Jüdische Altertümer/Buch XIX

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Jüdische Altertümer
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[573]
Neunzehntes Buch.

Dieses Buch umfasst einen Zeitraum von 3 Jahren und 6 Monaten.

Inhalt.

1. Wie der Caesar Gajus von Cassius Chaerea ermordet wurde.

2. Wie des Gajus Oheim Claudius auf Drängen der Soldaten die Regierung übernahm.

3. Streit zwischen dem Senat und Volk einerseits, Claudius und den zu ihm haltenden Soldaten anderseits.

4. König Agrippa verhandelt mit dem Senat. Wie die auf seiten des Senates stehenden Soldaten sich gleichfalls zu Claudius begaben und ihm die Herrschaft übertrugen, der nun alleinstehende Senat aber ihn bat, sich mit ihm zu vergleichen.

5. Wie der Caesar Claudius dem Agrippa das ganze Reich seines Vaters zurückgab und die Tetrarchie des Lysanias noch hinzufügte.

6. Erlasse des Caesars Claudius an die Alexandriner und an alle übrigen Länder seines Reiches in betreff der Juden.

7. Rückkehr des Königs Agrippa aus Judaea.

8. Verordnung des syrischen Landpflegers Publius Petronius an die Doriter in betreff der Juden.

9. Wie der König Agrippa die Mauern von Jerusalem mit grossem Aufwand wiederherstellte, aber das Werk unvollendet lassen musste, weil der Tod ihn überraschte.

10. Was er in den drei Jahren bis zu seinem Tode ausführte, und auf welche Weise er starb.

[574]
Erstes Kapitel.
Wie Gajus von Chaerea ermordet wurde.

(1.) 1 Gajus bewies übrigens nicht nur gegen die zu Jerusalem und in dessen Umgebung lebenden Juden seine wahnsinnige Grausamkeit, sondern liess dieselbe auch durch alle Länder und Meere wüten, soweit das römische Reich sich erstreckte, und erfüllte letzteres mit unsäglichem Leid, dergleichen man früher nie gehört hatte. 2 Rom besonders war der Schauplatz seiner unmenschlichen Handlungen, und anstatt dasselbe vor anderen Städten auszuzeichnen, wütete er gegen die Bürger mit besonderer Grausamkeit, namentlich aber gegen die Senatoren und unter diesen wieder vorzüglich gegen diejenigen, welche zu den Patriziern gehörten und durch berühmte Ahnen sich auszeichneten. 3 Unzählige Drangsalierungen ersann er auch gegen die Ritterschaft, die in der Stadt ihres Einflusses und Reichtums wegen ebenso wie der Senat geachtet war und aus deren Mitte die Senatoren hervorgingen. Die Ritter nämlich beschimpfte er auf jede mögliche Weise, stiess sie aus ihrem Stande aus und nahm ihnen Leben und Vermögen, wie denn ihre Hinrichtung in der Regel nur die Einziehung ihres Vermögens zum Zweck hatte. 4 Weiterhin legte Gajus sich göttliches Ansehen bei und forderte von seinen Unterthanen Ehrenbezeugungen, die einem Menschen gar nicht zukommen. Auch besuchte er besonders häufig den Tempel des Jupiter, der das Kapitolium heisst und von allen Tempeln der berühmteste ist, und wagte sogar den Jupiter seinen Bruder zu nennen. 5 Überhaupt sprach aus allen seinen Unternehmungen fast der vollendete Wahnsinn. So liess er, weil ihm die Schiffahrt von Puteoli in Campanien bis nach der gleichfalls in Campanien liegenden Küstenstadt Misenum zu lästig war, und er überhaupt als Herr des Meeres von diesem dieselbe Unterwürfigkeit wie von der Erde beanspruchen zu können glaubte, 6 von [575] einem Vorgebirge zum anderen dreissig Stadien weit das Meer überbrücken und fuhr sodann zu Wagen über den ganzen Meerbusen, da, wie er meinte, diese Art, den Weg zurückzulegen, eines Gottes würdiger sei.[1] 7 Es gab ferner keinen Tempel in Griechenland, den er ungeplündert liess, und was sich an Werken der Malerei oder Bildhauerkunst sowie an Standbildern und Weihgeschenken dort vorfand, liess er nach Rom schaffen. Denn das Schöne, meinte er, dürfe nirgendwo anders seinen Platz finden, als in der schönsten Stadt, und das sei eben Rom. 8 Mit diesen geraubten Kunstgegenständen zierte er auch seinen Palast und seine Gärten sowie seine in ganz Italien zerstreuten Landhäuser. Ja, er gab sogar Befehl, die Bildsäule des von den Griechen verehrten Olympischen Zeus, das Werk des Atheners Pheidias, nach Rom zu überführen. 9 Freilich kam es nicht zur Ausführung des Befehls, weil die Architekten dem Memmius Regulus, der mit derselben betraut war, erklärten, das Bild werde brechen, wenn man es von seiner Stelle bewege. Aus diesem Grunde und weil auch noch fast unglaubliche Wunderzeichen sich dabei ereigneten, soll Memmius von der Wegschaffung der Bildsäule Abstand genommen haben. 10 Das schrieb er auch an Gajus und bat um Entschuldigung, weil er seinen Befehlen nicht habe nachkommen können. Doch hätte ihm dies bald das Leben gekostet, und nur der inzwischen erfolgte Tod des Gajus befreite ihn aus der Gefahr.

(2.) 11 Der Wahnsinn des Caesars steigerte sich schliesslich so weit, dass er, als ihm eine Tochter geboren worden war, diese aufs Kapitolium bringen und der Bildsäule des Jupiter in den Schoss legen liess, indem er erklärte, sie sei dessen Tochter ebenso gut wie die seinige, und sie hätten beide Anspruch auf die Rechte des Vaters, wobei er unentschieden lassen wolle, wer von ihnen der Grössere sei. 12 Trotz dieses wahnsinnigen Treibens sah die Menschheit ihm ruhig zu. Nun gestattete [576] er auch den Sklaven, ihre Herren zu verklagen und ihnen Beschuldigungen vorzuwerfen, welche sie wollten. Selbstverständlich wurden die schwersten Anklagen erhoben, weil alles ihm zu Gefallen und auf sein Anstiften als Verbrechen gedeutet wurde. 13 Ja, gegen Claudius[2] sogar wagte dessen Sklave Pollux eine Anklage vorzubringen, und als deshalb gegen seinen Oheim verhandelt wurde, kam Gajus selbst in die Gerichtssitzung und hörte zu in der Hoffnung, er werde jetzt Gelegenheit finden, ihn aus dem Wege zu räumen. Hierin aber täuschte er sich. 14 Da er nun das ganze ihm untergebene Ländergebiet mit Verleumdung und Bosheit angefüllt und den Sklaven eine so mächtige Waffe gegen ihre Herren in die Hand gegeben hatte, entstanden überall Verschwörungen gegen ihn, indem die einen in ihrer Wut für erlittenes Unrecht Rache nehmen wollten, die anderen aber ihn umzubringen trachteten, bevor sie selbst von ihm ins Verderben gestürzt würden. 15 So war denn sein Tod eine Bürgschaft für den Fortbestand der Gesetze und die Sicherheit der Völker, und ganz besonders galt das für unser Volk, das wohl gänzlich der Vernichtung anheimgefallen wäre, wenn der Tod ihn nicht so schnell ereilt hätte. Ich will daher die Geschichte seiner Ermordung mit sämtlichen Einzelheiten erzählen, 16 besonders weil sie geeignet ist, allen Bedrängten Vertrauen auf Gottes Allmacht und Trost einzuflössen, für diejenigen aber, die freventlich auf ihr Glück pochen, auch wenn dasselbe der Tugend entbehrt, eine ernste Warnung enthält.

(3.) 17 Schon bestanden drei Verschwörungen gegen des Caesars Leben, ausgehend von drei edlen Männern. Aemilius Regulus aus Korduba in Iberien hatte sich mit einigen Genossen ins Einvernehmen gesetzt und wollte entweder durch sie oder auch mit eigener Hand den Gajus beiseite schaffen. 18 Eine andere Verschwörung ging [577] von dem Tribun Cassius Chaerea aus, und endlich trug sich auch ein gewisser Annius Minucianus mit der Absicht, dem Tyrannen den Untergang zu bereiten. 19 Gemeinsam war allen dreien der Hass gegen Gajus, während im übrigen ihre Beweggründe verschieden waren. Regulus, von Natur leicht erregbar und von Abscheu gegen alles Unrecht durchdrungen, war entschlossenen und hochherzigen Sinnes, machte aus seinen Absichten kein Hehl und teilte deshalb auch jetzt seinen Plan vielen seiner Freunde und anderen thatkräftigen Männern mit. 20 Minucianus wollte teils für seinen vertrauten Freund Lepidus, einen der edelsten Bürger, den Gajus hatte hinrichten lassen, Rache nehmen, teils sich selbst sichern, weil Gajus in seinem grausamen Wüten keine Grenzen kannte und es auch auf ihn schon abgesehen hatte. 21 Chaerea endlich war über des Gajus Schmähungen aufgebracht, der ihn einen feigen und verweichlichten Menschen nannte, und schwebte ebenfalls trotz seiner Freundschaft und Gefälligkeit, die er Gajus bewies, beständig in Gefahr, sodass auch er die Ermordung des Caesars für eine eines freien Mannes würdige That erachtete. 22 Alle drei Männer nun hielten es für angebracht, sich mit den vielen ins Einvernehmen zu setzen, welche täglich die Ungerechtigkeiten sahen und durch Gajus’ Tod denselben zu entgehen hofften. Höchst wahrscheinlich, überlegten sie, werde ja ihr Unternehmen gelingen, und in diesem Fall könne es für sie nur angenehm sein, so viele edle Männer mit sich eins zu wissen, die gleichfalls für das Wohl der Stadt und des Reiches sich aufzuopfern bereit seien. 23 Mehr als die anderen indes war Cassius Chaerea auf die That erpicht, einesteils weil er seinen Ruf dadurch verbessern wollte, andernteils weil die Ermordung des Gajus ihm am leichtesten gelingen konnte, da er als Tribun freieren Zutritt zu ihm hatte.

(4.) 24 Unterdessen wurden circensische Spiele[3] gefeiert, [578] ein Schauspiel, dem die Römer leidenschaftlich ergeben sind. Dabei drängt sich alles nach dem Cirkus, und wenn das Volk etwas vom Caesar erbitten will, rottet es sich zusammen und bringt dort sein Begehren vor. Derartige Bitten gelten als besonders bevorzugt und finden stets Erhörung. 25 Jetzt nun bestürmte man Gajus um Steuernachlass und Erleichterung der drückendsten Auflagen. Davon aber wollte der Caesar nichts wissen, und als das Geschrei überhand nahm, liess er die Lärmmacher durch Trabanten ergreifen und augenblicklich zur Hinrichtung abführen. 26 Die Henker vollzogen sogleich seine Befehle, und so fanden viele den Tod. Gleichwohl verhielt das Volk sich ruhig und liess vom Lärm ab, weil jeder, der noch um Steuernachlass gebeten hätte, seinen Tod vor Augen sah. 27 Um so mehr aber stieg Chaereas Verlangen, den Caesar umzubringen und dadurch die Welt von dem Wüterich zu befreien, öfter schon dachte er daran, ihn beim Mahle zu überfallen, und nur eine Erwägung hielt ihn noch davon zurück: nicht dass sein Entschluss ins Wanken geraten wäre, sondern weil er den rechten Augenblick abwarten wollte, wo er mit Erfolg ans Werk gehen könnte.

(5.) 28 Chaerea hatte übrigens schon lange Zeit Kriegsdienste geleistet, und als sein Unwille durch den Verkehr mit Gajus immer mehr gestiegen war, übertrug dieser ihm die Erhebung der gewöhnlichen Steuern und die Eintreibung der rückständigen Abgaben. Da diese Abgaben aufs doppelte erhöht worden waren, machte er sich mit ihrer Einziehung keine besondere Mühe und folgte dabei mehr seinem eigenen guten Herzen als den Befehlen des Gajus. 29 Dadurch erregte er den Zorn des letzteren, der ihm seine Saumseligkeit im Eintreiben der Steuern beständig vorwarf und ihn deshalb einen feigen Menschen nannte. Auch noch andere Schmähungen musste er hören, und so oft er sich für den Tag, an dem [579] er sein Amt als Tribun wahrnehmen musste, die Losung holte, stand auf derselben ein gemeines und ehrverletzendes Schimpfwort. 30 Das that der Caesar, obwohl er selbst bei gewissen geheimnisvollen Zusammenkünften, die er angeordnet hatte, sich einfand, wo er Weiberkleider anlegte, sich das Haar auf eine besondere, von ihm ersonnene Art kräuselte und auch in allem übrigen das Gebaren eines Weibes nachahmte. Gleichwohl scheute er sich nicht, ein gleiches dem Chaerea vorzuwerfen. 31 Jedesmal nun, wenn Chaerea die Losung empfing, geriet er in Erbitterung, besonders da er dieselbe anderen einhändigen musste und dann von diesen ausgelacht wurde. So ward er bald für alle übrigen Tribunen eine Zielscheibe des Spottes; denn so oft er die Losung vom Caesar vorzuzeigen hatte, freuten sie sich schon zum voraus, dass sie wieder etwas zu bespötteln bekamen. 32 Chaerea fasste sich daher ein Herz und vertraute einigen Freunden an, dass er sich nicht mehr ungestraft wolle reizen lassen. Unter diesen befand sich auch ein gewisser Pompedius, ein Mann von Senatorsrang, der schon fast alle Ehrenämter bekleidet hatte, im übrigen aber ein Epikuräer[4] war und deshalb Ruhe und Bequemlichkeit liebte. 33 Ihn verklagte sein Feind Timidius, er habe grobe Schmähungen gegen Gajus ausgestossen, und berief sich dabei auf das Zeugnis einer gewissen Quintilia, die auf der Bühne auftrat und infolge ihrer Schönheit eine Menge Liebhaber hatte, darunter auch den Pompedius. 34 Als diese sich aber weigerte, ein falsches Zeugnis abzulegen und dadurch ihren Liebhaber dem Tode zu überantworten, drang Timidius darauf, dass sie der Folter unterworfen werde. Gajus gab auch wirklich in seiner Erbitterung dem Chaerea Befehl, unverzüglich die Quintilia zu foltern. Er pflegte nämlich alle Hinrichtungen und Folterungen dem Chaerea zu übertragen, weil er glaubte, dieser [580] werde mit grösster Härte verfahren, um den Vorwurf der Weichlichkeit von sich abzuwälzen. 35 Als nun Quintilia zur Folter abgeführt wurde, trat sie einem ihrer Vertrauten auf den Fuss, um ihm anzudeuten, er solle Mut fassen und bei ihrer Qual nicht erzittern, da sie dieselbe standhaft ertragen werde. Chaerea liess sie darauf grausam foltern, allerdings nicht mit Willen, sondern nur aus Gehorsam gegen den ihm erteilten Befehl. Da aber die Qualen der Folter sie nicht zu überwältigen vermochten, führte Chaerea sie dem Caesar so entstellt vor, dass niemand sie ohne Mitleid ansehen konnte. 36 Auch Gajus vermochte sich beim Anblick ihres zermarterten Körpers der Rührung nicht zu erwehren und liess sie wie auch Pompedius frei ausgehen. Ja, er machte der Quintilia sogar noch ein Geldgeschenk, um sie für die ausgestandenen Qualen zu entschädigen und für ihre Standhaftigheit zu belohnen.

