Die Kaschemme Mutter Binks

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Autor: Max Schraut
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Titel: Die Kaschemme Mutter Binks
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Erscheinungsdatum: 1933
Verlag: Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Wikisource
Kurzbeschreibung: Ein Detektiv-/Kriminalroman.
Band 354 der Romanreihe Harald Harst. Aus meinem Leben.
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[1]

Harald Harst

Band 354


Die Kaschemme Mutter Binks


Von

Max Schraut



Verlag moderner Lektüre G.m.B.H., Berlin 16,

Michaelkirchstraße 23a


[2]

     Max Schraut gewidmet

Wer den deutschen Wald so fühlt wie du,
Und die Stimmung der märkischen Seen dazu,
Und das Ostseegeländ’ und die trutzige Stadt
Alt-Danzig, das dich geboren hat –

5
Und dessen heimliche Wege man geht

Mit dem Dichter, von Regen und Sturm umweht,
Der für sich und für andere rastlos strebt,
Dessen Menschen man mit ihm liebt und erlebt,
Der Männer schildert, ganz Deutsch von Art,

10
Im Verbrecher selbst – menschlichen Funken gewahrt,

Der für Deutschland kämpfte als ganzer Mann,
Der ist Deutsch, wie Deutsch nur Deutsch sein kann!
Der ist Deutsch, wie DeutschEin dankbarer Leser


Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschließlich das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1933 by Verlag moderner Lektüre, G. m. b. H., Berlin SO 16

Buchdruckerei P. Lehmann, G. m. b. H., Berlin SO 16


[3]
1. Kapitel.
Der Brief und das Stück Blei.

In einem unbeleuchteten Zimmer saßen an einem regnerischen, stürmischen Juniabend drei Personen eng beieinander und besprachen in gedämpftem Ton, der das Geheimnisvolle dieser Zusammenkunft noch erhöhte, unklare Dinge in ebenso unklaren Andeutungen.

Es machte den Eindruck, als ob keiner der drei den Gegenstand der Unterhaltung beim rechten Namen nennen wollte. Ob dies aus begründetem Mißtrauen gegeneinander geschah oder aus übergroßer Vorsicht, ließ sich schwer entscheiden. Vielleicht scheuten die drei sich davor, gewisse Begebenheiten, die ihre Seelen aufgerührt haben mochten, näher zu kennzeichnen, um ihre Empfindungen nicht noch weiter aufzupeitschen.

Das Zimmer, nur zuweilen durch das ferne kurze Aufflammen eines Wetterleuchtens in mäßige Helle getaucht, war ein Mansardenraum, der zu einem Dachatelier gehörte und enthielt nur leere Kisten, die der Frau und den beiden Männern als Sitze dienten.

Selbst das schnell wieder ersterbende Licht des Wetterleuchtens genügte nicht, etwa die Gesichtszüge oder Kleidung der drei zu erkennen.

Sie blieben dunkle, ungewisse Schatten, deren Lippen behutsam die Worte abwogen um ebenso behutsam [4] ihre Ansichten über das, was sie zusammengeführt hatte, den anderen zuzuraunen.

Keiner nannte je einen seiner Mitverschworenen beim Namen.

Sie waren einzeln wie die Diebe herbeigeschlichen gekommen, und um Mitternacht, als sie sich mit kräftigem Händedruck trennten, verließ die Frau als erste das halb leerstehende Atelierhaus, huschte die Treppen hinab, horchte wiederholt und verschwand draußen in Regen und Dunkelheit.

Ihr folgte der zweite nach Minuten, ein kleiner stämmiger Mensch von ungewöhnlicher Beweglichkeit, nur der dritte blieb noch, den Kopf in beide Hände gestützt, auf seiner Kiste sitzen und grübelte regungslos vor sich hin.

Dann knipste er ein goldenes Zigarettenetui auf, entnahm ihm eine Zigarette, ließ sein Feuerzeug auffunken und rauchte mit der Gier eines Menschen, dem das Nikotin ein gefährlicheres Nervenberuhigungsmittel zu ersetzen pflegt.

Gerade in seinem jetzigen Zustande waren seine Sinne auch für die schwächsten äußeren Eindrücke überaus empfänglich.

Er warf plötzlich mit einem Ruck den Kopf zurück, lauschte, erhob sich schnell und glitt zu einem der Fenster, öffnete es und stieg auf das schräg abfallende Zinkdach hinaus, rutschte bis zur Regenrinne und holte unter seinem eleganten dunklen Wettermantel eine Leine mit einem eisernen Haken hervor.

Seine Flucht in den Hof hinab, wo allerlei große Gipsmodelle von Statuen, Tierfiguren und allegorischen Gruppen verwitterten und gespenstisch leuchteten, vollführte er mit einer Sicherheit und Gewandtheit, die zumindest den guttrainierten Sportler verrieten.

[5] Unten im Hof angelangt, löste er durch ebenso geschicktes Emporschnellen des Seiles den droben befestigten Haken, fing ihn auf, damit er nicht irgendwo lärmend aufschlüge, und wandte sich nicht etwa der Straßenpforte zu, sondern benutzte zwei lose Bretter des schadhaften Zaunes zum Nachbargarten und tauchte in den regennassen Büschen unter.

Ein einziger Blick zum Dachatelier empor zeigte ihm, daß dort über die unverhüllten Fenster grelle Lichtstreifen von Laternen hinglitten.

Er hatte sich also nicht getäuscht … Das Knarren und Quietschen der Flurtür hatte ihn rechtzeitig gewarnt.

Man hatte wirklich die Polizei herbeigerufen, – man, – – natürlich von einem Fernsprechautomaten aus und unter Angabe erlogener Einzelheiten und ohne Namensnennung.

Er kannte diese Methoden bereits.

Er kannte leider nicht die, von denen in dieser hinterhältigen Art ein bösartiger Kleinkrieg geführt wurde.

Nachdem der hochgewachsene Mann drei fremde Gärten durchquert hatte, bestieg er eine Limousine, deren Chauffeur genau so vermummt war wie er selbst, und befahl mit einem Seufzer der Erleichterung:

„Nach Hause!“

Das Auto rollte davon.

Inzwischen war das Gewitter heraufgezogen, und in der Bismarckallee schlug ein Blitz kurz vor dem Wagen in eine hohe Rüster ein, die sofort wie ein Fanal aufflammte, da sie bereits halb abgestorben war.

Weder der Chauffeur mit dem hochgeklappten Mantelkragen und der tief in die Stirn gezogenen Mütze noch sein Herr in der Polsterecke nahmen von der elektrischen Entladung irgendwelche Notiz.

[6] Sie hatten schon ärgere Dinge erlebt als ein Gewitter, und der Herr in der Polsterecke murmelte lediglich:

„Ein 32-Zentimetergeschoß ist denn doch ein böserer Spaß …!“

Der elegante Mann lächelte geringschätzig.

Unwillkürlich streichelte er seinen linken Oberschenkel, wo die lange zackige Wundnarbe bei jedem Witterungsumschlag für ihn ein sehr zuverlässiges Barometer abgab. – –

In einer sehr bekannten, fast berühmten Serie von äußerst fein ausgeklügelten Detektivgeschichten rühmt sich der geistvolle Held, 135 verschiedene Arten von Zigarren- und Zigarettenasche zu kennen und nötigenfalls diese Kenntnis zur Entdeckung des „Schuldigen“ zu verwerten.

Zugegeben, daß die heutige Kriminalwissenschaft die modernsten Hilfsmittel der Chemie und Physik anwendet, und daß der Laie staunen würde, was alles durch diese modernen Prüfungsmethoden von winzigsten Gegenständen an Erfolgen erzielt wird. Als jener Schriftsteller vor etwa fünfzig Jahren seine zweifellos in ihrer Art wertvollen Erzählungen verfaßte, kannte man noch nicht einmal das heutige jedem Schuljungen geläufige Fingerabdruckverfahren.

Genau so war es mit den sonstigen Hilfswissenschaften der Kriminalpolizei bestellt.

„Mit den 135 Sorten Tabaksasche wird es also nicht so ganz gestimmt haben“, meinte Harst in derselben Nacht gegen zwei Uhr zu mir und füllte meine Kaffeetasse.

Er hatte heute seinen bissigen Tag. Er war verärgert.

Als vor Stunden, um halb elf etwa, ein Unbekannter durch den Briefeinwurf unserer Haustür einen [7] schon äußerlich sehr verheißungsvollen „Bittbrief“, der mit einem platt gedrückten Stück Blei beschwert war, recht lärmend hindurchgeworfen hatte, war mein Freund von vornherein sehr skeptisch gewesen, während ich mir nicht recht denken konnte, daß eine raffiniert ausgeklügelte Fopperei vorliegen könnte, – – wie Harst dies annahm.

Wie gesagt, er hatte seinen schlechten Tag, und nur mit Mühe gelang es mir, seine Gleichgültigkeit zu beseitigen und sogar sein Interesse durch einige vielleicht ganz glückliche Schlußfolgerungen wachzurufen.

Da nun eine Kriminalgeschichte, mag sie bloße Erfindung sein oder aber auf Tatsachen fußen, unbedingt ein ganz klares Bild der Vorgänge widerspiegeln muß, will ich zunächst den „Bittbrief“ unter die Lupe nehmen.

Für gewöhnlich bedienen sich die Herren „Ungenannt“ der Schreibmaschine. Unser Anonymus, ob Mann oder Weib, bleibe vorläufig dahingestellt, wich von dieser Regel ab und hatte mit Tintenstift geschrieben. Als Papier war die weiße Rückseite eines Reklamezettels einer Dampfwäscherei benutzt worden. Diesen Zettel hatte Herr Ungenannt nachher zusammengefaltet, mit Stearin versiegelt, als Petschaft seinen Daumen verwendet und als „Beschwerung“ das Stück Blei mit eingesiegelt.

Die Anschrift lautete:

Herrn Ahmahteuhrdehtektief H. Harst.
Eilt sehr!!

Die Handschrift war auf den ersten Blick die eines Menschen, der die höheren Klassen eines Vollgymnasiums bis Sexta besucht hat und auf Sexta dreimal sitzen geblieben, sodann aber braver Landarbeiter geworden ist. Es war eine kindlich-unbeholfene Schrift, [8] und die dazu gehörige Rechtschreibung war durchaus eigenartig, – vergleiche die Adresse.

Der Inhalt dieser denkwürdigen Urkunde lautete:

     Geehrter Herr Harst,
ich bin nur bloß ein einfacher Mann, der noch nie nich mit die Juhstihz zu tun gehabt hat. Aber daß ich so stillschweihgehnd zusehen soll, wie so Meerder frei rumlaufen, das geht nich. Gehen Sie heute abend noch nach[1] die Pücklerstraße 16 oben leeres Dachahtehljeh, und Sie werden Ihr blauhes Wunder erleben. Ich bitte Ihnen höflichst darum. –
Herr Ungenannt.     

„Dachahtehljeh“ für Dachatelier empfehle ich den Bearbeitern des Entwurfs für eine neue volkstümliche Rechtschreibung zur freundlichen Beachtung.

Harst warf den Brief nach kurzer Durchsicht auf den Tisch zurück. „Witzbold!!“, sagte er nur.

Nachdem ich den Bittbrief studiert hatte, raffte ich all meine ererbten und angelernten Fähigkeiten zusammen und sprach die gewichtigen Worte: „Lieber Harald, dreierlei ist an diesem Schreiben bemerkenswert. Erstens. Die Handschrift ist verstellt …!“

„Was du nicht sagst!! Das hätte auch der kluge Elefant Jumbo aus dem Zoologischen Garten trotz seiner Schweinsäuglein gesehen!!“

Ich ließ mich nicht stören. Harst meinte es nicht so arg.

„Zweitens also: Der Daumenabdruck in dem Stearin rührt von einem Mädchen her“, erklärte ich feierlich.

„Indirekt ja“, nickte er.

„Indirekt?! Wie verstehst du das?!“

[9]Ich verstehe das. Das genügt. Bitte … drittens?“

„Nun, drittens ist dieses Stück Blei bestimmt eine plattgedrückte Kugel ohne Mantel, also reines Blei, wie man es heute nur noch bei Kleinkaliberbüchsen als Geschoß benutzt.“

Mein Freund wurde plötzlich lebhaft. „Reiche mir das Stück Blei doch noch einmal herüber … – Danke. Du hast recht. Das ändert die Sache … – Schnell, brechen wir auf …“ –

Die Pücklerstraße liegt in einem der westlichen Berliner Vororte und enthält nur das eine Atelierhaus. Wie wir unbemerkt auf das in der Mitte flache Dach gelangten, will ich hier nicht näher ausführen. Es ist belanglos.

Jedenfalls waren wir bereits zehn Minuten vor halb zwölf auf Wache, sahen dort[2] zuerst die verschleierte Frau vom Hofe aus in das Mansardenatelier huschen, beobachteten als zweiten geheimnisvollen Gast den stämmigen, untersetzten Mann mit den katzenhaft gelenkigen Bewegungen und als dritten den großen Herrn im Wettermantel.

Die Unterredung der drei zu belauschen, war unmöglich. Wir konnten nur feststellen, wo sie sich zusammengefunden hatten und wie nach etwa einer halben Stunde der Stämmige und die Frau sich wieder entfernten und der „Herr“ im Dunkeln allein auf seiner Kiste sitzen blieb und Zigaretten rauchte.

