Jüdische Altertümer/Buch XVIII

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[503]
Achtzehntes Buch.

Dieses Buch umfasst einen Zeitraum von 32 Jahren.

Inhalt.

1. Wie Quirinius vom Caesar gesandt wurde, um Syrien und Judaea einzuschätzen und des Archelaus Güter zu verkaufen, und wie Judaea aus einem Königreich zur Provinz gemacht wurde. Wie Coponius, ein Mann ritterlichen Standes, als Landpfleger nach Judaea geschickt wurde. Wie Judas der Galiläer und einige andere das Volk beredeten, sich der Einschätzung zu widersetzen, und wie manche diesem Rate folgten, bis der Hohepriester Joazar zum Gehorsam gegen die Römer ermahnte.

2. Welche und wie viele Philosophenschulen es bei den Juden gab, und welche Grundsätze sie hatten.

3. Wie die Tetrarchen Herodes und Philippus Städte zu Ehren des Caesars erbauten.

4. Wie die Samariter Totengebeine in den Tempel warfen und so das Volk für sieben Tage verunreinigten.

5. Wie Salome, des Herodes Schwester, ihr Vermögen der Gattin des Caesars vermachte.

6. Wie Pontius Pilatus heimlich Bildnisse des Caesars nach Jerusalem bringen lassen wollte, das Volk dies aber nicht zuliess und gegen ihn sich erhob, bis die Bildnisse von Jerusalem nach Caesarea geschafft wurden.

7. Was den zu Rom lebenden Juden um diese Zeit widerfuhr. Wie die Samariter sich empörten und Pilatus viele von ihnen hinrichten liess.

8. Pilatus wird von den Samaritern bei Vitellius verklagt, und dieser nötigt ihn, nach Rom zu reisen und Rechenschaft abzulegen.

9. Des Vitellius Reise nach Jerusalem, und wie der Caesar Tiberius ihm auftrug, den Parther Artabanus zur Sendung von Geiseln zu veranlassen, den Aretas aber zu bekriegen.

10. Des Philippus Tod, und wie seine Tetrarchie zur Provinz gemacht wurde.

[504] 11. Herodes zieht gegen Aretas zu Felde und wird geschlagen.

12. Der König Agrippa reist nach Rom zum Caesar Tiberius, wird von seinem eigenen Freigelassenen verklagt und ins Gefängnis geworfen. Wie er nach des Tiberius Tod von Gajus freigelassen und zum Könige über des Philippus Tetrarchie ernannt wurde.

13. Wie der Tetrarch Herodes nach Rom reiste, von Agrippa verklagt und in die Verbannung geschickt wurde. Wie Gajus seine Tetrarchie dem Agrippa übertrug.

14. Streit der Juden und Griechen zu Alexandria und ihre beiderseitige Gesandtschaft an Gajus.

15. Die Juden werden von Apion und dessen Mitgesandten verklagt, weil sie kein Bildnis des Caesars hätten.

16. Wie Gajus, hierüber erzürnt, den Petronius als Statthalter nach Syrien schickte mit dem Auftrag, die Juden zu bekriegen, falls sie sein Bildnis nicht aufstellen wollten.

17. Was den Juden zu Babylon durch die Brüder Asinaeus und Anilaeus widerfuhr.

Erstes Kapitel.
Sendung des Quirinius. Der Landpfleger Coponius. Judas der Galiläer. Von den Sekten der Juden.

(1.) 1 Quirinius also, einer von den römischen Senatoren, der übrigens alle öffentlichen Ämter bereits bekleidet hatte und wegen seiner ehrenvollen Stellung grossen Einfluss besass, kam auf Geheiss des Caesars mit wenigen Begleitern nach Syrien, teils um Gerichtssitzungen abzuhalten, teils um die Vermögensschätzung vorzunehmen. 2 Zugleich mit ihm wurde Coponius, ein Mann ritterlichen Standes, zur Wahrnehmung der höchsten Gewalt in Judaea abgeschickt.[1] Bald fand sich nun Quirinius auch in Judaea ein, das mit Syrien verbunden war, um hier ebenfalls das Vermögen zu schätzen und die Güter des Archelaus zu verkaufen. 3 Die Juden wollten zwar anfangs von der Schätzung nichts wissen, gaben jedoch allmählich auf Zureden des Hohepriesters Joazar, des Sohnes des Boëthos, ihren Widerstand auf und liessen [505] nach seiner Weisung die Schätzung ihres Vermögens ruhig geschehen. 4 Der Gaulaniter Judas[2] dagegen, der aus der Stadt Gamala gebürtig war, reizte in Gemeinschaft mit dem Pharisäer Sadduk das Volk durch die Vorstellung zum Aufruhr, die Schätzung bringe nichts anderes als offenbare Knechtschaft mit sich, und so forderten sie das gesamte Volk auf, seine Freiheit zu schützen. 5 Denn jetzt sei die beste Gelegenheit gegeben, sich Ruhe, Sicherheit und dazu auch noch Ruhm zu verschaffen. Gott aber werde nur dann bereit sein, ihnen zu helfen, wenn sie ihre Entschlüsse thatkräftig ins Werk setzten und das besonders, je wichtiger diese ihre Entschlüsse seien und je unverdrossener sie dieselben ausführten. 6 Derartige Reden wurden mit grösstem Beifall aufgenommen, und so dehnte sich das tollkühne Unternehmen bald ins ungeheuerliche aus. Kein Leid gab es, von dem infolge der Hetzarbeit jener beiden Männer unser Volk nicht heimgesucht worden wäre. 7 Ein Krieg nach dem anderen brach aus, und es konnte nicht fehlen, dass die Juden unter den beständigen Angriffen schwer litten. Ihre wahren Freunde, die ihnen hätten beistehen können, hatten sie verloren; Räuber machten das Land unsicher und viele der edelsten Männer wurden ermordet, angeblich um der Freiheit willen, in Wahrheit aber nur aus Beutegier. 8 So kam es zu Aufständen und öffentlichem Blutvergiessen, wobei bald die Bürger in der Sucht, keinen von der Gegenpartei am Leben zu lassen, sich gegenseitig mordeten, bald die Feinde niedergemacht wurden. Um das Elend voll zu machen, entstand dann auch noch Hungersnot, die zu allen möglichen Freveln die Wege ebnet, sodass ganze Städte verwüstet wurden und endlich sogar der Tempel infolge des Aufruhrs in Flammen aufging. 9 So wurde die Neuerungssucht und das Rütteln an den althergebrachten Einrichtungen den Übelthätern selbst zum Verderben. Judas und Sadduk nämlich, die eine vierte Philosophenschule gegründet [506] und bereits zahlreiche Anhänger um sich versammelt hatten, brachten nicht nur augenblicklich den Staat in grenzenlose Verwirrung, sondern säten auch für die Zukunft durch Lehren, die bis dahin kein Mensch je gehört hatte, all das Unheil, das gar bald anfing Wurzel zu treiben. 10 Ich will darüber mit einigen Worten mich verbreiten, besonders da die Jugend es war, die, durch jene Lehren fanatisiert, unserem Staate den Untergang bereitete.

(2.) 11 Bei den Juden gab es schon seit langer Zeit drei philosophische Sekten, nämlich die der Essener, Sadducäer und Pharisäer, und wiewohl ich bereits im zweiten Buche des Jüdischen Krieges mich darüber ausgesprochen habe, will ich doch die Mühe nicht scheuen, auf dieselben hier nochmals einzugehen.

(3.) 12 Die Pharisäer leben enthaltsam und kennen keine Annehmlichkeiten. Was vernünftige Überlegung als gut erscheinen lässt, dem folgen sie und halten es überhaupt für ihre Pflicht, den Vorschriften der Vernunft nachzukommen. Die Alten ehren sie und massen sich nicht an, den Anordnungen derselben zu widersprechen. 13 Wenn sie behaupten, alles geschehe nach einem bestimmten Schicksal, so wollen sie damit dem menschlichen Willen nicht das Vermögen absprechen, sich selbst zu bestimmen, sondern lehren, es habe Gott gefallen, die Macht des Schicksals und die menschliche Vernunft zusammenwirken zu lassen, sodass jeder es nach seinem Belieben mit dem Laster oder der Tugend halten könne. 14 Sie glauben auch, dass die Seelen unsterblich sind und dass dieselben, je nachdem der Mensch tugendhaft oder lasterhaft gewesen, unter der Erde Lohn oder Strafe erhalten, sodass die Lasterhaften in ewiger Kerkerhaft schmachten müssen, während die Tugendhaften die Macht erhalten, ins Leben zurückzukehren. 15 Infolge dieser Lehren besitzen sie beim Volke einen solchen Einfluss, dass sämtliche gottesdienstliche Verrichtungen, Gebete wie Opfer, nur nach ihrer Anleitung dargebracht werden. Ein so herrliches Zeugnis der Vollkommenheit gaben ihnen die Gemeinden, weil [507] man glaubte, dass sie in Wort und That nur das Beste wollten.

(4.) 16 Die Lehre der Sadducäer lässt die Seele mit dem Körper zu Grunde gehen und erkennt keine anderen Vorschriften an als das Gesetz. Sogar gegen die Lehrer ihrer eigenen Schule im Wortstreit anzugehen, halten sie für rühmlich. 17 Ihrer Anhänger sind nur wenige, doch gehören sie den besten Ständen an. Übrigens richten sie nichts Bedeutendes aus, und wenn sie einmal dazu genötigt sind, ein Amt zu bekleiden, so halten sie es mit den Pharisäern, weil das Volk sie sonst nicht dulden würde.

(5.) 18 Die Essener dagegen lehren, man müsse alles dem Willen Gottes anheimgeben. Sie glauben an die Unsterblichkeit der Seele und halten den Lohn der Gerechtigkeit für das erstrebenswerteste Gut. 19 Wenn sie Weihgeschenke in den Tempel schicken, bringen sie kein Opfer dar, weil sie heiligere Reinigungsmittel zu besitzen vorgeben. Aus diesem Grunde ist ihnen der Zutritt zum gemeinsamen Heiligtum nicht gestattet, und sie verrichten demgemäss ihren Gottesdienst besonders. Übrigens sind es Menschen von vortrefflichen Sitten, und sie beschäftigen sich bloss mit Ackerbau. 20 Ganz besonders bewunderungswürdig und lobenswert aber sind sie wegen einer bei den Griechen und den anderen Völkern völlig unbekannten, bei ihnen jedoch nicht etwa erst seit kurzer Zeit, sondern schon seit vielen Jahren herrschenden ausgleichenden Gerechtigkeit, infolge deren sie vollkommene Gütergemeinschaft haben und dem Reichen nicht mehr Genuss von seinen Gütern lassen wie dem Armen. Nach dieser Lehre leben über viertausend Menschen. 21 Sie heiraten ebensowenig, als sie Knechte halten, da sie das letztere für Unrecht, das erstere aber für die Quelle alles Streites halten, und so leben sie voneinander abgesondert und dienen einer dem andern. 22 Zu Verwaltern ihrer Einkünfte vom Feldertrag wählen sie tüchtige Männer aus priesterlichem Stande, die für Getreide und sonstige Nahrungsmittel zu sorgen haben. Sie leben übrigens [508] alle auf eine und dieselbe Weise und kommen am nächsten denjenigen Dakern, welche Polisten[3] heissen.

(6.) 23 Ausser diesen drei Schulen nun gründete jener Galiläer Judas eine vierte, deren Anhänger in allen anderen Stücken mit den Pharisäern übereinstimmen, dabei aber mit grosser Zähigkeit an der Freiheit hängen und Gott allein als ihren Herrn und König anerkennen. Sie unterziehen sich auch jeder möglichen Todesart und machen sich selbst nichts aus dem Morde ihrer Verwandten und Freunde, wenn sie nur keinen Menschen als Herrn anzuerkennen brauchen. 24 Da ihre Hartnäckigkeit indes allgemein durch Augenschein bekannt ist, glaube ich von weiteren Bemerkungen über sie absehen zu können. Ich brauche ja nicht zu fürchten, dass meine Worte keinen Glauben finden; viel eher müsste ich besorgen, dass mir nicht genug Worte zu Gebote stehen, um solchen Heldenmut und solche Standhaftigkeit zu schildern. 25 Diese Tollkühnheit war es, die das Volk in Aufruhr brachte, als der Landpfleger Gessius Florus durch den Missbrauch seiner Amtsgewalt dasselbe so zur Verzweiflung trieb, dass es von den Körnern abfiel. So viel von den Philosophenschulen der Juden.

Zweites Kapitel.
Wie Herodes und Philippus zu Ehren des Caesars Städte erbauten. Folge der Landpfleger und der Hohepriester. Tod des Partherkönigs Phraates.

(1.) 26 Als Quirinius des Archelaus Vermögen sequestriert und die Einschätzung, die in das siebenunddreissigste Jahr nach dem Siege des Caesars über Antonius bei Actium fiel, zu Ende geführt hatte, setzte er den Hohepriester Joazar, der mit dem Volke in Streit geraten war, von Amt und Würden ab und übertrug die Stelle [509] an Ananus, den Sohn des Seth. 27 Herodes und Philippus aber nahmen jeder Besitz von seiner Tetrarchie. Herodes befestigte alsdann Sepphoris, die Zierde von Galilaea, und weihte die Stadt dem Caesar. Ebenso umgab er Betharamphtha, das bereits zu einer Stadt angewachsen war, mit Mauern und nannte die Festung der Gemahlin des Caesars zu Ehren Julias.[4] 28 Philippus seinerseits baute die an den Quellen des Jordan gelegene Stadt Paneas aus und gab ihr den Namen Caesarea (Philippi), erhob dann den Flecken Bethsaida, der am See Gennesar lag, zum Range einer Stadt, verschaffte derselben Einwohner und Hilfsquellen und nannte sie nach des Caesars Tochter ebenfalls Julias.

(2.) 29 Übrigens ereignete sich unter dem Landpfleger Coponius, der, wie gesagt, zugleich mit Quirinius geschickt worden war, folgender Vorfall. An dem Feste der ungesäuerten Brote, welches wir Pascha nennen, pflegten die Priester gleich nach Mitternacht die Thore des Tempels zu öffnen. 30 Kaum war das diesmal geschehen, als einige Samariter, die heimlich nach Jerusalem gekommen waren, menschliche Gebeine in den Hallen und im ganzen Tempel verstreuten. Deshalb musste man, ganz gegen die sonst bei dem Fest geltende Gewohnheit, den Zutritt zum Tempel verbieten und ihn in Zukunft schärfer bewachen lassen. 31 Bald darauf kehrte Coponius nach Rom zurück, und es folgte ihm im Landpflegeramte Marcus Ambivius,[5] unter dessen Amtsführung des Herodes Schwester Salome aus dem Leben schied. Sie hinterliess Julia, der Gattin des Caesars, den ganzen Bezirk der Stadt Jamnia, sowie das in der Ebene gelegene Phasaëlis und die Stadt Archelaïs, wo sich eine Menge Palmbäume mit vorzüglichen Früchten befand. 32 Der folgende Landpfleger war Annius Rufus,[6] unter dessen Verwaltung der Caesar [510] Augustus, der zweite römische Alleinherrscher[7], starb, nachdem er siebenundfünfzig Jahre, sechs Monate und zwei Tage, und zwar vierzehn Jahre mit Antonius gemeinschaftlich regiert und siebenundsiebzig Jahre gelebt hatte. 33 Auf Augustus folgte in der Regierung Tiberius Nero, der Sohn der Julia als der dritte römische Alleinherrscher. Von diesem wurde Valerius Gratus als Landpfleger nach Judaea geschickt,[8] nachdem Annius Rufus abberufen worden war. 34 Valerius Gratus entsetzte den Hohepriester Ananus seines Amtes und übertrug dasselbe an Ismaël, den Sohn des Phabi, entzog aber auch diesem bald die Würde wieder und verlieh sie Eleazar, dem Sohne des Hohepriesters Ananus. Kaum ein Jahr später ward auch Eleazar abgesetzt, und Kamiths Sohn Simon trat an seine Stelle. 35 Diesem folgte wieder nach einem Jahre Joseph, der auch Kaiaphas hiess. Gratus war elf Jahre lang Landpfleger von Judaea, als er abberufen wurde und Pontius Pilatus das Amt übernahm.[9]

(3.) 36 Da Herodes der Tetrarch mit Tiberius sehr befreundet war, erbaute er eine Stadt am See Gennesar im schönsten Teile von Galilaea, die er Tiberias nannte. Nicht weit von dieser Stadt befinden sich warme Quellen an einem Orte, der Emmaus heisst. 37 Tiberias ward übrigens von zusammengelaufenem Volk bewohnt, worunter sich auch viele Galiläer und gezwungene Ankömmlinge befanden, die mit Gewalt dort angesiedelt wurden, obwohl sie zum Teil den besseren Ständen angehörten. Auch die Bettler, die im ganzen Lande aufgefangen wurden, sowie viele, von denen es noch nicht einmal feststand, ob sie Freie waren, 38 erhielten hier Wohnungen angewiesen und bekamen mancherlei Vorrechte. Um sie an die Stadt zu fesseln, liess Herodes ihnen Häuser bauen und Ländereien zuteilen, da es [511] ihm wohlbekannt war, dass ihnen nach jüdischen Vorschriften das Wohnen daselbst nicht gestattet war. Es waren nämlich behufs Erbauung von Tiberias viele dort befindliche Grabdenkmäler entfernt worden, und unser Gesetz erklärt die Bewohner solcher Orte für unrein auf die Dauer von sieben Tagen.

