Wilhelm Löhes Leben (Band 1, 2. Auflage)/Erstes Kapitel

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Wilhelm Löhes Leben (Band 1, 2. Auflage)
Zweites Kapitel »
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Erstes Kapitel.
Heimath – Abkunft – Jugend.
bis zum Abgänge auf die Universität.




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1. Meine Heimath.
 Von Nürnberg zieht die Pegnitz nordwestlich, und nach einer guten Stunde Laufes vereinigt sie sich mit der von Süden kommenden Rednitz an einem waldigen Hügelzug. Dort läßt die Sage Kaiser Karl den Großen bei einer Ueberfahrt in Gefahr gerathen, vom Fährmann gerettet werden und ganz in der Nähe des Rednitzflusses ein Kirchlein stiften, bei dessen Ueberresten ich als Knabe gerne saß. Das Kirchlein war dem heiligen Martin von Tours geweiht. Nicht weit vom Kirchlein an einer noch von einem kleinen Hause bezeichneten Stelle soll ein „Siechkobel“, ein Aufenthalt für den kranken Wanderer gestanden haben. Das waren die Anfänge meiner Vaterstadt Fürth. In meiner Jugend hörte ich noch in der Schule, Deutschland habe vier große Dörfer, unter denen Fürth war. Jetzt – und seit geraumer Zeit schon – ist aus dem Dorfe eine Stadt von circa 16000 Einwohnern geworden. Jedenfalls hatte das „Dorf“ die Rechte eines Marktfleckens, wie denn auch jetzt noch Leute meines Alters einen „obern und untern Flecken“ unterscheiden. Drei Herrschaften stritten sich um den Ort: Brandenburg-Ansbach, welches ein markgräfliches Geleitshaus daselbst hatte, Nürnberg, welches die Pfarrei besetzte, und die Domprobstei zu Bamberg, welche ein Rentamt in Fürth unterhielt. Der| Streit über die Herrschaft hat Fürth berühmt gemacht, es sind Folianten über denselben gedruckt. Noch jetzt führt die Stadt wegen der dreigespaltenen Herrschaft ein Kleeblatt im Wappen. In meiner Jugend war Fürth viel kleiner. Seit ich herangewachsen bin, sind Kirchen und Spitäler und Rathhaus und Brücken und lange Straßen ganz neu aus dem Boden gestiegen. Es ist alles so anders worden, daß ich vor ein Paar Jahren bei hellem Mondenschein in einer neuentstandenen Straße die Richtung zu meinem Vaterhaus verlor, wie wenn ich Lethe getrunken hätte. Meine Vaterstadt besteht fast ganz aus Mittelstand. Eine Masse von Emporkömmlingen arbeiten rastlos um Brod und irdisches Glück, und eine zahlreiche Judenschaft (die große Killa Deutschlands) ist seßhaft.




2. Meine Abkunft.

 Eine Straße zunächst der Hauptkirche St. Michael heißt Gustavstraße. In dieser Straße bildet ein Gasthaus (zum grünen Baum) eine Ecke. Da stieg König Gustav Adolf von Schweden ab und wohnte drin, als er den auf der alten Veste verschanzten Wallenstein angriff, und noch jetzt findet man Gustav Adolfs in Leder gepreßtes Bild an einer Wand. Von diesem Hause hat die Straße den Namen, und da wohnten meine Väter. Mein Vater, eines Gastwirths Sohn, ein in der Jugend nicht blos großer, sondern wie Zeitgenossen sagten, „bildschöner“ Mann, blieb nicht in Fürth; er wurde Kellner zu Heilbronn in Schwaben. Als er in stattlicher Pracht heimkehrte, heirathete er meiner Mutter ältere Schwester Clara und nach deren frühem Tode meine Mutter Maria Barbara, eine geborene Walthelm.

 Mein Großvater Walthelm ist zu Mühlhausen in Thüringen geboren. Er lernte das Gürtlerhandwerk und kam auf der| Wanderschaft nach Fürth. Dort lernte er meine Urgroßeltern und deren einzige Tochter, eine Glaserstochter Katharina geb. Golling kennen. Sie gaben ihm die Tochter, und seine Mutter schrieb ihm einen herrlichen Muttersegen[1], der in meinen Händen ist. Bald kaufte der geschäftige Mann ein nahes Handelshaus und eröffnete einen Specerei-Detailhandel, der reich gesegnet war. Seine zahlreichen Kinder mußten, als sie heranwuchsen, halbe Nächte lang einwiegen, was den andern Tag verkauft werden sollte. Ein in Ostindien lebender Bruder wurde herbeigerufen, um zum Werk zu helfen, was um so nöthiger wurde, als mein| Großvater Bürgermeister wurde und von den Stadtämtern nicht mehr frei werden konnte.

 Vor diesen ihren Eltern hat meine liebe Mutter, so lang ich mir denke, so große Ehrfurcht kundgegeben, daß ich ihr schönes ruhe- und ehrenreiches Alter immer als den Segen des vierten Gebotes auslegte.

 Meine Großmutter starb zuerst. Mein Großvater heirathete wieder, starb aber dann schnell und hinterließ eine Wittwe, welche nach seinem Tode eine noch lebende Tochter gebar. Die Wittwe heirathete nachmals einen Wundarzt, war eine strenge, bibelfeste Christin und wie ihre Tochter eine mit starkem Ahnungsvermögen begabte Frau. Es hat mich immer gewundert und nicht angenehm berührt, daß meine Stieftante meiner Mutter gegenüber so ehrerbietig stand und steht; sie redet meine Mutter mit „Sie“ an. Und doch haben sich beide herzlich lieb.

 Nach dem Tode des Großvaters kam das Haus und Geschäft an meinen Vater oder vielmehr an Clara, hernachmals an Barbara Walthelm.

 Mein Vater war eine ernste große Männergestalt, stark am Leib, ein Mann von echtem Schrot und Korn. Im Benehmen hatte er jene Freundlichkeit und dabei gutmüthigen Witz, die an starken Männern so wohlgefallen. Obwohl im Geschäft gesegnet, ein Nachfolger des Großvaters Walthelm in den Stadtämtern, trachtete er doch nicht nach hohen Dingen. Ueber die Gasse hinüber findet man jetzt noch ein kleines Schenkhaus. Da saß er des Abends mit den Nachbarn. Er hatte die Gabe zu| erzählen und erzählte dann den Nachbarn unter der Bedingung, daß sie ihm hernach Eins sangen. Ernst, stark, gemüthlich, wohlwollend, weise, von jedem hochgeachtet, ein Segen und eine Säule der Stadt, lebte er in ununterbrochener Gesundheit bis in sein 52. Jahr (anno 1816, 28. October): da starb er nach schwerem Hauptleiden. Ich gieng, ein Knabe von acht Jahren, hinter seinem Sarge und mit mir die Schulen, die Obrigkeiten, die Geistlichkeit, viele, viele Bürger der Stadt.

 Meine Mutter war damals 46 Jahr alt. Dreizehn Kinder hatte sie meinem Vater geboren, von welchen noch sechs übrig waren, vier Schwestern, sämmtlich älter als wir Knaben, und zwei Brüder, von denen ich der ältere bin.

 Meine älteste Schwester Anna starb anno 1821, eine unbescholtene und fromme Jungfrau, kräftigen Geistes und Gemüthes. Sie lebte dreißig Jahre und war fast eben so lange krank, epileptisch. Ich erinnere mich noch des Entsetzens, das ich empfand, da ich als kleiner Knabe zuerst ihr Leiden sah. Bald verlor sich die Furcht; ich war ihr Tischnachbar, entriß ihr eilend die Arbeit, wenn ihr Anfall kam, verwunderte mich über ihre himmlische Heiterkeit, wenn sie zu sich kam, horchte ihr gerne, wenn sie an stillen Abenden unter den Choralmelodien ihres Saitenspiels weinte, und las ihr gerne zu ihrem Troste Lieder. Gegen Ende ihres Lebens wurden ihre Paroxysmen furchtbar. Nächte durch, halbe Tage durch raste sie; fünf, sechs starke Männer konnten sie nicht bändigen, sie warf sie sich vom Arme weg; das ganze Haus lag oft auf den Knieen. Endlich wurde die Nervenaufregung permanent. In der Gewißheit von Engeln bedient zu sein, wollte sie keine Wärterin leiden. Als sie starb, schloß sie sich selbst mit der Hand die müden Augen zu. Ich war am Morgen weggegangen, aber ich wußte es zur Stunde, als sie Abends starb, sagte es auch einer alten Magd meines| Vetters (ich war auf dem Gymnasium in Nürnberg, 11/2 Stunde von Fürth) und es wurde am andern Tage bestätigt.[2]
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 Meine zweite Schwester Lisette war eine treue Pflegerin| meiner Jugend, eine lautere Freundin, so lang sie lebte. Sie war in weiblichem Berufe besonders tüchtig und war die zweite Frau des Kaufmanns Karl Höppl in Fürth. Sie starb im Jahre 1840 nach 18 stündigem Todeskampf an Lungenleiden. Ein heißer Kampf, ein starker, völlig besonnener, gläubiger Muth bis zum letzten Hauch! Ich war nicht beim Ende. Die Todesbotschaft kam meiner seligen Frau und mir entgegen, als wir eben in Heilsbronn den Wagen besteigen wollten, um zu ihr zu fahren. Meine alte Mutter war am Sterbebette, wo die Stimme der Anrufung nicht verstummte, die stärkste Beterin und Trösterin. Sie fuhr fröhlich mit zu Grabe. Zwei Töchter und ein Sohn außer zwei Stiefkindern blieben nach. Die ältere Tochter ist nach dem 1849 erfolgten Tode der dritten Frau die treue, fromme Haushälterin ihres Vaters; der Sohn lernt in Augsburg die Handlung und ist ein Mensch von besonderer Tüchtigkeit. Das jüngere Mädchen wird hoffentlich auch der Mutter Segen erben; sie ist noch jung – ein Kind von 12–13 Jahren. Ich habe viel beklagt, daß ich meiner seligen Schwester nicht mehr Treue erwiesen habe.
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 Meine dritte Schwester Barbara Conradina ist am letzten Tage des vorigen Jahrhunderts geboren. Eine frische, wohlbegabte Dirne, war sie in ihrer Jugend eine Freundin der Töchter der besten d. i. gebildetsten Familien in Fürth. Meine Mutter hielt ihre Töchter ernstlich zum Haushalt an, aber meine Schwester „Babette“ fand Zeit und Raum zu lesen, zu schreiben, zu excerpieren etc.; aber zur Musik hatte sie kein Talent und wenig Lust. Den weltlichen Freuden war sie zugänglich; sie nahm die Gelegenheiten wahr, mit den Familien, in deren Kreisen sie wohl aufgenommen war, Vergnügungsorte zu besuchen, und wußte auch meine Mutter zu bestimmen, daß sie ihre Töchter zu dergleichen geleitete. Meinerseits fehlte es dafür| nicht an Verfolgungen; die schön gemachten Haare zu zerstören, den Ballstaat verhöhnen und womöglich verderben, necken bis aufs Blut war die Bezahlung, welche ich für die Weltlust gab. Zum einfachen Haushalt schien mir dies alles nicht zu passen, und wenn auch nicht Gründe eines heiligen Lebens, doch des Grimms über ein Abweichen von der Bahn der angebornen Verhältnisse und der Einfalt machten mich scharf. Und doch würde man ganz falsch schließen, wenn man glaubte, es sei in dem Mädchen ein pur-weltliches Wesen herrschend gewesen. Die Kirche, das Sacrament, das tägliche und sonntägliche Gebet wurden von ihr gepflegt; sie hatte Sinn für Gottes Wort und heilige Feier; die Abende wurde viel vorgelesen – und woraus? Aus der Bibel, aus Luthers Schriften, aus Klopstock’s Messias etc., aus Gellert, aus den Glockentönen von Strauß etc. Das alles langweilte nicht. All die Lectüre schien zu Goethe, Schiller, Hölty, Matthison, Seume, Pichler etc. ganz wohl zu passen.

 Meine Schwester wurde hernach die Frau eines Pfarrerssohnes, Pflegerin eines hochbetagten Pastors. Fürth wird ziemlich die größte Parochie in Bayern sein. Circa 15000 Seelen sind damals der Sprengel eines Pfarrers gewesen, dem zwei Diakonen und ein Vicar zur Seite stand. Der alte Dr. Fronmüller war schon über 50 Jahre Pfarrer gewesen, verwittwet, von seinem Sohne Wilhelm nothdürftig gepflegt, als es diesem rathsam erschien zu heirathen. Er war Kaufmann, der seinen Handel (mit Manufacturen) ins Ausland nach Frankreich führte, wohnte aber im Stadtpfarrhause bei seinem Vater. Meine Mutter, welche den alten Pfarrer, der sie confirmiert hatte, hoch verehrte, sah die Heirath eben so gerne, als der alte Pfarrer und sein Sohn, und meine Schwester begriff auch schnell, daß ein so durchaus solider Mann auf die Dauer ihr werther sein würde, als jeder andere.

|  Mein Schwager legte später aus Gründen der Redlichkeit, ungezwungen, völlig frei seinen Handel nieder und übernahm die Cassen seiner Vaterstadt. Meine Schwester ist bereits Großmutter zu vier Enkeln. Ihre älteste Tochter, ein schönes und frommes Mädchen, fand in meinem Hause, dem sie zeitweise vorstand, seitdem ich Wittwer bin, einen frommen Mann, den Inspector des bayerischen Pfarrwaisenhauses in Windsbach, eine Stunde von hier, Namens Christian Hensolt. Ihre beiden ältesten Söhne studieren in Erlangen Theologie und sind mit mir Ein Herz und Eine Seele, reichlich begabt an Geist und Herz. Die übrigen Kinder wird Gott nicht minder segnen.
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 Meine jüngste Schwester Dorothea ist vier Jahre älter als ich. Zwar auch sie war ein wenig in die Welt gezogen; aber ein ernster sittlicher Wille regierte sie von Jugend auf, und da sie bald in die Ehe eintrat, hatte sie wenig Zeit, der Welt zu dienen. Sie stand mir von Jugend auf zur Seite, und es war je und je ein inniges Verhältnis zwischen ihr und mir. Wir lernten als Kinder zusammen mit vielen andern tanzen; es war uns aber Pein, und einmal ergriff sie mich bei der Hand und ermunterte mich, den Tanzsaal mit ihr zu verlassen, was ich gerne that, da ich von den gewöhnlichen drehenden Tänzen ohnehin schwindelig wurde. – Sie war weniger leichter Bewegung, als Babette, aber allewege reichlicher begabt, auch für Musik, nur nicht für Sprachen, so gut und schön sie deutsch schreibt. Eine Jugendfreundin von ihr, Ehefrau des Brillenfabrikanten Erhard Schröder, starb sehr frühe, und meine Schwester wurde ihre Nachfolgerin. Sie war die erste unter meinen Geschwistern, welche in die Ehe trat, und was alles hat sie gelitten an Leib und Seele! Wie manche Nacht habe ich an ihrem Krankenbette durchwacht und an| Krankenbetten ihrer Kinder wie manche Stunde! Jetzt ist sie eine kräftige, meist gesunde, fröhliche Frau voll Liebe zu den Ihrigen, voll Entschiedenheit für ihren Heiland, dem sie im Segen vielfach gedient und sich aufgeopfert hat, eine Helferin der Armen und Kranken, Haupt ihres Hauses und ihres alternden Mannes, meines ältesten Schwagers. Sie ist auch eine meiner größten Wohlthäterinnen und hat mein kleines Mädchen Marie-Anne mit der treuesten Mutterliebe ein Jahr lang bei sich gehabt. – Ihre einzige Tochter ist seit ein paar Jahren Ehefrau meines Freundes, des Professors Rudolph von Raumer in Erlangen. Ihr Sohn, meine Pathe, ist Oeconom. Zwei Kinder sind ihr in die Ewigkeit vorangegangen.
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 Mein einziger, noch lebender, 3 Jahre jüngerer Bruder Max ist ein Vater von 7 Kindern, Kaufmann, Christ, entschiedener Lutheraner, biderb, treu, ein Freund der väterlichen, schlichten Weise, dem Niedrigen hold, im Kreise weniger Jugendfreunde vergnügt, ein Kreuzträger, dem es oft schwer wird, dem Gott immer wieder hilft, ein glücklicher Gatte, mein vertrauter Freund von Jugend auf, bewährt in Lust und Leid, von dem ich mich auch nicht will abwenden lassen, wenn er manchen zu einsam, zu still, zu ernst ist, zu herb.