Unser Versteck oben auf dem Pappdach war so beschaffen, daß wir durch das schräge Atelierfenster nicht nur das Feuerzeug des „Herrn“ aufblitzen sahen, sondern auch durch eine zerbrochene Scheibe die Zigarette rochen.

[10] Dann ereignete sich das, was für Harst so recht kennzeichnend war. Infolge des starken Wetterleuchtens bemerkte er im Hofe und auf der Straße mehrere schleichende Gestalten, öffnete sofort die Bodenluke, die verrostete Scharniere hatte, und warnte durch deren Quietschen den stattlichen „Herrn“, der dann, wie eingangs von mir geschildert, äußerst gewandt entfloh und uns noch Zeit ließ, schleunigst in das Atelier einzudringen, wo Harst vor der Kiste des „Herrn“ vom Fußboden einige Krümchen Zigarettenasche auflas.

Er war damit kaum fertig, als die Kriminalpolizei eindrang. – – Der Leser wird nun auch begreifen, weshalb ich von den 135 verschiedenen Arten Tabaksasche gesprochen habe.


[11]
2. Kapitel.
Mord – – oder sonst etwas?!

Die Beamten, die von Kommissar Bhut für diese Razzia eingesetzt worden waren, glaubten zunächst, einen großartigen Fang getan zu haben. Als Bhut jedoch erschien, machte er ein genau so säuerlich-langes Gesicht wie seine Schergen.

„Wie, – – Sie hier, Herr Harst?!“

„Es scheint so … Vorläufig wandele ich noch nicht als Geist umher. Also muß ich es wohl sein.“

Bhut war nicht unser Freund. Er war uns schon zweimal als Hindernis bei anderen Gelegenheiten über verschwiegene Wege gelaufen.

Harsts sarkastische Antwort reizte ihn.

„Was tun Sie hier?“, fragte er sehr dienstlich. „Sie befinden sich hier in einer fremden, leeren Wohnung, und schon dieses Eindringen …“

„Gestatten Sie …“ Mein Freund war berückend liebenswürdig. „Fremde Wohnung?! Ach nein … Bitte, lesen Sie …“

Und er reichte ihm einen Bogen hin, der mit einem [12] zusammengefalteten gedruckten Mietskontrakt verzweifelte Ähnlichkeit hatte.

Nun war die Reihe, erstaunt zu sein, an mir.

Ich war nicht erstaunt, ich war einfach erschlagen.

Bhut hustete verlegen … „Ah so, – – entschuldigen Sie … Sie haben das Atelier heute vormittag gemietet, wie ich sehe … Das ändert die Sache …“

„Allerdings. Als Wohnungsinhaber darf ich Sie wohl höflichst fragen, weshalb Sie hier acht Mann stark eingedrungen sind?“

Bhut bedauerte außerordentlich … „Den Anlaß dieser Razzia darf ich Ihnen nicht verraten. Außerdem dürfte es Ihnen, gerade Ihnen bekannt sein, denn wenn Harst ein Atelier mietet, für das er keine Verwendung hat, glaubt er eben mit Hilfe dieses Mietskontraktes bequemer gewisse Dinge aufklären zu können, die …“

„Pardon“, fiel mein Freund ein. „Lesen Sie doch den Kontrakt genau! Da steht, daß ich das Atelier für den Reklamezeichner Siegfried Waga gemietet habe. Herr Waga ist ein alter Herr von siebzig Jahren, dem es sehr schlecht geht. Er mußte zuletzt um Almosen betteln, kam zu mir, und ich wollte ihm dann eben helfen. – Falls Sie hier amtlich zu tun haben, werde ich Ihnen nichts in den Weg legen, wir werden uns verabschieden, wir wollten ohnedies hier nur das drohende Gewitter abwarten. Gute Nacht, Herr Bhut …“

Ich wußte von dem Reklamezeichner Siegfried Waga genau so wenig wie von dem Mietskontrakt. Harst hatte einmal wieder allein einige Extratouren ohne mich ausgeführt.

Eine Taxe brachte uns heim. Ich war verärgert und still, fragte nichts, – – und nun mag der Leser im Gehirn wieder etwas zurückblättern und an meines [13] Freundes Äußerung über die 135 Tabakssorten denken. Dadurch wäre der Zusammenhang mit dem Vorausgegangenen hergestellt. Den Ereignissen selbst habe ich allerdings in der Einleitung etwas vorgegriffen.

Mir war inzwischen klar geworden, daß mein Freund das Atelier nicht lediglich deshalb gemietet hatte, um dem bedürftigen Künstler Siegsried Waga ein Heim zu verschaffen. Das Erscheinen des Kommissar Bhut und seiner Beamten in dem Atelierhause ließ nur den Schluß zu (ganz abgesehen von dem Brief des Fräulein Ungenannt), daß die Mansarde dort irgendwie mit einem Kapitalverbrechen in Verbindung stände, dem Harst bereits insgeheim nachgespürt hatte. Ich wartete nun auf seine weiteren Erklärungen. Die „Tabaksasche“ war ja nur die Einleitung. Ich merkte, er würde reden. Er hatte das Papiertütchen mit der vorhin aufgelesenen Zigarettenasche hervorgeholt und warf es nun achtlos in den Ofenvorsetzer.

„Ich brauche dir wohl nicht zu bestätigen, mein Alter“, sagte er mißmutig wie bisher, „daß ich vor dir so etwas Komödie gespielt habe. Der Brief von „Ungenannt“ kam mir allerdings überraschend, und er dürfte sehr wichtig werden. Du entsinnst dich, daß man vor drei Monaten, im März, in einer Schonung des Waldes unweit des Schlachtensees eine männliche, gutgekleidete Leiche fand, die einen Halsschuß aufwies. Der Tod war durch Verbluten eingetreten. Der Tote wurde bisher nicht identifiziert. Die Polizei nahm Raubmord an. Du hattest in jenen Tagen gerade deinen altgewohnten jährlichen Grippeanfall und lagst mit vierzig Grad zu Bett. Der mysteriöse „Raubmord“ ging durch alle Zeitungen, und gewisse Einzelheiten ließen mir keine Ruhe, ich mußte den Dingen persönlich nachgehen, machte drei Ausflüge nach Schlachtensee und [14] suchte den Fundort der Leiche und die weitere Umgebung mit größter Sorgfalt ab.“

Sein Gesicht hatte sich in Erinnerung an jene Stunden im stillen Walde immer mehr belebt. Er trank schnell einen Schluck Kaffee, nahm eine frische Zigarette und fuhr fort:

„Suchen und Suchen ist ein Unterschied. Die Polizei hatte sich in den Gedanken verrannt, es läge Mord vor, Raubmord. Die Taschen des Toten waren leer. Nichts deutete auf seine Persönlichkeit hin. Andrerseits stand in den Zeitungen zu lesen, daß der Mörder zweifellos an Ort und Stelle Versuche gemacht hatte, die Blutung zu stillen. Man fand an der Wunde Fäserchen von Mullbinden. Bitte, beachte: Mullbinden! Dies hatte mir zu denken gegeben.“

Er schaute mich forschend an. Ich erklärte dann auch:

„Ein Mörder, der Mullbinden bei sich führt, ist ein Unikum, es sei denn, der Täter wäre Arzt gewesen.“

„Ganz recht: Arzt!! Darauf kommt es an. – Ich suchte also. Ich fand dreihundert Meter vom Tatort entfernt – der Mord ist bestimmt an jener Stelle verübt worden, dafür sprachen die Blutmengen im Waldboden – unter einem flachen großen Stein eine Anzahl Mullbinden, die braunschwarz verfärbt, hart und somit blutdurchtränkt gewesen waren. Sie liegen dort im Tresor. Durch diese Entdeckung angespornt, habe ich …“

„Verzeihe“, unterbrach ich ihn, „waren es sehr viel Mullbinden?“

„Ja“, erwiderte er mit eigentümlichem Glanz in den Augen. „Es waren sechs lange Binden, und diese lassen nur die Schlußfolgerung zu, daß ein Arzt sich [15] bemühte, den tödlich Getroffenen zu retten. – Angespornt durch diesen ersten Fund, suchte ich nochmals die nähere Umgebung des Tatortes ab. Die Schonung enthält an jener Stelle einen alten Eichenhain. Die Eichen stehen sehr weit auseinander, zwischen ihnen liegen viele bemooste Steinhaufen. Dir ist nun bekannt, daß eine abgefeuerte Bleikugel, sobald sie auf einen Stein aufschlägt und sich breitdrückt, einen blaugrauen Fleck hinterläßt, – einen solchen Fleck von der Größe eines Markstückes fand ich, und wenn du nun einmal die Bleikugel, die Fräulein „Ungenannt“ ihrem Briefe beifügte, genau dir ansehen willst, wirst du noch jetzt in dem plattgedrückten, an den Rändern ausgefaserten Geschoß Spuren von grauem Steinmoos erkennen. Mithin hat „Ungenannt“, behaupte ich, vor mir das tödliche Geschoß dort an der Mordstelle gefunden und mir absichtlich zugeschickt. Vielleicht hat „Ungenannt“ mich auch im Walde beobachtet.“

Er schwieg. Ich massierte mir etwas die Stirn, denn der Fall begann recht verzwickt zu werden.

Mein Freund, den wohl nur Kommissar Bhuts Erscheinen im Atelier noch mehr verärgert hatte, fügte jetzt in seiner gewohnt bedächtigen, klaren und präzisen Art hinzu:

„Trotz der Mullbinden und der Entdeckung der Stelle des Kugelaufschlages kam ich mit meinen[3] Nachforschungen keinen Schritt weiter. Dir gegenüber verheimlichte ich meine Enttäuschung, beschäftigte mich aber in Gedanken andauernd mit dem schwierigen Problem. Ich sagte mir, daß der ausgeplünderte, elegante Tote – selbst die Manschettenknöpfe fehlten! – unbedingt ein Mann sein müßte, der weder in Berlin noch in Deutschland beheimatet gewesen sein könnte. Sein Verschwinden hätte sonst auffallen müssen. So gelangte [16] ich denn mit der Zeit zu der Annahme, er sei ein Ausländer gewesen, der, ohne irgendwo in Berlin sich einzumieten, dort im Walde eine vereinbarte Zusammenkunft gehabt hätte, bei der er den Tod fand. Wie, – das will ich vorläufig für mich behalten. Meine Theorie würde jeder Fachmann, auch Herr Bhut, als phantastisch bezeichnen. In logischer Folgerichtigkeit entschied ich mich fernerhin für die Annahme, der Tote habe bei seinem Eintreffen in Berlin sein Gepäck auf dem Bahnhof oder auf dem Flughafen Tempelhof abgegeben. Da mir als Privatmann nicht die behördlichen Mittel zur Verfügung stehen, benutzte ich den alten Trick und schrieb mit Maschine anonym an die Polizei und gab ihr den Tip, doch einmal nach Gepäck nachzufragen, das am 14. oder 15. März irgendwo in Berlin zur Aufbewahrung abgegeben sei. Dieser Brief ging vor fünf Tagen ab. Den Erfolg hast du selbst heute miterlebt. Bhut erschien in dem leeren Atelier!“

Er nickte mir lächelnd zu.

„Du machst jetzt ein Gesicht, mein Alter, wie ein Schütze, der abwartet, was der Scheibenanzeiger nach dem Schuß um die Königswürde herausschieben wird. Wird es eine Zwölf sein?! – Ja – für uns ist es eine Zwölf … Denn – gib acht! – der frühere Mieter des Ateliers war ein Amerikaner Hendrik Waterston, war Maler, studierte hier die Gemäldegalerien und kehrte Januar dieses Jahres nach Newyork zurück. Ich behaupte, Waterston ist der Tote.“

„Also behauptest du auch, die Polizei hat Waterstons Gepäck gefunden und dadurch seine Persönlichkeit festgestellt?“

„Ja. Es muß so sein. – Bisher, glaube ich, haben wir uns auf einer streng logischen Linie vorwärtsbewegt. Wir wollen es auch weiter tun. Besinne dich [17] jetzt gefälligst auf Bhuts Bemerkungen mir gegenüber. Er sagte ungefähr: „Den Anlaß dieser Razzia darf ich Ihnen nicht verraten, außerdem dürfte er gerade Ihnen bekannt sein“. Hiermit gab Bhut zu, daß er mich für den Absender des anonymen Schreibens an die Polizei hält …“

„Mag sein“, nickte ich vorsichtig.

„Es ist so!“ Harst war jetzt der Harst, der sich selbst am Feuer der eigenen Gedankenfülle immer mehr erwärmt. „Springen wir jetzt zu der Person Siegfried Wagas über. Waga kam zu mir, als du gerade in der Stadt zu tun hattest. Er kam als Bettler … Seine ehrwürdige Erscheinung, seine Not und sein bescheidenes Benehmen veranlaßten mich, ihn ins Zimmer zu bitten, und im Laufe des Gesprächs erwähnte er, er sei bis Januar des Jahres bei einem reichen Amerikaner Faktotum gewesen und habe in dessen Atelier mit seiner Enkelin gewohnt, jetzt hause er in einem Kellerloch … Der Amerikaner sei Maler gewesen. habe ihn anständig bezahlt. habe Hendrik Waterston geheißen und sei überstürzt nach Amerika abgereist.“

Ehrlich gestanden: Dieser Kriminalfall entwickelte sich zu einem so geheimnisvollen Durcheinander, daß ich leise mahnte: „Sprich weiter! – Und was nun?!“

Er erhob sich. „Was nun?! Man soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist … Der alte Waga wohnt in der City unweit des Rathauses in einer jener uralten malerischen Gassen, die leider durch die fragwürdige Bewohnerschaft verschandelt werden … Er hat eine Enkelin Elsie, die überraschend pikant ist. Ich würde jede Wette darauf eingehen, daß Elsie Waga die Schreiberin dieses Briefes ist und daß ihr Großvater absichtlich zu mir kam … – Brechen wir auf. Wenn meine Vermutungen zutreffen, werden wir in dieser Nacht noch einiges erleben.“

[18] – Einiges?! –

Unsere Erlebnisse waren keineswegs alltäglich und erst recht nicht nervenberuhigend.