(4.) 39 Um diese Zeit starb auch der Partherkönig Phraates infolge der Nachstellungen, die ihm sein Sohn Phraatakes aus nachstehender Ursache bereitete. 40 Phraates, der schon rechtmässige Kinder hatte, lebte mit einer italischen Sklavin Namens Thermusa, die er nebst anderen Geschenken von Julius Caesar erhalten hatte, zuerst im Concubinate, bis er, von der Schönheit ihrer Gestalt gefesselt, sie nach einiger Zeit, da sie ihm schon den Phraatakes geboren hatte, zum Range einer Gattin erhob. 41 In dieser Stellung besass sie grossen Einfluss auf den König und nutzte denselben aus, um den parthischen Thron an ihren Sohn zu bringen. Doch sah sie bald ein, dass sie in dieser Hinsicht nichts ausrichten würde, wenn sie nicht die rechtmässigen Söhne des Phraates aus dem Wege räume. 42 Sie beredete daher ihren Gemahl, diese rechtmässigen Söhne nach Rom als Geiseln zu schicken, und da der König der Thermusa nicht leicht ein Begehren abschlug, wurden die Prinzen wirklich dorthin gebracht. Bald aber dauerte es dem Phraatakes, der nun allein für den Thron erzogen wurde, zu lange, auf das Ableben seines Vaters zu warten. Er trachtete daher dem Phraates nach dem Leben, und die Ausführung dieses Verbrechens gelang ihm auch mit Hilfe seiner Mutter, mit der er, wie es hiess, unerlaubten Umgang pflog. 43 Beide Schandthaten machten ihn indes allgemein verhasst, und so wurde er, bevor er eine besondere Macht erlangt hatte, von seinen aufrührerischen Unterthanen, welche die Blutschande für noch schmachvoller als den Vatermord hielten, aus seinem Reiche vertrieben und kam um. 44 Die Vornehmsten der Parther aber waren der einhelligen Meinung, dass das Reich ohne König, der jedoch aus [512] dem Hause der Arsakiden stammen müsse, nicht regiert werden könne. Einen König aus anderem Geschlechte nämlich hielten sie hauptsächlich deshalb für unmöglich, weil das Reich schon so oft und in jüngster Zeit noch durch die italische Buhlerin und deren Sohn Schaden gelitten habe. Sie liessen daher durch Gesandte den Orodes herbeirufen, der zwar aus königlichem Geschlecht stammte, jedoch wegen seiner unmenschlichen Grausamkeit und seines abstossenden und aufbrausenden Wesens bei seinen Unterthanen bald verhasst wurde. 45 Daher fiel auch er einer Verschwörung zum Opfer, indem er, wie einige behaupten, bei einem Zechgelage, zu dem die Parther stets bewaffnet erscheinen, nach allgemeiner Annahme aber auf der Jagd ermordet wurde. 46 Nun schickte man nach Rom und erbat sich einen der als Geiseln gestellten Prinzen zum Könige. Daraufhin wurde Vonones gesandt, der vor seinen Brüdern den Vorzug erhielt. Dieser glaubte, sich einer recht glücklichen Regierung erfreuen zu können, da ihm dieselbe von zwei mächtigen Reichen, seinem eigenen und dem der Römer, angetragen worden war. 47 Allein gar bald änderte sich die Gesinnung der halbwilden Parther, die überhaupt von Natur treulos und wankelmütig sind. Sie erklärten nämlich, es sei unter ihrer Würde, dem Sklaven einer fremden Macht, wie sie einen als Geisel gestellten Prinzen nannten, zu gehorchen, und hielten seine Erhebung zum Könige für schmachvoll, da er ihnen nicht etwa in rechtmässigem Kriege, sondern, was weit schlimmer, in schimpflichem Frieden aufgedrängt worden sei. 48 Deswegen beriefen sie alsbald den Artabanus, der über Medien herrschte und aus dem Geschlechte der Arsakiden stammte, auf den Thron. Dieser nahm die Berufung an und erschien mit einem Heere. Vonones aber zog ihm entgegen, und da anfangs die meisten Parther noch zu ihm hielten, ward Artabanus besiegt und floh in die medischen Berge. 49 Bald jedoch hatte er eine grosse Streitmacht beisammen, mit der er den Vonones abermals angriff und ihn so vollständig [513] aufs Haupt schlug, dass derselbe, von nur einigen wenigen Reitern begleitet, nach Seleukia fliehen musste. Artabanus richtete darauf unter den flüchtigen und völlig in Verwirrung geratenen Parthern ein gewaltiges Blutbad an und marschierte sodann nach Ktesiphon. 50 Auf diese Weise also war er Beherrscher der Parther geworden. Vonones dagegen, der nach Armenien geflohen war, schickte sogleich, um seine Ansprüche auf den Thron wieder geltend zu machen, Gesandte nach Rom. 51 Tiberius indes wies ihn ab, teils wegen seiner feigen Flucht, teils wegen der drohenden Haltung des Partherkönigs, der durch Gesandte erklären liess, er werde sogleich zum Kriege schreiten. Da es nun für Vonones keinen anderen Weg mehr zum Throne gab, zumal die mächtigen armenischen Stämme, die am Niphates wohnten, sich mit Artabanus verbündet hatten, 52 blieb ihm nichts übrig, als sich unter den Schutz des syrischen Statthalters Silanus zu begeben. Dieser behielt ihn mit Rücksicht auf seine in Rom genossene Bildung bei sich in Syrien, während Artabanus Armenien seinem Sohne Orodes zuteilte.

(5.) 53 Um diese Zeit starb auch Antiochus, der König von Kommagene. Nach seinem Tode entstanden Streitigkeiten zwischen dem Volke und dem Adel, sodass beide Teile Gesandte nach Rom schickten. Der Adel verlangte, das Reich solle in eine römische Provinz verwandelt werden, während das Volk es in hergebrachter Form von Königen weiter regiert wissen wollte. 54 Deshalb wurde Germanicus laut Senatsbeschluss nach dem Orient geschickt, um die Angelegenheit zu ordnen. Doch das Geschick hatte ihm hier seinen Untergang bestimmt. Als er nämlich den Streit im Orient beigelegt hatte, wurde er auf Pisos Anstiften vergiftet, wie dies auch anderswo berichtet ist.[10]

[514]
Drittes Kapitel.
Aufruhr der Juden gegen Pontius Pilatus. Jesus Christus. Was den Juden in Rom zustiess.

(1.) 55 Als der jüdische Landpfleger Pilatus sein Heer aus Caesarea nach Jerusalem in die Winterquartiere geführt hatte, liess er, um seine Missachtung gegen die jüdischen Gesetze an den Tag zu legen, das Bild des Caesars auf den Feldzeichen in die Stadt tragen, obwohl doch unser Gesetz alle Bilder verbietet. 56 Aus diesem Grunde hatten die früheren Landpfleger stets die Feldzeichen ohne dergleichen Verzierungen beim Einzug der Truppen in die Stadt vorantragen lassen. Pilatus war der erste, der ohne Vorwissen des Volkes zur Nachtzeit jene Bildnisse nach Jerusalem bringen und dort aufstellen liess.[11] 57 Sobald das Volk dies erfuhr, zog es in hellen Haufen nach Caesarea und bestürmte den Pilatus viele Tage lang mit Bitten, er möge die Bilder doch irgendwo anders hinbringen lassen. Das gab aber Pilatus nicht zu, weil darin eine Beleidigung des Caesars liege. Als indes das Volk nicht auf hörte, ihn zu drängen, bewaffnete er am siebenten Tage in aller Stille seine Soldaten und bestieg eine in der Rennbahn befindliche Tribüne, hinter welcher die Bewaffneten versteckt lagen. 58 Da nun die Juden ihn abermals bestürmten, gab er den Soldaten ein Zeichen, dieselben zu umzingeln, und drohte ihnen mit augenblicklicher Niedermetzelung, wenn sie sich nicht ruhig nach Hause begäben. 59 Die Juden aber warfen sich zu Boden, entblössten ihren Hals und erklärten, sie wollten lieber sterben als etwas geschehen lassen, was der weisen Vorschrift ihrer Gesetze zuwiderlaufe. Einer solchen Standhaftigkeit bei Beobachtung des Gesetzes konnte Pilatus [515] seine Bewunderung nicht versagen und befahl daher, die Bilder sogleich aus Jerusalem nach Caesarea zurückzubringen.

(2.) 60 Pilatus machte auch den Versuch, das Wasser einer zweihundert Stadien von Jerusalem entfernten Quelle in die Stadt zu leiten, und beschloss dazu Tempelgelder zu verwenden. Dieser Plan missfiel aber den Juden, und es liefen Tausende von Menschen zusammen, die mit lautem Geschrei begehrten, er solle davon Abstand nehmen, wobei es übrigens, wie das bei einem gemischten Haufen zu geschehen pflegt, ohne Schimpfereien und Beleidigungen nicht abging. 61 Pilatus schickte deshalb eine starke Abteilung Soldaten in jüdischer Tracht, die unter ihren Kleidern Knittel versteckt hatten, an einen Platz, von wo aus sie die Juden leicht umzingeln konnten, und befahl den letzteren dann, auseinanderzugehen. Als aber die Juden mit Schmähungen antworteten, gab er den Soldaten das verabredete Zeichen, 62 und diese fielen mit grösserem Ungestüm, als es in der Absicht des Pilatus lag, über ruhige Bürger wie über Aufständische her. Gleichwohl liessen die Juden von ihrer Hartnäckigkeit nicht ab, und da sie den Bewaffneten wehrlos gegenüberstanden, kamen viele von ihnen um, während andere verwundet weggetragen werden mussten. So wurde dieser Aufruhr unterdrückt.

(3.)[WS 1] 63 Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mensch, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er war nämlich der Vollbringer ganz unglaublicher Thaten und der Lehrer aller Menschen, die mit Freuden die Wahrheit aufnahmen. So zog er viele Juden und auch viele Heiden an sich. Er war der Christus.[12] 64 Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch [516] seine früheren Anhänger ihm nicht untreu. Denn er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend, wie gottgesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorherverkündigt hatten. Und noch bis auf den heutigen Tag besteht das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, fort.

(4.) 65 Gleichfalls um diese Zeit traf auch noch ein anderes Unglück die Juden, und zu Rom geschahen im Isistempel schändliche Dinge. Zunächst nun will ich den Vorgang im Isistempel erzählen, ehe ich in meinem Bericht über die Schicksale der Juden fortfahre. 66 Es lebte zu Rom eine gewisse Paulina, die von vornehmer Herkunft, tugendhaft, reich und sehr schön war, auch gerade in dem Alter stand, in welchem die Frauen besonders liebreizend und sittsam sind. Sie war mit einem Manne Namens Saturninus vermählt, der ihr an vortrefflichen Eigenschaften nichts nachgab. 67 Zu dieser Frau entbrannte nun in Liebe der hoch angesehene Ritter Decius Mundus, und da sein Bemühen, sie durch reiche Geschenke sich geneigt zu machen, vergeblich blieb, liess er sich von seiner Leidenschaft endlich so weit hinreissen, dass er ihr für einen einzigen Beischlaf die Summe von zweihunderttausend Drachmen anbot. 68 Als sie aber auch dieses Anerbieten zurückwies, grämte er sich vor Liebe so sehr, dass er es für das beste hielt, sich wegen der Sprödigkeit der Paulina verhungern zu lassen, und sogleich zur Ausführung dieses Vorhabens schritt. 69 Es befand sich aber in seinem Hause eine Freigelassene seines Vaters mit Namen Ide, die in allen Ränken bewandert war. Diese hatte Missfallen daran, dass der Jüngling so hartnäckig auf seinem Vorhaben, sich das Leben zu nehmen, bestand; war es doch offenbar, dass er mehr und mehr dahin welkte. Sie begab sich deshalb zu ihm, tröstete ihn und machte ihm Hoffnung darauf, dass er doch noch Gelegenheit finden werde, den vertraulichen Umgang der Paulina zu geniessen. 70 Als nun Mundus mit Freuden auf ihre Worte [517] horchte, erklärte sie ihm, sie bedürfe nur fünfzigtausend Drachmen, um die Schamhaftigkeit der Frau zu überwinden. Nachdem sie dergestalt den Jüngling ermuntert und die verlangte Geldsumme erhalten hatte, schlug sie einen anderen Weg ein als Mundus, da die Frau zu tugendhaft war, als dass sie sich durch Geld hätte gewinnen lassen. Es war ihr nämlich wohlbekannt, dass Paulina der Verehrung der Isis sehr ergeben war, und hierauf baute sie ihren Plan auf. Sie ging zu einigen Isispriestern und versicherte sich ihrer Bereitwilligkeit, was ihr auch nicht schwer fiel, da sie das Geld vorzeigte. 71 Und nachdem sie ihnen vorläufig zwanzigtausend Drachmen gezahlt und ebensoviel für den Fall, dass der Plan gelingen würde, in Aussicht gestellt hatte, machte sie ihnen von der Liebe des jungen Mannes Mitteilung und bat sie, ihr möglichstes zu thun, um ihm zur Erfüllung seines Wunsches zu verhelfen. 72 Die Priester, durch das Gold angelockt, sagten zu, und der älteste von ihnen begab sich zu Paulina und bat, nachdem er Einlass erhalten, mit ihr ohne Zeugen sprechen zu dürfen. Paulina war hierzu bereit, und nun erklärte ihr der Priester, er sei vom Gott Anubis geschickt, der sie liebe und ihr befehle, zu ihm zu kommen. 73 Sie vernahm diese Worte mit Freude und rühmte sich bei ihren Hausgenossen der Ehre, die Anubis ihr zugedacht habe. Ihrem Gatten aber zeigte sie an, dass sie zum Gastmahl und der Umarmung des Gottes beschieden sei. Dieser gab seine Einwilligung, da er seines Weibes Schamhaftigkeit hinreichend kannte. 74 Paulina ging sodann zum Tempel, und als ein Priester nach dem Mahle zur Zeit der Nachtruhe die Thore geschlossen und im Inneren des Heiligtums die Lampen ausgelöscht hatte, kam Mundus, der vorher sich dort versteckt hatte, zu ihr und genoss die ganze Nacht ihren Umgang, da sie der Meinung war, er sei der Gott Anubis. 75 Bevor jedoch diejenigen Priester, die um den Plan nicht wussten, erwacht waren, schlich sich Mundus fort, und Paulina begab sich in der Morgenfrühe zu ihrem Gatten zurück, [518] erzählte ihm die Erscheinung des Gottes und prahlte auch bei ihren Hausgenossen mit der ihr widerfahrenen Ehre. 76 Diese aber nahmen zum Teil die Sache sehr ungläubig auf, zum Teil drückten sie ihre Verwunderung darüber aus, dass die edle und tugendsame Frau sich zu so etwas hergegeben habe. 77 Am dritten Tage nach dem Vorfall nun begegnete ihr Mundus und sprach zu ihr: „Nun hast du, Paulina, mir zweihunderttausend Drachmen erspart, die du dein eigen hättest nennen können, und bist mir nichtsdestoweniger zu Willen gewesen. Es liegt mir jetzt nichts daran, dass du mich mit Schmähungen überhäuft hast, vielmehr hat es mir grosse Freude gemacht, der Stellvertreter des Gottes Anubis gewesen zu sein.“ 78 Darauf entfernte er sich. Paulina aber zerriss auf die Kunde von der Schandthat ihr Gewand und zeigte ihrem Gatten die ihr widerfahrene Schmach an, beschwor ihn auch, dieselbe nicht ungerächt zu lassen. 79 Saturninus meldete darauf den ganzen Vorfall dem Caesar, der eine genaue Untersuchung anstellen und sowohl die Priester als auch die Ide, welche den schmachvollen Plan ersonnen hatte, ans Kreuz schlagen liess. Alsdann liess er den Tempel zerstören und die Bildsäule der Isis in den Tiber versenken. 80 Den Mundus aber verbannte er und hielt diese Strafe für hinreichend, weil die Liebe ihn zu dem Frevel verleitet habe. So verhielt es sich mit dem Greuel, durch den die Isispriester ihren Tempel schändeten. Nunmehr wende ich mich, wie oben angedeutet, zur Erzählung des Unglückes, welches die in Rom lebenden Juden traf.

(5.) 81 Ein Mann von jüdischer Abstammung hatte sich aus seinem Vaterlande geflüchtet, weil er der Gesetzesübertretung angeklagt war und Strafe fürchten musste, zumal er überhaupt ein nichtswürdiger und gottloser Mensch war. Dieser hielt sich damals in Rom auf, gab sich für einen Erklärer des moysaischen Gesetzes aus 82 und verband sich mit drei anderen Menschen, die in allem seinesgleichen waren. Die vier beredeten dann eine edle Frau Namens Fulvia, die das moysaische Gesetz angenommen und sich [519] von ihnen darin hatte unterweisen lassen, Purpur und Gold nach Jerusalem in den Tempel zu schicken. Beides übernahmen sie zur Bestellung, behielten es dann aber für sich und verprassten es, zu welchem Zweck sie es auch von vornherein verlangt hatten. 83 Tiberius, dem der ihm befreundete Gatte der Fulvia, Saturninus mit Namen, auf Veranlassung seiner Gattin den Vorfall angezeigt hatte, befahl darauf, alle Juden aus Rom zu vertreiben. 84 Die Konsuln veranstalteten deshalb eine Aushebung unter ihnen und schickten viertausend von ihnen als Soldaten nach der Insel Sardinien.[13] Die meisten jedoch weigerten sich ihrem Gesetze zulieb, Kriegsdienste zu leisten, und wurden darum mit harten Strafen belegt. So kam es, dass die Juden um der Ruchlosigkeit jener vier Menschen willen aus Rom vertrieben wurden.

Viertes Kapitel.
Wie die Samariter sich empörten und viele von ihnen getötet wurden. Pilatus bei Vitellius verklagt. Vitellius in Judaea und bei den Parthern.

(1.) 85 Unterdessen hatten auch die Samariter sich empört, aufgereizt von einem Menschen, der sich aus Lügen nichts machte und dem zur Erlangung der Volksgunst jedes Mittel recht war. Er forderte das Volk auf, mit ihm den Berg Garizin zu besteigen, der bei den Samaritern als heiliger Berg gilt, und versicherte, er werde dort die heiligen Gefässe vorzeigen, die von Moyses daselbst vergraben worden seien. 86 Diesen Worten schenkten die Samariter Glauben, ergriffen die Waffen, sammelten sich in einem Dorfe mit Namen Tirathaba und zogen immer mehr Menschen an sich heran, um in möglichst grosser Anzahl auf den Berg rücken zu können. 87 Pilatus [520] jedoch kam ihnen zuvor und besetzte den Weg, den sie zurücklegen mussten, mit Reiterei und Fussvolk. Diese Streitmacht griff die Aufrührer an, hieb eine Anzahl von ihnen nieder, schlug den Rest in die Flucht und nahm noch viele gefangen, von welch letzteren Pilatus die Vornehmsten und Einflussreichsten hinrichten liess.

(2.) 88 Als dieser Aufstand niedergeworfen war, schickte der hohe Rat der Samariter Abgeordnete an Vitellius, gewesenen Konsul und nunmehrigen Statthalter von Syrien, um den Pilatus wegen des an den Ihrigen verübten Gemetzels anklagen zu lassen. Sie hätten sich, liessen sie geltend machen, nicht deshalb in Tirathaba versammelt, um sich gegen die Römer zu empören, sondern nur, um sich vor des Pilatus Ungerechtigkeiten zu schützen. 89 Daraufhin schickte Vitellius den ihm befreundeten Marcellus zur Verwaltung des Landpflegeramtes nach Judaea und befahl dem Pilatus, sich nach Rom zu begeben,[14] um sich vor dem Caesar wegen der von den Juden gegen ihn erhobenen Beschuldigungen zu verantworten.[15] Nach zehnjähriger Amtsführung in Judaea reiste daher Pilatus nach Rom, um des Vitellius Anweisung, der er nicht zu widersprechen wagte, nachzukommen. Ehe er indes in Rom anlangte, war Tiberius schon gestorben.[16]

(3.) 90 Vitellius begab sich darauf nach Judaea und kam in Jerusalem zu der Zeit an, als das sogenannte Paschafest gefeiert wurde. Da die Juden ihm einen glänzenden Empfang bereiteten, liess er den Jerusalemern die Abgabe von den Marktfrüchten für alle Zeit nach und gestattete den Priestern, das Gewand des Hohepriesters nebst dessen sonstigem Ornat wie früher im Tempel aufzubewahren. 91 Diese Gegenstände wurden nämlich zu damaliger Zeit in der Burg Antonia aufbewahrt, und [521] zwar aus folgendem Grunde. Ein gewisser Hyrkanus, der erste von den vielen Hohepriestern dieses Namens, hatte in der Nachbarschaft des Tempels einen Turm erbaut, wo er seine meiste Zeit zubrachte und das in seinem Gewahrsam befindliche Gewand, welches nur er allein tragen durfte, niederlegte, so oft er in gewöhnlicher Kleidung zur Stadt ging. Dasselbe thaten auch seine Söhne und Enkel. 92 Als nun Herodes König wurde, liess er den günstig gelegenen Turm ausbauen und nannte ihn seinem Freunde Antonius zu Ehren Antonia. Das hohepriesterliche Gewand verwahrte er dort weiter, so wie er es vorfand, weil er der Meinung war, das Volk werde aus diesem Grunde nichts gegen ihn unternehmen. 93 Ebenso wie Herodes that auch sein Sohn und Nachfolger Archelaus, und als nun die Römer des letzteren Reich in Besitz nahmen, fanden sie auch das hohepriesterliche Gewand, das in einem steinernen Behälter verwahrt lag und zwar unter dem Siegel der Priester und der Schatzmeister, und vor dem der Burghauptmann täglich ein Licht anzünden musste. 94 Sieben Tage vor einem Feste wurde das Gewand vom Burghauptmann den Priestern übergeben, dann gereinigt und vom Hohepriester benutzt. Am Tage nach dem Feste aber wurde es wieder in den Behälter eingeschlossen, in welchem es früher gelegen hatte. So hielt man es jährlich an den drei Festen und am grossen Fasttage. 95 Vitellius also gestattete die Aufbewahrung des Gewandes nach dem Gebrauche unserer Väter und gab dem Burghauptmann den Auftrag, sich weder um den Ort, wo es niedergelegt wurde, noch um den Tag, an dem es zur Verwendung kam, zu kümmern. Durch diese Anordnung gewann er sich die Zuneigung des Volkes. Alsdann entsetzte er den Hohepriester Joseph, der auch Kaiaphas hiess, seines Amtes, übertrug dasselbe an Jonathas, den Sohn des Hohepriesters Ananus, und kehrte sodann wieder nach Antiochia zurück.

