Vier Monate auf den Marquesas-Inseln/2

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Erster Theil Vier Monate auf den Marquesas-Inseln (1847) von Herman Melville, übersetzt von Rudolph Garrigue
Zweiter Theil
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[I]
Vier Monate
auf den
Marquesas-Inseln
oder ein Blick auf
Polynesisches Leben
von
Hermann Melville.


Aus dem Englischen

von

Rudolph Garrigue.

Zweiter Theil.

Leipzig,

Verlag von Gustav Mayer.

1847.

[II]
Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

[III]
Inhalts-Verzeichniß des zweiten Theils.


Capitel XVIII.
Seite 3–27.

Schwimmen in Gesellschaft der Mädchen des Thales – Ein Canoe – Wirkungen des Taboo – Eine Lustfahrt auf dem Teich – Schöner Einfall Fayawa’s – Damen-Schneider – Ein Fremder kommt ins Thal – Sein geheimnißvolles Benehmen – Landes-Beredsamkeit – Die Unterredung – Ihre Folgen – Der Fremde verläßt das Thal.

Capitel XIX.
Seite 28–39.

Betrachtungen nach Marnoo’s Fortgange – Die Knallbüchsen-Schlacht – Sonderbarer Einfall des Marheyo – Die Tappa-Bereitung.

Capitel XX.
Seite 40–47.

Geschichte eines gewöhnlichen Tages im Thale von Typie – Tänze der marquesischen Mädchen.

Capitel XXI.
Seite 48–55.

Die Quellen von Arva Wai – Merkwürdige Überreste von Denkmälern – Einige Ideen zur Geschichte der Pi-Pis, die im Thale vorkommen.

[IV]
Capitel XXII.
Seite 56–66.

Vorbereitungen zu einem großen Fest im Thal – Sonderbare Vorgänge in den Hainen von Taboo – Denkmal von Kalebassen – Gala-Anzug der jungen Mädchen von Typie – Aufbruch zum Feste.

Capitel XXIII.
Seite 67–78.

Das Fest der Kalebassen.

Capitel XXIV.
Seite 79–100.

Gedanken über das Kalebassenfest – Unzuverlässigkeit der über die Inseln herausgegebenen Berichte – Ein Grund – Arger Zustand des Heidenthums – Bild eines todten Kriegers – Ein sonderbarer Aberglaube – Der Priester Kolory und der Gott Moa Artua – Eine sonderbare Ceremonie – Ein zerstörter Altar – Kory-Kory und das Götzenbild – Eine Schlußfolgerung.

Capitel XXV.
Seite 101–115.

Allgemeine Aufschlüsse bei Gelegenheit des Festes. – Die Schönheit der Typies – Ihre Überlegenheit über die Bewohner anderer Inseln – Verschiedenheit der Hautfarbe – Ein vegetabilisches Öl – Zeugniß von Reisenden über die ungewöhnliche Schönheit der Marquesas-Insulaner – Wenige Spuren von Berührung mit civilisirten Wesen – Eine zerbrochene Muskete – Naturregierung – Königliche Würde des Mehevi.

Capitel XXVI.
Seite 116–138.

König Mehevi – Erwähnung seiner Haiwaischen Majestät – Benehmen Marheyo’s und Mehevi’s in gewissen zarten Angelegenheiten – [V] Eigenthümliches System der Ehe – Zahl der Bevölkerung – Gleichförmigkeit – Einbalsamiren – Begräbnißplätze – Begräbnißfeierlichkeiten in Nukuheva – Zahl der Bewohner von Typie – Lage der Wohnungen – Glück im Thale – Eine Warnung – Einige Gedanken mit Bezug auf die Civilisation der Inseln – Vergleich mit dem gegenwärtigen Zustande der Haiwianer – Anekdote von der Frau eines Missionärs – Elegante Fuhrwerke in Oahu – Betrachtungen.

Capitel XXVII.
Seite 139–150.

Die gesellschaftliche Lage und der allgemeine Charakter der Typies.

Capitel XXVIII.
Seite 151–157.

Fischfang – Art die Fische zu vertheilen – Mitternächtliches Banket – Stunden anzeigende Kerzen – Ungekünstelte Art den Fisch zu essen.

Capitel XXIX.
Seite 158–169.

Naturgeschichte des Thales – Goldfarbige Eidechsen – Zahmheit der Vögel – Mücken – Fliegen – Hunde – Eine Katze – Das Klima – Der Cocosbaum – Eigenthümliche Art ihn zu ersteigen – Ein gewandter junger Häuptling – Furchtlosigkeit der Kinder – Too-Too und die Cocosbäume – Vögel des Thales.

Capitel XXX.
Seite 170–186.

Ein Professor der schönen Künste – Seine Leistungen – Etwas über Tättowiren und Tabotiren – Zwei Anekdoten zur Erläuterung des Letzteren – Einige Gedanken über die Mundart von Typie.

[VI]
Capitel XXXI.
Seite 187–195.

Sonderbare Sitten der Insulaner – Ihr Gesang und die Eigenthümlichkeit ihrer Stimme – Entzücken des Königs als er zuerst ein Lied hörte – Der Verfasser erhält eine neue Würde – Musikalische Instrumente im Thale – Bewundrung der Wilden beim Anblick eines Faustkampfes – Schwimmendes Kind – Schöne Haare der Mädchen – Haaröl.

Capitel XXXII.
Seite 196–212.

Befürchtungen – Schreckliche Entdeckung – Einige Bemerkungen über Cannibalismus – Zweiter Kampf mit den Happars – Wildes Schauspiel – Geheimnißvolles Fest – Enthüllungen in Folge desselben.

Capitel XXXIII.
Seite 213–221.

Der Fremde kommt wieder ins Thal – Sonderbare Unterredung mit ihm – Versuch zur Flucht – Mißlingen – Traurige Lage – Mitleid des Marheyo.

Capitel XXXIV.
Seite 222–238.

Die Flucht.


[1]
Ein Besuch
auf den
Marquesas-Inseln.

[3]
Capitel XVIII.

Schwimmen in Gesellschaft der Mädchen des Thales – Ein Canoe – Wirkungen des Taboo – Eine Lustfahrt auf dem Teich – Schöner Einfall Fayawa’s – Damen-Schneider – Ein Fremder kommt ins Thal – Sein geheimnißvolles Benehmen – Landes-Beredsamkeit – Die Unterredung – Ihre Folgen – Der Fremde verläßt das Thal.

Wiederkehrende Gesundheit und Gemüthsruhe verlieh allen Dingen um mich her neues Interesse. Ich suchte mir die Zeit durch alle Freuden zu vertreiben, die mir zugänglich waren. Das Baden in Gesellschaft von Schaaren junger Mädchen bildete eine meiner vorzüglichsten Vergnügungen. Zuweilen machten wir uns diesen Genuß in einem kleinen See, der durch die Erweiterung des Flusses mitten im Thale gebildet wurde. Diese herrliche Wasserfläche war fast ganz kreisförmig und etwa vierhundert Ellen breit. Die Schönheit des Sees war unbeschreiblich. Er war dicht umgeben mit [4] üppigem tropischen Gesträuch, durch welches der schlanke Stamm der Cocospalme hoch gen Himmel strebte und seine schöngeformte Krone wie einen Fächer von Straußfedern in den lauen Lüften wiegte.

Die Leichtigkeit und Grazie, mit welcher die Mädchen des Thales das Wasser durchschnitten, und ihre Vertrautheit mit dem Element war wahrhaft bewundernswerth. Zuweilen glitten sie dicht unter dem Wasserspiegel hin, ohne sichtliche Bewegung der Hände oder Füße; dann warfen sie sich auf die Seite und schossen durchs Wasser, wobei sie dann und wann ihre schönen Formen enthüllten, wenn sie beim raschen Ausgreifen sich theilweise über die Wasserfläche erhoben; nun tauchten sie bis auf den Grund, nun wieder schossen sie ganz gerade zur Oberfläche herauf.

Ich entsinne mich eines Falles, wo ich mich gerade mitten in eine Schaar dieser Flußnymphen stürzte und im Vertrauen auf meine größere Körperkraft einige von ihnen unter das Wasser zu ziehen versuchte; aber ich bereute bald meine Kühnheit. Die amphibischen jungen Geschöpfe umschwärmten mich wie eine Schaar Delphine, faßten mich bei den Hacken und wirbelten und tauchten mich, bis ich nach den sonderbaren Tönen, die vor meinen Ohren klangen, und nach den übernatürlichen Gesichten, die sich vor meinem Auge bildeten, glaubte, ich befände mich im Reich der Geister. Ich war unter ihnen eben so hülflos wie ein gewichtiger [5] Wallfisch, der von allen Seiten von einer Legion von Schwertfischen angegriffen wird. Als sie mich endlich losließen, schwammen sie nach allen Seiten davon und lachten über meine linkischen Anstrengungen, um sie wieder einzuholen.

Es war kein Boot auf dem See; aber auf meine Bitte und zu meinem persönlichen Gebrauch brachten die jungen Leute, die zu Marheyo’s Hause gehörten, unter der Leitung des unermüdlichen Kory-Kory ein leichtes geschmackvoll geschnitztes Canoe vom Strand herauf. Es ward auf den See gesetzt und trieb wie ein Schwan auf demselben. Leider aber hatte es eine Wirkung, die ich nicht erwartet hatte. Die süßen Nymphen, die mit mir im See gespielt hatten, flohen jetzt alle seine Nähe. Das verbotene Fahrzeug, welches durch die Gesetze des „Taboo“ überwacht wurde, erstreckte sein Verbot auf das Wasser, in welchem es trieb.

Einige Tage lang begleiteten mich Kory-Kory und ein paar andere junge Leute auf meinen Ausflügen nach dem See und schwammen, wenn ich mich im Canoe vergnügte, neben mir und um mich her unter allerlei Scherzen und Späßen. Aber ich habe immer eine Vorliebe für das gehabt, was das „Complimentirbuch für junge Leute“ den „Umgang mit tugendhaften und gebildeten jungen Damen“ nennt; und bei der Abwesenheit der Seejungfern wurde mir der See bald langweilig und seine Freuden verloren ihren [6] Reiz. Eines Morgens gab ich meinem treuen Diener meinen Wunsch zu erkennen, die Nymphen möchten doch wiederkommen. Der ehrliche Kerl sah mich erst einen Augenblick verstört an, dann schüttelte er feierlich das Haupt und murmelte „Taboo! Taboo!“ indem er mir zu verstehen gab, daß ohne die Entfernung des Canoe die Mädchen nicht wiederkehren dürften. Aber damit war ich nicht einverstanden; ich wollte nicht nur haben, daß das Canoe dabliebe, sondern ich wollte auch, daß die schöne Fayawa sich zu mir in dasselbe setzen und auf dem See mit mir umher rudern sollte. Dieser Vorschlag beleidigte Kory-Kory’s Schicklichkeitsgefühl auf das Schrecklichste. Er eiferte dagegen als so abscheulich, daß man nicht einmal daran denken dürfte. Und nicht nur ihrem Schicklichkeitsgefühl lief es zuwider, sondern es wich von allen ihren religiösen Gesetzen ab.

Indeß, obgleich der „Taboo“ eine zu kitzliche Sache war, um damit zu spaßen, so beschloß ich doch, seine Fähigkeit, einem Angriff zu widerstehen, auf die Probe zu stellen. Ich fragte den Häuptling Mehevi um Rath, welcher versuchte, mich von meinem Vorhaben abzubringen; ich ließ mich aber nicht zurückweisen, sondern verdoppelte nur meine dringenden Bitten. Endlich ergoß er sich in einer langen und ohne Zweifel sehr gelehrten und beredten Auseinandersetzung der Geschichte und des Charakters des „Taboo,“ wie sie gerade für diesen Fall nöthig war, und gebrauchte [7] eine Menge der wunderbarsten Wörter, die nach ihrer Länge und Volltönigkeit bestimmt theologische Bezeichnungen waren. Seine ganze Beredsamkeit vermochte indeß nicht mich zu überzeugen, theils vielleicht, weil ich nicht ein Wort von dem verstand, was er sagte, theils aber auch, weil ich, und wenn es mein Leben gegolten hätte, nicht einzusehen vermochte, warum ein Weib nicht eben so viel Recht haben sollte, ein Canoe zu betreten wie ein Mann. Endlich wurde Mehevi etwas vernünftiger und deutete mir an, daß er, aus inniger Liebe zu mir, mit den Priestern sprechen und sehen wolle, was geschehen könne.

Wie es zuging, daß die Priesterschaft von Typie mit ihrem Gewissen übereinkam, weiß ich nicht; genug es geschah und Fayawa ward endlich in diesem Punkte der Vorschriften des „Taboo“ entbunden. Ein solcher Fall war, glaube ich, im Thale noch nie dagewesen, aber es war hohe Zeit, daß die Insulaner etwas Ritterlichkeit lernten, und ich hoffe zuversichtlich, daß das Beispiel, welches ich ihnen gab, gute Folgen haben möge. Es war doch wahrlich lächerlich, daß die niedlichen Geschöpfe gezwungen sein sollten, im Wasser umherzurudern, während ein Haufe großer ungeschlachter Kerle in ihren Canoes über die Oberfläche hinglitten.

Den ersten Tag nach Fayawa’s Emancipation machten wir eine herrliche Lustfahrt auf dem See – das Mädchen, Kory-Kory und ich. Mein diensteifriger Leibdiener brachte [8] eine Kalebasse voll Poee-Poee, ein halbes Dutzend Cocosnüsse ohne Bast, drei Pfeifen, ebenso viele Yamswurzeln, und mich auf seinem Rücken zum See hinaus. Eine tüchtige Last, aber Kory-Kory war sehr stark für seine Größe und keineswegs gebrechlich im Rückgrath. Wir hatten einen herrlichen Tag; mein ehrenwerther Diener handhabte das Ruder und trieb uns leise am Rande des Sees hin, im Schatten der überhängenden Aeste. Fayawa und ich saßen im Hintertheil des Canoes im allerschönsten Einverständniß mit einander; die graziöse Nymphe setzte zuweilen die Pfeife an die Lippen und erhöhte den würzigen Duft des Tabaks mit ihrem reinen Athem. Es scheint seltsam, aber nichts kleidet ein junges weibliches Wesen so gut und zeigt sie in so vortheilhaftem Lichte wie das Rauchen. Wie bezaubernd ist nicht eine peruvianische Dame, wenn sie, sich in ihrer reichgewebten Bast-Hängematte unter Orangenbäumen schwingend, – den Duft einer ausgewählten Cigarre einsaugt! Doch Fayawa war noch fesselnder, wie sie das dünne gelbe Rohr ihrer Pfeife, mit dem sonderbar geschnitzten Kopf, in ihrer schönen olivenfarbenen Hand hielt, und in kurzen Zwischenräumen leichte Ringe von Tabaksrauch aus Mund und Nase hervorblies.

Wir trieben so einige Stunden umher; blickte ich hinauf zu dem warmen, tiefblauen tropischen Himmel, oder hinab in die crystallene Tiefe unter mir, oder wenn mein Auge [9] über die zauberisch schöne Gegend glitt, dann auf Kory-Kory’s grottesk-tättowirten Körper fiel und endlich an Fayawa’s sinnigem Blicke haften blieb, so glaubte ich mich in eine feenhafte Sphäre versetzt, so überirdisch kam mir Alles vor.

Diese schöne Wasserfläche war der kühlste Ort im ganzen Thale, und von nun an wählte ich den See zu meinem steten Aufenthaltsort während der heißesten Stunden des Tages.

Eine Seite desselben lag nahe an einer Schlucht, die sich von den Höhen, die das Thal umgaben, bis hier herab erweiterte. Der starke Passatwind brach sich an diesen Höhen, umspielte und umwirbelte dieselben, ward bisweilen den steilen Abhang herab und quer über das Thal getrieben, und kräuselte dann die sonst spiegelglatte Oberfläche des Sees.

Eines Tages, nachdem wir eine Zeitlang gerudert waren, setzte ich Kory-Kory aus und trieb den Kahn hinüber nach der Windseite des Sees. Als ich das Canoe drehte, schien Fayawa, die mit mir war, plötzlich einen glücklichen Einfall zu haben. Mit einem wilden Freudenschrei machte sie ihren weiten Tappa-Mantel von ihren Schultern los, den sie als Schutz gegen die Sonne trug, breitete ihn wie ein Segel aus und stand mit hocherhobenen Armen aufrecht an der Spitze des Canoes. Wir amerikanischen Seeleute bilden uns viel auf unsere schlanken Masten ein, doch ein schönerer kleiner Mast, als Fayawa jetzt war, ist nie am Bord eines Fahrzeuges gewesen.

[10] In einem Augenblick war der Tappa vom Winde entfaltet, Fayawa’s lange braune Locken spielten im Winde und das Canoe glitt rasch durch’s Wasser nach dem Ufer zu. Ich saß hinten im Canoe und steuerte es mit dem Ruder, bis es sanft auf eine schräge Sandbank glitt und Fayawa mit einem leichten Sprung ans Ufer hüpfte, wo Kory-Kory, der unserm Manöver mit Bewunderung zugesehen hatte, nun vor Freuden in die Hände klatschte und sich wie ein Toller geberdete. Diese Belustigung wiederholten wir viele Male.

Wenn der Leser noch nicht bemerkt hat, daß ich der erklärte Liebhaber Fräulein Fayawa’s war, so kann ich nur dazu sagen, daß er in Herzensangelegenheiten sehr wenig bewandert sein muß, und ich werde mich wahrlich nicht bemühen, ihm weitere Aufklärungen zu geben. Ich machte aus dem Kattun, welchen ich vom Schiffe mitgebracht hatte, einen Anzug für das reizende Mädchen. Sie sah in demselben beinahe wie eine Ballettänzerin aus. Die Bekleidung einer solchen fängt in der Regel etwas über den Ellbogen an, aber die meiner Insel-Schönheit reichte nur von den Hüften herab und endigte weit genug von der Erde, um die wundervollste Wade von der Welt nicht den Blicken ganz zu entziehen.

Der Tag, an welchem Fayawa zuerst diesen Anzug trug, wurde mir durch eine neue Bekanntschaft denkwürdig, die [11] ich an demselben machte. Ich lag am Nachmittage im Hause, als ich plötzlich draußen eine große Aufregung vernahm; da ich jedoch nun schon ziemlich an die wilden Hallohs gewöhnt war, die fast unaufhörlich im Thale widerhallten, beachtete ich sie wenig, bis Marheyo ganz ungewöhnlich aufgeregt zu mir hereinstürzte und die überraschende Nachricht „Marnoo pemi“ verkündete, welche verdolmetscht bedeutet, daß Jemand mit Namen Marnoo sich nähere. Mein würdiger alter Freund erwartete ohne Zweifel, daß diese Nachricht einen ungeheuren Eindruck auf mich machen würde, und stand eine Zeitlang erwartungsvoll da, augenscheinlich neugierig, wie ich mich geberden würde; da ich aber ganz ungerührt blieb, rannte der alte Herr in eben so großer Eile wieder aus dem Hause, wie er hereingekommen war.

„Marnoo, Marnoo,“ sann ich, „den Namen habe ich früher nie gehört. Wahrscheinlich eine sehr bedeutende Person, da die Eingebornen so viel Lärmens machen.“ Der schreckliche Lärm kam mit jedem Augenblicke näher und „Marnoo, Marnoo“ erscholl aus jedem Munde.

Ich nahm an, irgend ein ausgezeichneter Krieger, dem noch nicht die Ehre einer Audienz zu Theil geworden wäre, wünsche, mir bei dieser Gelegenheit seine Aufwartung zu machen. Ich war durch die unbegrenzte Aufmerksamkeit, an die ich gewöhnt worden war, so eitel geworden, daß ich halb und halb Lust hatte, als Strafe solcher Vernachlässigung, [12] diesen Marnoo mir Kälte zu empfangen, als das Gedränge herankam in Begleitung der überraschendsten Menschengestalt, die ich je gesehen hatte.

Der Fremde konnte nicht über fünf und zwanzig Jahre alt sein und war ein wenig über gewöhnliche Größe; wäre er ein Haarbreit größer gewesen, so würde die unvergleichliche Symmetrie seiner Gliedmaßen gestört worden sein. Sein unbekleideter Körper war wundervoll gebaut; und die edlen Linien seines Gesichts, wie sein bartloses Kinn würden ihn befähigt haben, das Modell zu einem polynesischen Apoll zu liefern; und wirklich erinnerte mich das unvergleichliche Oval seines Gesichts und die Regelmäßigkeit aller seiner Züge an die Schönheit antiker Büsten. Doch die marmorne Ruhe der Kunst war durch eine Wärme und Lebhaftigkeit des Ausdrucks ersetzt, die man nur bei den vollendetsten Gebilden der Natur unter den Südsee-Insulanern wiederfindet. Marnoo’s Haar war von üppigem lockigen Braun und umfloß seine Schläfe und seinen Nacken in kleinen dichten Ringeln, welche, wenn er lebhaft sprach, auf und niedertanzten. Seine Wangen waren von wahrhaft weiblicher Sanftheit und sein Gesicht gänzlich frei von der Entstellung des Tättowirens, obgleich sein ganzer übriger Körper dicht mit phantastischen Figuren bemalt war, die aber, abweichend von den unzusammenhängenden Skizzen, die unter den Eingebornen [13] gebräuchlich sind, nach einem bestimmten Plan gleichmäßig ausgeführt schienen.

Die Tättowirung auf seinem Rücken fesselte hauptsächlich meine Aufmerksamkeit. Der Künstler, der sie gemacht hatte, mußte ein wahrer Meister gewesen sein. Das Rückgrath entlang war der schlanke, spitzige und wie mit Diamanten besetzte Stamm des „Artu-Baumes“ ganz vortrefflich gezeichnet. Zu beiden Seiten des Stammes erstreckten sich abwechselnd die schön gebogenen Äste mit ihrem herabhängenden Laube, welches eben so gut gezeichnet als sorgfältig ausgeführt war. Wahrlich diese Tättowirung war die beste Probe der schönen Künste, die ich bis dahin in Typie gesehen hatte. Der Anblick des Fremden von hinten konnte an einen Weinstock erinnern, der sich an einer Gartenwand in die Höhe zieht. Auf seiner Brust, seinen Armen und Beinen sah man eine unendliche Menge verschiedener Figuren, deren jede jedoch auf den Total-Eindruck Bezug zu haben schien, den man bei dieser Tättowirung im Auge gehabt hatte. Die Tättowirung war von hellblauer Farbe, welche im Gegensatz zu der hellen Olivenfarbe der Haut von einer merkwürdigen, ja höchst eleganten Wirkung war. Ein schmaler, kaum über zwei Zoll breiter Gürtel von weißem Tappa, von dem jedoch vorn und hinten dicke Quasten herabhingen, war die einzige Bekleidung des Fremden.

Er näherte sich, von den Insulanern umgeben, unter [14] einem Arm eine kleine Rolle des Gewebes, welches auf den Inseln getragen wird, und in der Hand einen reichverzierten Speer. Sein Benehmen war das eines Mannes, der wußte, daß er an einer bequemen Station auf seiner Reise angelangt sei. Jeden Augenblick drehte er sich freundlich nach der Menge um, und gab auf ihre unaufhörlichen Fragen rasche gewandte Antworten, die sie mit unbezähmbarer Heiterkeit zu erfüllen schienen.

Von seinem Betragen überrascht, wie von der ganzen Eigenthümlichkeit seiner Erscheinung, die so ganz von der der übrigen auf dem Haupte geschornen und im Gesichte tättowirten Eingebornen abweichend war, erhob ich mich unwillkürlich, als er ins Haus eintrat und bot ihm einen Sitz neben mir auf den Matten an. Aber ohne sich herabzulassen, meine Höflichkeit zu bemerken, ja ohne nur von der augenscheinlicheren Thatsache meiner Gegenwart überhaupt Notiz zu nehmen, ging der Fremde an mir vorbei und warf sich auf das entferntere Ende des Lagers, welches den einzigen Raum in Marheyo’s Hause quer durchschnitt.

Wäre die Schönheit der Saison, stolz auf ihre Reize und ihre Macht, von einem übermüthigen Modeherrn an einem öffentlichen Vergnügungsorte mit Geringschätzung behandelt worden, sie hätte nicht größere Entrüstung darüber fühlen können, als ich über diese unerwartete Verachtung.

Ich war völlig versteinert vor Erstaunen. Das Betragen [15] der Wilden hatte mich so verwöhnt, daß ich von jedem neuen Ankömmling denselben hohen Grad von Neugierde und Achtung erwartete. Sein sonderbares Benehmen erhöhte übrigens nur meinen Wunsch, ausfindig zu machen, wer diese merkwürdige Person sei, die jetzt die ganze Aufmerksamkeit sämmtlicher Thalbewohner in Anspruch nahm.

Tinora setzte dem Fremden eine Kalebasse mit Poee-Poee vor, welches er mit Vergnügen aß, indem er zwischen jedem Mundvoll einige schnelle Worte ausstieß, welche die Menge, die nun das Haus füllte, eifrig auffaßte und wiederholte. Als ich die auffallende Unterwürfigkeit der Eingebornen gegen den Fremden bemerkte und alle Aufmerksamkeit gegen mich aufhören sah, fühlte ich mich nicht wenig verletzt. Der Ruhm des Tommo ist dahin, dachte ich, und je eher er sich aus dem Thal entfernt, desto besser. Das waren meine Gefühle in jenem Augenblick und sie entstanden aus jenem Erbprinzip aller wirklich heroischen Charaktere, dem festeingewurzelten Entschluß, entweder das beste Stück vom Braten zu bekommen, oder gar nichts.

Nachdem Marnoo, diese Alle fesselnde Persönlichkeit, seinen Hunger gestillt und einige Züge aus der ihm gereichten Pfeife gethan hatte, begann er eine Anrede, die seine Zuhörer zur größten Aufmerksamkeit spannte.

Wie wenig ich auch von der Sprache verstand, so konnte ich doch aus seinen lebhaften Geberden und wechselnden Gesichtszügen, [16] die sich in allen umstehenden Gesichtern abspiegelten, leicht die Art der Leidenschaft errathen, die er zu erregen suchte. Aus der öfteren Wiederholung der Wörter „Nukuheva“ und „Franee“ (Franzosen) und einiger anderer, deren Meinung mir bekannt war, schloß ich, daß er seinen Zuhörern die Ereignisse erzählte, die in den benachbarten Buchten sich zugetragen hätten. Wie er aber diese Ereignisse erfahren hatte, konnte ich nicht errathen, wenn er nicht eben selbst von Nukuheva kam, eine Vermuthung, die sein von der Reise angegriffenes Aussehen bestärkte. Aber wenn er ein Eingeborner jenes Thales war, so konnte ich mir wieder nicht seinen freundlichen Empfang bei den Typies erklären.

Nie hatte ich ein so mächtiges natürliches Rednertalent gesehen, wie Marnoo entwickelte. Die Grazie der Stellungen, in die er seinen biegsamen Körper warf, die schlagenden Geberden seiner nackten Arme und vor Allem das Feuer, welches aus seinen funkelnden Augen sprühte, gaben der stets wechselnden Betonung seiner Worte eine Wirkung, auf welche der gebildetste Redner hätte stolz sein können. Einen Augenblick[WS 1] lehnte er sich zur Seite auf seinen gebogenen Arm und erzählte umständlich die Angriffe der Franzosen, ihre feindlichen Besuche der umliegenden Buchten, die er alle nach einander nannte, – Happar, Puerka, Nukuheva, Tior, – dann sprang er auf, warf sich mit geballten Fäusten vor, [17] während ungeheure Leidenschaftlichkeit aus seinem Gesichte sprach, und ergoß sich in einem Strom von Schmähungen. Dann nahm er eine hohe befehlshaberische Haltung an und ermahnte die Typies, diesen Angriffen zu widerstehen, indem er sie mit frohlockender Miene daran erinnerte, daß bis jetzt ihr schrecklicher Name sie vor einem Angriff geschützt habe, und mit höhnischem Lächeln die Kühnheit der Franzosen schilderte, die mit fünf Kriegs-Canoes und hunderten von Leuten noch nicht gewagt hätten, die nackten Krieger des Thales anzugreifen.

Die Wirkung, die er unter seinen Zuhörern hervorbrachte, war elektrisch; alle standen sie da mit flammendem Blicke und zitternden Gliedern und lauschten ihm wie einem göttlichen Propheten.

Es zeigte sich aber bald, daß Marnoo’s Gewalt eben so vielseitig wie ungewöhnlich war. Sobald er diese feurige Rede beendet hatte, warf er sich wieder auf die Matten und wählte einzelne der Anwesenden aus, die er im neckendem Tone mit Namen anredete, deren Witz mir zwar fast dunkel war, aber die ganze Gesellschaft mit der lautesten Freude erfüllte.

Er hatte ein Wort für Jedermann; und indem er sich rasch von einem zum andern wandte, machte er nach allen Seiten witzige Bemerkungen, die immer mit schallendem Gelächter aufgenommen wurden. Der Himmel mag wissen, [18] was er zu den Weibern sagte, die er ebensowol wie die Männer anredete, aber Lächeln oder Erröthen war die unfehlbare Folge seiner Worte bei allen. Ich bin wirklich geneigt zu glauben, daß Marnoo mit seinem schönen Äußern und gewandten Benehmen ein arger Verführer unter den einfachen Mädchen der Insel war.

Während dieser ganzen Zeit hatte er mich auch nicht einen Augenblick der leisesten Aufmerksamkeit gewürdigt. Er schien in der That meine Gegenwart gar nicht zu bemerken. Ich konnte mir dieses sonderbare Benehmen auf keine Weise erklären. Ich konnte leicht bemerken, daß er unter den Insulanern eine sehr bedeutende Person war; daß er ungewöhnliche Gaben besaß und einen höhern Grad von Kenntnissen hatte, als die Bewohner des Thales. Aus diesen Gründen fürchtete ich sehr, er möge aus einer oder der andern Ursache unfreundlich gegen mich gesinnt sein, und seinen mächtigen Einfluß ausüben, um mir zu schaden.

Er war augenscheinlich kein dauernder Bewohner des Thales, und dennoch, woher konnte er gekommen sein? An allen Seiten waren die Typies von feindlichen[WS 2] Stämmen umgeben, und wie war es denkbar, daß sie ihn so herzlich empfangen könnten, wenn er zu einem derselben gehörte?

Die persönliche Erscheinung des räthselhaften Fremden brachte mich auch in Verlegenheit. Ein untättowirtes Gesicht und ein ungeschorner Scheitel waren Eigenthümlichkeiten, [19] die ich nie früher bei irgend einem Insulaner bemerkt hatte; ich hatte im Gegentheil gehört, es seien dies durchaus nothwendige Abzeichen eines marquesischen Kriegers. Die ganze Sache war mir völlig unverständlich und ich erwartete ihre Lösung mit einem nicht geringen Grade von Neugierde.

Endlich schloß ich aus gewissen Zeichen, daß er mich zum Gegenstande seiner Bemerkungen machte, obgleich er sorgfältig vermied, meinen Namen zu nennen oder mich anzusehen. Plötzlich erhob er sich von den Matten, auf welchen er gelegen hatte und näherte sich mir; doch fuhr er dabei immer fort, sich zu unterhalten und vermied absichtlich, meinem Blicke zu begegnen, bis er sich, kaum drei Fuß von mir entfernt, wieder auf die Matten niederließ. Kaum hatte ich mich von meinem Erstaunen erholt als er sich mit dem wohlwollendsten Ausdruck von der Welt zu mir wandte und mir mit vieler Grazie die rechte Hand bot. Natürlich erwiederte ich diesen höflichen Gruß, und sobald unsere Hände sich berührten, bog er sich zu mir herüber und sagte mit der schönsten wohlklingendsten Betonung: „Wie geht’s Euch?“ „Wie lange seid Ihr in dieser Bucht gewesen?“ „Mögt Ihr gern hier sein?“

Wäre ich gleichzeitig von drei Happar-Speeren durchbohrt worden, ich hätte nicht erschrockener zurückfahren können, als über diese ganz einfachen Fragen! Einen Augenblick war ich stumm vor Erstaunen, dann antwortete ich [20] etwas, ich weiß selbst nicht was; sobald ich aber meine Selbstbeherrschung wiedergewann, schoß mir gleich der Gedanke durch den Kopf, von diesem Individuum möchte ich vielleicht die Nachrichten über den verschwundenen Tobias erhalten können, welche die Eingebornen des Thales mir absichtlich vorenthalten hatten. Ich fragte ihn also nach dem räthselhaften Verschwinden meines Cameraden, aber er läugnete, irgend etwas über die Sache zu wissen. Dann fragte ich ihn, woher er komme? Von Nukuheva war seine Antwort. Als ich meine Ueberraschung darüber aussprach, blickte er mich einen Augenblick an, als weide er sich an meinem Erstaunen und rief dann mit seiner sonderbaren Lebhaftigkeit:

„Ja! bin tabotirt, – geh’ nach Nukuheva, – geh’ nach Tior, – geh’ nach Typie, – geh’ überall hin, – Mich rührt Niemand an, – bin tabotirt.“

Diese Erklärung würde mir durchaus unverständlich gewesen sein, wenn ich mich nicht entsonnen hätte, schon früher etwas über einen eigenthümlichen Gebrauch bei diesen Insulanern gehört zu haben. Obgleich die Insel im Besitz verschiedener Stämme ist, deren gegenseitige Feindseligkeiten fast alle Berührung unter ihnen verhindern, so giebt es doch Fälle, in denen eine Person, die Freundschaftsverhältniße mit einer andern angeknüpft hat, deren Stamm mit dem ihrigen in Krieg lebt, sich dennoch unter gewissen Beschränkungen [21] unangetastet in das Gebiet ihres Freundes wagen darf, wo sie unter andern Umständen als Feind behandelt worden sein würde. So wird persönliche Freundschaft unter ihnen geachtet und die so beschützte Person heißt „tabotirt“ und ist bis zu einem gewissen Grade heilig und unantastbar. Auf diese Weise, sagte mir der Fremde, habe er Zutritt in allen Thälern der Insel.

Ich war neugierig, wie er seine Kenntniß der englischen Sprache erworben habe, und fragte ihn danach. Anfänglich wich er, aus einer oder der andern Ursache, meinen Fragen aus, dann aber sagte er mir, er sei als Knabe von dem Capitain eines Kauffahrteischiffes mit zur See genommen worden, bei dem er drei Jahre geblieben sei, die er zum Theil in Sidney in Australien zugebracht habe, bei einem spätern Besuch auf der Insel habe ihm aber der Capitain auf sein Bitten erlaubt, bei seinen Landsleuten zurückzubleiben. Die natürlichen Anlagen des Wilden waren durch sein Zusammenleben mit den Weißen wunderbar entwickelt worden und seine theilweise Kenntniß einer fremden Sprache gab ihm ein großes Uebergewicht über seine weniger unterrichteten Landsleute.

Als ich den nun herablassenden Marnoo fragte, warum er nicht früher mit mir gesprochen habe, forschte er eifrig nach dem Eindruck, den sein Betragen auf mich gemacht, und nach dem Urtheil, welches ich danach über ihn gebildet [22] hätte. Ich antwortete, ich hätte ihn für einen großen Häuptling oder Krieger gehalten, der schon viele Weiße gesehen, und es nicht der Mühe werth gehalten habe, einen armen Matrosen zu beachten. Bei dieser Erklärung der hohen Meinung, die ich von ihm gehabt, schien er sehr geschmeichelt zu sein und sagte, er habe mit Vorsatz sich so benommen, um mein Erstaunen zu erhöhen, wenn er mich endlich anreden würde.

Marnoo forschte nun nach den Umständen, unter welchen ich ins Thal gekommen und ein Bewohner desselben geworden war. Als ich die Umstände erzählte, wie Tobias und ich hierher gelangt waren, hörte er mit entschiedenem Interesse zu; sobald ich aber auf die noch unerklärte Abwesenheit meines Cameraden anspielte, versuchte er dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, als ob dies ein Punkt sei, den er nicht zu berühren wünsche. Es schien wirklich, als ob Alles, was Tobias anging, dazu bestimmt sei, Mißtrauen und Aengstlichkeit in meiner Brust zu erwecken. Trotzdem, daß Marnoo läugnete irgend etwas über sein Schicksal zu wissen, konnte ich nicht umhin, zu vermuthen, daß er mich absichtlich täusche; und dieser Verdacht belebte aufs Neue jene Befürchtungen über mein eignes Schicksal, die eine Zeitlang ganz aus meinem Herzen gewichen waren.

Von diesen Gefühlen angetrieben, hatte ich nun den lebhaften Wunsch, den Schutz des Fremden zu benutzen und mit ihm nach Nukuheva zurückzukehren. Sobald ich dieses [23] aber nur andeutete, erklärte er es gleich auf das Bestimmteste für unausführbar, und versicherte mir, die Typies würden niemals ihre Zustimmung dazu geben, daß ich das Thal verließe. Obgleich das, was er sagte, nur meine früheren Befürchtungen bestätigte, so erhöhte es doch mein dringendes Verlangen, aus einer Gefangenschaft zu entrinnen, die, wie erträglich, ja wie köstlich sie auch in mancher Beziehung war, dennoch den Gedanken, daß ein schreckliches Schicksal ihr Ausgang sein werde, zuließ.

Ich konnte mir nicht verbergen, daß Tobias mit derselben freundlichen Aufmerksamkeit behandelt worden war wie ich, und doch hatte alle die Güte mit seinem geheimnißvollen Verschwinden aufgehört. Konnte meiner nicht dasselbe Schicksal harren? – ein Schicksal, dessen bloßer Gedanke schauderhaft war. Durch diese Betrachtungen angetrieben, drang ich von neuem mit meiner Bitte in Marnoo, der jedoch nur in noch bestimmteren Aeußerungen die Unmöglichkeit meiner Flucht erklärte und seine früheren Worte wiederholte, daß die Typier niemals ihre Einwilligung zu meiner Abreise geben würden.

Als ich versuchte, von Marnoo die Gründe zu erfahren, welche die Typies bestimmten, mich als Gefangenen bei sich zu behalten, nahm er wieder denselben geheimnißvollen Ton an, mit dem er, mit Bezug auf meines Cameraden Verschwinden, [24] meine Befürchtungen von Neuem rege gemacht hatte.

Auf eine Weise zurückgewiesen, die, weil sie schreckliche Vorgefühle in mir rege machte, nur dazu diente, mich zu neuen Versuchen hinzureißen, beschwor ich ihn, mein Fürsprecher bei den Eingebornen zu werden und zu versuchen, sie zu bewegen, mich ziehen zu lassen. Hiergegen hatte er eine entschiedene Abneigung; endlich aber gab er meinem Drängen nach und wandte sich an einige der Häuptlinge, welche uns während unseres ganzen Gesprächs mit der gespanntesten Aufmerksamkeit betrachtet hatten. Seine Bitte wurde aber von vorn herein mit der höchsten Mißbilligung aufgenommen, die sich in zornigen Blicken und Geberden und in einem wahren Strom von leidenschaftlichen Worten aussprach, die sowol an ihn als an mich gerichtet wurden. Marnoo bereute augenscheinlich den Schritt, den er gethan hatte, beschwor inständigst die Menge, von ihrem Zorne abzulassen und beruhigte auch wirklich nach wenigen Augenblicken die Aufregung bis zu einem gewissen Grade, welche bei dem ersten Worte seines Vorschlags ausgebrochen war.

Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit hatte ich den Eindruck beobachtet, den seine Fürsprache hervorrufen würde; und ein bitterer Schmerz erfüllte mich bei diesem neuen Beweise von dem unveränderlichen Entschluß der Insulaner. Marnoo sagte mir mit einem augenscheinlichen Ausdruck von [25] Furcht, daß, obgleich er freundschaftlichen Zutritt bei den Bewohnern der Bucht habe, er doch nicht wagen dürfe, sich in ihre Angelegenheiten zu mischen, da solches Beginnen, wenn er es nicht gleich aufgäbe, die Typies augenblicklich der Verbote des „Taboo“ entbinden würde, obgleich ihn dieselben, so lange er sich aller Uebergriffe enthielte, nachdrücklich gegen die Gefahren der Feindschaft schützten, die sie gegen seinen Stamm hegten.

In diesem Augenblick unterbrach ihn Mehevi, der zugegen war, in zornigem Tone; und die Worte, die er befehlend sprach, bedeuteten augenscheinlich, daß er augenblicklich aufhören solle, mit mir zu sprechen und sich an das andere Ende des Hauses zurückbegeben. Marnoo sprang gleich auf, bat mich eilig, ihn nicht wieder anzureden, und wenn ich auf meine eigne Sicherheit etwas gebe, mich jeder fernern Anspielung auf das Thema meines Fortgehens zu enthalten; und zog sich dann, dem mittlerweile zornig wiederholten Befehle des unbeugsamen Häuptlings gemäß, eine Strecke weit zurück.

Ich sah nun mit nicht geringer Furcht denselben wilden Ausdruck auf den Gesichtern der Wilden, wie damals in der Scene am Ti. Sie warfen verdächtige Blicke von Marnoo auf mich, als ob sie dem Charakter einer Unterredung mißtrauten, die in einer ihnen unverständlichen Sprache geführt worden war, und schienen dem Glauben schon Raum zu [26] geben, daß wir schon über Maßregeln übereingekommen wären, um ihrer Wachsamkeit zu entgehen.

Die lebhaften Gesichter dieser Leute drücken wunderbar deutlich die Gefühle aus, welche ihre Seele bewegen und die Unvollkommenheiten ihrer Wortsprache werden mehr als aufgewogen durch die klare Beredsamkeit ihrer Blicke und Geberden. Ich konnte in ihren wechselnden Gesichtszügen alle jene Leidenschaften deutlich lesen, welche so unerwartet in ihrem Herzen rege gemacht worden waren.

Es bedurfte keines besondern Nachdenkens, um mich zu überzeugen, daß ich die Einschärfungen Marnoo’s nicht leichtsinnig übertreten dürfe und daher redete ich Mehevi in einem freundlichen Tone an, wie schwer es mir auch wurde, meine Gefühle zu bemeistern, in der Absicht, jeden etwaigen übeln Eindruck bei ihm zu verwischen. Aber der zornige, ärgerliche Häuptling war nicht so leicht zu besänftigen. Er wies meine Bemühungen mit jenem strengen Blick zurück, den ich früher bei ihm beschrieben habe und bemühte sich, durch sein ganzes Auftreten gegen mich seine Unzufriedenheit und seinen Verdruß zu erkennen zu geben.