Wir kleideten uns um …


3. Kapitel.
Frau Thea Bink, die Zuchthäuslerin.

Die Kellerkneipe der Mutter Bink in der Lavendelgasse hieß sehr schlicht „Zur Mutter Bink“.

In dieser Nacht thronte die weißhaarige Frau, die noch verblüffend jung trotz der weißen Haare aussah, wie immer hinter dem blitzsauberen Ausschank und überwachte die beiden steifbeinigen alten Kellner, die den zahlreichen Gästen immer wieder Bier und Likör und Gratiswürstchen vorsetzten.

Mutter Bink hatte heute Geburtstag. Sechsundfünfzig war sie geworden.

In ihrem schwarzen, schicken Seidenkleid, mit den schmalen Händen und dem etwas hochmütig-verschlossenen Gesicht paßte sie so gar nicht in diese Umgebung hinein. Eine Kaschemmenwirtin, die ausnahmslos nur Leute „von der Zunft“ bei sich duldet und die selbst einige Jahre hinter Eisengittern in stiller, unfreiwilliger [19] Zurückgezogenheit gelebt hat, stellt man sich gemeinhin anders vor.

Wer nach Schluß der Polizeistunde noch bei ihr vorsprechen wollte, benutzte den zweiten Eingang über den Hof. Das Haus gehörte Frau Theodora Bink, es war uralt, über der Einfahrt war ein Granitstein mit der Jahreszahl 1745 eingefügt, und dieses ehemalige Patrizierhaus aus Friedrichs des Großen Jugendtagen zeigte auch im Innern den Hang der damaligen Zeit für Wendeltreppen, Winkelchen, Eckchen, enge Flure und dann wieder eine protzige Raumverschwendung einzelner Vorderräume.

Harst wußte hier bereits überraschend gut Bescheid, ein Beweis, daß er nachts zumindest schon einmal und zwar in derselben Maske wie heute die Kaschemme besucht haben mußte. Er wurde ohne weiteres von dem Türhüter, der uns auch das Tor der Einfahrt geöffnet hatte, durch einen langen Flur an Küche und Küchendünsten vorüber zum „Allerheiligsten“ geführt. Das war „das“ Vereinszimmer der Kaschemme. Zur Zeit war es leer.

„Sagen Sie Mutter Bink“, befahl Harald dem trinkgeldfreudigen Manne in gebrochenem Deutsch, „daß ich sie erwarte … Hull ist mein Name.“

Hull?! – Nun wurde mir auch klar, weshalb mein Freund gerade die Maske mit dem kurzen, dicken blonden, den Mund verdeckenden Schnurrbart gewählt hatte. Er besaß einen Paß auf den Namen eines Engländers Percy Hull, Agent, London. – Ein Agent kann alles Mögliche sein.

Frau Bink trat ein. Ich sah sie zum ersten Mal, und mein Erstaunen über ihre stattliche, vornehme Erscheinung steigerte sich noch, als sie zu sprechen begann. [20] Sie begrüßte Mr. Hull in tadellosem Englisch ganz in der Art einer Dame, die Gäste zu einer feingeistigen Teestunde empfängt. Ihre Stimme und Ausdrucksweise paßten sich ihrem Äußeren vollkommen an, und es schien im ersten Augenblick undenkbar, daß diese Frau eine Verbrecherkneipe besaß und sechs Jahre Zuchthaus hinter sich hatte. Und doch war es so: Sechs Jahre Zuchthaus wegen Totschlags! So hatte Harst es mir im Auto erzählt. Einzelheiten über diesen Totschlag, der viele Jahre zurückläge, wüßte er nicht, – behauptete er …

Nun saß diese merkwürdige Frau uns gegenüber, und ich, der ich ihr als Freund und Compagnon Mister Hulls vorgestellt worden war, konnte nur immer wieder heimlich den Kopf schütteln über die geistigen Zauberkunststücke oder geistigen Akrobatenstücke, die von zwei ziemlich gleichwertigen Gegnern in heißem Wettbewerb hier geleistet wurden.

Es war ein Kampf mit Worten zwischen Frau Thea Bink und meinem Freunde um die Verschleierung der Wahrheit, – – Das war es. Und das war auch das Interessante, Packende bei alledem.

Man rede mir nicht davon, daß eine Kriminalerzählung unbedingt den Leser durch logischen Aufbau und durch grob zugespitzte Situationsmalerei, mithin durch Sensationen fesseln müßte. Nein, nur wer in die Tiefe der Geschehnisse und in die gleiche Tiefe der mit den Geschehnissen schicksalhaft verbundenen Personen, also in ihren seelischen Gehalt hinabsteigt, wird die vornehmste Aufgabe jedes Schreibenden erfüllen: Erzieher am Volksganzen, Mahner und Läuterer zu sein!

Da saß sie nun, diese ehemalige Zuchthäuslerin, die zarten Hände im Schoße verschlungen, den Kopf [21] klüglich im Schatten haltend. Über dem schwarzen Seidenkleide, das schmucklos war wie ein Trauergewand und doch schlicht-vornehm wie eine Toilette für eine ernste Feier, – über diesem stumpfem Schwarz leuchteten das fleckenlos weiße Haar und das makellos rosige Gesicht wie die Bestandteile eines wesenlosen Hauptes. Und dann sprach diese Frau, begann den Angriff:

„Sie sind mir vorgestern eine Antwort schuldig geblieben, Mr. Hull. Gut, Sie haben Hendrik Waterston auf einer Überfahrt nach Newyork näher kennen gelernt. Woher aber wußten Sie, daß Waterston bei mir verkehrte, mich kannte?!“

Harst, der sich eine Zigarre angezündet hatte (er, der „Nur-Zigarettenraucher“, – natürlich Absicht!), erwiderte harmlos: „Oh, – er erwähnte gelegentlich Ihr Lokal, Frau Bink … Sehr einfach also, daß ich Sie aufsuchte …“

„Gewiß, sehr einfach …“ Das konnte versteckter Hohn sein … Vielleicht … – „Und Sie haben dann also mit Waterston in Briefwechsel gestanden und wunderten sich, daß Ihre letzten Briefe als unbestellbar zurückkamen.“

„Ja, ich wunderte mich nicht nur, ich war sogar sehr in Unruhe Waterstons wegen. Er hatte mir vier Landschaften zum Verkauf überlassen, und diese wertvollsten seiner Arbeiten fanden in London Käufer … Kein ehrlicher Agent hätte sich damit zufrieden gegeben, daß sein Auftraggeber und Gläubiger plötzlich verschollen war. All das sagte ich Ihnen bereits vorgestern, Frau Bink. Nun frage ich Sie. Woher kennen Sie Waterston und was wissen Sie über seinen Verbleib? Ich habe das Gefühl, daß Sie weit besser eingeweiht sind, als Sie dies zugeben möchten, und ich würde es außerordentlich bedauern, mich nötigenfalls an die Polizei [22] wenden zu müssen. Waterston muß gefunden werden.“

Frau Thea Bink hob etwas die Schultern. „Polizei?! Soll das eine Drohung sein, Mr. Hull?!“

„Vielleicht …“

Da lachte sie. Kurz, hart, ironisch.

„Die Polizei dürfte genau so wenig ausrichten wie Sie … Über Waterstons Verbleib weiß ich nichts. Unsere Bekanntschaft war eine rein zufällige, Mr. Hull. Er wollte meinen Hof mit dem uralten malerischen Speicher im Bilde festhalten und saß dann auch tagelang dort draußen vor seiner Staffelei. Natürlich unterhielten wir uns zuweilen, und einige Male war Waterston in meiner Privatwohnung, die hier über dem Restaurant liegt, zu einem Imbiß mein Gast. Als er Januar Berlin verließ, hörten auch unsere oberflächlichen Beziehungen auf.“

Harst nickte gedankenvoll und starrte zur Zimmerdecke empor. Urplötzlich ging er dann zum direkten Angriff über.

„Lesen Sie Zeitungen, Frau Bink?“

„Welche Frage?! Gewiß lese ich Zeitungen.“

Mr. Hull griff in die Tasche. „Hier ist eine Berliner Zeitung vom 18. März dieses Jahres. Kennen Sie diesen Mann, der hier abgebildet ist?“

Sie nahm das Blatt ohne Interesse entgegen, beugte sich näher dem Lichte zu und erwiderte dann kopfschüttelnd:

„Wer soll das sein?! Unter dem sehr unscharfen Bilde steht:

„Der Ermordete aus dem Eichenhain bei Schlachtensee. – Wer kennt ihn?“

[23] Ich kenne ihn nicht, Mr. Hull. Von dem Morde habe ich natürlich damals gelesen. Glauben Sie etwa, daß es Waterston ist?! Das kann nicht sein. Waterston war bartlos, dieser Mann trägt einen kurzen Spitzbart.“

„In drei Monalen wächst ein Spitzbart gerade zu dieser Länge, Frau Bink. Waterston reiste am 5. Januar nach Newyork, und dieser Mann hier, den das Bild darstellt, wurde am 15. März erschossen und verblutet aufgefunden.“

„Sind das Ihre ganzen Beweise dafür, daß Waterston tot ist?“, meinte Frau Bink mit einem kühlen Achselzucken. „Ich vermag Ihnen wirklich keine näheren Angaben über ihn zu liefern. Wenden Sie sich an die hiesige Polizei, wenn Sie glauben, daß …“

Harst wehrte energisch ab. „Ich denke nicht daran. Mein Beruf als Agent für alle möglichen Aufträge erfordert sehr viel Menschenkenntnis. Meiner Agentur ist sogar ein Auskunftsbüro angegliedert, ich bin halb und halb Detektiv, und mein Freund und Kompagnon desgleichen. Wir werden …“

Frau Bink hob Schweigen gebietend die Hand. Das Würdevolle ihrer Erscheinung und ihres Benehmens kam sogar hierbei zum Ausdruck. Nur ihre Stimme klang jetzt schärfer und unangenehm überlegen. „Sie sind nicht halb und halb Detektiv, Sie sind es ganz, Herr Harst!!“

Die Sätze sollten wohl wie Blitzschläge auf uns herniederfahren. Sie hatte sich jetzt der deutschen Sprache bedient, und sie beobachtete nun die erwartete Wirkung dieser Enthüllung, daß sie „Mr. Hull“ durchschaut habe. Als mein Freund nur verbindlich lächelte, fügte sie gereizt hinzu. „Daß Sie im Eden-Hotel [24] ein Zimmer belegt haben, Mr. Harst, brachte ich ebenso schnell heraus wie die verdächtige Tatsache, daß dieser „Mr. Hull“ dort im Eden-Hotel niemals schläft und nie Post empfängt … – Weshalb spionieren Sie hier herum?“, fragte sie fast drohend.

„Oh, – – nur weil ich sehr gern wissen möchte, weshalb Sie durch Ihre Leute dem alten Herrn Siegfried Waga und seiner Tochter Elsie Ihre freie Souterrainwohnung auf dem Hofe empfehlen ließen, und weshalb Sie ihm die beiden Stuben nebst Küche für ein Spottgeld überließen, für zwölf Mark monatlich. Ja, das möchte ich wissen, – – außer vielem anderen, wohlgemerkt!!“

Frau Bink mochte sich tadellos in der Gewalt haben. Aber dieser Hieb saß besser als ihre Enthüllung von vorhin. Sie konnte ihre Verlegenheit und Verwirrung nur schlecht bemänteln, und Harst gönnte ihr auch gar keine Zeit, eine Ausrede oder eine fadenscheinige Begründung zu ersinnen.

„Sie haben sich hier auf einen sehr gefährlichen Boden begeben, Frau Bink“, erklärte er mit einem deutlich hervortretenden Mitgefühl. „Ich warne Sie. Unterschätzen Sie die Kriminalpolizei nicht! Ich fand den Weg zu Ihnen über die Person des alten Waga, der mir von ihrer „Großmut“ berichtete. Waterston ist der Tote aus dem Eichenhain, und Sie, fürchte ich, tun alles, dies zu verschleiern. Das ist mehr als verdächtig.“

Er erhob sich langsam. Seine Augen ruhten fest auf der regungslos dasitzenden Frau mit den plötzlich wie versteinerten Zügen.

„Unternehmen Sie in dieser Angelegenheit nichts, Frau Bink, gar nichts. Sie verstehen mich wohl!! Ich [25] bin nicht Ihr Gegner, aber ich werde nie dulden, daß Sie fernerhin auf eigene Faust Justiz spielen.“

Ein rätselvoller Blick traf ihn von unten her. Dann stand auch Frau Bink auf. „Ihre Warnung ist überflüssig, Herr Harst“, sagte sie mit einer gleichgültigen Handbewegung. „Ich werde Sie hinausgeleiten lassen …“


4. Kapitel.
Der geheime Flur der Kaschemme.

Sie griff nach dem Telefonhörer, nachdem sie den Umschalter verstellt hatte. „Rex, holen Sie die beiden Herren ab“, sprach sie in die Muschel hinein. Dann legte sie den Hörer wieder weg.

