Meine Seele erhebet den Herrn/II. Frühling im Mutterhaus

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II. Frühlingszeit im Mutterhaus


Aus der Chronik des Mutterhauses


27. 2. 1854 Stiftungstag des Vereins für weibliche Diakonie in Bayern.
13. 3. 1854 Gründung der Muttergesellschaft.
14. 3. 1854 Berufung der Vorsteherinnen Karoline Rheineck, Amalie Rehm, Helene von Meyer.
9. 5. 1854 Eröffnung der Diakonissenanstalt.
12. 10. 1854 Einweihung des Mutterhauses.
3. 3. 1855 Ankunft der ersten Roten Schülerin.
21. 8. 1855 Tod von Fraulein Karoline Rheineck. Fräulein Rehm wird 1. Vorsteherin.
30. 10. 1855 Ankunft von Therese Stählin.
22. 3. 1856 Tod von Schwester Emma Linß.
4. 4. 1857 Einsegnung von Therese Stählin zur Diakonisse.


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Zur Einführung


Aus persönlichen Berichten
von Frau Oberin Therese Stählin


 „Ich war drei Jahre in Augsburg gewesen. Im Herbst 1855 war meine Zeit im Stetten’schen Institut zu Ende. Man wußte nun nicht, was man mit mir anfangen sollte. Einige schlugen vor, ich solle Nähen lernen. Das Vaterhaus hatte sich für uns mit dem Tode des Vaters – am 24. Februar 1855 – geschlossen. Da hatte Gott für das heimatlose Kind eine Heimat ausersehen, die für dasselbe Lebensglück und Himmelsfrieden in sich barg. Ich wurde nach Neuendettelsau geführt. Ein Fräulein Grabenberg, das durch freundschaftliche Beziehungen zu meiner Schwester Gürsching auch für mich Interesse hatte, war im Jahre 1855 in Neuendettelsau. Sie kam, erfüllt von den dort empfangenen Eindrücken, zu meiner Schwester und sagte mit Bestimmtheit: „Dorthin muß die Therese kommen.“ Meine Brüder erfaßten den Gedanken, und mein lieber Bruder Otto schrieb an Herrn Pfarrer Löhe. Dieser gewährte meine Aufnahme, obwohl damals wegen großen Zudrangs und Mangel an Platz eine Anzahl Anmeldungen abgewiesen werden mußte. So wurde das fünfzehnjährige Mädele ins Mutterhaus gesteckt.

 Im Mutterhaus war damals alles sehr begeistert, aber die Verhältnisse waren doch viel weniger geordnet, die Arbeit weniger abgegrenzt als jetzt. Nach dem Tod von Fräulein Rheineck, im August 1855, wurde Fräulein Amalie Rehm erste Vorsteherin. Man nannte sie Fräulein, auch als sie die Tracht trug, bis schließlich Herr Pfarrer sie feierlich „würdige Frau Oberin und Vorsteherin des Vereins für weibliche Diakonie im Königreich Bayern“ nannte. Fräulein Helene von Meyer war zweite Vorsteherin, Fräulein Marie von Meyer hatte das Krankenwesen unter sich.

 Ich litt anfangs an schmerzlichem Heimweh. Aber als ich an Herrn Pfarrer Löhes Unterrichtsstunden teilnehmen durfte, ging mir eine neue Welt auf. Ich war sehr glücklich und hegte nur den herzlichen Wunsch, daß auch meine Schwester Marie das gleiche Glück wie ich haben möchte.“


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Briefe von 1855–1857


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 1. November 1855

 Inniggeliebte Schwester, nur einige Zeilen will ich Dir in aller Eile schreiben und die Gelegenheit, die sich mir durch Madame Laible bietet, ausnützen. Natürlich kann ich Dir noch gar nicht viel schreiben, da ich erst zwei Tage hier bin und die Stunden noch nicht begonnen haben.

 Ich bin vorigen Montag mit Johanna Zwanziger von Weiltingen abgereist, bis Kleinried gefahren und von da noch vier Stunden nach Ansbach gegangen. Dort blieben wir bei Frau Magister Beck, einer sehr lieben Bekannten von Johanna, über Nacht und machten am folgenden Tage einige Gänge, unter anderm auch ins Alumneum, da Johanna dorthin einen Auftrag hatte. Man war dort gegen die Schwester des „fleißigen Ludwig Stählin“ sehr freundlich. Ich ließ mir das Bett, in dem unser seliger Bruder geschlafen, zeigen, sowie das Pult, an dem er so viel gearbeitet. Nachmittags fuhren wir nach Schlauersbach, eine Stunde von Neuendettelsau, und kamen hier ziemlich spät an. Schon in Ansbach traf uns wie ein Donnerschlag die Nachricht, daß unser Herr Pfarrer krank liege. Es geht – gottlob! – schon wieder besser, so daß gegründete Hoffnung vorhanden ist, ihn nächsten Montag unter uns zu sehen.


Samstag, den 3. November

 Nun fange ich das dritte Mal an, an diesem Briefe zu schreiben, und wer weiß, ob ich nicht wieder unterbrochen werde; denn bald mahnt die Hausglocke zu augenblicklichem Erscheinen im Betsaal, Lehrzimmer, Speisezimmer etc., bald gibt es eine sonstige Unterbrechung, die einem das Sitzenbleiben verbietet.

 Ich bin seit gestern Abend viel freudiger gestimmt als am Anfang, wo sich das Heimweh (ich schäme mich nicht, es zu gestehen) sehr heftig einstellte. Gestern haben die Stunden begonnen, d. h. wir hatten ärztlichen Unterricht von Herrn Dr. Schilffarth und Singstunde von Herrn Kantor Güttler, der ein höchst komischer, aber äußerst liebenswürdiger Mann| ist. Ich sagte ihm gleich zum Anfang, daß ich keine Stimme zum Singen habe, worauf er erwiderte: „Nu, warten’s ner, und lassen’s mich das sagen, wenn S’ amal drei Jahr bei mir g’sungen haben.“ Bei Tisch fragte mich Fräulein Rehm, ob ich nicht Lust hätte, der Fräulein Rheineck (einer Schwester der verstorbenen ersten Vorsteherin) in der Nähstunde zu helfen, da sie allein mit so vielen Mädchen nicht zurecht kommen könne. Ich faßte Mut und willigte ein, denn ich kann die Arbeiten doch wenigstens zeigen, wenn die andern sie auch schöner machen können. Von 4 bis 6 Uhr hatten wir deutsche Sprachstunde von Emma Linß. Das ist ein Gegenstand, über den viel gejammert wird. Doch ich habe ganz vergessen, was vorgestern als am 1. November Wichtiges geschehen ist: da wurde der Kurs feierlich eröffnet von Herrn Inspektor Bauer und dann die sämtliche Schülerzahl, ja das ganze Hauspersonal von Fräulein Rehm an bis zu der Kleinsten der Kinderschule in Riegen (d. h. Reihen) geteilt und für je 6–10 Mädchen Riegenmeisterinnen gewählt. Diese haben die Pflicht, ihre Riegenkinder auf ihre Fehler aufmerksam zu machen und, wenn es nötig ist, mit dem Herrn Pfarrer darüber zu sprechen.

 Was das Aufstehen betrifft, so habe ich in dieser Beziehung mit keinen Schwierigkeiten zu kämpfen. Im Gegenteil, ich wache oft viel eher auf, als ich geweckt werde. Auch unser Schlaflokal (die Böden) haben gar nichts Abschreckendes.

 Morgens nach dem Gebet und Frühstück, das (ich muß doch alles sagen) aus Milch und Brot besteht, haben wir eine halbe Stunde für uns. Ach, das sind schöne halbe Stündchen! Da gedenke ich meiner Lieben nah und fern, schütte mein ganzes Herz vor meinem süßen Heiland aus und lese dann mit Johanna Zwanziger ein Kapitel aus der Offenbarung Johannes nebst einer dazu gehörigen Erläuterung. Ach, wie lieb ist mir Johanna nun geworden! Mit wahrhaft schwesterlicher Liebe macht sie mich auf alles aufmerksam, was eine Neueintretende zu beachten hat. Außerdem habe ich schon mehrere Mädchen außerordentlich lieb gewonnen, besonders Elise Pächtner, eine Cousine von Hausers, und Wilhelmine von Tucher, ein wirklich herrliches Mädchen. Sie ist nun mit drei Schwestern hier... Die Klavierstunden werde ich mit Eurer Einwilligung nicht nehmen, da die Stunde, glaube ich,| zwei kr. kostet und man sehr wenig Zeit zum Üben haben wird. Heute habe ich den ganzen Tag gebügelt und bin deshalb sehr müde. Sei herzlich gegrüßt von
Deiner dankbaren Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 6. November 1855

 Teuerste Mutter, heute sind es gerade acht Tage, daß ich hier angekommen bin. Ich habe gerne etwas länger mit dem Schreiben gewartet, um Ihnen gleich etwas mehr als meine glückliche Ankunft mitteilen zu können.

 Wir kamen also gestern vor acht Tagen nach Ansbach und blieben da bei Frau Magister Beck, einer sehr lieben Frau, über Nacht. Am folgenden Tage hörten wir Herrn Pfarrer Rabus predigen und gingen später ins Alumneum, wo mir ein freundliches Frauenzimmer das Bett und Pult unseres lieben seligen Ludwig zeigte. – Da sich uns nachmittags Fahrgelegenheit bis Schlauersbach, eine Stunde von Neuendettelsau, bot, so benützten wir sie mit einem Frauenzimmer aus Ansbach, das ebenfalls hier den Kurs mitmachen will. Dieses Frauenzimmer ist mir in der kurzen Zeit, die ich sie kenne, schon unendlich lieb geworden. Sie ist mir wie eine ältere Schwester und eine Längstbekannte. Ach, wenn ich sie und Johanna Zwanziger nicht hätte, dann würde sich das Heimweh gewiß noch mit viel größerer Heftigkeit eingestellt haben. Ich habe ohnehin schon viel und oft damit zu kämpfen; denn in einem Hause wie diesem kann sich natürlich keines viel um das andere annehmen. Jedes hat genug für sich selbst zu sorgen, und namentlich die Vorsteherinnen und Aufseherinnen, von denen ein herzliches Wort einem so wohl tun würde, können sich natürlich nicht um die Einzelnen, besonders um die Fremden, bekümmern. Dazu kommt noch, daß ich bis jetzt noch gar nicht weiß, ob ich eigentlich als Unterlehrerin verwendet werden kann und inwiefern dies geschehen soll. Man spricht immer von französischem Unterricht, doch von niemand, der ihn erteilt. Das macht mich wohl recht niedergeschlagen und traurig; denn ich sehe wohl, daß ich auf diese Weise nicht viel weiter kommen werde in dem, was ich zu| meinem künftigen Leben werde nötig haben. Meine einzige Hoffnung ist noch, daß vieles in Ordnung kommen wird, wenn Herr Pfarrer wieder in unserer Mitte sein wird; denn denken Sie sich, ich habe ihn noch mit keinem Auge gesehen, da er krank ist oder vielmehr krank war. Es geht jetzt gottlob so gut, daß er wahrscheinlich morgen bei uns essen wird. Ach, wenn er seine Stunden wieder beginnt, dann wird auch im ganzen Hause neues Leben beginnen.

 Ich habe schon zwei Stunden des Herrn Doktor Schilffarth beigewohnt, dessen Unterricht sehr interessant zu sein scheint. Auch mehrere Singstunden von Herrn Kantor Güttler habe ich schon gehabt. – Emma Linß gibt Unterricht in der deutschen Sprache. Über diesen Gegenstand ist, besonders von den älteren Frauenzimmern, viel gejammert worden. Ich werde immer abends von einer Schar umgeben, denen ich das Nichtverstandene noch erklären soll.

 Nun will ich Ihnen noch einiges von der Hausordnung schreiben. Wir müssen immer erst gegen 6 Uhr aufstehen, und das geht mir natürlich mit den andern Mädchen ganz leicht. Ja, ich wache immer viel früher auf, was mir gar nicht recht ist, da ich dann immer, wenn ich so allein in der finsteren Nacht wache, von dem leidigen Heimweh gequält werde. Nach dem Gebet und Frühstück geht man in den Betsaal und hat da eine halbe Stunde ganz für sich. Da gedenke ich immer meiner Lieben nah und fern, trage all meine Anliegen dem treuen Heiland vor und lese dann mit Johanna in der Bibel. Dann gibt Fräulein Rehm Katechismusstunde, und dann beginnt entweder der ärztliche Unterricht, oder man beschäftigt sich auf irgend eine andere Weise. Nachmittags ist Nähstunde, wobei ich der Fräulein Rheineck helfen muß, und wenn Herr Pfarrer wieder ganz gesund ist, haben wir von ihm Stunden. Von 4–6 Uhr ist deutsche Sprachstunde, und abends nach Tisch gibt Fräulein von Meyer, die zweite Vorsteherin, noch eine Stunde oder vielmehr eine halbe Stunde, da werden immer zwei Sprüche und etliche Liederverse gelernt. Zum Schluß versammelt sich alles im Betsaal und verrichtet kniend sein Abendgebet.

