Mai 1479 fiel, durch oberrheinische und schweizerische Söldner verraten, Dôle in die Gewalt der Franzosen; unter fürchterlichen Greueln wurde die blühende Stadt ausgemordet, dann verbrannt. Neben Heinrich Müller von Zürich, Konrad Frölicher von Solothurn u. A. wird auch Hans Schweizer von Waldenburg bei denen genannt, die an der „Geschichte ze Dol“ gewesen seien.

Die Tragödie von Dôle fand in Basel ein Nachspiel, indem dieses dazu kam, den in seiner Geschichte so oft geübten Beruf eines Refugiums auch in diesem Falle wieder zu bewähren, durch Aufnahme der aus der Vernichtung jener Stadt Fliehenden. Zwar daß der gelehrte Hugo Avene, der sich nach Besançon hatte retten können, die von ihm gewünschte Professur an der Basler Universität erhalten habe, ist nicht zu ersehen. Wohl aber kam eine Reihe burgundischer Magnaten nach Basel: die Herren von Chalon, von Hasenburg, von Montagu, von Vaudrey, an ihrer Spitze der Prinz Johann von Oranien, der Maximilians Statthalter war. Diesen Allen samt Familien Gefolgen und Dienerschaften verhieß der Rat seinen Schutz, gegen Zusage ruhigen und friedlichen Verhaltens. Der Prinz erhielt Wohnung im Hause des Bernhard Sürlin auf dem Petersberg; am 5. Juli lud er Rat und Domkapitel zu einem Bankette.

Basel verständigte von dieser Aufnahme burgundischer Refugianten sowohl seine Bundesgenossen der Niedern Vereinigung als die eidgenössischen [109] Orte. Weder jene noch diese hatten zunächst etwas einzuwenden. Wohl aber erhob König Ludwig scharfen Protest dagegen, daß seine Feinde in Basel geschirmt würden, und gerade zu dieser Zeit war er dem Friedensschlusse mit den Eidgenossen nahe. Die Wirkung hievon zeigte sich sofort im Verhalten der Eidgenossen selbst. Die Beschwerden der Niedern Vereinigung über gefahrdrohende Ansammlungen französischer Truppen an der Grenze beschwichtigte die Tagsatzung mit der Erklärung, daß „sie nichts als Gutes vom König erwarte“; aber auf die Klage des Letztern wegen angeblicher Feindseligkeiten der in Basel geschirmten Burgunder trat sie ein. Sie sandte den Hans Feer nach Basel und ließ dort ihren Willen kundtun, daß man sich aller Aufwieglung gegen Frankreich enthalten solle; gegen ungerechte Angriffe würde die Eidgenossenschaft der Niedern Vereinigung beistehen; sollte diese aber fortfahren, den König zu reizen, so könnte sich die Eidgenossenschaft ehrenhalber mit der Sache nicht mehr befassen. In solcher Weise redete Feer zu Basel am 21. Juli; am 9. September 1479 wurde der Vertrag der Eidgenossen mit König Ludwig abgeschlossen, wodurch sie ihre Ansprüche auf die Freigrafschaft an Frankreich abtraten.

Es ist bemerkenswert, wie Eidgenossenschaft und Niedere Vereinigung verschiedene Wege einschlagen. Während jene sich mit Frankreich verständigt, hält diese an ihrer traditionellen Aufgabe fest, hier an der Grenze für die deutsche Nation einzustehen und dem wälschen Wesen zu begegnen.

Schon im Januar 1479 waren Warnungen nach Basel gekommen; aber der Chronist hatte damals gefunden, die Stadt habe mehr um die Feindschaft Solothurns sich zu kümmern, als um die Wälschen; auch der Rat war bei seinen Maßregeln für Sicherung der Stadt im Zweifel gewesen, „vor wem man sich hüten solle“. Aber bald nahmen die Gerüchte bestimmtere Form an. Im Mai hieß es, daß zweiundzwanzigtausend Bogner und dreißigtausend Reisige Frankreichs sich bei Dijon sammelten, um in deutsches Land zu rücken, und daß sie auch Büchsen bei sich hätten zur Belagerung der Städte. Basel war darauf gefaßt, den Ludwig, den es schon vor fünfunddreißig Jahren vor seinen Mauern gesehen, wiederum als Feind empfangen zu müssen. Auch der österreichische Landvogt mahnte zur Rüstung. Wie in den bedrohlichen Jahren Herzog Karls waren die Zustände. Die geängsteten Bauern flüchteten ihre Habe in die festen Plätze. Die „Ortschlösser“, Mömpelgard voran, erhielten wieder Garnisonen der Niedern Vereinigung; auch Basel hatte dort Mannschaften an der Landwehr liegen. In diesen Zusammenhang von Schutzmaßregeln ist die Errichtung der Hohkönigsburg zu fügen; als Trutzwälschland, als Schirm [110] des Sundgaus war der imposante Bau gedacht, der in diesen Jahren aufgeführt und den Grafen von Tierstein zu Lehen gegeben wurde.

König Ludwig stellte freilich in Abrede, feindliche Absichten gegen die Niedere Vereinigung und im besondern gegen Basel zu hegen. Vor der Tagsatzung standen die Klagen der Oberrheiner und die Beruhigungen der französischen Gesandten einander gegenüber, und die Eidgenossen mahnten beiderseits zum Frieden. Zu Tätlichkeiten Frankreichs kam es wirklich nicht. Dagegen folgte nun die Auseinandersetzung wegen der Aufnahme der Burgunder in Basel und im Anschluß an das Friedensgeschäft die immer deutlichere Abkehr der Eidgenossen von der Niedern Vereinigung. Dabei fehlte es nicht an Versuchen Ludwigs, wie die Eidgenossen so nun Basel auf seine Seite zu bringen. Auch hier sollte sein Geld siegreich sein. Aber Basel lehnte ab. Noch nach Jahren stellte der Rat wiederholt fest, daß er diese Angebote von der Hand gewiesen, dem Reich die Treue bewahrt habe.

Wir haben diesen Zuständen nicht weiter nachzugehen. Es handelt sich um eine politische Stimmung, die nun Jahrzehntelang anhält. Der Sundgau fühlt sich von Frankreich bedroht, Österreich hat über Wegnahme von Schlössern u. dgl. zu klagen. Auf den Zusammenkünften der Niedern Vereinigung werden diese Dinge unaufhörlich besprochen; bei der Tagsatzung kommt es darüber zu erregten Szenen zwischen den Gesandten beider Teile. Aber keinerlei Besserung tritt ein, und das Verhältnis zur Eidgenossenschaft ist und bleibt ein gespanntes. Als die von dieser bewilligten sechstausend Mann dem französischen König zugeführt werden und bis vor Chalon rücken, im August 1480, zieht die Schar, die der Zürcher Hans Waldmann befehligt, über Basel; hier erklärt der Rat, sie nicht verproviantieren zu können, weil das Hochwasser die Mühlen stillgestellt habe, und verweigert ihr den Einlaß in die Stadt. Später vernimmt er, daß Waldmann diese Reden als Ausflüchte bezeichnet und die Räte von Basel Lügner gescholten habe.


Während das Heranwachsen neuer Zustände und Gegensätze die Stadt in Anspruch nahm, verlangten auch alte Geschäfte, die durch das große Ereignis der Burgunderkriege nur suspendiert gewesen waren, wieder Berücksichtigung.

Vor allem das übliche Grenz- und Nachbarschaftsstreiten.

In die Kategorie dieser Händel gehörten zunächst die Prattler Angelegenheiten. Wir dürfen den Hans Bernhard von Eptingen nicht hoch werten. Er war einer der kleinsten Edeln des Landes, aber freilich geschickt [111] genug, um seinem geringfügigen Streit mit Basel den Reiz einer Eigenart zu geben. Als Burgund sich am Oberrhein festsetzte, hatte die Fehde des Eptingers mit Solothurn ihr Ende gefunden. Der Ritter sah sich in freier Bewegung und ging sofort, gleich andern seiner Standesgenossen, in die glänzende, alles Mögliche verheißende Gefolgschaft Karls von Burgund über. Der Lohn blieb nicht aus. Während der Herzog im Sundgau weilte, am 10. Januar 1474, nahm er den Prattler Herrn samt Schloß und Dorf in seinen Schutz auf, und dem später sich bildenden guten Einvernehmen Karls mit Kaiser Friedrich entsprach es durchaus, daß nun auch dieser dem Hans Bernhard seine Gunst schenkte. Er tat es durch ein seltsames Diplom vom 4. September 1476, mit der Zusicherung allgemeiner Steuerfreiheit sowie ausschließlicher Gerichtszuständigkeit vor dem Kaiser, namentlich aber mit der Verleihung eines Jahrmarkts für den „Flecken“ Pratteln, jährlich auf 1. Oktober, und einer zugehörigen Fähre über den Rhein. Deutlich richtete sich die Spitze dieses Privilegs gegen Basel, und nur wie Hohn konnte es dem Rate klingen, als ihn Hans Bernhard im September 1478 aufforderte, den Zünften die Einladung zum Besuche dieses Jahrmarktes zukommen zu lassen. Daß Feindschaft zwischen ihnen war, zeigte sich allenthalben; Ritter Kaspar von Mörsberg versuchte im Januar 1481 vergeblich, den Vermittler zu machen. Ruhe ward nicht, und Basel hatte mit dem Eptinger zu fechten bis an dessen Tod.


Vom Verhältnis zum Bischof wird noch eingehender zu reden sein. Aber die Gegnerschaft des alten Stadtherrn zeigte sich nicht nur in eigenen Forderungen und Beschwerden, sondern sehr spürbar auch in der Einwirkung auf den Streit Basels mit Graf Oswald von Tierstein.

Denn jetzt tritt, nachdem der Kriegslärm verhallt und die hohe, selbst Neider und Gegner zu gemeinsamem Handeln einigende Gesinnung geschwunden ist, auch Graf Oswald wieder seine Rolle des obstinaten Widersachers von Basel an. Er hatte mancherlei durchgemacht. Erst war er Rat und Diener des Herzogs Karl von Burgund, dann dessen Gegner gewesen, hatte die österreichische Landvogtei im Elsaß und Breisgau erhalten, bei Murten und Nancy die siegreichen Heere gegen Karl geführt. Aber unvergessen war auch sein stets störendes Benehmen in der Niedern Vereinigung, wo fast Jeder ihm mißtraute. Jetzt, seit Herbst 1476, stand er im Dienste des Herzogs Renat von Lothringen als dessen Marschall.

Überall und in jeder Tätigkeit ein Mann hoher Begabung und Energie wurde er doch durch den Niemandem zu bergenden Verfall seines Hauses [112] immer mehr ins Leidenschaftliche und Verbitterte getrieben. Wie glänzend lag die Vergangenheit seiner Ahnen ausgebreitet! Vor diesem Bilde vermochte Peter von Andlau in seinem Monarchenbuch auch jetzt noch den erlauchten Adel der Tiersteiner zu preisen, der sie den Habsburgern und den Zollern gleichstelle. Aber es war eine Verherrlichung, die ihnen heute nur noch wehe tun konnte. Graf Wilhelm lebte von Sold in der Ferne; Graf Oswald, in Unternehmungen und Hader aller Art ruhelos umgetrieben, mußte sich schon bei Lebzeiten durch Solothurn beerbt fühlen. Freilich immer wieder, Kraft seiner Persönlichkeit, erzwang er sich Erfolge; aber er vermochte sie nicht festzuhalten. Dreimal erhob ihn Österreich auf die Landvogtei; jedesmal brachte er selbst sich, zum Teil nach kürzester Frist schon, um Würde und Ehre.

Wie er zu streiten pflegte und wie ihm schließlich, wenn die Rechtsgründe versagten, beizukommen war, hatte Basel schon früher erfahren. Es wußte auch, daß jederzeit die Anfeindungen, die es von ihm erlitt, zum Teil auf Anzettelungen Solothurns zurückgingen.

Diesmal faßte Oswald Basel bei der Sisgauer Landgrafschaft. Der Rat hatte sie im Jahre 1461 mit der Herrschaft Farnsburg zusammen erworben, aber den Besitz sich nie durch einen Konsens des Bischofs als des Lehnsherrn gefestigt. An dieser Stelle war die Schwäche seiner Position.

Schon 1474 hatte Oswald seinen Angriff hierauf gerichtet und den Bischof um die Leihung der Landgrafschaft angesprochen. Jetzt nahm er diesen Anspruch wieder auf im letzten Jahre Johanns von Venningen; als dieser ablehnte, suchte er die Leihung vom Kaiser zu erlangen. Den Entscheid nicht abwartend griff er ungeduldig in Basels Rechtsübung ein und richtete über einen in Büren geschehenen Todschlag, als ob er der Landgraf wäre. Basel sah sich nach Hilfe um, bei dem Verkäufer Farnsburgs und der Landgrafschaft Thomas von Falkenstein mit dem Begehren um Beibringung von Dokumenten, dann bei den Eidgenossen, bei Bischof Johann, bei Erzherzog Sigmund, bei Markgraf Rudolf. Überall machte es seine Gewere geltend und klagte über des Grafen Eingriff. Aber der Bischof verhielt sich reserviert, der Markgraf und die Eidgenossen rieten zum Frieden. Nur Solothurn zeigte ein entschiedenes Benehmen. Ganz vorbehaltlos trat es für seinen Bürger Oswald ein, so daß der Basler Rat darüber sich besprach, ob er sich nicht zu Solothurn einen Anhang wider Oswald verschaffen könnte. Auf einer Konferenz in Zürich kam es zu Beschimpfungen des Basler Bürgermeisters durch Oswald, und Solothurn selbst schrieb Basel erregte Briefe mit Drohungen; wenn Basel nicht von [113] der Behauptung des Landgrafschaftsrechts zurücktrete, werde „kummerhaftige Irrung“ daraus entstehen. Wenige Wochen später, am 27. April 1478, nahm Solothurn die Herrschaft Pfäffingen samt dem Schlosse Angenstein, einigen Dörfern und den Tiersteiner Höfen zu Basel und Mülhausen in seinen Schutz auf; Graf Oswald aber motivierte diese Preisgabe damit, daß er seines lothringischen Amtes wegen nicht mehr haushäblich in diesen obern Landen sein könne.

Doch auch die Vermittler ruhten nicht. Die Tagsatzung anerbot ihre Dienste, und Basel ließ, um Stimmung zu machen, seine Gesandten zu allen Orten reiten. Auch Erzherzog Sigmund bemühte sich. Dann war davon die Rede, es auf einen Rechtsspruch Straßburgs oder Colmars ankommen zu lassen. Nebenbei erwog der Rat den Ankauf des ominösen Büren, das den Anlaß zum Streite gegeben hatte. Aber bei alledem ergab sich nichts. Dieser Landgrafschaftsstreit hing unverrückt drohend in der Luft, und wie sehr der Zustand Basel zu tun gab, zeigen die zahllosen Vermerke im Ratsbuch. Wobei gelegentlich fühlbar wurde, daß Graf Oswald auch in der Ferne nicht ruhig blieb; es war dem Rat ein großer Ärger, als er vernahm, wie ihn der Graf beim Mainzer Erzbischof Diether verunglimpft habe.

Inzwischen aber starb Venningen, und mit Bischof Caspar gewann, gleich dem Bischofsstreit, auch dieser Streit um die Landgrafschaft neues Leben. Über alle Vorstellungen und Bitten des Rates um Belehnung hinweg ließ Caspar diese Belehnung dem Gegner werden. Nicht diesem zu Lieb, aber der Stadt zu Leid. Am 17. Dezember 1480 verlieh er den Grafen Oswald und Wilhelm von Tierstein die Landgrafschaft im Sisgau mit der hohen Herrlichkeit und dem Landgerichte, mit Zöllen Geleit und andrer Zubehör.

So unanfechtbar formell und so viel bedeutend dieser Akt auch war, die gehoffte Schädigung Basels bewirkte er nicht. Der Rat erwiderte ihn durch einen geschickten Gegenzug, wobei er sich des Thomas von Falkenstein als Instruments bediente.

Von kleinen Zwistigkeiten abgesehen, ging der Rat in diesen Jahren mit dem Freiherrn zusammen, der nach den kühnen Anfängen seines Lebens jetzt dürftig genug dastand und der guten Gesinnungen Basels froh sein mußte. Er hatte hier eine Wohnung, im Hofe weiland Rudolfs von Ramstein am Bäumlein (heute Nr. 16); bei seinem Streite mit Solothurn wurde er durch Basel gedeckt; daß er auch mit Graf Oswald im Streite stand, erleichterte nun seine Verwendung durch Basel. Wenn sich dabei auch nichts Tatsächliches ergab, so gewann Basel doch mit diesen Künsten die Zeit, während deren sich Andres ereignen und verschieben konnte.

[114] Dies geschah wirklich. Am 24. Oktober 1481 wurde Oswald wieder zum Landvogt Österreichs ernannt. Seine Titulatur klingt jetzt voll und prächtig: Graf zu Tierstein, Pfalzgraf der Hohen Stift Basel, Herr zu Pfäffingen, der Herrschaft Österreich oberster Hauptmann und Landvogt in Elsaß Sundgau Breisgau und am Schwarzwald, Marschall in Lothringen. Am gleichen Tage, da er die Landvogtei erhielt, wurden ihm auch Amt und Herrschaft Rheinfelden verschrieben. Es war eine der Höhen seines Lebens. Für Basel aber wurde wichtig, daß es jetzt mittels der Niedern Vereinigung beständig mit dem Grafen zusammenkam, daß dieser in den Verbindlichkeiten der Liga stand und hier den Einwirkungen der verbündeten Städte in gleichem Maße zugänglich, wie den Einflüssen Solothurns entzogen war.

Auf der einen Seite sehen wir nun Basel mit Thomas von Falkenstein am Werke. Er soll im Frühjahr 1481 die Leihung der Landgrafschaft von Bischof Caspar fordern; da dieser natürlich Nein sagt, treibt Basel den Thomas, sich nun an den Kaiser zu wenden und diesen um die Landgrafschaft anzusprechen, in dem Sinne, daß sie dann an Basel als Nachlehen gegeben werde. Sofern dieser Handel mit Geld vorwärts gebracht werden kann, will Basel solches zahlen; es läßt aber auch direkt, durch seinen Gesandten Heinrich Zeigler am Kaiserhof arbeiten.

Auf der andern Seite schildern uns die Protokolle der Niedern Vereinigung, wie auch dort von diesen Dingen gehandelt wird, wie Graf Oswald seinen Streit mit Thomas vor die Boten bringt, wie er von Basel die Einweisung in des Thomas Hof und Güter begehrt, wie er hiefür ein Urteil des westfälischen Gerichts, Basel aber einen vom Kaiser dagegen erlassenen Verbotbrief produziert und wie nun die Boten der andern Städte Basel Recht geben und den Grafen zum Frieden mahnen.

So war Basel allenthalben beschäftigt. Bei der Niedern Vereinigung fand es Hilfe, und daß auch das Anrufen kaiserlicher Majestät nicht versagt hatte, allerdings unter erheblichen Geldaufwendungen, zeigen die Dankbriefe des Rates an Friedrich sowohl wie an den Negotiator Zeigler. Aber das waren Siege, die man in fremden Kanzleien davontrug. Hier im Gebiete des Streites selbst dauerten Unrecht und Ungemach allen Erlassen zum Trotz, und unter diesem jahrelangen Streiten litt das Recht Basels selbst immer mehr, erschien es immer mehr als ein unsicheres und unbeweisbares, so daß sich die Anfechtungen stets häuften. Vom Prattler Herrn her, der eine Exemtion geltend machte; von Solothurn und von der jetzt unter Tierstein stehenden Herrschaft Rheinfelden her, die beide als [115] Farnsburgs Nachbarn Grenzen und Rechtsame zu verletzen unaufhörlich bestrebt waren. Die Plage war groß, und dennoch überrascht, was Basel jetzt tat. Nur einem momentanen Unmut, einem schlaffen Müdewerden ist zuzuschreiben, daß der Rat im Herbst 1481 sich mit dem Gedanken eines Verkaufs der Herrschaft Farnsburg beschäftigte; er würde damit allerdings den ganzen lästigen Streit mit einem einzigen Ruck abgeschüttelt, aber auch seine stolzeste Herrschaft eingebüßt haben. Er ließ sie unter der Hand als feil ausbieten, und natürlich fand sich sofort ein Käufer. Es war dies Ritter Mang von Habsberg, der Vogt der Herrschaft Rheinfelden; hinter ihm standen Tierstein und Österreich. Vor solcher Aussicht scheint der Rat sich denn doch wieder ermannt zu haben, zur Besinnung gekommen zu sein; mit keinem Worte mehr wird des Verkaufsprojektes gedacht.

Aus diesem Gewirre von Wirkungen und Gegenwirkungen ergab sich aber schließlich allen Beteiligten, daß ein guter Vergleich dem Streiten vorzuziehen sei, sofern nur Basel das Mittel, das in seinen Händen stets am besten den Frieden bewirkt hatte, das Geld, nicht sparte. Markgraf Rudolf nahm sich der Sache von neuem an, und am 28. November 1482 kam ein Vergleich zu Stande. Die Grafen von Tierstein traten die Sisgauer Landgrafschaft samt der Herrschaft Diegten an Basel ab gegen Zahlung von dreitausendachthundert Gulden; Graf Oswald übernahm es, die Zustimmung des Basler Bischofs als Lehnsherrn zu erwirken; für den Fall, daß diese Zustimmung nicht erhältlich sein sollte, versprach Oswald die Rückgabe des erhaltenen Geldes an Basel.

So der Vertrag. Aber Bischof Caspar mochte sein Diplom vom Dezember 1480 doch nicht so bald schon Lügen strafen. Die Vorteile, die den Grafen bestimmt haben mochten, bestanden für ihn den Bischof nicht. Er versagte seinen Konsens. Er gab ihn auch in der Folge nicht. Und so war auf Jahrzehnte Alles wieder so, wie es vor Ausbruch des Streites gewesen, nur daß die Grafen eine Summe Geldes eingenommen hatten, deren Rückgabe, dem Vertrage gemäß wegen Ausbleibens des bischöflichen Konsenses, die Stadt wiederholt vergeblich begehrte.


Von der Teilnahme Solothurns am Streite der Tiersteiner mit Basel war die Rede. Jetzt verlangt Beachtung, was eigener Zwist Solothurns selbst ist. Nach der Stille der Burgunderzeit wacht dieser alte unsterbliche Hader wieder auf, rührt sich längs der ganzen Grenze, wächst rasch und stürmisch zur heftigsten Erbitterung.

[116] In Langenbruck griff im Herbst 1478 Solothurn in Basels Recht ein, ließ den Galgen umhauen, übte hohe Herrlichkeit auch durch Jagen, Wälder fällen usw. Basel verlangte Rechenschaft und ging vor die Eidgenossen; diese suchten zu vermitteln. Ohne Erfolg. Denn als kurz darauf in Waldenburg Basel Gericht halten wollte, erhob Solothurn hiegegen Einsprache als gegen eine Verletzung seines Rechtes. In erregten Schreiben Basels, in dreisten Antworten Solothurns zog sich nun dieser erste Galgenkrieg der beiden Städte durch Jahre hin, ohne eine Entscheidung zu finden. Und neben ihm her gingen zahlreiche kleinere, zum Teil alte Zänkereien wegen des Erlinsbacher Zolles, wegen der Herrschaftsrechte zu Anwil und zu Oltingen usw. Und wenn Solothurn in diesen Jahren mit seiner Bundesstadt Mülhausen verkehrte, ging es oft zum Schaden Basels, z. B. in der Frage der Verlegung des bischöflichen Gerichts nach Mülhausen. Den Solothurner Stadtschreiber Hans vom Staal sah man bei seinen Anwesenheiten in Basel mit den Gegnern der Stadt, den Brüdern Caspar und Friedrich zu Rhein, verkehren. „Er tut der stat vil smach“; daß ihm das Ratsbuch die Ehre dieser Bemerkung erwies, zeigt, wie leicht man nach dieser Seite hin hörte, wie empfindlich man für alles von dort Kommende war.

Bald aber wurden diese kleinen Ärgernisse abgelöst durch eine viel energischere Aktion Solothurns. Es handelte sich bei dieser um Münchenstein, das schon einmal der Zankapfel gewesen war.

Seit dem Juli 1470 stand die Herrschaft in der Verwaltung des Basler Rates. 1476 legte dieser ihrem Eigentümer Konrad Münch, der zur selben Zeit Soldreiter des Verwalters war, Rechenschaft über die Pflege ab, und im Januar 1477 ernannte er ihn zum Vogt daselbst, so daß Konrad in seinem Stammhause nun als städtischer Beamter leben konnte. Seine Lage war nach wie vor bedrängt, und schon bald gingen daher zwischen ihm und dem Rat Unterhandlungen über eine Verpfändung. Sowohl Konrads Bruder Friedrich als sein Lehnsherr Erzherzog Sigmund gaben ihren Willen dazu, und am 8. März 1479 kam das Geschäft zu Stande: Basel erhielt die Herrschaft als Pfand um sechstausend Gulden.

Nebenher blieb Konrad Landvogt Basels. Solchergestalt dem Rate doppelt verpflichtet erwies er nun aber, wie wenig er der Ritterwürde wert war, die er vom Murtner Schlachtfelde heimgebracht hatte. In dem jahrelangen verzweifelten Kampf gegen die Armut unterliegend hatte er noch Anderes eingebüßt als Geld und Gut. Seine ökonomische Lage war unheilbar ruiniert, aber auch seine Person so schwach, daß Stolz und Ehrenhaftigkeit [117] mit allem Uebrigen dahingingen. Im Sommer 1482 vernahm der Rat, daß Konrad damit umgehe, die an Basel verpfändete Herrschaft hinter Basels Rücken einem Dritten zu verkaufen, und zur gleichen Zeit ergaben sich Fehler in seiner Kassenführung als Landvogt. Die Dreierherren wurden sofort mit strengen Instruktionen nach Münchenstein hinausgesandt. Sie sollten genaue Rechnung von Konrad fordern; würde er sich sperren oder sonst ungebührlich benehmen, so hatten sie Vollmacht, ihn samt Frau Schwager und Schwiegermutter, die Alle bei ihm saßen und zehrten, zu verhaften. In das Schloß legte der Rat Mannschaft und kündete die Vogtei zur neuen Besetzung aus.

Wenn dann auch eine Form der Abrechnung zwischen Konrad und dem Rate gefunden wurde, so war doch der Streit eröffnet. Konrad erhob die Klage, daß ihm Basel sein väterliches Erbe vorenthalte, und lud die Stadt vor das Rotweiler Gericht; später wurde gütlich verhandelt vor Wilhelm von Rappoltstein als Schiedsrichter. Aber weder hier noch dort kam es zu einem Schlusse. Bald auch war von diesem Handel zwischen Konrad Münch und Basel gar nicht mehr die Rede, sondern an Konrads Stelle trat Solothurn Basel gegenüber.

Die Territorialpolitik der Stadt Solothurn wurde schon wiederholt erwähnt. 1483 erneuerte sie das Burgrecht Veltins von Neuenstein, der früher Basler Söldnerhauptmann gewesen war, und ließ sich sein Schloß bei Laufen für ewig als offenes Haus verschreiben; 1484 kaufte sie Seewen, 1485 die Herrschaft Dorneck. Unmöglich konnte sie hiebei stehen bleiben. Alles was sie bis dahin im Birstal zu Stande gebracht, erhielt seine volle Bedeutung erst dann, wenn auch Münchenstein erworben wurde und dergestalt das solothurnische Territorium bis zum Rheine reichte und Basel vom Sisgau trennte.

Der Kaufliebhaber, von dem Basel im Sommer 1482 hatte reden hören, war Solothurn gewesen. Im Streite der letzten Jahre stand es hinter Konrad und mit diesem zusammen focht es nun gegen das Basler Pfandrecht.

Basel war auf Alles gefaßt. In Münchenstein hielt es eine ständige Besatzung, armierte aber auch die übrigen Schlösser. Durch unzählige Briefe Gesandtschaften Konferenzen äußerte sich die Erregung. Am 10. März in Luzern, wo auch Basler Gesandte anwesend waren und die Verwendung der Eidgenossen begehrten, sprach Solothurn den festen Willen aus, vom Kaufe Münchensteins nicht zu lassen, ihn vielmehr wenn nötig selbst mit Gewalt zu behaupten. Im April zu Solothurn trafen die Meinungen [118] nochmals mit Heftigkeit aufeinander. Lienhard Grieb, Thomas Sürlin und der Stadtschreiber waren Basels Gesandte, und ihre Briefe an den Rat geben uns das lebendigste Bild der Verhandlungen. Sie malen die Stimmung in Solothurn, wo der „Pöbel überhand genommen hat und die Vernünftigen kein gutes Wort zu der Sache zu reden wagen dürfen.“ Auch Österreich, als Lehnsherr, ist bei dem Handel beteiligt; seine Gesandten sind in Solothurn anwesend; sie reden für Basel, beschweren sich gleich den eidgenössischen Boten über die Starrköpfigkeit der Solothurner. Endlich kommt ein Kompromiß auf Bern zu Stande, den dann aber Herzog Sigmund nicht anerkennen will, sondern mit Berufung auf die ewige Richtung Solothurn vor das Recht zu Konstanz mahnt. Mühsam schleppend gehen die Verhandlungen weiter, während die Streitenden wie zum Schlag bereit gegeneinander stehen, Basel alle seine Schlösser mit Bewaffneten füllt, unaufhörlich mit Soldzahlungen, Transporten von Büchsen Munition und Proviant, Gesandtschaften und Briefen zu tun hat. In den immerhin die Formen wahrenden Wortwechsel der Regierungen mischen sich die Reden des gemeinen Mannes, roh und maßlos. Der Rappenwirt Claus in Basel schmäht die Solothurner, droht ihnen, daß die Gruben zu St. Jakob eingefallen seien und wieder gefüllt werden müssen. Weiber wie Barbara Fasnacht tragen geschwätzig weiter, was an Schimpfworten da und dort gefallen ist, und schüren die Zwietracht. Dabei ist zu beachten, wie Österreich in diesem Streite durchaus auf Seite Basels steht; der Basler Rat erklärt ausdrücklich, daß er bei der Pfandschaft Münchensteins bleiben, im Falle der Lösung aber das Schloß nur dem Herzog geben wolle, nicht den Solothurnern. Dem entspricht auch kurz darauf der Entscheid der eidgenössischen Boten, am 14. Oktober 1486: der von Solothurn mit Konrad Münch geschlossene Kauf wird aufgehoben und dem Herzog Sigmund überlassen, das Schloß zu seinen Handen von Basel zu lösen; den Solothurnern soll er für ihre Auslagen Mühe usw. siebenhundert Gulden zahlen.