(6.) 37 Hierüber geriet Chaerea in gewaltige Angst, gleich als hätte er so grosses Leid über eine Person gebracht, die selbst ein Gajus zu trösten sich herabgelassen habe. Er sprach deshalb zu Clemens und Papinius, von denen der letztere ebenfalls Tribun, der erstere aber Befehlshaber der Praetorianer war: 38 „Wir haben gewiss nichts ausser acht gelassen, was zum Wohle des Caesars erforderlich war. Denn von denen, die sich gegen ihn verschworen haben, sind die einen durch unsere Mühe und Sorgfalt dem Tode verfallen, und die anderen so gefoltert worden, dass selbst Gajus bei ihrem Anblick Mitleid empfand. Und haben wir nicht mit Ehren Kriegsdienste gethan?“ 39 Als nun Clemens hierauf schwieg und durch sein Erröten verriet, wie sehr er sich der Befehle des Caesars schämte, gleichwohl aber es nicht für ratsam hielt, den Wahnsinn des Gajus offen zu tadeln, 40 wurde Chaerea zuversichtlicher und sprach freier und unbefangener von dem Elend der Stadt und des Reiches. „Allgemein ist man der Ansicht,“ führte er aus, „Gajus sei schuld daran. 41 Geht man aber der Sache auf den Grund, so bin ich es, mein Clemens, und [581] Papinius hier ist es, und noch mehr als wir beide bist du es, der den Römern und dem ganzen Menschengeschlecht diese Qualen bereitet. Denn nicht so sehr des Gajus Befehle, als vielmehr unseren eigenen Willen haben wir vollzogen. 42 Obgleich es nämlich bei uns stände, diesen Quälereien der Bürger und Unterthanen ein Ende zu machen, sind wir ihm überall zu Willen, verrichten anstelle von Kriegsdiensten Henkersarbeit, führen unsere Waffen nicht für die Freiheit und das Vaterland, sondern für einen Menschen, der die Römer an Leib und Seele knechtet, und beflecken uns tagtäglich mit dem Blute derer, die wir töten oder foltern, bis wir auf sein Geheiss von anderen in gleicher Weise behandelt werden. 43 Denn er weiss uns für unsere Dienste ja keinen besonderen Dank, sondern verfolgt uns mit Argwohn und Hass. Und wenn auch noch so viele Menschen hingeschlachtet werden, seine Wut wird sich deshalb doch niemals legen, weil er sich bei seinem Zorn nicht von der Rücksicht auf Recht und Gerechtigkeit, sondern nur von seiner eigenen Lust leiten lässt. Diese Wut wird auch uns treffen, uns, deren Pflicht es ist, für die allgemeine Sicherheit und Freiheit zu sorgen und Gefahren vom Volke abzuwenden.“

(7.) 44 Diese Ausführungen Chaereas billigte Clemens voll und ganz, riet aber Stillschweigen an, damit nichts davon unter das Volk komme. Denn wenn der Anschlag vorzeitig verraten werde, seien sie alle Kinder des Todes. Man müsse vielmehr alles der Zeit überlassen und alle Hoffnung auf die Zukunft setzen, weil das Glück ihnen gewiss auf ungeahnte Weise zu Hilfe kommen werde. 45 Er selbst sei zwar schon zu alt, um so etwas zu unternehmen, aber er müsse gestehen, dass er wohl etwas weniger Gefährliches, indessen nichts Ehrenvolleres den Plänen und Vorschlägen Chaereas entgegenzustellen wisse. 46 Clemens begab sich hierauf nach Hause und überlegte, uneins mit sich selbst, das, was er gehört und selbst gesagt hatte. Chaerea geriet deswegen in Unruhe und eilte sogleich zu dem Tribun Cornelius Sabinus, [582] den er als einen vortrefflichen und freiheitliebenden Mann kannte und von dem er wusste, dass er mit dem gegenwärtigen Zustand der Dinge durchaus nicht einverstanden war. 47 Diesem wollte er sein Vorhaben mitteilen und dann unverweilt zur Ausführung schreiten, weil er von Clemens Verrat befürchtete und erwog, wie viel kostbare Zeit ihm verloren gehe.

(8.) 48 Sabinus nahm seine Vorschläge mit Freuden auf. Hatte er doch schon längst denselben Gedanken gehegt und nur deshalb bisher geschwiegen, weil er niemand wusste, mit dem er sich beratschlagen konnte. Jetzt aber, da er einen Mann gefunden, der nicht nur Stillschweigen über das Gehörte versprach, sondern auch selbst mit seiner Meinung nicht hinterm Berge hielt, befestigte sich sein Entschluss vollkommen, und er drang in Chaerea, doch nicht mehr zu zaudern. 49 Beide begaben sich nun zu Minucianus, der mit ihnen dieselbe Liebe zur Tugend und dieselbe Seelengrösse besass, und der obendrein dem Gajus wegen der Hinrichtung des Lepidus nichts weniger als freundlich gesinnt war. Minucianus und Lepidus waren nämlich infolge gemeinsam bestandener Gefahren besonders eng befreundet. 50 Denn für alle, die in Rang und Würden standen, war Gajus ein Gegenstand des Schreckens, weil er gegen alle ohne Unterschied wütete. 51 Freilich hatten die Unzufriedenen die gleiche Angst auch voreinander und wagten aus Furcht vor Verrat weder ihre Meinung offen auszusprechen noch ihren Hass gegen Gajus zur Schau zu tragen, was sie indessen nicht hinderte, miteinander in freundschaftlichem Verkehr zu bleiben, da sie sich ihres gemeinsamen Hasses gegen den Caesar wohl bewusst waren.

(9.) 52 Als sich die drei Männer jetzt zusammenfanden, grüssten sie sich gegenseitig, und Minucianus, dem sie stets wegen seiner hervorragenden Stellung und seiner Bürgertugenden, besonders beim Reden den Vorrang gelassen hatten, 53 begann auch jetzt die Unterhaltung mit der Frage, was für eine Losung Chaerea heute vom [583] Caesar erhalten habe; denn es war allgemein bekannt, wie Chaerea beim Empfang dieses Schriftstückes verhöhnt wurde.[5] 54 Chaerea aber merkte den Spott, dankte Minucianus für seine gütige Nachfrage und fuhr dann fort: „Gieb mir nun ein Pfand der Freiheit, und ich will dir Dank dafür wissen, dass du mich mehr in Erregung gebracht hast, als mein Charakter verträgt. 55 Es bedarf auch keiner Worte mehr, um mich aufzuhetzen, wenn du der nämlichen Meinung bist wie ich und meine Ansicht schon vor dieser Zusammenkunft geteilt hast. Ich bin nur mit einem einzigen Schwerte umgürtet, aber es langt für zwei. Daher lass uns zum Werke schreiten: 56 entweder folge ich deiner Führung, wenn du so willst, oder ich gehe voran und du leihst mir deinen Schutz und Beistand. Keines Stahls bedürfen Männer, die mutige Entschlossenheit zur Schau tragen; denn auch dem Stahl verleiht nur Thatkraft seine Schärfe. Mächtig treibt es mich zur That, und keine Furcht vor dem, was mich treffen mag, lähmt mir den Arm. 57 Denn keine Zeit habe ich, an meine eigene Gefahr zu denken, wenn ich das Geschick meines aus goldener Freiheit in schmählichste Knechtschaft gestürzten Vaterlandes, die Vernichtung der Autorität des Gesetzes und das allen Menschen von Gajus drohende Verderben beklagen muss. 58 Möchte ich nur hierbei dein Vertrauen gewinnen und auf deine Zustimmung rechnen dürfen!“

(10.) 59 Minucianus verstand wohl, wohin diese Worte zielten, umarmte den Chaerea herzlich und erhöhte dadurch dessen Mut und Vertrauen nicht wenig. Dann entliess er ihn unter den besten Wünschen für das Gelingen seines Planes. 60 Man sagt auch, er habe seine Zuversicht noch auf folgende Weise gestärkt. Als Chaerea eines Tages auf dem Wege zur Curie sich befand, soll eine Stimme aus der Volksmenge ihn aufgefordert haben, das Erforderliche durchzuführen und auf den Beistand der Götter zu vertrauen. 61 Im ersten [584] Augenblicke sei darauf Chaerea in Schrecken geraten und habe geglaubt, er sei von einem der Verschworenen verraten worden und werde nun festgenommen werden. Bald indessen habe er eingesehen, dass die Worte eine Aufmunterung bedeuteten, die entweder von einem seiner Mitverschworenen oder von der Gottheit, die alle menschlichen Verhältnisse durchschaut, ausgegangen sei. 62 Übrigens waren schon viele in den Plan eingeweiht, und sie alle, Senatoren, Ritter und Soldaten, waren bewaffnet zugegen. Gab es doch niemand, der die Ermordung des Gajus nicht für das grösste Glück gehalten hätte, 63 und so bemühte sich jeder, so viel an ihm lag, bei diesem Unternehmen an Eifer nicht zurückzustehen, vielmehr mit Wort und That das seinige zu der Wegräumung des Tyrannen beizutragen. 64 Selbst Callistus gehörte dazu, ein Freigelassener des Gajus, der zu hohem Einfluss gelangt war und beinahe dieselbe Macht wie der Caesar besass, weil er allseitig gefürchtet war und einen ungeheuren Reichtum sein eigen nannte. 65 Er hatte sich Ämter auf alle mögliche Weise erschlichen und schreckte vor keinem Unrecht zurück, sondern schaltete wider Recht und Gesetz ganz nach Willkür. Da er aber des Gajus unversöhnliches Gemüt, das niemals von dem einmal gefassten Entschlüsse abging, kannte und wohl wusste, dass er sowohl aus vielen anderen Ursachen, als besonders wegen seines ungeheuren Reichtums in steter Lebensgefahr schwebe, 66 schloss er sich an Claudius an in der Hoffnung, dass, wenn Gajus aus dem Wege geräumt sei und Claudius den Thron bestiegen habe, er dann auch bei diesem zu Ansehen kommen werde, besonders da er sich schon vorher durch treue Dienste ihm unentbehrlich gemacht habe. 67 Er wagte sogar zu behaupten, er habe von Gajus Befehl erhalten, den Claudius zu vergiften, dies aber auf mancherlei Weise hintertrieben. Ich glaube indes, dass diese Behauptung von Callistus nur erfunden war, um sich bei Claudius in Gunst zu setzen. 68 Denn Gajus hätte, wenn er den Claudius umbringen wollte, sich gewiss um des [585] Callistus Vorstellungen nicht gekümmert, und anderseits würde Callistus den Befehlen des Gajus sich nicht zu widersetzen gewagt oder, wenn er dessen Aufträge missachtet hätte, sogleich seine Strafe erhalten haben. 69 Ich bin vielmehr der Meinung, dass Claudius durch göttliche Fügung der sinnlosen Wut des Gajus entgangen ist, dass aber Callistus sich ein Verdienst zugeschrieben hat, auf das er nicht den mindesten Anspruch machen konnte.

(11.) 70 Inzwischen zog sich Chaereas Unternehmen durch die Unschlüssigkeit der meisten Mitverschworenen immer mehr in die Länge. Er selbst freilich sah die Verzögerung sehr ungern, da er jeden Augenblick für günstig hielt. 71 Wenn nämlich Gajus sich aufs Kapitolium begab, um dort für das Wohlergehen seiner Tochter Opfer darzubringen, bot sich oft Gelegenheit, ihn von der Höhe des auf das Forum niederschauenden Tempeldaches hinabzustürzen, wenn er von dort aus Gold- und Silbermünzen unter das Volk warf, oder ihn bei der Feier der von ihm eingerichteten Mysterien niederzustossen. 72 Er selbst nämlich hatte nicht die geringste Besorgnis und war nur darauf bedacht, dass bei den Mysterien alles regelrecht zuging. Dass jemand etwas gegen ihn im Schilde führen könne, ahnte er nicht im entferntesten. Wenn aber Chaerea auch kein Zeichen dafür gehabt hätte, dass die Götter seinen Anschlag billigten, 73 so wäre er doch an sich stark genug gewesen, den Gajus selbst ohne Waffe umzubringen. Er war deshalb über die anderen Verschworenen höchst ärgerlich, da er befürchtete, der günstige Augenblick möchte verpasst werden. 74 Diese sahen nun zwar ein, dass er mit Recht aufgebracht sei und ebenso gerechten Grund habe, mit der That zu eilen; doch baten sie trotzdem um Aufschub, damit nicht, falls die Sache schief gehe, die ganze Stadt bei der Suche nach den Schuldigen in Aufruhr gerate und Gajus den Verschworenen trotz deren Tapferkeit unerreichbar werde, weil dann die Wachen verstärkt würden. 75 Es sei deshalb [586] besser, meinten sie, erst bei den Spielen, die auf dem Palatium[6] aufgeführt werden sollten, ans Werk zu gehen. Diese Spiele werden zu Ehren des Caesars gefeiert, der zuerst die dem Volke zustehende Gewalt auf seine Person übertragen hat, und die römischen Patrizier finden sich mit Weib und Kind wie auch der Caesar selbst ein, um von eigens dazu errichteten Zelten aus den Spielen zuzusehen. 76 Die Verschworenen meinten also, es sei leicht, in einer Versammlung von so vielen tausend Menschen den Caesar gleich beim Eintritt zu überfallen, da dann sogar seine Leibwache ihm keine Hilfe leisten könne.

(12.) 77 Chaerea wartete demgemäss einen Tag um den anderen, und als die Spiele begannen, war er gleich am ersten Tage zur That entschlossen. Doch das Geschick, das noch Aufschub bestimmt hatte, erwies sich mächtiger als die Kühnheit der Verschworenen; denn drei der festlichen Tage mussten erst vergehen, bevor endlich am vierten die That ausgeführt werden konnte. 78 An diesem Tage berief Chaerea seine Mitverschworenen zusammen und sprach zu ihnen: „Schon ist eine lange Zeit verstrichen, und wir müssen es uns zum Vorwurf anrechnen, dass wir so lässig in der Ausführung dieses ehrenvollen Unternehmens gewesen sind. Wie verhängnisvoll aber wäre es, wenn jetzt noch der Plan durch Verrat vereitelt würde und des Gajus Wut dann ins unermessliche stiege! 79 Sehen wir nicht, dass wir uns und allen unseren Mitbürgern die Freiheit vorenthalten und des Gajus Tyrannei in den Himmel wachsen lassen, während wir doch verpflichtet sind, unsere Zukunft zu sichern, und uns in der Lage befinden, allgemeines Glück zu stiften und uns dadurch ewigen Ruhm zu erwerben?“ 80 Da die anderen hierauf nichts zu entgegnen wussten und auch noch nicht in die Ausführung der That einzuwilligen schienen, sondern den Chaerea wortlos anstarrten, fuhr dieser fort: „Wenn [587] ihr wackere Männer seid, wozu zaudern wir denn noch? Bedenkt ihr nicht, dass heute der letzte Tag der Spiele ist und dass Gajus von hier sogleich in See gehen will? 81 Hat er doch schon Vorbereitungen getroffen, um nach Alexandria zu reisen und Aegypten zu besuchen. Das wäre fürwahr eine nette Sache, dieses Scheusal von einem Menschen entschlüpfen zu lassen, damit er sich unter dem Beifall der Römer zu Lande wie zu Wasser breit machen kann! 82 Welche Schande für uns, wenn ihn in Aegypten jemand niedermacht, der die Ertragung so sinnloser Grausamkeit für unwürdig eines freien Mannes hält! 83 Ich habe nun meinerseits keine Lust mehr, euer Zaudern noch mit anzusehen, sondern ich werde die That heute wagen und mit Freuden alles, was daraus folgen könnte, auf mich nehmen. Denn Aufschub giebt’s jetzt für mich nicht mehr. Was könnte auch einen tapferen und edeldenkenden Mann, wie mich, mehr ärgern, als wenn ein anderer vor meinen Augen den Gajus niederstiesse und mich um den Ruhm der That brächte?“