 Das Singen spielt hier eine große Rolle. Bei allen Arbeiten lassen die Mädchen ihre mitunter herrlichen Stimmen erschallen| Heute sogar beim Waschen durfte der Gesang nicht fehlen. Ich habe den ganzen Vormittag gewaschen und hätte es auch den Nachmittag noch tun sollen, allein Johanna und Luise Burkhard (das oben erwähnte Frauenzimmer) gaben es nicht zu. Ich ärgere mich recht über mich selbst, daß ich so wenig aushalten kann; denn von dem einzigen Vormittag bin ich schon so müde und abgeschlagen, daß ich wirklich nicht mehr viel leisten könnte. Ebenso ging es mir letzthin mit dem Bügeln. Es kommt bei diesen Arbeiten immer sehr viel auf den Willen der Mädchen an; denn man kann sich ohne große Mühe auch davon zurückziehen.

 Vorigen Donnerstag wurde der neue Kurs feierlich eröffnet von Herrn Missionsinspektor Bauer. Da wurden auch die Riegenmeisterinnen gewählt. Die meinige heißt Sara Hahn, ein Mädchen aus Preußen. Von diesem Lande sind mehrere Mädchen hier. Es sind auch vier Fräulein von Tucher hier, von welchen immer eine liebenswürdiger ist als die andere; besonders fühle ich mich zu der ältesten hingezogen. Ein anderes sehr liebes Mädchen ist Elise Pächtner aus Trommetsheim, die schon mein ganzes Herz gewonnen hat.

 Nun noch eine Bitte, liebe Mutter! Könnten Sie mir nicht etwas Obst schicken? Da alle Mädchen welches haben und dies von den Vorsteherinnen auch nicht ungern gesehen wird, so kommt mir auch große Lust dazu. Möchten Sie dann vielleicht auch einige Bogen Schreibpapier und blaue Umschläge beilegen?

 Ach! wie glücklich werde ich sein, wenn ich bald, recht bald, Briefe von zu Hause bekomme! Mariele möchte mir doch auch schreiben, obwohl ich es nicht getan habe. Es geht eben hier sehr schwer, da bald von hinten, bald von vorn Störungen kommen.

 Nun leben Sie wohl, inniggeliebte Mutter! Der Herr lasse uns alles, was Er uns widerfahren läßt, zum Besten dienen. Er führe uns nach Seinem Rat durch dieses Tränental und nehme uns endlich dort zu Ehren an!

 In kindlicher Liebe

Ihre dankbare Therese.


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An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 18. November 1855

 Beste Ida, ich muß Dir gleich zum Anfang meines Briefes schreiben, daß ich nun völlig eingewöhnt bin und mich überaus glücklich hier fühle. Du mußt nicht über mich lachen, weil ich Dir im vorigen Briefe viel von Heimweh geschrieben und nun ein von Freude überströmendes Herz gegen Dich ausschütte. Wenn ich nicht zurückhaltend sein will, so muß ich so schreiben. Ich halte dies fast für eine Widerlegung dessen, was Herr Pfarrer letzthin von meinem Charakter gesagt, nämlich, daß ein Stück Phlegma in mir steckt. – Nun habe ich Herrn Pfarrer genannt, und da weiß ich nicht, wo anfangen und wo aufhören, Dir zu erzählen. Seine Stunden sind gewiß einzig in ihrer Art. Diese Einfachheit mit so viel Tiefe verbunden! Die gewöhnlichsten Sachen lernt man da von einer ganz andern Seite ansehen. Letzthin z. B. hatten wir einfach das Abc, und in der folgenden Stunde lehrte uns Herr Pfarrer das Lesen; aber das waren köstliche Stunden. Denke Dir, ich habe von Herrn Pfarrer den Auftrag bekommen, ein Tagebuch über seine Stunden zu führen. Da habe ich freilich ein gutes Stück Arbeit mehr, da ich für mich auch alles schreiben möchte, doch freue ich mich auch sehr darüber.

 Heute vor acht Tagen predigte Herr Pfarrer zum ersten Male wieder, aber nur nachmittags, wo die Hochzeit unseres Hausmeisters Wegmann war; heute predigte er auch vormittags über die Epistel. Ich habe mir die Predigt aufgeschrieben und bin recht froh, heute die Nachtwache zu haben; denn außerdem würde es ziemlich schwer gehen sie abzuschreiben. Ach, das war ein schöner, reicher Sonntag heute, und ein hoher Genuß ist uns für den Abend noch vorbehalten: Herr Pfarrer wird nämlich heute zum ersten Male wieder Seelsorgestunde halten, die die Krone aller übrigen Stunden sein soll.

 Du hast mich gebeten, etwas tagebuchartig über mein Tun und Treiben zu schreiben. Ich glaubte dies schon, so weit es damals ging, in meinem vorigen Briefe getan zu haben; doch will ich gerne einiges hinzufügen. Vor allem, daß ich einen Kurs zum Unterricht in der französischen Sprache bekommen habe. Morgen von 5–6 Uhr habe ich die erste Stunde. Herr| Pfarrer macht es einem nicht schwer: er setzt wöchentliche Pensa fest, und am Ende der Woche müssen wir vor seinen Ohren examinieren. Emma Merz und Marianne haben die übrigen Mädchen. Für das Englische ist Marianne, die Tochter des Herrn Pfarrers, für die Anfängerinnen da und Frau von Petrikofska für die weiter Geförderten. Ich will sehen, wie es mir da geht. Man spricht von einer Engländerin und Französin, die hieher kommen sollen, doch glaube ich noch nicht recht daran.

 Nun möchte ich Dich noch gerne um etwas fragen: wie soll ich es machen, um nicht so viele Freundinnen zu bekommen? Ich kann doch nicht unfreundlich sein, wenn man mir so liebreich entgegenkommt.

 Heute über acht Tage ist hier heiliges Abendmahl. Wie freue ich mich! Doch wird nicht wie gewöhnlich Privatbeichte sein, da Herr Pfarrer sich immer noch nicht ganz wohl fühlt. Es will einem manchmal recht bange werden, wenn man ihn ansieht und in dem achtundvierzigjährigen Mann schon einen Greis erblickt. Er nennt sich auch immer „den alten Pfarrer von Dettelsau“ und macht hie und da im Vorbeigehen Bemerkungen, die uns durchs Herz gehen. Seine Tochter scheint ein sehr liebenswürdiges Mädchen zu sein; doch habe ich noch fast nichts mit ihr gesprochen. Denke Dir, Herr Pfarrer ißt alle Tage bei uns zu Mittag mit Marianne und seiner Nichte. Nach Tisch geht er in den Betsaal und bleibt da bis 3 Uhr, bis die Stunde beginnt. Während dieser Zeit kann jeder zu ihm gehen, der etwas auf dem Herzen hat.

 Nachts 1/21 Uhr. Nun bin ich ganz glücklich. Die erste Predigt von Herrn Pfarrer Löhe liegt, wenn auch nicht ganz ausführlich, doch in der Hauptsache genau nachgeschrieben vor mir. O, wenn uns nur der liebe Gott Herrn Pfarrer noch lange erhält! Diesen Abend kam er nicht zur Seelsorgestunde, was neuen Grund zur Besorgnis gibt. Wir haben uns also heute vergebens gefreut.

 In inniger Liebe

Deine Therese.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 19. November 1855

 Inniggeliebte Mutter, mit inniger Freude und herzlichem Danke gegen Gott begrüße ich diesen Tag, der mich stärker und deutlicher als alle andern Tage an die großen Wohltaten des himmlischen Vaters erinnert, die er uns durch Sie, teuerste Mutter, hat zufließen lassen; der mich erinnert, wie viel, wie unendlich viel Sie an mir getan haben. O daß meine Kräfte Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen weniger schwach wären!

 Ich muß Ihnen gleich zu Anfang dieses Briefes schreiben, daß ich nun völlig eingewöhnt bin und daß ich mich überaus glücklich fühle. Ich ärgerte mich recht über mich selbst, daß ich damals meinen Gefühlen so nachgegeben und einen Brief voll Heimweh nach Hause geschrieben. Ich werde nie mehr schreiben, wenn ich in trauriger Stimmung bin. – Doch nun muß ich Ihnen viel, viel erzählen. Heute habe ich zum ersten Male französische Stunden gegeben. Ich habe sehr liebe, kleine Mädchen bekommen, die die französische Sprache aber schon 5–6 Jahre treiben. Für die großen Anfängerinnen wie für solche, die auch schon Französisch gelernt haben, ist Emma Merz aus Greiz hier. Später soll eine Französin kommen. Wöchentlich einmal dürfen wir im Englischen Geförderten zu Herrn Pfarrer kommen und mit ihm etwas lesen. Zudem dürfen die, die sich zur Lehrerin ausbilden wollen, wöchentlich einmal des Abends zu ihm kommen, und da will er uns Unterricht in der Kunstgeschichte erteilen. O, wenn ich von den Stunden Herrn Pfarrers reden soll, da weiß ich nicht, wo anfangen und wo aufhören. Sie sind gewiß einzig in ihrer Art. Gestern habe ich mir die Predigt nachgeschrieben. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, welch eine süße Lust es für mich ist, wenn ich eine solche Predigt fertig vor mir liegen sehe. Ich war gestern so glücklich, die Nachtwache zu bekommen, und hatte also die schönste Gelegenheit zu schreiben.

 Seit Herr Pfarrer wieder gesund ist, ißt er alle Tage bei uns zu Mittag. Ich sage „gesund“. Ja, daß dies wirklich wahr wäre! Allein Herr Pfarrer sieht so schlecht aus und läßt manchmal selbst Äußerungen fallen, daß wirklich Grund zu ernster Besorgnis vorhanden ist. Nächsten Sonntag ist hier heiliges Abendmahl. Da wird es wieder sehr anstrengend| werden für ihn, da ja hier die Privatbeichte eingeführt ist. Mir ist so bange darauf, und doch freue ich mich so sehr.

 ...Ich werde sehr oft mit Briefen beglückt. Ich habe schon zehn erhalten und bin doch noch nicht ganz drei Wochen hier. Für den Nußmärtelpack, das Papier, die Baumwolle, besonders aber für Ihren und Marieles lieben Brief meinen herzlichen, innigen Dank! Es sind dies immer so süße Worte, wenn die Mädchen einem zurufen: „Du sollst zu Fräulein Rehm kommen; sie hat einen Brief, oder sie hat ein Paket für dich.“

 Dienstag, den 20. Heute bin ich um 4 Uhr zum Waschen aufgestanden und fühle mich doch bei weitem nicht so angegriffen wie das letztemal. Ich freue mich über das herrliche Wetter, das dem Trocknen so förderlich ist.

 Ach, liebe Mutter, ich kann Gott gar nicht genug danken, daß er mich in dieses Haus geführt hat, wo der inwendige Mensch so reichliche Nahrung erhält. Freilich finde ich mich in meiner Hoffnung, hier weniger Gelegenheit zum Sündigen zu haben, einigermaßen getäuscht, denn die Sünde, die tief im Herzen wohnt, wird nicht durch eine andere Umgebung ausgerottet. Dennoch verzage ich nicht, sondern danke Gott, der mir Kraft gegeben, schon manches zu überwinden, und der mich gewiß immer mehr stärken wird, die Vorsätze auszuführen, die ich jeden Tag aufs neue fasse.

 Nun wird die Zeit bald herankommen, da Sie Weiltingen verlassen müssen. – Leben Sie wohl, liebste, teuerste Mutter! Gott erhalte Sie uns noch lange, lange und lasse Ihren Aufenthalt in Nördlingen Ihnen recht angenehm sein! Denken Sie meiner im Gebet, besonders nächsten Sonntag. Herzliche Grüße an alle. Ich bin in kindlicher Liebe

Ihre vergnügte Therese.


 Denken Sie nur, letzthin sagte Herr Pfarrer, es steckt ein Stück Phlegma in mir, und bei derselben Gelegenheit sagte er auch, es spräche ein Pfarrer aus mir.

 Herr Pfarrer nennt mich „du“. Es ist doch etwas Gutes, wenn man nicht so sehr groß ist.


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An ihren Bruder Adolf.
Neuendettelsau, den 11. Dezember 1855

 Liebster Bruder, schon lange wollte ich Dir schreiben, allein bis heute bin ich immer daran verhindert worden. Allein ich kann nichts von mir und meiner Umgebung schreiben, ehe ich meine innige, herzliche Freude gegen Dich ausgesprochen habe über das frohe Ereignis Deiner Verlobung, zu dem ich Dir meinen aufrichtigen Glückwunsch bringe.... Grüße Fräulein Lina Brandt recht herzlich von mir.

 ...Ich habe mich sehr leicht in die neue Umgebung gefunden, und die hiesige Lebensweise sagt mir vortrefflich zu. ...Seit ein paar Tagen haben wir die biblische Geschichte angefangen. Da bekommen wir alle Tage ein Pensum auf, das wir zusammen lesen. Bis Ostern sollen wir mit dem Alten Testament fertig werden.