Marnoo bemühte sich am andern Ende des Hauses, augenscheinlich aus dem Wunsche, die Aufmerksamkeit von mir abzuhalten, die ihn umgebende Menge mit Späßen zu unterhalten; seine lebhaften Anstrengungen waren aber nicht mehr so erfolgreich wie früher, und in seinen Hoffnungen [27] getäuscht, erhob er sich ernst, um zu gehen. Niemand verrieth das leiseste Bedauern bei dieser Bewegung; er ergriff also seine Rolle Tappa und seinen Speer und schritt hinaus auf den Pi-Pi wo er sich umdrehte und der jetzt schweigenden Menge ein Lebewohl zuwinkte, während er mich halb mitleidig halb vorwurfsvoll ansah. Dann sprang er den Weg hinab, der vom Hause wegführte. Ich beobachtete seine verschwindende Gestalt bis der Hain sie mir ganz verdeckte und überließ mich dann den schwärzesten Gedanken.


[28]
Capitel XIX.

Betrachtungen nach Marnoo’s Fortgange – die Knallbüchsen-Schlacht – Sonderbarer Einfall des Marheyo – die Tappa-Bereitung.

Die Aufklärung, die ich nun über die Absichten der Wilden erhalten hatte, bewegte mich im Innersten.

Marnoo war, wie ich bemerkte, ein Mann, der wegen seiner überlegenen Kenntnisse und weil ihm die Ereigniße in den verschiedenen Thälern der Insel bekannt waren, in nicht geringer Achtung bei den Bewohnern des Thales stand. Man hatte ihn mit dem freundlichsten Willkommen und der höchsten Achtung empfangen. Die Eingebornen hatten seiner Stimme mit Vorliebe gelauscht und sich geschmeichelt gefühlt durch die Auszeichnung, von ihm persönlich angeredet zu werden. Und doch, ungeachtet aller dieser Ergebenheit, waren ein paar zu meinen Gunsten gesprochene Worte, die meine Befreiung aus der Gefangenschaft zum Zweck hatten, hinreichend gewesen, nicht allein um allen Einklang [29] und alle Güte zu verbannen, sondern, wenn ich glauben durfte was er mir sagte, sogar um seine eigne Sicherheit der größten Gefahr auszusetzen.

Wie fest eingewurzelt mußte also der Entschluß der Typies in Bezug auf mich sein, und wie plötzlich konnten sie nicht die schrecklichsten Leidenschaften entfalten! Der bloße Vorschlag, daß ich fortgehen wolle, hatte wenigstens für den Augenblick Mehevi, den einflußreichsten der Häuptlinge gegen mich eingenommen, der mir früher so viele Beweise des freundlichsten Wohlwollens gegeben hatte. Die übrigen Eingebornen zeigten auch großen Widerwillen gegen meine Wünsche und selbst Kory-Kory schien von der allgemeinen Ungnade erfüllt, die auf mich gefallen war.

Vergebens quälte ich mich, um irgend einen Beweggrund ausfindig zu machen, der diese Leute veranlassen könnte, mich auf so sonderbare Weise unter sich festzuhalten; ich konnte keinen ersinnen.

Wie dem aber auch sein mochte, so mahnte mich doch das eben vorgefallene Ereigniß an die Gefahr, mit den leichterregten Leidenschaften zu spaßen, gegen die es jedenfalls vergeblich, möglicherweise aber auch lebensgefährlich sein könnte, anzukämpfen. Meine einzige Hoffnung war nur, die Eingebornen zu der Meinung zu bringen, ich sei mit meiner Gefangenschaft in ihrem Thale einverstanden, und durch ein angenommenes ruhiges und heiteres Wesen den Verdacht [30] wieder zu zerstreuen, den ich so unglücklicherweise erregt hatte. Wenn ihr Vertrauen wieder hergestellt sein würde, dürften sie vielleicht bald meine Schritte weniger wachsam beobachten, und dann würde ich vielleicht eher eine sich darbietende Gelegenheit zur Flucht benutzen können. Ich beschloß also gute Miene zu bösem Spiel zu machen und männlich zu tragen, was auch sich ereignen möge. Dies gelang mir viel besser als ich selbst erwartet hätte. Zur Zeit des Besuchs von Marnoo war ich, so weit ich zu berechnen vermochte, etwa zwei Monate im Thale gewesen. Obgleich noch nicht gänzlich von meiner sonderbaren Krankheit wieder hergestellt, die noch immer in mir stak, war ich doch frei von Schmerzen und konnte mir Bewegung machen. Ich durfte einer baldigen völligen Genesung mit Recht entgegensehen. Da ich nun in diesem Punkte keine Befürchtungen mehr hatte und entschlossen war, die Zukunft furchtlos zu erwarten, so nahm ich von Neuem an allen den geselligen Vergnügungen des Thales Theil und suchte alle Sehnsucht und selbst die Erinnerung an mein früheres Leben in den wilden Freuden, die es bot, zu begraben.

Auf meinen verschiedenen Wanderungen durch das Thal ward ich nach und nach vertrauter mit dem Charakter seiner Bewohner und immer mehr über die kindliche Fröhlichkeit erstaunt, die durchweg unter ihnen vorherrschend war. Die Gemüther dieser einfachen Wilden, gänzlich frei von der [31] Beschäftigung mit ernsteren Gegenständen, konnten in das höchste Entzücken gerathen über Sachen, die bei aufgeklärteren Völkern ganz unbeachtet vorübergegangen wären. Alle ihre Freuden bestanden fast ausschließlich aus den kleinen Ereignissen, welche die Stunde gerade mit sich brachte; aber diese kleinen Freudenmomente wuchsen im Ganzen zu einem so hohen Grade wahren Glückes an, wie es gebildetere Völker nur selten empfinden werden, deren Freuden aus höhern aber seltnern Quellen fließen.

Welche Gesellschaft von gebildeten und intelligenten Sterblichen, zum Beispiel, würde nur das kleinste Vergnügen daran finden, mit Knallbüchsen zu schießen? Die bloße Annahme der Möglichkeit einer solchen Sache würde sie beleidigen, und doch that die ganze Bevölkerung von Typie fast nichts anderes während zehn ganzer Tage als dieses kindische Vergnügen zu genießen, bei dem sie vor Entzücken ordentlich aufjauchzten.

Eines Tages spielte ich mit einem kleinen muntern Kinde von etwa sechs Jahren, welches mich mit einem Bambusrohr von etwa drei Fuß Länge jagte und mich gelegentlich damit bearbeitete. Als ich ihm den Stock entriß, fiel mir zufällig ein, ich könne aus dem kleinen Rohre für den Kleinen eine jener Kindermusketen machen, mit denen ich oft Kinder hatte spielen sehen. Ich machte also mit meinem Messer zwei parallele einige Zoll lange Einschnitte in das [32] Rohr, schnitt den elastischen Streifen zwischen denselben an einem Ende los, bog ihn zurück und steckte die Spitze desselben in eine kleine Kerbe, die ich zu dem Ende gemacht hatte. Jeder kleine Gegenstand, der gegen den so gespannten Streifen gelegt wurde, konnte mit ziemlicher Gewalt durch das Rohr geschleudert werden mittelst des einfachen Verfahrens, den gebogenen Streifen aus der Kerbe fortschnellen zulassen.

Hätte ich die entfernteste Idee davon gehabt, welches Aufsehen diese Kanone machen würde, so hätte ich gewiß ein Patent auf die Erfindung derselben genommen. Halb wahnsinnig vor Freude lief der Kleine mit seinem Geschenk davon und zwanzig Minuten später sah ich mich von einer lärmenden Menge umgeben – ehwürdige alte Graubärte – gesetzte Familienväter – tapfere Krieger – Matronen, – Jünglinge – junge Mädchen und Kinder, Alle mit kleinen Bambusstäben in der Hand, und Jeder darauf dringend, zuerst bedient zu werden.

Drei bis vier Stunden lang fabricirte ich lauter Knallbüchsen, übergab aber dann das Geschäft mit allen Aktivis und Passivis einem merkwürdig geschickten Jungen, der mir schnell das Geheimniß und die Kunst ablernte.

Piff, Paff, Paff, Piff erscholl es nun durch das ganze Thal. Duelle, Scharmützel, Parteigefechte und allgemeine Schlachten waren in allen Richtungen zu sehen. Hier ging man durch ein Dickicht, stieß auf einen schlau versteckten Hinterhalt, und wurde die allgemeine Zielscheibe für eine [33] Abtheilung Musquetiere, deren tättowirte Glieder eben durch das dichte Laub erkenntlich waren. Dort wurde man von der kühnen Besatzung eines Hauses angegriffen, die ihre Bambusbüchsen durch die Rohrwände des Hauses auf Einen richteten. Weiter hin feuerte ein Detaschement Scharfschützen von der Höhe eines Pi-Pi herab.

Piff, Paff, Paff, Piff! flogen grüne Guavas, Samenkörner und Beeren aller Art in jeder Richtung umher, und während dieses gefährlichen Standes der Dinge fürchtete ich beinahe, daß ich, wie der Mann mit dem messingenen Stiere, ein Opfer meiner eignen Erfindung werden würde. Wie jede andere Sache übrigens, verlor auch dieses Vergnügen nach und nach den ersten Reiz, obgleich von der Zeit an zu jeder Stunde des Tages einzelne Knallbüchsen hie und da im Thale gehört wurden.

Ungefähr zu Ende des Knallbüchsenkrieges ergötzte mich ein närrischer Einfall Marheyos über die Maßen.

Ich hatte, als ich das Schiff verließ, ein paar starke Schuhe an, die durch das Ersteigen von Felswänden und Hinabgleiten in Schluchten so abgetragen und zerrissen waren, daß sie gänzlich unbrauchbar geworden waren; dafür hätten sie wenigstens die meisten Leute unbedingt erklärt, und, als Schuhe betrachtet, waren sie es auch jedenfalls. Aber Dinge, die in einer Art unnütz sind, kann man oft mit großem Vortheil in einer andern Art anwenden, wenn man [34] nemlich geistreich genug ist, darauf zu verfallen. Solches Genie besaß Marheyo im allerhöchsten Grade, wie er durch die Art hinreichend bewies, auf welche er diese schrecklich zerlumpten Schuhe verwandte.

Die Eingebornen schienen jede noch so geringe Sache, die mir gehörte, als heilig zu betrachten; und ich bemerkte, daß einige Tage, nachdem ich Bewohner des Hauses geworden war, meine Schuhe unberührt an demselben Platze gelassen wurden, wohin ich sie bei meinem Eintritt zufällig geworfen hatte. Ich entsann mich aber, daß ich sie einige Tage später nicht mehr an dem Orte gesehen hatte, was mir aber ganz gleichgiltig war, da ich annahm, daß Tinora, wie jede andere ordentliche Hausfrau gethan haben würde, sie bei einer häuslichen Beschäftigung gefunden und die unnützen Dinger aus dem Hause geworfen hätte. Ich wurde aber bald enttäuscht.

Ich sah eines Tages wie sich Marheyo ungemein geschäftig um mich zeigte und zwar mit einem solchen Eifer, daß er selbst Kory-Kory in seiner Dienstbeflissenheit fast übertroffen hätte. Einen Augenblick erbot er sich, mit mir auf dem Rücken nach dem Fluß zu traben, und, als ich dies ausschlug, fuhr er, nicht im Geringsten durch meine Weigerung gekränkt, fort, wie ein alter Haushund mich zu umwedeln. Ich konnte, trotz allem Sinnen, nicht ausfindig machen, was den alten Herrn denn eigentlich befallen hätte, [35] bis er plötzlich einen Augenblick benutzte, wo alle Hausgenossen abwesend waren, um eine Menge der verschiedensten Grimassen und Geberden zu machen, bei denen er abwechselnd auf meine Füße und auf ein kleines Bündel zeigte, welches vom Dachrücken herabhing. Endlich faßte ich einigermaßen, was er sagen wollte und winkte ihm, das Päckchen herabzulassen. In einem Handumdrehen hatte er meinen Wunsch ausgeführt und, indem er ein Stück Tappa abwickelte, enthüllte er vor meinen erstaunten Blicken dieselben alten Schuhe, die ich längst weggeworfen wähnte.

Ich verstand nun augenblicklich seine Wünsche und machte ihm großmüthigerweise die Schuhe zum Geschenk, die mittlerweile ganz verschimmelt waren, und war sehr begierig, wozu in aller Welt er sie eigentlich haben wollte.

Denselben Nachmittag sah ich den ehrwürdigen Krieger sich langsamen, gemessenen Schrittes dem Hause nähern, seine Ohrringe in den Ohren, seinen Speer in der Hand und das höchlich zierende Paar Schuhe an einer Bastschnur um den Nacken geschlungen, so daß sie rechts und links auf seiner breiten Brust hin und her baumelten. Von dieser Zeit an bildeten diese Ledergehänge das Charakteristischste in dem Galaanzuge des durch feinen Geschmack ausgezeichneten Marheyo.

Aber auf etwas Interessanteres zurückzukommen. Obgleich das ganze Leben der Thalbewohner arbeitslos dahinzugleiten [36] schien, so gab es doch einige leichte Beschäftigungen, die zwar mehr unterhaltend als mühsam waren, die aber zu ihrer Bequemlichkeit und ihrem Luxus beitrugen. Unter diesen war die Bereitung der einheimischen Leinwand „Tappa“, die in verschiedenen Geweben und Farben im ganzen polynesischen Archipel bekannt ist, die hauptsächlichste. Wie allgemein bekannt ist, wird dieser nützliche und zuweilen elegante Artikel aus dem Bast verschiedener Bäume gefertigt. Aber da, so viel mir bekannt ist, die Verfertigung noch nie beschrieben worden ist, so will ich darüber sagen, was ich weiß.

Bei der Bereitung des gewöhnlich auf den Marquesas Inseln getragenen, schönen, weißen Tappas besteht die Vorarbeit im Einsammeln einer gewissen Menge junger Zweige des Leinenbaumes. Nachdem davon die äußere grüne Rinde als nutzlos abgezogen ist, bleibt eine dünne faserige Masse zurück, welche nun vom Holze, an das sie sich dicht anschmiegt, sorgfältig abgelöst wird. Wenn davon eine genügende Menge gesammelt ist, wird sie in einen Umschlag von großen Blättern eingewickelt, welche die Eingebornen gerade so benutzen wie wir unser Packpapier, und welche mit Bastschnüren befestigt werden. Das Packet wird dann in fließendes Wasser gelegt und mit einem schweren Stein bedeckt, um zu verhindern, daß es fortgespült wird. Nachdem es zwei bis drei Tage so gelegen hat, wird es herausgenommen [37] und kurze Zeit den Einwirkungen der Luft ausgesetzt, wobei jedes einzelne Stückchen sorgfältig beobachtet wird, um zu sehen, ob es durch das Verfahren hinlänglich angegriffen ist. Dies wird so lange wiederholt, bis der gewünschte Erfolg erreicht ist.

Wenn die Masse im geeigneten Zustand zur nächsten Behandlung ist, zeigt sie Spuren beginnender Verwesung; die Fasern sind weich und sanft, und völlig geschmeidig. Nun werden die einzelnen Streifen einzeln in Lagen übereinander auf irgend eine glatte Fläche gelegt, in der Regel auf einen umgehauenen Cocosstamm, und der so gebildete Haufe wird bei jeder neuen Lage einem leichten Schlagen mit einer Art von hölzernem Klöppel unterworfen. Der Klöppel ist aus einem harten schweren Holz, ähnlich dem Ebenholz, gemacht, etwa zwölf Zoll lang und zwei Zoll breit, mit einer abgerundeten Handhabe an einem Ende, und sieht genau aus wie unsere vierseitigen Streichriemen. Die flachen Seiten des Werkzeugs sind mit parallelen Streifen leicht genarbt, die auf den verschiedenen Seiten von verschiedener Tiefe sind, so daß sie für die einzelnen Grade des Verfahrens geeignet sind. Diese Narben geben den Fasern das fein gekräuselte Ansehen, welche, man in dem fertigen Tappa noch unterscheiden kann. Nachdem der Stoff in der angegebenen Weise eine Zeitlang geschlagen worden ist, wird er bald zu einer zusammenhängenden Masse, die [38] dann und wann mit Wasser angefeuchtet, und durch ein dem Goldschlagen ähnliches Verfahren zu jeder beliebigen oder nöthigen Feinheit ausgehämmert wird. Auf diese Art wird das Tappa mit leichter Mühe von verschiedener Stärke und Dicke gemacht, je nachdem es zu der einen oder andern Art der zahlreichen Zwecke dienen soll, zu denen es verwandt wird.

Wenn das letztbeschriebene Verfahren beendet ist, wird das neugemachte Tappa auf dem Rasen ausgebreitet, um zu bleichen und zu trocknen, und nimmt bald eine blendende Weiße an. Bisweilen wird die Masse im ersten Stadium der Zubereitung mit einem Pflanzensaft getränkt, welche derselben eine bleibende Farbe giebt. Man sieht zuweilen ein reiches Braun oder ein schreiendes Gelb, aber der einfache Geschmack der Typies läßt sie gewöhnlich die schöne natürliche Farbe vorziehen.

Die denkwürdige Frau des Kammahammaha, des berühmten Eroberers und Königs der Sandwichs Inseln pflegte sich der Geschicklichkeit zu rühmen, mit welcher sie Tappa färbte, so daß regelmäßige Figuren von verschiedener Farbe entstanden; und mitten unter den Neuerungen der Zeit hielt sie fest an ihren einheimischen Leinen, welches sie den europäischen bunten Kattunen vorzog und daher gegen das Ende ihres Lebens als eine Dame aus der alten Schule [39] angesehen wurde. Auf den Marquesas Inseln ist aber die Kunst des Tappadrucks nicht bekannt.

Oft, wenn ich das Thal entlang ging, hörte ich das Geräusch des Klöppels, der bei seiner Anwendung in der Tappabereitung mit jedem Schlage seines harten schweren Holzes einen hellen, volltönenden, musikähnlichen Laut hervorbringt, den man in weiter Entfernung hören kann. Wenn zufällig mehrere dieser Werkzeuge zu gleicher Zeit und nahe bei einander angewandt werden, so ist die Wirkung auf das Ohr in einigem Abstande wahrhaft reizend.


[40]
Capitel XX.

Geschichte eines gewöhnlichen Tages im Thale von Typie – Tänze der marquesischen Mädchen.

Nichts kann gleichförmiger oder einförmiger sein als das Leben der Typies; in ununterbrochener Reihenfolge gleitet ein ruhiger, glücklicher Tag nach dem andern dahin, und bei diesen ungekünstelten Wilden ist die Geschichte eines Tages die Geschichte eines Lebens. Ich will daher so kurz wie möglich einen unserer Tage im Thale beschreiben.

Mit dem Morgen anzufangen; wir standen nicht sehr früh auf. Die Sonne pflegte ihre goldnen Strahlen über die Happargebirge herabzuschießen, ehe ich meinen Tappamantel bei Seite warf, meine Tunica um die Hüften gürtete, und mit Fayawa, Kory-Kory und den übrigen Hausgenossen hinausschlenderte und meine Schritte nach dem Strome lenkte. Hier fanden wir Alles versammelt, was in unserm Theile des Thales wohnte, und badeten in Gesellschaft mit [41] den Andern. Die frische Morgenluft und das kühle fließende Wasser erfrischten sowol Seele als Leib, und nachdem wir eine halbe Stunde diesem Vergnügen gewidmet hatten, wanderten wir langsam wieder nach dem Hause zurück. Auf dem Wege sammelten Tinora und Marheyo trockne Zweige zum Feuer. Einige der jungen Leute machten die Cocospalmen zinspflichtig, wenn sie an denselben vorbeikamen, während Kory-Kory zu meiner besondern Belustigung seine fremdartige Kapriolen machte, und Fayawa und ich, zwar nicht Arm in Arm, aber oft Hand in Hand dahinschlenderten mit Gefühlen des vollkommensten Wohlwollens gegen alle Welt und besonderer Zuneigung zu einander.

Unser Frühstück war bald bereitet. Die Insulaner sind sehr enthaltsam bei dieser Mahlzeit und sparen die mächtigern Regungen ihres Appetits für eine spätere Tageszeit auf. Was mich betraf, so aß ich mäßig mit Hülfe meines Dieners, der, wie ich schon erzählt habe, bei solchen Gelegenheiten als Löffel diente, aus einer von Tinora’s hölzernen Gefäßen mit Poee-Poee, welches zu meinem ausschließlichen Gebrauch mit dem Milchfleisch reifer Cocosnüsse vermischt war. Ein Stück von einer gerösteten Brotfrucht, ein kleiner Kuchen von „Amar“, ein Gericht „Kokoo“, zwei oder drei Bananen, ein „Mawmee-Apfel,“ ein „Annuee“ oder irgend eine andere köstliche und nahrhafte Frucht dienten, um täglich die Mahlzeit verschieden zu machen, welche ich immer [42] damit beschloß, den flüssigen Inhalt von einer jungen Cocosnuß auszutrinken.

Die Bewohner von Marheyos Hause lagen bei dieser Mahlzeit, nach Art der alten Römer, in geselligen Gruppen auf dem Mattendivan, und die Verdauung wurde durch heitere Unterhaltung befördert.

Nachdem das Frühstück beendet war, wurden die Pfeifen angezündet und unter ihnen meine eigene schöne Pfeife, ein Geschenk des edlen Mehevi. Die Insulaner, welche nur einen oder zwei Züge in langen Zwischenräumen aus der von Hand zu Hand kreisenden Pfeife thun, betrachteten mein systematisches Rauchen von vier bis fünf Pfeifen nach einander, als etwas ganz Erstaunliches. Wenn zwei bis drei Pfeifen ausgekreist hatten, brach die Gesellschaft nach und nach auf. Marheyo ging zu der kleinen Hütte, an der er ewig baute. Tinora fing an, ihre Tapparollen zu untersuchen oder ihre emsigen Finger mit der Anfertigung von Strohmatten zu beschäftigen. Die Mädchen salbten sich mit ihren wohlriechenden Ölen, ordneten ihre Haare oder betrachteten ihre eigenthümlichen Schmucksachen und verglichen ihre elfenbeinernen Ohrringe, die entweder aus Eberhauern oder aus Fischzähnen gemacht waren. Die jungen Leute und die Krieger holten ihre Speere, Ruder, Canoe-Geräthschaften, Streitkeulen und Kriegs-Muscheln und beschäftigten sich damit, allerlei Figuren darauf zu schnitzen, [43] wozu sie sich spitziger Steine oder Muscheln bedienten; sie schmückten sie auch, namentlich die Kriegsmuscheln, mit Quasten von geflochtenem Bast oder Menschenhaar. Einige warfen sich gleich nach dem Essen auf die einladenden Matten und fingen die Beschäftigung der Nacht wieder an, das heißt, sie schliefen so fest, als hätten sie eine Woche lang kein Auge zugethan. Andere schlenderten hinaus in die Wäldchen, um Früchte oder Bast oder Blattfasern zu sammeln, welche fortwährend gebraucht und zu hundert verschiedenen Zwecken verwandt wurden. Einige der Mädchen gingen auch wol ins Holz, um Blumen zu suchen, oder nach dem Strome, um Kalebassen und Cocosschaalen unter dem Wasser mit glatten Steinchen zu reiben und so zu poliren. Wahrlich diese einfachen Leute waren nie darum verlegen, wie sie ihre Zeit anwenden sollten, und es würde keine leichte Aufgabe sein, alle ihre Beschäftigungen, oder besser Vergnügungen aufzuzählen.

Meine Vormittage brachte ich auf eine Menge verschiedener Weisen hin. Zuweilen schlenderte ich von Haus zu Haus und fand überall, wo ich hinkam, die herzlichste Aufnahme; oder von Hain zu Hain, von einem schattigen Platz zum andern, in Begleitung Kory-Kory’s und Fayawa’s, und von einem lärmenden Haufen junger Müßiggänger umtobt. Zuweilen war ich zu bequem, um mir Bewegung zu machen, und nahm eine der vielen Einladungen an, die ich immerwährend [44] erhielt, und streckte mich auf die Matten irgend einer gastlichen Wohnung, wo ich entweder den Beschäftigungen meiner Umgebung zusah oder selbst daran Theil nahm. So oft ich das Letztere wählte, war die Freude der Insulaner grenzenlos und ein Jeder wetteiferte mit dem Andern um die Ehre, mich in irgend einem besondern Kunstgriffe zu unterrichten. Ich wurde bald ein sehr geschickter Tappamacher, konnte eine Grasschlinge so gut flechten wie der Beste unter ihnen, und schnitzte einmal mit meinem Messer den Griff eines Wurfspießes so ausgezeichnet, daß ich überzeugt bin, daß Karnoonoo, der Besitzer desselben, ihn noch heute als eine besondere Probe meiner Geschicklichkeit aufbewahrt. Gegen Mittag fingen Alle, die das Haus verlassen hatten, an, sich nach und nach wieder einzufinden, und wenn die Mitte des Tages wirklich herangekommen war, hörte man kaum einen Laut im ganzen Thale: ein tiefer Schlaf ruhte über Allem. Diese köstliche Siesta wurde kaum jemals versäumt, außer vom alten Marheyo, der ein so excentrischer Charakter war, daß er keine festen Prinzipien irgend einer Art zu haben schien, sondern ganz nach den Eingebungen der Laune des Augenblicks schlief, aß oder an seiner kleinen Hütte flickte, ohne die geringste Rücksicht auf Zeit und Ort. Oft konnte man ihn am Mittage in der Sonne schlafend finden, oder um Mitternacht im Strome baden sehen. Einmal sah ich ihn achtzig Fuß über der Erde in der Krone [45] einer Cocospalme sitzen und rauchen; und oft sah ich ihn bis an die Hüften im Wasser stehen und sich die borstigen Haare seines Bartes mit einem paar Muschelschaalen ausrupfen, die er als Zange gebrauchte.

Der Mittagsschlummer dauerte gewöhnlich anderthalb Stunden, sehr häufig aber länger; nachdem die Schläfer sich von ihren Matten erhoben hatten, nahmen sie wieder ihre Pfeifen hervor und bereiteten sich dann zu der Hauptmahlzeit des Tages vor.

Ich aber, nach Art müßiger Herren, die zu Hause frühstücken und in ihrem Club zu Mittag eßen, ging immer in meinen gesunden Perioden nach dem Ti, um das Nachmittagsmahl mit den unverheiratheten Häuptlingen dort zu genießen, die sich immer freuten, mich zu sehen, und alle die schönen Sachen, die ihre Speisekammer enthielt, in reichlichem Maße vor mir ausbreiteten. Mehevi bewirthete mich in der Regel, unter andern Leckereien, mit einem gebackenen Schweinchen, und ich habe alle Ursache, anzunehmen, daß diese Delikatesse eigens zu meiner Erquickung bereitet wurde.

Der Ti war ein recht vergnüglicher Ort. Es that meinem Herzen sowol als meinem Leibe wohl, ihn zu besuchen. Sicher vor weiblicher Störung, war die Heiterkeit der Krieger ungebunden, und nach Art der europäischen Herren, wenn das Tischtuch abgenommen, und die Damen sich zurückgezogen haben, ließen sie ihren Späßen freien Lauf.

[46] Nachdem ich einen beträchtlichen Theil im Ti zugebracht hatte, pflegte ich beim Herannahen der Abendkühle, entweder mit Fayawa auf dem kleinen See zu segeln, oder im Flusse mit einer Menge der Wilden zu baden, die um diese Stunde unfehlbar sich dort versammeln. Bei eintretender Dunkelheit versammelten sich Marheyo’s Hausgenossen und Gäste wieder unter seinem Dache; es wurden Kerzen angezündet, lange, merkwürdige Gesänge angestimmt, unendliche Geschichten erzählt, (durch welche Einer der Gegenwärtigen nicht viel klüger wurde) und alle Arten von gesellschaftlichen Spielen unternommen, um die Zeit zu vertreiben.

Die jungen Mädchen tanzten sehr oft im Mondschein vor ihren Wohnungen. Es giebt eine große Menge der verschiedenartigsten Tänze, doch sah ich nie die Männer daran Theil nehmen. Alle die Tänze bestehen aus schnellen, tobenden und schäkernden Bewegungen, bei denen jedes Glied in Anspruch genommen wird. Die Marquesas Mädchen tanzen in der That, so zu sagen, mit dem ganzen Körper; nicht die Füße allein, nein die Arme, Hände, Finger, ja die Augen im Kopfe scheinen mit zu tanzen. Wahrhaftig sie schwingen ihren geschmeidigen Körper, biegen ihren Nacken, heben und senken ihre nackten Arme, und schweben, und gleiten, und wirbeln auf eine Art, daß es fast zu viel war für einen ruhigen, gemüthlichen, bescheidenen, jungen Mann, wie mich.

[47] Die Dämchen haben nichts an als Blumen und ihre kurze Tunica, und wenn sie sich zum Tanze schmücken, sehen sie aus wie eine Schaar olivenfarbener Sylphiden im Begriff davonzufliegen.

Wenn nicht irgend ein außergewöhnliches Fest stattfand, zogen sich Marheyo’s Hausgenossen etwas früh auf die Matten zurück, aber noch nicht für die Nacht, denn nach einem kurzen leichten Schlummer standen sie wieder auf, zündeten die Kerzen wieder an und nahmen die dritte und letzte Mahlzeit des Tages ein, welche ausschließlich aus Poee-Poee bestand; endlich thaten sie noch einige Züge aus einer Pfeife Tabak und gingen dann an das wichtige Geschäft der Nacht, den Schlaf. Bei den Marquesas-Insulanern konnte man es fast das wichtigste Geschäft des Lebens nennen, denn sie verbringen einen großen Theil ihrer Zeit in den Armen des Morpheus. Die Stärke ihrer natürlichen Constitution zeigt sich in nichts klarer als in der Menge von Schlaf, die sie vertragen können. Für manche unter ihnen ist das Leben wenig anderes als ein oft unterbrochener köstlicher Schlummer.


[48]
Capitel XXI.

Die Quellen von Arva Wai – Merkwürdige Überreste von Denkmälern – Einige Ideen zur Geschichte der Pi-Pis, die im Thale vorkommen.

Fast jedes Land hat seine medicinischen Quellen, die durch ihre heilenden Kräfte berühmt sind. Das Cheltenham von Typie ist von der tiefsten Einsamkeit umgeben und wird fast nie besucht. Es liegt weit von jeder Wohnung entfernt, eine Strecke den Berg hinan, nahe am Ende des Thales und man gelangt auf einem Fußweg hin, der von dem wundervollsten Laube beschattet wird und mit Tausenden von wohlriechenden Pflanzen geschmückt ist.

Das Mineralwasser von Arva Wai[1] sickert aus den Spalten eines Felsens hervor, trieft an der moosigen Felswand [49] herab und fällt endlich in dicken, langgezogenen Tropfen in ein natürliches Steinbecken, das mit Rasen und thauigen, veilchenfarbenen kleinen Blümchen eingefaßt ist, die so frisch und duftig sind, wie die ewige Feuchtigkeit sie nur machen kann.

Dieses Wasser steht in hoher Achtung bei den Insulanern, von denen einige es sowol für ein angenehmes, als für ein heilkräftiges Getränk halten; sie holen es in Kalebassen von dem Berge und bewahren es unter Laubhaufen an schattigen Plätzen, nahe bei ihren Häusern. Der alte Marheyo hatte eine große Vorliebe für das Wasser dieser Quelle. Er schleppte sehr häufig eine ungeheure Kalebasse, von etwa zwanzig Flaschen Inhalt, nach dem Berge und brachte sie, athemlos von der Anstrengung, mit seinem Lieblingsgetränk gefüllt zurück.

Dies Wasser schmeckte wie eine Auflösung von einem Dutzend unangenehmer Sachen, und war ekelhaft genug, um seinen Besitzer zum reichen Manne zu machen, wenn die Heilquelle in einem civilisirten Lande gelegen hätte.

Da ich kein Chemiker bin, kann ich keine wissenschaftliche Analyse der Bestandtheile des Wassers geben. Alles, was ich darüber weiß, ist, daß ich eines Tages den alten Marheyo das Letzte aus seiner Kalebasse ausgießen sah und dabei einen kiesartigen Bodensatz bemerkte, der unserm gewöhnlichen Sande sehr ähnlich war. Ob dieser Bodensatz [50] nun immer in dem Wasser gefunden wird und ihm seinen eigenthümlichen Geruch und Geschmack giebt, oder ob es in diesem Falle blos zufällig war, lasse ich dahin gestellt.

Eines Tages stieß ich, als ich auf einem Umwege von der Quelle zurückkam, auf einen Anblick, der mich an Stonehenge und die architectonischen Arbeiten der Druiden erinnerte.

Am Fuß eines der Berge, und an allen Seiten von einem dichten Hain umgeben, erhebt sich Stufe für Stufe eine ungeheure Terrasse bis zu einer beträchtlichen Höhe den Abhang hinan. Diese Terrasse ist wenigstens dreihundert Fuß lang und sechzig Fuß breit. Die Größe der Stufen ist indeß weniger überraschend als die ungeheuren Dimensionen der Steinblöcke, aus denen sie bestehen. Einige derselben sind von länglicher Gestalt, etwa zehn bis funfzehn Fuß lang und fünf bis sechs Fuß hoch. Die Seitenflächen derselben sind ganz glatt, aber obgleich sie viereckig und von ziemlich regelmäßiger Gestalt sind, tragen sie keine Spuren von einem Meisel. Sie sind ohne Kalk auf einander gelegt und hie und da sind Lücken zwischen denselben. Die oberste Stufe, so wie die unterste sind von eigenthümlicher Gestalt. Sie haben beide eine viereckige Senkung in der Mitte, so daß beide Seiten der Stufe einige Fuß höher sind. In den Spalten zwischen den Steinblöcken haben ungeheure Bäume Wurzel gefaßt, deren weitgestreckte und durch einander gewachsenen Kronen einen für die Sonnenstrahlen fast undurchdringlichen [51] Baldachin bilden. Die Aeste sind größtentheils von einer wahren Wildniß von Schlingpflanzen bedeckt, die von einem zum andern hinüberreichen und auch viele der Steine umspannen, die auch an vielen Orten von dichtem üppigem Gebüsch verdeckt werden. Ein wilder Fußweg führt schräg über zwei der Stufen; doch der Schatten ist so dunkel und die Vegetation so dicht, daß man, wenn man nicht mit dem Platze genau bekannt wäre, leicht über die Stufen hingehen könnte, ohne sie als Theile einer regelmäßigen Terrasse zu erkennen.

Diese Bauwerke haben alle Anzeichen hohen Alters und Kory-Kory, der bei allen meinen wissenschaftlichen Untersuchungen meine Autorität war, machte mir verständlich, daß sie in die Periode der Erschaffung der Welt fielen; daß die großen Götter selbst die Baumeister derselben wären; und daß sie bestehen würden, bis keine Zeit mehr sei. Kory-Korys unverzögerte Erklärung und der Umstand, daß er den Ursprung der Terrasse den Göttern zuschrieb, überzeugte mich gleich, daß weder er, noch irgend einer seiner übrigen Landsleute irgend etwas über dieselbe wüßten.

Als ich auf diese Denkmäler von Werken blickte, die ohne Zweifel einem erloschenen und vergessenen Geschlecht angehörten und im grünen Winkel einer Insel am Ende der Welt begraben waren, deren Vorhandensein noch vor ganz Kurzem unbekannt war, überkam mich ein stärkeres [52] Gefühl von Ehrfurcht, als wenn ich sinnend am Fuße einer cheoptischen Pyramide gestanden hätte. Es sind keine Inschriften da, keine Bildhauerarbeit, kein Schlüssel irgend einer Art, vermöge dessen man auf die Geschichte derselben hätte schließen können: nichts als die stummen Steine. Wie viele Generationen dieser majestätischen Bäume, welche sie beschatten, sind gewachsen und haben geblüht und sind untergegangen, seitdem sie zuerst aufgeführt wurden!

Diese Ueberreste veranlassen natürlich manche interessante Betrachtungen. Sie stellen das hohe Alter der Insel fest, eine Meinung, die viele der Leute, welche Theorien über die Entstehung der verschiedenen Inselgruppen in der Südsee aufstellen, nicht sehr geneigt sind zuzulassen. Was mich betrifft, so halte ich es für ebenso wahrscheinlich, daß die Thäler der Marquesas-Inseln vor drei tausend Jahren von menschlichen Wesen bewohnt gewesen sind, wie daß zu jener Zeit deren in Aegypten wohnten. Der Ursprung der Insel Nukuheva kann nicht dem Koralleninsect zugeschrieben werden; denn wie unermüdlich dies wunderbare Insect auch ist, so würde es doch kaum stark genug sein, um Fels auf Fels zu thürmen bis zu einer Höhe von mehr als dreitausend Fuß über Meeresfläche. Daß das Land durch einen unterseeischen Vulkan aufgeworfen sein kann, ist so möglich wie irgend etwas Anderes. Niemand kann das Gegentheil [53] behaupten und daher will ich nichts gegen die Annahme sagen: ja selbst wenn die Geologen behaupten wollten, der ganze Continent von Amerika wäre in derselben Weise gebildet durch aufeinanderfolgende Ausbrüche einer langen Reihe von Vulkanen, welche die ganze Strecke vom Nordpol bis zur Höhe von Cap Horn sich unter dem Wasser fänden, so würde ich der letzte Mensch von der Welt sein, eine solche Behauptung anzugreifen.

Ich habe schon erwähnt, daß die Wohnungen der Insulaner fast alle auf massiven Grundlagen von Stein gebaut waren, welche sie Pi-Pis nennen. Der Umfang derselben sowol als der Steine, aus denen sie bestehen, ist indeß verhältnißmäßig gering: es giebt aber in fast allen Thälern der Insel andere und größere Bauwerke ganz ähnlicher Art, welche die „Morais“ oder Begräbnißplätze und die Festlichkeits-Örter umschließen. Einige dieser Bauten sind so ausgedehnt und ihre Aufführung muß einen so hohen Grad von Anstrengung und Geschicklichkeit erfordert haben, daß ich kaum glauben kann, daß die Vorfahren der jetzigen Bevölkerung sie gemacht haben. Sollte dies wirklich der Fall sein, so sind die Nachkommen sehr in der Kenntniß mechanischer Künste zurückgegangen. Der gewöhnlichen Faulheit der Einwohner gar nicht zu gedenken, welche Mittel, über die ein so einfaches Volk verfügen könnte, [54] hätten solche großartige Massen bewegen und befestigen sollen, und wie sollten diese Leute mit ihren rohen Werkzeugen sie zu regelmäßigen Gestalten gehämmert und gemeiselt haben?

Alle diese größeren Pi-Pis, wie der des Hoolah-Hoolah-Grundes im Thal von Typie, trugen unverkennbare Spuren hohen Alters; und ich bin geneigt anzunehmen, daß ihre Aufführung demselben Geschlechte zugeschrieben werden kann, welches die noch ältern Denkmäler, deren ich eben gedachte, gebaut hat.

Nach Kory-Kory’s Erzählung wurde der Pi-Pi des Hoolah-Hoolah-Grundes vor vielen vielen Monden unter der Leitung von Monoo erbaut, der ein großer Häuptling und Krieger und, wie es schien, Meister der Baukunst unter den Typies gewesen war. Der Pi-Pi wurde eigens zu dem Zweck erbaut, dem er jetzt geweiht ist, und zwar in der unglaublich kurzen Zeit Einer Sonne, und wurde den unsterblichen hölzernen Götzen durch ein großartiges Fest gewidmet, welches zehn Tage und Nächte dauerte.

Unter den kleinern Pi-Pis, auf denen die Wohnhäuser stehen, habe ich nie einen gefunden, der auf neuliche Aufführung schließen ließe. Es sind an allen Punkten des Thales eine Menge dieser massiven Steingrundlagen ohne Häuser darauf. Dies ist erstaunlich bequem, denn wenn es einem [55] unternehmenden Insulaner einfällt, einige hundert Ellen weit von dem Flecken auszuwandern, an welchem er geboren wurde, so hat er weiter nichts zu thun, um sich an einem neuen Wohnorte niederzulassen, als sich einen der vielen herrenlosen Pi-Pis auszuwählen und sein Bambuszelt darauf aufzuschlagen.


[56]
Capitel XXII.

Vorbereitungen zu einem großen Fest im Thal – Sonderbare Vorgänge in den Hainen des Taboo – Denkmal von Kalebassen – Gala-Anzug der jungen Mädchen von Typie – Aufbruch zum Feste.

Von der Zeit an; wo meine Lähmung abgenommen hatte, war es meine tägliche Gewohnheit, Mehevi im Ti zu besuchen, der mich immer auf das herzlichste empfing. Auf diesen Ausflügen war ich immer von Fayawa und dem ewiggegenwärtigen Kory-Kory begleitet. Erstere zog sich, sobald wir in die Nähe des Ti kamen, der für das ganze weibliche Geschlecht mit dem strengsten Bann des Taboo belegt war, in eine benachbarte Hütte zurück, als ob ihr weibliches Zartgefühl sie verhindere, einer Wohnung nahe zu kommen, die als eine Art von Junggesellenwirthschaft angesehen werden konnte.

Und wahrlich sie konnte mit vollem Recht als solche bezeichnet werden. Obgleich sie der bleibende Aufenthaltsort [57] mehrerer ausgezeichneter Häuptlinge war, und besonders der des edlen Mehevi, so war sie doch zu gewissen Zeiten der Lieblingssammelplatz aller heitern, geschwätzigen und ältlichen Wilden im Thale, die sich dahin begaben, gerade wie ähnliche Charaktere bei gebildeteren Völkern eine Schenke oder ein Kaffeehaus besuchen. Da pflegten sie stundenlang zu bleiben, schwatzend, rauchend, Poee-Poee essend, oder eifrigst beschäftigt zum Besten ihrer Gesundheit, zu schlafen.

Dieses Gebäude schien das Hauptquartier des Thales zu sein, in welchem alle losen Gerüchte zusammenflossen; und wenn man es von einer Menge Eingeborner angefüllt sah, alles Männer, die in lebhaften Gruppen schwatzten, während immerfort eine große Anzahl kam und ging, so hätte man es für eine Art von wilder Börse halten können, wo das Steigen und Fallen polynesischer Staatspapiere verhandelt würde.