So war Solothurn im eidgenössischen Recht unterlegen. Aber es gab sich nicht zur Ruhe. Ungeduldig drang es darauf, daß Basel Münchenstein räume und dem Herzog übergebe. Sigmund, von andern Dingen aufs stärkste in Anspruch genommen, hatte in der ganzen Münchensteiner Sache jedenfalls weniger aus eigener Initiative als auf Antrieb Basels gehandelt. Er beeilte sich weder mit der Zahlung der siebenhundert Gulden an Solothurn, noch mit der Übernahme des Schlosses, und Basel selbst hatte kein Interesse, ihn zur Eile zu mahnen. Es begnügte sich damit, das Geld für ihn an Solothurn zu entrichten, und zur gleichen Zeit tat es im obern [119] Sisgau wieder einen bedeutsamen Schritt vorwärts, durch den Kauf von Wildeptingen und Oberdiegten, 13. März 1487.

Solothurn aber, im Gefühle der erlittenen Niederlage und diesem ruhigen Auskosten des Sieges durch Basel gegenüber, wußte sich nicht zu meistern. Heftig und gereizt brachte es neuerdings seine Klagen bei der Tagsatzung vor, wurde aber zur Geduld verwiesen und ermahnt, nichts Unfreundliches vorzunehmen. Die Eidgenossen wußten, wessen man sich bei Solothurn zu versehen habe; es griff in der Tat zur Gewalt.

Am 21. Mai 1487 „sind die Solothurner mit ganzer Macht und zwei Fähnlein vor Münchenstein gezogen, haben ihr Lager aufgeschlagen und vermehren sich von Tag zu Tag. Sie gedenken das Schloß zu ihren Händen zu bringen, treiben Brand und Raub in unsern Ämtern.“ So schrieb der Rat zwei Tage später dem Lienhard Grieb, der als Gesandter auf dem Reichstag zu Nürnberg weilte, und mahnte ihn angesichts eines so wichtigen Vorfalls sofort heimzukommen. Die Lage erschien um so mehr als ernst, weil es nicht bei diesem Feldzug vor Münchenstein blieb. Während sich die obern Vogteien im Sisgau rüsteten, um der Stadt zu Hilfe zu ziehen, kamen Meldungen nach Waldenburg, dann auch nach Liestal, daß es allenthalben überm Jura gähre. Es hieß, daß das ganze Gäu in Bewegung stehe, daß zu Arberg und im Bernbiet Rüstungen zu einem Zug wider Basel betrieben würden. Eine allgemeine Erhebung schien im Gange. Der Vogt zu Pfirt vernahm, die Schweizer seien willens, an den Oberrhein zu rücken; auch Statthalter und Räte zu Ensisheim waren unruhig; die Edeln von Rotberg brachten ungemahnt Hilfsmannschaft nach Basel. Diese Stadt selbst rüstete ihre Büchsen, verstärkte die Wachen; am 22. Mai, dem Tage nach Solothurns Einfall, stand die gesamte Miliz unter den Fahnen der Zünfte zum Ausmarsche bereit.

Deutlich zeigt dies Alles den Ernst der Lage. Aber eine gute und dem Leben entsprechende Ergänzung der Akten ist der bei wiedergewonnener Ruhe geschriebene Bericht des Basler Chronisten, der das Ereignis leicht spottend erledigt: „Die Solothurner riefen den Knechten im Schlosse Münchenstein zu, sie sollten es aufgeben, das Schloß wäre ihrer, oder sie müßten darüber sterben. Da rief Einer herunter: das Schloß ist meiner Herren von Basel; gehet nicht zu nahe heran oder wir schießen euch, daß ihr überburzelet. Die Solothurner antworteten: tut euer Bestes. Das wollen wir auch tun, erwiderten die im Schlosse. Also lagen sie drei Tage vor Münchenstein; dann zogen sie mit Schande wieder heim.“

[120] Die entschlossene Haltung Basels, daneben das Eingreifen rasch herbeieilender Unterhändler, wie des Bischofs von Basel, bernischer und freiburgischer Gesandter, hatten den Handstreich vereitelt. Aber Basel blieb auch nach dem Abzug der Belagerer auf seiner Hut. Noch im Juni hielt es seine Garnison zu Liestal, schickte auch Büchsenmeister hinauf, ließ sich fortwährend Meldung machen über die im Solothurner Gebiet herrschende Unruhe. Aber sofort hatte sich auch die Tagsatzung der Sache angenommen; die Tat war ein Landfriedensbruch; man empfand, daß sie „gemeiner Eidgenossenschaft merklichen Unglimpf bringe.“ Nicht nur Basel erhob Klage über das „mordliche Geläuf“; auch Herzog Sigmund verlangte Entschädigung. Aber Solothurn redete sich aus. Es stellte das Unternehmen dar als mutwilligen Streich einer Freischar; er sei nicht von der Obrigkeit ausgegangen und allen ehrbaren Leuten in Solothurn leid gewesen, habe aber nicht gehindert werden können. Diese offiziell abgegebene Erklärung mußte offiziell Glauben finden, und demgemäß fiel auch der Spruch aus. Am 25. August 1487 wurde er durch Bern, unter Mitwirkung anderer Orte, getan: er tilgte alle Feindschaft zwischen den Parteien und verpflichtete sie neuerdings auf den Spruch vom 14. Oktober 1486; Solothurn sollte den Seinen, die bei dem Überfall gewesen, Rückerstattung des geraubten Gutes auferlegen; die Leistung von Schadensersatz an Basel wurde vorbehalten, während Herzog Sigmund seine Entschädigungsforderung fallen ließ.

Durch diesen Spruch wurde endlich Friede geschaffen. Es ist von da an stille um Münchenstein in den Akten Basels. Von Übergabe des Schlosses an Österreich verlautet gar nichts; das Schloß blieb im Besitze Basels, und der Rat setzte den Lienhard Iselin als Vogt. Auch um die Instandstellung des schlecht unterhaltenen Baues kümmerte sich der Rat und schrieb dem Erzherzog, daß er tausend Gulden daran zu wenden bereit sei. Und jetzt, nach jahrelangem Verschwundensein und nachdem die Machenschaften mit Solothurn mißglückt waren, erschien auch wieder Konrad Münch. Als ein „armer und vertriebener Edelmann“ präsentierte er sich vor den Herren zu Basel mit den wehmütigsten Klagen. „Das Glück habe sich ganz von ihm gekehrt, so daß er sie um Hilfe bitten müsse. Er sei mit unzählichen Schulden beladen, die er nicht zu bezahlen vermöge. Mit Hausfrau und Kindern müsse er jetzt von Leuten, die er früher im Dienste gehabt, die Nahrung empfangen, was kläglich zu hören sei. Usw.“ In solchen Tönen redete dieser Ritter von Münchenstein, und auf solcher Erbärmlichkeit kam mit leichter Mühe eine Abrede zustande, am 31. Oktober 1489. Basel lieh dem Bedrängten siebenhundert Gulden; unter Vernichtung [121] alles bisherigen Streitens und gegenseitigen Forderns wurde die Münchensteiner Pfandschaft von 1479 ausdrücklich bestätigt und die Pfandsumme erhöht um die siebenhundert Gulden die Basel für Herzog Sigmund den Solothurnern gezahlt hatte, um die siebenhundert die es jetzt dem Konrad Münch lieh, endlich um die tausend die es auf den Bau des Schlosses verwendete; die Pfandsumme belief sich nun im ganzen auf achttausendvierhundert Gulden.


Das Verfahren der Eidgenossen bei diesen Münchensteiner Händeln ist zu verstehen als Zügelung der ungeschickten solothurnischen Petulanz, nicht als Begünstigung Basels. Wir nehmen wahr, wie Basel und die Eidgenossenschaft in den Jahrzehnten, die dem gemeinsamen Kampfe gegen Burgund folgen, auseinandergehen. Die Scheidung beginnt schon nach der Murtner Schlacht und wächst von da an bis zu völligem Losgelöstsein.

Das Bewundern der Eidgenossen im Heerhaufen und auf dem Schlachtfelde hinderte keineswegs, daß sie an und für sich dem Basler antipathisch waren. Der Rheinländer, der Städter, der Behutsame und in tausend Formen und Bedenken Erzogene nahm Anstoß an ihnen, sobald sie mit ihrem derben rauhen, keine Rücksichten kennenden Wesen ihm in die Nähe kamen. Wie Offenburg von den Schweizer Zuzügern 1445 redet, wie der Kaplan Appenwiler den Vorbeimarsch der Schweizer bei Basel 1468 schildert, wie dann auch Knebel gelegentlich seiner Galle den Lauf läßt, verrät deutlich eine dauernde und verbreitete Gesinnung. Und diese ward genährt durch das Benehmen Solothurns, das in vorderster Linie und unaufhörlich den Baslern ein Repräsentant eidgenössischen Wesens war. Aber auch Basel war für die Schweizer ein in seinem Wesen Fremdes und Ungenehmes. Jenen Äußerungen der städtischen Chronisten antworteten von jenseits des Gebirges die dort so oft unter dem gemeinen Mann laut werdenden Reden von der unverläßlichen abgesonderten, ja zum Landesfeind haltenden Art Basels.

In solcher Weise steht etwas Gegensätzliches vor uns. Und doch zeigt uns die bisherige Geschichte unzählige Male und zum Teil sehr eindrücklich, wie in gemeinsamen Taten Basels und der Eidgenossen, im Hilfebegehren und im Hilfeleisten eine andre Auffassung lebte. Wann und wie weit bei dieser das gewöhnliche Interesse und die Politik wirksam war oder aber ein höherer Gedanke, eine Überzeugung und Ahnung für einander bestimmt zu sein, das zu deuten ist unmöglich.

Aber jetzt trat auch in diesen politischen Beziehungen ein Wandel ein. Ganz im Zusammenhang mit der Entwickelung, welche die Eidgenossenschaft [122] in diesen Jahren nahm. Der glänzende Erfolg der Burgunderkriege hatte der eidgenössischen Politik nicht nur einen völlig neuen Maßstab gegeben; auch die Auffassung, die sie beherrschte, war eine andere geworden. Ein stürmisches Vorwärtsdrängen, unbekümmert, ungeberdig, allenfalls auch über die Interessen einer Stadt wie Basel hinweg, bestimmte jetzt ihren Gang, völlig entsprechend dem von schweren Unruhen und Wirren erfüllten Zustand des allgemeinen Wesens, bei dem es wild zuging auf allen Gebieten, ein ungestümes Kraftgefühl auch die Massen des Volkes brausend aufregte.

Wie hiebei das Verhältnis der Eidgenossen zu Basel sich lockerte, ist an Einzelheiten zu verfolgen. Bezeichnend ist schon bald nach Nancy die Verschiedenheit schweizerischer und oberrheinischer Politik in den burgundischen Angelegenheiten und im Verhalten gegenüber Frankreich; bestimmten Zusammenhang mit diesen Zuständen, die keinesfalls ohne die schwersten einzelnen Streitigkeiten und Zerwürfnisse sich herausbildeten, hat der merkwürdige Vorgang im Basler Rate, da dem Bürgermeister das Recht der Öffnung der aus der Eidgenossenschaft kommenden Schreiben genommen werden soll, im Dezember 1479. Von da an geht die Entwickelung weiter: in der Mißstimmung der Schweizer wegen der Münzpolitik des Rappenbundes; in den Schmähworten Hans Waldmanns; in den Beziehungen der Eidgenossen zu Bischof Caspar, die sogleich im ersten Jahr seines Episcopats einsetzen und dann ihre Haltung beim Streit des Bischofs mit der Stadt bestimmen; in ihrem Benehmen bei der Tiersteiner Sache usw. Wenn der Basler Rat gelegentlich seinen Gesandten einschärfte, „mit den Eidgenossen alle Mildigkeit und Freundlichkeit zu gebrauchen, damit Unwille abgestellt werde, und, falls solches nicht erlangt werden könne, ihnen zu erklären, daß Basel sich in keinen Weg wider gemeine Eidgenossen setzen wolle“, so zeigt dies nicht nur, wie behutsam und schonend der Rat allezeit die Formen wahrte, sondern auch, daß er sich der wirklichen Lage der Dinge durchaus bewußt war. Man wurde sich immer gleichgültiger; diese Entwickelung war nicht aufzuhalten. Wir sehen, daß von Mitte der 1480er Jahre an Basel in den Schriften der eidgenössischen Tagsatzung kaum mehr erwähnt wird.

Während die Eidgenossen sich von Basel zurückzogen, gewann diese Stadt in gleichem Maße neue Verbindungen.

Die Niedere Vereinigung stand nach den Burgunderkriegen in der Hauptsache für sich allein da; ihre Beziehungen zum obern Bunde wurden lose. Aber ihre Tätigkeit war deswegen nicht eingestellt. Unaufhörlich [123] sehen wir sie tagen, meist in Colmar und Schlettstadt, zuweilen in Basel. Am angelegentlichsten mit den burgundischen Sachen beschäftigt. Aber auch andre große Fragen treten an sie heran, wie der Antrag des Papstes Sixtus auf ein Bündnis 1479, ähnlich seiner mit der Schweiz geschlossenen Vereinung. Daneben geben ihr zahlreiche Angelegenheiten des Elsasses zu tun. Sie funktioniert als Landfriedensverband, z. B. bei Anlaß der Schifffahrtseingriffe des Grafen Konrad von Tübingen auf dem Rheine; sie sorgt für Sicherheit der Straßen; sie trifft Maßregeln gegen die laufenden Knechte; sie gibt Rat und ist Rechtsinstanz bei Streit einzelner Bundesglieder; sie ist auch Organ gegenüber den westfälischen Gerichten und bespricht unter sich die Reichsbeschlüsse wegen des Kriegs wider die Türken.

Basel nahm mit Entschiedenheit an diesem Leben teil; es war auf den Bundestagen in der Regel durch Lienhard Grieb vertreten. Im Tiersteiner Streit fand es hier die Hilfe, die es bei den Eidgenossen vergeblich gesucht hatte; auch seine Zerwürfnisse mit Bischof Caspar, dann die Bischoffische Verschwörung beschäftigten den Bund. Und mit alledem wurde nun die Niedere Vereinigung auch die Brücke für Basel, um im Reichswesen wieder heimisch zu werden.


Von den Beziehungen Basels zum Reich in den frühern Jahrzehnten war die Rede. Sie dauerten zunächst in gleicher Weise fort. Basel nahm teil an Städtetagen 1471 und 1472, am großen Regensburger Reichstag 1471, am Reichstag zu Augsburg 1473, hatte auch dazwischen in einzelnen Geschäften seine Gesandten wie Heinrich Iselin und Walther Baumgarter beim Kaiser. Aber den geforderten Reichsdienst lehnte es stets ab, bald unter Berufung auf seinen freistädtischen Charakter, bald wegen dringender Geschäfte, wilder Läufe, Unvermögen seiner Kräfte.

Es kamen die Jahre des Kampfs gegen Burgund. Während am Oberrhein das Wichtigste sich vollzog, im April 1474, hatte der Bürgermeister Hans von Bärenfels die Stadt am Reichstage in Augsburg zu vertreten. Die verlangte Mannschaft zum Krieg wider die Türken erklärte er nicht stellen zu können; sein Versuch, die Stadt mit Geld loszukaufen, gelang nicht. Als dann Basel sich freizumachen suchte wegen des Krieges mit Burgund, trat Kaiser Friedrich hierauf gar nicht ein, sondern verlangte den Zuzug. Aber Basel sandte ihn nicht; in den mächtigen Ereignissen ging dann dieses Geschäft unter, und als im Frühjahr 1475 Basel seine Mannschaft vor Neuß schickte, war seine bestimmt ausgesprochene Meinung, daß dies freiwillig und nicht aus Pflicht geschehe.

[124] Je bewußter der Kampf gegen Burgund als nationale Sache, „von des heiligen richs ehafte wegen“, geführt wurde, um so heftiger mußte die Erbitterung gegen den Kaiser sein, als dieser den Frieden mit Herzog Karl schloß, Niedere Vereinigung und Eidgenossen ihrem Schicksale preisgab. „Juden und Heiden schirmt er, aber nicht die Christen.“ Der alte Groll des Armagnakenjahres wachte wieder auf bei diesem neuesten Erlebnis, und in den herbsten Worten ergeht sich der Chronist, wenn er auf den Kaiser, dessen Treulosigkeit und böse Gesinnung zu reden kommt. Aber die Wirkung war allgemein. Daß im Herbst 1475, im Moment der höchsten Gefahr, alle Hilfsgesuche der Niedern Vereinigung durch die Reichsstädte abgelehnt wurden, zeigte, wie erschüttert der alte Zusammenhang war; und ebenso nahmen Basel und die Elsässer an der Schlacht bei Murten Teil ohne Beachtung des vom Kaiser dem Reich gebotenen Friedens. Erst die Katastrophe von Nancy brachte eine Änderung. Sie stellte den Gegensatz Deutschland—Frankreich in die vorderste Linie, und dies mußte auch auf die Beziehungen Basels zum deutschen Reiche wirken.

Diese Beziehungen sind auf Seite Basels geleitet durch eine nüchterne abwägende Politik. Wie diesem Kaiser Friedrich gegenüber, der nur an Österreich denkt, keiner der Reichsstände Interesse und Hingebung für das allgemeine Wohl des Reiches bekundet, so auch Basel. Die Stadt nimmt Teil an den Reichsgeschäften, sie hält an ihrem Charakter als Reichsstand durchaus fest; aber sie hat auch ihr eigenes Leben, das oft schwer genug ist und ihr keine Zersplitterung ihrer Kraft gestattet. Von der einen Seite erhält der Rat die zahlreichen Gebote des Kaisers zu Reichsdienst und Reichssteuer; auf der andern Seite hat er die Angelegenheiten der eigenen Stadt vor sich. Und nun besteht seine Politik darin, diese von rechts und von links sich meldenden Geschäfte Ansprüche Bedürfnisse mit einander in Beziehung zu setzen. Den Streit mit Bischof Caspar z. B. übergibt der Rat dem Kaiser; er will damit nicht nur eine Verzögerung bewirken, sondern hat nun auch in der Hand, das Verhalten des Kaisers zu diesem Streite mit seinem des Rates Verhalten zu den Reichsforderungen zu reglieren und zu lenken. Ähnlich handelt er in der Konzilsunternehmung des Andreas von Krain; ein Erlaß des Kaisers zu Gunsten der Stadt geschieht gleichzeitig mit der Quittung über geleistete Reichshilfe. So ist das Benehmen der Stadt zum Reich an keine festen Grundsätze gebunden, sondern wandelt sich von Fall zu Fall, wie auch der Kaiser seinerseits natürlich nur Zug für Zug tut. Es ist ein Handeln, das von den Vertretern der Stadt die größte Umsicht und Behutsamkeit fordert. Maß- und Richtunggebend ist das im [125] einzelnen Moment Opportune; als allgemeine Erwägung kommt nur in Betracht, daß die Stadt bei kaiserlicher Majestät nicht als ungehorsam gelten soll.

Wir dürfen Basel nicht darum gering schätzen, daß es so handelte. Was konnte die Stadt vom Reich erwarten, wenn sie ihm auch noch so große Opfer brachte? Sie selbst aber hatte gerade in diesen Jahren die schwersten Anfeindungen zu bestehen, bei denen es um ihre Freiheit und ihren Bestand ging. Nur eine solche Politik hielt sie aufrecht; und dabei hatte sie das Beispiel aller Stände.

Von Reiz ist nun aber, das Verfahren zu betrachten. Schon äußerlich an dem jetzt virtuos ausgebildeten Kanzleistil, mit dem die Stadt die besten Gesinnungen zu zeigen vermag und sich doch zu gar nichts verpflichtet. Dann an der Tätigkeit der städtischen Unterhändler.

Wir finden diese vor allem auf den zahlreichen Städtetagen. Von dem Gefühl der Gemeinsamkeit freilich und dem Zusammenarbeiten, das noch ein halbes Jahrhundert früher diese Konvente erfüllte, ist jetzt wenig mehr zu finden. Die Zersplitterung, die das gesamte Reichswesen kennzeichnet, trifft auch das städtische Element. Die Städte sind sich fremder als ehedem. Was sie jetzt noch zusammenführt, sind selten die innern Erlebnisse, vielmehr das Verhalten zu Kaiser und Reich und das Bedürfnis, sich über die beste Art der Ablehnung von Reichslasten zu besprechen. Fast ausnahmslos ist Lienhard Grieb der Gesandte Basels auf diesen Tagen; wie er die Stadt bei der Niedern Vereinigung vertritt, so auch bei den Zusammenkünften draußen im Reich, in Ulm, in Eßlingen, häufig in Speyer. Hier haben wir ihn uns vorzustellen, wie er der gute Bekannte all der angesehenen Deputierten andrer Städte ist, mit denen er immer wieder zusammentrifft, des Sigmund Gossembrot von Augsburg, des Ulman Stromer von Nürnberg, des Hans Nithart von Ulm, des jungen Walther Schwarzenberg von Frankfurt a. M., wie er als geschickter Geschäftsmann, beobachtend klug reserviert das Wesen seiner Stadt vollkommen darstellt und ihr Ehre erwirbt.

Der zweite Ort, an dem Basel auftritt, ist das kaiserliche Hoflager selbst. Hier, wo die größte Geschicklichkeit vonnöten ist, handeln für Basel meist Heinrich Zeigler sowie die Stadtjuristen Durlach und Helmut, zeitweise auch Grieb.

Endlich die Reichstage. Bei diesen gilt es wesentlich Repräsentation, daher wir hier den Bürgermeister Hans von Bärenfels als Gesandten sehen.

[126] In den Instruktionen, dann in den Gesandtenberichten liegt das eigentümliche Wesen dieses ganzen Verkehrs vor uns aufgeschlossen. Wir sehen die städtische Behörde, durch tausend Geschäfte geplagt, unter denen einzelne die gesammeltste Aufmerksamkeit und die emsigste Tätigkeit fordern. Und nun kommen Einladungen zu Städtetagen, Einladungen zu Reichstagen, Aufrufe Mahnungen Klagen Vorwürfe des Kaisers oder seiner Anwälte, Rapporte des Prokurators den Basel dort am Solde hat, Briefe von Fürsten und Städten. Wie groß sind die Fragen, die da zur Behandlung kommen; wie weit das Feld, auf das Basel hinaustreten soll. Nichts Verwandtes mit den oft so kleinen Geschäften eidgenössischer Tage. Der Ungarnkönig Mathias Corvinus legt seinen Streit mit Kaiser Friedrich dar. Kaiser und päpstlicher Legat rufen auf zum Kampfe wider den Türken, den Erbfeind der Christenheit.

Eine Gesandtschaft wird beschlossen, ihre Instruktion durch die Dreizehner vorberaten, durch den Rat erteilt. Meist mit merkwürdig weiten Limiten. Die Stadt gibt dem Gesandten nur im allgemeinen die Richtung und das Ziel. Wir werden dabei gewahr, wie viel an Kenntnis der Geschäfte, an Klugheit, aber auch an Redegeschick, an äußerer Weltgewandtheit und Schule von diesen Herren verlangt wurde.

Und nun ihre Relationen. Schon unterwegs schreiben sie. Auf einer der zahlreichen Wiener Reisen dieser Jahre wird in München der Doktor krank und die Gesandten müssen die Reise zu Schiff fortsetzen, sie fahren „mit Sorge durch die Feinde“. Ein andres Mal, wie sie dem Ziele schon nahe sind, müssen sie über zwei Wochen in Wiener Neustadt liegen bleiben und auf das Geleite warten. Am kaiserlichen Hofe beginnen erst recht die Schwierigkeiten. Wie Viele sind da, die begrüßt und geehrt, wohl auch beschenkt sein wollen. Mit Graf Hug von Werdenberg, dem einflußreichen Prüschenk, dem Dr. Hesler, dem Erzbischof von Gran hat der Gesandte zu verhandeln, mit dem Prokurator Basels — Meister Arnold von Laa, seit 1482 Meister Jörg Schrötel, seit 1498 Doktor Johannes Rechlinger — zu konferieren, bis er endlich die Audienz beim Kaiser erlangt. Er muß an den Protonotar Waldner, ja selbst an den kaiserlichen Türhüter Jakob Zünd empfohlen sein, wenn er Erfolg haben will, und darf sich das Warten vor der Ratsstube, zuzeiten bis nach Mitternacht, nicht verdrießen lassen. Oft wochenlang ziehen sich die Verhandlungen hin, mit großen Kosten für die Stadt und mancherlei Ungemach für den Gesandten. Nicht nur von den Reichstagen kommen die Klagen, daß die Geschäfte nicht vorwärts gehen, daß man nicht loskomme; auch aus der Wiener Hofburg ruft Heinrich [127] Zeigler ungeduldig nach Ablösung. Der Rat weist ihn ab mit der Ermahnung, der Stadt Sachen sich auch ferner befohlen sein zu lassen; „din husfrow und kind sind von den gnaden gottes in vermuglicher gesundheit, das got lang zit seliclich besteten wolle.“

Die Hauptsache freilich, das wirkliche Ergebnis der Gesandtschaften, ist dann nirgends für uns niedergelegt. Der Gesandte rapportiert mündlich, und nur aus dem Folgenden der Politik und der Geschäfte vermögen wir zu erkennen, was er gewirkt hat.

Einzelne Momente dieses Verkehrs verdienen nähere Beachtung.

Nachdem schon 1477 Kaiser Friedrich die Stadt Basel zum Kampfe wider Frankreich und durch eine eigene Gesandtschaft zum Kampfe wider Ungarn aufgeboten, dann Basel in den Jahren 1478 und 1479 sein Fernbleiben von Städtetagen und Reichstag mit dem burgundischen Krieg entschuldigt, im März 1480 den Städtetag zu Speyer, im Oktober 1480 den Reichstag zu Nürnberg besucht hatte, brachte das Jahr 1481 der Stadt eine außerordentlich rege Tätigkeit in Reichsdingen. Es handelte sich um einen allgemeinen Heerzug gegen die Türken zufolge den Beschlüssen des Nürnberger Reichstages vom letzten Herbst. Zahlreiche Städtetage beschäftigten sich mit der Angelegenheit; Basels Gesandter war wie gesagt jeweilen Lienhard Grieb, und dieser vertrat die Stadt nun auch im Juli am Reichstage zu Nürnberg. Seine Instruktion war, das verlangte Aufgebot zu verweigern. Es sei wider Recht und Herkommen der Freistädte, der Anschlag sei durch die Fürsten hinter der Städte Rücken aufgestellt worden, der Heerzug sei in Wahrheit nicht gegen die Türken, sondern gegen den ungarischen König bestimmt. Aber während Basel dieser Art im Kreise der Stände sich vernehmen ließ, machte es noch seine separaten Geschäfte mit dem Kaiser durch Vermittlung des Heinrich Zeigler, der schon im Sommer 1481 am Hofe zu Wien weilte und im Januar 1482 wieder hinreiten mußte. Was hier besprochen wurde, scheint weniger der Streit mit dem Bischof, als die früher erwähnte Angelegenheit der Sisgauer Landgrafschaft gewesen zu sein. Basel kam dabei zu seinem Ziele; aber diese Erweisung des Kaisers wirkte sofort auch auf die Haltung in den Reichsgeschäften. Zeigler bekam vom Rate den Auftrag, nun auch wegen der Reichshilfe zu verhandeln. Eine ungewohnt detaillierte Instruktion regelte sein Vorgehen. Von anfänglicher Ablehnung der Hilfe durch alle Eventualitäten von Aufschubbegehren Geldanerbieten Heruntermarkten des Aufgebotes hindurch. Zuletzt ließ der Rat, „dieweil wir stäts in Übung gewesen sind, der kaiserlichen Majestät Gunst und Willen zu erlangen“, sich doch dazu herbei, die [128] verlangte Mannschaft zu stellen. Er beauftragte Zeigler, vierzig Mann zu Roß und vierzig zu Fuß anzuwerben, mit einem Wochensold von einem Gulden für den Reiter, einem halben für den Gänger.

Von da an hatte Basel eine Truppe beim Reichsheer stehen. Der Söldner Marx Stump wurde nach Wien geschickt, um diese Werbungs- und Soldgeschäfte zu besorgen und nebenbei ständiger Agent Basels zu sein; Paul Rechenstein, George Byelacher, Niclaus von Rosnitz, dann Sigmund von Liechtenstein erscheinen als Hauptleute der von Basel Geworbenen. An den Kämpfen Friedrichs gegen den Ungarnkönig, die im November 1481 begannen, nahmen auch diese Basler Teil, und wie erheblich die Leistung war, zeigen die Rechnungen der Stadt. Im dritten Jahre wurde die Truppe verringert; 1485 verschwindet sie aus den Akten.

Im Februar 1486, am Frankfurter Reichstag, wurde Friedrichs Sohn Maximilian zum römischen König gewählt, während Mathias Corvinus, seit einem halben Jahre schon Herr über Wien, in der alten Hofburg residierte. Zum Kampfe gegen ihn nahm der Reichstag die Aufstellung eines Heeres in Aussicht; bis zum Zustandekommen dieser „großen Hilfe“ aber sollte durch die Reichsstände ein kleiner Anschlag zur Erhaltung einer „eilenden Hilfe“ von achttausend Mann gezahlt werden. Am 1. Mai 1486, von Köln aus, forderte Friedrich Basel zur Zahlung von dreitausendsechshundertzwanzig Gulden an diese eilende Hilfe auf mit dem Beifügen, sich auch zur Zahlung des großen Anschlags bereit zu halten.