(13.) 84 Mit diesen Worten stärkte Chaerea ebensowohl den Mut seiner Genossen als seine eigene Entschlossenheit, und so drangen denn nun alle auf unverzügliche Ausführung des Planes. 85 Gleich in der Morgenfrühe fand sich Chaerea, mit dem Reiterschwert umgürtet, im Palaste ein. Es war nämlich Sitte, dass die Tribunen in dieser Bewaffnung sich die Losung vom Caesar erbaten, und an diesem Tage war Chaerea gerade an der Reihe, dieselbe in Empfang zu nehmen. 86 Schon strömte die Menge mit Ungestüm zum Palatium, und einer stiess und drängte den anderen, um den besten Platz zum Zusehen zu erhalten. Gajus hatte an diesem Drängen immer seine besondere Freude und liess deshalb auch weder den Senatoren, noch den Rittern bestimmte Plätze freihalten. Vielmehr mussten alle durcheinander sitzen, Männer wie Frauen, Sklaven wie Freie. 87 Für Gajus aber wurde ein besonderer Weg offen gehalten, und nun opferte er zunächst den Manen des Caesars Augustus, [588] zu dessen Ehre die Spiele veranstaltet wurden. Beim Hinfallen des Opfertieres geschah es, dass die Toga eines Senators Asprenas mit Blut bespritzt wurde. Das gab dem Gajus Anlass zum Lachen; für Asprenas aber war es eine böse Vorbedeutung, weil er gleichzeitig mit Gajus umkam. 88 Gajus soll übrigens an diesem Tage sich zugänglicher als sonst gezeigt und so freundlich gesprochen haben, dass man sich allseitig darüber verwunderte. 89 Als nun das Opfer dargebracht war, nahm er, umgeben von seinen vertrautesten Freunden, seinen Platz im Theater ein. 90 Das Theater wurde jedes Jahr von neuem aufgeschlagen und war mit folgender Einrichtung versehen. Es hatte zwei Thore, von denen das eine ins Freie führte und das andere den Ein- und Ausgang zu einer Säulenhalle offen liess, damit die innen Befindlichen nicht gestört würden, die Schauspieler und Musiker aber sich aus demselben Raume, innerhalb dessen noch ein anderer abgeschlossen war, ungehindert zurückziehen könnten. 91 Als nun das Volk ruhig geworden war und Chaerea mit den übrigen Tribunen nicht weit vom Caesar, der auf der rechten Seite des Theaters sass, Platz genommen hatte, fragte Vatinius, ein Mann von Senatorsrang und gewesener Praetor, den neben ihm sitzenden Cluvius, einen ehemaligen Konsul, ob er nichts Neues gehört habe. Doch sprach er so vorsichtig, dass sonst niemand ihn verstehen konnte. 92 Cluvius entgegnete ihm, er habe nichts vernommen, und nun flüsterte ihm Vatinius zu: „Heute, lieber Cluvius, wird das Schauspiel vom Tyrannenmord aufgeführt!“ „Schweig,“ erwiderte dieser, „damit kein anderer Achiver die Rede vernehme!“[7] 93 Nun wurden ganze Ladungen von Früchten und Vögeln, die wegen ihrer Seltenheit hochgeschätzt waren, unter die Zuschauer geworfen, und Gajus hatte seine helle Freude daran, den darüber entstandenen Streitigkeiten zuzusehen. 94 Alsdann ereignete sich zweierlei, das als Vorbedeutung aufgefasst werden [589] musste. Man führte nämlich ein Schauspiel auf, in welchem ein Räuberhauptmann ans Kreuz geschlagen wurde, und die Pantomime stellte die Kinyrische Fabel dar, in der Kinyras nebst seiner Tochter Myrrha umkommt. 95 Sowohl bei der Kreuzigung nun wie bei der Tötung des Kinyras floss künstliches Blut in Menge. Es steht übrigens fest, dass dies derselbe Tag war, an dem Philippus, des Amyntas Sohn, als er ins Theater gehen wollte, von seinem Freunde Pausanias ermordet wurde. 96 Während nun Gajus im Zweifel war, ob er, weil dies der letzte Tag war, bis zum Ende des Spiels bleiben oder, wie er sonst that, erst baden und speisen und dann wiederkommen sollte, sah Minucianus, der oberhalb des Caesars sass, den Chaerea hinausgehen und stand aus Besorgnis, die Zeit möchte unbenutzt verstreichen, schnell auf, um ihm Mut zu machen. 97 Gajus aber ergriff ihn freundlich bei einem Zipfel seiner Toga und sprach zu ihm: „Wo willst du hin, mein Lieber?“ Darauf setzte sich Minucianus, dem Anschein nach aus Ehrfurcht vor dem Caesar, in Wirklichkeit aber aus Angst, wieder hin. 98 Nach einer Weile jedoch erhob er sich abermals, und nun hielt Gajus ihn nicht auf, weil er glaubte, es rufe ihn ein Bedürfnis ab. Asprenas aber, der auch zu den Verschworenen gehörte, riet dem Caesar, er möge sich seiner früheren Gewohnheit gemäss, ohne Aufsehen zu erregen, entfernen, baden, speisen und dann zurückkehren. Dadurch hoffte er die Ausführung des Anschlages beschleunigen zu können.

(14.) 99 Unterdessen hatte sich Chaerea mit seinen Genossen an geeigneten Punkten aufgestellt, und jeder war angewiesen, seinen Platz sorgfältig zu behaupten. Die Verzögerung fing allmählich an, ihnen unerträglich zu werden, und da es schon um die neunte Stunde[8] des Tages war und Gajus noch immer keine Anstalten machte, hinauszugehen, beschloss Chaerea, zurückzukehren und ihn auf seinem Sitze zu überfallen. 100 Freilich konnte das, [590] wie er wohl wusste, nicht geschehen, ohne dass vorher auch viele von den anwesenden Senatoren und Rittern getötet wurden. Gleichwohl brannte er vor Verlangen, zur That zu schreiten, weil er glaubte, dass ein solches Blutbad gegenüber der allgemeinen Sicherheit und Freiheit nicht ins Gewicht fallen könne. 101 Schon war er nebst seinen Genossen im Begriff, ins Theater zurückzukehren, als ein plötzliches Geräusch ankündigte, dass Gajus sich erhoben habe. Nun eilten die Verschworenen herzu und drängten die Menge zurück, dem Scheine nach, damit Gajus nicht belästigt würde, in der That aber, um sich sicher zu stellen, weil sie ihn erst von allem Schutz entblössen wollten, ehe sie die That wagten. 102 Vor Gajus her schritten sein Oheim Claudius, sein Schwager Marcus Vinicius und Valerius Asiaticus, die ebenfalls von ihm zu trennen ihres Ranges wegen nicht angängig war. Dann folgte Gajus selbst mit Paulus Arruntius, 103 und als er im Palast angelangt war, bog er aus dem Hauptgange, wo die zu seiner Bedienung befohlenen Sklaven standen und durch den Claudius und die anderen vorausgegangen waren, 104 in einen engen Seitengang ein, um die Badegemächer zu erreichen und zugleich um die Knaben zu sehen, die aus Asien gekommen waren, um teils in den von ihm veranstalteten Mysterien Hymnen zu singen, teils im Theater als Waffentänzer aufzutreten.[9] 105 Hier kam ihm Chaerea entgegen und bat um die Losung. Als er dann wieder ein Schimpfwort vernahm, stiess er Schmähungen gegen den Caesar aus, zog sein Schwert und brachte ihm eine tiefe, aber nicht tödliche Wunde bei. 106 Einige behaupten nun, Chaerea habe absichtlich so gehandelt, um Gajus nicht beim ersten Streich zu töten und durch öftere Verwundungen zu quälen. Doch scheint mir dies wenig glaubhaft, weil bei solchen Unternehmungen die Furcht kalte Berechnung nicht aufkommen lässt. 107 Hätte Chaerea wirklich so gedacht, so würde ich ihn für den thörichtsten Menschen halten, der lieber seine Rachgier [591] befriedigen, als sich und seine Mitverschworenen rasch aus der Gefahr befreien wollte. Dann aber gab es auch noch Mittel und Wege, um dem Gajus Hilfe zu leisten, wenn er nicht sogleich seinen Geist aufgab. Chaerea müsste also die Absicht gehabt haben, sich und seinen Freunden ebenso sehr wie Gajus zu schaden, wenn er thörichterweise sich selbst hätte verderben wollen; 108 bei günstigem Erfolg konnte er sich ja leicht allen Verfolgungen entziehen, während es von vornherein doch noch ungewiss war, ob alles nach Wunsch ablaufen würde. Doch mag hierüber jeder seine eigene Meinung haben. 109 Gajus nun, dem die Wunde heftigen Schmerz verursachte, da das Schwert zwischen Hals und Schulter eingedrungen und vom Schlüsselbein aufgehalten worden war, schrie in seiner Bestürzung weder auf noch rief er die Hilfe eines seiner Freunde an, sei es, weil er niemand so recht traute, sei es, dass er gar nicht daran dachte. Doch stöhnte er einmal in ungeheurem Schmerz auf und versuchte dann zu entfliehen. 110 In diesem Augenblicke aber warf sich ihm Cornelius Sabinus entgegen, der schon darauf vorbereitet war und ihn zu Boden drückte. Und nun drangen die sämtlichen Verschworenen mit Schwertern auf ihn ein, indem sie sich gegenseitig zuriefen: „Stoss zu! Stoss zu!“ Wie allgemein angenommen wird, war es Aquilas, der ihm den letzten Stoss versetzte, worauf er verschied. 111 Chaerea aber ist mit vollem Recht als der Urheber des Mordes anzusehen. Denn obwohl er die That mit einer Anzahl Genossen zusammen verübte, war er es doch, der den ersten Gedanken daran fasste. 112 Ebenso hatte er die Art dar Ausführung ersonnen und zuerst den Plan mit anderen beraten. Und als die übrigen seinem Vorschlag zustimmten, war er es wieder, der sie zu dem Komplott vereinigte, die besten Mittel und Wege ausklügelte und so geschickt zu sprechen wusste, dass er seine Genossen schliesslich zu der That beredete. 113 Sobald dann der Augenblick zum Handeln gekommen war, feuerte Chaerea die anderen Verschworenen zu entschlossenem Vorgehen an und machte ihnen die [592] Ermordung des Gajus leicht, nachdem er diesem eine fast tödliche Wunde beigebracht hatte. Mit Recht muss also auch das, was seine Mitverschworenen gethan haben, Chaereas Überlegung, Entschlossenheit und Tapferkeit zugeschrieben werden.

(15.) 114 So lag denn Gajus, mit Wunden bedeckt, entseelt am Boden. 115 Chaerea und seine Genossen sahen übrigens nach vollbrachter Mordthat wohl ein, dass sie unmöglich auf dem Wege, den sie gekommen, unbehelligt zurückkehren konnten. Das Geschehene flösste ihnen doch Entsetzen ein, denn es war keine Kleinigkeit, einen Caesar getötet zu haben, der dem sinnlosen Pöbel immerhin lieb und angenehm war und den die Soldaten gewiss blutig zu rächen suchen würden. 116 Zudem war der Gang, auf dem der Mord geschehen war, sehr eng und von zahlreicher Dienerschaft sowie von Soldaten der Palastwache besetzt. 117 Die Verschworenen schlugen daher einen anderen Weg ein und begaben sich in die Wohnung des Germanicus, dessen Sohn der ermordete Gajus war. Diese Wohnung war mit dem Palast verbunden, der ein einziges Gebäude bildete und von den einzelnen Machthabern immer erweitert worden war. Aus diesem Grunde führte er auch verschiedene Namen, entweder nach dem, der einen Teil des Gebäudes fertig gestellt, oder nach dem, der einen anderen zu bauen angefangen hatte. 118 Bald waren also die Verschworenen dem Gewühl entronnen und für den Augenblick in Sicherheit, weil die Ermordung des Caesars noch nicht bekannt war. 119 Die Germanen waren die ersten, die Gajus’ Ende erfuhren. Es waren dies die Soldaten der Leibwache, die den Namen des Volkes führten, aus welchem die keltische Legion genommen war. 120 Diese Germanen neigen sehr zum Jähzorn und gleichen darin anderen barbarischen Völkern, die wenig Überlegung bei ihren Handlungen beweisen, aber kräftig dreinhauen und deshalb gern zum ersten Angriff verwendet werden, wobei sie so gut wie immer siegreich sind. 121 Als die Germanen nun des Gajus Ermordung erfuhren, erzürnten sie gewaltig, nicht so sehr [593] aus Liebe zum Caesar, als vielmehr in ihrem eigenen Interesse, da Gajus ihr Wohlwollen mit reichen Geschenken zu erkaufen pflegte. 122 Mit gezückten Schwertern stürmten sie daher durchs Haus und suchten nach den Mördern des Caesars unter Anführung des Tribunen Sabinus, der nicht durch seine oder seiner Vorfahren Tüchtigkeit (er war Gladiator gewesen), sondern durch seine Körperkraft zu dieser Befehlshaberstelle gelangt war. 123 Zuerst nun stiessen sie auf Asprenas, dessen Toga, wie schon oben erwähnt, mit dem Blute des Opfertieres bespritzt und ihm so zu böser Vorbedeutung geworden war, und hieben ihn in Stücke. Alsdann begegnete ihnen Norbanus, einer von den vornehmsten Bürgern, der zu seinen Vorfahren viele Feldherren zählte; indes vermochte seine Würde den Ergrimmten keine Scheu einzuflössen. 124 Weil er aber eine ansehnliche Körperstärke besass, griff er den ersten Soldaten, der ihm entgegentrat, an, entwand ihm sein Schwert und schien sein Leben teuer verkaufen zu wollen, bis er endlich, von der Überzahl erdrückt und mit Wunden bedeckt, seinen Geist aufgab. 125 Als dritter fiel ihnen Antejus in die Hände, ein Mann von Senatorsrang, der mit einigen Begleitern nicht zufällig, wie die beiden anderen, sondern aus Neugier und um durch den Anblick des ermordeten Gajus seinen Hass zu befriedigen, daherkam. Gajus nämlich hatte den Vater des Antejus, der denselben Namen wie sein Sohn führte, in die Verbannung geschickt und, hiermit nicht zufrieden, auch noch Soldaten beauftragt, ihn zu töten. 126 Antejus wollte sich also am Anblick der Leiche des Caesars weiden, aber obgleich er bei der allgemeinen Verwirrung sich zu verstecken trachtete, entging er der Wut der Germanen nicht, die alle Winkel durchstöberten und Schuldige wie Unschuldige mit gleicher Erbitterung niedermachten. So kamen diese drei Männer ums Leben.

(16.) 127 Als nun das Gerücht von Gajus’ Ermordung ins Theater drang, bemächtigte sich Entsetzen der gesamten Volksmenge, die an die Wahrheit der Nachricht kaum glauben wollte. Die einen hörten zwar die Kunde mit [594] Freuden und hätten wer weiss was darum gegeben, wenn sie so glücklich gewesen wären, waren aber zu furchtsam, um daran zu glauben. 128 Andere dagegen wollten schlechterdings die Nachricht nicht für wahr halten, da sie dem Caesar ein solches Unglück nicht wünschten und auch die That als für menschliche Kräfte unausführbar erachteten. 129 Das waren aber nur die Frauen, die jungen Leute, die Sklaven und allenfalls auch einige Soldaten. Die letzteren, die vom Caesar ihren Sold erhielten und seiner tyrannischen Grausamkeit gedient hatten, waren durch die Hinrichtung aller edeldenkenden Bürger zu Ansehen und Reichtum gelangt. 130 Die Frauen und jungen Leute aber waren, wie das stets der Fall ist, für die Schaustellungen, Gladiatorenkämpfe und blutigen Scenen ganz gewaltig eingenommen. Geschah doch das alles dem Namen nach zur Ergötzung des Volkes, obgleich es in der That zur Sättigung der sinnlosen Grausamkeit des Caesars diente. 131 Und was die Sklaven angeht, so hatten sie die Freiheit erhalten, ihre Herren anzuklagen, und fanden bei allen gegen dieselben gerichteten Beschuldigungen am Caesar ihren Rückhalt. So war es ihnen leicht, für eine ganz und gar erfundene Verleumdung gegen ihre Herren Glauben zu finden, und wenn sie deren Reichtum verrieten, erlangten sie nicht nur die Freiheit, sondern auch ein schönes Stück Geld als Angeberlohn, da ihnen für die Anzeige der achte Teil des Vermögens zugesichert war. 132 Die Patrizier endlich hielten das Gerücht für glaubwürdig, da sie teils um den Mordanschlag wussten, teils des Gajus Tod von Herzen wünschten. Gleichwohl verstanden sie nicht nur ihre Freude zu verbergen, sondern stellten sich auch, als hätten sie überhaupt nichts gehört. Die einen nämlich fürchteten, sie möchten sich getäuscht haben und bestraft werden, weil sie ihre wahre Gesinnung zu früh bekannt hätten; 133 andere, die als Mitverschworene in die Sache eingeweiht waren, hatten um so mehr Grund, mit ihrer Meinung zurückzuhalten; wieder andere endlich kannten die übrigen Verschworenen nicht und mussten daher befürchten, wenn sie an jemand ein Wort richteten, der [595] an dem Fortbestand der Tyrannei Interesse habe, verraten und hingerichtet zu werden, falls Gajus noch lebe. 134 Wirklich besagte auch ein anderes Gerücht, Gajus sei zwar verwundet, aber nicht tot, und befinde sich in ärztlicher Behandlung. 135 Niemand aber gab es, dem man seine Meinung hätte anvertrauen können. War nämlich jemand des Gajus Freund, so traute man ihm nicht, weil er auf seiten des Tyrannen stand; hasste er ihn aber, so schenkte man eben um dieses Hasses willen seinen Worten keinen Glauben. 136 Ein drittes Gerücht endlich, das den Patriziern alle Hoffnung benahm, meldete, Gajus sei trotz der Gefahr und ohne auf seine Wunden Rücksicht zu nehmen, blutüberströmt aufs Forum gekommen und rede dort zum Volke. 137 Das war indes nichts als eine leere Erfindung solcher Menschen, die Unruhen stiften wollten und jedermann das sagten, was er gern hörte. Niemand aber verliess seinen Sitz, um nicht beim Hinausgehen falsch angeklagt zu werden. Denn es war vorauszusehen, dass jeder, der das Theater verliess, nicht nach seiner wirklichen Gesinnung, sondern nur nach der Willkür der Angeber und Richter beurteilt werden würde.