„Mein Pförtner Rex wird sofort erscheinen, Herr Harst“, meinte sie leichthin.

Harst betrachtete die mit Vereinserinnerungen geschmückten Wände des elegant ausgestatteten Raumes. Es hingen da auch über einem schmalen Gewehrschrank, der vier Kleinkaliberbüchsen enthielt, mehrere Scheiben, die sehr kunstvoll gemalt waren und in denen die Haupttreffer wie üblich durch kleine Pflöcke gekennzeichnet waren. An der Tür des Gewehrschrankes war zu lesen:

[26]
Schießsportverein „Ins Schwarze“.
Gegründet 192…

„War Hendrik Waterston ebenfalls Kleinkaliberschütze?“, fragte mein Freund mit besonderer Betonung.

Frau Bink erblaßte. Ihre dunklen Augen weiteten sich.

„Wie soll ich das wissen?! Ich interessiere mich nicht für Schießsport“, rief sie allzu schrill.

Harst lächelte nachsichtig, trat näher an den Gewehrschrank heran und prüfte die goldene Inschrift über der Tür.

„Hm, – der Verein „Ins Schwarze“ hat den Schrank offenbar für alt gekauft … Vielleicht von Waterston …“

Er drehte sich jäh um und schaute Frau Bink ins Gesicht.

„Waterstons Atelier in der Pücklerstraße 16 war sehr feudal eingerichtet, Frau Bink. Waga erzählte mir, zur Einrichtung habe auch ein Gewehrschrank gehört. Die Möbel wurden versteigert …“

„Ich kümmere mich nicht um die Ankäufe meiner Stammgäste“, fuhr Frau Bink gereizt auf. „Was soll das alles?! Ihre Spürmethoden sind mir zu undurchsichtig, Herr Harst.“

„Meine Warnung ist desto klarer“, meinte Harst sehr ernst.

Dann trat der Pförtner Rex ein, ein alter lahmer Bursche mit einer ausgesprochenen Gaunervisage.

Wir verabschiedeten uns, verbeugten uns nur sehr förmlich, und Rex schritt mit seiner Laterne voraus. Der winklige lange Flur, der mit Küchendünsten angefüllt war, war auch mit Schränken bestellt, – wir [27] kamen an die Treppe, die mit fünf Stufen zum Hofraum und zur Hoftür emporführte, Rex ließ uns höflich den Vortritt, Harst öffnete die Tür und stutzte, wollte zurückspringen, stieß mich beinahe um und erreichte doch nichts.

Hinter uns war ein schmaler, großer Wandschrank, der bis zur Decke reichte, lautlos herumgeschwenkt, Rex war verschwunden, ich flog gegen die Schranktür, die seltsamerweise gar nicht dröhnte, sondern nur dumpf wie feste Balken auf meinen Anprall hin sich meldete. – Harsts Taschenlampe funkte auf, der Lichtkegel irrte umher, und wir sahen, daß der „Schrank“, der nur eine bewegliche Balkenwand und einen Verschluß für den Flur darstellte, uns dicht vor der Treppe von dem übrigen Flur abgesperrt hatte und daß die „Hoftür“ nicht dieselbe war, durch die uns Rex vor einer halben Stunde zu Frau Binks Allerheiligstem geführt hatte. Nein, diese Tür mündete in einen fensterlosen, kleinen, notdürftig ausgestatteten Raum, dessen getünchte Wände von „Gästen“ der Frau Bink, die hier in stiller Zurückgezogenheit außerhalb der Zugriffsmöglichkeit der Polizei einige Zeit hatten leben müssen, mit den üblichen Zeichnungen und vielsagenden Inschriften bedeckt worden waren.

Außer der Balkentür war noch eine innere Tür vorhanden, die mit ihren großen Glasscheiben nur den einen Zweck haben konnte, etwa unfreiwillige Gäste Mutter Binks bequemer beobachten zu können.

Während wir uns diese Zufluchtstätte noch ansahen, schlug hinter uns die Balkentür dröhnend zu, und wir waren nun regelrecht eingesperrt. Die Tür hatte innen weder Drücker noch Schloß und bestand aus Eisen mit einer äußeren Holzauflage.

Harst nahm die Sache absolut nicht tragisch.

[28] „Ganz interessant“, meinte er und zündete eine auf dem Tische stehende Petroleumlaterne an. „Eine Kaschemme ohne derartige nette Überraschungen wäre eben keine Kaschemme, wie du zugeben mußt, mein Alter …“

Er setzte sich in einen Korbsessel, streckte die Beine von sich und zog seine Brieftasche hervor.

„Auch klügere Leute wie wir wären in diese Falle getappt … Ich will dir eine Skizze zeichnen, mir ist der Trick vollkommen klar …“

Später erwies sich, daß Harald die Lage der Räume ganz richtig erkannt hatte. Seine Skizze zeigte genau den Mechanismus dieser Falle.

Ich möchte um jeden Preis hier den Eindruck vermeiden, in dieses Erlebnis etwa „Hintertreppenromantik“ hineingekünstelt zu haben. Kenner der Berliner Unterweltzustände und der Schlupfwinkel in den berüchtigten Vierteln werden mir bestätigen, daß die Polizei immer wieder auf ähnliche Verstecke gestoßen ist, die zumeist durch nachträgliches Errichten von Zwischenwänden, einen Stein stark, hergestellt werden.

Das alte Haus in der Lavendelgasse, Mutter Binks Eigentum, enthielt noch weit mehr „Romantik“ als nur diese.

Jedenfalls: Harst fand sich mit seiner Rolle als Gefangener überraschend schnell und gleichgültig ab und meinte nur gähnend: „Zum Glück sind zwei eiserne Bettstellen mit sauberem Bettzeug da. Ich bin sehr müde. Dieser Todesfall „Hendrik Waterston“ hat mir zu viel durchwachte Nächte gekostet.“

Auch ich hatte mich gesetzt, konnte mich jedoch nicht zu derselben Abgeklärtheit wie mein Freund aufschwingen …

[29] „Harald, keine Seele ahnt, wohin wir gegangen sind, und wenn Mutter Bink uns verschwinden lassen will, wäre ihr das ein Leichtes, und ziemlich risikolos“, sagte ich gedämpften Tones, da wir ja nie wissen konnten, ob dieser Raum nicht eine Abhörvorrichtung enthielt.

Harst entgegnete genau so leise. „Keine Seele ahnt etwas von unserem Verbleib?! – Du irrst dich, mein Alter. Frau Bink hat mich beobachten lassen, und außer ihr und ihren Spionen weiß vermutlich noch jemand, daß wir die Kaschemme noch nicht verlassen haben. Je weiter die Zeit vorschreitet, um so unruhiger wird Fräulein Elsie Waga werden. Sie warf uns den Brief mit der Bleikugel durch den Türschlitz, sie war die verschleierte Frau, die aus dem Atelier entfloh, wo sie mit zwei Männern eine Besprechung hatte, sie wird Frau Bink besser kennen als wir, und sie dürfte vom Fenster ihrer Kellerwohnung aus den Hof beobachtet und uns gesehen haben. Wir beide sind leider trotz der besten Masken, sobald wir vereint auftreten, sehr leicht an dem Größenunterschied als Harst und Schraut zu erraten, zumal dein Bäuchlein sich ebenfalls schon einer gewissen Berühmtheit erfreut.“

Er schaute nach der Uhr.

„Drei Viertel Vier … Draußen bricht sehr bald der neue Tag an. Frau Theas Geburtstagsgäste werden sich entfernen, sie scheuen das Morgengrauen. In einer halben Stunde fällt die Entscheidung.“

„Ob Elsie Waga uns zu befreien versucht?“

„Ja.“

„Weshalb hat Frau Bink uns denn überhaupt hier eingesperrt, wenn sie nichts Böses gegen uns vorhat?!“ Diese Frage war sehr berechtigt.

[30] „Sie will durch uns in ihrer Rache nicht gestört werden“, erwiderte mein Freund mit größter Selbstverständlichkeit.

„Rache?!“ Ich war sprachlos. Das war ja ein ganz neues Moment, das Harst hier anführte.

„Allerdings … Die Sache ist jedoch noch lange nicht spruchreif, und meine Kombinationen können auch falsch sein, obwohl ich dies nicht glaube. Bevor ich nicht weiß, wer Elsies Verbündete sind, also der elegante Kletterer im Wettermantel und der nicht minder geschickte Stämmige, hängen meine Schlußfolgerungen so ziemlich in der Luft. Stimmen sie, so ist der Herr im Wettermantel der Arzt, der den todwunden Hendrik Waterston verbinden wollte.“

Ich versank in Nachdenken, ich brauchte eben Zeit, dieses Neue geistig zu verarbeiten: Rache!!

Wer hatte nun eigentlich Waterston getötet?! Mord lag nicht vor, Harst hatte soeben ausdrücklich von einem Todesfall gesprochen. Handelte es sich um einen Unfall, der von Frau Bink verschleiert wurde?! War sie mitschuldig an diesem Unfall?!

Ich verlor mich immer tiefer in Grübeleien. Ich dachte an die eigenartige Tatsache, daß Waterston sein Gepäck auf dem Bahnhof gelassen hatte und offenbar direkt nach dem Eichenwäldchen bei Schlachtensee geeilt war. Ich erinnerte mich an Harsts anonymen Brief an die Polizei, an Bhuts Erscheinen im Atelier und an seine Äußerung, daß Harald sehr wohl den Anlaß der Razzia kennen dürfte.

Dann stieß mir bei diesen Abwägungen der einzelnen Vorgänge des Falles Waterston noch etwas auf. Und dies zwang mich zu einer neuen Frage an Harst, der mit geschlossenen Augen bereits im Einschlafen war. – Beneidenswerte Nerven!!

[31] „Harald … Entschuldige … War es ein Zufall, daß Bhut gerade heute die Razzia veranstaltete, also in derselben Nacht der Zusammenkunft Elsie Wagas mit ihren Verbündeten?“

Er blinzelte mich an. Ich merkte, er war vollkommen wach und hatte nur seinem Hirn Ruhe gegönnt.

„Zufall? Nein! Derartige „Zufälle“ scheide ich stets aus. Die Dinge liegen so. Siegfried Waga und seine Enkelin suchen nur den Eindruck zu erwecken, als bekämpften sie den, durch dessen Hand Waterston den Tod fand. In Wahrheit stehen sie auf dieses Unbekannten Seite und wollten uns durch den Brief und die plattgedrückte Kugel zur Hilfeleistung anonym heranziehen. Dies wieder beweist, daß Elsie, ihr Großvater und besonders die beiden unbekannten, der Elegante und der Stämmige, sich ernsthaft bedroht fühlen, jedoch nicht wissen, von wem diese versteckten Angriffe ausgehen. Und das sollen wir ermitteln. Der am meisten Gefährdete ist der „Arzt“, also der Elegante. Sie sind unbedingt miteinander identisch. Die Gegner aber haben in dieser Nacht Bhut gleichfalls nach dem Atelier geschickt, weil sie wußten, daß zumindest der Elegante und der Stämmige dort zu finden seien. Sie wollten ihnen Ungelegenheiten bereiten.“

„Und zu den Gegnern gehört Frau Bink“, erklärte ich nun mit aller Bestimmtheit.

„Ja. Sie ist die Hauptgegnerin. Aber ich betone nochmals, mein Alter: Vorläufig sind das alles Schlußfolgerungen, denen das Fundament fehlt. Sie stützen sich in der Hauptsache hierauf …“

Und nun erlebte ich abermals eine jener Überraschungen, die mein Freund mir zwar verspätet, aber stets im richtigen Augenblick zu servieren weiß.

[32] Er faßte in die Uhrtasche der Weste und brachte einen kleinen, in Seidenpapier gehüllten Gegenstand zum Vorschein.

Es war eine Bleikugel, die gleichfalls etwas plattgedrückt war und an der noch Holzfäserchen hingen.

„Ich fand diese Kugel in einer der Eichen des Eichenhaines unweit der Fundstelle des ausgeplünderten Toten“, erklärte er. „Ich schnitt sie heraus, und diese zweite Kugel brachte mich erst auf den Gedanken, daß ein Todesfall vorliegen könnte, kein Mord.“

Während er mir die Kugel noch auf der flachen Hand hinhielt, fiel ein greller Lichtschein auf uns beide.

Wir schauten hin. In der Tür, die völlig lautlos aufgegangen war, stand ein schlankes blondes Mädchen ohne Kopfbedeckung im regentriefenden dunklen Gummimantel. Ihre Radfahr-Karbidlaterne beleuchtete Harsts Hand mit aller Deutlichkeit.


[33]
5. Kapitel.
Die zweite Bleikugel.

Das Mädchen konnte nur Elsie Waga sein.

Harst hatte ihr Gesicht als pikant bezeichnet.

Das war zu wenig.

Elsie Waga besaß jene seltene Schönheit, die dem edelgeschnittenen Gesicht auch Charakter verleiht, und die nur deshalb mit der Bezeichnung „pikant“ abgetan wird, weil diese Charaktermerkmale den Eindruck der bloßen Schönheit zurückdrängen.