Der Rat beeilte sich durchaus nicht. Ende Augusts empfing er den Besuch eines kaiserlichen Orators, des Dr. Jakob Merswin, und ließ durch Deputierte mit diesem verhandeln. Ohne Ergebnis. Erst ein strenges Mahnschreiben des Kaisers vom 12. Januar 1487 brachte den Handel in Fluß. Der Rat beschloß jetzt, eine Gesandtschaft an Friedrich abgehen zulassen, und bestellte hiezu den Lienhard Grieb, der zur Zeit am Städtetag in Heilbronn sich aufhielt, samt dem Syndikus Helmut. In Speyer fand diese Gesandtschaft den Kaiser, und hier geschah nun die Verhandlung.

Ausführliche Aufzeichnungen über die mit Merswin gehaltene Konferenz, sowie die den Gesandten erteilte Instruktion zeigen uns das Raisonnement des Rates. Er ging davon aus, daß Basel als Freistadt weder dem kleinen noch dem großen Anschlag nachzukommen schuldig sei; es habe keine andere Pflicht als den Dienst über Berg mit zehn Glenen. Aber weil die Stadt sich immer gutwillig gezeigt habe, wolle sie jetzt den kleinen Anschlag zahlen. Den großen verweigere sie aufs entschiedenste. Alles mögliche führte der Rat hiefür ins Feld: seine Leistungen im burgundischen [129] Krieg, den vor Neuß aus freiem Willen geleisteten Reichsdienst, die Aufnahme der flüchtigen Burgunder 1479, die um des Reiches und des Hauses Österreich willen geschehene Abweisung der Geld- und Bündnisanerbietungen Ludwigs von Frankreich, die mit den Söldnern in Ungarn geleistete Hilfe, die teure Zeit, den Streit mit den Nachbarn, die Konzilsfatalität. Sollte der Kaiser trotz alledem auf seiner Forderung beharren, so würde Basel verarmen, die Reichen würden die Stadt verlassen, große Zwietracht würde entstehen und die Stadt vom Reiche getrennt werden. Wiederholt kehrt dies letzte, einer Drohung gleichende Motiv in den Akten wieder; auch werden die Gesandten nicht ermangelt haben, es in den mündlichen Verhandlungen wirken zu lassen. Überdies hatten sie vorsorglich das Geld für den kleinen Anschlag schon in der Tasche. Am 18. Februar 1487 quittierte der Kaiser zu Speyer über die dreitausendsechshundertzwanzig Gulden, und vom großen Anschlag war nicht mehr die Rede.

Noch vor dieser Erledigung der 1486er Beschlüsse war Basel schon wieder zu einem Reichstag entboten worden. Am 31. März 1487 wurde dieser in Nürnberg eröffnet; Lienhard Grieb war wiederum Basels Vertreter, und auch hier kam es zur Bewilligung einer Reichshilfe gegen König Mathias von Ungarn. Basels Anschlag betrug zweitausend Gulden. Wir erfahren nichts von Verhandlungen; aber das Rechnungsbuch zeigt, daß Basel zwei Drittel der geforderten Summe zahlte: dreizehnhundertdreiunddreißig Gulden, acht Schillinge, drei Pfenninge.

In solcher Weise diente Basel dem Reiche, stets unter Betonung, wie schwer es ihm falle und wie ganz und gar nicht verpflichtet es sei. Zwischen durch ließ es zahlreiche Forderungen und Mahnungen des Kaisers unbeachtet, und an den Städtetagen redete es stets für Ablehnung. Wenn es dann in einzelnen Momenten und auf Grund direkter Verhandlung mit der Majestät dennoch Konzessionen machte, so ist hiebei immer an ein Einwirken bestimmter Gründe zu denken.


Neben den Reichsangelegenheiten, die durch alle diese Jahre Basel beschäftigten, aber jedes Mal wie etwas völlig neu Beginnendes, war das Verhältnis zu Österreich ein dauernder und unausgesetzt spürbarer Zustand. Dabei beherrscht von dem beiderseits geltenden Willen, daß es ein gutes Verhältnis sein solle. Man war sich so nahe und im täglichen Leben so tausendfach auf einander angewiesen, daß man nur Freundschaft oder Krieg haben konnte. Die große Richtung von 1449 hatte das Erstere ermöglicht, und Sigmunds persönliche Neigung half jedenfalls auch dazu. [130] Er ging jetzt sogar noch weiter und schlug Basel, das im Frühjahr 1484 wegen der Klingentaler Reformation, wegen der Bischoffischen Verschwörung, wegen der Konzilssache, wegen Geleites und feilen Kaufes im Sundgau mit ihm verhandelte, bei dieser Gelegenheit geradezu den Abschluß eines Bündnisses vor. Deutlich war ja, wie viel er und die Stadt allezeit miteinander zu tun hatten, und es schien richtig, diesen Beziehungen eine feste Form zu geben. Die Reise der österreichischen Räte nach Basel, die Anwesenheit einer Basler Gesandtschaft in Innsbruck, mit dem Bürgermeister Hans von Bärenfels an der Spitze, lassen uns erkennen, wie ernstlich verhandelt wurde; eine ganze Reihe von Bündnisentwürfen liegt vor. Daneben steht das Geschenk eines Prachtbechers durch Basel an den Herzog, wohl aus Anlaß seiner Vermählung mit Katharina von Sachsen. Dennoch ward zuletzt nichts aus der Sache. Der Rat brachte sie vor die Sechser, und hier ward gefunden, daß es „bei den Zeiten ungelegen“ sei, sich mit Jemand in ein Bündnis einzulassen. Man zog vor, keine Verbindlichkeiten zu haben und von Fall zu Fall handeln zu können. Sofern der Herzog und seine Ritterschaft der Stadt wie bisher Freundschaft und „Liebtat“ beweise, werde Basel desselben geneigten Willens gegen sie sein. Daß dieses Verhalten richtig war, einem Fürsten wie Sigmund und dessen Vertreter in den Vorlanden, Graf Oswald von Tierstein, gegenüber, zeigte sich schon nach Kurzem.

Am 17. Juli 1487 verkaufte Sigmund den Sundgau, den Breisgau, den Schwarzwald, die vier Städte am Rhein nebst andern vorderösterreichischen Gebieten an die Herzoge Albrecht und Georg von Bayern. Die Vorgeschichte dieses Aktes ist hier nicht zu schildern; es zeigt das Haltlose der Handlungsweise Sigmunds, ist Zeugnis der starken und kühnen Politik, mit der die Wittelsbacher damals vorgingen und die sie auch schon 1466 dazu geführt hatte, dem Johann von Venningen das Bistum Basel abnehmen zu wollen. Den Vorlanden aber verhieß es etwas völlig Neues und brachte sie in die größte Erregung; sie waren wieder durch ihren Herrn verhandelt wie vor achtzehn Jahren in St. Omer. Auch Basel, noch in frischem Unwillen über den Münchensteiner Handstreich der Solothurner stehend, schaute sich besorgt um. Was Wittelsbacher Regiment bedeutete, war vor einem Jahr erst bei Regensburg zu sehen gewesen: die alte Freistadt hatte am 6. August 1486 dem Herzog Albrecht huldigen müssen; und warum sollte dieser nicht mit Basel das Gleiche versuchen wollen? Auch von den Verhandlungen der Herzöge mit Ungarn, mit Frankreich, mit den Eidgenossen, von dem Projekt einer gegen Österreich gerichteten Koalition dieser Mächte konnte Basel unterrichtet sein.

[131] Der Verkauf der Vorlande an Bayern kam freilich nicht zur Ausführung. Sondern unmittelbar an diesen Handel schloß sich der Untergang Sigmunds. Schon im August war der Kaiser eingeschritten, hatten sich die Tiroler Stände mit Klagen wider das „böse“ Regiment Sigmunds und seiner Räte erhoben. Diese, unter ihnen auch Graf Oswald von Tierstein, wurden entfernt, dann am 8. Januar 1488 geächtet. Der Verkauf der Vorlande ging zurück. Sigmund mußte die Verwaltung seiner Gebiete den Ständen überlassen und erhielt an seine Seite ein von ihnen gewähltes Ratskollegium. Ohne Macht, in schmählicher Abhängigkeit lebte der alternde Fürst dahin; nach zwei Jahren verzichtete er zu Gunsten Maximilians auf die Regierung.

Wir verstehen die Wirkung dieser Katastrophe auf Basel. Von nun an sollte die Stadt nur noch mit dem Gesamthaus Österreich zu tun haben; Leitung des Reiches und Regierung der benachbarten Vorlande waren eins. Auch der alte Feind Oswald von Tierstein war in diesem Wirbel untergegangen. Seine Ächtung durch den Kaiser wurde in Basel am Rathause angeschlagen; als sein Schreiber ein Gegenmanifest daneben nageln wollte, verbot dies der Rat, und dem Grafen selbst bedeutete er, daß er sich hier nicht zeigen möge; wenn ihm etwas Unliebes begegnete, würde es dem Rate leid sein, aber nicht gehindert werden. Solothurn natürlich trat für Oswald ein, wurde aber vom Rat abgewiesen. Bald darauf starb der Graf.


Als Schluß der Entwickelung, da Basels Beziehungen zu den Eidgenossen soviel als gelöst sind, sein Verhältnis zum Reiche und zu Österreich ein zusammengefaßtes einheitliches geworden ist, Graf Oswald von Tierstein nicht mehr existiert, ergibt sich ein angenehmer Zustand der Vereinfachung und Klärung, um dessen willen allein schon diese Zeit als bedeutsam in der Stadtgeschichte gelten könnte. Es handelt sich dabei freilich nur um einen Moment; aber auch das nun Eintretende und sofort aufs neue Verwirrende macht, daß diese Jahre Epoche bilden. Vor allem der Schwäbische Bund. Gleichzeitig mit den Abmachungen über Verkauf der österreichischen Vorlande an Bayern hat er sich gebildet, 1487, als ein Landfriedensbund der Fürsten Ritter und Städte Schwabens, mit deutlicher Richtung gegen die von Wittelsbach angestrebte Machtverschiebung in Süddeutschland, durch Kaiser Friedrich als eine Stütze seiner Hausinteressen mit allen Mitteln gefördert. Sodann das akute, Alles in Bewegung bringende Ereignis der Festnahme König Maximilians durch die meuternden Bürger von Brügge am 1. Februar 1488. Zugleich wird auch [132] wieder die wichtigste innere Angelegenheit Basels, der Zwist mit dem Bischof, rege. Von allen Seiten wirkt es so auf Basel ein, und unter diesem Ansturm, bei Verflechtung der verschiedensten Interessen und Kräfte, sieht sich die Stadt dazu gedrängt, ihre Stellung zum Reiche neu zu formulieren und alte, bisher hochgehaltene Freiheit preiszugeben.

Am 16. März 1488 entbot Kaiser Friedrich Basel ins Feld. Die Gefangensetzung seines Sohnes in Brügge war ein Schimpf, den er vor allem als Kaiser empfand und zu dessen Sühnung er das ganze Reich aufrief. So stark als möglich gerüstet solle Basel seine Truppen auf 23. April zum Reichsheere nach Köln senden.

Eine zweite Mahnung, vom 8. April, folgte, während Basel sich noch besann. Der Rat schrieb dem Kaiser, daß es ihm schwer falle, dem Aufgebot zu folgen. Kein Wort vom Rechte der Freistadt wird laut; nur von Schwierigkeiten ist die Rede; der Kaiser möge bedenken, an welchem Ort und in welcher Nachbarschaft Basel gelegen sei. Aber zum Schlusse sagt der Rat die Mannschaft zu. Am 19. April fuhr Basels Kontingent den Rhein hinab, hundertfünfzig Mann stark, schön uniformiert und gerüstet. Hauptmann war Peter Offenburg, der Enkel Henmans.

In Köln stießen die Basler zum Reichsheer, und bald darauf geschah der Einmarsch in Flandern. Am 16. Mai stand Offenburg mit seiner Schar vor den Mauern von Brügge, und Tags darauf konnte er teilnehmen am Empfange des inzwischen freigewordenen Maximilian. Mit wenigen Begleitern kam der König zum Stadttor herausgeritten; keine andern Städte waren anwesend als Basel Konstanz und Rotweil, auch die Fürsten fehlten.

Dem Reichsheere fiel jetzt noch die Aufgabe zu, die Rebellion im Lande niederzuschlagen und das habsburgische Regiment neu zu befestigen. Auch die Basler halfen dabei. Am 2. Juni finden wir sie in Lokeren, am 5. Juli vor Gent, am 18. Juli bei der Erstürmung von Damme. Aber nicht mehr so zahlreich wie zu Beginn des Feldzuges. Schon vom Juni an nahm Offenburg, mit Einwilligung des Rates und nach dem Beispiel anderer Kontingente, eine allmähliche Reduktion der Mannschaft vor; in Trüppchen von Wenigen ließ er sie heimziehen. Anfangs Augusts waren ihrer nur noch fünfundsiebzig. In dieser Stärke scheint Basel fernerhin den Krieg mitgemacht zu haben; die Letzten blieben bis zum Oktober in Flandern, nach Offenburgs Weggang unter der Führung des Heini Christen von Waldenburg.

Gerne lesen wir, wie die Tapferkeit der Basler Mannschaft gelobt wird und wie Offenburg im Ansehen bei den Fürsten steht; das ganze [133] Schauspiel, mit der allmählichen stillen, obrigkeitlich sanktionierten Fahnenflucht endigend, hat doch etwas Kleinliches. Von Anbeginn hatte der Rat bei diesem Reichsdienste nicht das Reich im Auge gehabt, sondern nur die eigene Stadt.

Der Prozeß mit Bischof Caspar erforderte seine ganze Aufmerksamkeit, und er benützte sofort diese Brügger Sache, um seine Stellung gegenüber dem Bischof zu verbessern.

Zunächst dadurch, daß er die vor dem Kammergericht schwebende Verhandlung hinauszuschieben suchte. Schon in seiner ersten Instruktion an Offenburg stand der Auftrag, eine Terminerstreckung von zwei Jahren zu begehren, und Offenburg erlangte in der Tat, gleich bei Beginn des Feldzugs in Köln, einen entsprechenden Erlaß des Kaisers.

Sodann aber wollte der Rat bei dieser Gelegenheit das Recht der Stadt überhaupt in grundsätzlicher Weise regeln und bereichern. So sehr bereichern, daß er nicht hoffen konnte, mit der Entsendung seiner Hilfsmannschaft genug getan zu haben, sondern zu größern Opfern bereit sein mußte. Am 16. Juli machte er dem Offenburg hierüber Mitteilungen; er befahl ihm, beim Kaiser eine Bestätigung der Stadtfreiheiten und Bewilligung einiger „neuer Artikel“ zu begehren. Indem er eine in Offenburgs Namen redigierte Supplikation übersandte, wies er ihn an, diese einzugeben, als ob sie nur sein persönliches Verlangen wäre und der Rat nichts von ihr wüßte, und jedenfalls das Geld nicht zu sparen. Offenburg gab sich Mühe, sparte auch das Geld nicht, und am 19. August 1488, zu Antwerpen, erhielt er von Kaiser Friedrich das gewünschte Privileg.

Dessen Hauptbestimmungen sind: der Rat wird als befugt erklärt, alle in der Stadt seßhaften Leute, geistliche und weltliche, zu besteuern. Er wird ferner als befugt erklärt, jederzeit Satzungen und Ordnungen über der Stadt Nutzen zu machen. Wenn die Basler gegen eine Forderung, die an sie gestellt wird, nicht nach Laut ihrer Freiheit vor dem Schultheißengerichte Recht nehmen wollen, so sollen sie bloß vor dem Kaiser oder vor dem Hofgericht zu Rotweil belangt werden können, jede Ladung und Handlung vor andern Gerichten aber null und nichtig sein. Den Baslern wird das Recht zugesprochen, alle Bodenzinse in der Stadt abzulösen.

Dies waren die „neuen Artikel“, die der Rat verlangt hatte und über die hinaus der Freiheitsbrief nur die üblichen Verfügungen und Bestätigungen enthält. Sie waren wichtig genug, um dem Privileg den Charakter eines eigentlichen Stadtrechtsbriefes zu geben; für das Verhältnis der Stadt zum Bischof hatten sie die größte Bedeutung.

[134] Dieses Privileg erlangte der Rat durch seine Sukkursleistung nach Flandern; namentlich aber dadurch, daß er in dem Briefe den Kaiser sich den ordentlichen Herrn der Stadt Basel nennen ließ. Es waren nur wenige Worte; aber zusammengehalten mit dem Handeln Basels in den nun folgenden Zeiten zeigen sie uns, daß der Rat dabei auf den freistädtischen Charakter seiner Stadt Verzicht leistete. Basel stellte sich in die Reihe der gewöhnlichen Reichsstädte.

Es war kein großes Opfer. Die wiederholten Leistungen für das Reich, die Basel in den letzten Jahren über sich genommen hatte, zeigen, daß die Stadt in diesen Dingen nicht straffen Grundsätzen folgte. Sie fand es bei Gelegenheit vorteilhaft, sich nicht auf ihr freistädtisches Recht zu versteifen, sondern dem Kaiser zu geben was er wünschte, und so brachte der Antwerpner Freiheitsbrief, der im übrigen so Wichtiges gewährte, den Reichsbeziehungen Basels nur eine Änderung der Form, nicht der Sache. Auch die Reichsstadt Basel vermochte noch den Huldigungseid abzulehnen, wie ihn die Freistadt abgelehnt hatte, und sich auch sonst in ihrem Bereiche dem Willen des Kaisers gegenüber zu behaupten.

Es zeigte sich dies sofort bei den mit der Antwerpner Sache zusammenfallenden Verhandlungen über Basels Beitritt zum Schwäbischen Bunde. Basel erhielt den Befehl des Kaisers, dem Bunde beizutreten, unter Androhung der Acht und einer hohen Geldstrafe. Umgehend antwortete der Rat. Den Beteuerungen seines guten Willens, dem Hinweis auf all das von ihm seit den Tagen Karls von Burgund für das Reich Geleistete folgt die Erklärung, daß er dem Mandat nicht gehorchen werde; der Beitritt zum Bunde würde den Untergang Basels, seine Abtrennung vom Reiche bewirken. „Basel sei an viel sorglicheren Enden gelegen, habe viel gefährlichere Nachbarn als die andern Reichsstädte.“

Also auch hier wieder wird geltend gemacht, wie außergewöhnlich und exponiert die Lage der Stadt sei. Daß der Rat dabei an die Schweizer dachte, ist nach allem Vorangegangenen, auch nach dem zu allerletzt noch durch Bern im Streite wegen Lienhards von Aarau Geleisteten, begreiflich. Die Instruktion, die der Rat an Offenburg nach Antwerpen schickte, um dort dem Kaiser Basels Ablehnung zu übergeben, gibt zudem volle Klarheit über die hier herrschenden Anschauungen. „Was Freundschaft die Eidgenossen uns bisher erzeigt haben und täglich erzeigen, ist dir wohl kund und magst du offen und deutlich dem Kaiser sagen. Wie unsre Schlösser und Gebiete durch sie begehrt werden, weißt du von deinem Schlosse Farnsburg; wenn sie dieses hätten, ist leicht zu erkennen, was das für Österreich bedeuten [135] würde. Item wie es uns mit Münchenstein ergangen ist. Sollten wir in den Schwäbischen Bund uns verpflichten, von dem die Eidgenossen meinen, er sei gegen sie gemacht und geschlossen, so würden sie über uns herfallen, das Unsere einnehmen und verderben, und wir würden gezwungen sein zu tun, was wir ungerne tun, und vom heiligen Reich abgetrennt werden.“

Für uns sind diese rückhaltlosen Äußerungen vom höchsten Werte. Der Rat erkennt in den Eidgenossen die Gegner der Stadt; er will beim Reiche bleiben, hat sich diesem aufs neue und stärker als bisher verpflichtet; aber den Schritt, der die Freiheit der Stadt als Kampfpreis zwischen die Gegner wirft, versagt er, keinen Augenblick zweifelnd, wer im Kampfe Sieger sein würde.

Diese Politik, an den Lehren der seit dem burgundischen Krieg verflossenen zehn Jahre gebildet, beherrscht von nun an, wieder ein Jahrzehnt lang, die Haltung der Stadt. Nichts Schwankendes ist mehr in dieser Haltung. Aber viel Vorsicht und keinesfalls etwas Großes. Das Verhängnis Basels ist gewesen, daß seine Kraft nie dazu ausgereicht hat, die eigenartige Gunst seiner Lage nach Nord und Süd herrschend zu genießen, die Bedeutung von Durchgang und Schwelle politisch zu bemeistern und über sie hinauszuwachsen.


Regelrecht erfüllte nun Basel seine Reichspflicht. Vorerst beim flandrischen Krieg. Für den nach Speyer angesagten Reichstag im Januar 1489 hatte der Rat seine Gesandten instruiert, eine Teilnahme am Zug in die Niederlande abzulehnen; aber den Beschlüssen des Reichstages gegenüber, der dann im Juni zu Frankfurt stattfand, vermochte Basel seine Neigung nicht festzuhalten. Hans von Bärenfels war dort Basels Vertreter und willigte darein, daß die Stadt zu der „eilenden Hilfe in Niederland“ siebenundzwanzig Fußknechte stelle; die außerdem auferlegten acht Reiter konnte er abmarkten. So rüstete denn der Rat auf den Herbst wieder eine Expedition. Er nahm den Söldnerführer Diebold Sömlin in seinen Dienst, ließ durch ihn die Knechte werben und machte ihn zu deren Rottmeister. Ende Septembers stellte sich diese Basler Truppe in Köln unter die Befehle des Reichsfeldherrn Albrecht von Sachsen und zog ins Feld. Noch im Mai 1490 finden wir Sömlin und seine Söldner in Flandern; der Rat empfahl ihm, die Zahl der Mannschaft auf glimpfliche Weise zu mindern. „Wir halten nicht für nötig, allezeit die volle Zahl der Knechte zu halten.“

[136] Anderes folgte: ein Aufgebot des Kaisers zur Hilfe gegen Ungarn. Nach dem Tode des Corvinus war die ungarische Krone an Wladislaw von Böhmen gelangt, und es handelte sich nun nicht nur darum, Ungarn für Habsburg wiederzugewinnen, sondern auch darum, im Interesse des Reiches die Bildung eines großen slawischmagyarischen Nachbarstaates zu verhindern. Daher Ende 1490 der Ruf zu einem gemeinen Heerzug und an Basel das Gebot, seine Truppen nach Wien zu senden. Im März 1491 trat in Nürnberg der Reichstag zusammen, und in der von den Fürsten bewilligten Hilfe war auch Basel veranschlagt, zur Stellung von fünfzehn Berittenen und fünfundvierzig Fußknechten. Basel war anfangs entschlossen, diese Truppen zu senden; in der Folge leistete es die Hilfe nicht mit der Mannschaft, sondern durch Zahlung von neunzehnhundertfünfzig Gulden.

Wichtiger war der Krieg gegen Frankreich. Was hier geschah, ergriff die Nation. Seit dem Untergange Karls von Burgund hatte der Kampf eigentlich nie geruht; in den Niederlanden fochten Maximilian und seine Reichsheere mit den Franzosen. 1490 hatte sich Maximilian mit der Herzogin Anna, Erbin der Bretagne, vermählt und damit Frankreich auch zum Kampf um dieses Herzogtum herausgefordert. König Karl VIII. nahm den Kampf mit allen Mitteln auf, und nun galten die Hilfsbegehren des Kaisers, die Mahnungen an die Stände neben dem Kampf wider Ungarn auch dem Krieg gegen Frankreich, der Befreiung der in Rennes durch Karl belagerten jungen Fürstin.

Den meisten Reichsstädten war das Eine wie das Andre etwas Fernes. Für Basel dagegen wurde diese Reichsangelegenheit zur eigenen Sache, verdichtete und ballte sich der allgemeine Streit sofort zu einer ganz nahen und unmittelbar treffenden Gefahr. Überaus eindrücklich ist, wie seine Akten Aufregungen und Ängste bezeugen, die an die Armagnaken- und Burgunderjahre erinnern. Mit ihnen verband sich die Not einer schweren Teurung. Alle Türme des weiten Mauerringes ließ im Juni 1491 der Rat mit Geschütz versehen, die Grendel und Bollwerke draußen in Stand stellen, durch die Zünfte die Kriegsbereitschaft der Bürger anordnen. Eilige Korrespondenzen gingen das Elsaß auf und ab, von der Grenze kam Alarm nach Alarm, und nun liefen auch dringender die Aufgebote ein. Der Kaiser verlangte Basels Truppen nach Metz, der Landvogt Caspar von Mörsberg in das Lager bei Belfort. Immer näher kam die Gefahr, Luders wurde von den Franzosen eingeschlossen. Aber während Mörsberg zum Aufbruch mahnte und trieb, bat er zugleich den Rat im Vertrauen, für einen zwischen den Landschaften Burgund und Pfirt abzuschließenden Waffenstillstand zu [137] arbeiten. Basel nahm den Auftrag an, zog auch Bern ins Geheimnis und korrespondierte mit Baudricourt, dem Gubernator von Burgund. Wie es scheint mit Erfolg. Denn dieser oberrheinische Reichskrieg nahm rasch ein Ende. Aber seine Kläglichkeit lebt weiter im Bericht des Chronisten: „Darnach zugen sy an die Franzosen. Do schlugen sy ir uff anderdhalb hundert ze dod. Und zugen wider und ward inen der sold nit und gieng einer hie us, der ander da us und litten grosen Hunger.“

Am 15. November 1491 hatte Anna von Bretagne zu Rennes kapituliert, am 6. Dezember sich in die Ehe mit König Karl gefügt und sie vollzogen. So raubte Karl dem römischen König die Gemahlin und, indem er damit zugleich seine eigene Verlobung mit dessen Tochter Margarethe preisgab, tat er ihm eine doppelte Schmach an, die von ganz Deutschland als eine Verletzung der nationalen Ehre empfunden wurde.

So setzte im Frühjahr 1492 die Bewegung wieder ein. Für Basel mit den beunruhigenden Vorbeimärschen schweizerischer Freischaren nach Frankreich. Dann im Sommer erhielt der Rat die großen flammenden Erlasse des Kaisers und seines Sohnes, in denen zum Krieg gegen Frankreich aufgerufen wurde; am 2. August sollten die Basler Mannschaften sich dem Kaiser in Metz stellen. Aber es ward auch diesmal nichts aus dem großen Aufgebot; am Tage zu Koblenz im September wurde dem König nur eine Geldhilfe bewilligt und Basel dabei mit sechshundertvierzig Gulden angeschlagen. Der Rat zahlte diese Summe.

Es blieb Maximilian überlassen, ohne ausreichende Hilfe des Reiches, mit eigenen Kräften den Kampf zu führen. Im Spätherbst stand er am Oberrhein, und da am 7. November 1492 bei Ensisheim ein Meteor niederfiel, „daß zu Basel alle glasfenster erbidmeten“, galt dieser „Donnerstein“ als ein göttliches Wunderzeichen zugunsten des Königs. In der Tat war dieser siegreich. Am 21. Dezember zog er in Besançon ein, am 17. Januar 1493 schlug er die Franzosen bei Dornon und gewann dann durch den Frieden zu Senlis, 23. Mai 1493, die Freigrafschaft wieder dem Reiche.


Für Basel hatten die Jahre 1491 und 1492 nur Beunruhigung gebracht, keine Taten. Aber in andrer Weise erwies sich dieser neuerwachte Franzosenschreck als fruchtbar.

Er belebte die Niedere Vereinigung, von der man seit mehreren Jahren nichts mehr vernommen hatte. In der Sorge um das Land, das ja „Porte und Schild gegen Frankreich“ war, schlossen sich die alten Genossen wieder enger zusammen; der König selbst übertrug ihnen die Bewachung [138] dieser Grenze. Und kaum war dieser Verband wieder bei Atem, so ergab sich ihm sofort eine rege Tätigkeit. Nicht gegen Frankreich freilich, sondern in Beziehungen zur Eidgenossenschaft und zu Österreich.

Anstoß hiezu gab der Schwäbische Bund. Als im Kampfe gegen Frankreich das Reich versagte, war er es, der dem Könige beistand. Er hatte sich rasch über die Grenzen Schwabens ausgedehnt; nun griff er auch über den Rhein und verlangte im Sommer 1491 den Anschluß der Städte Straßburg und Basel. Schon 1488 hatte Basel diesen Antrag zurückgewiesen; jetzt fanden sich die Bürgermeister von Ulm und Eßlingen hier ein und warben um Basels Beitritt. Der Rat gab ausweichende Antwort und stellte auf die Entscheidung durch den Großen Rat ab. Doch handelte es sich nicht nur um Basel, auch Straßburg war aufgefordert, und die Angelegenheit galt als Sache der Niedern Vereinigung.

Aber wie Basel im Gedanken an die Eidgenossen dem Schwäbischen Bunde fern bleiben wollte, so scheinen ähnliche Rücksichten auch bei den Elsässer Reichsstädten gewaltet zu haben. So fremd ihrem Kreise die Schwaben geworden waren, so bekannt, durch Bündnis und Kriegsgenossenschaft, die Schweizer. Nur so erklärt sich, daß, um dem Drängen Jener zu entgehen, die Niedere Vereinigung die Beziehung zu Diesen wieder aufnahm. Auf Initiative Straßburgs schlug sie den Eidgenossen ein Bündnis gleich dem im Jahre 1474 geschlossenen vor, und am 27. September 1491 kam die Angelegenheit in Luzern zum ersten Male zur Sprache.

