Jüdische Altertümer/Buch XVII

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[435]
Siebzehntes Buch.

Dieses Buch umfasst einen Zeitraum von 14 Jahren.

Inhalt.

1. Wie Antipater beim ganzen Volke wegen der Ermordung seiner Brüder verhasst wurde, und wie er aus diesem Grunde seine Gönner zu Rom sowie Saturninus, den Landpfleger von Syrien, und dessen Beamte durch reiche Geldspenden für sich zu gewinnen trachtete.

2. Wie der König Herodes in der Ueberzeugung, dass die Provinz Trachonitis wegen der häufigen Einfälle der Araber nicht zu ruhiger Entwicklung gelangen könne, den Juden Zamaris, welcher Babylon verlassen und sich in Antiochia angesiedelt hatte, zu sich entbot, ihm in Trachonitis einen Wohnort anwies und sich seiner zur Abwehr der Araber bediente.

3. Wie Antipater, als Herodes die Söhne Alexanders und Aristobulus’ an Kindesstatt angenommen und mit des Pheroras Töchtern verlobt hatte, den Vater beredete, die Jungfrauen mit seinen (Antipaters) Söhnen zu verloben, und wie er dann dem Pheroras schmeichelte, um sich seiner zu Anschlägen gegen Herodes zu bedienen. Wie Salome, des Königs Schwester, die Anschläge entdeckte und heimlich ihren Bruder verriet. Wie darauf Herodes dem Antipater untersagte, Pheroras zu besuchen oder ihm irgend ein Geheimnis anzuvertrauen, und wie Antipater diesen Befehl zwar nicht öffentlich, aber doch insgeheim übertrat, was sogleich zur Kenntnis des Königs gelangte.

4. Wie Antipater an seine Freunde in Rom schrieb, sie möchten seinen Vater bewegen, ihn mit vielem Gelde nach Rom zum Caesar zu schicken, was Herodes auch that.

5. Wie Antipater den Pheroras beredete, seinen Vater Herodes zu vergiften, und ihm selbst das Gift gab. Wie Herodes seinem Bruder Pheroras befahl, entweder seine Gattin zu verstossen oder das Reich zu verlassen, und wie dieser das letztere wählte, sich in seine Tetrarchie zurückzog und dort nicht lange nachher starb.

[436] 6. Des Pheroras Witwe wird von dessen Freigelassenen beschuldigt, ihren Mann vergiftet zu haben. Herodes findet bei der Untersuchung das Gift, welches ihm von seinem Sohne Antipater zugedacht war, und erfährt durch Anwendung der Folter Antipaters Ränke.

7. Antipater kehrt aus Rom zu seinem Vater zurück, wird von Nikolaus aus Damaskus angeklagt, von seinem Vater zum Tode verurteilt und von Quintilius Varus, dem damaligen Statthalter von Syrien, bis zur Aburteilung durch den Caesar ins Gefängnis gesetzt.

8. Herodes schickt eine Gesandtschaft an den Caesar in betreff Antipaters. Wie der Caesar nach Anhörung der Klage den Antipater zum Tode verurteilte.

9. Von des Herodes Krankheit und dem dadurch verursachten Aufruhr. Wie die Empörer gezüchtigt wurden.

10. Wie Antipater in dem Glauben, Herodes sei gestorben, seinen Wächter bereden wollte, ihn freizulassen, und wie er infolgedessen auf Befehl seines Vaters hingerichtet wurde.

11. Des Herodes Tod. Was er in seinem Testament dem Caesar vermachte. Teilung des Reiches unter seine drei Söhne. Archelaus zum König von Judaea ernannt.

12. Des Herodes Botschaft an das Heer; seine Freigebigkeit gegen die Soldaten.

13. Bestattung des Herodes in der Festung Herodium. Wie das Volk gegen seinen Sohn Archelaus an einem Feste sich empörte. Wie Archelaus dreitausend der Empörer niedermachen liess und mit seinem Bruder Herodes nach Rom zum Caesar reiste unter Bestellung seines Bruders Philippus zum Reichsverweser.

14. Wie Sabinus, der Statthalter des Caesars in Syrien, gegen Jerusalem zog und unter Androhung von Gewalt von des Archelaus Beamten die Auslieferung der Schätze des Herodes sowie die Uebergabe der Festungen forderte. Wie des Archelaus Beamten das Volk veranlassten, zu den Waffen zu greifen und den Sabinus samt seiner Streitmacht in der Antonia zu belagern, und wie Varus, als er davon Kunde erhielt, mit grosser Macht heranrückte, den Sabinus entsetzte, die Urheber des Aufstandes bestrafte, in Judaea Ordnung schaffte und dem Caesar schriftlichen Bericht sandte.

15. Wie der Caesar des Herodes Testament bestätigte und seinen Söhnen das Recht der Nachfolge zuerkannte. Vom falschen Alexander.

16. Wie Archelaus von seinen Verwandten beim Caesar verklagt wurde, aber obsiegte und in der Königswürde bestätigt wurde. Wie er nach zehnjähriger elender Regierung abermals verklagt und nach Vienna verbannt wurde, und wie der Caesar sein Reich in eine Provinz verwandelte.

[437]
Erstes Kapitel.
Antipaters Lage nach dem Tode seiner Brüder. Von den Gattinnen und Kindern des Herodes.

(1.) 1 Nachdem Antipater seine Brüder aus dem Wege geräumt und seinen Vater erst zu unerhörter Grausamkeit gereizt, dann aber in Gewissensqualen betreffs der Hinrichtung gestürzt hatte, war trotzdem von der Zukunft nicht viel für ihn zu erwarten. Obwohl er nämlich jetzt von der Furcht wegen der Mitbewerbung seiner Brüder um die Herrschaft befreit war, merkte er doch, dass ihm die Erlangung derselben noch viele Schwierigkeiten bereiten würde, weil das Volk einen so tief eingewurzelten Hass gegen ihn bewies. 2 War ihm nun das allein schon drückend genug, so flösste ihm erst recht grosse Besorgnis das Heer ein, das sich ihm ganz und gar feindlich gesinnt zeigte, während doch die Sicherheit eines Herrschers, falls das Volk Empörung brütet, von der Treue seiner Soldaten abhängt. In solche Gefahren versetzte also den Antipater der Tod seiner Brüder. 3 Trotzdem regierte er in Gemeinschaft mit seinem Vater und unterschied sich in der That bereits gar nicht von einem wirklichen König. Er fand jetzt bei Herodes um so grösseres Zutrauen, als seine Handlungsweise, die eigentlich den Tod verdient hatte, ihn noch in der Gunst des Königs befestigte, gerade als wenn er nur der Sicherheit des Herodes halber und nicht aus Hass gegen ihn und seine Söhne die Anklage gegen die letzteren erhoben hätte. Das alles versetzte ihn in Aufregung, besonders da es ihm schien, als biete sich die Möglichkeit, den Herodes aus dem Wege zu räumen. 4 Hierdurch glaubte er verhindern zu können, dass jemand ihn wegen seiner Handlungen zur Rechenschaft zöge; auch wollte er es unmöglich machen, dass Herodes eine Zufluchtsstätte oder Hilfe fände, falls er selbst offen als Feind gegen seinen Vater auftreten würde. 5 Hass gegen Herodes war es, der ihn zur Verfolgung seiner Brüder [438] getrieben hatte, und derselbe Hass stachelte ihn auch jetzt auf, das angefangene Werk zu vollenden. Des Herodes Tod, überlegte er, müsse ihm die Herrschaft sichern, ein längeres Leben desselben aber die Gefahr heraufbeschwören, dass er, falls seine Intriguen an den Tag kämen, an ihm einen erbitterten Feind hatte. 6 Aus diesem Grunde scheute er keine Kosten, um die Freunde seines Vaters für sich zu gewinnen; ferner suchte er durch grosse Spenden die Abneigung des Volkes zu beseitigen und insbesondere die Freunde in Rom sowie den syrischen Statthalter Saturninus durch Übersendung reicher Geschenke auf seine Seite zu bringen. 7 Auch hoffte er den Bruder des Saturninus sowie die Schwester des Königs, die einen von dessen vertrautesten Freunden geheiratet hatte, durch Geschenke sich geneigt zu machen. Er war übrigens ein Meister in der Verstellungskunst, wusste sich dadurch das volle Zutrauen derer, die mit ihm verkehrten, zu erwerben, und verstand es nicht minder, seinen Hass gegen die, welche er damit traf, schlau zu verbergen. 8 Doch gelang es ihm nicht, seine Tante zu täuschen, die ihn schon von früher her genugsam kannte und alle Mittel in Bereitschaft hatte, um seiner Bosheit gehörig begegnen zu können. 9 Allerdings hatte Antipaters Oheim mütterlicher Seite die Tochter der Salome geheiratet, welche früher mit Aristobulus vermählt gewesen war, und zwar durch Vermittlung Antipaters, während die andere Tochter mit Kallias, dem Sohne ihres jetzigen Gatten, vermählt war. Aber diese Verwandtschaft konnte es nicht verhindern, dass seine Bosheit durchschaut wurde, wie auch jene frühere Verwandtschaft den Hass gegen ihn nicht auszutilgen vermocht hatte. 10 Herodes hatte seine Schwester Salome, die gern mit dem Araber Syllaeus in eheliche Verbindung getreten wäre, zur Heirat mit Alexas genötigt, wobei ihm die Gattin des Caesars Hilfe geleistet hatte, indem sie Salome riet, sich diesem Vorhaben nicht zu widersetzen, damit sie keinen offenen Bruch mit Herodes veranlasse. Denn Herodes habe geschworen, [439] er werde ihr nie wieder zugethan sein, wenn sie sich nicht mit Alexas vermählen wolle. Salome folgte dem Rate der Julia, einmal weil dieselbe des Caesars Gattin war, dann aber auch, weil sie diese Verbindung für vorteilhaft hielt. 11 Um diese Zeit schickte Herodes die Tochter des Archelaus, Alexanders Witwe, zu ihrem Vater zurück und ersetzte ihr aus seinen Mitteln die Aussteuer, um keinen Streit hervorzurufen.

(2.) 12 Die Kinder seiner Söhne liess Herodes übrigens mit grosser Sorgfalt erziehen. Alexander nämlich hatte von Glaphyra zwei Söhne, und Aristobulus von Berenike, der Tochter Salomes, drei Söhne und zwei Töchter erhalten. 13 Wenn nun seine Freunde gerade bei ihm waren, stellte er ihnen manchmal die Kinder vor, beklagte das Geschick seiner Söhne und drückte den Wunsch aus, seine Enkel möchten doch vor dem gleichen Schicksal bewahrt bleiben, vielmehr tugendhaft und liebevoll ihm die Sorgfalt vergelten, die er auf ihre Erziehung verwende. 14 Als sie das gehörige Alter erreicht hatten, verlobte er dem älteren Sohne des Alexander eine Tochter des Pheroras, einem Sohne des Aristobulus aber eine Tochter Antipaters, ferner von Aristobulus’ Töchtern die eine mit einem Sohne des Antipater und die andere mit seinem eignen Sohne Herodes, den ihm die Tochter des Hohepriester geboren hatte. Es ist nämlich bei uns Sitte, dass ein Mann gleichzeitig mehrere Gattinnen hat. 15 Diese Verlobungen schloss der König aus Mitleid mit den Waisen und in der Absicht, ihnen dadurch Antipaters Liebe zuzuwenden. 16 Antipater aber bewies den Kindern dieselbe feindselige Gesinnung, welche er gegen seine Brüder gehegt hatte, und die Zuneigung seines Vaters zu denselben reizte ihn nur noch mehr auf. Denn er war überzeugt, dass sie mächtiger als seine Brüder werden würden, besonders da, wenn sie erwachsen wären, Archelaus seinen königlichen Einfluss zu gunsten seiner Enkel aufbieten und Pheroras, welcher Tetrarch war, die eine der beiden verwaisten Jungfrauen wohl als Schwiegertochter annehmen [440] würde. 17 Am meisten aber ärgerte es ihn, dass das Volk aus Mitleid mit den Waisen und aus Hass gegen ihn jede Gelegenheit benutzte, um die Bosheit, mit der er seine Brüder verfolgt hatte, in helles Licht zu rücken. Er versuchte daher, seinen Vater zur Zurücknahme der getroffenen Anordnungen zu bewegen, indem er es ihm als gefährlich hinstellte, dass er die Waisen durch Anknüpfung jener verwandtschaftlichen Beziehungen so mächtig werden lassen wolle. 18 Herodes gab endlich seinen Bitten nach und bestimmte, dass Antipater die Tochter des Aristobulus und Antipaters Sohn die Tochter des Pheroras heiraten solle. In dieser Weise änderten sich also die Verlobungen sehr gegen den Willen des Königs.

(3.) 19 Herodes selbst hatte um diese Zeit neun Gattinnen: Zunächst Antipaters Mutter, dann die Tochter des Hohepriesters, von der er einen Sohn seines Namens erhalten hatte; weiter die eine Tochter seines Bruders und die Tochter seiner Schwester, die beide keine Kinder hatten; 20 sodann eine Samariterin, die ihm zwei Söhne, Antipas und Archelaus, sowie eine Tochter Olympias gebar. Letztere heiratete später Joseph, den Bruderssohn des Königs. Archelaus und Antipas wurden zu Rom bei einem Privatmann erzogen. 21 Eine weitere Frau des Herodes war Kleopatra aus Jerusalem, die Mutter von Herodes und Philippus, welch letzterer ebenfalls zu Rom erzogen wurde. Alsdann kam Pallas, die ihm einen Sohn Phasaël gebar, und ausserdem hatte er noch zwei Frauen Namens Phaedra und Elpis geheiratet, von denen er zwei Töchter, Roxane und Salome, erhielt. 22 Von seinen beiden älteren Töchtern, den rechten Schwestern seines Sohnes Alexander, deren Hand Pheroras ausgeschlagen hatte, vermählte er die eine mit seinem Schwestersohn Antipater, die andere mit seinem Bruderssohn Phasaël. Das war des Herodes Familie.

[441]
Zweites Kapitel.
Von dem babylonischen Juden Zamaris. Weitere Ränke Antipaters gegen Herodes. Einiges von den Pharisäern.

(1.) 23 Um diese Zeit beschloss Herodes, um sich vor den Trachonitern Ruhe zu verschaffen, inmitten ihres Landes einen Flecken für die Juden anzulegen, der an Grösse einer Stadt nichts nachgeben sollte, und dadurch nicht nur sein eignes Land gegen Einfälle zu sichern, sondern sich auch einen Stützpunkt zu schaffen, von dem aus er den Feind, wenn nötig, überfallen könnte. 24 Da er nun in Erfahrung gebracht hatte, ein Jude aus Babylonien habe mit fünfhundert berittenen Bogenschützen und gegen hundert seiner Verwandten den Euphrat überschritten, sich zu Antiochia in der Nähe der syrischen Stadt Daphne niedergelassen und von dem damaligen syrischen Statthalter Saturninus einen Wohnplatz, Valatha genannt, angewiesen erhalten, 25 liess er denselben nebst seinen Begleitern zu sich kommen und versprach ihm, um seine Feinde wirksam abwehren zu können, einen Landstrich in dem an Trachonitis grenzenden Bezirk Batanaea. Diesen Landstrich wollte er von allen Abgaben befreien und ihm denselben ohne die sonst üblichen Entschädigungen zur steuerfreien Bebauung überlassen.

(2.) 26 Durch diese Versprechungen liess sich der Babylonier bewegen, nahm den Landstrich in Besitz und erbaute in demselben einige Kastelle sowie einen Flecken, dem er den Namen Bathyra gab. Wirklich diente auch dieser Mann sowohl den Einwohnern des Landes zum Schutz, als den Juden, die aus Babylonien nach Jerusalem behufs Darbringung von Opfern kamen, zur Sicherung gegen räuberische Überfalle der Trachoniter. 27 Da nun in der Folge sich viele an ihn anschlossen und namentlich solche, die treu am jüdischen Gesetz hingen, wurde die Gegend bald sehr bevölkert, [442] zumal sie ausser Sicherheit auch noch völlige Steuerfreiheit gewährte, wenigstens zu Lebzeiten des Herodes. Sein Sohn und Nachfolger Philippus erhob für kurze Zeit unbedeutende Abgaben, 28 während Agrippa der Grosse und dessen gleichnamiger Sohn den Landstrich hart bedrückten, ohne ihm jedoch etwas von seinen Freiheiten zu nehmen. Als die Römer zur Herrschaft gelangt waren, liessen sie den Bewohnern zwar auch ihre sonstigen Rechte, legten ihnen aber ungeheure Steuern auf, worüber ich an gehörigem Orte noch ausführlicher sprechen werde.

(3.) 29 Als Zamaris (so hiess der Babylonier) nach einem Leben voll Ruhm starb, hinterliess er ausgezeichnete Söhne, unter anderen auch den Jakim, der durch seine Tapferkeit berühmt wurde und seine Babylonier vornehmlich im Reiterdienst ausbildete, sodass die genannten Könige stets eine Abteilung von ihnen als Leibwache hielten. 30 Als Jakim in hohem Alter starb, folgte ihm sein Sohn Philippus, ein wegen seiner Thatkraft und sonstigen Tüchtigkeit ganz besonders erwähnenswerter Fürst. 31[WS 1] Deshalb erwies ihm der König Agrippa treue Freundschaft und beständiges Wohlwollen, und so viele Soldaten der König auch halten mochte, Philippus musste dieselben stets im Kriegsdienst unterweisen und sie bei allen Feldzügen anführen.