Mehevi spielte die Rolle des Oberherrn des Ortes und brachte den größten Theil seiner Zeit dort zu; und oft wenn zu gewissen Stunden des Tages fast Alles das Gebäude verließ außer den epheufarbenen Hundertjährigen, die zu den Immobilien des Hauses gehörten, konnte man bestimmt darauf rechnen, den Häuptling anzutreffen, der auf den üppigen Matten, die den Fußboden bedeckten sein „otium cum dignitate“ genoß. So oft ich kam, stand er unfehlbar auf und lud mich, wie ein feiner Wirth in seinem Hause [58] die Honneurs macht, ein, mich wo es mir gefiele niederzulassen. Dann rief er „Tammaree“ (Junge), worauf ein kleiner dienstbarer Geist erschien, einen Augenblick wieder verschwand, aber gleich mit einem leckern Gerichte wiederkam, von welchem Mehevi mich zu genießen nöthigte. Die Wahrheit zu sagen, hatte Mehevi die Ehre meines häufigen Besuchs hauptsächlich seiner vortrefflichen Küche zu danken, was nicht auffällig sein kann, wenn man bedenkt, daß in der ganzen Welt die Junggesellen dafür berühmt sind, die untadelhaftesten Mahlzeiten zu geben.

Eines Tages, als ich mich dem Ti näherte, bemerkte ich, daß dort große Vorkehrungen getroffen wurden, die deutlich zeigten, daß irgend ein wichtiges Fest herrannahe. Einige der Anzeichen erinnerten mich an das Leben, welches unter die Küchenhelden eines großen Hotels fährt, wenn ein großes Zweckessen stattfinden soll. Die Eingebornen rannten eifrig hin und her, alle mit verschiedenen Aufgaben beschäftigt; einige schleppten ungeheure hohle Bambusrohre nach dem Fluß, um sie mit Wasser zu füllen; andere jagten wild aussehenden Säuen durch die Gebüsche nach und bemühten sich sie einzufangen; und eine große Menge war damit beschäftigt, große Berge von Poee-Poee zu kneten und in riesigen hölzernen Gefäßen aufzuhäufen.

Nachdem ich diesem lebhaften Treiben eine Weile zugesehen hatte, ward ich durch ein fürchterliches Quieken, welches [59] aus einem nahen Haine drang, dorthin gelockt. Als ich am Orte ankam, sah ich, daß es von einem großen Schweine herrühre, welches eine Anzahl Eingeborner mit Gewalt am Boden festhielten, während ein muskulöser Kerl sich vergeblich bemühte, dem armen Thiere mit einem kurzen schweren Knittel tödtliche Hiebe auf den Schädel beizubringen. Immer fehlte er sein zerrendes und zuckendes Opfer, aber trotz seiner Erhitzung und Athemlosigkeit fuhr er ununterbrochen in seinen Bemühungen fort, und nachdem er eine genügende Anzahl von Schlägen gethan hatte, um eine ganze Heerde Ochsen zu schlachten, streckte er endlich mit einem wohlgezielten dröhnenden Schlage das Schwein todt zu seinen Füßen hin.

Ohne das Blut aus dem Körper zu lassen, packten vier Wilde denselben gleich jeder bei einem Bein, und trugen ihn nach einem Feuer, welches zu dem Ende schon angezündet war, über welchem sie das Schwein hin und her schwangen und von den Flammen belecken ließen. Augenblicklich verrieth der Geruch versengender Borsten den eigentlichen Zweck des Verfahrens. Nachdem dasselbe glücklich beendet war, wurde das Thier etwas vom Feuer entfernt, wo die Eingeweide ausgenommen und als etwas Vorzügliches sorgfältig bei Seite gestellt wurden, worauf der ganze Körper tüchtig mit Wasser ausgewaschen wurde. Nachdem nun ein großes grünes Tuch, welches aus den langen dicken [60] Blättern einer Palmenart mit kleinen Zwecken von Bambusrohr sinnreich zusammengesteckt war, auf dem Boden ausgebreitet und das ganze Schwein sorgfältig hineingewickelt war, wurde dasselbe nach einem Backofen getragen, der schon bereit war, es aufzunehmen. Hier wurde es gleich auf die heißen Steine gelegt, und mit dicken Lagen von Blättern zugedeckt und das Ganze verschwand dann bald unter einem Erdhügel, der darüber aufgeworfen wurde.

Das ist das summarische Verfahren, durch welches die Typies eine widerspenstige Sau in das liebenswürdigste und zarteste Schweinefleisch verwandeln, welches auf der Zunge zerschmilzt wie ein zartes Lächeln von den Lippen einer Schönheit.

Ich empfehle ihr eigenthümliches Verfahren dem Nachdenken aller Schlächter, Köche und Hausfrauen. Das unglückliche Schwein, dessen Schicksal ich eben erzählt habe, war nicht das einzige welches an jenem denkwürdigen Tage den Weg alles Fleisches gehen mußte. Manch höllisches Grunzen, manch bittendes Quieken verrieth, was an jedem Punkte des Thales vorging, und ich glaube bestimmt, daß der Erstgeborne jeder Brut vor Sonnenuntergang jenes verhängnißvollen Tages sterben mußte.

Die Scene am Ti war nun erstaunlich belebt. Schweine und Poee-Poee buken in zahlreichen Oefen, die durch die darüber gehäuften frischen Erdhügel aussahen wie lauter [61] Ameisenhaufen. Schockweise standen die Wilden da und handhabten ihre steinernen Stößel, um Massen von Poee-Poee zu machen, und viele sammelten grüne Brotfrüchte und junge Cocosnüsse in den nahen Hainen, während eine erstaunlich große Menge in der Absicht, die Andern bei ihrer Arbeit zu ermuthigen, unthätig dastand, aber ohne Aufhören schrie und jauchzte.

Es ist eine Eigenthümlichkeit dieser Leute, daß sie bei jeder Beschäftigung sehr viel Geräusch machen. Sie strengen sich so selten an, daß sie, wenn sie einmal arbeiten, auch entschlossen scheinen, eine so verdienstliche Handlung nicht der Beobachtung ihrer Freunde entgehen zu lassen. Wenn sie zum Beispiel einen Stein eine kleine Strecke weit fortzubringen haben, den zwei starke Männer bequem tragen könnten, so versammelt sich ein ganzer Schwarm um denselben, und nach vielem Hin- und Herreden heben sie ihn endlich auf, indem Jeder mit Hand anzulegen sucht, und schleppen ihn schreiend und keuchend fort, als wenn sie irgend ein großartiges Werk ausführten. Wenn man sie bei solchen Gelegenheiten sieht, muß man unwillkürlich an eine endlose Menge schwarzer Ameisen denken, welche gemeinschaftlich das Bein einer todten Fliege fortschleppen.

Nachdem ich eine Zeitlang diesen Anzeichen allgemeiner Heiterkeit aufmerksam zugesehen hatte, trat ich in den Ti, wo Mehevi saß und der Geschäftigkeit wolgefällig zusah, [62] während er von Zeit zu Zeit Befehle gab. Der Häuptling schien außergewöhnlich guter Laune zu sein, und gab mir zu verstehen, daß am morgenden Tage Großartiges in den Hainen überhaupt und am Ti besonders vorgehen werde, und bat mich, mich doch ja dabei einzustellen. Es war mir indeß ganz unmöglich zu erforschen, zur Erinnerung welcher Begebenheit oder zu Ehren welcher ausgezeichneten Persönlichkeit das bevorstehende Fest gefeiert werden sollte. Mehevi bemühte sich, meiner Unkenntniß zu Hülfe zu kommen, aber es mißlang ihm so vollständig, als hätte er versucht, mich in die verwickelten Geheimnisse des Taboo einzuweihen.

Als ich den Ti verließ, beschloß Kory-Kory, der mich natürlich begleitet hatte, und welcher sah, daß meine Neugierde unbefriedigt war, Alles aufs deutlichste und befriedigendste abzumachen. In dieser Absicht führte er mich durch die Haine des Taboo, zeigte mir eine Menge verschiedener Gegenstände, und versuchte sie in einem so unendlichen Kauderwelsch von Worten zu erklären, daß es mir fast körperlichen Schmerz verursachte, ihm zuzuhören. Namentlich führte er mich zu einer merkwürdigen pyramidenförmigen Zusammensetzung von etwa neun Fuß Tiefe bei zehn Fuß Höhe, welche kürzlich gemacht worden war, und an einem besonders ausgezeichneten Platz stand. Sie bestand hauptsächlich aus leeren Kalebassen und einigen polirten Cocosschalen und sah fast aus wie ein Ehrengrabmal von Schädeln. [63] Mein Cicerone bemerkte das Erstaunen, mit welchem ich dieses Monument von rohen Gefäßen betrachtete und machte sich gleich an die Aufgabe, mich darüber aufzuklären, aber vergebens; und bis zu dieser Stunde ist der Zweck des Monuments mir ein Geheimniß. Da es übrigens in den herannahenden Festlichkeiten eine so bedeutende Rolle spielte, nannte ich dieses nach meinem eignen Sinne das „Fest der Kalebassen.“

Als ich am nächsten Morgen ziemlich spät erwachte, sah ich Marheyo und seine sämmtlichen Hausgenossen eifrigst mit Vorbereitungen zum Feste beschäftigt. Der alte Krieger selbst machte runde Kugeln aus den beiden grauen Locken, welche zu beiden Seiten seines Scheitels frei wachsen durften; seine Ohrringe und sein Speer, beide schön geputzt, lagen neben ihm und das sehr verzierende Paar Schuhe hingen an einem schräg an die Wand gelehnten Stock. Die jungen Leute waren auf ähnliche Weise beschäftigt und die Dämchen, Fayawa sowol als die andern, salbten sich mit „Aka“, ordneten ihre langen Locken und trafen andere, zu den Pflichten der Toilette gehörige Vorkehrungen.

Als diese endlich beendet waren, zeigten sich die Mädchen in vollem Gala-Costüm; von diesem war die auffälligste Auszeichnung ein Halsband von wunderschönen weißen Blumen, deren Stengel abgebrochen und die dicht aneinander auf eine Tappafaser gereiht waren. Aehnliche Verzierungen [64] waren in die Ohren gesteckt und auf den Köpfen trugen sie Blumenguirlanden. Um die Hüften hatten sie eine kurze Tunica von schneeweißem Tappa gegürtet und einige von ihnen hatten hierzu noch einen Mantel von demselben Stoff gefügt, welcher auf der einen Schulter in eine sorgfältig geordnete Rosette gebunden war und in malerischen Falten den Körper umfloß.

In diesem Anzuge hätte ich Fayawa jeder Schönheit der Welt entgegengestellt.

Man mag über den Geschmack, den unsere modernen Damen in ihrem Anzuge zeigen, sagen was man will; ihre Juwelen und Federn, ihre Seidenstoffe und Falbelas würden gänzlich übersehen worden sein neben der höchst geschmackvollen Einfachheit des Anzuges der Nymphen des Thales bei Gelegenheit dieses Festes. Ich hätte wol eine Gallerie von Krönungsschönheiten aus der Westminster-Abtei einen Augenblick dieser Schaar von Inseljungfrauen gegenüber gestellt sehen, und ihre Steifheit, Förmlichkeit und Affectation mit der ungekünstelten Lebhaftigkeit und der unverhüllten Grazie dieser wilden Mädchen vergleichen mögen. Sie würden sich ausgenommen haben wie eine Modepuppe neben der mediceischen Venus.

Binnen kurzem waren Kory-Kory und ich allein im Hause; die übrigen Hausbewohner waren nach den Hainen des Taboo aufgebrochen. Mein Diener war voller Ungeduld, [65] ihnen zu folgen; und war über meine Langsamkeit so außer sich, wie Jemand, der zum Mittagsessen ausgebeten ist und, vollständig angezogen, auf einen zögernden Begleiter warten muß. Endlich gab ich seinem Drängen nach und brach nach dem Ti auf. Ich bemerkte auf dem Wege dahin, daß alle Häuser, an denen wir vorbeikamen, von ihren sämmtlichen Bewohnern verlassen waren.

Als wir den Felsen erreichten, der den Weg plötzlich unterbrach und uns den Schauplatz des Festes verbarg, hörte ich aus dem wilden Geschrei und dem unendlichen Gewirr von Stimmen, daß die Veranlassung, welcher Art sie auch sein mochte, eine große Menschenmenge herbeigelockt habe. Kory-Kory hielt einen Augenblick an, ehe er den Felsen erstieg, wie ein Stutzer an der Thür eines Ballsaals einen Augenblick zögert, um noch einen letzten Blick auf seinen Anzug zu werfen und den kleinsten Makel zu entfernen. In diesem Augenblick fiel es mir ein, daß ich auch wol einige Sorgfalt auf meine äußere Erscheinung verwenden sollte. Da ich aber keinen Festtagsanzug hatte, war ich nicht wenig in Verlegenheit, wie ich mich schmücken sollte. Da ich indeß wünschte, Aufsehen zu machen, so beschloß ich, Alles zu thun, was in meiner Macht stünde; und da ich wußte, daß ich den Wilden keine größere Freude machen könnte, als wenn ich ihre Art des Anzugs annähme, so warf ich den weiten Tappa-Mantel ab, den ich immer trug, wenn ich in freier [66] Luft war, und war also nur noch mit der kurzen Tunica umgürtet, welche mir von den Hüften bis zu den Knieen reichte.

Mein kluger Diener verstand völlig das Compliment, welches ich so dem Costüme seines Stammes machte und fing daher gleich eifrigst an, die Falten des einzigen Gewandes, welches ich anbehielt, schön zu ordnen. Während er damit beschäftigt war, erblickte ich eine Schaar junger Mädchen, welche nahe bei uns unter Haufen von Blumen saßen, die sie zu Guirlanden banden. Ich winkte ihnen, mir einige von ihren Arbeiten zu bringen und in einem Augenblick waren ein Dutzend Kränze zu meiner Verfügung. Einen derselben setzte ich auf den Stellvertreter eines Hutes, den ich genöthigt worden war mir aus Palmettoblättern zu machen, und einige der andern verwandelte ich schnell in einen strahlenden Gürtel. Nach Beendigung dieser Vorbereitungen erstieg ich mit dem langsamen, abgemessenen Schritt eines vollendeten Stutzers den Felsen.


[67]
Capitel XXIII.

Das Fest der Kalebassen.

Die ganze Bevölkerung des Thales schien innerhalb der Grenzen der Haine versammelt zu sein. In der Ferne sah man die lange Vorderseite des Ti, dessen ungeheurer Raum mit einer Menge von Männern in den allerverschiedensten, phantastischen Anzügen angefüllt war, welche sich alle mit den lebhaftesten Geberden unterhielten; während der ganze Raum zwischen dem Ti und dem Platz, an dem ich stand, von weiblichen Gruppen belebt war, welche in ihrem phantastischen Schmuck tanzten, hüpften und wilde Freudenrufe ausstießen. Sobald sie mich sahen, erhoben sie ein allgemeines Bewillkommnungsgeschrei, und eine Schaar von ihnen tanzte mir entgegen und sang, als sie herankam, eine Art von wildem Recitativ. Die Veränderung in meinem Anzuge schien sie zu entzücken, und sie umschwärmten mich auf allen Seiten und begleiteten mich im Triumph nach [68] dem Ti. Als wir aber nahe an das Gebäude herankamen, hemmten die muntern Nymphen ihre Schritte, theilten sich zu beiden Seiten und ließen mich nach dem jetzt gedrängt vollen Ti allein vorschreiten.

Sobald ich den Pi-Pi erstiegen hatte, sah ich mit einem Blick, daß die Festlichkeiten schon wirklich in vollem Gange waren.

Welche unendliche Fülle herrschte rings umher! – Warwick, der seine Anhänger mit Fleisch und Bier speiste, war ein Knicker gegen den edlen Mehevi! – Die ganze Länge des Ti war mit sorgfältig geschnitzten, canoeförmigen Gefäßen, von einigen zwanzig Fuß Länge, besetzt, welche mit frischgemachtem Poee-Poee gefüllt und gegen die Sonne mit den breiten Blättern der Banane geschützt waren. In kleinen Zwischenräumen lagen Haufen von grünen Brotfrüchten, welche pyramidalförmig aufgestellt waren, und den regelmäßigen Haufen schwerer Kugeln in den Zeughäusern ähnlich sahen. In die Spalten zwischen den Steinen, die den Pi-Pi bildeten, waren große Baumäste eingezwängt, von deren Zweigen unzählige, kleine, durch das Laub gegen die Sonne geschützte Päckchen in Decken von Palmblättern herabhingen, welche das Fleisch von den vielen erschlagenen Schweinen enthielten, das auf diese Weise aufgetragen war, um es der Menge zugänglicher zu machen. Gegen das Geländer der Verranda waren eine ungeheure Menge langer, [69] dicker Bambusrohre gelehnt, welche am untern Ende verstopft und am obern mit einem Stöpsel von Blättern verschlossen waren. Diese Rohre enthielten Wasser aus dem Strom, und es mochte jedes etwa fünf und zwanzig Flaschen fassen.

Da das Mahl auf diese Weise aufgestellt war, so blieb nichts anderes zu thun übrig, als daß Jeder nach Lust und Belieben zugriffe. Daher vergingen auch nicht viele Augenblicke, ehe die erwähnten umgepflanzten Aeste der Früchte beraubt waren, die sie wahrlich nie zuvor getragen hatten. Fortwährend wurden Kalebassen mit Poee-Poee aus den beschriebenen Behältnissen gefüllt, und überall sah man kleine Feuer anzünden, um die Brotfrüchte zu rösten.

In dem Ti selbst fand ein außerordentliches Schauspiel statt. Die ungeheure Reihe von Matten, welche zwischen den parallelen Cocosstämmen von einem Ende des langen Gebäudes zum andern lagen, waren mit Schwärmen von Häuptlingen und Kriegern bedeckt, welche liegend mit sichtlichem Eifer aßen, und die Sorgen des polynesischen Lebens mit dem balsamischen Duft des Tabaksrauchs fortbliesen. Der Rauch ward aus großen Pfeifen eingeathmet, deren Köpfe aus kleinen Cocosschaalen gemacht, und zu allerlei heidnischen Gestalten geschnitzt waren. Sie gingen von Mund zu Mund unter den liegenden Rauchern, welche sie nach zwei bis drei tüchtigen Zügen ihrem Nachbar hinreichten, indem sie dieselbe dabei oft über zwei bis drei schlummernde Wesen [70] wegstreckten, deren Anstrengungen bei der Mahlzeit schon Schlaf herbeigeführt hatten.

Der Tabak, den die Typies rauchten, war von sehr leichtem und angenehmen Geruch, und da ich ihn immer in ganzen Blättern sah und die Eingebornen immer reichlich damit versehen waren, mußte ich annehmen, daß er im Thale wüchse. Kory-Kory gab mir auch zu verstehen, daß dies der Fall sei, aber ich habe nie eine einzige Tabakspflanze auf der Insel gesehen. In Nukuheva und, wie ich glaube, auch in allen andern Thälern der Insel, ist das Kraut sehr selten, denn man erhält es nur in kleinen Quantitäten von Fremden und daher ist das Rauchen bei den Bewohnern jener Thäler ein großer Luxus. Wie es kam, daß die Typies immer so reichlich damit versehen waren, kann ich mir nicht erklären. Ich halte sie für zu träge, um irgend Mühe auf den Anbau desselben zu verwenden; und, soviel ich habe beobachten können, war überhaupt nicht ein Fleck ihres Erdbodens durch irgend etwas anderes angebaut, als durch Regen und Sonnenschein. Die Tabakspflanze kann übrigens, wie das Zuckerrohr, in irgend einem fernen Winkel des Thales wild wachsen.

Es waren Viele in Ti, denen der Tabak nicht als Reizmittel genügte, und die daher ihre Zuflucht zum „Arva“ nahmen, als einem kräftigern Mittel, um die gewünschte Wirkung hervorzubringen.

[71] „Arva“ ist eine sehr allgemein auf den Südsee-Inseln verbreitete Wurzel, aus welcher ein Saft gezogen wird, dessen Wirkung auf den Körper anfänglich mäßig aufregend ist; bald aber erschlafft er die Muskeln und führt, vermöge seines narkotischen Einflusses, einen köstlichen Schlaf herbei. Dieses Getränk wurde im Thale allgemein auf folgende Weise zubereitet: – Etwa ein halbes Dutzend Knaben setzten sich im Kreise um ein leeres, hölzernes Gefäß und jeder von ihnen hatte eine gewisse Menge kleingebrochener „Arvawurzeln“ neben sich liegen. Ein Cocosbecher mit Wasser kreiste dann unter der jugendlichen Gesellschaft, die mit dem Inhalt desselben ihren Mund ausspülten und dann an ihr Geschäft gingen. Dieses bestand einfach darin, die „Arva“ völlig zu zerkauen und einen Mundvoll nach dem andern in das leere Gefäß auszuwerfen, welches zu dem Ende zwischen ihnen stand. Wenn auf diese Weise eine genügende Menge gesammelt worden war, so goß man Wasser auf die Masse und rührte sie mit dem Zeigefinger der rechten Hand aus, wodurch sie dann bald zum Verbrauch fertig wurde. Die „Arva“ hat heilkräftige Eigenschaften.

Auf den Sandwichs-Inseln hat man sie mit nicht geringem Erfolge, bei der Behandlung von Skrophelkrankheiten angewandt, sowie bei der Bekämpfung einer überhandnehmenden Krankheit, deren schreckliches Erscheinen die unglücklichen Bewohner jener Inselgruppe ihren fremden [72] Wohlthätern zu verdanken haben. Aber die Bewohner des Thals von Typie, die noch frei von jenen Leiden sind, verwenden die „Arvawurzel“ als den Hebel des geselligen Vergnügens, und eine Kalebasse mit „Arva“ kreist unter ihnen, wie unter uns die Flasche.

Mehevi, der höchst erfreut über die Abänderung[WS 3] in meinem Anzuge war, bewillkommte mich auf das herzlichste. Er hatte mir eine Schüssel mit köstlichem „Kokoo“ aufgehoben, da er meine Vorliebe für dieses Gericht kannte; auch hatte er drei bis vier junge Cocosnüsse, einige geröstete Brotfrüchte und ein prächtiges Bündel Bananen zu meiner besondern Erquickung ausgewählt. Diese verschiedenen Gegenstände wurden mir mit einem Mal vorgesetzt; aber Kory-Kory erklärte das Mahl für durchaus unbefriedigend, bis er mir eins der Palmblatt-Päckchen mit Schweinefleisch verschafft hatte, welches trotz der eiligen Zubereitung einen außerordentlich angenehmen Geschmack hatte, und erstaunlich zart war.

Schweinefleisch ist kein stehendes Nahrungsmittel der Marquesas-Insulaner; daher widmen sie der Schweinezucht sehr wenig Aufmerksamkeit. Man läßt die Schweine frei in den Cocoswäldchen umherlaufen, wo die vielen abfallenden Früchte ihnen reichliche Nahrung bieten; aber nur mit unendlicher Mühe und Anstrengung kann das hungrige Thier den Bast und die harte Schaale beseitigen und zur [73] eigentlichen Nuß gelangen. Es hat mich oft sehr ergötzt, zu beobachten, wie ein Schwein, nach vielen vergeblichen Versuchen, eine Nuß zu zerbrechen, in förmliche Wuth über dieselbe gerieth. Es bohrte dann seine Hauer wüthend unter die widerspenstige Nuß und schleuderte sie durch rasches Aufwerfen der Schnauze hoch in die Luft, so daß sie hart auf den Boden vor ihm niederschlug. Dann lief es wieder zu der Nuß hin und biß von Neuem eine Weile daran herum; im nächsten Augenblick schleuderte es sie mit dem Rüssel zur Seite und stand dann gleich dumm und erstaunt da, als ob es sänne, wohin sie so plötzlich verschwunden sein könnte. Auf diese Weise wurden die verfolgten Cocosnüsse oft quer durch das ganze Thal getrieben.

Der zweite Tag des Kalebassenfestes wurde mit noch größerm Lärmen eröffnet, als der erste. Es schien als ob die Felle von unzähligen Schafen unter den Schlägen von einer Armee von Tambours erdröhnten. Der Lärm weckte mich aus meinem Morgenschlummer, und als ich aufsprang, sah ich sämmtliche Hausgenossen schon beinahe zum Aufbruch fertig. Ich war gespannt, die sonderbaren Ereignisse zu sehen, deren Vorläufer dieser neue Lärm sein mochte, und wünschte auch sehr, die Instrumente zu sehen, auf denen dieser heillose Spektakel gemacht wurde, und begleitete daher die Eingebornen, sobald sie bereit waren, nach den Hainen des Taboo aufzubrechen.

[74] Der ziemlich freie Raum, welcher, wie ich früher beschrieben habe, sich vom Ti herab bis zu dem Felsen am Ende des Weges erstreckte und den Aufgang zum Ti bildete, war jetzt, wie das Gebäude selbst, gänzlich von den Männern verlassen, und die ganze Strecke war mit Schaaren von Weibern besäet, welche in der sonderbarsten Aufregung jubelten und tanzten.

Es ergötzte mich sehr, vier bis fünf alte Weiber in ganz nacktem Zustande, mit steif an den Seiten angelegten Armen, ganz gerade auf und abspringen zu sehen, wie ein Stock zur Oberfläche emporschießt, wenn er mit Gewalt senkrecht ins Wasser getrieben worden ist. Sie hatten die ernstesten Gesichter von der Welt und fuhren mit dieser sonderbaren Bewegung, ohne die kleinste Unterbrechung fort. Sie schienen nicht die Aufmerksamkeit der Menge um sich her auf sich zu ziehen, aber ich muß ehrlich gestehen, daß ich meinestheils sie auf das Unerschütterlichste anstarrte.

Um Aufschluß über den Zweck dieser eigenthümlichen Belustigung zu erhalten, wandte ich mich fragend an Kory-Kory; dieser gelehrte Typie fing augenblicklich an, die Sache auf das Gründlichste zu erklären. Aber Alles, was ich verstehen konnte, war, daß diese springenden Figuren verlassene Wittwen wären, deren Gatten vor vielen Monden in der Schlacht umgekommen wären, und welche bei jedem Feste auf diese Weise öffentliches Zeugniß von ihrem Kummer ablegten. [75] Augenscheinlich hielt Kory-Kory dieses für einen durchaus genügenden Grund zu einer so unanständigen Sitte; aber ich muß sagen, daß es mich nicht mit Bezug auf die Schicklichkeit derselben befriedigte.

Wir verließen diese traurenden Weiber und gingen nach dem Hoolah-Hoolah-Grunde. In dem großen Viereck schienen sämmtliche Bewohner des Thales versammelt und boten einen merkwürdigen Anblick dar. Unter den Bambusdächern, welche nach dem Innern des Vierecks an der Umzäunung angebracht waren, lagen die vornehmsten Häuptlinge und Krieger, während alle Übrigen in buntem Gemisch unter den riesigen Bäumen gelagert waren, welche hoch oben einen majestätischen Baldachin bildeten. Auf den Terrassen der ungeheuren Altäre, an beiden Enden, waren grüne Brotfrüchte in Körben von Cocosblättern, große Rollen von Tappa, Bündel reifer Bananen, Trauben von Mammee-Aepfeln, und die goldige Frucht des Artubaumes hingestellt; auch gebackne Schweine standen da in großen, hölzernen, mit frisch gepflückten Blättern phantastisch geschmückten Gefäßen, und eine Menge verschiedener roher Kriegsgeräthe war vor den Reihen von häßlichen Götzenbildern aufgestellt. Früchte von verschiedener Art hingen auch in Körben von Blättern an den Spitzen der Stangen, die in gleichmäßigen Zwischenräumen längs der untersten Terrassenstufe vor beiden Altären aufgepflanzt waren. Am Fuße derselben waren [76] in zwei parallelen Reihen gewichtige Trommeln aufgestellt, die wenigstens funfzehn Fuß hoch, und aus hohlen Stämmen großer Bäume gemacht waren. Die Enden derselben waren mit Haifischhaut überspannt und die Kasten mit Figuren und Schnörkeleien im künstlichsten Schnitzwerk bedeckt. In regelmäßigen Zwischenräumen waren sie mit Streifen von verschiedenfarbigem Tappa umwunden. Hinter diesen Instrumenten waren niedrige Gerüste erbaut, auf welchen eine Anzahl junger Männer standen, welche, indem sie mit der flachen Hand auf die Trommelfelle schlugen, den Höllenlärm hervorbrachten, der mich am Morgen geweckt hatte. Nach Verlauf von je einigen Minuten sprangen die[WS 4] musikalischen Künstler von ihren Erhöhungen herab unter die Menge, und ihre Plätze wurden immer gleich von andern jungen Männern eingenommen. So wurde ein unaufhörlicher Lärm unterhalten, welcher Pandämonium hätte aufschrecken können.

Genau in der Mitte des Vierecks waren mehr als hundert dünne, frischgeschnittene und von ihrer Rinde befreite Stangen senkrecht aufgepflanzt, von deren Spitzen lange Wimpel von weißem Tappa hingen; das Ganze war mit einem kleinen Gehege von Zuckerrohr eingefaßt. Zu welchem Ende diese sonderbaren Verzierungen angebracht worden waren, versuchte ich vergebens zu erforschen.

[77] Einen andern auffallenden Punkt in dem belebten Bilde machten etwa zwanzig Greise aus, die mit unterschlagenen Beinen auf den kleinen Kanzeln saßen, welche die Stämme der riesigen Bäume im Mittelpunkt des Geheges umspannten. Diese ehrwürdigen Herren schienen Priester zu sein und unterhielten fortwährend einen eintönigen Gesang, welcher jedoch von dem Gebrüll der Trommeln übertäubt wurde. In der rechten Hand hatten sie feingewebte Grasfächer mit schweren, künstlich geschnitzten Griffen von schwarzem Holze; diese Fächer hielten sie in fortwährender Bewegung.

Aber man schenkte weder den Trommelschlägern, noch den alten Priestern die allergeringste Aufmerksamkeit, denn die bunte Menge war zu eifrig mit Schwatzen, Gelächter, Rauchen, Arvatrinken und Essen beschäftigt. Das wilde Orchester hätte, da es doch nicht bemerkt wurde und entsetzlich wenig nützte, zu großem Vortheil seiner Mitglieder und der Gesellschaft im Allgemeinen, eben so gut mit seinem furchtbaren Lärm aufhören können.

Vergeblich fragte ich Kory-Kory und einige andre Eingeborne nach dem Sinn der sonderbaren Vorgänge um mich her; alle ihre Erklärungen wurden in solchem Wust von ausländischem Kauderwelsch und Geberden gegeben, daß ich den Versuch, sie zu enträthseln, zuletzt verzweifelt aufgab. Den ganzen Tag erklangen die Trommeln, sangen die Priester, [78] belustigte sich die Menge mit Essen, Trinken und Lärmen; bei Sonnenuntergang zerstreute sich der Haufe und die Haine des Taboo waren wieder ihrer heiligen Ruhe überlassen. Den nächsten Tag, bis zum Abend, wurde dasselbe Leben wiederholt und damit endigte dieses sonderbare Fest.


[79]
Capitel XXIV.

Gedanken über das Kalebassenfest – Unzuverlässigkeit der über die Inseln herausgegebenen Berichte – Ein Grund – Arger Zustand des Heidenthums – Bild eines todten Kriegers – Ein sonderbarer Aberglaube – Der Priester Kolory und der Gott Moa Artua – Eine sonderbare Ceremonie – Ein zerstörter Altar – Kory-Kory und das Götzenbild – Eine Schlußfolgerung.

Obgleich es mir durchaus nicht geglückt war, den Grund des Festes der Kalebassen zu entdecken, so schien es mir doch hauptsächlich, wenn nicht ganz, von religiösen Charakter; übrigens hatte es durchaus nicht mit den Beschreibungen des schrecklichen Ritus von Polynesien übereingestimmt, die uns durch einige Erzählungen mitgetheilt werden, namentlich auf den evangelisirten Inseln, welche die Missionäre uns beschrieben haben. Wenn nicht der heilige Charakter dieser Männer die Reinheit ihrer Absichten unzweifelhaft machte, würde ich versucht sein, anzunehmen, daß sie die [80] Uebel des Heidenthums übertrieben hätten, um das Verdienst ihrer eignen Arbeit zu erhöhen.

In einem gewissen Werk, welches über die Washington- oder nördlichen Marquesas-Inseln handelt, habe ich oft den Einwohnern geradezu vorgeworfen gefunden, daß sie öfter Menschenopfer auf den Altären ihrer Götter bringen. Dasselbe Werk giebt uns einen ziemlich genauen Bericht über ihre Religion, zählt sehr viele Sachen des Aberglaubens auf und erklärt die verschiedenen Bestimmungen der zahlreichen Priesterorden. Man ist fast versucht zu glauben, durch die lange Liste von Primas, Bischöfen, Erzdechanten Pfründen und noch niedrigeren geistlichen Stellen, daß die Zahl der priesterlichen Klasse größer sei, als die der ganzen übrigen Einwohner und daß die armen Einwohner härter von ihren Priestern gedrückt werden, als selbst die Bewohner des Kirchenstaates. Diese Berichte sind auch darauf berechnet, dem Leser ein Gefühl zu hinterlassen, als ob täglich Menschenopfer zubereitet und auf den Altären aufgetragen werden; als ob heidnische Grausamkeiten jeder Art unausgesetzt geschehen, und als ob die unwissenden Heiden in dem Zustande der schrecklichsten Gedrücktheit durch ihren eignen Aberglauben lebten. Man vergesse übrigens nicht, daß der ganze Bericht von einem Manne kommt, der nach seiner eignen Angabe nur auf einer der Inseln war, wo er nur zwei Wochen blieb, während welcher Zeit er jede Nacht [81] am Bord seines Schiffes schlief und täglich kleine Glacéhandschuh-Excursionen ans Land machte und zwar in Begleitung einer Abtheilung Bewaffneter.

Alles, was ich darüber sagen kann, ist, daß ich auf allen meinen Ausflügen durch das Thal von Typie nie eine jener angeführten Grausamkeiten sah. Wenn irgend eine derselben auf den Marquesas-Inseln vorkäme, so würde ich bestimmt Kunde davon erhalten haben, da ich Monate lang bei einem Stamme von Wilden wohnte, welcher durchaus in ursprünglichem Naturzustande befindlich, und als der grausamste der Südsee bekannt ist.

Die Sache ist die, daß eine große Menge von absichtsloser Täuschung in den Berichten enthalten ist, die wir von Wissenschaftsmännern über die religiösen Einrichtungen von Polynesien haben. Diese gelehrten Touristen erhalten den größten Theil ihrer Aufschlüsse von den zurückgezogenen alten Südseevagabunden, die sich unter den wilden Stämmen des stillen Meeres angesiedelt haben. Jack, der so lange daran gewöhnt gewesen ist, aufzuschneiden, und auf den Vordercastells der Schiffe ein zähes Garn zu spinnen, dient immer als Cicerone der Insel, auf welcher er sich niedergelassen hat, und da er ein paar Dutzend Wörter aus der Landessprache kennt, so wird angenommen, daß er über die Leute, die sie sprechen, gründlich unterrichtet ist. Ein natürlicher Wunsch, in den Augen des Fremden eine Bedeutung [82] zu gewinnen, verleitet ihn, viel mehr Kenntniß über solche Gegenstände sich anzumaßen, als er wirklich besitzt. Als Antwort auf unablässige Fragen theilt er nicht allein Alles mit, was er weiß, sondern eine gute Menge mehr, und wenn ein Aufschluß mangelhaft ist, so ist er nicht darum verlegen, das Fehlende zu ersetzen. Der Eifer, mit dem seine Anekdoten niedergeschrieben werden, schmeichelt seiner Eitelkeit, und seine Erfindungsgabe wächst mit der Leichtgläubigkeit seiner Zuhörer. Er weiß ungefähr, was für eine Art von Aufschlüssen begehrt wird und giebt deren, so lange man nur immer will.

Dies ist nicht ein fingirter Fall; ich bin bei mehreren Zusammenkünften solcher Leute mit Fremden zugegen gewesen und habe ihre Art und Weise selbst kennen gelernt.

Wenn nun der wissenschaftliche Reisende nach Hause kommt, so giebt er eine Beschreibung von einigen der sonderbaren Völker, die er besucht hat nach seiner Sammlung von Wundern. Statt sie als ein Volk von lebensfrohen Wilden hinzustellen, die ein heiteres, müssiges und unschuldiges Leben führen, ergeht er sich in umständlichen und gelehrten Berichten über gewisse unerklärliche Dinge des Aberglaubens und der Gewohnheit, von denen er so wenig weiß, wie die Insulaner selbst. Er hat sehr wenig Zeit und fast gar keine Gelegenheit gehabt, die Sitten kennen zu lernen, über die er zu berichten unternimmt; er schreibt sie also [83] nieder, wie er sie sich denkt und würfelt sie bunt zusammen; und sollte das Buch, welches er auf diese Weise zusammenstellt, zufällig in die Sprache des Volkes übertragen werden, dessen Geschichte es zu enthalten vorgiebt, so würde dasselbe es eben so wunderbar und viel unwahrscheinlicher finden, als das amerikanische Publikum.

Ich meinestheils gestehe offen, daß ich fast ganz unfähig bin, die Neugierde zu befriedigen, welche der Leser mit Bezug auf die theologischen Dogmen des Tages haben mag. Ich bezweifle, daß die Insulaner selbst im Stande wären, dies zu thun. Sie sind entweder zu faul oder zu reizbar, um sich mit abstrakten Punkten des religiösen Glaubens zu plagen. Während ich unter ihnen war, hielten sie nie Synoden oder Zusammenkünfte, um Principien ihrer Religion durch Besprechung festzustellen. Die unbegrenzteste Gewissensfreiheit schien unter ihnen zu herrschen. Diejenigen, welche Lust hatten, konnten den unerschütterlichsten Glauben zu einem verkrüppelten Gott mit einer großen Gurkennase und fetten, unförmlichen, unterschlagenen Armen unterhalten; während andere ein Bild anbeten durften, welches kaum ein Götze genannt werden konnte, weil es keine Ähnlichkeit mit irgend einem Dinge auf Erden oder im Himmel hatte. Da die Insulaner nie zudringliche Fragen mit Bezug auf meine religiösen Ansichten thaten, so dachte ich, es würde sehr unziemlich für mich sein, die ihrigen neugierig zu untersuchen.

[84] Aber obgleich meine Kenntniß über den religiösen Glauben der Typies natürlich sehr gering blieb, so interessirte mich doch einer ihrer abergläubischen Gebräuche in hohem Grade. In einem weit abgelegenen Theil des Thales, kaum einen Steinwurf vom Fayawasee (denn so taufte ich den Schauplatz unserer Canoefahrten) und dicht neben einer Palmengruppe, welche an beiden Seiten des Stromes sich hinzog, und deren hohe Kronen über demselben wiegten als ob sie ihm huldigten, war das Mausoleum eines verstorbenen Kriegs-Häuptlings. Wie alle andern Gebäude von einiger Bedeutung war es auf einem kleinen Pi-Pi von Stein erbaut, der von ziemlich ungewöhnlicher Höhe, und daher dem Auge schon aus der Ferne erkenntlich war. Ein leichtes Dach von gebleichten Palmettoblättern hing über demselben, wie ein schwebender Baldachin, denn erst, wenn man nahe herankam, sah man, daß es von vier dünnen Säulen von Bambusrohr getragen wurde, welche an den vier Ecken sich wenig über Manneshöhe erhoben. Ein kleiner Vorhof von wenigen Ellen Weite umgab den Pi-Pi, und wurde durch vier Cocosstämme eingehegt, deren Ende auf massiven Steinblöcken ruhte. Dieser Platz war heilig. Das Zeichen des unerschütterlichen Taboo wurde in Gestalt einer geheimnißvollen Rolle von weißem Tappa, welche an einem gedrehten Strick von demselben Stoffe von der Spitze einer dünnen [85] Stange mitten in dem Vorhofe herabhing, bemerkt[2]. Die Heiligkeit des Ortes schien nie entweiht worden zu sein. Es herrscht dort die Stille des Grabes; die ruhige Einsamkeit umher war schön und rührend. Noch jetzt sehe ich den reichen Schatten jener hohen Palmen den kleinen Tempel umwehen, als ob er dem Eindringen der Sonne wehren wolle.

Von allen Seiten bemerkte man, wenn man diesem stillen Orte sich näherte, das Bild des todten Häuptlings in dem Hintertheil eines Canoe sitzend, welches auf einem leichten Rahmen einige Zoll über der Oberfläche des Pi-Pi stand. Das Canoe war ungefähr sieben Fuß lang, von schönem dunklen Holz sorgfältig geschnitzt und vielfach mit Reifen von gefärbtem Tappa verziert, die mit glänzenden Seemuscheln besetzt waren, und ein Gürtel von denselben Muscheln lief rings um das Canoe. Der Körper der Figur, von welchem Stoff er auch gewesen sein mag, war durchaus verborgen durch einen schweren Mantel von grauem Tappa, und nur die Hände und der Kopf waren zu sehen; letzterer war sehr geschickt von Holz geschnitzt, und auf ihm ruhte ein wundervolles Diadem von Federn. Diese Federn wurden fortwährend durch den leichten Hauch des Windes, der diesen abgelegenen Ort berührte, in Bewegung erhalten und fächelten die Stirn des Häuptlings. Die langen Blätter [86] der Palmetto fielen über die Seitenöffnungen herab und durch dieselben sah man den Krieger, sein Ruder in beiden Händen, in der Stellung des Ruderns, Haupt und Körper vorn über beugend, als ob er eifrig darauf bedacht sei, seine Reise zu beschleunigen. Ihm gegenüber starrte ihn ewig ein polirter Menschenschädel entgegen, welcher die Spitze des Canoe zierte. Diese gespenstige Gallionfigur in umgekehrter Stellung schien durch ihr Rückwärtssehen der ungeduldigen Stellung des Kriegers zu spotten.