(17.) 138 Als nun die Schar der Germanen mit gezückten Schwertern das Theater umzingelte, fingen die sämtlichen Zuschauer an, für ihr Leben zu fürchten, erzitterten bei dem Eintritt eines jeden Soldaten, als sollten sie schon niedergemetzelt werden, und verloren völlig den Kopf, indem sie weder das Theater zu verlassen wagten, noch bei längerem Verweilen in demselben unbehelligt zu bleiben hoffen konnten. 139 Als die Soldaten nun sämtlich eindrangen, hallte das Theater von dem Geschrei der Zuschauer wieder, die den Germanen kniefällig versicherten, sie wüssten weder etwas von einem beabsichtigten Aufruhr, falls man einen solchen wirklich geplant habe, noch von dem, was geschehen sei. 140 Man solle sie also schonen und sie nicht für fremde Schuld büssen lassen, sondern ihnen gestatten, die Urheber dessen, was etwa sich zugetragen habe, ausfindig zu machen. 141 In dieser und ähnlicher Weise [596] jammerte man und rief wehklagend und schluchzend die Götter an, wie die drohende Gefahr es eingab und wie man nur am Rande des Verderbens flehen konnte. 142 Das brach denn auch die Erbitterung der Soldaten, und ihr Vorhaben gegen die Zuschauer fing an, sie zu reuen. In der That wäre das ja ein grausames Verfahren gewesen, und nicht anders erschien es jetzt auch den aufgeregten Soldaten, nachdem sie die Köpfe der mit Asprenas Gefallenen auf dem Altar aufgestellt hatten. 143 Bei diesem Anblick aber gerieten die Zuschauer in noch grössere Aufregung, weil sie an den hohen Rang der Ermordeten dachten und Mitleid mit ihrem Geschick hatten, sodann aber auch, weil ihnen aufs neue ihre eigene angstvolle Lage zum Bewusstsein kam, aus der es augenscheinlich kein Entrinnen mehr gab. 144 So kam es, dass auch denen, die alle Ursache hatten, Gajus zu hassen, die Freude über seinen Tod gründlich verdorben wurde, weil sie jetzt selbst in Lebensgefahr schwebten und nirgends ihnen ein Rettungsschimmer leuchtete.

(18.) 145 Dieser Ungewissheit machte der mit gewaltiger Stimme begabte Ausrufer Evaristus Arruntius ein Ende, der einer der reichsten Römer war und sowohl damals als auch später noch einen bedeutenden Einfluss in manchen Angelegenheiten besass. 146 Obgleich dieser Mann den Gajus mehr als alle anderen hasste, so hielt er doch, anstatt Freude über das Vorgefallene zu bezeugen, es für geratener, mit schlauer Vorsicht aufzutreten, wie die Furcht und die unsichere Lage dies gebot. 147 Er gab sich daher ein so klägliches Aussehen als möglich, legte Trauerkleider an, wie es bei dem Verlust der teuersten Angehörigen Sitte ist, begab sich ins Theater und verkündete dort den Tod des Gajus, womit sich dann endlich die allgemeine Spannung löste. 148 Bald erschien auch Paulus Arruntius, der die Soldaten zurückrief, und mit ihm kamen die Tribunen, welche die Schwerter einzustecken befahlen und ebenfalls Mitteilung vom Tode des Caesars machten. 149 Damit vollzog sich dann auch die Errettung der im Theater Versammelten und überhaupt [597] aller, die den Germanen in die Hände gefallen wären. Denn so lange die Soldaten noch die Hoffnung hegten, dass Gajus am Leben bleibe, schreckten sie vor keiner Gewaltthat zurück, 150 da sie immer noch so viel Anhänglichkeit an ihn besassen, dass sie gern ihr Leben gelassen hätten, wenn sie ihn damit hätten retten und vor dem Untergang bewahren können. 151 Sobald sie aber über des Gajus Tod nicht mehr in Ungewissheit waren, legte sich ihre Wut sogleich, einesteils weil ihnen nun nichts mehr daran liegen konnte, Anhänglichkeit an jemand zu beweisen, der ihnen, da er tot war, dieselbe doch nicht mehr vergalt, andernteils weil sie fürchteten, bei weiterer Gewalttätigkeit vom Senat, falls dieser die höchste Obrigkeit bilden sollte, oder von dem neuen Caesar bestraft zu werden. 152 So liessen denn die Germanen, wenngleich ungern, von der Erbitterung ab, in welche sie der Mordanschlag gegen Gajus versetzt hatte.

(19.) 153 Mittlerweile war Chaerea in grosser Besorgnis, Minucianus möchte den wütenden Germanen in die Hände gefallen sein. Er wandte sich daher an jeden einzelnen Soldaten mit der eindringlichen Bitte, auf seine Schonung bedacht zu sein, erkundigte sich auch eingehend, ob er vielleicht schon umgekommen sei. 154 Daraufhin liess Clemens den Minucianus, der vor ihn geführt wurde, frei und gab damit ebenso wie viele andere Senatoren für die Rechtmässigkeit und Billigung des Geschehenen; sowie für den Edelmut derjenigen, die den gleichen Entschluss gefasst, ihn aber nicht hatten ausführen können, sein Zeugnis ab. 155 Ein Tyrann könne nämlich wohl an seiner willkürlichen Grausamkeit für kurze Zeit Vergnügen finden, wie Clemens erklärte, aber kein glückliches Lebensende haben, weil er infolge des Hasses aller Gutgesinnten schliesslich doch dem Schicksal verfalle, 156 welches den Gajus ereilt habe, der noch vor der Bildung jener Verschwörung sein eigener Feind geworden sei und durch nicht zu ertragende Beleidigungen wie auch durch seine Missachtung der Gesetze es selbst verschuldet habe, dass seine besten Freunde sich in seine bittersten Feinde [598] verwandelt hätten. Seien diese also auch die Werkzeuge zur Vollbringung der Mordthat gewesen, so habe doch in Wirklichkeit Gajus selbst sich den Tod gegeben.

(20.) 157 Im Theater aber erhob man sich nun von den Sitzen, und es entstand unter den Zuschauern ein gewaltiges Gedränge, weil jeder möglichst schnell hinauszukommen suchte. Den Anlass dazu gab der Arzt Halkyon, der fortstürzte, als habe er Verwundeten beizustehen, und seine Begleiter wegschickte, dem Anschein nach, als wenn sie alles zum Verbinden der Verwundeten Nötige herbeiholen sollten, in der That aber, um sie aus der drohenden Gefahr zu retten. 158 Unterdessen versammelte sich der Senat in der Kurie und das Volk auf dem Forum, wo in der Regel die Komitien gehalten wurden. Sogleich begann nun die Untersuchung behufs Ermittelung der Mörder des Caesars, die dem Volke ernstgemeint, für den Senat aber nur eine Förmlichkeit war. 159 Anwesend war auch Valerius Asiaticus, ein gewesener Konsul. Dieser trat mitten unter die lärmende Volksmenge, die aufs äusserste darüber erbittert war, dass man die Mörder noch nicht entdeckt habe, und als er von vielen Seiten mit der Frage bestürmt wurde, wer der Thäter sei, erwiderte er: „Ich wünschte sehr, dass ich selbst es wäre!“[10] 160 Übrigens erliessen die Konsuln ein Edikt, in welchem sie gegen Gajus schwere Anklagen erhoben und das Volk wie auch die Soldaten nach Hause gehen hiessen. Weiterhin versprachen sie darin dem Volke einen bedeutenden Steuernachlass, den Soldaten aber eine Belohnung, wenn sie die gewohnte Ruhe beobachten und sich aller Übergriffe enthalten wollten. Es stand nämlich zu befürchten, dass bei einem Aufruhr die Stadt durch Plünderung und Tempelraub sehr zu leiden haben würde. 161 Bald aber trugen die gesamten Senatoren und besonders die Verschworenen die grösste Kühnheit und Zuversicht zur Schau, als wenn die oberste Gewalt schon in ihren Händen wäre.

[599]
Zweites Kapitel.
Wie die Senatoren sich für eine Volksherrschaft, die Soldaten aber für die eines Caesars erklärten. Von der Ermordung der Gattin und der Tochter des Gajus, und von seinem Charakter.

(1.) 162 Während dies vor sich ging, wurde Claudius auf einmal aus seinem Hause hervorgeholt. Die Soldaten nämlich versammelten sich, berieten über die zu ergreifenden Massregeln und fanden, dass eine Volksherrschaft für so ausgedehnte Regierungsgeschäfte nicht genüge und auch nicht in ihrem Interesse liege. 163 Wenn aber einer der Mächtigsten zum Alleinherrscher ausgerufen werde, würden sie erheblich dadurch benachteiligt sein, weil sie hierzu in keiner Weise ihre Hilfe gewährten. 164 Da also noch keine bestimmte Entscheidung getroffen sei, werde es sich wohl am besten machen, wenn sie den Claudius zum Herrscher erwählten, der als Oheim des verstorbenen Caesars keinem Senator an edler Abstammung wie an Bildung etwas nachgebe. 165 Von ihm könnten sie auch erwarten, dass er, wenn er den Thron bestiegen habe, sie für ihre Verdienste belohnen und beschenken werde. Kaum hatten sie diesen Beschluss gefasst, als sie auch sogleich zur Ausführung schritten, und so wurde Claudius von den Soldaten hervorgeholt. 166 Im Senat aber erhob sich Cnejus Sentius Saturninus, der schon von dem Vorgang mit Claudius gehört und erfahren hatte, dass er die Herrscherwürde anscheinend ungern, in Wirklichkeit aber mit grösster Bereitwilligkeit übernehmen wolle. Mit grossem Freimut hielt er dann folgende, eines wackeren und edlen Mannes würdige Rede:

(2.) 167 „Römer! Obwohl jetzt erst nach so langer Zeit und gegen alle Erwartung uns die Freiheit wieder zu teil wird, so ist es doch Thatsache, dass wir sie besitzen. Wie lange sie freilich dauern wird, ist unsicher und steht bei den Göttern, die sie uns geschenkt haben. 168 Doch dürfen wir uns ihrer freuen, und selbst wenn wir sie wieder verlieren sollten, wird sie zu unserem Glück [600] beitragen. Eine einzige Stunde ist ja schon für alle guten und edlen Männer kostbar, wenn sie mit reinem Sinn in einem freien Lande und nach den Gesetzen, die dessen Ruhm begründet haben, verlebt wird. 169 Nicht sprechen will ich hier von der früheren Freiheit, weil sie schon verloren ging, ehe ich das Licht der Welt erblickte. Der jetzigen aber will ich mich mit unersättlicher Lust hingeben und diejenigen selig preisen, denen es vergönnt ist, in dieser Stunde geboren zu werden. Nächst den unsterblichen Göttern gebührt dafür denen unser Dank, die es uns ermöglicht haben, dass wir die Freiheit, wenn auch erst spät, gemessen können. 170 Möge sie nur in alle Ewigkeit blühen und gedeihen! Uns aber, mögen wir nun jung oder alt sein, muss dieser eine Tag schon genügen. Die Alten werden es als ein ewiges Glück betrachten, wenn sie bei ihrem Hinscheiden die Freiheit besitzen; 171 den Jüngeren aber bleibt sie ein Denkmal des Edelsinnes, der unsere Vorfahren geziert hat. Auch uns darf daher jetzt nichts mehr am Herzen liegen, als dass wir in solchem Edelsinn leben, der allein den Menschen die Freiheit giebt und erhält. 172 Aus der Geschichte der Vergangenheit und aus meinen eigenen Erfahrungen weiss ich nun, wie grosses Unheil dem Reiche aus der Herrschaft eines Einzelnen erwächst, die alle Tüchtigkeit erstickt, jeden Edelmann in seiner Freiheit beeinträchtigt und Schmeichelei wie Furcht gross zieht, weil der Staat nicht nach der weisen Vorschrift der Gesetze, sondern nach Willkür verwaltet wird. 173 Denn seitdem Julius Caesar es sich beifallen liess, dem Volke seine Macht zu nehmen, seitdem er durch Hintansetzung der Verfassung den Staat erschütterte, das Recht mit Füssen trat und nur seinen Leidenschaften nachgab, existiert kein Leid, von dem das Reich nicht heimgesucht worden wäre, indem alle seine Nachfolger darin wetteiferten, die väterliche Sitte abzuschaffen und die Stadt, soweit sie dies vermochten, von wackeren und edlen Bürgern zu entvölkern. 174 Glaubten sie doch darin ihre Sicherheit zu finden, dass sie sich mit verbrecherischen und lasterhaften Menschen umgaben [601] und alle wahrhaft hervorragenden Männer nicht bloss unterdrückten, sondern auch ins Verderben stürzten. 175 So viele nun ihrer auch waren und so unerträgliche Grausamkeiten sie auch verübten, so hat doch der heute ermordete Gajus mehr Schandthaten auf dem Gewissen als alle die anderen, und zwar hat er dieselben nicht nur gegen seine Mitbürger, sondern auch gegen seine Verwandten und Freunde in zügelloser Wut verbrochen. Stieg doch seine Bosheit in der Verhängung ungerechter Strafen und seine Ruchlosigkeit gegen Götter wie Menschen von Tag zu Tag! 176 Einem Tyrannen genügt es ja nicht, seine Leidenschaft in ungerechtem Wüten zu befriedigen und anderen Gut und Ehre zu rauben, sondern seine höchste Lust ist es, das ganze Geschlecht seiner Feinde vom Erdboden zu vertilgen. 177 Jeder Freie aber ist des Tyrannen Feind, und nicht einmal diejenigen vermögen sich sein Wohlwollen zu sichern, die seinen Übermut geduldig ertragen. Denn da der Tyrann sich des Unrechts bewusst ist, das er so vielen Menschen zugefügt hat, und diese seine Opfer mit Ergebung und Selbstverleugnung ihr Unglück tragen, so glaubt er erst dann ganz sicher zu sein, wenn er jene Unglücklichen vollständig aus dem Wege räumt. 178 Von solchem Übel seid ihr jetzt frei, und keine Gewalt braucht ihr mehr anzuerkennen, als euren eigenen Willen. Und da eine solche Verfassung nicht bloss zum augenblicklichen Frieden, sondern auch zur dauernden Sicherheit des Staates das meiste beiträgt, so muss jeder von euch für das allgemeine Wohl eintreten oder, falls ihm das bisher Geschehene und Beschlossene nicht gefällt, 179 seine Meinung äussern, und zwar ohne alle Scheu, weil es jetzt keinen Herrscher mehr giebt, der ungestraft die Bürgerschaft beleidigen und diejenigen, welche frei von der Leber weg reden, willkürlich hinrichten lassen könnte. 180 Gewiss hat jüngst der Tyrannei nichts grösseren Vorschub geleistet als die Feigheit derer, die gegen den Willen des Machthabers auch nicht den leisesten Widerspruch zu erheben wagten. 181 Eingelullt in süsse Ruhe und an ein sklavisches [602] Dasein gewöhnt, haben wir aus Furcht vor dem Tode, wäre er auch noch so ehrenvoll gewesen, selbst die grösste Schmach still ertragen und den Kränkungen der Unseren ruhig zugesehen. 182 Vor allem aber ziemt es sich jetzt, denen, die den Tyrannen aus dem Wege geräumt, und besonders dem Cassius Chaerea die höchste Anerkennung zu zollen. Denn er war es ja nächst den Göttern, dessen weise Überlegung und tapfere Hand uns die Freiheit gab. 183 Das dürfen wir nicht vergessen, sondern wie er zur Zeit der Tyrannei vor allen anderen den Entschluss, euch zu befreien, gefasst und sich zuerst allen Gefahren ausgesetzt hat, so müssen wir jetzt, da wir die Freiheit besitzen, ihm die schuldige Ehre erweisen, und zwar muss der Anstoss dazu von euch, ihr Senatoren, ausgehen. 184 Denn ehrenvoll ist es und freier Männer Pflicht, dem Retter Dank zu zollen. Hier steht der Held unter uns, ganz verschieden von Cassius und Brutus, den Mördern des Gajus Julius. Diese nämlich haben nur den Keim der Zwietracht und des Bürgerkrieges gesät, während er durch Beiseiteschaffung des Tyrannen den Staat mit einem Schlage von den Übeln befreite, welche die Tyrannei uns gebracht hat.“

(3.) 185 So sprach Sentius und erregte damit den Beifall der anwesenden Senatoren und Ritter. Nun sprang ein gewisser Trebellius Maximus auf und zog von Sentius’ Hand einen Ring, der einen Stein mit dem Bilde des Gajus einschloss. Diesen Ring hatte Sentius offenbar in dem Eifer, mit dem er die Rednerbühne bestieg, um seine Gedanken in Worte zu setzen, abzulegen vergessen. In diesem Augenblick zerbrach der Stein mit dem Bildnis. 186 Als nun endlich in tiefer Nacht die Verhandlungen ihr Ende erreichten, erbat sich Chaerea von den Konsuln die Losung, und es lautete dieselbe „Freiheit.“ Diese beiden Vorfälle setzten alle Anwesenden in Erstaunen, und fast niemand konnte sich das seltsame Zusammentreffen erklären. 187 Jetzt nämlich, hundert Jahre nachdem ihnen ihre Selbständigkeit genommen worden war, stand den Konsuln zuerst wieder die Ausgabe [603] der Losung zu, wie sie denn auch vor Einführung der Alleinherrschaft das Heer unter ihrem Befehl hatten.[11] 188 Als Chaerea die Losung erhalten hatte, gab er sie den Soldaten, die vor dem Sitzungssaal des Senates standen. Es waren dies im ganzen vier Kohorten, die lieber auf den Caesar verzichten als einem Tyrannen dienen wollten. 189 Die Soldaten rückten darauf mit ihren Tribunen ab, und alsbald zerstreute sich auch das Volk in heller Freude und voll Zuversicht, weil es nun wieder im Besitz der Gewalt und keinem Machthaber mehr unterworfen sei. Chaerea aber stand jetzt beim Volke in hohem Ansehen.