Den langen und wechselnden Gang der Verhandlungen haben wir nicht zu schildern. Eine Reihe von Entwürfen zeigt, wie das Vorbild des 1474er Vertrags immer mehr verlassen wird. Bemerkenswert ist auch die separate Haltung Basels, zumal Straßburg gegenüber. Es macht auch hier wieder die Besonderheit seiner Lage geltend, wonach bei Hilfsaufgebot der Eidgenossen durch die untern Städte seine Lande und Leute allen Schädigungen ausgesetzt sein würden, und verlangt Schadloshaltung. Beim Verhandeln hierüber und über andre Streitpunkte scheint die ganze Sache ins Stocken zu geraten. Da bringen erneute drohende Mandate des Kaisers, im Juli 1492, die den Beitritt zum Schwäbischen Bunde erzwingen wollen, und gleichzeitig der Wunsch Österreichs, der Niedern Vereinigung beizutreten, alle Fragen in neuen Fluß. Nicht nur am Oberrhein. Auch die Eidgenossen wollen nun die Sache fördern. Eine Verbindung der Städte am Rhein mit den Schwaben würde ihnen ungelegen sein; sie wollen nichts mit dem römischen König, nichts mit Österreich zu tun haben. Aber gerade hierin, im Zusammentreffen der eidgenössischen Bündnisunterhandlungen [139] und des österreichischen Antrages, lag die Schwierigkeit für die Niedere Vereinigung.

Maximilian wollte offenbar, da Straßburg und Basel für den Schwäbischen Bund nicht zu haben waren, sie dadurch auf seine Seite ziehen, daß er Mitglied der Niedern Vereinigung wurde; er war seit 1490 Landesherr von Vorderösterreich und verlangte mit dieser Mitgliedschaft nur, was schon sein Rechtsvorgänger Sigmund besessen hatte. Er erklärte, gegen die Verbindung mit den Eidgenossen nichts einwenden zu wollen. Aber wie mochten die Eidgenossen seinen Beitritt aufnehmen?

Bei solcher Lage ließ Basel auf einem Tage zu Colmar, im Dezember 1492, seine Meinung vortragen: die Eidgenossen würden keinesfalls gerne sehen, wenn hinter ihrem Rücken eine Vereinung mit Max geschlossen würde, und Basel vor allen müßte die Wirkung solchen Unwillens spüren; es empfehle daher, vorerst mit den Eidgenossen ins Reine zu kommen und dann mit Österreich weiter zu verhandeln. Dieser Vorschlag drang durch. Am 17. April 1493 wurde zu Baden ein fünfzehnjähriges Bündnis der Niedern Vereinigung mit der Eidgenossenschaft geschlossen. Den ursprünglichen Intentionen der Elsässer war freilich die schließliche Fassung wenig entsprechend; sie lautete nicht mehr auf gegenseitige Hilfe, sondern war ein Freundschaftsvertrag, der auch den Rechtsgang regelte und den Eidgenossen den feilen Kauf von Korn Wein usw. sicherte.

Wenige Tage vor dem Abschluß dieses Vertrages empfing Basel den Besuch des Königs Max. Am 13. April traf dieser von Colmar her, aber auf dem rechten Rheinufer kommend, hier ein. Entkleiden wir das Ereignis der reichen zeremoniösen Formen und betrachten wir nur das ihm Eigene, so bleibt noch übergenug für den Eindruck eines glänzenden Moments. Wie ganz anders doch war die Stimmung dieser Tage als bei den letzten Kaiserbesuchen 1442 und 1473, in schwülster Zeit! Max kam als Besieger Frankreichs, aus der dem Reich wieder eroberten Freigrafschaft. Wie er freundlich daran erinnerte, daß vor wenigen Jahren Basler gewesen seien, die ihn aus der Haft zu Brügge gelöst, wie er sonst in Allem sich benahm und gab, lebte um ihn der Zauber seiner Persönlichkeit, von dem alle Zeitgenossen reden. Auch dem guten Kaplan Brilinger gefiel es, wie der König vor dem Bläsitor beim Herannahen des Klerus vom Pferde sprang und „mit andächtigen Lippen“ das große goldene Kreuz verehrte, das einer der Domprälaten trug. Dann zog er in die Stadt ein, denselben Weg, den er vor zwanzig Jahren mit seinem Vater geritten war, in ruhiger Heiterkeit. In den dichten Menschenreihen, durch die der Zug ging, stand vielleicht der junge Nürnberger Albrecht Dürer.

[140] Mit reichen Geschenken, in höflichster Aufwartung erfüllte der Rat alle Pflichten. Aber es fanden auch Verhandlungen statt. Maximilian brachte alte und neue Forderungen. Von seiner Aufnahme in die Niedere Vereinigung wurde geredet, und nachdem er schon im Herbst 1492 zweitausend Gulden von Basel entliehen hatte und sein Verlangen nochmaliger zweitausend Gulden vor wenigen Wochen durch den Rat abgelehnt worden war, ließ er jetzt, da er selbst hier war, dies Begehren wiederholen. Der Rat sträubte sich, gab aber schließlich das Geld gegen Verbürgung der Grafen Eitelfritz von Zollern und Wilhelm von Tierstein, des Freiherrn Caspar von Mörsberg u. A. Und dann benützte er diesen Anlaß zu einer umfassenden Darlegung.

Es geschah dies, indem er in einläßlicher Übersicht alle Ausgaben zusammenfaßte, die Basel während der Jahre 1473—1492 für das Reich gemacht hatte. Danach bezifferte sich „Summa summarum alles so unserm herrn dem keyser und kunig worden und von iren und des huses Osterrich wegen in achzehn jaren über ein stat von Basel gangen ist“, auf siebenundsechzigtausendsechshundertundneun Pfund vier Pfenninge, wobei die Kosten der Burgunderkriege (jedoch ohne die Auslagen der Zünfte und ohne die Kosten der Büchsen, der Munition, des Werkzeugs usw.) mit sechsunddreißigtausendfünfhundertzweiundzwanzig Pfunden, fünfzehn Schillingen, neun Pfenningen mit inbegriffen waren. Zur Würdigung dieser Summen fügte der Rat bei, daß sie die Einnahmen aus Margzalsteuer Schillingsteuer Fleischsteuer, Lösegeld von Gefangenen und Beutegeld um neuntausendfünfhundertdreiundneunzig Pfund sechzehn Schillinge überträfen.

Diese Zusammenstellung ist an und für sich von Wert. Außerdem aber verdient Beachtung, wie der Rat wiederum die Auffassung deutlich ausspricht, den Kampf gegen Burgund von des Reiches und des Hauses Österreich wegen geführt zu haben, und wie er die Periode seit 1473 als eine einheitliche und durch außerordentliche Leistungen für das Reich ausgezeichnete betrachtet; den seltenen und nur gelegentlichen Aufwendungen der frühern Zeit steht hier eine ganz neue große Betätigung gegenüber.


Am 12. August 1493 wurde die Aufnahme Maximilians als Fürsten der Vorlande in die Niedere Vereinigung perfekt; der Bundbrief war dem am 4. April 1474 mit Sigmund geschlossenen wörtlich gleich, mit unerheblichen Abweichungen. Wie dort, so handelte es sich hier in der Hauptsache um ein Defensivbündnis wider feindliche Angriffe. Diese Liga sollte nun bieten, was mit der Aufnahme der Vereinigungsstädte in den Schwäbischen Bund [141] hatte erreicht werden sollen, und ging weit über das hinaus, was der Bund mit den Schweizern geschaffen hatte. In jeder Beziehung war sie ein politischer Erfolg Maximilians. Ohne Zweifel eine Frucht des glücklichen burgundischen Feldzuges. An die Wiedergewinnung der Freigrafschaft schloß sich jetzt diese Organisation der oberrheinischen Grenzwehr.

Wenige Tage später, am 19. August 1493, starb Kaiser Friedrich, und Maximilian bestieg den Thron Deutschlands.

Die Beziehungen Basels zum Reiche gewinnen in der Maximilianischen Zeit unverkennbar einen neuen Ton. Schon die Korrespondenz zeigt dies. Sie ist außerordentlich rege. Friedrichs Schreiben, feierlich, voll Form und Stil, entsprachen völlig dem festen Gefühl dieses Herrschers für die unvergleichliche Hoheit und Würde seiner Stellung. Ganz anders jetzt bei Max. Unaufhörlich laufen zahllose kleine Billets von ihm ein, Mitteilungen und Wünsche aller Art, oft von Geringfügigem handelnd, mit wenig Formalitäten. Aber neben diesen Blättchen stehen große solenne Mandate, zuweilen gedruckt, typographische Prachtstücke; auch hierin zeigt sich ein Fortschritt über die Art der friderizianischen Kanzlei hinaus.

Außer der Korrespondenz vollzieht sich der Verkehr in zahlreichen Gesandtschaften. Nicht nur große Herren haben im Aufträge des Königs mit dem Rate zu reden; auch die königlichen Beamten und Bediensteten zeigen sich jetzt häufig in Basel: Rentmeister Büchsenmeister Wagenmeister Zeugschreiber Spießmacher Schaffner usw. Hans Imer von Gilgenberg muß dem König wiederholt Geschäfte besorgen; das eine Mal sind es politische Dinge, das andere Mal hat er die Falken, die im Baselbiet gefangen werden, für Max aufzukaufen. Auch der edle Herr Artus von Somon ist eine dieser neuen Figuren.

Max nimmt Basel unausgesetzt in Anspruch. Der Rat muß an des Königs Stelle den Eid des Arnold von Rotberg für dessen Reichslehen entgegennehmen, eine Kriegssteuer des Grafen von Fürstenberg für ihn einkassieren, ein Gelddepositum seines Rates Gossembrot verwalten; er hütet auch Kriegsgerät des Königs, Pulver Wagenräder Seile, die aus Mailand kommenden Waffensendungen, Nürnberger Harnische und Büchsen; Maximilian will einen seiner Küchendiener im Basler Spital verpfründen usw.

Erheblicher war die Angelegenheit des Romzugs, mit der Maximilian zum ersten Mal im November 1494 den Rat behelligte. Er zeigte an, daß er die kaiserliche Krone zu empfangen gedenke, und verlangte das übliche Geleite. Über Jahre hin zog sich dann dieses Traktandum, ohne je Erledigung zu finden. Aber gleich zu Beginn schon verknüpfte der Rat damit das Geschäft [142] der üblichen Bestätigung der Stadtfreiheiten durch den neuen König; seinen Gesandten zum Wormser Reichstag gab er hierüber Instruktion, und am 20. Mai 1495 erteilte Max das gewünschte Privileg. Es war eine Bestätigung des Antwerpner Freiheitsbriefes von 1488. Doch verband sich damit keine Huldigung. Eine solche hatte der Rat von vorneherein abgelehnt und darauf hingewiesen, daß das Schwören dem Herkommen der Stadt widerstreiten würde; auch Kaiser Friedrich habe ihr den Eid erlassen. Wir dürfen hiebei kaum an die Verhandlungen von 1473 denken, sondern eher an solche, die 1488 zu Antwerpen bei Anlaß der Privilegierung stattgefunden haben.

So schweigsam über alles Einzelne des politischen Lebens die Akten sind, was wir vor uns sehen, reicht doch hin, um zu erkennen, wie sehr Basel in diesen Jahren an den Reichsgeschäften beteiligt war. Die Instruktionen des Rates an seine Gesandten beim großen Reichstag zu Worms im Sommer 1495, beim Reichstag zu Lindau im Winter 1496/97, die Berichterstattung dieser Herren, dann die umfangreichen Hefte der Reichsabschiede, — es sind stumme Papiere, aber sie bezeugen, daß die großen Gedanken der Reichsreformen damals auch in Basel, und hier nicht nur im Rat, die Geister bewegten. Das Bild dieses politischen Treibens wird ergänzt durch die gelegentliche Erwähnung von Abreden, die Basel zwischen den großen Tagen mit andern Städten trifft, oder durch die Rapporte der Ratsglieder, die neben den offiziellen Hauptvertretern die Reichstage in Spezialmissionen besuchen.

Was in Worms durch König und Stände über die Einsetzung eines Reichsregiments, über das Reichskammergericht, über den Landfrieden verhandelt wurde, sowie die Beschlüsse über die Reichssteuer des gemeinen Pfennings und über die auf ihrem Ertrag schon jetzt dem König bewilligte Anleihe für den Krieg gegen die Türken und in der Lombardei, hatte unmittelbar Bedeutung auch für Basel; die Stadt entrichtete durch ihre Gesandten in Worms die ihr auferlegten fünfhundert Gulden an die eilende Hilfe. Sodann der gemeine Pfenning; diese vom Reichstag am 26. Juli 1495 auf vier Jahre bewilligte Steuer sollte verwendet werden zum Teil gegen die Feinde des Reichs und der Christenheit, zum Teil für Erhaltung des Friedens; im November wurde der Basler Rat aufgefordert, nun in seinem Gebiete die Aufbringung an die Hand zu nehmen. Der Rat bat um Aufschub, dringender Geschäfte wegen; dann erkundigte er sich bei den andern Städten der Niedern Vereinigung; zuletzt beschloß er ein Schreiben an den König. Namentlich zwei Punkte bezeichnete er dabei als hinderlich: einmal die Priester, da diese dem Rate nicht unterworfen seien und er kein Mittel habe, sie zur [143] Steuer anzuhalten; sodann erinnerte er wieder an die Eidgenossen und die üble Lage seiner Stadt; der König solle bedenken, „was uns daraus entstehen möchte, wenn die Eidgenossen gewahr würden, daß wir Geld wider sie und über sie gesammelt haben.“ Noch im August 1496, bei der Instruktion zum Lindauer Tag, mußte der Rat gestehen, den Reichspfenning noch nicht eingezogen zu haben. Dann bald aber nahm er sich zusammen, organisierte den Steuerbezug, erließ ein Edikt an die Einwohner und Befehle an seine Beamten in der Landschaft. Endlich im Frühjahr 1497 geschah der Einzug, und den Ertrag gab der Rat seinen Gesandten zum Reichstag nach Worms, Andlau und Grieb, mit samt der Weisung, solange als möglich mit der Ablieferung zurückzuhalten. „Ob aber andre Reichsstände ihn überantworten, so sollten sie es auch tun. Doch sich hüten, damit sie nicht die Ersten seien.“ Am 27. Juli 1497 bekannten die Reichsschatzmeister, durch Grieb den Steuerertrag von Basel mit vierhundertfünfundfünfzig Gulden neununddreißig Kreuzern und als Steuer der Universität die Summe von siebzehn und einem halben Gulden empfangen zu haben.


Merkwürdig, wie in der äußern Geschichte Basels jetzt Alles neben diesen Reichsdingen zurücktrat.

Auch der Heitersheimer Handel, so viel er zu reden und zu schreiben gab, war nichts Erhebliches. In seinen Anfängen ein rein persönlicher Zank; denn der freche Angriff auf eine das Land heraufreitende Basler Adelsgesellschaft durch den Johanniterkomtur Rudolf von Werdenberg am 1. Oktober 1489 gehörte zum Streit dieses Werdenbergers mit Hans Heinrich von Baden. Basel wurde jetzt hineingezogen, weil die beiden Bürgermeister unter den Überfallenen gewesen waren; dazu traten Anforderungen, die Werdenberg aus einem beim Niederländer Feldzug 1488 dem Hans Stoßkorb gemachten Darleihen an die Stadt erhob. Es kam zum kriegerischen Ausmarsch Basels und zur Besetzung des Schlosses Heitersheim. Aber das Eingreifen Österreichs brachte den Handel auf die unabsehbare Bahn der Gütlichkeit und des Rechtes, und als dann noch der Johanniterorden als solcher sich durch Basel verletzt fühlte und seine Privilegien geltend machte, war das Geschäft vollends ausgeliefert an die Ungewißheit eines ermüdenden, von Instanz zu Instanz geschleppten Prozesses. Genau zwei Jahre nach dem Überfall, am 30. September 1491, kam ein Vergleich zu Stande, gegen Zahlung einer Entschädigung von sechshundert Gulden durch Basel! Mit welchen Kniffen und Künsten die Gegner der Stadt einen solchen Ausgang bewirken konnten, ist nicht ersichtlich, und es kann nur an persönliche Verhältnisse gedacht werden, nicht allein an [144] diejenigen der Werdenbergischen Verwandten, sondern auch an solche, die in die Kreise des Basler Adels und des Rates selbst hineinreichten. Ein Zusammenhang des Handels mit den allgemeinen Beziehungen der Stadt zu Österreich und zum Reiche ist freilich nicht zu erkennen. Er hat nur die Bedeutung einer Episode. Aber sein schmählicher Verlauf konnte von Wirkung sein auf die künftige Gestaltung der Dinge innerhalb Basels selbst.


Während in solchen Vorfällen und Verhandlungen nur etwas Traditionelles weiterlebt und auch die Reichspolitik Basels ihren ruhigen Gang gefunden hat, gähren und reifen neue Zustände immer heftiger.

Am äußerlich auffallendsten kündet sich dies im Unwesen der „laufenden Knechte“. Daß Einzelne in fremde Kriege wegliefen, kam schon frühe vor; die in unruhiger Zeit zusammentretenden Freischaren haben wir kennen gelernt; nun aber steht das merkwürdige Problem eines allgemeinen Mobilwerdens des Volkes vor uns. Die Schilderung dieses Vorganges gehört an andre Stelle. Aber zu erwähnen ist er schon jetzt, weil durch diese Reisläufer zum ersten Mal auch das ferne politische Geschehen hier auf weite Kreise wirksam wird. Unzählige werden versucht, Kraft und Leben außerhalb der kleinen Heimat einzusetzen; sie bezeugen zugleich und bewirken eine große Erweiterung der Interessen; sie vermitteln ein Hereinfluten neuer Mächte in das städtische Leben. Diesen begegnen andre Strömungen und Stürme. Die Sundgauische Bauernerhebung, die Bewegungen im untern Birstal, das Treiben der Räuberbande die sich „Donnerknaben von Binzen“ nennt und dergleichen mehr zeigen das Land ringsum in Gährung. Aber über dies Lokale und Provinziale weit hinaus ist es eine allgemeine Unruhe, die den Charakter der Zeit ausmacht. Alle Welt ist seltsam erfüllt von Kraft und Verlangen, kampflustig ungestüm wild, daneben religiös mannigfaltig erregt, aber auch in Verwirrung und Ratlosigkeit getrieben durch die Schrecken, die als Krieg Epidemie Hungersnot diese Jahre heimsuchen. Die Denkenden sind bewegt durch das Gefühl, in einer wunderbaren Zeit zu stehen, und dies Gefühl überwindet etwa sogar die strenge Form amtlicher Äußerung. Wir hören den Basler Rat in Klagen ausbrechen über diese schweren ungeheuern Läufe, da Niemand wisse, wonach er sich richten solle; auch der regierenden Planeten Ungestüm erzeige sich widerwärtig; seine Hoffnung sei allein, daß Gott, in dessen Macht alle Händel liegen, darein sehen und alle unzufriedenen Herzen in Ruhe setzen möge.

Ein Gewühl breitet sich vor uns, aus dem sich jetzt die merkwürdig reich gefüllten Jahre 1497 und 1498 erheben.

[145] Bischof Caspar nimmt im Sommer 1497 den alten Streit wieder auf und zwingt den Rat, der diese Plage vor dem Kammergericht zur Ruhe gebracht zu haben glaubte, zu neuen Verhandlungen. Aber auch die Nachbarn ringsum regen sich, und es ist, als ob die allgemeine Aufregung und das Bewußtsein, einer gewaltsamen Umgestaltung entgegenzutreiben, die Anlässe zum Zwist vervielfältige und jeden kleinen Hader mit unverhältnismäßiger Leidenschaft fülle. Gegen die Herrschaft Rheinfelden hat Basel zu streiten wegen der Grenzen seines Amtes Farnsburg, wegen Besteuerung und Aufgebot der Baselleute im Fricktal usw.; gegen Graf Wilhelm von Tierstein, der zu Münchenstein „in des Königs Eigentum und unsrer Pfandschaft“ ein Hochgericht aufrichten läßt; gegen die Solothurner wegen der Eigenleute, wegen eines zu Dornach von Basler Holzflößen geforderten Zolles, wegen der Eichelweide zwischen Trimbach und Läufelfingen, wegen Besorgung des Lastseils am Hauenstein. In der Markgrafschaft kündigt der zwischen Markgraf Philipp von Hochberg und Markgraf Christoph von Nieder-Baden geschlossene Erbvertrag eine große Veränderung an. Im Elsaß ist Fehde nicht nur zwischen dem und jenem Junker, sondern auch die Großen führen Krieg, der Bischof von Straßburg mit dem Pfalzgrafen, der österreichische Landvogt mit denen von Sulz und wegen dieser mit dem Bischof von Straßburg, und die Niedere Vereinigung hat bewegtere Geschäfte als je; überall muß Basel ratend und vermittelnd dabei sein. Auch in eidgenössischen Angelegenheiten, vor allem im großen Streite wegen der Varnbüler und der Ächtung St. Gallens durch das Kammergericht; Peter Offenburg nimmt an den Konferenzen mit dem König zu Innsbruck als Vermittler teil. Klar erkennt Basel, wie ein Krieg immer näher rückt. Den Gerüchten, die ganz Süddeutschland erregen, von einem Einfall der Schweizer über den Rhein her, treten andere Meldungen zur Seite, daß der französische König in den Sundgau ziehen wolle. In der Mitte aller dieser Drohungen und Gefahren steht Basel. Es hört, daß Frankreich in der Eidgenossenschaft Werbung treibe und ihm Knechte in großer Zahl zulaufen; dasselbe geschieht, allen Verboten zum Trotz, in der eigenen Landschaft Basels. Voll Sorge schreibt der Rat über diese Dinge an seine Gesandten beim Reichstag. Im Juni 1497 ist dieser zu Worms zusammengetreten, und Basels Vertreter sind Hartung von Andlau und Lienhard Grieb d. j.; ohne Erhebliches geleistet zu haben, löst sich der Tag im August auf, um erst im Mai 1498 wieder zusammenzutreten. Diesmal in der nächsten Nähe Basels, in Freiburg, und es ist deutlich zu spüren, wie intensiv Basel an den Geschäften der Versammlung teilnimmt, an den Beschlüssen über die Reichsreform, an den [146] Geldbewilligungen, an den Verhandlungen mit Frankreich. Eine rege Korrespondenz mit den Basler Gesandten Hartung von Andlau und Hans Imer von Gilgenberg erhält den Rat auf dem Laufenden. König Max selbst ist bei diesem Reichstag anwesend, mit ihm seine Gemahlin Bianca Maria Sforza, welcher der Rat als Geschenk einen Papagei in einem reichgeschmückten Käfig übersendet. Aber dieser Freiburger Tag steht zum guten Teil unter der Wirkung des Krieges, den Max mit dem neuen König von Frankreich, Ludwig XII., im Juni begonnen hat, und den nach einem Stillstand der Waffen die Franzosen wieder aufnehmen durch einen Einfall in die Freigrafschaft im August. Fast täglich erhält jetzt der Basler Rat Briefe des Königs mit allen möglichen Anliegen: Basel soll ihm Werbung von Knechten gestatten, die hier deponierten Harnische und Waffen schicken, lange Schäfte zu Landsknechtspießen liefern, Fuhren leisten, den Büchsenmeister Luxenhofer leihen usw. Alles nach Ensisheim, wo Max sein Heer sammelt. Dann im August beginnen die Mahnungen zu Aufgebot und Zuzug, zu Lieferung von Schlangen Büchsen Pulver usw. in die Grenzfestungen. Auch die in Freiburg versammelten Reichsstände schreiben und mahnen. Immer dringender fordert Max; er ist gewiß, daß er die Franzosen besiegen und damit wirken werde, was dem Reich Basel und den vordem Erblanden zu Fried Ehre und Nutz gedeihen möge. So der König. Daneben bespricht sich der Rat unaufhörlich mit seinen Föderierten der Niedern Vereinigung und erhält Berichte von Ulrich Mellinger, seinem ehemaligen Söldner, der jetzt als Hauptmann Maximilians wieder in Burgund steht, wie vor zwanzig Jahren, und sich Statthalter zu Mömpelgard nennt. Endlich im September 1498 rückt Basel ins Feld, nicht zunächst als Reichsstadt, sondern als Glied der Niedern Vereinigung. Aber in stattlichem Aufmarsch. Tausend Fußknechte hat es ausgerüstet, Hans Imer von Gilgenberg ist Hauptmann, Rudolf Nocleger Fähnrich, auch Geschütz ist dabei und der Büchsenmeister Hensli von Waldshut. Mit dem Teil des königlichen Heeres, der unter Vergys Kommando steht, macht dies Basler Kontingent den Feldzug in Burgund mit und kehrt nach Monatsfrist wieder heim. Zur gleichen Zeit, da König Max sich am Niederrhein in den geldrischen Krieg einläßt und zu Freiburg der Reichstag auseinandergeht, um Ende Novembers in Worms wieder zusammenzutreten. Dort treffen sich aber schon vorher die Städte auf einem gesonderten Tage, unter ihnen auch Basel, das den Wilhelm Zeigler als Gesandten schickt mit einer charakteristischen Instruktion: möglichste Reserve wird ihm zur Pflicht gemacht; er soll sich nicht ausfragen lassen über die Lage und die Absichten Basels, soll auf das Anbringen [147] Andrer Acht geben, hören was die Städte sagen, die vor ihm den Sitz haben.

So beschaffen ist diese Zeit. Zahllos sind die Zusammenkünfte in Basel oder auswärts, an denen der Rat teilnimmt, massenhaft die einzelnen „Sachen“, zu denen „Botten“ geordnet werden. Das Ratsbuch enthält in diesen Jahren gar keine Beschlüsse mehr, sondern nur noch Einträge der Kanzlei über Zuweisung von Traktanden, über Ort und Zeit von Konferenzen, nur Notizen und Gedächtnishülfen. Keine Muße bleibt mehr zu irgendwelcher Ausfertigung oder Protokollierung; das Bedrängte Atemlose des Geschäftsganges tritt uns aus diesen Blättern aufs Lebendigste entgegen.


Das Bild der Ratsversammlung in diesen Jahren ist höchst eigenartig. Wie die Edeln auf Wenige reduziert, die Geschlechter nicht mehr vollzählig und immer schwächer vertreten sind, wird an anderer Stelle näher geschildert. Dieser Dekadenz gegenüber nun die aus unerschöpflich reichen und frischen Quellen immer neu genährte Kraft des Bürgertums, die immer in voller Zahl auftretende Repräsentanz der Zünfte. Ganz abgesehen vom numerischen Übergewicht zeigte diese Erscheinung eines in seinen Funktionen nie gehemmten Organs aufs deutlichste, wem die Zukunft des Rates und der Stadt gehöre. Aber freilich: der Menge entsprach die Mannigfaltigkeit, und die Stärke wurde Schwäche in gleichem Maß, als die Einheit des Wollens fehlte. Was immer geschehen war und auch in den folgenden Zeiten ganz naturnotwendig geschah, kann zum ersten Male jetzt aus zahlreichen Angaben erkannt werden: daß die Zünfte keine geschlossene Partei bilden, daß auch innerhalb der Zunftwelt weite Spalten sich auftun, Führer und Geführte sind, Ambitionen und Gegnerschaften sich geltend machen und daß, mit wechselndem Gelingen, auch hier stets einige Wenige das Regiment in Händen halten.


Das Schelten des gemeinen Mannes über die Regierenden hatte allezeit stattgefunden, war die Äußerung einer stets vorhandenen Opposition gewesen. Jetzt aber nehmen wir immer mehr Zeichen dieser Unzufriedenheit wahr; soziale gewerbliche politische Parteiungen bildeten sich und regten auf; und wenn bei Einigen die Opposition gegen das Regiment überhaupt ging, so richtete sich der Widerwille des Zünftlers am lebendigsten auf die aus seinem eigenen Kreis emporgekommenen Machthaber. Die Gewalt der Edeln mochte man tragen, so lange sie noch galt, als die Gewalt geborener Herren; gegen einzelne Ratsherren und Meister von Zünften aber wendete man sich mit mißtrauischem Haß, verdächtigte die Ehrlichkeit ihres Reichtums, bezeichnete ihr ganzes [148] Gebahren als Verleugnung von Herkunft und Genossen. So war Henman Offenburg, „der falsch ritter“, verfolgt worden. Ähnliches erfuhr jetzt Heinrich Rieher.

Sohn eines armen Neubürgers aus Sulz hatte er Anfangs dessen Gewerbe, das eines Färbers, getrieben. Aber daß er schon früh ins öffentliche Leben und zum Bekanntwerden strebte, zeigt sein Eintritt in Ämter wie die eines Weinsteuerschreibers und eines Unterkäufers, dann die Übernahme der Herberge zum goldenen Löwen neben dem Kaufhause. Wir sehen ihn überdies mit Spedition sich abgeben; auch Gewandmann hieß er. Durchaus war er der Typus eines in Alles greifenden, den Erfolg mit jedem Mittel suchenden Geschäftsmannes. Und der Erfolg ward ihm. 1451 versteuerte er ein Vermögen von dreihundert Gulden, 1475 das siebenfache. 1472 wurde er Ratsherr, 1477 Oberstzunftmeister und hielt dies hohe Amt beinahe zwei Jahrzehnte lang fest.

Wie im Jahr 1402 brachten jetzt wieder die Steuern den Sturm zum Ausbruch. Die außerordentlichen Auflagen, die zur Deckung der Kriegskosten nötig geworden waren, wurden auch nach Beendigung des Kampfes noch bezogen. Auf den Zunftstuben regte es sich. Als Einige zu Schmieden beim Schachspiel saßen, kurz vor dem Schwörtag 1479, sagte Jakob Meier, er zahle seinen Pfenning ungern; man gebe dem Oberstzunftmeister viel Gelds und wisse nicht, was daraus werde; er wolle ihm nicht schwören, er sei ein Dieb; auch in Straßburg habe er den Grafen Oswald von Tierstein mit der Eidgenossen Boten zusammensitzen sehen und den Grafen sagen hören: die von Basel hätten ein Haupt, das wäre ein Heinrich Rieher und der wäre ein meineidiger Bösewicht. So wurde gelästert. Man beklagte sich laut: Je mehr man zahlen müsse, um so weniger liege in der Stadtkasse; reich würden nur die Herren im Rat. Nackt und arm sei dieser Rieher einst nach Basel gekommen; jetzt sei er ein vermöglicher Mann, führe ein großes Haus und könne Geld auf Zins leihen. Und so die andern Alle; sie bereichern sich, indes die Stadt verarme. Mit solchen Vorwürfen weigerte die Bürgerschaft den Eid. Wir kennen den weitern Verlauf nicht, sehen aber, daß der Rat am 18. August 1479 die Steuer der untern Klassen um die Hälfte ermäßigte. Eine weitere Konzession war schon am 1. Juli der Beschluß gewesen über Einsetzung der Fünfzehner als einer vom Rat unabhängigen Behörde zur Verwaltung des gemeinen Gutes.