 Ich will Dir einmal einen Tag Stunde für Stunde beschreiben und will dazu den Freitag nehmen. Wir stehen gewöhnlich erst um sechs Uhr auf. Bald darauf schellt es zum Gebet, wobei immer zuvor einige Verse gesungen werden; dann wird gefrühstückt. Nach dem Frühstück verrichtet man einige Hausarbeiten, und dann gehts zur Kirche. Mit dem neuen Kirchenjahr hat Herr Pfarrer angefangen, sich ganz nach den Lektionen der Alten zu richten; da hatten wir das erstemal das 6., dann das 7. und heute das 19. Kapitel des Jesajas. Nach der Kirche hat der neue Kurs ärztlichen Unterricht von Herrn Dr. Schilffarth, und von 11–12 Uhr ist Singstunde. Beim Mittagessen ist Herr Pfarrer immer zugegen und bleibt bis gegen Abend. Nach Tisch geht er in den Betsaal und bleibt da, bis seine Stunde beginnt, während dieser Zeit kann jedes, das mit ihm zu sprechen wünscht, zu ihm kommen. Uns aber ruft die Glocke um 1 Uhr zur Nähstunde. Da kann ich Fräulein Rheineck auch manchmal ein wenig helfen. Um 3 Uhr ist Stunde von Herrn Pfarrer. Da möchte ich Dir wohl recht viel erzählen, allein ich wüßte nicht, wo anfangen und wo aufhören. Ich werde Dir einmal meine Hefte schicken. Von 4–5 Uhr haben bloß diejenigen Stunde, die das Mittelhochdeutsche lernen wollen. Herr Pfarrer hat uns die Grammatik kurz und übersichtlich diktiert, und nächste Woche werden wir| bei Herrn Inspektor Bauer lesen. Wie freue ich mich darauf! Von nächster Woche an wird uns Herr Pfarrer Unterricht in der Kunstgeschichte geben, aber nur uns künftigen Lehrerinnen. Von 5–6 Uhr hat das ganze Haus Sprachstunde. Ich habe einem Kurs französischen Unterricht zu erteilen. Nach dem Abendessen werden immer Sprüche und Lieder gelernt, dann das aufgegebene Pensum in der Bibel gelesen. Um 10 Uhr versammelt man sich nochmals im Betsaal, und dann gehen wir in unsere Schlafsäle. Nicht jeden Tag jedoch greifen die Stunden so ineinander wie am Freitag. Dienstag z. B. wird gewaschen, Donnerstag gebügelt, Samstag geputzt etc. Von nächster Woche an soll Unterricht im Zeichnen gegeben werden. Ein Künstler aus Nürnberg will sich hier niederlassen und diesen übernehmen. Doch müssen die Stunden natürlich besonders bezahlt werden... Herr Pfarrer hält sehr viel auf das Zeichnen, er stellt es weit über das Klavierspielen, und ich selber habe sehr große Lust, es zu lernen.

 ...Gedenke in Deinem Gebet Deiner treuen Schwester

Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 20. Dezember 1855

 Meine liebe, gute Mutter, es scheint mir eine lange Zeit vergangen zu sein, seitdem ich das letztemal geschrieben habe. Der Grund davon liegt aber keineswegs in der Langeweile, die ich hier habe (denn das Ding kennt man hier gar nicht), sondern in den großen Veränderungen, die in dieser Zwischenzeit in unserer Familie vorgefallen. Sie, liebe Mutter, haben mit den Schwestern die alte Heimat verlassen, um in Nördlingen eine neue zu suchen. Ich habe Sie mit meinen Gebeten begleitet und bin gewiß, daß der Herr mich erhören wird.

 Durch Adolf habe ich von seiner Verlobung erfahren. Ich eilte mit dem Brief voll Freude zu Johanna (leider muß ich sagen: an ihr Krankenbett) und stimmte mit ihr ein herzliches Loblied an. Ach, das war eine selige Viertelstunde, die ich da betend und dankend mit ihr zubrachte! Überhaupt sind das wahre Erquickungsstunden, die ich manchmal bei ihr oder bei ihr verwandten Seelen zubringe. Es ist etwas unbeschreiblich| Herrliches um die Einigkeit des Sinnes und Geistes, um die Gemeinschaft mit gottverlobten Seelen.

 O liebste Mutter! was habe ich gestern für einen Gnadentag gehabt! – Ich war in den letzten Tagen immer sehr traurig und betrübt, habe viel, viel geweint, und wenn man mich darum fragte, so konnte ich keinen rechten Grund angeben; allein ich erkannte bald, daß dies eine Erhörung meines Gebets um wahre Buße sei. Ich fühlte mich recht arm und elend, und doch gab mir der Teufel immer Zweifel ein, ob denn dies wirklich die Erkenntnis meiner Sünden sei, die mich so betrübt mache. Endlich bat ich Herrn Pfarrer, mir einige Minuten Gehör zu schenken. Gerne war er dazu bereit. Ich durfte abends 6 Uhr zu ihm kommen, und da beschrieb ich ihm denn meinen ganzen Seelenzustand. Er sagte nun, daß er schon seit ein paar Tagen meine Traurigkeit bemerkt, leitete mich durch Fragen zur rechten Erkenntnis meiner selbst und gab mir dann den herrlichsten Rat, den süßesten Trost. Und wenn ich nun das Schriftchen von Luther: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ gelesen habe, so darf ich wieder zu ihm kommen. Ich ging mit fröhlichem Herzen aus dem Betsaal und habe nun eine hohe Freudigkeit und Gottes Frieden in mir. Es ist merkwürdig, welchen wunderbaren Einfluß die Worte des Herrn Pfarrers auf einen haben; denn Frau von Petrikofska versuchte es ein paarmal mich zu trösten, allein ich konnte mich bei ihr nur recht ausweinen, nicht aber beruhigen. Von dieser lieben, guten, wahrhaft edeln Frau möchte ich Ihnen recht viel erzählen. Sie ist meine englische Lehrerin, kann uns aber durch ihr Augenleiden nicht so weit fördern, als ihre Kenntnisse es erlaubten. Sie hat mich aufgefordert, öfters in ihr Zimmer zu kommen und mit ihr zu lesen; ich bin aber noch nicht so weit gekommen mit meinem Mut. Nach Weihnachten will die liebe Frau unser Haus verlassen, weil die helle Erleuchtung in unserm Haus ihren Augen nicht zuträglich ist. Wie ahnd wird es mir nach ihr tun!

 Nun sinds nur noch einige Tage auf Weihnachten. Ich freue mich sehr, sehr darauf, denn es soll hier wunderschön sein.... Meine Zeit ist sehr beschränkt. Die französischen Stunden, die ich zu geben habe, nehmen nicht viel Zeit weg; allein| Herr Pfarrer sagte letzthin: „Wenn Du so fortmachst, wirst Du bald mehr bekommen.“ Und dieses Versprechen ist schon teilweise erfüllt; denn ich habe seit einiger Zeit zwei Mädchen zur Aufsicht bekommen. Damit ist mir freilich ein gut Stück Plage zugeteilt, und ich muß gestehen, daß ich meine Pflichten da nicht immer treulich erfülle. Ich habe die Mädchen nicht zum Unterrichten, sondern soll mich bloß in ihren Freistunden mit ihnen beschäftigen, und das behagt meinem natürlichen Menschen nicht, zumal die Kinder im höchsten Grad faul und unliebenswürdig sind; doch um so besser wird es für mich sein.

 Nun noch etwas Wichtiges: heute haben wir zum ersten Male Zeichenstunden gehabt. Ich habe mich über diese Vermehrung der Lehrgegenstände sehr gefreut. Ich hoffe, Sie werden mir die Erlaubnis, das Zeichnen lernen zu dürfen, nicht verweigern; denn es soll ein sehr guter Lehrer sein; wir bekommen wöchentlich drei Stunden und sollen monatlich einen Gulden bezahlen. Das ist doch gewiß sehr billig. – Auch die Klavierstunden habe ich auf eigene Faust wieder angefangen; es ist nur, damit ich manchmal üben darf, denn die Stunde dauert nicht lange, da sich vier oder sechs Mädchen darein teilen müssen. Demnach kostet also die Stunde auch nur den vierten oder sechsten Teil. Sie werden mir nicht böse sein, liebste Mutter?

 Leben Sie recht wohl! Herzliche, innige Grüße an die lieben Geschwister! Und recht frohe Feiertage!

Ich bin Ihre dankbare Therese.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 29. Dezember 1855
 Liebste Schwester, nun gehts an ein Briefschreiben bei mir, daß ich’s bald fabrikmäßig kann. Es ist recht gut, daß wir jetzt Ferien haben, sonst wüßte ich wirklich nicht, wie ich fertig werden sollte. Leider kann ich Dir nicht mehr in der seligen Weihnachtsstimmung schreiben, die mich in diesen Tagen zum glücklichsten Geschöpf auf der Welt machte; denn unser lieber, guter Herr Pfarrer ist schon wieder krank. Wir waren vorgestern abend ganz niedergeschlagen, als wir es erfuhren; erst| gestern lebten wir wieder etwas auf, als es hieß, Herr Pfarrer habe eine ziemlich gute Nacht gehabt. Herr Doktor sagt, es sei eine leichte Lungenentzündung. O bete doch auch mit uns, daß ihn der liebe Gott noch recht lange erhält! Was sollte aus diesem Hause werden, wenn er nicht mehr das Ganze leitet?
.
 Doch ich will mich wieder in die schöne Festzeit versetzen und Dir einiges von unserer Weihnachtsfeier erzählen. Am heiligen Abend war unser lieber Betsaal herrlich geschmückt. Auf dem Altar war eine Krippe arrangiert, vor demselben war ein großer Triumphbogen von Tannenzweigen, in jedem Eck stund ein Baum; der Kronleuchter, der einen Dornenkranz vorstellt, war mit Rosen geschmückt. Vier Missionszöglinge lasen die Weihnachtslektionen; dazwischen stimmten wir das Lied: „Erschienen ist der helle Tag“ an, dann hielt Herr Pfarrer eine kurze Rede, an welche sich sodann die Beichte, zu der ich mit mehreren andern ging, anschloß. „Ich will nun“, so begann Herr Pfarrer, „in die Tiefe des göttlichen Reichtums greifen und euch das Almosen geben, das Er uns aus Seiner Krippe bietet, das Er am Kreuz uns erworben, das Er aus dem Grabe uns bringt, das Seine Himmelfahrt und die heilige Pfingstzeit uns zusichert“ etc. O ich war so selig, so überglücklich! Und damit das Maß ja voll werde, bekam ich noch vier Briefe auf einmal. Am ersten Feiertag empfing ich das heilige Abendmahl und durfte, wie Herr Pfarrer sagte, eine Krippe sein, in welcher der treue Heiland einziehen will. Vormittags predigte Herr Inspektor Bauer, nachmittags Herr Pfarrer. Ernst, sehr ernst war diese Predigt, so daß es einem gar nicht mehr weihnachtlich zu Mute ward. Nach der Kirche ließ mich Fräulein Rehm rufen, um mir zu sagen, daß ich ins Pfarrhaus eingeladen sei. Ich wußte gar nicht, wie ich zu dieser Ehre kam; aber Du kannst Dir denken, wie glücklich ich war, als mir dieser längst gehegte Wunsch so unerwartet erfüllt wurde. Ich mußte mich ganz dicht an Herrn Pfarrers Seite setzen, und er nahm eine Torte, setzte sie auf den Tisch mit den Worten: „So, die gehört meinen lieben Schülerinnen, da steht mein Name darauf“ etc. Gegen Abend kam ein solcher Haufe von Studenten, daß man sich kaum mehr rühren konnte. Herr Pfarrer aber sagte: „Setzen Sie sich nur, es geht schon; was kann ich dafür, daß der Zimmermann die Stube so klein gemacht| hat!“ Am zweiten Feiertag hörten wir wieder eine sehr strenge Predigt über den Spruch: „Und das Wort ward Fleisch.“ Am Abend fand unsere Bescherung statt...

 Heute nach der Kirche erblickte ich auf einmal Leonhard, der mit mehreren Studenten hier war, um Herrn Pfarrer predigen zu hören. Das war eine verunglückte Partie. Ich konnte Leonhard nur im Flug sprechen, denn er ging schon um ein Uhr wieder fort, und die Hausordnung ist in Beziehung auf Besuche außerordentlich streng...