(4.) 190 Übrigens war es ihm nicht recht, dass Gajus’ Gattin und Tochter sowie dessen ganze Familie nicht zugleich mit dem Caesar dem Verderben anheimgefallen waren. Er war nämlich der Meinung, dass jeder, der aus diesem Hause am Leben bleibe, dem Staate und den Gesetzen nur von Nachteil sein könne, und da es ihn drängte, das angefangene Werk zu vollenden und damit seinen Hass gegen Gajus zu sättigen, schickte er den Tribun Julius Lupus mit dem Auftrage ab, des Gajus Gattin und Tochter umzubringen.[12] 191 Lupus, ein Verwandter des Clemens, wurde mit dieser That betraut, damit auch er als Teilnehmer am Tyrannenmord auf die Anerkennung der Bürger in gleicher Weise Anspruch habe, als wenn er an der ganzen Verschwörung beteiligt gewesen wäre. 192 Einigen der Verschworenen jedoch erschien es unmenschlich, ein Weib hinzumorden, zumal da Gajus mehr aus eigenem Antrieb als auf Anstiften seiner Gattin jene Fehler begangen habe, die den Staat ins Unglück gestürzt und die edelsten Bürger dem Tode geweiht hätten. 193 Andere hingegen wollten alle diesbezüglichen Erlasse der Gattin des Caesars zur Last legen und ihr die Initiative zu all den Frevelthaten, die [604] Gajus begangen, zuschieben, indem sie dieselbe verdächtigten, sie habe ihrem Gatten einen Zaubertrank eingegeben, um ihn sich willfährig und geneigt zu machen. Dadurch habe sie ihn dem Wahnsinn in die Arme getrieben, und deshalb sei sie es in Wahrheit die das Glück der Römer wie des ganzen Erdkreises zu nichte gemacht habe. 194 Trotz aller Bemühungen der Gemässigten drang diese Ansicht durch, und so wurde Lupus damit beauftragt, die Gattin des Caesars zu töten. Dieser machte sich auch unverzüglich ans Werk, um nur ja nichts zu unterlassen, was dem Gemeinwohl dienlich sein könne. 195 Als er den Palast betrat, traf er des Gajus Gattin Caesonia neben der Leiche, die noch jeglicher Fürsorge, wie sie einem Toten zukommt, entbehrte, am Boden liegend und mit dem Blut seiner Wunden besudelt an. In tiefstem Schmerz, der durch den Anblick ihrer bei ihr weilenden Tochter noch vergrössert wurde, weinte und jammerte sie, und aus all ihrem Stöhnen drangen fort und fort nur Klagen über Gajus hervor, dass er ihr, obgleich sie ihn so oft gewarnt, nicht geglaubt habe. 196 Diese Äusserung wurde damals verschieden gedeutet, und auch noch jetzt kann man sich nicht für eine bestimmte Erklärung entscheiden. Einige nämlich legen jenen Worten den Sinn bei, als habe Caesonia ihm geraten, mildere Saiten aufzuziehen und von der Grausamkeit gegen die Bürger abzulasssn, damit ihm nicht gleiches mit gleichem vergolten werde. 197 Andere dagegen meinen, sie habe beim Auftauchen des Gerüchtes von der Verschwörung den Gajus aufgereizt, er solle alle Verdächtigen, wenn sie auch noch nichts Böses verübt hätten, unverzüglich umbringen lassen, um sich selbst die Gefahr vom Halse zu schaffen. 198 Sie habe demnach mit dem Vorwurf nichts anderes sagen wollen, als dass er trotz ihrer Warnung zu träge gehandelt habe. So verschieden also wurden die Klagen der Caesonia ausgelegt. Als die unglückliche Frau nun den Lupus herankommen sah, wies sie weinend und wehklagend auf Gajus’ Leiche und bat ihn, näher zu treten. 199 Da sie [605] aber wahrnahm, dass Lupus wie angewurzelt stehen blieb, und aus seinem Gebaren leicht entnehmen konnte, in welcher Absicht er gekommen sei, nahm sie ihr unvermeidliches Schicksal hin, entblösste ihren Hals, rief nach Art derer, die mit dem Leben abgeschlossen haben, Götter und Menschen an und hiess ihn nicht mit der Ausführung dessen zögern, was ihr zugedacht sei. 200 Alsdann empfing sie mutig den Todesstoss von Lupus’ Hand, und mit ihr starb auch ihre Tochter. Lupus aber eilte sogleich zu Chaerea zurück, um ihm von der Vollziehung des Auftrages Meldung zu machen.

(5.) 201 Ein solches Ende nahm Gajus nach einer Regierung von vier Jahren weniger vier Monaten.[13] Auch schon ehe er den Thron bestieg, war er hartherzig und grausam bis zum äussersten, dabei wollüstig und aller Angeberei zugänglich. Überall Gefahren witternd, war er stets mit Bluturteilen bei der Hand und liess in thörichtem, dünkelhaftem Stolz seine Macht nur die fühlen, welche es am wenigsten verdient hatten. 202 Durch Mord und Ungerechtigkeiten scharrte er Reichtümer zusammen und erkannte weder Götter noch Gesetze an, während er dagegen vor dem Beifall der Menge sich beugte. Alles, was das Gesetz als schändlich brandmarkt, achtete er höher wie die Tugend. 203 Gegen seine Freunde bewies er wenig Erkenntlichkeit, so anhänglich und erprobt er sie auch gefunden haben mochte, und in seinem zügellosen Jähzorn verhängte er selbst über die leichtesten Vergehen die entsetzlichsten Strafen. Jeder Gutgesinnte war sein Feind, und in leidenschaftlicher Geltendmachung seines Willens kannte er keine Grenzen. 204 So scheute er sich auch nicht, mit seiner leiblichen Schwester Unzucht zu treiben,[14] wodurch er freilich heftigen Abscheu und eine Feindseligkeit bei den Römern wachrief, wie sie seit langer Zeit nicht dagewesen [606] war. 205 Eine wirklich grossartige, eines Herrschers würdige That dagegen vermag niemand von ihm anzuführen, vielleicht mit einziger Ausnahme der Erbauung von Werftmagazinen, die er mit Rücksicht auf die aus Aegypten kommenden Schiffe bei Rhegium und an der sicilischen Küste anlegen liess 206 und die eingestandenermassen für die Schiffahrt höchst nützliche Einrichtungen waren, freilich aber auch unvollendet blieben. Der Bau wurde nämlich höchst saumselig betrieben, 207 weil Gajus an andere unnütze Werke seinen Eifer verschwendete und auch so viel Geld für seine Vergnügungen aufwandte, dass für wirklich edle Zwecke sein Beutel nicht langte. 208 Dagegen war er ein ausgezeichneter Redner und sprach ebenso geschickt griechisch wie lateinisch. Ausserdem hatte er eine lebendige Auffassungsgabe, und da er alles, was andere einstudiert und mühsam vorbereitet hatten, aus dem Stegreif widerlegen konnte, vermochte es ihm nicht leicht ein Redner gleichzuthun, zumal er seine von Natur schon vorhandene Befähigung noch durch energische Übung ausgebildet hatte. 209 Zu fleissigem Studium regte ihn übrigens auch seine Verwandtschaft mit Tiberius an (er war der Enkel von dessen Bruder[15]), dem er auf dem Throne folgte und der ebenfalls in den Wissenschaften sich besonders hervorthat. Ihm suchte Gajus gleichzukommen, um die Pflichten der Ehrfurcht gegen seinen Verwandten und des Gehorsams gegen den regierenden Caesar zu erfüllen, und so war er der bedeutendste Römer seiner Zeit. 210 Doch vermochte seine Bildung ihn nicht vor dem Verderben zu bewahren, das er sich durch seine Willkür zuzog, wie es denn überhaupt für diejenigen, die keine Rechenschaft abzulegen brauchen und ihrem eigenen Willen folgen können, schwer ist, sich selbst zu beherrschen. 211 Anfangs, da er seine Freunde aus den vortrefflichsten und edelsten Männern wählte und in der Gelehrsamkeit den [607] besten Vorbildern folgte, genoss er noch grosses Ansehen bei seinen Untergebenen; später aber, als seine Willkür keine Grenzen mehr kannte, liess seine Beliebtheit immer mehr nach, und so konnte es nicht ausbleiben, dass er schliesslich der wachsenden Erbitterung zum Opfer fiel.

Drittes Kapitel.
Claudius wird von den Soldaten zum Caesar ausgerufen.
Der Senat sendet Abgeordnete an ihn.

(1.) 212 Claudius hatte sich also, wie oben erwähnt, auf dem Wege, den er mit Gajus ging, von diesem getrennt, und da das ganze Haus infolge des traurigen Endes des Caesars sich in grosser Erregung befand, versteckte er sich, für sein Leben besorgt, in einem engen Gange. Nichts konnte ihm nämlich seiner Meinung nach jetzt mehr Gefahr bringen, als seine hohe Abstammung. 213 In der nächsten Zeit führte er ein eingezogenes Leben als Privatmann und beschäftigte sich in äusserster Genügsamkeit mit dem Studium der Litteratur, besonders der griechischen, stets nur darauf bedacht, wie er den draussen tobenden Stürmen entgehen könne. 214 Während nun des Volkes allgemeine Bestürzung sich bemächtigt hatte, der ganze Palast von wütenden Soldaten wimmelte und die Leibwachen die Angst und Verwirrung der Bürger zu teilen schienen, traten die sogenannten Praetorianer, die den Kern des Heeres bildeten, zu einer Beratung zusammen. Von allen, die dabei zugegen waren, schlug niemand die Ermordung des Gajus besonders an, weil er sein Schicksal verdient habe, 215 und nur das eine wollten sie überlegen, wie sie selbst am besten bei der Sache fahren würden. Hatten doch auch die Germanen, als sie an den Mördern Rache nahmen, mehr ihre eigene Grausamkeit befriedigen, als für das allgemeine Wohl sorgen wollen. [608] 216 Das alles steigerte die Angst des um sein Leben besorgten Claudius, besonders als er auch noch die Häupter des Asprenas und seiner mit ihm gefallenen Genossen umhertragen sah. Eines Tages nun stand er im Schutz der Dämmerung auf einer Anhöhe von einigen Stufen, 217 als ihn Gratus, ein Soldat der Palastwache, bemerkte, und da dieser ihn in der Dämmerung nicht genau zu erkennen vermochte, ging er in der Meinung, einen gefährlichen Menschen vor sich zu haben, auf ihn zu. Claudius bat ihn, nicht näher zu treten; doch der Soldat kehrte sich nicht daran. Als dieser nun die Hand nach ihm ausstrecken wollte, erkannte er ihn und rief seinen herbeigelaufenen Kameraden zu: „Das ist Germanicus,[16] wohlan, lasst uns ihn zum Caesar ausrufen!“ 218 Da nun Claudius gewahrte, dass die Soldaten willens waren, ihn mit Gewalt zu entführen, und ein ähnliches Schicksal, wie es den Gajus ereilt, befürchtete, bat er sie, seiner zu schonen, und erinnerte sie daran, dass er sich keiner Ungerechtigkeiten gegen andere schuldig gemacht habe, und dass alles, was vorgefallen, ohne sein Wissen geschehen sei. 219 Gratus aber ergriff ihn bei der Rechten und sprach zu ihm: „Sprich doch nicht so dummes Zeug, sondern blick auf und denke daran, dass die Götter zum Heile des Erdkreises die Herrscherwürde von Gajus genommen und deiner Tugend zum Lohn gegeben haben. Komm daher und besteige den Thron deiner Vorfahren.“ 220 Dann richtete er den Claudius auf, der vor Furcht und zugleich vor Freude über das Gehörte zusammengesunken war.

(2.) 221 Bald hatten sich um Gratus viele Soldaten der Leibwache geschart, und als sie Claudius wegführen sahen, gerieten sie in Betrübnis, da sie nicht anders meinten, als er werde wegen der letzten Vorgänge zum Tode geschleppt. Claudius hatte sich ja sein ganzes [609] Leben lang von allem Unrecht fern gehalten und, so lange Gajus regierte, in grösster Lebensgefahr geschwebt. Man hörte deshalb hier und da die Meinung äussern, die Konsuln müssten zu seinem Schutze einschreiten. 222 Inzwischen gesellten sich immer mehr Soldaten zu dem Haufen, und die Volksmenge stob auseinander. Claudius aber konnte vor Schwäche kaum weiter, da seine Sänftenträger, die, als sie ihn wegführen sahen, an seiner Rettung verzweifelten, davongeflohen waren. 223 Als nun der Zug auf der Fläche des Palatiums, der Stelle, die, wie die Geschichtschreiber melden, von ganz Rom zuerst bewohnt gewesen sein soll, angekommen war, strömte, weil hier die Entscheidung über die Zukunft fallen sollte, eine noch weit grössere Menge Soldaten zusammen, die Claudius sehen und ihn aus Anhänglichkeit an Germanicus zum Caesar ausrufen wollten. Er war nämlich der Bruder dieses Helden, dessen gewaltiger Ruhm auf alle Mitglieder der Familie seinen Abglanz warf. 224 Dazu kam noch, dass die Soldaten daran dachten, wie habgierig diejenigen seien, welche jetzt im Senat die Oberhand hatten, und was dieselben verbrochen hätten, als sie früher im Besitz der Macht gewesen waren. 225 Endlich erwogen sie auch ihre eigene schwierige Lage, da sie, wenn die Herrschaft wieder an einen einzigen Machthaber fiel, von diesem alles zu befürchten hatten, während sie, wenn Claudius durch ihre Hilfe und Vermittlung auf den Thron gelangte, von seiner Erkenntlichkeit eine Belohnung erwarten durften, die ihren Verdiensten entsprach.

(3.) 226 Also überlegten die Versammelten und teilten ihre Ansicht auch den neu Hinzukommenden mit, die ihr volles Einverständnis mit dem Plan bekundeten. Darauf nahmen sie Claudius in die Mitte und geleiteten ihn in die Kaserne, damit ihre Absicht nicht etwa durch irgend ein Hindernis vereitelt werde. 227 Unterdessen war zwischen dem Volk und den Senatoren Streit ausgebrochen, da die letzteren ihre frühere Macht wieder an sich reissen und das Tyrannenjoch abschütteln [610] wollten, wozu ihnen jetzt die Gelegenheit geboten schien, 228 während das Volk, das den Adel stets gehasst hatte und in der Caesarengewalt den besten Zügel gegen die Willkür desselben sowie seinen eigenen Rückhalt erkannte, des Claudius Erhebung zujubelte. Durfte es doch von diesem, wenn er auf den Thron gelangte, die Verhütung des Bürgerkrieges erhoffen, der ebenso wie unter Pompejus[17] hereinzubrechen drohte. 229 Als nun der Senat Kunde davon erhielt, dass die Soldaten den Claudius in die Kaserne gebracht hatten, sandte er die Vornehmsten aus seiner Mitte zu ihm mit dem Ersuchen, keine Schritte zur Erlangung der Herrschaft zu unternehmen, 230 sondern sich dem Senate zu fügen, da er doch nur einer so vielen gegenüber sei und später auch zu ihnen gehören werde. Die Fürsorge für den Staat solle er der gesetzlichen Behörde überlassen und bedenken, welches Unheil die früheren Alleinherrscher über denselben gebracht hätten und welche Gefahren er zu Gajus’ Zeiten mit ihnen allen habe teilen müssen. Wenn er also über das grausame Wüten der Tyrannei entrüstet sei, das andere sich hätten zu schulden kommen lassen, so möge er selbst sich eines solchen Verbrechens gegen das Vaterland enthalten. 231 Wolle er sich nun dem Senat fügen und sich mit der ehrenvollen Ruhe seines früheren Lebens bescheiden, so werde er von seinen freien Mitbürgern mit Ehrenbezeugungen überhäuft werden und sich den Ruhm eines wahrhaft edlen Mannes erwerben, der innerhalb der gesetzlichen Schranken ebenso zu herrschen wie zu dienen bereit sei. 232 Wenn er sich dagegen nicht raten lassen wolle und durch Gajus’ Ende noch nicht klug geworden sei, so würden sie schon Mittel wissen, da sie einen bedeutenden Teil des Heeres auf ihrer Seite sowie Waffen in Menge zur Verfügung, auch keinen Mangel an Sklaven hätten, die sie entsprechend verwenden könnten. 233 Vornehmlich aber beruhe ihre Hoffnung darauf, dass das Geschick und [611] die Götter nur den unterstützten, der für Recht und Billigkeit streite, und solche Männer seien die, welche für des Vaterlandes Freiheit den Kampf nicht scheuten.