(4.) 96 Unterdessen hatte Tiberius dem Vitellius den schriftlichen Auftrag erteilt, mit dem Partherkönige Artabanus [522] Freundschaft zu schliessen. Er fürchtete diesen nämlich, weil er sich höchst feindselig benahm, Armenien schon besetzt hatte und dem Reiche noch grösseren Schaden anzuthun drohte. An seine aufrichtige Freundschaft wollte er indes nur dann glauben, wenn er Geiseln stellen und vor allem seinen Sohn ausliefern würde. 97 Zugleich mit diesem Schreiben an Vitellius suchte Tiberius die Könige der Iberer und Albaner zu bewegen, unverzüglich den Artabanus mit Krieg zu überziehen. Dessen weigerten sich nun zwar diese Könige, jedoch reizten sie die Skythen gegen Artabanus auf, indem sie ihnen zugleich den Durchmarsch durch ihr Gebiet und durch die Kaspischen Pässe gestatteten. 98 Infolgedessen verloren die Parther Armenien abermals. In ihrem Lande aber wütete der Krieg, ihre besten Männer fielen, Feuer und Schwert verwüsteten das Reich, und des Königs Sohn musste nebst vielen tausend Streitern im Kampfe sein Leben lassen. 99 Beinahe wäre es nun Vitellius geglückt, den Artabanus durch Bestechung der Verwandten und Freunde desselben aus dem Wege zu räumen. Dieser aber, der das rings auf ihn lauernde Verderben erkannte 100 und bedachte, wie die meisten von denen, die sich seine Anhänger nannten, bestochen seien und ihre freundliche Gesinnung nur heuchelten, um bei passender Gelegenheit zu den bereits früher Abgefallenen überzugehen, zog es vor, sich in die oberen Satrapien zu flüchten. Hier brachte er aus Dahern und Sakern[17] ein grosses Heer zusammen, warf damit seine Feinde nieder und befestigte seine Herrschaft aufs neue.

(5.) 101 Als Tiberius von diesen Ereignissen Kunde erhielt, beschloss er mit Artabanus in freundschaftliche Beziehungen zu treten. Der diesbezüglichen Einladung kam Artabanus bereitwillig nach und traf am Euphrat mit Vitellius zusammen. 102 Über den Fluss wurde eine [523] Brücke geschlagen, und mitten auf derselben begegneten sich die beiden mit ihren Trabanten. Nachdem sie sich hierauf wegen des abzuschliessenden Bündnisvertrages verständigt hatten, bewirtete sie Herodes der Tetrarch, der mitten auf der Brücke mit grossem Kostenaufwand ein Zelt errichtet hatte. 103 Bald darauf sandte Artabanus dem Tiberius seinen Sohn Darius als Geisel sowie eine Menge von Geschenken, unter denen besonders ein sieben Ellen grosser Mann von jüdischer Herkunft mit Namen Eleazar, wegen seiner gewaltigen Grösse „der Riese“ zubenannt, auffiel. 104 Hierauf kehrte Vitellius nach Antiochia zurück; Artabanus aber begab sich nach Babylonien. Herodes wollte der erste sein, der dem Caesar die Nachricht von der Stellung der verlangten Geiseln gab, und sandte daher Boten an ihn mit einem Briefe, in welchem alles so genau mitgeteilt war, dass dem Legaten (Vitellius) nichts mehr zu berichten übrig blieb. 105 Als dieser nun auch seinerseits einen Brief absandte und der Caesar ihm antwortete, er wisse schon alles aus dem Schreiben des Herodes, geriet er in heftige Aufregung und sah eine viel grössere Kränkung darin, als dies in der That der Fall war. Dennoch bezwang er seinen Zorn, bis nach dem Regierungsantritte des Gajus ihm Gelegenheit zur Rache gegeben wurde.

(6.) 106 Inzwischen war auch Philippus, des Herodes Bruder, im zwanzigsten Jahre der Regierung des Tiberius[18] gestorben, nachdem er Trachonitis, Gaulanitis und Batanaea siebenunddreissig Jahre lang verwaltet hatte. 107 Er war seinen Unterthanen ein milder Herrscher und ruhigen Gemütes, brachte auch sein ganzes Leben in seinem eigenen Lande zu. So oft er sich aus seinem Hause begab, nahm er nur wenige Auserlesene mit und liess sich den Thronsessel, von dem aus er Recht sprach, auf allen Wegen nachtragen. Begegnete ihm dann jemand, der Hilfe und Beistand begehrte, so wurde der Sessel sogleich aufgestellt, und nun hielt er Untersuchung [524] ab, bestrafte die Schuldigen und sprach die unschuldig Angeklagten frei. 108 Er starb zu Julias und wurde in der Gruft, die er sich schon bei Lebzeiten erbaut hatte, mit grossem Prunk beigesetzt. Da er keine Kinder hinterliess, nahm Tiberius sein Reich an sich und schlug es zur Provinz Syrien, liess jedoch die Einkünfte, welche die Tetrarchie aufbrachte, auch ferner in derselben verwalten.

Fünftes Kapitel.
Herodes der Tetrarch erklärt dem Araberkönige den Krieg. Der Tod Joannes’ des Täufers. Vitellius kommt nach Jerusalem. Von den Nachkommen Herodes’ des Grossen.

(1.) 109 Um diese Zeit gerieten Aretas, der König von Petraea, und Herodes aus folgender Veranlassung in Streit. Herodes der Tetrarch hatte des Aretas Tochter geheiratet und lebte mit ihr schon lange Zeit. Als er nun nach Rom reiste, kehrte er bei seinem Stiefbruder Herodes, dem Sohne der Tochter des Hohepriesters Simon, ein. 110 Hier fasste er eine so heftige Neigung zu dessen Gattin Herodias, die ihres gemeinschaftlichen Bruders Aristobulus Tochter und Agrippas des Grossen Schwester war, dass er mit dem Plan umging, sie zur Ehe zu nehmen. Herodias war damit einverstanden, und so kamen sie überein, dass sie gleich nach seiner Rückkehr aus Rom in sein Haus kommen solle, jedoch unter der Bedingung, dass er des Aretas Tochter verstosse. 111 Herodes sagte das zu und reiste dann nach Rom weiter. Als er hier mit der Erledigung der in Frage stehenden Angelegenheiten fertig war und nach Hause zurückkehrte, verlangte seine Gattin, die von der Abmachung mit Herodias Kenntnis erlangt hatte, nach Machaerus, einer auf der Grenze zwischen dem Gebiete des Herodes und dem des Aretas gelegenen Festung, gebracht zu werden, ohne von der Absicht, die sie dabei leitete, etwas verlauten zu lassen. 112 Herodes erfüllte ihren Wunsch und ahnte nicht im entferntesten, [525] dass sie um sein Vorhaben wusste. Sie aber hatte schon früher nach Machaerus geschickt, das damals unter der Botmässigkeit ihres Vaters stand. Als sie nun dort ankam, fand sie alles zur Weiterreise Erforderliche von dem Befehlshaber der Festung vorbereitet, brach daher gleich nach Arabien auf und gelangte, von einem Festungskommandanten zum anderen geleitet, in kurzer Zeit zu ihrem Vater, dem sie des Herodes Plan mitteilte. 113 Daraufhin brachen die Feindseligkeiten aus, noch verschärft durch einen gleichzeitigen Streit um die Festsetzung der Grenzen von Gamalitis, und nachdem beide Fürsten ihre Streitmacht aufgeboten hatten, kam es zum Kriege, zu dem beide, statt selbst mit auszurücken, ihre Feldherren entsandten. 114 Gleich beim ersten Zusammenstoss ward des Herodes ganzes Heer aufgerieben, da es von einigen Überläufern aus der Tetrarchie des Philippus, die unter Herodes Kriegsdienste leisteten, verraten wurde. Herodes gab davon sogleich dem Tiberius briefliche Nachricht, 115 der nun, entrüstet über des Aretas Beginnen, dem Vitellius befahl, den Araber mit Krieg zu überziehen und ihn entweder lebendig in Fesseln ihm vorzuführen, oder ihm seinen Kopf zu senden.

(2.) 116 Manche Juden waren übrigens der Ansicht, der Untergang der Streitmacht des Herodes sei nur dem Zorne Gottes zuzuschreiben, der für die Tötung Joannes’ des Täufers die gerechte Strafe gefordert habe. 117 Den letzteren nämlich hatte Herodes hinrichten lassen, obwohl er ein edler Mann war, der die Juden anhielt, nach Vollkommenheit zu streben, indem er sie ermahnte, Gerechtigkeit gegeneinander und Frömmigkeit gegen Gott zu üben und so zur Taufe zu kommen. Dann werde, verkündigte er, die Taufe Gott angenehm sein, weil sie dieselbe nur zur Heiligung des Leibes, nicht aber zur Sühne für ihre Sünden anwendeten; die Seele nämlich sei dann ja schon vorher durch ein gerechtes Leben entsündigt. 118 Da nun infolge der wunderbaren Anziehungskraft solcher Reden eine gewaltige Menschenmenge [526] zu Joannes strömte, fürchtete Herodes, das Ansehen des Mannes, dessen Rat allgemein befolgt zu werden schien, möchte das Volk zum Aufruhr treiben, und hielt es daher für besser, ihn rechtzeitig aus dem Wege zu räumen, als beim Eintritt einer Wendung der Dinge in Gefahr zu geraten und dann, wenn es zu spät sei, Reue empfinden zu müssen. 119 Auf diesen Verdacht hin liess also Herodes den Joannes in Ketten legen, nach der Festung Machaerus bringen, die ich oben erwähnte, und dort hinrichten. Sein Tod aber war, wie gesagt, nach der Überzeugung der Juden die Ursache, weshalb des Herodes Heer aufgerieben worden war, da Gott in seinem Zorn diese Strafe über den Tetrarchen verhängt habe.

(3.) 120 Vitellius also rüstete sich zum Kriege gegen Aretas, zog zwei Legionen Schwerbewaffnete, alle dazu gehörige leichte Mannschaft sowie die von den verbündeten Königen gestellte Reiterei an sich, eilte auf Petra zu und gelangte zunächst nach Ptolemaïs. 121 Als er aber von hier aus mit seinem Heere durch Judaea marschieren wollte, kamen ihm die vornehmsten Männer entgegen und baten ihn, diesen Weg nicht zu benutzen, da es nach ihrem Gesetze verboten sei, Bilder, deren sich viele auf den Feldzeichen befanden, durch das Land zu tragen. 122 Vitellius gab diesen Bitten nach, änderte seine Absicht, liess sein Heer durch die grosse Ebene[19] ziehen und begab sich selbst mit dem Tetrarchen Herodes und seinen Freunden nach Jerusalem, um hier, weil gerade ein jüdisches Fest bevorstand, Gott ein Opfer darzubringen. 123 Als er daselbst anlangte, bereiteten ihm die Juden einen ehrenvollen Empfang. Er hielt sich dann drei Tage in Jerusalem auf, setzte während dieser Zeit den Hohepriester Jonathas ab und übertrug die Würde an dessen Bruder Theophilus. 124 Als er dann am vierten Tage einen Brief aus Rom erhielt, der ihm den Tod des Tiberius meldete, verpflichtete [527] er sogleich das Volk eidlich für Gajus (Caligula). Hierauf berief er das Heer zurück und liess dasselbe Winterquartiere beziehen, da er jetzt nach des Gajus Thronbesteigung keine Vollmacht zur Kriegführung mehr zu haben glaubte. 125 Aretas soll übrigens, sobald ihm des Vitellius Anmarsch gemeldet wurde, Vogelschau gehalten und erklärt haben, das Heer des Vitellius könne unmöglich Petra erreichen, da in kurzem ein Führer sterben werde, sei es nun der, welcher den Befehl zum Kriege gegeben habe, oder der, welcher auf des ersteren Weisung hin den Krieg führe, oder endlich der, gegen den das Heer zu Felde ziehe. 126 Vitellius zog sich alsdann nach Antiochia zurück. Des Aristobulus Sohn Agrippa aber war bereits ein Jahr vor dem Tode des Tiberius nach Rom gereist, um mit dem Caesar Verhandlungen anzuknüpfen, sobald sich ihm dazu Gelegenheit bieten würde. – 127 Ich will mich nun etwas eingehender über die Familie des Herodes verbreiten, teils weil deren Mitglieder eine wichtige Rolle in der Geschichte spielen, teils weil sie den Beweis liefern, dass weder eine zahlreiche Nachkommenschaft noch irgend eine andere menschliche Machtentfaltung ohne fromme Gesinnung gegen Gott etwas nützen kann. 128 Sind doch in noch nicht ganz hundert Jahren die zahlreichen Nachkommen des Herodes fast alle zu Grunde gegangen. Aber auch abgesehen hiervon kann dem ganzen Menschengeschlecht die Kenntnis ihrer widrigen Schicksale nur erspriesslich sein, 129 und besonders die Erzählung von dem höchst bewundernswerten Agrippa, der aus einem in aller Stille geführten Leben und wider alles Erwarten seiner Bekannten auf den Thron gelangte. Ich habe zwar früher schon über diesen Gegenstand gesprochen, will das aber jetzt mit grösserer Genauigkeit thun.

(4.) 130 Herodes der Grosse hatte von Mariamne, der Tochter des Hyrkanus, zwei Töchter, von denen die eine, Salampsio mit Namen, mit ihrem Vetter Phasaël, dem Sohne von Herodes’ Bruder Phasaël, die andere, Kypros, ebenfalls mit ihrem Vetter Antipater, dem Neffen des Herodes [528] und Sohn der Salome, von ihrem Vater vermählt worden war. 131 Phasaël zeugte mit der Salampsio fünf Kinder, Antipater, Herodes, Alexander, Alexandra und Kypros, welch letztere des Aristobulus Sohn Agrippa heiratete, während Alexandra mit Timius, einem vornehmen Bewohner von Cypern, vermählt wurde und als dessen Gattin, ohne Kinder zu hinterlassen, starb. 132 Kypros dagegen gebar dem Agrippa drei Töchter, Berenike, Mariamne und Drusilla, sowie zwei Söhne, Agrippa und Drusus, von denen der letztere noch als Knabe starb. 133 Ihr Vater Agrippa hatte übrigens noch zwei Brüder, Herodes und Aristobulus, und es waren diese drei die Söhne, welche Berenike, die Tochter von Kostobar und des Herodes Schwester Salome, dem Aristobulus, dem Sohne Herodes’ des Grossen, geboren hatte. 134 Sie wurden alle drei schon früh Waisen, da ihr Vater samt seinem Bruder Alexander, wie früher erwähnt, hingerichtet wurde. Als sie erwachsen waren, verheirateten sie sich, und zwar führte dieser Herodes, der Bruder Agrippas, die Mariamne heim, deren Mutter Olympias, eine Tochter des Herodes, und deren Vater Joseph, der Sohn von Herodes’ Bruder Joseph war. Von dieser Mariamne erhielt Herodes einen Sohn Aristobulus. 135 Der dritte Bruder Agrippas, gleichfalls Aristobulus mit Namen, heiratete Jotape, die Tochter des Königs Sampsigeram von Emesa, und erhielt von ihr eine taube Tochter, die auch Jotape genannt wurde. Das waren die Nachkommen von männlicher Seite. 136 Herodias nun, die Schwester der drei Brüder, vermählte sich mit Herodes, dem Sohne Herodes’ des Grossen und der Mariamne, der Tochter des Hohepriesters Simon, und gebar ihm eine Tochter Salome, nach deren Geburt sie den väterlichen Gesetzen zum Trotz Herodes, den Tetrarchen von Galilaea und Stiefbruder ihres Gatten, heiratete, von dem sie sich indes noch bei seinen Lebzeiten lossagte. 137 Ihre Tochter Salome war zunächst mit des Herodes Sohn Philippus, dem Tetrarchen von Trachonitis, vermählt, und als dieser ohne Kinder starb, heiratete sie Aristobulus, den Sohn von Agrippas Bruder Herodes, und gebar ihm drei [529] Söhne, Herodes, Agrippa und Aristobulus. Das war also Phasaëls und Salampsios Nachkommenschaft. 138 Kypros aber, die andere Tochter der Mariamne, gebar dem Antipater eine Tochter Kypros, welche sich mit Alexas Helkias, dem Sohne des Alexas, vermählte und ihm eine Tochter schenkte, die wieder Kypros hiess. 139 Herodes und Alexander, die Brüder Antipaters, starben kinderlos. Was nun den Alexander angeht, der auf Befehl seines Vaters Herodes hingerichtet wurde, so erhielt er von der Tochter des Kappadocierkönigs Archelaus zwei Söhne, Alexander und Tigranes. Tigranes starb als König von Armenien, während er sich in Rom gegen eine Anklage rechtfertigte, und zwar kinderlos. 140 Seinem Bruder Alexander dagegen wurde ein Sohn geboren, der, nach seinem Oheim Tigranes genannt, von Nero das Königreich Armenien erhielt und einen Sohn Alexander zeugte. Dieser heiratete Jotape, die Tochter des Kommagenerkönigs Antiochus, und wurde von Vespasianus zum Könige der Cilicischen Inseln ernannt. 141 Die ganze Nachkommenschaft Alexanders gab übrigens schon in der Jugend die jüdischen Gebräuche auf und nahm heidnische Sitten an. Die anderen Töchter des Herodes starben kinderlos. 142 Da aber die genannten Nachkommen des Herodes noch am Leben waren, als Agrippa der Grosse zur Regierung gelangte, und ich deren Geschlechtsregister schon oben erwähnt habe, so bleibt mir nur übrig zu erzählen, welche Schicksale Agrippa erfuhr, wie er aus denselben hervorging und wie er zur höchsten Macht und Würde gelangte.

Sechstes Kapitel.
Agrippa reist nach Rom zum Caesar Tiberius, wird von ihm in Ketten gelegt, nach dem Tode des Tiberius aber von Gajus freigelassen und zum Könige über die Tetrarchie des Philippus ernannt.

(1.) 143 Kurz vor dem Ableben des Herodes hatte Agrippa, der sich in Rom aufhielt und mit Drusus, dem Sohne [530] des Caesars Tiberius, in freundschaftlichem Verkehr stand, auch mit Antonia, der Gattin des älteren Drusus, Beziehungen angeknüpft, die seine Mutter Berenike in hohen Ehren hielt und deshalb deren Sohn zu Ansehen bringen wollte. 144 So lange nun seine Mutter lebte, hatte Agrippa, der von Natur freigebig und verschwenderisch war, seiner Leidenschaft Zügel angelegt, um Berenike nicht zu erzürnen. 145 Kaum aber war dieselbe gestorben und er sein eigener Herr geworden, als er auch sein Vermögen teils durch äusserst verschwenderische Lebensweise, teils durch masslose Freigebigkeit zu verschleudern anfing. Ganz besonders reiche Geschenke machte er den Freigelassenen des Caesars, da er auf diese Weise sich deren Unterstützung zu sichern hoffte. 146 Bei dieser Lebensart konnte es nicht ausbleiben, dass seine Mittel sich bald derart erschöpften, dass er sich in Rom nicht länger mehr halten konnte. Dazu kam noch, dass Tiberius den Freunden seines unlängst verstorbenen Sohnes verboten hatte, vor ihm zu erscheinen, damit ihr Anblick nicht das Andenken an seinen Sohn und infolgedessen erneute Trauer in ihm wachrufe.