Ich bin Deine treue Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 1. Januar 1856

 Inniggeliebte Mutter, nun sind die Feiertage vorübergegangen, und ich habe Ihnen noch nicht geschrieben. Es ist ganz unglaublich, wie unnütz man die Zeit verträgt, wenn die gewöhnlichen Lehrstunden aufhören. Nun, mit dem neuen Jahr soll auch alles anders werden... Mein Herz ist voll Lobes und Dankes, wenn ich die gnädige Führung des barmherzigen Gottes überlege, die ich in diesem Jahre erfahren durfte. Ja, der Herr hat große Dinge an uns getan; des sind wir fröhlich! Er hat uns bald durch Lieben, bald durch Leiden in diesem Jahre zu sich ziehen wollen, hat uns durch den Verlust des teuren Vaters gelehrt, uns allein an den himmlischen Vater zu halten, und hat uns in jenen Trauertagen reichen Trost geschenkt. Ihm wollen wir uns auch für das neue Jahr befehlen mit allem, was wir sind und haben. Seine Gnade, die wir bisher in so reichem Maße erfahren durften, wird uns auch ferner nicht verlassen. – O liebste Mutter, es will mich manchmal der Gedanke recht traurig machen, daß ich, da ich nicht bei Ihnen sein kann, so wenig Gelegenheit habe, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen. Doch Gott wird mein Gebet, das ich täglich für Sie vor Seinen Thron bringe, gewiß erhören. –

 Am Silvesterabend ging ich mit meiner lieben Elise Pächtner in unsern traulichen Betsaal, um uns alle Wohltaten Gottes zu erzählen, die wir in diesem Jahre erfahren haben. Da redete ich auch mit Loben und Danken von der großen| Wohltat, die Er mir erzeigt, indem Er mich in dieses Haus geführt.

 ...Den ganzen zweiten Festtag waren wir voll freudiger Erwartung; denn am Abend sollte unsere Bescherung stattfinden. Alle Päckchen, die in dieser Zeit gekommen waren, lagen wohl verwahrt bei Fräulein Rehm. Nur wenn man so ungefähr ahnt, daß es ein halber Geburtstagspack ist, dann erhält man die Erlaubnis, ihn öffnen lassen zu dürfen. ...Nun aber noch etwas von unserer Bescherung: Zuerst gingen wir in den Betsaal, wo ein Baum, der bis an die Decke reichte, die vorhin beschriebene Herrlichkeit vermehrte. Herr Pfarrer ermahnte uns, die nun bereiteten Gaben doch ja nicht als das Beste vom Weihnachtsfest anzusehen, sondern Jesus soll uns das liebste Geschenk sein etc. Nachdem wir noch einige Lieder gesungen hatten, ging’s in das Eßzimmer, das mit Tannengewinden, künstlichen Blumen, vier Bäumen, einem Transparent etc. feierlich verziert war. Auf den langen Tafeln lagen die Geschenke in schöner Ordnung und wurden unter lautem Jubel der großen und kleinen Kinder und unter den witzigen Bemerkungen Herrn Pfarrers in Empfang genommen.

 Ja, es war eine herrliche Zeit für uns alle; aber leider folgten darauf einige trübe Tage; denn schon am Donnerstag hieß es, Herr Pfarrer sei sehr unwohl. Wie ein Donnerschlag traf uns diese Nachricht, die uns um so mehr ängstete, als Herr Pfarrer schon vorigen Sommer immer vom „Heimgehen“ im nächsten Winter gesprochen. Gott aber hat unser heißes, inbrünstiges Gebet in Gnaden erhört, so daß unser teurer Lehrer schon heute wieder zu Tisch kommen will. Wir freuen uns unendlich darauf, denn ohne ihn geht nichts...

Ihre dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 29. Januar 1856
 Liebste Mutter, nun habe ich fünfunddreißig Briefe bekommen, seit ich hier bin. Als vorigen Dienstag der Briefbote Fräulein Rehm die Briefe übergab, während sie in der Konferenz war, sagte sie, die Adressen ansehend: „Was, schon wieder?“| „Wen meinen Sie?“ fragte Herr Pfarrer. „Ja, die Therese Stählin bekommt die meisten Briefe in der Anstalt.“ Doch hat weder Herr Pfarrer noch Fräulein Rehm dabei einen ungünstigen Ton angenommen; denn man weiß ja, daß ich aus einer großen Familie bin, und ich bitte daher, mir deshalb ja keine Zeile zu entziehen; denn es ist mir immer eine gar große Freude, Briefe von den fernen Lieben erbrechen zu dürfen...

 Lassen Sie mich wieder von meiner lieben Anstalt reden oder vielmehr, so unbescheiden es auch lautet, von mir. Daß doch der Mensch so gern von sich selbst spricht! Doch ich wills ja nur tun, um Gottes große Gnade zu rühmen, die ich täglich, ja stündlich zu erfahren habe. Billig sollte mein Herz stets voll Loben und Danken sein; denn es ist ja auch Gnade von Gott, wenn er mich demütigt, wenn er mir meine Sünden zeigt und mich fühlen läßt, daß außer Ihm keine wahre Freude ist. O das muß ich gar oft empfinden! Wenn ich mich den Tag über recht zerstreut, mich ganz in mein Lernen vertieft und darinnen meine Lust gesucht, dann tritt des Abends oft eine Leere des Herzens ein, die nur durch ein herzliches Gebet wieder verscheucht werden kann. – Diese Woche ist eine heilige Woche für mich, denn nächsten Sonntag denke ich zum heiligen Abendmahl zu gehen. Ach, ich meine immer, ich habe nicht die rechte Buße, und das macht mich zuweilen recht traurig. Doch hat mir Herr Pfarrer neulich die tröstlichen Worte unter einen Satz, den ich über die Buße gemacht, geschrieben: „Wenn nun aber die Seele nichts fühlt, als daß sie nicht fühlt, wie sie soll, ist das keine Buße?“ Das macht mich wieder getrost und ruhig.

 In der letzten Zeit hat sich ein Geist der Unordnung in unser Haus geschlichen. Herr Pfarrer hat eine ernste, sehr ernste Seelsorgerstunde gehalten, uns seine ganz unbegreifliche Beobachtungsgabe an den Tag gelegt, indem er uns mit den eingreifendsten Worten alles rund heraus gesagt, was er bemerkt. Die Frucht dieser Stunde war, daß sich ein Verein für Ordnung gebildet. Johanna ist die mutige Anführerin, und ich bin auch unter der Zahl dieser Freiwilligen. Sie lachen vielleicht darüber, allein Sie dürfen überzeugt sein, daß es in Beziehung auf Ordnung schon um vieles anders geworden| ist mit mir. Wenn Herr Pfarrer sagt: „Wer äußerlich nicht aufräumt, der räumt auch innerlich nicht auf“ und: „Gott ist ein Gott der Ordnung“, wenn er uns mit dem Apostel ermahnt: „Lasset alles ehrlich (d. h. herrlich) und ordentlich zugehen“, dann müßte man doch keinen Funken Sinn für das Gute haben, wollte man dennoch nicht gehorchen. Man bekommt von solchen Dingen hier ganz andere Ansichten, hält das für wichtig und hoch notwendig, was man sonst gänzlich vernachlässigt. So geht es mir auch mit dem Schreiben. Wenn ich recht aufrichtig sein soll, so muß ich gestehen, daß ich mir früher gar nichts daraus gemacht, wenn ich schlecht geschrieben, sondern gedacht habe, daß es das erste Erfordernis zur Gelehrsamkeit ist, daß man schmiert. Herr Pfarrer versteht’s, einem solche Gedanken zu nehmen. Denken Sie, gestern hat er uns Schreibstunde gegeben. Das war ganz eigen anzusehen, wie die 20–30jährigen Diakonissen mit ihrem Schreibtäfelein und Griffel kamen, um das Abc schreiben zu lernen. Herr Pfarrer hat uns da gesagt, daß sich in der Schrift genau das Innere spiegelt und daß man gerade da am besten die Sünden erkennen kann, die der Schreiber sonst zu verbergen sucht. (Er kennt uns also schon genau aus unserer Schrift.) Ach, das ist etwas Herrliches, von Herrn Pfarrer Schreibstunden zu bekommen! Sie sehen zwar an diesem Briefe noch keine Frucht davon, allein es soll dies auch das letztemal sein, daß ich so schmiere; wenn die Zeit nicht langt, dann schreibe ich lieber gar nicht, wenn’s Ihnen recht ist.

 Gestern habe ich mein Herz in beide Hände genommen und Herrn Pfarrer gefragt, ob er’s nicht erlaube, daß ich den Unterricht mitmachen dürfe, den die Krankenpflegerinnen besonders haben. Er erlaubte mir’s gerne, und ich bin ganz glücklich darüber; denn das sollen die allerschönsten Stunden sein.

 Am 23. April ist der Schluß des Semesters. Dann haben wir acht Tage Ferien. Darf ich kommen? Ich hätte Ihnen einen ganzen Haufen zu sagen, lauter Dinge, die sich brieflich nicht gut abmachen lassen.

Ich bin Ihre stets dankbare Tochter Therese.


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An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 20. Februar 1856

 Liebe, teure Schwester, soeben komme ich von Bechhofen, einem zu Neuendettelsau gehörigen Dörfchen, zurück, wohin ich mit Luise Burkhard von Herrn Pfarrer geschickt wurde, um daselbst eine Industrieschule zu gründen. Du kennst mich zu gut, als daß Du Dir meine Freude hierüber nicht denken könntest. Da die Sache heute erst eingeleitet wurde, gingen wir in mehrere Häuser, um da Kinder zu werben. Soll ich Dir die Stuben beschreiben, in die wir gekommen sind? Nein, Du kannst Dir schon etwas dergleichen vorstellen. Kaum kann man es glauben, daß diese Leute Beichtkinder von Herrn Pfarrer Löhe sind, der Ordnung und Reinlichkeit mit solchem Eifer predigt. ...Nun, eine künftige Diakonissin darf sich durch solche Dinge nicht zurückschrecken lassen, und je größer die Unordnung ist, desto größer die Freude, wenn durch Gottes Gnade ein neues Leben beginnt. – Herr Pfarrer sagte letzthin, daß für seine Gemeinde eine rechte Gnadenzeit gekommen sei.

 Das ist wahr. Alles wird aufgeboten, um geistliches Leben rege zu machen, Sinn und Eifer für höhere Dinge zu erwecken. Alle Dienstage gehen je zwei Diakonissen in die vier eingepfarrten Dörfer zu dem oben erwähnten Zwecke; die Missionszöglinge und Herr Kandidat Lotze gehen Sonntags dorthin, repetieren die Predigt mit den versammelten Leuten, erklären, was ihnen unklar ist etc. Daß dabei die Krankenbesuche nicht vernachlässigt werden, versteht sich von selbst. In Neuendettelsau ist seit voriger Woche eine Kinderschule errichtet worden, an welcher eine noch ganz junge Diakonissin unseres Hauses arbeitet.

 Es wird Dir nicht unangenehm sein, wenn ich Dir einiges über unsere Stunden mitteile. Vor einiger Zeit haben wir einen Unterricht über das Briefschreiben bekommen und dabei ein Diktat erhalten, das Du vielleicht einmal lesen magst. Wir haben, wie Du weißt, alle Tage zwei Stunden von Herrn Pfarrer. Die erste ist immer zur biblischen Geschichte bestimmt, mit der wir bis zum Schluß des Semesters (23. April) fertig werden müssen. In der zweiten Stunde haben wir gegenwärtig Unterricht über Poesie, Versmaß etc., was überaus herrlich ist, oder wir haben Weltgeschichte. Vor vierzehn Tagen| haben wir auch einige Schreibstunden bekommen, die ganz kostbar waren. Sie hatten weniger den Zweck, uns schreiben zu lehren, als uns für die Schrift zu begeistern... Herr Pfarrer ist alle Tage hier, und da freuen wir uns denn immer ganz kindisch aufs Essen; denn Herr Pfarrer bringt alle Tage etwas Neues und Schönes aus seinen unerschöpflichen Quellen hervor; vor einiger Zeit erzählte er uns alle Tage die Geschichte des Heiligen, der gerade im Kalender stand. Ach, das waren herrliche Stunden! Denn Herr Pfarrer erzählt ganz unvergleichlich. Jetzt liest er uns aus einem Buche von Luther über Abendmahlsgemeinschaft vor; denn das ist der Gegenstand, über den wir in letzter Zeit viel sprechen. Ich habe viel darüber nachgedacht, viel gebetet, denn Herr Pfarrer will durchaus, daß wir hierin unserer eigenen Überzeugung folgen. Und gottlob! es ist mir ganz klar geworden...
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 Du staunst vielleicht, meine liebe Schwester, daß ich tue, als sei ich in der Absicht hierher gegangen, Diakonissin zu werden. Doch, wenn auch dies nicht der Fall war, so steht es doch jetzt so mit mir, daß ich, wenn anders Gott will, den Diakonissenberuf mir als Lebensberuf erwählt habe. Mir kommt ein anderes Leben jetzt ganz elend und leer vor. Doch es sei ferne, daß dies der Beweggrund sein sollte. Nein! Der Grund, warum eine Diakonissin sich ihrem Beruf widmet, ist die innige Liebe zu ihrem Heiland, der zu ihr spricht vom Kreuz herab: Siehe, das tue ich für dich; was tust du für mich? O daß doch in meinem Herzen eine rechte Liebesflamme brennte und ich ganz aufginge in Liebe zu Ihm!... Es ist freilich recht traurig und niederschlagend, wenn man sehen muß, daß man seit dem letzten Abendmahlsgange gar nicht vorwärts gekommen ist in der Heiligung; aber was liegt daran, daß wir sehen und fühlen, ob wir vorwärts kommen? Es wäre schlimm, wenn wir uns nach unsern Gefühlen richten müßten, und z. B. keinen Glauben hätten, wenn wir keinen fühlen. Wenn mir der gnädige Gott Freudigkeit schenkt, so will ich ihm dafür danken; entzieht er mir diese aber, so will ich mir an seiner Gnade genügen lassen; denn meine Seele ist ja gleich dem Staub; er wird bald durch den Wind in die Höhe gehoben, bald fällt er nieder zur Erde. – Doch nun bin ich ganz von meinem Thema abgekommen und muß doch noch einiges darüber| schreiben: Ich will also Diakonissin werden, wenn Gott es will und Ihr, meine Lieben, auch damit einverstanden seid. Ich bitte Euch, haltet dies nicht für eine vorübergehende Begeisterung; nehmt’s ernst, so wie es auch mir ein völliger Ernst damit ist. Der Herr wird mich stärken und auch mir, seiner armen Magd, ein Plätzlein in Seinem Weinberg anweisen, da ich wirken kann in Seiner Kraft zu Seines heiligen Namens Ehre. – Wenn Du mich fragst, ob ich Lehrdiakonissin oder Krankenpflegerin werden möchte, so antworte ich: wie Gott will! Mich zieht’s bei weitem mehr zu letzterer; denn das ist der echte weibliche Beruf. Doch ist es im Grunde gleich, wie man dem Herrn dient...