Doch die Beschwichtigung war nicht von Dauer. Der Tumult von 1479 erhielt nach zwei Jahren seine Fortsetzung durch ein Komplott, dessen Ziel geradezu der Sturz des bestehenden Regimentes war.

[149] Anführer waren die Brüder Peter und Hans Bischoff, aus einem seit mehreren Generationen angesessenen begüterten Geschlechts, Beide Metzger und als solche noch besonders gereizt durch die Fleischsteuer und die neue Metzgerordnung von 1480. Um Weihnachten 1481 wurde der Plan entworfen. Man wollte den Rat während seiner Sitzung überfallen, die Herren teils „erstechen und metzgen“, teils ins Gefängnis werfen und „mit den Zehen an die Seile henken“, bis sie bekennten, wohin der Stadt Gut verwendet werde. Zur gleichen Zeit sollte das Zeughaus besetzt und durch Schließung der Straßen und Tore jede Flucht verhindert werden. Ein andrer Plan war, am Georgstag, wenn das Volk von dem üblichen Fest in die Stadt heimkehre, auf der Rheinbrücke die dort stehenden Ratsherren niederzumachen. Im einen wie im andern Fall sollten auch Alle, die dem Rate helfen würden, getötet werden. So gedachte man „die Erberkeit zu ermorden“ und die Stadt in fremde Gewalt zu bringen.

Und wozu dies Alles? Weil auch die Brüder Bischoff fanden, man steure zu viel und wisse nicht, was aus dem Gelde werde. Diese Anschuldigungen genügten, um Unzufriedenheit mit der allgemeinen Lage, Gier und persönlichen Haß zur Tat zu treiben; auch waren die Vorwürfe so populär, daß die Absicht rasch um sich griff. Auf Zunftstuben und in Gärten fand man sich zusammen; ein geheimer Bund wurde verabredet, der eine ansehnliche Zahl „loser Knaben“ umschloß. Offensichtlich eine Verschwörung vor allem von Angehörigen der niedersten Einwohnerschaft, des Pöbels. Aber es ist nicht undenkbar, daß Graf Oswald von Tierstein um die Sache wußte und daß bischöfliche Agenten mit Geld und aufhetzenden Reden tätig waren. Vielleicht hatten auch auswärtige Ereignisse wie die Ermordung des Sforza 1476 und das Attentat auf die Medici 1478 das Ihrige getan; jedenfalls ist das nahe zeitliche Zusammentreffen mit dem Hemmersbachischen Aufruhr in Köln zu beachten.

Aber wie fast immer bei Konspirationen geschieht, so machten auch hier, ehe der Schlag geführt wurde, Angst und Reue einen der Verschworenen im letzten Moment zum Verräter. Es war dies der Bäcker Hans Schuler genannt Pfefferlin. Er berichtete, anfangs Aprils 1482, Alles dem Bürgermeister Bärenfels und dem Rieher, und diese trafen sofort ihre Maßregeln. In einer Großratssitzung kam die Sache zur Sprache, noch ohne Nennung von Namen; aber Peter Bischoff, der als Sechser dabei saß, sah nun das Vorhaben entdeckt. Unmittelbar aus der Sitzung floh er mit seinem Bruder in die Freistatt des St. Albanklosters; Pfefferlin, der sich trotz seinem Verrat nicht sicher fühlte, folgte ihnen. Die andern Verschworenen wichen aus der [150] Stadt. Zwar legte der Rat sofort eine Wache von Stadtknechten vor das Asyl zu St. Alban. Aber die Wache war nicht wachsam genug, und mit Hilfe des Propstes und einiger Mönche, in Kutten verkleidet, konnten die Eingeschlossenen Kloster und Stadt verlassen. Sie flüchteten nach Ensisheim und fanden dort offene Arme bei Graf Oswald, dem österreichischen Landvogt.

Diese Flucht und die Verbindung des Landvogts mit den Hochverrätern brachte den Basler Rat um sein Recht und um die vollständige Rache. Denn was nun folgte, für Basel erniedrigend und schmerzlich, war ein Verlauf, der hundert andern von der Stadt schon durchgemachten oder noch durchzumachenden Händeln darin durchaus glich, daß das, was für Basel die Hauptsache war, in einem Gewirr sonstiger Interessen Ansprüche Zudringlichkeiten Rücksichten unterging.

Zunächst galt Schreiben und Verhandeln. Basel korrespondierte mit den Rädelsführern Bischoff selbst, mit dem Landvogt, den Eidgenossen, der Niedern Vereinigung. Auf den Tagen der letztern und auf dem Städtetag zu Speyer brachte es seine Klagen vor. Vom Mai 1482 an währte dieses Getreibe; sein Ergebnis war am 8. August 1483 ein durch Straßburg vermittelter Vergleich Basels mit Peter Bischoff, wonach dieser wieder als Bürger gelten und alle Zwietracht aufgehoben sein solle. Es war ein für Basel unerfreulicher Vergleich; die beharrliche Leugnung aller Schuld durch Peter Bischoff scheint bewirkt zu haben, daß man sich zu einem solchen Abkommen herbeiließ.

Anders blieb das Verhältnis zu Hans Bischoff. Dieser stand zu seiner Sache, leugnete Nichts und erfreute sich des landvögtlichen Schutzes. Ein wüstes Fehdeleben begann. Graf Oswald gab dem Hans Bischoff Briefe „zu Geleit und zu Angriff“; dieser fiel über die Basler her, die sich auf den Sundgauer Straßen blicken ließen, fing und beraubte sie. Nachträglich erst, am 18. Oktober 1483, sandte er dem Rat seinen Fehdebrief. Gleichen Tags tat dies auch sein Helfer Ludwig von Thann. Die Antwort des Rates war, daß er den Bischoff als rechtlosen Feind der Stadt auskündete, durch öffentlichen Ruf und unter Aussetzung einer Prämie Jedermann aufforderte, ihn und seine Helfer lebend oder tot zu liefern. Dies bewirkte, daß noch ein gutes Dutzend sogenannter Edelleute, die zu Bischoffs Bande gehörten, dem Rat ebenfalls ihre Feindschaft ansagten, um ihre „Ehre“ zu wahren. Der Krieg war damit in allen Formen eröffnet, und nun haben wir uns diese Landstriche unterhalb Basels auf beiden Ufern monatelang beunruhigt zu denken durch die Wegelagerei der Bischoffischen und durch das Streifen der Söldner und heimlichen Knechte Basels. Pfefferlin scheint dabei [151] weniger beteiligt gewesen zu sein; wir sehen ihn in Isenheim, später in Mülhausen sich aufhalten und durch Graf Oswald beschirmt werden. Gleich den Andern war auch er schon im August 1482 den Heimlichern zur Verfolgung übergeben worden. Jetzt im Herbst 1483 endlich fiel er den Baslern in die Hände; in einem breisgauischen Dorfe konnte er durch ihre Reiter festgenommen werden. Er kam nach Basel in den Turm und auf die Folter, die früher gemachten Mitteilungen ergänzend bekannte er in vollem Umfange seine und seiner Mitverschworenen Schuld; Mitte Dezembers wurde er hingerichtet.

Aber dies konnte dem Rate nicht genügen. Um auch des Hans Bischoff habhaft zu werden, trug er dem Pfalzgrafen, dem Markgraf von Nieder-Baden, allen Elsässer Städten die Sache vor und verlangte, daß sie ihm in ihren Gebieten die Verfolgung und Festnahme der Feinde gestatteten. In derselben Zeit, sofort nach Pfefferlins Exekution, verantwortete er sich zu Neuenburg vor den Breisgauer Ständen wegen dieser Verhaftung; auf einem heftig erregten Tage der Niedern Vereinigung brachte er wieder seine Beschwerden wegen Begünstigung der Verbrecher durch den Landvogt vor. Auch an Herzog Sigmund gelangte er deswegen. Aber die Fehde ging weiter wie bisher, hart, unerbittlich. Von den Helfern Hans Bischoffs, die in Basels Gewalt fielen, wurde Rudolf von Altnach enthauptet; Melchior Lenzli und Lorenz Asch konnten nur mit Mühe losgebeten werden. Basel erreichte jedenfalls soviel, daß Hans Bischoff im Elsaß und Breisgau sich nicht mehr sicher fühlte; er zog rheinaufwärts und fand bei den Hegauer Edeln Unterstützung. Diese, von Fridingen, von Reischach u. A., erklärten sich jetzt als Feinde Basels und gaben dem Bischoff Unterkunft auf ihren Schlössern. Damit änderte sich der Schauplatz der Fehde. Basel schrieb und drohte den Herren, verhandelte auch wieder mit Herzog Sigmund; seine Knechte lagen vor Hohenkrähen auf der Lauer. Endlich am 17. Januar 1485, durch Vermittlung Wendels von Homburg, kam ein Friede mit den Hegauern zu Stande, und dann am 3. August 1485, durch Vermittlung des Straßburger Bischofs, auch mit Ludwig von Thann. Dies war das Ende des ganzen Handels; der Hauptfeind Hans Bischoff war kurz zuvor durch Basels Rache ereilt worden, sodaß der Rat mit den Übrigen Friede machen konnte. Der Basler Metzger Uly Herry hatte sich das Blutgeld verdient und den Bischoff erstochen.

Die Bischoffische Verschwörung war gerichtet gegen die Machthaber, die großen Herren überhaupt. Aber bei den Gesprächen der Verschwörer war am meisten genannt worden und hatte als Schuldigster gegolten der [152] Oberstzunftmeister Heinrich Rieher, derselbe, gegen den vor allen Andern auch der Sturm von 1479 sich gerichtet hatte. Wir sehen den politischen Kämpfen zur gleichen Zeit entsprechende Bewegungen auf dem gewerblichen Gebiete parallel gehen. Dabei handelt es sich um den Gegensatz von Kleinhandel und Großhandel, um die Gegnerschaft des Handwerks gegen „Gewerb und Kaufmannschaft“; es handelt sich um die Versuche, gegen die Handelsgesellschaften vorzugehen. Durchweg um eine Opposition der „niedern“ Zünfte gegen die „hohen“, aber auch um eine Opposition gegen Einzelne, die zwar den Handwerkerzünften angehören, aber in Tätigkeit und sozialer Stellung den Kaufherren und Patriziern gleichen. Das Wesen dieser wirtschaftlichen Bewegung wird noch zu schildern sein. Hier muß sie erwähnt werden, weil sie mit der Krisis im Gebiete der politischen Macht sich verband.

Wir haben auch hier die durch Alles hindurch gehende Unruhe vor uns. Neben der Fülle und Hast der Geschäfte, die den Rat beinah außer Atem bringen, eine unaufhörliche Erschütterung des Ratsbestandes selbst durch Kämpfe um wirtschaftliche Dinge, um Geschäftsordnung und Verfassung, um persönliches Ansehen.

Von der die gesamte Bürgerschaft aufregenden und zerteilenden Gährung zeugen die starken Mutationen, die während der 1490er Jahre in der Ratsbesatzung vorkamen. Der Bestand in vorhergehenden Jahrzehnten war stabiler gewesen. Die Mutationen sind aber zahlreicher bei den Zunftmeistern als bei den Ratsherren, worin wir eine direkte Wirkung der in den Zünften selbst geschehenden Kämpfe sehen dürfen.

Namentlich aber verdienen Beachtung die zahllosen Debatten und Resolutionen dieser Jahre über die Ratsverfassung, die vielen Beschlüsse zur Geschäftsordnung, die Umgestaltung wichtiger Kollegien. Schon die Einsetzung der Fünfzehner 1479 sollte den Zünften eine stärkere Beteiligung an der Verwaltung des Stadtvermögens geben. Die Behörde trat aber nicht in Wirksamkeit; man suchte denselben Zweck zu erreichen durch eine Erweiterung des Dreizehnerkollegs zu einem Zweiundzwanzigerkolleg in der Weise, daß hier neben Sieben von der Hohen Stube (mit Einrechnung des Bürgermeisters) Fünfzehn von den Zünften saßen. Von 1481 an bestand dieses Kollegium, erst XXIII, seit Herbst 1492 XXII geheißen, bis zur Ratserneuerung 1498. In frühere Jahre zurück reichen auch die Anfänge einer Verfassungsrevision. 1480, 1482, 1487 beriet man Änderungen von „der Stat ordnungen“; im Herbst 1494 hatte man zu reden „vom Regiment und der Räte Ungehorsam“, und im folgenden Frühjahr, nach dem Sturze Riehers, wurde der Auftrag zur Vorberatung einer Revision unmutig erneuert: [153] „damit wir nit wieder in das alt Wesen kommen“. Das schlechte Ergebnis der Stadtrechnung im Herbst 1496 brachte die Sache vorwärts, und am 2. März 1497 wurde ein Neunerrat aufgestellt mit dem Mandat, alle Satzungen zu prüfen und wo nötig zu erneuern. In beständiger Arbeit führte jetzt diese Behörde zahlreiche Reformen durch, beriet das Verhältnis zum Bischof, erließ auch Vorschriften zur öffentlichen Ordnung und Sittenpolizei. Dies war das „neue Regiment“, von dem wiederholt die Rede ist, das im Frühjahr 1498 durch besondere Ratsdeputierte den Zünften verkündet wurde, demzufolge 1498 auch die früheren XIII wieder an die Stelle der XXII traten.

Durch all dies hindurch hören wir die Klagen über die „schweren Läufe“, hören wir ein Brausen und Drängen, ein Verlangen nach Änderung. Daher die auffallende Häufigkeit der übeln Reden, der Aufreizungen die in diesen Jahren dem Rate zu schaffen machen; die Drohworte des Heinrich Sinner, des Balzer Stoßkorb, des Messerschmieds Heini von Baden, des Heinrich von Efringen u. A.; Ludwig von Busch will die Gnädigen Herren noch ganz anders heimsuchen und schädigen als Hans Bischoff getan hat.

Die Opposition war am Werke, immer lauter und erfolgreicher. Sie wurde gestärkt durch jede Schwäche der Herrschenden, und wir verkennen keineswegs, daß diese sich in Vielem bloßstellten. Wenn Söhne alter Familien wie Claus Murer 1496, Daniel und Georg Zeigler 1498 ihr Bürgerrecht im Stiche ließen, oder wenn im Rate laut davon geredet werden konnte, daß die von der Hohen Stube nicht täten was sie tun sollten, so hatten den Gewinn hievon die Gegner. Wir erinnern an Andres, das die Regierenden in Mißkredit bringen konnte. Der befremdliche Ausgang des Heitersheimer Handels z. B. gab jedenfalls Anlaß zu Kommentaren; schlechten Eindruck mußte auch ein Benehmen machen wie das des Mathis Eberler. Eine Reihe von Fallimenten großer Häuser, wie des Caspar Brand, des Bastion Told, des Martin Leopard u. A. erschütterten die Macht der in Gewerbe und Politik Basels Mächtigen; und das Übrige taten ein paar skandalöse Vorfälle.

Im Dezember 1493 kam an den Tag, daß der hochangesehene Schlüsselzunftmeister Ulrich Meltinger als Pfleger des Siechenhauses zu St. Jakob sich durch Unterschlagung von Geldern schwer verfehlt habe. Er wurde in Haft gesetzt und nur auf Bitte seiner Freunde vor dem gerichtlichen Verfahren bewahrt, mußte aber eine hohe Entschädigung zahlen und verlor das Recht, je wieder in Rat und Gericht zu kommen. Zwei Jahre später sodann die große Katastrophe der Rieher. Den alten Heinrich Rieher haben wir im Jahre 1479 kennen gelernt. Seitdem hatte sich Alles bei ihm gehäuft: die [154] Macht seiner Familie, seine persönliche Macht. Mit einer beispiellosen Cumulation besaß er neben dem Oberstzunftmeisteramt eine Unzahl von Mitgliedschaften in Kollegien und Pflegereien. Kaum ein Ratsgeschäft von Bedeutung, bei dem er nicht in erster Linie beteiligt war. Zum Unwillen Vieler. Schon im Teurungsjahr 1491 hatten seine Kornspekulationen zu allerhand Reden auch im Rate geführt. Jetzt im Januar 1495 kam der Sturm zum Ausbruche. Noch trat Riehers Sohn Heinrich — gleich dem Vater Wirt zum goldnen Löwen, dann Gewandmann, der aber auch mit Spezereien und Pfennwerten Handel trieb und an der großen Rieherschen Färberei beteiligt war, seit 1485 Ratsherr zu Hausgenossen — mit der gewohnten Arroganz und Heftigkeit auf, beschwerte sich über die Haltung des Rates in seinem Prozesse mit Wilhelm Edelmann, drohte, auf dem Markt und von den Münstertürmen laut schreien zu wollen um sein Recht. Es war sein letztes Auftreten dieser Art. In derselben Sitzung, am 10. Januar, beschloß der Rat eine Debatte über der Stadt Regiment unter Ausschluß der gesamten Sippe Rieher. Die Verhandlung, mit auffallender Wichtigkeit vorbereitet, fand statt und endigte mit der Entsetzung des alten Rieher vom Oberstzunftmeistertum. Auch als Salzherr mußte er zurücktreten, da der des Unterschleifs verdächtige Salzmeister Hauenstein sein Tochtermann war. Damit war der Bann gebrochen. Vor diesem einzigen entschlossenen Schritte wich der einst so mächtige Mann. Er floh heimlich aus der Stadt, zunächst zum Rötler Markgrafen, dann nach Pruntrut. Auch seine Söhne Heinrich und Lienhard machten sich davon, unter Bruch der Eide, die sie zum Dableiben verpflichteten. Und nun hob die „Sache Rieher“ an, die den Rat Jahre lang beschäftigte, mit Einmischung von Fürsten und Herren, mit Versuchen gütlicher dann rechtlicher Verhandlung, mit Kommissionalberatungen Schreiben Gesandtschaften ohne Ende. König Max trat völlig für die Rieher ein, nahm sie in seinen Schutz, machte sie zu seinen Dienern und Hofgesinden. Aber der Basler Rat gab nicht nach. Im Juni 1496 gelang ihm, die Söhne Rieher auf Schloß Wildenstein festzunehmen; nun folgte zu Basel im Folterturm Verhör nach Verhör, und am 20. Juli 1496 wurde Heinrich enthauptet; sein Bruder Lienhard blieb im Kerker liegen bis zum August 1501. Der Alte aber war als Intrigant noch Jahre lang tätig, meist am königlichen Hof sowie bei den Reichstagen, und zwang Basel unausgesetzt zu Arbeit und Gegenwehr. Endlich im August 1501 machte er seinen Frieden mit dem Rat. Worin die Schuld Riehers bestand, ist nirgends zusammenfassend dargelegt; die sehr zahlreichen Akten zeigen nur, daß man der Sache die größte Wichtigkeit gab. Bemerkenswert aber ist das Einstehen Bischof Caspars, des Markgrafen, des Bischofs von [155] Seckau, vor allem des Königs Max für Rieher; und nach der Hinrichtung des Sohnes schrieb der Rat, Jener habe Dinge ausgesagt, daß er Leib und Leben mehrfach verwirkt habe. So dürfen wir wohl an bestimmte Vergehungen politischer Art, an eigentliche Verräterei denken, aber auch an den Haß Vieler gegen den Emporkömmling, der im engen kleinen Staate zu viel Macht besaß und sie auf seine Manier übte. Einer Verantwortung entzog er sich und ließ seinen Sohn büßen, der früher wenig hervorgetreten und wohl nur Werkzeug des Alten gewesen war. Mit dem politischen Sturz verband sich der finanzielle Zusammenbruch des Hauses. Es war ein vollständiger Untergang, bei dem nicht nur die Person gerichtet wurde, sondern ein System.


So kam die Opposition vorwärts. Aber ihr war es noch um Höheres zu tun als um die Macht in der Stadt.

Wir konnten beobachten, wie der Gegensatz Eidgenossenschaft — Reich seit langem die Zeit beherrschte. Die letzten Jahre brachten eine außerordentliche Verschärfung dieses Gegensatzes. Schweizer stand gegen Schwabe, in Spottliedern und groben Schmähungen über den Rhein hin und her lärmte der Haß; und mitten in der Entzweiung stand Basel, das oft schwer genug an dieser Stellung trug. Seit einem Jahrzehnt entschieden zum Reiche haltend, von den Eidgenossen abgewendet, war doch auch das offizielle Basel daran gewöhnt, stets nach den Eidgenossen hinzublicken und ihre Macht zu erwägen.

Außerdem aber finden wir eine entschieden eidgenössische Partei in der Bevölkerung selbst. Was auf sie wirkte, war der helle siegreiche Glanz, der seit den Burgunderkriegen auf allem eidgenössischen Wesen ruhte. Dazu mochten Erinnerungen treten an 1356, 1386, 1444. Vor Allem aber: die Schweizer galten als die Gegner von Fürst und Edelmann, als die Erlöser von allem Herrendruck und waren daher dem gemeinen Mann ohne Weiteres sympathisch. Während der Rat alle Dienste und Aufwendungen Basels für das Reich, mit Einschluß der Leistungen im Burgunderkrieg, dem Kaiser vorrechnete und das Preisgeben Basels durch den Kaiser in eben diesen Burgunderzeiten mit Schweigen überging, konnte sich gerade aus dem Erleben dieses Preisgegebenwerdens und aus der Erinnerung daran eine reichsfeindliche Partei stärken. Jetzt in den 1490er Jahren, da draußen Alles zur Entscheidung drängte, regten sich auch die Basler, die der Schweiz anhingen, immer kräftiger. Ihre Menge wuchs, ihre Stimme wurde laut, so daß man im Österreichischen aufmerkte. „Es wird nicht mehr gut, ehe nicht ein paar Basler erstochen sind“, rief Claus Sutter zu Blotzheim; in Magden gab man Baslern dieselben unflätigen Beschuldigungen wie den Schweizern; eine [156] vornehme Tischgesellschaft in Mömpelgard unterhielt sich davon, daß die Herren von Basel Verräter am Reich geworden seien. Wie es im Innern der Stadt zuging, erfahren wir freilich kaum. Hier dichtete Sebastian Brant seine Hymnen an König Max; daß er 1497 hier die Schriften Hemmerlins durch den Druck bekannt machte, war nicht nur eine literarische Leistung, sondern auch politisch ein Bekenntnis und eine Herausforderung. Dicht daneben stehen in den Akten Erwähnungen einzelner Vorfälle, eines Auflaufs, einer Schlägerei, die uns Parteiung und Kampf in der Bürgerschaft zeigen.

Wir suchen diese Entwickelung zu verfolgen an den Vorgängen im Rate. Seit dem Sturze des Rieher ist hier unverkennbar eine Umgestaltung im Gange. Nicht umsonst erklärte später die Tradition den Tod Riehers als Strafe seines Widerstandes gegen die Eidgenossenschaft. Wir nehmen wahr, wie neue Männer in die Führung des Gemeinwesens eintreten und diese nach und nach ganz an sich ziehen; in bemerkenswerter Weise geschehen die Reformen der Ratsordnung, die Verfassungsrevision, die sittenpolizeilichen Maßregeln, die gewerblichen Neuerungen im Zusammenhang mit einem Wechsel der politischen Richtung und durch dieselben Männer.

Diese denkwürdige Gruppe war gebildet durch die Achtburger Peter Offenburg, dessen Schwager Ludwig Kilchmann, und Lienhard Grieb; den Stadtschreiber Niclaus Rüsch; die Zünftler Heinrich Einfaltig, Michel Meyer, Heinrich von Sennheim, Hans Jungerman, Hans Hiltprand, Walther Harnisch. Sie saßen 1495 in den Kommissionen für das neue Regiment und für die vom Handwerk geforderte Wiederaufhebung der gewerblichen Reform von 1491, sie leiteten das Verfahren gegen Rieher und übernahmen die von ihm verlassenen Beamtungen, sie wurden 1497 Neuner, sie standen nach 1499 als Häupter und als Dreizehner an der Spitze Basels.

Der unter diesen Männern am meisten Vortretende, auch bei den Gegnern am meisten Gehaßte war Peter Offenburg, der 1495 in den Rat kam und schon im folgenden Jahr Oberstzunftmeister wurde. Vor zehn Jahren sahen wir ihn in Antwerpen die Stadt Basel dem Reiche näherbringen, jetzt führte er sie zur Eidgenossenschaft. Aber seine wahre Gesinnung wagen wir nicht zu bestimmen. Mit dem ererbten Geschicke des Unterhändlers und Lenkers stellte er sich, nach Riehers Sturz in den Rat eintretend, sofort an die Spitze der mächtigen Fraktion, die den Rieher beseitigt hatte. Sie selbst hatte vielleicht anfangs nur nach diesem Ziele gestrebt und wurde erst allmählich, unter dem Zwange der Zeit, zur Schweizerpartei im Rate.

Aber wie wir all dies Einzelpersönliche und Psychologische nicht zu erkennen vermögen, so sind uns die tatsächlichen Vorgänge verborgen. Nur [157] das Eine sehen wir, daß auch diese Gruppe, wenige Jahre nachdem sie die Riehersippe beseitigt hatte, wieder zur Oligarchie griff. Sie führte 1498 die alten XIII wieder ein. Das Entscheidende waren nicht andre Formen, sondern andre Männer. Wenn dabei auch das Gemeinwesen in schwere Konvulsionen geführt wurde, aus ihnen rang sich eine neue Zeit für Basel.


Der Zusammenhang der Schweiz mit dem deutschen Reiche, seit langem locker, stand in diesen Jahren vor der Auflösung. Die selbständige Entwickelung der schweizerischen Bundesgenossenschaft ward immer deutlicher; einzelne Streitigkeiten zeigten, daß es sich nicht um ein gelassenes Auseinandergehen handeln konnte. Was aufeinander traf, war nicht nur politische Gegnerschaft; eine Feindschaft der Stämme trat gewaltig vor, äußerte sich beiderseits in herausforderndem Hohn, in den übelsten Schimpfreden, drängte mit zahllosen kleinen Händeln einem Kriege zu, der anders als alle seine Vorgänger ein Krieg der Völkerschaften sein mußte.

Im Januar 1499, an der rätisch-tirolischen Grenze, brach der Krieg aus, und sofort standen die Gebiete zu beiden Seiten des Rheines in Bewegung.

Basel hatte den Krieg vorausgesehen und war gerüstet. Mit den Aufzeichnungen früherer Kriegszeiten verglichen überraschen jetzt die Angaben durch ihre Ruhe. Nichts von dem unzähligen Detail, das dort die Hast der plötzlich nötig gewordenen Zubereitungen verriet. Das St. Albantor, das Steinentor, das St. Johanntor, das Bläsitor wurden geschlossen und verrammelt; nur die übrigen drei Tore blieben passierbar. Der gewöhnliche Wachtorganismus erhielt eine Erweiterung um berittene Wächter, um die „Zuwacht“ in beiden Städten und um Streifwachen vor den Mauern. Die Tätigkeit der über die Kriegssachen Geordneten wurde geregelt, die Sitzungsordnung der IX und der XIII suspendiert; sie sollten zusammenkommen, wann es nötig und möglich sei.

In diese ruhige Vorbereitung herein strömte nun haufenweise, erregt und geängstigt, das Landvolk. Sundgauer Markgräfler Leimentäler suchten hier ein Asyl. „Eine forcht ist under das folk und lant kommen, das nit dafon ze schriben ist“. Von allen Türmen der Dörfer in den Vorlanden erging der Glockensturm zur Sammlung der Waffenfähigen. Aber das Aufgebot fand wenig Willigkeit; langsam, ohne Ordnung und Zucht, sammelten sich die Truppen im Feldlager bei Altkirch. Dabei kamen Tag um Tag den Rhein herab die Nachrichten vom Kriegsschauplatze. Sie meldeten auf Seiten der Schwaben Mangel, Rat- und Hülflosigkeit, Untüchtigkeit der Führer, Feigheit der Geführten, und dieser Schwäche gegenüber die wilde vorstürmende Kraft [158] der Eidgenossen. Rasch begann nun auch der Oberrhein kriegerisch zu werden[.] Die Waldstädte regten sich, Solothurn hielt seine Grenzen gedeckt und rüstete einen Einfall ins Fricktal.

Was von nun an, alle diese schweren Monate hindurch, Basels Leiden war, seine Lage zwischen den Territorien der Kriegführenden, begann jetzt zu wirken. Vor allem in seiner Landschaft. Berghöhen und Täler wurden schon zu Beginn des Februars erregt durch herumziehende Rotten; man sah Solothurner bei Zeglingen streifen, von der andern Seite her Rheinfelder die Dörfer Maisprach Buus Wintersingen beunruhigen. Eidgenössische Knechte lagen zu Gelterkinden, in einem immer stärker wachsenden Haufen. Dann die alte Feindschaft der Städte Liestal und Rheinfelden, die an diesem allgemeinen Hader sich neu belebte, mit Streifzügen und Überfällen, mit Auflauern auf den Straßen. Am wichtigen Hülftengraben haftete stets und häufte sich dieser Unfug; bald war es ein Harst von Rheinfelder Knechten, die hier die in die Eidgenossenschaft hinauffahrenden Weinwägen abfing, bald besetzten Trimbacher den Graben. Und so durch die ganze Landschaft. Bedrückung Raub Todschlag waren dabei das geringere Übel; schwerer wog, daß durch die mannigfachste Einwirkung von beiden Seiten her, durch das Auskundschaften, das Hin- und Hertragen von Kriegsnachrichten, den Terrorismus mit dem namentlich Solothurn das Landvolk auf seine Seite zu zwingen unternahm, eine Demoralisation schlimmster Art geübt wurde.