Als ich diesen Ort zum ersten Male mit Kory-Kory besuchte, erzählte er mir – oder wenigstens verstand ich ihn so – daß der Häuptling nach dem Reiche des Segens und der Brotfrüchte rudere. Dies schien der polynesische Himmel zu sein, wo die Brotbäume fortwährend reife Früchte spendeten, und wo Cocosnüsse und Bananen ohne Ende wären: da ruhten sie die lange Ewigkeit auf viel feineren Matten als in Typie und badeten jeden Tag in Flüssen von Cocosnußöl. In jenem glücklichen Lande wären Federn, Eberhauer und Wallfischzähne genug, welche den schönen Schmucksachen, und dem hellen Tappa der Weißen bei Weitem vorzuziehen seien, und namentlich seien Weiber dort in Ueberfluß, welche die Töchter der Erde an Lieblichkeit bei Weitem überträfen. „Ein schöner Ort“, sagte Kory-Kory „aber doch nicht viel angenehmer als Typie“. Ich fragte ihn, ob er denn nicht wünsche, diese Krieger zu begleiten. „O nein“, [87] antwortete er, „ich bin sehr glücklich, wo ich bin; aber ich denke doch, daß der Tag kommen wird, wo auch ich in meinem Canoe hinrudere.“

So weit glaube ich, verstand ich Kory-Kory genau. Er brauchte aber bei dieser Gelegenheit einen sonderbaren Ausdruck, den er mit einer außergewöhnlichen Geberde bekräftigte und dessen Sinn mir völlig unverständlich war; ich glaube fast, es war ein Sprüchwort, welches er brauchte, denn ich hörte ihn später dieselben Worte mehrere Male wiederholen, und wie es mir vorkam, in demselben Sinne. Kory-Kory hatte eine große Menge verschiedener kurzer, wolklingender Sätze, mit denen er häufig seine Rede schmückte, und er brachte sie mit einem Tone vor, welcher deutlich bewies, daß sie seiner Meinung nach den fraglichen Punkt völlig aufklärte, welcher Natur er auch sein möchte.

Sollte es also der Fall sein, daß er auf meine Frage, ob er nach diesen Himmel von Brotfrüchten und Cocosnüssen und jungen Mädchen gehen wolle, welchen er mir beschrieb, mit einem unserm alten Sprüchwort „ein Vogel in der Hand ist besser als zehn auf dem Dach“ analogen Worte antwortete, so war Kory-Kory, meiner Ansicht nach, ein sehr gescheidter Kerl und ich kann seine Verschlagenheit nicht genug bewundern.

So oft ich auf meinen Wanderungen durch das Thal in die Nähe des Mausoleums kam, ging ich immer hin, es [88] zu besuchen. Der Ort hatte für mich einen eigenthümlichen, unerklärlichen Reiz. Wenn ich so über das Geländer lehnte, und das sonderbare Bild betrachtete, und dem Spiel des Kopfputzes im Winde zuschaute, so mochte ich mich gern dem Aberglauben der Insulaner überlassen und konnte mich fast selbst überreden, daß der rauhe Krieger wirklich dem Himmel zusteure. In dieser Gemüthsstimmung rief ich ihm beim Weggehen zu: „Schnelle und glückliche Reise, braver Häuptling; rudere rüstig dem Lande der Geister zu. Dem irdischen Auge scheinst du nicht eilig vorwärts zu kommen, aber mit dem geistigen Auge des Glaubens sehe ich dein Canoe die hellen Gewässer durchschneiden, welche die dunkel in der Ferne erkenntlichen Gestade des Paradieses bespülen.“

Dieser sonderbare Aberglaube liefert einen neuen Beweis, daß, wie unwissend der Mensch auch sei, er doch fühlt, sein unsterblicher Geist sehne sich nach einer unbekannten Zukunft.

Obgleich die religiösen Lehrsätze der Insel mir ein völliges Geheimniß waren, so konnten mir doch die täglichen Religionsgebräuche nicht verborgen bleiben. Ich ging häufig an den kleinen Tempeln in den Hainen des Taboo vorbei und sah die Opfer: reife Früchte auf den Altären, oder um die komischen Götzenbilder, in halb verfaulten Körben aufgehängt. Ich war während der Dauer des Festes zugegen. [89] Täglich sah ich im Hoolah-Hoolah-Grunde Reihen von scheußlichen Götzen in verschiedener Ordnung aufgestellt, und begegnete oft denen, welche ich für die Priester hielt. Die Tempel aber schienen ganz der Einsamkeit überlassen, das Fest war nur eine heitere Zusammenkunft des Stammes gewesen; die Götzen waren eben so gutmüthig wie alle andern Holzblöcke, und die Priester waren die heitersten Gesellen im Thale.

Die religiösen Geschäfte waren wirklich in Typie sehr unbedeutend. Alle dergleichen Dinge drückten die unschuldigen Einwohner sehr wenig, und in der Feier mancher ihrer sonderbaren kirchlichen Gebräuche, schienen sie nur eine Art kindischen Vergnügens zu suchen.

Hievon gab eine merkwürdige Ceremonie den besten Beweis, an welcher ich oft Mehevi und mehrere andere bedeutende Häuptlinge und Krieger, aber nie ein Weib, theilnehmen sah.

Unter den Männern, welche ich für die Priesterschaft des Thales hielt, war hauptsächlich einer, welcher oft meine Aufmerksamkeit auf sich zog, und welchen ich nicht umhin konnte, als das Haupt der Priester zu betrachten. Er war ein Mann in seinen besten Jahren, von edlem und höchst wohlwollendem Ansehen. Der Rang dieses Mannes, dessen Name Kolory war, die Oberherrschaft, welche er beim Kalebassenfest zu führen schien, seine würdevolle und wohlgefällige Erscheinung, [90] die geheimnißvollen Figuren, welche auf seiner Brust tättowirt waren, und namentlich die Bischofsmütze, die er oft trug, und welche aus einem Cocosblatte bestand, dessen Mittelnerv sich hoch über seine Stirn erhob, während die kleinen Blätter seine Schläfe bis hinter die Ohren umspannten, – alles Dieses machte ihn als das Kirchenoberhaupt von Typie erkenntlich. Kolory war eine Art von Tempelherr oder Soldatenpriester; – er trug oft das Kleid eines marquesischen Kriegers und führte immer einen langen Speer in der Hand, dessen Ende statt wie gewöhnlich bei dieser Waffe, ruderformig zu sein, zu einem heidnischen kleinen Götzenbilde ausgeschnitzt war. Diese Waffe konnte übrigens auch das Sinnbild seines doppelten Amtsberufs sein. Mit dem einen Ende durchstach er im blutigen Gefecht die Feinde seines Stammes, mit dem andern hielt er, wie mit einem Hirtenstabe, seine geistige Heerde in Ordnung. Dies ist aber noch nicht Alles, was ich von Kolory zu sagen habe. Seine kriegerische Ehrwürden trug oft etwas mit sich herum, was mir wie die Hälfte einer zerbrochenen Kriegskeule vorkam. Es war mit kleinen Streifen von weißem Tappa umwunden und das obere Ende, welches einen Menschenkopf vorstellen sollte, war mit einem Streifen rothen Tuchs, von europäischer Fabrik, verziert. Man bemerkte leicht, daß dieser sonderbare Gegenstand wie ein Gott verehrt wurde. Neben den großen ungeschlachten Götzenbildern, welche an den Altären [91] des Hollah-Hoolah-Grundes Wache standen, schien dies nur ein Pygmäe in Lumpen zu sein; aber der Schein trügt ja so häufig in der Welt; kleine Männer sind oft sehr mächtig, und Lumpen bedecken häufig sehr große Anmaßungen. Dieses drollige, kleine Götzenbild war wirklich der Hauptgott der Insel und die Thalbewohner schätzten es höher, als alle die großen Holzblöcke, die so ernst und fürchterlich aussahen; sein Name war „Moa Artua[3]“, und es war zu Ehren des Moa Artua und zur Unterhaltung Derer, welche an ihn glaubten, daß die sonderbare Ceremonie, welche ich beschreiben will, stattfand.

Mehevi und die Häuptlinge vom Ti sind eben von ihrem Mittagsschlummer aufgestanden. Es liegen keine Staatsgeschäfte vor, welche abgemacht werden müßten, und da die Magnaten zwei bis drei Frühstücke im Laufe des Vormittags genossen haben, so fühlen sie noch keinen Appetit zum Mittagsessen. Wie sollen sie ihre müssigen Augenblicke hinbringen? Sie rauchen, sie schwatzen und endlich macht einer unter ihnen den übrigen einen Vorschlag, und da sie ihn freudig annehmen, eilt er aus dem Hause, springt vom Pi-Pi und verschwindet im Haine. Bald sieht man ihn wiederkommen mit Kolory, welcher in seinen Armen den [92] Gott Moa Artua und in der Hand einen kleinen Trog, in Gestalt eines Canoes, trägt. Der Priester kommt daher, indem er seine Last wiegt, als sei es ein weinendes Kind, welches er sich zu beruhigen bemühe. Nun tritt er in den Ti ein und setzt sich auf die Matten, ungefähr wie ein Jongleur, der seine Künste machen will. Die Häuptlinge sitzen im Kreise um ihn her und er fängt die Ceremonie an.

Zuerst giebt er dem Moa Artua einen schmeichelnden kleinen Schlag, dann legt er ihn wie liebkosend an seine Brust und flüsterte ihm endlich einige Worte ins Ohr; die Übrigen lauschen eifrig, um die Antwort zu vernehmen, aber der Kind-Gott ist taub oder stumm, – vielleicht beides, denn er äußert nie ein Wort. Endlich spricht Kolory lauter; bald aber wird er ärgerlich und brüllt, was er zu sagen hat. Er erinnerte mich an einen cholerischen Mann, der nach vergeblichen Versuchen, einem tauben Manne ein Geheimniß mitzutheilen, plötzlich in Wuth geräth und so laut schreit, daß es ein Jeder hören kann. Immer aber bleibt Moa Artua so ruhig wie vorher, und Kolory, welcher scheinbar die Geduld verliert, giebt ihm einen Schlag auf den Kopf, reißt ihm sein Tappa und rothes Tuch ab, legt ihn ganz nackt in den kleinen Trog, und bedeckt ihn, so daß man ihn nicht sehen kann. Hierzu geben alle Gegenwärtigen ihren lauten Beifall und äußern ihn durch das sehr leidenschaftlich ausgesprochene Wort „Motarkee.“ [93] Kolory ist aber so darum verlegen, sein Betragen von allen gebilligt zu sehen, daß er jeden Einzelnen besonders fragt, ob er unter den obwaltenden Umständen nicht sehr wohl daran gethan, den Moa Artua einzuschließen. Die immer wiederholte Antwort ist „Aa, Aa“(Ja, ja) und wird so überzeugend gesprochen, daß sie den gewissenhaftesten Mann beruhigen könnte. Nach einigen Augenblicken nimmt Kolory seine Puppe wieder hervor, und während er sie sorgfältig wieder in den Tappa und das rothe Tuch kleidet, schilt und liebkost er sie abwechselnd. Wenn der Anzug fertig ist, spricht er noch einmal laut zu ihr. Hieran zeigt die ganze Gesellschaft großes Interesse, während der Priester den Moa Artua an sein Ohr hält, und ihm erklärt, was angeblich der Gott ihm leise mittheilt. Einige Punkte der Mittheilung scheinen alle Gegenwärtigen sehr zu erfreuen, denn Einer klatscht in die Hände vor Entzücken, ein Anderer jauchzt vor Freude, und ein Dritter springt auf und macht Sprünge wie ein Toller.

Was in aller Welt Moa Artua bei dieser Gelegenheit dem Kolory zu sagen hatte, konnte ich nie entdecken, aber ich konnte nicht umhin zu denken, daß der Gott sehr wenig Geist zeige, indem er sich durch Züchtigung zu Aufschlüssen zwingen ließ, die er anfänglich zu geben abgeneigt war. Ob der Priester ehrlich mittheilte, was er glaubte, daß der Gott ihm sagte, oder ob er die ganze Zeit die Andern auf gemeine Weise täuschte, lasse ich unentschieden. Jedenfalls [94] schien Alles, was der Gott sagen mochte, den Gegenwärtigen höchst schmeichelhaft zu sein, eine Thatsache, welche entweder die Verschlagenheit des Kolory, oder auch die zeitgemäße Gemüthsstimmung dieser gemißhandelten Gottheit bewies.

Wenn Moa Artua nichts mehr zu sagen hat, fängt sein Träger wieder an, ihn zu liebkosen, wird aber durch die Krieger, welche alle Fragen an den Gott zu richten haben, in dieser Beschäftigung unterbrochen. Hierauf hält ihn Kolory wieder ans Ohr und nachdem er eine Weile aufmerksam gelauscht hat, macht er wieder den Dollmetscher der Mittheilungen.

Nachdem eine Menge von Fragen und Antworten sich zwischen dem Gott und den Kriegern gekreuzt haben, und zwar alle zur Befriedigung der Fragenden, so wird der Gott sanft in den Trog gebettet und die ganze Gesellschaft stimmt in einen langen Gesang ein, den Kolory eröffnet. Wenn dies vorbei ist, hört die Ceremonie auf. Die Häuptlinge stehen in sehr guter Laune auf und der ehrwürdige Erzbischof macht sich, nachdem er eine Weile geschwatzt, und zwei bis drei Züge aus der kreisenden Tabakspfeife gethan hat, mit dem Canoe unter dem Arm auf den Weg nach Hause. Sämmtliche Verrichtungen dieser Leute waren ganz wie das Spiel von Kindern mit Puppen und Puppenhäusern.

[95] Für ein Kind von kaum zehn Zoll Höhe und mit so weniger Gelegenheit etwas zu lernen, wie er augenscheinlich gehabt hatte, war Moa Artua wahrhaftig ein ganz geschickter, kleiner Kerl, wenn er wirklich Alles sagte, was ihm zugeschrieben wurde; warum aber der arme Teufel von einer Gottheit, die so gezüchtigt, geliebkost und in einer Schachtel eingeschlossen wurde, in größeren Ehren gehalten wurde, als die erwachsenen, ehrwürdigen Holzblöcke in den Hainen des Taboo, kann ich nicht errathen, und dennoch versicherten mir Mehevi und andere Häuptlinge von der strengsten Wahrheitsliebe, des Erzbischofs selbst gar nicht zu gedenken, wiederholt, daß Moa Artua die hauptsächliche Gottheit von Typie sei und allein mehr werth, als die sämmtlichen ungeschlachten Götzen des Hoolah-Hoolah-Grundes zusammen. Kory-Kory, der bedeutende Aufmerksamkeit dem Studium der Theologie gewidmet zu haben schien, da er alle die Namen der geschnitzten Götzenbilder im Thale kannte und sie mir häufig wiederholte, hatte ebenfalls sehr hohe Ideen mit Bezug auf den Charakter und die Ansprüche des Moa Artua. Er deutete mir einmal mit einer Geberde, die nicht zu mißdeuten war, an, daß, wenn Moa Artua wollte, er einen Cocosbaum aus seinem (nämlich Kory-Kory’s) Kopf wachsen lassen könnte und daß es ihm das Leichteste von der Welt sein würde, die ganze Insel Nukuheva ins Maul zu nehmen und damit auf den Grund des Meeres zu tauchen.

[96] Aber in vollem Ernste, ich wußte kaum, was ich aus der Religion des Thales machen sollte. Nichts hat den ausgezeichneten Cook bei seinen Berührungen mit den Südsee-Insulanern so sehr in Verlegenheit gesetzt, als ihre religiösen Gebräuche. Obgleich er in vielen Fällen durch Dollmetscher bei seinen Untersuchungen unterstützt wurde, so gesteht er frei zu, daß er nie im Stande war, sich eine klare Ansicht über ihre merkwürdigen Glaubensartikel zu bilden. Ein ähnliches Zugeständniß haben andere ausgezeichnete Reisende wie Carteret, Byron, Kotzebue und Vancouver gemacht.

Was mich betrifft, so war es für mich, der ich doch täglich, während meines Aufenthaltes auf der Insel, eine oder die andere religiöse Ceremonie sah, als ob ein Haufe von Freimaurern ihre geheimen Zeichen unter einander machte; ich sah alles, aber verstand nichts.

Ich bin nach allem Gesehenen sehr geneigt, anzunehmen, daß die Insulaner der Südsee gar keine feststehenden und abgerundeten Begriffe von Religion überhaupt haben. Ich bin überzeugt, daß selbst Kolory sehr in Verlegenheit gerathen würde, wenn er aufgefordert würde, seine Glaubensartikel aufzustellen, und das Glaubensbekenntniß auszusprechen, durch welches er selig zu werden hoffte. Die Typies schienen, soweit aus ihren Handlungen zu urtheilen, weder menschlichen, noch göttlichen Gesetzen zu gehorchen, – das dreifach [97] geheimnißvolle Wesen Taboo abgerechnet. Die freien Bewohner des Thales schlugen die Augen nicht nieder vor Häuptlingen, Priestern oder Teufeln. Die unglücklichen Götzen bekamen mehr Stöße, als Gebete. Ich bin nicht darüber erstaunt, daß einige von ihnen so mürrisch aussahen, und so steif dastanden, als ob sie fürchteten, ein Ärgerniß zu geben, wenn sie rechts oder links blickten. Sie mußten sich nämlich sehr zusammen nehmen, oder die Folgen ihres Betragens erleiden. Ihre Anbeter waren solche wankelmüthige, respectlose Heiden, daß sie jeden Augenblick den einen oder den andern Götzen umstoßen, in Stücke zerschlagen und zum Feuer auf demselben Altar verwenden konnten, an welchem er bisher Wache gestanden. Sie würden selbst bei dem Feuer Brotfrüchte geröstet und sie ohne Furcht vor dem Götzen verzehrt haben. Wie wenig diese unglücklichen Gottheiten von den Eingebornen respectirt wurden, zeigte sich mir bei einer Gelegenheit besonders deutlich. Ich ging mit Kory-Kory durch die dunkelsten Theile des Haines und sah dort ein sonderbares Götzenbild, von etwa sechs Fuß Höhe, welches ursprünglich aufrecht an einem niedrigen Pi-Pi gestanden hatte, auf dem ein halbverfallener Bambustempel thront, aber schwach geworden war und jetzt halbumgefallen gegen den Pi-Pi lehnte. Der Götze war halb durch das Laub eines nahen Baumes verdeckt, dessen weite Äste über den Steinhaufen herabfielen, als ob sie den rohen Tempel vor dem [98] Verfall schützen wollten, dem er schnell entgegen ging. Das Götzenbild selbst war nur ein grotesk geformter Block Holz, zu der Gestalt eines großen nackten Mannes geschnitzt, mit den Armen über dem Kopf, weit aufgerissenen Kinnbacken und ungestalten krummen Beinen. Es war sehr verfallen. Der untere Theil desselben war mit hellem, seidenartigen Moose überzogen. Büschel von Gras sprossen aus dem großen Munde und aus den Rissen des Kopfes und der Arme. Alle Theile der Gestalt waren entweder zerschlagen oder verfault. Die Nase war fort und der ganze Kopf sah aus, als hätte die hölzerne Gottheit, aus Verzweiflung über die Vernachlässigung, versucht, sich das Gehirn an den umstehenden Bäumen zu zerschmettern.

Ich trat näher, um diesen sonderbaren Gegenstand des Götzendienstes genauer zu untersuchen, blieb aber aus Rücksicht auf die religiösen Vorurtheile meines Dieners in einer Entfernung von zwei bis drei Schritten ehrfurchtsvoll stehen. Sobald aber Kory-Kory bemerkte, daß ich in meiner wissenschaftlichen Untersuchungslaune sei, sprang er zu meinem Erstaunen zu dem Götzen hin, stieß ihn von den Steinen, auf denen er ruhte, fort, und versuchte ihn auf die Beine zu stellen. Aber die Gottheit hatte den Gebrauch der Beine ganz verloren, und als Kory-Kory versuchte sie zu unterstützen, indem er einen Stock zwischen das Bild und den Pi-Pi [99] steckte, fiel das Scheusal schwer zu Boden und würde unfehlbar den Hals gebrochen haben, wenn Kory-Kory nicht das ganze Gewicht desselben mit seinem halbzerschmetterten Rücken aufgefangen und so die Kraft des Falles gebrochen hätte. Nie hatte ich den ehrlichen Kerl in solcher Wuth gesehen. Außer sich sprang er auf, ergriff einen Stock und fing an das arme Bild fürchterlich zu prügeln. In kleinen Zwischenräumen hielt er an, und sprach sehr leidenschaftlich zu ihm, als ob er ihm das Ereigniß vorwürfe. Als seine Wuth sich ein wenig gelegt hatte, kehrte er das Götzenbild auf die profanste Weise nach allen Seiten um, damit ich es genau untersuchen könne. Ich selbst würde nie gewagt haben, mir bei dem Gott so viel Freiheiten herauszunehmen, und ich war über Kory-Kory’s Mangel an Ehrfurcht nicht wenig überrascht.

Diese Anekdote bedarf keines Commentars. Wenn einer aus der untern Klasse der Eingebornen einem ehrwürdigen, verkrüppelten Gotte der Haine solche Verachtung zeigen konnte, so kann man daraus leicht auf den allgemeinen Stand der Religionsbegriffe unter den Leuten schließen. Ich betrachte wirklich die Typies als eine rückwärts gegangene Generation; sie sind in eine religiöse Apathie verfallen und bedürfen einer geistigen Wiederbelebung. Durch langjährige reiche Ernten von Cocosnuß und Brotfrucht sind sie schlaff geworden und haben ihre [100] höheren Verpflichtungen vergessen. Die Krankheit des Verfaulens ist unter den hölzernen Götzen ausgebrochen; die Früchte auf den Altären sind nicht frisch, die Tempel selbst müssen neu gedeckt werden, die tättowirten Priester sind viel zu leichtfertig und faul, und ihre Gemeinden verfallen dem Unglauben.


[101]
Capitel XXV.

Allgemeine Aufschlüsse bei Gelegenheit des Festes. – Die Schönheit der Typies – Ihre Überlegenheit über die Bewohner anderer Inseln – Verschiedenheit der Hautfarbe – Ein vegetabilisches Oel – Zeugniß von Reisenden über die ungewöhnliche Schönheit der Marquesas-Insulaner – Wenige Spuren von Berührung mit civilisirten Wesen – Eine zerbrochene Muskete – Naturregierung – Königliche Würde des Mehevi.

Obgleich ich nicht im Stande gewesen war, beim letzten Feste über viele interessante Gegenstände Aufschluß zu erhalten, welche meine Neugierde rege gemacht hatten, so war doch jenes bedeutende Ereigniß nicht vorübergegangen, ohne meine allgemeine Kenntniß über die Insulaner zu erweitern.

Vorzüglich überraschte mich die Körperkraft und Schönheit, welche sich dort zeigte, und die Überlegenheit der Einwohner des Thales über die der benachbarten Bucht von Nukuheva, so wie der sonderbare Unterschied der Gesichtsfarbe, der unter den verschiedenen Typies bemerklich war.

[102] An Schönheit der Gestalt übertrafen sie Alles, was ich je gesehen hatte; nicht ein einziges Beispiel von natürlicher Verkrüppelung war in der ganzen Menge, welche dem Feste beiwohnte, zu bemerken. Ich sah wol mitunter Narben von Wunden, welche die Männer in der Schlacht erhalten, und bisweilen, obgleich sehr selten, den Verlust eines Fingers, eines Auges oder eines Armes, welcher derselben Ursache zuzuschreiben war. Mit diesen Ausnahmen erschien jeder Einzelne unter ihnen frei von allen Schäden, die zuweilen eine sonst völlig schöne Gestalt entstellen; aber ihre körperliche Schönheit bestand nicht blos darin, daß sie diese Übel nicht hatten; jeder Einzelne unter ihnen hätte zum Modell für einen Bildhauer dienen können.

Wenn ich bedachte, daß diese Insulaner durchaus keinen Vortheil von Kleidern zögen, sondern in der ganzen nackten Einfachheit der Natur erschienen, so konnte ich nicht umhin, sie mit den feinen Herren und Stutzern zu vergleichen, welche so untadelhafte Gestalten auf unsern Promenaden und öffentlichen Plätzen zeigen. Wollte man die civilisirten Männer aller Künsteleien der Schneider berauben, und sie in der Tracht des Paradieses hinstellen, was für traurige Gestalten mit runden Schultern, dünnen Beinen und langen magern Hälsen würden sie nicht sein! Falsche Waden, wattirte Brust, und künstlich geschnittene Hosen [103] würden ihnen nichts nutzen, und die Wirkung würde wahrhaft traurig sein.

In der Erscheinung der Insulaner überraschte mich nichts mehr, als die blendende Weiße ihrer Zähne. Der Novellist vergleicht immer die Zähne seiner Heldin mit Elfenbein, aber ich behaupte kühn, daß die Schönheit der Zähne der Typies die Schönheit des Elfenbeins selbst bei Weitem übertreffe. Die Kinnladen der ältesten Greise unter ihnen waren mit einer viel schöneren Reihe Zähne geziert, als die von Jünglingen in civilisirten Ländern, und ihre Reinheit und Weiße bei den jungen Leuten war förmlich blendend. Diese merkwürdige Weiße muß dem Leben dieser Leute zugeschrieben werden, welches sie ausschließlich auf vegetabilische Nahrungsmittel beschränkt, und eben so natürlich, als ununterbrochen gesund ist.

Die Männer sind fast ohne Ausnahme von hoher Gestalt, fast nie weniger als sechs Fuß, während das andere Geschlecht ungewöhnlich klein ist. Es verdient auch der Erwähnung, wie früh der Körper in jenem schönen tropischen Klima zur Reife gelangt. Man sieht hier oft ein kleines Geschöpf, kaum mehr als dreizehn Jahr alt, welches in andern Welttheilen als ein bloßes Kind betrachtet worden wäre, sein eigenes Kind säugen, und Jünglinge, die in weniger günstigen Himmelsstrichen noch zur Schule gehen würden, sind hier gesetzte Familienväter.

[104] Als ich zuerst in das Thal von Typie kam, hatte mich der deutliche Unterschied überrascht, der zwischen der äußern Erscheinung seiner Bewohner und der Körperbildung in den andern Thälern der Insel herrscht. In Nukuheva hatte die äußere Erscheinung der männlichen Bevölkerung keinen günstigen Eindruck auf mich gemacht, obgleich die Frauen, mit einigen traurigen Ausnahmen, mir ganz außerordentlich gefallen hatten. Ich hatte bemerkt, daß selbst die wenige Berührung, welche die Europäer mit den Eingebornen von Nukuheva gehabt, ihre Spuren unter diesen zurückgelassen hatte. Einer der schrecklichsten Flüche, welcher auf der Menschheit lastet, hatte angefangen, hier seine Opfer zu verlangen, und wie immer unter den Südsee-Insulanern, sich in sehr schwarzer Gestalt gezeigt. Von diesen wie allen andern fremden Einflüssen waren die bis jetzt unverderbten Bewohner des Typiethales völlig frei, und mögen sie es lange bleiben. Es wird besser für sie sein, immer die glücklichen und unschuldigen Heiden und Barbaren zu bleiben, die sie jetzt sind, als, wie die unglücklichen Bewohner der Sandwich-Inseln, den bloßen Namen Christen zu führen, ohne den belebenden Einfluß wahrer Religion zu fühlen, und zugleich die Opfer der schrecklichsten Laster und Übel des civilisirten Lebens zu werden.

Abgesehen übrigens von diesen Betrachtungen bin ich geneigt anzunehmen, daß eine wirkliche Verschiedenheit unter [105] diesen beiden Stämmen vorhanden ist, wenn sie nicht gar verschiedenen Menschenracen angehören. Denjenigen, welche nur die Bucht von Nukuheva berührt haben, ohne andere Theile der Insel zu besuchen, wird die Verschiedenheit unter den einzelnen kleinen Stämmen, welche eine Insel von so geringer Ausdehnung bewohnt, kaum glaublich sein. Aber die erbliche Feindschaft, welche seit Jahrhunderten unter ihnen bestanden hat, giebt hiervon eine genügende Erklärung.

Nicht so leicht aber ist es, einen befriedigenden Grund für die endlose Verschiedenheit der Gesichtsfarbe im Thale von Typie anzugeben. Während des Festes hatte ich einige junge Mädchen bemerkt, deren Haut beinahe so weiß war, wie die einer europäischen Dame, denn der leichte dunkle Streif unter den Augenbrauen war der einzige sichtliche Unterschied. Diese verhältnißmäßig helle Hautfarbe ist zum großen Theile natürlich, theils wird sie aber durch ein künstliches Verfahren und durch gänzliche Entziehung vor den Sonnenstrahlen bewirkt. Der Saft der „Papawurzel“, welche zahlreich am Ende des Thales gefunden wird, ist unter den Eingebornen als Salbe sehr geschätzt und viele der Mädchen reiben täglich ihren ganzen Körper damit ein. Der häufige Gebrauch derselben bleicht und verschönert die Haut. Diejenigen jungen Mädchen, welche zu derselben ihre Zuflucht nehmen, um ihre Reize zu erhöhen, setzen sich [106] nie den Strahlen der Sonne aus, was ihnen übrigens sehr wenig Unbequemlichkeit macht, da fast alle bewohnten Theile des Thales von einem Baldachin von reichem Grün beschattet werden, so daß man auf geradem Wege von Haus zu Haus wandern kann, ohne daß man je seinen Schatten am Boden sähe.

Beim Gebrauch des „Papa“ läßt man ihn mehrere Stunden auf der Haut verbleiben; da er von hellgrüner Farbe ist, giebt er natürlich während der Zeit der Haut einen ähnlichen Schein. Es kann daher nichts komischer sein, als die Erscheinung dieser fast nackten Dämchen gleich nach Anwendung der Salbe. Man sollte fast glauben, sie seien junge Pflanzen, und daß man sie in die Sonne stellen sollte, statt in den Schatten, damit sie reiften.

Alle Einwohner reiben sich mehr oder weniger ein. Die Weiber ziehen „Aker“ oder „Papa“ vor, die Männer brauchen Cocosnußöl. Mehevi liebte sehr, seinen ganzen Körper täglich mit diesem Öle einzureiben. Zuweilen sah man ihn durchaus glänzend von dem wohlriechenden Öle, er sah dann aus, als ob er eben aus dem Bottich eines Lichtziehers käme und den Prozeß des Eintauchens durchgemacht hätte. Diesem Einreiben, verbunden mit dem Baden und der erstaunlichen Reinlichkeit, ist die ungewöhnliche Glätte und Reinheit der Haut bei den Eingebornen im Allgemeinen zuzuschreiben. Die vorherrschende Farbe unter den Weibern [107] des Thales war ein helles Olivgrün und von dieser Schattirung war Fayawa das schönste Muster; Andere waren noch dunkler, nicht Wenige von wahrer Goldfarbe und Einige schwärzlich.

Mit frühern in dieser Erzählung erwähnten Dingen übereinstimmend, kann ich hier einschalten, daß Mendanna, der Entdecker der Marquesas-Inseln, in seiner Beschreibung derselben die Eingebornen als „wundervoll anzuschauen“ und sehr den Bewohnern des südlichen Europa ähnlich schildert. Die erste Insel, welche Mendanna sah, war die nicht weit von Nukuheva entfernte La Madelena, und die Bewohner derselben sind denen der übrigen Inselgruppe durchaus ähnlich. Figueroa, der Geschichtsschreiber von Mendannas Reisen, sagt, daß am Morgen, als sie zuerst Land gesehen, und sich der Küste genähert hätten, etwa siebenzig Canoes und zugleich eine Menge Einwohner (ich vermuthe Weiber) schwimmend an das Schiff herangekommen seien. Er fügt hinzu: „Von Hautfarbe waren sie beinahe weiß, von Gestalt schön und von feinem Gliederbau. Auf ihren Gesichtern und Körpern waren Bilder von Fischen und andern Gegenständen gezeichnet.“ Dann fährt der alte Don so fort: „Unter andern kamen zwei junge Bürschchen in ihrem Canoe herangerudert, ihre Gesichter waren wunderschön und erstaunlich lebhaft, und sie waren überhaupt von so angenehmem Äußern, daß der Obersteuermann Quiros behauptete, [108] er habe in seinem Leben nichts so sehr bedauert, als diese wunderschönen Geschöpfe dem Verderben in jenem Lande überlassen zu müssen.[4]“ Mehr als zweihundert Jahre sind verflossen, seit der hier citirte Satz geschrieben ist, mir aber erscheint er, wenn ich ihn jetzt lese, so wahr, als sei er eben geschrieben. Die Insulaner sind noch immer dieselben; ich habe Knaben in dem Thale von Typie gesehen, von deren „wunderschönen und geistig belebten Gesichtern“ Niemand, der sie nicht selbst gesehen hat, sich einen richtigen Begriff machen kann. Cook giebt in einem Berichte seiner Reise den Bewohnern der Marquesas-Inseln den Rang der schönsten Insulaner der Südsee. Stewart, der Kaplan des Schiffes Vincennes, drückt in seinen „Bildern aus der Südsee“ wiederholt seine Ueberraschung über die erstaunliche Lieblichkeit der Weiber aus, und sagt, daß viele der Mädchen von Nukuheva ihn unwillkürlich an die gefeiertsten Schönheiten seines eignen Landes erinnerten. Fanning, ein amerikanischer Seefahrer von großem Ruf, [109] erzählt auch von dem vortheilhaften Eindruck, den die äußere Erscheinung dieser Insulaner auf ihn gemacht habe und Commodore David Porter, von der Fregatte Essex, soll in die Dämchen von Nukuheva in hohem Grade verliebt gewesen sein. Ihre große Überlegenheit über alle andern Polynesier muß die Aufmerksamkeit derer auf sich ziehen, welche die verschiedenen Inselgruppen der Südsee besuchen. Die üppigen O’Tahaitier sind die einzigen, welche überhaupt verdienen mit ihnen verglichen zu werden, während die dunkeln Haiwianer und die wollköpfigen Feegees unendlich weit unter ihnen stehen. Das charakteristische Kennzeichen der Marquesas-Insulaner, welches dem Beobachter sogleich auffällt, ist der europäische Schnitt ihrer Gesichter, eine Eigenthümlichkeit, die man bei uncivilisirten Völkern sehr selten wahrnimmt. Viele unter ihnen haben ein klassisch schönes Profil, und im Thale von Typie sah ich Einige, die, wie der Fremde Marnoo, in jeder Beziehung Schönheitsmodelle waren.

Einige der beim Kalebassenfeste gegenwärtigen Eingebornen zeigten einige wenige europäische Kleidungsstücke, welche sie auf ihre eigne komische Weise an sich gehängt hatten. Unter diesen bemerkte ich die beiden Stücke Kattun, welche der arme Tobias und ich unsern jugendlichen Führern am Nachmittag unseres Eintritts ins Thal geschenkt hatten. Augenscheinlich wurden sie für Galatage aufgehoben, [110] und während des Festes verschafften sie den jungen Insulanern, welche sie trugen, ein außergewöhnliches Ansehen. Die kleine Zahl, die so geschmückt war, und der große Werth, der auf die gewöhnlichsten und unbedeutendsten Dinge gelegt wurde, geben einen genügenden Beweis von der beschränkten Berührung, in der sie mit Schiffen kamen, welche die Insel anliefen. Einige wenige bunte, baumwollene Tücher, die um den Hals geschlungen über die Schultern herabfielen, und einige Streifen hellgedruckten Kattuns um die Lenden gegürtet, war fast alles, was ich sah.

Es waren in der That im ganzen Thale nur sehr wenige Sachen europäischen Ursprungs zu bemerken. Ich sah nur außer den eben genannten Tüchern die sechs im Ti aufbewahrten Musketen und drei bis vier ähnliche Kriegswaffen in andern Häusern. Einige kleine Leinwandbeutel, zum Theil mit Kugeln und Pulver gefüllt, und etwa ein halbes Dutzend alter Beile, deren scharfe Seite so ausgezackt und zerschlagen war, daß sie durchaus unnütz geworden waren. Diese letztern schienen von den Eingebornen als beinahe werthlos angesehen zu werden und zuweilen hielten sie mir eines davon hin und indem sie es mit einer Geberde des Unwillens zur Seite warfen, drückten sie ihre tiefste Verachtung für eine Sache aus, die so bald unbrauchbar werden könnte.

Die Musketen aber, so wie das Pulver und die Kugeln [111] wurden erstaunlich hoch in Ehren gehalten; erstere hatten durch ihr hohes Alter und die Eigenthümlichkeit ihrer Construction wol einen Platz in den Waffenschrank eines Alterthumsforschers verdient. Ich erinnere mich namentlich Einer, welche im Ti hing und die Mehevi, da er als natürlich voraussetzte, daß ich im Stande sei, sie wieder auszubessern, mir zu diesem Ende überliefert hatte. Es war eine von jenen schwerfälligen, altmodischen, englischen Musketen, welche gewöhnlich Tower-Hill-Musketen genannt werden, und mochte wol, so viel ich beurtheilen kann, von Wallace, Carteret, Cook oder Vancouver auf der Insel zurückgelassen worden sein. Der Kolben war halb verfault und wurmstichig, das Schloß ganz verrostet und ungefähr so geeignet zu seinem Zweck, wie eine alte Thürangel. Die Schraubengänge beim Drücker waren durchaus weggeschliffen und der Lauf lag ganz lose im Holze; so war die Waffe, die der Häuptling mir überlieferte, um derselben ihre ursprüngliche Güte wieder zu verschaffen. Da ich nicht die Fertigkeit eines Büchsenschäfters besaß, auch der nöthigen Geräthschaften entbehrte, so war ich gezwungen, mein Ungeschick, die Aufgabe zu lösen, zu erkennen zu geben, obgleich ich dies nur ungern that. Bei dieser unerwarteten Mittheilung betrachtete mich Mehevi einen Augenblick, als ob er halb vermuthe, ich sei eine untergeordnete Art von Weißen, welcher nicht viel mehr als als ein Typie wisse; jedoch gelang es mir [112] nach einer sehr schwierigen Erklärung der Sache ihm die ungeheure Größe der Aufgabe begreiflich zu machen. Indeß befriedigten ihn meine Entschuldigungen kaum, denn er ging mit der uralten Muskete in einer Art Entrüstung fort, als ob er sie nicht länger der Entweihung durch so ungeschickte Finger aussetzen wollte.

Während des Festes hatte ich die Einfachheit der Sitten, die natürliche Ungebundenheit und gewissermaßen die ganz gleiche Lage der Eingebornen im Allgemeinen zu beobachten Gelegenheit. Keiner unter ihnen schien irgend arrogante Ansprüche zu machen. Nur ein ganz kleiner Unterschied im Costüm zeichnete die Häuptlinge vor den andern aus. Alle schienen sich frei und ungezwungen unter einander zu bewegen, obgleich ich bemerkte, daß die Wünsche eines Häuptlings, selbst wenn sie im mildesten Tone ausgesprochen, mit demselben augenblicklichen Gehorsam ausgeführt wurden, welcher an andern Orten nur einem gebieterischen Befehl gezollt werden würde. Wie weit die Herrschaft der Häuptlinge über die andern Wilden des Stammes sich erstreckte, wage ich nicht zu behaupten; aber nach allem, was ich während meines Aufenthaltes im Thale sah, bin ich geneigt anzunehmen, daß sie in Sachen, welche die allgemeine Wohlfahrt betrafen, sehr beschränkt waren. Die ihnen gebührende Ergebenheit wurde übrigens willig und freudig bewiesen und da alle Auszeichnung sich vom Vater auf Sohn vererbte, so [113] glaube ich, daß hohe Geburt hier, wie an andern Orten Achtung und Gehorsam bewirken.

Die Staatseinrichtungen auf den Marquesas-Inseln scheinen in dieser, wie in anderer Hinsicht gerade denen von O’Tahaiti und Haiwai entgegengesetzt, wo die ursprüngliche Gewalt des Königs und der Häuptlinge noch viel despotischer ist, als die eines Tyrannen in civilisirten Ländern. In O’Tahaiti schien es den unteren Klassen unbedingten Tod zu bringen, sich ohne Erlaubniß dem Schatten von des Königs Hause zu nähern, oder der dem Könige bestimmten Speise nicht die angeordnete Ehrenbezeugung angedeihen zu lassen, wenn sie von seinem Boten an ihnen vorbeigetragen wurde. Auf den Sandwich-Inseln hatte Kaahumanu, die riesige alte Königin-Wittwe – ein Weib von beinahe vierhundert Pfund Gewicht, das noch in Mowee leben soll – die Gewohnheit, in ihren schrecklichen Anflügen von Leidenschaftlichkeit einen Mann von gewöhnlicher Statur, der sie beleidigt hatte, aufzuheben und mit einem Schwunge seines ganzen Körpers sein Rückgrath an einem Baumstamm zu zerschmettern. Unglaublich, wie dies scheint, ist es dennoch eine Thatsache. Als ich in Lahainaluna, der Residenz dieser furchtbaren Xantippe war, wurde mir ein unglücklicher Krüppel gezeigt, dessen Rückgrath durch seine zarte Herrin fünf und zwanzig Jahre früher, auf diese Weise arg verletzt worden war.

Die eigenthümlichen Grade des Ranges unter den verschiedenen [114] Häuptlingen von Typie konnte ich nicht immer unterscheiden. Vor dem Kalebassenfeste war ich verlegen gewesen, welchen Rang ich eigentlich dem Mehevi zuschreiben sollte, aber die bedeutende Rolle, welche er bei dieser Gelegenheit spielte, überzeugte mich, daß unter den Bewohnern des Thales Niemand einen höhern Rang habe, als er. Ich hatte immer eine gewisse Ergebenheit gegen ihn von Seiten aller derer gesehen, welche mit ihm in Berührung kamen. Wenn ich aber bedachte, daß meine Wanderungen auf einen verhältnißmäßig kleinen Theil des Thales beschränkt waren, und daß nach der Seeseite hin, einige ausgezeichnete Häuptlinge wohnten, von denen einige mich zu verschiedenen Zeiten in Marheyo’s Hause besucht hatten und welche ich bis zum Feste nie in Mehevi’s Gesellschaft gesehen hatte, so war ich geneigt anzunehmen, daß sein Rang doch wol nicht sehr hoch war.

Die Festlichkeiten brachten indeß alle die Krieger, welche ich zu verschiedenen Zeiten einzeln und in Gruppen gesehen hatte, zusammen. Unter ihnen bewegte sich Mehevi mit einem leichten Ansehen des Übergewichts, welches nicht mißdeutet werden konnte, und er, den ich bisher nur als den gastfreien Wirth des Ti und einen der Kriegsführer des Stammes betrachtet hatte, stieg jetzt in meinen Augen zu der Würde eines Königs. Sein überraschendes Costüm, wie seine natürliche befehlende Gestalt schienen ihm über die andern [115] des Stammes ein Übergewicht zu geben. Der hohe Helm von Federn, den er trug, ließ ihn alle Andern an Höhe überragen und obgleich einige Andere auf ähnliche Weise geschmückt waren, so standen doch die Federn, welche sie trugen, den seinigen an Länge und Schönheit sehr nach. Mehevi war in der That der Höchste von den Häuptlingen, das Haupt seines Stammes, der Fürst des Thales, und die Einfachheit der gesellschaftlichen Einrichtungen des Volkes erhellt wol am deutlichsten daraus, daß ich nach wochenlanger, täglicher Berührung mit Mehevi bis zur Zeit des Festes noch unbekannt mit seiner königlichen Würde war. Nun aber war mir ein Licht aufgegangen. Der Ti war der Palast und Mehevi der König, Schloß und Herr von der einfachsten, patriarchalischsten Erscheinung und durchaus frei von dem pomphaften Ceremoniel, welches gewöhnlich den Purpur umgiebt.

