Aus Liudprands Werken

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Textdaten
Autor: Liudprand
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Titel: Aus Liudprands Werken
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aus: Die Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit (2. Gesamtausgabe), Bd. 29/2
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Verlag der Dyk'schen Buchhandlung
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: Freiherr Karl v. d. Osten-Sacken
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[I]
Liudprand.




(Geschichtschreiber.     X. Jahrhundert.     Zweiter Band.)



[II]
Die Geschichtschreiber


der


deutschen Vorzeit.




Zweite Gesammtausgabe.




Zehntes Jahrhundert.     Zweiter Band.


Liudprand.


Zweite Auflage.


Leipzig,


Verlag der Dyk'schen Buchhandlung.
[III]
Aus


Liudprands Werken.




Nach der Ausgabe der Monumenta Germaniae


übersetzt von


Freiherrn Karl v. d. Osten-Sacken.


Zweite Auflage.


Neu bearbeitet von W. Wattenbach.


Leipzig,


Verlag der Dyk'schen Buchhandlung.
[V]
Einleitung.




Von der Zwietracht unter den Söhnen Ludwigs des Frommen, welche das Frankenreich zerspaltete, hatte niemand größeren Vortheil gehabt, als die mächtigen Grafen und Vasallen, welche um immer wachsenden Lohn ihre Hülfe bald diesem bald jenem anboten, die Erblichkeit ihrer Lehen ertrotzten, und gar bald den Königen selber übermächtig wurden. Als nun durch Karls des Dritten Absetzung das Reich erledigt war, da griffen sie auch nach der Krone, bekämpften sich unter einander, und erfüllten alle Lande mit Krieg und Verwirrung. Während aber in Deutschland keiner der ehrgeizigen Herzöge den erwählten Herrschern die Krone zu entreißen vermochte, und bald die starke Hand der Ludolfinger des Reiches Einheit herstellte und sicherte, war Italien von Anfang an getheilt zwischen Berengar und Wido; die Großen des Landes sahen ihren Vortheil darin, keinen König zu wirklicher Macht gelangen zu lassen, und sobald der Thron sich zu befestigen schien, riefen sie fremde Fürsten ins Land, um, zweien Herren dienend, ihre stets wieder gebrochene Treue um so theurer verkaufen zu können (Liudpr. S. 23. 56). So zerrissen nur selten ruhende Fehden das Königreich Italien, dessen Hauptstadt Pavia war, und welches außer dem Flußgebiete des Po, Tuscien und die Marken von Camerino und Spoleto umfaßte. Hier war die [VI] Bevölkerung großen Theils deutschen Ursprungs, und wenn sie auch die heimatliche Sprache längst vergessen hatte, so sah sie doch mit Stolz und Verachtung herab auf die Römer, welche ihnen an Kraft und Kriegsmuth nachstanden, durch ihre sittliche Verderbtheit an die schlimmsten Zeit den Kaiserreiches erinnerten, aber ihrerseits wieder mit großem Selbstbewußtsein an den alten Erinnerungen festhielten, und auch wohl einiges von der alten Kultur, besonders aber eine überlegene Gewandtheit, List und Verschlagenheit bewahrt hatten. Die römische Kirche theilte den tiefen sittlichen Verfall vollständig, aber von der Erinnerung besserer Zeiten war den Päpsten wenigstens so viel geblieben, daß sie eine höhere Stellung für sich in Anspruch nahmen, als die eines italienischen Bischofs, und mit allen Mitteln ihr Rom davor bewahrten, eine italienische Landstadt zu werden. Die Kraft dazu fanden sie in der engen Verbindung mit dem römischen, im Kirchenstaat begüterten Adel; nachdem das Papstthum lange ein Zankapfel zwischen den römischen Familien gewesen, zuletzt in die Dienstbarkeit des Alberich gerathen war, welcher unter dem Namen eines Patricius die Herrschaft über Rom und das Erbtheil Petri an sich gerissen hatte, nahm endlich sein Sohn, der junge Oktavian, die Tiara selber in Besitz, und vereinigte die weltliche Gewalt mit der geistlichen.

Nach Unteritalien reichte die Macht der Könige kaum dem Namen nach: die Lehnshoheit über die alten langobardischen Fürstenthümer Kapua und Benevent überließ zuletzt König Hugo (S. 134) auch der Form nach den Griechen, welche in Apulien und Kalabrien wieder festen Fuß faßten, und auch in Neapel, Amalfi, Gaeta als Herren anerkannt waren.

So war die Halbinsel in sich zerspalten, und eine leichte Beute für die raublustigen Schaaren der afrikanischen Sarazenen, während andere aus Spanien herüber kamen, und sich [VII] in Fraxinetum dauernd festsetzten. Von der andern Seite aber drangen die Ungern verheerend in die reichen Ebenen der Lombardei. Weit entfernt, diesen verderblichen Feinden mit vereinter Kraft entgegen zu treten, benutzten die Fürsten Italiens sie nur zu häufig als Bundesgenossen in ihren inneren Kriegen. Denn kein Mittel war ihnen zu schlecht, um ihre Leidenschaften, vor allem die Gier nach Geld, zu befriedigen.

In diese Zeit fiel Liudprands Jugend[1]. Er stammte aus einem angesehenen langobardischen Geschlecht (S. 138); in lebhaftester Weise tritt bei mancher Gelegenheit sein Stammesbewußtsein hervor, eben so wohl den Römern gegenüber, wie den Baiern, Burgundern, Aquitaniern. Sein Vater ging 927 als Gesandter des Königs Hugo nach Konstantinopel, wo er vom Kaiser Romanos sehr gut aufgenommen wurde; erkrankte aber gleich nach seiner Rückkehr, und hinterließ sterbend Liudprand als kleines Kind (S. 51. 52). Die Mutter hat sich dann wieder mit einem reichen und vornehmen Manne vermählt, der sich des Stiefsohnes mit liebevoller Sorgfalt annahm.

Seine Erziehung erhielt Liudprand, wie einst Paulus, des Warnefrids Sohn, in Pavia am königlichen Hofe, wo er durch seine schöne Stimme die Zuneigung des Königs Hugo gewann (S. 55). Er gedenkt dieses Fürsten auch nicht ohne Anhänglichkeit als eines guten Herrn, der nur den Weibern gar zu sehr ergeben war. Vor allem waren es Pezola und Roza, welche den Hof beherrschten, und von dem Volke wegen ihrer Schönheit und wegen ihres gegenseitigen Hasses Venus und Juno genannt wurden. Denn die Namen der alten Götter waren noch in aller Mund, und den Virgil las jeder, der überhaupt lesen lernte. Auch Liudprand, obwohl zum Geistlichen bestimmt, und später zum Diakonus an der Kirche zu Pavia geweiht (S. 169), schöpfte seine Bildung ganz aus der [VIII] heidnischen Litteratur. Bibelfest ist er freilich, und Stellen der Vulgata sind ihm stets zur Hand, auch ist er nicht ganz unbelesen in sonstiger kirchlicher Litteratur, und seine kirchliche Anschauung der Dinge macht sich häufig geltend. Bei jeder Gelenheit aber und mit großer Vorliebe zeigt er seine Kenntniß der Alten, des Cicero, Vegetius, des Virgil, Horaz, Ovid, Terenz, Plautus, Martial, Juvenal und Persius; ganze Stellen aus diesen Schriftstellern, so wie einzelne Anspielungen sind häufig in seinen Schriften, und zwar führt er sie aus dem Gedächtniß an, wie schon die gewöhnlich ungenaue Form der Citate beweist. Den Boethius hat er nicht nur fleißig gelesen, sondern er ahmt auch die vielfältigen Metra desselben in seinen Schriften nach, nicht gerade zum Vortheil der Darstellung, aber mit nicht geringer Geschicklichkeit, so daß sich nur selten ein Verstoß gegen die Regeln der Metrik findet. So konnte er wohl mit Grund König Berengar die Wort in den Mund legen (S. 95.), daß er schon als Knabe den Becher des Lateinischen bis auf den Grund geleert habe.

Zugleich aber blieb Liudprand auch nicht unberührt von dem sittlichen Einfluß seiner Umgebung; man erkennt in seinen Schriften überall den Mann, der unter den boshaften Klatschereien eines zuchtlosen Hofes groß geworden ist; nichts erzählt er lieber als anstößige Geschichtchen, wie er sie gewiß von klein auf in Pavia gehört hatte. Aber auch von Meineid und Treulosigkeit, von Mord und Hinterlist spricht er in derselben ruhigen und gleichgültigen Weise, welche uns bei späteren italienischen Schriftstellern oft unheimlich berührt, wie vom ganz gewöhnlichen und erlaubten Mitteln der Staatskunst (S. 79, und öfter in den nicht übersetzten Stücken).

Auch Liudprands Stiefvater ging (941. S. 82) als Gesandter des Königs Hugo nach Konstantinopel; der Kaiser Romanos suchte des Königs Freundschaft, und die Macht desselben [IX] schien fest begründet, da niemand stark genug war, um gegen ihn anzutreten. Allein den Italienern war die Befestigung der königlichen Gewalt unerträglich; auch klagten sie, daß er nur seine Landsleute und seine Sippschaft begünstige, die Italiener aber überall unterdrücke, und so fielen sie von allen Seiten dem Berengar zu, als dieser (945) in Italien erschien. Auch Liudprands Familie wandte sich der aufgehenden Sonne zu, und erwarb für ihn durch große Geschenke eine Stelle in Berengars Kanzlei (S. 91), wo er sich ohne Zweifel sehr nützlich erwies, so daß er bald in die geheimsten Geschäfte eingeweiht und 949 mit einer Gesandschaft nach Konstantinopel betraut wurde; jedoch auf Kosten seines Stiefvaters (S. 95), dem Berengar vorgestellt hatte, wie vortheilhaft es für Liudprand sein würde, wenn er Land und Sprache der Griechen kennen lernte. Denn Berengar hatte nicht, wie König Hugo, ein reiches Erbland, und bald hörte man in Italien nichts als Klagen über seine und seiner Gemahlin unersättliche Habsucht. Auch Liudprand wußte davon viel zu sagen (S. 47. 80. 93), doch hat er nirgends berichtet, was ihm eigentlich widerfahren sei, auf welche Weise er sich mit Berengar entzweit habe. In Konstantinopel wurde er sehr gut aufgenommen; durch seinen Vater und Stiefvater hatte er dort vielfache Verbindungen, und er benutzte wirklich die Zeit, um sich eine ziemliche Bekanntschaft mit der griechischen Sprache nicht nur, sondern auch mit den Einrichtungen und der Geschichte des Reiches zu verschaffen, die er gar gerne in seinen Schriften zur Schau trägt, und mit fast kindischer Eitelkeit überall hervorkehrt.

Hier aber verlieren wir für einige Zeit seine Spur, bis wir ihn, voll Zorn gegen Berengar, an König Ottos Hofe wiederfinden, wo er im Jahre 956 Freundschaft schloß mit dem Bischof Recemund von Elvira, Gesanthen des spanischen Kalifen Abderrahman, und auf dessen Zureden sich entschloß, [X] die Geschichte Europas seit Karls des Dritten Tod aufzuzeichnen. Doch vergingen noch zwei Jahre, bis er die Arbeit wirklich unternahm, und in Frankfurt (S. 47) sein Buch der Vergeltung begann. Denn diesen Namen gab er seinem Werke, weil er darin Berengar und Willa vergelten wollte, was sie ihm angethan hatten, zugleich aber auch allen, von denen er oder seine Familie Gutes erfahren, seine Dankbarkeit beweisen (S. 47). Doch beschränkt sich das Werk keineswegs auf Begebenheiten, die ihn persönlich berührten; vielmehr bezeichnet er gleich am Anfang als seine Aufgabe, die Thaten der Kaiser und Könige von ganz Europa zu beschreiben. Vorzugsweise freilich beschäftigten ihn die Geschichte Italiens und seiner Könige, die Ereignisse am byzantinischen Hofe, und die Thaten Heinrichs I. und seines Sohnes Otto, dessen Gunst er damals zu gewinnen suchte, und dessen große Persönlichkeit auch wohl wirklich einen bedeutenden Eindruck auf ihn gemacht hatte. Ueberhaupt aber folgt er weniger einem festen Plane, als daß er, zu großem Danke der Nachwelt, aufzeichnet, was ihm durch seine welchselnden Schicksale gerade bekannt geworden war, ohne strenge Prüfung, wo es sich um ältere Zeiten handelt, und er von der mündlichen Ueberlieferung abhängig war; aber glaubhaft, wo er als Augenzeuge berichtet, wenn auch seine Leidenschaftlichkeit ihn manchmal zu Uebertreibungen fortreißt. Er hielt sich fleißig an die Arbeit, obgleich ihm wenig Ruhe zu Theil wurde; denn das dritte Buch, welches noch vor Konstantins VI. Tod (959 Nov. 9.) geschrieben ist, begann er auf der Insel Paxu, südlich von Korfu; wie es scheint, auf der Reise nach Konstantinopel, wohin er jedoch damals nicht gekommen ist, da er sich niemals darauf beruft (vgl. S. 169). Auch die beiden folgenden Bücher schrieb er noch vor der Eroberung Italiens durch Otto den Großen; allein als er das vierte Kapitel des sechsten Buches hinzufügte, war Otto bereits Kaiser. [XI] Noch klagt er, daß das Rad Fortunas sich nicht gewandt habe, noch klagt er in den bittersten Ausdrücken über das Elend seiner Lage – da hat ihn der Sonnenblick der kaiserlichen Huld getroffen, und uns vermuthlich um die Vollendung des Werkes gebracht, welches mitten in dem Bericht über seine erste Sendung nach Konstantinopel abbricht. Otto, welcher vorzugsweise durch Besetzung der Bisthümer mit zuverlässigen Männern Stützen für seine Herrschaft zu gewinnen suchte, gab Liudprand den bischöflichen Stuhl von Kremona; schon am 14. Jan. 962 wird er als solcher erwähnt, und gleich darauf finden wir ihn durch das Vertrauen des Kaisers zu bedeutender und ansehnlicher Stellung berufen.

Schon einmal war Otto (951) in Italien erschienen; damals hatte Lothars Witwe Adelheid ihn in ihrer Bedrängniß zu ihrem Schutze aufgerufen; er kam und gewann mit ihrer Hand die Krone; allein die Verhältnisse hatten ihm nicht erlaubt, seine Herrschaft fest zu begründen, er mußte sich damit begnügen, von Berengar und Adalbert den Eid der Treue anzunehmen, und ihnen den Besitz des Reiches zu lassen. Jetzt waren neue Klagen gekommen, Otto hatte in Deutschland den Frieden und die Ordnung gesichert, die Ungern so geschlagen, daß sie nicht wiederkamen: jetzt machte er sich von neuem auf nach Italien, er kam, aber nicht so wie die Italiener es wünschten, welche nur nach Rache an Berengar verlangten, sondern mit der besten Absicht, wirklich als König zu herrschen. Am lautesten hatte der Papst Johann XII. ihn um Hülfe gerufen, weil Berengar den Kirchenstaat angriff; freudig schmückte er Otto mit der Kaiserkrone; aber dann war er auch der erste, welcher seinen Irrthum einsah, als Otto nun wirklich die Rechte der alten Kaiser auch über Rom in Anspruch nahm, und es sich zeigte, daß Italien in ganz anderer Weise als bisher einen Herrn haben werde. Rasch war sein Entschluß gefaßt; er verband [XII] sich mit Adalbert, und suchte Griechen und Ungern gegen den Kaiser in Bewegung zu setzen. Dadurch aber stürzte er sich nun selbst ins Verderben.

Es konnte Otto wohl nicht unwillkommen sein, daß Papst Johannes ihm auf diese Weise selbst Gelegenheit gab, gegen ihn einzuschreiten; der gänzlich verwilderte Zustand der römischen Kirche hatte ohne Zweifel schon lange des Kaisers Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Rastlos war er in der Heimath bemüht gewesen, die kirchlichen Verhältnisse zu ordnen, die Spuren der vorhergegangenen eisernen Zeit zu verwischen. Ueberall erhoben die Klöster sich aus den Trümmern, und wurden mit Beseitigung der Laienäbte ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückgegeben; unter den Bischöfen waren viele treffliche Männer, denen die Reinheit der Kirchenzucht sehr ernstlich am Herzen lag. Oft genug hatte man Veranlassung, nach dem Haupte der Kirche zu blicken, und wen fand man dort? Einen jungen Wüstling, der das schamloseste Leben führte, mit offener Verachtung aller Kirchengesetze, einen Hof, an dem für Geld alles feil war. Als deutscher König hatte Otto den stärksten Antrieb, als Kaiser das Recht und die Pflicht, hier einzuschreiten. Aber nur mit großer Vorsicht durfte er ans Werk gehen, und da erwies sich ihm dann niemand brauchbarer als Liudprand, der die Verhältnisse Italiens genau kannte, und sich während seines Aufenthaltes in Deutschland auch die Kenntniß der deutschen Sprache erworben hatte; der die größte Anhänglichkeit an Otto zur Schau trug und, wie wir wohl mit Sicherheit annehmen können, auch in der That von solcher Gesinnung erfüllt war.

Im Sommer 963 finden wir also Liudprand, mit Bischof Landward von Minden, als kaiserlichen Gesandten mit einer Botschaft Ottos an den Papst beauftragt, und bald darauf, als der Kaiser selbst gekommen war, in der Kirchenversammlung, [XIII] welche zuletzt Johann XII. seiner päpstlichen Würde entsetzte. Er hat dann vor Leos VIII. Tod (965 März) die Geschichte dieser Begebenheiten geschrieben, bis zum Juni 964; der Schluß des Werkes fehlt uns. Liudprand hat hier nach einer würdigeren und so zu sagen aktenmäßigen Darstellung gestrebt; von sich selber redet er in der dritten Person, von dem Kaiser stets mit der größten Ehrfurcht und in ehrerbietiger Form, er giebt ihm sogar nach byzantinischem Gebrauch den Titel "Heiligkeit"; auf Verse hat er sich auch hier nicht enthalten, und die eigenthümliche Art seines Stiles blickt überall hervor. Die Absichtlichkeit der Darstellung zeigt sich am bedenklichsten darin, daß er mit seinem Worte die Kirchenversammlung erwähnt, welche Johann XII. hielt, nachdem er sich der Stadt wieder bemächtigt hatte; hier wurde das ganze Verfahren gegen ihn für ungültig erklärt, und an dieser Versammlung nahmen allein zwölf von den Bischöfen Theil, welche kurz vorher für seine Absetzung gestimmt hatten. Davon schweigt Liudprand, weil es den Eindruck der früheren Versammlung geschwächt haben würde. Aber in dem, was er mittheilt, zeigt er sich zuverlässig, und stimmt mit allen übrigen Zeugnissen der Zeitgenossen überein. Früheren Anfechtungen gegenüber haben die Forschungen der neueren Zeit seine Glaubwürdigkeit mit guten Gründen wieder zu Geltung gebracht.

Um diese Zeit gelang es auch Liudprand, einen wichtigen Schatz für sein Bisthum zu erwerben, nämlich den Leib des heiligen Hymerius, welchen er von dem Bischof von Amerta auf recht gewissenlose Weise als Preis dafür erhielt, daß er diesem die verlorene Gnade des Kaisers wieder zuwandte. Die beiden Bischöfe hatten einen wahren Kirchenraub verübt, aber für solchen Zweck galten damals all Mittel als erlaubt. Im Jahre 965 finden wir ihn mit der Verwaltung seines Stiftes [XIV] beschäftigt, gleich darauf aber wieder mit dem wichtigen Auftrage betraut, zugleich mit dem Bischof Otker von Speier nach Leos VIII. Tod die Wahl des Nachfolgers zu leiten.

Im April 967 war Liudprand in der Kirchenversammlung zu Ravenna anwesend, und Weihnachten desselben Jahres in Rom bei der Krönung Ottos II., für den er bald nachher als Brautwerber nach Konstantinopel ging.

Mit den Griechen nämlich war der Kaiser nothwendig in Berührung gekommen, als er Italien in Besitz nahm. Nichts hatte mehr zur Befestigung seiner Herrschaft beigetragen, als daß Pandulf der Eisenkopf sich ihm anschloß, der Fürst von Benevent und Kapua, dem Otto nun auch die vereinigten Marken von Camerino und Spoleto übertrug. Aber eben diesen Pandulf nahm der griechische Kaiser als einen Unterthan in Anspruch. Adalbert, aus Rom vertrieben, fand bei den Griechen Aufnahme und Unterstützung. So lange der Kaiser des Morgenlandes hier festen Fuß behielt, und jede Regung des Widerstandes gegen Otto schützte und beförderte, so lange war an einen ruhigen und gesicherten Zustand nicht zu denken; so lange ließen sich aber auch keine durchgreifende Maaßregeln gegen die Sarazenen ausführen, welche von Sicilien aus ganz Italien gefährdeten. Nicephorus machte 964 große Anstrengungen um sie zu bezwingen, allein das Unternehmen mißlang vollständig (S. 159). Was nützten aber den Griechen Besitzungen, die sie doch nicht im Stande waren zu vertheidigen? Otto glaubte die Abtretung derselben ohne große Schwierigkeit erlangen zu können; allein darin irrte er sich. Die Griechen wünschten freilich Frieden, aber da sie sich zu keiner Nachgiebigkeit gegen Ottos Wünsche und Pläne verstehen wollten, blieben die Unterhandlungen ohne Erfolg, und der Kaiser beschloß mit dem Schwerte durchzugreifen; er besetzte Apulien und belagerte Bari, den Hauptplatz der Griechen. [XV] Offenbar hatte er sich das Unternehmen zu leicht gemacht; ohne Schiffe war gegen diesen Feind wenig auszurichten. Doch verlangten die Griechen nach Waffenruhe; ein Bündniß, durch Vermählung des jungen Kaisers mit einer Tochter Romanos II. befestigt, wurde in Aussicht gestellt.

Da trat nun Liudprand hervor; sein Rath, so sagt er selbst (S. 134. 171), bewog den Kaiser, die Belagerung aufzugeben, Apulien zu verlassen und, nachdem er so gezeigt hatte, daß er entschlossen war, seine Absicht im Nothfall auch mit den Waffen durchzusetzen, jetzt noch einmal friedliche Unterhandlungen zu versuchen. Apulien und Kalabrien sollten die Mitgrif der Theophano sein. Man darf wohl annehmen, daß Liudprand im Vertrauen auf seine alten Verbindungen in Konstantinopel, auf seine Geschicklichkeit, und auf den Waffenruhm des Kaisers, hochfliegende Hoffnungen hegte und seinem Herrn den günstigsten Erfolg verhieß.

Wirklich begab er sich mit einem ansehnlichen Gefolge als Gesandter nach Konstantinopel, wo er am vierten Juni 968 anlangte, und nur zu bald enttäuscht wurde. Wie hatte sich hier alles verändert seit den Zeiten des gutmüthigen, gelehrten, prachtliebenden Konstantinus Porphyrogenitus! Liudprands Freunde waren ohne Einfluß; sie konnten nichts für ihn thun. Auf dem Throne aber saß Nicephorus, ein Kriegsheld, der mit der Hand der Kaiserin Theophano die Krone gewonnen hatte, der gefeierte Eroberer von Kreta; dem Prunk des Hofes abgeneigt, und nur auf die Herstellung der alten Größe des Reiches durch kriegerische Thaten bedacht. Gerade jetzt rüstete er sich zu dem syrischen Feldzuge, dessen siegreiche Führung an die Thaten der alten Römer erinnerte. Otto fürchtete er nicht; nur mit einer Seemacht konnte ein Feind dem Kaiser von Konstantinopel gefährlich werden. So begegnete er denn seinen Forderungen mit all den alten Ansprüchen byzantinischen [XVI] Stolzes. Unerträglich war es dem Nachfolger Konstantins, einen Kaiser der Römer neben sich zu dulden: nur von einem Könige der Deutschen und Langobarden wollte er hören. Weit entfernt, seine Besitzungen in Italien aufzugeben, verlangte er vielmehr die Unabhängigkeit Roms; es schien ihm schon ein Großes zu sein, wenn er Adalbert aufgab und die Lombardei dem Gegner überließ, aber Rom wollte er nicht in der Hand seines Nebenbuhlers lassen. So war denn natürlich kein Gedanke an ein Gelingen der Unterhandlung, aber noch dazu wurde der Gesandte wie ein Spion behandelt, und weder entlassen noch auch eine Botschaft an seinen Herrn ihm gestattet, vermuthlich um einstweilen von dieser Seite die Ruhe zu sichern, während Verstärkungen für Berengars Söhne unter Liudprands Augen nach Bari abgingen.