 ...Ich befehle Euch dem Schutz des allmächtigen Gottes und bin

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 24. Februar 1856

 Teuerste Mutter, vor vierzehn Tagen war Leonhard wieder hier. Das war ein segensreicher Sonntag, den ich verlebte. Alles vereinigte sich, um mich da recht glücklich und froh zu machen. Zwei herrliche Predigten, die ich da hörte, machten, wie immer, einen tiefen Eindruck auf mich; dann konnte ich Leonhard ziemlich lange und ungestört sprechen. Dann durfte ich bei Tisch den Armen dienen (es fasten nämlich wöchentlich eine Anzahl Mädchen und dafür werden Sonntags Arme gespeist; ich habe mit mehreren schon einen ganzen Tag gefastet). Dann war ich im Pfarrhaus eingeladen. Leonhard kam mit seinen Freunden auch dorthin, und Herr Pfarrer stellte mich ihm als seine Sekretärin vor, da ich nämlich in der letzten Zeit die ganze Hausordnung geschrieben. Der Schluß jenes Tages war am allerschönsten. Da wurde eine Diakonissin feierlich ausgesegnet, die Lehrerin an der hiesigen Kinderschule ist. Dabei durfte ich auch ein kleines Amt verrichten.

 Johanna Zwanziger läßt Sie herzlich grüßen. Wie viel mir diese echte Diakonissin geworden ist und immer mehr wird, kann ich gar nicht sagen. Mir ist bange aufs Frühjahr, wo sie nach Hannover kommt...

Ihre dankbare Therese.


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An ihre Mutter.
Neuendettelsau, den 15. März 1856

 Herzlich geliebte Mutter, Gnade und Friede sei mit Ihnen!

 ...Nicht wahr, Sie kommen?!! Es wäre vielleicht auch deshalb gut, daß Sie, liebe Mutter, einmal ordentlich mit Herrn Pfarrer meinethalben reden könnten, obgleich es nicht mehr sehr nötig sein wird, da Sie doch einmal Ihre völlige Einwilligung dazu gegeben haben, daß ich Diakonissin werde, und deshalb Herr Pfarrer mit mir tun kann, was er will. Ich darf wahrscheinlich als Lehrerin an unserer Kleinen Schule im Hause bleiben. Da ist mir dann das Los aufs Liebliche gefallen; denn das bißchen, was man selber hat, andern geben dürfen, indem man so reiche Fülle wieder empfängt, das ist ein süßes Los. Ich erkenne mich auch völlig unwürdig solch großer Gnade meines Gottes. Gnade, nichts als Gnade ist es, die mich von Kindesbeinen an geführt und immerzu gezogen und geklopft an mir und gerüttelt, ob ich mich doch endlich wollte willenlos hingeben in die durchbohrten Hände meines Heilandes.

 Diese Gnade tritt uns noch mehr als sonst in dieser Passionszeit nahe. Könnten wir uns da nur recht tief hineindenken in die heilige Passion unseres Herrn Jesu Christi: Aber geht es Ihnen dann auch so wie mir, daß das Herz bei der Betrachtung seiner Leiden so kalt bleibt? Wir haben gerade in dieser Zeit wieder reichen Genuß. Die Passionspredigten sind ganz unvergleichlich. Mittwoch ist das Thema der Predigt immer eine Charakterschilderung einer der im Leiden Christi vorkommenden Personen, Freitag aber ist es die eigentliche Betrachtung der Leiden, wozu die sieben letzten Worte den Stoff bieten.

 Was den gegenwärtigen Unterricht im Haus anlangt, so verhält er sich zu all dem, was in diesem Semester gelehrt worden ist, wie eine Krone zum Perlenkranz; denn denken Sie, unser lieber Herr Pfarrer liest mit uns die Offenbarung St. Johannis. Was das für herrliche Stunden sind, wenn wir da sitzen vor unserer aufgeschlagenen Offenbarung und lauschen den Worten unseres verehrten Lehrers, der uns die Augen über dies Buch öffnet, ohne jedoch erklären und deuten zu wollen, das kann ich Ihnen nicht sagen. Gestern begeisterte| uns der Gesang der wunderbaren Cherubim und der Ältesten und der ungezählten Engelscharen. Morgen, so Gott will, kommen wir zum 6. Kapitel. – Ich schreibe eifrig nach und werde, wenn Sie es wünschen, Ihnen mein Heft geben, wenn Sie kommen.

 ...Geliebte Mutter, Sie beten ja auch für mich, nicht wahr? Und dies Gebet füreinander soll nicht währen, solange das Erdenleben währt, sondern soll erst im Himmel zu rechter Kraft und Vollkommenheit kommen. Ich bitte Sie, mir das Versprechen zu geben, wenn Sie vor mir zum Herrn Jesus kommen, kräftig für meine Seele zu beten, sonderlich darum, daß sie ausharre und treu bleibe bis ans Ende und nicht den traurigen Rückfall erfahre, von dem Herr Pfarrer heute gepredigt; ich verspreche Ihnen hiemit, dasselbe für Sie zu tun, wenn ich eher als Sie heimgehen darf.

 Liebste Mutter, ich hätte Ihnen noch recht viel zu sagen und zu erzählen; wenn ich an Sie schreibe, ist oft so schnell eine Seite voll, daß ich kaum weiß, wie, aber es möchte Ihren Augen weh tun, meine ohnehin so schlechte Schrift zu lesen.

 Beinahe hätte ich vergessen, Ihnen noch eine Hauptsache zu schreiben, nämlich daß unsere Prüfungen und also der Schluß des Semesters noch vor Palmarum sind, den 2. und 5. März. Bitte, mich in diesen Tagen besonders ins Gebet einzuschließen. Ich bin recht froh, daß diese Dinge noch vor den Feiertagen abgetan werden, dann hat man doch während derselben nicht mehr die Angst. – Nun gute Nacht, herzliebste Mutter. Ich warte auf recht baldige erwünschte Antwort und bin in dankbarer Liebe Ihre

Therese.


An ihre Mutter.
Neuendettelsau, den 25. März 1856
 Liebste Mutter, ...viel werde ich Ihnen diesmal nicht erzählen, denn in drei Wochen komme ich selbst, wenn es Ihnen recht ist. Nun hören Sie meine Bitte, die vielleicht ein Lächeln bei Ihnen hervorruft; doch als gehorsame Schülerin muß ich dies schreiben. Wenn Sie wirklich wünschen, daß ich komme, so seien Sie so gut und legen Sie dem nächsten Brief ein Billet bei, in welchem der Wunsch ausgesprochen ist, daß| Ihre Tochter die Ferien bei Ihnen zubringe. Die Hausordnung, die mit großer Strenge durchgeführt werden soll, verlangt dies.

 O liebste Mutter! was haben wir für eine herrliche Festzeit gehabt! Am Gründonnerstagabend bin ich zum heiligen Abendmahl gegangen, am Karfreitag haben wir zwei herrliche Predigten gehört, am Samstag eine Beichtvesper (Vorbereitungspredigt), in welcher Herr Pfarrer von den Freuden des Paradieses sprach. Während wir da lauschend zu seinen Füßen saßen, ist zu Hause eine reichbegabte, hochbegnadigte Jungfrau, eine rechte Diakonissin, verschieden. Es war Emma Linß. Sie war eine Heilige Gottes, wie Herr Pfarrer sie nannte, ein Liebling Jesu und Seiner Engel. „Wie herrlich ist’s, ein Schäflein Christi werden“, daran wurde man unwillkürlich erinnert, wenn man sie ansah. Reich ausgerüstet mit Gaben des Geistes und Gemüts, war sie die Krone unseres Hauses, der Liebling von Herrn Pfarrer, welcher selbst gesagt: „Ihr Tod tut meinem Fleisch auch weh.“ Ich werde, wenn ich komme, von ihr erzählen, von ihrem herrlichen Leben und schönen Sterben. [Siehe „Lebensläufe“ S. 11.] – Am Ostersonntag (daß ich meine Erzählung zu Ende bringe) hörten wir wieder zwei Predigten. Und welche Predigten! Wenn ich komme, lese ich sie Ihnen vor. Am Ostermontag hörten wir eine Predigt und eine kostbare Christenlehre, heute (am Tage der Empfängnis Jesu) wieder eine herrliche Predigt über die Jungfrau Maria und diesen Nachmittag die Leichenrede unserer lieben Emma. Herr, laß mich leben, laß mich sterben wie diese!

 Gott schenke uns ein fröhliches Wiedersehen!

Ihre dankbar Therese.


An ihre Mutter.
Neuendettelsau, den 14. Juni 1856
 Liebste Mutter, ...ich freue mich recht, Sie, liebe Mutter, und die lieben Geschwister wieder zu sehen; insonderheit freue ich mich, wenn ich meine gesammelten Schätze auskramen und Ihnen recht viel erzählen kann von den herrlichen Dingen, die wir hier hören. In der letzten Zeit habe| ich auch die Wochenpredigten nachgeschrieben. So etwas Herrliches habe ich noch nicht gehört. Herr Pfarrer liest da mit uns den Jakobibrief und gibt uns in der Auslegung desselben unschätzbare „Almosen“ für unser ganzes Leben.

 ...Ich bin recht froh, daß die vergangene Woche hinter mir liegt, denn da waren fast alle Tage Prüfungen. Die letzte war die der Mädchenschule, wo ich selbst examieren mußte. Gleich am folgenden Tag wurde die Anordnung des nächsten Kursus besprochen. Ich habe bedeutend mehr zu tun bekommen: ich soll außer den Stunden bei den Kindern auch den Unterricht der deutschen Sprache und der in dieses Fach einschlagenden Gegenstände bei den Diakonissen übernehmen und die Repetentin Herrn Pfarrers in allen sprachlichen Gegenständen werden. „Weil sie so groß ist, hat man sie dazu gewählt“, sagte letzthin Herr Pfarrer zu einem Fremden.

 Ach, liebste Mutter, ich bin so selig und fröhlich in der letzten Zeit, daß ich nichts mehr wünsche, als allen, die ich liebe, meine innere Seligkeit mitteilen zu können. „Es ist eitel Unglauben“, sagte Herr Pfarrer in der gestrigen herrlichen Predigt, „wenn du traurig bist, es ist eitel Anfechtung, wenn du dir die Hände binden lässest von der Macht der Betrübnis, da doch der König des Lichtes, da doch Christus, dein Freudenmeister, über dir steht.“ – Ich mache es unserm seligen Ludwig nach und gehe alle Tage ein wenig hinaus nach Tisch, um Lieder zu lernen und die geistliche Übung, die heilige Ascetik, wie Herr Pfarrer in einer Predigt dies genannt, zu gebrauchen. O das sind herrliche Viertelstunden, die Segen über den ganzen Tag verbreiten.

 Herzliche Grüße von meiner lieben, guten Johanna. Ach, was fange ich an, wenn die nicht mehr hier ist! So kann einem selten jemand die Wahrheit sagen wie sie.

Ihre dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 17. Juni 1856
 Liebste, teuerste Mutter, ...gestern war die Leichenfeier eines elfjährigen Kindes, in dem sich die zarten Keime eines Glaubenslebens, die gewiß dort zu herrlichen Blüten und| Früchten erwachsen werden, schon hier auf eine liebliche Weise kund taten. Ich habe manche schöne Viertelstunde an ihrem Krankenbett zugebracht (auf dem sie elf Wochen gelegen), denn Herr Pfarrer hat mich mit meiner lieben Freundin Anna Hein zu diesem Kind geschickt, als wir ihn baten, auch Krankenbesuche machen zu dürfen. Zweimal war er selbst mit uns dort. O wie herrlich war das! Seit ich Krankenbesuche mache, freue ich mich noch mehr auf jeden Sonntag; denn es gibt nicht leicht ein Mittel, das unser inwendiges Leben so fördern kann; das Wort Gottes, das wir den andern sagen, erweist sich in seiner wunderbaren Kraft, indem es auch auf uns selbst zurückfällt.