Als ich diese Entdeckung gemacht hatte, konnte ich nicht umhin mir Glück zu wünschen, daß Mehevi mich vom ersten Augenblick an, so zu sagen, unter seinen königlichen Schutz genommen hatte, und immer noch, so weit ich nach dem Scheine urtheilen konnte, fortfuhr, mir die wärmsten Gefühle von Achtung und Liebe zu bewahren. Ich entschloß mich, ihm künftig die ausgesuchteste Aufmerksamkeit zu beweisen, denn ich hoffte, durch seine Güte gelegentlich meine Freiheit wieder zu erhalten.


[116]
Capitel XXVI.

König Mehevi – Erwähnung seiner Haiwaischen Majestät – Benehmen Marheyo’s und Mehevi’s in gewissen zarten Angelegenheiten – Eigenthümliches System der Ehe – Zahl der Bevölkerung – Gleichförmigkeit – Einbalsamiren – Begräbnißplätze – Begräbnißfeierlichkeiten in Nukuheva – Zahl der Bewohner von Typie – Lage der Wohnungen – Glück im Thale – Eine Warnung – Einige Gedanken mit Bezug auf die Civilisation der Inseln – Vergleich mit dem gegenwärtigen Zustande der Haiwianer – Anekdote von der Frau eines Missionärs – Elegante Fuhrwerke in Oahu – Betrachtungen.

König Mehevi! – Ein schönklingender Titel! – und warum sollte ich ihn nicht dem vornehmsten Manne des Thales von Typie geben? Die republikanischen Missionäre von Oahu lassen im Hofjournale, welches in Honolulu erscheint, die allerunbedeutendsten Bewegungen „Sr. Majestät des Königs Kammehammaha des Dritten und Ihrer Hoheiten [117] der Prinzen von Geblüt“ besprechen[5]. – Und wer ist „Se. Majestät?“ und welches die Art des sogenannten „Geblütes?“ – „Se. Majestät“ ist ein fetter, fauler Dummkopf von negerartigem Aeußeren, mit eben so wenig Charakter als Macht. Er hat die edlen Züge des Barbaren verloren, ohne sie durch die edle Grazie civilisirter Wesen zu [118] ersetzen, und ist, obgleich ein Mitglied der Haiwai-Mäßigkeitsgesellschaft, der eingefleischteste Schnapstrinker.

Das „Geblüt“ ist erstaunlich dick und wenig flüssig, hauptsächlich durch rohen Fisch, schlechten Cognac und europäische Süßigkeiten erzeugt, und bewirkt eine Menge verschiedener Ausschlagskrankheiten, die sich in vielen kleinen Geschwüren und Blüthen auf dem erhabenen Gesichte „Sr. Majestät“ selbst und den engelartigen Physiognomien der „Prinzen und Prinzessinnen von Geblüt“ zeigen.

Wenn nun die possenhafte Puppe eines ersten Häuptlings auf den Sandwich-Inseln den Titel König erhält, warum sollte man ihn dem edlen Wilden Mehevi vorenthalten, der desselben tausendmal würdiger ist? Heil Dir daher, Mehevi, König des cannibalischen Thales, und langes Leben Seiner typieschen Majestät! Möge der Himmel ihn viele Jahre erhalten, den unerschütterlichen Feind von Nukuheva und der Franzosen, wenn eine feindliche Stellung seinen lieblichen Wohnort vor dem schamlosen Einfluß der Südseecivilisation bewahren soll!

Ehe ich die tanzenden Wittwen gesehen, hatte ich keine Idee, daß irgend eheliche Verhältnisse in Typie beständen und ich hätte eben so leicht an eine platonische Liebe zwischen den beiden Geschlechtern geglaubt, als an das feierliche Bündniß von Mann und Weib. Freilich waren da der alte Marheyo und Tinora, welche eine Art von ehelichen Verständnisses [119] zu unterhalten schienen; aber dessen ungeachtet hatte ich bisweilen einen komisch aussehenden alten Herrn, in einem Anzug von schäbiger Tättowirung, bemerkt, welcher die Kühnheit hatte, sich gewisse Freiheiten mit der Dame herauszunehmen, und zwar in Gegenwart des alten Kriegers, ihres Ehemannes, welcher so gutmüthig zusah, als ob nichts vorginge. Dieses Betragen verwirrte mich mehr als irgend etwas Anderes, was ich in Typie sah, bis mich spätere Entdeckungen über die wahren Verhältnisse aufklärten.

Was Mehevi betraf, so hatte ich ihn für einen eingefleischten Hagestolz, wie die meisten der vornehmsten Häuptlinge gehalten; jedenfalls, wenn sie Weiber und Kinder hatten, so hätten sie sich ihres Benehmens schämen sollen, denn es ist gewiß, daß sie sich nie um häusliche Angelegenheiten bekümmerten. In der That, Mehevi schien der Präsident eines Klubbs von heiteren Gesellen zu sein, welche in großem Stile im Ti eine Junggesellenwirthschaft führten. Ich hatte keinen Zweifel, daß sie Kinder als überflüssige Lasten betrachteten, und ihre Begriffe von häuslicher Glückseligkeit zeigten sich hinreichend durch die Thatsache, daß sie keiner diensteifrigen Haushälterin erlaubten, ihre netten, kleinen Einrichtungen, die sie in ihrem wohnlichen Hause gemacht hatten, um und um zu kehren. Ich hatte indeß einige dieser lustigen Junggesellen stark im Verdacht, daß sie Liebesintriguen mit den Mädchen des Stammes verfolgten, [120] obgleich sie dieselben nicht öffentlich anerkannten. Ich überraschte zufällig Mehevi drei bis vier Male, als er auf eine, eines Kriegerkönigs durchaus unwürdige Weise, mit einer der hübschesten kleinen Hexen im Thale koste; sie wohnte mit einem alten Weibe und einem jungen Manne in einem Hause in der Nähe von Marheyo’s Wohnung, und obgleich dem Anscheine nach selbst nicht mehr als ein Kind, hatte sie einen wunderschönen Knaben, der eine überraschende Ähnlichkeit mit Mehevi besaß, welchen ich bestimmt für den Vater gehalten haben würde, wenn nicht der Umstand, daß das kleine Kerlchen kein Dreieck im Gesicht hatte, mich irre gemacht hätte; – aber wenn man’s recht bedenkt, ist ja Tättowirung nicht erblich. Mehevi war übrigens nicht die einzige Person, welcher das Dämchen Moonoony lächelnd begegnete; der junge Mensch von funfzehn Jahren, welcher immer in demselben Hause mit ihr wohnte, war entschieden ihr Liebling. Zuweilen sah ich sowol ihn als den Häuptling zu gleicher Zeit die Cour machen. Ist es möglich, dachte ich, daß der tapfere Krieger nur einen Gedanken an den Gegenstand seiner Liebe einem Andern erlaubt? Auch dieses war ein Geheimniß, welches mit andern ähnlichen später befriedigend erklärt wurde.

Im Laufe des zweiten Tages des Kalebassenfestes hatte Kory-Kory, welcher fest entschlossen war, mir einige Einsicht in diese Dinge zu verschaffen, meine Aufmerksamkeit, im [121] Verlauf seiner Erklärungen, auf eine Eigenthümlichkeit gelenkt, welche ich oft bei vielen der Weiber bemerkt hatte, namentlich bei denen von vorgerückterem Alter und gesetzterem Ansehen. Diese bestand darin, daß ihre rechte Hand und ihr linker Fuß außerordentlich sorgfältig tättowirt waren, während der übrige Theil des Körpers von den Einwirkungen dieser Kunst frei, nur die kleinen Fleckchen auf den Lippen und die unbedeutenden Bänderchen auf den Schultern zeigte, deren ich früher erwähnte als der ganzen Tättowirung Fayawa’s und der andern jungen Mädchen ihres Alters im Thale. Diese Verzierungen von Hand und Fuß waren, nach Kory-Kory’s Mittheilung, das Zeichen des Ehebündnisses, so weit nämlich diese sehr empfehlenswerthe, gesellschaftliche Einrichtung bei diesem Volke bestand. Es entspricht demselben Zwecke wie der einfache, goldne Ring, den Eheleute bei uns tragen. Nachdem Kory-Kory diese Erklärung der Sache gegeben hatte, benahm ich mich mit der gesuchtesten Aufmerksamkeit in Gegenwart solcher Weiber, und wagte nie, mir nur die kleinste Annäherung an Liebelei mit ihnen zu erlauben; um keinen Preis hätte ich verheiratheten Frauen zu nahe treten mögen.

Fernere Beobachtungen der eigenthümlichen, häuslichen Sitten der Thalbewohner hoben indeß bis zu einem gewissen Grade die Strenge meiner Bedenklichkeiten und bewiesen mir, daß ich wenigstens in einigen meiner Schlüsse mich [122] geirrt habe. Es existirt unter den Insulanern ein regelmäßiges System der Polygamie; aber von einer ganz außergewöhnlichen Art, – nämlich einer Mehrheit der Gatten statt der Weiber, und diese einzige Thatsache erzählt mehr, als Bände sagen könnten, von dem freundlichen Charakter der männlichen Bevölkerung. Wie könnte sonst nur einen einzigen Tag eine solche Einrichtung bestehen? Man denke sich eine Revolution in einem türkischen Serail und den Harem zur Wohnung von bärtigen Männern gemacht, – oder irgend ein schönes Weib in unserm eignen Lande, verzweifelt bei dem Anblicke, daß ihre zahlreichen Liebhaber sich aus Eifersucht über die ungleiche Vertheilung ihrer Gunstbezeugungen gegenseitig umbrächten! Der Himmel bewahre uns vor solch einem Zustande! Wir sind kaum sanft und liebenswürdig genug, um uns demselben zu unterwerfen.

Ich war nicht im Stande, ausfindig zu machen, welche besondere Ceremonie bei dem Abschluß eines Ehebündnisses vollzogen wurde, bin aber geneigt anzunehmen, daß sie sehr einfacher Art war. Vielleicht folgte dem bloßen „Anhalten“, wie es bei uns heißt, das Band der Ehe unmittelbar. Jedenfalls habe ich Ursache genug zu glauben, daß lange Liebeleien im Thale von Typie unbekannt sind.

Die Männer sind viel zahlreicher als die Frauen, dies ist auch auf vielen andern Inseln von Polynesien der Fall, gerade umgekehrt wie in den meisten civilisirten Ländern. [123] Die Mädchen werden zuerst in sehr frühem Alter von irgend einem Jungen in dem Hause, wo sie wohnen, erbeten und gewöhnlich erhalten. Dies ist übrigens ein bloßes Spiel der Neigung, und es wird kein förmlicher Verlöbnißbund geschlossen. Wenn diese erste Liebe ein Wenig nachgelassen hat, stellt sich ein zweiter Liebhaber von reiferen Jahren ein, und führt dann sowol den Knaben, als das Mädchen nach seiner eigenen Wohnung. Dieser uneigennützige, edelmüthige Mensch heirathet nun das junge Paar, indem er Dämchen und Liebhaber zu gleicher Zeit nimmt und fortan leben alle Drei so einträchtig zusammen, wie die Täubchen. Mir sind wol Fälle vorgekommen, daß in der civilisirten Welt Männer unbedächtig ganze Familien mit ihren Frauen heirathen, aber ich hatte keine Idee, daß es irgend einen Ort gäbe, wo Leute noch einen Extra-Ehemann heiratheten. Untreue ist auf beiden Seiten sehr selten. Kein Mann hat mehr als ein Weib, und kein Weib von reiferen Jahren hat weniger als zwei Gatten, – bisweilen hat sie drei, aber solche Beispiele sind nicht häufig. Das eheliche Band, welcher Art es auch sein mag, scheint nicht unauflöslich, denn Trennungen kommen zuweilen vor; wenn aber solche stattfinden, machen sie keinen der Theile unglücklich und keine Streitigkeiten gehen ihnen voraus, aus dem einfachen Grunde, daß ein mißhandeltes Weib oder ein Ehemann unter dem Pantoffel nicht nöthig hat, eine hohe Abgabe zu zahlen, um eine Ehescheidungserlaubniß [124] zu erhalten. Da nichts einer Trennung im Wege steht, so ist das Ehejoch leicht und angenehm, und eine Ehefrau in Typie lebt auf sehr freiem, geselligen Fuße mit ihrem Gatten. Im Ganzen scheint der Ehestand, wie er unter den Typies bekannt ist, viel toleranter zu sein, als gewöhnlich bei barbarischen Völkern der Fall ist. Eine schändende, heimliche Berührung der Geschlechter wird hierdurch vermieden und Tugend wird, ohne laut gerühmt zu werden, so zu sagen unbewußt geübt.

Der Unterschied, der mit Bezug auf die Ehe, zwischen den Marquesas-Insulanern und den Bewohnern der andern Inseln des stillen Meeres herrscht, verdient beachtet zu werden. Auf O’Tahaiti ist das Band der Ehe durchaus unbekannt und man kann kaum sagen, daß eine Verwandtschaft zwischen Mann und Weib, Vater und Sohn besteht. Die Arreory-Gesellschaft, eine der sonderbarsten Stiftungen, die in irgend einem Theile der Welt je bestanden, verbreitete allgemeine Ausschweifung über die Insel; es war der wollüstige Charakter dieser Leute, welche die durch die Schiffe De Bougainvilles im Jahre 1768 unter ihnen eingeführte Krankheit doppelt schrecklich machte. Sie überfiel sie wie eine Pest und raffte sie hundertweise fort.

Trotz des Bestehens des Ehebündnisses unter den Typies scheint das Gebot der Schrift: seid fruchtbar und mehret Euch, nicht eifrig befolgt zu werden. Ich habe nie eine dieser [125] großen arithmetisch oder stufenleiterweise fortschreitenden Familien gesehen, die man bei uns so häufig sieht. Ich habe nie mehr als zwei Kinder in demselben Hause leben sehen und diese Zahl sogar nur selten. Was die Weiber betrifft, so lag es auf der Hand, daß die Sorgen der Kinderstube nur selten die Heiterkeit ihrer Seele trübte und nie sah man sie mit vielen Kindern im Thale umher gehen, die an ihren Schürzenbändern oder besser dem Brotbaumblatte festhielten, welches sie gewöhnlich hinten am Gürtel trugen.

Das Zunehmen der Bevölkerung ist sehr gering bei allen polynesischen Stämmen, und an einigen Orten, welche noch nicht durch die Berührung mit Europäern entweiht wurden, übersteigt die Zahl der Geburten die Zahl der Todesfälle nur um ein sehr Geringes, so daß die Bevölkerung in solchen Fällen selbst durch mehrere Menschenalter sich fast nicht ändert, selbst auf den Inseln, die fast nie durch Kriege verwüstet werden, und unter den Völkern, wo das Verbrechen des Kindesmordes noch ganz unbekannt ist. Es scheint dies eigens von der Vorsehung angeordnet zu sein, um die Übervölkerung der Inseln mit einer Menschenrace zu vermeiden, die zu träge ist, um den Boden anzubauen und schon aus dieser Ursache bei einer bedeutenden Zunahme dem schrecklichsten Elende preisgegeben sein würde. Während der ganzen Zeit meines Aufenthaltes im Thale von Typie sah [126] ich nicht über zehn bis zwölf Kinder unter sechs Monaten und hörte nur von zwei Geburten.

Dem Umstande, daß auf den Sandwich-Inseln und O’Tahaiti das Ehebündniß unbekannt ist, muß man die rasche Abnahme der Bevölkerung dieser Inseln zuschreiben. Die Laster und Krankheiten, welche bei diesen unglücklichen Völkern eingeführt wurden, steigern jährlich die gewöhnliche Sterblichkeit auf ihren Inseln, aus derselben Ursache aber nimmt die ursprüngliche, kleine Zahl der Geburten verhältnißmäßig ab. So schreiten die Haiwianer und O’Tahaitier schrecklich schnellen Schrittes gänzlicher Ausrottung entgegen.

Ich habe früher gelegentlich gesagt, daß ich nie irgend Zeichen von gewöhnlichen Begräbnißplätzen im Thale sah, ein Umstand, den ich damals mir dadurch erklärte, daß ich in einem gewissen Theile des Thales wohnte und es mir verboten war, meine Wanderungen nach der See hinab auszudehnen. Später habe ich es indeß für wahrscheinlich gehalten, daß die Typies entweder aus dem Wunsche, die Zeichen der Sterblichkeit von sich fern zu halten, oder von einem Geschmack an ländlicher Schönheit angetrieben, einen reizenden Friedhof in irgend einem schattigen Winkel am Fuße der entfernteren Gebirge haben mochten. In Nukuheva wurden mir zwei bis drei viereckige Pi-Pi’s, welche von regelmäßigen steinernen Mauern umgeben und im Schatten der dichten Äste ungeheurer Bäume fast den Blicken entzogen [127] waren, als der Begräbnißplatz gezeigt. Die Leichname, sagte man mir, würden in rohe Gewölbe unter den Steinhaufen niedergelegt und man ließe sie dort liegen, ohne sie zu begraben; obgleich nichts sonderbarer und düsterer sein konnte, als der Anblick des Ortes, wo die hohen Bäume ihre dunklen Schatten über rohe Steinblöcke warfen, so würde doch ein Fremder, der sie gesehen hätte, an ihnen nicht die Zeichen eines Begräbnißplatzes entdeckt haben.

Da während meines Aufenthaltes im Thale Keiner der Bewohner desselben so gefällig war, zu sterben und sich begraben zu lassen, um meine Neugier, ihre Begräbnißfeierlichkeiten kennen[WS 5] zu lernen, zu befriedigen, so blieben mir dieselben leider ganz unbekannt. Da ich indessen Ursache habe, anzunehmen, daß die Feierlichkeiten bei den Typies bei solchen Gelegenheiten dieselben sind, wie bei den andern Stämmen der Insel, so will ich hier einen Auftritt schildern, bei dem ich zufällig in Nukuheva Zeuge war.

In einem Hause, nahe an der Küste, war ein junger Mann gegen Tagesanbruch gestorben. Ich war des Morgens ans Land geschickt worden und sah ziemlich viel von den Vorbereitungen, welche zu seinem Begräbniß getroffen wurden. Der Leichnam war sorgfältig in weißen Tappa gehüllt, auf einer Bahre von künstlich geflochtenen, elastischen Bambusrohren in einer offenen Hütte von Cocosästen ausgestellt. Die Bahre stand etwa zwei Fuß über dem Boden auf vier [128] aufrecht eingepflanzten Stäben von dickem Zuckerrohr. Zwei Weiber von betrübtem Äußeren wachten bei derselben, sangen traurige Gesänge und fächelten dem Todten mit Grasfächern, welche mit Pfeifenthon weiß gefärbt waren. In dem nahen Wohnhause war eine zahlreiche Gesellschaft versammelt und man bereitete verschiedene Nahrungsmittel zu. Zwei bis drei Individuen, welche einen Kopfschmuck von sehr schönem Tappa und eine große Zahl von Verzierungen trugen, schienen als Ceremonienmeister zu dienen. Gegen Mittag hatte das Fest wirklich begonnen und man sagte uns, es würde die ganzen beiden folgenden Tage dauern. Mit Ausnahme Derer, welche beim Leichnam trauerten, schienen alle den Gedanken an den neulichen Verlust mit gesellschaftlichen Genüssen betäuben zu wollen. Die Mädchen zierten sich mit ihren wilden Schmucksachen und tanzten, die Greise sangen, die Krieger rauchten und schwatzten und die Jungen und Heitern beiderlei Geschlechts aßen viel und schienen sich so freudig zu unterhalten, als wären sie bei einer Hochzeit.

Die Insulaner verstehen die Kunst des Einbalsamirens und üben sie mit solchem Erfolg, daß die Leichname ihrer großen Häuptlinge oft Jahrelang in denselben Häusern bewahrt werden, wo sie starben. Ich sah bei meinem Besuche in der Bucht von Tior drei solcher Mumien; die eine war in ungeheure Falten von Tappa eingehüllt, welche nur das [129] Gesicht frei ließen und hing aufrecht an der Seitenwand des Hauses. Die anderen lagen ausgestreckt auf Bahren von Bambusrohr in offenen, hochgelegenen Tempeln, welche ihrem Gedächtniß geweiht schienen. Die Köpfe von erschlagenen Feinden werden ohne Ausnahme balsamirt und als Siegeszeichen im Hause des Siegers aufbewahrt. Ich bin nicht mit dem Verfahren vertraut, welches man gewöhnlich anwendet, glaube aber, daß Räucherung wol das hauptsächlich angewandte Mittel ist. Alle Überbleibsel, welche ich sah, hatten das Ansehen von Schinken, die eine Zeitlang im Rauchfang gehangen haben.

Um aber von den Todten zu den Lebendigen zurückzukehren, so hatte das letzte Fest, wie ich Ursache hatte anzunehmen, die ganze Bevölkerung des Thales versammelt und ich war daher im Stande einigermaßen die Zahl derselben zu schätzen. Ich denke, es waren etwa zweitausend Bewohner in Typie und keine Zahl hätte der Ausdehnung des Thales besser entsprechen können. Das Thal war ungefähr neun englische Meilen lang, und mochte durchschnittlich eine Meile breit sein. Die Häuser lagen in weiten Zwischenräumen durch das ganze Thal hin verstreut, hauptsächlich aber gegen das Ende desselben hin. Es sind keine Dörfer da: Die Häuser stehen hie und da im Schatten der Wäldchen oder an den Ufern des schlängelnden Stromes, die goldfarbigen Seiten der Bambusgebäude und die glänzend weißen Dächer [130] bilden einen schönen Contrast gegen das ewige Grün, von dem sie umgeben sind. Straßen giebt es gar nicht im Thale, nur ein Labyrinth von Fußsteigen, welche in den verschiedensten Richtungen die zahlreichen Dickichte durchschneiden.

Die Mühen des Herbstes fühlt man nur sehr wenig im Thale von Typie, denn mit der einzigen Ausnahme des Lichtanzündens sah ich nie eine Arbeit, welche nur einen einzigen Schweißtropfen auf der Stirne des Arbeitenden bewirkt hätte. Mühe und Arbeit um das tägliche Brot sind ganz unbekannte Dinge. Die Natur hat den Brotbaum und die Banane gepflanzt und zur rechten Zeit bringt sie ihre Früchte zur Reife, und der müssige Wilde hat nur seine Hand auszustrecken und seinen Appetit zu befriedigen.

Armes Volk! Mir schaudert, wenn ich an den Wechsel denke, den wenige Jahre in diesem paradisischen Aufenthaltsorte bewirken werden, und wahrscheinlich werden die edelmüthigen Franzosen, wenn erst die entwürdigendsten Laster und die schrecklichsten Ausgeburten der Civilisation allen Frieden und alles Glück aus dem Thal vertrieben haben werden, der Welt großprahlerisch zurufen, daß die Marquesas-Inseln dem Christenthum gewonnen wären! und dieses wird die katholische Welt ohne Zweifel als ein glorreiches Ereigniß betrachten. Der Himmel sei den „Inseln der Seen“ gnädig! Die Sympathie, welche die Christenheit für sie fühlt, hat sich leider in zu vielen Fällen als ihr Todesstoß erwiesen.

[131] Wie wenig begreifen viele dieser armen Insulaner, wenn sie sich umblicken, daß kein unbedeutender Theil ihres Elends in gewissen Theegesellschaften ihren Ursprung habe, in denen Herren mit wohlwollender Miene in weißen Halstüchern Almosen erbitten, und alte Damen mit Brillen und junge Damen mit gekünstelt einfachen Kleidern Groschenweise einen Fond zusammenbringen, dessen Zweck es ist, den geistigen Zustand der Polynesier zu heben, dessen Erfolg aber fast noch immer ihre zeitliche Vernichtung gewesen ist!

Man civilisire die Wilden, aber man civilisire sie mit Wohlthaten, nicht mit Übeln, man vernichte das Heidenthum, aber nicht dadurch, daß man die Heiden vernichte. Die Angelsachsen haben das Heidenthum im größten Theil des nordamerikanischen Continents ausgerottet, aber zugleich mit demselben auch den größten Theil der rothen Race. Die Civilisation reinigt die Erde nach und nach von den letzten Spuren des Heidenthums, leider aber zugleich auch von den Überbleibseln seiner unglücklichen Anhänger.

Kaum sind auf den Inseln von Polynesien die Götzenbilder umgestürzt, die Tempel vernichtet und die Götzendiener dem Namen nach zu Christen gemacht, so erscheinen Krankheiten, Laster und unzeitiger Tod. Das entvölkerte Land wird dann von den gierigen Horden aufgeklärter Individuen bezogen, welche sich in seinen Grenzen niederlassen und den Fortschritt der Wahrheit laut verkünden. Hübsche [132] Villas, gepflegte Gärten, geschorene Hecken, Kirchthürme und Kuppeln entstehen, während der arme Wilde bald ein Fremder im Lande seiner Väter wird und zwar an dem Fleck selbst, wo die Hütte stand, in der er geboren wurde. Die reichlichen Früchte der Erde, welche Gott in seiner Weisheit zur Erhaltung der trägen Eingebornen bestimmt hat, eignen sich die Fremden schamlos an und verzehren sie vor den Augen der verhungernden Insulaner, oder schicken sie an Bord der zahlreichen Schiffe, welche jetzt die Küsten berühren.

Sind die unglücklichen Halbverhungerten auf diese Weise von ihren natürlichen Nahrungsmitteln abgeschnitten, so heißen sie ihre Wohlthäter ihren Unterhalt im Schweiße ihres Angesichts zu verdienen! Aber keinem feinen Herrn, der zu erblichen Überfluß geboren, kann körperliche Arbeit schwerer fallen, als dem üppigen Indianer, der auf diese Weise der Gabe des Himmels beraubt wird. An ein träges Leben gewöhnt, kann und will er sich nicht anstrengen und Mangel, Krankheit, Laster, alles Übel fremden Ursprungs enden bald sein erbärmliches Leben.

Was aber schadet alles dieses? Seht nur die glorreichen Resultate! – Die Schrecken des Heidenthums sind dem reinen Ritus christlicher Gottesverehrung gewichen, – der unwissende Wilde ist durch den gebildeten Europäer ersetzt worden! Seht nur Honolulu, die Hauptstadt der Sandwich-Inseln! – eine Gemeinde von uneigennützigen Kaufleuten [133] und Frommen, freiwillig exilirten Herolden des Kreuzes. Am selben Ort, wo vor zwanzig Jahren das dunkelste Heidenthum herrschte. Welch ein Text für einen beredten Bibelgesellschaftsmann! Auch hat man solche Gelegenheit, Missionairberedtsamkeit zur Schau zu tragen, nicht unbenutzt vorüber gehen lassen! – Aber wenn diese Philantropen uns glühende Berichte von der einen Hälfte ihrer Arbeiten senden, warum verhindert sie ihre Bescheidenheit, auch die andere Hälfte des Guten, was sie bewirkt, zu veröffentlichen? – Erst als ich Honolulu besuchte, wurde mir die Thatsache bekannt, daß die überlebenden Eingeborenen zu Zugpferden civilisirt und zu Lastthieren evangelisirt worden sind. Aber dem ist so. Sie sind buchstäblich in Geschirr gespannt worden und ziehen die Fuhrwerke ihrer geistigen Lehrer, als wären sie Vieh!

Unter einer Menge solcher Fälle, welche ich sah, werde ich nie vergessen, wie eine starke Person mit rothem Gesichte, die Frau eines Missionärs, monatelang Tag für Tag in einem kleinen Handwagen ihre Spazierfahrten machte, welchen zwei Insulaner zogen, der Eine ein alter, greiser Mann, der Andere noch ein wilder, ungezogener Junge, Beide, mit Ausnahme des Feigenblattes, so nackt, wie bei ihrer Geburt. Auf ebenem Boden ging dieses zweifüßige Gespann in einem kurzen, hüpfenden Trab und der Junge lief wie ein [134] kluges Pferd zögernd, während der Alte die ganze Zeit sich anstrengte und die Arbeit allein that.

Die Dame sah, wenn sie durch die Straßen der Stadt in diesem edlen Fuhrwerk rollte, so prahlerisch umher, wie eine Königin, die in ihrem Galakleide zur Krönung fährt. Eine plötzliche Erhebung des Bodens, oder eine sandige Straße störten aber sehr bald ihre Heiterkeit. Die kleinen Räder versinken tief in den losen Boden, – der alte Zugmensch zieht und schwitzt, während der Junge nur hüpft und nichts thut, und der Wagen kömmt nicht einen Zoll vom Fleck. Wird die weichherzige Dame, welche Heimath und Freunde zum Besten der armen Seelen der Heiden verlassen hat, auch wol an ihren Körper denken und aussteigen, um dem unglücklichen alten Mann seine Last zu erleichtern, bis die Höhe erklommen ist? O nein! Nicht im Traume fiel ihr so etwas ein. Freilich dachte sie nie zu Hause daran, die Kühe ihres Pachthofes in Neu-England auf die Weide zu treiben, aber seitdem haben sich die Zeiten verändert; sie bleibt ruhig sitzen und brüllt „Hookee! Hookee!“ (Zieh! zieh!) Der alte Mann, über ihren Ton erschrocken, arbeitet sich mehr als je ab, und der Jüngere giebt sich den Anschein, als ob er sich sehr anstrengte, vergißt aber dabei nie, ein Auge auf die Herrin zu halten, um zu sehen, wann es Zeit ist, etwaiger Gefahr zu entspringen. Endlich verliert die alte Dame alle Geduld. „Hookee! Hookee!“ schreit sie [135] wieder, „hookee tata kannaka“ (zieht stark, Männer) – aber Alles vergebens! Und o traurige Nothwendigkeit, endlich muß sie doch absteigen und wirklich bis zur Spitze des Hügels gehen. In der Stadt, wo dieses Muster von Demuth lebt, ist eine geräumige und zierliche englische Kapelle, wo regelmäßig Gottesdienst gehalten wird. Zweimal an jedem Sonntage gegen Ende der Kirchzeit sieht man zwanzig bis dreißig kleiner Wagen vor dem Gebäude halten, jeden mit zwei Bedienten in der Livree der Nacktheit bespannt, welche die Entlassung der Gemeinde ruhig erwarten, um ihre Herrschaften nach Hause zu ziehen.

Um der leisesten Misdeutung irgend eines der in diesem Capitel oder in irgend einem andern Theil des Buches mitgetheilten Thatsachen vorzubeugen, muß ich hier bemerken, daß kein Christ möglicherweise gegen die Sache der Mission im abstracten Sinne etwas einzuwenden haben kann, es ist in der That eine gerechte und heilige Sache. Ist aber der große Zweck, dem man entgegenstrebt, geistig, so sind die Mittel, die man zur Erreichung dieses Zweckes anwendet, leider ausschließlich irdisch, und obgleich der Zweck viel Gutes zu thun verspricht, so können doch die Mittel demungeachtet Übles statt dessen bewirken. Missionsunternehmen sind, wie sehr sie der Himmel auch segnen mag, an und für sich nur menschlich, und wie alles Menschliche dem Irrthum und Misbrauch unterworfen; und haben sich nicht [136] Irrthümer und Misbräuche auch in die heiligsten Oerter eingeschlichen? und können nicht unwürdige oder unfähige Missionäre in der Fremde sein, so gut wie ähnliche Priester bei uns zu Hause gefunden werden? Können nicht Unwürdigkeit und Unfähigkeit derjenigen, welche auf fernen abgelegenen Inseln des stillen Meeres apostolische Funktionen übernehmen, eher dem Auge der Welt verborgen bleiben, als wenn sie sich mitten in einer Stadt zeigten? Es ist immer der Fehler der Kirche gewesen, in die Heiligkeit ihrer Apostel ein blindes Vertrauen zu setzen, sie ohne weiteres als unfehlbar zu betrachten, und, bei dem kleinsten Verdacht gegen ihren guten Wandel als Menschen oder Christen, zornig zu werden. Auch darf man sich hierüber nicht wundern, denn da das Christenthum von principlosen Feinden häufig angegriffen wird, so sind wir natürlich geneigt, jeden Vorwurf des Mangels an strengkirchlichem Betragen als aus Böswilligkeit und Mangel an Frömmigkeit entsprungen zu betrachten. Indeß soll mich selbst die Gefahr, so gedeutet zu werden, nicht davon abhalten, meine Meinungen ehrlich auszusprechen.

Bei den Missionen auf den Sandwich-Inseln ist in der praktischen Ausführung ihrer Aufgabe vieles durchaus falsch. Diejenigen, welche aus reinen frommen Absichten zur Ausführung dieses frommen Unternehmens beitragen, sollten darauf sehen, daß ihre Gaben, die durch viele abweichende [137] Canäle fließen, endlich doch ihren ursprünglichen Zweck, die Bekehrung der Haiwianer, erfüllten. Ich hebe dieses nicht hervor, weil ich an der Ehrlichkeit derer zweifle, welche die Fonds vertheilen, sondern weil ich weiß, daß sie nicht richtig verwendet werden. Hochtrabende Berichte von den Leiden der Missionäre und glühende Beschreibungen von Bekehrungen und Taufen im Schatten der Palmen zu lesen ist Eines; aber nach den Sandwich-Inseln zu gehen, und die Missionäre in malerischen, hübsch eingerichteten Korallen-Villas wohnen zu sehen, während die unglücklichen Eingebornen um sie her in Demoralisation untergehen, ist ein ganz Anderes.

Um aber gerecht gegen die Missionäre zu sein, räume ich willig ein, daß, wie groß auch das Übel, welches durch die falsche Verfahrungsart der Missionen im Ganzen und durch den Mangel an wirklicher Frömmigkeit bei einigen unter ihnen entstanden ist, der jetzige traurige Zustand der Sandwich-Inseln keinesweges durchgehend ihnen zum Vorwurf gemacht werden kann. Der demoralisirende Einfluß einer schlechten fremden Bevölkerung, und die häufigen Besuche aller Arten von Schiffen haben nicht wenig zur Steigerung des Übels beigetragen. Wie in allen Fällen, wo die Civilisation auf irgend eine Weise sich denen aufgedrängt hat, welche wir Wilde nennen, hat sie auch hier ihre Laster ausgestreut und ihre Segnungen vorenthalten.

[138] Der weise Shakesspeare hat gesagt, daß wer Böses meldet, bei seinem Geschäfte nur verlieren kann, und das wird auch wol mein Loos sein, indem ich den vertrauungsvollen Freunden der Haiwaischen Mission, mittheile, was in verschiedenen Theilen dieses Buches enthüllt worden ist. Ich bin indeß überzeugt, daß diese Enthüllungen ihrer Natur nach Aufmerksamkeit erregen müssen, und daher im Laufe der Zeit Veränderungen bewirken werden, die endlich zum Vortheil der Sache des Christenthums auf den Sandwich-Inseln ausfallen werden. Ich habe mit Bezug auf diesen Gegenstand nur noch eines hinzuzufügen, – die Dinge, welche ich hier als Thatsachen mitgetheilt habe, werden Thatsachen bleiben, trotz Allem, was die Bigotten und Ungläubigen dagegen sagen oder schreiben mögen; meine Betrachtungen über diese Thatsachen mögen indeß nicht frei von Irrthum sein; wenn dieses der Fall ist, so beanspruche ich nur diejenige Nachsicht, die ein Jeder verlangen kann, dessen Zweck es ist, Gutes zu thun.


[139]
Capitel XXVII.

Die gesellschaftliche Lage und der allgemeine Charakter der Typies.

Ich habe schon erwähnt, daß der Einfluß, welchen die Häuptlinge über die Bevölkerung des Thales ausübten, außerordentlich milde war, und daß, so viel ich habe beobachten können, auf der ganzen Insel nur das eine geheimnißvolle Wesen „Taboo“ als despotische, gesetzgebende Gewalt für das Volk sowol, als für den Einzelnen betrachtet werden konnte. Während meines Aufenthaltes unter den Typies wurde Niemand wegen Gesetz-Übertretung angeklagt oder gerichtet. Allem Anscheine nach gab es gar keine Gerichtshöfe; es gab keine Polizei, um unordentliche Umhertreiber zu bewachen, kurz es waren keine Einrichtungen vorhanden, um die Wohlfahrt der Gesellschaft zu schützen, der große Zweck civilisirter Gesetzgebung; und doch ging Alles im Thale mit einer Einigkeit und Sanftheit, die, ich wage es [140] zu behaupten, in den ausgewähltesten, gebildetsten und frömmsten Gemeinden des Christenthums vergebens gesucht werden dürfte. Wie sollen wir dieses Räthsel erklären? Diese Insulaner waren Heiden! Wilde! ja Cannibalen! und wie kamen sie dazu, ohne Hülfe eines feststehenden Gesetzes in so außerordentlichem Grade die gesellschaftliche Ordnung zu zeigen, welche die höchste Segnung und der größte Stolz menschlicher Gesellschaft überhaupt ist?

Man kann wol mit Recht fragen, wie wurden diese Völker regiert? wie wurden ihre Leidenschaften im täglichen Verkehr gezügelt? Es muß durch ein erbliches Princip der Ehrlichkeit und Milde gegen einander geschehen. Sie schienen durch jenes stillschweigende Gesetz des Gemeinsinns regiert zu werden, welches, was man auch über angeborne Neigung zum Bösen beim Menschen sagen mag, jedem Herzen deutlich eingeprägt ist. Die großen Principien von Tugend und Ehre, wie sie auch durch eigenmächtige Gesetzbücher verdreht werden mögen, sind in der ganzen Welt gleich, und wo diese Principien in Betracht kommen, erscheint Recht und Unrecht einer Handlung dem ungebildeten, wie dem aufgeklärten Geiste völlig gleich. Diesem uns innewohnenden, allgemein verbreiteten Vermögen, zu unterscheiden, was recht und edel ist, muß die Sanftmuth der Marquesas-Insulaner in ihrem Zusammenleben miteinander zugeschrieben werden. In den dunkelsten Nächten schliefen [141] sie sicher inmitten aller ihrer irdischen Habe, in Häusern, deren Thüren nie geschlossen waren, nie beunruhigten sie Gedanken an Diebstahl oder Mord, jeder Insulaner ruhte unter seinem eignen Palmettodache oder sonst im Schatten seines eignen Brotfruchtbaumes und Niemand belästigte oder störte ihn. Es gab im ganzen Thale nicht Schloß oder Riegel, noch irgend etwas, was demselben Zweck entsprochen hätte, dennoch war keine Gütergemeinschaft dort. Dieser lange Speer, so prächtig geschnitzt und so schön polirt, gehört dem Wormoonoo, er ist viel schöner, als der, auf welchen Marheyo so großen Werth legt, es ist das werthvollste Besitzthum des genannten Kriegers und doch habe ich ihn im Cocoswäldchen an einem Baum gelehnt gesehen und dort wurde er gefunden, als man ihn suchte. Hier ist ein Wallroßzahn, der mit sehr schönen Figuren beschnitzt ist: es ist das Eigenthum Karlunas; er ist das Werthvollste, was das Dämchen an Schmucksachen besitzt. In ihren Augen ist er viel mehr werth als Rubinen – und doch hängt der Zahnschmuck an einer Schnur von geflochtenem Bast in dem Hause des Mädchens, welches weit abgelegen im Thal liegt. Die Thür ist offen, und alle Hausbewohner sind ausgegangen, um sich im Strome zu baden.[6]

[142] So viel über die Achtung, welche „persönlichem Eigenthum“ in Typie gezollt wird. Wie sicher „festes Eigenthum“ sein mag, wage ich nicht zu bestimmen. Ob der Boden des Thales gemeinschaftliches Besitzthum der Bewohner oder unter einer gewissen Anzahl von Grundbesitzern vertheilt war, welche Jedem erlaubten, Früchte und Thiere, die sich darauf befanden, nach Lust und Belieben zu nehmen, konnte ich nicht erforschen; jedenfalls waren vergilbte Pergamente und Besitzakten auf der Insel durchaus unbekannt, und ich bin geneigt anzunehmen, daß nur die Natur den Einwohnern gegenüber die Lehnsherrin ihres breiten schönen Thales war, welche es ihnen überließ, so lange Gras wachsen und Wasser fließen würde, oder bis ihre französischen Heimsucher es durch ein summarisches Verfahren sich aneignen, und zu ihrem Vortheil und für ihre Nothdurft ausbeuten würden.

Gestern sah ich Kory-Kory sich, mit einer langen Stange [143] versehen, fortschleichen, mit welcher er die Früchte von den obersten Ästen der Bäume abschlug und in seinem Korbe von Cocosblättern nach Hause brachte. Heute sehe ich einen Insulaner, der, wie ich weiß, in einem entfernten Theile des Thales wohnt, genau dasselbe thun.

An dem schrägen Ufer des Stromes steht eine Anzahl von Bananenbäumen; oft habe ich zwanzig bis dreißig junge Leute unter den goldigen Büscheln eine heitere Ernte halten sehen und alle sprangen sie mit ihrer Beute lustig verschiedenen Theilen des Thales zu. Kein Knicker oder Filz konnte der Besitzer jenes Wäldchens von Brotfruchtbäumen oder dieser köstlichen, gelben Bananenbüschel sein.

Aus dem, was ich gesagt habe, geht hervor, daß im Thale von Thypie ein großer Unterschied zwischen „persönlichem“ und „festem“ Eigenthum gemacht wird. Einige Individuen sind natürlich viel reicher als andere. Der Dachrücken von Marheyo’s Hause zum Beispiel bog sich unter dem Gewichte mancher großen Rolle von Tappa, sein langes Lager ist mit siebenfach über einander gelegten schönen Matten geziert; vor dem Hause hat Tinora in ihrer Bambusspeisekammer, oder wie man den Ort nennen will, eine schöne Reihe von Kalebassen und hölzernen Gefäßen aufgestellt. Das Haus gleich am Wäldchen und dicht bei dem des Marheyo, welches Ruaruga bewohnt, ist nicht ganz so gut versehen; es hängen blos drei mäßige Tappapäckchen [144] am Dachrücken, es sind nur zwei Lagen von Matten auf dem Lager, und die Kalebassen und andern Gefäße sind weder so zahlreich, noch so geschmackvoll geschnitzt und gefärbt; aber Ruaruga’s Haus ist, wenn auch nicht so hübsch, doch jedenfalls eben so bequem wie Marheyo’s, und ich denke, wenn er wünschte, mit dem Hause seines Nachbars zu wetteifern, so würde er es ohne viele Mühe thun können. Dieses war der ganze sichtliche Unterschied in der Wohlhäbigkeit der Bewohner von Typie.