(4.) 234 Mit diesen Worten wandten sich die Abgeordneten des Senates, die Volkstribunen Veranius und Brocchus, an Claudius und baten ihn kniefällig, er möge über die Stadt nicht das Elend des Krieges herauf beschwören. Als sie aber die gewaltige Menge der Soldaten sahen, die ihn umringten und gegen die das Heer der Konsuln kaum in Betracht kommen konnte, fügten sie die weitere Bitte hinzu, 235 er möge, wenn er durchaus nach der Caesarenwürde verlange, sich dieselbe wenigstens vom Senat übertragen lassen. Denn mit um so grösserem Glück werde seine Regierung gekrönt sein, wenn er mit Zustimmung des Senates die Zügel derselben ergreife.

Viertes Kapitel.
Eintreten Agrippas zu gunsten des Claudius.
Claudius erlangt endgiltig die Herrschaft und lässt die Mörder des Gajus hinrichten.


(1.) 236 Claudius, der wohl wusste, mit welcher Zuversicht man diese Boten gesandt hatte, liess sich durch ihre Worte für den Augenblick zu milderem Verhalten bewegen. Von Furcht war indes keine Spur mehr bei ihm vorhanden, teils weil die Entschlossenheit seiner Soldaten ihn ermutigte, teils weil der König Agrippa ihn aufforderte, die gewaltige ihm übertragene Macht nicht aus den Händen zu lassen. 237 Übrigens hatte Agrippa auch dem Gajus alle Liebesdienste erwiesen, die man einem teuren Verstorbenen zu erzeigen pflegt: er hatte den Körper des Entseelten aufgehoben, ihn auf ein Ruhebett gelegt und, nachdem er die Leiche so gut wie möglich bedeckt hatte, sich zur Leibwache begeben mit der Nachricht, Gajus lebe noch, sei aber von seinen Wunden [612] erschöpft und bedürfe dringend ärztlicher Behandlung. 238 Als er nun hörte, Claudius sei von den Soldaten entführt worden, eilte er sogleich zu ihm und langte in dem Augenblick bei ihm an, als er in seiner Verwirrung schon geneigt war, dem Senat nachzugeben. 239 Er sprach ihm sodann Mut ein, forderte ihn auf, die Herrschaft fest zu behaupten, und begab sich hierauf wieder zurück. Als er nun in den Senat beschieden wurde, erschien er dort mit gesalbtem Haar, als käme er von einem Trinkgelage, und fragte die Senatoren, was Claudius mache. 240 Diese sagten ihm, wie die Sachen ständen, und befragten ihn alsdann um seine Ansicht über die zweckmässigste Regierungsform. Agrippa entgegnete, was ihn betreffe, so sei er bereit, für das Ansehen des Senates sein Leben zu opfern. Doch rate er, einzig das Nützliche zu erwägen und von vorgefassten Meinungen abzusehen. 241 Wenn sie die Macht behaupten wollten, so bedürften sie Waffen und Soldaten, um allen Möglichkeiten die Spitze bieten zu können. 242 Als ihm nun erwidert wurde, der Senat besitze Waffen in Menge und Geld sei leicht zu beschaffen, ausserdem aber habe man nicht nur bereits eine beträchtliche Streitmacht, sondern könne dieselbe auch leicht durch Freilassung der Sklaven vermehren, wandte Agrippa folgendes ein: „Ich will euch zwar den besten Erfolg wünschen, doch kann ich euch, da es sich um euer eigenes Wohlergehen handelt, meine Meinung nicht vorenthalten. 243 Bedenkt wohl, dass sich auf Claudius’ Seite die altgedienten Soldaten befinden, die in der Führung der Waffen höchst erfahren sind, dass dagegen mit unserer Macht, die aus hergelaufenen Fremdlingen und unerwartet freigelassenen Sklaven besteht, nicht viel zu erreichen sein wird. Gegen kriegserfahrene und abgehärtete Soldaten können wir doch keine Rekruten ins Treffen führen, die kaum das Schwert zu ziehen verstehen! 244 Es scheint mir daher am geratensten, bei Claudius durch gütliche Überredung dahin zu wirken, dass er auf den Thron verzichte, und ich selbst erkläre mich bereit, die Botschaft zu übernehmen.“

[613] (2.) 245 Diese Worte fanden den Beifall des Senates, und so wurde Agrippa mit noch einigen anderen zu Claudius geschickt. Dort angekommen, teilte er diesem heimlich die Verlegenheit des Senates mit und riet ihm, bei Erteilung der Antwort eine der Grösse seiner Macht entsprechende Würde zu zeigen. 246 Claudius entgegnete daher, er wundere sich nicht im mindesten, wenn der Senat keinen Herrscher über sich anerkennen wolle, da er durch die Grausamkeit der früheren Machthaber so viel zu leiden gehabt habe. Jetzt dagegen sollten die Senatoren eine mildere Behandlung erfahren, weil er sich selbst nur den Titel des Herrschers vorbehalten, in der That aber die Herrschaft mit allen teilen wolle. Da er nun vor ihren Augen schon so viel und so mancherlei gethan habe, könne er gewiss auf ihr volles Vertrauen Anspruch machen. 247 Mit diesem Bescheid wurden die Abgeordneten entlassen. Claudius wandte sich hierauf an das um ihn versammelte Heer und verpflichtete es durch den Soldateneid zur Treue. Dann liess er der Leibwache Mann für Mann fünftausend Drachmen austeilen, gab den Hauptleuten ein ihrem Range entsprechendes grösseres Geschenk und versprach den übrigen Heeresabteilungen, wo sie auch stehen möchten, dieselbe Spende.

(3.) 248 Die Konsuln aber beriefen noch in tiefer Nacht den Senat in den Tempel des siegverleihenden Jupiter. Einige der Senatoren nun verbargen sich in der Stadt, weil ihnen bei der Nachricht von Claudius’ Antwort der Mut entsank. Andere begaben sich auf ihre Landgüter, weil sie in Voraussicht dessen, was kommen werde, an der Freiheit verzweifelten und es für besser hielten, in gefahrloser Unterwürfigkeit ein ruhiges und unthätiges Leben zu führen, als im Besitz der früheren Macht für das eigene Leben fürchten zu müssen. 249 Gleichwohl kamen noch mehr als hundert Senatoren zusammen. Während aber die Versammelten über das einzuschlagende Verfahren berieten, erhoben plötzlich die zu ihnen haltenden Soldaten ein lautes Geschrei und forderten, [614] der Senat solle einen kriegserfahrenen Mann zum Caesar wählen. Durch die Herrschaft so vieler Männer dürfe der Staat nicht zu Grunde gehen, und sie seien durchaus dafür, dass die Regierung nicht dem Senat, sondern einem Alleinherrscher übertragen werde. 250 Zu bestimmen aber, wer dieser Ehre würdig sei, komme nur ihnen, den Soldaten, zu. Nun wurde die Lage des Senates eine noch viel schwierigere, weil er an der gerühmten Freiheit verzweifeln musste und dazu noch vor Claudius gewaltige Furcht hatte. Es fehlte indessen nicht an solchen, die wegen ihrer vornehmen Herkunft oder Verwandtschaft selbst nach der Krone trachteten. 251 Dazu gehörte auch Marcus Minucianus, der, weil er von altem Adel und mit Gajus’ Schwester Julia[18] verheiratet war, auf den Thron Anspruch erhob. Jedoch brachten die Konsuln gegen seine Erhebung einen Vorwand nach dem anderen vor. 252 Den Valerius Asiaticus aber hielt der andere Minucianus, der zu den Mördern des Gajus gehörte, von einem solchen Gedanken ab. Dass es ein ungeheures Blutbad gegeben hätte, wenn denen, die auf den Thron Anspruch machten, gestattet worden wäre, sich mit Claudius zu messen, steht ausser allem Zweifel. 253 Es strömten nämlich sowohl die Gladiatoren in bedeutender Anzahl, als auch die Soldaten der Nachtwache und die Schiffsruderer kampfbereit in die Kaserne, sodass von den Thronbewerbern die einen, um die Stadt zu schonen, die anderen, um sich selbst zu sichern, von ihrem Vorhaben Abstand nahmen.

(4.) 254 Kaum graute der Tag, als Chaerea mit seinen Genossen sich in den Senat begab, um eine Ansprache an die Soldaten zu halten. Da diese aber sahen, dass er mit der Hand Stillschweigen gebot und anfangen wollte zu sprechen, verursachten sie ein lautes Getöse und liessen niemand zu Wort kommen, weil sie alle nur einen einzigen Herrscher haben wollten. Mit Ungestüm forderten sie dann einen Caesar, weil sie des Wartens [615] überdrüssig seien. 255 Der Senat aber wusste nicht ein noch aus: die Soldaten mochten seine Autorität nicht anerkennen, während die Mörder des Gajus nicht zugeben wollten, dass man sich der Anmassung der Soldaten willfährig zeige. 256 Bei dieser Lage der Dinge konnte Chaerea seinen Unwillen über das Verlangen der Soldaten nach einem Caesar nicht verhehlen und versprach, ihnen einen Herrscher zu geben, wenn ihm jemand ein Zeichen von Eutychus bringe. 257 Dieser Eutychus war der Wagenlenker der sogenannten lauchgrünen Partei,[19] der treueste Diener des Gajus, der beim Bau von dessen Pferdeställen die Soldaten geschunden hatte, indem er sie zu den niedrigsten Arbeiten anhielt. 258 Dies und anderes derart warf Chaerea ihnen jetzt vor und drohte, er werde ihnen noch den Kopf des Claudius bringen. Es sei ja erbärmlich, sagte er, dass sie statt eines Wahnsinnigen jetzt einen Narren zum Herrscher machen wollten. 259 Die Soldaten aber achteten nicht auf seine Worte, sondern eilten mit gezückten Schwertern und erhobenen Feldzeichen zu Claudius, um gleich den anderen ihm Treue zu schwören. So sah sich denn der Senat seiner Verteidiger beraubt; die Konsuln aber waren nicht viel mehr als blosse Privatleute. 260 Allenthalben herrschte jetzt Bestürzung und Niedergeschlagenheit, weil niemand wusste, wie er sich vor dem Zorn des Claudius schützen solle. Einer schmähte den anderen, und schon fing die Reue an, sie zu quälen. 261 Sabinus aber, einer von Gajus’ Mördern, trat jetzt auf und erklärte, er werde sich eher selbst das Leben nehmen, als dass er des Claudius Thronbesteigung zugäbe und den Staat wieder in Knechtschaft gestürzt sähe. Dann warf er Chaerea vor, er hänge allzusehr am Leben, wenn er, der zuerst den Anschlag gegen Gajus ersonnen habe, es noch für der Mühe wert halte, [616] den Tod zu fürchten, da nicht einmal der eingeschlagene Weg dem Vaterland zur Freiheit verholfen habe. 262 Chaerea entgegnete, nichts liege ihm ferner, als Furcht vor dem Tode zu hegen; doch wolle er erst die Gesinnung des Claudius zu erfahren suchen.

(5.) 263 Während dies im Senate vorging, strömten nach der Kaserne von allen Seiten neue Streitkräfte, um dem Claudius den Eid der Treue zu leisten. Die Soldaten aber beschuldigten besonders den einen Konsul, Quintus Pomponius, den Senat zur Einführung der Republik veranlasst zu haben, drangen deshalb mit gezückten Schwertern auf ihn ein und würden ihn sicher getötet haben, wenn Claudius sie nicht daran gehindert hätte. 264 Dieser liess den Konsul, nachdem er der Gefahr entronnen war, neben sich Platz nehmen. Den Senatoren aber, die mit Quintus gekommen waren, widerfuhr nicht die gleiche Ehre, sondern einigen von ihnen wurde sogar mit Schlägen der Zutritt zu Claudius verwehrt, und Aponius musste verwundet weggetragen werden, während alle übrigen Senatoren in Lebensgefahr schwebten. 265 Da wandte sich der König Agrippa an Claudius und bat ihn, milder gegen die Senatoren zu verfahren; denn wenn ihnen etwas Schlimmes zustosse, habe er ja niemand anders mehr, über den er herrschen könne. 266 Claudius gab nach und berief den Senat in den Palast, wohin er selbst sich mitten durch die Stadt in einer Sänfte tragen liess unter dem Geleite der Soldaten, welche dabei die gröbsten Ausschreitungen gegen die Bürger begingen. 267 Von Gajus’ Mördern waren auch Chaerea und Sabinus unter das Volk gegangen, obgleich es ihnen durch ein Edikt Pollios, den Claudius kurz vorher zum Befehlshaber der Leibwache ernannt hatte, verboten war, sich öffentlich zu zeigen. 268 Als nun Claudius im Palast angelangt war, berief er seine Räte zusammen und liess sie über das gegen Chaerea einzuschlagende Verfahren abstimmen. Ihnen allen erschien zwar die That eine lobenswerte, den Thäter aber beschuldigten sie der Untreue und glaubten die gerechte Strafe über [617] ihn verhängen zu müssen, damit er späteren Übelthätern zum warnenden Beispiel diene. 269 Demgemäss wurde Chaerea zum Tode geführt, und Lupus sowie viele andere Römer teilten sein Schicksal. Chaerea nun soll sein Los mit Starkmut ertragen haben, sodass er nicht einmal seine Gesichtsfarbe gewechselt und sogar dem Lupus, der in Thränen ausgebrochen sei, die heftigsten Vorwürfe gemacht habe. 270 Als Lupus sich entkleidete und über Kälte klagte, sagte Chaerea zu ihm, er werde doch wohl nicht stärker frieren wie ein Wolf (lupus). Eine grosse Volksmenge folgte ihnen zum Richtplatz, und als der Zug dort angelangt war, fragte Chaerea den Soldaten, ob er schon Übung im Hinrichten besitze oder ob er zum erstenmal jetzt Henkersdienste thue. Dann liess er das Schwert bringen, mit dem er selbst den Gajus niedergemacht hatte. Ein einziger glücklicher Streich machte seinem Leben ein Ende; 271 dem Lupus dagegen erging es nicht so gut, weil er aus Zaghaftigkeit den Hals nicht gehörig vorstreckte, sodass der Hieb wiederholt werden musste.

(6.) 272 Wenige Tage nachher jedoch, als das Totenfest begangen wurde und jeder Römer den Manen seiner verstorbenen Angehörigen Totenopfer darbrachte, ehrte man auch Chaerea durch Opferkuchen, die man ins Feuer warf; und hierbei rief man ihn an, gnädig zu sein und über den ihm bewiesenen Undank nicht zu zürnen. 273 So schied Chaerea aus dem Leben. Sabinus dagegen wurde von Claudius nicht bloss freigesprochen, sondern erhielt auch die Erlaubnis, sein früheres Amt weiterzuführen. Da er es aber für unrecht hielt, sein den Verschworenen gegebenes Wort zu brechen, brachte er sich selbst ums Leben, indem er sich sein Schwert bis ans Heft in den Leib rannte.

[618]
Fünftes Kapitel.
Claudius giebt dem Agrippa das Reich seines Grossvaters zurück und erweitert dasselbe. Seine Erlasse zugunsten der Juden.