(4.) 32 Um aber wieder zu Herodes zurückzukehren, so war die Lage an seinem Hofe die, dass Antipater alle Macht in Händen hatte, und zwar mit Bewilligung des Königs, der auf seine Anhänglichkeit und Treue baute. Da nun Antipater seinen wahren Charakter geschickt zu verbergen wusste und bei Herodes leicht Glauben fand, so dachte er ernstlich an die Erweiterung seiner Macht. 33 Bald war er überall ein Gegenstand des Schreckens, nicht so sehr durch die Grösse seines Einflusses, als vielmehr durch seine ränkevolle Bosheit, und besonders war es Pheroras, der ihm schmeichelte, so wie er diesem gegenüber ebenfalls ein äusserst freundliches Wesen zur Schau trug, während er ihn durch die Frauen [443] in ein schlau gelegtes Netz verstrickte. 34 Pheroras stand unter dem Einflusse seiner Gattin, seiner Schwiegermutter und seiner Schwägerin. Obgleich ihm diese Frauen wegen des Unrechtes, das sie seinen unverheirateten Töchtern zugefügt hatten, im Grunde höchst verhasst waren, so liess er sich doch von ihnen leiten und vermochte nichts ohne sie zu thun, da sie ihn ganz in ihrem Banne hatten und untereinander völlig einverstanden waren. 35 Infolgedessen aber ward auch Antipater von ihnen beherrscht, teils durch seine eigne Schuld, teils seiner Mutter zuliebe, die, wie man sagte, im stillen zu den Frauen hielt. In der Folge entstand zwischen Pheroras und Antipater scheinbarer Streit, und zwar verhielt sich die Sache also. 36 Die Schwester des Königs hatte ihr Einverständnis längst durchschaut, und da sie darin nichts Gutes für Herodes witterte, säumte sie nicht, dasselbe anzuzeigen. 37 Als die beiden nun einsahen, dass ihr Zusammenhalten das Missfallen des Königs erregte, beschlossen sie, öffentlich sich entzweit zu stellen, besonders in Gegenwart des Herodes oder eines Höflings, der ihm davon Mitteilung machen könnte, insgeheim jedoch um so fester sich aneinander anzuschliessen, was sie denn auch thaten. 38 Der Salome aber blieb weder diese ihre Absicht noch ihre eigentliche Gesinnung verborgen. Vielmehr wusste sie alles zu erspähen und mit grösster Übertreibung ihrem Bruder von geheimen Zusammenkünften, Trinkgelagen und versteckten Anschlägen zu berichten, die, wie sie sagte, gewiss nicht die Öffentlichkeit zu scheuen hätten, wenn sie nicht seinen Untergang bezweckten. 39 Denn öffentlich stellten sich die beiden entzweit und wüssten nicht genug Schmähungen gegeneinander zu häufen, während sie, sobald sie sich allein wüssten, gemeinschaftlich in bester Freundschaft Pläne gegen die schmiedeten, denen sie ihr Einvernehmen zu verhehlen bemüht seien. 40 So erfuhr Salome alles und hinterbrachte es bei erster Gelegenheit ihrem Bruder, der auch selbst wohl manches gemerkt hatte, aber noch nichts zu unternehmen wagte, [444] weil er den Reden seiner Schwester nicht so ganz traute. 41 Unter den Juden nun gab es eine Sekte, deren Angehörige sich auf genaue Kenntnis des Gesetzes etwas zu gut thaten, sich für besondere Lieblinge Gottes ausgaben und jene Frauen auf ihre Seite gezogen hatten. Das waren die Pharisäer, welche den Königen gegenüber hartnäckigen Widerstand an den Tag legten und ebenso verschlagen wie zu offenem Kampfe bereit waren. 42 Als das ganze jüdische Volk dem Caesar und seinem König Treue schwur, hatten sie, an Zahl über sechstausend, sich dessen geweigert, und als sie deshalb von Herodes mit einer Geldstrafe belegt worden waren, bezahlte des Pheroras Gattin dieselbe für sie. 43 Aus Erkenntlichkeit für diesen Dienst sagten sie, weil sie im Rufe standen, göttliche Weissagungsgabe zu besitzen, ihr voraus, Herodes und dessen Nachkommen würden nach Gottes Ratschluss die Herrschaft verlieren, die dann an sie, Pheroras und ihre Kinder fallen werde. 44 Auch das blieb Salome nicht verborgen, und sie meldete es dem Könige mit dem Zusatz, einige seiner Höflinge seien schon bestochen. Der König liess daher die am meisten blossgestellten Pharisäer sowie den Verschnittenen Bagoas und seinen Pagen Carus, der zu jener Zeit für den schönsten Jüngling galt, hinrichten. Desgleichen wurden aus seiner Dienerschaft alle diejenigen umgebracht, die den Reden der Pharisäer Glauben geschenkt hatten. 45 Die letzteren hatten auch den Bagoas übermütig gemacht durch die Vorspiegelung, er werde der Vater und Wohlthäter dessen heissen, der nach ihrer Verkündigung zum König bestimmt sei. Dieser König werde alles unter seine Gewalt bringen, und Bagoas werde die Fähigkeit wiedererlangen, mit einem Weibe zu verkehren und Kinder zu zeugen.

[445]
Drittes Kapitel.
Feindschaft zwischen Herodes und Pheroras. Wie Herodes den Antipater nach Rom zum Caesar schickte. Des Pheroras Tod.

(1.) 46 Nachdem nun Herodes die schuldig befundenen Pharisäer hatte hinrichten lassen, berief er seine Freunde zusammen und erhob Klage gegen des Pheroras Gattin: ihrem Übermut legte er die den Jungfrauen zugefügten Beleidigungen zur Last und erklärte, dass er selbst durch diese Schmach mitbeleidigt sei. 47 Sie stifte, sagte er, Streit zwischen ihm und seinem Bruder und errege mit Wort und That Feindschaft zwischen ihnen; sie sei es auch, die die Geldstrafe für die Pharisäer bezahlt habe, und stecke überhaupt hinter allem, was am Hofe vor sich gehe. 48 Pheroras werde daher gut daran thun, wenn er freiwillig, ohne erst eine diesbezügliche Aufforderung abzuwarten, sich von einem Weibe lossage, die nur Zwietracht zwischen ihnen zu säen trachte. „Wenn du also,“ fuhr er fort, „noch auf ein brüderlich liebevolles Verhältnis Anspruch erhebst, so musst du dieses Weib verstossen. Denn nur unter dieser Bedingung kannst du in Wahrheit mein Bruder bleiben und auf meine Zuneigung rechnen.“ 49 Pheroras ward durch diese kräftig gesprochenen Worte erschüttert, entgegnete aber, er werde weder aufhören, des Königs Bruder zu sein, noch auf die Liebe seiner Gattin verzichten, und lieber wolle er sterben, als ohne seine ihm so teure Frau leben. 50 Obwohl nun Herodes durch diese Erklärung schwer beleidigt war, unterdrückte er doch seinen Zorn gegen Pheroras, verbot aber dem Antipater und dessen Mutter, mit Pheroras zu sprechen oder eine Zusammenkunft der Frauen zu dulden. 51 Das versprachen nun freilich beide; nichtsdestoweniger aber kamen Antipater und Pheroras auch fernerhin zu Schmausereien und Gelagen zusammen. Es ging sogar das Gerücht, Antipater unterhalte unerlaubte Beziehungen zu Pheroras’ Gattin, und Antipaters Mutter spiele dabei die Kupplerin.

[446] (2.) 52 Da Antipater indes vor seinem Vater auf der Hut sein musste und seinen Groll nicht noch mehr reizen durfte, schrieb er an seine Freunde in Rom und ersuchte sie, dem Herodes mitzuteilen, dass er seinen Sohn Antipater möglichst bald zum Caesar schicken müsse. 53 Das geschah denn auch, und so sandte Herodes den Antipater mit reichen Geschenken und seinem Testamente ab, in welchem er festgesetzt hatte, dass nach seinem Tode Antipater, falls dieser aber vor ihm sterben würde, sein Sohn Herodes, den ihm die Hohepriesterstochter geboren hatte, den Thron besteigen sollte. 54 Zur selben Zeit wie Antipater nun kam auch der Araber Syllaeus nach Rom, ohne etwas von dem gethan zu haben, was ihm vom Caesar befohlen worden war, und so klagte ihn Antipater bei Augustus derselben Vergehen an, die ihm früher schon Nikolaus zur Last gelegt hatte. Auch Aretas hatte gegen Syllaeus die Klage erhoben, er habe ohne seine Einwilligung in Petra viele der vornehmsten Männer und besonders den wegen seiner Tüchtigkeit hochgeachteten Soëmus sowie Fabatus, den Diener des Caesars, umbringen lassen. 55 Die letztere Anklage gründete sich auf folgende Thatsachen. Herodes hatte einen Leibwächter mit Namen Korinthus, dem er das höchste Zutrauen schenkte. Dieser Leibwächter war von Syllaeus mit vielem Gelde bestochen worden, den Herodes zu töten, und hatte auch eine diesbezügliche Zusage gemacht. Nun erhielt aber Fabatus durch Syllaeus selbst Kenntnis von dem Mordanschlage und machte dem Könige Meldung. 56 Herodes liess darauf den Korinthus festnehmen und erpresste auf der Folter von ihm das Geständnis des beabsichtigten Verbrechens. Auf die Angaben des Korinthus hin wurden dann auch noch zwei andere Araber gefänglich eingezogen, von denen der eine ein Stammeshäuptling, der andere ein besonderer Freund des Syllaeus war. 57 Diese beiden gestanden auf der Folter ebenfalls dem König, sie seien gekommen, um dem Korinthus zuzusprechen, er solle sich nicht entmutigen lassen, und um ihm nötigenfalls bei dem Morde [447] behilflich zu sein. Das alles zeigte Herodes dem Saturninus an, der die Verschworenen nach Rom bringen liess.

(3.) 58 Da unterdessen Pheroras bei der Anhänglichkeit an seine Gattin verharrte, befahl ihm Herodes, er solle sich in sein Land begeben. Pheroras schwur darauf hoch und teuer, er werde nicht eher zurückkehren, als bis er von des Herodes Tod in Kenntnis gesetzt sei, und zog sich alsdann bereitwillig in seine Tetrarchie zurück. Treu seinem Eide weigerte er sich sogar, zu Herodes zu reisen, als dieser ihn während einer Krankheit zu sich bitten liess, um ihm einen geheimen Auftrag anzuvertrauen. 59 Dieses Benehmen vergalt jedoch Herodes nicht, sondern begab sich milderen Sinnes und ungerufen, als Pheroras krank wurde, zu diesem, um ihm einen Besuch abzustatten. Als nun Pheroras gestorben war, liess Herodes ihn aufbahren, nach Jerusalem überführen, dort feierlich beisetzen und schrieb eine allgemeine Trauer für ihn aus. 60 Mit diesem Todesfall nahm auch das Geschick Antipaters trotz seiner Reise nach Rom eine ungünstige Wendung, und Gott strafte ihn jetzt für den Brudermord. Doch ich will diese ganze Geschichte ausführlicher darlegen und damit den kommenden Geschlechtern den Beweis liefern, dass in allen Lebenslagen die Tugend allein den Sieg behält.

Viertes Kapitel.
Herodes entdeckt Antipaters Anschläge.

(1.) 61 Nach der Beisetzung des Pheroras begaben sich zwei seiner Freigelassenen, denen er besonders zugethan gewesen war, zu Herodes und baten ihn, er möge doch den Tod seines Bruders nicht ungerächt lassen, sondern über sein trauriges Ende eine Untersuchung anstellen. 62 Diese Worte, die den Stempel der Wahrheit an sich trugen, machten den König aufmerksam, und die Freigelassenen berichteten ihm nun, Pheroras habe am Tage [448] vor seiner Erkrankung bei seiner Gattin gespeist. Hier sei ihm in einem unbekannten Gerichte Gift beigebracht worden, welches seinen Tod herbeigeführt habe. Dieses Gift sei von einem Weibe aus Arabien gekommen, angeblich um als Liebestrank verwendet zu werden, in Wahrheit aber, um Pheroras damit aus dem Wege zu räumen. 63 Die arabischen Weiber sind als Giftmischerinnen bekannt, und von derjenigen, auf die sich jetzt der Verdacht lenkte, stand es fest, dass sie mit einer Freundin des Syllaeus vertrauten Verkehr pflog, wie auch, dass die Mutter und Schwester der Gattin des Pheroras zum Ankauf des Giftes zu ihr gereist und am Tage vor jenem Mahle mit ihr zurückgekommen waren. 64 Über diese Anzeige aufs höchste ergrimmt, unterwarf der König die Sklavinnen jener Frauen und einige Freigelassene der Folter, konnte aber zunächst nichts ermitteln, weil keine der Gefolterten etwas bekannte, bis endlich eine von ihnen im Übermass ihrer Qual ausrief, sie bitte Gott, er möge solche Qualen über die Mutter Antipaters verhängen, die an all jenem Unglücke schuld sei. 65 Diese Aussage veranlasste den Herodes, die Folterung verschärfen zu lassen, bis er endlich alles erfuhr, die Gelage und geheimen Zusammenkünfte, den Verrat wichtiger Geheimnisse, die er Antipater anvertraut hatte, an des Pheroras Weiber (unter anderem hatte Antipater für die Zusage, nicht mehr mit Pheroras sprechen zu wollen, hundert Talente von Herodes erhalten), 66 Antipaters Hass gegen seinen Vater, dessen Klagen bei seiner Mutter über des Herodes langes Leben, während er selbst altere und sich seiner einstigen Herrschaft nicht recht werde erfreuen können. Sodann habe Antipater sich darüber beschwert, dass noch so viele Brüder und Bruderssöhne gleich ihm in der Hoffnung auf die Thronfolge erzogen würden, und dass deswegen seine Aussichten sehr zweifelhaft seien; sei doch sogar jetzt schon für den Fall, dass ihm etwas Menschliches zustosse, sein Bruder und nicht sein Sohn von Herodes zum Nachfolger bestimmt. 67 Des weiteren habe Antipater sich über die furchtbare Grausamkeit [449] des Königs und die Hinrichtung der beiden Prinzen sehr missliebig geäussert und erklärt, dass nur die Furcht vor einem gleichen Schicksal ihn selbst nach Rom und den Pheroras in seine Tetrarchie getrieben habe.

(2.) 68 Das alles stimmte mit den Aussagen der Schwester des Königs überein, und um jeden Zweifel, zu beheben, kamen noch manche Gründe hinzu. Für Antipaters Bosheit stellte nun der König zunächst dessen Mutter Doris zur Rede, nahm ihr den ganzen Schmuck ab, der einen Wert von vielen Talenten darstellte, entliess sie dann und söhnte sich mit des Pheroras Frauen wieder aus. 69 Den Zorn des Königs gegen Antipater entflammte aber aufs höchste der Samaritaner Antipater, der Verwalter seines gleichnamigen Sohnes, der auf der Folter unter anderem aussagte, Antipater habe sich ein todbringendes Gift verschafft, dasselbe dem Pheroras gegeben und ihm aufgetragen, es während seiner Abwesenheit dem Könige beizubringen, da dann am wenigsten Verdacht auf ihn fallen könne. 70 Dieses Gift habe Antiphilus, einer der Freunde Antipaters, aus Aegypten mitgebracht, worauf es von Theudion, dem Oheim Antipaters von mütterlicher Seite, an Pheroras geschickt worden sei, und so habe es des Pheroras Gattin in die Hände bekommen, der es von ihrem Manne zur Aufbewahrung übergeben worden sei. 71 Auf die Frage des Königs gestand die Gattin des Pheroras das ein, eilte dann, angeblich um das Gift zu holen, hinaus und stürzte sich vom Dache hinab, blieb jedoch am Leben, da sie auf die Füsse fiel. 72 Als sie nun wieder zu sich gekommen war, sicherte der König ihr und allen ihren Angehörigen Verzeihung zu, wenn sie ihm die volle Wahrheit gestehe, während er ihr die äussersten Qualen androhte, falls sie etwas zu verschweigen suche. Darauf versprach sie eidlich, alles der Wahrheit gemäss zu berichten, und, wie man allgemein glaubt, hat sie auch thatsächlich die Wahrheit gesagt, als sie bekannte: 73 „Das Gift ist aus Aegypten von Antiphilus geholt worden, der es von seinem [450] Bruder, einem Arzte, erhalten hat. Dann brachte es Theudion zu uns, und ich erhielt es von meinem Gatten zur Aufbewahrung, weil Antipater es für dich in Bereitschaft haben wollte. 74 Als nun Pheroras krank wurde und sich bei Gelegenheit deines Besuches von deiner freundlichen Gesinnung überzeugte, verlor er den Mut, liess mich rufen und sprach zu mir: Liebes Weib, Antipater hat mich umgarnt, als er mich zur Ermordung seines Vaters und meines Bruders beschwätzte und mir das Gift gab, welches diesem Zwecke dienen sollte. 75 Da nun mein Bruder mir den klaren Beweis geliefert hat, dass er noch dieselbe gute Gesinnung wie früher gegen mich hegt, und ich nicht mehr lange zu leben habe, so will ich das Andenken meiner Vorfahren nicht durch einen Brudermord schänden. Bringe daher das Gift herbei und verbrenne es vor meinen Augen. 76 Diesem Befehl folgte ich sogleich und holte das Gift herbei, goss den grössten Teil desselben ins Feuer und liess nur etwa davon übrig, um, falls ich nach meines Gatten Tode von dir eine harte Behandlung erfahren würde, meinem Leben und meiner Not zugleich damit ein Ende zu machen.“ 77 Nach diesen Worten brachte sie die Büchse mit dem Gift herbei. Des Antiphilus anderer Bruder und seine Mutter sagten auf der Folter dasselbe aus und erkannten die Giftbüchse an. 78 Nun wurde auch die Tochter des Hohepriesters, die mit dem Könige vermählt war, beschuldigt, dass sie um alles gewusst, aber die Sache verheimlicht habe. Aus diesem Grunde verstiess Herodes sie und tilgte den Namen ihres Sohnes in seinem Testamente aus, das denselben zum Thronfolger bestimmte. Dann entsetzte er seinen Schwiegervater Simon, den Sohn des Boëthos, der hohepriesterlichen Würde und verlieh dieselbe einem Bürger von Jerusalem, Matthias, dem Sohne des Theophilus.

(3.) 79 Unterdessen kam von Rom Antipaters Freigelassener Bathyllus an, und als derselbe in Untersuchung gezogen wurde, stellte es sich heraus, dass er Antipaters Mutter und Pheroras Gift überbringen sollte, womit sie den König, [451] falls das frühere bei ihm nicht gewirkt habe, sicher aus dem Wege räumen könnten. 80 Zugleich erhielt Herodes auch Briefe von seinen Freunden in Rom, worin auf Antipaters Anstiften Archelaus und Philippus beschuldigt wurden, als ob sie wegen der Hinrichtung Alexanders und Aristobulus’ ihrem Abscheu gegen den Vater und ihrem Mitleid mit den Brüdern Ausdruck verliehen und befürchtet hätten, sie würden aus keiner anderen Ursache zurückberufen, als um in gleicher Weise beiseite geschafft zu werden. 81 Dass seine Freunde sich zu dieser Verleumdung herbeigelassen hatten, war von Antipater durch grosse Geldgeschenke bewirkt worden. Auch er selbst beschuldigte übrigens in einem Briefe seine Brüder auf heftigste, entschuldigte sie aber zugleich damit, dass sie noch jung seien und dass man ihre Worte ihrem Alter zugut halten müsse. Inzwischen führte er den Prozess gegen Syllaeus weiter und suchte die vornehmen Römer auf seine Seite zu ziehen, indem er sich mit einer prunkvollen Ausstattung im Werte von zweihundert Talenten umgab. 82 Auffallend war es jedoch, dass er von dem, was nun schon seit sieben Monaten gegen ihn in Judaea angezettelt wurde, auch nicht die leiseste Ahnung hatte. Das war aber die Folge der scharfen Aufsicht, die auf allen Wegen geführt wurde, sowie der allgemeinen Abneigung gegen Antipater. Denn niemand hatte Lust, für Antipaters Sicherheit zu sorgen und dagegen sein eigenes Leben in die Schanze zu schlagen.

Fünftes Kapitel.
Antipater kehrt zu seinem Vater zurück, wird von ihm zum Tode verurteilt und von Quintilius Varus, dem Statthalter Syriens, eingekerkert, bis der Caesar über ihn entschieden habe.