Die Civilisation umfaßt nicht alle Tugenden der Menschheit: sie hat nicht einmal ihren vollen Antheil derselben; sie blühen häufiger und erreichen größere Stärke unter vielen der barbarischen Völker. Die Gastfreundschaft des wilden Arabers, der Muth des nordamerikanischen Indianers und die treue Freundschaft einiger der polynesischen Stämme übertreffen bei Weitem ähnliche Regungen des Gefühls bei den gebildeten Völkern Europas; wenn Wahrheit und Gerechtigkeit und die bessern Regungen unseres Charakters nicht bestehen können, ohne durch ein Gesetzbuch erzwungen zu werden, wie können wir uns die gesellschaftliche Lage der Typies erklären? So rein und erhaben waren sie in allen Verhältnissen des Lebens, daß ich, obgleich ich ihr Thal mit den allerirrigsten Ansichten von ihrem Charakter betrat, bald erstaunt ausrufen mußte: „Sind dieses die blutdürstigen Wilden, die wüthenden Cannibalen, von denen ich [145] so Schreckliches gehört habe. Sie behandeln einander freundlicher und menschlicher als Manche, welche Abhandlungen über Tugend und Wohlwollen studiren, und welche jeden Abend das schöne Gebet wiederholen, welches zuerst von den Lippen des göttlichen und sanften Jesus floß.“ – Ich bekenne offen, daß, nachdem ich einige Wochen in diesem Thale der Marquesas-Inseln zugebracht hatte, ich höhere Begriffe von dem menschlichen Charakter bekam, als ich je zuvor gehabt hatte. Aber ach, seit jener Zeit bin ich Einer der Mannschaft eines Kriegsschiffes gewesen und die eingepferchte Schlechtigkeit von fünfhundert Menschen hat fast alle meine frühern Theorien umgestoßen.

Besonders ein bewundernswerther Zug im Charakter der Typies gewann ihnen mehr als irgend etwas Anderes meine Hochachtung: es war die Einigkeit des Gefühls und Urtheils, welche sie bei jeder Gelegenheit zeigten. Es schien unter ihnen kaum irgend eine Meinungsverschiedenheit zu bestehen; sie dachten und handelten Alle gleich. Ich glaube nicht, daß sie im Stande gewesen wären, eine Besprechung behufs der Ausgleichung verschiedener Meinungen nur einen einzigen Abend durchzuführen: es würde an Stoff zum Streit gefehlt haben; und sollten sie eine Zusammenkunft berufen, um die Lage des Stammes zu untersuchen, so würde diese Sitzung merkwürdig kurz ausfallen. Diesen Geist der Einigkeit zeigten sie in jeder Lage des Lebens: [146] Alles, was sie vornahmen, wurde einstimmig und in guter Cameradschaft beschlossen. Ich will ein Beispiel dieses brüderlichen Gefühls erzählen.

Eines Tages, als ich mit Kory-Kory von meinem gewohnten Besuch im Ti zurückkehrte, kamen wir an einer kleinen offnen Stelle im Wäldchen vorbei und mein Begleiter sagte mir, daß Nachmittags dort eine Wohnung von Bambusstäben gebaut werden sollte. Wenigstens hundert Eingeborne trugen Materialien herbei; Einige zwei bis drei Stäbe, welche die Seitenwände bilden sollten, Andere zarte Habiscuswurzeln, auf welche Palmettoblätter zum Dachdecken gereiht waren; ein Jeder trug etwas zu dem Werke bei und durch die vereinten, leichten, ja sogar trägen Handleistungen war das Ganze vor Sonnenuntergang beendet. Die Insulaner erinnerten mich, während sie dieses Gebäude errichteten, an eine Colonie arbeitender Biber; freilich waren sie nicht so schweigsam und still, wie diese wunderbaren Geschöpfe, auch lange nicht so fleißig, denn die Wahrheit zu gestehen, waren sie eher zur Faulheit geneigt; aber die lärmendste Heiterkeit herrschte vor, und sie arbeiteten so einig zusammen und schienen von einem Instinkt der Freundlichkeit angetrieben, der wahrhaft schön anzusehen war.

Nicht ein einziges Weib nahm Theil an dieser Beschäftigung, und wenn der Grad von Achtung, welcher dem lieblichen [147] Geschlecht durch die Männer gezollt wird, wie die Philosophen behaupten, der Maßstab der Bildungsstufe eines Volkes ist, so kann ich wahrlich die Typies als eine so gebildete Gemeinschaft hinstellen, wie je eine auf Erden lebte. Die religiösen Beschränkungen des „Taboo“ allein ausgenommen, konnten die Weiber des Thales jeder erdenklichen Neigung nach Belieben folgen. An keinem Orte der Welt macht man den Damen eifriger den Hof, nirgends werden sie höher geschätzt, als die Spender der reinsten Freuden, und nirgends sind sie sich ihrer Macht so bewußt. Ganz verschieden von der Lage der Weiber bei vielen rohen Nationen, wo dieselben alle Arbeit thun müssen, während die ungalanten Herren der Schöpfung in Trägheit untergehen, war das schöne Geschlecht im Thale von Typie von aller Arbeit befreit, wenn man überhaupt das Arbeit nennen kann, was selbst unter einem tropischen Himmel nie einen Schweißtropfen kostete. Die leichten häuslichen Beschäftigungen, die Tappabereitung, das Flechten von Matten und das Poliren von Trinkgefäßen waren die einzigen Arbeiten, welche die Weiber thaten, und selbst diese glichen mehr den Unterhaltungen, mit denen unsere feinen Damen die Muße ihrer Morgenstunden ausfüllen. Aber die munteren jungen Mädchen waren selbst mit diesen leichten und angenehmen Dingen äußerst selten beschäftigt. Diese launigen, sorglosen Dämchen waren aller nützlichen Beschäftigung entschieden [148] abgeneigt. Wie verzogene Schönheiten lustwandelten sie in den Wäldchen, badeten im Strome, tanzten, liebelten und führten alle möglichen kleinen Neckereien aus, so daß ihre Tage in reinem, gedankenlosem Glück dahinglitten.

Während meines ganzen Aufenthaltes auf der Insel sah ich nie einen einzigen Zank, noch irgend etwas, welches nur entfernt einem Wortstreit ähnlich gesehen hätte. Die Eingebornen schienen eine Familie auszumachen, deren Mitglieder durch die starken Bande der Liebe an einander gekettet waren. Verwandtschaftliche Liebe sah ich nicht so viel, denn sie schien in der allgemeinen Liebe aufzugehen, und wo Alle wie Bruder und Schwester behandelt wurden, war es schwer zu bestimmen, wer wirklich mit dem andern blutsverwandt war.

Man glaube nicht, daß ich in dieser Schilderung übertrieben hätte; dies ist nicht der Fall. Man sage auch nicht, daß die Feindseligkeit dieses Stammes gegen Fremde und die erblichen Fehden, welche er fortwährend mit den Stämmen jenseits der Berge führt, Thatsachen sind, die mich widerlegen; dem ist nicht so: die anscheinenden Widersprüche sind leicht ausgeglichen. Durch viele vom Vater auf Sohn vererbten Erzählungen von Gewalt und Unrecht, so wie durch Ereignisse, welche sich unter seinen Augen zugetragen haben, ist dieser Stamm dahin gelangt, die Weißen mit Abscheu zu betrachten. Porters grausames Eindringen in ihr Thal, [149] hat die Typies allein schon hinreichend gereizt und ich billige völlig den Geist, der den Krieger von Typie bestimmt, alle Eingänge in sein Thal mit eingelegtem Speere zu bewachen, und am Seestrande mit dem Rücken gegen seine grüne Heimath, den eindringenden Europäer in gehöriger Entfernung zu halten.

Über den Ursprung der Feindschaft dieses besonderen Stammes gegen die Nachbarstämme kann ich nicht so zuversichtlich sprechen. Ich sage nicht, daß ihre Feinde die Angreifer sind, noch versuche ich ihr Benehmen zu entschuldigen; aber gewiß ist es besser, wenn unsere Leidenschaften sich Luft machen müssen, daß sie über Fremde und Verbündete sich auslassen, als in der Gemeinde selbst, in welcher wir wohnen. In vielen gebildeten Ländern herrschen Streitigkeiten mit Nachbarn sowol, wie häusliche Feindschaft und zu derselben Zeit die blutigsten äußern Kriege. Wie viel weniger sind also unsere Insulaner zu verdammen, welchen man von diesen drei Sünden nur eine, und zwar die wenigst strafbare vorwerfen kann.

Der Leser wird bald Veranlassung haben, zu vermuthen, daß die Typies nicht ganz frei von der Schuld des Cannibalismus sind, und er wird mir dann vielleicht vorwerfen, daß ich ein Volk bewundere, dem ein solches schreckliches Verbrechen vorgeworfen werden kann. Aber diese einzige schwarze Seite ihres Charakters ist nicht halb so schrecklich, [150] wie sie gewöhnlich beschrieben wird. Nach der Meinung des großen Haufens werden die Mannschaften von Schiffen, die an barbarischen Küsten scheitern, von den rohen Bewohnern lebendig gefressen, und unglückliche Reisende in lachende und verrätherische Buchten gelockt, mit schweren Streitkolben erschlagen und unzubereitet zum Essen aufgetragen. Diese Berichte sind so schrecklich und unwahrscheinlich, daß viele vernünftige und wohlunterrichtete Leute überhaupt nicht glauben, daß es Cannibalen giebt, und jedes Reisebuch, welches Berichte über solche enthält, in eine Kategorie mit „Blaubart“ und „Jack der Riesentödter“ stellen, während Andere die übertriebensten Gerüchte begierig verschlingen und fest glauben, daß es in der Welt Völker gäbe, deren Geschmack so schlecht sei, daß sie einen einzigen Mundvoll Menschenfleisch einer guten Mahlzeit von Braten und Pudding vorziehen. Aber die Wahrheit, welche immer gern die goldene Mitte hält, liegt auch hier zwischen den beiden Extremen, denn Cannibalismus wird in gewissem, mäßigem Grade bei einigen ursprünglichen Stämmen im stillen Meere zu Zeiten vorkommen; sie werden aber nur die Körper erschlagener Feinde fressen und schauderhaft, wie diese Sitte ist, und wie sehr ich sie verabscheue und verdamme, so versichere ich doch, daß Diejenigen, welche ihr huldigen, in andern Beziehungen menschenfreundlich und tugendhaft sind.


[151]
Capitel XXVIII.

Fischfang – Art die Fische zu vertheilen – Mitternächtliches Banket – Stunden anzeigende Kerzen – Ungekünstelte Art den Fisch zu essen.

Bei keiner Gelegenheit zeigte sich der gesellige und freundliche Charakter der Typies klarer, als in der Art, wie sie ihre großen Fischzüge ausführen. Viermal, während meines Aufenthaltes im Thale, versammelten sich die jungen Leute bei Vollmond und gingen zusammen zu diesen Vergnügungen aus; da sie gewöhnlich acht und vierzig Stunden fort blieben, mußte ich annehmen, daß sie in einiger Entfernung von der Bucht die offene See suchten. Angel und Leine brauchen die Polynesier selten, sondern fast immer schön gemachte Netze, die sinnreich aus den gedrehten Fasern einer gewissen Bastart gemacht werden. Ich untersuchte einige derselben, welche in der Bucht von Nukuheva zum Trocknen am Strande ausgelegt waren. Sie waren unsern Reusen sehr ähnlich und ich hielt sie für fast eben so stark.

[152] Alle Südsee-Insulaner essen Fisch ungemein gern, kein Stamm aber lieber, als die Typies. Ich konnte daher nicht verstehen, warum sie ihn so selten in ihren Gewässern suchten, denn nur zu gewissen Zeiten wurden Fischzüge unternommen und man erwartete diese Fälle immer mit eben so viel Interesse als Ungeduld.

Während der Abwesenheit der jungen Leute war die Bevölkerung des Thales in einem förmlichen Fieber und man sprach von nichts als: „Pehee, Pehee!“ (Fisch, Fisch!) Wenn die Zeit herannahte, wo sie zurückkehren sollten, so trat der Vocaltelegraph in Wirksamkeit. – Die Eingebornen, welche durch die ganze Länge des Thals zerstreut waren, erklommen Felsen und Bäume, und jauchzten vor Freuden bei dem Gedanken an den Genuß, den sie erwarteten. Sobald das Herannahen der Fischer verkündet wurde, eilten alle Männer nach dem Strande hinab, mit Ausnahme einiger Weniger, welche am Ti zurückblieben, um Vorbereitungen zum Empfange der Fische zu machen, welche in ungeheuren Packeten von Bananenblättern nach dem Haine des Taboo gebracht wurden, deren jedes in der Mitte einer Stange von zwei Männern auf der Schulter getragen wurde.

Ich war bei einem solchen Ereignisse am Ti zugegen und der Anblick war höchst interessant. Nachdem alle Packete angelangt waren, wurden sie in einer Reihe in der Verranda des Gebäudes aufgestellt und geöffnet. Die Fische waren [153] alle sehr klein, gewöhnlich von der Größe eines Herings und von allen erdenklichen Farben. Etwa ein Achtel des Ganzen wurde zum Verbrauch im Ti zurückbehalten und der ganze Rest in zahlreiche kleine Päckchen vertheilt, welche sogleich in jeder Richtung bis zu den entferntesten Theilen des Thales befördert wurden. An ihrem Bestimmungsort angekommen, wurden diese wiederum in gleichen Theilen unter den verschiedenen Häusern jedes einzelnen Districts vertheilt. Die Fische waren unter dem strengen Schutze des Taboo, bis die ganze Vertheilung zu Ende war, welche auf das Unparteiischeste gemacht wurde. Auf diese Art genoß jeder Mann, jedes Weib und jedes Kind zur selben Zeit diese ihre Lieblingsspeise.

Einmal erinnere ich mich, daß die Fischer um Mitternacht zurückkehrten, aber die unzeitige Stunde beschränkte durchaus nicht die Ungeduld der Insulaner. Man sah die vom Ti ausgesandten Boten nach allen Richtungen durch die dunklen Haine forteilen; jedem derselben leuchtete ein Knabe mit einem Feuerbecken mit brennenden getrockneten Cocosästen, welche von Zeit zu Zeit wieder angefüllt wurden mit den Materialien, wie sie gerade am Wege lagen. Der flackernde Schein dieser ungeheuren Feuerbecken, welcher in den tiefsten Winkeln des Thales aufblitzte und unter dem dichten Baldachin der Baumkronen rasch hinglitt, das wilde Jauchzen der frohen Boten, welches ihr Herannahen verkündete und [154] von allen Seiten wiederhallte, und die sonderbare Erscheinung ihrer nackten Körper auf dem dunklen Hintergrunde, machten auf mich einen Eindruck, den ich nicht so bald vergessen werde.

Bei dieser Gelegenheit war es, daß Kory-Kory mich spät in der Nacht weckte, und mir die Neuigkeit, welche die Worte: „Pehee pemi“ (der Fisch kommt) enthielten, in einer Art von Entzückung mittheilte. Da ich zufällig in tiefem und erquickendem Schlummer lag, so konnte ich durchaus nicht begreifen, warum diese Meldung nicht bis zum Morgen aufgeschoben worden wäre, und war wirklich nahe daran, zornig zu werden und meinen Diener zu schlagen; als ich es aber recht bedachte, stand ich ruhig auf, ging vor das Haus und war nicht wenig erfreut über die wandernde Illumination, welche ich sah. Als der alte Marheyo seinen Antheil des Fanges erhielt, wurden sogleich Vorkehrungen zu einem mitternächtlichen Banket getroffen. Kalebassen wurden mit „Poee-Poee“ bis an den Rand gefüllt; man röstete grüne Brotfrüchte, zerschnitt mit einem Bambusspahne einen riesigen Kuchen von „Amar“ und legte die Stücke auf ein großes Bananenblatt.

Bei diesem Abendessen leuchteten uns junge Mädchen mit Kerzen, welche sie in den Händen hielten. Diese Kerzen sind sehr sinnreich gemacht. Es giebt im Thale in großer [155] Anzahl eine Nuß, welche die Typier „Armor“ nennen und welche unserer gewöhnlichen Roßkastanie sehr ähnlich ist. Ihre Schale wird zerschlagen und die Nuß ganz herausgenommen. Eine beliebige Anzahl dieser Nüsse wird auf den zähen Mittelnerv eines Cocosblattes aufgereiht; einige dieser Kerzen sind acht bis zehn Fuß lang; da sie aber völlig biegsam sind, so wird das eine Ende in einem Knäuel gehalten, während man das andere anzündet. Die Nuß brennt mit einer unruhigen bläulichen Flamme und das Öl, welches sie enthält, wird in etwa zehn Minuten verzehrt. Wenn die eine ausgebrannt ist, entzündet sich die zweite und die Asche der ersten wird in einer Cocosschale aufgefangen, welche zu diesem Behufe bereit steht. Diese Art von Kerze erfordert fortwährende Aufmerksamkeit und muß immer in der Hand gehalten werden. Die Person, welche so beschäftigt ist, beobachtet die Zeit nach der Zahl von Nüssen, welche verbrennen, welches sie leicht an den Streifchen Tappa abzählen kann, die in regelmäßigen Zwischenräumen an der Kerze angebracht sind.

Es thut mir leid, die Thatsache gestehen zu müssen, allein die Bewohner von Typie pflegten ihren Fisch etwa in der Weise zu verzehren, wie gebildetere Völker ein Radieschen essen würden und ohne weitere vorherige Zubereitung. Sie essen ihn roh, Schuppen, Gräten, Kiefern und alles Eingeweide [156] mit; sie fassen den Fisch am Schwanze und stecken den Kopf zuerst in den Mund, durch welchen das ganze Thier mit einer Schnelligkeit verschwindet, daß man verleitet wird, anzunehmen, er würde ungekaut verschlungen.

Roher Fisch! – werde ich je das Gefühl vergessen, welches mich befiel, als ich zuerst meine Inselschönheit einen verschlingen sah? O Fayawa, wie konntest Du doch je eine so gemeine Sitte annehmen? Indeß, nachdem die erste Überraschung vorüber war, wurde die Sitte weniger widerlich in meinen Augen, und ich gewöhnte mich an den Anblick. Man muß aber nicht annehmen, daß die liebliche Fayawa große gemeine Fische gegessen hätte: o nein, mit ihrer kleinen Hand ergriff sie ein zartes, kleines, goldfarbiges Fischchen und aß es so graziös und unschuldig, als wäre es ein feiner Leckerbissen gewesen. Aber ach, es war dennoch ein roher Fisch, und Alles, was ich sagen kann, ist, daß Fayawa ihn auf feinere Weise aß, als die andern Mädchen des Thales.

Ich halte das Sprichwort: „Man muß mit den Wölfen heulen,“ in so hohen Ehren, daß ich in Typie es mir zur Aufgabe machte, die Gewohnheiten der Typies anzunehmen. So aß ich „Poee-Poee“ auf ihre Weise; so ging ich umher in einem Gewande von der auffallendsten Einfachheit; so that ich noch manches Andere, was ihren eigenthümlichen Sitten entsprach; weiter aber bin ich in meiner Bemühung, [157] ihre Sitten anzunehmen, nie gegangen, als indem ich einen rohen Fisch aß. Da sie sehr zart und ganz klein waren, so war das Wagestück nicht so übertrieben groß und nach einigen Versuchen fing ich wirklich an, sie gern zu essen. Ich unterwarf sie aber einer kleinen Vorbereitung mit meinem Messer, ehe ich meine Mahlzeit machte.


[158]
Capitel XXIX.

Naturgeschichte des Thales – Goldfarbige Eidechsen – Zahmheit der Vögel – Mücken – Fliegen – Hunde – Eine Katze – Das Klima – Der Cocosbaum – Eigenthümliche Art ihn zu ersteigen – Ein gewandter junger Häuptling – Furchtlosigkeit der Kinder – Too-Too und die Cocosbäume – Vögel des Thales.

Ich bin dem Leser einige Aufklärungen über die Naturgeschichte des Thales schuldig.

Woher in aller Welt kamen die Hunde, welche ich in Typie sah? Hunde! – Ja, große glatte Ratten, alle mit sanften, glänzenden, fleckigen Fellen, dicken Gliedern und sehr unangenehmen Gesichtern; woher konnten sie gekommen sein? Ich bin fest überzeugt, daß sie ursprünglich nicht das Erzeugniß jener Gegenden waren. Sie schienen in der That zu wissen, daß sie Eindringlinge waren, denn sie sahen ordentlich verschämt aus, und versuchten immer sich in irgend einem dunklen Winkel zu verbergen; es war deutlich, daß [159] sie sich nicht im Thale zu Hause fühlten, sondern sich je eher je lieber fort und nach dem häßlichen Lande zurückversetzt wünschten, aus dem sie gekommen.

Häßliche Geschöpfe, ich hatte einen wahren Abscheu vor ihnen und hätte sie gern alle umbringen mögen. Wirklich schlug ich dem Mehevi einmal einen Kreuzzug gegen die Hunde vor, aber der wohlwollende König wollte nicht seine Zustimmung dazu geben. Er hörte mich sehr geduldig an, aber als ich geendigt hatte, schüttelte er das Haupt, und vertraute mir an, sie seien unter dem Schutze des Taboo.

Was die Katzen betrifft, so werde ich nie den Tag vergessen, als ich ungefähr um Mittag im Hause lag, während alles um mich her fest schlief, und als ich zufällig meine Augen auf die Thür warf, dem Blicke einer großen, schwarzen, gespensterartigen Katze begegnete, welche aufrecht auf der Schwelle saß und mich mit ihren feuersprühenden grünen Augäpfeln anstarrte, wie eines jener ungestalteten Gespenster, welche einige von Teniers Heiligen quälen. Ich bin einer jener unglücklichen Menschen, auf welche der Anblick einer Katze immer einen sehr unangenehmen Eindruck macht.

Von Natur also den Katzen im Allgemeinen sehr abgeneigt, war mir die Erscheinung dieser besonders überraschend und beunruhigend. Als ich mich ein wenig von ihrem Blicke erholt hatte, sprang ich auf, die Katze floh und hierdurch gereizt, [160] verfolgte ich sie aus dem Hause, aber sie war verschwunden; es war das einzige Mal, daß ich im Thal eine Katze sah und wie sie dahin kam, kann ich nicht begreifen. Möglicherweise kann sie einem der Schiffe in Nukuheva entlaufen sein. Es war ganz vergeblich, Aufschluß bei den Eingebornen zu suchen, da Keiner von ihnen das Thier gesehen hatte, dessen Erscheinen mir bis heute ein Geheimniß bleibt.

Unter den wenigen Thieren, welche man in Typie trifft, gab es keines, welches ich mit mehr Interesse betrachtete, als eine schöne goldfarbige Eidechsenart. Sie war vielleicht fünf Zoll lang vom Kopf bis zum Schwanz und außerordentlich schlank und graziös gebaut. Eine Menge dieser kleinen Geschöpfe sah man täglich in der Sonne auf den Dächern der Häuser liegen und zu jeder Stunde sah man ihre goldigen Seiten vor sich glitzern, wenn sie im Grase spielten oder in Masse Wettläufe nach oder von den Kronen der Cocosbäume machten, aber die außergewöhnliche Schönheit und die lebhaften Bewegungen dieser kleinen Thiere waren nicht die einzigen Dinge, welche meine Bewunderung in Anspruch nahmen; sie waren völlig zahm und furchtlos. Oft, wenn ich mich während der heißen Stunden des Tages an irgend einem schattigen Platz niederließ, kamen sie in Schaaren gelaufen und spielten auf mir herum. Verjagte ich eine von meinem Arm, so sprang sie mir in die Haare und versuchte ich sie durch sanftes Kneifen eines Beines zu [161] erschrecken, so wandte sie sich um Schutz an die Hand selbst, welche sie angriff.

Auch die Vögel sind außergewöhnlich zahm. Wenn man zufällig einen auf einem Zweige sitzen sah, den man fast mit der Hand hätte erreichen können und an[WS 6] ihn herankam, so flog er nicht gleich fort, sondern sah Einen ruhig an und wartete, bis man ihn fast berühren konnte und flatterte dann erst langsam fort, weniger erschrocken, als, wie es mir vorkam, aus dem Wunsche, Einem aus dem Wege zu gehen.

Ich erinnere einmal, daß auf einer unbewohnten Insel der Gallipagen ein Vogel sich auf meinen ausgestreckten Arm setzte, während das Männchen auf einem nahen Zweige zwitscherte. Seine Zahmheit machte mich nicht erschrocken, sondern erregte in mir ein Gefühl der Freude, wie ich es nie verspürt hatte, und mit innigem Vergnügen sah ich später die Vögel und Eidechsen von Typie ihr Vertrauen und ihre Liebe zum Menschen äußern.

Unter den vielen Leiden, welche die Europäer über einige der eingebornen Stämme der Südsee gebracht haben, ist die Einführung jenes Feindes aller Ruhe, jenes Störers aller friedlichen Gemüther, der Mücke. Auf den Sandwich-Inseln und zwei bis drei Inseln der Gesellschaftsgruppe findet man jetzt ganze Colonien von diesen Insecten, welche binnen Kurzem die ursprüngliche Sandfliege durchaus zu verdrängen drohen. Sie stechen, summen und plagen vom Anfang des [162] Jahres bis zum Ende und machen die wohlwollenden Arbeiten der Missionäre fast ganz wirkungslos, indem sie fortwährend die Eingebornen in Wuth versetzen.

Die Typies sind bis jetzt noch ganz frei von dieser argen Plage, aber die Stelle derselben vertritt unglücklicherweise bis zu einem gewissen Grade eine kleine Art von Fliegen, welche, ohne zu stechen, den Menschen doch unendlich plagen. Die Zahmheit der Vögel und Eidechsen ist gar nichts im Vergleich zu dem furchtlosen Vertrauen dieses Insectes. Es setzt sich auf die Augenlieder, bereitet sich dort zur Ruhe vor, wenn man es nicht stört, oder erzwingt sich einen Weg durch die Haare oder die Nasenlöcher, bis man fast glaubt, daß es das Gehirn selbst untersuchen wolle. Einmal war ich so unvorsichtig, zu gähnen, als mich ein Schwarm derselben umwirbelte, aber ich that es nicht zum zweiten Male. Mehr als ein halbes Dutzend schossen gleich in den offenen Raum und fingen an, an dem Gaumen hin und her zu spazieren, welches ein wahrhaft schreckliches Gefühl hervorrief. Unwillkürlich schloß ich den Mund; in der tiefen Dunkelheit, welche die kleinen Geschöpfe jetzt umgab, müssen sie den Weg vom Gaumen den Schlund hinab gefunden haben, denn keine von ihnen kam wieder zum Vorschein, als ich den Mund wieder öffnete, um sie herauszulassen.

Es giebt auf der Insel keine wilden Thiere irgend einer Art, wenn man nicht behauptet, daß die Eingebornen selbst [163] solche sind. Die Gebirge und das Innere der Insel bieten dem Auge nur schweigende Einöden dar, ungestört von dem Gebrüll der Raubthiere und mit selbst wenigen Zeichen von dem Vorhandensein kleiner Thierchen. Es giebt keine giftigen Reptilien oder Schlangen von irgend einer Art in einem der Thäler.

In einer Gesellschaft von Eingebornen auf den Marquesas-Inseln bietet das Wetter keinen Stoff zur Unterhaltung, man kann kaum von einem Wechsel desselben sprechen. Freilich bringt die Regenzeit häufige Schauer; aber sie sind nur periodisch und erfrischend. Wenn ein Insulaner, welcher einen Ausflug machen will, des Morgens von seinem Lager aufsteht, braucht er nie hinaus zu sehen, um sich zu überzeugen, wie der Himmel aussieht, oder woher der Wind kommt; er ist immer gewiß, einen schönen Tag zu bekommen, und sollten einige freundliche Schauer durch Zeichen ihre Nähe verkünden, so begrüßt er diese mit Freuden. Es giebt kein solches „merkwürdig schönes Wetter“ auf der Insel, welches seit undenklichen Zeiten in Amerika empfunden wird, und immer noch erstaunte Ausrufungen den alten Bürgern in ihren Gesprächen entlockt. Auch solche rasche meteorologische Wechsel, welche uns an andern Orten überraschen, finden nie auf diesen Inseln statt. Im Thale von Typie wird nie ein plötzlicher Frost den Genuß eines Glases Eis weniger wünschenswerth machen, noch würde ein Pickenick [164] eines Schneesturmes wegen ausgesetzt werden müssen, denn dort folgt Tag auf Tag in ewigem Sommer und Sonnenschein und das ganze Jahr ist ein langer tropischer Junimonat, welcher sich eben mit dem Juli verschmelzt.

Es ist dieses liebliche Klima, welches die Cocosbäume so gedeihen läßt, wie sie dort gefunden werden. Diese unschätzbare Frucht, welche der reiche Boden der Marquesas-Inseln bis zur Vollendung entwickelt, und auf einer stattlichen Säule mehr als hundert Fuß über den Boden erhebt, scheint auf den ersten Blick dem einfachen Eingebornen fast unzugänglich. In der That stellt der schlanke, runde, glatte Stamm ohne eine einzige Erhabenheit oder einen einzigen Zweig, um bei dem Ersteigen eine Erleichterung zu bieten, demselben ein Hinderniß entgegen, welches nur durch die sinnreiche Gewandtheit der Insulaner besiegt werden kann. Man könnte glauben, daß ihre natürliche Trägheit sie veranlassen würde, geduldig die Zeit zu erwarten, wo die reifen Nüsse sich langsam von ihren Stielen ablösen und zur Erde fallen. Dieses würde auch bestimmt der Fall sein, wäre nicht die junge Frucht, welche in ihrer grünen Schale, an deren Seiten ein süßer, weicher Kern sitzt, der wiederum einen Becher des köstlichsten Nektar enthält, Dasjenige, was sie vorzüglich gern genießen. Sie haben wenigstens zwanzig verschiedene Ausdrücke, um eben so viele verschiedene Stadien der Reife der Nuß zu bezeichnen. Einige unter ihnen verwerfen [165] die Frucht gänzlich, außer in einem gewissen Grade der Reife, dessen sie sich, unglaublich, wie es scheinen mag, innerhalb weniger Stunden zu vergewissern im Stande sind. Andere sind noch eigener in ihrem Geschmack; diese sammeln einen Haufen der Nüsse in allen verschiedenen Reifegraden, zapfen sie auf sinnreiche Weise an, und nippen erst aus der einen dann aus der andern, wie leckere Weinschmecker mit dem Glase in der Hand eine Reihe staubiger Stückfässer von verschiedenen Weinlesen durchprobiren. Einige der jungen Leute mit gewandteren Körpern und vielleicht mit muthigeren Seelen als ihre Cameraden, hatten eine Art, den Stamm der Cocosbäume zu erklimmen, welche mir an das Wunderbare zu grenzen schien, und wenn ich sie auf diesen Wanderungen sah, hatte ich das sonderbare Gefühl von Angst, welches ein Kind empfindet, wenn es eine Fliege mit den Füßen nach oben an der Decke kriechen sieht.

Ich will versuchen die Art zu beschreiben, auf welcher Narnee, ein edler, junger Häuptling, zuweilen zu meinem besondern Vergnügen dieses Kunststück ausführte, aber seine Vorbereitungen dazu müssen auch erzählt werden. Wenn ich ihm andeutete, daß ich wünsche, er möchte mir die jungen Früchte eines bestimmten Baumes pflücken, nahm der schöne Wilde eine plötzliche Stellung von Überraschung an und heuchelte ein Erstaunen über ein augenscheinlich so thörichtes Verlangen. Nachdem er diese Stellung einen Augenblick beibehalten [166] hat, beruhigen sich die sonderbaren Gemüthsbewegungen, die sein Gesicht verräth, zu einer Art von freudiger Bereitwilligkeit meinen Wunsch zu erfüllen, und er sieht schelmisch zu der hohen Krone des Baumes empor, stellt sich auf die Fußspitzen, streckt den Hals in die Höhe, erhebt die Arme, als ob er wirklich versuche, die Früchte von dem Ort, wo er steht, zu erreichen. Als ob er in dieser kindischen Bemühung getäuscht worden wäre, sinkt er nun verzweifelt zur Erde und schlägt seine Brust in gut geheuchelter Gemüthsbewegung. Dann springt er plötzlich auf, wirft den Kopf zurück, erhebt beide Hände, wie ein Schulknabe, der einen Ball fangen will, und wenn er so einen Augenblick gestanden hat, als ob er erwarte, irgend ein guter Geist in der Spitze des Baumes würde ihm die Früchte herabwerfen, wendet er sich aufgebracht und anscheinend in neuer Verzweiflung ab und entfernt sich etwa dreißig bis vierzig Ellen weit. Hier bleibt er stehen und betrachtet den Baum mit dem Ausdruck des tiefsten Elends. Aber im nächsten Augenblick überfällt ihn anscheinend eine Art von Inspiration, er eilt auf den Baum zu, umfaßt den Stamm mit beiden Armen, preßt die Sohlen seiner Füße dicht zusammen gegen den Baum, und streckt die Beine so weit aus, daß sein Körper wie ein gespannter Bogen am Baum sitzt; dann erhebt er Hand über Hand und Fuß über Fuß und steigt so mit gleichmäßiger Schnelligkeit, und fast ehe man sich dessen [167] versieht, hat er das Nest von Nüssen in der Blätterkrone erreicht und schleudert mit lärmender Freude die Früchte herab.

Diese Art den Baum wie gehend zu ersteigen, ist nur anwendbar, wo der Stamm bedeutend von der senkrechten Stellung abweicht, dieses ist übrigens fast immer der Fall und viele der ganz geraden Stämme senken sich in einem Winkel von 30 Graden.

Die weniger gewandten unter den jungen Leuten und viele der Kinder des Thales haben eine andere Art des Kletterns. Sie nehmen ein breites, starkes Stück Borke und befestigen es an ihren Knöcheln und zwar ein Ende desselben an jedem Fuße, so daß, wenn sie die Füße auseinander bewegen, nur ein Raum von etwas über zwölf Zoll zwischen denselben bleibt. Dieses Verfahren erleichtert das Klettern bedeutend. Das breite Band, welches hart gegen den Stamm gepreßt, denselben dicht umschließt, gewährt eine ziemlich feste Stütze; während die Arme den Stamm umschlingen und in regelmäßigen Zwischenräumen den Körper tragen, werden die Füße mehr als eine Elle in die Höhe gezogen und eine gleiche Erhebung der Hände folgt unmittelbar darauf. Auf diese Art habe ich kleine Kinder von kaum fünf Jahren furchtlos den schlanken Stamm junger Cocosbäume ersteigen sehen, während die Ältern unten standen und dem [168] Kleinen, der vielleicht funfzig Fuß über dem Boden saß, Beifall klatschten und ihm zuriefen, noch höher zu steigen.

Als ich zuerst solche Schauspiele sah, mußte ich unwillkürlich daran denken, was wol amerikanische oder englische nervenschwache Mütter zu solchem Muth ihrer Kinder sagen würden; lacedämönische Mütter möchten ihn gebilligt haben; aber die meisten modernen Damen würden beim Anblick desselben Krampfanfälle bekommen haben.

An der Spitze des Cocosbaumes bilden die zahlreichen Äste, welche von einem Mittelpunkt gleichmäßig nach allen Seiten sich erstrecken, eine Art von grünem schaukelnden Korbe, und durch die Blätter kann man die Nüsse in dichten Büscheln eben erkennen, welche bei den höheren Bäumen von unten nicht viel größer als große Weintrauben aussehen. Ich entsinne mich eines kleinen, kühnen Burschen, – Too-Too war sein Name, – welcher sich eine Art von Luftschloß in der malerischen Krone eines der Bäume, nahe bei Marheyo’s Hause gebaut hatte. Da pflegte er Stunden lang zu weilen, hüpfte in den Zweigen umher und jauchzte vor Freude, so oft ein Windhauch vom Gebirge her die hohe Säule, auf welcher er saß, traf und hin und her schaukelte. So oft ich Too-Too’s wohlklingende Stimme aus so großer Höhe vernahm und ihn aus seinem Laubdache auf mich herabblicken sah, erinnerte ich mich immer des Dibdin’schen Verses:

[169]

„Ein Cherub gar lieblich sitzt oben im Top,
Das Leben des Seemanns zu schützen.“

Vögel, glänzende schöne Vögel flattern im Thale von Typie. Man sieht sie hoch oben auf den unbeweglichen Ästen der majestätischen Brotfruchtbäume oder fröhlich von Ast zu Ast in den elastischen Kronen des Omoobaumes hin und her flattern, über die Palmettodächer der Bambushütten hinstreichen, wie Geister durch die Schatten der Haine schlüpfen, und zuweilen im geraden Fluge von der Spitze des Gebirges bis ins Thal herabschießen. Ihr Gefieder ist purpurn und himmelblau, carmoisinroth und weiß, schwarz und golden, ihre Schnäbel von allen verschiedenen Farben, hell-blutigroth, glänzend schwarz oder weiß wie Elfenbein, und ihre Augen sind strahlend und funkelnd. Sie segeln durch die Luft in dichten Schaaren, aber ach, der Fluch der Stummheit ruht auf ihnen; es giebt nicht einen einzigen gefiederten Sänger im Thale.

Ich weiß nicht, wie es kam, aber der Anblick dieser Vögel, die doch gewöhnlich ein freudiges Gefühl erregen, machte mich tief melancholisch. Wenn sie in stummer Schönheit um mich her saßen, wenn ich lustwandelte, oder neugierig aus den Laubkronen auf mich herabblickten, kam es mir fast vor, als wüßten sie, sie blickten auf einen Fremden und bedauerten sein Schicksal.


[170]
Capitel XXX.

Ein Professor der schönen Künste – Seine Leistungen – Etwas über Tättowiren und Tabotiren – Zwei Anekdoten zur Erläuterung des Letzteren – Einige Gedanken über die Mundart von Typie.

Auf einer meiner Wanderungen mit Kory-Kory wurde meine Aufmerksamkeit, als ich an einem dichten Gebüsch vorbeikam, von einem sonderbaren Geräusch in Anspruch genommen. Als ich in das Dickicht eindrang, war ich zum ersten Male Zeuge des Tättowirens, wie es unter diesen Insulanern ausgeführt wird.

Ich sah einen Mann flach auf dem Rücken am Boden liegen, und trotz der gezwungenen Ruhe seiner Gesichtszüge war es augenscheinlich, daß er schrecklich litt. Sein Peiniger stand über ihn gebeugt und arbeitete gleichgiltig wie ein Bildhauer mit Meisel oder Grabstichel. In einer Hand hatte er einen kurzen dünnen Stock mit einem Haifischzahn [171] an der Spitze, auf dessen oberstes Ende er mit einem kleinen hölzernen Hammer schlug, indem er so die Haut punktirte, und mit einer farbigen Masse tränkte, in welche die Spitze getaucht war. Eine Cocosschale mit dieser Flüssigkeit stand neben ihm am Boden. Diese Farbe wird gemacht, indem man einen Pflanzensaft mit der Asche der Armor oder Lichtnuß mischt, welche zu diesem Ende immer aufbewahrt wird. Neben dem Wilden lag auf einem Stück schmutzigen Tappa eine große Anzahl sonderbarer kleiner Geräthschaften von Knochen und Holz, die bei den verschiedenen Ausübungen der Kunst gebraucht wurden. Einige davon endigten in einer einzigen feinen Spitze und wurden wie feine Pinsel verwendet, um die letzte Vollendung zu geben, oder um die zarteren Theile des Körpers zu bearbeiten, welches gegenwärtig der Fall war. Andere zeigten mehrere Spitzen in einer Linie, etwa wie die Zähne einer Säge, diese wurden bei den gröberen Theilen der Arbeit verwendet, und namentlich beim Punktiren der geraden Linien. Einige hatten die Spitzen in einer gewissen Ordnung, so daß sie mit einem einzigen Hammerschlag eine unauslöschliche Figur auf dem Körper hinterließen. Ich bemerkte einige, deren Stiele sonderbar gebogen waren, als ob sie bestimmt seien, in die Krümmungen des Ohres gesteckt zu werden, um dort die Spuren des Tättowirens zu hinterlassen. Im Ganzen machte der Anblick dieser Instrumente auf mich den Eindruck, den die drohende Ausstellung [172] von Perlmutter- und Stahlinstrumenten eines Zahnarztes hervorruft.

Der Künstler war nicht mit einer Originalzeichnung beschäftigt, sondern bearbeitete einen ehrwürdigen Wilden, dessen Tättowirung durch das Alter etwas verblichen war und der Auffrischung bedurfte. Er retouchirte also blos das Werk eines alten Meisters der Schule von Typie auf der menschlichen Leinwand, die vor ihm ausgebreitet lag. Er bearbeitete gerade die Augenlider, welche wie bei Kory-Kory mit einem quer über das Gesicht laufenden Striche verziert waren.

Trotz aller Anstrengungen des alten Mannes, zeigten doch verschiedene Zuckungen der Gesichtsmuskeln die große Empfindlichkeit dieser Fensterläden der Seele, welche er eben neu malen ließ. Der Künstler fuhr aber mit einem Herzen so kalt, wie das eines Regimentschirurgen in seiner Arbeit fort, und sang dazu ein wildes Lied, während er so heiter wie ein Specht auf seinem hölzernen Instrument forthämmerte.

Er war so in sein Werk vertieft, daß er unser Herannahen nicht bemerkte, bis ich, nachdem ich ungestört seiner Arbeit eine Weile zugesehen hatte, für gut befand, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Sobald er mich sah, faßte er mich in einer Art von freudigem Paroxismus, denn er glaubte, ich komme zu ihm, um seine Kunst auf die Probe zu stellen, [173] und war voll Eifer, das Werk zu beginnen; als ich ihm indeß bedeutete, daß er sich durchaus irre in Bezug auf meine Absichten, so war seine Trauer unbegrenzt. Als er sich aber von derselben erholte, schien er fest entschlossen, mir nicht zu glauben, sondern faßte seine Instrumente und bewegte sie in schrecklicher Nähe meines Gesichts hin und her, indem er alle die Bewegungen seiner Kunst machte, und dann und wann in ein lautes Lob über die Schönheit seiner Zeichnungen ausbrach. Bei dem bloßen Gedanken, lebenslänglich entstellt zu werden, wenn der Mensch seine Absicht an mir ausführte, erschrak ich heftig und bemühte mich ihm zu entkommen, während Kory-Kory, welcher bei mir stand, zum Verräther wurde und mich anflehte, dem schrecklichen Verlangen nachzugeben. Bei meiner wiederholten Weigerung war der leidenschaftliche Künstler fast außer sich und es überwältigte ihn der Schmerz, daß er eine so schöne Gelegenheit, sich in seiner Kunst auszuzeichnen, verlieren sollte.