Endlich durfte der arme, mißhandelte Gesandte abreisen, und auf der Rückreise, bevor er zu seinem Herrn gelangte, schrieb er für diesen den uns erhaltenen Bericht über seine Sendung, noch ganz erfüllt von dem frischen Eindruck seiner Leiden und nur nach Rache dürstend. In jeder Weise war er gepeinigt, gekränkt, verhöhnt worden, und das von einem Volke, auf welches er mit Verachtung herabsah, dessen morgenländische Sitten ihm widerwärtig waren und weibisch erschienen. Alle seine Gedanken sind auf die Demüthigung und Bestrafung dieses so hochmüthigen und doch nach seiner Meinung so schwachen Volkes gerichtet; dazu sucht er den Kaiser mit allem Eifer zu bewegen; der Patriarch von Konstantinopel soll sich wieder beugen vor dem Papste zu Rom, und der einzige wahre römische Kaiser soll seinem übermüthigen Nebenbuhler den Fuß auf den Nacken setzen.

Das waren Liudprands Träume auf seiner Rückreise. Der syrische Feldzug des Nicephorus hat seine Behauptungen in einer Beziehung glänzend widerlegt und es ist unverkennbar, [XVII] daß alle seine Schilderungen von der leidenschaftlichsten Bitterkeit gefärbt sind. Doch sind sie nicht unwahr; sogar das Bild, welches er von Nicephorus entwirft (S. 130), wird durch seinen Lobredner Leo Diakonus zu überraschender Weise bestätigt, und die Angaben über seinen Geiz (S. 160) sind vollkommen richtig. So bietet uns denn auch dieses, leider ebenfalls des letzten Schlusses beraubte Werk Liudprands einen höchst schätzbaren und in seiner Art einzigen Bericht, der nicht minder für die Geschichte der Zeit, als für die Kenntniß des griechischen Reiches von großer Wichtigkeit ist.

Am siebenten Januar 969 segelte Liudprand von Korfu ab. Der Kämmerer Leo hatte seine Absendung verlangt, vielleicht um ihn als Unterhändler zu benutzen; denn bereits war der offene Krieg ausgebrochen, und Otto stand mit einem Heere in Apulien. So fand Liudprand seinen Wunsch erfüllt, konnte sich aber auch sogleich überzeugen, daß die Bezwingung der Griechen nicht so leicht war, wie er sich eingebildet hatte. Otto kehrte ohne dauernde Erfolge zurück, die weitere Führung des Krieges Pandulf dem Eisenkopf überlassend, und am 26. Mai finden wir Liudprand mit dem Kaiser in Rom; am 22. März 970 in Ferrara; noch im Juli 972 scheint er als lebend erwähnt zu werden[2], dann aber verschwindet jede sichere Spur von ihm. Am 11. December 969 war Nicephorus ermordet worden, und der neue Kaiser Johannes Tzimiskes zeigte sich geneigter, mit Otto Frieden zu schließen; die Heirath kam wirklich zu Stande und eine glänzende Gesandtschaft wurde 971 abgesandt, um die Braut zu holen. Nach einer späteren Nachricht von zweifelhaftem Werthe hat Liudprand wiederum daran Theil genommen, und ist auf der Reise gestorben. Mit Sicherheit [XVIII] wissen wir nur, daß am 28. März 973 bereits sein Nachfolger Oldebert Bischof von Kremona war.

Berlin, den 28. Juni 1853.

W. Wattenbach 




Die Uebersetzung der Werke Liudprands hatte der Freiherr Karl von der Osten-Sacken aus Liebe zur Sache gemacht und Pertz zu freier Verfügung übergeben. Dieser trug mit Recht Bedenken, die Antapodosis vollständig in diese Sammlung aufzunehmen und beauftragte mich mit der Auswahl der für deutsche Geschichte in Betracht kommenden Stücke; auch hatte ich die Uebersetzung durchzusehen und zu überarbeiten, und fügte außer der Einleitung und dem Register auch die Anmerkungen hinzu. Die poetischen Stücke übersetzte ich in den Versmaßen des Originals.

Die damals geschriebene Einleitung habe ich, mit geringen Veränderungen, beibehalten. Am tiefsten eingreifend ist die gänzlich umgestaltete Ansicht von der kritischen Grundlage dieser Werke, welche wir der scharfsinnigen Untersuchung des Gymnasialdirectors Fr. Koehler in Reval verdanken, im Neuen Archiv VIII, S. 47–88. Pertz hatte nämlich die Ueberzeugung gewonnen, daß die jetzt in München verwahrte Freisinger Handschrift das Autograph des Verfassers sei, weil darin die griechischen Stellen von einer andern Hand auf leer gelassenem Raume nachgetragen sind; dieselbe Hand hat von der Antapodosis das letzte Kapitel des fünften und das ganze sechste Buch, ferner die Historia Ottonis geschrieben. Auffallend und kaum begreiflich war es freilich dabei, daß man annehmen mußte, es sei auch die Historia Ottonis unvollendet geblieben, obgleich ihr nur noch sehr wenig fehlen konnte. Von der [XIX] Legatio ist gar keine Handschrift bekannt; die Trierer, auf welcher die Ausgabe von Canisius beruht, ist verloren. Koehler hat nun vollkommen überzeugend mit vielen Gründen nachgewiesen, daß jene Freisinger Handschrift ein Autograph des Verfassers unmöglich sein kann; er fand auch in Metz ein Excerpt griechischer Stellen, welches zeigt, daß man sich schon im zehnten Jahrhundert dort mit Liudprand beschäftigte, und auf ein correcteres Exemplar zurückgeht. Da nun außerdem Liudprands Werke in Italien fast gar nicht, in Deutschland aber schon früh an verschiedenen Orten bekannt gewesen sind, hat sich daran die Vermuthung geknüpft, daß wohl der gelehrte und auch der griechischen Sprache kundige Bischof Dietrich von Metz, welcher 972 in Benevent die Prinzessin Theophano in Empfang nahm, bei dieser Gelegenheit den litterarischen Nachlaß des um dieselbe Zeit verstorbenen Liudprand an sich gebracht und nach Metz gebracht haben möge. Er wird es dann auch wohl gewesen sein, welcher die von seinem Schreiber übergangenen griechischen Stellen nachtrug und die Historia Ottonis eigenhändig abschrieb. Sehr leicht aber begreift man, daß von den ungebundenen Quaternionen die letzten Blätter Beschädigungen ausgesetzt waren, und so der Schluß verloren ging. Nur die Antapodosis scheint wirklich unvollendet geblieben zu sein.

Im Vertrauen auf das vermeintliche Autograph hatte Pertz auf eine genaue Vergleichung der übrigen Handschriften keinen Werth gelegt, und es ist natürlich, daß auch die von E. Dümmler 1877 besorgte neue Octav-Ausgabe jetzt ungenügend erscheinen muß. Die Verschiedenheiten haben jedoch nirgends einen wesentlichen Einfluß auf den Inhalt. Koehler hat zahlreiche Stellen verbessert und namentlich viele Entlehnungen aus alten Autoren nachgewiesen; vermuthlich wird sich noch mehr der Art finden lassen, und auch der Nachweis der Bibelstellen trägt zum richtigen Verständniß bei. Einiges ist auch hier [XX] nachgetragen. Bei dieser Uebersetzung schien es nicht nothwendig, bei jeder einzelnen Stelle anzugeben, wer sie aufgefunden hat.

In den Formen, besonders deutscher Namen, entfernt sich Liudprand häufig so weit von der wirklich üblich gewesenen, daß es nicht zweckmäßig schien, sie beizubehalten; sie sind aber im Register angegeben.

Berlin, im Juni 1889.

W. Wattenbach. 




[1]
Das Buch der Vergeltung.





[3] Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes beginnt hiermit das Buch ἀυταποδόσεως, antapodóseos, das ist, der Vergeltung für die Könige und Fürsten von Europa, welche Liudprand, der Diakon an der Kirche zu Pavia, ἒυ τἠ ἐχμαλοσἱα en ti echmalosia autû, das ist während seiner Wanderschaft, verfaßt, und Recemund, dem Bischof der Kirche zu Illiberis in Hispanien, zugeeignet hat.

Hier beginnt das erste Buch.

1. Dem ehrwürdigen Herrn, dem Spiegel aller Heiligkeit, Herrn Recemund, dem Bischof der Kirche zu Illiberis, entbietet seinen Gruß Liudprand, nicht durch sein Verdienst Diakon an der Kirche zu Pavia.

Zwei Jahre habe ich, der Geringfügigkeit meiner Fähigkeiten mißtrauend, gezaudert der Aufforderung zu gehorchen, welche Du, theuerster Vater, an mich hattest ergehen lassen, daß ich die Thaten der Kaiser und Könige von ganz Europa, als Einer, der sie nicht durch zweifelhaftes Hörensagen, sondern durch eigene Anschauung kennt, beschreiben sollte. Es schreckten mich von diesem Unternehmen mein gänzlicher Mangel an Wohlredenheit und die Mißgunst der Tadler ab. Denn diese hochmüthigen Leute, die zum Lesen zu träge sind, und nach dem Ausdruck des gelehrten Boethius,[3] den philosophischen Mantel [4] zu tragen glauben, da sie doch nur einen Fetzen davon besitzen, werden wir höhnend sagen: „Unsere Vorfahren haben schon so viel geschrieben, daß es eher an Lesern, als an Büchern fehlen möchte.“ Auch werden wie mich mit jenem Vers des Lustspiels verspotten:[4] „Nichts wird man hören, was nicht Andere schon gesagt.“ Solchen Widerbellern antworte ich nun, daß, wie die Wassersüchtigen desto heftigeren Durst empfinden, je mehr sie trinken,[5] ebenso die Liebhaber der Weisheit, je mehr sie lesen desto begieriger nach neuen Büchern sind. Wer sich an den tiefsinnigen Werken des beredten Tullius müde gelesen, mag in solchen leichten Schriften, wie die gegenwärtige, Erholung suchen. Denn gleichwie das von den Strahlen der Sonne getroffene Auge, wenn man nicht etwas dazwischen bringt, geblendet wird, und die Sonne nicht in ihrer wahren Gestalt schaut: so müßte, scheint mir, der Geist, der sich unablässig mit den Lehren der Akademiker, Peripatetiker und Stoiker beschäftigen wollte, ermatten, wenn er nicht in dem wohlthätigen Lachen der Komödie, oder in ergötzlichen Heldengeschichten Erquickung fände. Da nun die abscheulichen Gebräuche der alten Heiden, deren Kenntniß nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich ist, in Büchern aufgezeichnet, dem Andenken erhalten werden: warum sollte man von dem Ruhme[6] der Fürsten unserer Zeit schweigen, welche noch den hervorragenden Feldherren Julius, Pompeius, Hannibal, dessen Bruder Adrubal, und Scipio, dem Afrikaner, an Ruhm keineswegs nachstehen? zumal da bei ihnen, wenn sie fromm lebten, die Gnade unsers Herrn Jesus Christus zu preisen ist, wenn sie aber Böses thaten, die von ihm verfügte [5] heilsame Zurechtweisung Erwähnung verdient. Auch möge sich niemand daran stoßen, wenn ich in diesem Büchlein die Handlungen schwacher Könige und weibischer Fürsten nachzeichne. Denn es ist nur eine und dieselbe Kraft und Gerechtigkeit des allmächtigen Gottes, Vaters, Sohnes und heiligen Geistes, durch welche er die Einen wegen ihrer Missethaten mit gerechten Strafen belegt, während er die Andern für ihre löblichen Werke nach Verdienst belohnt. Denn das ist die wahrhaftige Verheißung unseres Herrn Jesus Christus an seine Heiligen: „Achte und höre meine Stimme, so will ich deiner Feinde Feind und deiner Widerwärtigen Widerwärtiger sein, und mein Engel soll vor dir hergehen.“[7] Auch durch Salomo ruft uns die Weisheit, nämlich Christus, zu: „Die Welt wird mit ihm zum Streit ausziehen wider die Unweisen“[8] Und daß dieses täglich geschehe, muß auch der Schlafende bemerken. Um aber aus unzähligen Beispielen ein recht einleuchtendes anzuführen, will ich jetzt schweigen und die Ortschaft Fraxinetum[9] reden lassen, welche bekanntlich an der Grenze zwischen Italien und der Provence gelegen ist.

2. Die Lage dieses Ortes ist dir ohne Zweifel bekannt, und vielleicht besser bekannt als mir, da du sie von den Einwohnern selbst, welche deinem Könige Abderrahman Zins zahlen, hast erfahren können. Damit sie aber allen meinen Lesern anschaulich werde, muß man wissen, daß diesen Ort von der Seite das Meer, und von der andern ein dichter Wald von dornigem Gesträuch einschließt. Wer diesen betritt, wird dergestalt durch die krummen Zweige aufgehalten und von den scharfen Spitzen der Dornen durchbohrt, daß er ohne große Anstrengung nicht im Stande ist, vorzudringen, oder auch nur zurückzukehren. [6] 3. Nun geschah es durch den unerforschlichen und, weil es ja nicht anders sein kann, gerechten Rathschluß Gottes, daß nur zwanzig Sarazenen, die in einem kleinen Fahrzeuge von der hispanischen Küste abgesegelt waren, wider ihren Willen vom Winde dorthin verschlagen wurden. Diese landen dort, nach Seeräuberart, bei nächtlicher Weile, schleichen sich in den Flecken ein, ermorden, o Jammer! die christlichen Bewohner, bemeistern sich des Orts, und richten den daranstoßenden Berg Maurus zu einer Zufluchtstätte ein, um daselbst vor den benachbarten Völkern sicher zu sein. Damit aber das dornige Gebüsch zu ihrem Schutze noch höher und dichter werde, bedrohen sie einen jeden, der auch nur Einen Zweig davon abschneiden würde, mit dem Tode durch das Schwert. So verschwanden alle Zugänge bis auf einen einzigen sehr engen Pfad. Auf die Unzugänglichkeit des Orts vertrauend, durchstreifen sie nun heimlich die Gegend rings umher. Auch senden sie Boten nach Hispanien, um noch möglichst viele der Ihrigen herbeizurufen; sie rühmen ihnen den Ort, und verheißen ihnen, daß die benachbarten Völker für nichts zu achten seien. In kurzem kamen die Boten mit nur hundert andern Sarazenen zurück, die sich von der Wahrheit dieser Angaben überzeugen sollten.

4. Inzwischen entstanden Zwistigkeiten unter den Provenzalen, welches Volk ihnen zunächst wohnte. Aus gegenseitigem Neide fingen sie an, einander zu morden, zu berauben und auf alle erdenkliche Weise zu schaden. Da nun die eine Partei unter ihnen ihrem Hasse und ihrer Rachsucht nicht Genüge zu thun vermochte, so rief sie die eben erwähnten, nicht minder schlauen als treulosen Sarazenen zu hülfe, und schlug im Verein mit diesen die Gegner zu Boden. Und nicht zufrieden damit die eigenen Landsleute umzubringen, verwandelten sie auch deren fruchtbares Gebiet in eine Wüste. Doch wir wollen einmal sehen, welchen Nutzen der Neid ihnen gebracht habe, der gerechte, [7] wie ein gewisser ihn nennt,[10] indem er ihn folgendermaßen schildert:

Völlig gerecht ist der Neid, der unverzüglich des Neiders
Eigenen Geist aufzehrt, nagend mit quälender Pein.

Der Neidische will den Andern überlisten und wird selbst überlistet; während er seinem Nächsten den Untergang bereitet, geht er selbst zu Grunde. Was geschah also? Was die Sarazenen mit eigener Kraft nimmermehr vermocht hätten, das erlangten sie, indem sie mit Hülfe der einen Partei die andere besiegten, und nun, da sie fortwährend neuen Zuwachs aus Hispanien erhielten, diejenigen auf alle Weise zu bedrängen anfingen, als deren Beschützer sie anfangs aufgetreten waren. Nun wüthen sie, vertilgen das Volk, lassen gar nichts übrig, Schon zittern auch die übrigen Völkershaften in jener Gegen, denn nach den Worten des Propheten verjagte einer von ihnen tausend, und zweie machten zehntausend flüchtig. Und warum geschah das? Weil ihr Gott sie verkauft hat, und der Herr sie hat verstocken lassen.[11]

Zu dieser Zeit also war zu Konstantinopel Leo Porphyrogenitus Kaiser, der Sohn des Kaisers Basilius, und Vater des jetztlebenden und glücklich regierenden Konstantinus. Simeon, ein tapferer Kriegsmann, beherrschte die Bulgaren, ein Christ, doch abgesagter Feind seiner Nachbarn, der Griechen. Das Volk der Ungern, dessen Grausamkeit fast alle Nationen erfahren haben, und welches, wie wir umständlicher erzählen werden, mit Gottes gnädiger Hülfe, durch die Macht des heiligsten und unüberwindlichsten Königs Otto geschreckt, sich jetzt nicht zu rühren wagt, das war uns allen damals noch unbekannt. Es war nämlich von uns durch einige schwer zu bezwingende Bollwerke, die der gemeine Mann Klausen[12] nennt, [8] dergestalt geschieden, daß es weder nach Süden noch nach Westen auszurücken vermochte. Zu derselben Zeit herrschte, nach Karls des Kahlen[13] Tode, der mächtige König Arnulf über die Baiern Schwaben, die deutschen Franken[14], die Lotharinger und die kühnen Sachsen. Gegen ihn kämpfte mit tapferem Muthe Centebald, der Herzog der Mährer. Die Kaiser Berengar und Wido stritten um die Herrschaft in Italien, und Formosus, Bischof der Stadt Porto[15], saß auf dem päpstlichen Stuhl zu Rom. Nun aber wollen wir, so kurz wir nur können, erzählen, was sich unter jedem dieser Fürsten zugetragen hat.

13. Da Arnulf, der tapfere König der nördlichen Völker, den obenerwähnten Centebald, Herzog der Mährer, der ihm mannhaft widerstand, nicht bezwingen konnte: so zerstörte er, o Jammer! jene starken Schutzwehren, die, wie wir oben gesagt haben, gewöhnlich Klausen genannt werden, und rief die Ungern zu Hülfe[16]; dieses habsüchtige, verwegene Volk, welches den allmächtigen Gott nicht kennt, mit allen Freveln aber vertraut ist, und nur nach Mord und Raub trachtet, rief er zu Hülfe; wenn das anders Hülfe genannt werden kann, was bald nachher, als Arnulf starb, seinem Volke sowohl, wie den übrigen im Süden und Westen wohnenden Nationen, schwere Gefahr, ja Verderben, brachte. Was geschieht also? Centebald wird besiegt, unterworfen, zinspflichtig; aber nicht er allein. O blind [9] Herrschsucht des Königs Arnulf! o unseliger, beweinenswerther Tag! Um einen unbedeutenden Mann zu demüthigen, wird ganz Europa in Noth und Jammer gestürzt. O blinder Ehrgeiz! wie viele Frauen machst du zu Witwen, wie viele Väter beraubst du ihrer Kinder, wie vielen Jungfrauen raubst du die Ehre, wie vielen Priestern Gottes sammt ihren Gemeinden die Freiheit; wie viele Kirchen veröden durch dich, wie viele Länder legst du wüste! Hast du o König, ich beschwöre dich, nicht jene Worte gelesen, welche die Wahrheit selber spricht: „Was hülf’s dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele wieder löse?“[17] Fürchtest du nicht den strengen Spruch des höchsten Richters, so hätte doch der Gedanke an die Menschheit, zu der du selber gehörtest, deine Muth mäßigen sollen. Denn du warst ein Mensch unter Menschen, zwar durch deine Würde höher gestellt, aber von Natur ihnen gleich. Traurig und elend ist in Wahrheit diese Verirrung des Menschengeschlechts; denn die Gattungen der Thiere, Schlangen und Vögel, welche ihrer unbezähmbaren Wildheit und ihres tödtlichen Giftes wegen von den Menschen abgesondert leben, wie der Basilisk, die Otter, das Rhinoceros, oder der Greif, deren bloßer Anblick für verderblich gehalten wird, die leben unter sich um des gemeinschaftlichen Ursprungs und der gleichen Natur willen friedlich und harmlos nebeneinander; der Mensch aber, welcher nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, der das göttliche Gesetz in sich trägt und mit Vernunft begabt ist, den freut es nicht allein seinen Nächsten nicht zu lieben, sondern er vermag sogar ihn mit dem äußersten Hasse zu verfolgen[18]. Sehen wir also zu was Johannes von solchen Menschen sagt — nicht irgend ein gewöhnlicher Mann, [10] sondern jener herrliche reine Jüngling, dem das himmlische Geheimniß offenbart war, dem Christus am Kreuze seine Mutter empfahl; er aber sagt: „Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Todtschläger, und ihr wisset, daß ein Todtschläger nicht hat das ewige Leben bei ihm bleibend[19].“ Doch jetzt wollen wir zu unserer Erzählung zurückkehren. Nach Besiegung des Centebald also, des Herzogs der Mährer, beherrschte Arnulf sein Reich in Frieden. Inzwischen merkten sich die Ungern den Weg, nahmen die Gegend in Augenschein, und entwarfen in ihrem Herzen die bösen Anschläge, welche nachher ans Licht kamen.

14. Mittlerweile war der König von Gallien, Karl mit dem Beinamen der Kahle[20], aus diesem zeitlichen Leben geschieden. Bei seinen Lebzeiten hatten zwei edle Herren aus Italien, gar mächtige Fürsten, von denen der eine Wido, der andere Berengar hieß[21], in seinem Dienst gestanden. Diese waren unter einander durch so enge Freundschaft verbunden, daß sie sich gegenseitig eidlich versprachen, falls sie den König Karl überleben würden, einander bei der Gewinnung der Königskrone nicht hinderlich zu sein, nämlich so, daß Wido das sogenannte romanische Franken[22] und Berengar Italien erhielte. Es giebt[23] aber mancherlei unzuverlässige und unbeständige Freundschaften; denn auf verschiedene Weise werden die Menschen zu gegenseitigem Wohlwollen vereint, indem einige auf vorhergegangene Empfehlung, andere wegen Gleichheit des Berufs zu Handelsgeschäften, zum Kriegsdienst, zu Künsten oder zu wissenschaftlicher Beschäftigung in freundschaftliche Verhältnisse treten: [11] und es werden solche Verbindungen, wie sie aus einer Gemeinschaft zu Gewinn oder Genuß oder aus sonstigen Beziehungen entstehen, ebenso durch mancherlei Trennungsgründe wieder aufgelöst; insonderheit aber ist gerade jene Art der Freundschaft dem Wechsel unterworfen, denn zahlreiche Beispiel haben es vielfältig erwiesen, daß gerade diejenigen, welche ihren Freundschaftsverbund mit einer eidlichen Verpflichtung begannen, auf keine Weise in ungestörter Eintracht zu bleiben vermochten. Denn um die Menschen zur Uebertretung ihres Eides zu bringen, arbeitet dann der schlaue Feind des Menschengeschlechts mit mehr als gewöhnlicher List und Thätigkeit daran, ihre Freundschaft zu untergraben. Wenn uns nun Leute, die darüber nicht hinlänglich unterrichtet wären, fragen sollten, was eine zuverlässige Freundschaft sei, so würden wir antworten, daß Eintracht und wahre Freundschaft nur unter Männern von rechtschaffenem Wandel bestehen kann, die mit gleicher Beharrlichkeit nach gleichen Zwecken streben.

15. Nun traf es sich, daß weder Wido noch Berengar zugegen waren, als König Karl starb. Sobald aber Wido den Tod desselben erfuhr, begab er sich nach Rom und ließ sich, ohne die Franken zu befragen, zum Kaiser über das gesamte fränkische Reich salben[24]. Die Franken aber erwählten, da Wido abwesend war, den Odo zu ihrem König. Dagegen übernahm Berengar, auf Widos Rath und der eidlichen Verabredung gemäß, die Krone des italischen Reiches. Wido aber eilt nach Frankreich.

16. Als er nun durch die Reiche der Burgunder gezogen war und das Gebiet des sogenannten romaischen Frankens betreten wollte, da kamen ihm Abgeordnete von Seiten der Franken entgegen und meldeten ihm, er solle nur wieder umkehren, [12] denn die Franken hätten, weil sie des Wartens überdrüssig gewesen, und nicht lange ohne einen König sein könnten, auf allgemeines Verlangen den Odo gewählt. Man erzählt aber Folgendes als die Ursache, weswegen sie den Wido nicht zu ihrem König angenommen haben. Als er sich nämlich der Stadt Metz häherte, welche als die wichtigste im Reiche Lothars hoch berühmt ist, sandte er seinen Truchseß voraus, um Lebensmittel für ihn nach königlicher Weise zu besorgen[25]. Da nun der Bischof von Metz diesem nach der Gewohnheit der Franken eine große Fülle von Lebensmitteln verabfolgen ließ, sagte ihm der Truchseß: „Wenn du mir nur ein Pferd schenken möchtest, so will ich schon machen, daß sich König Wido mit dem dritten Theile dieser Speisen begnüge.“ Als das der Bischof hörte, erwiderte er: „Es ziemt sich nicht, daß über uns ein solcher König herrsche, der sich eine elende Mahlzeit für zehn Drachmen bereiten läßt.“ Und so geschah es daß sie den Wido verließen, den Odo aber zum Könige wählten.