(1.) 83 Als nun Antipater an Herodes geschrieben hatte, er werde, da er alles aufs beste erledigt habe, nunmehr in kurzem zurückkehren, liess Herodes nichts von seinem [452] Zorn merken und schrieb zur Antwort, er solle nur unverzüglich abreisen, damit nicht etwa ihm, seinem Vater, während seiner Abwesenheit Schlimmes zustosse. Zugleich berührte er leichthin die gegen Antipaters Mutter erhobene Anklage und versprach ihm, nach seiner Rückkehr von dieser Anklage keinen Vermerk mehr zu nehmen. 84 Kurz, Herodes heuchelte die liebevollste Sorgfalt, damit Antipater keinen Verdacht schöpfe und die Rückreise nicht aufgebe, weil dann zu befürchten stand, er werde von Rom aus seinem Vater Nachstellungen bereiten und auf Umwälzung hinarbeiten. 85 Diesen Brief erhielt Antipater in Cilicien, nachdem er schon vorher in Tarent des Pheroras Tod erfahren hatte. Die letztere Nachricht schmerzte ihn sehr, aber nicht deshalb, weil er Pheroras besonders zugethan gewesen wäre, sondern weil derselbe nicht, wie er versprochen, vor seinem Tode den Herodes ermordet hatte. 86 Als er nun zu Kelenderis in Cilicien angelangt war, trug er Bedenken, in sein Vaterland zurückzukehren, da die Verstossung seiner Mutter ihn stutzig gemacht hatte. Von seinen Freunden rieten ihm die einen, den Ausgang der Dinge anderswo abzuwarten, die anderen dagegen, unverweilt die Heimreise anzutreten, weil er in eigener Person alle Beschuldigungen widerlegen könne, während seine Abwesenheit nur den Mut seiner Verleumder stärke. 87 Der lezteren Vorstellung gab er recht, fuhr also weiter und landete im Hafen Sebastos[1], den Herodes mit grossen Kosten angelegt und dem Augustus zu Ehren so genannt hatte. 88 Hier konnte Antipater schon merken, was ihn erwartete, da niemand ihm entgegenkam oder ihn begrüsste, während bei seiner Abreise allgemeine Segenswünsche ihn begleitet hatten. Jetzt dagegen stiess das Volk ungehindert Verwünschungen gegen ihn aus, weil es überzeugt war, er werde für die Ermordung seiner Brüder büssen müssen.

(2.) 89 Zu dieser Zeit befand sich gerade Quintilius Varus[2], [453] der Nachfolger des Saturninus in der Verwaltung Syriens[3], in Jerusalem, wohin er auf Herodes’ Bitte zur Besprechung über die gegenwärtige Lage gekommen war. 90 Während beide Beratung abhielten, langte Antipater an, ohne nähere Kenntnis von den Vorgängen zu haben, und betrat im Purpurgewande den Palast. Die Pförtner liessen nun zwar ihn selbst ein, nicht aber seine Freunde. 91 Darüber entsank ihm der Mut, und er sah nun ein, wohin es mit ihm gekommen war, besonders als sein Vater, auf den er zur Begrüssung zuschritt, ihn zurückwies, ihm die Ermordung seiner Brüder sowie den Anschlag gegen das Leben seines Vaters vorwarf und ihm ankündigte, Varus werde am folgenden Tage über die ganze Angelegenheit entscheiden. 92 Von diesem gewaltigen Schlage erschüttert, ging Antipater wie geistesabwesend weg und traf seine Mutter, die Tochter von Herodes’ Vorgänger Antigonus, sowie seine Gattin, die ihm entgegenkamen und ihm alles mitteilten, was vorgefallen war, worauf er sich zur Verteidigung vorbereitete.

(3.) 93 Am folgenden Tage setzten sich Varus, der König, ihre beiderseitigen Räte und die Verwandten des Königs zu Gericht. Geladen waren ausserdem die Schwester des Königs, Salome, alle, die eine Beschuldigung vorzubringen, und die, welche auf der Folter Geständnisse gemacht hatten, sowie die Diener von Antipaters Mutter, die kurz vor seiner Ankunft verhaftet worden waren. Bei den letzteren war ein Brief gefunden worden, dessen Hauptinhalt dahin lautete, Antipater möge nicht heimkehren, da sein Vater um alles wisse und ihm nur noch die Zuflucht beim Caesar übrig bleibe, wenn er nicht in die Hände seines Vaters fallen wolle. 94 Antipater warf sich gleich zu Beginn der Verhandlung seinem Vater zu Füssen und bat ihn, er möge ihn doch nicht auf eine vorgefasste Meinung hin verurteilen, sondern ihm geneigtes Gehör schenken, da er sich völlig rechtfertigen könne. Herodes [454] aber befahl, ihn in die Mitte zu stellen, und brach in Klagen über seine Kinder aus, von denen er schon so viel gelitten, noch ehe Antipaters Ruchlosigkeit seine alten Tage verbittert habe. Dann erwähnte er, wie grosse Sorgfalt er auf ihre Erziehung und Bildung verwendet und welche Schätze er ihnen jederzeit, so oft sie dies gewünscht, habe zukommen lassen. 95 Dafür sei ihm der Dank zuteil geworden, dass sie ihm nach dem Leben trachteten und die Herrschaft in Besitz zu nehmen strebten, noch ehe das Schicksal oder das Gesetz oder der Wille ihres Vaters ihnen dies ermöglichten. 96 Es sei unbegreiflich, bis zu welchem Grade von Überhebung und Frevelmut Antipater sich habe hinreissen lassen. Als Nachfolger auf dem Throne sei er doch durch testamentarische Bestimmung schon bezeichnet worden, und auch jetzt bei Lebzeiten seines Vaters stehe er diesem weder an glanzvollem Range noch an Macht nach, da er fünfzig Talente jährlicher Einkünfte und bei seiner Abreise nach Rom noch ausserdem dreihundert Talente Reisegeld angewiesen erhalten habe. 97 Dann warf er ihm vor, dass er seine Brüder angeschwärzt habe, denen er, wenn sie wirklich so schlecht gewesen wären, an Ruchlosigkeit jetzt nichts nachgebe, die er aber, wenn sie unschuldig gewesen, sich nicht gescheut habe zu verleumden, obwohl sie ihm nahe verwandt gewesen seien. 98 Er habe ja alles, was ihm über dieselben bekannt geworden, nur aus Antipaters Mund vernommen, und das, was er über sie verhängt habe, nur auf sein Anstiften gethan. Er müsse aber jetzt die beiden von aller Schuld freisprechen, nachdem Antipater als der eigentliche Vatermörder sich herausgestellt habe.

(4.) 99 Hier vermochte Herodes vor Thränen nicht weiter zu reden. Er bat daher den Nikolaus von Damaskus, der als sein Freund und beständiger Gefährte von den meisten seiner Handlungen Kenntnis hatte, fortzufahren und alles übrige hervorzuheben, was sich auf Schuld und Unschuld bezog. 100 Alsdann wandte sich Antipater, um sich zu verteidigen, an seinen Vater, ging alle Beweise [455] von Wohlwollen durch, die Herodes ihm hatte zukommen lassen, und zählte namentlich die Auszeichnungen her, die, wie er sagte, ihm sicher nie zuteil geworden wären, wenn er sie nicht durch sein gutes Verhalten verdient hätte. 101 Was zu besorgen gewesen, habe er aufmerksam besorgt, und wo sein thatkräftiges Einschreiten nötig geworden, habe er sich alle Mühe gegeben, zu helfen. Es sei doch nicht anzunehmen, dass jemand, der seinen Vater aus fremden Nachstellungen errettet habe, ihm nun nach dem Leben trachte und den bei der Rettung bewiesenen Edelmut durch die Ruchlosigkeit einer solchen That verdunkle. 102 Dazu komme noch, dass er ja schon längst ohne Widerspruch zum Thronfolger ernannt worden und in den Genuss der Ehren getreten sei, deren er sich jetzt erfreue. Kaum denkbar sei es ferner, dass jemand, der schon im sicheren und rühmlichen Besitz der Hälfte sei, mit sträflichem Ehrgeiz nach dem Ganzen strebe, dessen Erringung zweifelhaft sei; besonders könne man das von ihm deshalb nicht annehmen, weil er Zeuge des traurigen Schicksals seiner Brüder gewesen, gegen die er, da sie sich nun einmal verfehlt hätten, selbst als Ankläger und nach ihrer Verurteilung als Vollstrecker des Todesurteils aufgetreten sei. 103 Diese Störungen der häuslichen Eintracht seien der beste Beweis dafür, wie treu und ergeben er sich stets gegen seinen Vater benommen habe. Was aber sein Betragen in Rom betreffe, so dürfe er dafür das Zeugnis des Caesars anrufen, den man ebensowenig wie Gott selbst betrügen und hintergehen könne. 104 Lägen doch Briefe von ihm vor, denen man jedenfalls ein grösseres Gewicht beilegen müsse als den verleumderischen Aussagen schlechter Menschen, die nur auf Erregung von Unruhen und Streitigkeiten bedacht seien und infolge seiner Abwesenheit reiche Gelegenheit gefunden hätten, ihre Ränke zu schmieden, was sie während seiner Anwesenheit niemals vermocht hätten. 105 Alsdann sprach er noch gegen die Anwendung der Folter, wodurch die Menschen gezwungen würden, alles zu gestehen, was die [456] Machthaber hören wollten. Gleichwohl, erklärte er, sei er bereit, sich der Folterung zu unterziehen.

(5.) 106 Diese Worte brachten eine gewaltige Veränderung bei den Versammelten hervor. Allseitig hatte man Mitleid mit Antipater, dessen Antlitz Thränen überströmten, sodass selbst seine Gegner weich wurden. Auch Herodes vermochte, so sehr er sich Mühe gab, seine Rührung nicht zu verbergen. Nikolaus aber führte nun die vom König begonnene Rede weiter, brachte alle Beweise vor, welche geeignet waren, die Anklage zu stützen und teils durch die Folter, teils durch anderweitige Zeugenaussagen erhärtet waren, 107 und erwähnte besonders des Königs Sorgfalt bei der Erziehung seiner Kinder, für die er jetzt nicht nur keinen Lohn erhalten habe, sondern aus einem Unglück ins andere geraten sei. 108 Er wundere sich, sagte er, nicht so sehr über die Verwegenheit der beiden schon bestraften Söhne, da sie durch ihre Jugend und durch schlechte Ratgeber dazu verleitet worden seien, die Rechte der Natur zu missachten und voreilig nach der Herrschaft zu streben. 109 Dagegen setze ihn Antipaters Ruchlosigkeit geradezu in Erstaunen, der bei den grössten Wohlthaten seines Vaters unempfindlich geblieben sei, während doch selbst das wildeste Tier gegen seinen Wohlthäter sich freundlich erweise, und den nicht einmal das traurige Los seiner Brüder von einem ähnlichen Verbrechen abgeschreckt habe. 110 „Du bist es gewesen, Antipater,“ fuhr er fort, „der die Pläne seiner Brüder zuerst zur Anzeige gebracht hat, du hast die Beweismittel gegen sie zusammengetragen und nach Fällung des Urteils ihre Hinrichtung betrieben. Wenn wir dir nun auch gerade daraus keinen Vorwurf machen wollen, dass dein Hass gegen sie so unersättlich gewesen ist, so müssen wir uns doch über dich wundern, dass du nun auf einmal in ihre Fussstapfen getreten bist, und wir können jetzt ermessen, dass du damals nicht das Wohl deines Vaters, sondern lediglich das Verderben deiner Brüder im Auge hattest und durch die Verfolgung ihrer Bosheit nur deshalb den Schein eines liebenden Sohnes erwecken [457] wolltest, um desto verwegener und thatkräftiger gegen den Vater vorgehen zu können, wie das jetzt klar zu Tage liegt. 111 Auch hast du deine Brüder auf Grund der von dir erhobenen Beschuldigungen aus dem Wege geräumt, ohne Mitwisser und Helfer anzugeben, sodass die allgemeine Überzeugung dahin geht, du habest vor der Anklage dich mit ihnen ins Einvernehmen gesetzt, 112 um die Früchte des Vatermordes allein zu geniessen, aus beiden Verbrechen aber doppelte, deines Charakters würdige Lust zu ziehen. In der Öffentlichkeit hast du den Schein erweckt, als hättest du mit der Hinrichtung deiner Brüder eine herrliche That vollbracht, und bist deshalb auch, wie billig, gerühmt worden. 113 Hast du den Ruhm aber nicht verdient, so bist du noch schlechter als sie und hast sie, während du selbst insgeheim deinem Vater nach dem Leben trachtetest, nicht als Feinde ihres Vaters (denn dann hättest du nicht desselben Verbrechens dich schuldig gemacht), sondern als bevorzugtere Thronerben gehasst. 114 Und noch obendrein hast du deinen Vater umbringen wollen, um nicht der Verleumdung deiner Brüder überführt zu werden und den Tod, den du selbst verdientest, über deinen unglücklichen Vater zu bringen. So wolltest du allerdings keinen gewöhnlichen Vatermord begehen, sondern einen solchen, wie er seit Menschengedenken nicht erhört worden ist. 115 Denn du hast nicht bloss als Sohn deinem Vater nach dem Leben getrachtet, sondern du hast auch dem nachgestellt, der dich mit liebevoller Fürsorge umgeben, dich zum Mitregenten und Nachfolger ernannt, dir alle Ehren der königlichen Würde schon jetzt zuerkannt und durch seinen schriftlich aufgesetzten Willen deine Hoffnungen auf die Zukunft gesichert hat. 116 Auch hast du nicht des Herodes Güte, sondern nur deiner eigenen Verkehrtheit Rechnung getragen, als du deinem Vater, der so nachsichtig gegen dich war, auch noch seinen Anteil an der Herrschaft entreissen wolltest und, während du dich als sein Retter aufspieltest, in Wirklichkeit auf seinen Tod bedacht warst. 117 Ja, du begnügtest dich nicht damit, [458] deine Mutter in deine verbrecherischen Anschläge zu verwickeln, sondern zerstörtest auch das gute Einvernehmen zwischen deinen Brüdern und wagtest es, deinen Vater dem wilden Tiere zu vergleichen. Nein, du selbst bist gefährlicher als die giftigste Schlange, da du nicht bloss dein Gift gegen deine nächsten Blutsverwandten und deine grössten Wohlthäter verspritztest, sondern auch im Übermasse deiner Bosheit bewaffnete Scharen und alle möglichen Ränke von Männern wie von Weibern gegen einen schwachen Greis aufbotest. 118 Und jetzt wagst du noch hier zu erscheinen, nachdem Freie und Sklaven, Männer und Weiber deinetwegen gefoltert worden sind, jetzt wagst du noch hier zu erscheinen, um der Wahrheit zu trotzen und der gegen dich erlassenen Verfügung, dem Billigkeitssinne des Varus, ja aller Gerechtigkeit Hohn zu sprechen? 119 Traust du denn deiner Verwegenheit und Unverschämtheit so viel zu, dass du dich der Folter unterwerfen willst? Meinst du etwa, die früher auf der Folter gemachten Geständnisse entkräften und die, welche es mit deinem Vater gut meinen, der Lüge zeihen zu können? Und sollen wir etwa dem Glauben schenken, was du aussagen wirst? 120 Wie lange denn, Varus, willst du den König noch den Verunglimpfungen seiner Verwandten aussetzen? Wann endlich gedenkst du dieses Ungeheuer von einem Menschen zu vertilgen, das, um seinen Brüdern den Untergang zu bereiten, Liebe zu seinem Vater heuchelt und, da es im Begriffe steht, den Thron zu besteigen, diesen seinen Vater verderben will? Es kann dir ja nicht unbekannt sein, dass der Vatermord sowohl ein Verbrechen gegen die Natur als gegen das Leben des einzelnen Menschen ist, und dass schon der blosse Gedanke daran der wirklichen Ausführung der Frevelthat nicht nachsteht. Wahrlich, wer dagegen nicht mit Strenge einschreitet, begeht selbst ein Verbrechen gegen die Natur!“

(6.) 121 Schliesslich befasste sich Nikolaus auch noch mit Antipaters Mutter, erwähnte, was sie in weibischer Geschwätzigkeit ausgeplaudert hatte, und sprach von der [459] Befragung von Sehern und von Opfern, die den Untergang des Königs beschleunigen sollten, sowie von den Schamlosigkeiten, die Antipater vor Geilheit im Rausche gegen des Pheroras Frauen begangen hatte. Alsdann wiederholte er die vielen Geständnisse, die von den Gefolterten, und die Aussagen, die von den Zeugen teils wohlüberlegt, teils überstürzt gemacht worden waren, und wies nach, dass gerade die letzteren Aussagen die meiste Beweiskraft hätten. 122 Hatte nun noch jemand aus Furcht, im Falle von Antipaters Freisprechung seine Rache gewärtigen zu müssen, etwas verschwiegen, so fiel dieser Grund jetzt, da er von seinem sonstigen Glück verlassen schien, fort, und alles ward verraten. 123 So wurde Antipater nicht sowohl durch die Feindseligkeit seiner Ankläger gestürzt, als vielmehr durch die Grösse seiner Frevelthaten und durch seine Bosheit gegen Vater und Brüder, mit der er Zwietracht und Mord in das Haus seines Vaters gebracht hatte und je nach seinen Zwecken bald Hass, bald Wohlwollen zur Schau trug. 124 Das alles war zwar schon längst von denen, die ein gesundes Urteil besassen und sich nicht von Parteihass beeinflussen liessen, bemerkt worden, doch hatten diese Leute früher nicht den Mut, Klagen darüber laut werden zu lassen. Jetzt dagegen, da sie sich sicher fühlten, brachten sie alles vor, was sie wussten, 125 und so kamen Anklagen der mannigfaltigsten Art zu Tage, die sich nicht widerlegen liessen, weil man den Angebern weder vorwerfen konnte, dass sie dem König zu Gefallen sprächen, noch dass sie aus Furcht etwas zu verschweigen trachteten. Vielmehr erhoben sie ihre Anklagen nur deshalb, weil sie die ruchlosen Thaten Antipaters verabscheuten und seine Bestrafung nicht um der Sicherheit des Herodes willen wünschten, sondern als gerechten Lohn für seine Frevel ansahen. 126 Viele traten auch unaufgefordert vor und machten so schwerwiegende Aussagen, dass Antipater trotz seiner Meisterschaft in der Lüge und Schamlosigkeit kein Wort darauf zu entgegnen wusste. 127 Nachdem nun Nikolaus mit seiner Beweisführung [460] zu Ende war, forderte Varus den Antipater auf, sich zur Widerlegung der Beschuldigungen anzuschicken, wenn er seine Unschuld beweisen könne; er wünsche nämlich sehr, ihn frei ausgehen zu sehen, wie das auch, dessen sei er gewiss, dem Wunsche seines Vaters entspreche. 128 Antipater warf sich darauf zu Boden und rief Gott und alle Menschen zu Zeugen dafür an, dass er unschuldig sei und nichts gegen seinen Vater im Schilde geführt habe. 129 Das ist allerdings das Verfahren aller Unholde: Schicken sie sich zu einem Verbrechen an, so kümmern sie sich nicht um Gottes Allgegenwart und handeln ihrer Willkür gemäss; werden sie aber ergriffen und vor Gericht gestellt, so wollen sie dadurch, dass sie Gott zum Zeugen anrufen, alle Schuld von sich abwälzen. 130 Genau so machte es auch Antipater. Denn zuerst verübte er alle möglichen Greuel, als ob es keinen lebendigen Gott mehr gebe; als er aber zur Rechenschaft gezogen wurde und keinen Ausweg zu seiner Rettung sah, vermass er sich, Gottes Hilfe wieder anzurufen, beschwor ihn, seine Macht zu seinen Gunsten walten zu lassen, und berief sich auf das, was er fortgesetzt für das Wohl seines Vaters gethan habe.