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 Allen meinen Geschwistern ist die Mutter nahe. Als sie meinem Bruder das väterliche Geschäft übergab, behielt sie sich, was bei uns selten ist, eine völlig freie Stellung und ihr ganzes Vermögen. Sie ist deshalb von uns Kindern völlig unabhängig, unsere Wohlthäterin bei jeder Gelegenheit, der aber von uns niemand eine Wohlthat erweisen kann und darf; eine Mutter von unaussprechlicher Liebe und Sorge, für keines so eingenommen, daß sie nicht hell unsere Mängel sähe, für jedes| so voll Liebe, daß sie uns alle gern zu dem machte, was wir sollen. In kleinen Fällen zuweilen ängstlich, findet sie bei großem Unglück, das sie oft erfahren, Flügel und Stärke. Sie lebt in täglicher Bereitung auf ihre selige Heimfahrt, ist unablässig im Hause des HErrn, liest, betet, singt und ist je länger, je empfänglicher und jünger für Gottes Wort. Ihr Todtenhemd, von eigener Hand, liegt fertig im Schrank, ihr Testament daneben. Der HErr aber gibt ihr Gnade, ein stilles, ehrenreiches Alter. Kinder, Enkel und Urenkel sind um sie her, und sie selbst, obschon vom Alter klein und gebeugt, ist doch immer noch rüstig und gutes Muths. – Wie oft tritt mir die Thräne in das des Weinens ungewohnte Auge! Wie oft ruf ich elender Sünder, der ich tausend und aber tausendmal ungehorsam war, aus:

„Dort werd ich Der den Dank bezahlen,
Die Gottes Weg mich gehen hieß! etc.“

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 Das ist meine Familie, meine Herkunft.




3. Meine Kindheit.
 Mein Vaterhaus – nicht das obengenannte Stammhaus in der Gustavstraße, ist in der ehemaligen Frankfurter, nun sogenannten unteren Königsstraße, wo sich diese zur Rednitzbrücke neigt. Schief gegenüber ist das „Geleitshaus“ der alten Markgrafen, jetzt das „Stadtgericht“. Es ist ein groß aussehendes Eckhaus mit hohem Giebel. Kurz ehe ich geboren wurde, baute mein Vater aus Mangel an Platz ein Nebengebäude, das wir von seiner Form gerne das „Nähpult“ nannten. Dies Nebengebäude steht mit dem Hauptgebäude in rechtem Winkel. In diesem Winkel läuft an beiden Gebäuden ein hölzerner Gang herum, zu welchem Thüren der Gebäude| führen, so daß durch diesen Gang die Gebäude verbunden sind. Im Nebengebäude ist ein Zimmer, in dem ich späterhin, als ich studierte, meinen Aufenthalt bekam, – und da bin ich auch am Abend des 21. Februar 1808 geboren und, so viel ich weiß, auch getauft. Es taufte mich der damalige zweite Diakon Link, ein Mann, der mir viel Freundlichkeit erwies, dem ich aber leider das Stehen im Glauben und Bekenntnis nicht nachzurühmen vermag.

 Meine Erinnerungen gehen noch sehr weit in meine Kindheit zurück. Ich hatte eine Kindsmagd Dorothee und weiß recht gut, daß sie mich auf dem Arm trug, da ich noch nicht laufen konnte. Ich kann den Ort noch zeigen, wo sie am Anfang der Rednitzbrücke, mich auf dem Arme haltend, stand und mit einer andern Frauensperson redete. Ich habe den Blick noch, den Strom entlang. – Ich weiß noch, daß mich dieselbe Magd zu dem Knaben des damaligen Polizeiofficianten v. Mayr trug, daß man mich neben diesen an die Wand auf den Boden setzte und, weil ich noch schlecht saß, Vorsichtsmaßregeln ergriff, daß ich nicht umfiel. – Ganz deutlich erinnere ich mich, wie mich meine Mutter an einem sonnigen Tage nach Mittag auf den Armen hatte und mich einschläferte, indem sie singend auf- und abgieng. Doch konnte ich laufen und hatte bereits eine kleine Gespielin von jenseits der Gasse, welche kam und zu meinem Unwillen die Mutter im Sang, mich im seligen Entschlummern störte.

 Mein Taufpathe war in österreichischen Diensten und hieß Conrad Schildknecht, ein Bäckerssohn von Fürth, Geschwisterkind mit meinem Vater. Er wurde als „Schildknecht von Fürtheim“ in den österreichischen Adelsstand erhoben und starb als Major oder Oberst, das weiß ich nicht genau. Ihm zu Gefallen kleidete man mich in die weiße österreichische Kleidung.| Ich erinnere mich, von meiner Mutter lachend emporgehoben und auf den Tisch gesetzt worden zu sein. Ich sei ein ganz artiges, stilles, frommes Knäblein gewesen, voll Lieb und Lust zu meiner Mutter, – so sagt meine Mutter selbst. Ich kanns aber nicht begreifen.

 Ich saß gerne zu Füßen meiner Mutter und nähte mit ihr. Es war, da ich so klein war, meine Idee, ein Schneider zu werden, denn so war ich der Mutter gleich. Ich lernte leicht, was mir meine Mutter vorsagte, und war glücklich, wenn sie mich des Abends einbetete mit: „Ich weiß, an wen ich glaube“, – „Beschirmt von deinem Segen“ etc.

 Einmal war Synode. Die Pfarrer der großen Diöcese Cadolzburg, zu welcher Fürth gehörte, versammelten sich im Chor der Michaeliskirche. Mein Vater nahm mich, trug mich auf die oberste Empor, hub mich auf, daß ich hinunter schauen konnte in die ehrwürdige Versammlung. Der Blick blieb mir, ich hab ihn noch und freue mich desselben noch.

 Mit vier Jahren hab ich ziemlich lesen können. Da schickte mich mein Vater in Lehrstunden. Ich erinnere mich noch, bei der Frau des alten Schullehrers Singer gewesen zu sein, und bei Herrn Fideri hatte ich bereits Lust und Leid, letzteres, wenn er mich strafend an der Haarlocke neben dem Ohre zog, – Lust, wenn ich zur Belohnung des Fleißes einen von den zinnernen Reitern bekam, die ihm mein Vater zu dem Zweck zugestellt hatte. Mit fünf Jahren gieng ich in die Schule, und zur Zeit, wo die Tscherkessen und Baschkiren auf Befehl des Czaars in den Franzosenkrieg zogen, war ich in der Schule bereits Monitor. Ich gieng aber je länger, je weniger gern in die Schule. Die Schule war mir eine Pein, zumal wenn die Lehrer streng waren. Ich war erbärmlich schüchtern und zitterte auch vor fremder Strafe.

|  Mein Vater war mir die erste Person in der Welt, dann kam meine Mutter, dann meine Schwester Anna, die kranke, vor deren Kraft ich dennoch großen Respect hatte. Ich drohte manchmal den Knaben mit ihr, wenn sie mich nicht wollten gewähren lassen. – Was war es mir Großes, wenn die Grenadiere der Stadt sich vor dem Hause versammelten und mein Vater als Hauptmann unter die Hausthüre trat, den Säbel zog und mit seiner Löwenstimme commandierte! Welch ein Commando, wenn der Vater mit dem Finger winkte! Welch eine Strafe, wenn er die weiße Mütze vom Haupte zog und mir – ach wie selten! – einen Schlag auf den Rücken gab! Wie konnte ich das aushalten, das große Weh! Und welche Lust, wenn er unter der Firma, etwas für ihn schreiben zu dürfen, mich examinierte! Oder wenn ichs erlauschte, was er verbarg, daß er meinen Fortschritt vor der Mutter lobte! Wenn ich merkte, daß er die Mängel tadelte und doch zufrieden war mit dem, was da war! – Und als einmal meine Anna in ihren Leiden auf dem Bette lag und klagte, und der starke Mann im kleinen Wohnstüblein auf- und abschritt und weinend versicherte, daß er, wenn er nur helfen könnte, sein Blut drum geben wollte: da saß ich ehrfurchtsvoll in einer Ecke und sah aus großer Tiefe auf zu ihm! Ebenso als mein ganz kleines niedliches Schwesterchen Sabine gestorben war, und der Vater im Sessel saß und weinte!
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 Ach meine Kranken von Jugend auf! Als Sabine im Sterben lag, gab mir die Mutter einen Kreuzer und schickte mich fort, mir einen Bilderbogen zu kaufen. Fröhlich kam ich heim – da war mein Schwesterlein todt. Ich warf mich auf die Wiege und weinte sehr: ach mein Schwesterlein! Und zur Leiche wollte ich früh auf sein und mit gehen; es wurde aber nichts, man weckte mich nicht, und als ich erwachte, da stand| die Leichenkutsche schon vor der Thüre. Der Sarg stand quer in den Schlagfenstern der Kutsche, das Leichentuch war drüber, die Glocken läuteten und ich konnte nur nachsehen.

 Als mein Bruder Max noch klein war, hatte er lange Zeit gar kein Haar. Schon das war besonders, man sah desto mehr auf ihn, und nun wurde er krank, todtkrank. Der Arzt kam, gab ihn auf und setzte ihm das Ende. Der Knabe lag im Sterben. Da sagte meine Mutter zu meiner Schwester Doris: „Geh, Mädchen, zeig dem Wilhelm die Laubhütten.“ Die Juden hatten Laubhüttenfest, und dies Fest war mir immer heimathlich. Wir giengen. Als wir wiederkamen, war Max besser. Meiner Mutter war Perlwasser eingefallen, das gab sie ihm und das Leben kehrte wieder.

 Im Jahre 1816 sandte die Stadt eine Deputation nach München zum König in Angelegenheiten des Rednitzflusses und seiner Benützung, wenn ich mich recht entsinne, zur Flößerei. Mein Vater that alles für die Stadt, aber er reiste nicht gerne, und doch war kein Entrinnen, er mußte nach München reisen. Bald nach seiner Heimkunft von dem guten König Max ließ sichs an, als wollte der Vater kranken. Zahnweh – von den Zähnen zum Ohr – von da ins Haupt, so gieng die Krankheit. Anfangs war mein Vater, wie gewöhnlich, munter; bald jammerte er; endlich hörten wir Tage lang nur: „Jesus, Jesus“; zuletzt kam es zum Verstummen, stummes, tiefes Weh umfieng ihn. Es gab keine Rettung. Er starb an Hirnbrand am 28. October Vormittags um 11 Uhr.

 Ich hatte es geahnt. Es war herkömmlich, daß die Familie am letzten Abend des Jahrs zusammensaß und daß jedes von den Kindern alsdann in auswendig gelernter Rede den Eltern einen Neujahrswunsch für das neue Jahr vortrug, das morgen kam. Dann bekam jedes einen Nürnberger| Lebkuchen und einen Fingerhut voll feinen Liqueurs. Als nun am Neujahrsabend (31. December 1815) die Reihe an mich kam, fieng ich an zu weinen, sagte nichts auf, sondern schrie: „Mein Vater stirbt, mein Vater stirbt!“

 Als mein Vater immer kränker wurde, war ich oft betrübt. Einmal kam ich nach 11 Uhr, wo man in Franken zu Mittag ißt, von der Schule und aß, da die andern schon gegessen hatten, allein. Die Sonne schien in die Stube, meine. Mutter war still beschäftigt, dem kranken Vater Ueberschläge zu machen. Um 12 Uhr sollte ich nach Gewohnheit zum Violinunterricht gehen. Heute wars mir nicht dazu. Ich fragte: „Mutter, soll ich zum Geigen gehen?“ Sie antwortete: „Mein Kind, wir haben ausgespielt!“ Das drang mir durchs Herz, ich weinte bitterlich.

 Damals konnt’ ich beten. Wenn es Abend wurde und ich freie Zeit hatte, gieng ich manchmal lang auf der Gasse vor dem Haus auf und ab und betete ums Leben meines Vaters. Es war mir schrecklich, ein Waisenkind zu werden! – Unsere Wohnstube hatte einen Bretterverschlag, aber keinen senkrechten, sondern einen horizontalen, so daß eine Treppe von unten in den Verschlag führte und ein großes Fenster beide Abtheilungen erleuchtete. In dem oberen Verschlag stand mein Lager, und neben demselben ein alter Behälter, der vor mir im Geruch der Ehrwürdigkeit und tiefen Geheimnisses stand. Einmal hatte ich gebetet, trank dann nach meiner Gewohnheit, „um nicht“, wie ich sagte, „in der Nacht unversehens durstig zu sterben“, fiel, gleichfalls nach Gewohnheit, der Mutter mit den herkömmlichen Worten: „Gute Nacht, schlafen Sie wohl, stehen Sie gesund wieder auf!“ um den Hals – und gieng zu Bette. Da kam mir im Vorübergehen ein Schauer aus dem Behälter entgegen; ich merkte, daß mein Beten nicht erhört sei, daß mein| Vater sterbe, verbarg mich furchtsam unter meine Decke und betete nun nicht mehr.