17. Ueber die Botschaft der Franken also nicht wenig bestürzt, fing Wido an, von verschiedenen Gedanken heftig bewegt zu werden, einerseits wegen des italischen Reiches, welches er dem Berengar eidlich zugesichert hatte, besonders aber wegen des Frankenreiches, von dem er nun wohl einsah, daß er es nimmermehr erlangen könne. So schwankte er zwischen den beiden verschiedenen Richtungen, aber da er doch einmal nicht Frankenkönig werden konnte, entschloß er sich lieber den Eid zu brechen, welchen er dem Berengar geschworen hatte. Er sammelte also sein Heer, so gut es ging, denn er hatte allerdings auch von den Franken eine Partei seiner gesippten Freunde an sich gezogen – drang rasch nach Italien ein, und begab sich voll Zuversicht zu den Einwohnern von Camerino und Spoleto [13] als zu seinen Angehörigen. Auch von Berengars Anhängern gewann er einige Verräther durch Geld und rüstete sich so zum Kriege gegen Berengar.

18. Als nun beide ihre Streitkräfte gesammelt hatten, zogen sie zum Bürgerkriege gegen einander, und an der Trebia, fünf Meilen von Piacenza, kam es zu einer Schlacht, in welcher von beiden Theilen viel Volks erschlagne wurde; Berengar aber ergriff die Flucht und Wido behielt den Sieg[26].

19. Doch schon nach wenigen Tagen[27] hatte Berengar eine große Schaar gesammelt, und stellte sich damit in den weiten Ebenen von Brescia dem Wido zur Schlacht entgegen. Aber nach gewaltigem Blutvergießen mußte Berengar sein Heil in der Flucht suchen.

20. Nunmehr aber rief Berengar, da er mit seinem geringen Kriegsvolk dem Wido nicht zu widerstehen vermochte, den vorgenannten mächtigen König Arnulf zu Hülfe und gelobte daß er mit allen den Seinigen ihm dienstbar sein wolle, wenn er durch seinen starken Beistand den Wido besiegen und das Königreich Italien für sich behaupten würde.

Durch so große Verheißung gelockt, sandte König Arnulf seinen Sohn Centebald, den er mit einer Beschläferin erzeugt hatte, an der Spitze eines starken Heeres dem Berengar zu Hülfe, und vereinigt gelangten nun beide im raschen Vordringen bis Pavia. Wido aber hatte das Ufer des Flüßchens Vernavola, welcher Pavia von der einen Seite bespült, mit Schanzpfählen und Mannschaft dergestalt befestigt, daß die durch den Fluß getrennten Heere einander nicht angreifen konnten.

21. Ein und zwanzig Tage verflossen, während, wie gesagt, die beiden Heere einander nicht beikommen konnten; und täglich [14] erschien einer von den Baiern und verhöhnte die Schaaren der Italiener, indem er ihnen zurief, sie seien Feiglinge und verständen nicht zu reiten[28] Zu noch größerem Spott sprengte er sogar einmal mitten unter sie hinein, riß einem von ihnen die Lanze aus der Hand, und kehrte frohlockend ins Lager zurück. Um für solche Beschimpfung seines Volkes Rache zu nehmen, ergriff Hubald, der Vater des Bonifazius, der nachmals zu unserer Zeit Markgraf von Camerino und Spoleto war, seinen Schild, und ritt jenem Baiern entgegen. Dieser aber, seines früheren Erfolges nicht vergessend, sondern dadurch nur noch viel kühner gemacht, da er sich wie nach einem Siege schon sicher dünkte, eilte freudig zum Kampfe herbei, und begann sein behendes Roß bald in gewaltigem Anlauf vorsprengen zu lassen, bald, die Zügel anziehend, umzuschwenken. Hubald aber dringt gerade auf ihn ein. Und da sie schon auf dem Punkte waren, sich gegenseitig zu durchbohren, begann wieder der Vater nach gewohnter Weise sein gewandtes Roß in mannigfaltig sich durchkreuzenden Wendungen zu tummeln, um durch solche Künste den Gegner zu überlisten. Aber während er ihm in solcher Kampfesweise den Rücken weist, um dann rasch umwendend den Feind von vorne zu treffen, gibt Hubald seinem Pferde tüchtig die Sporen, erreicht den Baier, ehe dieser umzuwenden vermag, und stößt ihm seinen Speer zwischen den Schultern hindurch ins Herz. Hieroauf ergreift er des Baiern Pferd beim Zügel, wirft den Reiter, den das Leben schon verlasssen hatte, in den Strom und kehrt als Rächer seiner Landsleute in frohem Triumphe zu den Seinen zurück. Diese That verursachte den Baiern nicht geringen Schrecken, den Italienern aber gab sie neuen Muth. Da berieht sich Centebald mit [15] seinen Baiern, nahm von Wido eine große Summe Geldes an, und kehrte in seine Heimath zurück.

22. Als Berengar sah, daß ihm das Glück überall ungünstig war, begab er sich zugleich mit Centebald an den Hof des Königs Arnulf, bat ihn dringend um Hülfe, und gelobte dafür, wie er schon früher versprochen hatte, sich und ganz Italien unter seine Botmäßigkeit zu stellen. Durch solche Verheißung angelockt, sammelte der König ein ansehnliches Heer, und zog nach Italien. Um ihm Zutrauen zu seinen Verheißungen einzuflößen, und ein Unterpfand seiner Treue zu geben, trug Berengar als Dienstmann des Königs Schild.

23. Von den Einwohnern Veronas bereitwillig empfangen, eilt Arnulf weiter nach Bergamo, und da die Einwohner dieser Stadt im eiteln Vertrauen auf ihre starken Festungswerke ihm nicht huldigend entgegenkommen wolle, schlägt er ein Lager auf, nimmt die Stadt mit Gewalt und erfüllt sie mit Mord und Todschlag. Auch den Grafen der Stadt, mit Namen Ambrosius, läßt er mit Schwert, Wehrgehenke, Armspangen und seinen kostbaren Kleidern angethan, vor dem Thore der Stadt aufknüpfen. Diese That jagte allen andern Städten und sämmtlichen Fürsten einen nicht geringen Schrecken ein; wer nur davon hörte, dem klangen beide Ohren[29]

24. Durch dei Kunde davon erschreckt, wollten die Einwohner von Mailand und Pavia die Ankunft des Königs Arnulf nicht erst abwarten, sondern schickten ihm eine Gesandtschaft entgegen, und versprachen seinen Befehlen zu gehorchen. Demzufolge sandte er den mächtigen Herzog Otto von Sachsen, den Großvater des jetztlebenden und glücklich regierenden, glorreichen und unüberwindlichen Königs Otto, nach Mailand, es zu vertheidigen, und zog selbst gerades wegs nach Pavia.

25. Wido aber, seinem Andrang nicht gewachsen, entfloh [16] nach Camerino und Spoleto. Unverweilt verfolgte ihn der König mit Heeresmacht, und bezwang alle Städte und Burgen, die ihm trotzen wollten, mit gewaltiger Kraft. Kein Platz, er mochte durch seine Lage noch so fest sein, wagte es, seinem starken Arme zu widerstehen. Wie sollte man sich aber auch darüber verwundert, da selbst die Königin alle Städte, die große Roma, seinen Angriff nicht auszuhalten vermochte?[30] Da ihm nämlich die Römer ihre Thore nicht öffnen wollten, rief er seine Krieger zusammen und redete sie folgendermaßen an:

26. Auf! hochherzige Männer, geschmückt mit dem Kranze des Siegers,
Denen das strahlende Gold zum Schmuck nur dienet der Waffen,
(Bücher nur, inhaltsleer, weiß damit der Römer zu zieren)
Auf mit fröhlichem Muth zum Kampf, Wuth biete die Waffen![31]
Nicht Pompeius ist hier, nicht Cäsar der Liebling des Glückes,
Der einst unserer Ahnen gewaltige Kühnheit bezwungen.
Alle die besten von jenem Geblüt hat ferne nach Argos
Längst entführet der Sohn der geheiligten brittischen Mutter[32].
Diese verstehen nur Eins: mit der Hanffschnur[33] Beute zu machen,
Angelnd nach leckerem Wels, nicht blitzende Schilde zu führen.

27. Durch diese Worte von Kampfeslust entbrannt, achten seine Helden voll Ruhmbegier ihr Leben nur gering. Sie decken sich daher rottnweise mit ihren Schildern und geflochtenen Hürden, und wollen so die Mauer angreifen; auch hatten sie zahlreiches Kriegsgeschütz gerüstet. Da geschah es, daß während [17] der Vorbereitungen, denen das Volk zuschaute, ein Hase, durch das viele Geschrei aufgescheucht, gerade auf die Stadt zulief. Als nun diesem die Menge, wie das zu geschehen pflegt, raschen Laufs nachsetzt, glauben die Römer, das Heer stürme gegen sie an, und stürzen sich von der Mauer herab. Sobald das Kriegsvolk dieses gewahr wird, werfen sie ihre Mantelsäcke und Sättel, so wie sie darauf zu Pferde saßen, am Fuß der Mauer zusammen, und ersteigen über diesen Haufen die Zinnen. Eine andere Abtheilung des Heeres bemächtigt sich eines fünfzig Fuß langen Balkens, zertrümmert damit eines der Thore, und so nehmen sie mit Gewalt Besitz von der sogenannten Leoninischen Stadt[34], wo der kostbare Leichnam des Apostelfürsten Petrus ruht. Hierdurch in Furcht gesetzt, unterwerfen sich auch die auf dem andern Ufer des Tiber wohnenden Römer der Herrschaft Arnulfs.

28. Zu dieser Zeit waren dem gottesfürchtigen Papst Formosus von Seiten der Römer viele Kränkungen widerfahren. Auf seinen Ruf war auch König Arnulf nach Rom gekommen. Dieser ließ nun bei seinem Einzuge in die Stadt, um die dem Papste geschehene Unbill zu rächen, eine Menge vornehmer Römer, die ihm entgegen eilten, enthaupten.

29. Folgendes aber war die Ursache der Feindschaft zwischen dem Papst Formosus und den Römern. Als der Vorgänger des Formosus[35] starb, war ein gewisser Sergius Diakon der römischen Kirche, und diesen wählte ein Theil der Römer zum Papst. Aber eine andere nicht unbedeutende Partei strebte voll Eifer danach, daß der gedachte Formosus, Bischof von Porto, wegen seiner echten Frömmigkeit und seiner tiefen Erkenntniß der göttlichen Lehre, Papst werden möchte. Als es nun dazu [18] gekommen war, daß Sergius als Nachfolger der Apostel geweihet werden sollte, erhoben sich die Anhänger des Formosus, vertrieben unter gewaltigem Lärm und vielen Mißhandlungen den Sergius vom Altar, und setzten den Formosus zum Papst ein.

30. Und Sergius ging hinab nach Tuscien, um bei dem mächtigen Markgrafen Adelbert Hülfe zu suchen, die er auch fand. Denn nach dem Tode des Formosus[36], und als auch Arnulf in seiner Heimath gestorben war, wurde der zum Nachfolger des Formosus ernannte Papst vertrieben, und Sergius durch Adelbert an dessen Stelle gesetzt[37]. Dieser, als ein gottloser und der heiligen Lehren der Kirche unkundiger Mann, ließ den Formosus aus seinem Grabe hervorziehen, und befahl, ihn mit priesterlichen Gewändern angethan auf den Stuhl der päpstlichen Würde zu setzen. Dann sprach er zu ihm: „Mit welchem Rechte hast du, da du Bischof von Porto warst[38], von Ehrgeiz getrieben, den römisch-apostolischen Stuhl zu besteigen dich vermessen?“

Hierauf ließ er dem todten Körper die heiligen Gewänder wieder abnehmen, drei Finger von der Hand abhauen, und ihn in den Tiber werfen; alle Geistlichen aber, welche Formosus geweiht hatte, entsetzte er ihrer Würde, und weihete sie dann aufs Neue. Wie unrecht er hieran gethan, wirst du, ehrwürdiger Vater, daraus abnehmen, daß nicht einmal diejenigen, welche von Judas, dem Verräther unsers Herrn Jesus Christus, vor seinem Verrathe den apostolischen Gruß oder Segen empfangen hatten, desselben verlustig wurden, als Judas den Verrath beging und sich selber erhing; es wäre denn daß sich [19] welche durch Missethaten befleckt hätten. Nämlich die Weihe, welche den Dienern Christi ertheilt wird, erhalten diese nicht von dem sichtbaren, sondern von dem unsichtbaren Priester. Denn weder der da begießet, noch der das pflanzet, ist etwas, sondern Gott, der das Gedeihen giebt[39].

31. Von wie großer Würdigkeit und Frömmigkeit aber der Papst Formosus gewesen sei, können wir daraus ersehen, daß später, als sein Leichnam von Fischern aufgefunden und in die Kirche des Apostelfürsten Petrus gebracht wurde, einige Bilder der Heiligen sich vor ihm, wie er in seinem Sarge lag, ehrfurchtsvoll verbeugten. Dieses nämlich habe ich von den gottesfürchtigsten Einwohnern der Stadt Rom oftmals gehört. Doch lasset uns hiervon abbrechen, und den Faden der Erzählung wieder aufnehmen.

32. Nachdem König Arnulf seinen Wunsch erreicht hatte, ließ er nicht ab den Wido zu verfolgen[40], und nach Camerinum ziehend, belagerte er die Burg Fermo, in welcher sich Widos Gemahlin befand. Wido aber hielt sich, man wiß nicht wo verborgen. Diese Burg also, welche nicht nur dem Namen nach, sondern auch in Wirklichkeit ein sehr fester Platz war, umgab er mit einem Walle, und rüstete alles Kriegswerkzeug, um sie zu nehmen. Als nun Widos Gemahlin sich von allen Seiten hart bedrängt und keine Möglichkeit zu entrinnen sah, begann sie mit Schlangenlist darauf zu sinnen, wie sie den König ums Leben bringen könnte. So ließ nämlich einen der vertrautesten Diener Arnulfs zu sich kommen und suchte ihn durch große Geschenke zu gewinnen, daß er ihr hülfe. Er versicherte zwar, daß er ihr nur dann helfen könne, wenn sie die Stadt dem Könige übergäbe; sie aber versprach ihm nicht nur Gold [20] über Gold, sondern schenkte es ihm auch auf der Stelle, und bat ihn inständigst, daß er dem Könige seinem Herrn aus einem Becher, den sie ihm reichte, zu trinken geben möchte: sein Leben sagte sie, werde der Trunk nicht gefährden, sondern nur der Seele Wildheit mildern. Und um ihren Worten Glauben zu verschaffen, läßt sie in seiner Gegenwart einen ihrer Diener aus dem Becher trinken, der eine Stunde lang vor seinen Augen verweilte, und dann gesund hinweg ging. Hier aber muß ich nun an jenen so wahren Ausruf Virgils erinnern: „Was nicht von der Sterblichen Herzen erzwingst du, Grauliche Goldesbegier!“[41] Denn er nahm den tödlichen Trank, und kredenzte ihn eilig dem Könige. Kaum hatte dieser ihn genommen, als er in einen so tiefen Schlaf verfiel, daß ihn drei Tage hindurch der Lärm des ganzen Heeres nicht erwecken konnte. Man erzählt aber, daß, während seine Diener ihn bald durch Lärm bald durch Rütteln zu wecken suchten, der König mit offenen Augen gefühllos daliegend, kein vernehmliches Wort habe reden können. Wie einen Wahnsinnigen hörte man ihn nicht sprechen, sondern brüllen. Dieses Ereigniß bewog das Heer, ohne Kampf den Rückzug anzutreten.

33. Ich glaube aber, daß dieses Uebel als eine gerechte Strafe vom höchsten Richter über den König Arnulf verhängt worden sei. Denn als das Glück ihm überall günstig war, und seine Macht sich nach allen Seiten ausbreite, maß er alles dieses seiner Tapferkeit bei, ohne dem allmächtigen Gott die gebührende Ehre zu geben. Priester Gottes wurden gebunden fortgeschleppt, geweihete Jungfrauen und verheirathete Frauen mit Gewalt entehrt. Nicht einmal in den Kirchen fanden die Flüchtenden eine Freistätte; denn diese wurden durch Schmausereien, unanständige Aufzüge, unzüchtige Gesänge und [21] durch Trinkgelage entweiht. O Gräuel! es wurden dort sogar Weiber öffentlich der Unzucht preisgegeben.

34. Auf seinem Rückzuge wurde der schwer erkrankte König Arnulf von dem Könige Wido auf dem Fuße verfolgt[42]. Und als er den Berg Bardo[43] erstieg, beschloß er auf den Rath der Seinen, den Berengar blenden zu lassen, um sich auf solche Weise den Besitz Italiens zu sichern. Allein einer von Berengars Verwandten, der bei dem Könige in besonderer Gunst stand, erfuhr diesen Ratschluß, und theilte ihn unverweilt dem Berengar mit, der, sobald er ihn erfahren hatte, die Fackel, mit welcher er eben dem Könige leutete, einem Andern übergab, entwich, und eilig nach Verona flüchtete.

35. Von nun an gaben alle Italiener wenig mehr auf Arnulf und achteten ihn für nichts. Darum entstand auch, als er nach Pavia kam, ein großer Aufruhr in der Stadt, und in seinem Heere wurde ein solches Blutbad angerichtet, daß die Grüfte der Stadt, die man mit anderem Namen Kloaken nennt, von den Leichen der Erschlagenen angefüllt wurden. Da Arnulf dieses sah, beschloß er, weil ihm der Weg über Verona verlegt war, auf der Straße Hannibals, die man Bardus[44] nennt, und über den Jupiterberg heimzukehren. Und da er vor Ivrea anlangte, befand sich daselbst der Markgraf Anscarius, auf dessen Anstiften auch diese Stadt sich empörte. Arnulf aber gelobte eidlich, von dem Orte nicht eher zu weichen, als bis man ihm den Anscarius ausgeliefert hätte. Dieser jedoch, wie er denn ein sehr furchtsamer Mann war, ganz mit dem zu vergleichen, von welchem Virgil[45] sagt: „Reich an Hab’, und der Zunge Gewalt; doch weniger feurig kämpfte der Arm;“ verließ die Burg und verbarg sich in den Höhlen der Felsen [22] unweit der Stadtmauer. Dieses that er aber deshalb, damit die Einwohner mit gutem Gewissen dem Könige die Versicherung geben könnten, daß Anscarius nicht in der Stadt sei. Diese eidliche Zusicherung also nahm der König an, und setzte dann seinen Zug weiter fort.

36. In der Heimath angelangt, starb Arnulf an der schmählichsten Krankheit. Von Ungeziefer nämlich, Läusen wie man sagt, wurde er aufs Aeußerste gequält, bis er seinen Geist aufgab. Man behauptet aber, dieses Ungeziefer habe sich bei ihm in so großer Menge erzeugt, daß es durch kein ärztliches Mittel zu vertilgen gewesen sei[46]. Ob er nun für die so ungeheure Schuld, nämlich die Loslassung der Ungern, nach den Worten des Propheten[47] zweifach zerschlagen sei, oder ob er durch die hienieden ausgestandene Strafe Vergebung für das zukünftige Leben erlangt habe, das wollen wir einzig der Weisheit dessen anheimstellen, von dem der Apostel spricht: „Richtet nihct vor der Zeit, bis der Herr komme, welcher auch wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und den Rath der Herzen offenbaren; alsdann wird einem jeglichen von Gott Lob widerfahren[48]“.

37. Aber die Gattin des Wido, welche Arnulf den Tod bereitet hatte, bereitete der gerechte Gott den Schmerz der Wittwenschaft. Indem nämlich König Wido den abziehenden Arnulf, wie oben erwähnt worden, auf dem Fuße verfolgte, ereilte in der Tod am Ufer des Flusses Taro. Auf die Nachricht hiervor begab sich Berengar unverweilt nach Pavia, und nahm gewaltig die Herrschaft an sich. Da aber die Getreuen und Anhänger des Wido besorgten, Berengar möchte sich wegen der erlittenen Unbill an ihnen rächen, und weil immer die [23] Italiener zwei Herren haben wollen, um den einen durch die Furcht vor dem andern in Schranken zu halten: so setzten sie Lambert, den Sohn des verstorbenen Königs Wido auf den Thron[49], einen schönen, dem Knabenalter eben entwachsenen und sehr kriegerischen Jüngling. Da fing das Volk an diesem anzuhangen und Berengar zu verlassen; und als Berengar nicht im Stande war, sich dem Lambert, welcher mit einem großen Heere gegen Pavia anrückte, mit seinen geringen Streitkräften entgegen zu stellen, so zog er sich nach Verona zurück, und lebte dort in Sicherheit. Nicht lange nachher aber wurden die Fürsten des Königs Lambert überdrüßig, weil er ein strenger Herr war, und sandten Abgeordnete nach Verona, den König Berengar zu bitten, daß er zu ihnen kommen und den Lambert vertreiben möchte[50]

Hier endet das erste Buch.




Hier beginnt das zweite Buch.

1. Als die Lebenswärme den Gliedmaßen des Königs Arnulf entwichen und der Körper entseelt war, wurde dessen Sohn Ludwig von allen Völkern seines Reiches auf den Thron erhoben. Der Tod eines so großen Mannes aber konnte den benachbarten Ungern so wenig, wie den Bewohnern des ganzen Erdkreises unbekannt bleiben. Sein Sterbetag war für sie der fröhlichste aller Festtage; sein Tod war ihnen erwünschter als alle Schätze. Denn was geschieht? [24] 2. Gleich im ersten Jahre nach Arnulfs Tode und seines Sohnes Thronbesteigung, versammeln sie ein gewaltige Heer und unterwerfen sich das Volk der Mährer, welche König Arnulf mit ihrer Hülfe bezwungen hatte; sie überschreiten auch die Grenzen der Baiern, zerstören die Burgen, verbrennen die Kirchen und morden die Einwohner. Ja, um noch mehr Schrecken zu verbreiten, berauschen sie sich in dem Blute der Erschlagenen.

3. Als König Ludwig von der Verwüstung seines Landes und von der Grausamkeit dieses Volkes Kunde erzählt, beruft er alle die Seinen zur Heerfahrt; und um sie durch Schrecken zu größerem Eifer anzutreiben, bedroht er jeden, welcher ausbleiben werde, mit dem Tode durch den Strang[51]. Seinem großen Heere zieht die unzählbare Schaar jenes scheußlichen Volkes eiligst entgegen[52]. Keinen Durstigen sieht man so begierig nach einem kühlen Trunke lechzen, wie dieses grausame Volk sich nach der Stunde des Kampfes sehnet; auch hat es an nichts Freude, als am Schlachtgetümmel. Wie ich aber in dem Buche, das vom Ursprung dieses Volkes handelt[53], gelesen habe, zerschneiden bei ihnen die Mütter ihren Söhnen gleich nach der Geburt mit scharfen Messern das Gesicht, damit sie nämlich, noch ehe sie die Nahrung der ersten Milch empfangen, den Schmerz der Wunden zu erdulden lernen. Diese Behauptung gewinnt an Glaubhaftigkeit durch die Wunden, welche bei der Trauer um sterbende Verwandte die Ueberlebenden sich selber beibringen. Und als ἄθεοι καἰ ἀσεβοἶς αντι των δακρειων athei ke asevis anti ton dakrion, d. h. als Leute die keinen Gott und kein Gewissen haben, vergießen sie so anstatt [25] der Thränen Blut. Schon war König Ludwig mit seinem Heere bis nach Augsburg, einer Stadt an der Grenze der Schwaben, der Baiern, und der östlichen Franken gekommen, als ihm die unverhoffte, oder vielmehr unerwünschte Nachricht gebracht wird, der Feind sei in der Nähe. Am folgenden Tage also treffen die beiden Heere zusammen in der Ebene am Lechflusse, die durch ihre Geräumigkeit zu dem Werke des Mars wohl geeignet ist.

4. Ehe noch Aurora vom Safranlager Tithonus aufgestiegen[54], fällt schon das blutdürstige, kampfgierige Ungernvolk über die noch schlaftrunkenen Christen her. Viele werden durch die Pfeile des Feindes geweckt, ehe sie noch dessen Geschrei vernehmen; andere, auf ihrem Lager durchbohrt, werden weder durch den Lärm noch durch ihre Wunden war, denn die Seele entweicht ihnen schneller als der Schlaf. Ein schwerer Kampf erhebt sich von beiden Seiten, und wie zur Flucht den Rücken wendend, strecken die Türkcen[55] und ihren wohlgezielten boelis d. i. Pfeilen, viele Christen zu Boden.