Dieses Antlitz verriet eine gewisse Schwermut, Herbheit und größte Entschlossenheit.

Um Mund und Kinn lag ein Zug von männlicher unbeugsamer Tatkraft.

Harst schaute Elsie Waga prüfend an.

„Treten Sie doch näher, Fräulein „Herr Ungenannt““, meinte er ganz ernst.

Aber selbst dieser Hinweis auf den anonymen Brief konnte des Mädchens eigentümlich starre, finstere Blicke nicht von der plattgedrückten Bleikugel auf meines Freundes Hand ablenken.

Harst schloß schnell die Hand.

[34] „Sie haben eine Weile gelauscht, Fräulein Waga“, meinte er sehr leise.

„Ja – – zum Glück! Und das Gehörte und die Bleikugel ändern alles …“

Sie trat schnell zurück.

Mochte Harst nun auch mit einem wahren Panthersatz vorwärtsspringen, – die Tür klappte zu, und Elsie Waga hatte ihre Absicht, uns nunmehr nicht zur Freiheit zu verhelfen, durch ihre Worte und ihren eiligen Rückzug unzweideutig kundgetan.

Mein Freund zuckte die Achseln und setzte sich wieder.

„Pech, mein Alter!! Wir hätten achtsamer sein sollen!!“

Ich sagte zunächst gar nichts.

Ich mußte mich erst in die veränderte Sachlage hineinfinden.

Harst hielt mir sein Zigarettenetui hin.

„Bediene dich. Jetzt wird der Fall Waterston zur Lotterie. Wenn Elsie so klug ist, wie ich sie einschätze, müßte sie nun wissen, daß Thea Bink die Hauptgegnerin ist. Wenn sie weniger klug ist, glaubt sie, daß Frau Bink uns hier eingesperrt hat, weil sie – Thea Bink – uns als Spionin in einer anderen Angelegenheit fürchtet.“

Er gab mir Feuer, rauchte drei Züge und fügte achselzuckend hinzu: „Diese Lotterie kann bei Frau Theas Vergangenheit um ein Menschenleben gehen … – Und das ist der höchste Einsatz, den ein Spiel haben kann“, ergänzte er mit harter Stimme. „Ich habe die Bink gewarnt … Wenn sie etwa den Arzt genau wie ihren Ehemann behandelt, wird sie diesmal nicht mit sechs Jahren Zuchthaus davonkommen.“

Ich war entsetzt, mir blieb die Sprache weg.

[35] „Wie, – sie hat ihren Mann getötet, Harald“, brachte ich nur mit Mühe hervor.

Er nickte sehr nachdrücklich.

„Der Prozeß Thea Bink liegt fünfundzwanzig Jahre zurück, und es war für mich nicht ganz leicht, Einzelheiten darüber festzustellen, ohne die Polizei zu behelligen. Frau Binks Gatte, dem dieses Haus gehörte, war dem Namen nach Dekorateur und Malermeister. Er … trank, er betrog seine Frau, er kam tagelang nicht nach Hause, hatte wiederholt Anfälle von Delirium tremens, zerschlug die Möbel, prügelte Frau Thea, und bei einer dieser nächtlichen Szenen griff sie zu einem Beil und ging nachher zur Polizeiwache und meldete kaltblütig: „Ich habe meinen Mann erschlagen. Ich hielt dieses Leben nicht länger aus.“ Bei der Gerichtsverhandlung wurde nachgewiesen, daß Karl Bink gerade in dieser Nacht ausnahmsweise nüchtern nach Hause gekommen war, und daß seine Frau das Beil am Tage vorher hatte schleifen lassen. Sechs Jahre Zuchthaus erhielt sie wegen Totschlags. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre wegen Mordes zum Tode verurteilt worden. Zu den Tatbestandsmerkmalen des Mordes gehören bekanntlich strafrechtlich Vorsatz und Überlegung. Die Geschworenen nahmen damals Vorsatz an, verneinten jedoch die Frage, ob die Tat mit Überlegung geschehen sei.“

Ich hörte stillschweigend und geradezu benommen von diesen entsetzlichen Enthüllungen meinem Freunde mit größtem Mißbehagen zu. Einer Gattenmörderin traute ich es auch sehr wohl zu, daß sie uns beide beseitigte, wenn wir ihr bei ihren Racheplänen gegen den Arzt irgendwie hinderlich sein sollten, dessen Leben unter diesen Umständen allerdings an einem dünnen Fädchen hing.

[36] Harst reichte mir abermals Feuer, da meine Zigarette längst erloschen war …

„Rauche doch … Wir können an der Sache nichts ändern, gar nichts … Es sei denn, daß“ - seine Stimme sank zum vorsichtigsten Flüstern herab – „daß Thea Bink ihre Taktik ändert. Auch das wäre möglich …“

Und ohne Übergang fügte er hinzu:

„Draußen muß es wie aus Eimern gießen. Elsie Wagas Mantel und Haar waren ganz naß. Bei solchem Unwetter läßt sich viel unternehmen, selbst wenn es schon Tag geworden ist.“

Er schaute jetzt andauernd nach der Eisentür hin, und wie richtig er abermals gefolgert hatte, zeigten schon die nächsten Minuten. Plötzlich ging die äußere Balkentür auf, die Glastür war nur angelehnt, Frau Bink trat schnell ein, ließ die Haupttür weit offen und drückte nur die innere hinter sich zu.

„Nun, wie weit sind Sie mit Ihren Racheplänen gediehen, Frau Bink?“, begrüßte Harst sie mit erbarmungsloser Ehrlichkeit. „Hoffentlich haben Sie sich nicht zu Torheiten hinreißen lassen, die nicht wieder gutzumachen wären.“

Mutter Bink war nicht allein gekommen. Seit langem besaß sie eine Leibgarde von vier Unterweltlern, die für sie durchs Feuer gingen.

Diese vier Männer, die sehr wohl ahnten, worum es bei dieser Unterredung zwischen ihrer Herrin und den beiden Gefangenen sich handelte, konnten nur aus den Gesten Harsts und Thea Binks ungefähr entnehmen, wie diese Aussprache verlief.

Was sie dann aber hinter der Glastür erblickten, war zu unheimlich, als daß sie sofort eingegriffen hätten, unheimlich insofern, da sie es noch nie erlebt hatten, [37] daß Thea Bink mit so totenbleichem Gesicht und so eindrucksvoll abwehrend erhobenen Händen vor irgend jemandem zurückgewichen wäre. Hier geschah es. Für diese rätselhafte Frau war Harsts Andeutung, daß er um ihre Rachepläne wüßte, zu überraschend gekommen. All ihre Selbstbeherrschung brach jäh wie ein lockeres Kartenhaus zusammen. Sie sah sich durchschaut, und im Augenblick fand sie auch nicht ein Wort, diese eindeutige Anklage zu widerlegen. In ihrem widerspruchsvollen Charakter, der doch einen großen, fast heroischen, wenn auch auf irriger Grundlage beruhenden Zug aufwies, empörte sich ebenso plötzlich ihr starkes Selbstgefühl dagegen, daß ihre Leibgarde draußen Zeuge werden sollte, wie sie hier vielleicht noch mehr gedemütigt wurde. Mit einer herrischen Gebärde nach der Tür hin schickte sie ihre vier Getreuen davon, deren Gesichter ich nur ganz undeutlich wahrgenommen hatte. Daß diese Burschen nicht lange gefackelt hätten, bewies mir schon der helle Lichtreflex auf der Pistole des einen, der vom Lampenschein am stärksten getroffen wurde. Nun verschwanden die vier, und Thea Bink sagte nach einer minutenlangen Pause inneren Ringens mit etwas unsicherer Stimme:

„Herr Harst, ich bedauere es außerordentlich, daß der Pförtner Rex mich mißverstanden hat, wie ich soeben erst erfahren habe. Sie beide, meine Herren, werden begreifen, daß ich dieses kleine Geheimnis meines Hauses nicht gern bekannt werden lasse. Ich entschuldige mich bei Ihnen und bitte Sie, mir zu versprechen, dieses Geheimnis für sich zu behalten und sofort heimzufahren. Draußen wartet mein Auto … Es regnet sehr stark und gewittert.“

Ich möchte hier nicht die weitere Unterredung zwischen Harst und Frau Bink anführen, denn deren Inhalt ist recht belanglos.

[38] Wir einigten uns mit der seltsamen Kaschemmenmutter und waren um halb fünf daheim.

Wir hatten ihr versprochen, von dem Geheimkorridor zu schweigen, und Harst hatte der Frau, die ich nur mehr voller Scheu ansehen konnte, lediglich seine Warnung nochmals eingeprägt:

„Frau Bink, hüten Sie sich vor Unüberlegtheiten! Ich werde den Mann finden, den Sie Waterston nachsenden möchten – ins Jenseits!“

„Sie reden da Dinge, die ich nicht verstehe“, hatte sie sehr kühl erwidert.

So schieden wir.


[39]
6. Kapitel.
Die Dame vom Schachbrett des Lebens.

Eine gewisse Sorte von Asphaltliteraten hat mich verlästert, hat mich vor den Kadi schleppen wollen, hat mit dem überfeinen Geruch derer, die nur im Schmutz waten und an Modergeruch gewöhnt sind, in meinen anspruchslosen Tagebuchblättern das „Nationale“ gewittert und mich mundtot machen wollen. Ich bin den Herrschaften zu „männlich“, zu kraftvoll, zu ursprünglich. Ich bin nicht dekadent genug.

Das stimmt.

Mein Deutschtum habe ich nie verleugnet, habe Schiebertypen geschildert, bin sehr bissig geworden gegen Biertischphilister, Kriegervereinsmeier, Kaffeehausliteraten, gegen Zauberberge und Professor Unrat und Sonstiges.

Manchmal, nein, zu oft rutschte mir die Feder dabei zu sehr nach rechts. Dann habe ich eben diese Niederschriften, auf die hin der ganze Kurfürstendamm und ganz Berlin WW (Wehe, wehe!!) in ein Wutgekreisch ausgebrochen wären, zurückgelegt, da gegen die Meute vorläufig nicht aufzukommen ist.

– Ich bin kein Literat. Ich schreibe „Harst“. Ich schreibe für den, der denken lernen will und doch [40] leichte Lektüre braucht. Leichte Lektüre muß nicht gerade seicht sein. Wer diese Geschichte des Falles Waterston nicht nur sensationsgierig überfliegt, wird zugeben müssen, daß hier gedankliche Leistungen meines Freundes ohne viel Reklamegeschrei geschildert sind.

Auch seine Fehler. – Ein Fehler von ihm war es, daß er als Mr. Hull im Eden-Hotel nie nächtigte.

Dies gab er mir gegenüber offen zu, als wir nun daheim vor der summenden Mokkamaschine saßen, uns durch einen Imbiß stärkten und an alles andere dachten, nur nicht an Schlafengehen.

Harst war sehr einsilbig, fast bedrückt.

Allmählich fiel mir dies auf.

„Was hast du, Harald?! Fürchtest du für den Eleganten?“

„Ja … Und für Siegfried Waga, Elsie und den Stämmigen.“

Draußen grollte der Donner …

„Frau Bink wäre ja töricht, irgend etwas zu riskieren!“, meinte ich gleichgültig.

„So?!“

Er griff in den Zigarettenkasten.

„So?!“, wiederholte er noch gedehnter. „Was hat sie viel zu riskieren, wenn sie es mit den Wagas schlau anfängt?! Und was sie mit dem Eleganten und dem Stämmigen beginnt, werden wir vielleicht in der Zeitung unter der Rubrik der Unfälle ahnungslos überfliegen! Wir kennen weder den Eleganten noch den Stämmigen, mein Alter, und deren Namen hätte uns nur Elsie nennen können, und die tat es nicht, weil sie uns belauscht und die zweite Bleikugel gesehen hatte …“

Er blickte dem Wölkchen seiner Zigarette nach und fuhr immer geistesabwesender fort:

[41] „Es wird ein böses Stück Arbeit werden, den Arzt im Wettermantel, den Eleganten, aus dem Ameisenhaufen Berlin herauszufinden. Der Flinke, der Stämmige, dürfte der Chauffeur sein.“

Seine Geistesabwesenheit, äußerlich durch Gesichtsausdruck, Sprache und langsame Gesten scheinbar sich offenbarend, ist zumeist nur allerstärkste Gedankenkonzentration.

„… Wir hätten wohl einen Weg, sie zu finden. Aber wir können unmöglich die ganzen Zeitungen von Januar des Jahres bis jetzt auf Skandalgeschichten durchsehen.“

Die Bezeichnung „Skandalgeschichte“ war mir zu ungenau. –

„Was verstehst du unter Skandalgeschichten?“

„Das, was das Publikum nur zu gern liest: Familientragödien mit pikantem Einschlag. In dieser Hinsicht leistet „die“ Presse Hervorragendes. Sogenannte Weltblätter nähren sich nur von Phrasen und von Zerpflückung alles Ideellen und von Hausklatsch mit Paprika.“

Ich begriff Harst noch immer nicht.

„Was hat das mit dem Eleganten zu tun, Harald?“

„Sehr viel, glaube ich. – – Hallo, Telefon …!! Zu dieser Stunde?! Merkwürdig!“

Er sprang auf und nahm den Hörer ab.