 Weil ich nun von meinen Krankenbesuchen rede, so kann ich nicht anders als auch diejenige erwähnen, mit der ich dieselben gewöhnlich mache. Es ist meine liebe, schon vorhin erwähnte Anna. Wie viel hat mir der liebe Gott geschenkt, indem Er sie mir als Freundin zuführte! Sie ist so weit gefördert auf dem Heilsweg, daß ich in ihrem Umgang auch emporgezogen werde.

 Ich möchte Sie bitten, mir Noten zu schicken (d. h. Papier), denn Herr Güttler lehrt uns jetzt so schöne Lieder, die aber nicht im Gesangbuch stehen und deshalb abgeschrieben werden müssen. ...Könnten Sie mir nicht auch eine kleine Arbeit sagen, die ich ohne große Kosten machen könnte? Wir sollen nämlich Arbeiten machen, welche die vielen Fremden, die immer kommen, als Andenken mitnehmen dürfen...

 O liebste Mutter, was haben wir in der letzten Zeit wieder für herrliche Stunden gehabt! Die Abendstunden (von 6 bis 7 Uhr) sind so belehrend, daß gewiß viel gelehrtere Leute, als wir sind, noch Nutzen davon haben könnten, und die schönen Morgenstunden! Da faßt man mehr mit dem Gemüt als mit dem Verstand und sucht alles gleich ins Leben zu übertragen, was man gelernt. Die drei letzten Stunden handelten „von der seligen Feier des heiligen Abendmahls“. Ich möchte Ihnen wohl davon mitteilen, aber wenn Sie schon durch mündliches Erzählen nur ein schwaches Echo hätten von Herrn Pfarrers Reden, so ist dies noch viel mehr beim schriftlichen der Fall. – O ich will nun mit Ernst darnach streben, daß mein ganzes Leben fortan ein steter Wechsel zwischen Genuß und Vorbereitung wird, denn der Christ soll von Sakrament zu Sakrament| leben, wie ein Tagelöhner von einem Essen zum andern. Die morgende Stunde, wenn wir sie erleben, wird von der „Stellung des Christen zu der Welt“ handeln. Wie freue ich mich darauf! „Das wird für viele von Ihnen eine Entscheidung werden“, sagte Herr Pfarrer. – Wäre ich nur schon ganz los von allem Irdischen! Jesum allein soll mein Herz suchen und begehren. Jesus, nichts als Jesus soll meine Seele wünschen.

 Ich befehle Sie, teure Mutter, dem Schutze des treuen Gottes und bin

Ihre dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 21. August 1856

 Herzlich geliebte Mutter, der Friede Gottes sei mit Ihnen!

 ...Nun möchte ich Ihnen einiges über meinen Beruf schreiben, denn es ist mir eine süße Freude, davon zu reden. Nach dem Entwurf eines Stufenganges, den uns Herr Pfarrer neulich vorgelesen, soll die erste Stufe einer werdenden Diakonissin die sein, daß sie die Lehrerin einer Kinderschule wird, wenn sie die Hausarbeiten schon kann; versteht sie diese noch nicht, so soll sie sich als Magd auf einige Zeit verdingen. (Dazu hätte ich große Lust, wenn sich dazu Gelegenheit böte; ich könnte ja zu Ihnen oder zu Ida als Magd gehen.) Auf der dritten Stufe wird sie an einem Rettungshaus verwendet, und die höchste Stufe ist die, wenn sie als Gemeindediakonissin wirkt und da, wie es in den alten Zeiten war, die rechte Hand des Pfarrers ist. Dieser als Hirt und Wächter der Herde kann sich nicht so viel mit den Einzelnen beschäftigen. Dazu ist nun die Diakonissin da. – Ist das nicht ein herrliches Ziel? Könnte ich doch mit Ihnen, liebste Mutter, mehr davon reden! Könnte ich Ihnen recht viel erzählen von dem herrlichen Unterricht, den wir gegenwärtig über „geistliche Krankenpflege“ haben! Da wird uns ein neuer, nie gekannter Weg gezeigt, auf Kranke heilend einzuwirken. Weil die Seele so eine mächtige Einwirkung auf den Leib hat, so werden geeignete Seelenbewegungen einen wohltätigen, heilenden Einfluß auf den Leib, d. h. auf die Krankheit ausüben. Um aber solche Seelenbewegungen zu erzeugen, hat der Christ kein anderes, kein sichereres und höheres Mittel als das Wort Gottes.| Er übt also an dem Kranken Seelsorge, führt ihn den Weg der Buße und des Glaubens, leitet und fördert ihn auf dem Weg der Heilsordnung und zeigt ihm, wie er die Wirkungen, die jede Krankheit auf die Seele ausübt, durch das Christentum überwinden kann. Nicht minder herrlich sind die Stunden über Kindererziehung. Ich möchte Ihnen gern einmal mein Heft schicken, wo ich mir einiges hierüber aufgeschrieben habe; denn der Weg, der uns hier gezeigt wird, führt das Kind so früh auf eine liebliche Weise zu Gott, daß ich wünschte, alle Mütter möchten bei der Erziehung ihrer Kinder denselben gehen. Wenn zu Hause Löhes Katechismus ist, werden Sie am Ende desselben einen Teil dieses Unterrichts finden. Da ist nämlich vom Gebetsleben des Kindes und der Mutter die Rede. – Doch noch schöner als diese beiden Stunden, die wir immer morgens haben, sind die Abendstunden, wo wir einen Unterricht über die Glaubenslehren der lutherischen Kirche empfangen. Doch davon einmal mündlich recht viel!

 Sie können sich denken, liebste Mutter, wie ich mich freue, diese reichen Samenkörner, die durch einen solchen Lehrer in uns gestreut werden, hinaustragen zu dürfen zu Gottes Ehre und des Nächsten Nutz! Wie will ich mich freuen, wenn ich Ihm dienen darf mit all meinen Kräften, mit allem, was ich bin und habe!

 Ich kann Ihnen nun nimmer viel schreiben, obwohl ich gerne möchte, denn heute ist der Todestag des Fräulein Rheineck, und da will Herr Pfarrer mit uns auf den Kirchhof gehen, um ihr Gedächtnis zu feiern. Das wird schön werden!

 Wir haben gegenwärtig einen sehr interessanten Besuch, den Herr Pfarrer soeben herumgeführt hat, nämlich die Gräfin Stolberg, Vorsteherin der Diakonissenanstalt von Bethanien (bei Berlin), mit einer andern Diakonissin und ihrem Pfarrer Schulze. Ich gab gerade Stunde. Herr Pfarrer stellte die „kleine Person“ als Lehrerin vor und sagte: „Die ärgert sich schändlich, daß sie so klein ist, und wir geben ihr doch alle Tage zu essen, aber sie wächst nicht.“ Herr Pfarrer Schulze reichte mir freundlich die Hand und sagte: „Da trösten Sie sich nur; Gott kann auch kleine Leute brauchen.“

 Darf ich mir vielleicht diesen Herbst ein Regentuch kaufen? Ich kann dafür Mantel und Schal abtreten.

|  Noch eine Bitte: ich möchte diesmal nicht in die Ferien kommen, dafür aber Sie, beste Mutter, recht bald hier sehen. O kommen Sie doch! Ich bitte recht schön. Nicht allein, um die Sehnsucht Ihrer Tochter zu befriedigen, sondern viel mehr, um das Leben hier, um Herrn Pfarrer Löhe kennen zu lernen.

 Schreiben Sie mir recht bald, ob Sie kommen; aber richten Sie sich dann ein, daß Sie vielleicht acht Tage hier bleiben können. Gewiß, liebe Mutter, Sie werden dies nicht bereuen.

 Ich befehle Sie und alle dem Schutze des treuen Gottes. Beten Sie, wie ich stets für Sie, auch für

Ihre dankbare Therese.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 27. August 1856

 Meine liebste Schwester, ...Ich möchte jetzt nichts Lieberes, als die Entwicklung eines Kindes miterleben; denn wir haben gegenwärtig herrliche Stunden über Kindererziehung. Noch interessanter sind die Stunden über geistliche Krankenpflege, und die größte Fülle wird uns geboten in den Abendstunden, wo wir Unterricht empfangen über die lutherischen Glaubenslehren. Gegenwärtig spricht Herr Pfarrer von der Person Christi. Könntest Du nur einer einzigen solchen Stunde beiwohnen! Am Ende der heutigen Stunde war es mir ganz eigen zu Mut. Unwillkürlich muß die staunende Seele vor Ihm niedersinken in den Staub, wenn sie Seine Hoheit, Seine Majestät, Sein unbegreiflich, unerforschlich Wesen bedenkt. Und trotz dieser Hoheit ist Er dennoch unser Bruder und Freund, und wir dürfen uns Ihm in völligem Vertrauen nahen.

 Ich habe einen großen Wunsch, der gewiß auch der Eurige ist: daß unsere liebe Marie auch hieher käme. Was wäre dies für ein Segen für ihr ganzes Leben, besonders, wenn sie in diesem Jahre noch käme und von Herrn Pfarrer Löhe Konfirmandenunterricht erhielte! Freilich müßte die Meldung bald geschehen, denn es werden eigentlich nur bis Ende August noch welche angenommen.

|  Nun komme ich noch mit einem Vorschlag: möchtest Du mich nicht einmal als Magd annehmen? Ich muß mich einmal verdingen, denn ich verstehe noch gar zu wenig von den Hausarbeiten, Kochen etc., und eine Diakonissin muß doch dies alles gut verstehen. Wenn Du mich nicht willst, kann ich vielleicht in irgend ein Pfarrhaus kommen. Schreib mir doch, was Du meinst. Als Magd will ich dienen, denn ich muß wissen, wie das schmeckt; aber bitte, lache mich nicht aus damit, denn es ist mein völliger Ernst.

 Ich hätte Dir noch viel zu schreiben, aber ich habe diese wenigen Minuten nur aus Gunst des Fräulein Rehm noch benützen dürfen zum Schreiben; es ist schon fast alles im Bett – morgen müssen wir um 1/25 Uhr wieder aufstehen. Gute Nacht! ...Der Herr behüte Dich! Bete für Deine Dich herzlich liebende

Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 11. September 1856

 Meine liebe, gute Mutter, die Gnade des treuen Heilandes sei mit Ihnen! Das war gestern ein Diakonissensonntag! Von morgens bis abends klangen uns die Ohren von Diakonie und Diakonissenamt und Diakonissin. Ich werde Ihnen einmal die Predigt samt der darüber gehaltenen Christenlehre und der Ansprache in unserm Hof schicken, denn es war dies sehr belehrend.

 O wenn mich der Herr einmal würdigte, eine Gemeindediakonissin zu werden, wie sie in der alten Zeit waren! Dürfte ich den leuchtenden Vorbildern nachwandeln, die vom Apostel im Römerkapitel gegrüßt werden: einer Phöbe, einer Persis, einer Maria, die sich im Herrn abmüht!

 Liebe Mutter, ich sehe recht oft, daß ich schrecklich ungeschickt bin. Was andern ganz natürlich und angeboren ist, das muß ich mir alles erst aneignen, und oft habe ich dazu gar keine Lust. – Doch will ich eine Diakonissin werden, und die muß praktisch sein...

 Ich weiß nicht, ob ich schon in einem meiner Briefe geschrieben habe, daß gegenwärtig auch zwei Damen aus Rußland| hier sind, beide krank. Eine davon heißt Fräulein von Grünwald, zu der ich seit einiger Zeit fast täglich komme, um ihr die Stunden, Predigten etc. zu erzählen. Sie nennt mich deshalb ihren kleinen Pastor. Das ist mir immer eine süße Freude, zu ihr zu gehen, denn sie ist eine geförderte Christin, seit langen Jahren in der Leidensschule Jesu; denn denken Sie, sie kann, auch wenn sie nicht wie gegenwärtig zu Bette liegen muß, nicht gehen außer vielleicht ein paar Schritte mühsam mit Krücken. ...Ich habe jetzt auch die Korrespondenz mit einigen auswärtigen Diakonissen übernommen. ...Der treue Heiland sei stets mit Ihnen und mit
Ihrer gehorsamen Tochter Therese Stählin.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 6. Oktober 1856

 Liebe, gute Mutter, der treue Heiland schenke Ihnen Seine Gnade und Seinen Frieden! ...Es ist heute Sonntagabend, liebste Mutter; es ist wieder ein rechter Gnadentag vom Herrn gewesen. Da wir Erntefest feierten, durften wir zwei Predigten hören. Der Text von der ersten war: „Von Ihm und durch Ihn und zu Ihm sind alle Dinge.“ Herr Pfarrer machte uns namentlich das Wörtchen „zu Ihm“ recht eindringlich: wir selbst sollen uns dem Herrn darbringen, zu ihm bringen, uns opfern; dann dürfen wir auch unsere Gaben ihm darbringen, die Ernte wieder zu ihm bringen, von dem sie ausgeht, d. h., mit dem irdischen Gut Schätze im Himmel sammeln etc. Während gerade die Predigt am gewaltigsten war, wurde sie unterbrochen durch das Einstürzen eines Teiles der Decke; es hat nichts geschadet, als daß uns der Schluß der Predigt verdorben war. Herr Pfarrer, der von dem fast allgemeinen Schrecken unberührt blieb, sagte dann mit großer Ruhe: „Das war vielleicht eine gnädige Absicht Gottes, eure Schläfer aufzuwecken zum Gebet.“

 Mir ist diesen Nachmittag und Abend so wohl, ich fühle einen tiefen innerlichen Frieden. Ich weiß wohl, daß auf diese Gefühle nicht so großer Wert zu legen ist, da sie ja vorübergehend sind, sonderlich bei mir Sanguinikus; aber dennoch| sind es Gnadenstündlein, für die wir dem Herrn danken müssen. Ich will deswegen nicht traurig sein, wenn ich, wie das ja oft geschieht, Seine Nähe nicht fühlen darf; der treue Heiland weiß am besten, wie er die Seelen zu führen hat; Er gibt sich ja einer jeden einzelnen so ganz hin, als wäre Er nur für sie allein da. Ganz, ganz möchte ich meinem Heiland angehören, verabscheuen aus Herzensgrund möcht ich das halbe, geteilte Wesen, und mit allem, was ich bin und habe, mich Ihm zum Opfer bringen.