Wenn Eloims Allmacht in schauriger Hoheit beginnet
Des goldlockigen Phöbus Gestirn mit finsteren Wolken
Ganz zu verdecken, von donnerndem Schall der Himmel erdröhnet[56],
Blitz auf Blitz von dem Thron des erhabenen Donnrers entsendet,
Flammend erglänzt, dann zittern sogleich, die Weißes in Schwarzes
Trüglich verkehrt, sie fürchten die eigene Brust zu ergründen,
Welche des Frevels bewußt, vor dem himmlischen Zorne dahinsinkt.
Ganz so flieget der Pfeil, aus entleeretem Köcher geschüttet,
Zu durchbohren geschickt des Panzers mächtige Stierhaut.
Wenn hinstürzend der Hagel die grünenden Saaten zerschmettert,
Laut dann schallt das Geräusch, und tönend erklingen die Dächer:
So erdröhnen die Helme, getroffen von wuchtigem Schwertstreich,
So auch stürzen die Leiber, vom fliegenden Pfeile durchbohret.

[26] Schon hatte Phöbus niedersteigend die siebente Stunde erreicht[57], und noch war Mars mit heiterm Blick dem Heere Ludwigs günstig: als die Türken, wie sie sich denn auf Kriegslisten wohl verstehen, scheinbar die Flucht ergreifen, nachdem sie vorher einen Hinterhalt gestellt haben. Während ihnen nun das Volk des Königs, die List nicht ahnend, in eifrigster Verfolgung nachsetzt, brechen die versteckten Feinde von allen Seiten hervor, und nun fallen die scheinbar besiegten selber über die Sieger her und machen sie nieder. Der König selbst sieht mit Schrecken seinen Sieg in eine Niederlage verwandelt, und der Unfall trifft ihn um so härter, je weniger er sich dessen versehen hatte. Weit und breit sind die Triften und die Felder mit Leichen bedeckt, die Bäche und Ströme von Blut geröthet; das Wiehern der Rosse und der Schall der Trompeten vermehrt die Angst der Fliehenden, und spornt mehr und mehr den Eifer der Nachsetzenden an.

5. So erreichten die Ungern ihre Absicht, doch war ihre Bosheit durch diese ungeheure Niederlage der Christen keineswegs befriedigt; sondern um ihrer ruchlosen Wuth zu fröhnen, durchzogen sie sengend und brennend die Länder der Baiern, Schwaben, Franken und Sachsen. Niemand wagte ihre Ankunft zu erwarten, ausgenommen an falschen Orten, welche mit großer Anstrengung oder durch ihre günstige Lage stark befestigt waren. Und das Volk wurde auf einige Jahre den Ungern zinsbar[58].

6. Zur Zeit dieses Königs lebte Einer Namens Adelbert, nicht irgend ein unbedeutender Mann, sondern jener allbekannte gewaltige Held, auf seinem Schloß zu Babenberg, in großer Feindschaft mit dem Reiche. Denn schon oftmals war der König Ludwig mit allen seinen Streitkräften gegen ihn ausgezogen; [27] dieser Held aber stellte sich ihm nicht etwa in der Nähe seiner Burg, wie das die Meisten zu thun pflegen, sondern fern von seiner Feste zum Kampfe entgegen. Die Leute des Königs nämlich gedachten, ehe sie durch Erfahrung seiner Kühnheit zu bewundern gelernt hatten, dem Könige vorauseilend den Adelbert durch ein Vorspiel des Kampfes aus seiner Feste herauszulocken und ann umzubringen. Adelbert aber, der in solchen Kriegslisten nicht nur erfahren, sondern ganz und gar darin zu Hause war, kam ihnen so weit von seiner Burg entgegen, daß sie ihn nicht eher für einen Feind erkannten, als bis sie sein kampfbegieriges Schwert auf ihrem Nacken fühlten. Nachdem also Adelbert, der Held, dergestalt während beinah sieben Jahren[59] im Aufruhr verharret hatte, wandte sich der König Ludwig, da er einsah daß er solche Tapferkeit und Kühnheit nicht anders als durch List besiegen könne, an den Erzbischof Hatto von Mainz, und bat ihn um seinen Rath, was wohl hierbei zu thun sein möchte. Dieser, listig wie er war, sprach zu ihm: „Sei ruhig, ich will dich von diesen Sorgen befreien. Ich werde veranstalten, daß Adelbert zu dir kommt; sorge du dafür, daß er nicht wieder heimkehrt.“ Voll Vertrauen auf seine Klugheit, womit er schon manchem schlimmen Handel eine günstige Wendung gegeben hatte, begab sich Hatto nach Babenberg[60], also als ob ihn theilnehmende Freundschaft für Adelbert dahin führe. Und er sprach zu ihm: „Auch wenn du an kein zukünftiges Leben glaubtest, wäre es doch von dir nicht recht, wider deinen Herrn Krieg zu führen, zumal da alles was du thust, zwecklos ist. Denn nur deshalb weil du dich durch deinen trotzigen Sinn fortreißen läßt, wirst du nicht gewahr, wie sehr du bei allen, und besonders beim Könige in Gunst stehest. Folge also meinem Rathe, und nimm von mir eidliche Bürgschaft, damit du ohne alle Besorgniß deine [28] Burg verlassen und in dieselbe wieder zurückkehren kannst. Glaubst du meinem priesterlichen Worte nicht, so traue wenigstens meinem Eidschwur, daß ich dich eben so unverletzt und wohlbehalten, wie du mit mir die Burg verläßt, auch wieder hierher zurückführen werde.“ Adelbert also ließ sich durch solche honigsüße Reden gewinnen, oder vielmehr täuschen, empfing den Eidschwur des Hatto, und ersuchte ihn sofort an seiner Mahlzeit theilzunehmen. Hatto aber, eingedenk des hinterlistigen Planes, den er demnächst ins Werk setzen wollte, weigerte sich durchaus bei ihm etwas zu genießen. So verläßt er denn unverweilt die Feste, begleitet von Adelbert, der seine rechte Hand erfaßt hatte. Doch kaum sah Hatto ihn außerhalb seiner Burg als er zu ihm sagte: „Es reuet mich, trefflicher Held, daß ich mich nicht deinem Rathe gemäß durch etwas Speise gestärkt habe, zumal da uns eine ziemlich lange Reise bevorsteht.“ Ohne zu ahnen, welches Unheil, welches Verderben ihm diese Rede bringen würde, erwiederte Adelbert: „So lasset uns umkehren, mein Herr, und stärket euren Leib wenigstens durch einige Speise damit er nicht dem langen Fasten erliege.“ Hatt also willigt in diesen Vorschlag, und führt den Adelbert auf demselben Wege, auf welchem sie die Burg verlassen hatten, an seiner rechten Hand auch wieder zurück. Sogleich wird nun die Mahlzeit eingenommen, und darauf eilen beide noch a[n] demselben Tage bis zum König. Im Lager entsteht Lärm und ein großer Auflauf, als gemeldet wird, Adelbert sei zum König gekommen. Der König, über Adelberts Ankunft nicht wenig erfreut, beruft seine Fürsten zu sich, und läßt sie zu Gericht sitzen. Dann redet er sie folgendermaßen an: „Wie viel Blutvergießen Adelbert jetzt schon fast sieben Jahre lang angerichtet hat, wie viele Unruhe er uns bereitet, welchen Schaden er uns durch Rauben und Brennen verursacht hat, das haben wir nicht sowohl durch das Gerücht als durch eigene Erfahrung [29] wahrgenommen. Daher erwarten wir jetzt euer Urtheil darüber, welch ein Lohn ihm gegenwärtig für so herrliche Thaten gebühre.“ Durch einstimmigen Anspruch wird nun Adelbert nach den Satzungen der alten Könige des Hochverraths schuldig erklärt, und zur Enthauptung verurtheilt. Aber als er gebunden zur Richtstätte geführt wurde, da blickte er den Hatto an, und sprach: „Ein Meineidiger bist du, wenn du es zugiebst, daß ich sterbe.“ Darauf Hatto: „Dich unverletzt aus der Burg heraus und ebenso wieder hineinzuführen, habe ich gelobt, und das meine ich damals erfüllt zu haben, als ich dich gleich nachdem wir deine Burg verlassen hatte, unverletzt und wohlbehalten wieder in dieselbe hineinführte.“ Da beklagte Adelbert seufzend, daß er dorthin gekommen sei und zu spät den Betrug des Hatto erkannt habe, und er folgte dem Scharfrichter eben so ungern, wie er gerne, wenn es hätte sein können, noch länger am Leben geblieben wäre[61].

7. Nach Verlauf weniger Jahre[62] nun, als die Ungern weder in den östlichen noch in den südöstlichen Ländern jemand fanden der ihnen Widerstand leistete – denn auch das Volk der Bulgaren und der Griechen hatten sie sich zinsbar gemacht[63] – da beschlossen sie, um keine Gegend unerforscht zu lassen, die unter dem südwestlichen Himmelsstriche wohnenden Nationen heimzusuchen. Sie sammeln also ein zahlloses Heer und ziehen nach dem unglücklichen Italien. Und da sie nun am Ufer der Brenta ihre Zeltchen, oder vielmehr Lumpendächer, aufgeschlagen, und während dreier Tage durch Kundschafter hatten ausforschen lassen, wie das Land beschaffen und ob es stark oder wenig bevölkert wäre, da kamen die Späher mit [30] folgenden Bericht zurück: „Die vor uns liegende, stark bevölkerte[64] Ebene wird von der einen Seite, wie ihr steht, durch sehr rauhe, aber an den Abhängen fruchtbare[65] Gebirge, von der andern durch das adriatische Meer begrenzt; die Städte darin sind zahlreich und wohl befestiget. Ob die Nation feig oder tapfer sei, ist uns zwar unbekannt; daß sie aber an Volksmenge zahllos ist, lehrt der Augenschein. Darum rathen wir euch nicht, sie mit so geringen Kräften anzugreifen. Da aber doch mancherlei Umstände zusammentreffen, welche uns zum Kampfe antreiben, nämlich die uns zur Gewohnheit gewordene Siegesfreude, die Tapferkeit unserer Seele und die Meisterschaft im Kriege, vor allem aber die Reichthümer, nach denen wir so eifrig trachten und deren es in diesem Lande mehr gibt, als wir in der ganzen Welt gesehen haben oder auch nur zu sehen hofften: so ist unser Rath, daß wir jetzt heim kehren – denn auf einem Wege, den man in weniger als zehn Tagen zurücklegen kann, ist ja die Rückkehr weder lang noch schwierig – um dann im nächsten Frühjahr alle Tapfern unseres Volkes zu versammeln und wiederum hierher zu ziehen, furchtbar nicht mehr allein durch unsere Tapferkeit, sondern auch durch unsere Menge.“

8. Auf diesen Rath kehrten die Ungern unverweilt in ihre Heimath zurück, und brachten den ganzen folgenden Winter damit zu, Waffen zu schmieden, Pfeile zu schärfen, und ihre junge Mannschaft im Kampfe zu unterweisen.

9. Und noch war die Sonne nicht aus dem Zeichen der Fische in jenes des Widders getreten, als sie mit einem zahllosen und unermeßlichen Heere nach Italien aufbrachen, bei den starkbefestigten Städten Aquileja und Verona vorbeizogen, und [31] ohne Widerstand bis nach Ticinum gelangten, welches jetzt den schöneren Namen Pavia führt. König Berengar konnte sich nicht genug über eine so kühne und außerordentliche That verwundern, denn bis dahin hatte er nicht einmal den Namen dieses Volkes gehört. Er entbot also theils durch Ausschreiben, theils durch besondere Boten die Italiener[66], Tusker, Volsker, Cameriner, Spoletaner zu sich, und befahl allen ohne Ausnahme sich an einem Orte zu versammeln; und es kam ein Heer zusammen, welches um das dreifache stärker war, als das ung[a]rische.

10. Sobald sich der König Berengar an der Spitze so großer Streitkräfte sah, war er von Hochmuth aufgeblasen, erwartete den Sieg über den Feind nicht sowohl von Gott, als von seinem großen Heere, und überließ sich mit wenigen Begleitern in einem Städtchen dem Wohlleben. Was geschah nun? Als die Ungern eine so große Schaar von Feinden sahen, konnten sie vor Bestürzung zu keinem Beschluß kommen, was zu thun sei. Den Kampf fürchteten sie durchaus, zu entkommen aber schien ganz unmöglich. Doch hielten sie es in dieser bedrängten Lage zuletzt noch für besser, zu entfliehen als zu kämpfen, und von den Christen verfolgt, schwimmen sie über die Adda, in so großer Eile, daß eine große Zahl im Flusse den Tod fand.

11. Hierauf nun wurden die Ungern über einen guten Rath einig, und baten die Christen durch Unterhändler, die ganze Beute nebst einer Entschädigung von ihnen anzunehmen, und ihnen dafür freien Abzug zu gestatten. Dieses Gesuch verwarfen die Christen leider gänzlich, und übermüthig den Feind geringschätzend, sahen sie sich mehr nach Ketten um, mit denen sie die Ungern fesseln wollten, als nach Waffen, um sie zu erschlagen. Da aber die Heiden durch diesen Vorschlag die Christen nicht besänftigen konnten, so wandten sie sich wieder [32] zu ihrem frühern Entschluß, und versuchten sich durch fortgesetzte Flucht zu retten. So entwichen sie also von neuem, und gelangten in die weiten Gefilde um Verona.

12. Schon hat die Vorhut der Christen den Nachtrab der Feinde erreicht, und es kommt daselbst zu einem Gefecht, in welchem die Heiden siegen. Sobald aber das zahlreichere Heer der Christen nahet, weichen die Ungern und setzen ihren Rückzug fort.

13. So langte das Christenheer mit den Heiden zu gleicher Zeit am Flusse Brenta an; denn die Ermattung ihrer Pferde hinderte die Ungern an weiterer Flucht. Hier also kamen beide Heere an einander, und nur das Bette des erwähnten Stromes trennte sie. Von großer Angst getrieben erbieten sich nun die Ungern, ihre sämmtlichen Habseligkeiten, ihre Gefangenen, alle Waffen, auch ihre Pferde auszuliefern, nur daß jeder eines zur Heimkehr behalte; um aber ihrer Bitte mehr Gewicht zu geben, erklären sie sich bereit, wenn man sie nur mit dem nackten Leben entkommen lassen wolle, zu geloben, daß sie in Zukunft nie wieder nach Italien kommen wollten, und als Bürgen dafür ihre Söhne als Geisel zurück zu lassen. Aber ach! durch Uebermuth irre geleitet, halten die Christen ihre Feinde schon für völlig besiegt und setzen ihnen noch mit Drohnungen zu, indem sie auf der Stelle folgende apologiam απολογειαυ d. h. Antwort ihnen zurück schicken: „Wenn wir von Leuten, die in unserer Gewalt und nicht besser als todte Hunde sind, das was schon unser ist, als ein Geschenk annehmen, und mit ihnen dafür einen Vertrag eingehen wollten, so würde wohl selbst der wahnsinnige Orestes schwören, daß wir den Verstand verloren hätten[67]?“

14. Durch diese Antwort aufs Aeußerste gebracht, traten die Tapfersten der Ungern zusammen und ermuthigten sich [33] unter einander mit solchen Worten: „Da dem Menschen doch einmal nicht schlimmeres begegnen kann als dieses gegenwärtige Leben zu verlieren, was scheuen wir uns da in dieser Bedrängniß, wo von Bitten nichts mehr zu erwarten[68], wo alle Hoffnung zu entkommen uns abgeschnitten, Unterwerfung aber der Tod selbst ist, mitten in die feindlichen Geschosse uns zu stürzen, und sterbend wenigstens unsern Tod zu rächen? Ist es nicht besser, daß man unseren Untergang der Fügung des Schicksals zuschreibe als unserer Feigheit? Denn wer mannhaft kämpfend unterliegt, der stirbt nicht, sondern lebt. Diesen großen Ruhm, diese unsere κλιρουομείαυ clironomiam d. i. Erbschaft, wollen wir auch unsern Nachkommen hinterlassen, so wie wir sie von unsern Vätern überkommen haben. Auf uns mindestens dürfen wir rechnen[69], auf uns kriegserfahrene, die wir schon mehr als einmal mit geringer Anzahl ganze Heere niedergeworfen haben. Der große Haufe kraftlosen Volks geht freilich nur dem sicheren Tode entgegen. Doch läßt ja auch sehr häufig Mars den fliehenden umkommen[70] und verleiht dem kämpfenden seinen mächtigen Schutz. Jene, welche auf unser Flehen nicht achten, wissen nicht und begreifen nicht, daß es zwar schön ist zu siegen, aber wenig Ehre bringt, wenn man sich im Siege nicht zu mäßigen weiß.“

15. Durch diese Rede einigermaßen ermuthigt, legen die Ungern an drei Seiten Hinterhalte, setzen dann selber gerades Weges über den Strom, und stürzen sich mitten unter die Feinde. Denn die Mehrzahl der Christen war des langen Wartens auf den Ausgang der Unterhaltungen müde geworden und hatte sich im Lager zerstreut, um durch Speise und Trank sich zu erfrischen. Da fielen nun die Ungern so ungestüm über sie her, daß sie einigen den Bissen noch im Schlunde durchbohrten, [34] andern mit den Pferden die Möglichkeit der Flucht nahmen, und sie dann, wenn sie sie unberitten antrafen, um so leichter mordeten. Zu noch größerem Verderben der Christen war endlich auch eine heftige Zwietracht unter ihnen ausgebrochen. Einige traten den Ungern gar nicht zum Kampfe entgegen, sondern wünschten nichts sehnlicher als daß ihre Nächsten umkommen möchten, und zwar handelten diese Nichtswürdigen deswegen so nichtswürdig, weil sie nach dem Tode ihrer Gefährten ohne Nebenbuhler um so schrankenloser zu herrschen hofften. Aber indem sie ihren Nächsten in ihrer Noth zu helfen unterließen, und sich über den Untergang derselben freueten, rannten sie in ihr eigenes Verderben. Die Christen ergriffen also die Flucht, und die Heiden überließen sich ihrer Mordlust; die, welche so eben noch mit reicher Gabe vergeblich um Schonung geflehet hatten, mußten nun selbst der Flehenden nicht zu schonen. Als endlich die Christen alle theils getödtet, theils in die Flucht geschlagen waren, durchzogen die Ungern verheerend das ganze Land. Niemand wagte ihre Ankunft anders als etwa in den festesten Plätzen zu erwarten. So sehr gewann ihre Kraft die Oberhand, daß ein Theil von ihnen Baiern, Schwaben, Franken und Sachsen, ein anderer aber zu derselben Zeit Italien verwüstete.

16. Solches aber hatten sie nicht durch ihre eigene Kraft erreicht, sondern es erfüllte sich hier das wahrhafte Wort des Herrn, das bleibender ist als Himmel und Erde, da er einst durch den Propheten Jeremias in der Person des Volkes Israel alle Völker der Erde bedräuete, also redend: „Ich will über euch ein Volk von fernen bringen, ein mächtig Volk, die das erste Volk gewesen sind; ein Volk daß Sprache du nicht verstehest, und nicht verstehen kannst, was sie reden. Seine Köcher sind offene Gräber, es sind eitel Ries. Sie werden deine Ernte und dein Brod verzehren; sie werden deine Söhne [35] und Töchter treffen; sie werden deine Schafe und Rinder verschlingen; sie werden deine Weinstöcke und Feigenbäume verzehren; deine festen Städte, darauf du dich verlässest, werden sie mit dem Schwert verderben. Und Ich will’s, spricht der Herr, zur selbigen Zeit nicht gar ausmachen[71].“

17. Um diese Zeit also starb König Ludwig, und Konrad, ein kräftiger und kräftiger und kriegserfahrener Mann aus fränkischem Geschlechte, wurde von allen Stämmen zum Könige eingesetzt.

18. Unter diesem waren die mächtigsten Fürsten: in Baiern Arnold, in Schwaben Burchard, Eberhard, der mächtigste Graf in Franken, und Herzog Giselbert in Lotharingen; aber heller noch glänzte der Name Heinrichs, des gewaltigen Herzogs über Sachsen und Thüringen.

19. Im zweiten Jahre nach dem Regierungsantritt dieses Königes hatten sich die erwähnten Fürsten und besonders Heinrich gegen ihn empört. König Konrad aber überwand sie mit weisem Rathschlag und starker Hand, und brachte sie zum Gehorsam. Den Arnold aber bezwang der große Schrecken vor dem König so sehr, daß er mit Weib und Kindern zu den Ungern flüchtete, und daselbst lebte, so lange noch in König Konrads Gliedern der Hauch des Lebens waltete[72].

20. Im siebenten Jahre seiner Regierung erkannte der König, daß die Zeit seiner Berufung zu Gott gekommen war. Er ließ daher die oben erwähnten Fürsten[73] zu sich entbieten, von denen nur Heinrich nicht erschien, und redete zu ihnen folgendermaßen: „Wie ihr sehet, ist jetzt die Zeit gekommen, da ich von dieser vergänglichen Welt zur unvergänglichen, as der Zeitlichkeit in die Ewigkeit berufen werden; daher bitte ich euch inständig, nach Frieden und Eintracht zu trachten. Lasset euch nach meinem Tode nicht von Herrschsucht noch von der [36] Begier nach dem Vorrang hinreien. Heinrich, den weisen Herzog der Sachsen und Thüringer, erwählet zum Könige, ihn setzet euch zum Herrn. Denn er ist voll kluger Einsicht, und weiß mit rechter Strenge das Recht zu handhaben.“ Nachdem er so gesprochen, ließ er seine eigene Krone, die nicht mit Gold allein, woran ja die Kronen fast aller Fürsten reich sind, sondern mit den kostbarsten Edelsteinen geschmückt, ja schwer beladen war, dazu sein Scepter und alle königlichen Gewänder vor sich bringen, und redete, so gut er es noch vermochte, folgende Worte: „Zu meinem Erben und zu meinem Nachfolger in der königlichen Würde setze ich durch diesen königlichen Schmuck den Herzog Heinrich ein, und euch rathe ich nicht bloß, sondern bitte und beschwöre ich, ihm zu gehorchen.“ Nach der dieses verordnet hatte, starb er, und alsbald nach seinem Tode wurde sein letzter Wille erfüllt. Denn nachdem er verschieden war, überbrachten die erwähnten Fürsten die Krone und den ganzen königlichen Schmuck dem Herzog Heinrich, und verkündigten ihm alles, was König Konrad gesagt hatte. Heinrich aber lehnte anfangs die königliche Würde bescheiden von sich ab, dann übernahm er sie ohne Ehrgeiz. Hätte nicht der bleiche Tod, welcher nicht säumiger an die Hütten der Armen pocht, als an die Burgen der Könige[74], den König Konrad so frühzeitig dahin gerafft, so wäre er der Mann gewesen, vor dessen Namen sich viele Völker der Erde gebeugt hätten.

21. Um diese Zeit kehrte Arnold mit seiner Gemahlin und seinen Kindern aus Ungern zurück, und ward von den Baiern und Ostfranken ehrenvoll empfangen. Denn sie nahmen ihn nicht nur bei sich auf, sondern redeten ihm auch ernstlich zu, daß er ihr König würde. Da aber König Heinrich sah, daß alle seinen Geboten Folge leisteten, und nur Arnold allein sich wider ihn auflehnte, bot er ein mächtiges Heer auf, und zog [37] gen Baiern. Sobald Arnold dieses erfuhr, ließ er sich nicht genügen, in Baiern des Königs Ankunft abzuwarten, sondern er sammelte alles, was er an Streitkräften aufzubringen vermochte, und eilte ihm entgegen. Denn allerdings trachtete auch er nach der Krone. Als sie nun im Begriff standen den Kampf zu beginnen, bedachte König Heinrich, als ein weiser und gottesfürchtiger Mann, daß beide Theile unersetzlich Schaden leiden könnten, und ließ den Arnold zu einer Unterredung unter vier Augen einladen. Dieser glaubte nicht anders, als daß er zu einem Zweikampf gefordert sei, und stellte sich demgemäß ohne Begleitung zur verabredeten Stunde, an dem bestimmten Orte.

22. König Heinrich aber redete ihn, da er rasch ihm entgegen eilte, mit folgenden Worten an:

„Was doch, thörichten Sinns, widerstehst du dem Willen des Herren?
Wisse, zum König beruft mich die Entscheidung des Volks
Nur nach Christi Gebot, deß Kraft die Welten bewahret:
Tartarus bebet vor ihm, Fiegeton zittert in Angst,
Glänzender Könige Macht, die alles mit Schrecken erfüllet,
Sinket, so er gebeut; Niedere richtet er auf,
Daß sie gebührendes Lob dem Höchsten in Ewigkeit zollen.
Du, meineidig und stolz, böse, verstocket und wild,
Aufgestachelt von Neid, und von herrschsucht gierig erfüllet,
Dürftest, des christlichen Volks Leiber zu morden im Kampf?
Wenn zum König das Volk dich wollte, dich selber begehrte,
Würde kein anderer dieß eifriger wünschen als ich.“

Nachdem also König Heinrich seiner Weisheit gemäß durch diese Rede, welche das vierfache Verdienst hatte, reich im Ausdruck, kurz, kräftig und nicht ohne Schmuck zu sein, den Arnold zu friedlichen Gesinnungen gestimmt hatte, kehrte er zu den Seinen zurück.