 Am Todestag meines Vaters, einem Montag, war ich in der Schule. Die alte Magd Susanna holte mich. Als ich in die Stube kam, lagen die Meinigen auf den Knieen und beteten für den Hartkämpfenden um Auflösung. Meine beiden mittleren Schwestern standen, in Jammer vergehend, zu Häupten und Füßen des Sterbebettes, meine älteste, kranke Schwester Anna saß am Ofen, hatte keine Thränen, aber tiefes Schluchzen. Als ich in die Stube trat, nahm mich meine vom Gebet aufstehende Mutter an der Hand, führte mich zu dem röchelnden Vater, legte meine Hand in seine und ließ mich versprechen, was alles, weiß ich nicht mehr, aber das war dabei: „daß ich dem theuern Vater im Grabe keine Schande machen möchte.“ Kaum hatte ich mein Versprechen gethan, da stand meines Vaters Odem still und ich war eine Waise.

 Alles war in Trauer. Ich gab mit meinem öden Wesen meiner Schwester solches Aergernis, daß sie mich als ein theilnahmloses Kind schlug. Am Tage der Leiche war die ganze Stadt erregt. Am Morgen war ganz in der Nähe eine Leiche, und meine Mutter sagte: „Geh hin, sieh zu, damit Du weißt, wie es ist.“ Ich gieng, aber es gefiel mir ganz gut. Zwar als der Vater im weißen Todtenhemd, ernsten Antlitzes, halbgeschornen Hauptes (es war der Ueberschläge wegen geschehen) im Bette lag, die Mutter ihre Kinder zusammenrief und nach der Gabe, die sie in solchen Fällen hatte, ernste vermahnende Worte sprach, war mir auch ernst zu Muthe, aber es gieng vorüber. Die Leichengäste füllten das Haus. Ich sollte mit zwei Vettern die Leiche begleiten und einen Kranz tragen, und war deshalb, so klein ich war, in schwarzen Frack und kurze Hosen sammt langen Strümpfen gekleidet. So stand ich an der| Thüre eines Zimmers, und hatte, meines Aufzugs spottend, eine Leichenprezel in der Hand. Da kam der Kirchner als Ceremonienmeister und forderte zum Aufbruch auf. Der große Ernst des sonst komischen Mannes brachte mich zu lautem Lachen. Ich steckte die Prezel in die Tasche, ergriff den Kranz und begleitete meines Vaters Leichnam zu seiner Gruft. Da wurden Reden gehalten, und während einer derselben, es war die des Decans, wenn ich mich recht erinnere, übermannte mich plötzlich der Schmerz, mich verlangte zum Vater und ich mußte gehalten werden, um nicht lautschreiend in die Gruft zu springen. Als nun aber der Leichenzug umkehrte, da griff ich in meine Tasche, zog die Prezel heraus und hätte gegessen, wenn mir’s nicht vom Kirchner verwehrt worden wäre. – Ein solches Widerspiel war je und je in mir!

 Mein Vater war geraume Zeit gestorben. Es war ein prächtiger Sommerabend. Ich saß vor dem Hause auf dem Ruhestein und sah die Straße hinab, die von der untergehenden Sonne prächtig glänzte und an der Rednitzbrücke in offene Himmelspforten voll Licht und Klarheit zu münden schien. Die Sonne gieng unter, mir kam der Gedanke, daß so auch meine Sonne, nämlich meine Mutter, von mir scheiden könnte. Von Jammer hingerissen sprang ich auf, lief zur Mutter, schlang die Arme um ihren Leib und rief ihr, der Erstaunten, den Jammer zu, daß auch sie, wie die Sonne, sterben müsse. Meine Schwester Anna stillte mich. Indeß wurden die Sterne am dunkeln Himmel sichtbar, und meine Anna setzte sich mit mir auf den Stein vorm Hause, zeigte mir die Himmelspracht und redete mir von sapphirnen Gassen, auf denen ich dermaleins mit den Meinigen wandeln sollte.

 Ein andermal gieng wieder zur Aerntezeit die Sonne unter. Ich hatte ein Stück Brod und aß und legte mich dabei| gestreckter Länge auf den Rücken in die Straße. Es war so schön, daß mir auf dem hellbesonnten Giebel des letzten hohen Hauses in der Straße ein paradiesisches Licht zu ruhen schien. So lag ich, vergnügt an Leib und Seele, und was mich störte, war auch schön. Es kam ein alter Herr, ein Freund meines Vaters, die Straße herauf, blieb bei mir stehen und sagte: „Wilhelm, vergiß nicht, daß es viel tausend Kinder gibt, die kein solch Stück Brod zu schmausen haben wie Du.“
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 So giengen meine Tage hin – und Spuren einer Neigung zum heiligen Amte gab es damals schon viele. Im kleinen Haushof stand der Hackstock, um den versammelte ich die Kinder der Miethsleute, die im Hause wohnten, ich legte einen schwarzen Schurz als Chorrock an, bestieg den Hackstock als Kanzel, predigte[3], sang und betete, und meine Mutter sagte zuweilen zu meinem Vater: „Es verdirbt ein Pfarrer an ihm, wenn Du| ihn nicht studieren lassest.“ Der Vater wollte aber nichts vom Studieren wissen, weil ihm die Ausgaben im Vergleich zu meinen übrigen Geschwistern als zu unverhältnismäßig vorkamen. Als mein Vater starb, führte sie aus, was sie für gut hielt. Ihre Liebe zu Amt und Kirche machte sie dafür empfänglich, mich, obwohl eine Wittwe, einen solchen Lebensberuf erwählen zu lassen. Ich hab es ihr tausendmal zu danken. Wer weiß, ob ich ein Christ geworden wäre, wenn ich nicht Pfarrer geworden wäre.


4. Meine Schulzeit bis zur Confirmation.
Die Confirmation.
 Ich habe schon oben erwähnt, daß mir Schulgehen eine Pein war. Das gilt auch für dasjenige Stadium meines Lebens, welches ich so eben bezeichnet habe. Diejenige meiner Gaben, welche sich am frühesten, und wie sich von selbst versteht, auf eine sündliche Weise übte, war das Urtheil. Ich übte es nicht am wenigsten an meinen Lehrern. Einige unter ihnen waren mittelmäßig, ich verschonte aber auch die begabteren nicht. Sie gaben Blößen, die auch ein jugendlich Auge merken konnte, und wie konnte das bei der großen Ueberfüllung der Schulen anders sein. Namentlich war ich oft ungehalten über die Ungleichheit und Inconsequenz der Schulzucht, von deren Schwierigkeit ich keine Idee hatte. Ueber die religiöse Unklarheit und Zerfahrenheit war ich vollends unmuthig; der böse Geist der Zeit war in die Schulen meiner Heimath mehr eingedrungen als in meine Familie, wo ich meine Mutter sich täglich entfernen sah, um hinter verschlossenen Thüren nach Starks Handbuch und Arnd’s Paradiesgärtlein etc. der Ruhe zu pflegen. Die Bilder in Stark, so gering sie waren, hatte ich| lieber als den Religionsunterricht in der Schule, der sich pur auf Sittenlehren bezog und nichts weniger als evangelisch war.

 So sehr mir die Schulen mißfielen, so sehr fehlte es doch auch an mir. Ich war nicht fleißig, nicht ernst genug, und es hat mir je und je an Wortgedächtnis gefehlt. Ich kann bis heute den kleinen Katechismus Luthers nicht fest und kein einziges Lied gewiß und sicher, weil ich dergleichen auch in der Jugend nicht fest einzuprägen vermochte.

 Meine Mutter schickte mich bald, ehe ich 10 Jahre alt wurde, in die lateinische Schule. Bald fieng ich an, nebenher, in Privatstunden, Französisch, Italienisch, Englisch, Geometrie und Zeichnen zu lernen. Violinspielen hatte ich noch bei Lebzeiten meines Vaters angefangen. Späterhin kamen auch griechische Privatstunden dazu. In meinem zwölften Jahre waren alle Stunden des Tages vom Morgen bis Abend mit Unterrichtsstunden besetzt – und da ich vom zwölften Jahre an unausgesetzt in die Kirchen gieng, so war mein armer Leib ziemlich vergessen. Ich hatte zum Turnen keine Lust, außer zu Laufen und Springen, und meine körperliche Ausbildung ist daher sehr zurückgeblieben. Ich gab das Turnen eben so gern auf als das Tanzen. Möglich, daß in meiner früheren leiblichen Schwachheit (man nannte mich zum Unterschied von einem Vetter den „schwindsüchtigen Löhe“, weil ich so dünn war) ein weniger klar erkannter aber guter Grund lag, warum ich ungern turnte.

 Bis in mein zehntes Jahr habe ich trotzdem, daß ich über alles urtheilte, in Schulen wenig Lob geärntet. Von da an stand ich bis zur Universität meinen Mitschülern voran. Woher die schnelle Aenderung, weiß ich nicht. Im Allgemeinen kann ich sagen, daß ich wenig lernte, keinen einzigen Gegenstand recht. Daß ich doch voran war, lag an den unbedeutenden Forderungen und der noch geringeren Begabung meiner Mitschüler. –| Wie hätte ich auch bei so vielerlei Lehrgegenständen auch nur einen recht fassen können. – Ich litt von Kind auf an den Schuleinrichtungen, die für mich nicht paßten. Mir hätte eine viel freiere, der eigenthümlichen Begabung anpassendere Behandlung gewiß eher zur harmonischen Entwicklung geholfen. Ueber einen Leist mit allen geschlagen zu werden, obwohl ichs anders bedurfte, war mir schrecklich.
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 Einer meiner Lehrer ist mir besonders werth geworden, Subrector Küchle aus Memmingen, Vater meines Freundes, des Seniors und Pfarrers Andreas Küchle[4] zu Erkheim bei| Mindelheim (bayerisches Schwaben). Sein Unterricht war mir förderlich, sowohl in der Schule als im Privatunterricht, den er mir gab. Es war eine Zeit, wo meine Mutter doch vor der Aufgabe ein wenig zurücktrat, mich studieren zu lassen. Ich sollte und wollte Apotheker werden, wozu mich die frequente Apotheke gegenüber dem elterlichen Hause, bei deren Bewohnern ich von Jugend auf so sehr gelitten war, besonders einlud. Subrector Küchle, ein guter Botanicus, sollte mir Unterricht in der Pflanzenkunde geben, und ich gieng auch ein paar Mal mit ihm hinaus in die Flur. Allein mich ergriff mehr der Totaleindruck der Natur, fürs Einzelne hatte ich wenig Sinn. Subrector Küchle machte meine Mutter aufmerksam, daß es mit der Apothekerei für mich nichts sei; er brachte sie auch dahin, daß sie den Entschluß, mich studieren zu lassen, fest faßte. Und so giengs dann voran, und je länger je bestimmter wurde der Eintritt ins Nürnberger Gymnasium meine Aussicht.
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 Unter meinen Mitschülern stand ich ziemlich einsam. Ich hatte außerhalb der Lehrstunden wenig Umgang mit ihnen. Ich trat gelegentlich dem entgegen, was sie Schlimmes vorhatten, fügte mich in ihren Strom nicht, sagte zuweilen, wenn auch zitternd, die Wahrheit über sie den Lehrern. Mein vereinsamter Lebensgang beginnt schon in jener Zeit. Ich wurde zuweilen verfolgt, von ganzen Horden angefallen, duldete lang, dann aber wehrte ich mich wuthentbrannt und dann hatte ich mehr als ein Mal Sieg. – Dennoch aber wurden meine| Sitten schon auch angefressen, und der heillose Geist der damaligen Fürther Schule war auch meiner Seele gefährlich. Es ist des HErrn Treue, daß ich nicht wie manche meiner Kameraden schon auf der Schule an Leib und Seele verderbt wurde.

 Die Macht der Musik, welche so manche bei dem Edlern erhalten hat, habe ich zwar wohl erfahren; ich war ihren Einflüssen allezeit offen. Ich wäre auch gerne je und je recht musikalisch gewesen, ich wurde es aber nie. Von meinem siebenten bis achtzehnten Jahre habe ich – andauernder oder unterbrochener – Unterricht im Violinspielen gehabt, aber ohne Erfolg. Ich spiele gar nicht und zwar seit Jahrzehnten. Die Stube meines Musiklehrers, in welcher ich Unterricht empfieng, hatte ein Fenster auf den Fluß. Da sah man die Fische im Wasser spielen, jenseits des Wassers eine Bleichanstalt mit ihren stillen Eindrücken. Wenn ich nun ein „Stückchen“ gegeigt hatte, durfte ich einige Blicke ins Wasser, auf die Bleiche thun. Hatte ich falsch gegriffen oder nicht Tact gehalten, so mußt ich das Stückchen wiederholen und allenfalls nochmal wiederholen, ohne daß ich hinaussehen durfte. Welch eine Pein war mir das! Wie grimmig wurde ich da manchmal, daß ich auch mit den Absätzen der Stiefel dröhnenden Tact schlug. Und wenn sie aus war, die peinvolle Stunde, wie gern trug ich dann mein kleines Geiglein, ein über 100 Jahre altes Meisterstück des alten Lauten- und Geigenmachers zu Nürnberg, Matth. Hummel, wieder heim. – Kurz, ich war nicht und bin nicht musikalisch, lobe aber die edle Gabe der Musik mit desto brünstigerem Verlangen.