(7.) 131 Als nun Varus trotz öfteren Fragens aus Antipater nichts anderes herausbringen konnte, als die Berufung auf Gott, und einsah, dass er damit nicht zu Ende kommen würde, befahl er, das Gift herbeizubringen, um dessen Wirkung zu erproben. 132 Als dasselbe geholt worden war, musste auf Varus’ Anordnung ein zum Tode verurteilter Verbrecher davon trinken, und dieser fiel sogleich entseelt nieder. Da erhob sich Varus, verliess die Sitzung und begab sich am folgenden Tage nach Antiochia, der Hauptstadt von Syrien, wo er sich meistens aufzuhalten pflegte. Herodes aber liess sogleich seinen Sohn in Ketten legen, 133 und man wusste nicht recht, was Varus vor seiner Abreise dem König noch gesagt hatte. Doch war man vielfach der Meinung, er habe zu dem Verfahren, welches Herodes gegen [461] Antipater einschlug, seine Zustimmung gegeben. Als letzterer nämlich eingekerkert war, schickte Herodes einen schriftlichen Bericht über die Vorgänge an den Caesar und liess ihm zugleich mündlich die Bosheit Antipaters darlegen. 134 Bald darauf wurde ein Brief des Antiphilus, der sich in Aegypten aufhielt, an Antipater aufgefangen, den der König eröffnete und der also lautete: „Ich schicke dir den Brief der Akme unter eigener Lebensgefahr. Du weisst ja, dass ich wieder von zwei Familien alles zu fürchten habe, wenn ich ertappt werde. Ich wünsche dir übrigens guten Erfolg zu deinem Unternehmen.“ 135 Das war der Inhalt dieses Briefes. Der König suchte nun auch nach dem anderen Schreiben, doch wollte sich dasselbe nicht finden, und der Sklave des Antiphilus, der den einen Brief gebracht hatte, leugnete, noch einen zweiten erhalten zu haben. 136 Als nun der König unschlüssig hin und her überlegte bemerkte einer von seinen Freunden an dem inneren Gewande des Sklaven, der zwei Kleider übereinander trug, eine zusammengenähte Falte und vermutete in dieser Falte den zweiten Brief, was sich denn auch bestätigte. 137 Herodes griff hastig nach dem Schreiben, welches folgenden Inhalt aufwies: „Akme an Antipater. Ich habe deinem Vater den von dir gewünschten Brief geschrieben und schicke ihm die angebliche Abschrift eines von Salome an meine Herrin gerichteten Schreibens, nach dessen Lesung er, des bin ich gewiss, Salome wegen Mordversuchs zum Tode verurteilen wird.“ 138 Dieser Brief war ein scheinbar von Salome an die Herrin der Akme gerichtetes Schreiben, das Antipater dem Sinne nach der Akme in Auftrag gegeben, diese aber mit ihren eigenen Worten zu Papier gebracht hatte. Es lautete folgendermassen: 139 „Akme an den König Herodes. Da ich mir Mühe gebe, alles zu deiner Kenntnis zu bringen, was gegen dich ins Werk gesetzt wird, so habe ich mit eigener Lebensgefahr, doch zu deinem Nutzen einen Brief Salomes an meine Herrin, der in meine Hände fiel, abgeschrieben und schicke dir denselben. [462] Sie hat ihn geschrieben, als sie noch willens war, den Syllaeus zu heiraten. Ich bitte dich aber, den Brief zu zerreissen, damit ich nicht in Gefahr gerate.“ 140 Dem Antipater selbst aber hatte Akme geschrieben, sie habe nach seinem Willen an Herodes einen Brief des Inhalts gerichtet, dass Salome alles aufbiete, um ihn zu verderben, und dass sie ihm eine Abschrift des angeblich von Salome an ihre Herrin gerichteten Briefes geschickt habe. 141 Diese Akme war jüdischer Abstammung, diente der Julia, der Gattin des Caesars, und hatte die Briefe Antipater zuliebe geschrieben, von dem sie mit grossen Geldsummen bestochen war, ihm bei der Ermordung seines Vaters und seiner Tante behilflich zu sein.

(8.) 142 Durch Antipaters aussergewöhnliche Bosheit fast von Sinnen gebracht, wollte Herodes ihn sogleich hinrichten lassen, weil er so verbrecherische Anschläge nicht nur gegen ihn selbst, sondern auch gegen seine Schwester ins Werk gesetzt und seine Mitverschworenen sogar am Hofe des Caesars gesucht hatte. In diesem Entschlusse bestärkte den König noch seine Schwester Salome, indem sie ihre Brust zerschlug und sich freiwillig erbot, den Tod zu erleiden, wenn irgend ein stichhaltiger Beweis gegen sie erbracht werden könne. 143 Herodes liess also seinen Sohn vorführen, fragte ihn aus und hiess ihn offen alles vorbringen, was er zu der Briefangelegenheit zu sagen habe. Als nun Antipater schwieg, forderte er ihn auf, da er doch in jeder Beziehung als Bösewicht entlarvt worden sei, wenigstens seine Mitschuldigen unverweilt zu nennen. 144 Hierauf bezeichnete Antipater den Antiphilus als Urheber des ganzen Planes, ohne jedoch sonst noch jemand anzugeben. In höchster Wut wollte nun Herodes seinen Sohn sogleich nach Rom zum Caesar schicken, damit er daselbst für seine Anschläge zur Rechenschaft gezogen würde. 145 Da er aber die Befürchtung nicht von sich zu weisen vermochte, er könne dort mit Hilfe seiner Freunde vielleicht doch noch seine Freisprechung durchsetzen, hielt er ihn weiter in Gewahrsam und [463] schickte Gesandte mit Klageschriften zum Caesar, indem er ihn zugleich davon in Kenntnis setzen liess, inwiefern Akme an den verbrecherischen Anschlägen beteiligt sei, zu welchem Zwecke er Abschriften der oben erwähnten Briefe mitgab.

Sechstes Kapitel.
Aufruhr unter den Juden aus Anlass einer Erkrankung des Herodes. Die Krankheit verschlimmert sich. Des Königs letzte Anordnungen.

(1.) 146 Während die Gesandten, mit den nötigen Anweisungen versehen, zur Überbringung der Briefe nach Rom eilten, fiel der König in eine Krankheit und machte deshalb sein Testament, in welchem er aus Hass gegen seine beiden von Antipater verleumdeten Söhne Archelaus und Philippus seinen jüngsten Sohn zum Thronfolger ernannte sowie dem Caesar tausend Talente, der Gattin desselben, Julia, aber und den Söhnen, Freunden und Freigelassenen des Caesars fünfhundert Talente vermachte. 147 Seine eignen Söhne und Enkel bedachte er mit Legaten, Leibrenten und Grundbesitz und vermachte auch seiner Schwester Salome grosse Reichtümer, weil sie ihm stets die höchste Treue bewiesen und niemals Ränke gegen ihn geschmiedet habe. 148 Weil er nun bei seinem vorgerückten Alter von beinahe siebzig Jahren auf Genesung nicht mehr hoffen durfte, befiel ihn eine heftige Erbitterung und leidenschaftliche Wut, besonders da er meinte, das Volk missachte ihn jetzt und freue sich über seine Erkrankung. Dazu kam noch, dass einige der Einflussreichsten unter dem Volke einen Aufruhr anzettelten, der sich folgendermassen entwickelte.

(2.) 149 Unter den Juden galten des Sariphaeus Sohn Judas und des Margaloth Sohn Matthias für bedeutende Redner und höchst erfahrene Ausleger des Gesetzes, und beim Volke erfreuten sie sich um so grösserer Beliebtheit, [464] als sie zugleich Lehrer der Jugend waren. Jeder, der nach wahrer Vollkommenheit strebte, ging in ihrem Hause ein und aus. 150 Als diese beiden Männer erfuhren, des Königs Krankheit sei unheilbar, forderten sie die jungen Leute auf, alles, was der König dem väterlichen Gesetze zuwider eingeführt hatte, wieder abzuschaffen und den Lohn des heiligen Kampfes, den sie vorhätten, in der Befolgung der Gesetze zu suchen. Denn nur deswegen, sagten sie, weil der König in frevelhaftem Wagemut das Gesetz missachtet, habe ihn ausser vielem anderen ungewöhnlichen Missgeschick auch diese Krankheit heimgesucht. 151 Herodes hatte nun allerdings in mancher Beziehung das Gesetz übertreten, sodass Judas und Matthias mit ihrer Beschuldigung nicht im Unrecht waren. Er hatte nämlich über dem grössten Thore des Tempels einen gewaltigen und kostbaren goldenen Adler anbringen lassen. Nun verbietet aber das Gesetz allen denen, die nach ihm ihr Leben einrichten wollen, an die Errichtung von Bildwerken auch nur zu denken oder irgend welche lebenden Wesen in Weihgeschenken darzustellen. 152[WS 2] Die erwähnten Gesetzeslehrer erklärten daher, der Adler müsse entfernt werden, und wenn auch manchen dabei der Tod ereilen würde, so müssten doch Männer, die für den Schutz der väterlichen Gesetze in den Tod gingen, das für viel schöner halten als alle Freuden des Lebens, weil sie sich dadurch ewigen Nachruhm erwürben und für alle Zeiten ein ehrenvolles Andenken sicherten. 153 Der Tod sei ja doch allen, auch denen, die ein gefahrloses Leben führten, bestimmt, und so müsse jeder, der nach wahrer Tugend strebe, darauf bedacht sein, rühmlich von hinnen zu scheiden. 154 Zudem liege ein grosser Trost darin, bei gefahrvollen Unternehmungen sein Leben zu lassen, weil dann auch die gesamten Verwandten, Männer wie Frauen, an dem Ruhm ihren Anteil hätten.

(3.) 155 Mit solchen Reden reizten die Gesetzeslehrer die Jugend auf. Plötzlich verbreitete sich die Kunde, der König sei gestorben. Das kam den Aufwieglern nur [465] recht, und so zog am hellen Tage eine Schar nach dem Tempel hinauf, riss den Adler herunter und hieb ihn vor den Augen der im Heiligtum befindlichen Menge in Stücke. 156 Als dies dem Statthalter des Königs hinterbracht wurde, rückte er, weil er der Sache eine grössere Bedeutung beilegte, als sie in Wirklichkeit hatte, mit einer ansehnlichen Abteilung Soldaten aus, um den Empörern, die das Weihgeschenk des Königs zu zerstören sich erdreistet hatten, entgegenzutreten, und fiel unversehens über dieselben her. Wie sich nun das gewöhnliche Volk bei Unternehmungen mehr von augenblicklicher Aufwallung als von vernünftiger Überlegung leiten lässt, verloren auch hier die meisten völlig den Kopf, 157 und so gerieten gegen vierzig junge Leute, die bei der Flucht des ganzen übrigen Haufens wacker standgehalten hatten, sowie die Anstifter der Empörung, Judas und Matthias, die es für schimpflich hielten, sich bei der Ankunft der Soldaten zurückzuziehen, in die Gewalt des Statthalters, der sie zum Könige führen liess. 158 Als Herodes sie fragte, ob sie sein Weihgeschenk herabzureissen sich erfrecht hätten, entgegneten sie: „Was geplant war, haben wir geplant, und was vollführt worden ist, haben wir vollführt, wie es wackeren Männern ziemt. Wir haben das Haus Gottes in Schutz genommen, und da wir durch häufige Anhörung des Gesetzes gelernt haben, für dasselbe einzutreten, 159 so ist es nicht zu verwundern, wenn wir die Vorschriften, die Moyses auf Gottes Befehl und Eingebung uns schriftlich hinterlassen hat, für wichtiger halten als deine Anordnungen. Es wird uns ein Vergnügen sein, den Tod und jede Marter zu erleiden, da wir uns bewusst sind, dass wir nicht als Übelthäter, sondern als Eiferer für Gottes Sache in den Tod gehen.“ 160 Diesen Worten pflichteten alle übrigen bei und bewiesen dieselbe Kühnheit, die sie auch bei Begehung der That an den Tag gelegt hatten. Der König liess sie fesseln und nach Jericho bringen, wohin er auch die Vornehmsten der Juden beschied. 161 Als diese sich versammelt hatten, [466] liess der König sie ins Theater kommen und begann hier vom Bette aus, da er schon nicht mehr stehen konnte, herzuzählen, wie viele Strapazen er um des Volkes willen erduldet, 162 mit wie grossen eigenen Kosten er den Tempel erbaut, was den Asamonäern während ihrer hundertfünfundzwanzigjährigen Regierungszeit nicht möglich gewesen sei, und wie er den Tempel mit prachtvollen Weihgeschenken geschmückt habe, wofür er noch nach seinem Tode Lob und Dank zu ernten hoffe. 163 Jetzt aber, rief er mit erhobener Stimme, könne er nicht einmal bei Lebzeiten sich der Beleidigungen erwehren, da man am hellen Tage seine Weihgeschenke herunterzureissen und zu zerstören sich erkühne. Richte sich diese Beleidigung auch anscheinend nur gegen seine Person, so sei sie doch in Wirklichkeit, wenn man sie beim rechten Namen nennen wolle, eine Tempelschändung.

(4.) 164 Da nun die Vornehmen bei der bekannten Grausamkeit und dem Jähzorn des Königs befürchten mussten, es möchte auch ihnen schlecht ergehen, missbilligten sie die That aufs schärfste und stimmten für strenge Bestrafung der Schuldigen. 165 Trotzdem verfuhr Herodes ziemlich gelinde, entsetzte aber den Hohepriester Matthias als den teilweisen Urheber des Vorfalles seines Amtes und übertrug dasselbe an Jozar, den Schwager des Matthias. 166 Unter dem Hohepriestertum des Matthias geschah es übrigens, dass für einen Tag, den Fasttag der Juden, ein anderer Hohepriester ernannt werden musste, und zwar um folgender Ursache willen. In der dem Fasttage voraufgehenden Nacht träumte Matthias, er wohne seinem Weibe bei, und da er deswegen kein Opfer darbringen konnte, übernahm sein Verwandter Joseph, der Sohn des Ellem, für ihn den Dienst. 167 Diesen Matthias also entsetzte Herodes seines Amtes, den anderen Matthias aber, der den Aufruhr angestiftet hatte, liess er mit einigen seiner Genossen lebendig verbrennen. In derselben Nacht fand eine Mondfinsternis statt.

[467] (5.) 168 Des Herodes Krankheit nahm übrigens immer mehr zu, und Gott züchtigte ihn offenbar für seine Frevelthaten. Denn ein langsames Feuer verzehrte ihn, das jedoch äusserlich nicht die Glut verriet, mit der es seine Eingeweide durchwühlte. 169 Dazu kam ein heftiges Verlangen, etwas zu nehmen, dem zu widerstehen unmöglich war. Weiterhin gesellten sich zu der Krankheit Geschwüre in den Eingeweiden, und besonders quälten ihn grausame Schmerzen in den Därmen. Die Füsse waren ebenso wie der Unterleib von einer wässerigen, durchscheinenden Flüssigkeit aufgetrieben, und an den Geschlechtsteilen entstand ein fauliges Geschwür, welches Würmer erzeugte. Wenn der Kranke sich aufrichtete, litt er an quälender Atemnot, und der Gestank des Atems machte ihm ebenso viele Beschwerden als das angestrengte Atemholen. 170 Endlich wüteten in fast allen Gliedern seines Körpers Krämpfe, die ihm eine unwiderstehliche Kraft gaben. Die Wahrsager, welche sich auf die Deutung solcher Heimsuchungen verlegten, waren der Meinung, Gott habe dem König für seine Bosheit diese schwere Strafe zuerkannt. 171 Herodes selbst indes hoffte, obgleich er schrecklicher litt, als einem Menschen zu ertragen möglich schien, immer noch auf Heilung, liess Ärzte kommen und befolgte ihre Vorschriften aufs genaueste. Ja, er liess sich sogar über den Jordan bringen und gebrauchte die warmen Bäder zu Kallirrhoe, welche neben anderen vortrefflichen Eigenschaften auch die haben, dass sie trinkbar sind. 172 Das Wasser der Quellen ergiesst sich in den Asphaltsee. Als ihn hier die Ärzte so weit gebessert glaubten, liessen sie ihn in eine mit Öl gefüllte Badewanne setzen, wo er beinahe gestorben wäre. Da aber seine Diener ein Geschrei erhoben, kam er wieder zu sich, gab jetzt selbst die Hoffnung, je wieder zu genesen, auf und befahl, den Soldaten Mann für Mann fünfzig Drachmen auszuteilen. 173 Den Führern und seinen Freunden machte er gleichfalls reiche Geschenke und kehrte dann nach Jericho zurück, wo ihn die schwarze [468] Galle[4] ergriff und ihn derartig verbitterte, dass er gegen sein Ende hin noch folgende Schandthat ersann. 174 Er befahl, dass die Vornehmen des ganzen Volkes sich bei ihm einfinden sollten; es war das aber eine ganz gewaltige Menge, weil sie aus dem gesamten Volke zusammenkamen und alle dem Befehl folgten, da auf Widersetzlichkeit die Todesstrafe stand. Diese ganze Menge nun liess der König, der in gleicherweise gegen Schuldige wie Unschuldige wütete, 175 in der Rennbahn einschliessen, entbot dann seine Schwester Salome und deren Gatten Alexas zu sich und äusserte, er werde, weil ihn so grässliche Schmerzen quälten, wohl bald sterben. Das sei nun zwar an sich nichts Schlimmes, da es allen Menschen bevorstehe, und nur das eine thue ihm leid, dass er unbetrauert und unbeklagt sterben solle, wie es eines Königs unwürdig sei. 176 Er kenne ja die Gesinnung der Juden recht wohl und wisse, dass sie sich über nichts so sehr freuen würden, als über seinen Tod, da sie schon bei seinen Lebzeiten sich gegen ihn empört und sein Weihgeschenk geschändet hätten. 177 Es werde also Pflicht der Salome und ihres Gatten sein, diesem Übelstand abzuhelfen. Wenn sie seiner Meinung beipflichteten, müssten sie ihm ein glänzendes Leichenbegängnis veranstalten, wie es noch nie einem Könige zuteil geworden sei, und das ganze Volk werde dann aufrichtig um ihn trauern, während es ihn sonst nur mit Spott und Hohn beklagen werde. 178 Sobald sie daher wahrnähmen, dass er seinen Geist aufgegeben habe, sollten sie die Rennbahn von Soldaten umzingeln lassen, ohne dieselben seinen Tod, den sie erst nach vollbrachter That erfahren dürften, merken zu lassen, und dann alle eingeschlossenen Juden mit Pfeilen erschiessen lassen. Durch eine solche That würden sie ihm eine doppelte Freude bereiten, indem sie sowohl den letzten Willen eines Sterbenden erfüllten, als auch eine seiner würdige Totenklage zustande [469] brächten. 179 Diesen Auftrag gab er seiner Schwester und seinem Schwager unter Jammergestöhn und beschwor sie bei ihrer verwandtschaftlichen Liebe und bei ihrem Glauben an Gott, ihm diese Ehrung nicht zu verweigern, was die beiden denn auch thun zu wollen versprachen.