„Hier Uhland 19223 … Ja doch … 19223 …! – Harst, ganz recht …! Seien Sie doch nicht so aufgeregt … Sprechen Sie verständlicher … Bitte erst einmal Ihren Namen … – Ida Müller? Stimmt das auch?! Woher sprechen Sie? – Automat? – Dann heißen Sie bestimmt nicht Ida Müller … Nun gut, was gibt es?“

Ich war neben ihn getreten und hörte mit.

[42] Eine vor Erregung heisere Frauenstimme erzählte, daß soeben, nein, vor zehn Minuten, in der Schloßstraße in Charlottenburg-Berlin zwei Herren von mehreren Männern niedergeschlagen und in ein kleines, schnelles Lastauto geworfen seien …“

„Ich war ganz zufällig von meinem Fenster aus Zeuge des Vorfalls …“, behauptete Ida Müller.

„Also wohnen Sie in der Schloßstraße?“

… Schweigen …

Harst wurde ungemütlich.

„Ich werde Ihnen einmal etwas sagen, Fräulein Müller … Sie lügen. Um diese frühe Morgenstunde könnten Sie nur im Nachtgewand am Fenster gestanden und die Verschleppung der beiden Herren mitbeobachtet, sich dann angekleidet haben und zum Telefonautomat geeilt sein, wo Sie doch zu allererst und normalerweise das Überfallkommando angerufen hätten, nicht gerade mich. Wie kamen Sie dazu, gerade mir den Vorfall zu melden?! Für derartiges ist doch die Polizei zuständig. Das werden Sie wohl selbst einsehen, Fräulein Müller. Operieren Sie hier also nicht mit allerlei Verschleierungen, sondern geben Sie mir klipp und klar an, wer Sie sind, wie Sie wirklich heißen, weshalb Sie mich zur Hilfe rufen, ob Sie die Herren kennen und …“

Drüben am anderen Ende der Leitung war abgehängt worden.

Harst legte achselzuckend den Hörer auf die Stützen und drehte sich langsam um.

Sein Gesicht strahlte, als ob er soeben eine überaus wichtige Entdeckung gemacht hätte. Ich war über seine offensichtliche Freude über diesen Anruf „Ida Müllers“ derart verblüfft, daß ich nur fragen konnte: „Wer war die Person?! Das war niemals die Stimme Elsie Wagas!“

[43] „Ach nein“, lächelte er. „Das war bestimmt nicht Elsie Waga … Das war die Frau, die mir in diesem Zusammensetzspiel noch gefehlt hat, – meinetwegen „die Dame vom Schachbrett des Lebens“,“[4] ergänzte er mit starker Betonung.

„Also eine neue Figur des Falles Waterston?“, meinte ich verständnislos.

„Keineswegs … Sogar eine der Hauptdarstellerinnen, mit der ich stets gerechnet habe, mein Alter. Aber darüber reden wir in der Taxe, die uns nun schleunigst nach der Schloßstraße bringen soll. Schnell in den Mantel, nimm auch das Nötige an Werkzeug mit … Man kann nie wissen, was wir dort vorfinden.“

Er eilte in sein Schlafzimmer, auch ich machte mich fertig, und dann fuhren wir im schnellsten Tempo im strömenden Regen nach Charlottenburg. –

Harst, die glimmende Zigarette im Mundwinkel, begann ganz von selbst zu sprechen. „Der Überfall ist keine Erfindung dieser Ida Müller, das möchte ich gleich betonen. Die Frau wohnt auch zweifellos in der Schloßstraße und wurde Zeugin, wie man den Eleganten im Wettermantel und den Stämmigen niederschlug und verschleppte. Daß es sich um diese beiden Männer handeln muß, könnte ich dir schon jetzt einwandfrei beweisen. Die Dinge liegen so: Der Elegante und der Stämmige hatten Grund, das Haus „Ida Müllers“ gerade jetzt zu überwachen. Anlaß dazu gab ihnen eine Botschaft Elsie Wagas, die dem Eleganten mitgeteilt haben wird, daß ich die zweite Kugel im Eichenhain bei Schlachtensee gefunden habe. Daraufhin bekam es der Elegante mit der Angst, ich könnte „die Dame vom Schachbrett des Lebens“ suchen und finden, und dies wollte er feststellen, damit er danach sein weiteres Vorgehen einrichten könnte. Er ist ja – im [44] übertragenen Sinne – tatsächlich Waterstons Mörder, und da er Arzt ist und auch reich sein dürfte, möchte er rechtzeitig den Staub deutschen Bodens von seinen Füßen schütteln und dem Gefängnis entgehen, denn die heutige Rechtsprechung kennt keine Festungshaft für Verbrechen dieser Art, – das heißt: Man rubriziert heute Derartiges als Verbrechen, und das paßt so recht in diese morschen Zustände hinein, wo jeder erbärmliche Feigling sich hinter dem Begriff „Überwundener Standpunkt“ verschanzt …“

„Hm, – unklarer könntest du dich kaum ausdrücken“, erklärte ich vollkommen schimmerlos, was er mit alledem andeuten wollte.

Harst legte mir die Hand fest auf den Arm. „Ich drücke mich durchaus verständlich für den aus, der eben das Motiv kennt, mein Alter. Ein Mord oder ein Totschlag oder etwas Ähnliches hat stets ein Motiv. Hier geht es um das, was ich vorhin als Familienskandal oder ungefähr so bezeichnet habe, als ich von der Notwendigkeit sprach, die alten Zeitungen durchzublättern, – du besinnst dich …“

Natürlich besann ich mich, aber das half mir nicht einen Schritt weiter.

Im Gegenteil, je mehr ich mich nun aufs neue in die Einzelheiten des Falles Waterston versenkte, desto dunkler und verworrener wurden die Zusammenhänge und desto widersinniger die Handlungsweise der Beteiligten.

Harst klopfte vorn an die Scheibe.

„Chauffeur, ganz langsam fahren …“, befahl er.

Wir waren in der Schloßstraße angelangt. Harst beugte sich zum linken Fenster hinaus und rief mir zu, dasselbe auf der anderen Seite zu tun.

„Achte auf ein Zimmer mit erleuchteten Fenstern. [45] Zweifellos ist Ida Müller, da sie sich halb und halb durchschaut sah, ausgerückt und wird uns eine nett hergerichtete Bühne, meinetwegen auch Schachbrett, zurückgelassen haben.“

Auch diese Äußerung trug nicht gerade dazu bei, mich klüger zu machen. Immerhin hatte ich die Genugtuung, daß ich zwei erleuchtete Fenster im Hochparterre eines älteren Hauses bemerkte, von denen das eine sogar weit offen stand, so daß der Regen hineinpeitschte.


7. Kapitel.
Ida Müller und der Tote.

Wie wir in das Zimmer hineingelangten, das einen Eingang direkt vom Flur hatte, können unsere kunstvollen Dietriche erzählen.

Ich erzähle hier nur, daß meines Freundes Voraussage auch in dem Punkte wörtlich stimmte, der „die hergerichtete Bühne“ betraf.

Das Zimmer, sehr gut möbliert und sehr diskret parfümiert, glich einer Stätte, die von Dieben gründlich durchwühlt worden war.

Das Bett, das hinter einem großen fünfteiligen Wandschirm stand, war benutzt worden. Auf der Steppdecke lag ein hellblaues Damennachthemd mit reichem [46] Spitzenbesatz: Zerrissen und an den Achselbändern voller frischer Blutspuren!

Der Inhalt sämtlicher Schiebladen lag auf dem Teppich, der Kleiderschrank bildete innen einen Haufen zum Teil kostbarer Toiletten, – – mit einem Wort: Das Bild dieses Zimmers war eine ungeschickte Szenerie, eine für Schwachköpfe berechnete Übertreibung!

Harst stand inmitten dieser Verwüstung und lächelte nachsichtig.

„Ida Müller ist eine Anfängerin, – – sie muß zur Schmiere gehen, dort mag sie genügen. – Wie gefällt dir das hier, mein Alter?!“

„Gefallen?! Ich pflichte dir vollkommen bei. Ida Müller ist entflohen und hat ihre Flucht möglichst dramatisch als ein an ihr begangenes Verbrechen frisiert.“

"Das hat sie. – Hallo, – – Besuch …! Treten Sie nur näher, verehrteste Wirtin, mein Name ist Harst, wir sind keine Einbrecher, wir interessieren uns nur für Ihre Mieterin …“

In der Tür stand – nein, was sage ich! – in der Tür ragte eine Walküre von annähernd zwei Zentner Mindestgewicht bis zur oberen Türfüllung empor und fuchtelte mit einem altehrwürdigen Revolver wild herum …

Ich will mich kurz fassen.

Frau Emma Klein war der Typ der Berliner Zimmervermieterin.

War Witwe, hatte von ihrem Verstorbenen, einem Polizeibeamten, auch eine Portion Mut geerbt und den … Revolver.

Es war nicht gut mit ihr Kirschen essen … Wenn Harst ihr nicht seinen Ausweis gezeigt hätte, würde sie bestimmt geschossen haben.

[47] Jetzt hatte sie alle Zweifel an unserer redlichen Absicht überwunden und den Zwanzigmarkschein mit einem Honiglächeln verschämt entgegengenommen.

Nachdem Emma ihre zwei Zentner Lebendgewicht in einen kläglich quietschenden Plüschsessel plaziert hatte, seufzte sie tief und gramvoll und sprach die klassischen Worte:

„Mit der Ida Müller stimmt etwas nicht, das habe ich gleich gerochen!“

Emmas Nase hatte aufgeblähte Nüstern, und vielleicht ersetzte ihr diese Nase wirklich einen Teil des Gehirns.

„Die Jeschichte is so, Herr Harst …“, wollte sie nun möglichst weitschweifig loslegen.

„Oh, – darf ich Fragen stellen …? Das geht schneller, Frau Klein.“

Diese Emma hätte nicht Klein, sondern Walroß heißen sollen. Im übrigen war sie eine Seele von Mensch.

„Also, liebe Frau Klein, seit wann wohnt die Müller bei Ihnen?“

„Seit dem 15. Januar dieses Jahres … Das heißt, – wohnen?! Wohnen kann man das nicht nennen. Sie hat dies Zimmer selten benutzt, aber immer pünktlich bezahlt – immer pünktlich!!“

„Was war die Müller von Beruf?“

„Handlungsreisende für Seifen und Parfüme, – sagte sie!! Mag sein … Ich habe keinen Grund, über sie zu klagen, nur – – etwas stimmte mit ihr nicht, Herr Harst! Unsereiner hat doch einen Blick dafür.“

„Zweifellos – einen Scharfblick. – War sie regelrecht polizeilich angemeldet?“

„Aber natürlich … Sie kam von Dresden hierher … Nur – – sehen Sie dort mal die … die [48] eleganten Toiletten, Herr Harst!! Kann sich eine Seifenreisende so was leisten?! Ne, da stimmt was nich!!“

„Beschreiben Sie uns doch mal diese Müller“, bat Harst sichtlich gespannt.

„Na, – Alter so etwa dreißig, groß, voll, tadellose Figur, hübsches Gesicht, kastanienbraunes Haar und sehr wertvolle Ringe, – davon verstehe ich was! Sehr wertvoll!“

„Hatte sie ein besonderes Merkmal, – denken Sie mal nach, liebe Frau Klein …“

„Nein! Nur – – sie trank!!“

„Trank?!“

„Ja. Likör …!! Immerzu Likör. Dort der Bücherschrank sagt alles!!“

Freilich, der Schrank enthielt geradezu ein Likörlager.

Harst blickte Frau Klein sinnend an. „Also sie trank … Sie meinen damit, sie war an Spirituosen in größeren Mengen gewöhnt.“

„Ich meine, sie war meistens betrunken, Herr Harst, und dann kriegte sie das heulende Elend und führte Redensarten im Munde, daß mir ganz bange wurde.“

Mein Freund hob den Kopf. „Was redete sie?“, fragte er schnell.

„Oh, – – lauter dummes Zeug und gruselige Geschichten …“

„Von einem Toten?“, warf Harst hastig ein.

Ich merkte, wie sehr ihn dieses Frage- und Antwortspiel mit Frau Emma Klein innerlich erregte.

Die riesige Walküre in dem einstmals sehr dekorativen Morgenrock bekam ganz runde Augen vor ehrfürchtigem Staunen.

[49] „Können Sie aber fein raten, Herr Harst!! Es war wirklich so, – die Ida Müller muß mal irgendwie miterlebt haben, wie jemand, den sie gut kannte, verstarb … Sie faselte immer davon, daß der Anblick damals ihre härteste Strafe gewesen sei, aber der Andere hätte sich nicht erweichen lassen, – – mit dem „Anderen“ kann sie vielleicht einen Mörder gemeint haben …“

Harst stand plötzlich auf, fuhr sich leicht über die Stirn, holte tief Atem und sagte halblaut:

„Endlich!! Das ist die Gewissheit!“

„Worüber, Herr Harst?“

Er wandte den Kopf und lächelte plötzlich ganz harmlos.