 Liebe, gute Mutter, ich bitte Sie herzlich, daß Sie ohne Unterlaß für mich beten, insonderheit darum, daß ich nicht in ein Gefühlsleben hineinkomme, sondern daß ein rechtes Glaubensleben in mir anfange. Der treue Hirte hat mich in Gnaden von Sündenwegen abgeleitet und auf rechte Straße geführt, aber es will mir schier manchmal bange werden, als könnte es mir gehen, wie ich erst gestern wieder in dem Büchlein: „Von dem göttlichen Wort, das zum Frieden führt“ gelesen, daß ich später auf diese Zeit, da ich mich im Herrn freuen kann, mit Schmerz blicken möchte, als sei das nur eine vorübergehende Jugendfreude gewesen. Doch ich weiß ja und glaub es fest, daß der Herr mich nicht von sich läßt, sondern mich vollenden wird.

 ...Ich will diesmal in den Ferien klüger sein und mir nicht so viele Aufgaben stellen wie das letztemal, dabei aber meine Zeit doch besser einteilen. Ich möchte recht viel Zeit auf die Hausgeschäfte wenden; Marie soll halt meine Lehrmeisterin werden, besonders im Kochen. Ich freue mich besonders auf die lieben Kleinen. Ich will sehen, ob ich’s nach dem empfangenen Unterricht ein wenig besser verstehe mit Kindern umzugehen als zuvor.

 Vor vierzehn Tagen ungefähr wurde ich in der Konferenz vorgeschlagen, an eine Kinderschule nach Glauchau geschickt zu werden. Doch ist’s nichts...

Ihre dankbare Therese.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 9. November 1856

 Liebste Mutter, der Friede Gottes sei mit Ihnen! Sie werden schon erfahren haben, daß wir heute vor acht Tagen gottlob ganz glücklich angekommen sind. Ich konnte mit Pächtners bis Merkendorf fahren, von wo aus wir vollends zu Fuß nach Neuendettelsau gingen. Die erste bekannte Person, die wir auf dem heimatlichen Boden sahen, war – unser lieber Herr Pfarrer, der mit Herrn von Pechlin von Wernsbach zurückging, wo er Beichtvesper gehalten hatte.

 Die Freude des Wiedersehens nach der „langen“ Trennung war sehr groß. Ich brauche Sie wohl nicht erst zu versichern, daß es keines Eingewöhnens hier mehr bedurfte und kein Heimweh zu überwinden war. O es ist hier so schön, so schön! Der neue Kurs bringt uns wieder viel Neues zu lernen und damit viel neue Freuden. Diese ganze Woche ging mit Ordnen der Stunden, Einteilung der Riegen, der Plätze etc. vorüber. In unserer Kleinen Schule ist noch nicht alles geordnet; es kostet dies immer viel Zeit und Mühe, besonders ist die Einteilung der Klassen wegen der großen Verschiedenheit der Vorbildung sehr schwierig. Unter den neuen Unterrichtsgegenständen sind namentlich ein paar, über die ich mich unendlich freue. Denken Sie nur, einige von uns dürfen – Griechisch lernen! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, mit welcher Begierde ich nach diesen Stunden verlange. Herr Pfarrer gibt uns diesen Unterricht auf Wunsch der Frau Liesching. Noch ein sehnlicher Wunsch geht mir in Erfüllung, indem wir Stenographie lernen dürfen. Auch kehren die von mir so sehr geliebten mittelhochdeutschen Stunden wieder. Herr Pfarrer hat ein Lehrmittel dazu herausgegeben, das er noch einmal mit uns Lehrerinnen durchgehen will, damit es eine von uns bei den Kindern lehren könne. Doch sind dies alles nur Nebengegenstände. Der Hauptunterricht Herrn Pfarrers, den er von 4–1/27 Uhr gibt, wird zuerst von der Gottesdienstordnung des Diakonissenhauses handeln, dann wird, weil sich das Bedürfnis dazu gezeigt hat, Katechismusunterricht gegeben werden, dann ein Unterricht über den heiligen Ort, die heiligen Geräte etc. Gestern Abend verhörte unser lieber Herr Pfarrer den Katechismus. Das war lieblich zu hören, wie unsere alten Diakonissen das aufsagten, was man gewöhnlich nur| von Kindern hört. Es zeigte sich aber, daß eine Repetition desselben hoch von Nöten sei. Ich möchte es gerne machen wie Luther und alle Tage den Katechismus aufsagen. Ein fernerer Unterrichtsgegenstand in diesem Semester wird biblische Einleitung sein. – In den Wochengottesdiensten werden die Propheten gelesen; wir müssen nebenbei fleißig die Geschichte des Alten Testamentes studieren, weil sonst die Propheten ja nicht verstanden werden können. – Und nun noch etwas: unser lieber Herr Pfarrer hält täglich den Abendgottesdienst, ißt bei uns und erzählt uns Heiligen- und Märtyrergeschichten und redet sonst bei Tisch noch viel schöne, belehrende Worte.

 O liebste Mutter, ich bin doch ein recht reiches, glückliches Kind! O, wenn nur die Sünde nicht immer wieder das Glück trübte! ...Ich befehle mich zu wiederholten Malen Ihrer fleißigen Fürbitte.

 Heute Nachmittag handelte die Christenlehre von den „letzten Dingen“. Es wurde viel vom antichristischen Reich geredet, von der furchtbaren Zeit, von den schrecklichen Verfolgungen, von der greulichen Macht des Teufels. Es ist wirklich ganz unbegreiflich, wie man so sorglos leben kann, da diese schreckliche Zeit vielleicht gar nicht mehr fern ist.

 ...Ich danke noch einmal für alle mir in den Ferien erwiesene Liebe und bleibe

Ihre dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 21. November 1856
 Herzlich geliebte Mutter, der Herr Jesus schenke Ihnen seinen Frieden im reichen Maße! Erst zwei Tage nach Ihrem Geburtstag komme ich dazu, Ihnen zu schreiben. Ich hoffe, daß Sie auch jetzt noch meinen herzlichen Glückwunsch zu demselben annehmen werden. Ich habe mir vorgenommen, Ihnen den Spruch zuzurufen: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.“ Und als ich diesen Abend anfangen wollte zu schreiben, da kam mir dieser Briefbogen unter die Hände, der gerade diesen Spruch zur Überschrift hat. Ja, mit neuer Kraft möge Sie der Herr ausrüsten, neue Stärke möge er Ihnen schenken, durch dies Jammertal getrost und freudig| dem ewigen Ziel entgegenzugehen. O liebste Mutter, was wird das sein, wenn wir nach wohlbestandenem Kampf und Streit uns der ewigen Ruhe bei unserem lieben Herrn Jesus erfreuen dürfen!

 Ich wiederhole Ihnen an diesem Tag meinen innigen Dank für alles, was Sie von meiner Jugend an mir getan haben, und bitte Sie um Verzeihung für alle die Sünden, durch die ich Ihnen Kummer und Sorge bereitet habe. Es sind mir dieselben heute wieder recht schwer auf mein Gewissen gefallen, als ich mich auf die Beichte bereitete...

 Der lieben Marie herzlichen Dank für ihren Brief. Sie hat mir große Freude damit gemacht. Leider aber kann ich dieses Mal nicht antworten. Ich habe recht viel zu tun und werde von nächster Woche an noch mehr zu tun haben, weil ich auch wöchentlich ein paar Stunden in die Blödenanstalt gehen darf. Ich bin darüber sehr erfreut, denn ich werde da viel lernen können über die Weise, Blöde zu unterrichten.

 Heute ist mir großes Heil widerfahren. Darüber bin ich voll Lobes und Dankes. Ich habe wieder Vergebung aller meiner Sünden empfangen in der Privatbeichte. Dazu hat mir mein lieber Beichtvater noch viel liebliche Worte gesagt und Rat gegeben. Unter anderem sagte er: Das sei ferne von mir, daß ich als ein untreuer Beichtvater sagte: „Es ist nicht so arg, wie du sagst, du täuschst dich, so schlimm sieht’s in deinem Herzen nicht aus, – sondern ich sage im Gegenteil: Es wird wahrscheinlich so sein, wie du sagst; ja noch mehr, es wird bei dir sein, wie bei mir und bei anderen, daß es noch weit schlimmer steht als du sagst, daß deine Sünden noch viel größer sind, als du sagen kannst und weißt. Aber ich bin dennoch getrost, und ich will dir sagen, warum. Derjenige, der dir deine Sünden zeigt, beweist dir eben damit, daß Er dein Freund ist, daß Er dich je und je geliebt und daß Er dich zu sich gezogen aus lauter Güte; es kann niemand in die Höhe geführt werden, der nicht zuvor hinabgeführt sei in die Tiefe der Selbsterkenntnis. Wenn dich der Herr schwarz macht wie im Hohen Liede (Kap. 1), so neigt Er sich dennoch als Freund zu dir. Es gibt schier kein sichereres Pfand von der Liebe des Herrn, als daß er die Seinen ganz klein und arm macht, alle eigene Gerechtigkeit nimmt und nur das Beste läßt, nämlich| den Rock der Gerechtigkeit, der Himmel und Erde mit seinem Glanz erfüllt.“ Dieser Rock der Gerechtigkeit ist nun mein Teil geworden. Ich bin so selig und fröhlich darüber, daß die schwere Sündenlast ausgetilgt ist. Und welch eine hohe Gabe erwartet mich erst nächsten Sonntag! O unser Leben sollte ein fortgesetzter Lobgesang des Herrn sein bei allem Jammer über unsere Sünde. Nächsten Sonntag gehen 225 Personen aus der Gemeinde zum Abendmahl, davon gehen über 100 zur Privatbeichte. Gestern und heute hat Herr Pfarrer die beiden Anstalten zur Beichte gehabt, und morgen wird wohl fast der ganze Tag darauf gehen, um die Gemeinde zu verhören.

 Nun, liebste Mutter, ich befehle Sie und alle die lieben Geschwister dem Schutz und der Gnade des Herrn und bleibe in dankbarer Liebe

Ihre Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 24. Dezember 1856

 Liebste Mutter, ...heute haben wir den letzten Adventssonntag gefeiert und eine Predigt gehört über die herrliche Epistel: „Freuet euch in dem Herrn allewege.“ Über alles sollen wir uns freuen, befiehlt demnach der Apostel, immerzu uns freuen, im Angesicht des Grabes, des Todes, jedes Schmerzes uns freuen? O liebste Mutter, wenn wir doch schon so weit wären! Immer freier wenn wir würden von der Sünde der Traurigkeit und immer tiefer hineingingen in das Meer der Freuden, das da Jesus heißt.

 Morgen gehe ich vielleicht, wenn Herr Pfarrer es erlaubt, nach Kloster, um Weihnachtsgeschenke einzukaufen. So reich und glücklich bin ich noch nie gewesen. Drei Mädchen haben sich mit mir verbunden, um den Armen eine Bescherung zu geben. Wir haben zusammen ungefähr 7 fl. dazu. Meine Ohrenringe sind so doch besser angewendet? Das übrige Geld ist auf ähnliche Weise erlangt worden. Sie können denken, wie wir uns auf diese Bescherung freuen. Das Weihnachtsfest wird überhaupt bei uns wunderschön werden. Am ersten Feiertag ist unsere Bescherung, am heiligen Abend die für die Armen der Gemeinde in der Kirche, woselbst ein hoher Baum funkeln wird. Auch soll am Mittwochabend Betstunde sein und| allgemeine Beichte mit Absolution. Wie wird das so schön werden!

 Nach Weihnachten will ich eine ausführliche Beschreibung der Feierlichkeiten schicken.

 Nun befehle ich Sie und alle dem Schutze des treuen Heilandes und wünsche nochmals die rechte, heilige Weihnachtsfreude. In dankbarer Liebe

Ihre vergnügte Therese.