(6.) 180 Kann man nun allenfalls des Herodes früheres Verhalten gegen seine Angehörigen noch damit rechtfertigen, dass ihm die Sorge um sein eigenes Leben dasselbe aufgenötigt habe, so muss doch diese letzte Anordnung als ein Zeichen unmenschlicher Grausamkeit erscheinen. 181 Denn nichts geringeres hatte er vor, als das gesamte Volk in Trauer und Wehklage um die Teuersten zu versetzen, indem er aus jeder Familie ein Mitglied dem Tode geweiht wissen wollte, ohne dass die von der Anordnung Betroffenen ihn beleidigt oder auch nur den Schatten einer Übelthat auf sich geladen hatten, während es doch sonst als Regel gilt, dass jemand, der sich nur noch einen Rest von menschlichem Gefühl bewahrt hat, in solchen Lebenslagen seinen Hass selbst gegen diejenigen, die er mit Recht als seine Feinde betrachten kann, gänzlich ablegt.

Siebentes Kapitel.
Herodes beabsichtigt Selbstmord. Antipaters Hinrichtung.

182 Während Herodes seinen Verwandten diesen Auftrag erteilte, kamen aus Rom Briefe an, in welchen die zu Augustus geschickten Männer mitteilten, dass Akme von dem aufs äusserste entrüsteten Caesar zum Tode verurteilt und hingerichtet worden sei, weil sie Antipaters Frevelthaten unterstützt habe, dass aber Antipater vorläufig am Leben gelassen worden sei, damit Herodes seiner königlichen und väterlichen Gewalt gemäss selbst darüber entscheide, ob er ihn in die Verbannung schicken oder mit dem Tode bestrafen wolle. 183 Als Herodes diese Nachrichten erhielt, liess die Kunde vom Tode der [470] Akme und die Gewissheit, dass er nun die Vollmacht besitze, seinen Sohn hinrichten zu lassen, seinen gebrochenen Lebensmut wieder in etwa erstarken. Da aber bald nachher seine Qualen sich aufs äusserste steigerten und eine grosse Erschöpfung ihn befiel, wollte er etwas geniessen und verlangte deshalb einen Apfel und ein Messer. Er war nämlich gewöhnt, das Obst eigenhändig zu schälen und in Stücke zu schneiden. 184 Als ihm das Verlangte gebracht worden war, blickte er um sich und wollte sich dann selbst mit dem Messer erstechen. Sein Vorhaben wäre ihm auch gelungen, wenn sein Vetter Achiab ihn nicht bei der Hand ergriffen hätte. Achiab erhob ein lautes Geschrei, und es entstand im Palaste eine solche Bestürzung und ein solches Jammern, als ob der König wirklich gestorben wäre. 185 Auch Antipater glaubte aus dem Tumult schliessen zu müssen, dass sein Vater aus dem Leben geschieden sei, und begann bereits voll Zuversicht, als wenn er nun gleich in Freiheit gesetzt und ohne weiteres den Thron besteigen würde, mit dem Kerkermeister wegen seiner Entlassung zu unterhandeln, indem er ihm nicht nur für den Augenblick, sondern auch für später die glänzendsten Versprechungen machte, weil es jetzt gelte, entschlossen zu handeln. 186 Der Kerkermeister indes wies nicht nur Antipaters Begehren von der Hand, sondern meldete auch sein Vorhaben dem Könige. 187 Als Herodes, der schon ohnehin auf seinen Sohn sehr schlecht zu sprechen war, den Bericht des Kerkermeisters vernahm, schrie er laut auf und zerschlug sich das Haupt, obgleich er schon in den letzten Zügen lag. Dann stützte er sich auf den Ellbogen und befahl, sofort einige Trabanten zu beordern, dass sie hingingen und Antipater töteten, seine Leiche aber zu Hyrkania ohne alle Ehrenbezeugungen bestatteten.

[471]
Achtes Kapitel.
Des Herodes Testament, Tod und Leichenbegängnis.

(1.) 188 Herodes änderte nun abermals seinen letzten Willen und liess ein neues Testament aufsetzen, in welchem er den Antipas, den er früher zum Könige bestimmt hatte, zum Tetrarchen von Galilaea und Peraea ernannte, während er dem Archelaus die Thronfolge zuerkannte. 189 Weiterhin gab er Gaulonitis, Trachonitis, Batanaea und Panias seinem Sohne Philippus, dem Bruder des Archelaus, als Tetrarchie und vermachte seiner Schwester Salome Jamnia, Azot und Phasaëlis sowie fünfhunderttausend geprägte Silberstücke. 190 Auch alle seine übrigen Verwandten bedachte er mit Legaten und Jahresrenten in reichem Masse. Dem Caesar vermachte er zehn Millionen Silberstücke nebst goldenen und silbernen Gefässen und äusserst kostbaren Gewändern, der Gattin des Caesars, Julia, aber und einigen anderen Personen fünf Millionen. 191 Hierauf starb er[5], fünf Tage nach Antipaters Hinrichtung, vierunddreissig Jahre nach der Ermordung des Antigonus und siebenunddreissig Jahre nach seiner Ernennung zum Könige durch die Römer. Er war ein Mann, der gegen alle ohne Unterschied mit gleicher Grausamkeit wütete, im Zorn kein Mass kannte und sich über Recht und Gerechtigkeit erhaben dünkte, dabei aber die Gunst des Glückes, wie kein anderer, erfuhr. 192 Denn aus niedrigem Stande zur Königswürde erhoben und von zahllosen Gefahren bedroht, entging er allem äusseren Unheil und starb erst in vorgerücktem Alter. Was indes seine häuslichen Verhältnisse und besonders die Beziehungen zu seinen Söhnen angeht, so war er zwar auch hierin, wie er selbst glaubte, völlig glücklich, da er in seinen Söhnen seine Feinde überwunden zu haben glaubte, meiner Meinung nach aber ein höchst unglücklicher und bedauernswerter Mensch.

[472] (2.) 193 Noch ehe der Tod des Königs bekannt geworden war, entliessen Salome und Alexas die in der Rennbahn eingeschlossenen Juden nach Hause mit dem Bemerken, der König befehle ihnen heimzukehren und ihren Beschäftigungen wieder obzuliegen. Hiermit erwiesen die beiden dem gesamten Volke eine grosse Wohlthat. 194 Allmählich verbreitete sich nun die Nachricht vom Ableben des Herodes im Volke; Salome und Alexas aber beriefen das ganze Heer in das Theater zu Jericho und lasen zunächst das Schreiben vor, welches der König an seine Soldaten gerichtet hatte und worin er ihnen für ihre Treue und Ergebenheit dankte und sie bat, dieselbe Gesinnung auch auf seinen zum Könige ernannten Sohn Archelaus zu übertragen. 195 Darauf las Ptolemaeus, dem das Siegel des Königs anvertraut war, das Testament vor, welches aber, um Gültigkeit zu erlangen, erst vom Caesar bestätigt werden musste. Sogleich erhob sich nun ein allgemeines Freudengeschrei zu Ehren des Archelaus, und Soldaten wie Offiziere gelobten diesem dieselbe Treue und Anhänglichkeit, die sie seinem Vater erwiesen hatten; auch flehten sie Gottes Segen auf seine Regierung herab.

(3.) 196 Alsdann bereitete man dem Könige das Leichenbegängnis, welches Archelaus mit verschwenderischer Pracht ausstattete. 197 Herodes wurde auf einem goldenen, mit vielen und kostbaren Edelsteinen verzierten Tragbett zu Grabe getragen, dessen Decke von Purpur glänzte, und auch der Leichnam selbst war mit dem Königspurpur bekleidet. Auf dem Haupte ruhte ein Diadem mit überragender Krone von Gold, und die Rechte hielt das Scepter. 198 Das Tragbett umgaben des Königs Söhne und die grosse Menge seiner Verwandten, an welche sich die nach Völkerschaften abgeteilten und mit deren Namen bezeichneten Soldaten anschlossen, und zwar in folgender Ordnung. Zuerst schritt die Leibwache einher, dann folgten der Reihe nach die Thraker, Germanen und Gallier, alle in voller Rüstung, 199 und hieran schlossen sich die übrigen Krieger mit ihren Führern [473] und Hauptleuten, wie zur Schlacht gerüstet. Den Schluss bildeten fünfhundert Diener, welche Spezereien trugen. So bewegte sich der Zug acht Stadien[6] weit bis nach Herodium, wo der König seinem Befehle gemäss beigesetzt wurde. Dies war das Ende des Herodes.

(4.) 200 Archelaus beobachte zu Ehren seines Vaters der Gewohnheit des Landes gemäss eine siebentägige Trauer, nach deren Beendigung er das Volk bewirtete und sich zum Tempel hinaufbegab, begleitet von den Segenswünschen und dem Freudenjauchzen der Menge, die einen wahren Wetteifer in scheinbar herzlichen Zurufen entfaltete. 201 Hierauf bestieg Archelaus eine Anhöhe und erklärte unter beständigen Huldigungen des Volkes, wie angenehm ihm diese Beweise von Ergebenheit seien, dankte dafür, dass man seines Vaters Härte so schnell vergessen habe, und versprach, eifrigst auf Vergeltung dieser Anhänglichkeit bedacht zu sein. 202 Vorläufig verzichte er noch auf den Königstitel, da er diese ehrenvolle Benennung sich erst dann beilegen dürfe, wenn der Caesar das Testament seines Vaters bestätigt habe. Aus diesem Grunde habe er auch das ihm vom Heere an gebotene Diadem, so ehrenvoll das auch für ihn gewesen wäre, sich nicht aufs Haupt setzen wollen, bis er der Einwilligung dessen, der diese Ehrung zu gestatten habe, sicher sei. 203 Wenn er aber endgiltig zur Regierung gelangt sei, werde er es sich angelegen sein lassen, den ihm entgegengebrachten guten Willen zu vergelten und in allen Stücken seinen Vater an Güte zu übertreffen. 204 Die Menge nun, welche, wie das meistens zu geschehen pflegt, sich in dem Glauben befand, die Gesinnung derer, die die höchste Macht erlangen, trete schon gleich in der ersten Zeit zu Tage, erschöpfte sich, je herablassender und freundlicher Archelaus sie anredete, desto mehr in Lobeserhebungen und liess sofort schon ihre Wünsche laut werden. Die einen schrien um Verminderung der [474] jährlichen Abgaben, die anderen um Freilassung der zahlreichen Gefangenen, die Herodes schon so lange eingekerkert gehalten, 205 und noch andere um Abschaffung der auf den Marktverkehr gelegten und bisher mit aller Strenge eingetriebenen Steuern. Archelaus erhob nicht den mindesten Widerspruch, da es ihm vorläufig nur darum zu thun war, sich des Volkes Gunst zu verschaffen, die er im Hinblick auf die zu erstrebende Bestätigung für unerlässlich hielt. Alsdann brachte er Opfer dar und begab sich mit seinen Freunden zum Mahle.

Neuntes Kapitel.
Wie das Volk sich gegen Archelaus empörte, und wie dieser nach Rom reiste.

(1.) 206 Unterdessen scharten sich einige aufrührerisch gesinnte Juden zusammen und beklagten unter grossem Geschrei den Tod des Matthias und seiner Genossen, die Herodes hatte hinrichten lassen und denen man bis dahin, weil sie wegen der Zerstörung des goldenen Adlers mit dem Tode bestraft worden waren, aus Furcht vor Herodes die Ehre einer feierlichen Beisetzung noch nicht erwiesen hatte. Gleichzeitig stiessen sie, als ob das den Verstorbenen zum Trost gereichen könnte, Schmähungen gegen Herodes aus. 207 Alsdann hielten sie eine Versammlung ab und begehrten von Archelaus, er solle die Hinrichtung jener Männer an denen rächen, die sich der besonderen Wertschätzung des Herodes erfreut hatten. Vornehmlich aber solle er den von Herodes ernannten Hohepriester wieder absetzen und statt seiner einen anderen gesetzlicheren und zu dem Amte geeigneteren berufen. 208 Archelaus ärgerte sich zwar sehr über dieses ungestüme Drängen, wollte aber die Forderungen nicht schroff zurückweisen, weil er sobald als möglich nach Rom zu reisen gedachte, um sich der Bestätigung des Caesars zu versichern. 209 Er sandte deshalb einen seiner Offiziere zu ihnen, der sie bereden sollte, von ihrem Verlangen [475] nach Rache abzustehen, in der Erwägung, dass ihre Freunde nach dem Gesetz mit dem Tode bestraft worden seien und dass demnach ihr Begehren sich durchaus nicht zieme. Auch erfordere die Zeit ganz andere Dinge, und vor allem thue es not, einträchtig zusammenzuhalten, bis Archelaus vom Caesar bestätigt und wieder zurückgekehrt sei. Dann wolle er über ihre Forderungen sich mit ihnen verständigen; einstweilen aber sollten sie sich zufrieden geben und nicht das Verbrechen der Empörung auf sich laden.

(2.) 210 Alles das liess ihnen Archelaus durch den Offizier vorstellen. Sie aber schrien gewaltig, schnitten dem Boten des Königs das Wort ab und bedrohten ihn sowie jeden anderen, der es wagen würde, sie von ihrem Vorhaben abwendig machen zu wollen, mit dem Tode, da sie ihrem eigenen Willen und nicht dem ihrer Vorgesetzten gemäss zu handeln sich entschlossen hätten. 211 Es sei doch unerträglich, dass ihre lieben Freunde, die sie bei Lebzeiten des Herodes verloren, nun nicht einmal nach seinem Tode gerächt werden sollten. In ihrer Aufregung hielten sie eben das, was ihrem Willen entsprach, auch für recht und gesetzlich, ohne dass sie an die Gefahr dachten, die daraus für sie entstehen konnte. Kam aber auch wirklich der eine oder andere auf einen solchen Gedanken, so trat er doch bald wieder hinter dem Verlangen nach Rache an ihren vermeintlichen Todfeinden zurück. 212 Und obwohl Archelaus noch manchen Boten zu ihnen entsandte, um sich mit ihnen zu verständigen, sowie auch noch viele andere Bürger aus eigenem Antrieb sich zu ihnen begaben, um sie auf vernünftigere Gedanken zu bringen, liessen sie doch niemand zu Wort kommen. So entstand denn allmählich ein förmlicher Aufruhr, und es war leicht vorauszusehen, dass derselbe bald grössere Dimensionen annehmen würde, weil eine immer zahlreichere Menge sich an die Unzufriedenen anschloss.

(3.) 213 Da um diese Zeit das Fest herannahte, an welchem die Juden nach väterlicher Sitte nur ungesäuertes Brot [476] essen (dieses Fest heisst Pascha und ist eingesetzt zur Erinnerung an den Auszug aus Aegypten; es wird mit grosser Freude begangen, und es werden an demselben mehr Opfertiere als an irgend einem anderen Feste geschlachtet, 214 wie auch zu seiner Feier eine gewaltige Menge Menschen aus dem ganzen Lande, ja selbst aus dem Auslande zusammenströmt), hielten auch jene Aufrührer sich unter beständigen Klagen um die Gesetzeslehrer Judas und Matthias im Tempel zusammen. An den notwendigen Lebensmitteln hatten sie dabei keinen Mangel, denn sie schämten sich nicht, dieselben von anderen sich zu erbetteln. 215 Deshalb schickte Archelaus aus Besorgnis, die Verwegenheit der Aufrührer möchte zu einem schlimmen Ausgang führen, einen Hauptmann mit einer Abteilung Soldaten dorthin, um den Empörern Einhalt zu thun, ehe noch die übrige Volksmenge in den Taumel mit hineingerissen würde, und um die Rädelsführer festzunehmen und ihm vorzuführen. 216 Gegen diese Soldaten aber hetzten die am Aufruhr beteiligten Gesetzeslehrer das Volk durch lärmende Zurufe auf, sodass es schliesslich zum förmlichen Angriff des Volkes auf die Kriegsleute kam, die umzingelt und grösstenteils mit Steinen zu Tode geworfen wurden, während der Hauptmann und einige wenige seiner Leute verwundet die Flucht ergreifen mussten. Nach dieser That wandte sich das Volk wieder den Opfern zu. 217 Archelaus aber, der wohl einsah, dass seine ganze Macht in Gefahr stände, wenn er dem Ungestüm der Menge nicht mit Nachdruck entgegenträte, bot seine ganze Streitmacht gegen die Empörer auf und liess besonders durch seine Reiterei die ausserhalb des Tempels befindliche Volksmenge verhindern, denen, die im Tempel waren, Hilfe zu leisten. Auch hatte die Reiterei den Befehl, diejenigen Aufrührer, welche den Händen der Fusssoldaten entschlüpften und sich schon in Sicherheit wähnten, abzufangen. 218 Auf diese Weise wurden gegen dreitausend der Empörer von der Reiterei zusammengehauen, während der Rest sich auf die nahegelegenen Berge zurückzog. Archelaus liess alsdann verkündigen, [477] es sollten sich alle nach Hause begeben, was denn auch geschah, da die Aufständischen es geraten fanden, aus Furcht vor grösserem Unheil sich vom Feste zu entfernen, nachdem sie sich aus Unerfahrenheit zu dem verwegenen Unternehmen hatten hinreissen lassen. 219 Hierauf begab sich Archelaus mit seiner Mutter, Nikolaus, Ptolemaeus und vielen seiner Freunde ans Meer, nachdem er die Sorge für sein Hauswesen und die Regierungsgeschäfte seinem Bruder Philippus übertragen hatte. 220 Ferner begleitete ihn des Herodes Schwester Salome nebst ihren Söhnen und vielen anderen Verwandten, dem Scheine nach, um ihm bei Erlangung der Herrschaft behilflich zu sein, in Wirklichkeit aber, um ihm Hindernisse in den Weg zu legen und ganz besonders, um ihn wegen der Vorgänge im Tempel zu verklagen. 221 In Caesarea begegnete dem Archelaus der Finanzverwalter des Caesars in Syrien, Sabinus, der nach Judaea eilte, um des Herodes Schätze in Verwahrung zu nehmen. Doch es kam noch rechtzeitig Varus hinzu, der ihn von der Weiterreise Abstand nehmen hiess. 222 Den Varus aber hatte Archelaus durch Ptolemaeus herbeirufen lassen, und ihm zuliebe besetzte Sabinus weder die Festungen Judaeas, noch versiegelte er die Schätze, sondern liess sie in der Gewalt des Archelaus, bis der Caesar nähere Bestimmungen getroffen haben würde. Dann gab er dem Archelaus ein förmliches diesbezügliches Versprechen und blieb in Caesarea zurück. Kaum aber war Archelaus nach Rom und Varus nach Antiochia abgereist, als Sabinus sich sogleich nach Jerusalem begab und den Palast in Besitz nahm. 223 Hierauf liess er die Festungskommandanten und alle Verwaltungsbeamten rufen, forderte sie auf, Rechenschaft abzulegen, und wollte mit den Festungen nach seinem Gutdünken verfahren. Die Beamten des Archelaus aber hielten sich streng an dessen Befehle und erklärten, alles der Entscheidung des Caesars vorbehalten zu wollen.