(1.) 274 Claudius entfernte nun zunächst aus dem Heere alle Soldaten, die nicht zuverlässig waren, und erliess dann eine Verordnung, wodurch er dem Agrippa die Herrschaft, welche Gajus ihm verliehen hatte, bestätigte und ihm seine Zufriedenheit aussprach. Dazu gab er dem Könige alsdann noch ganz Judaea und Samaria, wie dessen Grossvater Herodes es besessen hatte. 275 Diese Gebiete erhielt Agrippa nach dem Rechte der Verwandtschaft. Ausserdem aber teilte ihm Claudius von seinen eigenen Besitzungen noch Abila zu, das unter der Herrschaft des Lysanias gestanden hatte, und die Gebiete am Libanon. Beide gingen dann auf dem Forum ein Bündnis ein.[20] 276 Dem Antiochus, dem er sein früheres Reich abgenommen hatte, gab Claudius einen Teil von Cilicien und ganz Kommagene. Weiterhin liess er den Alabarchen Alexander Lysimachus, an den ihn alte Freundschaftsbande knüpften und der einst der Sachwalter seiner Mutter Antonia gewesen war, wieder frei. Der Sohn Alexanders heiratete dann Agrippas Tochter Berenike. 277 Diese vermählte Agrippa später, als ihr Gatte Marcus, der Sohn des Alexander, gestorben war, mit seinem Bruder Herodes und erbat für letzteren von Claudius die Herrschaft über Chalkis.

(2.) 278 Um diese Zeit brach zwischen den Juden und Griechen zu Alexandria Streit aus. Nach Gajus’ Tod nämlich wurden die Juden, die während seiner Regierung hart bedrückt waren und viele Unbilden von den Alexandrinern erleiden mussten, wieder zuversichtlicher, und bald griff man zu den Waffen. 279 Claudius erteilte nun dem Statthalter von Aegypten den schriftlichen Befehl, diese Unruhen zu unterdrücken, und sandte [619] ausserdem auf Bitten der Könige Agrippa und Herodes nach Alexandria und Syrien ein Edikt folgenden Inhalts: 280 „Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus, Pontifex maximus mit tribunicischer Gewalt, verordnet hiermit wie folgt. 281 In Erwägung, dass die Juden, welche zu Alexandria wohnen und Alexandriner heissen, bald nach Erbauung der Stadt zugleich mit den eigentlichen Alexandrinern dorthin geschickt worden sind und von den Königen gleiches Bürgerrecht mit den letzteren erhalten haben, wie dies aus deren Verordnungen und Erlassen hervorgeht; 282 sodann in Erwägung, dass bei der durch Augustus vollzogenen Einverleibung der Stadt Alexandria in unser Reich den Juden ihre Rechte nicht verkürzt, sondern von den zu verschiedenen Zeiten dorthin gesandten Statthaltern ohne jede Einwendung aufrecht erhalten worden sind; 283 in fernerer Erwägung, dass auch zu der Zeit, da Aquila Statthalter in Alexandria und der jüdische Ethnarch gestorben war, Augustus die Wahl eines neuen Ethnarchen nicht verboten und diesem bei der Huldigung gestattet hat, dass die Juden nach ihren eigenen Gebräuchen leben und der Religion ihrer Väter treu bleiben dürften; 284 endlich in Erwägung, dass die Erhebung der Alexandriner gegen die mit ihnen zusammen wohnenden Juden noch in die Regierungszeit des Caesars Gajus fällt, der in seinem ungeheuren Wahnsinn das jüdische Volk unterdrückte, weil es von seiner Religion nicht abfallen und ihn nicht als Gott anerkennen wollte: 285 will ich nicht dem Unverstand des Gajus zulieb eines von den dem Volke der Juden gemachten Zugeständnissen wieder aufheben, sondern ihnen alle früheren Rechte nebst der Freiheit, nach ihrer Religion zu leben, bestätigen. Desgleichen befehle ich, dass nach Bekanntmachung dieses meines Ediktes von beiden Seiten alles vermieden werde, wodurch neue Unruhen entstehen könnten.“

(3.) 286 So lautete das Edikt, das zu gunsten der Juden nach Alexandria gesandt wurde. Gleichzeitig erging auch an alle übrigen Länder des Erdkreises ein Schreiben [620] folgenden Inhalts: 287 „Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus, Pontifex maximus mit tribunicischer Gewalt, Konsul zum zweitenmal, verordnet wie folgt. 288 Nachdem meine lieben Freunde Agrippa und Herodes mich inständigst gebeten haben, ich möge den im ganzen römischen Reiche lebenden Juden dieselben Rechte bewilligen, die auch den Juden in Alexandria zugestanden sind, habe ich ihren Bitten gern stattgegeben und nicht nur diesen Bittstellern zu Gefallen, 289 sondern auch mit Rücksicht auf diejenigen, für die ich gebeten worden bin, es für gerecht gehalten, ihnen ihre Treue gegen die Römer damit zu lohnen, dass ich keine Stadt, und zwar auch keine von den griechischen Städten, der Rechte beraube, die ihnen unter dem göttlichen Augustus bestätigt worden sind. 290 Ich erachte es vielmehr für billig, dass die Juden in unserem gesamten Reiche ihren herkömmlichen Gebräuchen ohne alle Anfechtungen treu bleiben, und ermahne sie gleichzeitig, dass sie, mit dieser Gnade zufrieden, sich duldsam benehmen und die religiösen Gebräuche anderer Völker nicht verachten, sondern sich bei ihren eigenen Gesetzen bescheiden. 291 Dieses Edikt soll allen Behörden in den Städten, Kolonien und Municipien sowohl innerhalb wie ausserhalb Italiens, desgleichen allen Königen und Fürsten durch ihre eigenen Botschafter kundgegeben und ausserdem innerhalb dreissig Tagen an einer Stelle, wo es bequem gelesen werden kann, angeschlagen werden.“

Sechstes Kapitel.
Welche Anordnungen Agrippa traf, als er nach Judaea zurückgekehrt war.
Des Petronius Erlass an die Doriter in betreff der Juden.

(1.) 292 Durch diese Edikte, die nach Alexandria und in die ganze Welt erlassen wurden, bewies der Caesar Claudius klar, welche Gesinnung er gegen die Juden hegte. Bald darauf entliess er Agrippa mit den [621] glänzendsten Ehrenbezeugungen in sein Reich und gab allen Statthaltern in den Provinzen schriftlichen Befehl, ihn freundlich und zuvorkommend zu empfangen. 293 Agrippa beschleunigte seine Heimreise nach Möglichkeit, wie sich das von einem Manne erwarten liess, dem alles nach Wunsch gegangen war, und als er in Jerusalem anlangte, brachte er Dankopfer dar und liess keine der gesetzlichen Vorschriften ausser acht. 294 Aus diesem Grunde liess er auch viele Naziräer[21] scheren, und die goldene Kette, welche Gajus ihm geschenkt hatte und die ebenso schwer war wie die eiserne, von der seine königlichen Hände gefesselt gewesen, liess er als Andenken an seine frühere traurige Lage und deren spätere Wandlung zum besseren innerhalb des Tempels über der Schatzkammer aufhängen, damit sie dort Zeugnis dafür ablege, dass die grösste Macht vor dem Zusammenbruch nicht sicher ist und dass Gott den Gedemütigten wieder aufzurichten vermag. 295 Die Weihe der Kette bewies ja zur Genüge, wie der König Agrippa um einer geringfügigen Ursache willen seinen Thron mit dem Kerker hatte vertauschen müssen, und wie er bald nachher, von seinen Fesseln befreit, zu grösserer Macht als früher gelangte. 296 Daraus lässt sich die Lehre ziehen, dass die grösste Macht den Menschen nicht vor dem Sturze sichern, der Gestürzte aber auch wieder zur höchsten Würde emporsteigen kann.

(2.) 297 Als Agrippa nun allem, was die Ehre Gottes erheischte, nachgekommen war, entsetzte er Theophilus, den Sohn des Ananus, des hohepriesterlichen Amtes und übertrug dasselbe an Simon mit dem Beinamen Kantheras, den Sohn des Boëthos. Simon hatte noch zwei Brüder und seinen Vater Boëthos am Leben, dessen Tochter, wie oben erwähnt, den König Herodes geheiratet hatte. 298 Demnach gelangten sowohl Simon als sein Vater und seine Brüder zum Hohepriestertum, gerade so, wie auch [622] die drei Söhne von Simon, dem Sohne des Onias, unter der Herrschaft der Macedonier sämtlich Hohepriester wurden, wovon ich in den früheren Büchern Erwähnung gethan habe.

(3.) 299 Nachdem der König so die Verhältnisse des hohepriesterlichen Amtes geordnet hatte, bewies er auch den Jerusalemern für ihre Treue und Anhänglichkeit seinen Dank und erliess ihnen, weil er sich an Edelmut von ihnen nicht übertreffen lassen wollte, die Gebäudesteuer. Den Silas aber, der an all seinen Schicksalen Anteil genommen hatte, ernannte er zum Oberbefehlshaber der gesamten Truppenmacht. – 300 Kurze Zeit nachher stellten einige übermütige junge Leute, denen nichts heilig war, in der Judensynagoge zu Dora eine Bildsäule des Caesars auf. 301 Das erbitterte den Agrippa gewaltig, weil die Übelthäter damit gewissermassen das jüdische Gesetz ausser Kraft gesetzt hatten. Er begab sich deshalb unverweilt zu Publius Petronius, dem damaligen Statthalter von Syrien, und erhob gegen die schuldigen Doriter Klage. 302 Petronius war über die Frevelthat sehr unwillig, denn auch er hielt jede Verhöhnung des Gesetzes für Gottlosigkeit. Er schrieb daher im höchsten Zorn an die Doriter folgendermassen: 303 „Publius Petronius, Legat des Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus, thut dem Magistrate der Doriter nachstehendes zu wissen. 304 Da einige von euch in ihrem Übermut so weit gegangen sind, dass sie trotz der Verordnung des Claudius Caesar Augustus Germanicus, wonach den Juden die Beobachtung ihrer väterlichen Gesetze gestattet ist, 305 sich gegen dieselbe widerspenstig gezeigt haben, indem sie die religiösen Zusammenkünfte der Juden durch Aufstellung der Bildsäule des Caesars in der Synagoge störten, so habt ihr nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen den Caesar selbst gefrevelt, dessen Standbild in seinen eigenen, nicht aber in einen fremden Tempel, am wenigsten in einen Versammlungssaal gehört. Es ist von Natur recht und deshalb auch vom Caesar anerkannt, 306 dass jeder Herr in seinem Hause sei, und es wäre überflüssig, [623] meiner eigenen diesbezüglichen Verordnung zu gedenken, nachdem das Edikt des Caesars den Juden die Freiheit zugestanden hat, dass sie nach ihren Gebräuchen leben können und ausserdem mit den Griechen gleiche bürgerliche Rechte gemessen sollen. 307 Da nun diejenigen, welche so die Befehle unseres erhabenen Herrn übertreten und sich dadurch sogar den Unwillen ihrer eigenen Vorgesetzten zugezogen haben, dies nicht aus persönlichem Antrieb, sondern dem Ungestüm des Volkes zu Gefallen, wie mir versichert wird, gethan haben, so befehle ich, dass mir dieselben durch den Centurio Vitellius Proculus zur Verantwortung vorgeführt werden. 308 Die Vorsteher des Magistrates aber ermahne ich, wenn sie nicht als Mitschuldige angesehen werden wollen, die Thäter dem Centurio anzuzeigen und jeden Aufruhr und Lärm, dessen Erregung allein wohl der Zweck der That war, zu verhindern, 309 da ich gleich meinem königlichen Freunde Agrippa nichts so sehr verhüten möchte, als dass das jüdische Volk Gelegenheit fände, sich unter dem Vorwand der Notwehr zusammenzurotten und Aufstand zu erregen. 310 Damit ihr aber um so sicherer erkennt, was unseres erlauchten Caesars Ansicht über diese Sache ist, füge ich in der Anlage einen auf Alexandria bezüglichen Erlass desselben bei, den mir mein lieber Freund, der König Agrippa, trotzdem er allgemein bekannt ist, in öffentlicher Verhandlung vorgelesen hat, als er auch für die Juden Anteil an des Caesars Gnade begehrte. 311 Für die Zukunft bestimme ich daher ausdrücklich, dass ihr jeden Anlass zu Unruhen und Streitigkeiten zu vermeiden habt und jedem die Freiheit lasst, nach seiner eigenen Überzeugung Gott zu verehren.“

(4.) 312 Auf diese Weise traf Petronius Fürsorge, das Vorgefallene wieder gut zu machen und die Juden vor ähnlichen Belästigungen sicher zu stellen. 313 Agrippa aber nahm jetzt die Hohepriesterwürde dem Simon Kantheras ab und übertrug dieselbe wiederum an Jonathas, den Sohn des Ananus, den er der Ehrenstelle für würdiger hielt. Diesem schien indes die Erhebung zu solcher [624] Würde nicht angenehm zu sein, und er lehnte sie darum mit folgenden Worten ab: 314 „Es gereicht mir zur Freude, o König, dass du mich so ehrst, indem du mir aus freien Stücken eine Würde übertragen willst, die mir nach dem Willen Gottes nicht zukommt. Doch es genügt mir, einmal das heilige Gewand getragen zu haben; denn damals habe ich das Amt mit reinerem Herzen erhalten, als ich es jetzt antreten würde. 315 Willst du aber, dass ein Würdigerer als ich der Ehre teilhaftig werde, so lass dich belehren. Ich habe einen Bruder, der von jedem Vergehen gegen Gott wie gegen dich, o König, sich freigehalten hat. Diesen empfehle ich dir, weil er jener Auszeichnung würdig ist.“ 316 Diese Rede gefiel dem König, und so überging er Jonathas und verlieh das Hohepriesteramt an dessen Bruder Matthias. Nicht lange darauf folgte Marsus dem Petronius in der Verwaltung Syriens.

Siebentes Kapitel.
Agrippas Zorn gegen Silas. Er baut die Mauern Jerusalems wieder auf. Sein Charakter.

(1.) 317 Da Silas, der Oberkommandant des Heeres, dem Könige in allen Wechselfällen die Treue bewahrt und vor keiner Gefahr zurückgescheut, sondern selbst den schwierigsten Mühewaltungen sich unterzogen hatte, war er der zuversichtlichen Erwartung, seine Anhänglichkeit durch eine entsprechende Auszeichnung belohnt zu sehen. 318 Deshalb wollte er in allen Stücken dem Könige gleich sein und benahm sich in dessen Gegenwart stets recht frei, bei vertraulichen Unterhaltungen aber geradezu lästig, indem er sich über Gebühr brüstete und dem Könige öfters sein früheres trauriges Geschick ins Gedächtnis zurückrief, um seine damalige Ergebenheit ins rechte Licht zu rücken. Ferner ward er gar nicht müde, dem Könige herzuzählen, welche Mühseligkeiten er für ihn [625] ertragen habe. 319 Auf die Dauer kam dieses Benehmen Agrippa fast wie Hohn vor, und die rücksichtslose Freiheit des Mannes wurde ihm immer unerträglicher. Es ist eben keine angenehme Sache, sich an unrühmliche Zeiten erinnern zu lassen, und nur ein Thor glaubt seine Verdienste immer und immer wieder hervorheben zu müssen. 320 Silas zog sich deswegen endlich den höchsten Unwillen des Königs zu, sodass dieser seine bessere Einsicht dem Zorn opferte und den Silas nicht nur seines Befehlshaberpostens entsetzte, sondern ihn auch in Ketten nach seiner Heimat bringen liess. 321 Mit der Zeit indes legte sich sein Groll wieder, und wenn er vorurteilsfrei über Silas dachte, musste er anerkennen, dass derselbe ihm in der That grosse Dienste geleistet habe. Als er daher seinen Geburtstag feierte, den alle seine Unterthanen mit fröhlichen Gelagen begingen, liess er auch den Silas unverzüglich rufen, damit er an seiner Tafel speise. 322 Dieser aber glaubte gerechte Ursache zum Groll zu haben und machte daraus in seinem Freimut auch vor den Abgesandten des Königs kein Hehl, sondern sprach zu ihnen: 323 „Was ist das für eine Ehre, zu welcher der König mich jetzt beruft, um sie mir im nächsten Augenblick wieder abzunehmen? Denn auch die früheren Beweise seines Wohlwollens sind nicht von Dauer gewesen, sondern mir in schmachvoller Weise wieder entzogen worden. 324 Glaubt Agrippa denn, ich habe meine freie Art, zu reden, dran gegeben? Nein, ich will vielmehr, da ich mir keiner Schuld bewusst bin, nur um so lauter kundthun, aus wie vielen Übeln ich ihn befreit und welche Mühen ich für sein Wohlergehen und seine Ehre auf mich genommen habe. Und doch hat er mir dafür keinen anderen Dank gewusst als Ketten und Kerker. 325 Das werde ich nie vergessen, und selbst in meiner Todesstunde wird das Bewusstsein, recht gehandelt zu haben, mir noch ein süsser Trost sein.“ Diesen Bescheid hiess er dem Könige überbringen. Agrippa aber erkannte daran, dass er unversöhnlichen Gemütes sei, und liess ihn in Gewahrsam.