 Der Religion war ich ergeben. Ich ließ die andern Knaben reden und gieng in jeden Gottesdienst. In Fürth wird alle Sonntage früh 8 Uhr zum Sacrament geläutet, die| Hauptpredigt folgt auf das Sacrament. Beim Sacrament war in der Regel außer den Communicanten niemand zugegen. Aber ich kam und mit mir ein alter, grauer Hospitalit. Die Fürther Hauptkirche hat einen langen, weiten Chor, der viele Communicanten faßt. In weiter Ferne von diesem Chor, dem Sitze der Communicanten, unter der Orgel war mein vom Vater ererbter Stuhl und der meines alten Genossen. Da standen wir miteinander sonntäglich in festlicher Stille, bis die ehrwürdige Greisengestalt des alten Stadtpfarrers Fronmüller aus der knarrenden Sacristeithüre trat und, die Hände über die Brust gekreuzt, das Haupt verneigend, zum Hochaltar gieng (damals hatte die Kirche noch zwei Altäre außer diesem) und hinter ihm die Diakonen. Der alte Pfarrer war so wenig musikalisch als ich, aber er hatte eine sehr schöne Stimme, und wie er die verba testamenti etc. sang, habe ich sie doch nicht wieder singen hören. Die Melodie, welche er sang, blieb mir im Ohr, und ich singe sie immer aus dem Gedächtnis, wenn ich durch Jesu große Gnade consecriere. Wenn dann der Alte consecriert hatte, dann sang der Cantor das dreimal Heilig mit hellem Hauf. Darauf warteten wir zwei fernen Hörer. Sowie der Cantor zu singen anhub, fieng der alte Hospitalit auch an mit kreischender Stimme mitzusingen und ich sang gleichfalls mit lautem Schrei drein. Ich sang in der Schule nie, weil ich merkte, daß ich keine Gabe hatte, aber beim Sacrament bekam ich Stimme, da sang ich, und es war mir diese Theilnahme am Sacrament große Feier und Freude.
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 Der Confirmandenunterricht dauerte in Fürth die alten sechs Wochen zwischen Ostern und Pfingsten. Jeder der drei Geistlichen gab allen Confirmanden Unterricht und zwar jeder täglich eine Stunde. Täglich (Sonntag und Sonnabend ausgenommen) hatte man drei Stunden. Ich habe leider von dem ganzen| Unterricht wenig Nutzen gehabt. Lauter Moral und deistischer Unterricht, und worauf ich wartete, positiver, historischer Unterricht, Belehrung über die Heilsthaten des HErrn, das kam immer nicht. Auch der alte Pfarrer that hierin bei weitem zu wenig, obwohl ich damals die Schuld meiner Unzufriedenheit an mir suchte. Sprüche und Lieder wurden fast keine gelernt, und die gelernt wurden, durfte ich nicht aufsagen. Ich war der erste Schüler der Fürther Schulen, mir traute man alles zu, ich wurde mit „Sie“ angeredet – und so lernte ich desto weniger. In meiner Achtung gegen den alten Pfarrer blieb ich aber unerschüttert. Sein würdevolles Auftreten, sein ernstlich Beten reichte hin, meinen Seelenhunger für etwas anderes zu halten. Wenn er am Sonntag nach einer Predigt voll Heidelberger Paulusischer Exegese sein „Der Du so gern uns Menschen segnest“ anfieng, so war ich zufrieden. Man konnte mitbeten.

 Die Confirmation gieng der Abendmahlsfeier acht Tage voran und wurde am Exaudi-Sonntag Nachmittags gehalten. Ich wußte kaum, was geschah. Unser waren über 200, die confirmiert werden sollten, und wir wußten nicht, was wir sollten! Der Kirchner trat in die Stühle hinter uns und sagte, er wolle uns ein Zeichen geben, wann wir „Ja“ antworten sollten. Das wollt ich mir denn aber doch nicht bieten lassen: ich rief mein „Ja“ vor Vollendung der Fragen frank und frei.

 Die Woche drauf – die Woche vor Pfingsten – will ich nicht vergessen, so lang ich lebe, obwohl gar vieles nicht war wie es sollte; eine rechte Fest- und Feiertagswoche war’s doch. Meine Mutter und die Meinen, es sei ihnen ewig Dank, ließen es an nichts fehlen, mir meine Gnadenwoche recht still zu machen, alles wegzuräumen, was mich stören, alles zu thun, was mich fördern konnte.

|  Am Freitag nahmen die Pfarrer in ihren Lehrstunden Abschied, die Schüler überreichten schriftliche Danksagungen oder Abbitten. Zu spät wurde ich daran gemahnt. Am frühen Freitagsmorgen schrieb ich unter Beihilfe meiner Schwester Dorothea drei Abbitten, steckte sie dann schnell, damit die Pfarrer sie nicht zur Unzeit sähen, unter die Weste und eilte in die Lehrstunde. Es war heiß im Saale. Als der alte Dr. Fronmüller schloß und nun die Kinder zu ihm giengen, zog ich auch meine „Abbitte“ hervor, und siehe, sie war feucht von meiner feuchten Brust. Doch gab ich sie ihm, und es war die einzige, welche er für werth hielt, sie aufzuheben. Er segnete mich und ermahnte mich, meinem Vater, seinem Freunde, an dessen Sterbebette er so sehnlich gebetet hatte, nachzufolgen. Der Abschied des ersten Diakons drosch die Thränendrüsen der Kinder, er selbst weinte, alles weinte. Ich hatte meinem Nachbar zugeflüstert, wir wollten nicht weinen. Lange hielt er sich. Auf einmal fühlte ich seinen Ellenbogen in meiner Seite und mit dem lauten Ausruf: „Du weinst gar nicht!“ fieng er an, in Thränen auszubrechen. Ich aber ließ mich nicht anstecken, denn es steckt an, das ist gewiß. Der zweite Diakon gefiel mir in seiner Schlichtheit weit besser.

 Als ich heim kam, war ein Verwandter von väterlicher Seite da, der auf Bitten meiner Mutter es unternommen hatte, mir im Namen meines seligen Vaters eine ernste Mahnung an diese „Hochzeit“ meines Lebens zu sprechen. Am Nachmittage bat ich meinen Lehrer, Subrector Küchle, um Verzeihung, und er verzieh mir wie ein Vater.

 Am Sonnabend Morgen, einem etwas regnichten, aber dennoch warmen, schönen Frühlingstage voll Blüthen und Blumen, kam meine Mutter auf meine Stube und brachte mir einen herrlichen Brief, den sie mir geschrieben hatte, um ihren| Worten Nachdruck zu geben. Ich habe ihn noch.[5] Gott wolle ihr ewig dafür vergelten. Nach Tisch gieng ich in die Familienstube. Meine Mutter, meine Schwestern sprachen mir zu, alles| weinte, vergab mir und wünschte mir Glück; nur mein Bruder Max wollte dies Weinen nicht begreifen und drehte sich zu der Andern Aerger und unter ihrer Bestrafung lustig auf dem Absatz herum. Eine Störung, welche wenig störte.

 Um Ein Uhr begannen alle Glocken der Stadt zu läuten. Alle Confirmanden knieten im Saale und auf dem Hausplatz des Pfarrhauses und wurden, ein jeder von allen drei Geistlichen, gesegnet. Ich war fast der jüngste und kniete zuletzt. Es war aber eine Feierstunde, ehe der Segen an mich kam und da er kam. Am meisten drang mir der Segen des jüngsten Pfarrers zu Herzen, der fast ordinationsmäßig klang. Nach dem Segen zogen wir zur Privatbeichte in die Kirche. An drei Orten saßen die drei Beichtväter. Jedes Kind gieng zu dem seinen. Ich kniete vor dem alten Pfarrer; aber es entfiel mir die ganze Beichte. Gütig half mir der gütige Seelenfreund und entließ mich reichlich absolviert und abermals gesegnet.

|  Als ich heimkam, brannten Kerzen auf dem Clavier. Ein Buch, eine Uhr, sechs silberne Löffel etc. lagen bereit, und meine Mutter begrüßte den Absolvierten mit reichlicher irdischer Gabe um so mehr, als ich von meinem weitentfernten Pathen kein Andenken nach Landesbrauch erwarten durfte. Es war ein herrlicher Abend worden. Alles blühte – wie schön. Außen vor Fürth, auf der Westseite, bildet ein Teich mit dem Flusse fast eine Insel. Da war ein Erlenwäldchen voll schöner Wiesenblumen und üppigen Grases. Dahin gieng ich in meiner Jugend gern und that es auch an jenem Abend. Alles feierte, ich konnte gut lesen und beten: war es doch Festzeit wie zuvor nie.

 Vom Sacramentsgenusse war ich wenig unterrichtet. Ich glaubte aber lieber, daß man aus dem Kelch Blut schmecke als die laue Belehrung meiner Lehrer. Was mir aber an Erkenntnis fehlte, das ersetzte mir der gnadenreiche Gott durch die seligste Heimsuchung. Ich wußte, an welchen ich glaubte, und ich war in Seiner Nähe in der schönen Pfingststunde meines ersten Abendmahlsganges. Namentlich diese empfundene Seligkeit machte mir jede wiederkehrende Confirmationszeit so süßen Duftes so heiliger Erinnerung voll. Die Zeit ist unwiederbringlich dahin, die schöne Jugendzeit. Ich wünsche sie nicht wieder; aber die Confirmationszeit, die Abendmahlsstunde – die beweine ich, daß ich sie nicht wieder neu erleben kann.

 Als wir nach dem herrlichen Gottesdienste zu Tische saßen, sagte meine Schwester Babette: „ Einen Tag wie diesen bekommt unser Wilhelm nicht wieder, bis er die Ordination empfängt.“ – Sie hatte vollkommen Recht, und auch mein Ordinationstag war nicht so süßer, jugendlicher Freuden voll, so groß er mir ist, wie mein erster Abendmahlstag.

 Ach, es ist doch schön, daß es solche Feiern gibt, wie wir im Christenthum haben! Gott ewig Lob, daß ich in Seiner| Kirche geboren und auferzogen bin! Die Sünde hatte sich zur Zeit meines Confirmationsunterrichts schon mächtig geregt; da reichte mir der HErr Kräfte, die mich nicht untergehen ließen, die mich im Strudel jugendlicher Eitelkeit, Versuchung und Sünden hielten und retteten.




5. Meine Gymnasialzeit.

 Bald nach meiner Confirmation führte mich mein Lehrer, Herr Subrector Küchle, nach Nürnberg zu dem Gymnasialrector Götz, und ich wurde wenige Wochen vor dem Schlusse des Schuljahres in die untere Classe des Progymnasiums aufgenommen. Meine Wohnung und Kost bekam ich bei einem Verwandten von mütterlicher Seite, der mir viel Lieb und Treue erwiesen hat. Die Zufriedenheit meiner Lehrer erwarb ich mir bald und behielt sie im Ganzen, bis ich die Schule verließ.

 Bekanntlich ist auf dem Gymnasium das hauptsächlichste Bildungsmittel die Sprache. Alles andere tritt mehr oder weniger zurück. Ich fand mich drein, aber ich war viel zu unreif, als daß ich nur den geringsten Classiker, welchen ich las, seinem wahren Werthe nach hätte schätzen können. Daß Homer, daß Virgil, daß Horaz etc. schön seien, hörte ich immer, von Horaz gefiel mir auch wirklich Manches; aber ich müßte lügen, wenn ich irgend die Schönheit jener Dichter als eine von mir in jener Zeit erkannte und gefühlte darstellen wollte. Ich war die ganze Anstalt hindurch unter meinen Mitschülern der erste; möglich, daß trotzdem Andere für die classische Reife jener Schriftsteller selbst empfänglicher und reifer gewesen sind, aber ich wars nicht. Von einem Verständnis des Euripides, Sophokles etc., die wir lateinisch übersetzten, will ich gar nicht reden. Der einzige Schriftsteller, dem ich wirklich näher kam, war| Tacitus, und das wäre zu verwundern, wenn es nicht durch die Person des Lehrers, Herrn Rectors Roth, erklärlich würde. Rector Roth lebte in Tacitus, er wußte ihn nicht blos zu übersetzen und zu erklären, sondern sein Angethansein von dem Schriftsteller, seine zu demselben passende Persönlichkeit eröffnete mir das Verständnis. Und dann war, was in Tacitus vorlag, Geschichte und zwar näher liegende, als die bei Livius. Hätte ich freilich für die andern Schriftsteller, so könnte man sagen, dieselben tüchtigen Lehrer gehabt, so etc. Aber ich las ja mit Roth auch Homer, Virgil, Horaz, Euripides, Sophokles etc. und doch blieb mir das alles viel fremder. Mit all’ dem will ich natürlich nicht sagen, daß ich vom Lesen der Classiker keinen Nutzen hatte, ich verstand sie nur nicht. Ebenso gieng es mir mit der Mythologie. Die Betrachtung des liederlichen Lebens der Götter erweckte mir böses Gewissen; daß ich sie dennoch fortsetzte, befleckte meine Seele. Ich bin nicht für castrierte Ausgaben des Ovid etc.; aber wenn ich eine höhere Betrachtungsweise gehabt hätte, wenn die Lehrer aus christlichem Standpunkte ein Gericht über die Götterlehre hätten ergehen lassen und die Herrlichkeit des Gottes hätten zeigen können, der an allen Götzen Hohn übt, so würde ich nicht für meine Seele aus dergleichen Dingen Gift gesogen haben. Im rechten Lichte kann man alles ansehen; aber dies Licht können wenige Lehrer geben.
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 Den größten Dank bin ich meinem Lehrer, Herrn Rector Roth, schuldig. Ich habe nie einen Lehrer gehabt wie diesen. Sein Ton war eine vorherrschende Strenge, ganz wie man sie an einem Schulrector sich denkt. Aber innerhalb dieser allen gleichen Strenge wußte er jede Individualität zu unterscheiden und auf angemessene Weise zu behandeln. Man merkte, daß seinem Benehmen ein Studium der Individualitäten zu Grunde| lag, man gab sich ihm deshalb gerne hin und scheute sich doch auch wieder vor ihm. So streng er war, so vertrug er dennoch gerne bescheidenen Widerspruch und scheute sich keineswegs, in Fällen vom Katheder zu steigen, seinen Schülern die Hand zu bieten, sie um Verzeihung zu bitten. – Gerade dadurch stieg er in der Meinung seiner Schüler desto höher, man merkte, daß Strenge bei ihm Grundsatz war, daß das Herz mild und gütig gesinnt war. In der Lycealclasse, wo wir seinen eigentlichen Claßunterricht genossen, machte er selbst alle schriftlichen Aufgaben mit; wie wir die unsern vorlasen, las er sie auch vor; an seinem Muster konnten wir uns dann messen, seine Ueberlegenheit drückte uns nicht, denn er war Rector, wohl aber fesselte sie uns an ihn und reizte uns zum Eifer. Ich hatte das Glück, ihn lange zum rector und moderator meiner Studien zu haben. Er kam 1821 im Herbst nach Nürnberg, da ich im Sommer eingetreten war. Seine erste Arbeit war, den Augiasstall der Nürnberger Schule an Lehrern und Schülern zu säubern. Ich zitterte vor ihm, da ich ohnehin ein sehr zitteriger und schüchterner Knabe war. Er hatte mich jedoch schnell bemerkt und sein theilnehmendes Auge begleitete mich auf meinen ganzen Gang. Da ich die Nächte zum Privatstudium schon in meinem vierzehnten Jahre anwendete, warnte er mich. Wenn ich Krankheit zurückhielt und verleugnete, schalt er mich. Wenn mir seine Hand zu schwer ward, tröstete er mich. In meiner angeborenen Fahrlässigkeit schonte und stachelte er mich zugleich. Sein Beispiel galt mir in allem, sonderlich aber jauchzte ich innerlich, als ich seine Freude an der Religion sah. Bald nach seinem Eintritt ins Rectorat fieng die Zeit seiner eigenen entschiedenen Religiosität an. Er sprach sich gelegentlich aus. Ich horchte. Wenn er eine Zeitschrift, ein Buch empfahl, das wurde im Vertrauen auf Güte der Mutter gleich auf dem Heimweg im Buchladen| bestellt. Als er einmal dem Lector, der zum Morgengebet ein schlechtes Lied las, mit einem heftigen „Schweigen Sie“ in die Rede fiel, in seine Stube gieng und ein gutes altes Lied brachte, war meine Liebe zu den alten Liedern entschieden. Kurz, er hatte den bestimmtesten Einfluß. Wäre er noch während meiner Schulzeit dazu gekommen, mir das süße Evangelium recht einfach zu predigen, ich wäre meinem HErrn und Heiland entgegengeflogen. Das war aber damals noch nicht, scheint es, seine Stufe, und überhaupt nicht seine Art.
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 Er wußte wohl, daß ich ein schüchterner, einsamer Mensch war, und konnte doch auch wieder manches Andere damit nicht zusammenreimen. Die ganze Natur in mir bäumte sich wider das Wörtchen „Muß“, ich trug den Schulzwang mit Unwillen, auch war ich innerlich in viel Versuchung und hatte Vieles zu beweinen, was meinem Streben, das ich im Ganzen hatte, widersprach, – Unlust am Befehl und der Kummer eines angefochtenen, umnachteten Gemüthes gaben meinem Benehmen in der Schule etwas Sclavisches und Gedrücktes, das mein Lehrer gerne gehoben hätte. Er kannte die Wurzel nicht. Er suchte meine Selbstständigkeit zu heben, meine Wirkung auf andere hervorzurufen, und da ich einsam blieb, ein Fremdling unter meinen Mitschülern, nicht einmal auf Du und Du mit ihnen, von ihnen gescheut, bemißtraut, mißfällig angeschaut etc.; so kam er auf die Befürchtung, ich möchte ein „Stubengelehrter im engsten Sinne“[6]| werden, und gerade dazu hatte ich keine Ader, keine Ader zum Gelehrten, geschweige zum Stubengelehrten. – Ein Mal lobten die Schüler meiner Classe vor Anfang der Lehrstunde, nur ich und mein Nachbar, der gegenwärtige Professor Endler in Nürnberg, waren ruhig. Der Rector hörte es, da er vorübergieng. Er kam, im Augenblicke verstummte der Lärm. Er gieng stumm an allen vorüber, auf mich und Endler zu und schalt uns des Lärms wegen tüchtig. Wir betheuerten, keinen Theil am Lärm gehabt zu haben. „Eben das ists“, hieß es, „was ich tadle. Ihr zieht für euch ein besseres Benehmen vor und laßt eure Mitschüler toben, ohne euer Ansehen geltend zu machen.“ – Ein andermal rief er mich auf seine Stube, ermunterte mich zur Privatlectüre der ciceronianischen Briefe, rieth mir den Styl derselben zu beobachten und Wieland’s Uebersetzung dazu zu vergleichen. Ich sollte andere zu Gleichem entzünden. Was meine Person anlangte, war der Rath nicht verloren, ich machte mich schnell ans Werk; aber den Mitschülern sagte ich kein Wort davon. Der Rector sah seine Hoffnung nicht erfüllt.
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 Als Rector Roth unsere Classe übernahm, konnte man sie in mancher Rücksicht verwahrlost nennen. Unsere Claßlehrer hatten zu oft gewechselt. Als wir von ihm auf die Universität giengen, war gewiß ein jeder von uns besser geworden und das Herz eines jeden voll Danks gegen den treuen, mächtigen Lehrer und Seelsorger, dessen Gleichen ich nie gesehen habe, dem| ich Dank schuldig bin bis ins ewige Leben. Ganz anders gieng mirs mit ändern Lehrern, namentlich mit dem Professor der Mathematik, Dr. Herrmann, dem jetzigen Ministerialrath, welcher bei dem Frankfurter Parlamente so viel Misfallen erregte. Gewiß war er ein begabter und wirksamer Mann wie einer; wer von uns allen hätte das nicht erkannt. Als eine Zeit lang Rector Roth krank war, versah er seine Stelle, vertrat in einer Classe den Claßlehrer. Wir wunderten uns, ihn in der Philologie so fest und gesattelt zu sehen. Aber in der Mathematik verstand ers, unsere Herzen gründlich zu entfremden. Er war hier zu sehr Genie, wie es scheint, um sich zu langsamer Lernenden herabzuneigen, es gab rohe Scenen. Bei mir kam der Entschluß, zur Vorbereitung auf seine Lehrstunden nichts mehr zu thun, sondern es drauf ankommen zu lassen, wie weit ich käme. Lang merkte er nichts; am Ende wurde ers inne, weissagte mir auch für Logik etc., die er zuletzt zu lehren hatte, Mißlingen, irrte sich aber darin, wie er sehen mußte, ganz oder doch mehr, als er geglaubt hätte.