(4.) 224 Um diese Zeit reiste auch Antipas, der Sohn des Herodes (von der Samariterin Malthake), nach Rom in [478] der Absicht, sich daselbst um den Thron zu bewerben. Verleitet wurde er hierzu durch die Vorspiegelungen der Salome, die ihm einraunte, er habe bei weitem mehr Anspruch auf die Regierung als Archelaus, da er indem früheren Testamente, welches grössere Giltigkeit wie das spätere habe, zum König ernannt worden sei. 225 Antipas hatte auch seine Mutter bei sich sowie Ptolemaeus, den Bruder des Nikolaus, der einst ein besonderer Vertrauter des Herodes gewesen war, nun aber auf seiner Seite stand. 226 Am meisten jedoch wurde Antipas zur Bewerbung um die Herrschaft veranlasst durch den Redner Irenaeus, der seiner hervorragenden Beredsamkeit wegen es bis zum Verwalter des Reiches gebracht hatte. Deshalb schenkte auch Antipas denen, welche ihm rieten, dem Archelaus als dem älteren von ihnen und als dem im letzten Testamente seines Vaters vorherbestimmten Könige den Vorrang zu lassen, kein Gehör. 227 Als er nun nach Rom gekommen war, ergriffen sämtliche Verwandten seine Partei, nicht so sehr aus Anhänglichkeit gegen ihn, als aus Hass gegen Archelaus. Vor allem nämlich wünschten sie frei zu sein und nur unter dem römischen Landpfleger zu stehen; sollte ihnen das aber nicht gelingen, so hofften sie bei Antipas immer noch besser zu fahren als bei Archelaus und boten daher alles auf, um dem ersteren zur Herrschaft zu verhelfen. Übrigens verklagte auch Sabinus brieflich den Archelaus beim Caesar.

(5.) 228 Archelaus übersandte nun dem Augustus einen Brief, in welchem er seine Rechtsansprüche verteidigte, nebst dem Testament seines Vaters, ordnete dann den Ptolemaeus mit einem Verzeichnis der von Herodes hinterlassenen Schätze und mit dessen Siegel an ihn ab und sah nun dem Erfolg seiner Bemühungen entgegen. 229 Als der Caesar die Schriftstücke sowie die Briefe des Varus und des Sabinus gelesen, sich von dem Nachlasse des Herodes und den jährlichen Einkünften Kenntnis verschafft und auch den Brief des Antipas, in welchem dieser sich um die Herrschaft bewarb, erhalten hatte, berief er seine Vertrauten zusammen, um deren Meinungsäusserungen [479] entgegenzunehmen, darunter auch Gajus, den Sohn Agrippas und der Julia, der Tochter des Caesars, den der letztere adoptiert und dem er im Rate den ersten Platz zuerkannt hatte. 230 Auf die Aufforderung des Augustus, zu der vorliegenden Angelegenheit das Wort zu ergreifen, meldete sich zuerst Antipater, der Sohn der Salome, ein äussert gewandter und dem Archelaus sehr feindlich gesinnter Mann, welcher ausführte, Archelaus bewerbe sich wohl jetzt nur zum Scherz um die Herrschaft, da er sich die Gewalt schon angemasst, ehe der Caesar ihm dieselbe bestätigt habe. Beweis dessen sei die Kühnheit, mit der er am Feste so viele Menschen habe umbringen lassen. 231 Denn wenn dieselben auch unrecht gehandelt hätten, so hätte ihre Bestrafung doch der rechtmässigen Obrigkeit vorbehalten bleiben müssen. Keinesfalls aber hätte dieselbe von einem Manne vollzogen werden dürfen, der, wenn er so als König verfahren wäre, den Caesar beleidigt haben würde, da ihm dessen Gesinnung gegen ihn noch gar nicht bekannt gewesen sei. Habe er aber so als Privatmann gehandelt, so sei die Sache noch viel schlimmer, und es dürfe einem Manne, der sich um die Königswürde bemühe, vom Caesar nicht die Gewalt gegeben werden, deren er vorher diesen selbst beraubt habe. 232 Weiterhin machte er dem Archelaus zum Vorwurf, dass er einige Militärobersten ihrer Stellungen enthoben, dass er sich auf den königlichen Thron gesetzt, Streitigkeiten entschieden, als ob er schon König wäre, den Forderungen, die das Volk öffentlich vorgebracht, Erfüllung zugesagt, kurz sich in allem so benommen habe, dass er auch nicht mehr hätte thun können, wenn er vom Caesar bereits bestätigt gewesen sei. 233 Dann beschuldigte er ihn, die in der Rennbahn Eingeschlossenen freigelassen zu haben, und brachte manches andere bei, das teils auf Wahrheit beruhte, teils deshalb den Schein, der Wahrheit an sich trug, weil derartiges von jungen Leuten, die aus Herrschsucht voreilig ihre Hand nach der Krone ausstrecken, verübt zu werden pflegt. Ja, er warf ihm sogar vor, dass er die Trauer um seinen Vater [480] vernachlässigt und gleich in der ersten Nacht nach dessen Tod Schmausereien veranstaltet habe, 234 worauf auch die Empörung des Volkes zurückzuführen sei. Wenn er nun seinem Vater, der ihm so viele und grosse Wohlthaten erwiesen, mit so schlechtem Dank gelohnt habe, dass er am Tage wie ein echter Schauspieler Trauer geheuchelt und die Nächte hindurch in königlichen Lüsten geschwelgt habe, 235 so werde er sich gewiss gegen den Caesar, wenn er von ihm die Herrschaft erlange, nicht anders benehmen. Denn er ergötze sich an Gesang und Tanz, als ob sein schlimmster Feind, nicht aber ein ihm so nahestehender Wohlthäter aus dem Leben geschieden wäre. 236 Das Schlimmste aber sei, dass er erst jetzt zum Caesar komme, um dessen Bestätigung zu erbitten, nachdem er schon vorher alles nach seinem eignen Gutdünken vollführt habe, obgleich er das erst hätte thun dürfen, nachdem sein oberster Herr ihm die Vollmacht dazu gegeben. 237 Besonders viel Wesens machte Antipater aus dem im Tempel angerichteten Blutbad: an einem hohen Festtage seien Fremde wie Einheimische gleich Schlachtopfern hingewürgt und der Tempel mit den Leichen der Erschlagenen angefüllt worden, und das nicht etwa auf Geheiss eines Fremden, sondern dessen, der unter dem Vorwand königlicher Machtvollkommenheit sich zu dieser That habe hinreissen lassen, um in tyrannischer Willkür die schändlichste Ungerechtigkeit begehen zu können. 238 Daher sei es dem Herodes, der den Charakter des Archelaus genau gekannt habe, nicht einmal im Traume eingefallen, diesen zu seinem Nachfolger zu ernennen. Vielmehr habe er in dem Testamente, das den meisten Anspruch auf Rechtsgiltigkeit habe, dessen Gegner Antipas als König eingesetzt, und zwar nicht etwa zu einer Zeit, als seine körperlichen und geistigen Kräfte schon nachgelassen hätten, sondern bei vollem Verstande und im Besitze derjenigen körperlichen Rüstigkeit, die zu solchen Handlungen erforderlich sei. 239 Aber selbst wenn auch des Herodes Urteil über Archelaus früher schon ebenso gelautet hätte, als in dem [481] späteren Testamente, so habe der letztere doch hinlänglich zu erkennen gegeben, wie er sich als König benehmen wolle, da er den Caesar, in dessen Macht es stehe, ihm die Königswürde zu verleihen, in diesem Rechte beeinträchtigt und schon als Privatmann kein Bedenken getragen habe, im Tempel seine Mitbürger hinzuschlachten.

(6.) 240 Nachdem Antipater so gesprochen und viele seiner Verwandten als Zeugen für die Wahrheit seiner Worte aufgerufen hatte, beendigte er seine Rede, und es erhob sich nun Nikolaus, der Sachwalter des Archelaus, und sprach: „Die Vorgänge im Tempel sind mehr der Hartnäckigkeit derer zuzuschreiben, die dabei den Tod gefunden haben, als der Willkür des Archelaus. Denn diejenigen, welche sich auf solche Dinge einlassen, begehen nicht nur dadurch Unrecht, dass sie Unschuldige aufreizen, sondern auch dadurch, dass sie die Rache der Friedliebenden herausfordern. 241 Den Worten nach haben zwar diese Menschen Feindseligkeiten gegen Archelaus begangen, in Wahrheit aber offen gegen den Caesar gefrevelt. Denn es steht fest, dass jene Aufrührer die Soldaten, die Archelaus zur Unterdrückung der Bewegung gegen sie gesandt hatte, angegriffen und niedergemacht haben, ohne Rücksicht auf Gott und unsere heiligsten Festtage zu nehmen. 242 Das sind also die Menschen, die Antipater hier in Schutz zu nehmen sich erdreistet, sei es nun, dass er dadurch seinem Hasse gegen Archelaus Ausdruck verleihen will, sei es, dass er für Recht und Gerechtigkeit keine Empfindung mehr hat. Denn die, welche andere angreifen und unversehens überfallen, zwingen die Angegriffenen selbst wider deren Willen, die Waffen in die Hand zu nehmen. 243 Für alles übrige aber, was hier dem Archelaus vorgeworfen worden ist, muss er die Schuld den Anklägern beimessen, die seine Ratgeber gewesen sind. Denn nichts von dem, was hier als Unrecht ausgegeben wurde, ist ohne ihren Rat geschehen, und es handelt sich auch in Wirklichkeit gar nicht um Unrecht, sondern man stellt die Thaten [482] nur aus Hass gegen Archelaus als Ungerechtigkeiten dar. Hieraus kann man ersehen, wie gross die Sucht der Ankläger ist, ihrem Verwandten zu schaden, der sich doch um ihren eigenen Vater so verdient gemacht und ihnen selbst alle möglichen Freundschaftsdienste erwiesen hat. 244 Sein Testament aber hat Herodes bei vollem Verstande aufgesetzt, und zweifellos ist das letzte Testament gütiger als das erste, zumal er alle darin enthaltenen Bestimmungen der Genehmigung des Caesars vorbehalten hat. 245 Es ist daher nicht zu befürchten, dass der Caesar die Unbilligkeit derjenigen nachahmen wird, die, nachdem sie bei Lebzeiten des Herodes aus dessen Macht nur Nutzen gezogen haben, jetzt nach seinem Tode sich seinem Willen widersetzen, und das in dem Bewusstsein, dass sie sich bei weitem um Herodes nicht so verdient gemacht haben wie Archelaus. 246 Denn der Caesar ist nicht der Mann, der das ihm zur Bestätigung vorgelegte Testament eines Freundes und Bundesgenossen, der sich wie in allen Stücken so auch in diesem Punkte völlig seinem Willen untergeordnet hat, für ungiltig erklären wird. Das entspricht in keiner Weise seinem Gerechtigkeitsgefühl und seiner Treue, die in der ganzen Welt bekannt ist, 247 und er wird es sich nicht beifallen lassen, zu erklären, ein König, der einen braven Sohn zu seinem Nachfolger bestimmt und dazu auch noch den Caesar um die Bestätigung seines Testamentes gebeten hat, sei nicht mehr bei gesundem Verstande gewesen. Denn wenn Herodes bei Abfassung seines Testamentes noch so viel Verstand besessen hat, dass er alles der Genehmigung des Caesars anheimstellte, so musste er doch auch bei der Wahl seines Nachfolgers noch im vollen Besitz seiner Geisteskräfte sein.“

(7.) 248 Hiermit schloss Nikolaus seine Rede. Der Caesar aber richtete den Archelaus, der sich ihm zu Füssen geworfen hatte, freundlich auf und erklärte ihn für am würdigsten zur Bekleidung der königlichen Gewalt, womit er deutlich zu verstehen gab, er sei so gesinnt, [483] dass er nichts anderes anordnen werde, als was das Testament bestimme und was dem Archelaus zum Vorteil gereiche. 249 Da er nun merkte, dass Archelaus infolge dieses hinreichenden Beweises seines Wohlwollens von Vertrauen zu ihm durchdrungen sei, hielt er es für geraten, vorläufig nichts Endgiltiges festzusetzen. Alsdann entliess er die Versammelten und ging mit sich zu Rate, ob er den Archelaus auf dem Throne bestätigen oder das Reich unter alle Söhne des Herodes, die, wie er sah, seiner Hilfe in hohem Grade bedurften, gleichmässig teilen solle.

Zehntes Kapitel.
Aufstand der Juden gegen Sabinus. Varus stellt die Ordnung wieder her.

(1.) 250 Bevor aber in dieser Angelegenheit ein endgiltiger Beschluss gefasst war, erkrankte und starb des Archelaus Mutter Malthake, und zugleich kam von Varus, dem Statthalter Syriens, ein Brief an, worin er von einem Aufstand der Juden Meldung machte. 251 Nach der Abreise des Archelaus nämlich hatte sich das gesamte Volk empört. Varus aber schritt nach seiner Ankunft gegen die Rädelsführer ein, dämpfte den nicht unbedeutenden Aufruhr zum grössten Teil und begab sich dann nach Antiochia zurück, nachdem er in Jerusalem eine Legion zurückgelassen hatte, um die Juden im Zaume zu halten, falls sie wieder unruhig würden. 252 Doch war es ihm nicht gelungen, den Aufstand völlig zu unterdrücken. Denn sobald Varus abgereist war, machte Sabinus, der als stellvertretender Landpfleger zurückgeblieben war, den Juden mancherlei zu schaffen, indem er hoffte, mit der ihm zu Gebote stehenden nicht geringen Truppenmacht ihrer Herr werden zu können. 253 Er nahm überallhin eine Schar bewaffneter Trabanten mit, durch welche er die Juden bedrückte und zu neuem Aufruhr reizte, sodass sie, von Gewinnsucht und Raublust [484] getrieben, sich der Kastelle zu bemächtigen suchten, welche die königlichen Schätze bargen.

(2.) 254 Als nun das Fest Pentekoste herannahte, strömten in Jerusalem nicht nur zum Gottesdienste, sondern auch aus Erbitterung über die Gewaltthätigkeit des Sabinus eine Menge Einwohner aus Galilaea, Idumaea und Jericho, die nach Tausenden zählten, zusammen. Ausserdem fanden sich alle Bewohner der jenseits des Jordans gelegenen Landesteile ein, und endlich schloss sich eine grosse Anzahl Juden an, die noch mehr als alle anderen vor Begierde brannten, sich an Sabinus zu rächen. 255 Die ganze Masse teilte sich in drei Abteilungen, deren erste sich in die Rennbahn warf, während von den beiden übrigen die eine die östliche Seite des Tempels von der Nordseite an bis zur Südseite, die andere die westliche Seite, wo die Königsburg lag, besetzte. Man verfolgte damit den Zweck, die Römer von allen Seiten einzuschliessen und sie zu belagern. 256 Sabinus, den ebenso sehr die grosse Menge der Aufrührer wie die Verwegenheit, mit der sie lieber sterben als unterliegen wollten, in Schrecken versetzte, gab sogleich dem Varus briefliche Nachricht und bat ihn um schleunige Hilfe, da die in Jerusalem zurückgelassene Legion in der grössten Gefahr schwebe und nahe daran sei, gefangen und niedergemacht zu werden. 257 Dann stieg er auf den höchsten Turm der Burg, der zu Ehren Phasaëls, des Bruders des Herodes, nachdem die Parther ihn umgebracht hatten, errichtet und nach ihm Phasaël genannt worden war, und gab den Römern das Zeichen zum Angriff auf die Juden. Während er nun selbst nicht einmal zu seinen Freunden hinabzusteigen wagte, verlangte er doch von anderen, dass sie sich seiner Habsucht wegen in Todesgefahr stürzen sollten. 258 Die Römer rückten also aus, und es entspann sich ein scharfer Kampf, in welchem zuletzt die Römer Sieger blieben. Dennoch verloren die Juden in der Gefahr und beim Anblick der vielen auf ihrer Seite Gefallenen nicht den Mut, sondern machten eine Schwenkung, 259 stiegen auf [485] die um den äusseren Vorhof des Tempels liegenden Hallen, erneuerten den Kampf und warfen teils mit den Händen, teils mit Schleudern Steine von oben hinab, da sie in dieser Art des Kampfes besonders geübt waren. 260 Zwischen ihnen verteilten sich dann noch sämtliche Bogenschützen und fügten den Römern gewaltigen Schaden zu, weil sie an einem erhabenen Orte standen, wo die feindlichen Geschosse sie nicht erreichen konnten, während sie selbst ohne Mühe den Gegnern zuzusetzen vermochten. 261 Auf diese Art zog sich der Kampf lange Zeit hin, bis endlich die Römer in ihrer Erbitterung, ohne dass die oben befindlichen Juden es merkten, Feuer in die Hallen warfen, welches, da sie den Feuerbränden leicht entzündliche Stoffe zufügten, alsbald das Dach ergriff. 262 Dieses aber wurde bei der grossen Menge von Pech, Wachs und mit Wachs überzogenem Golde, das sich an ihm vorfand, sehr schnell ein Raub der Flammen, und so war das gewaltige und bewunderungswürdige Werk rasch zerstört. Alle, die auf den Hallen standen, fanden auf diese Weise unversehens den Tod. Denn die einen stürzten mit dem einbrechenden Dache herab, die anderen wurden von den Feinden niedergemacht, 263 und viele, die keinen Ausweg zur Rettung erspähen konnten und vor Entsetzen ausser sich waren, warfen sich ins Feuer oder töteten sich, um den Flammen zu entgehen, mit dem eigenen Schwert. Diejenigen endlich, welche rückwärts auf demselben Wege entfliehen wollten, auf dem sie heraufgestiegen waren, wurden, da sie der Waffen beraubt waren und selbst in ihrer Verzweiflung nichts mehr auszurichten vermochten, mühelos von den Römern niedergemetzelt, 264 sodass von denen, die auf das Dach gestiegen waren, auch nicht ein einziger mit dem Leben davonkam. Die Römer aber drangen durch die Flammen, wo dies möglich war, in das Heiligtum und bemächtigten sich des Tempelschatzes, von dem die Soldaten einen grossen Teil an sich rissen, während Sabinus selbst vor aller Augen vierhundert Talente wegnahm.