Der Gedanke, seine Tättowirung auf meiner weißen Haut einzugraben, erfüllte ihn mit dem ganzen Enthusiasmus eines Malers; er blickte mich immer von Neuem an und mit jedem Blicke schien sein Ehrgeiz zu wachsen und sein Verlangen zuzunehmen. Da ich nicht wußte, wie weit er in seinem Eifer gehen könnte, und bei dem Gedanken schauderte, mein Gesicht durch ihn entstellt zu sehen, so [174] suchte ich seine Aufmerksamkeit von demselben abzulenken, indem ich in einem Anfall von Verzweiflung ihm meinen Arm hinhielt und ihn bat, sein Werk zu beginnen. Aber er verwarf diesen Ersatz entrüstet, setzte aber seine Angriffe auf mein Gesicht fort, als ob kein geringerer Gegenstand ihn befriedigen könne. Als sein Zeigefinger über mein Gesicht glitt und die Linien der Parallelenbänder, welche es umgeben sollten, bezeichnete, überlief es mich eiskalt. Endlich gelang es mir, halb rasend vor Schreck und Entrüstung, mich von den drei Wilden loszureißen und nach Marheyo’s Hause zu entfliehen, während mich der unbeugsame Künstler mit den Geräthschaften in der Hand verfolgte. Indeß legte sich Kory-Kory endlich ins Mittel und brachte ihn von der Jagd ab.

Dieses Ereigniß eröffnete mir eine neue Gefahr, und ich war überzeugt, daß ich in irgend einem unglücklichen Augenblick so entstellt werden würde, daß ich nicht wagen dürfte, zu meinen Landsleuten zurückzukehren, selbst wenn sich eine Gelegenheit dazu darbieten sollte.

Diese Befürchtungen wurden sehr durch den Wunsch gesteigert, welchen König Mehevi und einige der niederen Häuptlinge jetzt bezeigten, mich tättowirt zu sehen. Der Wunsch des Königs wurde mir zuerst drei Tage nach meinem unglücklichen Zusammentreffen mit Kaky, dem Künstler, angedeutet. Himmel, wie viel Flüche schleuderte ich auf den [175] Kaky. Ich bezweifelte keinen Augenblick, daß er eine Verschwörung gegen mich und mein Gesicht eingeleitet hätte und nicht eher ruhen würde, als bis sein teuflischer Plan gelungen wäre. Mehrere Male begegnete er mir in verschiedenen Theilen des Thales, und sobald er mich erblickte, rannte er mir mit seinem Hammer und Meisel nach, die er vor meinem Gesicht schwang, als ob er sich sehne, sein Werk zu beginnen. Was für einen Gräuel würde er aus mir gemacht haben.

Als der König mir zuerst seinen Wunsch ausdrückte, gab ich ihm meinen entschiedenen Abscheu gegen eine solche Maßregel zu erkennen, und versetzte mich in einen solchen Zustand von Aufregung, daß er mich mit warhaftem Erstaunen betrachtete. Es überstieg augenscheinlich Sr. Majestät Begriffsvermögen, wie ein ruhiger, vernünftiger Mensch nur das Geringste gegen eine so verschönernde Operation einzuwenden haben konnte.

Bald nachher wiederholte er seinen Vorschlag und zeigte, als er einer ähnlichen Zurückweisung begegnete, Zeichen des Unwillens über meine Hartnäckigkeit. Als er zum dritten Male seine Bitte vorbrachte, sah ich deutlich, daß etwas geschehen müsse, wenn nicht mein Gesicht für ewig geschändet werden sollte. Ich erkünstelte daher Muth genug, um meine Bereitwilligkeit zu erklären, beide meiner Arme vom Handgelenk bis zur Schulter tättowiren zu lassen. Sr. Majestät [176] waren höchst erfreut über diesen Vorschlag; und ich wünschte mir schon Glück, das Schrecklichste dadurch abgewendet zu haben, als er mir andeutete, daß es sich wol von selbst verstünde, zuerst mein Gesicht der Operation zu unterwerfen. Ich war in Verzweiflung. Ich sah deutlich, daß nur der Ruin meines göttlichen Antlitzes, wie die Dichter sagen, den unbeugsamen Mehevi und seine Häuptlinge, oder besser den teuflischen Kaky befriedigen konnte, denn er stak doch hinter der ganzen Sache.

Der einzige Trost, der mir geboten wurde, war die freie Wahl des Musters. Ich konnte nach eignem Wunsche entweder wie mein Diener drei wagerechte Balken, oder eben so viel senkrechte Streifen bekommen, oder, wenn ich wie ein guter Hofmann dem Beispiel des Königs folgen wollte, konnte auch mein Gesicht mit dem mystischen Freimaurerzeichen eines Dreiecks verziert werden; aber ich wollte keines von allen; obgleich mir der König ernstlich vorhielt, daß meine Wahl gänzlich frei sei. Endlich begriff er meinen unbesiegbaren Abscheu und gab die Sache auf.

Aber viele der andern Wilden waren nicht so leicht zu gewinnen; kaum ein Tag verging, ohne daß ich auf das Lästigste gedrängt wurde, bis mir endlich das Leben selbst eine Last wurde; die Freuden, welche ich früher genossen hatte, hatten ihren Reiz für mich verloren, und mein früherer Wunsch aus dem Thale zu entfliehen, erwachte mit erneuter Kraft.

[177] Eine Thatsache, welche ich später erfuhr, vermehrte meine Furcht. Das ganze System des Tättowirens war mit ihrer Religion verwoben und es war daher augenscheinlich, daß sie mich zu derselben bekehren wollten.

Bei der Verzierung der Häuptlinge scheint die sorgfältigste Zeichnung und Ausführung nöthig zu sein, während einige der niederen Eingebornen aussehen, als wären sie mit dem Pinsel eines Stubenmalers beschmiert. Ich entsinne mich eines Mannes, der sehr stolz auf einen großen länglichen Flecken auf seinem Rücken war, und der mich immer an einen Mann erinnerte, dem ein ungeheures spanisches Fliegenpflaster das Fleisch zwischen den Schultern zerrissen hatte. Ein anderer, dem ich oft begegnete, hatte seine Augenhöhlen zu zwei regelmäßigen Quadraten tättowirt, und seine beiden merkwürdig funkelnden Augen gukten aus diesen hervor, wie zwei in Ebenholz gefaßte Diamanten.

Obgleich ich überzeugt war, daß das Tättowiren eine Religionsformel sei, so konnte ich doch nie Aufschluß über die Art der Verwandtschaft desselben mit dem abergläubischen Götzendienst erhalten. Gleich dem noch wichtigeren Geiste des Taboo schien es mir immer unerklärlich.

Es herrscht unter den religiösen Einrichtungen der meisten polynesischen Inseln eine sprechende Ähnlichkeit, fast eine Gleichheit, und auf allen besteht der geheimnißvolle „Taboo“, dessen Anwendung mehr oder weniger beschränkt [178] ist. Dieses merkwürdige System ist so sonderbar und verwirrt in seinen Einrichtungen, daß ich mehrere Male Menschen getroffen habe, welche Jahre lang auf den Inseln der Südsee gewohnt, und bedeutende Kenntniß der Sprache erlangt hatten, dennoch aber über dieses geheimnißvolle Wesen und seine Macht keinen genügenden Aufschluß geben konnten. In meiner Lage im Thale von Typie sah ich stündlich den Einfluß dieses allmächtigen Wesens, ohne es aber im Geringsten verstehen zu können. Dieser Einfluß war in der That weit ausgedehnt und allgemein, denn er äußerte sich bei den wichtigsten, wie bei den geringfügigsten Lebensereignissen. Der Wilde beobachtet fortwährend die Gebote desselben und sie leiten und controliren jede seiner Handlungen.

Einige Tage lang, als ich erst ins Thal gekommen war, hörte ich wol funfzigmal das magische Wort: „Taboo“ mir zurufen, weil ich irgend eine der Verordnungen desselben unbewußt übertreten hatte. Den Tag nach unserer Ankunft reichte ich zufällig Tobias etwas Tabak über den Kopf eines zwischen uns sitzenden Eingebornen. Dieser sprang auf als hätte ihn eine Natter gestochen, und sämmtliche Leute im Hause schrieen mit einem unzweideutigen Ausdruck von Abscheu das magische Wort. Ich habe nie mir eine ähnliche Übertretung zu Schulden kommen lassen, welche die Gesetze der feinen Bildung eben so sehr verletzten, wie [179] die Gebote des Taboo; aber es war nicht immer so leicht, zu sehen, womit man den Geboten des geheimnißvollen Wesens zu nahe getreten war. Oft wurde ich zur Ordnung gerufen, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, wo ich, wenn es mein Leben gegolten hätte, mir mein Vergehen nicht erklären konnte.

Eines Tages wanderte ich durch die stillen Haine des Thales, und als ich den musikalischen Laut des Tappaklöppels in geringer Entfernung hörte, wandte ich mich auf einem kleinen Fußsteige nach einem Hause, wo ich ein halbes Dutzend junger Mädchen mit Tappabereitung beschäftigt fand. Dies war eine Beschäftigung, bei welcher ich oft Zeuge gewesen war und ich konnte den Bast in allen Graden der Bereitung behandeln. Bei dieser Gelegenheit waren die Mädchen sehr eifrig bei ihrer Arbeit, und nachdem sie einen Augenblick sich umgesehen und mir freundlich zugesprochen hatten, nahmen sie dieselbe wieder auf. Ich sah ihnen eine Weile schweigend zu und nahm dann sorglos eine Handvoll des Stoffes, welcher umherlag, auf, und fing an ihn zu zerpflücken. Plötzlich wurde ich von einem Schrei unterbrochen, als ob sämmtliche Mädchen Krampfanfälle bekommen hätten. Ich sprang auf, da mich der Gedanke unwillkürlich überkam, daß eine Abtheilung von Happarkriegern sich blicken ließe, um einen modernen Raub der Sabinerinnen zu begehen, war aber augenblicklich von [180] allen den Mädchen umgeben, welche ihre Arbeit verlassen hatten, und mit weit aufgerissenen Augen, gehobenen Busen und gegen mich gekrümmten Fingern dastanden.

Da ich glaubte, daß ein giftiges Thier in dem Baste, welchen ich in der Hand hielt, verborgen sein müßte, fing ich an, ihn vorsichtig zu untersuchen. Während ich so beschäftigt war, verdoppelten die Mädchen ihr Geschrei. Ihr Lärmen und ihre erschrockenen Bewegungen fingen an mich zu beunruhigen, ich warf daher den Tappa fort und rannte aus dem Hause; aber in demselben Augenblick hörte ihr Geschrei auf und eine von ihnen faßte meinen Arm, zeigte auf die zerrissenen Fasern, die eben meiner Hand entfallen waren und schrie mir das verhängnißvolle Wort: „Taboo“ ins Ohr.

Später entdeckte ich, daß der Stoff, den sie eben machten, von eigenthümlicher Art sei und zu Kopfputzen für die Weiber verwandt wurde, weshalb während der ganzen Arbeit ein strenges Gesetz des Taboo denselben beschützte und dem ganzen männlichen Geschlecht verbot, ihn nur zu berühren.

Auf meinen Wanderungen durch die Wäldchen bemerkte ich oft Brotfruchtbäume und Cocospalmen, deren Stamm auf eine eigenthümliche Weise mit einem Kranz verziert war. Dieses war das Zeichen des Taboo. Die Bäume selbst, ihre Früchte, ja selbst der Schatten, den sie auf den Boden [181] warfen, war durch diese Zeichen geheiligt. Auf dieselbe Art war eine Pfeife, welche der König mir geschenkt hatte, in den Augen der Eingebornen heilig gesprochen, und ich konnte nie einen unter ihnen dahin bringen, aus derselben zu rauchen. Der Kopf derselben war mit einem aus Gras geflochtenen Bande geziert und glich den Türkenköpfen, welche zuweilen an unsern Peitschenstielen ausgearbeitet sind.

Ein ähnliches Zeichen ward einmal von der königlichen Hand des Mehevi selbst um meinen Arm geflochten, welcher, sobald er damit fertig war, das Wort Taboo aussprach. Dieses ereignete sich kurze Zeit nach dem Verschwinden des Tobias, und hätten mich nicht die Eingebornen von dem Augenblicke an, wo ich ihr Thal betrat, mit gleicher Güte behandelt, so würde ich ihr späteres Betragen den Wirkungen dieser heiligen Binde zugeschrieben haben. Die sonderbaren Wirkungen des Taboo sind nicht das einzige Merkwürdige bei demselben. Es würde übrigens unmöglich sein, sie alle zu nennen: schwarze Schweine, kleine Kinder bis zu einem gewissen Alter, schwangere Weiber, junge Männer während der Zeit der Tättowirung ihrer Gesichter und gewisse Theile des Thales während der Dauer eines Regenschauers sind in gleichem Maße durch den Einfluß des Taboo geschützt.

In der Bucht von Tior war ich einmal Zeuge eines merkwürdigen Beispiels seines Einflusses. Ich erwähnte [182] meinen Besuch in dieser Bucht in einem früheren Capitel. Bei dieser Gelegenheit war unser würdiger Capitain mit uns; er war ein leidenschaftlicher Jäger. Auf seinen Reisen, etwa auf der Höhe von Cap Horn, pflegte er auf der Schanzkleidung zu sitzen und seinen Stewart drei bis vier Flinten nach einander laden zu lassen, mit denen er Albatrosse, Captauben, Elstern, Sturmvögel und verschiedene andere Seevögel, welche unserm Kielwasser folgten, niederschoß. Die Seeleute waren stumm vor Erstaunen über ein so heilloses Beginnen, und solchen Mangel an Pietät und schrieben alle unsere viertägigen Leiden in jener schrecklichen Sturmgegend dem entweihenden Gemetzel unter jenen gutmüthigen Vögeln zu.

In Tior zeigte er eben so große Rücksichtslosigkeit gegen die religiösen Vorurtheile der Insulaner, als er früher gegen den Aberglauben der Matrosen gezeigt hatte. Er hatte gehört, daß in dem Thale eine sehr große Menge von Hühnern sei, – die Nachkommen einiger Hähne und Hennen, welche ein englisches Schiff dort zurückgelassen hatte, und welche durch ein strenges Gebot des Taboo beschützt, in fast wildem Zustande umherflogen, – und beschloß alle Schranken zu durchbrechen und sie zu schießen. Er versah sich daher mit einer schönen Flinte und kündigte seine Landung damit an, indem er einen schönen Hahn, welcher auf dem Aste eines nahen Baumes seinen eignen Leichengesang krähete, herabschoß. [183] „Taboo“! schrieen die entsetzten Wilden. Zum Teufel mit Eurem Taboo! rief der nautische Jäger: Was redet Ihr von Taboo zu einem Seemann? Und Paff! erdröhnte seine Flinte wieder und ein zweites Opfer fiel. Bei diesem Anblick stürzten die Wilden durch das Dickicht fort, außer sich über eine so schändliche Handlung.

Den ganzen Nachmittag widerhallten die felsigen Seiten des Thales von Schüssen und das prächtige Gefieder manches schönen Hahnes wurde von der tödtlichen Kugel zerrissen. Wäre nicht der französische Admiral mit zahlreicher Begleitung gerade damals in der Schlucht gewesen, so bin ich überzeugt, daß die Eingebornen, obgleich ihr Stamm klein und muthlos war, sich summarisch an dem Capitain gerächt haben würden, der ihre heiligsten Gesetze so schamlos verletzte; aber es gelang ihnen doch, ihn nicht wenig zu ärgern.

Von seinen Anstrengungen durstig, lenkte der Schiffer seine Schritte nach einem Strome, aber die Wilden, die ihm in geringer Entfernung gefolgt waren und seine Absicht sahen, stürzten auf ihn zu, und zwangen ihn, sich von seinen Ufern zu entfernen, – seine Lippen würden ihn verunreinigt haben. Endlich suchte er ermüdet in ein Haus einzudringen, um eine Weile auf den Matten zu ruhen; aber die Bewohner desselben sammelten sich lärmend in der Thür und verwehrten ihm den Eingang. Er bat und drohte abwechselnd, [184] aber alles vergebens. Die Eingebornen ließen sich weder Furcht einjagen, noch sich begütigen, und endlich war er genöthigt seine Bootsmannschaft zusammenzurufen, und von einem Orte wegzurudern, den er den niederträchtigsten nannte, den er je betreten hatte.

Er und wir konnten von Glück sagen, daß die wüthenden Bewohner von Tior uns nicht mit einer Salve von Steinen bei unserer Abfahrt begrüßten. Auf einer benachbarten Insel Ropo waren auf diese Weise nur einige Wochen früher der Capitain und drei Mann eines Schiffes für ein ähnliches Vergehen getödtet worden.

Ich kann nicht einmal annähernd bestimmen, welche Macht den Schutz oder das Verbot des Taboo verhängt. Betrachte ich den geringen Unterschied der Lage der Insulaner, die beschränkten und unbedeutenden Vorzüge des Königs und der Häuptlinge, und die unbestimmten Verrichtungen der Priesterschaft, von denen die meisten gar nicht von ihren übrigen Landsleuten zu unterscheiden waren, so weiß ich durchaus nicht, wo ich die Macht suchen soll, welche diese gewaltige Institution leitete. Die Verbote derselben treffen zuweilen ein einzelnes Individuum, zuweilen eine bestimmte Familie, zuweilen einen ganzen Stamm. Heute wird ein Verbot erlassen, morgen widerrufen. In einzelnen Fällen behalten sie dauernde Kraft. Zuweilen trifft das Verbot nicht allein die verschiedenen Stämme einer einzelnen [185] Insel, sondern die sämmtlichen Bewohner einer ganzen Inselgruppe. Zur Erläuterung dieser letzten Eigenthümlichkeit erinnere ich hier an das Gesetz, welches den Weibern verbietet, ein Canoe zu betreten, ein Verbot, welches auf allen nördlichen Marquesas-Inseln in Kraft steht.

Das Wort Taboo selbst wird in mehr als einer Bedeutung gebraucht; zuweilen sagt der Vater es seinem Kinde, wenn er kraft seiner väterlichen Gewalt ihm irgend eine bestimmte Sache verbietet. Alles was gegen die gewöhnlichen Sitten der Insulaner verstößt, wird mit Taboo bezeichnet, wenn es auch nicht ausdrücklich verboten ist.

Die Sprache von Typie ist sehr schwer zu erlernen; sie ist den andern polynesischen Mundarten sehr ähnlich, die alle gemeinschaftlichen Ursprungs zu sein scheinen. Die Doppelwörter wie „Lumee-Lumee“, „Poee-Poee“, „Muee-Muee“ sind ihre hauptsächlichsten Eigenthümlichkeiten. Eine andere noch lästigere ist die verschiedene Bedeutung, welche in verschiedenen Fällen demselben Worte beigelegt wird. Die verschiedenen Meinungen haben alle eine gewisse Verwandtschaft, welche das Verstehen nur noch schwieriger macht. So muß ein schnelles lebhaftes kleines Wort, wie ein Dienstbote in einer armen Familie alle möglichen Pflichten erfüllen, z. B. eine besondere Zusammenstellung von Silben drücken die Idee von Schlaf, Ruhe, Sitzen, Liegen, Lehnen und Alles, was noch damit analog [186] sein mag, aus, und die besondere Meinung wird hauptsächlich durch verschiedene Geberden und die beredten Gesichtszüge bezeichnet. Die Verwirrung der Dialecte und ihre Unregelmäßigkeit sind eine andere Eigenthümlichkeit. In einem Missionshause auf Lahainaluna oder Mawee, eine der Sandwich-Inseln, sah ich eine tabellarische Übersicht über ein haiwianisches Verbum in allen seinen Zeiten und Fällen; es bedeckte eine ganze Wand in einem Zimmer und ich bezweifle, daß selbst der größte Sprachforscher es leicht gefunden haben würde, dasselbe zu lernen.


[187]
Capitel XXXI.

Sonderbare Sitten der Insulaner – Ihr Gesang und die Eigenthümlichkeit ihrer Stimme – Entzücken des Königs als er zuerst ein Lied hörte – Der Verfasser erhält eine neue Würde – Musikalische Instrumente im Thale – Bewundrung der Wilden beim Anblick eines Faustkampfes – Schwimmendes Kind – Schöne Haare der Mädchen – Haaröl. –

Obgleich ich schon sehr von meiner Erzählung abgewichen bin, so muß ich doch noch die Geduld des Lesers in Anspruch nehmen, um verschiedene kleine Bemerkungen über noch nicht erwähnte Dinge, ohne eine bestimmte Reihenfolge, zu machen, welche entweder bemerkenswerth oder an und für sich den Typies eigenthümlich sind.

Im Hause des alten Marheyo herrschte eine sonderbare Sitte, welche mich oft überraschte. Jeden Abend, ehe man sich zur Ruhe begab, versammelten sich sämmtliche Hausbewohner auf den Matten, auf welche sie sich nach der allgemeinen [188] Gewohnheit der Insulaner mit unterschlagenen Beinen niederließen, und fingen einen tiefen, monotonen Gesang an, indem sie ihre Stimme mit einer Melodie auf einem Instrumente begleiteten, welches einfach aus zwei kleinen halbverolmten Stöcken bestand, deren jede Person im Zimmer ein Paar in der Hand hielt und gegen einander schlug. Auf diese Art verwendeten sie eine Stunde oder länger, bisweilen zwei. Ich lag im Dunkel am entfernteren Ende des Hauses und konnte nicht umhin, sie zu betrachten, obgleich das Schauspiel nur unfreundliche Gedanken rege machte. Das flackernde Licht der Armornuß ließ die Umrisse der Wilden eben hervortreten, ohne das Dunkel zu besiegen, welches sie umgab.

Bisweilen, wenn ich in leichten Schlummer gesunken war, und plötzlich mitten unter diesem düstern Gesange erwachte, traf mein Auge diese wilde Gruppe, die mit nackten tättowirten Gliedern in einem großen Kreise sitzend sich auf solche sonderbare Art beschäftigte, und der Gedanke überkam mich dann, als blicke ich auf einen Kreis böser Wesen, welche eine schreckliche Zauberformel murmelten.

Was der Sinn oder der Zweck dieser Sitte war, ob es nur eine Unterhaltung, oder eine Religionsübung, eine Art Familiengebet war, konnte ich nie durchschauen.

Die Töne, welche die Eingebornen bei diesen Gelegenheiten hervorbrachten, waren höchst sonderbar, und wäre ich [189] nicht wirklich selbst zugegen gewesen, so hätte ich nicht glauben können, daß menschliche Kehlen solche Laute hervorbringen könnten.

Man schreibt den Wilden im Allgemeinen eine Gutturalbetonung zu; dies ist übrigens nicht immer der Fall, namentlich unter den Bewohnern des polynesischen Archipels. Die Lippenmelodie, mit welcher die Mädchen von Typie eine gewöhnliche Unterhaltung führen, giebt den Endsilben jedes Satzes eine musikalische Verlängerung; bisweilen zwitschern sie ihre Worte hervor, mit einer vogelartigen Betonung, welche dem Ohr erstaunlich angenehm klingt.

Die Männer sind indeß in ihren Äußerungen nicht für den Wohllaut so aufmerksam, und werden sie eifrig über irgend einen Gegenstand, so ergehen sie sich in einer Art von Wort-Paroxismus, in welchem alle Arten von rauhen Tönen gehört werden, welche sie mit einer Kraft und Schnelligkeit ausstoßen, die wahrhaft überraschend ist.

* * * * * *

Obgleich diese Wilden sehr gern singen, so scheinen sie doch durchaus nicht zu wissen, was Gesang ist, wenigstens in dem Sinne, wie andere Nationen das Wort verstehen.

Ich werde nie den Augenblick vergessen, als ich zufällig zum ersten Male in Gegenwart des edlen Mehevi eine Melodie mehr brüllte, als sang. Es war ein Vers aus dem „bairischen Besenhändler“. Die Majestät von Typie und [190] ihr ganzer Hof blickten mich so überrascht an, als hätte ich eine übernatürliche Fähigkeit entwickelt, welche der Himmel ihnen nicht bescheert habe. Der König war über den Vers sehr erfreut, aber der Refrain entzückte ihn völlig. Auf seine Bitte wiederholte ich ihn mehrere Male und seine Bemühungen, die Melodie und die Worte zu fassen, waren höchst komisch. Der königliche Wilde schien zu glauben, daß das Unternehmen ihm glücken würde, wenn er alle seine Gesichtszüge maßlos verzerrte, aber dies entsprach seinem Zweck nicht, und zuletzt gab er den Versuch auf und tröstete sich damit, der Melodie wohl funfzigmal zuzuhören.

Ehe Mehevi diese Entdeckung machte, habe ich nie gewußt, daß ich etwas Nachtigallen-Natur besäße, jetzt aber wurde ich zum Hofsänger gemacht und mußte in dieser Eigenschaft sehr häufig Dienste thun.

* * * * * *

Außer den Holzstäben und den Trommeln schienen keine andern musikalischen Instrumente in Typie zu sein, außer eines, welches man füglich eine Nasenflöte hätte nennen können. Es ist etwas länger als eine gewöhnliche Querpfeife und wird aus einem schönen scharlachrothen Rohre gemacht; es hat vier bis fünf Grifflöcher und dicht an dem einen Ende ein ziemlich großes Loch, welches unter das linke Nasenloch gehalten wird. Die Wilden schließen das andere Nasenloch durch eine eigenthümliche Verzerrung des Nasenmuskels [191] und blasen den Athem in die Röhre, welches einen sanften klagenden Ton hervorruft, welcher mit den Fingern, vermittelst der Grifflöcher ohne Ordnung variirt wird. Dies ist eine Lieblingserholung für die Frauen und Fayawa war eine große Meisterin auf diesem Instrument. Wie linkisch auch dieses Instrument erscheinen mag, so war es doch in Fayawas kleinen, zarten Händen das graziöseste, was ich je gesehen habe. Eine junge Dame, welche eine Guitarre am breiten blauen Bande um den Nacken geschlungen hat und dieselbe peinigt, ist nicht halb so anziehend.

* * * * * *

Gesang war nicht das einzige Mittel, durch welches ich den königlichen Mehevi und seine gutmüthigen Unterthanen belustigen konnte; nichts verursachte ihnen größeres Vergnügen, als wenn ich die Stellungen eines regelrechten Volkskampfes durchmachte; da keiner der Eingebornen Muth genug hatte, um wie ein Mann hinzutreten und mir zu erlauben, zu meinem und des Königs besonderm Vergnügen auf ihn herumzuhämmern, so war ich genöthigt, einen eingebildeten Feind zu bekämpfen, welchen ich immer auf das Kunstgerechteste niederschlug. Bisweilen, wenn dieser gemarterte Schatten plötzlich nach der Gruppe von Wilden entsprang und ich bei seiner Verfolgung unter sie sprang und rechts und links meine Püffe austheilte, zerstreuten sie [192] sich mit Blitzesschnelle nach allen Seiten zur großen Freude des Mehevi und der Häuptlinge.

Die edle Kunst der Selbstvertheidigung schien von ihnen als eine den Weißen eigenthümliche Gabe betrachtet zu werden und ich bezweifle nicht einen Augenblick, daß sie sich einbildeten, die Armeen von Europa seien ausschließlich mit eisernen Fäusten und kühnen Herzen bewaffnet, mit welchen sie in Colonnen vorrückten und auf Commando aufeinander losarbeiteten.

* * * * * *

Eines Tages, als ich mit Kory-Kory nach dem Strom gegangen war, um zu baden, bemerkte ich ein Weib, welches mitten im Strom auf einen Felsen saß und mit dem lebhaftesten Interesse die Sprünge eines Geschöpfes betrachtete, das ich von Weitem für eine große Art von Frosch hielt, welcher nahe bei ihr im Wasser spielte. Durch die Neuheit des Anblicks angezogen, watete ich nach dem Ort, wo sie saß und konnte kaum meinen Sinnen trauen, als ich ein kleines Kind erblickte, dessen Geburt noch nicht vier Tage her sein konnte, und welches umherruderte, als sei es eben zur Oberfläche gestiegen, nachdem es in der Tiefe sein Dasein empfangen. Zuweilen reichte die entzückte Mutter dem Kinde eine Hand hin, wenn es mit einem leisen Schrei seine kleinen Glieder anstrengte, um den Felsen zu erreichen und im nächsten Augenblick lag es am Busen der [193] Mutter. Dieses wiederholte sie oft und das Kind blieb etwa eine Minute zur Zeit im Wasser; ein paarmal machte es sehr böse Gesichter, wenn es einen Mund voll Wasser verschluckt hatte, und hustete, als ob es dem Ersticken nahe sei. Dann aber faßte die Mutter es gleich und veranlaßte es, durch ein Verfahren, welches ich nicht beschreiben kann, die Flüssigkeit wieder auszuwerfen. Einige Wochen lang beobachtete ich diese Mutter, die regelmäßig in der Kühle des Morgens und des Abends ihr Kind nach dem Strome trug und ihm das Vergnügen eines Bades verschaffte. Kein Wunder, wenn die Südsee-Insulaner so amphibienartige Geschöpfe sind, wenn sie auf diese Weise mit dem Wasser vertraut werden, sobald sie das Licht erblicken. Ich bin überzeugt, daß das Schwimmen dem Menschen so angeboren ist, wie der Ente, und doch wie viele Individuen mit gesunden Körpern sterben unter civilisirten Völkern wie ertrunkene Kätzchen bei dem geringsten und allergewöhnlichsten Unfall!

* * * * * *

Die langen, reichen, glänzenden Haare der Mädchen von Typie erregten oft meine Bewunderung. Ein schöner Haarwuchs ist die Freude eines jeden weiblichen Herzens. Ob es gegen den Willen der Vorsehung auf dem Scheitel zusammengewunden wird, wie ein Knäuel Tau auf einem Schiffsdeck, ob es hinter die Ohren zurückgestrichen wird, [194] und wie eine faltenreiche Gardine herabhängt, oder ob es in natürlichen Locken auf die Schultern herabfallen darf, immer ist es der Stolz des Besitzers und der Ruhm der Toilette.

Die Mädchen von Typie widmen einen großen Theil ihrer Zeit der Pflege ihrer schönen welligen Locken. Nachdem sie, wie sie zuweilen thun, fünf bis sechsmal am Tage gebadet haben, trocknen sie die Haare sorgfältig und waschen sie, wenn sie in Salzwasser gewesen sind, sorgfältig mit süßem Wasser aus, worauf sie jedesmal mit dem sehr wohlriechendem Öl eingerieben werden, welches sie aus dem Fleisch der Cocosnuß gewinnen. Durch folgendes, höchst einfaches Verfahren wird dieses Öl in großer Menge gewonnen.

Ein hölzernes Gefäß mit vielen Löchern im Boden wird mit zerstoßenem Cocosfleische gefüllt und den Sonnenstrahlen ausgesetzt. Dadurch wird demselben das Ölige entlockt und fällt durch die kleinen Öffnungen in eine Kalebasse, welche unter das hölzerne Gefäß gestellt wird. Nachdem eine hinreichende Menge auf diese Weise gesammelt worden ist, wird das Öl einem Reinigungsprozeß unterworfen und wird dann in kleinen runden Schalen von der Nuß des Moobaumes gesammelt, die zu dem Ende ausgehölt werden. Diese Nüsse werden dann hermetisch mit Harz verschlossen, und der Duft ihrer grünen Schalen [195] giebt dem Öle bald einen herrlichen Geruch. Nach einigen Wochen wird die äußere Schale der Nuß völlig trocken und hart, und nimmt eine schöne Fleischfarbe an, und wenn man sie öffnet, sind sie etwa zwei Drittel mit einem hellgelben Öle gefüllt, welches den herrlichsten Wohlgeruch verbreitet. Diese elegante, kleine, wohlriechende Kugel würde auf dem Toilettentische einer Königin willkommen sein. Die Zuträglichkeit dieses Öles für die Haare ist sehr groß; es verleiht einen prächtigen Glanz und die Weichheit der Seide.


[196]
Capitel XXXII.

Befürchtungen – Schreckliche Entdeckung – Einige Bemerkungen über Cannibalismus – Zweiter Kampf mit den Happars – Wildes Schauspiel – Geheimnißvolles Fest – Enthüllungen in Folge desselben.

Seit der Zeit meines zufälligen Zusammentreffens mit dem Künstler Kaky war mein Leben erstaunlich unangenehm. Die Belästigungen der Wilden, mich tättowiren zu lassen, machten mich halb rasend; denn ich fühlte, wie leicht sie in diesen, wie in allen andern Fällen, die sie ersinnen möchten, ihren Willen erzwingen könnten. Dennoch war das Benehmen der Insulaner so freundlich wie immer. Fayawa war eben so verführerisch, Kory-Kory eben so ergeben und Mehevi der König eben so gütig und herablassend, wie früher; aber ich war jetzt drei Monate im Thale gewesen, soviel ich berechnen konnte. Ich war mit den engen Grenzen, welche meinen Wanderungen gesetzt waren, völlig vertraut geworden und fing an, den Zustand der Gefangenschaft, in welchem [197] ich gehalten wurde, bitter zu empfinden. Ich konnte mit Niemandem mich frei unterhalten, Niemandem meine Gedanken mittheilen, Niemand konnte mir meine Leiden nachfühlen. Tausendmal dachte ich daran, wie viel angenehmer meine Lage gewesen sein würde, wäre Tobias noch bei mir gewesen; aber ich war allein und der Gedanke war mir schrecklich. Dennoch, trotz meines Kummers, that ich Alles, was in meiner Macht stand, um ruhig und heiter zu scheinen; indem ich wohl wußte, daß ich nur meinen eignen Wünschen neue Hindernisse entgegenstellen würde, wenn ich irgend Unruhe oder den Wunsch zur Flucht zeigte.

Zu dieser Zeit war es, daß die schmerzliche Krankheit, an welcher ich gelitten hatte, nachdem sie fast völlig nachgelassen, sich wieder einstellte, und zwar mit ernsteren Symptomen als je. Dieses neue Unglück entmannte mich fast ganz. Die Wiederkehr der Krankheit zeigte mir, daß ohne Anwendung starker Arzneimittel jede Hoffnung auf Wiederherstellung eitel sei, und wenn ich bedachte, daß eben jenseits der Höhen, welche mich umgaben, die ärztliche Hülfe sei, deren ich bedurfte und ich, obgleich so nahe, sie nicht aufsuchen konnte oder durfte, so machte mich dieses völlig elend.

In dieser unglücklichen Lage trug jeder Umstand, welcher auf die wilde Natur der Wesen, welche mich umgaben und in deren Gewalt ich war, hindeutete, zur Vermehrung [198] meiner schrecklichen Befürchtungen bei. Ein Ereigniß, welches sich zu dieser Zeit zutrug, regte mich erstaunlich auf.

Ich habe schon erwähnt, daß vom Dachrücken in Marheyo’s Hause eine Menge großer Packete in Tappa herabhingen. Viele von diesen hatte ich oft in den Händen der Wilden gesehen und ihr Inhalt war in meiner Gegenwart untersucht worden; aber es hingen drei Packete fast gerade über dem Platze, wo ich lag, deren merkwürdiges Äußere oft meine Neugier rege gemacht hatte. Ich hatte oft Kory-Kory gebeten, mir den Inhalt derselben zu zeigen, aber mein Diener, welcher in allen andern Punkten meinen Wünschen nachgab, hatte sich in diesem Falle immer geweigert, sie zu erfüllen.

Als ich eines Tages unerwartet vom Ti zurückkam, schien meine Ankunft die Bewohner des Hauses in die größte Bestürzung zu versetzen; sie saßen zusammen auf den Matten und durch die vom Dach herabhängenden Leinen sah ich augenblicklich, daß die geheimnißvollen Packete in einer oder der andern Absicht untersucht würden. Die augenscheinliche Bestürzung der Wilden erfüllte mich mit einem Vorgefühl von Bösem und mit dem unwiderstehlichen Wunsche, das so sorgfältig bewahrte Geheimniß zu erforschen. Trotz der Bemühungen Marheyo’s und Kory-Kory’s, mich zurückzuhalten, erzwang ich mir den Weg bis in die Mitte des Kreises und sah eben noch drei Menschenköpfe, welche die andern eilig [199] in die Decke wickelten, aus welcher sie genommen worden waren.

Einen der Drei sah ich ganz genau; er war völlig gut erhalten und hatte, wie es mir schien, durch Räuchern ein hartes, trockenes, mumienhaftes Ansehen bekommen. Die beiden langen Scheitellocken waren zu Knoten auf dem Kopfe zusammengewunden, wie sie der Mensch im Leben getragen hatte; die eingefallenen Wangen sahen noch gespenstiger aus durch die Reihen von glänzenden Zähnen, welche zwischen den Lippen hervorgukten, und die Augenhöhlen, in welche ovale Stückchen Perlmutter eingesetzt waren, mit einem schwarzen Fleck in der Mitte erhöhten das Abscheuliche des Anblicks.

Zwei der beiden Köpfe waren augenscheinlich von Insulanern, aber der dritte war zu meinem Schrecken der eines Weißen; obgleich er schnell meinem Anblick entzogen wurde, so war doch der eine Blick, den ich auf ihn geworfen hatte, genügend, um mich zu überzeugen, daß ich mich nicht irre.

Großer Gott! welche schreckliche Gedanken durchkreuzten mein Gehirn! Indem ich dieses Geheimniß enthüllt hatte, war mir vielleicht ein zweites auch klar geworden und das Schicksal meines verlorenen Gefährten wurde vielleicht durch das schreckliche Schauspiel, welches ich eben gesehen hatte, erklärt.

Aber ehe ich mich von der Bestürzung erholen konnte, [200] in welche mich das eben Gesehene versetzt hatte, waren die verhängnißvollen Packete schon wieder in die Höhe gezogen und hingen über meinem Kopfe. Die Eingebornen drängten sich nun lärmend um mich herum und bemühten sich, mich zu überzeugen, daß das eben Gesehene die Köpfe von drei Happarkriegern wären, welche in der Schlacht gefallen seien. Diese himmelschreiende Falschheit vermehrte meinen Schreck und erst als ich bedachte, daß die Packete schon vor dem Verschwinden des Tobias am Dachrücken gehangen hatten, konnte ich einigermaßen meine Ruhe wiedergewinnen.

Aber obgleich diese fürchterliche Vermuthung verscheucht worden war, so hatte ich doch genug entdeckt, um mich in meiner damaligen Gemüthsstimmung mit den bittersten Betrachtungen zu erfüllen. Es war deutlich, daß ich die Überbleibsel irgend eines Unglücklichen gesehen hatte, welcher durch die Wilden am Strande bei Gelegenheit einer jener gefährlichen Tauschhandels-Abenteuer, welche ich beschrieben habe, umgebracht worden war.

Es war übrigens nicht nur der Mord des Fremden, welcher mich mit Düsterheit erfüllte, ich schauderte bei dem Gedanken an das Schicksal, welches sein todter Körper später erlitten haben mochte. War mir dasselbe Loos vorbehalten? sollte ich wie er sterben? wie er vielleicht verschlungen, und mein Kopf als ein schreckliches Erinnerungszeichen an das Ereigniß aufbewahrt werden? Meine Phantasie rasete unter [201] so fürchterlichen Betrachtungen und ich fühlte mich überzeugt, daß mir das Schlimmste begegnen würde; aber wie groß auch meine Befürchtungen waren, so verbarg ich sie sowol, als die volle Ausdehnung der Entdeckung, welche ich gemacht hatte, auf das Sorgfältigste vor den Insulanern.

Obgleich mich die Versicherungen der Typies, welche sie oft wiederholten, daß sie nie Menschenfleisch äßen, nicht überzeugt hatten, daß dies wirklich wahr sei, so war ich doch jetzt so lange im Thale gewesen, ohne eine Spur zu bemerken, welche auf Cannibalismus hätte schließen lassen können, und ich fing daher an zu hoffen, daß es wenigstens ein höchst seltener Fall sei und daß es mir erspart werden würde, während meines Aufenthaltes unter ihnen Zeuge eines so schrecklichen Ereignisses zu werden; aber ach, diese Hoffnung wurde bald vereitelt.

Es ist eine sonderbare Thatsache, daß wir in allen Erzählungen von cannibalischen Stämmen nur selten Berichte von Augenzeugen bei einem so schrecklichen Verfahren finden. Der fürchterliche Schluß wird fast immer aus Erzählungen zweiter Hand abgeleitet oder erhellt aus den Zugeständnissen der Wilden selbst, nachdem sie einigermaßen civilisirt worden sind. Die Polynesier kennen den Abscheu, welchen die Weißen vor dieser Sitte haben, und leugnen daher hartnäckig ihr Bestehen, so wie sie mit der, den Wilden eigenthümlichen, List jede Spur derselben zu verbergen suchen.

[202] Die erstaunliche Abgeneigtheit, welche die Sandwich-Insulaner noch heutiges Tages zeigen, das unglückliche Schicksal des Cook zu erwähnen, ist oft bemerkt worden und es ist ihnen so sehr gelungen, dieses Ereigniß mit einem Geheimniß zu umgeben, daß es noch diese Stunde, trotz allem, was über dieses Ereigniß geschrieben und gesagt worden ist, noch zweifelhaft bleibt, ob sie wirklich an seinem gemordeten Körper die Rache ausgeübt haben, welche sie an ihren erschlagenen Feinden nehmen.

In Karakikowa, dem Schauplatz jenes traurigen Ereignisses, zeigt ein Streifen Schiffskupfer, welcher an einem Pfahl am Strande festgenagelt ist, dem Reisenden den Ort, wo die Überreste des großen Weltumseglers ruhen, aber ich bin fest überzeugt, daß nicht allein dem Körper dieses Begräbniß verweigert wurde, sondern auch, daß das Herz, welches später nach der Vancouverinsel gebracht wurde, und welches die Haivianer unerschütterlich für das des Capitain Cook hielten, ihm nicht gehörte, sondern das ganze Ereigniß eine Lüge war, welche man den leichtgläubigen Engländern aufheften wollte.