„Die Gewißheit, daß Ida Müller in dieser Nacht sehr betrunken war und sich mit uns einen schlechten Scherz geleistet hat, liebe Frau Klein. Sie rief uns telefonisch hierher und brachte dann dieses Zimmer eiligst in diesen wüsten Zustand, schnitt sich in den Finger, befleckte ihr Nachthemd mit Blut und entfloh … – Vermissen Sie nichts? Besaß die Müller nicht einen Koffer?“

„Zwei sogar, aus hellem Leder … – Herr Gott, die Dinger fehlen ja, sie standen dort oben auf dem Kleiderschrank …!“

„Entflohen, – wie ich andeutete“, nickte mein Freund und ging zum Kachelofen, dessen Feuerungstür nur angelehnt war. Als er sie öffnete, fiel roter Lichtschein durch die länglichen Zuglöcher der inneren Tür in das Zimmer und auf die Dielen. – Der ganze Ofen war mit brennenden und glimmenden Papieren angefüllt.

Harst schloß die Tür wieder und blickte die Walküre nachdenklich an. „Frau Klein, vielleicht sehen Sie [50] mal nach, ob nicht in dem an Ihrer Flurtür angebrachten Briefkasten ein … Andenken der Ida Müller liegt …“

„Wird gemacht …“, – und Frau Emma verließ das Zimmer.

Harst rieb sich wie fröstelnd die Hände. „Sie hatte natürlich zwei Wohnungen, diese kastanienbraune Frau, mein Alter, und …“

Frau Klein hastete keuchend ins Zimmer zurück, indem sie einen Brief und noch etwas strahlend wie eine Siegesfahne schwenkte …

„Von ihr!!“, rief sie begeistert. „Die Müller ist doch ’ne anständije Person gewesen!!“


8. Kapitel.
Ida Müller lebt nicht mehr.

Auf der nächsten Polizeiwache empfing uns der Oberwachtmeister vom Dienst mit der strengen Bemerkung, das Revier sei für das Publikum erst von neun Uhr geöffnet …

„Jetzt ist es sieben!!“, brummte er unwirsch.

Harst legte seinen Ausweis vor. Wir waren mit dem Beamten allein.

„Ich möchte Sie mit der Bitte um strengste Verschwiegenheit [51] um eine Gefälligkeit bitten, Herr Oberwachtmeister …“

„Sehr gern, weil Sie es sind, – – falls ich es darf.“

„Sie dürfen … – Wir kommen soeben von Frau Emma Klein, die in der Schloßstraße 104 Hochparterre wohnt und von ihren fünf Zimmern vier vermietet hat, darunter eins an eine gewisse Ida Müller. Diese Müller ist vor etwa anderthalb Stunden unter etwas eigentümlichen Umständen abgereist und hat ihrer Wirtin dreihundert Mark und einen Zettel zurückgelassen, daß sie ins Ausland gehe und nicht wiederkäme.“

Der Menschenkenner Harst berichtete Einzelheiten, und der Beamte zeigte immer stärkeres Interesse für diese seltsame Seifenreisende.

„Gut“, entschied er, „ich werde in Dresden sofort telefonisch anfragen. Hier ist die polizeiliche Anmeldung der Müller aus Dresden, Herr Harst …“

„Ja, und hier steht, daß die Müller Hausangestellte war und nach Berlin verziehen wollte. – Hausangestellte!! Und die eleganten Toiletten!!“

Der Beamte meldete ein Dienstgespräch mit Dresden an. Wir warteten geduldig.

Das Ergebnis der Anfrage in Dresden war folgendes. Ida Müller hatte zwar Dresden verlassen wollen, war jedoch plötzlich an Grippe erkrankt und in Dresden verstorben. Sie hatte offenbar in Berlin einen neuen Dienst antreten wollen und ihre Papiere und Zeugnisse nach Berlin eingeschickt, – an wen, war nicht festzustellen.

Der Oberwachtmeister war ganz entsetzt.

„Tot, Herr Harst!! Wer war denn die hiesige Müller?!“

„Natürlich die Dame, bei der Ida Müller sich vermietet hatte und die ihre Papiere besaß. Mit Hilfe [52] dieser Papiere spielte die Dame eben „Ida Müller“. Mir ist das alles vollkommen klar, ich rechnete auch damit, daß die echte Ida Müller nicht mehr lebe. Jedenfalls vielen Dank, Herr Oberwachtmeister.“

„Liegt gegen diese Unbekannte etwas vor?“, fragte der Beamte plötzlich wieder sehr dienstlich.

„Nein, nichts Strafwürdiges mit Ausnahme der Führung des falschen Namens.“

„Hm, – das sagen Sie, Herr Harst! Entschuldigen Sie schon, aber ich möchte nicht gegen meine Dienstpflichten verstoßen. Sie, Herr Harst, als Privatmann haben Ihre besonderen Methoden, das wissen wir. Weshalb rief die Dame Sie nach der Schloßstraße und wartete Ihr Eintreffen nicht ab, sondern entfloh? Sie müssen mir das erklären. Ich kann in Teufels Küche geraten, wenn sich hinterher herausstellt, daß diese Dame doch mit einem Verbrechen irgendwie in Verbindung stand und ich nicht Meldung erstattet habe.“

Harst erwiderte freimütig. „Die Dame steht allerdings mit einem Verbrechen in sehr lockerem Zusammenhang. Ich will Ihnen hier nichts verhehlen. Sie berichtete uns von einem Telefonautomaten aus in höchster Erregung, daß sie beobachtet habe, wie zwei Herren niedergeschlagen und auf einem kleinen Lastwagen entführt wurden …“

Der Beamte war starr.

„Und das läßt Sie so gleichgültig, Herr Harst?!“

„Keineswegs. Ich kenne sogar die beiden Entführten, wenn auch nicht persönlich oder auch nur bei Tageslicht. Schraut und ich sahen sie nur nachts bei starkem Wetterleuchten. Der eine Entführte ist ein großer schlanker, eleganter Herr, der andere ein kleiner stämmiger Mensch. Der Elegante – bitte erschrecken Sie nicht! – hat den Fremden getötet, der [53] am 15. März dieses Jahres nachmittags bei Schlachtensee im Walde gefunden worden ist. – Herr Oberwachtmeister, tun Sie Ihre Pflicht und melden Sie dies alles dem Kriminalkommissar Bhut, der den Fall „Schlachtensee-Eichenhain“ bearbeitet. Schraut und ich fahren jetzt nach Hause, und Herr Bhut trifft uns daheim an.“

Der Beamte trommelte nervös mit den Fingerspitzen auf der Tischplatte …

„Herr Harst, so geht das nicht … Unter diesen Umständen muß ich mit Ihnen ein Protokoll aufnehmen.“

„Bitte … Aber bedenken Sie den Zeitverlust. Die beiden Entführten werden sich in keiner angenehmen Lage befinden … Man wird ihnen ja nichts antun, dafür habe ich gesorgt … Aber …“

„Dafür … haben Sie gesorgt? Wie soll ich das verstehen?“, rief der Oberwachtmeister verzweifelt.

Und ich konnte ihm seine Stimmung nachfühlen. Mir erging es ähnlich.

„Ja, gesorgt. Ich kenne die Entführerin … Es handelt sich um einen Racheakt.“

„Racheakt …?!“, echote der Beamte kopfschüttelnd …

„Es ist so. All das hängt mit dem unbekannten Toten vom[5] 15. März zusammen. Ich werde Herrn Bhut das näher erläutern.“

„Na schön, Herr Harst … – Sie bleiben also zu Hause?“

„Ja, wir sind bereits die ganze Nacht auf den Beinen. Falls inzwischen nicht gerade daheim etwas geschehen ist, legen wir uns schlafen, bis Herr Bhut erscheint.“

Wir verabschiedeten uns in bestem Einvernehmen, und eine Taxe brachte uns nach Hause.

Als ich die Haustür aufgeschlossen hatte, lag hinter [54] der Glasscheibe des immer angebrachten Briefkastens eine Depesche.

Harst riß sie auf und las.

„Bitte …! Ahnte ich doch, daß wir eine Überraschung vorfinden würden!“

Das Telegramm lautete:

„Für all ihre Güte nochmals herzlichen Dank. Meine Enkelin Elsie und ich sind zur Erholung in ein Seebad gereist, die Großmut eines Bekannten hat uns dies ermöglicht. Das Atelier beziehe ich erst später.
Ihr ergebenster
Siegfried Waga.“

Harst lachte über mein erstauntes Gesicht.

„Dieser Fall Waterston hat sich so wunderbar logisch fortentwickelt, was die Entwirrung angeht, daß er als Schulfall gelten könnte. Auch die Schlußszenen sehe ich im Geiste schon vor mir. Frau Bink dürfte zur Zeit bei einem Notar weilen und ihr Haus verkaufen … Einen Käufer dürfte sie seit langem an der Hand haben. Auch sie wird ins Ausland gehen, und ich werde ihr nichts in den Weg legen …“

Mittlerweile hatte ich es mir längst abgewöhnt, mich noch über irgend etwas zu wundern, was den Fall Waterston anging.

„Mithin hast du für Mutter Binks Rachepläne volles Verständnis“, sagte ich nur.

„Ja. Sobald Bhut hier erscheint und ich dann den Fall abrolle, wirst du das begreifen. Jetzt störe mich nicht. Ich muß noch die alten Zeitungsbände durchsehen, denn ich möchte Bhut auch den Namen des Eleganten nennen können …“

Zu meiner Schande mußte ich gestehen, daß ich vor Übermüdung in der Sofaecke einnickte.

[55] Stimmen weckten mich.

Gleichzeitig schlug unsere Standuhr elf, – elf vormittags. Draußen schien die warme Junisonne, Bhut und noch zwei Herren verneigten sich sehr förmlich, ich rieb mir den Schlaf aus den Augen, und dann nahmen wir um den Sofatisch Platz.

„Herr Harst“, begann der Kommissar ganz gereizt, „Sie haben da durch den Oberwachtmeister vom Revier Schloßstraße-Charlottenburg Meldung über gewisse Vorfälle erstatten lassen, die mich leider zu spät erreichte, da ich bei Frau Bink Haussuchung gehalten habe.“

„Wann?“

„Um zehn …“

„Und Frau Bink war nicht mehr da?“

„Nein … Nur der neue Hausbesitzer. Sie hat heute früh halb neun Uhr …“

„… Notar, – – verkauft, – – ich weiß …: Abgereist!“

Bhut hustete …

„Woher wissen Sie das?!“

„Es lag in der logischen Entwicklung der Dinge. – Ich will Ihnen, meine Herren, den Fall Waterston nun so schildern, wie er sich abgespielt haben muß. Ich beginne mit Thea Binks Verbrechen, mit der Beseitigung ihres Mannes …“


[56]
9. Kapitel.
Der Fall Waterston.

Harst führte folgendes aus:

Frau Bink, die aus guter Familie stammte, hatte einen kleinen Sohn, den sie überaus zärtlich liebte. Um dem Kinde die Schande zu ersparen, daß sein Vater als unheilbarer Säufer in einer Anstalt endete, tötete sie in Wut und Verzweiflung Karl Bink, nachdem sie den dreijährigen Knaben einer nach Newyork auswandernden Bekannten mitgegeben hatte, die das Kind später adoptierte.

Diese Freundin Frau Binks hieß Watterstein, nannte sich nachher Waterston, und von ihr erhielt Heinrich-Hendrik Bink den Namen Waterston.

Der junge Waterston, der von seinem Vater nicht nur die Neigung zur Malerei, sondern auch die zum Alkoholgenuß geerbt hatte, kam nach Deutschland, um seine Mutter insgeheim zu besuchen, die ihn nach wie vor als ihr einziges Kind abgöttisch liebte.

Hier in Berlin mietete Waterston das Atelier in der Pücklerstraße und eine Privatwohnung. In dem Atelier ließ er den alten Herrn Waga und dessen Enkelin Elsie wohnen. Er selbst verbrauchte sehr viel Geld, verkehrte in besten Kreisen und lernte so die [57] Gattin des Stabsarztes a. D. Dr. Helmut Görges, Frau Gudrun Görges, kennen, die etwas flatterhaft veranlagt[6] war und schnell, zu schnell Waterstons Geliebte wurde, obwohl Doktor Görges eine elegante Erscheinung und ein reicher Mann ist.

Görges schöpfte Verdacht, da die Besuche seiner Frau in Waterstons Atelier zu häufig wurden. Sie ließ sich zum Schein von Waterston porträtieren. Als der junge Bink-Waterston merkte, daß Görges ihn beobachten ließ, reiste er am 5. Januar überstürzt ab. Inzwischen hatte dann Doktor Görges die unzweideutigen Beweise für die Untreue seiner Frau erhalten und leitete die Scheidung ein, die für die Berliner Gesellschaft einen Riesenskandal bedeutete. Alle Zeitungen berichteten darüber.

Hendrik Waterston, der aus seiner Mutter an Geld herauspreßte, was irgend zu erlangen war, sah sich im März gezwungen, nach Deutschland zurückzukehren, um seine Mutter zu bewegen, ihm mit einer größeren Summe beizuspringen.

Görges wieder, der den Verführer seiner Frau strafen wollte, hatte seinen einstigen Burschen und jetzigen Chauffeur Arthur Rittweg noch Newyork geschickt, und als Waterston hier eintraf, zwang Görges ihn zu einem sofortigen Zweikampf in dem Eichenhain bei Schlachtensee. Als Waffen wurden Kleinkaliberbüchsen gewählt.