[486] (3.) 265 Das Unglück, welches ihre im Kampf gefallenen Freunde betroffen, sowie die Plünderung des Tempelschatzes und der Weihgeschenke erfüllte die Juden mit grösstem Schmerz. Gleichwohl scharte sich eine Anzahl der tapfersten Männer zusammen, welche nun die Königsburg belagerten und sie anzuzünden drohten. Doch versprachen sie den Belagerten, dass, wenn sie die Burg rasch verliessen, weder ihnen noch dem Sabinus etwas geschehen solle. 266 Daraufhin ging der grösste Teil der Königlichen zu den Juden über; Rufus aber und Gratus, welche dreitausend der besten Soldaten des Herodes unter sich hatten, schlugen sich auf die Seite der Römer. Dasselbe that auch eine Anzahl Reiter, welche Rufus befehligte, sodass die Römer einen nicht unbedeutenden Zuwachs erhielten. 267 Nichtsdestoweniger setzten die Juden die Belagerung fort, legten unterirdische Gänge an und schrien den Belagerten zu, sie sollten sich nur herausscheren und sie nicht hindern, ihr Vaterland zu befreien. 268 Dem Sabinus wäre nun freilich nichts erwünschter gewesen, als sich mit seinen Soldaten davonmachen zu können, doch traute er wegen der von ihm verübten Frevelthaten den Juden nicht recht, und die ungewöhnliche Milde der Feinde, die ihm Verdacht einflösste, war schuld daran, dass er ihre Bedingungen zurückwies. Dazu kam, dass er von Varus Hilfe erwartete, und so entschloss er sich, die Belagerung auszuhalten.

(4.) 269 Um diese Zeit entstanden in Judaea auch noch vielerlei andere Unruhen, indem gar manche bald hier, bald da entweder aus Gewinnsucht oder aus Hass gegen die Juden Aufruhr anzettelten. 270 So thaten sich in Judaea selbst zweitausend Mann, die einst unter Herodes gedient hatten und bereits eine Zeitlang entlassen waren, zusammen und begannen die Königlichen zu belagern. Dieser Schar leistete Achiab, der Vetter des Herodes, Widerstand, doch konnte er sich auf die Dauer gegen so erfahrene Krieger im Felde nicht behaupten und zog sich deshalb auf unzugängliche [487] Anhöhen zurück, um zu retten, was noch zu retten war.

(5.) 271 Ferner sammelte ein gewisser Judas, der Sohn des Räuberhauptmannes Ezechias, der eine grosse Macht besass und von Herodes nur mit Mühe niedergehalten worden war, bei Sepphoris, einer Stadt in Galilaea, eine Schar verkommener Menschen, griff damit das Zeughaus an, bemächtigte sich der daselbst befindlichen Waffen, teilte sie unter die Seinigen aus, raubte auch das dort aufbewahrte Geld 272 und verbreitete allseitig Schrecken, indem er jeden, der ihm in die Hände fiel, plünderte und mit sich fortschleppte. Ja, er strebte sogar nach der Königsherrschaft und glaubte dieselbe nicht so sehr durch Tapferkeit, als vielmehr durch zügellose Zerstörungssucht erringen zu können.

(6.) 273 Auch ein gewisser Simon, ein Knecht des Königs Herodes und ein Mensch von hoher, schöner Gestalt, wollte aus der allgemeinen Verwirrung Nutzen ziehen und wagte sich die Königskrone aufzusetzen. 274 Dann sammelte er eine Menge Abenteurer um sich, liess sich von diesem sinnlosen Haufen als König begrüssen und glaubte von sich selbst, dass er mehr wie alle anderen der Königsherrschaft würdig sei. Er plünderte darauf den Königspalast in Jericho und äscherte ihn ein, zündete auch noch an vielen anderen Orten die königlichen Schlösser an und überliess alles, was sich darin vorfand, seiner Mannschaft als Beute. 275 Zweifellos hätte er noch schlimmeres Unheil angerichtet, wenn man nicht zeitig gegen ihn eingeschritten wäre. Gratus nämlich vereinigte die königlichen Streitkräfte mit den Römern und zog ihm mit seiner gesamten Truppenmacht entgegen. 276 Nach einem langen und scharfen Gefechte wurde die Bande des Simon, die aus den Gegenden jenseits des Jordan zusammengelaufen war und mehr tollkühn als kunstgerecht ohne alle Ordnung kämpfte, gänzlich vernichtet. Simon selbst aber wurde, als er, um sein Leben zu retten, durch einen Engpass entfliehen wollte, von Gratus eingeholt und enthauptet. 277 Auch bei [488] Amatha, einer Stadt am Jordan, wurde ein königliches Schloss von einer Horde, die der des Simon ähnlich war, in Brand gesteckt. Ein solcher Taumel war damals über das ganze Volk gekommen, weil es keinen eigenen König hatte, der durch eine gerechte und kraftvolle Regierung die Menge hätte lenken können, und weil die Ausländer, die zur Züchtigung der Aufständischen ins Land eingedrungen waren, durch ihren Übermut und ihre Habsucht das Übel nur noch verschlimmerten.

(7.) 278 Hierauf vermass sich auch ein gewisser Athronges, ein Mann, der sich weder auf vornehme Herkunft, noch auf Tüchtigkeit und Reichtum berufen konnte, sondern ein einfacher Schafhirt war und sich durch nichts anderes als durch einen riesenhaften Körperbau und gewaltige Stärke auszeichnete, seine Hand nach der Krone auszustrecken. Dieser sehnte sich so sehr nach der Macht, anderen Schaden zufügen zu können, dass er, obgleich er beständig den Tod vor Augen sah, doch den Verlust des Lebens, den er sich durch seine Übelthaten zuziehen würde, für nichts achtete. 279 Er hatte vier Brüder, welche, da sie ebenfalls von gewaltigem Körperbau und so handfest waren, dass sie jedem noch so schwierigen Unternehmen gewachsen schienen, seiner Meinung nach ihm sehr nützlich bei der Behauptung der errungenen Herrschaft sein konnten. Jeder von diesen vier Brüdern befehligte eine Rotte Abenteurer, da eine grosse Menschenmasse ihnen zugelaufen war, 280 und als Anführer dieser Rotten liessen sie sich auf Gefechte ein und schlugen sich für Athronges. Er selbst aber setzte sich die Königskrone auf, hielt Rat, wie man die einzelnen Unternehmungen anzugreifen habe, und ordnete alles nach seiner Willkür an. 281 So hielt er sich lange Zeit, führte den Titel König und that, was ihm beliebte; auch verursachte er mit seinen Brüdern den Römern nicht weniger Schaden wie den Königlichen, da er gegen beide Teile in gleicher Weise aufgebracht war, gegen die Königlichen nämlich wegen des Übermutes, den sie [489] unter Herodes an den Tag gelegt, und gegen die Römer wegen der Unbilden, welche diese ihm zugefügt hatten. 282 In der Folgezeit wüteten sie überall mit gleicher Grausamkeit, sodass bei ihrer Habgier und Mordsucht kaum einer, der ihnen in die Hände fiel, dem Tode entging. Eines Tages griffen sie sogar bei Emmaus eine römische Kohorte an, die dem Heere Getreide und Waffen zuführte, und umzingelten dieselbe so vollständig, dass sie den Befehlshaber der Abteilung, Arius, welcher zugleich Anführer der Legion war, nebst vierzig der tapfersten Fusssoldaten mit Pfeilschüssen niederstrecken konnten. 283 Den übrigen, die infolge dieser Niederlage wie fassungslos waren, eilte Gratus mit den Königlichen zu Hilfe, sodass sie unter Zurücklassung der Leichen ihrer Kameraden noch so eben mit dem Leben davon kamen. In dieser Weise trieben es die Abenteurer noch lange Zeit, liessen sich bald hier, bald da auf Gefechte ein und fügten den Römern ebenso bedeutenden Schaden zu, als sie ihr eigenes Volk schwer bedrückten. 284 Später aber unterlagen sie alle vier: der eine fiel in einem Treffen gegen Gratus, der andere bei einem Zusammenstoss mit Ptolemaeus, und als auch der älteste in die Gewalt des Archelaus geraten war, grämte sich der vierte so sehr über seines Bruders Geschick, dass er, da übrigens auch seine Mannschaft durch Krankheiten und die beständigen Strapazen völlig erschöpft war, sich ebenfalls auf Gnade und Ungnade dem Archelaus ergab. Doch geschah dies erst später.

(8.) 285 So war Judaea eine wahre Räuberhöhle, und wo sich nur immer eine Schar von Aufrühren zusammenthat, wählten sie gleich Könige, die dem Staate sehr verderblich wurden. Denn während sie den Römern nur unbedeutenden Schaden zufügten, wüteten sie gegen ihre eigenen Landsleute weit und breit mit Mord und Totschlag.

(9.) 286 Sobald Varus aus einem Briefe des Sabinus die Lage der Dinge erfuhr, zog er, besorgt wegen des Schicksals der in Jerusalem zurückgelassenen Legion, [490] die beiden anderen der in Syrien liegenden drei Legionen sowie vier Schwadronen Reiter und alle Hilfstruppen der Könige und Tetrarchen an sich und eilte damit den in Judaea Belagerten zu Hilfe. 287 Alle vorausgeschickten Truppen hatten Befehl, schleunigst nach Ptolemaïs zu marschieren. Auch die Berytier stellten ihm, als er durch ihre Stadt zog, noch fünfzehnhundert Mann Bundestruppen, und ebenfalls sandte ihm Aretas, der König des petraeischen Arabien, der aus Hass gegen Herodes ein Freund der Römer geworden war, ausser Reitern und Fusssoldaten noch sonstige Hilfsmittel. 288 Als nun die ganze Streitmacht bei Ptolemaïs versammelt war, übergab er einen Teil derselben seinem Sohne und einem seiner Freunde und befahl ihnen, die oberhalb Ptolemaïs wohnenden Galiläer mit Krieg zu überziehen. 289 Diese Abteilung griff alsbald die Feinde an, schlug sie in die Flucht, äscherte die Stadt Sepphoris ein und verkaufte deren Einwohner in die Sklaverei. Varus selbst zog mit dem gesamten übrigen Heere auf Samaria an. Weil aber diese Stadt sich am Aufstande nicht beteiligt hatte, verschonte er dieselbe und schlug sein Lager bei dem Dorfe Arus auf, das zum Gebiete des Ptolemaeus gehörte. 290 Dieses Dorf legten die von Aretas dem Varus zu Hilfe geschickten Araber, die aus Hass gegen Herodes auch dessen Freunden feindlich gesinnt waren, in Asche. Von da zogen die Araber weiter und plünderten und verbrannten einen anderen sehr befestigten Ort mit Namen Sampho. 291 Auch was ihnen sonst auf ihrem Marsch in die Quere kam, verheerten sie durch Feuer und Schwert. Varus seinerseits liess Emmaus, das jedoch von seinen Bewohnern schon verlassen war, in Flammen aufgehen, um den dort Gefallenen ein feierliches Totenopfer zu bringen. 292 Alsdann rückte er gegen Jerusalem. Sobald aber die Juden, welche die Legion von dieser Seite aus belagerten, das Heer des Varus gewahrten, ergriffen sie die Flucht und liessen von der Belagerung ab. 293 Als nun Varus den Juden zu Jerusalem heftige Vorwürfe machte, entschuldigten sie sich damit, [491] dass das Volk des Festes wegen in Jerusalem sich so massenhaft eingefunden habe, und dass der Krieg nicht auf ihren Rat, sondern nur infolge der Verwegenheit der Auswärtigen unternommen worden sei. Sie seien mehr in Gemeinschaft mit den Römern belagert worden, als sie selbst daran gedacht hätten, die Römer zu belagern. 294 Es waren aber schon vorher dem Varus entgegengezogen Josephus, der Vetter des Herodes, Gratus und Rufus mit ihren Soldaten sowie die Römer, welche belagert gewesen waren. Sabinus dagegen kam dem Varus nicht unter die Augen, sondern entfernte sich heimlich aus der Stadt und reiste nach der Küste.

(10.) 295 Darauf sandte Varus einen Teil seiner Truppen durchs Land, um die Urheber der Empörung aufzusuchen. Von den ermittelten Rädelsführern bestrafte er nur die, welche am meisten schuldig befunden wurden, während er die übrigen freiliess. Im ganzen wurden zweitausend um dieser Ursache willen ans Kreuz geschlagen. 296 Das Kriegsvolk aber, welches ihm nun zu nichts mehr dienlich sein konnte, verabschiedete er, da es seinem Willen und Befehl zuwider aus Raubgier vielerlei Frevelthaten begangen hatte. 297 Als er dann vernahm, es hätten sich wieder zehntausend Juden zusammengerottet, brach er sogleich auf, um sie niederzuwerfen. Die Juden wagten indes nicht, mit ihm handgemein zu werden, sondern ergaben sich ihm auf den Rat des Achiab samt und sonders. Varus liess nun dem gemeinen Haufen der Empörer Verzeihung zuteil werden, die Anführer aber schickte er sämtlich dem Caesar zu. 298 Dieser entliess die meisten von ihnen unbestraft, und nur die, welche zu den Verwandten des Herodes gehörten und sich den Aufrührern angeschlossen hatten, liess er hinrichten, weil sie allem Recht und Pflichtgefühl zum Hohn gegen ihre eigenen Verwandten die Waffen ergriffen hatten.

[492]
Elftes Kapitel.
Gesandtschaft der Juden an den Caesar. Augustus bestätigt das Testament des Herodes.

(1.) 299 Als Varus den Aufstand niedergeworfen hatte, liess er die Legion, welche auch bisher dort gelegen hatte, als Besatzung in Jerusalem zurück und begab sich wieder nach Antiochia. In Rom aber bekam Archelaus neue Händel aus folgender Veranlassung. 300 Von seiten der Juden war mit Erlaubnis des Varus eine Gesandtschaft nach Rom beordert worden, um dort das Begehren zu stellen, dass sie frei nach ihren Gesetzen leben dürften. Der Männer, die nach dem Beschluss des gesamten Volkes geschickt wurden, waren fünfzig, und zu Rom schlossen sich ihnen noch über achttausend Juden an. 301 Da nun der Caesar im Tempel des Apollo, den er mit grossen Kosten erbaut hatte, eine Ratsversammlung seiner Freunde und der vornehmsten Römer anberaumt hatte, kamen dahin auch die Gesandten, gefolgt von einer Menge römischer Juden, und Archelaus hatte sich ebenfalls mit seinen Freunden eingefunden. 302 Was die Verwandten des Königs Herodes betrifft, so wollten sie weder für Archelaus Partei ergreifen, weil sie ihn hassten, noch gegen ihn, weil sie es für unziemlich hielten, in Gegenwart des Caesars einem so nahen Verwandten feindlich entgegenzutreten. 303 Auch Philippus war auf Varus’ Antrieb aus Syrien gekommen, hauptsächlich um seinen Bruder, dem Varus besonders zugethan war, zu unterstützen, dann aber auch, um, falls eine Änderung in den Regierungsverhältnissen des Königreiches eintreten sollte, seinerseits nichts zu vernachlässigen, damit auch er einen Teil davon erhielte. Da nämlich viele Juden nach ihren eigenen Gesetzen zu leben begehrten, glaubte Varus, das Königreich würde geteilt werden.

(2.) 304 Als nun den Gesandten der Juden das Wort erteilt wurde, fürchteten sie sich, von Auflösung des [493] Reiches zu sprechen, und begannen daher mit der Klage über die Ungerechtigkeiten des Herodes. Dem Namen nach, sagten sie, sei derselbe wohl König gewesen, in der That aber habe er die ärgste Tyrannei ausgeübt, vieles zum Verderben der Juden ersonnen und sich nicht gescheut, eine Menge willkürlich erdachter Neuerungen einzuführen. 305 Eine grosse Anzahl Menschen habe er, was in früheren Zeiten niemals geschehen sei, auf verschiedene Art aus dem Wege geräumt. Diejenigen aber, welche er am Leben gelassen, seien noch viel unglücklicher, einmal wegen der Angst, die sein blutdürstiges Wesen ihnen eingeflösst habe, dann aber auch wegen der beständigen Besorgnis, ihr Vermögen zu verlieren. 306 Die benachbarten, von Ausländern bewohnten Städte habe er verschönert, um die in seinem eigenen Reiche gelegenen durch Steuern zu erschöpfen und zu Grunde zu richten. 307 Das Volk, das bei seinem Regierungsantritt sich noch eines besonderen Wohlstandes erfreut habe, habe er völlig verarmen, die Vornehmen um der geringfügigsten Ursache willen töten und ihr Vermögen einziehen lassen, und diejenigen, denen er wenigstens noch das Leben geschenkt, seien von ihm um Hab und Gut gebracht worden. 308 Ausserdem, dass er die den einzelnen auferlegten jährlichen Abgaben aufs strengste eingetrieben habe, sei man auch noch genötigt gewesen, ihm selbst, seinen Verwandten und Freunden sowie den Steuereinnehmern reiche Geschenke zu geben, weil man sich der Plackereien nur mit Aufopferung von Silber und Gold habe erwehren können. 309 Nicht reden wolle man davon, wie er mit der grössten Schamlosigkeit Frauen und Jungfrauen geschändet habe, weil es den Geschändeten fast mehr zum Trost gereiche, dass die Misshandlungen verborgen blieben, als dass sie nicht geschehen sein möchten. Kurz, sie seien von Herodes so misshandelt worden, dass ein wildes Tier ihnen wohl keine schlimmeren Unbilden hätte anthun können, wenn es zur Herrschaft über sie gelangt wäre. 310 Zwar sei ihr Volk auch schon früher von schweren [494] Unglücksfällen heimgesucht und zu Auswanderungen gezwungen worden; aber es komme doch in der Geschichte kein Beispiel einer Drangsal vor, die mit dem gegenwärtigen Elend, welches Herodes heraufbeschworen, verglichen werden könne. 311 Deshalb hätten sie auch zunächst mit gutem Grund den Archelaus freudig als König begrüsst, da sie überzeugt gewesen seien, es könne nicht leicht ein Nachfolger des Herodes, wer es auch sei, diesen an Härte übertreffen. Ja, sie hätten sogar dem Archelaus zulieb dessen Vater öffentlich betrauert, und sie würden noch mehr gethan haben, um sich sein Wohlwollen zu sichern, wenn sie ihn nur dadurch etwas milder hätten stimmen können. 312 Archelaus aber habe, gleich als ob er ängstlich gewesen sei, man möchte ihn nicht für den echten Sohn des Herodes halten, unverzüglich seine Gesinnung gegen das Volk dargelegt, und das zu einer Zeit, da er des Thrones noch gar nicht sicher gewesen sei, sondern es noch beim Caesar gestanden habe, ob er ihm denselben geben oder verweigern wolle. 313 Gleich zu Anfang seiner Regierung nämlich habe er seinen Unterthanen eine Probe seiner Mässigung und seines Gefühls für Recht und Billigkeit gegeben, indem er den Frevel gegen Gott und Menschen begangen habe, dreitausend seiner Landsleute im Tempel hinzumorden. Sei nun ihr Hass gegen Archelaus nicht vollkommen berechtigt, zumal noch der Umstand hinzu komme, dass er eine Anklage gegen sie erhoben habe, als ob sie sich seiner Herrschaft widersetzt hätten? 314 Mit einem Wort, ihre Forderung gehe dahin, dass sie von solcher Herrschaft befreit, der Provinz Syrien zugeteilt und einem römischen Landpfleger unterstellt würden. Auf diese Weise werde es sich zeigen, ob sie aufrührerisch und umstürzlerisch, oder aber unter einer gerechten Regierung ruhig und zufrieden seien.