(2.) 147 Bei dieser üblen Lage blieb Agrippa nichts anderes übrig, als sich nach Judaea einzuschiffen. Er befand sich in sehr unbehaglicher Stimmung, weil er sein ganzes Geld verloren hatte und nichts ihm zur Befriedigung seiner Gläubiger übrig blieb, die sehr zahlreich waren und alle seine Bewegungen beobachteten, um ihn nicht entwischen zu lassen. Da es nun so weit kam, dass er nicht mehr aus noch ein wusste und sich obendrein seiner Thaten nicht wenig schämte, begab er sich in die Festung Malatha in Idumaea mit dem Vorsatz, seinem Leben ein Ende zu machen. 148 Diesen Plan aber erriet seine Gattin Kypros und gab sich alle erdenkliche Mühe, ihn davon abzubringen. Sie schrieb an seine Schwester Herodias, die mit dem Tetrarchen Herodes vermählt war, zeigte ihr an, was Agrippa beabsichtige und welche Not ihn dazu getrieben habe, 149 und bat sie um ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen willen, Hilfe zu [531] leisten und ihren Gatten ebenfalls dafür zu gewinnen, besonders da sie selbst, wie ersichtlich, alles daran setze, um ihren Mann aufzurichten, obgleich sie an Mitteln gewiss keinen Überfluss habe. Herodias und Herodes liessen infolgedessen den Agrippa zu sich kommen, wiesen ihm Tiberias als Wohnort sowie eine bestimmte Summe zum Lebensunterhalt an und übertrugen ihm obendrein noch die Stelle eines Agoranomen[20] der Stadt. 150 Lange jedoch behielt Herodes diese Gesinnung nicht bei, obwohl er auch so Agrippas Bedürfnisse noch nicht befriedigt hatte. Bei einem Gastmahle zu Tyrus nämlich gerieten sie über’m Trinken in Streit, und Herodes warf Agrippa vor, dass er ein Habenichts und auf seine Hilfe angewiesen sei. Das glaubte Agrippa nicht auf sich sitzen lassen zu dürfen und begab sich deshalb zu Flaccus, einem ehemaligen Konsul und nunmehrigen Statthalter von Syrien, mit dem er schon früher in Rom gute Freundschaft gehalten hatte.

(3.) 151 Flaccus nahm ihn freundlich auf, und obgleich sich auch sein Bruder Aristobulus dort befand, mit dem er in Streit lebte, hinderte das den Flaccus doch nicht, ihnen beiden gleiche Ehrenbezeugungen zu erweisen. 152 Aristobulus aber vermochte auf die Dauer seinen Hass gegen Agrippa nicht zu unterdrücken und ruhte nicht, bis er den Flaccus gegen ihn aufgereizt hatte, wozu folgender Vorfall den Anstoss gab. 153 Die Damascener waren mit den Sidoniern in einen Grenzstreit verwickelt, den Flaccus entscheiden sollte, und da sie erfahren hatten, dass Agrippa viel bei ihm vermochte, baten sie diesen um seine Hilfe und versprachen ihm dafür eine grosse Geldsumme. 154 Agrippa gab sich nun die grösste Mühe, die Damascener zu unterstützen; Aristobulus aber, dem das Versprechen der Geldsumme nicht unbekannt geblieben war, verklagte seinen Bruder deshalb bei Flaccus. Und da seine Angaben durch das Ergebnis der Untersuchung bestätigt wurden, kündigte Flaccus dem Agrippa [532] die Freundschaft, 155 der nun wieder in die äusserste Armut versetzt wurde und nach Ptolemaïs ging, von wo er mangels anderer geeigneter Unterkunft nach Italien zu fahren beschloss. Hierzu gebrach es ihm indes an Geld, und er trug daher seinem Freigelassenen Marsyas auf, alle seine Künste zu versuchen, um ihm solches leihweise zu verschaffen. 156 Marsyas begab sich infolgedessen zu Petrus, einem Freigelassenen von Agrippas Mutter Berenike, der aber durch deren Testament an Antonia[21] verwiesen war, und bat ihn, dem Agrippa gegen einen Schuldschein Geld zu leihen. 157 Weil aber Petrus den Agrippa beschuldigte, früher entliehenes Geld nicht zurückgezahlt zu haben, verlangte er von Marsyas einen Schuldschein über zwanzigtausend attische Drachmen, obgleich er zweitausendfünfhundert weniger hergab. Marsyas musste sich hiermit zufrieden geben, da ihm kein anderer Ausweg übrig blieb. 158 Als Agrippa nun das Geld erhalten hatte, reiste er nach Anthedon und schickte sich an, von dort in See zu gehen. Das erfuhr indes Herennius Capito, der Kommandant von Jamnia, und schickte sogleich Soldaten ab, um von Agrippa dreihunderttausend Sesterzien[22], welche dieser von seinem früheren Aufenthalt in Rom her dem Caesar schuldete, einzutreiben. So wurde Agrippa genötigt, zu bleiben. 159 Er stellte sich nun, als wolle er dem Zahlungsbefehl nachkommen, hieb aber in der Nacht die Schiffstaue durch und fuhr nach Alexandria, wo er den Alabarchen[23] Alexander ersuchte, ihm zweihunderttausend Sesterzien zu leihen. Dieser weigerte sich zwar, ihm selbst die Summe vorzustrecken, war aber nicht abgeneigt, sie der Kypros, deren Liebe zu ihrem Gatten und sonstige vortreffliche Eigenschaften, ihn in Erstaunen versetzten, zu leihen. 160 Kypros leistete also Bürgschaft, und Alexander zahlte sofort in Alexandria fünf Talente aus und versprach, den Rest gleich nach seiner Ankunft [533] in Dikaearchia herzugeben, weil er die Verschwendungssucht Agrippas fürchtete. Kypros verabschiedete sich darauf von ihrem Gatten, der alsbald nach Italien abfuhr, und kehrte selbst mit ihren Kindern nach Judaea zurück.

(4.) 161 In Puteoli angelangt, schrieb Agrippa einen Brief an den Caesar Tiberius, der damals in Capreae zurückgezogen lebte, teilte ihm mit, er sei gekommen, um ihm pflichtgemäss seine Aufwartung zu machen, und bat ihn um die Erlaubnis, sich in Capreae einfinden zu dürfen. 162 Tiberius antwortete ihm mit grösster Freundlichkeit und gab seiner Freude darüber Ausdruck, dass er ihn in Capreae sehen werde. Als Agrippa nun ankam, fand er eine so ehrenvolle Aufnahme und glänzende Bewirtung, wie er dem Briefe gemäss erwarten konnte. 163 Am folgenden Tage jedoch erhielt der Caesar von Herennius Capito die schriftliche Anzeige, Agrippa habe dreihunderttausend Sesterzien entliehen, sie aber am Verfalltage nicht zurückgezahlt, und als er ihn an die Rückzahlung gemahnt habe, sei er aus seinem Lande geflohen, sodass er jetzt gar keine Hoffnung mehr habe, das Geld von ihm einzutreiben. 164 Als der Caesar diesen Brief gelesen hatte, wurde er sehr unwillig und liess Agrippa den Zutritt zum Hofe untersagen, bis er die Schuld bezahlt habe. Dieser aber liess sich durch den Zorn des Caesars nicht im mindesten aus der Fassung bringen, sondern erbat sich von Antonia, der Mutter des Germanicus und des nachmaligen Caesars Claudius, dreihunderttausend Sesterzien, damit er die Freundschaft des Tiberius nicht verlöre. 165 Antonia gab ihm das Geld, teils im Andenken an seine Mutter Berenike, mit der sie in sehr vertrautem Verkehr gestanden hatte, teils weil er mit Claudius erzogen worden war. Sobald nun Agrippa seine Schuld abgetragen hatte, war sein gutes Einvernehmen mit Tiberius wiederhergestellt, 166 und der Caesar vertraute ihm sogar seinen Enkel an, damit er ihn auf seinen Ausgängen begleite. Aus Dankbarkeit für das freundliche Entgegenkommen der Antonia widmete alsdann Agrippa [534] seine ganze Sorgfalt dem Gajus, welcher der Enkel der Antonia war und wegen der allgemeinen Beliebtheit seines Vaters überall in hoher Achtung stand. 167 Es befand sich aber damals ein gewisser Samariter Thallus, ein Freigelassener des Caesars, am Hofe. Von diesem lieh Agrippa sich eine Million Sesterzien, bezahlte der Antonia seine Schuld und verwendete den Rest dazu, Aufwendungen behufs Erlangung der Gunst des Gajus zu machen, sodass er in dessen Ansehen gewaltig stieg.

(5.) 168 Als nun Agrippa mit Gajus immer vertrauter wurde und eines Tages mit ihm im Wagen ausfuhr, kam die Rede auf Tiberius. Da sprach Agrippa, weil sie unter sich waren, den Wunsch aus, Tiberius möge recht bald dem des Thrones viel würdigeren Gajus Platz machen. Das hörte Agrippas Freigelassener Eutychus, der den Wagen lenkte, schwieg aber einstweilen dazu. 169 Später beschuldigte Agrippa den Eutychus, ihm ein Gewand gestohlen zu haben, was auch auf Wahrheit beruhte. Eutychus floh darauf, wurde aber ergriffen und zum Stadtpraefekten Piso geführt, der ihn um die Ursache seiner Flucht befragte. Der Gefangene entgegnete, er habe dem Caesar ein Geheimnis zu melden, welches seine Sicherheit betreffe. Der Praefekt schickte ihn nun nach Capreae, wo Tiberius ihn nach seiner Gewohnheit in Fesseln legen liess. Der Caesar konnte überhaupt zaudern, wie kein anderer König oder Fürst. 170 So liess er auch Gesandtschaften oft lange warten und gab seinen Statthaltern und Landpflegern nicht leicht Nachfolger, wenn sie nicht mit Tod abgingen.[24] Daher kam es auch, dass er Gefangene oft längere Zeit im Kerker liess, ehe er sie verhörte. 171 Als ihn eines Tages seine Freunde fragten, warum er alles von einem Tag auf den anderen verschiebe, sagte er, die Gesandtschaften pflege er deshalb hinzuhalten, damit nicht bei schneller Entlassung derselben sobald wieder neue zu ihm geschickt würden und er sich so stets der Mühe unterziehen müsse, sie zu [535] empfangen und abzufertigen. 172 Die Befehlshaberstellen aber lasse er solchen, denen er sie einmal verliehen habe, möglichst lange, damit wenigstens eine Rücksicht sie antreibe, seine Unterthanen wohlwollend zu behandeln. Denn der Sinn der meisten Menschen, die ein Amt bekleideten, neige zur Habsucht, und wenn jemand ein Amt nicht auf die Dauer, sondern nur für kurze Zeit erhalte, ohne zu wissen, wann ihm dasselbe wieder abgenommen werde, so sei seine Sucht zu plündern nur um so grösser. 173 Wenn aber jemand längere Zeit im Besitze eines Amtes bleibe, so werde er doch bald, wenn er genug zusammengescharrt habe, der Erpressungen überdrüssig und halte damit ein. Trete dagegen ein zu schneller Wechsel ein, so genüge den Beamten nicht einmal das Besitztum ihrer Untergebenen mehr, weil bei vorzeitiger Abberufung ihnen nicht so viel Zeit bleibe, dass sie, wie die Vorgänger, ihre Raubgier völlig befriedigen könnten. 174 Hierfür gab er folgendes Beispiel an: „Ein verwundeter Mensch lag am Boden, und eine Menge Fliegen sassen in seinen Wunden. Ein Wanderer, der zufällig vorbeiging, hatte Mitleid mit ihm, und da er ihn für zu schwach hielt, um die Fliegen zu vertreiben, trat er hinzu und schickte sich an, dieselben zu verscheuchen. 175 Der Verwundete aber bat ihn, das zu unterlassen, und als der andere ihn fragte, weshalb er denn von der Plage nicht befreit sein wolle, entgegnete er: Du machst mir noch mehr Schmerz, wenn du sie vertreibst. Denn sie sind schon gesättigt von meinem Blute und machen mir deshalb nicht mehr so viele Beschwerden als zuerst, sondern lassen schon etwas mit Quälen nach. Vertreibst du sie aber und kommen dann neue, hungrige heran, so werden sie, weil sie mich schon erschöpft antreffen, mich zu Tode aussaugen.“ 176 Aus demselben Grunde, fuhr Tiberius fort, schicke er seinen Unterthanen, die schon durch viele Plackereien hart bedrückt seien, nicht so häufig einen Beamten nach dem anderen, von denen sie dann wie die Fliegen ausgesogen würden, besonders da zu der natürlichen Habgier der Bedränger auch noch die Furcht hinzukäme, [536] eine so angenehme Art, sich zu bereichern, möchte ihnen schon so bald unmöglich gemacht werden. 177 Diese Gesinnung des Tiberius ward durch seine Handlungsweise bestätigt, da er während seiner zweiundzwanzigjährigen Regierung den Juden nur zwei Landpfleger schickte, nämlich Gratus und dessen Nachfolger Pilatus. 178 So verfuhr er aber nicht nur bei den Juden, sondern bei allen seinen Unterthanen. Auch die Gefangenen verhörte er, wie er sagte, immer deshalb erst so spät, damit sie nicht durch schnelle Hinrichtung von ihrer Haft befreit würden, was sie als Verbrecher gar nicht verdient hätten, sondern damit ihre quälende Ungewissheit während des langen Kerkeraufenthaltes noch gesteigert würde.

(6.) 179 Aus diesem Grunde also wurde auch Eutychus nicht zum Verhör vorgeführt, sondern blieb im Gefängnis. Einige Zeit später kam Tiberius von Capreae nach Tusculanum, das ungefähr hundert Stadien von Rom entfernt liegt, und nun bat Agrippa die Antonia, sie möge doch dahin wirken, dass Eutychus endlich in betreff der gegen ihn vorgebrachten Anklagen verhört werde. 180 Antonia stand nämlich bei Tiberius in hohem Ansehen, teils weil er mit ihr verwandt war (sie war die Gattin seines verstorbenen Bruders), teils wegen ihrer Keuschheit, da sie ungeachtet ihres blühenden Alters Witwe blieb, trotz des Augustus Zureden das Eingehen einer zweiten Ehe verweigert hatte und ihren Lebenswandel von jedem Vorwurf rein bewahrte. 181 Dazu kam noch, dass sie durch eine besondere Gefälligkeit sich den Tiberius zu grösstem Dank verpflichtet hatte. Sejanus nämlich, ein Freund ihres verstorbenen Gatten und als Befehlshaber der Praetorianer[25] der einflussreichste Mann jener Zeit, hatte eine Verschwörung angestiftet, an der sich viele Senatoren mit ihren Freigelassenen beteiligten und für die auch das Heer gewonnen war. Die Verschwörung hatte also schon weite Kreise ergriffen, und es fehlte nicht viel, so wäre dem Sejanus sein Anschlag [537] gelungen, wenn nicht Antonia entschlossen und mit kluger Überlegung denselben vereitelt hätte. 182 Sobald sie nämlich von den Nachstellungen gegen Tiberius Kunde erhielt, schrieb sie diesen alles ausführlich, übergab den Brief dem ergebensten ihrer Sklaven, Pallas, und schickte ihn damit nach Capreae zu Tiberius. Daraufhin liess der Caesar den Sejanus und alle seine Mitverschworenen hinrichten, schätzte von nun an die Antonia um so höher und schenkte ihr sein volles Vertrauen. 183 Sie bat also jetzt Tiberius, er möge den Eutychus verhören lassen, worauf der Caesar entgegnete: „Hat Eutychus das, was Agrippa gesagt haben soll, erlogen, so wird er nach Gebühr bestraft werden. Erweist sich dagegen bei der peinlichen Befragung seine Aussage als wahr, so mag Agrippa sich vorsehen, dass die Strafe, die er seinem Freigelassenen zugedacht hat, nicht auf sein eigenes Haupt zurückfalle.“ 184 Als Antonia diese Worte dem Agrippa mitteilte, bat dieser um so nachdrücklicher, die Sache möchte untersucht werden, und da er gar nicht aufhörte, sie darum anzugehen, 185 ergriff sie die günstige Gelegenheit, als Tiberius in Begleitung Agrippas und seines Enkels Gajus nach der Mahlzeit ausfuhr, ging eine Weile neben dem Wagen her und bat den Caesar, den Eutychus jetzt vorführen zu lassen und zu verhören. 186 Darauf erwiderte Tiberius: „Ich rufe die Götter zu Zeugen an, dass ich nicht freiwillig, sondern durch deine Bitten genötigt thue, was jetzt geschehen soll.“ Nach diesen Worten befahl er Macro, dem Nachfolger des Sejanus, den Eutychus vorzuführen. Als dies unverzüglich geschehen war und Tiberius ihn fragte, was er denn gegen den Mann vorbringen könne, der ihn in Freiheit gesetzt habe, 187 antwortete Eutychus: „Gajus und Agrippa fuhren einmal im Wagen aus, und ich sass zu ihren Füssen. Nachdem nun mancherlei Reden gewechselt waren, sprach Agrippa zu Gajus: Käme doch endlich der Tag, an dem der Alte das Zeitliche segnete und dich zum Herrscher des Erdkreises einsetzte! Denn sein Enkel Tiberius wird uns wenig zu schaffen machen, wenn du ihn aus dem Wege [538] räumst, und es käme dann die ganze Welt und besonders ich in eine glückliche Lage.“ 188 Diese Aussage hielt Tiberius für glaubwürdig, und da auch sein alter Groll gegen Agrippa sich regte, weil dieser trotz seines Befehls, sich an Tiberius, seinen Enkel und des Drusus Sohn, anzuschliessen, den letzteren vernachlässigt und sich ganz zu Gajus gehalten hatte, wandte er sich an Macro 189 und sagte: „Leg’ ihn in Fesseln!“ Weil nun Macro einesteils nicht recht verstand, wen Tiberius gefesselt haben wollte, andernteils nicht ahnte, dass er so etwas gegen Agrippa beschliessen könne, wartete er, bis er den Caesar besser verstanden haben würde. 190 Später wandelte Tiberius in der Rennbahn umher, und als er hier Agrippa stehen sah, rief er aus: „Aber, Macro, ich habe dir doch befohlen, diesen in Fesseln zu legen!“ Macro fragte: „Wen denn?“ worauf der Caesar entgegnete: „Agrippa.“ 191 Nun legte sich dieser aufs Bitten, erinnerte ihn an den Sohn, mit dem er erzogen worden sei, und an Tiberius, dessen Bildung er geleitet habe. 192 Es half aber alles nichts, sondern er wurde im Purpurgewande, so wie er war, gefesselt hinweggeführt. Zur Mahlzeit nun wurde ihm sehr wenig Wein gereicht, und da es obendrein sehr heiss war, bekam er heftigen Durst, unter dem er schliesslich so litt, dass er von höchstem Unbehagen ergriffen wurde. Da erblickte er einen von Gajus’ Dienern mit Namen Thaumastus, der Wasser in einem Gefässe trug, und bat sich von ihm etwas zu trinken aus. 193 Der Diener reichte ihm das Gefäss, und als er getrunken hatte, sagte er: „Das soll dein Schaden nicht sein, Sklave, dass du mir den Gefallen erwiesen hast. Sobald ich von diesen Fesseln befreit bin, wird es meine erste Sorge sein, dir die Freiheit von Gajus zu erwirken, weil du mir jetzt, da ich gefangen bin, mit derselben Bereitwilligkeit deine Dienste geleistet hast, wie früher, als ich noch im Glück lebte.“ 194 Das bewahrheitete sich auch in der Folgezeit, und Agrippa konnte ihm so seinen Dank abstatten. Sobald er nämlich König geworden war, bat er sich den Thaumastus von dem inzwischen [539] auf den Thron gelangten Gajus aus, liess ihn frei und machte ihn zum Verwalter seines Vermögens. Nach seinem Tode aber blieb der Freigelassene bei seinem Sohne Agrippa und seiner Tochter Berenike in gleicher Stellung und bekleidete das Ehrenamt, bis er in hohem Alter starb. Das alles geschah freilich erst später.