Was tat Basel inmitten dieser Bewegung? König Max weilte in den Niederlanden; an seiner Statt handelte von Freiburg aus die Königin Bianca Maria. Am 14. Februar brachten ihre Gesandten Basel die Aufforderung, sich mit aller Macht zu erheben und ins Altkircher Lager zu ziehen; Tags darauf kam ihr Geheiß, den Rheinstädten zu helfen; weitere Mandate, auch des Königs selbst und seiner Feldhauptleute, folgten. Diesen Befehlen von Seiten des Reichs begegnete der Brief der Eidgenossen vom 13. Februar, mit dem diese von Basel zu hören verlangten, wessen man sich zu ihm versehen solle.

Sofort auf den ersten Alarm hin war die Niedere Vereinigung in Tätigkeit getreten; sie wurde durch Basel zu einer Besprechung nach Colmar entboten; am 18. Februar kam sie dann in Basel selbst zusammen und beschloß, eine Gesandtschaft in die feindlichen Lager abzuordnen und für einen Frieden zu arbeiten. Aber kein Teil wollte vom Frieden hören, ehe der Andere einen Waffenstillstand anbiete; ohne Erfolg bemühten sich die Gesandten in Konstanz, vor der Tagsatzung in Zürich, zuletzt in Überlingen bei den königlichen Räten und dem Bunde. Der Vermittlungsversuch war gescheitert, und die Niedere Vereinigung hatte sich nun über ihre eigene Stellung zum Kriege zu erklären. [159] Am 8., am 18., am 25. März versammelte sie sich; die Entscheidung fiel ihr schwer; endlich am 25. März kam es zu einem Mehrheitsbeschlusse. Straßburg Schlettstadt und Colmar entschlossen sich, den königlichen Mandaten Folge zu leisten; Basel erklärte, neutral bleiben zu wollen. Als seine Gesandten Peter Offenburg und Heinrich von Sennheim, die diese Erklärung in Colmar abgaben, dorthin von Basel abgeritten waren, hatten sie den Rat verlassen in Unterhandlungen mit einer eidgenössischen Gesandtschaft und unter dem mächtigen Eindrucke des vor wenigen Tagen geschehenen Treffens auf dem Bruderholz.


Wenn auch Basel gegen außen geschlossen auftrat, so dürfen wir doch die Zustände nicht übersehen, die Hintergrund dieses Handelns waren.

Von den damaligen politischen Parteien in der Stadt war schon die Rede. Jetzt kam die Wirkung dieses leidenschaftlichen Krieges; auch das städtische Parteiwesen nahm an Heftigkeit zu, zwang immer weitere Kreise in seinen Dienst. Man wußte dies im Lande draußen sehr wohl, und jeder Teil baute darauf Pläne und Hoffnungen, wenn nicht für die Haltung der Stadt selbst, so doch für einzelne Vorteile. In der Tat wurden den Kriegführenden durch ihre hiesigen Anhänger alle möglichen Dienste geleistet mit Meldungen Warnungen Lieferungen usw., ohne Rücksicht, ob die Stadt dadurch kompromittiert wurde oder nicht. Korrekter handelten jene Adligen, die aus der Stadt zogen um ihrem König zu dienen, wie Herman und Jakob von Eptingen, Arnold von Rotberg, Marx Rich u. A.; Einige von ihnen hatten noch vor wenigen Monaten den Hintersasseneid geleistet; jetzt ließ sie der Rat mit Weib und Kind und Gut hinwegziehen. Einzelheiten sodann, die uns gemeldet werden, von Unruhen auf den Zünften, von Verhandlungen dieser mit dem Rate, von dessen Strafurteilen usw., lassen vermuten, wie das damalige städtische Leben beschaffen war. Die Metzgernzunft stellte jedenfalls die lautesten und derbsten Vertreter im eidgenössischen Anhang. Und soweit ging der Drang, Farbe zu bekennen, daß sogar die Nonnen in den Klöstern sich parteiten, die Einen die weißen Kreuze der Schweizer an ihre Schleier hefteten, die Andern die roten der Königlichen. So unmittelbar diese Zeugnisse reden, machen wir uns doch kaum eine richtige Vorstellung von der Heftigkeit des Parteitreibens, das von den Kriegsnachrichten unausgesetzt erregt und erbittert die Stadt erbeben machte. Um so wirksamer daneben die schöne ruhige Erscheinung einiger parteilosen Patrioten. Es sind Bürger, die weder Schweizer noch Österreicher, sondern lediglich Basler sein wollen. Solcher Art ist der Landvogt auf Farnsburg Jacob Iselin. So auch der Homburger Vogt Hans Hirt; wenn der Stadt Notdurft [160] es verlangt, will dieser gerne seine Bäume an der Rheinhalde daheim abhauen lassen, ja das Haus selbst hingeben, damit dort ein Bollwerk gebaut werden könne. „Und war das Haus golden, es sollte mich nicht reuen“. Er will Alles einsetzen für die Stadt. „Muß gekämpft sein, so wollen wir Gott zum Helfer nehmen und die alte Hellebarde und sie lassen walten, daß man daran eine Stadt von Basel spüre.“

Unter der Wirkung dieser Zustände stand natürlicherweise der Rat; in ihm spiegelte sich die Parteiung, wenn auch nicht vollständig, wieder.

Wir erinnern daran, was über die seit 1495 wahrzunehmende Umbildung des Rates gesagt worden ist, sowie an die Gruppe der Männer, die Neues wollten und einführten. Aber so ruhig der Vorgang und so frappant die Übereinstimmung auch zu sein scheint, dürfen wir doch nicht glauben, daß das, was 1501 vollendet wurde, in seinem ganzen Umfange schon jetzt zu sein begonnen habe. Es bereitete sich vor, aber keineswegs in gleicher Absicht und Gesinnung aller Beteiligten.

Den entschieden königlich Gesinnten im Rate standen nicht nur entschieden Eidgenössische gegenüber. Es gab noch jene Gruppe von Parteilosen, und das maßgebende führende Wort hatten zunächst die vorsichtigen Rechner und Opportunisten. Sie wollten die Entwicklung der Dinge abwarten, um je nach ihrem Ausgange handeln zu können. Nur aus dem Vorwalten Solcher ist die Haltung Basels im Kriegsjahre zu erklären, die noch starker Erlebnisse bedurfte, um zur Haltung von 1501 zu reifen.

Eine separate Stellung nahmen hiebei die Bürgermeister Hartung von Andlau und Hans Imer von Gilgenberg ein. Beide waren früher österreichische Beamte gewesen und noch jetzt Lehnsleute des Königs. Schon im Jahre 1498, da Gilgenberg von Max zu diplomatischen Geschäften verwendet und „Rat und Diener“ genannt worden war, hatte dies zu heftigem Wortwechsel im Rate geführt; jetzt, da Krieg war, häuften sich die Schwierigkeiten. Maximilians landesfürstliche Anforderungen an die beiden Herren mußten abgelehnt werden; auf der andern Seite fand bei den Schweizern üble Deutung und war ihnen gegenüber zu rechtfertigen, wenn der Eine oder der Andere Namens der Stadt in Überlingen oder im Feldlager Fürstenbergs verhandelte. Innerlich hielten sie natürlich zum König, und diese Gesinnung mochte sie etwa einmal auch weiter gehen lassen, als eine strengverstandene Neutralität zuließ. Im Allgemeinen war ihre Haltung korrekt und loyal, jedenfalls aber ihr Einfluß auf die städtische Politik nicht entscheidend. Die Leitung Basels lag in den Händen Offenburgs und seiner Anhänger, und die beiden Edelleute waren mehr Geführte als Führer.

[161] Während der ersten Kriegswochen hatte der Rat alle Zumutungen des Königs und seiner Befehlshaber mit dem Hinweise darauf ablehnen können, daß die Stadt am Versuch einer Friedensvermittelung beteiligt sei und vor Ausgang dieses Unternehmens sich in keiner Richtung entschließen könne. Welcher Art aber seine Meinung schon damals war, zeigt die den Gesandten zur Niedern Vereinigung erteilte Instruktion vom 17. März deutlich. Er empfahl darin, daß die Liga dem Kriege fern bleiben sollte; eine Beteiligung Basels würde zur Besetzung seiner Landschaft durch die Eidgenossen führen, in welchem Falle ihm die Vereinigung zu Hilfe eilen müßte und schwere Kosten und Sorgen haben würde. Dies Alles könnte durch ein Stillesitzen sämtlicher Bundesglieder vermieden werden.

Aber unterdessen kamen auch Forderungen der Eidgenossen. Diese hatten am 11. März beschlossen, durch Solothurn neuerdings Basel fragen zu lassen, wessen man sich zu ihm zu versehen habe. Die Ausführung dieses Beschlusses verzögerte sich; die Gesandschaft traf erst am 23. März in Basel ein, am Tage nach dem Gefecht auf dem Bruderholz. Kaum zufällig. Der Zug der Eidgenossen in den Sundgau war wohl nicht geschehen ohne Gedanken an Basel. Jetzt hatten sie gesiegt, unmittelbar vor Basels Mauern, und es schien leicht, die Gewalt des schönen Augenblickes nützend nun auch diese Stadt zu gewinnen. Vergegenwärtigen wir uns Rat und Einwohnerschaft in diesen hocherregten Tagen, wie sie mit Gefühlen und Hoffnungen aller Art die fast gleichzeitigen Züge beobachten, den Zug der Königlichen ins Birstal, den Zug der Eidgenossen in den Sundgau, wie dann gestritten wird und die Botschaft des Sieges kommt, die Verwundeten hereingebracht werden, die Toten zu bestatten sind. Und mitten in diesem Getümmel, im Widerstreit der erregten Parteien, tritt unter Führung des feurigen Niklaus Konrad die Gesandtschaft vor den Rat mit den großen Begehren und Anerbietungen.

Sie verlangten, vielleicht über Beschluß und Auftrag der Tagsatzung hinausgehend, daß Basel der Eidgenossenschaft anhange, ihr Hilfe leiste und die Tore öffne; dafür versprachen sie, Leib und Leben für die Stadt zu wagen und sie zu halten wie ein gleichberechtigtes Glied des Bundes.

Der Rat hatte schwere Stunden. Hier diese Gesandtschaft, die schnelle und bestimmte Antwort forderte; dort die eigenen Deputierten, die zum Bundestag nach Colmar reiten sollten und auf Instruktion warteten. Dazu das Drängen der erhitzten Parteien im Rate selbst und in der Bürgerschaft. Aber die Kühlen und Überlegenden hatten die Oberhand. Den Eidgenossen wurde geantwortet, daß man die so wichtige Sache nach Gebühr reiflich [162] erwägen werde; der Niedern Vereinigung brachten Basels Gesandte die Erklärung, daß die Stadt des Krieges müßig gehen wolle.

Diese Erklärung der Neutralität war eine Absage an das Reich, ein Abschütteln der im Vertrage von 1493 übernommenen Bundespflicht. Sie war auch eine Ablehnung der eidgenössischen Anträge. Aber den Eidgenossen gegenüber war Basel frei und unverpflichtet. Daher auch der Rat dem König und der Niedern Vereinigung allerdings eine Rechtfertigung seines Beschlusses schuldete, den Eidgenossen höchstens eine Erklärung.

Was den Rat dazu bewog, die Aufgebote des Reiches abzulehnen, war zum Teil schon in der Instruktion vom 17. März ausgesprochen: er fürchtete, wenn er sich des Krieges annehme, ohne weiteres seine Landschaft an die Eidgenossen zu verlieren. Einer Annahme der eidgenössischen Vorschläge aber mußte außer der Scheu, in solche Verbindungen und Verpflichtungen einzugehen, die Erwägung entgegenwirken, daß es ein unehrenhaftes Übergehen zu den Reichsfeinden mitten im Kampfe sein würde. Gegen das Eine wie das Andre aber und für Neutralität überhaupt sprach die Klugheit, die in so kritischer Zeit raschen und endgiltigen Entschluß vermeidet, und sprach überdies ein sehr reales Interesse: wenn die Stadt neutral blieb, so sicherte sie nach Möglichkeit ihr eigenes Gebiet; sie deckte aber auch Sundgau und Breisgau und bewahrte diese reichen Lande, wo sie zahllose Gefälle und Rechte hatte und mit denen sie das alte Gut des feilen Kaufes verband, vor der Verwüstung. Daher auch im Verlaufe des Krieges das wiederholte Eintreten Basels bei den Eidgenossen für die Schonung des Sundgaus, daher die wiederholten Warnungen, die es den einen Kriegführenden wie den andern zukommen ließ, um Aktionen in der Nähe zu verhüten.

Nur eine Einkleidung solcher Gedanken war es, wenn der Rat den Königlichen gegenüber den Beruf seiner Stadt am Oberrhein geltend machte, „Was Basel sei, das gereiche gemeiner Landschaft und Ritterschaft zu Nutzen“; seine Teilnahme am Krieg würde nicht nur ihm selbst die Eidgenossen zu Feinden machen, sondern auch den Vorlanden Schaden bringen.

Die Niedere Vereinigung ließ sich durch Basels Gründe überzeugen und, indem sie selbst am Kriege teilzunehmen beschloß, empfahl sie der Königin und den Hauptleuten, Basels besondere Lage zu würdigen und seine Neutralität gelten zu lassen. Anders die österreichischen Lande. Sie sahen in Basels Entschluß nur die Absage an den König. Die Waldstädte schalten die Basler Verräter. Erregt schrieb der Farnsburger Vogt von Bedrohungen; er war auf das Schlimmste gefaßt. Überall im Sundgau hieß es, die Basler seien Schweizer geworden, und in der Markgrafschaft ging dieselbe [163] Rede. Als wäre Nichts geschehen, Nichts kundgetan worden, verlangten die königlichen Befehlshaber auch jetzt wieder, daß Basel den Sturm ergehen lasse und mit Macht ihnen zuziehe.

Aber zur gleichen Zeit hatte sich Basel auch der Eidgenossen zu erwehren. Wie für die Gegner, so für sie war Basel ein strategischer Punkt ersten Ranges, und ihre Verhandlungen mit dieser Stadt galten in der Tat dem sofortigen Eintritt in den Bund, der sofortigen Teilnahme am Krieg. Am 3. April erwartete die Tagsatzung in Zürich die Antwort Basels; Lienhard Grieb d. j. und Hans Hiltprand waren seine Gesandten. Aber sie verweigerten eine definitive Erklärung; wiederholt hatten sie abzutreten; die Tagherren verlangten zuletzt unwillig, daß bis zum 9. April Basel seinen Bescheid den Solothurnern kundgebe. In der Eidgenossenschaft war man erstaunt darüber, daß Basel sich so sperre, nicht gern und dankbar zugreife. Man wolle des Zulugens der Basler nicht mehr länger sich gedulden, hieß es; sie warteten nur auf das Kriegsglück; gebe Gott den Eidgenossen den Sieg, so seien sie gut schweizerisch, im andern Falle gut österreichisch. Basel ließ seine Gesandten nach Solothurn, nach Bern, nach Luzern und Zürich reiten, und in Solothurn erlebten sie, was sie dem Rat anschaulich schilderten: erst mit guten Worten und Verheißungen für den Beitritt Basels zum Bunde, dann nach Tisch mit Einschüchterung, mit Reden von der Länder Widerwilligkeit und Grobheit, suchten die Solothurner Räte auf die Basler zu wirken. Sie erzielten Nichts. Auch Berns Bemühungen hatten keine Wirkung. Am 19. April, in Zürich, erklärten die Boten Basels wieder, keine „endliche Antwort“ geben zu können; ehe eine solche möglich sei, müsse der Rat die Meinung des Königs vernommen haben.

In der Tat empfahlen die mit der Instruktion nach Zürich betrauten Deputierten, die Sache vor König Max zu bringen. Dieser war endlich auf dem Weg in die Vorlande; der Rat konnte aus all dem Geschrei der Nachbarschaft heraus, über die unbelehrbaren Räte und Feldhauptleute hinweg seine Sache unmittelbar vor der Majestät selbst vertreten. Ehe hier ein Bescheid gefallen, sollte den Eidgenossen nicht geantwortet werden. Freilich auf die Gefahr hin, daß diese Basel überwältigten. „Aber die Stadt müsse ihre Sache Gott befehlen, wie Andre auch tun. Doch“ — und hier wird eine beachtenswerte Meinung kund — „ehe es dazu komme, könne man immer noch dem König eine gute Antwort geben, damit wir uns seiner Hilfe nicht begeben und zwischen zwei Stühle niedersetzen.“

Am 19. April, gleichen Tags da die Boten Basels vor der Tagsatzung standen und keine befriedigende Antwort zu geben vermochten, instruierte [164] der Rat seine Gesandten nach Freiburg zum König. Sie sollten diesem den bisherigen Verlauf auseinandersetzen und die Gutheißung der Neutralität Basels verlangen, damit Basel beim Reich bleiben möge. Mit dieser ernsten Verwahrung sollten die Gesandten ihren Vortrag schließen.

Aber König Max war in der Stimmung, die sein großes Manifest vom 22. April erfüllt. Wie er dort am Sieg über das „grobe schnöde Bauernvolk“ nicht zweifelte, den begonnenen Krieg als „des heiligen römischen Reichs und deutscher Nation endlichen Ernst“ verkündete, so war er keineswegs geneigt, auf Basels Begehren einzutreten. Was die Stadt seit Beginn des Krieges getan, wolle er in Gnaden auf sich beruhen lassen, in der Erwartung, daß Basel jetzt sich erhebe und seine Pflicht tue, wie einer Stadt des Reichs und gehorsamen Untertanen gezieme.

Die Gesandten meldeten diesen Bescheid sofort nach Hause und fragten, ob der Rat weiteres Verhandeln wünsche.

Wir beachten, daß in eben diesen Tagen die Eidgenossenschaft ihren wilden Zug an Basel vorbei nach Häsingen ausführte, daß die Basler Landschaft von kriegerischem Getöse erfüllt war. Und in all dies hinein noch die Nachricht vom schönen Siege der Schweizer bei Frastenz am 20. April.

Wieder wie vor vier Wochen, in einem entscheidenden Augenblicke, stand Basel unter der Wirkung der gewaltigen Ereignisse. Aber seine Führer bemusterten auch jetzt wieder die Situation. Allen Einflüssen von links und rechts, der mächtigen Aufregung entgegen. In den Zünften gährte es, und der Rat wollte ohne die Gemeinde, die Sechser, keinen Beschluß fassen, so stark er auch die eidgenössische Partei unter diesen wußte. Er berief unverweilt, am 24. April, den Großen Rat ins Predigerkloster, und hier geschah die ernste und folgenschwere Sitzung. Die Verhandlungen sind unbekannt. Wir vernehmen vom Rate nur das Eine, daß er viele Mühe und „subtile Vernunft“ anwenden mußte, um den Großen Rat vom Anschluß an die Eidgenossenschaft abzuhalten und dazu zu bringen, „Basler sein und bleiben zu wollen“. Es war drauf und dran, daß die Gemeinde anders beschloß. Aber der Rat blieb Sieger, gewann die Versammlung neuerdings für seine Politik und für den Entschluß, sich gegen beide Teile unparteiisch zu halten.

Nun konnte auch die Tagsatzung ihre Antwort haben. „Mit vielen Worten“ eröffneten dort Basels Gesandte am 2. Mai, daß die Stadt trotz den Mandaten des Königs stille sitzen, weder wider das Reich noch wider die Eidgenossen sein und die Vereinigung von 1493 halten werde, sich jedoch dabei auch von Seiten der Eidgenossen aller Freundschaft versehe.

[165] Dies das letzte Wort. Nun war die Lage formell geordnet. Alles Kommende geschah gemäß der völligen Neutralität Basels.


Nirgends freilich war solche Neutralität schwieriger zu üben, als gerade hier. Denn wie die Stadt „auf dem Anstoß“ der Feinde lag, so die Landschaft; diese wurde der freie Tummelplatz für alle Lust und Wildheit des Krieges. So sehen wir, daß der Begriff dieser Neutralität für das Gebiet der neutralen Stadt kaum galt; was der Rat im Einzelnen zu tun versuchte, durch Verteilung von Bleischilden mit Baselstäben oder durch Bezeichnung von Häusern mit diesem Wappen, fruchtete nicht Viel. Aber auch rings um die Stadt selbst, bis an die Gräben, war die ganze Flur offen für den Krieg. Nur die festen Plätze vermochten die Neutralität zur Geltung zu bringen, und auch sie nicht alle. Von einer Sperrung Waldenburgs war nie die Rede. Bei Liestal galt wenigstens als Regel, daß seine Tore beiden Parteien geschlossen sein sollten. So auch bei Basel, wo aber die Vorschrift schon früh gemildert werden mußte. Wir werden daher einen nie abgebrochenen, regen Verkehr gewahr. Von hüben und drüben ritt man hier ein und aus, und an Vorwürfen deswegen konnte es nicht fehlen. Denn wer hereinkam, suchte nicht immer nur das Wirtshaus und den Kaufladen; auch Kundschaft konnte er bringen oder holen, Helfer werben, einen Handstreich abreden. Was aber am meisten zu reden gab, waren die Lieferungen von Proviant und Kriegsmaterial. Der Rat hielt konsequent den feilen Kauf für beide Lager offen; alte Übung so gut wie deutliche Verträge sicherten Basel diese Funktion, die zum guten Teil seine Bedeutung für den Oberrhein begründete. Den Zwischenhändlern freilich trat der Rat entgegen. Er verbot die Zufuhr zu den Kriegenden; diese sollten hier nur den feilen Kauf suchen dürfen. Aber um so entschiedener wahrte er diesen. Was für Lebensmittel galt, galt auch für Anderes, namentlich für Waffen und Munition.

Von großer Kraft ist der Kontrast zwischen der unaufhörlichen stürmischen Bewegung des Krieges draußen und der Ruhe dieser geschlossenen stolzen Stadt, die vom Kriege nichts wissen will. Aber sie steht doch ganz unter seiner Wirkung. Sie erlebt Alles mit, was um ihre Mauern geschieht, und vibriert im Innersten von verborgenem Leben.

Alles ist jetzt ungewöhnlich, das Alltägliche gestört. Bei den Gerichten wird es stille; sie werden selten gehalten, das Urteilsbuch zeigt wenige Eintragungen; aber in der auffallenden Häufigkeit von Testamenten offenbart sich der Ernst dieser Zeit. Und wie überfüllt ist die Stadt! Durch die Geflüchteten zumal, die mit ihren Familien und Vorräten sich überall [166] hineindrängen, mit ihrem Vieh den Weidgang belasten. Aber die Bürger selbst auch halten sich jetzt nach Möglichkeit hinter den Mauern, meiden das unsicher gewordene Land. Wenn sich Einer mit seinen Waren dennoch hinauswagt, kann ihm Übles widerfahren. Die Leute im Birstal lauern auf diese „hin und wieder laufenden Krämer“, behandeln sie als Spione. Im Sundgau geschieht das Gleiche; kein Basler Metzger ist dort seines Lebens sicher, der Schaffner von St. Leonhard kommt um sein Roß, da er den Zehnten zu Kappeln holt, u. dgl. m. Denn was gilt noch der Einzelne? Die Partei ist Alles, Schweizer oder Österreicher, Kreuz oder Pfauenfeder, weißes Kreuz oder rotes. Diese Scheidung geht durch Alle, durch den Rat, die Zünfte, die Klöster, die Weiber unter der Haustür und am Brunnen, und die Erregung dieser allgemeinen Parteinahme wird immer leidenschaftlicher, je länger der Krieg dauert, je wilder und erbarmungsloser er geführt wird. Sie wirkt überall, verhalten und hämisch in geheimen Warnungen, auch in falschen, absichtlich irreführenden Nachrichten, die von Einzelnen bald in dieses, bald in jenes Lager gehen, aber laut herausfordernd kriegerisch in politischen Liedern, in den Streitereien am Tor, wenn ungeberdige Solothurner Einlaß verlangen, und im Trotze der Edeln, die gütlich hereingelassen wurden und nun an der Spitze ihrer Knechte mit gespannten Armbrüsten durch die Gassen traben. So besonnen und tätig der Rat auch waltet, er kann es Keinem zu Gefallen machen und der Siegesübermut so gut wie die Scham des Überwundenen führen dazu, an dieser neutralen, überall im Wege stehenden Stadt eine Schuld zu finden.

Den Gegensatz zu der wohlbehüteten Stadt aber bildet ihre Landschaft, die wie preisgegeben ist, ja die sich selbst preisgibt. Macht und Ansehen Basels leben fast nur noch auf den Schlössern; aber von allen Seiten und nicht zum wenigsten von den Untertanen selbst wird hier den Landvögten zugesetzt mit Begehren Anerbietungen Drohungen. Sollte der Farnsburger Vogt von solchem Drohen sterben, er stürbe täglich. Ganz ersichtlich ist, wie diese Beamten, die zu Beginn des Krieges noch Vertreter der Herrschenden und selbst die Herrscher waren, allmählich fast nur noch Agenten werden, die Berichte sammeln und senden. Sie haben die Beherrschten und die Mittel der Herrschaft verloren. Dies gilt auch von den Hauptleuten, die mit ihren Söldnern dem eingebornen Regiment in Liestal beistehen sollen. Liestal neigt sich schon früh zu den Eidgenossen, und seinem Beispiel sowie den bald lockenden bald drohenden Schweizern folgen andere Gebiete. Immer bestimmter muß der Rat wahrnehmen, daß seine Herrschaft da draußen wankt.

[167] Zur gleichen Zeit, da Basel der Tagsatzung seinen Willen kund tat, neutral zu bleiben, in den ersten Tagen des Mai, traten die Eidgenossen einen ihrer Kriegszüge in den Sundgau an. Die Stadt war inmitten größter Bewegung. Nahe bei einander im Birstal lagerten Schweizer und Königliche, und von den Pässen her zogen gewaltige Scharen das Baselbiet herab. Als Mitglieder des Rates ihnen bei Liestal begegneten, meldeten sie voll Staunens nach Hause, daß die Eidgenossen so mächtig noch nie beisammen gewesen seien. Neben dem Banner von Bern zählten sie achtzehn Fähnlein. Das Landvolk aber ward mitgerissen; Viele nahmen die Waffen, schlossen sich dem gewaltigen Heere an, vor dem jetzt der Schrecken einherzog. Es habe Liestal mit Gewalt eingenommen und werde nun Basel belagern, hieß es im Sundgau. Aber die Eidgenossen, schon bei Brüglingen scharmützelnd, drangen an Basel vorbei dem Sundgau zu, immerfort dem weichenden Feinde nach, bis Blotzheim, dann bis Habsheim; sie verbrannten, was ihnen am Wege lag.

Von nun an verstummte das Waffengeklirr um Basel nicht mehr, und die Schwierigkeiten häuften sich immerfort, gerade als sollte die Stadt aufs ernsteste geprüft werden in ihrem Willen zur Neutralität. Die Pläne des Feldhauptmanns Heinrich von Fürstenberg, mit gesammelter Macht vom Elsaß her quer durch Basler Gebiet ins Rheintal und Hegau zu ziehen; das anhaltende Gerücht von einem Einfall der Waldstädte in die Ämter; die seltsame Korrespondenz Berns und Solothurns mit dem Liestaler Gemeinderat, wobei von Basel geredet wird als von einer kaum mehr bestehenden Autorität; die Anzeichen von Kriegsmüdigkeit des Sundgaus und das Projekt eines zwischen ihm, Basel und den Eidgenossen zu schließenden Separatabkommens, — Alles dies bezeugt uns die Art und den Umfang der Aufgaben, die Basel gestellt waren.

Dabei verdient das Verhalten Solothurns auch jetzt wieder Beachtung. Während Basel etwa hören konnte, daß bei den Eidgenossen allenthalben seine Sache wohl stehe, seine Haltung als ehrlich und redlich gelobt werde, erfuhr es, daß Solothurn dieser Meinung nicht war. Solothurn hatte allerdings eine andere Stellung als die übrigen Eidgenossen; es war „in den Katzbalg und tägliche Anfechtung“ gesetzt, und wenn den entlegenen Orten genügen konnte, daß Basel nicht zum Feinde hielt, so empfand das in seinen Gebieten stets bedrohte Solothurn die Untätigkeit Basels als einen Schaden. Diese Neutralität war ihm auch von Temperaments wegen unerträglich, und sein Grimm hierüber, von der alten Antipathie getragen, wirkte nun alle diese Kriegsmonate hindurch in endlosem Zank, in Vorwürfen und Verdächtigungen.

[168] Ähnliches erlebte Basel im Sundgau. Was als nachbarliche Ungebühr alt und gewohnt war, empfing jetzt auch hier neues Leben und stärkere Kraft. Basel verantwortete sich und klagte seinerseits; als es in Ensisheim ohne Gehör blieb, griff es zu Repressalien und belegte die zu ihm geflüchteten Sundgauer mit einer Wochensteuer. Zuletzt versuchte es auch jetzt wieder eine direkte Eingabe an den König, gleichsam an seine Majestät und Weisheit appellierend von dem Gebahren der Beamten. Zu Beginn des Juni sandte es den Bürgermeister Gilgenberg zu Maximilian nach Überlingen. Aus der Instruktion, die der Rat erteilte, vernehmen wir noch einmal die leitenden Gedanken: hätte Basel den königlichen Mandaten gehorcht, so würde es beim letzten großen Zug der Eidgenossen, der nach Habsheim ging, um sein Gebiet gekommen sein, nicht nur zum eigenen, sondern auch zu der Vorlande Schaden. Solches voraussehend, nicht um sich vom Reiche zu sondern, sei Basel stillgesessen. Der König möge diese Lage bedenken, auch der großen Dienste sich erinnern, die Basel schon dem Reiche getan, und seine Neutralität gut heißen; auch solle ihm unverhohlen bleiben, wie schwer dem Rate geworden sei, seine Bürgerschaft von Annahme der eidgenössischen Anträge zurückzuhalten. Wie vor zwei Monaten in Freiburg also auch hier die leise Drohung des Abfalls vom Reiche und, deutlicher als dort, die Nennung der in Basel für einen solchen Abfall wirkenden Mächte.