 Mein anscheinender Ernst zum Guten machte es zwei Vätern in Fürth wünschenswerth, ihre Kinder mit mir in einerlei Wohnung zu haben, andere wünschten meinen Umgang als Förderungsmittel für ihre Kinder. Nun mags wohl sein, daß sie sich nicht völlig betrogen, daß ich ihren Kindern in einigem nützte. Aber wäre ich nicht in innerem Widerspruch, wäre ich einfältig und von Grund aus entschieden fürs Gute gewesen, so würde etwas anderes herausgekommen sein und mein Gewissen würde mir ein besseres Zeugnis geben. Der HErr, welcher meine Seele kennt und sieht, verzeihe mir Versäumnis und Verschuldung. Ich wohnte erst bei einem Vetter, einem wohlwollenden Manne, der mich richtig erkannte und zuweilen mit mir| haderte. Hernach zog ich zu einer Professorswittwe, die mir bei weitem zu viel Lob und Vertrauen schenkte und froh war, daß auch ihre Kinder mit mir und meinen Stubenburschen lernen und spielen konnten.
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 Alle Sonnabende giengen wir Fürther nach Fürth und kamen am Sonntag Abend oder Montag Morgen wieder. Jedesmal wurde die Heimath mit einer großen Liebe begrüßt, wie wenn wir sie ein halbes Leben nicht gesehen hätten. In Fürth war alles am schönsten. Nürnberg war nichts dagegen. Wahrlich so vergnügte, fröhliche, gemeinschaftliche Gänge wie die von Nürnberg nach Fürth machte ich nie wieder, aber auch kaum traurigere als von Fürth nach Nürnberg. Schon am Freitag Abend versammelten sich die mir bekannten Fürther Gymnasiasten zu einer Vorfeier des morgenden „Heimgangs“ und da wurde unsinnig getummelt und getobt. Am Sonnabend gieng keiner von der Classe mehr in seine Wohnung. Die Bücher, soweit man sie der Hausaufgabe wegen nicht mitnehmen mußte, wurden bei mir niedergelegt – und nun hinaus zum Thiergärtner-Thor und der süßen Heimath zu. Daheim giengen wir spazieren, Abends eine Zeit lang regelmäßig ins Theater, am andern Tag ganz regelmäßig zum Anschauen des Sacraments und zur Predigt, auf Besuch zu den Schwestern. Als es mit dem Theater nicht mehr gieng, weil es mir zu eitel erschien, giengen wir bei Sternenschein spazieren, ich am liebsten auf den Kirchhof, von dem ich die lichterflimmernde Stadt und den sternen-flimmernden Himmel sah. Einen Furchtsamen unter meinen Freunden schleppte ich, als er einmal den etwas schaurigen Gang nicht mitmachen wollte, unter Heulen seiner- und meinerseits, am Hals zu seines Vaters Grab. Kein Wunder, daß mich die Leute meiner Vaterstadt für einen tollen Menschen hielten, nicht viel von mir hofften, und bis zur Stunde mir| abgeneigt sind. Meine Mutter ließ mich gewähren, weil meine Lehrer nie klagten, immer lobten und ich immer die ersten Preise ihr vorlegen konnte. Es ist nicht der Mühe werth, hier alles zu schildern, aber wahrlich, ich gieng einen innerlich sehr gefährlichen Weg. Ich möchte ihn nicht noch einmal gehen, meine Natur ist dieselbe. Eine üble Mischung war in mir. Voll inneren Verlangens nach dem Ewigen – voll Verlangens nach Irdischem, konnt’ ich jenem Zuge vor dem Auge des Allwissenden nicht tadellos nachgehen.

 Einmal wankte auch mein Glaube. Ich hörte so Viele zweifeln an dem, was ewig ist, daß es mir fast schien zum guten Ton zu gehören, ein wenig zu zweifeln. Ich besann mich, woran ich zweifeln sollte, und fand, es gienge am leichtesten, ungestraftesten, an den Engeln, die doch meine treuen Freunde von Jugend auf gewesen sind. Bei Tisch, in Gesellschaft meines Vetters, bei dem ich wohnte, unter dessen Mißbilligung sprach ich meine Zweifel dahin. Als ich in meine Stube gieng, schämte ich mich des elenden Treibens.

 Endlich, Herbst 1826, war meine Schulzeit vorüber. Wir waren von der Obermittelclasse statt in die Oberclasse in die neuerrichtete Lycealclasse vorgerückt und also 1825/6 nicht mehr Gymnasiasten, sondern Lyceisten. Als das Ende des Schuljahrs kam, kündigte der Rector mit vieler Entschuldigung an, daß trotz seiner Bemühungen bei der Regierung der Grundsatz geltend gemacht werde, nicht dem ersten Lycealschüler die bisher dem ersten Abiturienten immer zugewendete Medaille zu geben, sondern dem aus der Oberclasse ins Lyceum eintretenden ersten Gymnasialschüler. Dadurch entgieng mir die Medaille. Aber der Rector hätte die Entschuldigung sparen können. Ich durfte nun die Medaille nicht vor allen Leuten in Empfang nehmen, keinen Bückling machen, mich nicht ansehen lassen und das war mir| lieber als eine Medaille. Wie schön wars nun, beim Schlußact zuzusehen, wie andere hinantraten, während ich im Volkshaufen vor den Schranken stand.

 So schloß ich die Gymnasialzeit – und wie froh war ich darum! Ich hätte mir nicht träumen lassen, daß ich ebenso fröhlich die Universität verlassen würde. –

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 Leider bricht die Selbstbiographie Löhe’s hier ab. Doch sind uns auch gerade von diesem Zeitpunkt an die Tagebücher erhalten, welche Löhe von Jugend auf bis in sein Alter mit großer Sorgfalt und Treue zu führen pflegte.

 Bereits aus dem letzten Jahre, welches er auf dem Gymnasium zubrachte, liegen schriftliche Aufzeichnungen in seinen Tagebüchern vor, die manchen interessanten Einblick in sein inneres und äußeres Leben gewähren, und aus denen wir deshalb einen kleinen Nachtrag zur Geschichte seines Gymnasiastenlebens geben. Gewiß war Löhe ein musterhafter Schüler. Das beweisen seine Zeugnisse, das beweist vor allem der Umstand, daß er sich die vollkommene Zufriedenheit eines Lehrers wie Rector Roth[7] erwarb. Dem 17 jährigen Jüngling schrieb Rector Roth unter ein von ihm geführtes Ferientagebuch die Worte: Optimam viam| non discendi modo sed etiam vivendi te invenisse puto[8] – gewiß eine seltene Anerkennung eines Schülers aus dem Munde eines so bedeutenden Lehrers. Allein trotz aller Hochachtung, die Löhe gegen seinen großen Lehrer schon damals hegte, fühlte er sich auf dem Gymnasium dennoch nicht glücklich. Mit Ungeduld sehnte er sich nach dem Augenblick, da er den Staub der Schule von den Füßen schütteln und „frei sein würde vom Stricke des Voglers“. Der Zwang der Schule war ihm schon als Knaben eine Pein gewesen. Die Anhänglichkeit an seine Familie und Vaterstadt trug auch nicht wenig dazu bei, das Gymnasialleben ihm zu verleiden. Zu alle dem kam auch noch, wie er selbst eingesteht, daß er den griechischen und römischen Classikern keinen besonderen Geschmack abgewinnen konnte. Nur etliche Biographien Plutarchs und des Sallustius bellum Catilinare las er mit Vergnügen. Er sehnte sich frei zu werden, um arbeiten zu können, „mit Lust, ungetrübt, nach eignem Sinn“.
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 Weit mehr Gefallen als an den lateinischen und griechischen Classikern fand Löhe an den deutschen, die er eifrig und mit Begeisterung las. Klopstock, Herder, Goethe, Schiller, Jacobi, Matthison etc. waren die Schriftsteller, aus denen er seine geistige Nahrung sog. Sein Lieblingsautor war damals Jean Paul. „Mit Ehrfurcht und Liebe“, sagt er einmal, „nahte ich mich tagtäglich der Lectüre meiner Lieblingsschriftsteller, zu keinem aber unter ihnen mit so besonderer heiliger Scheu, als zu Jean Paul Friedrich Richter. Er, dieser wahre Dichter, dem von oben herab ein befeuernder Strahl die Welt jenseits geöffnet, ist wahrlich ein Priester, wie sie bei den Alten waren, er steht in Dodonas Eichenhainen, die Kessel stoßen zusammen, die Eichen sausen, sein Aug am Himmel kündet er reine Weisheit etc.“ Wohl| unter dem Einflüsse dieses Schriftstellers, des erklärten Lieblings der Leserwelt am Ende des vorigen und am Anfange dieses Jahrhunderts, geschah es, daß Löhe’s Wesen in jenen Jahren selbst einen Anhauch von Sentimentalität und Empfindsamkeit gewann, der sich freilich bald genug wieder verlor. „Wenn der Abend alle Welt beschattet mit dämmerndem Flügel, wenn die Nachtblumen ihre Kelche öffnen, die Nachtfalter ihre Schwingen heben, da beginnt er erst zu leben, da zaubert ihm dann die Phantasie ihre Welt vor seinen Augen.“ Ist er daheim, so ist sein Lieblingsgang am Abend zum Gottesacker.[9] Da geht er bis zu dessen nordwestlichem Ende. Dort an dem sanften Abhang, seinem „Todtenberge“, läßt er sich nieder, um dem armen Herzen Ruhe und Trost zu holen. Von den Gärten, die sich abhängig am Flußufer hinziehen, dringen in gedämpften Lauten Citherklang und Liederweisen und klagende Flötentöne an sein Ohr. Er selbst aber ist versunken in ernste feierliche Gedanken. „Dämmere nur, Abend“, – ruft er – „Nacht, breite deinen Mantel über die prangende Erde: mein Auge wird scharf werden und die Geister der Abgeschiedenen herwandeln sehen über die Juniusblumen.| Die Sterne kreisen, leisen Gesanges tönet ihr ewig Chorlied zu meinem geöffneten Ohre und aus den Gräbern herauf antwortet der Puls der Schlafenden gleich Harfenlispeln. Und mir wird heilig ums Herz und ich werfe mich auf meine Kniee und aus meiner Brust dringt eine mächtige Stimme über die Erde im Einklang mit den Weltenchören: „Heilig, Heilig, Heilig ist der HErr!“ – Wehmuthsvoll gedenkt er der Lieben, die unter dem Rasenhügel schlummern. „Ein Vater ruht mir im Grabe, der mich leben gelehrt hätte, eine Schwester, von welcher ich hätte im Leiden Geduld lernen können. Mit Schmerzen gedenke ich Deiner, Du trefflicher Mann! Du dientest der Vaterstadt, so lange Du konntest, und Dein Lohn war Dein Bewußtsein, Du nähmest für keines Deiner Aemter Geld und Gut. Streng und ernst waren Deine Ansichten vom Leben, und darnach lebtest Du als Mann unsträflich. Du warest Herr in Deinem Hause, und wir alle ehrten Dich ὡς θεόν. Noch erinnere ich mich Deiner, wenn Du alterthümlich, aber edel gekleidet einhergiengst, hochgewachsen, stark, ein Mann aus der Väter Zeit. Als Du am Sterben lagest, führte mich die Mutter hin zu Deinem Bette, und ich schwur in Deine erkaltende Hand Treue und festen Schritt Dir nach durchs Leben.“ – An der Stätte der Todten trat ihm auch der Gedanke an den eigenen Tod besonders nah, zumal ihn schon damals die Ahnung verfolgte, die ihn auch in seinem kräftigsten Mannesalter nicht verließ, daß ihm ein frühes Grab beschieden sei. „Wie schnell“ – schrieb er als 17jähriger Jüngling an seinen Freund – „ wie schnell und leicht eine Blume geknickt ist, weißt Du ja, und ich erst, der bei aller Anstrengung den Gedanken nicht wegbringt, der von seinen Lehrern darin bestärkt ist, es könnte wohl jetzt schon ein Wurm in meinen Beinen nagen, wie schnell bin ich vielleicht weg!“ „Könnte, es nicht einmal plötzlich Abend werden, daß ich mit dem letzten| Sonnenstrahle hinschwimme in das Land der Verheißung; ihr aber suchet und findet mich nicht. Ist doch mein Geist in diesem Körper eingeschlossen und schwimmt oft auf ihm wie der Rauch auf ausgeschüttetem heißen Wasser. Einmal, wenn diese schwanke Spiritusflamme aufgezuckt hat, weht mich ein Hauch hinweg, und diese Sonne scheint mir nicht mehr. Aber die ewige Wahrheit in diesem Glanze wird mich umweben, ich in ihr, sie in mir sein.“