 Herzliche Grüße an alle!


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 16. Februar 1857
 Liebe, gute Mutter, Friede und Freude vom heiligen Geist sei mit Ihnen! Ich danke herzlich für die beiden letzten Sendungen: für den Heimatschein und das schöne Notizbuch. Ersterer war oder ist vielmehr nötig zur Anfertigung von Paßkarten für sämtliche Diakonissenschülerinnen unseres Hauses, vermittels welcher wir alsdann in alle Himmelsgegenden versendet werden können. Es geht in diesem Semester wieder sehr schnell mit dem Verschicken. Und immer werden wieder neue verlangt. Nächsten Freitag werden zwei aus unserer Mitte als Erstlinge auch nach Westen abreisen. Herr Pastor Großmann, der diesen Winter über in Europa und zum größten Teil auch unter uns geweilt, führt zu seiner eigenen großen Freude diese Gehilfinnen an dem großen, schweren Werk mit sich nach Nordamerika. Nach Augsburg wurde auch eine Diakonissin als Erzieherin in ein Privathaus verlangt. Nach Odessa soll auch demnächst eine absegeln als Erzieherin fürstlicher Töchter etc. Immer weiter wird der Wirkungskreis unserer Diakonissen. Und alle diese, soweit sie auch zerstreut sind, sehen dennoch unsere liebe Anstalt als ihr Mutterhaus an, als ihre einzige Heimat auf Erden, in die sie auch mit Freuden wieder zurückkehren, sobald der Vorsteher und die Vorsteherinnen der Anstalt es wünschen; denn aus wohlerwogenen väterlichen Absichten läßt unser lieber Herr Pfarrer keine allzulange an einem Ort dienen, damit sie nicht etwa die neue Umgebung so lieb gewinne, daß ihr diese| zur Fessel werde, die sie an die Erde bindet. Ein häufiger Wechsel soll immerzu stattfinden. Daher auch das bewegte Leben in unserem Haus. Bald soll auch eine derartige Veränderung mit einer unserer Diakonissen vorgenommen werden, die mir nicht erwünschter sein könnte. Meine liebe, gute Johanna Zwanziger soll als „Putzmeisterin“ (oder wie ich sie nennen soll) hierher kommen und ihre Stelle durch eine andere besetzt werden. Es hat sich nämlich bei uns gezeigt, daß die Fußböden etc. schlecht gefegt, überhaupt alle Hausarbeiten schlecht verrichtet werden, und daraus entsteht nun die Notwendigkeit, eine eigene Aufseherin für diese Geschichten zu haben. Wenn Johanna auf diesen Vorschlag eingeht (und darum handelt sich’s eben nun noch), so wird daraus für uns gewiß viel Nutzen erwachsen, denn viele von uns können doch die Hausarbeit nicht ordentlich. Und ich, ich bin so voller Freud schon in der Hoffnung, daß meine Johanna wieder kommt, daß ich es gar nicht sagen kann. Das wird ein schöner Sommer werden! Zudem regt sich noch eine andere Hoffnung in mir, nämlich die, daß vielleicht auch Marie nächstes Frühjahr kommt. Es ist dies auch mit ein Hauptgrund, warum ich schreibe. Ist noch gar nichts mit den Brüdern darüber gesprochen worden, liebe Mutter? Wäre die Pension von 150 fl. nicht zu erschwingen? Es wäre für unsere Marie ein unberechenbarer Segen, selbst wenn sie nur auf Ein Semester (ein halbes Jahr) kommen könnte. Freilich dürfte mit der Meldung nicht mehr lange gezögert werden, da mit dem 15. März der Meldungstermin abgelaufen ist. Ich bitte recht herzlich, diese Sache in Überlegung zu nehmen und bald einen Entschluß zu fassen. Dann wüßte ich doch auch gewiß, daß Sie, liebste Mutter, einmal hierher kämen. Bitte, schreiben Sie mir über diesen Punkt recht bald etwas Bestimmtes.
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 In unserer „Kleinen Schule“, in die ja Marie eintreten würde, sind ziemliche Veränderungen vorgegangen und sollen noch mehr vorgehen. Bisher hat Herr Pfarrer die wöchentliche Visitation, in welcher immer nur die mehreren Gegenstände, die wir die Woche über gelehrt, vorgenommen werden, über sich gehabt. Bei den immer wachsenden Geschäften aber soll dieses Amt und damit eigentlich die ganze Leitung der Kleinen Schule mit Ausnahme der Vorstandschaft an Herrn| Kandidat Lotze übergehen. Es soll ferner bestimmt ausgemacht werden, was in dieser Schule geleistet werden soll, bis zu welchem Alter sie besucht werden kann; ferner sollen außer der Lehrdiakonissin, die die Oberaufsicht hat (welche gegenwärtig Schwester Kath. Hommel ist), noch zwei Lehrerinnen als ständig im Hause bleiben, unter deren Aufsicht alsdann andere Lehrschülerinnen zuhören sollen, um sich zum auswärtigen Dienst zu befähigen. Da hat sich’s nun eben neulich noch darum gehandelt, wer diese „Ständigen“ sein sollen. Eine davon ist Emma Merz, die andere steht noch in der Frage. Bis zum nächsten Frühjahr wird alles das in Ordnung kommen; dann wird um so leichtere, schönere Arbeit an der Schule sein.
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 Unsere gegenwärtigen Stunden sind wie immer herrlich. Mit der biblischen Einleitung sind wir heute bis zum Hohen Lied gekommen. Da wir in diesen Stunden natürlich nur Unterricht über die äußere Beschaffenheit und den allgemeinen Inhalt der einzelnen Bücher bekommen, so lesen wir immer abends, um die Einzelheiten eines jeden Buches zu lernen. Es gibt doch auf der Welt kein herrlicheres Studium als der Biblischen Geschichten! Wahrlich, ein reicher Garten ist die Heilige Schrift. Herrlicher Duft weht einem entgegen, wenn man dahin geht. Ich habe in der letzten Zeit eine Lust und Liebe zu Gottes Wort, wie ich sie noch nie gehabt, es müßte denn sein in der ersten Zeit, da ich in den Konfirmandenunterricht ging. Dem Herrn sei Preis für diese große Gnade, doppelt Preis, daß ich wieder einmal einen Fortschritt wahrnehmen darf, nachdem ich die Zeit her immer fast nichts als Rückschritt geschaut. – O liebe Mutter, danken und preisen Sie doch mit mir den Herrn, dessen Gnade so unaussprechlich herrlich auch an mir unwürdigen Magd sich erwiesen hat. Hätte ich meine Wege gehen dürfen, ich stünde mitten unter der Welt, hätte gewiß Gefallen an ihren Freuden, begnügte mich mit einem oberflächlichen, leichtfertigen Christentum; daß dies nicht so ist, ist alles Gottes freie Gnade, seine unendliche Barmherzigkeit, die nicht mein Verderben gewollt, sondern daß ich ewiglich lebe. Darum will ich nicht aufhören, solche Gnade zu preisen bis in Ewigkeit. Was wird’s erst sein, wenn wir im Himmel unsere ganze Lebensführung klar| überschauen können! Da wird’s erst zu rühmen und zu danken geben! Da reichen solche ungeübte Zungen, wie wir sie jetzt haben, nicht hin! Was wird das für ein Jubel, für eine Wonne sein!

 Liebste Mutter, ich bitte herzlich, daß Sie allezeit Ihre Hände aufheben und, wie für alle Ihre Kinder, auch ohne Unterlaß beten für Ihre

dankbare Therese.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 17. Februar 1857

 Meine herzlich geliebte Ida, der treue Heiland schenke Dir viel Freude und Frieden! Das, geliebte Schwester, ist mein Glückwunsch zu Deinem Geburtstag. Große Freudigkeit im heiligen Geist und steten Frieden in den Wunden des Herrn Jesu, das verleihe Dir Gott in Gnaden. Es ist ein Geburtstag im Grund ein rechter Freudentag. Wieder ein Schritt ist getan, wiederum ist man dem ewigen Ziel um ein Stück näher gekommen. Gottlob, daß unsere Pilgerfahrt nicht lange dauert, der Zug durch die Wüste ein kurzer ist und daß wir ewig daheim sein dürfen im Vaterhaus. Ich sehne mich darnach von Grund meines Herzens und Du gewiß auch, geliebte Schwester. Der barmherzige Heiland führe Dich und mich an Seiner durchbohrten Hand bis ans Ziel. Ich habe erst heute wieder recht ernstlich um das „Ausharren bis ans Ende“ gebetet. Durch Gottes große Gnade habe ich den rechten Weg erkannt und betreten; aber ob ich treu bleiben werde bis ans Ende? Jetzt scheint mir freilich das Gegenteil unmöglich, aber ich muß in mich ja das größte Mißtrauen setzen. Bete für mich, daß ich nie „entfalle von des rechten Glaubens Trost“, sondern immer vorwärts gehe, immer mehr mich ganz und gar vernichten lasse von dem heiligen Geist, damit ich nichts ergreife als allein das Verdienst Jesu Christi. Aber mir ist das so ein großer Jammer, daß ich alles, was ich höre, Predigten, sonstigen Unterricht etc. viel mehr mit dem Kopf als mit dem Herzen fasse. Wenn mir manchmal dann die Gnade geschenkt ist, daß mir etwas nicht nur in den Verstand, sondern tief in Herz und Gemüt dringt, dann merke ich den großen Segen, den das bringt. Und so könnte es doch immer sein.

|  ...Die gegenwärtigen Stunden sind wie immer herrlich. Sie beschäftigen sich mit der biblischen Einleitung und dienen recht dazu, unsere Lust an Gottes Wort zu erhöhen. Dazu kommt noch, daß wir alle Tage vor dem Abendgottesdienst einen Psalm zusammen sprechen (wobei angestrebt wird, Musik und Wohlklang in die Rede zu bringen), den uns Herr Pfarrer auslegt. Wenn ich mich da recht hineindenke in die Geschichte und David mit der Kinor(-Harfe) vor mir sehe, dann geh ich ganz über vor innerer Lust. Da uns die Einleitung bloß Unterricht über die äußere Beschaffenheit der Bücher gibt, so lesen wir immer abends die Einzelheiten des Buches. Das gemeinsame Bibellesen hat eine große Süßigkeit für mich. – Die Sonntagnachmittage bringen wir jetzt auch auf eine liebliche Weise zu. Wir setzen uns zusammen und nehmen, wenn wir nicht die Predigt repetieren, den einen oder andern schönen Gegenstand vor. Vorigen Sonntag z. B. gingen wir die Lehre von den Opfern durch nach einem Diktat, das uns Herr Pfarrer einmal darüber gegeben, und nächsten Sonntag wollen wir, wenn wir noch leben, die Sprüche Salomonis ein wenig anschauen und diejenigen heraussuchen, die gerade uns gehören. Ich möchte jetzt gleich alles auf einmal studieren: vor allem gründlich die biblische Geschichte, die ich noch so schlecht weiß und deren Kenntnis doch zum Verständnis der Propheten absolut notwendig ist. In den Wochengottesdiensten werden jetzt die letzten Kapitel des Propheten Hosea gelesen. Sehr lehrreich ist mir auch der Katechumenenunterricht, dem ich seit ein paar Wochen beiwohnen darf, weil ich ihn mit der Katechumenin zu repetieren habe.

 Nicht wahr, ich bin reich? Ich fühle mich aller dieser Wohltaten völlig unwürdig. – Das Griechische ist seit ein paar Wochen ganz ausgesetzt; heute aber sollen wir wieder einmal Stunde haben. Das Lesen geht schon ziemlich geläufig. Wir werden es so weit bringen, daß wir das Neue Testament griechisch lesen und verstehen lernen...

Deine treue Schwester Therese.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 2. April 1857

 Liebe, gute Mutter, ...denken Sie nur, nächsten Sonntag, so Gott will, soll meine Aussegnung sein. Herr Pfarrer hat mir noch kein Wort davon gesagt, aber Fräulein Rehm hat es mir als Konferenzbeschluß des vorigen Dienstags mitgeteilt. Ich soll als Klassenlehrerin an der unteren Mädchenschule bleiben. Ich schreibe Ihnen hauptsächlich nur deshalb, damit Sie und die Geschwister doch ja am Sonntagabend mein gedenken und für mich beten. Nicht wahr, Sie tun es gewiß. Ich bin freilich eine junge, untüchtige Diakonissin, aber der Herr gibt gerade den Schwächsten am meisten Kraft. Und ich preise Ihn, daß Er mich so früh zum Ziele meiner Wünsche führt. Ach, freilich hätte ich es sehr gerne, daß Sie oder sonst jemand von den Unserigen zugegen wären, aber es kann nun eben nicht sein. ...Unsere Prüfungsangst ist groß; denken Sie nur, wir Lehrerinnen müssen nicht nur in unserer Schule prüfen, sondern auch die Gegenstände, die Herr Pfarrer uns liefert.

Ihre Therese.



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Meine Seele erhebet den Herrn
III. Von der Jugend zur Reife »
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