(7.) 195 Eines Tages stand Agrippa mit einer Anzahl seiner Mitgefangenen gefesselt vor dem Palaste und lehnte sich voll Schwermut an einen Baum. Auf diesen Baum liess sich einer jener Vögel nieder, die man Uhu nennt. Als nun einer von den Eingekerkerten den Vogel bemerkte, fragte er einen Soldaten, wer der Gefangene im Purpurkleide sei. 196 Dieser antwortete dem Fragesteller, einem Germanen, derselbe heisse Agrippa, stamme aus Judaea und sei einer der Vornehmsten dieses Landes. Der Germane bat darauf den Soldaten, mit dem er zusammengeschlossen war, er möge etwas näher an Agrippa herantreten, da er mit ihm zu sprechen wünsche; er wolle ihn nämlich über die Verhältnisse seines Vaterlandes befragen. 197 Als dies geschehen war, sprach er zu ihm durch einen Dolmetscher folgendermassen: „Junger Mann, dich betrübt wohl der plötzliche Wechsel deines Geschickes, der dich in so schweres Unglück versetzt hat. Vielleicht nun wirst du meinen Worten keinen Glauben beimessen, die dir verkündigen, was die Gottheit in ihrer Vorsehung beschlossen hat, um dich aus deinem Elend zu befreien. 198 Ich rufe indes meine eigenen Götter und die Götter dieses Landes, durch deren Willen wir in die Gefangenschaft geraten sind, zu Zeugen an, dass alles, was ich dir sagen werde, nicht dazu bestimmt ist, deinen Ohren zu schmeicheln oder dich mit leeren Hoffnungen zu vertrösten. 199 Denn solche Vorhersagungen pflegen, wenn der Seher sich getäuscht hat, mehr Leid zu bringen, als wenn man überhaupt nichts von ihnen gehört hätte. Ich habe also selbst unter eigener Lebensgefahr es für angemessen gehalten, dir kundzuthun, was die Götter [540] dir für die Zukunft in Aussicht stellen. 200 Es kann nämlich gar nicht ausbleiben, dass du in kurzer Frist aus diesen Fesseln befreit wirst. Dann wirst du zu höchstem Ansehen und grösster Macht gelangen, und alle werden dich glücklich preisen, die jetzt dein Schicksal bedauern. Auch wirst du einen glücklichen Tod haben und deine Macht auf deine Kinder vererben. Siehst du aber diesen Vogel wieder, so magst du daran erkennen, dass du in fünf Tagen sterben musst. 201 Um dir nun anzuzeigen, dass dies alles geschehen wird, hat die Gottheit dir diesen Vogel geschickt. Und da ich Sehergabe besitze, hielt ich es für unrecht, dir die Kenntnis der Zukunft zu verheimlichen. Bist du also deines künftigen Glückes sicher, so magst du das, was du jetzt leidest, als eine Kleinigkeit ansehen. Ist dir aber einmal dieses Glück zu teil geworden, so gedenke auch unser, damit wir dem Elend, das uns jetzt drückt, entrinnen mögen.“ 202 Diese Weissagung des Germanen erschien damals dem Agrippa ebenso lächerlich, als sie ihn später mit Staunen erfüllte. – Antonia aber, die über Agrippas Unglück sehr verstimmt war, hielt es jetzt für unthunlich, sich bei Tiberius für ihn zu verwenden, zumal sie diesen als unerbittlich kannte. 203 Doch wusste sie es bei Macro durchzusetzen, dass zu den Soldaten, die ihn bewachen mussten, und den Centurionen, welche diese befehligten und mit ihm zusammengeschlossen wurden, nur menschenfreundliche und verständige Männer gewählt wurden, dass man ihm gestattete, täglich zu baden, dass seine Freigelassenen und Freunde ihn besuchen durften, und dass ihm manche andere Erleichterung gewährt wurde. 204 Infolgedessen hatten sein Freund Silas und seine Freigelassenen Marsyas und Stoecheus ungehinderten Zutritt zu ihm, brachten ihm Speisen, die er besonders gern ass, und bewiesen sich ihm recht hilfreich. So brachten sie auch Teppiche heran, als wenn sie dieselben verkaufen wollten, und breiteten sie zur Nachtzeit mit Hilfe der Soldaten und mit Zustimmung Macros unter ihm aus. In dieser Weise [541] ging es sechs Monate lang weiter, ohne dass Agrippas Lage sich änderte.

(8.) 205 Als nun Tiberius nach Capreae zurückgekehrt war, fing er an zu kränkeln, und die Krankheit verschlimmerte sich bald derart, dass er an seiner Genesung verzweifelte. Er trug daher dem Evodus, dem er von allen seinen Freigelassenen das meiste Vertrauen schenkte, auf, seine Kinder herbeizuholen, weil er vor seinem Tode noch einiges mit ihnen besprechen wolle. 206 Nun hatte er zwar keine eigenen Kinder mehr, da sein einziger Sohn Drusus schon gestorben war, doch lebte noch dessen Sohn Tiberius mit dem Beinamen Gemellus, sowie Gajus, der Sohn seines Bruders Germanicus, der schon herangewachsen war, feine Bildung besass und um seines Vaters Germanicus willen beim Volke sehr beliebt war. 207 Letzteren nämlich hatte das Volk in hohen Ehren gehalten, weil er ein sittenreiner, leutseliger und freundlicher Mann gewesen war und trotz seines hohen Standes vor niemand etwas voraus haben wollte. 208 Infolge dieses seines umgänglichen Wesens ward er bei Senat und Volk immer beliebter, und auch von den fremden Völkerschaften, die den Römern unterthan wurden, fesselte die einen seine persönliche Liebenswürdigkeit, während die anderen schon durch den blossen Ruf seiner vortrefflichen Eigenschaften für ihn eingenommen wurden. 209 Als er starb, war die Trauer eine allgemeine und aufrichtige, weil jeder sich durch seinen Tod in Mitleidenschaft gezogen glaubte. 210 Infolgedessen genoss auch sein Sohn allgemeines Wohlwollen, und besonders hingen die Soldaten an diesem so sehr, dass sie mit Freuden in den Tod gegangen wären, wenn sie ihm dadurch zur Herrschaft hätten verhelfen können.

(9.) 211 Nachdem Tiberius den Evodus beauftragt hatte, ihm am folgenden Tage in aller Frühe seine Kinder zu bringen, betete er zu seinen Göttern, ihm durch ein deutliches Zeichen den anzugeben, der sein Nachfolger werden solle. Sein Wunsch ging zwar dahin, seinen Enkel auf den Thron zu bringen, doch wollte er mehr [542] dem Zeichen vertrauen, das die Götter ihm kundthun würden, als seinem eigenen Willen. 212 Er beschloss daher, denjenigen zu seinem Nachfolger zu ernennen, der am folgenden Tage zuerst zu ihm kommen würde. Indem er so überlegte, schickte er dem Erzieher seines Enkels den Befehl, den jungen Mann beim Morgengrauen zu ihm zu bringen, und hoffte, die Gottheit werde diesem alsdann den Thron zuerkennen. Es kam jedoch ganz anders, als er gedacht hatte. 213 Sobald es nämlich Tag wurde, befahl er dem Evodus, den Jüngling, der zuerst da sei, hereinzuführen. Evodus ging also hinaus und fand den Gajus vor der Thür. Tiberius nämlich war noch nicht erschienen, weil er sein Frühstück zu spät erhalten hatte, und da Evodus nicht wusste, was sein Herr vorhatte, sagte er: „Der Vater wünscht dich zu sehen,“ und führte ihn herein. 214 Als nun Tiberius den Gajus erblickte, erkannte er zunächst die Macht der Gottheit, vor der all seine eigene Macht in nichts zusammenschrumpfe, da er seinen Willen nicht mehr durchzusetzen vermöge. Dann beklagte er sowohl sich selbst, weil er einen so lange gehegten Wunsch nicht in Erfüllung gehen sah, als auch seinen Enkel Tiberius, der nun nicht nur um seine Anwartschaft auf den Thron gekommen sei, 215 sondern auch in Lebensgefahr schwebe, da seine Sicherheit jetzt von Mächtigeren abhänge, die ihn wohl nicht neben sich dulden würden. Die Verwandtschaft nämlich, so überlegte er weiter, könne ihm dabei wenig helfen, da er dem Machthaber ein Dorn im Auge sein werde, teils weil er das nächste Anrecht auf den Thron habe, teils weil er sich um seiner eigenen Sicherheit willen oder aus Herrschbegierde von Nachstellungen gegen den Caesar wohl nicht fernhalten würde. 216 Nun gab Tiberius sehr viel auf Vorbedeutungen und richtete sich in seinem Leben mehr danach als sonst jemand, der an dergleichen glaubte. So hatte er auch einmal, als er den Galba daherkommen sah, zu einigen seiner Vertrauten gesagt, das sei der Mann, der einst den römischen Caesarenthron besteigen werde. 217 Da [543] er also mehr wie andere Herrscher an alles glaubte, was nur den Schein einer Vorbedeutung an sich trug, weil ihn manchmal solche Dinge nicht getäuscht hatten, so richtete er sich auch in der Regierung danach. 218 Er geriet deshalb in grosse Angst wegen des Vorgefallenen, zeigte sich von Schmerz ergriffen, als ob sein Enkel schon ermordet wäre, und klagte sich selbst an, weil er in übergrosser Sorge um die Zukunft sich der Vorbedeutung bedient habe, während er doch sorgenfrei hätte sterben können, wenn er den Schleier, der die kommenden Ereignisse verhüllte, nicht gelüftet haben würde. Nun aber quäle ihn der Gedanke, dass er bei seinem Tode all das Leid voraussehen müsse, welches seinen Lieben bevorstehe. 219 So sehr es ihm aber auch zu Herzen ging, dass sein Nachfolger ein anderer sein sollte, als er sich gewünscht hatte, sprach er doch zu Gajus, allerdings mit innerem Widerstreben: „Mein Sohn, obwohl Tiberius mir verwandtschaftlich näher steht als du, so lege ich doch in deine Hände nach eigenem Entschluss und mit Zustimmung der Götter die Zügel der römischen Herrschaft. 220 Nur bitte und beschwöre ich dich, auf dem Throne weder meine Güte, die dich zu so hoher Würde erhoben hat, noch deine Verwandtschaft mit Tiberius zu vergessen. 221 Sei vielmehr eingedenk, dass ich mit Wissen und Willen der Götter dir eine so grosse Wohlthat erwiesen habe, und vergilt mir diese meine Liebe, indem du mit Tiberius gute Beziehungen unterhältst. Bedenke ausserdem, dass Tiberius, so lange er lebt, eine mächtige Schutzwehr deiner persönlichen Sicherheit und deines Thrones sein, dass dagegen sein Tod für dich nur die Quelle grossen Unheils bilden wird. 222 Gefährlich ist ja eine einsame Stellung auf solcher Höhe, und die Götter werden es nicht ungestraft lassen, wenn durch ungerechte Handlungen das Gesetz, welches uns das Gegenteil vorschreibt, verletzt wird.“ 223 So sprach Tiberius, ohne jedoch auf Gajus Eindruck zu machen. Zwar gelobte dieser, nach seinem Wunsche handeln zu wollen; kaum aber war er [544] zur Regierung gelangt, so liess er den Tiberius, wie dessen Grossvater geahnt hatte, ermorden. Doch fiel auch er selbst nicht lange nachher einer Verschwörung zum Opfer.

(10.) 224 Wenige Tage, nachdem er den Gajus zu seinem Nachfolger ernannt hatte, starb Tiberius nach einer Regierung von zweiundzwanzig Jahren, fünf Monaten und drei Tagen. Gajus war der vierte[26] römische Caesar. 225 Die Nachricht vom Tode des Tiberius versetzte die Römer in grosse Freude; doch wagten sie kaum daran zu glauben, nicht als ob sie es nicht sehnlichst gewünscht hätten (denn sie würden die Nachricht, wenn sie wahr gewesen wäre, gern mit vielem Gelde bezahlt haben), sondern weil sie fürchteten, ihre Freude, falls das Gerücht sich nicht bewahrheiten sollte, zu voreilig kundgegeben zu haben und deshalb angeklagt und hingerichtet zu werden. 226 Hatte doch Tiberius über den römischen Adel unsägliches Leid gebracht. Denn bei jeder Gelegenheit brauste er zornig auf und wusste seine Aufregung selbst dann nicht zu bemeistern, wenn dieselbe keinen vernünftigen Grund hatte. Von Natur war er geneigt, mit grausamer Willkür zu verfahren, sodass er selbst die leichtesten Vergehen mit dem Tode bestrafte. 227 So gern daher auch die Römer das Gerücht von seinem Tode hörten, so durften sie sich doch aus Furcht vor dem Unheil, das ihnen im Falle einer Täuschung drohte, ihrer Freude nicht hingeben. 228 Agrippas Freigelassener Marsyas aber eilte bei der Nachricht vom Ableben des Tiberius gestreckten Laufes zu dem Gefangenen, um ihm die frohe Botschaft zu bringen. Er traf ihn auf dem Wege zum Bad und flüsterte ihm auf Hebraeisch zu: „Der Löwe ist tot.“ 229 Agrippa verstand recht gut, was diese Worte bedeuten sollten, und sprach voller Freude zu Marsyas: „Für diese frohe Kunde werde ich dir wie für deine übrigen Dienste aufrichtigen Dank wissen, wenn sie nur auf [545] Wahrheit beruht.“ 230 Als nun der Centurio, der Agrippas Wache befehligte, bemerkte, wie eilig Marsyas daherkam und welche Freude Agrippa über seine Worte empfand, ahnte er, dass es sich um etwas Wichtiges handeln müsse, und fragte deshalb, was sie miteinander besprochen hätten. 231 Die beiden machten zuerst Ausflüchte; als aber der Centurio in sie drang, teilte Agrippa, der mit ihm bereits Freundschaft geschlossen hatte, ihm sogleich alles mit. Da freute sich der Centurio nicht weniger als Agrippa und gab deswegen ein Gastmahl. Während man nun hier festlich schmauste und noch wackerer zechte, erschien auf einmal ein Bote mit der Nachricht, Tiberius lebe noch und werde in wenigen Tagen nach Rom zurückkehren. 232 Darüber erschrak der Centurio gewaltig, da es ihm ans Leben gehen konnte, weil er auf die Nachricht vom Tode des Caesars mit seinen Gefangenen geschmaust hatte. Und in seiner Aufregung riss er den Agrippa vom Polster herunter und schrie ihn an: „Meinst du, du solltest mich ungestraft mit der Nachricht vom Tode des Caesars zum Narren gehalten haben und für diese Unverschämtheit nicht mit deinem Kopfe einstehen müssen?“ 233 Nach diesen Worten liess er den Gefangenen, dem er vorhin die Ketten abgenommen hatte, wieder fesseln und gab ihm eine zahlreichere Wache wie früher. So verbrachte Agrippa eine recht traurige Nacht; 234 am folgenden Tage jedoch verbreitete sich das Gerücht vom Tode des Tiberius in der ganzen Stadt, und niemand scheute sich, dasselbe weiter zu erzählen. Ja, man brachte hier und da schon Dankopfer dar. Bald kamen denn auch Briefe von Gajus an, und zwar einer an den Senat, worin er den Tod des Tiberius meldete und seinen Regierungsantritt kundthat, 235 der andere an den Stadtpraefekten Piso, worin diesem dasselbe mitgeteilt und zugleich der Befehl erteilt wurde, Agrippa aus dem Soldatengefängnis in das Haus zu bringen, welches er vor seiner Gefangennehmung bewohnt hatte und wo er furchtlos der Zukunft entgegen sehen konnte. Er war zwar immer noch [546] Gefangener, konnte aber, da er sehr schonend behandelt wurde, leben, wie es ihm gefiel. 236 Als nun Gajus mit der Leiche des Tiberius nach Rom gekommen war und ihn dort nach Landessitte mit grossem Pomp bestattet hatte, wollte er noch am selbigen Tage Agrippa freilassen. Doch Antonia widersprach ihm darin, allerdings nicht aus Hass gegen den Gefangenen, sondern nur aus Rücksicht auf des Gajus Ehre. Sie wollte nämlich nicht, dass Gajus sich den Anschein gebe, als freue er sich über des Tiberius Tod, indem er den von seinem Vorgänger in Ketten gelegten Agrippa sogleich in Freiheit setze. 237 Einige Tage nachher aber liess Gajus ihn in den Palast kommen, ihm das Haar scheren und ihn neu kleiden. Dann setzte er ihm ein Diadem aufs Haupt, ernannte ihn zum Könige über die Tetrarchie, welche Philippus regiert hatte, sowie über die des Lysanias, und gab ihm statt der eisernen Kette eine goldene von gleichem Gewicht. Zum Befehlshaber der in Judaea stehenden Truppen aber ernannte er den Marullus.

(11.) 238 Im zweiten Jahre der Regierung des Caesars Gajus bat Agrippa um die Erlaubnis, in sein Reich abreisen zu dürfen, um dasselbe zu ordnen, und versprach, nach Regelung aller Verhältnisse wieder zu Gajus zurückzukehren. 239 Der Caesar erteilte die erbetene Erlaubnis, und so machte sich Agrippa nach seinem Vaterlande auf, wo er wider Erwarten als König erschien und denen, die seine frühere Dürftigkeit und sein nunmehriges Glück in Vergleich zogen, den Beweis lieferte, wie gross die Macht des Geschickes sei. Die einen nun priesen ihn glücklich, weil seine Hoffnung ihn nicht getäuscht habe, während die anderen sich kaum entschliessen konnten, daran zu glauben, dass die Sache auf Wahrheit beruhe.

[547]
Siebentes Kapitel.
Wie der Tetrarch Herodes verbannt wurde.