(3.) 315 Sobald die Juden diese ihre Rede beendigt hatten, unternahm es Nikolaus, die Könige von den gegen sie erhobenen Beschuldigungen zu reinigen. Herodes, sagte er, sei bei seinen Lebzeiten niemals wegen irgend einer [495] Sache von ihnen angeklagt worden, und es sei nicht recht, dass, da sie ihn während seines Lebens vor den gesetzmässigen Richtern hätten verklagen und zur Verantwortung ziehen können, sie nun nach seinem Tode solche Anklagen gegen ihn vorbrächten. 316 Was aber Archelaus gethan, das komme auf Rechnung ihrer eigenen Ungerechtigkeit und Widersetzlichkeit. Denn nachdem sie sich ganz ungesetzmässig benommen und diejenigen zu morden angefangen hätten, deren Beruf es gewesen sei, sie von ihren Ungerechtigkeiten abzuhalten, kämen sie nun und klagten, dass sie für diese Ungerechtigkeiten bestraft worden seien. Dann warf er ihnen vor, dass sie ihr Vergnügen an Neuerungen und Erregung von Aufständen hätten, und dass sie nicht verständen, Gerechtigkeit zu üben und den Gesetzen zu gehorchen, sondern überall vorgezogen sein und Recht haben wollten. So sprach Nikolaus.

(4.) 317 Als der Caesar diese Reden angehört hatte, entliess er die Versammlung. Einige Tage später ernannte er den Archelaus zwar nicht zum König, wohl aber zum Ethnarchen über die Hälfte des Gebietes, welches dem Herodes unterworfen gewesen war; auch versprach er ihm den Königstitel, wenn er sich durch seine Tüchtigkeit dessen würdig zeige. 318 Die andere Hälfte zerlegte er in zwei Teile und gab diese den beiden ebenfalls anwesenden Söhnen des Herodes, Philippus und Antipas, von denen der letztere mit seinem Bruder Archelaus sich um die Herrschaft über das ganze Reich beworben hatte. Dem Antipas fiel das Gebiet jenseits des Jordan sowie Galilaea zu, die zusammen zweihundert Talente an Jahresabgaben zahlten. 319 Batanaea aber mit Trachonitis und Auranitis nebst einem Teil des sogenannten Besitztums des Zenodorus (der Landschaft Abilene) wurden dem Philippus zugeteilt, dem diese Ländergebiete jährlich hundert Talente einbrachten. 320 Dem Archelaus fielen sonach Idumaea, Judaea und Samaria zu, und es wurde den Samaritern der vierte Teil ihrer Abgaben nach Beschluss des Caesars erlassen, weil sie sich an dem Aufstande [496] nicht beteiligt hatten. Zum Gebiete des Archelaus gehörten die Städte Stratonsturm, Sebaste, Joppe und Jerusalem, während die Griechenstädte Gaza, Gadara und Hippos von demselben durch den Caesar getrennt und mit Syrien verbunden wurden. Archelaus hatte aus seinem Anteil jährlich sechshundert Talente Einkommen.

(5.) 321 So wurde das Reich des Herodes unter seine Söhne verteilt. Der Salome aber schenkte der Caesar ausser den Besitzungen, die ihr Bruder ihr schon vermacht hatte, nämlich Jamnia, Azot und Phasaëlis, und ausser dem ihr bereits zugefallenen Legate von fünfhunderttausend Stücken geprägten Silbers noch den Königspalast zu Askalon. Sie bezog daraus im ganzen sechzig Talente Jahreseinkommen. Ihr Wohnhaus lag im Gebiete des Archelaus. 322 Auch den übrigen Verwandten des Herodes wurden ihre Legate ausgezahlt, wie dieser im Testament bestimmt hatte. Den beiden noch jungfräulichen Töchtern des Herodes machte der Caesar ausser dem, was ihnen der Vater hinterlassen hatte, je zweihundertfünfzigtausend Stücke geprägten Silbers zum Geschenk und vermählte sie dann mit den Söhnen des Pheroras. 323 Alles aber, was Herodes ihm selbst vermacht hatte, im ganzen fünfzehnhundert Talente, stellte er den Söhnen des Königs wieder zu und behielt nur einige Gefässe, nicht wegen ihres grossen Wertes, sondern als Andenken an Herodes.

Zwölftes Kapitel.
Vom falschen Alexander.

(1.) 324 Als der Caesar auf diese Weise alles geordnet hatte, trat ein junger Mann von jüdischer Abstammung auf, der in Sidon bei dem Freigelassenen eines römischen Bürgers erzogen worden war, und gab sich für einen Sohn des Herodes aus, wobei ihm seine Ähnlichkeit mit [497] Alexander, dem Sohne des Herodes, den dieser hatte hinrichten lassen, sehr zu statten kam. 325 Die Ähnlichkeit bezeugten übrigens alle, welche die beiden gesehen hatten. Hierdurch also wurde Alexander veranlasst, die Herrschaft für sich in Anspruch zu nehmen. Als Helfershelfer benutzte er dabei einen Menschen seines Stammes, der in Hofintriguen erfahren und auch sonst ein vollendeter Bösewicht und zur Anstiftung von Unruhen wie geschaffen war. Derselbe war sein Lehrmeister in solchen schlechten Künsten gewesen, 326 und so fand er den Mut, sich für Alexander, den Sohn des Herodes, auszugeben, der von einer der bei der Hinrichtung beschäftigt gewesenen Personen versteckt worden sei. Der Betreffende habe nämlich, um den Betrug zu vertuschen, statt seiner und des Aristobulus andere getötet und sie beide am Leben gelassen. 327 In dieser seiner Anmassung fuhr er nun fort, diejenigen, mit welchen er zusammentraf, durch sein Geschwätz irre zu führen, sodass, als er nach Kreta gekommen war, alle Juden, an die er sich dort wandte, ihm Glauben schenkten und ihn reichlich mit Geld unterstützten, das er zur Überfahrt nach Melos verwandte. Auch hier gelang es ihm, grosse Geldsummen zusammenzubringen, weil man allgemein glaubte, er sei aus königlichem Blut entsprossen, und sich der Hoffnung hingab, er werde das Reich seines Vaters wieder an sich bringen und dann seinen Gönnern sich erkenntlich zeigen. 328 Alsdann machte er sich auf den Weg nach Rom, begleitet von seinen Gastgebern, und landete zunächst in Dikaearchia,[7] wo ihm wieder alles so gut von statten ging, dass er auch die Bewohner dieses Ortes für seinen Betrug gewann. Ja, man schloss sich bereits an ihn an, als ob er schon König wäre, und besonders thaten dies diejenigen, die früher zu Herodes in freundschaftlichen Beziehungen gestanden hatten. 329 Es war auch zu natürlich, dass man seinen Worten Glauben schenkte, da die Menschen sich gern von der [498] äusseren Gestalt einnehmen lassen, und so gelang es ihm leicht, denjenigen, welche mit Alexander verkehrt hatten, die Überzeugung beizubringen, er sei eben jener Alexander, was diese dann anderen gegenüber sogar eidlich versicherten. 330 Und als sich nun der Ruf von ihm auch bis nach Rom verbreitet hatte, zog die ganze Menge der dort lebenden Juden ihm entgegen, erkannte darin, dass er wider alles Erwarten am Leben erhalten worden sei, die Vorsehung Gottes und begrüsste ihn, wo immer er auf seinem Wagen sich zeigte, besonders seiner mütterlichen Abstammung wegen mit jubelnder Freude, 331 zumal er einen wahrhaft königlichen Pomp entfaltete, wozu ihm seine Gastfreunde die Mittel gewährten. Schliesslich strömte das Volk in Masse ihm zu, beglückwünschte ihn und erwies ihm alle Ehrenbezeugungen, die man denen angedeihen zu lassen pflegt, welche unverhofft ihrem Verderben entronnen sind.

(2.) 332 Als nun die Sache auch dem Caesar gemeldet wurde, konnte sich dieser nicht entschliessen, daran zu glauben, weil er zu gut wusste, dass Herodes in einer so wichtigen und ihn selbst so nahe berührenden Angelegenheit nicht so leicht sich hätte täuschen lassen. Da er jedoch seiner Sache nicht ganz sicher war, schickte er einen seiner Freigelassenen Namens Celadus, der mit den Söhnen des Herodes einst vertraulich verkehrt hatte, hin, um ihm den angeblichen Alexander vorzuführen. Diesem Befehl kam Celadus nach, aber auch er vermochte den jungen Mann nicht besser wie die anderen zu erkennen. 333 Der Caesar indes liess sich nicht täuschen. Denn wenn auch eine gewisse Ähnlichkeit nicht wegzuleugnen war, so war dieselbe doch nicht so gross, dass sie den hätte einnehmen können, der eine schärfere Beobachtungsgabe besass. Dieser falsche Alexander nämlich hatte rauhe, von harter Arbeit zeugende Hände, und statt eines zarten Körpers, wie ein Mann von feiner Erziehung ihn hätte aufweisen müssen, war der seine ungelenk und plump. 334 Da nun der Caesar merkte, dass hier der Schüler dem Meister [499] an Lügenfertigkeit nichts nachgab, und dass der eine ebenso frech die Unwahrheit behauptete wie der andere, fragte er den angeblichen Alexander, wie es denn dem Aristobulus, der mit ihm zugleich gerettet worden, ergangen und weshalb derselbe nicht auch gekommen sei, um das ihm infolge seiner vornehmen Herkunft zustehende Recht in Anspruch zu nehmen. 335 Die Antwort lautete, Aristobulus sei aus Furcht vor den Gefahren des Meeres auf der Insel Cypern zurückgeblieben, damit, wenn ihm, dem Alexander, etwas Menschliches begegne, das Geschlecht der Mariamne nicht gänzlich ausgerottet würde, sondern wenigstens Aristobulus noch am Leben bliebe, um es mit seinen Feinden aufzunehmen. 336 Als nun der, welcher diese Ausrede ersonnen hatte, die Aussage des jungen Mannes bekräftigte, nahm der Caesar den letzteren beiseite und sprach zu ihm: „Wenn du mir die Wahrheit gestehst, will ich dir zur Belohnung das Leben schenken. Sage mir also, wer du bist, und wer dich zu solchem Unterfangen beschwätzt hat. Denn dein Vorgehen verrät eine Tücke, die man deinem Alter nicht zutrauen kann.“ 337 Da entdeckte der junge Mann, der nicht wohl anders konnte, dem Caesar den ganzen Plan und gab auch an, wie und von wem derselbe ausgedacht worden sei. Der Caesar, der sein gegebenes Wort nicht brechen wollte, schickte sodann den falschen Alexander, weil er sah, dass derselbe zu anstrengender Arbeit tauglich war, auf die Ruderbank, den Anstifter des Betruges aber liess er hinrichten. 338 Übrigens war es für die Bewohner von Melos schon Strafe genug, dass sie das viele Geld verloren, welches sie dem falschen Alexander gegeben hatten. Einen so schimpflichen Ausgang hatte das tollkühne Unternehmen des falschen Alexander.

[500]
Dreizehntes Kapitel.
Wie Archelaus abermals verklagt und nach Vienna verbannt wurde.

(1.) 339 Als der zum Ethnarchen ernannte Archelaus nach Judaea zurückgekehrt war, entsetzte er Joazar, den Sohn des Boëthos, den er der Parteinahme für die Aufrührer beschuldigte, seines hohepriesterlichen Amtes und übertrug dasselbe an dessen Bruder Eleazar. 340 Alsdann stellte er den Königspalast in Jericho prächtig wieder her und leitete die Hälfte des Wassers, welches das Dorf Neara versorgte, auf das Feld, das er ganz mit Palmbäumen bepflanzt hatte. Weiterhin baute er einen Ort, den er Archelaïs nannte. 341 Auch nahm er gegen die Vorschrift des väterlichen Gesetzes Glaphyra, die Tochter des Königs Archelaus und ehemalige Gattin seines Bruders Alexander, mit welcher dieser eine Anzahl Kinder gezeugt hatte, zur Ehe. Bei den Juden gilt es nämlich als verabscheuenswert, das Weib seines Bruders zu heiraten. Eleazar blieb übrigens nicht lange Hohepriester, da noch bei seinen Lebzeiten Josua, der Sohn des Sië, an seine Stelle trat.

(2.) 342 Im zehnten Jahre der Regierung des Archelaus verklagten ihn die Vornehmsten der Juden und Samariter, die seine Grausamkeit und Tyrannei nicht mehr ertragen konnten, beim Caesar, besonders da sie erkannt hatten, dass er dem Befehle des letzteren, sie mild zu behandeln, keineswegs nachgekommen war. 343 Als der Caesar diese Klagen vernahm, ergrimmte er, liess, weil er den Archelaus keines Schreibens würdigte, dessen Verwalter in Rom, der gleichfalls Archelaus hiess, rufen und sprach zu ihm: „Schiffe dich sofort ein, begieb dich zu ihm hin und führe ihn mir ungesäumt vor.“ 344 Archelaus benutzte darauf die erste Fahrgelegenheit, und als er nach Judaea kam, traf er den Fürsten bei einem Gastmahl, welches derselbe mit seinen Freunden hielt. Er machte ihn sofort mit dem Willen des Caesars bekannt und drängte ihn zur schleunigen Abreise. Als nun Archelaus in Rom [501] angekommen war und Augustus ihn in ordnungsmässiger Gerichtssitzung zur Verantwortung gezogen hatte, bestrafte er ihn mit Einziehung seines Vermögens und verbannte ihn nach Vienna, einer Stadt in Gallien.[8]

(3.) 345 Bevor aber Archelaus nach Rom berufen wurde, erzählte er seinen Freunden folgenden Traum. Es habe ihm geträumt, dass zehn volle und reife Weizenähren von Ochsen abgefressen worden seien. Als er erwacht war, liess er, weil er den Traum für wichtig hielt, die Traumdeuter rufen. 346 Da diese aber in ihrer Auslegung nicht übereinstimmten, erbat sich ein gewisser Essener Simon das Wort und erklärte dem Archelaus, der Traum zeige eine schlimme Veränderung an. 347 Die Ochsen nämlich bedeuteten Elend, weil sie mit harter Arbeit geplagt seien, und zugleich bedeuteten sie eine Veränderung, weil der Boden, der von ihnen bebaut werde, nicht immer in dem nämlichen Zustand bleiben könne. Die zehn Ähren aber zeigten ebenso viele Jahre an, weil die Ähre in einem Sommer zur Reife gelange, und es stehe daher das Ende der Herrschaft des Archelaus bevor. 348 So legte Simon den Traum aus, und am fünften Tage danach fand sich der Verwalter Archelaus auf Befehl des Caesars in Judaea ein, um den Fürsten nach Rom zu berufen.

(4.) 349 Etwas Ähnliches begegnete auch seiner Gemahlin Glaphyra, der Tochter des Königs Archelaus, die, wie oben erwähnt, zuerst Alexander, den Sohn des Herodes und Bruder des Archelaus, geheiratet hatte. Später, als Alexander auf Befehl seines Vaters hingerichtet worden war, ehelichte sie Jubas, den König von Libyen[9], 350 und da sie nach dessen Tod als Witwe im Hause ihres Vaters lebte, nahm sie Archelaus zur Gattin, nachdem er seine bisherige Gemahlin Mariamne verstossen hatte – so sehr liebte er die Glaphyra. 351 Als sie nun mit Archelaus vermählt war, hatte sie folgenden Traum. Es habe ihr geschienen, Alexander stehe an ihrer Seite; darüber sei sie [502] hocherfreut gewesen, sodass sie ihn herzlich umarmt habe. Er aber habe sich bei ihr beklagt und sie folgendermassen angeredet: 352 „Glaphyra, so bewahrheitest du also das Sprichwort, dass man den Weibern nicht trauen dürfe, da du, als Jungfrau mir verlobt und vermählt, mir Kinder geboren und dennoch meiner Liebe vergessen, einen anderen geheiratet und, auch mit dieser Schmach noch nicht zufrieden, dich einem dritten Manne hingegeben hast, indem du mit Schimpf und Schande dich wiederum in meine Familie eindrängtest und deinem Manne Archelaus, meinem Bruder, die Hand reichtest. 353 Ich werde aber trotzdem meiner Liebe zu dir nicht vergessen, sondern dich von deiner Schande befreien und dich wieder zu der Meinigen machen, wie du es früher warst.“ Nachdem sie diesen Traum ihren Freundinnen erzählt hatte, starb sie einige Tage darauf.

(5.) 354 Ich glaubte dies in meine Erzählung aufnehmen zu müssen, weil ich gerade von den Königen sprach, besonders aber auch, weil daraus ein Beweis für die Unsterblichkeit der Seele und für das Walten der göttlichen Vorsehung hergeleitet werden kann. Sollte es jemand unglaublich vorkommen, so mag er seine eigene Meinung darüber haben; nur wolle er einer Sache nicht hinderlich sein, die ihn zur Tugend anspornen kann. – 355 Übrigens wurde das Gebiet des Archelaus der Provinz Syrien einverleibt, und der Caesar schickte nun den Quirinius, einen gewesenen Konsul, ab, um eine Schätzung des Vermögens in Syrien vorzunehmen und die Güter des Archelaus zu verkaufen.


  1. Dem Hafen von Caesarea.
  2. Derselbe, der im Jahre 9 n. Chr. von Arminius im Teutoburger Walde besiegt wurde.
  3. Er trat dieses Amt im Jahre 4 v. Chr. an.
  4. D. i. hochgradige Gelbsucht.
  5. 4 v. Chr. Hiernach wäre das, wirkliche Geburtsjahr Jesu Christi etwa in das siebente Jahr vor Beginn unserer Zeitrechnung zu verlegen.
  6. In der Geschichte des Jüdischen Krieges (I, 33, 9) heisst es: 200 Stadien, und dies dürfte das richtigere sein.
  7. Puteoli (siehe Leben des Josephus Abschnitt 3).
  8. 6 n. Chr.
  9. Jubas, der König von Libyen oder Numidien, war einer der gebildetsten Fürsten jener Zeit und zugleich ein fruchtbarer Schriftsteller.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Paragraphangabe fehlt in der griech. Textausgabe von Niese.
  2. Die Übersetzung ist in diesem Paragraph gekürzt.
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Jüdische Altertümer
Buch XVIII »
fertig
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