23. Arnold aber, als er alles dieses den Seinen berichtet hatte, erhielt von ihnen folgende ἀπὀκrιshν apócrisin d. h. [38] Antwort: „Wer bezweifelt wohl die Worte jenes Weisen, ja der wahren Weisheit selber, die da spricht: Durch mich regieren die Könige, durch mich herrschen die Fürsten und setzen die Verständigen das Recht[75]; oder den Aussspruch des Apostels, daß alle Obrigkeit von Gott verordnet ist, und wer sich wider die Obrigkeit setzet, Gottes Ordnung widerstrebet[76]? Nimmermehr hätte bei der Wahl dieses Königs der Wille des ganzen Volkes sich so einhellig aussprechen können, wenn Heinrich nicht schon vor Erschaffung der Welt von der höchsten Dreieinigkeit, welche ein einiger Gott ist, dazu erkoren wäre. Ist er ein guter Herrscher, so muß man ihn lieben und seinetwegen Gott preisen; ist aber ein böser Fürst, so muß man ihn mit Geduld ertragen, denn daß die Unterthanen zu Zeiten von ihren Obrigkeiten nicht regiert, sondern gedrückt werden, geschieht meistens um ihrer Sünden willen. Uns aber erscheint es als billig und recht, daß du dich nicht von den Uebrigen scheidest, sondern diesen dir zu Könige wählest; daß aber er dagegen dich, als einen so vom Glück begünstigten udn vielvermögenden Mann, in solcher Weise auszeichne und dadurch deiner Seele Grimm beschwichtige, daß er dir zugestehe, was deine Vorgänger nicht gehabt haben, nämlich die Herrschaft über die Bischöfe in ganz Baiern und das Recht, wenn einer von ihnen stirbt, den Nachfolger einzusetzen.“ Diesem trefflichen und weisen Rathe der Seinen pflichtete Arnold bei und wurde König Heinrichs Dienstmann, wofür ihm denn aber dieser, wie gesagt, die Bischöfe von ganz Baiern überließ, und ihm auf solche Weise hohe Ehre erwies.

24. Um diese Zeit führten die Ungern, als sie den Tod des Königs Konrad und die Thronbesteigung Heinrichs erfuhren, unter einander solche Reden: „Vielleicht wünscht der neue König auch neue Verträge zu errichten. Lasset uns also ein großes [39] Heer sammeln und hinauf ziehen, damit wir erforschen, ob König Heinrich den schuldigen Tribut uns zahlen will. Ist er nun, wie wir vermuthen, den übrigen Königen ähnlich, so wollen wir sein Reich mit Feuer und Schwert von Grund aus verwüsten. Nicht Baiern, sondern Sachsen, wo der König selber hauset, lasset uns zuerst angreifen; damit, falls er etwa wider Vermuthen ein Heer aufbringen wollte, er weder aus Lotharingien, noch aus Franken, Schwaben oder Baiern zeitig genug Mannschaft erhalten könne. Auch wird das Gebiet der Sachsen und Thüringer mit leichter Mühe auszuplündern sein, da es weder durch Gebirge geschützt noch mit festen Städten versehen ist.“

25. Der König Heinrich lag an einer schweren Krankheit darnieder, als ihm die nahe Ankunft der Ungern angekündigt wurde[77]. Kaum hatte er die Meldung bis zu Ende vernommen, so sandte er seine Boten aus durch ganz Sachsen, und befahl allen, die er erreichen konnte, bei Todesstrafe binnen vier Tagen bei ihm sich einzufinden[78]. So versammelt er in vier Tagen ein überaus starkes Heer, denn die Sachsen haben den löblichen und nachahmungswürdigen Brauch, daß kein waffenfähiger Mann, der über dreizehn jahre zählt, dem Heerbann sich entziehen darf. Der König aber, wenn gleich körperlich schwach, doch durch die Kraft seines Muthes gestählt, besteigt, so gut er kann sein Roß. Schaart seine Krieger um sich und entflammt sie durch folgende Worte zur Kampfesmuth:

26. Das ruhmreiche Geschlecht   Herrlicher Sachsen
Schlug mit des Löwen Muth   Zahllose Schlachten.
Karln bekämpfte es mit   Blutigem Schwerte,
Welcher den Erdkreis ganz   Sich unterworfen.
Sieglos floh er von hier,   Ueberall Sieger.

[40]

Daß er, zurückgekehrt,   Uns noch bezwungen,
Wirkte die Liebe des Herrn,   Weil er uns nicht mehr
Ferne zu lassen beschloß   Von der Erlösung.
Gierig bedräut uns jetzt   Christus nicht kennend,
Das Gott feindliche Volk,   Grimmiger Türken,
Das zu vertilgen begehrt   Christi Gemeinde,
Helden, o Jammer! und jetzt   Wehe! verlangen
Sie, daß den Nacken wir   Beugen der Zinspflicht.
Fasset denn Muth nunmehr   Männlichen Sinnes!
Hauet in Stücke sie, trefft   Mächtig, ich bitte.
Heiße Begier füll’ euch.   Heiliger Schlachtmuth.
Sendet mit solchem Geschenk   Sie zu dem Styx, wo
Glühende Pfennige sie   Zahlen dem Fährmann.“

27. Da nun der König sah, daß durch solche Ermahnungen der Muth der Seinen zur Kampfbegier entzündet wurde, hieß er wiederum alle schweigen, und fügte, von göttlichem Anhauch beseelt, noch folgende Worte hinzu: „Das Beispiel der Könige der Vorzeit und die Schriften der heiligen Väter lehren uns, was wir zu thun haben. Denn dem Allmächtigen ist es ein Leichtes, mit geringer Streitmacht viele Feinde zu erlegen, wofern nur diejenigen, welche solches zu vollbringen trachten, es durch ihren Glauben verdienen; durch ihren Glauben sage ich, nicht mit dem Munde, sondern durch die That, nicht mit Worten allein, sondern von ganzem Herzen. Lasset uns also ein Gelübde thun, und nach den Worten des Psalmisten es auch bezahlen[79]; und zwar ich zuerst, ich vor allen, da ich an Würde und Rang der Erste bin. Es sei die Gott verhaßte und von dem heiligen Petrus, dem Vornehmsten der Apostel, verdammte Ketzerei der Simonie, welche unsere Vorgänger aus Unachtsamkeit bisher geduldet haben, auf jegliche Weise aus unserm Reiche verbannt[80]. Mögen die, welche durch des Teufels [41] Arglist entzweit sind, durch das Band der Eintracht und Liebe jetzt vereint werden.“

28. Der König wollte in dieser Weise zu reden fortfahren, als ein schnellfüßiger Bote ihm meldete, die Ungern wären bei Merseburg, einer Festung an der Grenze der Sachsen, Thüringer und Slaven. Er fügte noch hinzu, sie hätten eine große Menge Weiber und Kinder erbeutet und unzählig viele Männer niedergemetzelt. Denn um unter den Sachsen größeren Schrecken zu verbreiten, hatten die Ungern verabredet niemanden, der über zehn Jahre alt wäre, am Leben zu lassen. Der König aber, standhaften Sinnes wie er war, ließ sich durch solche Botschaft nicht schrecken, sondern ermahnte seine Krieger nur so kräftiger fürs Vaterland zu kämpfen und rühmlich zu sterben.

29. Inzwischen befragen die Ungern ihre Gefangenen, ob sie wohl einen Angriff zu erwarten haben, und da diese aussagten, es könne gar nicht anders kommen, so sandten sie Späher aus, um Kundschaft einzuziehen, ob es sich wohl wirklich so verhalten könne. Die Späher machen sich also auf, und erblicken den König Heinrich mit einem unzähligen Heere in der Nähe der erwähnten Stadt Merseburg; kaum hatten sie noch Zeit zu den Ihrigen zurückzukehren, um ihnen den Anmarsch des Feindes zu melden, denn kein anderer als der König selbst, kam als Kampfesbote zu ihnen.

30. Unverzüglich beginnt die Schlacht aus dem Heere der Christen ertönt der gottgefällige und wunderkräftige Ruf Κύριε ελεισον Kyrie eleison[81], von der feindlichen Seite aber läßt sich überall das scheußlich und teuflische Hui! Hui! vernehmen.

31. Vor dem Beginn der Schlacht hatte König Heinrich den Seinen folgenden weisen und heilsamen Rath gegeben: „Wenn ihr zu des Mars Kampfspiel hinansprengt, so suche [42] niemand dem andern vorauszueilen, ob er gleich ein rascheres Pferd habe; sondern decket euch gegenseitig mit den Schildern, und empfanget so die ersten Pfeile des Feindes. Dann stürzet in vollem Lauf und aufs heftigste anstürmend über ihn her, damit er fühlt, daß eurer Schwerter Streiche ihn erreicht haben, bevor er noch den zweiten Pfeil gegen euch abschießen kann.“ Dieser sehr zweckmäßigen Ermahnung eingedenk, nehmen die Sachsen in gerader Schlachtlinie ihren Anlauf; keiner rennt mit rascherem Pferde dem andern voraus, sondern wie der König es ihnen gesagt hatte, decken sie sich gegenseitig, und fangen so mit ihren Schilden ohne Schaden die Pfeilwürfe auf; dann fallen sie, wie der kluge Feldherr befohlen hatte, mit raschem Anlauf über den Feind her, so daß dieser röchelnd das Leben aushaucht, ehe er des zweiten Pfeiles Blitzstrahl entsenden kann. Und durch die Gnade der göttlichen Barmherzigkeit begab es sich, daß die Ungern mehr an die Flucht als an den Kampf dachten. Da erschien auch das schnellfüßigste Roß seinem Reiter zu langsam; der Schmuck der Pferde und die Zier der Waffen, sonst ihre Lust, gewährte ihnen jetzt keinen Schutz, sondern war ihnen nur zur Last. Die Bogen warfen sie von sich, die Pfeile ließen sie fahren, ja selbst den Schmuck des Pferdegeschirrs warfen sie hin, damit nur die Rosse ungehinderter laufen möchten; denn nur auf rasche Flucht stand ihr Sinn. Allein der allmächtige Gott, der ihnen den Muth zum Kampfe genommen, versagte ihn auch gänzlich die Möglichkeit zu entfliehen. So werden also die Ungern theil niedergemetzelt, theils versprengt; die zahllose Schaar ihrer Gefangenen wird befreit und die Stimme der Wehklage wandelt sich in den Gesang der Freude.

Diesen denkwürdigen und glorreichen Sieg befahl der König in der obern Halle seiner Pfalz zu Merseburg durch eine ζογραφείαν zographian d. h. durch ein Gemälde darzustellen, [43] in dem man nicht sowohl ein Abbild, als vielmehr die Begebenheit selbst in Wirklichkeit zu sehen glaubt[82]

42. Mittlerweile verbreitete sich die Wuth der Ungern, weil ihnen nunmehr Sachsen, Franken, Schwaben und Baiern verschlossen war, durch ganz Italien, wo ihnen niemand Widerstand leistete. Da aber Berengar auf die Treue seiner Vasallen nicht rechnen konnte, so hatte er sich mit den Ungern nicht wenig befreundet.

43. Aber auch die Sarazenen, die, wie ich oben (S. 5) erzählt habe, in Fraxinetum hauseten, verübten, nachdem die Kraft der Provenzalen gebrochen war, nicht geringe Verheerungen in den zunächst gelegenen Gegenden Ober-Italiens, so daß sie sogar nach Ausplünderung vieler Städte bis nach Acqui kamen, einer Stadt, die etwa vierzig Meilen von Pavia entfernt ist. Sie hat ihren Namen von den warmen Quellen erhalten, welche daselbst auf bewundernswerthe Art mit einem viereckigen Gebäude umgeben und zu Bädern eingerichtet sind. Es hatte sich aber sämmtlicher Bewohner des Landes ein so gewaltiger Schrecken bemächtigt, daß niemand die Ankunft der Freinde ander als etwa in den festesten Orten zu erwarten wagte.

44. Zu derselben Zeit waren Sarazenen zu Schiff aus Afrika ausgefahren, und hatten Kalabrien, Apulien, Benevent und beinahe alle Städte der Römer dergestalt besetzt, daß jede Stadt zur Hälfte den Römern und zur Hälfte den Afrikanern gehörte[83]. Auf dem Berge Garelianus hatten sie eine Festung erbaut, in der sie ihre Weiber, Kinder, Gefangenen und ihre [44] sämmtliche Habe in vollkommener Sicherheit aufbewahrten. Es konnte auch niemand, weder vom Niedergang noch von Mitternacht nach Rom kommen, um an dem Grabe der heiligen Apostel zu beten, ohne ihnen in die Hände zu fallen oder um hohen Preis sich loszukaufen. Denn wiewohl das unglückliche Italien von den Ungern und von den Sarazonen aus Fraxinetum mit vielfacher Bedrängniß heimgesucht wurde, so hatte es doch von niemand so entsetzliches Unheil oder Verderben zu erdulden, wie von diesen Afrikanern[84].

60. Zu dieser Zeit herrschte über die hochmüthigen Burgunden der König Rudolf. Ihm mehrte sich noch seine Macht dadurch, daß er des gewaltigen Schwabenherzogs Burchard Tochter, Namens Bertha, zur Ehe nahm[85]. Zu diesem also sandten die Italiener Boten und baten ihn, daß er kommen möchte, den Berengar zu vertreiben.

61. Während solches von den Beschworenen betrieben wurde, ereignete es sich aber, daß, ihnen unbemerkt, die Ungern bis Verona kamen, deren zwei Könige, Dursak und Bugat, mit Berengar sehr befreundet waren. Während nun der Markgrraf Adelbert[86] und Odelrich, der Pfalzgraf[87], auch Graf Eifelbert und mehrere andere auf dem Gebirge bei Brescia, welche Stadt fünfzig Meilen von Verona entfernt ist, Besprechungen über Berengars Entthronung hielten, bat dieser die Ungern, wenn sie ihn lieb hätten, so möchten sie über seine Feinde herfallen. Diese aber, nach Blut lechzend und gierig zum Kampf, ließen sich alsbald von Berengar einen Wegweiser geben, kamen auf unbekannten Wegen jenen in den Rücken, und überfielen sie [45] mit solchem Ungestüm, daß niemand Zeit hatte auch nur die Rüstung anzulegen oder die Waffen zu ergreifen. Viele wurden niedergehauen, viele gefangen, der Pfalzgraf Odelrich, der sich nicht eben tapfer[88] vertheidigte, fiel im Gefecht; der Markgraf Adelbert aber und Giselbert geriethen lebend in die Gefangenschaft der Ungern.

62. Aber Adelbert, der zwar ein großer Kriegsheld, aber sehr listig und von ausnehmender Verschlagenheit war, hatte nicht so bald die Ungern von allen Seiten andringen und jede Möglichkeit der Flucht sich abgeschnitten gesehen, als er auch schon das Wehrgehenk, die goldenen Armspangen und allen kostbaren Schmuck von sich warf, und die schlechten Kleider eines seiner Leute anlegte, um nicht von den Ungern erkannt zu werden. Da er nun also gefangen war und befragt wurde, wer er sei[89], gab er sich für den Dienstmann eines seiner Lehnsleute aus, und bat, daß man ihn in das nahe gelegene Kastell Calcinaria führen möge, woselbst er Verwandte habe, die ihn loskaufen würden. Er wurde also hingebracht, und da man ihn nicht erkannte, für einen ganz geringen Preis verkauft. Es kaufte ihn aber sein eigener Lehnsmann, Namens Leo.

63. Giselbert dagegen wurde, weil man ihn erkannte, gegeißelt, gebunden, und halbnackt vor den König Berengar gebracht. Wie er nun ohne Beinkleider, mit einem kurzen Rock angethan, dem König vorgeführt wurde, und sich eiligst ihm zu Füßen warf, entblößte er sich, die Schamtheile zeigend, dergestalt, daß alle Anwesenden fast vor Lachen sterben wollten[90]. Der König aber, der ein mildes Herz hatte, erwies ihm Barmherzigkeit, die er doch nicht verdient hatte, und vergalt ihm nicht Böses mit Bösem, wie das Volk es wünschte; sondern er [46] ließ ihm ein Bad bereiten, bekleidete ihn mit den besten Gewändern, und gab ihm die Freiheit mit den Worten: „Ich fordere von dir keinen Eid, sondern übergebe dich dir selbst zu treuen Händen; handelst du schlecht gegen mich, so wirst du es vor Gott zu verantworten haben.“

64. So kehrte er heim, aber der empfangenen Wohlthat rasch vergessend, ließ er sich von Adelbert, des Königs Eidam, und den übrigen Empörern an Rudolf absenden, um diesen ins Land zu rufen. 922
Januar
Giselbert reiste also hin, und bewog auch Rudolf, binnen dreißig Tagen in Italien zu erscheinen. Hier wurde er von allen bereitwillig aufgenommen, und ließ dem Berengar von seinem ganzen Reiche nichts weiter übrig als die Stadt Verona. Und ganze drei Jahre lang behauptete er sich kräftig im Besitze der Herrschaft[91]


Hier endet das zweite Buch.




Hier beginnt das dritte Buch. BIBΛΟΣ Γ

1. Ohne Zweifel wirst du, heiligster Vater, dich über dieses Werkes Titel sattsam verwundern. Wozu, fragst zu vielleicht, ist dem Buche der Titel Aνταπόδοσης, antapódosis gegeben, da es doch die Thaten berühmter Männer erzählt? Darauf antworte ich: Der Zweck dieses Werkes geht dahin, die Thaten dieses Berengars, der jetzt Italiens Tyrann, nicht König ist, und seines Weibes Willa, die wegen ihrer grenzenlosen Tyrannei eine zweite Jesabel, und wegen ihrer unersättlichen Raubgier mit ihrem wahren Namen Lamia genannt wird, darzustellen, [47] kund zu thun und laut in alle Welt zu schreien. Beide nämlich haben mich, mein Haus, meine Verwandtschaft und meine Angehörigen, ohne alle Ursache mit giftigen Pfeilen der Lüge, mit so räuberischen Erpressungen und so gottlosen Ränken verfolgt, daß weder die Zunge es auszusprechen, noch die Feder es zu beschreiben vermag. Darum sollen ihnen diese Blätter antapódosis das ist eine Vergeltung sein, weil ich für die mir zugefügten Leiden τὴν (Artikel) ἀσεβειαν asevian, das ist ihre Gottlosigkeit, den gegenwärtigen und zukünftigen Geschlechtern aufdecken will. Und nicht weniger wird dieses auch den heiligen und glücklichen Männern eine antapódosis sein für die Wohlthaten, welche sie mir erwiesen haben. Denn es werden unter allen Personen, deren ich erwähnt habe und noch erwähnen muß, mit Ausnahme dieses einzigen, nämlich des gottlosen Berengar, keine oder nur wenige sein, denen nicht meine Eltern oder ich selber für erhaltene Wohlthaten den wärmsten Dank schuldig wären. Daß es ferner von diesem Büchlein heißt, es sei εν (d. i. in) τη (Artikel) εχμαλοσία en ti echmalosia d. h. in der Gefangenschaft oder Wanderschaft geschrieben, das bezieht sich auf meine jetzige Verbannung. Denn ich habe es begonnen zu Frankfurt, welches zwanzig Meilen von Mainz entfernt ist, und arbeite daran noch heute auf der mehr als neunhundert Meilen von Konstantinopel entfernten Insel Paxu. Doch wir wollen zur Sache zurückkehren[92].

13. 926Da sich Rudolf wegen der Untreue der Seinigen außer Stande sah, seine Gegner zu überwinden, so ging er nach Burgundien und bat den Herzog Burchard von Schwaben, mit dessen Tochter er vermählt war, daß er ihm zu Hülfe kommen möchte. Dieser sammelte ein Heer und zog alsobald mit Rudolf nach Italien. Und in Ivrea angelangt, sprach er so zu seinem Eidam: [48] 14. 926„Es wäre, dünkt mich, nicht unpassend, wenn ich selbst unter dem Scheine einer Gesandschaft nach Mailand ginge. Denn bei dieser Gelegenheit könnte ich die Stadt auskundschaften und die Gesinnung der Einwohner erforschen.“ So ritt er denn hin, und als er schon vor Mailand angekommen war, begab er sich, bevor er noch die Stadt betrat, zum Gebet nach der Kirche des heiligen und kostbaren Märtyrers Laurentius. Man behauptet aber, daß er es nicht sowohl um zu beten, als in einer andern Absicht gethan habe. Da nämlich diese Kirche in der Nähe der Stadt gelegen und von bewundernswerther und kostbarer Bauart ist, so soll er dort eine Festung haben anlegen wollen, um dadurch nicht nur die Mailänder, sondern auch mehrere italienische Fürsten unter seiner Zwingherrschaft zu halten. Als er nun die Kirche verlassen hatte, und längs der Stadtmauer ritt, sagte er in seiner Landessprache, nämlich auf deutsch, zu seinen Begleitern: „Wenn ich die Italiener nicht sämmtlich so weit bringe, daß sie nur einen Sporn tragen und auf Schindmähren reiten, so will ich nicht Burchard heißen; denn die Stärke und Höhe dieser Mauer, auf deren Schutz sie vertrauen, achte ich für gar nichts; mit meinem Wurfspieß werde ich die Feinde auf ihrer Mauer treffen und todt hinabstürzen.“ Dieses sagte er aber deshalb, weil er glaubte, daß unter seinen Feinden dort niemand seiner Sprache kundig wäre. Allein zu seinem Unglück war doch einer da, zwar ein niedriger, zerlumpter Kerl, der aber deutsch verstand und alles dieses eiligst dem Erzbischof Lampert hinterbrachte. Dieser, als ein kluger Mann, empfing den Burchard keineswegs mit Geringschätzung, sondern mit böser Absicht nahm er ihn trefflich auf und erwies ihm die größte Ehre. Unter andern gab er ihm sogar als ein Zeichen seiner besonderen Freundschaft die Erlaubniß, in seinem Brühl einen Hirsch zu jagen, welches er sonst nur seinen liebsten und vornehmsten Freunden gestattete. [49] 926Inzwischen entbot er alle Mannschaft von Pavia und einige italienische Fürsten zu Burchards Untergang, und behielt diesen so lange bei sich, bis er hoffen konnte, daß alle, die ihn tödten sollten, versammelt wären.

15. Es geschah also daß Burchard von Mailand fortritt und an demselben Tage bis Novara kam. Und wie er nun hier die Nacht zugebracht hatte und am frühen Morgen sich aufmachte, um seinen Weg nach Ivrea fortzusetzen, April 28.erschienen plötzlich die Schaaren der Italiener und drangen auf ihn ein. Er aber eilte ihnen nicht wie ein wackerer Kriegsmann entgegen, sondern ergriff alsobald die Flucht. Und weil nach des seligen Hiob[93] Ausspruch, das ihm gesetzte Ziel nicht übergangen werden konnte, und weil ein Roß betrieglich ist zur Hülfe[94]: so stürzte sein Pferd und warf ihn in den Graben, welcher die Mauern der Stadt umgibt. Hier vertauschte er, durchbohrt von den Lanzen der verfolgenden Ausonier, das Leben mit dem Tode. Als seine Begleiter das erblickten, suchten sie, da sie keinen andern Ausweg hatten, eine Zuflucht in der Kirche des heiligen Bekenners Gaudentius. Aber die Ausonier, durch Burchards Drohung heftig gereizt und erbittert, erbrachen die Thüren der Kirche und ermordeten alle, welche sie darin fanden, selbst unter dem heiligen Altar.

16. Auf die Kunde von diesem Ereigniß verließ Rudolf Italien, und zog eiligst nach Burgundien zurück. Unterdessen hatte bereits Hugo, der Graf von Arelat oder der Provence, ein Schiff bestiegen und eilte über das thyrrhenische Meer nach Italien. Gott aber, welcher ihn zum Beherrscher dieses Landes auserkoren hatte, führte ihn mit günstigem Winde in kurzer Zeit nach Alphea, d. h. Pisa, welches die Hauptstadt der Provinz Tuscien ist von der es auch bei Virgil heißt: „Pisa, die Stadt alpheischen Ursprungs[95].“ [50] 17. Als er 926daselbst anlangte, erschien dort ein Bote des römischen Papstes, nämlich des Johannes von Ravenna[96]. Und aus fast allen Gegenden Italiens erschienen gleichfalls Boten, die ihn in jeglicher Weise baten, daß er ihr König sein möchte. Er aber, der danach seit langer Zeit Begehren getragen hatte, zog eilig Juli 6.nach Pavia, und übernahm die Regierung mit allgemeiner Zustimmung. Bald darauf begab er sich nach Mantua, wo ihm auch Papst Johannes entgegen kam, und mit ihm ein Bündniß schloß.