(1.) 240 Herodias, die Schwester des Agrippa und Gattin des Herodes, des Tetrarchen von Galilaea und Peraea, beneidete ihren Bruder um seine Macht, weil sie ihn auf einem ansehnlicheren Throne sah als ihren Gatten, und weil er, obwohl er früher hatte fliehen müssen, ohne seine Schulden bezahlen zu können, jetzt in so hohen Ehren und so reichem Glücke zurückgekehrt war. 241 Dieser Wechsel ärgerte und kränkte sie, und besonders wenn sie ihn im königlichen Schmuck unter dem Volke einherfahren sah, konnte sie ihren Neid nicht verbergen, sondern stachelte ihren Gatten an, er solle nach Rom reisen und sich um die gleiche Würde bewerben. 242 Sie vermöge das Leben nicht mehr zu ertragen, erklärte sie, wenn Agrippa, der Sohn des von seinem Vater hingerichteten Aristobulus, der so grossen Mangel gelitten habe, dass Fremde ihm seinen täglichen Lebensunterhalt hätten spenden müssen, und der genötigt gewesen sei, aus Furcht vor seinen Gläubigern sich zu Schiffe davon zu machen, mit der Königswürde bekleidet zurückkehre, während Herodes, eines Königs Sohn, dem seine Verwandtschaft den nächsten Anspruch auf den Thron gebe, sich mit dem Leben eines Privatmannes begnüge. 243 „Hast du nun auch, Herodes,“ fuhr sie fort, „dir bisher nichts daraus gemacht, unter den Rang deines Vaters herabgedrückt zu sein, so bemühe dich doch wenigstens jetzt um die dir zustehende Würde und lass nicht einen Menschen sich über dich erheben, der sich nicht geschämt hat, mit deinem Gelde gross zu thun. Gieb doch nicht zu, dass er mit seiner Armut mächtiger dasteht als wir mit unserem Reichtum und Überfluss, und erröte davor, hinter jemand zurücktreten zu müssen, der gestern und vorgestern noch von deiner Barmherzigkeit gelebt hat. 244 Auf, lass uns nach Rom gehen, und sparen wir weder Mühe noch Gold und Silber, weil es gewiss nicht [548] besser ist, Reichtümer aufzuspeichern, als sie auf die Gewinnung eines Königsthrones zu verwenden.“

(2.) 245 Herodes sträubte sich zwar anfänglich gegen den Plan, weil er Ruhe und Bequemlichkeit liebte, und da er das aufregende Treiben in Rom fürchtete, versuchte er auch seine Gattin eines besseren zu belehren. Je mehr diese ihn aber widerstreben sah, desto heftiger setzte sie ihm zu und ermunterte ihn, nichts unversucht zu lassen, um König zu werden. 246 Sie ruhte auch nicht, bis Herodes wider seinen Willen zur Nachgiebigkeit gebracht war; konnte er sich doch überhaupt nicht leicht dem entziehen, was sie einmal beschlossen hatte. Er traf also möglichst glänzende Vorbereitungen, ohne irgend welche Kosten zu scheuen, und schiffte sich dann in Begleitung der Herodias nach Rom ein. 247 Agrippa aber, der von ihrer Absicht und ihren Zurüstungen Wind bekommen hatte, traf auch seinerseits Vorbereitungen, und sobald er ihre Abreise erfuhr, schickte er den Fortunatus, einen seiner Freigelassenen, nach Rom zum Caesar mit Geschenken und einer gegen Herodes gerichteten Schrift, zu der er gelegentlich das Nähere noch mündlich hinzuzufügen gedachte. 248 Fortunatus folgte dem Herodes auf dem Fusse, und da er glückliche Fahrt hatte, kam er so zeitig nach ihm an, dass er, während Herodes Zutritt zu Gajus erhielt, auch selbst anlangte und seinen Brief überreichen konnte. Beide landeten in Dikaearchia und trafen den Caesar zu Bajae, 249 einem Städtchen in Campanien, das ungefähr fünf Stadien von Dikaearchia entfernt ist. Hier befinden sich die aufs glänzendste ausgestatteten Sommerwohnungen der Caesaren, bei deren Einrichtung stets ein Caesar den anderen an Prachtaufwand zu übertreffen suchte. Der Ort hat warme Quellen, die dem Boden entsprudeln und ebensowohl der Wiederherstellung der Gesundheit als der Annehmlichkeit des Lebens dienen. 250 Gajus also las zur selben Zeit, da er mit dem zuerst vorgelassenen Herodes sich besprach, die Anklageschrift Agrippas, in welcher Herodes beschuldigt wurde, sich [549] wie früher mit Sejanus gegen Tiberius, so jetzt mit Artabanus gegen Gajus verschworen zu haben. 251 Zum Beweise dieser Beschuldigung wurde angeführt, er bewahre in seinen Zeughäusern eine so grosse Menge Waffen auf, dass man damit siebzigtausend Mann ausrüsten könne. Über diese Angabe erstaunt, fragte Gajus den Herodes, ob es sich mit den Waffen wirklich so verhalte. 252 Herodes gab zu, dass er die Waffen besitze, da er, wollte er nicht lügen, nicht anders aussagen konnte. Gajus aber glaubte nun auch das für wahr halten zu müssen, was ihm von der Verschwörung berichtet wurde; er nahm daher dem Herodes seine Tetrarchie und vereinigte sie mit dem Reiche Agrippas, den er dazu auch noch mit Geld beschenkte. Den Herodes dagegen verurteilte er zu dauernder Verbannung und wies ihm die Stadt Lugdunum[27] in Gallien zum Aufenthalt an. 253 Als er nun später erfuhr, Herodias sei Agrippas Schwester, liess er dieselbe im Besitz des Vermögens, welches ihr gehörte, und da er glaubte, sie werde ihrem Gatten nicht in die Verbannung folgen wollen, unterstellte er sie dem Schutze ihres Bruders. 254 Herodias aber entgegnete ihm darauf: „Du sprichst da zwar ein grosses und deines Ranges würdiges Wort, o Caesar. Dass ich aber von deiner Gnade Gebrauch mache, daran hindert mich die Liebe zu meinem Gatten, den ich billigerweise im Unglück nicht verlassen kann, nachdem ich sein Glück geteilt habe.“ 255 Über diese Seelengrösse noch mehr erbittert, verbannte Gajus die Herodias mit ihrem Gatten und schenkte ihr Vermögen dem Agrippa. So strafte Gott die Herodias für den Neid gegen ihren Bruder und den Herodes für die Nachgiebigkeit gegen die eitle Rede seines Weibes. 256 Gajus regierte übrigens im ersten und zweiten Jahre in hochherziger Weise und erwarb sich durch seine Mässigung die Liebe der Römer wie seiner anderen Unterthanen. Später dagegen verwirrte ihm die Grösse [550] seines Reiches derart den Kopf, dass er in seiner Überhebung sich zum Gott machte und der Gottheit alle erdenkliche Schmach anthat.

Achtes Kapitel.
Wie die Juden und Griechen zu Alexandria in Streit gerieten und Gesandte an Gajus schickten. Gajus sendet den Petronius nach Syrien, um die Juden mit Krieg zu überziehen, wenn sie sich weigerten, sein Standbild aufzustellen.

(1.) 257 Unterdessen war zu Alexandria zwischen den dort wohnenden Juden und Griechen ein Streit entstanden, und von beiden Seiten erschienen drei Gesandte vor Gajus.[28] Einer der griechischen Abgeordneten war ein gewisser Apion,[29] der die Juden mit bitteren Schmähungen überhäufte und unter anderem ihnen vorwarf, sie vernachlässigten die Verehrung des Caesars. 258 Denn während alle übrigen Unterthanen des römischen Reiches dem Gajus zu Ehren Altäre und Tempel errichteten und ihn als Gott verehrten, hielten allein die Juden es für schimpflich, ihm Bildsäulen zu weihen und bei seinem Namen zu schwören. 259 Durch solche schweren Beschuldigungen hoffte Apion den Gajus zu erbittern, und da es wahrscheinlich war, dass ihm dies gelingen würde, bereitete Philo, der die Gesandtschaft der Juden führte und als Bruder des Alabarchen Alexander sowie wegen seiner philosophischen Bildung hochberühmt war, sich vor, seine Anschuldigungen zu widerlegen. 260 Gajus indes verhinderte ihn daran, befahl ihm, sich zu entfernen und geriet in so gewaltigen Zorn, dass niemand im Zweifel blieb, er werde die Juden aufs [551] empfindlichste züchtigen. So gekränkt trat Philo zurück und ermunterte die mit ihm gekommenen Juden, sie sollten sich nicht mutlos machen lassen, da Gajus ihnen zwar mit Worten seinen Groll beweise, in Wirklichkeit aber sich Gott zum Feinde gemacht habe.

(2.) 261 Gajus, der in hohem Grade darüber erbittert war, dass die Juden allein ihn so missachteten, schickte den Legaten Petronius als Nachfolger des Vitellius nach Syrien und trug ihm auf, mit starker Heeresmacht in Judaea einzurücken und, falls man ihn willig aufnehme, sein (des Caesars) Standbild im Tempel Gottes aufzustellen, falls er jedoch auf Widerstand stosse, die Juden niederzuwerfen und dann seinem Befehle nachzukommen. 262 Petronius hatte kaum die Verwaltung Syriens übernommen, als er sich beeilte, die Befehle des Caesars zu vollziehen. Er bot daher so viele Hilfstruppen auf, als ihm möglich war, vereinigte dieselben mit zwei römischen Legionen und bezog in Ptolemaïs Winterquartiere, um gleich mit Anbruch des Frühjahrs den Krieg zu beginnen. Von diesen seinen Vorbereitungen machte er alsbald dem Caesar Meldung, und dieser lobte seinen Eifer und befahl ihm, mit grösster Rührigkeit vorzugehen, um die Widerspenstigen mit Krieg zu überziehen. 263 Von den Juden aber kamen viele Tausende nach Ptolemaïs zu Petronius und baten ihn, er möge sie doch nicht zwingen, ihr väterliches Gesetz zu übertreten. 264 „Hast du,“ so sprachen sie, „durchaus beschlossen, die Bildsäule im Heiligtum aufzustellen, so lass uns erst umbringen und dann handle, wie dir beliebt. Denn so lange wir noch einen Atemzug zu thun haben, dürfen wir nicht zulassen, dass etwas gegen unser Gesetz geschieht, und wir stützen uns dabei nicht bloss auf das Ansehen unseres Gesetzgebers, sondern auch auf das Beispiel unserer Vorfahren, welche die Heilighaltung des Gesetzes stets als die höchste Tugend betrachtet haben.“ 265 Hierauf entgegnete Petronius unwillig: „Wenn ich allein zu befehlen hätte, so möchte euer Verlangen wohl billig und erfüllbar erscheinen. [552] Jetzt aber, da der Caesar mir mein Verhalten vorgeschrieben hat, muss ich ihm unbedingt Folge leisten, damit ich mir nicht durch Ungehorsam schwere Strafe zuziehe.“ 266 Die Juden erklärten dagegen: „Wenn es deine feste Absicht ist, Petronius, keinen Befehl des Caesars ausser acht zu lassen, so dürfen wir noch viel weniger der Vorschrift unseres Gesetzes zuwiderhandeln, dem wir im Vertrauen auf Gottes Güte und im Hinblick auf die Standhaftigkeit unserer Vorfahren bisher treu geblieben sind, und wir können nicht so niederträchtig handeln, dass wir aus Todesfurcht Vorschriften übertreten, deren Befolgung Gott zur Bedingung unseres Glückes gemacht hat. 267 Wir wollen also jegliches Unheil mit Freuden ertragen, wenn nur unser väterliches Gesetz unangetastet bleibt. Denn wir wissen, dass uns trotz der Gefahr die Hoffnung auf Sieg winkt, weil Gott mit uns sein wird, wenn wir zu seiner Ehre das Kriegsglück versuchen. 268 Wollten wir aber dir gehorchen, so würden wir die grösste Schande auf uns laden, weil wir unser Gesetz mit Füssen getreten und uns den Zorn Gottes zugezogen hätten, der, wie du erkennen wirst, mächtiger als dein Gajus ist.“

(3.) 269 Da Petronius aus diesen Worten ihre Standhaftigkeit erkannte und einsah, dass die Aufstellung der Bildsäule des Gajus nicht ohne vieles Blutvergiessen möglich sein würde, zog er mit seinen Freunden und seiner Dienerschaft nach Tiberias, um sich dort vom Stande der jüdischen Verhältnisse zu überzeugen. 270 Die Juden aber, die wohl wussten, dass der Krieg mit den Römern ihnen grosse Gefahr bereiten würde (freilich zogen sie dieselbe der Übertretung des Gesetzes bei weitem vor), gingen dem Petronius abermals in einer Stärke von vielen Tausenden auf dem Wege nach Tiberias entgegen 271 und baten ihn flehentlich, sie doch nicht in solche Not zu versetzen und nicht durch Aufstellung der Bildsäule ihre Hauptstadt zu entweihen. „Wollt ihr denn also wirklich,“ fragte Petronius, „mit dem Caesar Krieg führen, ohne seine Rüstungen und [553] eure Schwäche in Betracht zu ziehen?“ Sie aber erwiderten ihm: „Keineswegs wollen wir Krieg führen, sondern wir wollen lieber sterben als unsere Gesetze übertreten.“ Damit warfen sie sich zur Erde, boten ihren Nacken dar und erklärten sich bereit, augenblicklich den Tod zu erleiden. 272 So thaten sie vierzig Tage lang und unterliessen sogar, das Land zu bestellen, obwohl es hohe Zeit zur Aussaat war, indem sie fest bei ihrem Entschlusse verharrten, eher zu sterben als die Aufrichtung des Standbildes mit ansehen zu müssen.

(4.) 273 In dieser Notlage begaben sich Aristobulus, der Bruder des Königs Agrippa, Helkias der Grosse und die übrigen Vornehmen aus diesem Geschlechte nebst den Edelsten der Juden zu Petronius und beschworen ihn, 274 er möge doch, da er den Starrsinn des Volkes sehe, dasselbe nicht zur Verzweiflung treiben, sondern dem Caesar berichten, wie sehr sich die Juden gegen die Aufstellung der Bildsäule sträubten, wie sie die Bestellung des Landes vernachlässigten und sich zur Wehr setzten, und dass sie zwar keinen Krieg führen wollten, weil ihnen die Kräfte dazu mangelten, aber eher mit Freuden stürben, als dass sie ihr Gesetz übertreten liessen. Auch möge er nicht verfehlen, darauf hinzuweisen, dass die unterlassene Landbestellung notwendigerweise Räubereien zur Folge haben müsse, weil die Entrichtung der Abgaben dadurch unmöglich gemacht werde. 275 Vielleicht werde dann Gajus sich bewegen lassen, von schärferen Massregeln abzusehen und das Volk zu verschonen. Bleibe aber der Caesar bei seinem Entschluss, das Land mit Krieg zu überziehen, so habe Petronius dann ja immer noch Zeit, sich dazu anzuschicken. 276 Auf diese Weise suchten Aristobulus und dessen Begleiter den Petronius zu erweichen. Da sie nun in anbetracht der Wichtigkeit der Sache auf alle mögliche Art und Weise ihm zusetzten, hielt Petronius, 277[WS 2] der die Standhaftigkeit der Juden sah und sich nicht entschliessen konnte, so viele tausend Menschen dem Wahnsinn des Caesars zu opfern und durch Verletzung [554] der der Gottheit schuldigen Ehrerbietung sich selbst ein unglückliches Leben zu bereiten, es für geratener, an Gajus zu schreiben, so sicher er auch voraussah, dass dieser ihm wegen der verschobenen Ausführung seiner Befehle schwer zürnen werde. 278 Doch hatte er noch die leise Hoffnung, ihn umstimmen zu können. Wenn der Caesar dann, so überlegte er, bei seinem unsinnigen Vorhaben verharre, so könne er sich noch immer zum Kriege gegen die Juden entschliessen, und selbst wenn sein Zorn sich gegen ihn kehre, wolle er aus Hochachtung vor der Tugend um einer so grossen Menschenmenge willen den Tod nicht scheuen. Er entschloss sich deshalb, den Bitten der Juden nachzugeben.

(5.) 279 Darauf berief er die Juden nach Tiberias, wo sich dieselben denn auch zu Tausenden einfanden, trat mitten unter sie und erklärte ihnen, nicht sein Wille sei es, sondern der des Caesars, dass er unverzüglich gegen diejenigen einschreite, die sich seinen Befehlen zu widersetzen wagten. Da er nun durch des Caesars Gnade zu so hoher Ehre gelangt sei, zieme es ihm, sich seinen Anordnungen zu fügen. 280 „Gleichwohl,“ fuhr er fort, „würde ich es für unrecht halten, wenn ich nicht mein Leben und meine Stellung für euer Heil opferte, da ihr so zahlreich seid und mit solchem Eifer für euer vortreffliches Gesetz eintretet, das ihr als von den Vätern überkommen auf jeden Fall aufrecht zu halten euch entschlossen habt. Was mich betrifft, so würde ich es als ein Verbrechen gegen die allmächtige Gottheit ansehen, den Tempel durch die Willkür des Machthabers zu entweihen. 281 Ich will daher den Caesar von eurer Gesinnung in Kenntnis setzen und, soviel ich vermag, eure Sache unterstützen, um euch den Beweis zu liefern, dass ich euer euch ehrendes Verhalten zu würdigen verstehe. Gott, dessen Macht über alle menschliche Klugheit und Stärke erhaben ist, stehe euch in der treuen Beobachtung eurer Gesetze bei und bewahre den Caesar davor, dass er durch sein rücksichtsloses Vorgehen [555] schliesslich nicht noch seinen Thron verliere. 282 Sollte Gajus in Erbitterung geraten und mich seinen Zorn fühlen lassen, so will ich mich lieber jeder Gefahr unterziehen und alles Leid ertragen, das mich an Seele und Leib nur treffen kann, als dass ich euch in so grosser Anzahl für euren Bekennermut dem Verderben preisgebe. 283 Gehe nun ein jeder von euch an seine Arbeit und baue das Land. Ich selbst aber werde nach Rom schreiben und alles, was in eurem Interesse liegt, sei es durch meine eigene Fürsprache, sei es durch Vermittlung meiner Freunde durchzusetzen suchen.“

(6.) 284 Als er so gesprochen, entliess er die Versammlung der Juden und forderte die Ältesten auf, das Volk zum Ackerbau anzuhalten und ihm Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu machen. Gott aber bewies dem Petronius, als er auf diese Weise die Menge ermutigt hatte, seine Gegenwart und Macht. 285 Kaum nämlich hatte er seine Rede an die Juden beendigt, als Gott wider alles Erwarten einen heftigen Platzregen niederfallen liess, obgleich der Tag heiter gewesen war und keine Vorboten von Regen sich am Himmel gezeigt hatten. 286 Die Juden waren umsomehr erstaunt, als das ganze Jahr hindurch Dürre geherrscht hatte, sodass man allseitig selbst dann nicht auf Regen hoffte, wenn der Himmel einmal mit Wolken überzogen war. Als daher gegen alle Erwartung der reichliche Platzregen niederging, gaben sich die Juden der Hoffnung hin, dass des Petronius Fürbitte für sie nicht vergeblich sein werde. Auch Petronius selbst war aufs höchste betroffen, als er sah, wie Gott sich der Juden annahm und seine Gegenwart so deutlich offenbarte, dass niemand, wenn er auch gewollt hätte, dieselbe verkennen konnte. 287 Er berichtete das auch an Gajus und fasste überhaupt sein Schreiben so ab, dass alles, was darin enthalten war, geeignet erschien, den Caesar umzustimmen und ihn zu veranlassen, dass er nicht so viele tausend Menschen zur Verzweiflung treibe. Ferner stellte er dem Gajus vor, dass, wenn er die Juden, die übrigens nur der Gewalt weichen würden, [556] umbringen lasse, er sich selbst der von ihnen bezogenen Einkünfte beraube und für alle Zeiten in schmachvollem und verächtlichem Andenken bei ihnen stehen werde. 288 Zum Schluss schilderte er ihm die Macht des Gottes, der den Juden seinen Schutz angedeihen lasse, und bemerkte, dass dieselbe sich offenkundig und in ihrer ganzen Grösse gezeigt habe. Also berichtete Petronius.