[626] (2.) 326 Darauf liess der König die der Neustadt[22] zugekehrten Mauern Jerusalems auf Staatskosten neu aufrichten, und zwar sowohl breiter als höher denn vorher. Er hätte sie auch thatsächlich so stark gemacht, dass sie jedem feindlichen Anprall getrotzt haben würden, wenn nicht der syrische Statthalter Marcus dem Caesar Claudius das Unternehmen des Königs schriftlich angezeigt hätte. 327 Weil nun Claudius der Sache nicht recht traute, befahl er dem Agrippa, unverzüglich vom Bau der Mauer Abstand zu nehmen, und dieser hielt es für das geratenste, sich zu fügen.

(3.) 328 Der König war von Natur höchst freigebig und wohlthätig und suchte sich die Liebe seiner Unterthanen durch reiche Geschenke zu erwerben. Seinen Ruhm fand er in grossen Aufwendungen, und indem er im Geben glücklich war, stach er von seinem Vorgänger Herodes sehr ab. 329 Denn dieser war grausam, unversöhnlich, kannte in seinem Hasse gar kein Mass und gestand offen, dass er grössere Vorliebe für die Griechen wie für die Juden hege. Und während er fremde Städte mit verschwenderischer Pracht ausstattete, in der einen Bäder und Theater, in der anderen Tempel und Säulenhallen einrichtete, bedachte er keine einzige jüdische Stadt auch nur mit dem geringsten Schmuck oder einem nennenswerten Geschenk. 330 Agrippa dagegen war leutselig und gegen alle gleich wohlthätig. Freundlich gegen die Ausländer, die über seine Freigebigkeit nicht zu klagen hatten, vergass er doch auch nicht, seine Unterthanen durch um so grössere Teilnahme zu entschädigen. 331 Desgleichen wohnte er gern und andauernd in Jerusalem, beobachtete die Satzungen seiner vaterländischen Religion gewissenhaft und war von höchster Sittenreinheit, wie er auch keinen Tag ohne Darbringung der gesetzlichen Opfer vorübergehen liess.

(4.) 332 Dennoch wagte, als Agrippa einst nach Caesarea gereist war, ein gewisser Simon aus Jerusalem, der im [627] Rufe eines Gesetzeskundigen stand, das Volk zu versammeln und den König zu beschuldigen, er sei nicht gottesfürchtig und des Zutritts zum Tempel, der nur eingeborenen Juden offen stehe, gar nicht wert. 333 Von dieser Rede Simons gab der Stadtkommandant dem Könige sogleich briefliche Nachricht. Dieser liess den Simon zu sich kommen, hiess ihn im Theater, wo er sich gerade befand, an seiner Seite Platz nehmen und fragte ihn mild und gütig: „Sage mir doch, ob hier etwas gegen die Gesetze geschieht?“ 334 Simon wusste darauf nichts zu entgegnen und bat um Verzeihung. Nun war er mit Agrippa eher, als jemand erwarten konnte, wieder ausgesöhnt, weil dieser der Meinung war, dass einem Könige Sanftmut mehr zieme als Zorn, und dass überhaupt hochstehenden Männern Milde besser anstehe als Heftigkeit. Er liess daher den Simon wieder heimkehren und beschenkte ihn noch obendrein reichlich.

(5.) 335 Nachdem Agrippa nun schon viele Bauwerke errichtet hatte, bedachte er Berytus damit besonders freigebig. Hier liess er nämlich ein Theater aufführen, das an Pracht und Schönheit die anderen weit überragte, sowie ein herrliches Amphitheater und dazu Bäder und Säulenhallen, bei denen der prächtigen Ausstattung zulieb keine Kosten gespart wurden. 336 Zur würdigen Einweihung dieser Bauwerke entfaltete er den glänzendsten Pomp. Im Theater wurden Schaustücke aufgeführt, Wettkämpfe aller Art ausgefochten und jede erdenkliche Belustigung geboten. Im Amphitheater bewies der König den zahlreichen Gladiatoren seine Freigebigkeit, 337 und um auch das Schauspiel eines Massenkampfes vorführen zu können, liess er zwei Kohorten von je siebenhundert Mann sich gegenseitig angreifen. Zu diesem Kampfe waren alle Verbrecher, die es nur gab, zur Strafe aufgeboten worden, und während so der Krieg dem Frieden zur Zierde dienen musste, waren die Übelthäter mit einem Schlage aus der Welt geschafft.

[628]
Achtes Kapitel.
Agrippas weitere Regierung und Tod.

(1.) 338 Nachdem diese Feierlichkeiten in Berytus zu Ende waren, begab sich Agrippa nach Tiberias in Galilaea. Die benachbarten Könige, bei denen er in hohem Ansehen stand, fanden sich bei ihm zum Besuche ein, nämlich Antiochus von Kommagene, Sampsigeram von Emesa, Kotys von Kleinarmenien, Polemon von Pontus und Herodes von Chalkis, sein eigener Bruder. 339 Sie alle nahm er gastfreundlich und zuvorkommend auf und bewies ihnen seine wahrhaft edle Gesinnung, die ihm auch die Ehre der königlichen Besuche verschafft hatte. 340 Noch während der Anwesenheit dieser Gäste erschien auch der syrische Statthalter Marsus bei ihm, und um den Römern die gebührende Ehre zu erweisen, zog Agrippa ihm sieben Stadien weit aus der Stadt entgegen. 341 Das aber gab Anlass zu Streit zwischen ihm und Marsus. Agrippa hatte nämlich die anderen Könige in seinem Wagen mitgebracht, und Marsus kam diese Vertraulichkeit verdächtig vor, da er ein Einverständnis so vieler mächtigen Fürsten nicht im Interesse der Römer liegend erachtete. Alsbald sandte er daher einige seiner vertrauten Freunde zu den einzelnen Königen und liess ihnen anbefehlen, ungesäumt in ihre Heimat zurückzukehren. 342 Darüber ärgerte sich Agrippa gewaltig und lebte von der Zeit an mit Marsus in schlechtem Einvernehmen. Übrigens nahm er um diese Zeit dem Matthias die Hohepriesterwürde und übertrug sie an Elionaeus, den Sohn des Kantheras.

(2.) 343 Schon war das dritte Jahr verflossen, seit Agrippa die Herrschaft über ganz Judaea ausübte, als er sich nach Caesarea, dem ehemaligen Stratonsturm, begab. Dort gab er zu Ehren des Caesars Schauspiele, weil ihm bekannt war, dass eben Festtage für dessen Wohlergehen gefeiert wurden. Zu diesen Festlichkeiten strömte eine grosse Zahl angesehener und mächtiger Juden aus [629] der ganzen Provinz zusammen. 344 Am zweiten Tage begab sich Agrippa schon frühmorgens in einem Gewande, das mit wunderbarer Kunstfertigkeit ganz aus Silber gewirkt war, zum Theater. Hier nun leuchtete das Silber, das von den ersten Strahlen der Sonne getroffen wurde, in schimmerndem Glanze auf und blendete das Auge derart, dass man erschauernd sich abwenden musste. 345 Alsbald riefen seine Schmeichler ihm von allen Seiten zu, nannten ihn Gott und sprachen: „Sei uns gnädig! Haben wir dich bisher nur als Mensch geachtet, so wollen wir in Zukunft ein überirdisches Wesen in dir verehren.“ 346 Der König machte ihnen daraus keinen Vorwurf und wies ihre gotteslästerischen Schmeicheleien nicht zurück. Als er aber gleich darauf den Blick nach oben wandte, sah er über seinem Haupte auf einem Strick einen Uhu sitzen und erkannte darin sogleich den Unglücksboten, der ihm, wie früher sein Glück, so jetzt seinen nahen Tod anzeigte,[23] weshalb er bitteren Gram empfand. Bald stellten sich auch heftige Schmerzen in seinem Leibe ein, die ihn gleich vom Beginn der Krankheit an in unerhörter Weise folterten. 347 Da richtete er den Blick auf seine Freunde und sprach zu ihnen: „Seht, euer Gott muss jetzt das Leben lassen, und das Schicksal macht eure gleissnerischen Worte zu schanden. Unsterblich nanntet ihr mich, und doch streckt der Tod schon seine Arme nach mir aus. Aber ich muss mein Geschick tragen, wie Gott es will. Habe ich doch nicht in kümmerlichen Verhältnissen, sondern im höchsten Glanze gelebt.“ 348 Noch währender diese Worte sprach, mehrten sich seine Qualen in hohem Grade. Er wurde daher schnell in seinen Palast gebracht, und bald verbreitete sich allenthalben das Gerücht, der König liege im Sterben. 349 Sogleich warf sich das gesamte Volk mit Weibern und Kindern nach väterlicher Sitte auf Teppiche nieder, um für die Genesung des Königs zu Gott zu flehen, und überall erhob sich Jammer und Wehklage. Der König, der sich in [630] einem hochgelegenen Zimmer befand und von da aus sehen konnte, wie das Volk am Boden lag, vermochte sich auch seinerseits der Thränen nicht zu erwehren. 350 Noch fünf Tage lang ertrug er die Qual in seinen Eingeweiden, bis ihn dann endlich der Tod erlöste. Er starb im vierundfünfzigsten Jahre seines Lebens und im siebenten seiner Regierung. 351 Vier Jahre hatte er unter dem Caesar Gajus regiert, und zwar drei Jahre lang nur die Tetrarchie des Philippus, im vierten aber auch noch die des Herodes. Die drei übrigen Jahre seiner Regierung fielen in die Zeit des Caesars Claudius, und in diesen beherrschte er ausser den genannten Gebieten auch noch Judaea, Samaria und Caesarea. 352 Er bezog aus seinem Reiche die denkbar grössten Einkünfte, nämlich zwölf Millionen Drachmen; gleichwohl musste er noch viele Anleihen machen. Da er nämlich ausserordentlich freigebig war, konnten seine Einkünfte die Ausgaben nicht decken, und Sparsamkeit war ihm gänzlich fremd.

(3.) 353 Noch war sein Ableben dem Volke nicht bekannt geworden, als Herodes, der Beherrscher von Chalkis, und der Statthalter Helkias, des Königs Freund, nach gemeinsam gefasstem Beschluss seinen ergebensten Diener Ariston aussandten und den ihnen verhassten Silas umbringen liessen, als wenn der König dies befohlen hätte.

Neuntes Kapitel.
Begebenheiten nach Agrippas Tod. Claudius sendet den Cuspius Fadus als Landpfleger nach Judaea.

(1.) 354 So war denn Agrippa aus dem Leben geschieden. Er hinterliess einen siebzehnjährigen Sohn Agrippa und drei Töchter, von denen die sechzehn Jahre alte Berenike mit ihrem Oheim Herodes vermählt war. Die beiden anderen waren noch jung, nämlich erst zehn beziehungsweise sechs Jahre alt. 355 Doch waren sie schon [631] von ihrem Vater verlobt worden, und zwar die ältere, Mariamne, mit Julius Archelaus, dem Sohne des Helkias, die jüngere, Drusilla, mit Epiphanes, dem Sohne des Kommagenerkönigs Antiochus. 356 Als nun der Tod Agrippas bekannt wurde, hatten die Bewohner von Caesarea und Sebaste seine Wohlthaten bald vergessen und benahmen sich wie seine schlimmsten Feinde. 357 Denn sie überhäuften den Verstorbenen mit Schmähungen, die sich nicht wiedergeben lassen, und die gerade unter den Waffen stehenden Bürger drangen in sein Haus, raubten die Bilder seiner Töchter, brachten sie in geschlossenem Zug in Bordelle und stellten sie dort auf den Dächern auf, wo sie dieselben in unsäglicher Weise verspotteten. 358 Ja, auf den öffentlichen Plätzen hielten sie mit bekränztem Haupt und von Salben duftend grosse Gelage, wobei sie dem Charon[24] opferten und sich einander vor Freude über des Königs Tod zutranken. 359 So undankbar benahmen sie sich nicht nur gegen Agrippa, dessen Freigebigkeit sie so reich bedacht hatte, sondern auch gegen seinen Grossvater Herodes, von dem ihnen Städte erbaut, Häfen angelegt und auf eigene Kosten prachtvolle Tempel errichtet worden waren.

(2.) 360 Des Verstorbenen Sohn Agrippa befand sich damals in Rom, wo er am Hofe des Caesars Claudius erzogen wurde. 361 Als der Caesar, nun erfuhr, dass Agrippa aus dem Leben geschieden sei, und dass die Bewohner von Caesarea und Sebaste sich so schmachvoll gegen ihn benommen hätten, war seine Trauer über Agrippa nicht minder gross wie sein Zorn gegen die Undankbaren. 362 Er beschloss deshalb, sogleich den jüngeren Agrippa als Nachfolger seines Vaters heimzuschicken, und wollte damit ein früheres eidliches Versprechen bestätigen. Doch rieten ihm seine Freigelassenen und Freunde, welche grossen Einfluss auf ihn hatten, davon ab und stellten ihm vor, wie gefährlich [632] es sei, einem jungen, dem Knabenalter noch nicht entwachsenen Menschen ein so grosses Reich anzuvertrauen, dessen Verwaltung er durchaus nicht leiten könne und das selbst eines rüstigen Mannes ganze Thätigkeit in Anspruch nehme. 363 Diese Gründe leuchteten dem Caesar ein, und er ernannte deshalb den Cuspius Fadus zum Landpfleger über Judaea und das ganze Reich,[25] womit er zugleich den Verstorbenen ehrte, indem er von der Ernennung des Marsus, der mit Agrippa verfeindet gewesen war, absah. 364 Fadus erhielt zunächst den Auftrag, die Bewohner von Caesarea und Sebaste wegen der dem Andenken Agrippas zugefügten Schmähungen und der gegen seine Töchter verübten Beleidigungen zu züchtigen, 365 die aus Bürgern von Caesarea und Sebaste bestehende Truppe nebst fünf Kohorten zum Kriegsdienst nach Pontus zu schicken und aus den in Syrien stehenden römischen Legionen ebenso viele Mannschaften auszuwählen, um die Abkommandierten zu ersetzen. 366 Es kam jedoch nicht zum Ausmarsch, weil die Schuldigen eine Gesandtschaft an Claudius schickten und ihn zu bewegen wussten, dass er ihnen gestattete, in Judaea zu bleiben. Hier bereiteten sie in der Folgezeit den Juden schweres Unheil, indem sie zu dem Kriege, der unter Florus ausbrach, den Anstoss gaben. Als daher Vespasianus, wie ich später erzählen werde, Judaea erobert hatte, entfernte er sie aus der Provinz.


  1. Vergl. hierzu Suetonius, Caligula 19.
  2. Tiberius Claudius Drusus Nero, Caligulas Oheim und Nachfolger.
  3. Die Spiele, besonders Wettrennen, im römischen Cirkus, den [WS: Die auf der nächsten Seite fortgesetzte Anmerkung wurde hier vervollständigt] Römern so unentbehrlich wie das tägliche Brot, woher der Ausdruck: Panem et circenses.
  4. Die Epikuräer (Anhänger der Lehre des Epikur) betrachteten das Vergnügen als das höchste Gut; vergl. X, 11, 7.
  5. Vergl. Suetonius, Caligula, 56.
  6. Einem der sieben Hügel Roms.
  7. Vers aus Homer (Ilias XIV, 90).
  8. Suetonius sagt: die siebente.
  9. Vergl. Suetonius, Caligula, 58.
  10. Selbstverständlich war dies nur Komödie.
  11. Die Konsuln waren unter den Caesaren thatsächlich nicht viel mehr als die Träger ihres Titels.
  12. Vergl. Suetonius, Caligula, 59.
  13. Nach Suetonius von drei Jahren zehn Monaten und acht Tagen.
  14. Vergl. Suetonius, Caligula, 24, sowie Dio Cassius, LIX, wo die Angabe des Josephus bestätigt wird.
  15. Nero Claudius Drusus, dessen Sohn Germanicus dar Vater Caligulas war.
  16. Dem Drusus und seinen Nachkommen war vom Senat der Beiname Germanicus zuerkannt worden. Vergl. Suetonius, Claudius, 1.
  17. 49–46 v. Chr.
  18. Suetonius nennt sie Livilla (Claudius 1).
  19. In den circensischen Spielen gab es vier nach den Farben ihrer Kleider benannte Parteien von Wettfahrern: russata, die rote, alba, die weisse, veneta, die blaue, prasina, die lauchgrüne.
  20. 41 n. Chr.
  21. Asketische, gottgeweihte Personen, die ihr Haar lang wachsen liessen und denen dasselbe nach Ablauf einer bestimmten Frist vom Priester unter grosser Feierlichkeit geschoren wurde.
  22. Dem Stadtteil Bezetha.
  23. Vergl. XVIII, 6, 7.
  24. Dem Fährmann der Unterwelt.
  25. 44 n. Chr.
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