18. Zu dieser Zeit war, nach dem Ableben der Bertha, der Mutter dieses Königs Hugo[97], deren Sohn Wido, welchen sie mit Adelbert erzeuget hatte, im Besitz der tuscischen Mark. Dieser hatte die römische Buhlerin Marozia zur Frau genommen.

19. König Hugo aber besaß nicht weniger Kenntnisse als Kühnheit, und seine Tapferkeit kam seiner Klugheit gleich. Er war auch ein Verehrer Gottes und liebte die Liebhaber unsers heiligen Glaubens: für die Armen sorgte er in ihrer Noth, und der Kirchen nahm er sich eifrigst an. Die Gott geweihten Männer und die Lehrer der Wissenschaft liebte er nicht nur, sondern hielt sie auch sehr in Ehren. Ob ihn aber gleich so vieler Tugenden Glanz erhob, verdunkelte er doch den Ruhm derselben durch seine Schwäche für die Weiber.

20. Er hatte sich mit einer Frau aus dem Stamm der deutschen Franken, Namens Alda, vermählt, und mit ihr einen Sohn, Namens Lothar gezeuget. Außerdem hatte er damals von der Wandelmoda, einer Frau von hoher Abkunft, einen Sohn Namens Hubert, der noch jetzt lebt, und als mächtiger [51] Fürst über 926die Provinz Tuscien gebietet[98]. Dessen Thaten werde ich, so Gott will, an ihrem Ort erzählen.

21. Nachdem also Hugo zum König gekrönt war, begann er als ein sehr verständiger Mann nach allen Ländern seine Botschaft auszusenden, und sich um die Freundschaft vieler Könige und Fürsten zu bewerben, besonders um die des hochberühmten Königs Heinrich, welcher, wie wir oben erwähnt haben, über die Baiern, Schwaben, Lotharingier, Franken und Sachsen herrschte. Dieser König Heinrich hat auch das zahllose Volk der Slaven bezwungen und sich zinsbar gemacht. Er war auch der erste, welcher die Dänen bändigte und zum Gehorsam zwang. Hierdurch hat er den Ruhm seines Namens weithin durch viele Länder verbreitet.

22. Wie also König Hugo sich um die Freundschaft der andern Könige und Fürsten ringsumher bemühte, so trachtete auch er seinen Namen bei den weit von uns entfernten Achivern bekannt zu machen. Ueber diese aber herrschte damals der Kaiser Romanós, dessen Gedächtniß wohl in Ehren zu halten ist, ein edler, menschenfreundlicher, kluger und frommer Fürst. An diesen sandte 927er als Botschafter meinen Vater, weil derselbe sowohl ein rechtschaffener als auch ein wohlberedter Mann war.

23. Als dieser dort eingetroffen war, brachte er dem Kaiser Romanós mit den übrigen von König Hugo ihm übersandten Geschenken auch zwei Hunde, dergleichen man in jenem Lande noch nie gesehen hatte. Wie sie dem Kaiser vorgeführt wurden, mußten viele Menschen sie festhalten, damit sie nicht gleich über ihn herfielen und ihn mit ihren Zähnen zerrissen. Denn ich glaube, daß sie ihn nicht für einen Menschen, sondern für irgend ein Ungeheuer hielten, als sie ihn erblickten, wie er nach Art [52] der Griechen 927mit einem Weibermantel und ganz seltsamer Kleidung angethan war.

24. Uebrigens fand mein Vater bei diesem Kaiser eine sehr ehrenvolle Aufnahme, nicht sowohl wegen des Außerordentlichen der Sache oder wegen des Werthes der Geschenke, als wegen einer Begebenheit die sich auf der Hinreise zugetragen hatte. Nachdem er nämlich Thessalonich erreicht hatte, waren einige von den Slaven, welche sich gegen den Kaiser Romanós empört hatten und sein Land verheerten, über ihn hergefallen; mit Gottes Hülfe aber wurden von diesen einige erschlagen und zwei ihrer Anführer zu Gefangenen gemacht. Als er diese dem Kaiser vorführte, war die Freude desselben groß und er machten meinem Vater ein ansehnliches Geschenk, worauf dieser hocherfreut zum König Hugo, der ihn dorthin gesandt hatte, zurückkehrte. Wenige Tage nach seiner Rückkehr erkrankte er aber, begab sich in ein Kloster und nahm das Kleid des heiligen Mönchstandes, in welchem er fünfzehn Tage später zum Herrn einging; mich aber hinterließ er als ein kleines Kind[99].

48. Um diese Zeit sandten die Italiener Boten nach Burgundien, um Rudolf einzuladen, daß er zu ihnen kommen möchte. Als Hugo das erfuhr, 928schickte er ebenfalls Gesandte an Rudolf, trat ihm alles Land ab, welches er in Gallien besessen hatte, ehe er König geworden, und ließ sich dagegen von ihm das eidliche Versprechen geben, niemals nach Italien zu kommen[100]. Nicht minder machte er sich auch den oben erwähnten tapfern König Heinrich durch viele Geschenke zum Freunde. Heinrichs Name aber war damals bei den Italienern besonders hoch geehrt, weil er zuerst die bis dahin von niemand noch bezwungenen [53] Dänen besiegt 934und zinsbar gemacht hatte. Es ist dieses nämlich ein unbändiges, im fernen Norden am Ocean wohnendes Volk, dessen wilde Grausamkeit schon manchen edlen Stamm in Trauer versetzt hat. Einst fuhren sie mit ihren Flotten den Rheinstrom hinauf, und verwüsteten alles auf das Schrecklichste mit Feuer und Schwert; sogar die ansehnlichsten Städte Agrippina, jetzt Köln genannt, das weit vom Rhein gelegene Trier, und mehrere andere Städte im Reiche Lothars eroberten sie mit stürmender Hand und plünderte sie rein aus; was sie aber nicht fortschleppen konnten, das verbrannten sie. Ja selbst zu Aachen haben sie die Bäder und Paläste in Asche gelegt. Doch wir wollen davon abbrechen, und den Faden unserer Erzählung wieder aufnehmen.

49. 935Arnold, der Herzog von Baiern und Kärnthen, welchen wir oben erwähnt haben, sammelte, da er von Italien nicht weit entfernt war, ein Heer, und machte sich auf, um Hugo sein Reich zu nehmen. Er durchzog das Tridentinische Gebiet, die erste Grenzmark Italiens nach dieser Seite, und kam bis Verona, woselbst er von dem Grafen Milo und dem Bischof Raterius mit Freuden aufgenommen wurde, denn diese hatten ihn eingeladen[101]. Sobald König Hugo Kunde davon erhielt, sammelte er ebenfalls sein Heer und rückte ihm entgegen.

50. Als er dort angelangt war, und seine Geschwader überall umherstreifen ließ, machte eine ansehnliche Schaar Baiern einen Ausfall aus der Burg Gausening und fing mit den Italienern ein Gefecht an, erlitt aber eine so große Niederlage, daß kaum Einer entkam, der es den Uebrigen melden konnte. Durch diesen Vorfall gerieth Herzog Arnold in nicht geringe Bestürzung.

[54] Daher beschloß er 935nach gepflogener Berathung, Italien zu verlassen, den Grafen Milo aber zu verhaften und nach Baiern mitzunehmen, um, wenn er sein Heer ergänzt haben würde, mit ihm nach Italien zurückzukehren. Dieser Beschluß blieb dem Milo nicht verborgen.

51. Er sann also hin und her und wußte durchaus nicht was er thun sollte. Sich an den König Hugo zu wenden wagte er nicht, da er sich um ihn so schlecht verdient gemacht hatte. Von Arnold aber nach Baiern gebracht zu werden, das schien ihm schlimmer als der Tod und nur der Hölle vergleichbar zu sein. Daher beschloß er in dieser Verlegenheit dennoch, dem Arnold zu entfliehen, und sich zum König Hugo zu begeben, weil er wußte, daß dieser sich leicht zur Barmherzigkeit bewegen ließ. Arnold dagegen zog sich so schnell, als er nur konnte, nach Baiern zurück.

52. Vorher erstürmte er aber die Burg von Verona, und nahm den Bruder des Milo, so wie dessen Krieger, welche den Platz zu halten versuchten, mit sich nach Baiern. Sobald er abgezogen war, ergab sich die Stadt an den König Hugo, und der Bischof Raterius ward gefangen und nach Pavia verwiesen. Daselbst begann er in seiner witzigen und beißenden Weise ein Buch über die Beschwerden seiner Verbannung zu verfassen[102]. Wer das lesen will, wird darin vielerlei finden, was der Verfasser bei dieser Gelegenheit gar fein und geistreich behandelt hat, so daß er sich nicht nur mit dem Verstande daran erfreuen, sondern auch Nutzen daraus ziehen kann.


Hier endet das dritte Buch.




[55]
Hier beginnt das vierte Buch.

1. Alles was ich bisher erzählt habe, ehrwürdiger Bischof, habe ich so dargestellt, wie es mir von den achtbarsten Augenzeugen mitgetheilt worden ist. Was ich aber von nun an zu berichten habe, werde ich vortragen als Einer, der dabei zugegen war. Zu jener Zeit war ich nämlich so weit herangewachsen, daß ich mir durch den Wohlklang meiner Stimme die Gewogenheit des Königs Hugo erwerben konnte. Denn dieser liebte die Kunst des Gesanges gar sehr, und darin konnte keiner von den Knaben meines Alters mich übertreffen.

2. Da nun König Hugo sah, daß ihm alles nach Wunsch ging, so setzte er mit allgemeiner Beistimmung seinen Sohn Lothar, den er mit seiner Gemahlin Alda gezeugt hatte, neben sich selbst zum König ein. Hierauf überlegte er, auf welche Weise er Rom, von wo er schimpflich vertrieben worden war[103], wiedererlangen könnte. Er sammelte also ein Heer und zog nach Rom. Obschon er aber die Orte und Gegenden rund umher gräulich verwüstete, und der Stadt selbst mit täglichen Angriffen zusetzte, so gelang es ihm doch nicht sich derselben zu bemächtigen.

3. Zuletzt gedachte er durch seine Verschlagenheit den Alberich überlisten zu können, und machte ihm den Vorschlag, seine Tochter Alda, des Königs Lothar leibliche Schwester, zur Gemahlin zu nehmen, damit er so Frieden erlange, und hinfort als des Königs eigener Sohn gesichert bleibe. Alberich aber, der kein einfältiger Mann war, vermählte sich zwar mit Hugos Tochter, Rom aber, wonach ihn so sehr gelüstete, übergab er ihm keineswegs und hütete sich wohl, in seine Gewalt zu kommen. Doch hätte [56] der König Hugo τoντω τῶ (Artikel) αγκηστρω, tuto to agkistro d. h. mit dieser Angel den Alberich wirklich verlockt und gefangen, wenn nicht die Ränke seiner eigenen Leute es verhindert hätten; denn diese wünschten gar nicht daß die beiden Fürsten mit einander Frieden hätten. Sobald nämlich der König einen der Seinigen strafen wollte, flüchtete sich dieser alsbald zum Alberich, bei dem er aus Furcht vor dem Könige mit Freuden aufgenommen wurde, und nun in ehrenvoller Stellung zu Rom bei ihm leben konnte.

4. Während dieser Vorfälle versammelten die Sarazenen zu Fraxinetum ihre Schaaren, und kamen bis nach Acqui, fünfzig Meilen von Pavia. Ihr πρωβωλος, provolos d. h. Anführer Sagittus war der schlimmste und gottloseste Sarazene. Durch Gottes Beistand aber wurde dieser ταλέπορος talṥporos d. h. Elende, mit allen den Seinen in einer Schlacht ums Leben gebracht.

5. Zu derselben Zeit ereignete es sich zu Genua, einer Stadt, die am Fuße der cottischen Alpen, achthundert Stadien von Pavia, am afrikanischen Meere gelegen ist, daß daselbst ein Blutquell sehr reichlich zu strömen begann, und dadurch allen ein deutliche Vorzeichen des bevorstehenden Untergangs gab. Denn noch in demselben Jahre kamen die Punier[104] mit einer zahlreichen Flotte dorthin, drangen ganz unbemerkt in die Stadt und ermordeten alle Einwohner, außer den Kindern und Weibern. Alle Schätze der Stadt und der Kirchen Gottes brachten sie auf ihre Schiffe, und kehrten dann nach Afrika zurück.

13. Um diese Zeit starb auch Rudolf, der König der Burgunder, und König Hugo vermählte sich mit dessen Wittwe Bertha, weil Alda, die Mutter seines Sohnes Lothar, bereits verstorben war. Aber auch seinen Sohn, den König Lothar, vermählte er mit der Tochter Rudolfs und derselben Bertha, [57] Namens Adelheid, welche durch hohe Schönheit ausgezeichnet, und durch ihren trefflichen Wandel bei allen beliebt war. Die Griechen halten das freilich für unschicklich und meinen, wenn der Vater die Mutter zum Weibe nehme und beide ein Leib werden, so könne der Sohn nicht ohne Sünde die Tochter heimführen.

15. Zu dieser Zeit ward König Heinrich in einer Burg, die an der Grenze der Thüringer und Sachsen liegt und Memleben heißt, von einer schweren Krankheit befallen, und ging ein zum Herrn. Sein Leichnam wurde nach Sachsen gebracht, und hier in einem Kloster edler und frommer Frauen, welches auf einem Gutes des Königes, mit Namen Quedlinburg, gelegen ist, in der Kirche mit großer Ehrfurcht beigesetzt. Daselbst ist seine ehrwürdige Gattin, die Genossin seiner Herrschaft, Mathilde, demselben Volke entsprossen, eifriger als irgend eine Frau, die ich je gesehen oder von der ich gehört habe, ohne Unterlaß bestrebt, zur Sühne seiner Sünden feierliche Todtenämter halten zu lassen und sich selbst zum dem Herrn als lebendes Opfer darzubringen. Sie hatte ihrem Gemahl, ehe dieser König war, einen Sohn geboren, den sie Otto nannte; diesen Otto nämlich, dessen Macht jetzt den Norden und den Westen der Welt beherrscht, der sie durch seine Weisheit befriedet, durch seine Frömmigkeit erfreut und durch die Strenge seiner Gerechtigkeit in Furcht erhält. Nach der Königswahl aber gebar sie ihrem Gemahl zwei Söhne, von welchen sie den einen nach dem Vater, Heinrich nannte. Dieser war von seinem Geiste, klug im Rathe; die Schönheit seiner Züge gewann ihm die Herzen, und im Blick seines Auges verband sich wachsame Lebhaftigkeit mit Milde. Noch vergießen wir reichliche Thränen um seinen kürzlich (955 Nov. 1.) erfolgten Tod. Der dritte Sohn endlich ist Bruno, welchen sein frommer Vater, als die Kirche zu Utrecht von den Nordmannen gänzlich zerstört worden war, dem Dienste [58] dieser Kirche bestimmte, um sie wiederherzustellen[105]. Doch um die Thaten dieser Fürsten am gehörigen Ort ausführlich darzustellen, wollen wir jetzt zu unserm Gegenstande zurückkehren.

16. Wie groß die Klugheit und Weisheit des Königs Heinrich gewesen sei, erhellt daraus, daß er den trefflichsten und gottesfürchtigsten seiner Söhne zum Thronfolger erkor. Denn durch deinen Tod, o weiser König, drohte dem ganzen Volke Verderben, wenn die königliche Würde nicht auf einen so herrlichen Nachfolger überging. Daher will ich zu beider Lob folgende Verse hersetzen:

Der du sonst im blutigen Kampf bezwungen
Gottvergeßner Heiden gewalt'gen Ansturm,
König, wie schwer lastet auf deinem eignen
Volke jetzt dein Tod: es beklagt mit Leid ihn.
Aber still nun! um den geliebten König
Weinet nicht mehr, hemmet der Thräne Lauf, denn
Schon ersteht uns, den der gesammte Erdkreis
Feiert, sein Sohn, sein, des erhabnen, Abbild,
König Otto, heidnischer Wuth Bezwinger,
Dessen Kraft auch bringt den ersehnten Frieden,
Was mit Heinrichs Hoheit der Tod uns raubte,
Beut uns seines herrlichen Sternes Ausgang,
Gütig, mild, voll sanfter Geduld der Guten,
Schonungslos den Bösen Verderben bringend.
Manchen Feind wirst du zu bekriegen haben:
Draus erhebt ruhmvoll zu den Sternen sich dein
Name; dir dann sinket zu Füßen alles,
Fern im Nord wo träge Bootes herrschet,
Und das Volk, das Hesperus Namen zieret:
Hesper, der auch Lucifer ist und heißet,
Wenn Aurorens Glanz er die Fackel vorträgt.

[59] 17. Dieser König Otto hatte sich vor seiner Thronbesteigung mit einer Frau aus dem edlen Volke der Angeln, mit der Brudertochter des Königs Adelstan[106], Namens Otgith, vermählt, und mit ihr einen Sohn Namens Liutolf gezeugt, dessen Tod (957 Sept. 6) uns noch mit frischer Wunde so bekümmert, daß unsere Augen von Thränen überströmen, so oft wir seiner gedenken. O daß er doch entweder nie geboren, oder nicht so früh verstorben wäre!

18. Zu jener Zeit trat Heinrich, der Bruder eben dieses Königs, auf Antrieb einiger böser Menschen als heftiger Widersacher des Königs auf. Denn der, welcher nicht zufrieden mit der hohen Würde, die bei der Schöpfung ihm zu Theil geworden war, sich seinem Schöpfer hatte gleichstellen wollen, der reizte durch seine Schüler auch den Heinrich zur Untreue gegen seinen Bruder, ja gegen seinen König und Herrn, durch Reden solcher Art: „Glaubst du, daß dein Vater recht gehandelt hat, indem er dir, dem in der königlichen Würde geborenen, einen Sohn vorzog, den er nicht als König erzeugt hat? Offenbar hat er dieses nicht in reiflicher Ueberlegung erwogen, sondern das Uebermaaß seiner blinden Vorliebe hat ihn verleitet. Wohlan also! an Anhang wird es dir nicht fehlen: so verjage denn deinen Bruder, nimm die Krone und dein sei die königliche Gewalt, dem durch Gottes Gnade auch die Geburt in der königlichen Würde zu Theil wurde.“

19.

Welche unselig Verlangen nach Herrschaft hat die ergriffen,[107]
Sächsischer Jünglinge bester? Es wehret Gott,
Nicht dein Vater es dir: Gott selbst, der gewaltige, milde,
Gab die Krone; er selber, er warnte dich,
Der allein es vermag Herrschaft und Beistand zu verleihen.

[60]

939Was in der Welt sich begiebt, das ordnet Gott;
Durch ihn setzen das Recht die Fürsten, und siegen die Herrscher.
Bruderkrieg zu erblicken verlangt dich[108]
Ihnen zum Unheil jetzt, Blutgieriger, Täuscher, Verruchter?
† Ha! Leviathan du, Behemoth, du willst
Mit arglistigem Trug erneuen den Frevel der Vorzeit?
Deiner wartet die Strafe für Aller Schuld.
Was der Verworfenen Zahl hier, dich anklagend, verwirket,
Büßest allein einst, Schändlicher, alles du.
Alle die feurigen Fesseln, dem Sünder zur Strafe bereitet,
Dir, Elender, gebühren sie, aber nicht
Wirst zu dem ewigen Brand, wenn dich der Richter hinabstürzt,
Du mit dir in des Crebus Flammenmeer
Ziehen die Christen; denn wenn auch sie nach der Sühne des Taufbads Noch mit Schuld sich befleckt, so wartet doch
Ihrer die Gnade von Gott, der sterbend die Sünder erlöset.

Zu dieser so großen und verderblichen Uebelthat wurde Heinrich durch den Grafen Eberhard verleitet. Zu der Zeit nämlich, als dieser sich zuerst empörte, hatte Heinrich seinem Bruder, als seinem König und Herrn, so wie es sich gebührte, Beistand geleistet, und mit aller Anstrengung die Feinde bekämpft. Weil aber nicht nur denjenigen, welche zeitlichen Dingen nachtrachten, sondern sogar auch solchen, die sich ganz den ewigen Dingen hingegeben haben und in der Beschaulichkeit innerlicher Andacht leben, durch Unachtsamkeit nicht selten Unheil entsteht, und wie Begetius Renatus in seinem Buch von der Kriegskunst (III, 22) sagt, daß mit Nothwendigkeit die Gefahr desto größer zu sein pflegt, je sicherer man sich glaubt, so geschah es, daß Heinrich, da er sich in einem festen Orte aufhielt und, sorglos, zu wenig auf seine Sicherheit bedacht war, von dem vorgenannten Eberhard mit Heeresmacht belagert wurde; und bevor noch der König, sein Bruder, ihm zu Hülfe [61] 939kommen konnte, eroberte Eberhard die Fest, und führte sowohl den Prinzen, als auch den erbeuteten nicht geringen Schatz, mit sich fort in seine Heimath[109]. Der König, der seines Bruders, ja vielmehr seine eigene Schmach zu rächen trachtete, begann nun mit aller Kraft den Eberhard und dessen Anhänger zu verfolgen.

21. Eberhard aber hatte auch Giselbert, den Herzog der Lotharinger, dem Könige abtrünnig gemacht, und mit seiner Hülfe leistete er dem Könige großen Widerstand. Denn wiewohl dieser Giselbert mit einer Schwester des Königs vermählt war, so zog er es doch, in der Hoffnung selbst zum Reiche zu gelangen, vor, wider den König zu kämpfen, statt ihm, wie es die Pflicht erforderte, gegen seine Feinde beizustehen. Da sie aber einsahen, daß sie auch so dem Könige nicht gewachsen wären, da faßten sie einen Rathschluß, der nach menschlicher Einsicht klug und listig, nach göttlichem Urtheil aber einfältig war, und sie wandten sich an Heinrich mit solchen Worten:

22. „Wenn du uns eidlich versprichst, unsern Rathschlägen zu folgen, so wollen wir dich nicht nur der Haft entlassen, sondern was noch weit mehr ist, sofern du anders geneigt bist König zu werden, so erheben wir dich zu unserm Herrn.“ Dieses sagten sie aber nicht in der Absicht, solches wirklich ins Werk zu richten, sondern nur um mit Heinrichs Hülfe den König leichter besiegen zu können.

23. Doch auch der König hatte unter seinen Anhängern sehr tapfere und mächtige Männer, nämlich Hermann den Herzog von Schwaben, und dessen Bruder Uto, und Konrad, den man den Weisen nannte. Diese, obwohl von Eberhards Sippe, wollten doch lieber, wenn ja die Noth sie zwingen sollte, mit der gerechten Sache und ihrem rechten Könige unterliegen, als wider das Recht mit ihrem Vetter siegen. [62] 939 Heinrich also, durch das obenerwähnte Versprechen verführt, sammelte sogleich seine eigenen Leute, und begann aus allen Kräften jenen Beistand zu leisten und den König zu bekämpfen. Aber weil geschrieben steht: „die Bosheit hat wider sich selbst gelogen:“[110] so lasset uns hier ein wenig verweilen und zeigen, wie die Bosheit damals wider sich selbst gelogen habe. Eberhard nämlich hatte den Giselbert nicht anders vom König abwendig zu machen vermocht, als durch das Versprechen ihn zum Könige zu erheben. Giselbert seinerseits gedachte den Heinrich in solcher Weise zu hintergehen, daß er erst mit seiner Hülfe den König besiegte, dann aber Heinrich ebenfalls absetzte und sich selbst des Thrones bemächtigte. Eberhard dagegen hatte einen ganz andern Plan. Er wollte, wenn es gelänge, den König zu besiegen, allen beiden die Herrschaft entreißen und selbst die Krone tragen, wie wir solches aus den Worten schließen können, welche er kurz vor seinem Tode zu seiner Gemahlin sprach. Denn einmal als er sie umfangen hielt, sprach er zu ihr: „Sei jetzt fröhlich an der Seite des Grafen; bald erwartet dich größere Freude in der Umarmung des Königs.“ Daß nun dieses sich nicht so begeben hat, sondern daß die Bosheit wider sich selbst gelogen habe, zeigt uns die Gegenwart.