(7.) 289 Unterdessen stieg der König Agrippa, der sich noch in Rom befand, immer höher in der Gunst des Gajus. Eines Tages lud er den Caesar zum Mahle und gab sich solche Mühe, an Aufwand für die Tafel und Beschaffung von erheiternden Zerstreuungen es anderen zuvorzuthun, 290 dass in der That niemand, ja sogar Gajus selbst ihm gleichkommen, geschweige denn ihn übertreffen konnte. Über diesen gewaltigen Aufwand und die Freigebigkeit Agrippas, die ihn dem Caesar zulieb zu Ausgaben verleitet hatte, welche seine Kräfte weit überstiegen, 291 geriet Gajus in Erstaunen, und da er hinter der Freigebigkeit und Zuvorkommenheit seines Gastfreundes nicht zurückbleiben wollte, sagte er in weinseliger Stimmung zu Agrippa, der ihn stets wieder zum Trinken aufforderte: 292 „Ich bin dir schon längst verpflichtet für die Ehre, die du mir immer erwiesen, und die Zuneigung, womit du mir trotz der von Tiberius dir bereiteten Gefahren entgegengekommen bist. Weil du nun auch jetzt nichts unterlassen hast, um mir noch mehr Vergnügen zu bereiten, als in deinen Kräften steht, so will ich mich von dir an Gefälligkeit und Grossmut nicht übertreffen lassen und darum alles nachholen, woran ich es bisher habe fehlen lassen. Dass ich dir früher nur sehr wenig zum Geschenk gemacht habe, ist leider wahr. 293 Um so mehr aber will ich dir jetzt gewähren, was zur Vervollständigung deines Glückes dienen kann, und zwar gern unter Aufbietung aller meiner Kräfte.“ Das sagte Gajus in der Meinung, Agrippa werde sich ausgedehnte Länderstrecken oder die Einkünfte mehrerer Städte ausbitten. 294 Obgleich aber Agrippa mit sich im reinen darüber war, was er begehren wollte, hielt er zunächst doch noch [557] damit zurück und entgegnete unverzüglich dem Caesar, er habe weder früher gegen den Willen des Tiberius sich an ihn angeschlossen, um dadurch Vorteile zu erlangen, noch handle er jetzt ihm gegenüber aus niedriger Gewinnsucht. 295 Die grossartigen Wohlthaten, die Gajus ihm früher schon erwiesen habe und die alle seine Erwartungen übertroffen hatten, ständen, wenn sie auch noch nicht das Grösste seien, was er verleihen könne, doch in keinem Verhältnis zur Würdigkeit des Empfängers. 296 Diese Genügsamkeit setzte den Caesar noch mehr in Erstaunen, und er drang nun noch beharrlicher in Agrippa, ihm zu sagen, was er als Geschenk haben wolle. Dieser erwiderte darauf: „Wenn du, o Herr, mich in deiner Güte noch eines weiteren Geschenkes für wert hältst, so will ich nichts von dir begehren, was zu meiner Bereicherung dienen könnte, besonders da ich deiner Gnade schon mehr verdanke als alle anderen. 297 Vielmehr möchte ich nur um eines dich bitten, das dir den Ruhm der Frömmigkeit verschaffen, Gott zu deinem Beschützer und Helfer machen und mir bei denen, die davon hören, den herrlichen Ruf eintragen wird, dass ich alles, was ich wünsche, von deiner Macht sicher erlangen kann. Ich bitte dich also, du wollest auf die Errichtung deiner Bildsäule im Tempel der Juden, womit du den Petronius beauftragt hast, Verzicht leisten.“

(8.) 298 Das war nun freilich eine sehr gewagte Bitte. Denn ein Begehren, welches dem Caesar nicht gefiel, war gleichbedeutend mit dem sicheren Tode des Bittstellers. Weil aber die Angelegenheit sehr wichtig war, wollte Agrippa sein Glück damit versuchen. 299 Gajus schämte sich nun mit Rücksicht auf Agrippas gewinnende Freigebigkeit, diesem vor so vielen Zeugen eine Bitte abzuschlagen, zu der er selbst ihn gedrängt hatte, gleich als wenn ihm seine Versprechungen im nächsten Augenblick wieder leid würden. 300 Zudem konnte er auch nicht umhin, Agrippas Edelmut zu bewundern, weil er, statt an seinen Thron oder an reichere Einkünfte oder an Vermehrung seiner Macht zu denken, nur für das öffentliche [558] Wohl, den Schutz der Gesetze und die Ehre Gottes besorgt war. Er sagte daher die Gewährung der Bitte zu und drückte dem Petronius brieflich seine Zufriedenheit darüber aus, dass er das Heer zusammengebracht und ihn betreffs des gegen die Juden einzuschlagenden Verfahrens um Rat gefragt habe. 301 „Sollte nun,“ so fuhr das Schreiben fort, „die Bildsäule schon errichtet sein, so entferne sie wieder;[30] hast du sie aber noch nicht aufgestellt, so mache dir deshalb keine weitere Mühe, sondern entlasse das Heer und schicke dich an, meinen sonstigen Aufträgen nachzukommen. Ich habe nämlich beschlossen, von der Errichtung der Bildsäule abzusehen, und zwar aus Gefälligkeit gegen Agrippa, den ich zu hoch schätze, als dass ich seine Wünsche und Bitten unerfüllt lassen sollte.“ 302 So schrieb Gajus an Petronius, freilich ehe er den Brief gelesen hatte, in welchem es hiess, dass die Juden wegen des Standbildes in Aufruhr geraten und offenbar zum Kriege gegen die Römer bereit seien. 303 Als er aber diesen Brief erhielt, erzürnte er aufs heftigste, als hätten die Juden seine Macht auf die Probe zu stellen gewagt. War er doch ein Mensch, der sich vor nichts scheute und für Anstand keinen Sinn hatte, wie er auch gegen jedermann ganz ohne Grund masslos aufgebracht werden konnte und sein Glück darin fand, seinen Jähzorn stets befriedigen zu können. Er schrieb daher abermals an Petronius folgendermassen: 304 „Weil du die Geschenke, mit denen die Juden dich bedacht haben, höher als meine Befehle geachtet und dich unterstanden hast, den Juden zulieb anders zu handeln, als dir von mir aufgetragen war, so sollst du jetzt dein eigener Richter sein und selbst bestimmen, was dir geschehen soll, damit du die Wucht meines Zornes fühlst. Denn ich will an dir ein Beispiel aufstellen, das die Mitwelt wie die Nachwelt davor warnen soll, den Befehlen des Caesars zuwiderzuhandeln.“

[559] (9.) 305 Das war der Inhalt des Briefes, den Gajus an Petronius richtete. Doch erhielt Petronius denselben nicht mehr bei Lebzeiten des Caesars, weil die Seefahrt sich für die Überbringer so in die Länge zog, dass ein anderer Brief, in welchem ihm der Tod des Gajus gemeldet wurde, früher in seine Hände gelangte. 306 Gott war offenbar der Gefahren eingedenk, denen sich Petronius ihm zu Ehren und den Juden zu Gefallen unterzogen hatte, und nahm daher den Gajus, dem er wegen des Beanspruchens göttlicher Verehrung zürnte, von der Erde weg. Mit Petronius freuten sich darüber nicht nur die Römer, sondern auch das ganze römische Reich und insbesondere alle edlen Senatoren, gegen die Gajus am meisten seine Wut hatte toben lassen. 307 Er starb nicht lange nach Abfassung des Briefes, in welchem er dem Petronius den Tod androhte. Die Veranlassung zu seiner Ermordung und die Art der gegen ihn gestifteten Verschwörung werde ich im folgenden auseinandersetzen. 308 Petronius also erhielt den Brief, der ihm den Tod des Gajus meldete, früher wie den anderen, worin ihm befohlen wurde, selbst Hand an sich zu legen. 309 Seine Freude über des Gajus Tod war jedenfalls ebenso gross als die Bewunderung, mit der er Gottes Vorsehung anerkannte, der ihm unverzüglich für die dem Tempel erwiesene Ehre und für die Hilfe, welche er den Juden geleistet hatte, seinen Lohn zukommen liess, indem er ihn aus ungeahnter Todesgefahr errettete.

Neuntes Kapitel.
Was den Juden in Babylonien durch die Brüder Asinaeus und Anilaeus widerfuhr.

(1.) 310 Um diese Zeit traf die in Mesopotamien und besonders die bei Babylon wohnenden Juden ein schweres Unglück, das sich mit keinem anderen vergleichen lässt, und es wurde unter ihnen ein Blutbad angerichtet, wie [560] die Geschichte kein ähnliches kennt. Um diese Begebenheit hinreichend genau darstellen zu können, muss ich auf ihre Ursachen zurückgreifen. 311 In Babylonien liegt eine Stadt Naarda, die sehr bevölkert ist und ausser anderen Vorzügen auch ein fruchtbares, ausgedehntes Gebiet besitzt. Dazu kommt, dass sie nicht eingenommen werden kann, weil sie rings vom Euphrat umflossen und stark befestigt ist. 312 Gleichfalls von diesem Flusse umströmt ist auch die Stadt Nisibis, welche in jener Gegend liegt. Die Juden, die sich auf die natürliche Festigkeit dieser Orte verliessen, verwahrten hier die Doppeldrachme,[31] welche jeder Jude Gott nach dem Gesetze opfern musste, sowie alle übrigen Opfergelder und betrachteten diese Städte gleichsam als ihre Schatzkammern. 313 Von hier aus wurde das Geld dann zu bestimmten Zeiten nach Jerusalem geschafft, und zwar aus Furcht vor den Räubereien der Parther, denen Babylonien zinspflichtig war, unter Bedeckung von mehreren tausend Mann. 314 Aus Naarda stammten zwei rechte Brüder, Asinaeus und Anilaeus, die nach dem Tode ihres Vaters von ihrer Mutter angehalten worden waren, die Webekunst zu erlernen, weil das bei den Einwohnern jenes Landes nicht für unpassend gilt und sogar Männer dort Wolle spinnen. Nun machte ihnen eines Tages der Meister, bei dem sie die Kunst lernten, Vorwürfe, weil sie zu spät zur Arbeit gekommen waren, und züchtigte sie dafür mit Schlägen. 315 Diese Strafe erschien ihnen schmachvoll, weshalb sie alles, was sich im Hause an Waffen vorfand, zusammenrafften und damit an einen Ort zogen, wo der Fluss sich teilt und wo üppige Weideplätze sowie Früchte, die für den Winter aufgespeichert werden können, in Menge vorhanden waren. Hier strömten ihnen bald alle jungen Leute zu, die nichts ihr eigen nannten. Diese versahen sie mit Waffen, spielten sich als deren Anführer auf und unterwiesen sie in allen möglichen Übelthaten. [561] 316 Und da der Ort, wo sie sich aufhielten, unzugänglich war, erbauten sie sich dort eine Burg, schickten einige der Ihrigen zu den Hirten und legten denselben eine so grosse Abgabe an Vieh auf, dass sie ihr Leben damit fristen konnten, indem sie ihnen zugleich mitteilen liessen, sie würden, falls sie sich fügten, sich als ihre Freunde beweisen und sie vor ihren Feinden schützen, im anderen Falle dagegen ihre Herden niedermachen. 317 Da den Hirten nichts anderes übrig blieb, gehorchten sie und lieferten so viele Schafe, als die Abenteurer forderten. So wuchs die Macht des Gesindels immer mehr, und es trieb schliesslich, was ihm beliebte, indem niemand mehr vor seinen plötzlichen Überfällen sicher war. Auf Widerstand stiessen die Abenteurer nirgends, weil sie überall Furcht und Schrecken zu verbreiten wussten, und der Ruf von ihren Thaten drang endlich bis zum Könige der Parther.

(2.) 318 Als nun der babylonische Satrap von diesem Treiben Kunde erhielt, wollte er die Abenteurer gleich im Anfange niederwerfen, bevor das Übel sich weiter ausbreitete. Er zog daher aus den Parthern und Babyloniern eine so grosse Streitmacht zusammen, als er nur konnte, und brach in Eilmärschen gegen sie auf, um sie zu überrumpeln, ehe sie noch von seinen Rüstungen Kenntnis erlangten. 319 Bei einem Sumpfe machte er halt und unternahm zunächst nichts. Am folgenden Tage aber, einem Sabbat, an dem die Juden sich jeglicher Arbeit enthalten, rückte er, da er glaubte, der Feind werde sich deshalb auf keinen Kampf einlassen, sondern sich ohne Schwertstreich gefangen geben, langsam vor, um denselben unversehens zu überfallen. 320 Asinaeus nun, der zufällig mit seinen Gefährten zusammensass und die Waffen neben sich gelegt hatte, sprach plötzlich: „Ihr Männer, es tönt Gewieher an mein Ohr, doch nicht von Pferden, die auf den Weiden grasen, sondern wie von Schlachtrossen, die den Reiter tragen. Ja, ich höre sogar deutlich das Knirschen der Gebisse, sodass ich fürchte, die Feinde haben uns umzingelt und schreiten [562] zum Angriff. Laufe also gleich einer von euch hin, um zu kundschaften und sichere Nachricht zu bringen. Es soll mir lieb sein, wenn ich mich getäuscht habe.“ 321 Sogleich liefen einige von den Leuten weg, um zu spähen, und kehrten alsbald mit folgendem Bescheid zurück: „Deine Vermutung über das Vorhaben unserer Feinde hat dich nicht getäuscht; es scheint, sie wollen sich nicht mehr ungestraft drangsalieren lassen. 322 Wir sind mit List umzingelt, müssen uns von der gewaltigen Reitermasse, die auf uns eindringt, wie Schlachtvieh niedermachen lassen und können noch nicht einmal Widerstand leisten, weil wir nach der Vorschrift unseres Gesetzes verpflichtet sind, uns ruhig zu verhalten.“ 323 Asinaeus indes war nicht derselben Meinung wie die Kundschafter, sondern hielt es für ratsamer, bei der gefährlichen Lage Mut zu fassen und das Gesetz zu übertreten, um lieber in tapferer Gegenwehr dem sicheren Tode zu erliegen, als dem Feinde die Freude zu lassen, dass er sie wehrlos hinschlachten könne. Dann griff er selbst zu den Waffen und trieb seine Gefährten zu gleicher Kühnheit an, rief ihnen auch noch zu, sie sollten sich wacker schlagen. 324 Als nun der Kampf entbrannte, machten sie viele ihrer Feinde nieder, da dieselben mit einer Sorglosigkeit herangezogen waren, als hätten sie den Sieg schon in Händen; den Rest aber trieben sie in die Flucht.

(3.) 325 Als der Partherkönig von diesem Kampfe hörte, wünschte er voll Bewunderung für die Kühnheit der beiden Brüder sie zu sehen und zu sprechen. Er schickte daher den treuesten seiner Trabanten zu ihnen und liess ihnen sagen: 326 „Der König Artabanus will, obgleich ihr ihn durch Eindringen in sein Reich beleidigt habt, dennoch seinen Zorn eurer Tapferkeit zum Opfer bringen und schickt mich deshalb her, um euch unter Handschlag zu versichern, dass er euch ungehinderte Reise gewährleistet. Er bittet euch nämlich, zu ihm zu kommen, weil er mit euch einen Freundschaftsvertrag schliessen will, und nichts von List oder Betrug zu [563] fürchten. Auch verspricht er euch reiche Geschenke und ehrenvolle Auszeichnungen, die bei seiner Macht euch noch gewaltiger machen werden.“ 327 Asinaeus selbst aber wollte diese Reise nicht unternehmen, sondern schickte seinen Bruder Anilaeus mit Geschenken, wie sie seiner Lage entsprachen. Anilaeus begab sich also auf den Weg und fand sogleich Zutritt beim Könige. Als nun Artabanus den Anilaeus allein kommen sah, fragte er ihn um die Ursache, weshalb Asinaeus nicht mit ihm gekommen sei. 328 Er erhielt zur Antwort, derselbe sei aus Furcht in den Niederungen zurückgeblieben, worauf er bei den Göttern seines Landes schwur, er werde denen nichts zuleide thun, die sich ihm anvertrauten. Alsdann gab er dem Anilaeus die Hand, was bei den barbarischen Bewohnern dieses Landes die höchste Sicherheit beim Abschluss von Verträgen bedeutet. 329 Niemand würde dort einen Betrug begehen, wenn er einmal seine Rechte gegeben hat, und niemand, der irgend welchen schlimmen Verdacht hegt, zweifelt noch an seiner Sicherheit, sobald er diese Beteuerung erhalten hat. Artabanus entliess nun nach dem Handschlag den Anilaeus, damit er seinen Bruder berede, mit ihm zum Könige zurückzukehren. 330 Dabei leitete den König die Absicht, die Tapferkeit der jüdischen Brüder gewissermassen als Zügel für seine Satrapen zu gebrauchen, damit dieselben, die drauf und dran waren, von ihm abzufallen, verhindert würden, die Treue zu brechen. 331 Er besorgte nämlich, dass, wenn er in einen Krieg mit den Empörern verwickelt würde, Asinaeus und die Babylonier ihre Macht nur desto mehr befestigen und bei der ersten Nachricht von dem Aufruhr entweder selbst zum Kriege schreiten oder, oder wenn ihnen das nicht möglich wäre, wenigstens weit und breit ihr ganzes Nachbarland verwüsten würden.

(4.) 332 In dieser Absicht also entliess der König den Anilaeus. Diesem gelang es auch wirklich, seinen Bruder zu der Reise zu bewegen, indem er ihm von des Königs Wohlwollen und Freundlichkeit sowie von der [564] unter Handschlag gegebenen Versicherung erzählte. Und so begaben sie sich denn beide auf den Weg zu den Parthern. 333 Als sie dort anlangten, nahm Artabanus sie sehr freundlich auf und konnte sich über Asinaeus, der so grosse Thaten vollbracht, nicht genug wundern, weil er von kleiner Gestalt und verächtlich anzuschauen war, sodass man ihn, nach dem ersten Eindruck zu urteilen, für eine Null hätte halten können. Deshalb sagte der König zu seinen Freunden, Asinaeus verrate einen Geist, der jedenfalls bei weitem grösser als sein Körper sei. Beim Trinkgelage zeigte er ihn dem Abdagases, einem von den Befehlshabern seiner Leibwache, und erzählte ihm, welch ein Held er sei und wie unerschrocken er im Kampf auftrete. 334 Als aber Abdagases die Erlaubnis begehrte, ihn töten und so Rache für die Unbilden nehmen zu dürfen, die er dem Reiche der Parther zugefügt habe, entgegnete der König: „Ich darf dies nicht an einem Manne geschehen lassen, der sich mir anvertraut hat, besonders da ich ihm meine Rechte gegeben und geschworen habe, ihm Treue zu halten. 335 Willst du nun ein Mann und Kriegsheld sein, so brauchst du mich nicht zum Eidbruch zu veranlassen, um die Unbilden zu rächen, die das Partherreich von ihm erlitten hat. Auf seinem Rückwege aber magst du ihn überfallen und deine Kraft an ihm versuchen, nur darf ich nichts von deinem Anschlag erfahren.“ 336 Am folgenden Morgen beschied er den Asinaeus zu sich und sprach zu ihm: „Es ist Zeit, junger Mann, dass du zu den Deinigen zurückkehrst, und zwar schon deshalb, damit du nicht einigen von den an meinem Hofe befindlichen Fürsten Gelegenheit giebst, dich gegen meinen Willen umzubringen. 337 Ich vertraue dir nun das babylonische Land an, damit es durch deinen Schutz vor Räubereien bewahrt bleibe, und ich halte es für billig, dass du mir treue Freundschaft bewahrst, da ich dir mein Wort unverbrüchlich gehalten habe und zwar unter Umständen, in denen es sich nicht um Kleinigkeiten, sondern um dein Leben und deine Sicherheit handelte.“ 338 Nach diesen Worten beschenkte er [565] den Asinaeus und liess ihn unverweilt heimkehren. Sobald Asinaeus in seiner Niederlassung angelangt war, legte er teils neue Kastelle an, teils versah er die alten mit neuen Befestigungen und gelangte in kurzer Zeit zu einer Macht, wie sie vor ihm von niemand erreicht worden war, der sich aus so kleinen Anfängen emporgeschwungen hatte. 339 Auch die parthischen Anführer, welche in die benachbarten Gebiete geschickt wurden, achteten und ehrten ihn; denn die Auszeichnung, welche ihm die Babylonier zu teil werden liessen, erschien nur unbedeutend und in keiner Weise seinen Verdiensten entsprechend. So hatte er bald alle Gewalt in Händen, da in Mesopotamien sich jeder nach seinem Wink und Willen richtete, und fünfzehn Jahre lang stieg sein Glück täglich mehr und mehr.