Aber diese ganze Auseinandersetzung gelangte gar nicht an das Ohr des Königs. Als Gilgenberg in Überlingen eintraf, war Max schon weit weg, auf der Malser Heide. Basels Auftrag blieb unerfüllt, und die Wirkung, die der Rat von einem guten Bescheide des Königs wohl erwartet hatte, auf die Opposition im Innern sowohl wie auf die königlichen Lande und Beamten, blieb aus. Nichts wurde gehemmt, die Ereignisse drängten sich.

Mitten in dieser bangen Unruhe geschah die Ratserneuerung zu Basel. Auch sie wieder mit Mutationen, die als Schwächungen der Reichspartei gelten dürfen; bei der Hohen Stube wie bei den Zünften traten bisherige Ratsglieder aus, neue ein. Dazu draußen der Überfall von Seewen durch die Königlichen am 14. Juni, die Rüstungen im Rheintal, die Sammlung eines großen Heeres im Sundgau.

Täglich kamen Meldungen nach Basel. Auch Flüchtlinge; unter diesen sogar Knechte vom Dornecker Schloß, die dort vor der drohenden Belagerung geflohen waren. Man sah die Scharen Fürstenbergs gegen das Birstal streifen; sie trabten vor den Mauern hin und her; unaufhörlich vernahm man den Trommelschlag der ziehenden Kompagnien.

[169] Basel stand sorgsam auf der Hut. Der Rat hatte vernommen, daß von deutscher Seite etwas gegen die Stadt vorbereitet werde; Straßburg und Colmar verlangten von ihm, daß er sich über seine Stellung erkläre, und drohten mit Belagerung. Da zog er einige Hundert Bewaffnete aus den Ämtern zur Besatzung herein. Aber auch die Eidgenossen vernahmen von diesen Anfechtungen und sagten dem Rat ihre Hilfe zu.

Die Schwüle wuchs. Das ganze Land war in Erregung. Die Banden des Peter Röschinger, des Prunlin, des Günther von Sierenz, ein unverantwortliches Gesindel das nur von Krieg und Grenze lebte, streiften umher und griffen an, wen sie auf den Straßen fanden. Bitter klagte der Rat über die Solothurner, die mit Raub, Gefangennahme, Hinderung des feilen Kaufs, Drohung aller Art die Basler verfolgten. In der eigenen Landschaft gingen wilde Reden. Überall in den Dörfern hatten hier die Solothurner Posten liegen, die sich von den Bauern füttern ließen „und von einem Haus zum andern aßen wie der Hirt“, und dabei gegen Basel aufreizten, zum Abfall drängten. Sie fanden Glauben. Freie Leute wollten die Untertanen werden; „das Jubeljahr zu Rom gehe an, und wer sich jetzt abfordere, der sei ein freier Mann.“

Am 9. Juli beschloß die Tagsatzung einen großen Zug gegen die Feinde, zehntausend Mann stark, mit Sammlung in Liestal. Gleichen Tags erließ sie die Aufforderung an Basel, sich nunmehr mit Bestimmtheit über seine Stellung zu erklären. Das ruhige Gewährenlassen beliebte jetzt nicht mehr; auch die Rücksicht auf die Wein- und Kornzufuhr und deren Sicherung durch ein neutrales Basel überwog nicht mehr; in dem mächtigen Sturm und Drang dieser Tage schien kein Raum mehr zu sein für Neutrale. Das Verlangen, Basel zu haben und, wenn es nicht sich geben wolle, es zu nehmen, hatte seit Beginn des Krieges den gemeinen Mann in der Eidgenossenschaft erfüllt; jetzt lebte es auch in den Regierungen und Tagherren, war ein Teil des Entschlusses, der die Zehntausend ins Feld schickte. Der Schultheiß Sonnenberg von Luzern und Vogt Fleckly von Schwyz erhielten den Auftrag, namens der Tagsatzung mit Basel zu verhandeln. Sie trafen in Olten mit der Basler Ratsbotschaft zusammen und stellten nun die Forderung, daß Basel sich bündig für oder wider die Eidgenossen erklären, Ja oder Nein sagen solle. Allerwärts erhoben und rüsteten sich unterdessen die Scharen. Aber auch jetzt wieder waren die Gesandten Basels klugerweise nicht im Stande, eine Antwort zu geben. Sie konnten nur zusagen, die Sache daheim vor den Rat zu bringen.

Während nun auf Grund dieser Relation und angesichts Alles dessen, was draußen geschah, im Basler Rate die Wellen jedenfalls hoch gingen, stellten sich bei Dornach die Streiter zum entscheidenden Gange.

[170] Als ein ungeheurer Kampf um Herrschaft und Freiheit, als letztes Einsetzen der Kraft in einem jahrhundertelangen Ringen trägt dieser Krieg unzweifelhaft den Charakter der Größe. Aber nicht für die Geschichte Basels.

Im Armagnakenjahr, dann wieder in den Burgunderjahren war ein Beben, ein mächtiges Ergriffensein durch Basel gegangen, das wir noch heute zu spüren glauben. Die Zeit des Schwabenkrieges war anders geartet. Was diese Periode der Stadtgeschichte als starkes Leben füllte, galt der innern Entwickelung. Von außen aber kam nie eine tatsächlich drohende Gefahr an die Stadt heran, und durch die Neutralität nahm sie sich selbst jede Gelegenheit, Stärke und Größe zu zeigen. Sie erlebte Leid Plage Schaden die Menge, aber nie Etwas, das ans Leben ging und zum Zusammennehmen der ganzen Kraft zwang.

Wenn irgendwann, so erwies sich damals die Basler Staatskunst als wirkliche Kunst. Mit derselben ruhigen Überlegung, in der Basel während der letzten Jahrzehnte seine auswärtige Politik geführt hatte, war es auch jetzt den ungeheuern Schwierigkeiten gewachsen. Zuerst seine Bemühung für einen Frieden, dann im gegebenen Moment die Fähigkeit, sich abzusondern und eine neutrale Rolle in Anspruch zu nehmen. Die Durchführung dieser Rolle sodann mit vollendeter Subtilität und Sorgfalt, nie allzu grundsätzlich, stets das Zweckmäßige treffend, leidenschaftlichen Auseinandersetzungen aus dem Wege gehend; „je stiller desto besser“, wie der Stadtschreiber bei Gelegenheit empfahl.

Mit dieser Neutralität forderte Basel vor Allem den König heraus; aber es wußte, wie viel nach dieser Seite gewagt werden konnte. Die Gefahr lag weit mehr auf der andern Seite; aber hier half die Uneinigkeit der Eidgenossen. So brachte es der Rat fertig, alle die heißen Monate hindurch vom Bruderholzgefecht bis zur Dornacher Schlacht seine Stellung zu wahren. Erleichtert wurde ihm seine Aufgabe dadurch, daß der Krieg in Basels Nähe lange Zeit über den Charakter der nachbarlichen Rauferei wenig hinausging. Bis dann zuletzt bei Dornach eine Größe und Wucht sich zeigte, wie bisher im ganzen Kriege nicht.

Überaus eindrücklich ist das Bild dieses Schlosses Dorneck, das nur von Wenigen besetzt ist, während vor seinen Mauern schimmernd und lärmend das mächtige Heer der Feinde sich lagert; von überwältigender Schönheit aber dann das Erscheinen der Eidgenossen, die in Gewaltmärschen, eine Schar nach der andern, heraneilen und sofort, heiß und erschöpft, sich in den Kampf stürzen. Nach wenigen Stunden waren sie glorreiche Sieger.

[171] Gleichen Abends noch, am Lagerfeuer, schrieben sie die Botschaft nach Hause; andern Tags aber, am 23. Juli, einen Brief an das nahe Basel.

Wir suchen ihre Empfindungen zu verstehen. Das blutige Feld des Sieges, auf dem sie jetzt lagern, ist nicht wie ihre andern Schlachtfelder. Sie stehen hier an einer Stelle besonderer Art, auf der Grenze ihres Gebietes, vor den Toren dieser großen, in den letzten Monaten so oft genannten und gesuchten Stadt. Sie sehen sie vor sich liegen, prächtig getürmt, in der Wehr ihrer weiten starken Ummauerung, und denken an all die Kräfte, die dieser Ring einschließt. An der Schwelle der Heimat, des Berglandes ruht die Stadt, und hinter ihr dehnt sich die blaue schimmernde Ferne, das unerhört fruchtbare Land. Weit und breit ist kein Feind mehr. Gedanken an Erweiterung der Eidgenossenschaft, an Eroberung stürmen auf sie ein, die schon vom Siege berauscht sind, und aus solchen Stimmungen heraus schreiben sie den Baslern. Sie erinnern an die Liebe und Nachbarschaft, die ihre Vordern mit einander gehabt und die von Gottes Gnade gar wohl erschossen sei. Damit solche Freundschaft gemehrt werde, fordern sie Basel mit dringlichen Worten auf, jetzt endlich die Erklärung zu geben, daß es eidgenössisch sein wolle.

Nachts um ein Uhr wurde dieser Brief im Rathause zu Basel abgegeben, wo die Räte noch beisammen saßen.

Das Gegeneinander von Eidgenossenschaft und Basler Rat entwickelt sich in den eiligen gedrängten Unterhandlungen dieser wenigen Tage höchst charakteristisch vor uns. Am 24. Juli antwortete der Rat den Hauptleuten ausweichend; der Zustand des Konzeptes zeigt, wie schwer ihm die Redaktion fiel; er schrieb, daß er der Tagsatzung den Bescheid durch Gesandte geben werde. Das Heer war unterdessen vor Pfäffingen, dann nach St. Jacob gezogen. Nochmals, von dieser erinnerungsreichen Walstatt aus, ungestüm, im Gefühl des unüberwindlichen Siegers, warben die Hauptleute um Basels Freundschaft. Sie verlangten eingelassen zu werden, vor dem Rate zu reden. Solches geschah. Aber nun forderten sie die Einberufung des Großen Rates. Schon ihr Brief vom Dornacher Schlachtfelde war auch an diesen gerichtet gewesen; sie wußten, wie starken Anhang die Eidgenossenschaft bei den Zünften hatte. So wurde denn der Große Rat zu Predigern versammelt, und vor ihn traten die Hauptleute, erneuerten ihr Begehren, daß Basel den Eidgenossen anhange und mit ihnen in den Krieg ziehe.

Es war eine der lebensvollsten Stunden der Basler Geschichte. Der Rat wußte, daß die Eidgenossen Liestal inne hatten; der Verlust der Herrschaften war zu befürchten; vor den Mauern lagerte drohend unruhig das [172] gewaltige Heer. Und hier im Saale jetzt diese rückhaltlosen hinreißenden Reden der noch im Kampfkleid dastehenden Werber. Daß der Rat Allem diesem gegenüber sich behauptete und die Zünfte in der Hand behielt, war die Vollendung seiner durch die ganze Kriegszeit hindurch geübten Kunst. Er hatte einen Brief der Ensisheimer Regierung, worin diese ihn dringend bat, sich nicht vom Reiche drängen zu lassen, einen Brief, der deutlich zeigte, wie viel die Regierung in diesem Moment allgemeinen ratlosen Schreckens für die Vorlande fürchtete und wie wichtig ihr daher die Fortdauer der Neutralität Basels war. Aber nicht dieser Brief bestimmte das Handeln des Rates. Was ihn leitete, waren die allgemeinen Erwägungen, die schon bisher zum Stillesitzen bewogen hatten. Zu ihnen trat jetzt noch ein Besonderes.

Die Ergänzung und Ausnützung des Dornacher Sieges würde natürlich ein Zug in den Sundgau gewesen sein, zur Verheerung des Landes, vielleicht zur Eroberung. Wenn die Eidgenossen Basel aufforderten, mit ihnen in den Krieg zu treten, so wurde vor allem an einen solchen Sundgauer Zug gedacht. Die Teilnahme an diesem würde die erste Tat des eidgenössischen Basel gewesen sein. Hievor schreckte es zurück. Politische und militärische Bedenken, die Rücksichten auf Gefälle und feilen Kauf überwogen; Basel ließ sich auch diesmal zu keinem Wagnis herbei, ergriff auch diesmal die Gelegenheit nicht.

Von Bedeutung war überdies die Unschlüssigkeit im eidgenössischen Heere. „Der Eine wollte dahin ziehen, der Andre dorthin, der Dritte nach Hause.“ Basel wußte dies und sah dadurch sein Ablehnen erleichtert. Es gab die Antwort, daß man hier Basler bleiben, nach wie vor keinem Teil anhangen, beiden Teilen Liebe und Freundschaft erzeigen wolle. Es verblieb bei der Neutralität.

So schloß diese denkwürdige Woche. Samstag Nachts, 27. Juli, traten die Eidgenossen den Heimmarsch an.


Die Basler Landschaft ward nun nach vielen Monaten wieder leer von fremden Kriegern. Das Schlachtfeld bei Dornach war aufgeräumt; wie schon nach dem Kampf auf dem Bruderholz, so hatten auch jetzt die Basler hinter den totschlagenden Eidgenossen her die Totengräber machen müssen. Und rings um die Stadt lastete die furchtbarste Bestürzung über den österreichischen Gebieten.

Aber die Angst wich rasch andern Gefühlen. Scham Trauer Zorn Haß regten sich, und Alles fiel nun über Basel her. Es habe dem Feind bei Dornach geholfen, meineidige Bösewichter seien die Basler. Angriffe und Brandstiftungen und Räubereien begannen wieder; von König Max kam [173] auch wieder ein Aufgebot zur Stellung von Kriegsvolk. Aufs neue sah sich der Rat mitten in den drängendsten Geschäften; in Ensisheim, in Neuenburg, in Straßburg hatten seine Gesandten zu arbeiten. Es waren peinliche Verhandlungen, heftige Debatten. Und die Bewegung, die bei alledem in Basel selbst gährte, können wir nur ahnen.

Friedensunterhandlungen zwischen den Eidgenossen und dem König, durch den Herzog Ludwig Sforza von Mailand betrieben, hatten schon vor Dornach stattgefunden. Jetzt nach der Katastrophe wurden sie in bestimmterer Form wieder aufgenommen, und als der geeignete Ort für die Zusammenkunft erschien Basel.

Vom 15. August an trafen hier die Gesandtschaften ein; zuerst der königliche Hofmarschall Paul von Lichtenstein, dann die andern Vertreter Maximilians, an ihrer Spitze der schöne jugendliche Markgraf Kasimir von Brandenburg; als französischer Botschafter Herr Tristan von Salazar, Erzbischof von Sens; der mailändische Gesandte Galeazzo Visconti; jeder dieser Herren mit glänzendem Geleite von Edelleuten, gefolgt von Familiaren Trabanten Bewaffneten. Zugleich mit ihnen, ebenfalls von starken kriegerischen Scharen umgeben, ritten die Boten der eidgenössischen Orte ein. Auch Schaffhausen St. Gallen Appenzell, der Graue Bund, Wallis Rotweil hatten hier ihre Vertreter. So sah die Stadt, die in diesen Monaten schon so Manches erlebt hatte, nun auch einen großen Friedenskongreß. Sie hatte die Straßen durch ihre Landschaft frei zu halten und zu besetzen, damit die Gesandtschaften unangefochten durchkämen; in einer Proklamation an die Einwohnerschaft befahl der Rat, Geläuf und Parteiung zu meiden, den Fremden mit Zucht zu begegnen.

Aber die Verhandlungen gingen mühsam zögernd. Man fand wenig Übereinstimmendes. Forderungen und Gegenforderungen lagen weit auseinander.

Dem Hader der Deputierten antworteten Unruhe und Streit draußen im Lande. Im Sundgau wurden Truppen gesammelt; man sah deutsches Hilfsvolk Kleinbasel vorbei und den Rhein hinauf ziehen; die Eidgenossen rüsteten aufs neue zum Krieg.

Da trat ein unerwartet förderndes Ereignis ein. Während man zu Basel beisammen saß, eroberte König Ludwig von Frankreich das Herzogtum Mailand und vertrieb den Herzog. Dies brachte Maximilian zum Einlenken. Nachdem am 25. August, unter Ansagung eines Waffenstillstandes, die Verhandlungen abgebrochen worden, wurden sie am 6. September auf neuen Grundlagen wieder aufgenommen.

Sie dauerten noch zwei volle Wochen, wobei der Friede noch einmal zu scheitern schien. Lebendig bewegt treten uns diese Tage entgegen in den [174] Äußerungen der Teilnehmer und der Zuschauer. Wir sehen das leidenschaftliche Hin- und Herreden, die Bemühungen des Vermittlers, seinen eiligen Ritt mitten aus den Beratungen fort nach Ulm zum König, um dort die letzten Schwierigkeiten zu heben. Und dem gegenüber das erregte Treiben der Menge, die sich in Basel um den Kongreß drängt, den Frieden hindern möchte oder wünscht, Edelleute aus dem Reich und eidgenössische Kriegsknechte, mitten unter diesen den trotzigen Leimentaler Bitterli mit seiner Rotte, der in des erschlagenen Grafen von Fürstenberg Seidenschaube durch die Gassen stolziert und dem Wormser Bischof sich und die Seinen vorstellt als die Bauern, die den Adel strafen. Unter solchen Umgebungen den Frieden zu finden, war schwer; die Reden, die draußen geführt wurden von einem Handstreich, von dem Dreinfahren in die Pfauenfedern zu Basel, blieben den Gesandten schwerlich verborgen. Aber der Friede ward trotz alledem. Rings stiegen Rauchwolken und Flammen auf; von den Fenstern der bischöflichen Pfalz, die hoch über dem Strome stehen, sah man plötzlich unheimliche Feuerröten rheinaufwärts, und zur gleichen Zeit loderte es im Leimental, wo Solothurner die Häuser anzündeten. Das Volk lief auf der Pfalz und der Rheinbrücke zusammen und rief zu den Waffen, die Königlichen standen besorgt. Aber solcher Alarm tat keine Wirkung mehr. Der Rat griff ein; die starke Bürgerwache, die seit Beginn des Kongresses unter den Waffen stand, schuf Ruhe; am Sonntag, 22. September, dem Tage des heiligen Streiters Mauritius, nach feierlichem Hochamt im Münster, ward im Engelhof, der Wohnung des Mailänder Gesandten, der Friede geschlossen. Alle Glocken läuteten ihn ein, Freudenfeuer flammten.

Die einzelnen Bestimmungen dieses Friedens sind hier nicht zu nennen. In ihrer Gesamtheit bedeuteten sie, daß König und Reich ihre Ansprüche an die Schweizer nicht mehr festhielten. Die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft vom deutschen Reiche wurde nicht ausdrücklich anerkannt, aber tatsächlich war sie das durch den Friedensschluß bekräftigte Ergebnis des Krieges.

Dies der Basler Friede von 1499. Er schloß die für Jahrhunderte letzte große Zusammenkunft solcher Art in unserer Stadt. Noch einmal hatte diese ihre internationale Bedeutung bewährt, ehe sie eidgenössisch wurde. Auch sie selbst erhielt in dem Frieden ihr Teil: bei Streitigkeiten zwischen Österreich und den Eidgenossen soll der Rat von Basel als Richter angerufen werden können; und da die Stadt dem König dargetan hat, weshalb sie nicht gegen die Eidgenossen gekämpft habe, so läßt ihr der König hierin seine Gnade angedeihen, so daß sie in diesem Frieden gleichfalls eingeschlossen sein und wegen ihres Verhaltens keine Ungnade noch Strafe empfangen soll.

[175] Aber so sehr erscheint, drinnen wie draußen, das was folgt als unmittelbare Fortsetzung des Geschehenen, daß dieser Friede kaum als Unterbrechung gelten kann. Die neue Bahn war schon vorher beschritten und der Gang unaufhaltsam.

Dies zeigte sich sogleich in der Beseitigung der beiden Bürgermeister. Daß diese während des Krieges so korrekt als möglich zur Neutralitätspolitik der Stadt gehalten hatten, wurde erwähnt; aber die Dornacher Katastrophe mußte ihnen zu denken geben und zeigen, wohin Basel trieb. Sie hatten wohl immer noch an einen schließlichen Sieg des Königs geglaubt; jetzt rechneten sie mit einer ganz andern Zukunft. Dazu die starke Erregung um den Kongreß her; die Partei Offenburgs mochte noch deutlicher als bisher zur Eidgenossenschaft neigen, und auch an Beeinflussung durch die Gesandten des Königs sowie durch Adlige fehlte es gewiß nicht. Wozu noch länger für diese Stadt arbeiten, zwischen diesen Krämern und Handwerkern wie in der Verbannung sitzen? Ein Protest war schon das Fernbleiben beider Herren vom Hochamt am Friedenstage gewesen; rasch wuchs der Gegensatz; im Oktober gab der Rat von sich aus dem Hans Imer von Gilgenberg die Entlassung, in denselben Tagen, da dieser über einen Verkauf seiner Burg Gilgenberg mit König Max verhandelte. Da „sah auch Herr Hartung von Andlau, wie es gehen wollte“, und verließ freiwillig das Bürgermeisteramt. Mit ihm ging der letzte Ritter aus dem Basler Rathause.

Lienhard Grieb wurde Statthalter des Bürgermeistertums. Wenn aber die Stadt in solcher Weise und herausfordernd handelte, so war von ihren Widersachern nichts Anderes zu erwarten.

Wenige Jahre später schilderte ein Basler Chronist diese Zeit: „Der im Frieden gegebenen Zusage getrösteten sich die Stadt Basel und die Ihren; sie ward aber übel an ihnen gehalten. Denn sobald der Friede geschlossen war, waren die von Basel nirgend mehr sicher außerhalb ihrer Stadt und in der Herrschaft Land. Man beraubte und erstach sie; darnach, wenn Solches geschehen war, wollte Niemand es getan haben. Sie waren allenthalben verhaßt; man sang schändliche Lieder von ihnen. Solche Not derer von Basel währte mehr als zwei Jahre lang.“ Mit diesen wenigen Worten ist im Grunde Alles gesagt, was not tut.

Das damalige Basel hat freilich seine Erlebnisse mit außerordentlicher Sorgfalt gebucht, des Zeugnisses wegen und um sich selbst für immer zu rechtfertigen. Aber unsre Aufgabe ist nicht, hier die Fülle dieser Nachrichten wiederzugeben; wir würden dadurch das Bild der wie von einer unerbittlichen Macht stürmisch vorwärts getragenen Zeit nur zersplittern.

[176] Daß Basel während des Krieges untätig geblieben war und der Krieg mit einer solchen Niederlage des Königs geendet hatte, verdarb die Stellung der Stadt zum Reich auf unheilbare Weise. Schon beim Friedensschlusse mußte sich Max sagen, daß, wenn nicht etwas Großes eintrat, Basel dem Reiche verloren war. Er gab diese Position preis schon vor dem Sommer 1501. Nur so erklärt sich die auffallende Passivität seiner Regierung gegenüber Basel in diesen hochwichtigen Jahren. Man ließ die Dinge gehen und hinderte jedenfalls nicht die Belästigung Basels.

Was in dieser Beziehung seit dem Herbst 1499 geschah, war nichts Neues, aber jetzt aufs höchste gereizt und erbittert durch die Erinnerung an das soeben Geschehene und die Aussicht auf das deutlich Kommende, den Übergang Basels zur Eidgenossenschaft. Die Basler seien Schweizer, Verräter am heiligen Reich, Mörder, — so scholl es tagtäglich. Und diesen Worten entsprachen die Taten. Zwei Vorfälle, von denen die Akten voll sind, — die rohen Schmähungen durch Clewi Rentzschli zu Ensisheim, doppelt empfindlich von ihm als einem ehemaligen Basler Bürger; dann die Beraubung und Verwundung des mit reichem Kaufmannsgut reisenden Claus Rieher von Basel im Straßburgischen — waren nur Einzelheiten in einer Fülle von Feindschaft, die sich überall in den ordinärsten Formen erging. Wie im Sundgau so im Breisgau. Und Rheinfelden vollends erwies sich wieder als Herd und Zentrum der bösartigsten Befeindung. Aus dem Wust der Zänkereien und Übeltaten hebt sich heraus die Bande der Rheinfelder Knechte, einer Freischar, die von dort aus, auf eigene Faust und durch keine Obrigkeit gehindert, ihr Unwesen trieb, Liestaler und Farnsburger zu Gleichem reizte. Über dem Singen des Dornachliedes kam es zu blutigem Streit, bei Bubendorf trafen sie im Gefecht aufeinander; Gewalttat von hüben und drüben erregte das Land, schändete die Grenzen.

Und wie stand Basel zur Niedern Vereinigung? Das Gefühl innern Verwandtseins war dahin. Im März 1499 hatten die Bundesstädte Basels Haltung verstanden; aber daß es dann dem Kampfe fern war, als sie auf dem Schlachtfelde bluteten, gab doch einen tiefen Riß. Formell galt der Verband noch immer. Als im Sommer 1500 Gefahr von Frankreich her drohte, ward auch Basel zu den Bundestagen geladen, und noch im Juni 1501, kurz vor seiner Beschwörung des eidgenössischen Bundes, nahm es an einem Tage der Liga in Colmar teil.

Durchweg steht die Betrachtung der auswärtigen Relationen Basels unter dem Eindruck eines rasch sich erfüllenden Geschickes, das durch Nichts zu lenken und zu stören ist. Äußerlich allerdings sagte sich die Stadt keineswegs [177] vom Reiche los; im Februar 1600 war sie an dem wichtigen Reichstage zu Augsburg anwesend. Aber doch wie ein Gegenspiel zu dieser Entwickelung erscheint in eben diesen Jahren das Hereintreten Frankreichs in die Basler Politik. Der Anfang ist nur klein, aber der Beachtung wert. Zu einer Zeit, da schon jährlich die Geldtransporte von Lyon her in die eidgenössischen Orte gingen, hatte Basel sich noch rein und fern gehalten, keine Beziehungen zu Frankreich gehabt. Jetzt, im November 1499, wurden solche Beziehungen eröffnet durch ein Schreiben König Ludwigs, mit dem er die gute Aufnahme seiner Gesandten zum Kongreß verdankte, und das der Rat aufs höflichste zu erwidern sich beeilte.

Die Entwickelung vollzieht sich mithin ohne Eingreifen oder Widerstreben des Reiches. Um so stärker ist die Bewegung im Innern. Es gilt hier den letzten Kampf und die Entscheidung.

Wir haben das Bild heftigster Zwietracht vor uns. Unaufhörlich ist von den Spottliedern die Rede, vom Dornachlied, vom Sempachlied, mit deren Singen man den Gegner reizte, von den Zeichen der Kreuze und Federn; überall begegnen wir dem Parteibewußtsein, das unaufhörlich zum Bekenntnis drängte und keinen Zusammenstoß scheuen ließ. Daher Unruhe und Streit allenthalben: bei den trotzig aus- und einreitenden Edeln; bei den Weibern, die in ihrem Gekeif den Zank der Männer fortsetzten — „ihr unmächtigen Schwaben, geht nach Dornach in die Metzg, da findet ihr Fleisch“ stichelt die Eine; „wenn ich nach Dornach gieng Fleisch holen, möcht ich so bald einen Schweizer wie einen Schwaben finden“ schreit die Andre zur Antwort —; bei den Zünften. Die Metzger und die Gerber waren eidgenössisch, die Brotbecken hielten zum Alten, Hans Bär im Schlüssel hieß „der groß Switzer“.

Es waren Gegensätze, die seit Jahrzehnten bestanden. Aber die gewaltigen Erlebnisse der letzten Monate hatten sie in einer Weise gesteigert, daß jetzt diese Parteinahme über ein beliebiges läßliches Meinen und Gestimmtsein weit hinausging, daß sie eine den ganzen Menschen und im Innersten ergreifende Sache war. Leidenschaft und nationaler Haß hatten den Krieg geführt; sie zeigten ihre Macht auch in dieser Stadt, die sich so klug zu sperren wußte und alle eigene Leidenschaft vor die eine Forderung stellen zu können meinte, nichts Andres zu sein als ein guter Basler. So lange der Krieg tobte, war die Vorsicht in der Tat ein Schirm gewesen; jetzt, da die Waffen ruhten, zeigte sich die Schwäche und Blöße solcher Neutralität, und wie ein Vermächtnis dieses Krieges, der mit seinen Schauern die Stadt so nahe gestreift hatte, empfand Jeder die Pflicht, sich Für oder Wider zu entschließen.

[178] So sammelten sich die Parteien, alle bis jetzt parteilos Gebliebenen absorbierend, und trafen sich. Art und Verlauf des Kampfes bleiben uns aber verborgen; seine erste Frucht war wohl die Beseitigung der beiden Bürgermeister im Herbst 1499; die kurzen Erwähnungen des Wegzugs von Edeln im Frühjahr 1500, eines Auflaufs, der zu eben dieser Zeit beim Wirtshause zum Rüden losbrach, und der darauf folgenden Verhandlungen des Rates mit den Zünften sind die einzigen Nachrichten.

Aber wenn wir auch die Kämpfe nicht kennen, so doch ihr Ergebnis. Die Ratsbesatzung im Juni 1500 brachte nicht mehr starke Änderungen. Aber wichtig war, daß kein Edler mehr im Rate saß, daß man auch nicht mehr versuchte, einen Solchen hereinzubringen, sondern frischweg die Bürgermeisterwürde einem Bürgerlichen geben ließ. Mit dem Titel eines Statthalters allerdings. Es war dies Ludwig Kilchmann, der in den letzten fünf Jahren an der gesamten Reorganisation beteiligt gewesen war, neben Lienhard Grieb und Peter Offenburg jedenfalls der Fähigste der Achtburger. Er und dieser Offenburg, der wieder das Oberstzunftmeisteramt einnahm, waren nun die Häupter.