24. Also, wie wir oben schon berichteten, durch solches Versprechen angelockt, oder vielmehr bethört, eilt Heinrich mit seinen Schaaren, vereint mit Giselbert und Eberhard, gegen den König ins Feld. Ihnen entgegen eilt freudig der König, nicht erschreckt durch ihre Menge, sondern auf Gottes Barmherzigkeit vertrauend. Damit du aber erkennest, wie leicht es Gott ist mit wenigen viele zu besiegen, und daß niemand durch seine große Stärke errettet wird[111]: so vernimm, wie hier der Herr ein Wunder der alten Zeit erneute. [63] 939 Des Königs Kriegsvolk war an den Rhein gelangt bei einem Orte Namens Bierten, und hatte bereits begonnen über den Strom zu setzen, ohne zu wissen daß Heinrich mit den oben erwähnten Grafen ihnen schon so nahe sei. Nur sehr wenige erst waren aus den Schiffen gestiegen, kaum hatten sie ihre Pferde besteigen und sich wappnen können, da kommt ihnen nicht etwa Botschaft von der Ankunft des feindlichen Heeres, sondern mit ihren eigenen Augen sehen sie es vor sich. Sie aber redeten so zu einander: „Dieser Strom ist, wie ihr sehet, zu breit, als daß unsere Gefährten uns beistehen, oder wir, wenn wir auch wollten, zu ihnen zurückkehren könnten; auch wissen wir wie schimpflich es, besonders bei unsern Landsleuten, ist, wenn kräftige Männer sich dem Feinde ergeben, wenn sie, um dem Tode zu entgehen, keinen Widerstand leisten, und sich das Leben mit ewiger Schmach erkaufen. Wer keine Aussicht zu entfliehen hat, ist oft dem Feinde desto furchtbarer; um Gnade aber zu flehen, wäre eine unauslöschliche Schande. Drum bleibt uns nichts als muthig zu kämpfen, aber stärker noch drängt uns zum Kampfe die gute Sache, die Sache der Wahrheit und des Rechtes. Denn wenn im Streite wider das Unrecht unser irdisches Haus zerbrochen wird, so empfangen wir im Himmel ein Haus, das ewig ist und nicht mit Händen gemacht[112].“ Durch solche Reden entflammt reiten sie mit raschem Angriff unter das feindliche Heer. Der König, der wohl erkannte, daß in solch standhaftem Muth der Seinen Gottes Beistand sichtbar war, gedachte des Volkes Gottes, wie es den Widerstand der Amalekiter durch das Gebet Mosis, des Knechtes Gottes, überwand, und da er, durch den Fluß getrennt, den Seinen keine leibliche Hülfe bringen konnte, so stieg er vom Pferd, und warf sich mit dem ganzen Volke weinend nieder zum Gebet vor den siegreichen Nägeln, welche einst die Hände unsers [64] Herrn und Heilandes Jesu Christi durchbohrt hatten, und die nun in die Lanze des Königs eingefügt wind. Und da wurde es offenbar, wie viel, nach den Worten des heiligen Jakobus (5, 16) das Gebet des Gerechten vermag. Denn noch während er betete, wandten sich die Feinde sämmtlich zur Flucht, ohne daß von den Seinen ein einziger umkam. Von jenen aber wußten viele nicht einmal, warum sie entflohen, da sie den verfolgenden Feind wegen seiner geringen Anzahl gar nicht sehen konnten. Viele wurden erschlagen, und Heinrich erhielt einen gewaltigen Schwerstreich auf den Arm; wiewohl das starke, dreifache Panzerhemd die Schneide des Schwertes nicht bis zum Fleisch hindurchließ, so verursachte doch die Wucht des Hiebes eine solche Quetschung, daß keine Sorgfalt der Aerzte sie ganz zu heilen vermochte und jedes Jahr der Schmerz sich heftig erneute. Deshalb haben sie auch lange nachher ausgesagt, daß er an den Folgen dieser That gestorben sei.

Da wir aber dieser heiligen Lanze einmal erwähnt haben, so wollen wir hier mittheilen, auf welche Weise der König den Besitz derselben gekommen war.

25. Der Burgunderkönig Rudolf, welcher einige Jahre lang in Italien geherrscht hat, erhielt diese Lanze zum Geschenk vom Grafen Samson[113] Sie sah nicht aus wie die gewöhnlichen Lanzen, sondern war auf ganz besondere Art gearbeitet und von ganz eigener Gestalt. Denn längs dem mittleren Schenkel des Schaftes sind zu beiden Seiten Vertiefungen; diese zum Einlegen der Daumen sehr schön geeigneten Rinnen ziehen sich bis zur Mitte der Lanze herab. Diese Lanze also, sagt man, habe einst Konstantin dem Großen angehört, dem Sohne der heiligen Helena, welche das Leben bringende Kreuz fand, und auf dem mittleren Grate, den ich vorher Schenkel nannte, trägt sie Kreuze aus den Nägeln, welche durch die Hände und Füße [65] unser Herrn und Erlösers Jesu Christi geschlagen sind. König Heinrich aber, wie er denn ein gottesfürchtiger Mann und jedes Heiligthums Liebhaber war, erfuhr nicht so bald, daß Rudolf ein so unschätzbares Geschenk des Himmels besitze, als er Boten an ihn absandte und versuchte, ob er um hohen Preis es erwerben, und sich so die unüberwindlichsten Waffen und beständigen Sieg über sichtbare und unsichtbare Feinde verschaffen könne. Da aber König Rudolf auf alle Weise erklärte, daß er solches niemals thun würde, so ließ König Heinrich es sich sehr angelegen sein, weil er ihn durch Geschenke nicht dazu bewegen konnte, ihn durch Drohungen zu schrecken. Denn er gelobte ihm, sein ganzes Königreich mit Feuer und Schwert verwüsten zu wollen. Weil aber die Sache, um die er bat, ein Kleinod war, durch welches Gott das Irdische mit dem Himmlischen verknüpft hat, nämlich der Eckstein[114], der aus beiden Eins macht[115]: so ward König Rudolfs Herz erweicht und er übergab es persönlich dem gerechten Könige, der in gerechter Weise Gerechtes begehrte. Denn wo der Frieden selber zugegen war, da hatte die Feindschaft keinen Raum. So wurden auch damals, als der, welcher mit diesen Nägeln gekreuzigt ist, von Pilatus zu Herodes geführt war, diese beiden an jenem Tage Freunde, da sie vorher einander feind gewesen waren. Mit welcher Freude aber König Heinrich jenes unschätzbare Kleinod empfing, das zeigte sich auf mancherlei Weise, insbesondere aber dadurch, daß er den Geber nicht nur mit Gold oder Silber, sondern auch mit einem ansehnlichen Theile des Schwabenlandes beschenkte. Gott aber, der die Gedanken der Menschen durchschaut, und nicht die Größe der Gabe, sondern den guten Willen ansieht und belohnt, wie hohen Lohn der dem frommen Könige um dieser Sache willen in der Ewigkeit beschieden habe, das hat er auc in dieser Zeitlichkeit bereits durch einige Anzeichen zu erkennen [66] gegeben, indem der König stets die Feinde, welche sich gegen ihn erhoben, mit Vortragung dieses siegreichen Zeichens geschreckt und in die Flucht geschlagen hat[116].

Auf diese Weise also, oder vielmehr durch den Willen Gottes, gelangte König Heinrich zum Besitz der heiligen Lanze, die er sterbend seinem Sohne, von dem wir jetzt reden, nebst des Reiches Erbschaft hinterließ. Wie hoch aber auch dieser das unschätzbare Kleinod geehrt habe, das kündet uns nicht nur der eben erzählte Sieg, sondern auch die wunderbare Fülle göttlicher Segnungen, von welcher wir noch zu berichten haben.

939 Nachdem also der Feind, von Schrecken ergriffen, in die Flucht getrieben war, kehrte der König heim, nicht so sehr über den erlangten Sieg frohlockend, als die Gnade Gottes preisend.

26. Es dünkt mir aber gut hierbei etwas zu verweilen, um zu zeigen, daß sich alles dieses nicht zufällig, sondern durch Gottes Fügung so zugetragen habe. Das wird uns aufs deutlichste einleuchten, wenn wir uns daran erinnern, wie unser Herr und Erlöser, Jesus Christus, nach seiner Auferstehung den Weibern und Jüngern erschienen ist. Die Treue des Petrus, die Liebe des Johannes, der zu Tische lag an der Brust des Meisters[117], waren dem Thomas wohl bekannt; er hatte gehört, daß sie zur Grabstätte geeilt waren, und dort nichts als die Leintücher gefunden hatten. Ihm war auch bekannt, daß Engel den Weibern erschienen waren und verkündigt hatten, der Herr lebe. Doch es sei; vielleicht glaubte er den Weibern nicht, weil er der Schwäche dieses Geschlechts gedachte. Aber ich bitte dich, heiliger Thomas, wenn du den beiden nach dem Flecken [67] 939 Emmaus wandelnden Jüngern nicht glaubest, denen er nicht bloß erschienen war, sondern ihnen auch die Schriften auslegete, die von ihm gesaget waren, ja sogar nach seiner gewohnten Weise das Brod segnete, brach, und es ihnen gab: wenn du auch denen nicht glaubst, was weigerst du dich doch, allen deinen Mitjüngern zu glauben, denen er bei verschlossenen Thüren erschienen war? Erinnerst du dich nicht, daß dieser, dein Herr und Lehrer, mit dem du in den Tod zu gehen versprochen, vor seinem Leiden alles dieses vorausgesagt hatte? Er sprach ja: „Sehet, wir gehen hinauf gen Jerusalem und es wird allen vollendet, das geschrieben ist durch die Propheten von des Menschen Sohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und gegeißelt und verspeiet werden. Und nachdem sie ihn gegeißelt, werden sie ihn tödten, und am dritten Tage wird er wieder auferstehen[118].“ Warum zweifelst du also an seiner Auferstehung, da du siehst, daß er den Heiden überantwortet, gegeißelt, verspeiet und gekreuziget ist, so wie er vorhergesagt hatte? Nicht ohne Ursache ist es, daß du mit eigenen Händen deinen Gott zu berühren verlangst. Denn er selbst, unser König, der von Alters her alle Hülfe thut, so auf Erden geschieht[119], der alles vorher weiß ehe es geschieht, er sah auch voraus, daß viele durch solchen Unglauben ins Verderben gerathen würden, und sprach daher nach seiner Barmherzigkeit und Güte: „Reich deinen Finger her, und lege deine Hand in meine Seite, udn sei nicht ungläubig, sondern gläubig.[120].“ Έξαὐδα δε θομἀ ἀγιε, exauda de Thoma agie d. h. Bekenne aber, heiliger Thomas, und verscheuche durch deinen Zweifel all unser Mißtrauen. Er sprach: „Mein Herr und mein Gott!“ — O Zweifel, der über alles Lob erhaben ist! O Mißtrauen, das alle Jahrhunderte preisen müssen! Hättest du nicht gezweifelt, so stünde mein Glaube nicht so fest. [68] 939 Wollten wir uns gegen die Ketzer, welche kläffen, daß unser Herr Jesus Christus nicht mit seinem wirklichen Leibe auferstanden sei, auf das Zeugniß der gläubigen Frauen und der andern Jünger berufen, so würden sie uns mit teuflischer Arglist mancherlei Einwürfe entgegensetzen. Wenn sie aber hören, daß der zweifelnde Thomas den Leib des Herrn angefühlt, seine Wundenmale berührt habe, und dann, allen Zweifeln entsagend, ausgerufen: „Mein Herr und mein Gott!“ dann werden die eben noch so lauten Schreier stumm wie die Fische, und bekennen, daß ein wirklicher Leib ist, der berührt werden konnte, und daß zugleich Gott ist, wer bei verschlossenen Thüren hereintrat. Und daß Thomas zweifelte, war nicht zufall, sondern Gottes Fügung. So also, so, o frommer König, war der wegen der geringen Zahl der Streiter unverhoffte Sieg ein Rathschlu der göttlichen Vorsehung, welche den Sterblichen zeigen wollte, wie Gott den liebe, der gewürdigt wurde, durch sein Gebet einen so unermeßlichen Sieg mit so geringer Anzahl zu erringen. Denn es ist wahrscheinlich, oder vielmehr ganz gewiß, daß auch du vorher nicht wußtest, wie lieb dic Gott habe; und diese hat er dich darauf erkennen lassen, indem er dir einen so großen Sieg verlieh. Denn heilige Männer kennen ihr ganzes Verdienst nicht, und wissen nicht eher, als bis sie es erfahren, wieviel sie in den Augen der prüfenden Gottheit gelten; wie wir das entnehmen können aus den Worten, die der Engel zu Abraham sprach, als dieser seinen Sohn opfern wollte. Er sagte nämlich: „Lege deine Hand nicht an den Knaben, und thue ihm nichts; denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest[121];“ das heißt: „ich habe es dir selbst und deinen Nachkommen kund gethan.“ Denn Gott wußte auch, ehe Abraham den Sohn opfern wollte, mit welcher Hingebung ihn der heilige Patriarch liebe. Aber ihm selbst, dem liebenden, war noch nicht [69] bewußt, wie vollendet seine Liebe sei, bis es durch die Opferung seines geliebten Sohne aufs deutlichste offenbar wurde. Wir können diese Behauptung auch aus den Worten heiligen Petrus beweisen: „Herr, sprach dieser, ich bin bereit mit dir ins Gefängniß und in den Tod zu gehen.“ Der Herr aber sprach: „Petrus, ich sage dir, der Hahn wird in dieser Nacht nicht krähen, ehe denn du dreimal verleugnet hast, daß du mich kennest[122]!“ O heiliger Petrus, besser als du dich selbst kanntest, kannte dich der, der dich geschaffen hat. Du meinst den wahren Glauben zu bekennen; der aber, welcher alle weiß ehe es geschieht, sagt dir im voraus, daß du ihn dreimal verleugnen würdest. Dieses Ausspruchs warst du eingedenk, als er dich hernach fragte, ob du ihn liebest, und du, ihm mehr als dir selber trauend, deine Liebe durch folgende bescheidene Antwort zu erkennen gabst: „Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, daß ich dich lieb habe[123].“ „Meines Wissens wenigstens liebe ich dich mehr als mich, es sei denn daß, indem ich dich liebe, ich mich selber liebe. Ob sich dieses aber in der Wahrheit so, wie ich meine, verhalte, das weißt du besser als ich, der du mich geschaffen und mich mit der gerechtesten Begier dich zu lieben beseelt hast.“ Deshalb, guter König, ist es nicht geschehen, damit du glaubest, sondern damit die Schwachen glauben, welche sich einbilden der Sieg liege nur in der Menge der Streiter und in den menschlichen Dingen entscheide bloß der Zufall. Denn wir wissen daß du, und du auch mit zwölftausend Legionen über den Fluß gegangen wärest und den Sieg erfochten hättest, doch denselben nicht dir, sondern dem Herrn zuschreiben würdest. Und das ist der Grund, weshalb er gewollt hat, daß du durch dein Gebet mit wenigen siegtest, und daß er die, welche ihre Hoffnung auf ihn stellen, noch mehr zu seiner Liebe entzündete, und denen, welche es nicht wissen, offenbar machte, wie sehr er [70] 939 dich lieb habe. Doch genug hiervon; wir wollen zu unserer Erzählung zurückkehren.

27. Im Elsaß liegt eine Feste, welche in der Landessprache Brisicau[124] heißt, stark sowohl durch den Rhein, er es nach Art einer Insel umströmt, als auch durch die von Natur rauhe Beschaffenheit des Orts. In diese Feste also hatte Eberhard eine ansehnliche Anzahl seiner Krieger gelegt, durch welche er nicht nur einen großen Theil jenes Gaues in Unterwürfigkeit hielt, sondern auch ringsumher die Anhänger des Königs schwer heimsuchte. Der gute König, der nicht seine, sondern der Seinigen Noth ansah, sammelte also ein Heer, und zog nach dem Elsaß, die erwähnte Burg zu belagern. Als er daselbst angelangt war, begannen alsbald, verleitet durch den Rath des Erzbischofs Friedrich von Mainz, welcher ihn begleitete, die Bischöfe in großer Anzahl, bei nächtlicher Weile, ihre im Kreise aufgeschlagenen Zelte Preis gebend, den König zu verlassen, und heimlich nach ihren eigenen Städten zu entweichen, während Friedrich mit listigem Trug bei dem Könige blieb. Als das des Königes Leute sahen, wandten sie sich an ihn mit solchem Rath: „Sorge, o König, für deine Rettung; verlaß diese Gegend und ziehe nach Sachsen. Dir ist nicht unbekannt, daß dein Bruder Heinrich sich gegen dich rüstet. Erfährt er, daß nur noch eine so geringe Schaar bei dir ist, so wird er uns mit solchem Ungestüm angreifen, daß selbst die Flucht unmöglich wird. Besser ist es also, wir kehren später mit verstärktem Heere hierher zurück, als daß wir jetzt elend umkommen, oder schimpflich entfliehen.“ Der König aber blieb unerschrocken und antwortete ihnen, wie einst Judas Makkabäus den Seinen[125]. „Führet keine solche Reden; ist unsere Zeit gekommen, [71] 939 so wollen wir ritterlich sterben und unsere Ehre nicht lassen zu Schanden werden. Denn besser ist es für Wahrheit und Recht den Tod zu erdulden, als ihn meidend mit Schanden zu leben. Wenn jene, die der Ordnung Gottes widerstreben und nur auf ihre Menge, nicht auf Gottes Hülfe bauen, doch für eine ungerechte Sache mit Freudigkeit kämpfen, sterben und zur ewigen Höllenpein hinabfahren, so müssen wir doch mit nicht geringerer, ja mit weit gröerer Fröhlichkeit in den Kampf gehen, da wir für das Recht mit sicherer Zuversicht streiten, und falls uns das Loos alles Fleisches treffen sollte, mit noch größerer Zuversicht sterben können. Denn im Kampfe für das Recht um der geringen Anzahl wegen vor der Entscheidung der Schlacht entweichen, das heißt Gott mißtrauen[126].“ Durch diese Worte brachte er sie nicht nur von ihrem Vorhaben ab, sondern entflammte sie auf der Stelle zu brennendem Kampfesmuth.

28. Eines aber, eines, trefflicher Vater, bitte ich dich sorgfältig zu beachten; wenn du das gehört hast, so wirst du ihn noch mehr bewundern, weil er die Leidenschaften seines Herzens zu bezwingen wußte, als wegen des Sieges über die Feinde. Denn solche Widersacher zu überwinden, vermögen unter Gottes Zulassung manchmal auch sündige Menschen; aber die Kraft des Geistes unerschütterlich zu bewahren, ohne im Glücke stolz, noch im Unglück kleinmüthig zu werden, das ist nur dem Vollkommenen gegeben. Höre also mit welcher Inbrunst des Glaubens er in dieser so stürmischen Zeit an dem Felsen, welcher Christus ist, festhielt. Es war nämlich bei ihm damals ein gewisser sehr reicher Graf, dessen zahlreiches Kriegsgefolge im Heere des Königs glänzte. Dieser also, da er sah daß so viele von des Königs Heer theils entwicken, theils zum Feinde übergingen, begann in der Stille, indem er nur den äußerlichen, [72] 939 nicht den inwendigen Menschen betrachtete, folgende Ueberlegung bei sich anzustellen: „Alles, was ich nur fordere, werde ich ohne Zweifel jetzt vom Könige, der sich in solcher Bedrängniß befindet, erlangen können, zumal da uns ein harter Kampf bevorsteht und er befürchten muß, daß ich ihn verlasse.“ Denn nur die äußeren Umstände bedachte der Graf; der inwendige Mensch war ihm verborgen. Er schickte also Boten an den König und bat, ihm die Abtei Laresheim[127], die reich begütert war, zu überlassen, um aus deren Besitzthümern sich und seinen Kriegern verschaffen zu können, woran es ihnen jetzt mangele. Dem König aber, der nicht nur ohne Falsch wie die Tauben, sondern auch mit Schlangenklugheit ausgerüstet war, konnte die Bedeutung dieser Bitte nicht entgehen; er gab daher den Boten folgende Antwort: „Meine Meinung über diese Sache will ich dem Grafen lieber mündlich, als durch Boten mittheilen.“ Als dieses demjenigen, welcher die Botschaft abgesandt hatte, zu Ohren kam, wurde er über die Maßen froh; denn er meinte, seine Forderung sei ihm gewährt. Jeder Verzug war ihm deshalb unerträglich; er begab sich sogleich zum Könige, und bat ihn seine Entscheidung über die Sache kund zu thun. Da sprach zu ihm der König vor allem Volk: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen. Denn wer wäre wohl so einfältig nicht einzusehen, daß dieses nicht eine demüthige Bitte, sondern eine drohende Forderung von dir gewesen ist? Es steht aber geschrieben: Ihr sollt das Heiligthum nicht den Hunden geben[128]. Diese Worte werden zwar von den Lehrern der Kirche im geistigen Sinne ausgelegt; ich meine aber, daß ich nicht minder das Heiligthum den Hunden geben würde, wenn ich die Güter der Klöster, welche von frommen Männern den Streitern Gottes geschenkt worden sind, wegnehmen wollte, um sie den Streitern dieser Welt zu übergeben. Dir aber, der du [73] 939 so dreist Unrechtes forderst, erkläre ich, und das ganze Heer soll deß Zeuge sein, daß du weder dieses noch irgend etwas anderes jemals von mir erhalten sollst. Wenn dein Sinn danach steht, mit den übrigen Treulosen davon zu gehen, so gehe hin, je schneller desto besser.“ Als das der Graf vernahm, erröthete er vor Scham, denn das Gesicht des Menschen ist seiner Seele Spiegel; und schleunig stürzte er zu des Königs Füßen und bekannte daß er gefehlt, daß er sich schwer vergangen habe.

Danach bedenke nun, mit wie standhaftem Muthe dieser Held Gottes nicht nur die sichtbaren, sondern auch die unsichtbaren Feinde zu Schanden macht. Denn der Erzfeind meinte ihm noch nicht genug geschadet zu haben, nachdem er so viele mächtige Fürsten gegen ihn aufgewiegelt, und sogar den Bruder angehetzt hatte ihm die Krone zu rauben; weil er wohl wußte, daß dieses nur äußerlich ihm Schaden brachte. Darum verleitet er auch jenen Grafen, das Erbtheil der Heiligen für sich zu fordern, damit der König um so rascher den Zorn Gottes gegen sich errege, wenn er das Eigenthum der Knechte Gottes ungerechter Weise seinen Kriegern überlieferte. Weil ihm aber dieses nicht gelang, so erhob sich nun der fromme König, für den um seiner Beständigkeit in dieser Versuchung willen Gott selber stritt, zu solcher Größe, wie wir nunmehr berichten werden.

29. Der heilige David sagt im Namen des Herrn: „Wollte mein Volk mir gehorsam sein und Israel auf meinem Wege gehen, so wollte ich ihre Feinde bald dämpfen, und meine Hand über ihre Widerwärtigen wenden[129].“ Daß solches erfüllt wurde an diesem Könige, der dem Herrn gehorsam war und auf seinem Wege ging, das wird sich klar aus dem ergeben, was ich jetzt zu erzählen habe.

Als Eberhard und Giselbert erfuhren, daß der König im [74] 939 Elsaß sei, so fürchteten sie nicht mehr, daß noch jemand ihnen Widerstand leisten werde; und sie versammelten ein sehr großes Heer, gingen bei Andernach über den Rhein, und begannen überall die Anhänger des Königs niederzuwerfen. Zwar befanden sich in jener Gegen Uto, der Bruder Hermanns, des Herzogs der Schwaben, und Konrad mit dem Beinamen der Weise, welche, wie oben erwähnt, dem Könige treu geblieben waren. Aber ihre Schaaren waren dem großen Heere jener lange nicht gewachsen, und darum fürchteten sie sich, ihnen entgegen zu treten. Allein auf Gottes Geheiß, nicht durch ein ausdrückliches Wort, sondern durch innerliche Eingebung, folgten sie dem Feinde auf dem Fuße, als dieser mit Beute beladen heimkehrte. Sie waren noch nicht weit gezogen, als ihnen ein Priester weinend und jammernd begegnete. Da sie ihn fragten, woher er komme und warum er wein, antwortete er: „Ich kommen von jenen Räubern her, die mit den einzigen Gaul, den ich besaß genommen, und mich armen Mann noch elender gemacht haben.“ Als Uto und Konrad solches hörten, erkundigten sie sich bei ihm genau, ob er den Giselbert und Eberhard gesehen hätte. Jener erwiederte, daß sie beinahe ihr ganzes Heer, sammt der Beute, über den Rhein geschafft hätten, und jetzt, sagte er, halten sie selbst mit einer auserwählten Schaar ihrer Ritter ein Mahlzeit[130], möge sie ihnen schlecht bekommen!

Kaum hatten Uto und Konrad das vernommen, so warfen sie sich auf jene mit solcher Schnelligkeit, daß du denken müßtest, sie ritten nicht, nein sie flögen, wenn du sie sehen köntest. Was bedarf es noch vieler Worte? Eberhard fiel unter den Schwertern, Giselbert versank in den Fluthen des Rheins, und da er diese ihrer Menge wegen nicht austrinken konnte, so verließ ihn die Seele und er starb. Von den Uebrigen entkam [75] 939 nicht Einer; wer nicht durchs Schwert umkam, wurde gefangen genommen. Du siehst also, wie der Herr seine Hand gegen die Widersacher des Königs wandte, den er auf seinem Wege wandelnd erfunden hatte.