(5.) 340 Als aber die Brüder auf dem Gipfel ihrer Macht angelangt waren, fing das Unglück an, ihnen zuzusetzen, und zwar aus folgender Veranlassung. Sie wichen allmählich vom Pfade der Tugend ab, die ihnen eine so gewaltige Macht verschafft hatte, und wandten sich einem sündhaften Leben zu, indem sie die Gesetze ihrer Väter verachteten und in Lust und Sinnlichkeit verfielen. 341 Ein parthischer Fürst, der zum Satrapen jener Provinzen ernannt worden war, brachte dorthin seine Gattin mit, die ausser anderen Vorzügen besonders eine wunderbar schöne Körpergestalt aufwies. 342 Mochte nun Anilaeus, der Bruder des Asinaeus, etwas von ihrer Schönheit gehört oder sie einmal selbst erblickt haben, genug, er wurde sogleich ebenso sehr von Liebe als von Erbitterung ergriffen, teils weil ihm gar keine Hoffnung blieb, das Weib zu besitzen, es sei denn, dass er sich ihrer mit Gewalt bemächtigt hätte, teils weil er seine Begierde nach ihr nicht zu unterdrücken vermochte. 343 Die Brüder erklärten daher den Gatten des Weibes für ihren Feind, und kaum war er im Kampfe gefallen, so war seine Gattin auch schon mit ihrem Liebhaber vermählt. Indessen zog das Weib nicht in das Haus der Brüder ein, ohne dem Anilaeus sowohl wie dem Asinaeus das schwerste Unheil zu bereiten. [566] 344 Sie war nämlich bereits vor der Ehe mit dem jetzt gefallenen Gatten vermählt gewesen, und da sie nach dem Tode ihres ersten Mannes in Gefangenschaft geriet, verbarg sie die Bildnisse der Götter, die sie mit jenem Manne verehrt hatte, und nahm sie nach dem Brauche ihres Landes mit sich. In jenen Gegenden ist es nämlich allgemein Sitte, Götterbilder zu Hause zu haben und dieselben auf Reisen mitzunehmen. Zunächst nun verehrte das Weib die Bildnisse heimlich; als sie aber des Anilaeus Gattin geworden war, betete sie ihre Götter nach ihrer früheren Gepflogenheit und unter denselben Ceremonien, die sie von ihrem ersten Gatten her gewohnt war, an. 345 Die Gefährten der beiden Brüder nun, die bei denselben besonderen Einfluss hatten, machten dem Anilaeus in aller Güte Vorstellungen darüber, dass er so arg gegen die Gesetze und Gebräuche der Hebräer verstosse und ein ausländisches Weib genommen habe, welche die ihnen so genau vorgeschriebenen Opfer und sonstigen gottesdienstlichen Handlungen umgehe. Er möge sich daher vorsehen, dass er nicht seiner Sinneslust zuliebe seine Macht einbüsse, nachdem dieselbe mit Gottes Hilfe so sehr gewachsen sei. 346 Doch richteten sie mit solchen Reden nichts aus, und Anilaeus stiess sogar einen der Seinigen, der so freimütig gesprochen hatte, nieder. Als dieser im Sterben lag, flehte er in seiner Anhänglichkeit an das Gesetz zu Gott, er möge seinen Tod an Asinaeus und Anilaeus rächen, alle seine Gefährten aber auf gleiche Weise durch die Hand ihrer Feinde umkommen lassen, weil sie ihm keine Hilfe geleistet hätten, als er sich für das Gesetz der Gefahr unterzogen habe. 347 Hierüber gerieten sie alle in grosse Missstimmung, verhielten sich aber zunächst noch ruhig, weil sie sich wohl bewusst waren, dass sie ihre gegenwärtige glänzende Lage nur der Tapferkeit der beiden Brüder zu verdanken hatten. 348 Als sie jedoch von der Verehrung der parthischen Götzenbilder hörten, glaubten sie des Anilaeus Frevel gegen das Gesetz nicht länger ertragen zu dürfen, sondern zogen in Menge zu Asinaeus [567] hin 349 und schrien, er müsse, wenn er auch früher einzuschreiten unterlassen habe, doch wenigstens jetzt das Geschehene wieder gut zu machen suchen, ehe er selbst samt allen anderen zur Strafe für diesen Frevel dem Verderben anheimfalle. Dann führten sie Klage über die Ehe mit einem fremden Weibe, die weder mit ihren Sitten noch mit den Gesetzen ihrer Väter in Einklang stehe, und über die Götzenverehrung, die das Weib zur Beschimpfung des von ihnen angebeteten Gottes treibe. 350 Nun wusste Asinaeus zwar recht gut, dass das Vergehen seines Bruders schon grosses Unheil heraufbeschworen habe und noch herauf beschwören werde; gleichwohl schwieg er aus verwandtschaftlichen Rücksichten dazu still und verzieh ihm, weil er unter dem Banne seiner mächtigen Leidenschaft stehe. 351 Da aber Tag für Tag die Menge sich zu ihm drängte und das Geschrei immer lauter wurde, machte er endlich seinem Bruder Vorstellungen, tadelte das Vorgefallene bitter und verlangte von ihm, er solle von seinem Wandel ablassen und das Weib heimschicken. 352 Indes richtete er mit diesen Worten nichts aus. Als das Weib aber merkte, dass die Menge ihretwegen in Aufruhr war, und fürchten musste, Anilaeus werde wegen seiner Liebe zu ihr grossen Gefahren entgegen gehen, mischte sie dem Asinaeus Gift in die Speisen und räumte ihn so aus dem Wege. Eine Strafe hatte sie ja für ihr Verbrechen nicht zu fürchten, weil ihr eigener sterblich in sie verliebter Gatte sie hätte richten müssen.

(6.) 353 Anilaeus, der nun allein an der Spitze stand, unternahm alsbald einen Kriegszug gegen die Besitzungen des Mithradates, eines vornehmen Parthers, welcher die Tochter des Königs Artabanus zur Frau hatte. Diese Besitzungen wurden geplündert und lieferten eine grosse Ausbeute an Geld und Sklaven sowie an Vieh und vielem anderen, was seinem Besitzer das Leben angenehm machen kann. 354 Als aber Mithradates, der sich gerade in der Gegend aufhielt, die Einnahme seiner Besitzungen erfuhr, geriet er in höchsten Zorn darüber, dass Anilaeus, [568] den er früher nie gereizt hatte, jetzt mit Feindseligkeiten begann. Er zog daher eine so starke Reiterei, als er nur konnte, und zwar aus Leuten im blühendsten Alter, zusammen und marschierte damit dem Anilaeus entgegen, um ihn zu bekämpfen. Als er nun bei einem seiner Dörfer angelangt war, hielt er sich zunächst ruhig und wollte erst am folgenden Tage, der ein Sabbat war und als solcher von den Juden gefeiert werden musste, zur Schlacht ausrücken. 355 Anilaeus aber erhielt hiervon Kunde durch einen Syrer, der in einem anderen Dorfe wohnte und ihm über alles genaue Auskunft gab, insbesondere auch über den Ort, wo Mithradates mit den Seinigen speisen wollte. Er liess daher zeitig die Abendmahlzeit nehmen und brach in der Nacht auf, um die Parther, die sich dessen nicht versahen, zu überfallen. 356 Um die vierte Nachtwache[32] griff er sie an, machte die einen im Schlafe nieder und jagte die anderen in die Flucht. Den Mithradates, den er lebendig gefangen hatte, liess er mitführen und nackt auf einen Esel setzen, was bei den Parthern für die ärgste Schmach gilt. 357 So brachte man ihn in einen Wald, wo Anilaeus von seinen Freunden bestürmt wurde, er solle den Mithradates umbringen lassen. Dem widersetzte sich aber Anilaeus und belehrte sie, es könne ihnen nicht zum Vorteil gereichen, wenn sie den Mithradates töteten, da er bei den Parthern in hohem Ansehen stehe und ausserdem auch noch mit dem Könige verwandt sei. 358 Was bis jetzt geschehen sei, lasse sich noch ertragen, und obschon man den Mithradates schwer beschimpft habe, werde er doch, wenn er ihnen sein Leben verdanken müsse, nicht vergessen, denen seine Erkenntlichkeit zu beweisen, die ihn so wohlwollend behandelt hätten. 359 Wenn er aber den Tod erleide, werde der König sicher nicht ruhen, bis er unter den babylonischen Juden das schrecklichste Blutbad angerichtet habe. Um diese aber müssten sie Sorge tragen, einmal weil sie mit ihnen verwandt seien, dann aber auch, weil [569] ihnen selbst im Falle eines Unglückes keine Hoffnung mehr bleiben würde, da die meisten jungen Leute ausgehoben seien. 360 Durch diese Worte, welche er an die Versammelten richtete, wusste Anilaeus es dahin zu bringen, dass sie sich überzeugen liessen, und so wurde Mithradates freigelassen. Als er nun zu Hause anlangte, empfing ihn seine Gattin mit Schmähungen und fragte ihn, ob er die schimpfliche Behandlung, die ihm zu teil geworden, ruhig hinnehmen und zufrieden sein wolle, sein Leben aus den Händen der Juden gerettet zu haben. 361 „Jetzt,“ fügte sie hinzu, „kehrst du entweder tapferen Mutes wieder um, oder, das schwöre ich dir bei den Göttern dieses Landes, ich löse meine Ehe mit dir auf.“ 362 So musste denn Mithradates, teils weil er der täglichen Vorwürfe überdrüssig war, teils weil er bei dem stolzen Sinne seines Weibes fürchtete, sie werde sich wirklich von ihm trennen, wider seinen Willen so viele Soldaten, als er konnte, auftreiben. Mit diesen zog er dann gegen den Feind, entschlossen, lieber sein Leben zu verlieren, als im Kampfe gegen die Juden zu unterliegen.

(7.) 363 Als aber Anilaeus vernahm, dass Mithradates im Begriff stehe, mit grosser Heeresmacht ihm entgegenzuziehen, hielt er es für unrühmlich, sich innerhalb der sumpfigen Niederungen zu bergen, und beschloss daher dem Feinde die Stirn zu bieten. Und da ihm auch sein einstiges Glück das Vertrauen einflösste, er werde den Feinden ebenso wie früher mitspielen und es werde seinen Leuten die Kühnheit nicht mangeln, die sie sonst bewiesen, führte er seine Streitmacht vor. 364 Ausser seinem eigentlichen Heere schlossen sich noch viele andere an ihn an, welche die Hoffnung auf Beute lockte und die durch ihren blossen Anblick dem Feinde schon Schrecken einzujagen geeignet waren. 365 Als man nun durch dürre Gegenden und dazu noch um die Mittagszeit neunzig Stadien weit marschiert war, hatte den Kriegern der Durst schon gewaltig zugesetzt. Da zeigte sich plötzlich Mithradates und drang mit grossem Ungestüm auf sie ein, und weil sie vor Durst und Hitze keine Waffen [570] mehr zu halten vermochten, 366 wurden Anilaeus und die Seinigen, welche völlig erschöpft waren, schmählich in die Flucht getrieben, wobei viele tausend Juden umkamen. In wildem Durcheinander zog sich darauf Anilaeus samt seiner Umgebung in einen Wald zurück, während Mithradates vor Freude über den errungenen Sieg laut jubelte. 367 Gar bald aber hatte sich bei Anilaeus wieder eine Schar verkommener Menschen gesammelt, die sich um die Zukunft wenig kümmerten, wenn sie nur für den Augenblick ihrer Not enthoben waren. So wurde wohl die Zahl der Gefallenen ersetzt, doch konnten die neuen Ankömmlinge den Vergleich mit diesen nicht aushalten, weil sie roh und ungeübt waren. 368 Trotzdem unternahm Anilaeus mit ihnen einen Raubzug gegen babylonische Dörfer, bei dem es zu greulichen Verwüstungen kam. 369 Daher sandten sowohl die Babylonier als auch die im Felde stehenden Truppen nach Naarda zu den dort befindlichen Juden und verlangten die Auslieferung des Anilaeus. Diesem Verlangen wurde selbstverständlich keine Folge gegeben, weil die Juden, selbst wenn sie wollten, den Abenteurer nicht ausliefern konnten. Hierauf bot man ihnen Frieden an, und da auch sie das lebhafteste Verlangen danach trugen, schickten sie mit den Babyloniern Männer aus ihrer Mitte ab, die deswegen mit Anilaeus verhandeln sollten. 370 Als aber die Babylonier hier alles ausgekundschaftet und die Beschaffenheit des Ortes, wo Anilaeus lagerte, sich gemerkt hatten, machten sie auf diesen und seine Leute, während sie berauscht im Schlafe lagen, einen Angriff und hieben ohne Gegenwehr alle Feinde, deren sie habhaft werden konnten, darunter auch den Anilaeus selbst, nieder.[33]

(8.) 371 Die Babylonier waren nun von der Furcht vor Anilaeus befreit, dem einzigen Menschen, der ihrem Hass gegen die Juden bisher Schranken gesetzt hatte. Fast ununterbrochen hatten sie mit diesen wegen der [571] Verschiedenheit ihrer Religion in Streit gelebt, und jeder der beiden Gegner suchte den anderen zu kränken, so viel er nur vermochte. Sobald aber jetzt Anilaeus und seine Gefährten tot waren, fielen die Babylonier über die Juden her. 372 Diese litten sehr unter den Feindseligkeiten ihrer Gegner, und da sie keinen offenen Widerstand leisten konnten, aber auch nicht länger mit ihnen zusammenzuleben sich getrauten, wanderten sie zum Teil nach Seleukia aus, der Hauptstadt jenes Landes, die von Seleukus, dem Sohne des Nikator, erbaut ist, und wo viele Macedonier, aber noch mehr Griechen und auch eine Anzahl Syrer wohnen. 373 Hier fanden sie Aufnahme, und fünf Jahre lang erfreuten sie sich in dieser Stadt eines friedlichen Daseins. Im sechsten Jahre aber brach unter den in Babylon zurückgebliebenen Juden eine Seuche aus, und es wanderten infolgedessen wieder viele von ihnen nach Seleukia aus. Doch traf sie bald hier ein noch grösseres Unglück, und zwar aus folgender Veranlassung.

(9.) 374 Die Griechen und Syrer in Seleukia lebten ebenfalls meist in Streit und Hader, wobei jedoch die Griechen immer im Vorteil blieben. Als aber jetzt die jüdischen Ankömmlinge bei ihnen wohnten, stieg die Macht der Syrer, weil die Juden, die als tapfere Männer und stets bereite Helfer in Kriegsfällen bekannt waren, zu ihnen hielten. 375 Die Griechen befanden sich also in einer üblen Lage, und da sie erkannten, dass sie nur dadurch ihre Macht wiedererlangen konnten, dass sie die Juden mit den Syrern entzweiten, machten sich einige von ihnen an diejenigen Syrer heran, zu denen sie früher nähere Beziehungen unterhalten hatten, und suchten sie zur Aussöhnung zu bewegen. 376 Hierauf gingen die Syrer ein, und nachdem man sich verständigt hatte, unterhandelten die vornehmsten Männer von beiden Seiten in betreff des Friedensschlusses, worauf eine völlige Aussöhnung zu stande kam. Nun aber glaubten beide Teile sich kein besseres Freundschaftszeichen geben zu können, als wenn sie ihren Hass gegen [572] die Juden vereinigten. Sie überfielen demnach unversehens die letzteren und machten über fünfzigtausend von ihnen nieder. Niemand wurde verschont als diejenigen, denen das Mitleid ihrer Freunde oder Nachbarn die Flucht ermöglichte. 377 Diese wandten sich nach Ktesiphon, einer griechischen Stadt in der Nähe von Seleukia, wo der König alljährlich den Winter zuzubringen pflegte und wo infolgedessen grosse Vorräte angehäuft waren. Indes fanden sie auch hier keine festen Wohnsitze, weil die Seleukier vor ihrem Könige wenig Achtung hatten. 378 Schliesslich gerieten sämtliche Juden in Schrecken vor den Babyloniern und Seleukiern, der noch dadurch vermehrt wurde, dass alle im Lande wohnenden Syrer sich mit den letzteren zur Vernichtung der Juden verbündeten. 379 Die meisten Juden zogen sich daher nach Naarda und Nisibis zurück, deren feste und geschützte Lage ihnen die nötige Sicherheit gewährte, zumal da diese Städte nur von streitbaren Männern bewohnt waren. So verhielt es sich mit den Juden in Babylonien.


  1. 6 n. Chr.
  2. Vergl. Apostelgeschichte 5, 37.
  3. Diejenigen von den sonst nomadisierenden dakischen Stämmen, die zuerst feste Wohnsitze (ἡ πόλις, die Stadt) einnahmen.
  4. Vergl. die Anmerkung zu XVI, 5, 1.
  5. Etwa 9 n. Chr.
  6. 11 n. Chr.
  7. Josephus rechnet Gajus Julius Caesar als den ersten Alleinherrscher.
  8. 14 n. Chr.
  9. 25 n. Chr.
  10. Vergl. Tacitus, Annalen, II, 69–72. Germanicus starb übrigens bereits im Jahre 19 n. Chr., wonach also der Tod des Antiochus vor die Zeit fällt, die Josephus hier anzunehmen scheint.
  11. Dem auf einem Spiess befestigten Adler, woraus bisher die Feldzeichen bestanden, wurden um diese Zeit kleine Brustbilder der Caesaren beigefügt, weshalb der „signifer“ auch „imaginifer“ hiess.
  12. D. h. der Gesalbte, der Messias.
  13. Vergl. hierzu Tacitus, Annalen, II, 85, sowie Suetonius, Leben des Tiberius, 36.
  14. Die Landpfleger von Judaea waren den Statthaltern in Syrien untergeordnet.
  15. 36 n. Chr.
  16. 37 n. Chr.
  17. Skythische Völkerschaften (vergl. Plinius, Naturgesch., VI, 19 und Herodot VII, 9).
  18. 33 n. Chr.
  19. D. h. durch die Ebene Jezreel und dann dem östlichen Ufer des Jordan entlang durch die sogenannte Jordan-Ebene.
  20. S. die Anmerkung zu XIV, 10, 24.
  21. Die Mutter des Germanicus (s. den folgenden Abschnitt).
  22. Ein Sestertius = 15,9 Pfennige.
  23. D. i. Vorsteher.
  24. Vergl. hierzu Tacitus, Annalen, I, 80.
  25. Der Leibwache der Caesaren.
  26. S. die Anmerkung zu XVIII, 2, 2.
  27. Lyon.
  28. 40 n. Chr.
  29. Der von Josephus in der Schrift „Gegen Apion“ widerlegte Gelehrte.
  30. Hier ist vor ἑστάτω offenbar μὴ einzuschieben, da es sonst heissen würde: „so soll sie stehen bleiben“, was der Gewährung von Agrippas Bitte nicht entsprochen hätte.
  31. Vergl. Matthaeus 17, 23.
  32. Nach drei Uhr morgens.
  33. 35 oder 36 n. Chr.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Im Original ist dieser Abschnitt (das sog. Testimonium Flavianum) in Sperrschrift gesetzt. Es ist nicht ersichtlich, aus welchem Grund Clementz dies gemacht hat. Die von ihm verwendete Dindorfsche Ausgabe hebt den Abschnitt in keiner Weise hervor (siehe Google). Die Ausgabe von Niese (die Clementz aber nicht vorlag) setzt ihn in eckige Klammern um ihn textkritisch als unsicher zu kennzeichnen (siehe Internet Archive). Dieses textkritische Urteil Nieses ist umstritten, da die drei erhaltenen alten Handschriften der Altertümer den der Übersetzung zugrundeliegenden griechischen Text bieten. Mehr dazu unter w:Testimonium Flavianum.
  2. Geringe Umstellungen in diesem Paragraphen.
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