 Es kann nicht Wunder nehmen, wenn in dieser sentimentalen Jugendperiode Löhe’s auch das Gefühl für Freundschaft und Liebe in ihm sich regte.

 Eine Weile glaubte er, in der Person eines um mehrere Jahre jüngeren Schulgenossen aus seiner Vaterstadt den Freund fürs Leben gefunden zu haben. Als er von dem Freunde bei dessen Abgang auf das Gymnasium zu A. sich trennen muß, ruft er ihm empfindsam genug nach: „Du aber, vergiß nicht, daß Deine Brust das einzige Herz birgt, an dem Wilhelm liegen kann. Wenn Du mir nicht bliebest, wär ich unter den Menschen verarmt und müßte mich aus Schillers Freudenkreise weinend stehlen. Aber Du lässest mich nicht, sondern unsere Hände sind ineinander gelegt, bis sie verwelken und auseinander fallen im Tode. Ja auch da noch wird das Gebein der welken Hände ineinander bleiben.“ Trotz dieser gewiß sehr überschwänglich klingenden Worte zweifelte Löhe doch schon damals, ob er je einen Freund finden werde, an den er sich ganz würde hingeben können. Er fürchtete, „daß er mit seinen Gefühlen, seinem Denken und Dichten allein stehen, und daß sein Geist kein Echo in einer fremden Brust finden werde“. Es offenbaret sich hier schon in der Jugend eine auch den Mann charakterisirende Eigenthümlichkeit. So viele Freunde Löhe hatte (und der obenerwähnte Jugendfreund zählte auch später zu diesen), für das eigentliche| Wesen der Freundschaft, jenes Sich-selbst-aufschließen, das Sich-ausleben in den andern und das Zurücknehmen des eigenen Ich aus dem Andern war seine geistige Natur nicht geschaffen. Die Hoheit seines Wesens hatte etwas Fernendes, welches auch denen, die mit ihm vertrauter waren, immer eine eigenthümliche Scheu und Zurückhaltung auferlegte. Das Gefühl der Verehrung ließ ihm gegenüber die Freiheit eines gewissermaßen auf gleichem Fuße sich bewegenden freundschaftlichen Verkehrs nicht aufkommen. In diesem Stück war die Eigenthümlichkeit seines Wesens schon bei dem Jüngling ziemlich bestimmt ausgeprägt.
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 Sein christlicher Standpunkt dagegen war damals, wie es kaum anders zu erwarten, ein noch ziemlich unreifer zu nennen. Ein Ingrediens seines Lebens war ihm das Christenthum und der Glaube an den gottmenschlichen Erlöser unbestritten schon in seinen Jünglingsjahren, aber mannigfach durchsäuert von der die Zeit noch beherrschenden rationalistischen Denkweise. „Wenn es in seiner Seele mystisch dämmert und er sich zu dem großen Gedanken: Gott und Unsterblichkeit erhebt – dann wird er voll des Geistes Gottes.“ „Wahrlich groß“ – sagt er ein ander Mal – „ist Seneca’s Tugendhafter, der ungebrochen von der Last des Kummers wie ein Fels im Meer ewig fest steht, ruhig sein Haupt zum Himmel hebt, unten aber es stürmen und toben lässet. Solche Tugend bet’ auch ich an und will sie durch mein ganzes Leben zu erkämpfen suchen.“ Noch charakteristischer ist eine andere Stelle: „Mein Gott, öffne mir oft Deinen Himmel, laß mich Dich finden in der Natur, auf der Erde und in den Sternenfeldern, im Menschen wie im Wurme, unterm ewigen Himmelsbogen wie im Tempel von Menschenhand gebaut. Und willst Du, mein Gott, noch mehr thun, ach ich flehe darum, so laß mich frei in den Feldern des Wissens mich bewegen, meinen Glauben auf Verstand und Ueberzeugung gründen| und so befriedigt über Erde und Himmel mich sterben. Wer will mich verachten, wenn ich so bin; wer getrauet, mich ins Angesicht zu schelten, wenn ich solche Tugend im Busen trage?“

 Dergleichen Stellen finden sich manche in dem Tagebuch des Gymnasiasten. Auch der „selige Herakles aller Tugend Muster und Vorbild“, wird zur Abwechslung einmal apostrophiert und zwischen ihm und Johannes dem Täufer ein Vergleich gezogen.

 Dann begegnet aber auch wieder Lob und Preis des Erlösers, „dessen göttlich Bild an jedem Morgen mit der flammenden Sonne vor ihm heraufschwebt, dessen Milde im Abendroth seinem Blicke so rein und hehr schimmert“. Das Herz will ihm zerspringen vor Jammer, wenn er an des Erlösers heilige Sternennächte denkt, da er für die Menschenkinder Angsttropfen schwitzte. „O Du“, ruft er aus, „in dessen Händen ist niedergelegt alle Macht im Himmel und auf Erden, der Du sprichst: Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid etc., ich will ja kommen, zu Deinen Füßen Weisheit hören. Stärke mich, Mächtiger, lehre mich, großer Meister, mache meine Seele stille, Tröster – meine Burg, mein Fels, mein Hort!“

 Indessen, trotz dieser Unreife seines religiösen Standpunktes war die Wahl eines Lebensberufes für ihn damals bereits eine entschiedene Sache. Die Neigung zum geistlichen Beruf war frühzeitig in ihm hervorgetreten. Die Mutter wünschte gleichfalls, daß ihr Sohn diese Laufbahn ergreife, und der Sohn freute sich schon auf der Schule, dereinst diesen Lieblingswunsch seiner Mutter erfüllen zu können. „Ich will meiner Mutter“, so schrieb er als Gymnasiast, „die Freude machen, so viel als möglich einen vollkommenen Pfarrer an mir zu sehen, da sie diesen Stand so sehr vorzieht.“ In einer heiligen Stunde hat er ihr verheißen, sie werde aus seinen Händen ihr letztes Abendmahl empfangen,| unter seinem Gebete entschlafen, und seine Hände würden ihr die Augen zudrücken. Gott hat ihm auch wirklich verliehen, seiner Mutter dies kindliche Versprechen zu halten. „Du weißt“, schreibt er schon damals an seinen Freund bei dessen Abgang nach A., „Du weißt, daß ich würdig zu werden wünsche des Wortes Jesu: ,Hast Du mich lieb? So weide meine Lämmer!‘ Hab ich nicht, sobald mein Auge Buchstaben unterscheiden, mein Mund sie lallen konnte, hab ich nicht Kirche gehalten im engen Hofraum schon im fünften Jahre? Hat mich nicht das Heilige, als ich noch Knabe war, hingerissen bis zum weinenden Entzücken? Das Leben ist mir eine Vorbereitung zum Pfarrerleben gewesen und ist es bis jetzt noch. Wer wirket ruhiger, wer leidet stiller, wer stirbt seliger als ein Pfarrer? Unten sitzen die Hörer, harren auf den Strom lebendiger Rede, warten auf das Heil, das ich verkündigen werde. Und ich vernehme ein Brausen vom Aufgang her, flammende Winde wehen, eindringt in den gottgeweihten Busen Er, der alle Welten erfüllet. G., hast Du nicht gemerkt, wie heute so reiner Freude voll der Pfarrer die Kanzel verlassen? ,Die Wolken werden zertheilet vom Gebet des Gerechten und es dringet vor den Thron des HErrn.‘ So sprach er. Wenn ich einst, kein Miethling, beten werde unter den Meinen, wie werd’ ich froh und selig sein! – Bald hallen die Glocken; voll wonnigen Entzückens, der Gnade Gottes gewiß, kommen die Bußfertigen, und ich darf ihnen Vergebung sprechen im Namen Gottes und sie trösten mit dem blutigen Kreuzestode. Und am andern Morgen schmückt der Altar sich mit Kerzen. Wein und Brod wartet. Langsam segnend verkündige ich die Gegenwart des HErrn, es kommt die fromme Schaar, entzückt fallen sie auf ihre Kniee und sprechen: Mein HErr und mein Gott. Laß mich, G., laß mich beten zu meinem HErrn und Gott, daß er mir solchen Segen geben wolle und mich dann| wegrücken von dieser Seligkeit in die ewigen, heiligen Tempelhallen.“

 Wie Löhe später die hier geschilderte Zeit seines Gymnasiastenlebens mit seinen Ansichten und Bestrebungen beurtheilte, zeigt die Selbstkritik, die er nach einigen Jahren hinter das letzte Blatt seines Gymnasiastentagebuchs geschrieben hat, und die hier zum Schluß mitgetheilt werden mag.

 „Da vorn stehen meine Jugendsünden. Welch ein Phantast war ich, und wie verhehlte ich meine Sünde, in welcher ich doch lebte. Aber der HErr hat mich auch damals nicht fahren lassen! O HErr, HErr, barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte, wie dank ich Dir!“

 Als Nachtrag lassen wir hier noch einige Anekdoten aus der Jugendzeit Löhe’s folgen, welche uns auf unsere Bitten von dem Bruder des Seligen freundlichst mitgetheilt worden sind.

 Wie Löhe noch in seinem Alter ein fröhliches Temperament hatte, so hatte er es schon als Knabe. Er schloß sich nicht von den Kameraden ab. War es Abend oder Sonntag und die Schulaufgaben fertig, so war er bei den Kameraden der Nachbarschaft, Verwandtschaft und der Schule; viel mehr stellten sich diese bei ihm ein. Der Sonntag Nachmittag wurde im Sommer zu Ausflügen, im Winter zu chemischen Experimenten und andern Unterhaltungen verwendet. Da giengs nicht selten toll genug her. Ein Lieblingsort war z. B. das 3/4 Stunde entfernte Schloßgut B. Wenn man des Sonntags dahin gehen wollte, so ward gewöhnlich Tags zuvor die Ordre von Löhe dazu gegeben. „Bringt eure Parasols mit“, commandierte er. So hießen dazumal die Regenschirme, die aber auch eine ganz andere Constitution als die jetzigen Regenschirme hatten. Ein dicker, fester, eichener Stock mit einem Griff fast wie ein Flintenkolben war mit einem breiten, über Weinreben gespannten, weißleinenen Dach| überwölbt, darunter zur Noth eine kleine Familie Schutz fand. Ein jeder mit einem solchen Parasol versehen, versammelten sich die sämmtlichen Kameraden Sonntags Nachmittag zwischen 2 und 3 Uhr in oder vor dem Hause. Ob es regnete oder nicht, ob die Sonne schien oder nicht, das war eins. Die ganze Rotte marschierte mit den aufgespannten Parasols über den Markt durch die Stadt hinaus bis nach B. Im Schlosse war eine bekannte alte Bauernfrau; diese mußte, so weit das wenige Geld reichte, Milch hergeben, die sammt dem mitgenommenen Brod verzehrt wurde. Im schönen Hof und den damaligen Hallen unter der Schloßmauer wurden die gewöhnlichen Spiele getrieben bis zur Zeit, da man wieder unter den offnen Parasols heimtrabte.