Schon jetzt, im Sommer 1500, besprach der Rat eine Botschaft an die Eidgenossen, und im Oktober beschäftigte sich die Tagsatzung in der Tat mit den Angelegenheiten Basels. Sie gab ihm die Zusicherung, daß im Fall ungerechten Angriffs die Eidgenossen die Stadt nicht verlassen, sondern mit Leib und Gut ihr beistehen würden.

Die Bedeutung dieses Aufsuchens der Eidgenossen durch Basel wird uns begreiflich bei einem Blick auf seine Lage. Von allen Seiten drängt sich das erregte Leben dieser Monate heran. Zu ihm gehört auch die Verhandlung über ein Bündnis Basels mit dem Rötler Markgrafen, die im Winter 1500 auf 1501 dem Rate sehr zu tun gab, dann aber ohne Resultat ausging; sie war das letzte größere Geschäft politischer Art des nicht eidgenössischen Basel. Aber auch Ereignisse sind zu nennen wie der Rücktritt des Sebastian Brant von seiner Professur, die Verzichte von Martin Flach und Mathis Eberler auf das Bürgerrecht. Daß Männer wie diese, seit Jahren in Gemeinde und Gesellschaft angesehen, die zum Teil auch lange dem Rate angehört hatten, jetzt von der Stadt sich lossagten, verrät, mit welcher Kraft der neue Wille sich Bahn machte und Altes beiseite schob.

Neben diesen Erschütterungen der innern Zustände sehen wir die äußern Gefahren, die dunkel und drohend standen. Die Söldner mußten beständig streifen. Wie in Zeiten kriegerischer Not wurde die Mehrzahl der Tore geschlossen gehalten, wurde die „Zuwacht“ und eine „Rheinwacht“ organisiert. [179] Basel hatte Feinde ringsum, die jede Gelegenheit zum Wehetun und Schädigen ergriffen. Im nahen Sundgau sammelte sich überdies und wuchs von Tag zu Tag ein Haufe Kriegsvolk, der angeblich gegen Venedig geführt werden sollte; aber Basel erhielt auch Warnungen, daß diese Sammlung ihm gelte.


Wenn Basel jetzt einen Schritt zu den Eidgenossen hinüber tat, so wußte es, daß es ihn nicht mehr zurück tun konnte. Es wußte auch, daß bei den Verhandlungen über ein Bündnis nicht nur Orte mitzuwirken hatten wie Bern, sondern auch Länder, sowie das in seiner Art und Gesinnung wohlbekannte Solothurn. Es wußte auch, daß bei solchem Handel jedes zu frühe Wort die Stellung des Wünschenden verdirbt. Im März, im April, im Juli 1499 waren die Eidgenossen die Wünschenden gewesen und Basel hatte ihnen Nichts gewährt. Damals hätte man erlangen können, was jetzt, da Basel nicht mehr bei sich empfing sondern über den Jura zu fragen und zu suchen gehen mußte, unerreichbar war. Und auch wenn man das Erwünschteste gewann, seine Beigabe war unvermeidlich das Opfer der Freiheit; die spröde Stadt mußte sich unter den Willen Anderer geben.

Aber der jetzige Zustand war nicht mehr zu ertragen und hoffnungslos. Der Rat hatte wiederholt bei der königlichen Regierung Klage geführt und Beseitigung all der Ungebühr verlangt mit deutlicher Drohung, daß sonst Basel das Reich verlassen würde. Diese Vorstellungen hatten nichts bewirkt; ohne Hemmung und Strafe gingen die Gewalttaten weiter.

Basel hätte sich freilich sagen können, daß sie nur die Antwort waren auf seine Neutralität von 1499. Indem es sich für diese entschied, versäumte es Pflichten, die unzweifelhaft bestanden; es behütete zwar sich vor den Kriegsgreueln und einem ganz unberechenbaren Schicksal, aber es stellte sich ins Unrecht. Wenn Österreich die Basler Neutralität als eine Begünstigung der Eidgenossen ansah, so war diese Auffassung begreiflich und die ihr entsprechende Befeindung Basels keinesfalls so unerhört und himmelschreiend, wie der Rat darzustellen liebte. Die Neutralität war der erste Schritt im Begehen eines neuen Weges, die Verbindung mit der Schweiz der notwendig ihm folgende zweite.

Basel entfernte sich damit aus einem Zustande, der Jahrhunderte hindurch seine Existenz bedingt hatte. Es löste die Verbindung mit dem Lande, in das die Wasser seines Gebietes sich ergossen, dessen Äcker gleiche Scholle hatten mit den seinigen, dessen Weinberge und Kornfelder ihm dienstbar waren. Durchweg handelte es sich hiebei nur um Dinge des Tages und des äußern [180] Lebens, aber um Dinge eben doch des Lebens, der Notdurft, um das Vertrauteste und gleichsam Selbstverständliche. Und mit noch größerer Wucht trat zu dem Allem, über momentane und lokale Feindseligkeiten weit hinausreichend, die innere, heute gar nicht mehr zu ermessende Gewalt der Tradition, die Erinnerung an uralte Gaugenössigkeit, des in Zuwanderung, in täglichem Handel und Wandel stets neu sich erwahrenden Verwandtseins. Das Ganze war ein Zusammenhang, dessen Lösung zunächst gar nicht so deutlich empfunden wurde, aber immer spürbarer und schmerzlicher werden mußte, je straffer sich die Staatengebilde hüben und drüben zur Einheit schlossen. Wir begreifen, daß Basel sich so lange gegen diesen Schritt sträubte und ihn zuletzt nicht mit Enthusiasmus tat. Was es erlangte, war größere Sicherheit, als es bisher besessen hatte; aber es übernahm auch ewige Verpflichtungen und Beschränkungen, und schon diese Ewigkeit, allen bisherigen Bünden gegenüber ein Neues, war des ernstesten Nachdenkens wert.


Ende Januars 1501 erkundigte sich der Rat bei Zürich, wann und wo die Boten der eidgenössischen Orte beisammen getroffen werden könnten; er habe ihnen etwas vorzutragen. Die Antwort kam, und er schickte seine Mitglieder Grieb Hiltprand und Harnisch. Am 15. Februar traten diese in Zürich vor die Tagsatzung und baten um getreues Aufsehen; Basel sei gefährdet; man vernehme, daß Rüstungen gegen die Stadt betrieben werden. Kein offenes Begehren um das Bündnis also. Aber daß es sich bei diesem schon zum voraus angemeldeten Besuche der Tagsatzung durch Basler Gesandte im Grunde um mehr handelte als um ein Hilfsbegehren, war nach Allem, was schon geredet worden, und bei der jetzigen Lage der Dinge beiden Parteien bewußt. Nur wollte Basel nicht das erste Wort haben.

Die Tagsatzung beschloß, bei den Regenten der österreichischen Lande für Sicherstellung Basels zu wirken; mit dem gewünschten Aufsehen betraute sie Bern und Solothurn als die nächstgelegenen Orte. Dann aber, die durch Basel selbst dargebotene Gelegenheit benützend, griffen die Eidgenossen sofort auf die alte Hauptfrage. Sie begannen von einer ewigen Verbindung zu reden und setzten auf 9. März Tag zur Besprechung hierüber an. Jeder Ort solle da seine Meinung sagen und Basel erklären, ob es gewillt sei, von der Sache reden zu hören.

Die Verhandlung war hiemit eröffnet. In Basel saß der Große Rat über der Sache, Lienhard Grieb korrespondierte mit dem guten Freunde Basels Thüring Fricker in Bern, und der Rat ließ die Eidgenossen wissen, daß er allerdings willens sei, zu verhandeln.

[181] Auf 18. März wurde die Besprechung angesetzt, nach Basel, wohin die eidgenössischen Boten auch zu Verhandlungen mit Gesandten Maximilians über verschiedene noch unbeglichene Streitpunkte aufgeboten waren. Eine Szene voll verhaltenen Lebens muß dies Zusammentreffen hier gewesen sein; hart nebeneinander in der Ehrenweinrechnung des Basler Rates stehen der Landvogt von Ensisheim, Räte des Straßburger Bischofs, Doktor Stürtzel, Herr Ulrich von Habsberg, die Gesandten der Eidgenossen. In zahlreichen Konferenzen saßen diese mit Häuptern und Ratsherren zusammen im Schmiedenzunfthaus, zum Storchen, zum Silberberg, dazwischen in gesonderten Besprechungen mit Dr. Thüring Fricker in der Herberge zum schwarzen Sternen. Bis am Sonntag Lätare, 21. März, der Entwurf eines Bundes zu Stande kam.

Die Gedanken, die Basel leiteten, sind nirgends zusammengefaßt. Es mochte abwägen, wie viel es opferte und wie viel es gewann. Neben der Scheu, sich zu binden, regte sich das oft schon empfundene Gefühl seiner exponierten Lage, das Verlangen nach Hilfe der neuesten Bedrängung gegenüber. Der Glanz eidgenössischer Kriegsgewalt, die Beziehungen zu Frankreich und Italien stellten sich in Vergleich mit der Misere des Reichsheeres, mit der Kleinheit der gewohnten oberrheinischen Händel.

In geschlossener Form, lebendig gefühlt, ohne Vorbehalt stehen demgegenüber die Motive der Eidgenossen, die sie im Abschied vom 21. März niederlegten. Zunächst die dankbare Erinnerung an die Treue und Freundschaft, die Basel im letzten Kriege den Eidgenossen bewiesen habe; durch kein königliches Mandat habe sich die Stadt dazu bewegen lassen, gemeiner Eidgenossenschaft entgegenzutreten. Es ist dieselbe Anerkennung der Neutralität Basels als einer den Schweizern förderlichen Sache, die auch bei den Chronisten sich findet. Aber was jetzt vor Allem anerkannt wurde, war die politische und strategische Bedeutung der Stadt. Sie ist die Brückenstadt, die den Strom beherrschende, die das Land schließende Stadt; das Bollwerk der Eidgenossenschaft gegen die niedern Orte, ein Tor und Eingang für Kauf und Verkauf und alles Gewerbe des Rheinlandes; sie ist die ehrliche mächtige wohlgelegene Stadt, die sich öffnet in den Sundgau und Breisgau, damit diese müssen und mögen in Sorge sein, wenn sie sich anders als gebührlich halten. Sie gibt auch gegen die vier Rheinstädte einen offenen Zugang auf beiden Ufern, so daß diese Städte, aber auch der Schwarzwald und der Breisgau, gezwungen werden können, den Eidgenossen feilen Kauf und freies Gewerbe zu gestatten und die bisher geübte Verachtung zu unterlassen.

[182] So der Abschied, der nun allenthalben in den Orten geprüft und erwogen wurde. In Basel hielt am 27. März der Große Rat Sitzung und beriet die Sache.

Basel, seines Wertes bewußt, hatte gleich zu Beginn der Verhandlungen gefordert, daß es als ein „Ort“ anerkannt und in Sitz und Rang bei hergebrachten Würden belassen werde. Dieses Begehren gab viel zu reden, umsomehr, da es mit Verhandlungen darüber zusammentraf, ob die 1481 in den Bund aufgenommenen Städte Freiburg und Solothurn als Orte zu gelten hätten oder nicht. Das Ergebnis war schließlich, nachdem die Länder sich anfangs dem Verlangen Basels widersetzt hatten, doch diesem entsprechend. Bern und Luzern vornehmlich scheinen für Basel gearbeitet zu haben, und die Tagsatzung mußte erkennen, „was und wieviel gemeiner Eidgenossenschaft an dieser Stadt gelegen sei.“ Sie faßte einen Beschluß, wodurch den Städten Freiburg und Solothurn der Charakter von Orten abgesprochen, Basel dagegen als gleichberechtigtes Ort anerkannt wurde, so daß es in gemeineidgenössischen Dingen regelmäßig Sitz und Stimme auf der Tagsatzung haben und an künftigem Kriegsgewinn seinen Anteil erhalten sowie die Bundesbeschwörung gegenseitig stattfinden sollte.

So wurde Basel ein Ort der Eidgenossenschaft und zwar das neunte; die Zuteilung dieses Ranges, womit der Vortritt vor den, trotz dem gefaßten Beschluße gleichwohl die Ortsstimme ausübenden Städten Freiburg und Solothurn auf der Tagsatzung und in den Urkunden gegeben war, erfolgte ausdrücklich erst am 9. August 1501 bei Anlaß der Aufnahme Schaffhausens in den Bund.

Im Übrigen scheinen wesentliche Anstände nicht gewaltet zu haben. Am 4. Mai ordnete die Tagsatzung den Thüring Fricker und Schultheiß Bramberg von Luzern nach Basel ab, um die Sache ins Reine zu bringen, und am 19. Mai kam es hier zur Einigung durch Annahme eines Protokolls, das der nächsten Tagsatzung „zu weiterer Abrede und Beschließung“ vorgelegt werden sollte.

Wir haben zu beachten, daß Basel diese Verhandlungen führte inmitten andauernder Befeindung und Störung durch seine Gegner. Wie in den bedrohlichsten Zeiten ließ der Rat alle in den Häusern lagernden Fruchtvorräte aufnehmen. Er hatte vollauf zu tun mit den Angelegenheiten des Clewi Rentschli und der Rheinfelder Knechte; immerfort liefen neue Klagen ein über Vergewaltigung seiner Bürger. Mitten in der Landschaft, zwischen Sissach und Itingen, wurde ein Weinfuhrmann durch Österreichische niedergeschlagen und beraubt; Basler wurden in Säckingen beschimpft u. dgl. m. [183] Vor Allem aber: eine Woche nach der letzten Zusammenkunft in Bundessachen, am 26. Mai, lief von Nürnberg her ein Brief König Maximilians beim Rat ein; er brachte Vorwürfe wegen der beabsichtigten Verbindung mit den Schweizern, brachte schwere Drohungen, er mahnte bei König und Reich zu bleiben als bei der rechten Herrschaft Basels.

Aber Vorwürfe und Drohungen, gleich wie die ihnen angehängte Zusage, alle Feindschaft der Nachbarn abstellen zu wollen, kamen zu spät. Basel war dem Reiche verloren.

Das Protokoll vom 19. Mai hatte nur einige grundsätzliche „Punkte und Artikel“ formuliert. Der eigentliche Bundesbrief wurde ausgearbeitet am 8. und 9. Juni auf der Tagsatzung zu Luzern „nach vil und mengerley reden“ unter Mindern und Mehren jener Artikel. Seine Hauptbestimmungen sind:

Die Städte und Länder gemeiner Eidgenossenschaft — Zürich Bern Luzern Uri Schwyz Unterwalden Zug Glarus Freiburg Solothurn — nehmen die Stadt Basel, deren Burger Lande und Leute und deren Nachkommen durch ein ewiges Bündnis in der Eidgenossenschaft Pflicht und als ewige Eidgenossen an, sodaß sie wie ein andres Ort zu ihnen gehören solle: in Kraft dieses Bündnisses will auch Basel von den genannten eidgenössischen Orten in brüderlicher Treue angenommen sein und heißen und ihnen von nun an in allen Dingen als ein andres Ort der Eidgenossenschaft anhängen, bei ihnen bleiben und beharren. Im Einzelnen soll folgendes gelten:

1. Jede der Vertragsparteien soll bei ihren Landen Leuten Herrschaften Rechten Privilegien und guten Gewohnheiten bleiben; wird sie von Jemandem angegriffen und ist sie der Hilfe bedürftig, so soll die andre Partei auf geschehene Mahnung, bei plötzlichem Überfall auch ohne Mahnung, ihr in eigenen Kosten Hilfe senden und zwar gegenseitig ohne Begrenzung der Hilfsverpflichtung auf ein bestimmtes Gebiet.
2. Bei kriegerischem Auszug der Vertragsparteien zu Schutz ihrer Lande und Leute sollen die Orte alle samt und sonders einander zuziehen; Eroberungen und Beuten sollen den beteiligten Orten gemeinsam zustehen, die Erlöse gleichmäßig unter sie geteilt werden.
3. Basel aber soll mit Niemandem Krieg anfangen, es bringe denn zuvor sein Anliegen an die Tagsatzung und gewinne deren Zustimmung und in Folge davon deren Hilfe. Doch wird auch hier der Fall einer plötzlichen Invasion vorbehalten.
4. Gerät Basel in Streit mit Jemandem und dieser erbietet sich Rechtes auf die Eidgenossenschaft, so soll Basel sich solchen Rechtes genügen lassen und ihm unter Verzicht auf die Gewalt der Waffen Statt tun,

[184]

5. Wenn zwischen einzelnen der zehn Orte, mit denen Basel den Bund schließt, Zwietracht entsteht, so soll Basel keinem der Streitenden anhangen, sondern still sitzen; doch mag es die Zweiung zu vermitteln suchen.
6. Die Vertragsparteien und die Ihrigen sollen bei ihrem Besitze bleiben und Keiner den Andern aus dem Besitze drängen. Insbesondere soll keine Partei Leute der andern in Schutz Burgrecht Landrecht oder sonstige Pflicht aufnehmen.
7. Die Parteien einigen sich über Rechtsgewährung, Arrestverbot im Falle uneingestandener oder unbewiesener Schuld, Zulassung feilen Kaufs, Anerkennung von hergebrachten Zöllen und Geleiten, schiedsgerichtliches Verfahren bei Streitigkeiten zwischen Basel und den Eidgenossen.
8. Basel soll keine neuen Bündnisse schließen ohne die Zustimmung dergemeinen Eidgenossenschaft oder ihrer Mehrheit.
9. Beide Teile behalten sich in diesem Bunde den heiligen Stuhl zu Rom und das heilige römische Reich vor, die Eidgenossen außerdem ihre ältern Bünde und die Basler ihren Bischof, sofern er sie nicht unbillig beschwere.
10. Damit dieser ewige Bund den ihn Schließenden und ihren Nachkommen stets bekannt bleibe, soll er von fünf zu fünf Jahren in allen Orten zu Gott und den Heiligen beschworen werden.

Dies der Basler Bundesbrief. Zu seinem Inhalt ist Folgendes zu sagen:

Die große Mehrzahl der Bestimmungen entspricht dem überlieferten Rechte. Auch die Artikel, durch die Basel für das Kriegführen und das Schließen neuer Bündnisse an den Willen gemeiner Eidgenossenschaft gebunden wird, sind nicht Neuerungen, die erst jetzt, zum Nachteil Basels, geschaffen wurden; vielmehr sehen wir in ihnen die Wirkung des seit 1481 vorhandenen neuen Bundesbegriffes; die in den Kämpfen jenes Jahres gefundene Form eines einheitlich in sich geschlossenen Bundes gab keinen Raum mehr für ein Recht neu eintretender Bundesglieder zu separatem Kriegführen und sich Verbünden; daher die entsprechenden Bestimmungen auch in der Bundesurkunde von Freiburg und Solothurn 1481 stehen. Allerdings war Basel durch diese Artikel in der Freiheit seiner Politik gehemmt, aber nicht, damit es als Basel beeinträchtigt werde und so den Preis zahle dafür, nicht früher einen günstigen Moment genützt zu haben, sondern es teilte dies Beeinträchtigtsein mit den übrigen außerhalb des Kreises der acht alten Orte stehenden fünf neuen Orten. Es trat in den Bund unter der Herrschaft eines neuen Bundesgedankens, der das freiere Recht der acht Orte nur als etwas Veraltetes und Überlebtes erscheinen ließ.

[185] Neu dagegen und im Basler Brief zum ersten Mal aufgenommen war der Neutralitätsartikel, nämlich die Vorschrift, daß bei Streitigkeiten einzelner Orte Basel still zu sitzen habe. Die Bedeutung dieses Artikels, der dann auch in die Bundesurkunden Schaffhausens und Appenzells überging, lag darin, daß er nur für Streitigkeiten zwischen den einzelnen Orten, nicht für gemeineidgenössische Sachen galt, in welch letztern vielmehr Basel das ausdrückliche Recht erhielt, gleich den andern Orten mitzuraten und mitzuhandeln. Und überdies war das Verbot des Parteiergreifens deswegen keine Beeinträchtigung Basels gegenüber den ältern Orten, weil es für diese schon kraft des Stanser Verkommnisses von 1481 galt.

Ein einziger Artikel ist eine Singularität dieses Basler Bundesbriefes: wenn Basel mit Jemand Streit bekommt und sein Gegner sich Rechts erbietet auf gemeine Eidgenossenschaft, so hat Basel sich solchen Rechts zu genügen und ihm Statt zu tun. Zur Erklärung dieses Artikels, der allerdings vierundachzig Jahre später im großen Prozesse Basels mit Bischof Jacob Christoph verhängnisvoll für die Stadt werden sollte, ist wohl an die zur Zeit des Bundes noch immer bestehenden heftigen Streitigkeiten Basels mit der österreichischen Regierung und den Rheinfelder Knechten zu denken. Die Eidgenossen selbst hatten in wiederholten Abreden mit Österreich und mit der Hegauer Ritterschaft im Januar März und Mai 1801 die noch vorhandenen Zwistigkeiten zur Ruhe gebracht und mochten wünschen, daß auch die Basler Händel, die nach Aufnahme dieser Stadt in den Bund rasch die ganze Eidgenossenschaft zu neuem Kriege führen konnten, gütlich beseitigt würden. Daher dieser Artikel und ihm gemäß dann in der Tat am 2. Dezember 1302 und am 28. April 1503 die eidgenössischen Sprüche zwischen Basel und den Rheinfeldern.

Am 9. Juni, in Luzern, in großer Schlußverhandlung, wurde dieser Bund geschlossen. Basels Vertreter waren der Oberstzunftmeister Peter Offenburg, der Altoberstzunftmeister Niclaus Rüsch, der Meister zu Hausgenossen Hans Hiltprand und der Ratsherr zu Metzgern Walther Harnisch. Ein mit den Siegeln der Stadt Luzern und Offenburgs bewehrtes Papierheft enthielt den vereinbarten Text. Danach sollten nun die elf feierlichen Ausfertigungen durch Luzern hergestellt und bei allen Orten zur Besiegelung herumgeboten werden; alsdann wollten sich die Gesandten der Orte in Basel treffen, damit dort dieser Bund beschworen und aufgerichtet werde.

Hiemit waren alle Vorbereitungen endlich geschlossen, und es beginnt das schöne Schauspiel, daß Akten und Chroniken für eine kleine Weile zu Festberichten werden, daß alle Arbeit, die dieser Bund gekostet, alle Zweifel und Bedenken untergehen in Freude.

[186] Als erstes Zeichen hievon kann die großgedachte Einladung zu einer „Fastnacht“ d. h. zu einem Volksfeste gelten, die durch Basel an die gesamte Jugend der eidgenössischen Orte erlassen wurde; man zog dann aber vor, eine solche Veranstaltung zu verschieben. Feiner sinnvoller war, wie in diesen Tagen der Basler Rat das Andenken des Schöpfers der neuen Eidgenossenschaft, des seligen Bruders Claus, durch ein stattliches Geschenk an seinen Sohn zu ehren suchte.

Als Tag der Bundesbeschwörung war der Tag Kaiser Heinrichs, der 13. Juli, bestimmt worden; unter die Weihe dieses großen Schutzherrn wünschte die Stadt Basel das Ereignis zu stellen, mit dem für sie ein neues Leben anhob.

Schon die Begrüßung der eidgenössischen Gesandten, die über Liestal herangeritten kamen, geschah in ungewohnten, die Bedeutung des Tages heraushebenden Formen. Vor dem Äschentor der Schwarm der Basler Knaben, die den Herren entgegen sprangen, mit dem hellen Rufe „Hie Schweiz Grund und Boden und die Stein in der Besetzi“ sie begrüßten; am Tore selbst die Beamten, die schon hier in den schimmernden Trinkgeschirren des Rates den Ehrenwein boten. Und in fröhlicher Symbolik, die das stille Ruhbehagen der nun ganz gesicherten Stadt und ihre Verachtung aller Feinde lebendig dartat, war neben die weitgeöffneten Torflügel, auf die jetzt von Wächtern leere Bank am Zollhause eine Frau gesetzt mit Rocken und Spindel.

Durch den dunkeln Bogen drängte sich der Zug, und sofort in der Vorstadt, im Hirzen, begann das Bankettieren. Mit lauter Freude umgab und begrüßte das Volk die Männer, die in den letzten stürmischen Jahren so oft als Gesandte oder als gefürchtete Heerführer diese Gasse herein geritten waren und heute als Bundesbrüder kamen. Es war ein Jubel, der durch die ganze Stadt ging, und da und dort klang auch schon das muntre Lied, das der Basler Schulmeister Caspar Jöppel zu diesem Tage gedichtet hatte:

Basel du vil hohe kron,
Du wilt den frumen aidgnoßen beiston,
Du hast dich zu inen verbunden, —

worauf vielleicht ein guter Eidgenosse rasch einfiel:

Gemain aidgnoßen hand sich recht besunnen,
Daß sie Basel für ain ort hand gnumen,
Den schlüßel hand sie empfangen.
Damit sie ir land mögen beschließen.
Das tut manchen Österreicher verdrießen,
Sie haben ir groß verlangen.

[187] Daß die Lust immer lauter wurde, dafür sorgten die Spielleute, die aus der ganzen Schweiz zum Feste herbeigeströmt waren und mit Kunst und Laune nicht geizten, der Gaben an Geld und bunten Kleidern und wappengezierten Silberschilden gewärtig, die ihnen dieser Tag einbringen würde. Es klang und pfiff von allen Seiten in das fröhliche Lärmen des Volkes, und mit den Musikanten mischten sich die Gaukler und Possenreißer, Allen voran der dicke Berner Stadtnarr Gutschenkel.

Neben diesem jede Schranke überbrausenden Gewoge und Getümmel aber sehen wir den schönen formenreichen Ernst der Männer, denen zumeist Ehre und Segen dieses Tages gehörten. Es waren die bekannten und erprobten Führer der Gemeinwesen, die hier beisammen waren: Heinrich Röist und Felix Keller von Zürich, die Berner Rudolf von Scharnachtal und Heinrich vom Stein, die Luzerner Schultheißen Jacob Bramberg und Jacob von Hertenstein, von Uri der Ammann Jacob vom Oberdorf, von Schwyz der Ammann Hans Wagner, von Unterwalden der Seckelmeister Hans Frunz, von Zug der Ammann Werner Steiner, von Glarus Jost Kuchli, von Freiburg Wilhelm Reiff, endlich die Schultheißen Daniel Babenberg und Niklaus Konrad von Solothurn. In Basel war seit dem Luzerner Tage Peter Offenburg Statthalter des Bürgermeistertums, der Schlüsselzunftmeister Friedrich Hartman Oberstzunftmeister geworden. Keineswegs waren diese Alle gleicher Art und Gesinnung, aber heute vom selben höheren Hauche belebt. Bei den Eidgenossen die Einen voll stolzer Freude, das so oft Begehrte nun in Händen zu halten; Andre, deren Sorge und Ärger jetzt schwanden, da sie sich umflutet fühlten vom Leben dieser mächtigen und schönen Stadt. Auch bei den Räten Basels unterlagen die Kühlen und sonst Nichts Bewundernden der hinreißenden Kraft eines solchen Tages, und neben ihnen standen Manche, die jetzt sich gerechtfertigt wußten nach viel bitterer Anfeindung, und denen das Glück ihrer Stadt, nun als ein für immer gesichertes geltend, der schönste Lohn aller Arbeit war.

Der offizielle Teil des Festes begann im Münster, wo heute Kaiser Heinrich in altüberlieferten feierlichen Formen geehrt wurde. Alles was Namen und Würde hatte, fand sich hier zusammen. Als nun die große Prozession durch das sonnenhelle Atrium, durch den Dom und den Kreuzgang sich bewegte, in ihrer Mitte die kostbar gefaßten Reliquien der heiligen Herrscher Heinrich und Kunigunde und um diese gedrängt die Prälaten und Cleriker samt den mit blühenden Kränzen geschmückten Trägern der zahlreichen Zunftkerzen, bis zuletzt Alles im hohen Chore sich sammelte und hier Messe gefeiert wurde an dem mit der goldnen Tafel prangenden Frohnaltar, der Celebrant [188] im stolzen altertümlichen Schmucke von Sankt Heinrichs Pallium, da mochte Mancher der Eidgenossen diese eigenartige Pracht, den allverbreiteten Glanz, die ganze Herrlichkeit Basels staunend betrachten.

Aber der letzte Orgelton verklang, und nun gings in triumphalem Zuge, unter dem weltlicheren, kriegerisch vertrauten Schalle der Trommeln und Pfeifen den Burghügel hinab und dem Markte zu, den schon eine wartende Menge füllte. Alle über vierzehn Jahre alten Männer aus beiden Städten standen hier dichtgedrängt, im Sonntagskleide, die Zünfte und Gesellschaften unter ihren Bannern beisammen, neben den Vätern die Söhne. Auch die Landschaft war vertreten durch die Vögte Amtleute Pfleger. In den Fenstern rings um den Platz lagen die Frauen, da und dort wohl auch ein Neugieriger aus der österreichischen Nachbarschaft, der sich den Vorgang besehen wollte.

Der Zug der Magistrate aber bestieg das Gerüste, das auf der Bergseite des Platzes errichtet worden war; es reichte vom Rathause bis zum Geltenzunfthaus und von den Häusern bis zum Gräblein. Hier oben, allem Volke sichtbar und hörbar, vollzog sich nun die Zeremonie. Der Zürcher Stadtschreiber verlas den langen Bundesbrief. Dann gab Heinrich Röist im Namen der eidgenössischen Orte den Baslern den Eid, und als diese, die Räte und das ganze Volk, geschworen hatten, gab Peter Offenburg den Eidgenossen den Eid; den schworen auch sie. Und als so auf beiden Seiten geschworen war, hob man an, Freude zu läuten mit den Ratsglocken und den Glocken aller Kirchen und Klöster in der Stadt. Dann zog ein Jeder auf seine Zunft; die Räte aber führten die eidgenössischen Boten zur Mahlzeit in die Herrenstube zum Brunnen. In Jubel ging der Tag zu Ende.