Erwähnen muß ich noch folgendes. In dem Scheidungsprozeß wurden auch der alte Waga und seine Enkelin als Zeugen vernommen. Wahrscheinlich dürfte Görges als Zwangsmittel gegen Waterston, der zunächst den Zweikampf verweigerte, die Drohung gebraucht haben, Waterston verhaften zu lassen, da dieser seine geschiedene Frau Gudrun, die mit Ida Müller identisch ist, durch verwerfliche Mittel, durch Gewöhnung [58] an größere Alkoholmengen, verführt habe. Die Kleinkaliberbüchsen als Duellwaffen wurden gewählt, da Waterston den Schießsport eifrig pflegte. Bei dem Duell waren anwesend: Die beiden Kontrahenten, Frau Gudrun, die ihre Untreue längst bedauerte, und der Chauffeur Arthur Rittweg. Waterston erhielt einen Halsschuß und verblutete, obwohl Görges alles tat, ihn zu retten. Man ließ die Leiche dann im Eichenhain liegen, die Mitwisser schwiegen, und Waterston blieb der unbekannte Tote, bis ich der Polizei den Wink gab, nach Gepäck auf den Bahnhöfen Nachfrage zu halten.

Weder Görges noch sonst jemand ahnten, daß Waterston Frau Binks Sohn war. Frau Bink schwor in ihrer verblendeten Mutterliebe Görges Rache, und heute früh hat sie durch ihre Leute Görges und den Chauffeur überfallen und verschleppen lassen.

Wie ich dies alles Schritt für Schritt aufdeckte, werde ich später zu Protokoll geben. Es war ein sehr schweres Stück Arbeit, Herr Bhut, und wenn Schraut diesen Fall zu Papier bringt, wird er hoffentlich genau so systemathisch vorgehen wie ich.“

Kommissar Bhut und seine beiden Begleiter bedurften erst einiger Zeit, all diese Dinge geistig zu verarbeiten.

Ich auch. – Ein Duell!! Wer hätte das gedacht! Und doch, wenn ich mir nun Harsts vielfache Andeutungen ins Gedächtnis zurückrief, schämte ich mich, nicht selbst auf einen Zweikampf und eine Scheidungsklage gekommen zu sein. Die zweite Bleikugel war ja so vielsagend gewesen!

Bhut, der immerhin das geistige Übergewicht Harsts nun neidlos durch einige Worte des Dankes anerkannte, fügte mit Recht hinzu:

„Und wo hat Frau Bink nun die beiden Überfallenen [59] hingeschafft? Fürchten Sie wirklich nicht für deren Leben, Herr Harst?“

„Nein. Frau Thea Bink wollte Görges und Rittweg nur etwas ängstigen, was allerdings bei Männern vom Schlage der beiden kaum gelungen sein dürfte. Sie wird sie wieder freigeben, sobald sie selbst im Auslande in Sicherheit ist.“

„Und wo, glauben Sie, befinden sich Görges und Rittweg jetzt?“

„In Frau Binks Kaschemmenhaus, denke ich.“

„Ausgeschlossen!“, rief Bhut. Wir haben das ganze Haus durchsucht …

Harst zuckte die Achseln. „Ja, dann müssen wir eben abwarten … – Wie sind Sie übrigens auf Frau Binks Verbindung mit Waterston gekommen, Herr Bhut?“

„Durch Nachprüfung der Kriminalakten über Frau Binks Verbrechen. Dabei stieß ich auf das Kind der Eheleute Bink, das von einer Amerikanerin adoptiert worden ist. Ich folgerte daraus, Waterston könnte dieser Sohn sein … – – Und jetzt, Herr Harst, – – das Protokoll … Ihre Kombinationen interessieren mich …“

Das war verständlich.

Um ein halb Uhr mittags waren wir beide wieder allein.

[60]
10. Kapitel.
Görges und sein treuer Bursche.

Kaum hatten sich die drei Beamten entfernt, als ich meinen Freund beim obersten Rockknopf zu fassen bekam. „Harald, Frau Bink hat doch zweifellos Görges und Rittweg in den Geheimkeller eingesperrt …! Weshalb läßt du die beiden dort über ihr Schicksal im Ungewissen?! Das ist grausam!“

„Du bist sehr naiv – mitunter“, lächelte er nachsichtig. „Hältst du eine Frau wie Thea Bink, die immerhin die eine Genugtuung sich verschaffen wollte, Görges einzuschüchtern, für so unbegabt, jenen Geheimkeller, den wir kennen, als Kerker zu benutzen?! – Ich nicht! – Legen wir uns schlafen. Abends bei Dunkelheit werden wir Görges suchen und finden.“ – –

Abends elf Uhr … Ein leichter, warmer Regen rieselte herab, und die ausgetretenen alten Steinplatten des Hofraumes von Mutter Binks gewesenem Hause glänzten vor Nässe. Mitten im Hofe, aber mehr nach dem Hintergebäude zu, wo Vater und Enkelin Waga gewohnt hatten, stand eine einzelne, riesige Kastanie, die wie einen Ehrenschmuck ihrer Greisenhaftigkeit drei dicke eiserne Reifen trug, weil der Blitz den Riesen [61] einmal halb gespalten hatte. Im dichten Laubwerk des Baumes kauerte, mit den schmalen Stiefelchen auf den obersten Eisenring gestützt, eine verschwommene Gestalt und lugte mit vorgeneigtem Kopf nach dem Kellereingang hinüber.

Dann wurden mit einem Schlage vier Fenster der bisherigen Wohnung Mutter Binks blendend hell und über die geschlossenen Vorhänge huschten die scharfen Silhouetten zweier Männer hinweg.

Die Gestalt droben in der Kastanie besaß die scharfen Augen der Jugend neben der schnellen Auffassungsgabe eines gereiften Verstandes. – Elsie Waga hatte das Profil des einen Mannes dort auf den Vorhängen erkannt, dem sie blindlings vertraute. Als ihr heute früh ein Eilbrief mit fünfhundert Mark Inhalt und einem Zettel. „Erholen Sie sich an der See!“, zugegangen war, wollte sie, da sie die Handschrift erkannte, das Geld zurücksenden. Von Gudrun, geschiedene Görges, nahm sie keine Geschenke an. Trotzdem änderte sie ihren anfänglichen Entschluß, denn bei genauerem Überprüfen der Handlungsweise dieser durch Waterston Verführten empfand sie die rein menschliche Güte, die aus dieser Geldspende sprach. Sie schickte den Großvater mit einem der Frühzüge nach einem der Ostseebäder voraus und rief dann abermals ihren Freund Görges an, ohne Anschluß zu erhalten. Schließlich fuhr sie zu ihm. Er bewohnte seit Wochen zusammen mit Arthur Rittweg einige möblierte Zimmer in dem vornehmen Privathaus einer verarmten Adligen, da er jeden Tag mit der Möglichkeit rechnete, schleunigst über die deutsche Grenze fliehen zu müssen, um nicht deshalb ins Gefängnis zu wandern, weil er seine persönliche Ehre mit der Waffe in der Hand verteidigt hatte, wofür die Gesetzesmacher von heute kein Verständnis aufbringen konnten, da sie zu modern dächten, – so entschuldigten [62] sie die Angst vor Pulver und Blei vor sich selbst.

Elsie packte eine wilde Verzweiflung, als auch späterhin Görges sich nicht meldete, also immer noch nicht daheim war.

Das junge Mädchen ahnte, was geschehen sein mußte. Mutter Bink hatte sich doch noch gerächt. Elsies Verzweiflung stieg, als sie abends den Geheimkeller, wo sie Görges und Arthur Rittweg als Gefangene vermutete, heimlich betrat und leer fand. Da hatte sie ein Letztes versucht: Harst angerufen! Doch auch der war nicht daheim.

Jetzt atmete Elsie erleichtert auf, kletterte aus dem Blätterdach herab und huschte zur Vordertür. –

Harst stand im Hinterflur der Bink’schen Wohnung und hielt die Skizze in der Hand, die er für mich von den Kellerräumen entworfen hatte. „Genau dieselbe Raumverteilung“, sagte er halblaut. „Auch hier Wandschränke in dem winkligen Flur und sicherlich dieselben Tricks wie unten.“

Er hatte sich nicht getäuscht. – Als wir die Tür öffneten, die hier in den Geheimraum führte, saßen da an einem sauber gedeckten Tisch, der reich mit Lebensmitteln bestellt war, der Elegante und der Stämmige und schauten uns erstaunt entgegen.

„Das ist ja schnell gegangen, Herr Harst“, sagte Doktor Görges und verbeugte sich. „Frau Bink wollte erst von der Schweiz aus Ihnen über unseren Verbleib Meldung erstatten.“

Und Rittweg fügte hinzu: „Außerdem hat sie uns Brecheisen und Stahlbohrer hier gelassen, aber wir wollten die Tür nicht beschädigen, denn …“

Harst unterbrach den Stämmigen: „Ich wünsche Ihnen beiden glückliche Reise … Ich weiß, daß Waterston [63] ein ganz übler Bursche war … – Guten Abend. Ich will mit der Sache nichts mehr zu tun haben.“

Als wir davonschritten, rief Görges uns nach:

„Herzlichen Dank für Ihre verständnisvolle Rücksichtnahme …“

Harst blieb stehen. In einer Ecke hinter einem Schranke lehnte Elsie Waga.

„Reisen Sie nach Holmenkollen bei Oslo, Fräulein Waga … Dort werden Sie sich gut erholen. – Wer schickte Ihnen das Geld?“

„Gudrun Görges …“

„Ah, – eine räuige Sünderin … – Alles Gute für die Zukunft“, – und er schüttelte ihr herzlich die Hand. –

Um Mitternacht rief er von daheim Bhut an.

„Ich wollte Ihnen nur empfehlen, sowohl den Keller wie die Wohnung Mutter Binks nochmals auf Geheimgänge zu durchsuchen …“

Um halb zwei rief Bhut an.

„Herr Harst, – – alles leer, aber Görges und Rittweg waren in dem Geheimraum oben, ich fand Zigarettenstummel von Görges’ Spezialsorte. Wissen Sie vielleicht, wer Görges befreit haben kann?“

„Nein. Es ist mir auch gleichgültig, Herr Bhut. Gute Nacht.“

Vier Tage darauf erhielten wir zwei Briefe, der eine kam aus der Schweiz, der andere aus Oslo, und dieser zweite trug am Schluß einen Vermerk Elsies: „Wir sind hier sehr glücklich, lieber Herr Harst …!“ –

Das war der harmonische Ausklang des Falles Waterston. – Ich habe wirklich nichts mehr hinzuzufügen … – Wer jemals irgendwo zwei Bleikugeln findet, denke an Mutter Bink, die ihre Mutterliebe [64] an einen Unwürdigen verschwendet hatte. Liebe darf nicht blind sein. Zuweilen drückt sie beide Augen zu. Es ist verzeihlich und verständlich. Wir alle haben unsere Fehler und unsere Schwächen …

Billige Weisheit? – – Nein!! Eine Weisheit, die nicht laut genug gepredigt werden kann.


Nächster Band:

Der Dieb, der nie etwas stahl.


[Verlagswerbung]
An unsere Leser!

Als wir im Jahre 1920 mit der Herausgabe der Erlebnisse Harald Harsts begannen, beabsichtigten wir dem Wunsche weiter Leserkreise nach Kriminalerzählungen Rechnung zu tragen. Darüber hinaus aber beabsichtigten wir der leider auf diesem Gebiet vorherrschenden ausländischen Literatur und den darin verherrlichten ausländischen Personen den Typ eines deutschen Detektivs entgegenzusetzen und gleichzeitig dem Leser die Kenntnis exotischer Länder, Sitten und Gebräuche unaufdringlich zu vermitteln.

Es ist dem Autor – einem alten Frontkämpfer, Juristen und deutschen Waffenstudenten – in all den Jahren vorzüglich gelungen, die Figur des

Deutschen Detektiv Harald Harst

lebenswahr zu gestalten. Deutsch war sein Handeln, deutsch seine Sprache, deutsch sein Empfinden. Tausende von Zuschriften aus dem Leserkreise, und zwar aus allen Schichten der Bevölkerung haben unser Bestreben anerkannt und uns ihre Zustimmung ausgedrückt.

Weiterhin ist es dem Autor ebenso vorzüglich gelungen,

deutschen Familiensinn, deutsche Freundschaft

in diesen anspruchslosen Heften zu pflegen und zu fördern. Nur in deutschen Familien kann sich ein derart inniges Verhältnis zwischen Mutter und Sohn und zwischen Freund und Freund ausgestalten, festigen und zu behaglichen, erwärmenden Grundlage eines herzlichen Gemeinschaftslebens werden.

In diesem Sinne haben Autor und Verlag an dem

sittlichen und ideellen Wiederaufbau des deutschen Volkes und Vaterlandes

mitzuarbeiten sich bemüht und sich auch durch keinerlei Angriffe und Anfeindungen hierin beirren lassen, die stets nur dem stark betonten Deutschtum Harald Harsts galten. Und so soll es auch weiterhin sein. Unsere anspruchslosen Heftchen, bestimmt zur Unterhaltung und Entspannung nach des Tages Last und Mühen, werden auch fernerhin eine Stätte der Pflege des deutschen Gedankens, der deutschen Familie und des deutschen Menschen sein.

Unsere Leser aber bitten wir, uns in unserem Streben zu unterstützen und durch Empfehlung unserer Heftchen zu deren Weiterverbreitung beizutragen.

Herausgeber und Verlag     



Errata (Wikisource)

  1. Vorlage: nach nach (Wort doppelt)
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