30. Unterdessen stand der König, der hiervon nichts wußte, im Elsaß, entschlossen eher zu sterben, als vor dem Feinde die Flucht zu ergreifen. Da geschah es, als er nach seiner Gewohnheit bei Tagesanbruch sein Roß bestiegen hatte, um sich zur Kirche zu begeben (denn sie war weit entfernt) und so dahin ritt um sich im Gebet zu stärken, daß er, in die Ferne blickend, einen Mann erspähte der mit großer Eile auf ihn zukam, und den er sogleich als einen Boten erkannte. Und daß er gute Botschaft brachte, zeigt er sogleich als den König sah, durch fröhliche Gebärden die kommende Freude andeutend. Daran erkannten alle, die zugegen waren, daß er Gutes zu melden habe, und liefen mit gespitzten Ohren herbei, um ihn zu hören. Ein Jahr schien es ihnen zu dauern, wie der Mann in gemessenem Schritt sich näherte, Haar und Kleidung in Ordnung brachte[131], und dann seine ehrfurchtsvolle Begrüßung begann. Der König aber sah wie das Volk ungeduldig war, und es kaum ertrug, daß der Bote in seinen Reden solche Umschweife machte. Darum sprach er zu ihm: „Frisch! sage warum du gesandt bist, melde zuerst die Hauptsache, wenn auch in verkehrter Ordnung, benimm den Leuten hier die Angst und erfülle ihre Herzen mit Freude; lange Einleitungen, kunstgemäße Vorreden und Glückwünsche magst du uns nachher zum Besten geben. Nicht wie, sondern was du sprichst, ist jetzt die Hauptsache. Denn wir wollen lieber mit bäuerischer Einfalt fröhlich sein, als mit tullianischer Beredsamkeit von drohender Gefahr vernehmen.“ Als das der Bote gehört hatte, meldete er gleich zuerst daß Eberhard und Giselbert gefallen seien; [76] 939 und nun wollte er fortfahren und erzählen, auf welche Weise sich dieses zugetragen habe; aber der König winkte ihm inne zu halten, stieg vom Pferde und brachte mit Thränen dem Allmächtigen sein Dankgebet. Hierauf erhob er sich, und verfolgte seinen Weg zur Kirche, um sich den göttlichen Schutz zu erflehen.

31. Zu dieser Zeit war Berthold, der Herzog der Baiern, des Herzogs Arnulf Bruder, ein tüchtiger Mann, der Sache des Königs mit allem Eifer zugethan. Darum wollte der König daß er, wie an der vergangenen Trübsal, so auch an der gegenwärtigen Freude seinen Theil hätte, und sandte am folgenden Tage Boten ab, ihm zu melden, wie große Gnade ihm der Herr erwiesen habe. Zur Erhöhung seiner Freude aber ließ er ihm entbieten und eidlich zusagen — denn Berthold war noch unvermählt — wenn er seiner Schwester, nämlich Giselberts Gemahlin, habhaft werden könne, so wolle er sie ihm zur Ehe geben; lasse sich aber das nicht machen, so wolle er ihm desselben Giselbert und seiner Schwester Tochter vermählen, die er bei sich hatte, und die das mannbare Alter schon beinahe erreicht hatte. Diese Botschaft erfüllte den Berthold mit der größten Freude, doch zog er es vor, auf die noch nicht mannbare Tochter zu warten, als die Mutter zu heirathen, welche schon vermählt gewesen war[132].

32. Etwa zehn Tage vor dem Tode Eberhards und Giselberts hatte auch der Erzbischof Friedrich von Mainz, auf dessen Anstiften schon mehrere Bischöfe vom Könige abgefallen waren, diesen nun auch selbst verlassen, damit die Untreue, die er im Herzen trug, allen offenbar würde; und er war eilig nach [77] Mainz und von dort unverweilt nach Metz gegangen[133]. Es hatte nämlich des Königs Bruder Heinrich den Plan entworfen, sobald Eberhard und Giselbert zurückgekommen wären, dort in Gemeinschaft mit eben diesem Friedrich ein Heer zu sammeln, und so dem König der im Elsaß weilte, einen schweren Kampf zu bereiten. Als aber der Erzbischof dort angelangt war, erhielt er die unverwartete und unwillkommene Nachricht, daß jene zwei Fürsten bereits durch den Tod aus dieser Welt geschieden waren. Darüber ward er dermaßen bestürzt, daß er durchaus nicht wußte was er thun sollte.

33. Inzwischen verließ der König den Elsaß, und zog nach Franken. Aus Furcht vor ihm nahmen die Einwohner von Mainz ihren zurückkehrenden Erzbischof nicht in ihre Mauern auf, und so geschah es, daß derselbe bald darauf von den Getreuen des Königs gefangen und diesem vorgeführt wurde, der ihn dann nach Sachsen in Gewahrsam bringen ließ. Dort verblieb er einige Zeit, dann ward er durch die Gnade des Königs in seine vorige Würde wieder eingesetzt.

34. Heinrich endlich, getrieben von Angst vor dem Könige, seinem Bruder, wollte sich in die Burg Kevermunt werden, welche nicht allein durch der Menschen Kunst, sondern auch durch ihre natürliche Lage sehr stark ist. Allein seine Schwester, Giselberts Witwe, verhinderte ihn daran, da sie vorher seine Absicht erkannte, und schalt ihn noch überdieß in folgender Weise: „Pfui! Hast du nicht genug an dem Jammer, der durch meines Gatten Tod über mich gekommen ist? Willst du dich auch noch in meine Festung einschließen, damit sich des Königes Zorn wie eine Fluth über dieses Land ergieße[134]? Ich werde es nicht dulden, nicht ertragen, nicht zulassen[135]; so thöricht [78] 939 bin ich nicht geboren, daß ich dich auf meine Kosten für deinen Vortheil sorgen ließe.“

35. Da Heinrich, nachdem er dieses gehört, nichts anderes mehr zu thun wußte, so nahm er einige Bischöfe, die sich für ihn verwenden sollten, zu sich, trat eines Tages barfuß vor den König, der nichts davon wußte, warf sich ihm zu Füßen, und flehte um Gnade. Der König entgegnete ihm: „Dein unwürdiger Frevel verdient kein Erbarmen. Da ich dich aber nun vor mir gedemüthigt sehe, so weill ich das Unglück nicht über dich bringen[136].“ Hierauf befahl der König, daß man ihn nach seiner Pfalz bringe, welche in Franken an einem Orte Namens Ingelheim gelegen ist, und dort solle man ihn sorgältig bewachen, bis sich die Heftigkeit des ersten Zornes ein wenig gelegt habe, und dann der König mit dem Rathe seiner weisen Männer einen Beschluß darüber fassen werde, was über seinen Bruder zu verhängen sei[137].

Ende des vierten Buches. Gott sei Dank!




Hier beginnt das fünfte Buch.

1. Als nach dem Tode Eberhards und Giselberts, und nach der Gefangennehmung Heinrichs, des Bruders des Königs, die Großen des Reiches von allen Seiten herbeieilten, dem König Glück zu wünschen, da kam auch ein sehr reicher Mann, der Schwabenherzog Hermann, der dem König seinen Glückwunsch brachte, sodann aber sich mit folgenden Worten an ihn wandte: „Es ist meinem Herrn nicht unbekannt, daß ich bei meinem großen Rheichthum an Landbesitz und baarem Gelde doch ohne

Anmerkungen der Übersetzung[Bearbeiten]

  1. Es kommt auch der abgekürzte Name Liuzo vor.
  2. In einer Urkunde über ein Rechtsgeschäft der Kirchen von Bergamo und Aquileja wird er domnus Liuso genannt, nicht als gestorben bezeichnet.
  3. In dem Buche De consolatione philosophiae 1.
  4. Aus dem Prologe des Terenz zum Eunuchen, Vers 41, der aber eigentlich heißt: „Nichts ist jemals gesagt worden, welches nicht vorher schon einmal gesagt wäre.“
  5. Anspielung auf Horaz II, 2, 12, und (ardentius sitiunt) Cicero, Tuscul. V, 6, 12. Das von Koehler noch angeführte Buch Cassiodors De amicitia wird jetzt Peter von Blois zugeschrieben (Migne 207, 901)
  6. Statt bella, welches in anderen Handschriften steht und nicht zu silebitur paßt, setzt man besser laus.
  7. 2. Mos. 23, 22.
  8. Weish. Salom. 5, 21.
  9. Garde-Frainet unweit Frejus.
  10. Im Commentar des hl. Hieronymus zum Galaterbrief III, 5.
  11. 5. Mos. 32, 30.
  12. S. S. 8 Anm. 4.
  13. Der Verf. verwechselt diesen, ebenso wie Widukind, mit Karl dem Dritten, den man gewöhnlich den Dicken nennt.
  14. Die deutschen Franken im Gegensatz zu den romanischen Franken.
  15. Bei Ostia.
  16. Man fabelte schon in alter Zeit von den ehernen kaspischen Pforten, hinter denen Alexander der Große die wilden Völker Gog und Magog eingesperrt habe; diese Vorstellung wurde nun auf die Ungarn angewandt. Schon in den Jahrbüchern von St. Gallen heißt es, daß Arnulf dieselben aus ihrem Gefängniß losgelassen habe; Widukind in der Sachsengeschichte I, 19 spricht von einem großen Walle, mit dem Karl der Große sie umschlossen habe. Das sind alles grundlose Fabeln, und es ist kein sicherer Grund anzunehmen, daß Arnulf die Ungarn überhaupt gerufen habe; sie bedrängten durch ihre Raubzüge dei Mährer und Arnulf machte in seinen Kriege gegen diese gemeinschaftliche Sache mit ihnen.
  17. Matth. 16, 26.
  18. Hierin sind deutliche Anklänge an die Naturgeschichte des Plinius VII, 5.
  19. Joh. 3, 15.
  20. Der Verf. meint den Kaiser Karl den Dritten, dem Arnulf die deutsche Krone entriß und der bald darauf im Jahre 888 starb.
  21. Wido war Herzog und Markgraf von Spoleto, Berengar Markgraf von Friaul, Sohn Eberhards von Gisla, der Tochter Ludwigs des Frommen. Beide aber waren, wie fast alle Machthaber Italiens, fränkischer Abkunft, und dadurch erklärt sich Wido’s Auftreten in Frankreich, wo er seine Verwandtschaft und Freundschaft hatte.
  22. Das heutige Frankreich.
  23. In diesen Betrachtungen erinnert vieles an Cicero's Lälius.
  24. Die Krönung Wido’s zum Kaiser in Rom geschah erst am 21. Februar 891, nach seiner Rückkehr aus Frankreich.
  25. D. h. die Lieferungen einzutreiben, welche dem Könige nach Herkommen zu leisten waren.
  26. Die Orte der beiden Schlachten sind vertauscht; in der ersten war nach Erchambert Berengar siegreich.
  27. Es liegen mehrere Monate dazwischen, und schon in dieser Zeit unterwarf sich Berengar dem König Arnulf.
  28. Die Reiterkünste waren damals in hohem Ansehen, wie die Geschichte bei dem Mönch von St. Gallen I, 24 zeigt. Auch Widukind rühmt I, 339 Heinrichs I und II. 36 Ottos I Geschicklichkeit in diesen Uebungen. Ein Reiterspiel in großem Maßstabe beschreibt Nithard III, 6.
  29. Nach Jeremias 19, 3.
  30. Auf seinem ersten im Jahre 894 unternommenen Zuge kam Arnulf nur bis Piacenza. Hier nöthigten ihn Krankheiten, welche im Heere ausbrachen, umzukehren. Er zog nun gegen Rudolf von Burgund, und bestürmte unterwegs Ivrea. Gegen Ende dieses Jahrs 894 starb der Kaiser Wido. Im October 895 trat Arnulf einen zweiten Zug nach Italien an, und ging über Lucca nach Rom. Am Anfang des Jahrs 898 nahm er diese Stadt ein, ward daselbst im April zum Kaiser gekrönt, zog dann gegen Spoleto, erkrankte aber im Mai und eilte noch in demselben Monat nach Deutschland zurück. Ehe er daselbst anlangte, starb der Papst Formosus. – Liudprand verment die Begebenheiten dieser zwei Heerzüge miteinander.
  31. Virgils Aeneide I, 150.
  32. Konstantin, Sohn der Helena, welcher in Britannien zum Kaiser erhoben wurde.
  33. torta cannabe nach Verstus V, 146.
  34. So hieß der befestigte Stadttheil, welchen Papst Leo IV nach der Plünderung der Peterskirche durch die Sarrazenen 846 zum Schutze derselben errichtet hatte.
  35. Stephan V im September 891.
  36. Am 4. Mai 896.
  37. An des Formosus Stelle erhielt zuerst Bonifacius VI und aldann Stephan VI den heiligen Stuhl. Dieser war es, und nicht Sergius, welcher den Leichnam des Papstes Formosus ausgraben und in den Tiber werfen ließ. Sergius ward erst 897 erwählt, 898 vertrieben, und 904 zum zweiten Male durch Adelbert eingesetzt, worauf er alle Handlungen des Formosus von neuem für ungültig erklärte.
  38. Die Kirchengesetze verboten, ein Bisthum mit dem andern zu vertauschen.
  39. 1. Korinth. 3, 7.
  40. Wido war schon todt. Arnulf führte aber den Krieg gegen dessen Wittwe Agiltrude fort, die für ihren noch minderjährigen Sohn, Lambert, die Kaiserkrone in Anspruch nahm.
  41. Virgils Aeneide III, 56, nach Voß.
  42. Was von dieser Erzählung überhaupt wahr ist, bezieht sich auf Arnulfs ersten Rückzug aus Italien.
  43. Im Herzogthum Parma, unweit Berceto.
  44. Zwischen Ivrea und Aosta, wo jetzt das Castell Bard steht.
  45. Aeneide XI, 388.
  46. Eine der vielen Fabeln, welche Liudprand aus den Erzählungen seiner Landsleute in die Geschichtsbücher gebracht hat.
  47. Jerem. 17, 18.
  48. 1. Kor. 4, 5.
  49. Er war schon 891 neben seinem Vater König geworden, 892 zum Kaiser gekrönt.
  50. Die Erzählung von den Kämpfen beider Fürsten und Lamberts Tod übergehen wir hier.
  51. Das darf man schwerlich als Thatsache auffassen; so weit reichte die königliche Gewalt nicht.
  52. Dieser Feldzug, der nach Liudprands Darstellung in den Anfang von Ludwigs Regierung gehören müßte, hat damals sicherlich nicht stattgehabt. Am besten paßt die Schilderung zu den Ereignissen des Jahres 910, wo der König selbst eine große Schlacht gegen die Ungarn verlor.
  53. Es steht in Jordanis Geschichte der Gothen Kap. 24
  54. Nach Virgil Georg. I, 447.
  55. So nennt Liudprand die Ungarn nach byzantinischem Sprachgebrauch.
  56. Nach Martianus Capella, wie Koehler nachgewiesen hat, dann ist Juvenal III, 30, XIII, 223 benutzt, nebst verschiedenen anderen Anklängen.
  57. D. h. es war 1 Uhr nach Mittag.
  58. Das kann nur eine Verwechslung mit dem von Heinrich 924 gelobten Tribute sein.
  59. Ungefähr vier Jahre.
  60. Adalbert wurde in Theres am Main belagert.
  61. Vgl. Widukind (Geschichtschr. d. d. V. X, 6) I, 22. Ob diese Geschichte in der Wirklichkeit besser begründet ist, als so manche andere Erzählung Liudprands, ist zweifelhaft, doch war die Ueberzeugung von einer ihn verübten Treulosigkeit sehr verbreitet.
  62. Sollte vielmehr heißen: einige Jahre vorher.
  63. Die Griechen haben sie erst 934 heimgesucht.
  64. nonnullius plena colonibus. Gleich nachher opida cum nonnulla. Ich vermuthete collibus: von einigen Hügelketten durchzogene. Aber die Frage betrifft die Bevölkerung.
  65. fertilibus. Köhler vermuthet infertilibus. Die Abhänge sind aber nicht unfruchtbar.
  66. Unter Italien verstand man damals in der Regel nur das Flußgebiet des Po.
  67. Mit Beziehung auf Persius, Satiren III, 118.
  68. Worte des Terenz, Phormio III, 3, 14.
  69. Worte Ovids, Fast. V, 674.
  70. Nach Horaz, Oden III, 2, 14.
  71. Jeremias 5, 5–18.
  72. Er scheint schon vor Konrads Tod zurückgekehrt zu sein.
  73. Nur die vornehmsten Franken.
  74. Nach Horaz, Oden I, 4, 13.
  75. Sprüche Salom. 8, 15. 16.
  76. Römer 18, 1. 2.
  77. Das bezieht sich auf den frühern Einfall von 924; es ist hier alles zusammengeflossen und die Tributzahlung oben S. 26 in ganz falschen Zusammenhang gebracht.
  78. Das wird ebensowenig thatsächlich sein, wie die ähnliche Angabe oben S. 24.
  79. Psalm 49 (50), 14.
  80. Ein solches Gelübde paßte zu den damaligen Verhältnissen in Italien, aber durchaus nicht in Sachsen.
  81. Der Leisen, wie man ihn später nannte.
  82. Die richtigere und mehr der Wahrheit gemäße Darstellung von Heinrichs Kämpfen mit den Ungern möge man bei Widukind nachlesen; daß Liudprand Merseburg als den Ort der Schlacht nennt, rührt wohl nur von dem Gemälde her, welches er dort gesehen hatte. Wir übergehen nun die in den folgenden Kapiteln erzählten Kämpfe zwischen Berengar und Ludwig von der Provence um die italienische Krone zu Berengars Sieg 907.
  83. Das ist sehr übertrieben.
  84. Wir übergehen die folgenden Kapitel mit den geschichtlich ganz unrichtigen Angaben über die Herkunft der Sarazenen am Garigliano, dem alten Liris (ein Berg des Namens wird sonst nicht genannt); mit dem Bericht über ihre Vernicht 916 und andere italienische Verhältnisse. Zuletzt spricht Liudprand von der zunehmenden Unzufriedenheit mit Berengars Herrschaft.
  85. Erst im J. 922 nach Flodoard.
  86. Von Ivrea, Vater Berengars II von Gisla, Berengars I Tochter.
  87. Der aus einem schwäbischen Geschlechte stammte.
  88. Vielleicht ist zu verbessern inviriliter oder viliter, so daß das Gegentheil gemeint wäre.
  89. Der Ausdruck ist der Erzählung Suetons von Vitellius Kap. 17 entnommen.
  90. Worte des Terenz, Eun. III, 1, 42.
  91. In den letzten Kapiteln des Buches erzählt Liudprand von Rudolfs blutigem Sieg bei Firenzuola, 923 Juli 17., und Berengars Ermordung, 924 April 7.
  92. Wir übergehen die Verbrennung Pavias durch die Ungern, die Rettung der Stadt, und die Vertreibung Rudolfs durch Hugo von der Provence.
  93. Hiob 14, 5.
  94. Psalm 32 (33), 17.
  95. Aeneide X, 179.
  96. Johann X, früher Erzbischof von Ravenna, der 916 die Sarazenen am Garigliano besiegt hatte.
  97. Bertha war die Tochter Lothars II von der Waldrada; Hugo ihr Sohn erster Ehe mit Theobald, nach dessen Tode sie sich mit Adelbert dem Reichen, Markgrafen von Tuscien, vermählt hatte.
  98. Er folgte um 936 Boso als Markgraf von Tuscien, und wurde 961 oder 962 von König Otto entsetzt und flüchtig.
  99. Nach einer längeren Abschweifung über die griechischen Kaiser berichtet nun Liudprand von den italienischen Ereignissen, und wie König Hugo sich mit verschiedenen der mächtigsten Fürsten entzweite.
  100. Dieser Bericht, welcher wieder sehr ungenau ist, bezieht sich wohl ohne Zweifel auf die Verträge des Jahres 928, in welchem Hugo selbst sich nach Vienne begab.
  101. Milo, Graf von Verona, war ein treuer Anhänger Berengars I und hatte dessen Ermordung gerächt; Rather aber, Mönch in Lobbes, war seinem vertriebenen Bischof Hilduin von Lüttich nach Italien gefolgt, und hatte von König Hugo das Bisthum Verona erhalten, während Hilduin Erzbischof von Mailand wurde.
  102. Das Werk, welches Ratherius in seiner Gefangenschaft verfaßte, sind die Präloquien oder das Agonistikon in sechs Büchern, so genannt weil es jedem Stande die geistlichen Waffen für den Kampf des irdischen Lebens geben sollte. Ueber seine eigenen Schicksale kommt viel darin vor, aber in sehr dunkler, kaum verständlicher Weise, weil er absichtlich seinen Feinden den Sinn verbergen wollte.
  103. Durch Alberich, den Sohn der Marozia, wie Liudprand im dritten Buche erzählt hat.
  104. D. h. die Araber aus Afrika.
  105. Aus dem Leben Brunos von Ruotger, Kap. 4, sieht man, daß König Heinrich seinen jüngsten Sohn, als dieser vier Jahre zählte, also etwa im Jahre 929, nach Utrecht zu dem Bischof Balderich sandte, der ihn erziehen und unterrichten sollte; während daß der Prinz sich dort aufhielt, die Nordmannen von ihren Raubzügen nachließen, wodurch es möglich war, die früher von ihnen zerstörten Kirchen und Gebäude in Utrecht wieder herzustellen; und daß dieses als eine Wohlthat wurde, welche man der Gegenwart der Knaben zu danken habe. Im Jahre 953 wurde er Erzbischof von Köln.
  106. Sie war vielmehr dessen Schwester.
  107. Worte Virgils, Georg. I, 37.
  108. Jetzt wendet sich der Dichter an den leidigen Satan, vor dessen Eigennamen er nicht ermangelt, ein abwehrendes Kreuz zu setzen.
  109. Nicht Eberhard, sondern Thankmar nahm Heinrich in Belecke gefangen, und übergab ihn Eberhard.
  110. Psalm 26 (27), 12 nach der Vulgata, abweichend von Luthers Uebersetzung.
  111. Psalm 32 (33), 17.
  112. Nach dem zweiten Briefe Pauli an die Korinther 5, 1.
  113. Er ist früher (III, 41) als vertrauter Rathgeber des Königs Hugo genannt.
  114. Jes. 28, 16. Eph. 2, 20.
  115. Eph. 2, 14.
  116. Widukind hat von dieser ganzen Geschichte nichts; die heilige Lanze nennt er schon bei Konrads I Tod unter den königlichen Insignien, als Feldzeichen aber den Erzengel Michael. Die Begebenheit wird in das Jahr 922 gesetzt, in welchem Rudolf sich mit der Tochter des Herzogs Burchard vermählte. Waitz vermuthet, daß dafür der König seine Einwilligung zu dem Vertrage gab.
  117. Evangel. Joh. 13, 23. 25.
  118. Luc. 18, 31–33.
  119. Psalm 73 (74), 12.
  120. Evang. Joh. 20, 27.
  121. 1. Mose 22, 12.
  122. Luc. 22, 33. 34.
  123. Evang. Joh. 21, 17.
  124. Alt Breisach, welches jetzt auf der östlichen Seite des Rheins liegt, befand sich damals am linken Ufer dieses Stromes und gehörte zum Elsaß. Der Rhein hat seitdem seinen Lauf geändert.
  125. 1. Makk. 9, 10.
  126. Weil der Ausgang des Kampfes als Gottesurtheil betrachtet wurde.
  127. Lorsch am Rhein, westlich von Heppenheim.
  128. Evang. Matth. 7, 6.
  129. Psalm 80 (81), 14.
  130. Nämlich noch auf dem rechten Ufer; vergl. Widukind II, 26, der, wohl irrthümlich, Herzog Hermann die That zuschreibt.
  131. Nach Terenz, Heautontim. II, 2, 11.
  132. Giselberts Witwe Gerberga wurde von dem westfränkischen König Ludwig IV entführt und zur Frau genommen; Berthold, der schon 948 starb, war mit einer Biletrud vermählt, welche man nach dieser Stelle für Giselberts Tochter halten muß, da Liudprand sich sonst wohl anders ausgedrückt hätte. Doch wird es von Dümmler bezweifelt.
  133. Bischof Adalbero I von Metz war ein eifriger Feind des Königs.
  134. Nach Hosea 5, 10.
  135. Nach Cicero gegen Catilina I, 5.
  136. Nach 1. Kön. 21, 29.
  137. Hier verwechselt Liudprand die erste Unterwerfung Heinrichs mit der zweiten von 941; er scheint nur von einer zu wissen.