 Löhe machte sich auch gar nichts daraus, seine ganze Compagnie mit dem ernstesten Gesichte zum Besten zu haben. An einem Sonnabend sagte er: „Morgen früh gehn wir in die Kirche nach P., da geht der Pfarrer nicht mehr auf der Stiege auf die Kanzel, sondern die Chorschüler ziehen ihn in einem Korbe hinauf.“ Man gieng nach P., und noch unterwegs konnte Löhe von dem zu erwartenden Schauspiel reden, obgleich trotz aller Neugierde seine Versicherung bei den Knaben doch auf ziemlichen Unglauben stieß. Als sie sich getäuscht sahen, machten sie Löhe Vorwürfe; doch dieser war nicht verlegen. „Wenns heut nicht ist“, sagte er, „wirds vielleicht über acht Tage sein.“

 Als Löhe auf das Gymnasium kam, äußerte sich seine Munterkeit auf andre Weise. Seine bisherigen Kameraden zerstreuten sich je nach den von ihnen erwählten Berufsarten. Eine Zeit lang war er allein, bis sich ein Fürther Freund fand, der auch aufs Gymnasium gieng; diesem schloß sich bald noch einer an und endlich sind ihrer sieben geworden, lauter Fürther Gymnasiasten.

|  Sie giengen bei Löhe in seiner Wohnung ab und zu. Die Woche vergieng still und ernst. Aber der Freitag Abend war der Vorabend, an dem sich die Fürther Gymnasiasten bereits auf den folgenden Tag freuten, da sie wieder nach Fürth kämen. Ein Handlungslehrling war unter ihnen, der im letzten Jahre, da Löhe auf dem Gymnasium war, auch Theil an diesen Unterhaltungen nahm, weil er bei Löhe auf der Stube war. Zwischen 5 und 6 Uhr kamen sie, setzten sich um den Ofen und plauderten über die Professoren und sonstigen Dinge, woran die Gymnasiasten Interesse haben; zuweilen verstiegen sie sich in höhere Dinge, sprachen über Kindererziehung und dergleichen. Dies gefiel dem Handlungslehrling nicht und er dachte sich seinen Theil dabei. Wenn aber Löhe sagte: „Wir wollen doch auch einmal wieder ein Concert aufführen“, da ward auch er vergnügt und übernahm auch seine Rolle, denn er wußte, daß sein Talent in diesem Fache dem der andern nicht nachstand. Es handelte sich auch gar nicht einmal um die Aufführung irgend einer künstlichen Composition, sondern nur um die Hervorbringung solcher Töne aus zwei Geigen, zwei Flöten, einem Piccolo und einem alten Clavier, die die Nerven so viel als möglich stärkten. Es wurde gegeigt, geblasen, gepfiffen und geklopft (Löhe tractierte gewöhnlich die Geige) so herrlich, daß es nicht lange auszuhalten war. Es wurde bald Stille geboten, und den Schluß machte in der Regel eine Arie aus einer damals beliebten Oper, die der Sänger so reizend vortrug, daß er davon nicht weniger entzückt war als sein Auditorium, wie er denn auch in den lebhaften Applaus desselben mit einstimmte, der sich nicht eher legte, als bis er auf dem Tische stand und seinen tiefsten Dank für die Anerkennung seiner Talente aussprach. Das war der Schluß. Die Gäste giengen hierauf fort. Darauf kam das Abendessen, bei dem Löhe mit seinem Stubengenossen| sich noch in der vergnügten Stimmung von vorher unterhielt. Darnach setzte sich jeder an seine Lampe, und kein Wort wurde mehr gesprochen. Der Kaufmannslehrling wählte seinen Platz am Ofen. Bis 10 Uhr lernte auch er emsig. Allein von da an verfiel er vor Müdigkeit und Abspannung in Schlaf, bis ihn um 11 Uhr der Commandoruf wieder aufweckte, der ihm noch heute in den Ohren klingt. Von 11–12 Uhr hatte der arme Bursche noch das Glück, eine italienische Stunde bei Löhe aushalten zu dürfen, nachdem er den ganzen Tag bei damaliger großer Kälte zusammengefroren und von der schweren Arbeit recht müde war. Um Mitternacht war Feierabend. Sonnabends giengen die sämmtlichen Fürther Gymnasiasten nach Fürth. Löhe vergnügte sich da im Winter innerhalb seiner Familie. Am Samstag Abend besuchte er so ziemlich regelmäßig das Theater. Aber des Sonntags versäumte er auch nie die Kirche. Des Nachmittags versammelten sich die Schwestern und die Schwäger um die Mutter, und der Abend und mit ihm die Zeit der Rückkehr kam nur zu schnell herbei. Sämmtliche Freunde verschoben den Abgang so lange, daß sie in Nürnberg nicht eher ankamen als zur Zeit des Schlafengehens. Im Sommer vergnügte sich Löhe des Samstags Nachmittags mit Reiten. Er ritt sehr gut[10], und es wäre für seine| Gesundheit sehr zweckdienlich gewesen, wenn er als Pfarrer noch geritten hätte, wie der obige Lehrling ihm oft zuredete.
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 Im Herbst 1826 machte Löhe seine erste weitere Fußreise nach Frankfurt a. M. und wanderte vierzehn Tage umher. (Von dieser Reise ist uns sein Tagebuch noch erhalten. Aus demselben sehen wir, daß seine Wallfahrt nach Frankfurt dem Dichter Goethe galt, den er jedoch daselbst nicht traf. Er setzte seine Reise fort bis Mainz. Dort „in dieser jedem wackern Germanen heiligen Gegend“, sagt er, „ist Deutschlands Pracht. Es ist ganz recht, daß man von hier den deutschen Völkern die Lärmtrompete blase. Hier im Angesicht des Vaters Rhein blühet auch ein welkes, mattes Herz wieder auf. O Tacitus, daß ich deine ernste Stimme, deine ehrwürdigen Rollen nicht bei mir habe, daß ich deine Germania auf des Römers Drusus Grabe, an der Wasserleitung des Römervolks mit schwellendem Herzen läse.“ Diese Reise machte Löhe ganz allein. Doch tadelt er in einem scherzhaften Brief seinen Freund Ritter, daß er ihn so allein in der Welt umher ziehen lasse. Er hätte gern mit einem Freund alle Herrlichkeiten der Reise genossen, denn mit Recht nenne Jean Paul es einen Theil der Freundschaft, „nicht allein auf den leuchtenden Alpen zu stehen“. Bereichert mit einer Menge neuer Eindrücke kehrte er von seiner Reise wieder in die Heimath zurück.) Bald nach Löhe’s Rückkehr von dieser Reise wurde noch ein Ausflug von einer Partie der Freunde beschlossen. Gegen Ende des Octobers 1826 gieng man nämlich an einem Sonnabend nach Pommersfelden. Weil der Lehrling auch dabei sein sollte und wollte und derselbe nicht eher Feierabend erhielt, so konnte man die Reise erst 31/2 Uhr Nachmittags antreten. Das machte jedoch nichts, so wenig als daß es schon anfieng zu regnen; es sollten ja nur 6–7 Stunden nach Pommersfelden sein. Die sechs Wanderer giengen fröhlich| ihres Wegs. Nach zwei Stunden konnte der Regen nicht weiter eindringen, denn er gieng bereits bis auf die Haut. Im Dechsendorfer Wald, wo es bereits finster geworden, mußte einer hinter dem andern gehn, und da Löhe versicherte, daß er den Weg genau wüßte, so war man in diesem Punkte auch ganz sicher. Der Längste gieng mit seinem Ziegenhayner voran. Nachdem man etwa eine Stunde weiter gegangen, meinte Löhe, jetzt sollte man doch aus dem Walde sein, man müßte doch vom Wege abgekommen sein. Der Lange (der nachmalige Dr. S.) führte die Jungen weiter, bis er schrie „halt“. Bis aber alle halten wollten, standen alle sechs bereits bei ihm im Sumpf bis an die Waden. Man wollte wieder zurück, aber es war, als ob hinter uns und vor uns alles wie zu Sumpf geworden wäre. In der stockfinstern Nacht, bei dem strömenden Regen sah keiner den andern; es war, als ob die Irrlichter, die um uns flackerten, ihr böses Spiel mit uns trieben. Wir wateten lange hin und her, endlich schrie der Lange wieder: „Halt, ein Bach.“ Ueber den sprangen wir alle, dann waren wir doch aus dem Sumpf. Bald winkte uns ein Licht, und auf dieses gieng es nun zu über Hecken und Stauden, und nach einer Viertelstunde waren wir im Dechsendorfer Wirthshaus. Da wurden aber die durchnäßten und von Schmutz bedeckten jungen Leute nicht sehr freundlich aufgenommen. Die Gäste und Wirthsleute sahen sie gar verdächtig an. Nicht nur durchnäßt, sondern auch hungrig wie die Wölfe baten wir vor allem um etwas zu essen. Allein die Wirthin wollte nichts haben, bis sie gestand, daß sie nicht glaube, daß wir etwas zahlen könnten. Da bezahlten wir denn sogleich und bekamen dann gebackene Fische, so viel wir wollten. Gerade so gieng es, als man einen Wagen zum Weiterfahren wollte. Als man erklärte, auch diesen voraus zu bezahlen, kam ein Wagen angefahren, und die nassen jungen| Herren setzten sich etwa um 10 Uhr auf den Leiterwagen, um sich bei immer strömendem Regen den schlechtesten Weg in stockfinstrer Nacht in der Welt herumfahren zu lassen. Nach etlichen Stunden weckte man in jedem Dorfe mit der Frage, ob das Pommersfelden sei. Da hieß es immer: es sind noch drei Stunden bis dahin. Einer der Freunde, der gute M., der seinen Sitz neben dem Lehrling (seinem guten Freunde bis zu seinem Tode) nahm, klagte, daß er nimmer auf dem Wagen sitzen könne, seine Beine thäten ihm gar zu weh. Er hatte weiße Beinkleider an, die bereits von Nässe und Schmutz ihre Farbe verloren hatten. In seinem Jammer legte er seine Beine über die Wagenleiter in der Nähe der vorderen Räder, die allen Koth auf seine Beine spritzten. Endlich erreichte man Pommersfelden, es mag zwischen 3 und 4 Uhr Nachts gewesen sein. Wir wurden hier freundlicher aufgenommen. Der Wirth nahm unsre nassen Kleider, so weit wir sie entbehren konnten, zum Trocknen, wir bekamen noch eine warme Suppe und legten uns mit unsern nassen Hemden ins Bett. Am Morgen zogen wir unsre nicht halb getrockneten Kleider wieder an. Die Stiefel wußte man nicht an die Füße zu bringen. Am schlimmsten gieng es dem guten M. Der konnte weder Hosen noch Stiefel anziehen, die ersteren waren zu naß und schmutzig, die letzteren zerrissen, daß sie erst geflickt werden mußten. Der Wirth gab ihm ein paar weiße leinene, rothgestreifte Hosen, die giengen ihm bis etwas über die Waden, und dazu noch ein Paar Bauernstiefel. So waren wir wieder im Stande, uns zwar nicht sehen zu lassen, doch aber selbst etwas zu sehen. Dem Kaufmannslehrling war von allen Sälen des Schlosses der liebste Saal der letzte. Dieser enthielt keine Bilder, sondern Wände, Boden und Decke waren Ein Spiegel. Da sahen wir nichts als unsre herrlichen Gestalten in unzählbaren Auflagen aufs allergetreuste. Der Komischste| war aber immer der gute M. Man konnte sich an diesem Kunstexemplar nicht genug sehen und lachen. Nur gar zu schnell kam der Mittag, und man mußte wieder an den Aufbruch denken, denn der Lehrling mußte ja den andern Morgen wieder auf seinem Posten sein. Nach dem Mittagsessen marschierten wir fort, liefen bei schönem Herbstwetter von 1/21 Uhr bis Abends circa 9 Uhr bis Eltersdorf, wo wir nur geschwind uns etwas Essen richten ließen, und die Fürther Glocke schlug gerade 12 Uhr, als wir einmarschierten. Das war eine Tour, die oft Gegenstand unsrer Unterhaltung Zeit unsres Lebens war. Weil Löhe dabei der Anführer und die Seele war, war diese Tour für uns alle, die wir noch mehr Reisen im Leben zu machen hatten, doch eine von den interessantesten. –

 Diesen Erinnerungen aus Löhe’s Jugendzeit, die wir der Hand seines Bruders verdanken, fügen wir noch einige andere zum Theil auch für seine spätere Entwicklung charakteristische Züge bei. So hatte Löhe z. B. es sich zum Gesetz gemacht, auf Grund von 2. Joh. V. 10. keinen zu grüßen, den er als Ungläubigen kannte. Er trieb es in der Consequenz hierin bis zu dem Grad von Unhöflichkeit, daß er an angesehenen Männern, die ihn so gut kannten als er sie, unentblößten Hauptes und ohne Gruß vorüber gieng.

 Eine weitere Absonderlichkeit war es, daß er in asketischem Gegensatz gegen die weltliche Mode längere Zeit durchaus keine passend und anschließend gemachten, sondern nur mehr oder weniger schlotterig sitzende Kleider am Leibe duldete, was ihm gewiß bei seinem ausgeprägten Schönheitssinn keine geringe Ueberwindung kostete.

 Eine andere Eigenthümlichkeit von ihm war es ferner, daß er es nicht über sich gewinnen konnte, die vortheilhaften Censuren oder Preise, die er von der Schule mit nach Hause brachte,| vor seiner Mutter zu producieren. Oft erst, wenn er wieder von den Ferien auf das Gymnasium zurück gegangen war, fand man in irgend einem Winkel seine Preisbücher.

 Der hohe Wohlthätigkeitssinn, dem später die Kirche und die leidende Menschheit seine gesegnetsten Schöpfungen verdankte, zeichnete ihn schon in seiner Jugend aus. Wie einer seiner Jugendgenossen erzählt, brachte er seine Mutter oft in nicht geringe Verlegenheit, indem er allzu freigebig seine Wäsche und Kleider an die Armen verschenkte. So machte er auch einmal zu nicht geringem Entsetzen seiner Mutter sein ganzes Weihnachtsgebäck Armen zum Geschenk. Aehnlicher Züge aus seiner Jugend mehr anzuführen wäre nicht schwer, es mag aber an den mitgetheilten sein Genügen haben.





  1. Mühlhausen, 4. December 1752.

     An
     den Ehr- und Kunstliebenden
     Drechslergesellen
     Adam Cristoph Walthelm
     Fürth.
     Weil dies schon das andere mal, daß Du mich um Deine Veränderung begrüßest, und das erste mal Dich als ein gehorsames Kind gegen Deine Eltern bezeiget und unserm Rath gefolget von Jugend auf, so bin ich für dieses mal nicht willens Dich von Deinem Vorhaben abzuhalten, wie wohl ich Dich ungern so weit von mir entfernt wissen soll; ja liebes Kind es kränket mich in der Seele, daß ich Dich nicht um mich haben kann, Dein Schwager und Schwester möchten gleichfalls das Herz im Leibe brechen, denn es ist Dir zur Genüge bekannt, daß sie alle ihre größte Freude an Dir gehabt, und ich auch jederzeit all mein Hoffnung auf Dich, mein liebes Kind, als eine Stütze in meinen alten Tagen gehabt, doch weil es nun so sein soll, und Dein Wille in Gottes Wille gestellet ist, und ich auch nicht zweifele, daß Du ohne Gott etwas anfangen werdest, und es also der göttlichen Providens gefallen, Dir in Fürth Dein Stück Brod zu geben, und Du von Gott dem Herrn dahin berufen bist, und auch ein recht liebreiches Herz gegen Deine Liebste und dero werthe Eltern hast, so wünsche ich Dir hiezu viel Glück, und denjenigen Segen, so Gott der Herr im vierten Gebot allen gehorsamen Kindern verheißen hat, weil Du Dich allezeit als ein gehorsames Kind aufgeführet hast, und sofern Dein mit Gott angefangenes Vorhaben sollte für sich gehen, so hast Du in Gottes Namen von uns allen ins gesammt das Ja hiezu und wünschen, daß Dich Gott in Zeit und [6] Ewigkeit segnen wolle, und Dein Herz und Sinn lenken und regieren wolle, daß Du Deiner Liebsten und dero werthe Eltern alle Zeit mit Gehorsam, Lieb und Freundlichkeit entgegen gehest.

    Deine getreue Mutter 
    Anna Catharina Valtheim. 
  2. Wir theilen den Brief, den er nach Empfang der Todesnachricht schrieb, hier mit:
     Beste Mutter!
     Freude mehr, als Schmerz war die Empfindung beim Empfang Ihres Briefes, und eine Thräne derselben Empfindung lief über mein schreckenanzeigendes Gesicht, und warum denn sollte ich trauern? Ihr ist wohl, und sie als eine Todte, die in dem Herren starb, ist selig. Ruhe denn auch sanft in der Erde kühlem Sande, ruhe sanft, und ruhe von den Leiden und Mühen Deines so kurzen Lebens. Dein Glaube hier Dein Lohn, dort das Schauen und freudig entzückende Anbetung des Lenkers der Schicksale. Du stehst am Throne, herbeigeführt durch seine heiligen Boten. Er, der Göttliche, hat Deine Fackel niedergetaucht und zündet eine schönere an.
     Loben und preisen Sie ihn, der es that. Zagen und trauern Sie nicht, denn ein Menschenleben, was ist es? wie bald ist’s verronnen. Sie ist vielleicht jetzt in der Umarmung ihres treuen Vaters und ihrer lieben Geschwister; auch wir, ja auch wir werden bald in ihrer Umarmung sein. –
     Ich lächelte, als ich ihn erhielt, den Brief, und „Was Gott thut, das ist wohlgethan!“ die Ursache; denken Sie mit mir auf gleiche Weise.
     Gibt es Ahnungen, ach dann fühlte ich ihre Sterbestunde.
     Nicht kann ich dem Grabe nahen, welches sie, die Verstorbene, umfassen soll, nein, denken will ich, ich stünde dort. Sie werden mir das selbst nicht zumuthen; ich kann nicht! Es wird wohl morgen die Leiche sein, und da werde ich vielleicht heute Abend kommen.
     Nochmal, o zwingen Sie mich nicht mit der Leiche zu gehen.

    Selig sind des Himmels Erben,
    Die Todten, die im Herren sterben
    Zur Auferstehung eingeweiht!
    Nach den letzten Augenblicken
    Des Todesschlummers folgt Entzücken,
    Folgt Wonne der Unsterblichkeit!
    O sie ruht im Frieden
    Los von der Erde Müh
    Hosianna!
    Vor Gottes Thron, zu seinem Sohn,
    Begleitet ihre Tugend sie.

     Wir werden sie Wiedersehen, und Freude, unendliche Freude wird dann sein. Leben Sie wohl, bis ich komme. Ihr Sohn
     Nürnberg, 6. August 1821. Wilhelm.

  3. Wir hatten alle Gabe zu lesen, zu „declamieren“. Denn damals „declamierten“ die Kinder in den Schulprüfungen viel. Meine Schwestern fielen durch diese Gabe auf, und auch ich hatte manchen Beifall, als ich im Jahre nach meines Vaters Heimgang auf dem Altar der St. Michaelskirche den „Jüngling zu Nain“ declamierte. Ein paar Jahre darauf starb der Decan Dr. Pabst, der meinem Vater die Leichenpredigt gehalten hatte und meiner Familie und mir viel Liebe erwies. Ich redete an seinem Grabe ein „Redchen“, das ich mit Hilfe meiner Schwester Babette zusammen gestoppelt hatte. Als ich fertig war, sprang ich davon, um den Leichenzug heimgehen zu sehen. Ich stand auf einem Haufen Schutt. Da trat mein Lehrer, der Rector der lateinischen Schule, Küchle, heraus, hob mich vom Haufen und küßte mich öffentlich ob der gelungenen Leistung. Gewiß wurde die Neigung meiner Mutter, mich dem Altar zu widmen, hiedurch bestärkt. – Ich möchte freilich meinen Kindern, auch wenn sich Gabe zeigte, keinen Anlaß zu so frühem Reden geben. Mir wurde der Hochmuth gelegt, wenn er sich etwa geregt haben sollte, was ich nicht weiß. Meine Stimme mutierte so langsam, daß meine Lehrer auf dem Gymnasium mich deshalb selten reden ließen. Die Hoffnung aufs Pfarrerwerden wurde zwar in mir keinen Augenblick erschüttert, wohl aber verloren sie andere in meinem Namen, und ein Leid war mirs doch.
  4. Wie dieser ihn beurtheilte, geht aus dem Zeugnis hervor, das er ihm beim Abgang von der Fürther Lateinschule gab und das wir hier mittheilen.
     „Erst seit einem Jahr Schüler dieser Classe und vom Monat Juni an gerechnet, ein Glied der obern Abtheilung derselben – strebte er mit ausgezeichnetem Fleiße, im Schmucke reiner jugendlicher Sittlichkeit, das Talent zu benützen, welches ihm die Vorsicht verliehen hat; wovon nicht allein seine Zeichen- und Wiederholungshefte, sondern auch und insbesondere die von ihm bereits ergriffenen und in sich wohl verwahrten Vorkenntnisse zu künftigen höhern Wissenschaften (denen er sich zu widmen gedenkt) gar artige Beweise liefern. Da ist durchs ganze Jahr auch nicht Eine Absenten-Note aufzustechen, obgleich die etwas zärtliche Gesundheit mehr als einmal wanken wollte; und ebensowenig irgend eine Vormerkung gegen Fleiß und Sittlichkeit und – gleichwohl ein nicht ganz unwichtiges Notenpaar, das ihm sein Claßlehrer, aus Liebe und Pflicht, hiermit recht nahe ans Herz gelegt wissen möchte: a) Er suche von jener hergebrachten Aengstlichkeit in Vorträgen und zu ertheilenden Antworten je mehr und mehr sich zu entfesseln. Es läßt so sclavensinnig, und Sclavensinn ist der Musenfeind; wo jener sich einmal eingenistet hat, da suchen diese vergebens eine Freistätte, b) Zerstreue er seine, noch keineswegs erstarkte Geisteskraft nur sehr behutsam auf andere, außer dem öffentlichen Lehrplan gelegene Gegenstände, weil sonst nur allzuleicht, bei einer überspannten Anstrengung – um beide Zwecke zugleich zu erreichen – der fernere frohe Wachsthum seiner physischen und geistigen Kräfte gefährdet werden könnte. Was endlich die Fortgangsnummern anbetrifft, welche er sich in dem obenbezeichneten Zeitraum erworben hat, so sind solche a) im [25] Singen unter 20 Schülern die 7.; b) im allgemeinen Fortgange unter 9 Schülern seiner Abtheilung die 3.; c) im Französischen unter 13 Schülern derselben Abtheilung – desgleichen, d) im Zeichnen, sowie e) im Schönschreiben unter 22 die erste.
     Fürth, den 23. September 1820.
    Königl. baier. Subrectorat. 
    Küchle.“ 
  5.  Wir theilen ihn hier mit.
    An meinen Sohn Wilhelm, am 10. Juni 1821, 
    als am Tage seiner ersten Abendmahlsfeier. 

     Wie freue ich mich, lieber Wilhelm, Dich herangereift zu sehen, so herangereift, daß Du bei dem Liebesmahl Deines Erlösers erscheinen kannst. Gott gebe, daß Du als würdiger Gast erfunden werden mögest. Er der Ewige lasse Dich an seiner Gnade Theil nehmen und vergebe Dir alle Deine Sünden. – Er lasse Dich in seiner beseligenden Religion, die Du hier an seinem Tische bekennst, alle die Tröstungen, Hoffnungen und Seligkeiten finden, die der Glaube an Gott und an seinen Sohn Jesum Christum gewährt. O wähle Ihn, das erhabene Muster jeder Tugend, zu Deinem Vorbilde, besonders in Deinen Jünglingsjahren, wo so viele Gefahren Deiner Tugend drohen. O in jeder Lage des Lebens lasse Gottes Wort Deines Fußes Leuchte sein und ein Licht auf allen Deinen Wegen. Fürchte Gott und halte seine Gebote, denn das gehört allen Menschen zu. Kein Spott, keine Beschwerde, kein Leid und keine Freude müssen Dich von Gottes Wegen abbringen, wenn’s noch so stürmt und tobt, so müssest Du nie den rechten Pfad verlieren und Dich fest an Gott halten und seine Wege verehren. Wenn Du das thust, dann wird Gottes Segen und der Segen Deines uns in die Ewigkeit vorangegangenen Vaters, und endlich auch mein Segen Dich begleiten auf allen Deinen Wegen, und Gott wird Dich stark machen, die Gefahren der Jugendjahre glücklich zu überwinden, damit einst am Abend Deines Lebens Dich nicht zu späte Reue quäle, daß Du dann nicht sagen müssest: ,Ich Thor, ich habe des rechten Weges verfehlt!‘ Nein, das wirst Du nicht thun, ich hoffe es gewiß, Dich einst froh und glücklich zu wissen, und das kann nur der sein, der den rechten Weg geht, nur dem kann Gott seinen Frieden und Segen schenken, und Du wirst ganz gewiß glücklich sein in Zeit und Ewigkeit. Aber auch das Gebet vergiß nicht, denn es ist wahre Glückseligkeit, wenn das Herz gedrückt oder erfreut ist, nur jemand zu haben, dem man sein Leid oder seine Freude sagen und dem Ewigen den Dank bringen kann, und wo geschieht denn das besser als in der Stunde der Andacht oder des Gebetes.
     So nahe Dich denn zu Jesu, des göttlichen, Altäre hin, und finde ganz den Frieden und Seelenruhe, welche er würdigen Gästen bei seinem [31] Liebesmahle verheißen hat. Weihe Dich durch dasselbe zu Deinem wichtigen Berufe, und fasse die frommen besten Vorsätze für Dein ganzes Leben. Danke dem Heiland für den dornenvollen Pfad, den er auch Dir zum Besten gegangen ist, und bleibe stets seiner Liebe eingedenk und seines herrlichen edlen Lebens, welches er Dir zum Beispiel hinterlassen hat, und folge ihm durch Dein ganzes Leben nach.
     Amen, das gebe Gott, und niemand wird sich mehr freuen als

    Deine Mutter 
    Maria Barbara Löhe. 

    Dich segne heut sein Abendmahl
    Mit neuer Kraft und Stärke!
    Fromm sei Dein Herz, und groß die Zahl
    In Gott vollbrachter Werke!
    Bricht einst die Nacht der Leiden ein,
    So tröste Dich in Schmerz und Pein
    Mit dem, der auch gelitten.
    Im Tode stärk Dich dieses Pfand,
    Ihn selbst siehst Du im Vaterland,
    Wenn Du hast ausgestritten.

  6.  Diese Befürchtung sprach Rector Roth in dem Zeugnis aus, welches er Löhe beim Abgang vom Gymnasium ertheilte. Es sei hier mitgetheilt.
     „Ist ein Jüngling von großer Ausdauer in allen Arbeiten und von einem durchaus redlichen und festen Willen für das Gute beseelt. Hiedurch hat er seine vielen Fähigkeiten vorzüglich ausgebildet, und in allen Lehrfächern einen trefflichen Erfolg errungen, mit Ausnahme der Mathematik, in welcher sein Fortgang nur das Prädicat „gut“ erhalten hat. Er verläßt die Anstalt [37] mit dem Lobe eines durchaus tadellosen und musterhaften Schülers und scheint nur daran erinnert werden zu müssen, daß er nicht durch allzu strenge Zurückgezogenheit sich übereile, ein Stubengelehrter im engsten Verstande zu werden.“
     Nürnberg, den 6. September 1826.
    Kgl. Studienrectorat 
    L. S. Roth, Rector. 
  7. In dem curriculum vitae, das er bei der theologischen Aufnahmsprüfung dem Consistorium einsandte, äußerte er sich über Roth folgendermaßen: „Ihm war das Lernen nicht das Höchste, sondern er wollte lehrend seine Schüler erziehen. Er gab, so weit er reichen konnte, auf alles Acht, was ich that und störte mit einer heilsamen Zucht meine sichere Seele. Er ist für mich Johannes der Täufer geworden, die Stimme in der Wüste: ,Bereitet dem HErrn den Weg‘. Und wenn ich öfter und deutlicher aus seinem Munde auch das andere Zeugnis Johannis vernommen hätte: ,Siehe das ist Gottes Lamm‘, wer weiß, ob nicht schon damals mein Herz seinem Heiland entgegen gegangen wäre und bei ihm die gesuchte Ruhe gefunden hätte. Was ich diesem meinem Lehrer danke, möchte ich gerne weiter erzählen. Es kann aber freilich hier nicht sein.“
  8. Zu deutsch: Ich glaube, daß Du nicht allein den rechten Weg des Lernens sondern auch des Lebens gefunden hast.
  9. Die Liebe zur einsamen Stille des Friedhofs und die Pietät des Andenkens an die Verstorbenen blieb in Löhe’s Wesen ein mächtig hervortretender Zug lebenslang. „Ich bin so sabbathlich gestimmt“, sagte er später, „Psalter und Harfe dringt mir so kräftig ans Ohr, wenn ich im Glockenklang, mit Auferstehungsgesang durch die stillen Thore des Friedhofs gehe.“ Es war ihm schmerzlich zu sehen, wie schnell Todte vergessen zu werden pflegen und wie oft schneller über ihrem Andenken als über ihrem Hügel das Gras wächst. Er wünschte eine „protestantisch-liturgische Ausbildung des Allerseelentages, an der unsere Kirche ihre unleugbare Sehnsucht nach dem Memento mortuorum tadellos füllen könnte.“ Dieser Sehnsucht verdankt auch jene herrliche Stelle, die er in das allgemeine sonntägliche Kirchengebet eingeschaltet hat („Endlich um alles, darum Du, ewiger Gott, gebeten sein willst“ etc.) ihren Ursprung. Wie er selbst das Gedächtnis seiner Todten ehrte, davon später.
  10. Dies bezeugt auch einer der wenigen noch lebenden Jugendfreunde Löhe’s, Pfarrer R. in E., dem Löhe selbst im Stadlinger Wald Unterricht im regelrechten Reiten gab. Diejenigen, die Löhe nur in späteren Jahren kannten, können sich kaum denken, daß er in seiner Jugend ein eifriger Freund dieser männlichen Uebung war. Daß er in seiner Jugend auch Musik trieb (er spielte Violine) und mit seinem Freunde, dem ebengenannten Pfarrer R., seinen Kameraden gar manches Duett zum Besten gab, klingt denen, die ihn oft über seinen Mangel an musikalischer Begabung klagen hörten, gleichfalls fast wie eine Fabel. Allerdings hat Löhe seine musikalischen Bemühungen frühzeitig eingestellt, da er von denselben keinen sonderlichen Erfolg sah.


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