Vor einigen Jahren lebte auf der Insel Mawee (eine der Sandwich-Inseln) ein alter Häuptling, welcher von Ruhmsucht getrieben sich bei den fremden Bewohnern der Insel als das lebendige Grab von Capitain Cooks Fuß angab. Indem er somit andeutete, daß bei dem cannibalischen [203] Feste, welches dem Tode des edlen Britten folgte, dieser besondere Theil seines Körpers ihm zugefallen sei. Seine entrüsteten Landsleute verklagten ihn in ihren Versammlungen für das, was wir Charakterverletzung nennen würden; aber da der alte seine Behauptungen wiederholte, und keine Beweise des Gegentheils vorlagen, so fiel die Sache der Kläger, und der cannibalische Name des Angeklagten blieb in Kraft. Dieser Erfolg war für ihn äußerst günstig, denn von der Zeit an kam er in Berührung mit allen neugierigen Reisenden, welche natürlich wünschten, den Mann kennen zu lernen, welcher Capitain Cooks Fuß gegessen hatte.

Etwa eine Woche nach meiner Entdeckung des Inhalts der geheimnißvollen Packete war ich zufällig im Ti, als ein zweiter Kriegslärm ausbrach und die Eingebornen schnell zu den Waffen griffen und hinauseilten, um einem zweiten Einbruch der Happarkrieger zu begegnen. Es wiederholte sich derselbe Auftritt vom ersten Male, nur daß ich dieses Mal wenigstens funfzehn Flintenschüsse während des Gefechtes in den Gebirgen hörte. Einige Stunden nach Beendigung desselben, verkündigten laute Siegeshymnen die Rückkehr der Krieger in das Thal. Ich stand mit Kory-Kory am Geländer des Pi-Pi und erwartete ihre Ankunft, als ein lärmender Haufe von Insulanern mit wildem Geschrei aus den benachbarten Hainen trat, mitten unter ihnen gingen vier Männer, einer vor dem andern in regelmäßigen Zwischenräumen [204] von acht bis zehn Fuß, mit Stangen von gleicher Länge, welche von Schulter zu Schulter reichten, und an welche drei lange schmale Bündel in reichen Decken von frischgepflückten und mit Bambusblättern zusammengesteckten Palmblättern mit starken Baststricken befestigt waren. Hie und da sah man auf den grünen Decken Blutflecke und die Krieger, welche diese schreckliche Last trugen, zeigten an ihren nackten Gliedern ähnliche Blutspuren. Das kahle Haupt des Ersten hatte eine klaffende Wunde und das dicke Blut, welches aus derselben geflossen war, umgab dieselbe klebrig und trocken. Der Wilde schien unter der Last, welche er trug, zusammenzusinken. Die helle Tättowirung seines Körpers war mit Blut und Staub bedeckt; seine entzündeten Augen rollten in ihren Höhlen und seine ganze Erscheinung verrieth außergewöhnliches Leiden und große Anstrengung; dennoch schritt er durch irgend einen mächtigen Antrieb unterstützt, vorwärts und die Menge um ihn her ermuthigte ihn mit wildem Jauchzen und lauten Ausrufungen. Die andern drei Männer hatten an den Armen und an der Brust einige kleine Wunden, welche sie etwas prahlend zeigten.

Diese vier Menschen waren im letzten Zusammentreffen mit den Happars die thätigsten gewesen und beanspruchten die Ehre, die Körper ihrer erschlagenen Feinde nach dem Ti zu tragen. Diesen Schluß zog ich aus meinen eigenen Beobachtungen, [205] und so weit ich sie verstehen konnte, aus der Erklärung, welche Kory-Kory mir gab.

Der königliche Mehevi ging an der Seite dieser Helden; er trug in einer Hand eine Muskete, von deren Lauf ein kleiner Leinwandbeutel mit Pulver herabhing und in der andern hatte er einen kurzen Wurfspieß, den er vor sich hielt, und mit stolzer Wuth betrachtete. Diesen Wurfspieß hatte er einem gefeierten Krieger der Happars entrissen, welcher darauf geflohen und von seinem Feinde bis über die Spitze des Gebirges verfolgt worden war.

In einer kurzen Entfernung vom Ti strauchelte der Krieger mit dem verwundeten Haupt, welcher sich als Marmonee auswies, zwei bis drei Schritte vorwärts und fiel dann hülflos zu Boden, aber nicht eher, als bis ein Anderer das Ende der Stange von seiner Schulter genommen und auf seine eigene gelegt hatte.

Die aufgeregte Menge der Insulaner, welche die Person des Königs und die Leichname der Feinde umgaben, näherten sich dem Ort, wo ich stand, indem sie ihre Kriegsgeräthe schwangen, von denen viele zersplittert und zerbrochen waren, und unter fortwährendem Siegesgeschrei. Als die Menge dem Ti gegenüber war, fing ich an ihre Bewegungen auf das Genaueste zu beobachten; aber kaum hatten sie angehalten, so berührte mein Diener, der mich einen Augenblick verlassen hatte, meinen Arm und schlug [206] mir vor, nach Marheyo’s Hause zurückzukehren. Diesem widersetzte ich mich, aber zu meinem Erstaunen wiederholte Kory-Kory seine Aufforderung in ungewöhnlich leidenschaftlicher Weise. Ich verweigerte indeß dennoch, ihm Folge zu leisten und zog mich, als er sich mir zudringlich näherte, immer weiter von ihm zurück, als ich plötzlich eine schwere Hand auf meiner Schulter fühlte und mich umdrehend, die ungeschlachte Gestalt des Mow-Mow, eines einäugigen Häuptlings vor mir sah, welcher aus der Menge unten getreten und den Pi-Pi von hinten erstiegen hatte. Seine Wange war mit der Spitze eines Speers durchbohrt worden und die Wunde gab seinem durch den Verlust eines Auges schon schrecklich entstellten, abscheulich tättowirten Gesichte einen noch widerlicheren Ausdruck. Ohne ein Wort zu sprechen, deutete der Krieger auf gebieterische Weise nach der Richtung von Marheyo’s Hause und zugleich bot mir Kory-Kory seinen Rücken, und forderte mich auf, aufzusteigen.

Ich schlug dies Anerbieten aus, deutete aber meine Bereitwilligkeit, mich zurückzuziehen, an und ging langsam längs der Verranda hin, begierig, die Ursache einer so ungewöhnlichen Handlung zu erforschen. Ein wenig Nachdenken überzeugte mich, daß die Wilden ein schreckliches Fest, welches mit ihren eigenthümlichen Sitten in Verbindung stand, feiern wollten, und meine Gegenwart dabei nicht wünschten. Ich stieg vom Pi-Pi herab und ging, von Kory-Kory begleitet, [207] welcher bei dieser Gelegenheit nicht sein gewöhnliches Mitleiden mit meiner Lähmung zeigte, sondern mich nur anzutreiben bemüht war, langsam von dem Orte fort. Als ich durch das lärmende Gedränge, welches jetzt den Ti völlig umgab, ging, betrachtete ich mit ängstlicher Neugier die drei Packete, welche jetzt am Boden lagen; aber obgleich ich über ihren Inhalt nicht in Zweifel sein konnte, so verhinderten mich doch die dicken Decken derselben, wirklich die Gestalt von Menschenkörpern zu entdecken.

Den nächsten Morgen, kurz nach Sonnenaufgang überzeugte mich dasselbe donnernde Geräusch, welches mich am zweiten Tage des Kalebassenfestes geweckt hatte, daß die Wilden im Begriff seien, eine andere, und wie ich fest glaubte, eine schreckliche Feierlichkeit zu begehen.

Alle die Bewohner des Hauses, mit Ausnahme des Marheyo, seines Sohnes und der Tinora, brachen, nachdem sie ihre Galaanzüge angelegt, nach der Richtung der Haine des Taboo auf.

Obgleich ich keine Gewährung meiner Bitte voraussetzte, so schlug ich doch, um die Wahrheit meines Verdachtes zu prüfen, dem Kory-Kory vor, unsern gewöhnlichen Morgenspaziergang nach dem Ti zu machen, er weigerte sich hartnäckig, und als ich meine Bitte wiederholte, zeigte er seine feste Entschlossenheit, mich zu verhindern, dahin zu gehen, und um mich von dem Gegenstande abzulenken, schlug er [208] mir vor, mich nach dem Strom zu begleiten. Dahin gingen wir also und badeten. Als wir zurückkamen, war ich überrascht, alle Bewohner des Hauses zurückgekehrt und wie gewöhnlich auf den Matten ruhend zu finden, obgleich die Trommeln noch immer von dem Haine her erdröhnten.

Den Rest des Tages brachte ich mit Kory-Kory und Fayawa auf Wanderungen in den Gegenden des Thales zu, welche in der entgegengesetzten Richtung vom Ti lagen, und sobald ich nur nach dem Gebäude hinüberblickte, welches doch wenigstens eine englische Meile entfernt und vom Dickicht ganz verdeckt war, so rief mein Diener immer das verhängnißvolle „Taboo! Taboo!“

In den verschiedenen Häusern, welche wir besuchten, fand ich viele der Bewohner müssig ausgestreckt oder in irgend einer leichten Beschäftigung begriffen, als ob nichts Außerordentliches vorginge, aber ich sah nicht einen einzigen Häuptling oder Krieger unter ihnen. Als ich einzelne der Leute befragte, warum sie nicht beim „Hoolah-Hoolah“ (dem Fest) seien, antworteten sie einstimmig in einer Weise, welche andeutete, daß es nicht für sie, sondern für Mehevi, Marmonee, Mow-Mow, Koloo, Womonoo und Kalow sei, und nannten in ihrem Eifer, sich recht verständlich zu machen, die Namen aller der vorzüglichsten Häuptlinge.

Alles dieses bestärkte meinen Verdacht in Bezug auf das Fest, welches jetzt gefeiert wurde und er wurde fast zur [209] Gewißheit. In Nukuheva hatte ich gehört, daß bei cannibalischen Banketten nie der ganze Stamm zugegen sei, sondern nur die Krieger und die Priester, und Alles, was ich hier sah, stimmte mit dieser Angabe überein.

Das Gedröhn der Trommeln dauerte ohne Unterbrechung den ganzen Tag und rief ein Gefühl des Abscheus in mir hervor, welches ich nicht beschreiben kann. Den folgenden Tag hörte ich keine lärmenden Zeichen von Festlichkeit mehr und schloß daher, daß das unmenschliche Fest vorüber sei. Eine unwiderstehliche Neugier, zu sehen, ob vielleicht der Ti Spuren von dem Vorgefallenen trüge, trieb mich Kory-Kory aufzufordern, dahin zu gehen. Auf diesen Vorschlag antwortete er, indem er mit dem Finger auf die eben aufgegangene Sonne und auf den Zenith zeigte, und so andeutete, daß unser Besuch im Ti bis Mittag aufgeschoben werden müsse. Wenig später als diese Stunde machten wir uns auf den Weg nach den Hainen des Taboo und sobald wir ihre Grenzen überschritten, sah ich mich forschend um nach Spuren der Auftritte, welche gestern hier stattgefunden hatten; aber alles erschien ganz wie gewöhnlich. Als wir den Ti erreichten, fanden wir Mehevi und einige Häuptlinge auf den Matten liegen und sie empfingen mich mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit. Sie machten nicht die leiseste Anspielung auf die jüngsten Ereignisse und aus begreiflichen [210] Gründen enthielt ich mich meinerseits jeder Andeutung derselben.

Nach einem kurzen Besuch entfernte ich mich wieder. Als ich die Verranda entlang ging, ehe ich vom Pi-Pi herabstieg, bemerkte ich ein sonderbar geschnitztes, hölzernes Gefäß von beträchtlicher Größe, welches mit einem Deckel von demselben Stoff bedeckt war, und an Gestalt einem kleinen Canoe glich. Ein niedriges Gehege von Bambusrohr umgab dasselbe. Da das Gefäß nach meinem letzten Besuch dahin gestellt worden war, so nahm ich an, es müsse Bezug auf die letzten Festlichkeiten haben, und von einer Neugier, die ich nicht beschreiben kann, angetrieben, hob ich, indem ich daran vorbei ging, die eine Seite des Deckels ein wenig in die Höhe. In demselben Augenblick schrieen die Häuptlinge, welche meine Absicht sahen, ein lautes „Taboo! Taboo!“ Aber der eine Blick hatte genügt, er enthüllte mir die unordentlich durcheinanderliegenden Glieder eines menschlichen Skelets, dessen Knochen noch frisch und feucht, und hie und da noch mit kleinen Theilchen von Fleisch bedeckt waren.

Kory-Kory, der ein wenig vor mir voraus war, drehte sich, durch die Ausrufungen der Häuptlinge aufmerksam gemacht, gerade zeitig genug um, um den Ausdruck von Schrecken auf meinem Gesicht zu lesen. Er eilte daher an mich heran, zeigte auf das Canoe und rief rasch aus: [211] „Puarkee! Puarkee!“ (Schwein! Schwein!) Ich stellte mich, als ginge ich auf die Täuschung ein und wiederholte seine Worte mehrere Male in der Absicht, ihn glauben zu machen, ich sei ganz seiner Meinung. Die andern Wilden, welche entweder durch mein Betragen getäuscht waren, oder keine Lust hatten, fernere Notiz von einem Ereigniß zu nehmen, welches doch nicht geändert werden konnte, zeigten keinen weiteren Unwillen und ich verließ gleich darauf den Ti.

Die ganze Nacht lag ich wach und überlegte mir das Schreckliche meiner Lage. Ich hatte nun die letzten abscheulichen Aufschlüsse bekommen, und das Gefühl meiner Hülflosigkeit überfiel mich mit einer Gewalt, wie ich sie früher nie empfunden hatte.

Wo, dachte ich, ist die leiseste Möglichkeit einer Flucht? Die einzige Person, welche die Fähigkeit, mir zu helfen, zu besitzen schien, war der fremde Marnoo; aber würde er je ins Thal zurückkehren? und wenn er zurückkehrte, würde man nicht jede Berührung zwischen mir und ihm verhindern? Mir schien jeder Strahl von Hoffnung abgeschnitten zu sein und nichts übrig zu bleiben, als geduldig zu erwarten, welches Schicksal mir vorbehalten sein möchte. Tausendmal suchte ich mir das geheimnißvolle Benehmen der Eingebornen zu erklären. In welcher Absicht von der Welt hielten sie mich so als Gefangenen fest? Warum behandelten sie mich mit so unendlicher Güte, und konnte nicht dieselbe irgend [212] einen verrätherischen Plan verbergen sollen? Und wenn sie keine andere Absicht hatten, als die, mich als Gefangenen zurückzubehalten, wie würde es mir möglich sein, das Leben in diesem engen Thale von allen civilisirten Wesen abgeschnitten und fern von Heimath und Freunden zu ertragen?

Eine einzige Hoffnung blieb mir übrig. Die Franzosen konnten nicht lange mehr ihren Besuch dieser Bucht aufschieben, und sollten sie eine Abtheilung ihrer Truppen in dem Thale zurücklassen, so würde es den Wilden unmöglich sein, mich denselben auf die Länge zu verbergen. Aber welche Ursache hatte ich, anzunehmen, daß man mich so lange verschonen würde und die Ankunft der Franzosen konnte ja auch durch hundert verschiedene Dinge verzögert werden.


[213]
Capitel XXXIII.

Der Fremde kommt wieder ins Thal – Sonderbare Unterredung mit ihm – Versuch zur Flucht – Mißlingen – Traurige Lage – Mitleid des Marheyo.

„Marnoo, Marnoo pemi!“ Dies waren die willkommenen Worte, welche etwa zehn Tage nach dem im letzten Capitel erzählten Ereignisse an mein Ohr klangen. Noch einmal wurde das Herannahen des Fremden verkündet und die Nachricht wirkte wie Zauber auf mich. Ich sollte wieder Gelegenheit haben, mit ihm in meiner eignen Sprache zu sprechen und ich beschloß, auf jede Gefahr hin, mit ihm einen Plan zu meiner Befreiung aus der Lage, die mir nun völlig unerträglich geworden war, zu verabreden.

Als er herankam, erinnerte ich mich mit Bangen des bösen Ausganges unserer ersten Unterredung, und als er in das Haus trat, beobachtete ich mit ängstlicher Sorgfalt den Empfang, welchen die Hausbewohner ihm bereiteten. Zu meiner Freude ward sein Erscheinen mit dem lebhaftesten Vergnügen [214] begrüßt. Er redete mich freundlich an, setzte sich an meine Seite und ließ sich in ein Gespräch mit den umstehenden Eingebornen ein. Es zeigte sich übrigens, daß er bei dieser Gelegenheit keine wichtigen Mittheilungen zu machen hatte. Ich fragte ihn, von wo er zuletzt käme. Er antwortete mir: von Pueearka, seinem Geburtsthale, wohin er noch denselben Tag zurückkehren wolle.

Es fiel mir gleich ein, daß ich von jenem Thale aus leicht zu Wasser nach Nukuheva gelangen könnte, wenn er mich unter seinem Schutze bis dahin mitnehmen wollte, und durch die Aussicht, welche mir dieser Plan eröffnete, angetrieben, enthüllte ich ihn in wenigen Worten dem Fremden und fragte ihn, wie er wol am besten bewerkstelligt werden könne. Ich wurde sehr traurig überrascht, als er mir in gebrochenem Englisch antwortete, es ließe sich durchaus nicht thun: „Kannaka läßt Dich nirgends gehen; Du bist Taboo; warum willst Du nicht bleiben? Viel Moee-Moee (Schlaf), genug Ki-Ki (Essen), reichlich Whihennee (junge Mädchen) – o ein herrlicher Platz Typie! Du liebtest nicht die Bucht; warum kamst Du denn? Du hörtest nicht von Typie? Alle Weißen fürchten Typie, darum kommen keine Weißen.“

Diese Worte machten mich unglaublich unglücklich und als ich ihm wieder die Umstände erzählte, unter welchen ich ins Thal herabgestiegen und sein Mitleid durch Hindeutung auf mein Körperleiden zu gewinnen suchte, hörte er mir mit [215] Ungeduld zu und unterbrach mich zornig: „Ich will Dich nicht mehr sprechen hören; bald werden Kannaka bös und schlagen Dich todt und mich auch. Du siehst, sie wollen nicht, daß Du mit mir sprichst, Du siehst es. Du beachtest es aber nicht. Wenn Du wohl wirst, schlagen sie Dich todt, essen Dich und hängen Deinen Kopf dahin auf, wie Happar Kannaka. Nun hörst Du zu – aber sprichst nicht mehr! Nachher gehe ich; – Du siehst, welchen Weg ich gehe; – siehst Du, dann kommt Nacht und Kannaka alle muee muee (schlafen). – Du läufst weg, Du kommst nach Pueearka. – Ich spreche mit Pueearka Kannaka. – Die thun Dir nichts. – Ja, da nehme ich mein Canoe und fahre Dich nach Nukuheva. – Und Du läufst nicht mehr von Schiffen weg!“ Mit diesen Worten, welche mit ungeheuer leidenschaftlichen Geberden gesprochen wurden, sprang Marnoo von meiner Seite auf und fing augenblicklich ein Gespräch mit einigen Häuptlingen, die in das Haus getreten waren, an.

Es wäre vergeblich gewesen, wenn ich versucht hätte, das Gespräch wieder anzuknüpfen, welches so gebieterisch von Marnoo beendigt worden war, welcher augenscheinlich wenig Lust hatte, seine eigne Sicherheit zu gefährden, um mir die meinige zu verschaffen. Aber der Plan, den er vorgeschlagen hatte, schien mir ausführbar zu sein, und ich beschloß, so bald als möglich nach seinen Befehlen zu handeln.

Daher begleitete ich ihn mit den Eingebornen vor das [216] Haus, als er sich zum Aufbruch anschickte, in der Absicht, mir den Weg genau zu merken, auf welchem er das Thal verließe. Als er eben vom Pi-Pi herabspringen wollte, faßte er meine Hand, sah mich bedeutend an und rief aus: „Nun siehst Du – Du thust, was ich gesagt – ja, dann thust Du wol – Du thust es nicht, – ja, da mußt Du sterben!“ Im nächsten Augenblick schwang er seinen Speer als Abschiedsgruß an die Insulaner, verfolgte einen Weg, welcher zu einer Schlucht im Gebirge an der entgegengesetzten Seite der Happar lag und war bald entschwunden.

Jetzt war mir ein Mittel zur Flucht angeben worden, aber wie sollte ich dasselbe benutzen? Ich war fortwährend von Wilden umgeben; ich konnte nicht von einem Hause zum andern gehen, ohne von einigen derselben begleitet zu werden, und selbst während der Stunden, wo ich schlief, wurde die kleinste meiner Bewegungen von denen, welche auf den Matten mit mir lagen, bemerkt. Trotz aller dieser Hindernisse war ich aber entschlossen, den Versuch zu machen. Um einen solchen mit Erfolg zu unternehmen, mußte ich wenigstens zwei Stunden Vorsprung haben, ehe die Eingebornen mein Verschwinden bemerkten, denn ein Lärmzeichen verbreitete sich mit einer solchen Schnelligkeit durch das ganze Thal, und die Bewohner desselben waren natürlich mit allen Winkeln so vertraut, daß ich nicht hoffen konnte, lahm und schwach, wie ich war, und ohne genaue Kenntniß des Weges, [217] meine Flucht zu bewerkstelligen, wenn ich nicht solchen Vorsprung gewinnen konnte. Ich konnte auch nur hoffen, meinen Plan des Nachts auszuführen, und selbst dann nur mit den größten Vorsichtsmaßregeln.

Der Eingang zu Marheyo’s Wohnung war durch eine niedrige, enge Öffnung in dem Flechtwerk ihrer Vorderseite. Dieser Eingang ward aus mir unbegreiflichen Ursachen, wenn die Hausbewohner zur Ruhe gegangen waren, mit einer schweren Thür verschlossen, welche aus mehr als zwölf Holzstücken bestand, die sinnreich mit Bast verbunden waren. Wenn irgend einer der Hausbewohner hinausgehen wollte, so weckte der, durch das Öffnen dieser rohen Thür veranlaßte Lärm alle übrigen Schläfer, und ich habe wiederholt bemerkt, daß die Insulaner bei solchen Gelegenheiten fast eben so aufgeregt wurden, wie civilisirtere Wesen.

Ich beschloß, diese Schwierigkeit auf folgende Art zu überwinden. Ich wollte im Laufe der Nacht kühn aufstehen, die Thür zur Seite ziehen und unter dem Vorwande, einen Trunk Wasser aus der Kalebasse, welche vor dem Hause auf dem Pi-Pi stand, zu holen, hinausgehen und bei meinem Wiedereintreten absichtlich die Thür offen lassen, indem ich mich darauf verließ, daß die Trägheit der Wilden sie verhindern würde, meiner Nachlässigkeit abzuhelfen; dann wollte ich ruhig zu meiner Matte zurückkehren und geduldig warten, [218] bis alle schliefen, um dann mich fortzuschleichen und sogleich den Weg nach Pueearka einzuschlagen.

Gleich die Nacht nach Marnoo’s Aufbrechen fing ich an, diesen Plan auszuführen. Ich stand, wie ich glaubte, etwa um Mitternacht auf, und zog die Thür bei Seite. Wie ich vermuthet hatte, fuhren die Eingebornen auf und Einige fragten: „Arware poo awa Tommo?“ (Wo gehst Du hin Tommo?) „Wai,“ (Wasser) antwortete ich lakonisch und ergriff die Kalebasse. Bei dieser Antwort streckten sich die Wilden einer nach dem andern wieder aus und nach etwa einer Minute kehrte ich zu meiner Matte zurück und erwartete ängstlich den Erfolg meines Verfahrens.

Einer nach dem andern schienen die Wilden wieder einzuschlafen und erfreut über die Stille, welche herrschte, wollte ich eben aufstehen, als ich ein leises Geräusch vernahm, und eine dunkle Gestalt zwischen mir und der Thür sah, welche dieselbe zuzog und darauf nach der Matte zurückkehrte. Dies war ein harter Schlag für mich, da es aber unter den Insulanern Verdacht erregt haben würde, wenn ich diese Nacht einen zweiten Versuch gemacht hätte, so war ich genöthigt, es bis zur nächsten aufzuschieben. Einige Male wiederholte ich dasselbe Verfahren mit eben so wenigem Erfolge als zuerst. Da mein Vorwand, um aus dem Hause zu gehen, war, daß ich meinen Durst löschen wollte, so stellte Kory-Kory, der entweder Verdacht gegen mich schöpfte oder [219] von dem Wunsche angetrieben wurde, mir gefällig zu sein, jeden Abend eine Kalebasse mit Wasser neben mich auf die Matte.

Selbst unter diesen ungünstigen Umständen machte ich immer neue Versuche, aber so oft ich es that, stand mein Diener mit mir auf, als sei er fest entschlossen, mich nicht aus dem Auge zu lassen. Ich war daher genöthigt, vorläufig das Unternehmen aufzugeben, aber ich versuchte mich mit dem Gedanken zu trösten, daß es später doch auf diese Weise gelingen könne.

Bald nach Marnoo’s Besuch verschlechterte sich mein Zustand so sehr, daß ich nur mit der größten Anstrengung überhaupt gehen konnte, selbst wenn ich mich auf einen Speer stützte, und Kory-Kory war wie früher genöthigt, mich täglich zum Strome hinabzutragen. Stundenlang lag ich während des heißesten Theiles des Tages auf meinen Matten und wenn Alles um mich her schlief, lag ich wach und brütete düster über das Geschick, dem ich jetzt unmöglich mehr widerstehen konnte. Gedachte ich der lieben Freunde, welche Tausende von Meilen von der wilden Insel, auf der ich ein Gefangener war, entfernt lebten, daß das schreckliche Schicksal, welches ich erlitten, ihnen ewig ein Geheimniß bleiben müsse, und sie noch immer meiner Rückkehr hoffnungsvoll harren würden, wenn mein lebloser Körper sich längst mit dem Staube des Thales vermischt hätte, – so erfaßte mich [220] namenloser Schauder. Wie lebhaft sind mir alle die Umgebungen in jenen langen Tagen der Leiden erinnerlich. Auf meine Bitte wurden meine Matten immer gerade der Thür gegenüber hingelegt, vor welcher Marheyo seine Hütte von Ästen baute.

So oft ich von meiner sanften Fayawa und Kory-Kory, welche viel an meiner Seite lagen, ungestörter Ruhe überlassen wurde, nahm ich ein sonderbar lebhaftes Interesse an den geringsten Bewegungen des merkwürdigen alten Kriegers. In der Stille des tropischen Mittags saß er ganz allein draußen im Schatten und setzte ruhig seine Arbeit fort, wob die Blätter seiner Cocoszweige in einander, oder rollte auf seinen Knieen die Bastfasern zu Stricken, mit welchen er das Dach seiner kleinen Hütte befestigen wollte. Oft, wenn er seine Beschäftigung unterbrach und mein melancholisches Auge auf sich ruhen sah, pflegte er die Hand mit einer Geberde des tiefsten Mitleids zu erheben, dann aufzustehen und leise auf den Zehen heranzuschleichen, um die Schläfer umher nicht zu wecken, sich vor mich hinzusetzen und mit meinem Fächer mir sanft Kühlung zuzuwehen, indem er mich dabei ernst ansah.

Nicht weit von dem Pi-Pi standen drei wunderschöne Brotfruchtbäume in einem Dreieck vor dem Hause. Ich entsinne mich sehr wol ihrer schlanken Stämme und der symmetrischen Unebenheiten ihrer Rinde, auf welchen mein Auge [221] während meiner einsamen Stunden alle Tage ruhte. Es ist sonderbar, wie leblose Dinge Einen fesseln können, namentlich in der Stunde des Leidens. Selbst jetzt, im Gewirr und Lärm der stolzen, lebhaften Stadt, in welcher ich wohne, drängt sich die Erinnerung dieser drei Bäume mir lebhaft auf und noch fühle ich das ruhige Vergnügen, welches es mir damals gewährte, ihre Kronen im leisen Winde hin und her wiegen zu sehen.


[222]
Capitel XXXIV.

Die Flucht.

Beinahe drei Wochen waren seit Marnoos letztem Besuche verstrichen und ich mochte um etwas über vier Monate im Thale gewesen sein, als eines Mittags, während Alles umher im tiefsten Schlafe lag, Mow-Mow, der einäugige Häuptling plötzlich in der Thür erschien und sich nach mir hinbeugend, in leisem Tone sagte: „Toby pemi ona“ (Toby ist angekommen). Himmel, was für ein Gefühl überkam mich bei dieser Nachricht. Gefühllos gegen den Schmerz, der mich bisher auf den Matten gefesselt hatte, sprang ich auf und rief wild den Kory-Kory, welcher an meiner Seite ruhte. Die geweckten Insulaner sprangen von ihren Matten, die Nachricht wurde ihnen schnell mitgetheilt, und im nächsten Augenblicke war ich auf Kory-Korys Rücken und von den aufgeregten Wilden umgeben, auf dem Wege nach dem Ti.

[223] Alles was ich von den Einzelheiten, welche Mow-Mow seinen Zuhörern erzählte, verstehen konnte, war, daß mein lang verlorener Gefährte in einem Boote zurückgekommen sei, welches so eben in die Bucht hereingerudert wäre. Diese Nachricht erregte in mir den lebhaften Wunsch, sogleich nach der See hinabgetragen zu werden, damit nicht unvorhergesehene Umstände unser Zusammentreffen verhindern möchten. Aber hierin wollten die Wilden nicht einwilligen und setzten ihren Weg nach der königlichen Wohnung fort. Als wir uns derselben näherten, zeigten sich Mehevi und einige Häuptlinge in der Verranda und riefen uns laut zu, heranzukommen.

Sobald wir bei ihnen waren, versuchte ich ihnen begreiflich zu machen, daß ich zum Strande hinabwollte, um Tobias zu begegnen. Diesem widersetzte sich der König und befahl Kory-Kory, mich in das Haus zu tragen. Widerstand war vergeblich und in wenigen Augenblicken befand ich mich im Ti von einer lärmenden Gruppe Wilder umgeben, welche die jüngste Meldung besprachen. Der Name Tobias wurde häufig wiederholt, in Verbindung mit heftigen Ausrufungen des Erstaunens. Es schien als ob sie mit Bezug auf die Thatsache seiner Ankunft noch Zweifel unterhielten, und jeder neue Bericht, welcher von der Küste gebracht wurde, verursachte ihnen die lebhafteste Bewegung.

Fast wahnsinnig, in einem solchen Zustande von Ungewißheit [224] gehalten zu werden, flehte ich Mehevi an, mir zu erlauben, nach der Küste zu gehen. Ob mein Begleiter angekommen sei oder nicht, gleichviel; ich hatte ein Vorgefühl, daß mein eignes Schicksal sich entscheiden solle. Ich wiederholte meine Bitte an Mehevi immer wieder; er betrachtete mich mit festem ernsten Blick; aber endlich gab er meinem Drängen nach und erfüllte halb unwillig mein Verlangen.

Von einigen fünfzig Eingebornen begleitet, setzte ich jetzt rasch meinen Weg fort; indem ich in kurzen Zwischenräumen von den Schultern des Einen auf die des Andern gesetzt wurde und fortwährend meine Träger mit den ernstesten Bitten zur Schnelligkeit antrieb. Als ich so forteilte, durchkreuzte nicht ein Zweifel über die Wahrheit der Nachricht, welche ich empfangen, meine Gedanken. Ich lebte nur für die Eine überwiegende Idee, das mir jetzt eine Gelegenheit zur Befreiung geboten würde, wenn die eifersüchtigen Einsprüche der Wilden zu besiegen wären.

Da es mir während meines ganzen Aufenthaltes im Thale verboten gewesen war, mich der See zu nähern, so hatte ich sie mit meinen Gedanken an Flucht in Verbindung gesetzt. Auch Tobias, wenn er mich wirklich je freiwillig verlassen hatte, mußte seine Flucht auf diesem Wege bewerkstelligt haben und nun ich mich selbst der Küste näherte, erfüllten mich Hoffnungen wie ich sie nie zuvor empfunden [225] hatte. Es war augenscheinlich, daß ein Boot in die Bucht gekommen war, und ich sah keinen Grund, die Wahrheit der Aussage zu bezweifeln, daß es meinen Gefährten gebracht hätte. So oft wir also auf eine Höhe gelangten, blickte ich eifrig umher, in der Hoffnung ihn zu sehen.

Ich wurde nun in der Mitte des aufgeregten Haufens, welcher durch seine wilden Geberden und seine leidenschaftlichen Ausrufungen bewies, daß er unter dem Einflusse einer eben so großen Bewegung, wie meine eigne sei, in raschem Trabe vorwärts getragen und mußte mich häufig bücken, um die Äste zu vermeiden, welche über den Weg hinausreichten, hörte aber dabei nie auf, Diejenigen, welche mich trugen, zu beschwören, ihren schon schnellen Schritt noch zu beschleunigen.

Wir waren auf diese Weise etwa vier bis fünf englische Meilen vorwärts gekommen, als wir auf eine Abtheilung von etwa zwanzig Insulanern stießen, mit denen diejenigen, welche mich begleiteten, eine lebhafte Berathschlagung anfingen. Ungeduldig über den Aufenthalt, welcher durch diese Unterbrechung veranlaßt wurde, bat ich den Mann, welcher mich trug, den Weg ohne seine zögernden Begleiter fortzusetzen, als Kory-Kory an meine Seite herankam und mich in drei verhängnißvollen Worten benachrichtigte, daß die ganze Meldung falsch gewesen sei: – „Tobi owlee pemi.“ (Tobias ist nicht gekommen.) Der Himmel mag wissen, [226] wie ich in dem geistigen und körperlichen Zustand, in welchem ich mich befand, die Schreckensnachricht ertrug: nicht, daß sie mir durchaus unerwartet gekommen wäre, aber ich hatte zuversichtlich gehofft, sie werde vor unserer Ankunft am Strande nicht laut werden. Wie die Sachen nun standen, sah ich sogleich die Maßregeln voraus, welche die Wilden jetzt ergreifen würden; sie hatten meinen Bitten nur soweit nachgegeben, damit ich meinem lange entfernten Cameraden ein freudiges Willkommen zurufen könnte. Da es aber jetzt bekannt war, daß er nicht gekommen sei, würden sie mich augenblicklich zwingen wieder umzukehren.

Meine Befürchtungen waren nur zu gegründet. Trotz alles meines Widerstandes trugen sie mich in ein nahgelegenes Haus und legten mich auf die Matten nieder. Bald darauf trennten sich Einige von denen, welche mich vom Ti herab begleitet hatten, von den Übrigen und setzten ihren Weg nach der See fort. Diejenigen, welche blieben, unter welchen Marheyo, Mow-Mow, Kory-Kory und Tinora waren, umstanden die Wohnung und schienen die Rückkehr der Andern zu erwarten.

Dieses überzeugte mich, daß Fremde, vielleicht Landsleute von mir, aus einer oder der andern Ursache in die Bucht gekommen waren. Verzweifelt bei dem Gedanken an ihre Nähe und gleichgiltig gegen den Schmerz, welchen ich litt, beachtete ich nicht die Versicherungen der Insulaner, [227] daß keine Böte am Strande seien, sondern sprang auf und suchte die Thür zu erreichen. Augenblicklich wurde der Ausgang von einigen Männern versperrt, welche mir befahlen, mich wieder zu setzen. Die zornigen Blicke der gereizten Wilden mahnten mich daran, daß ich durch Gewalt nichts erreichen würde und daß ich nur auf dem Wege der Bitte meine Absicht auszuführen hoffen könnte.

Von dieser Betrachtung angetrieben, wandte ich mich an Mow-Mow, dem einzigen Häuptling, welcher zugegen war, und den ich viel gesehen hatte, und versuchte, ihm begreiflich zu machen, daß ich dennoch glaube, Tobias sei an der Küste angekommen und bat ihn dringend mir doch zu erlauben, hinzugehen, um ihn zu begrüßen, wobei ich ihm sorgfältig meine wahre Absicht verheimlichte. Allen seinen Versicherungen, daß mein Begleiter nicht gesehen worden sei, lieh ich nur taube Ohren, während ich meine Bitten mit einer Geberden-Beredsamkeit fortsetzte, welcher der einäugige Häuptling endlich nicht mehr widerstehen zu können schien. Wirklich schien er mich als ein verzogenes Kind zu betrachten, dessen Wünschen er nicht Gewalt entgegensetzen mochte und dem er daher nachgeben mußte. Er sprach einige Worte zu den Eingebornen, welche sogleich sich von der Thür zurückzogen und ich verließ das Haus augenblicklich. Vor demselben sah ich mich erst nach Kory-Kory um, aber der bisher treue Diener war nirgends zu sehen. Da ich [228] nicht einen Augenblick zögern wollte, wo jede Minute so wichtig sein konnte, bat ich einen starken Insulaner, welcher neben mir stand, mich auf seinen Rücken zu nehmen. Zu meinem Erstaunen weigerte er sich ärgerlich. Ich wandte mich an einen Andern mit gleichem Erfolge; ein dritter Versuch war eben so vergeblich und ich sah gleich, was den Mow-Mow veranlaßt hatte, meine Bitte zu gewähren und warum die Eingebornen sich so sonderbar benahmen. Es war augenscheinlich, daß der Häuptling mir nur Freiheit gelassen hatte, meinen Weg nach der See fortzusetzen, weil er glaubte, daß ich sie doch nicht würde erreichen können.

Hierdurch von ihrem festen Entschluß, mich als Gefangenen fest zu halten überzeugt, wurde ich verzweifelt, und fast gefühllos gegen den Schmerz, welchen ich litt, ergriff ich einen Speer, welcher am Hause lehnte und setzte meinen Weg auf denselben gestützt nach der Richtung der See fort. Zu meiner Überraschung erlaubte man mir, allein weiter zu gehen, und alle die Wilden blieben vor dem Hause und fingen ein ernstes Gespräch an, welches mit jedem Augenblicke lauter und leidenschaftlicher wurde. Zu meiner unbeschreiblichen Freude sah ich, daß unter ihnen eine Meinungsverschiedenheit entstanden war, daß sie jetzt zwei Parteien bildeten, und daß mir durch ihre Berathschlagungen einige Hoffnung auf Befreiung gelassen wurde.

Ehe ich hundert Ellen vorwärts gekommen war, umgaben [229] mich die Wilden von Neuem, immer noch in heftigem Streit begriffen, welcher jeden Augenblick in Schlägerei auszubrechen drohte. Mitten unter diesem Tumult kam Marheyo an mich heran und ich werde nie den wohlwollenden Ausdruck seines Gesichts vergessen. Er legte seinen Arm auf meine Schulter und sprach rührend die beiden einzigen englischen Wörter, welche ich ihm gelehrt hatte, aus: – „Heimath“ und „Mutter“. – Ich verstand sogleich, was er meinte und drückte ihm meinen wärmsten Dank aus. Fayawa und Kory-Kory waren bei ihm. Beide weinten bitterlich und nur, nachdem der Greis seinen Befehl zweimal wiederholt hatte, entschloß sich der Sohn, demselben zu gehorchen und mich wieder auf seinen Rücken zu nehmen. Der einäugige Häuptling that Einspruch gegen dieses Verfahren, aber er wurde, wie es schien, von seiner eigenen Partei überstimmt.

Wir eilten fort und nie werde ich das Entzücken vergessen, mit welchem ich zuerst wieder das dumpfe Rauschen der Brandung vernahm, die sich gegen den Strand brach. Bald sah ich die glitzernden kleinen Wellen sich durch die Öffnungen des Wäldchens zeigen. O glorreicher Anblick, o herrliches Geräusch des Oceans! Mit welcher Begeisterung begrüßte ich euch als traute Freunde! Jetzt waren die Ausrufungen der Menge am Strande ganz deutlich geworden [230] und ich glaubte fast in dem Gewirr der Stimmen die meiner eignen Landsleute zu erkennen.

Als wir den offnen Raum zwischen dem Wäldchen und der See erreichten, war der erste Gegenstand, den mein Auge traf, ein englisches Wallfischboot, welches mit der Spitze vom Lande abgewandt nur einige Faden von demselben entfernt lag. Es war mit fünf Insulanern in kurzen Kattungewändern bemannt. Mein erster Gedanke war, daß sie schon fortzurudern im Begriff wären und daß ich trotz aller meiner Anstrengung doch zu spät gekommen sei. Mir wurde das Herz groß; aber ein zweiter Blick überzeugte mich, daß das Boot nur so läge, damit sie es von der Brandung frei halten könnten, und im nächsten Augenblicke hörte ich meinen eignen Namen von einer Stimme aus dem Haufen rufen.

Ich sah mich nach der Richtung um, aus welcher die Stimme kam, und bemerkte zu meiner unbeschreiblichen Freude die hohe Gestalt des Karakoee, eines Kannaka von Oahu, welcher oft am Bord der „Dolly“ gewesen war, während sie in der Bucht von Nukuheva lag. Er trug die grüne Jagdjacke mit den vergoldeten Knöpfen, welche ihm von einem Offizier der „Reine blanche“ des französischen Flaggenschiffes geschenkt worden war, und in welcher ich ihn immer gesehen hatte. Ich entsann mich jetzt, daß der Kannaka mir oft erzählt hatte, seine Person sei in allen Thälern [231] der Insel tabotirt; daher erfüllte mich sein Anblick in einem solchen Augenblick mit einem wahren Sturm von Entzücken.

Karakoee stand nahe am Rande des Wassers, mit einer großen Rolle Baumwollenzeug in einem Arm und mit zwei bis drei Leinwandbeuteln mit Schießpulver in der einen Hand, während er in der andern Hand eine Muskete hielt, welche er verschiedenen der Häuptlinge anzubieten schien; sie aber wandten sich unwillig von dem Angebotenen ab und schienen über seine Gegenwart erzürnt zu sein, da sie ihm mit leidenschaftlichen Geberden befahlen, in sein Boot zurückzukehren und fortzurudern.

Aber der Kannaka ließ sich nicht irre machen und ich sah sogleich, daß er versuchte, meine Freiheit zu erkaufen. Durch diese Gedanken belebt, rief ich ihm laut zu, zu mir zu kommen, aber er antwortete in gebrochenem Englisch, daß die Eingebornen ihm gedroht hätten, ihn mit ihren Speeren zu durchbohren, wenn er sich mir nur einen Fuß breit nähere.

Mittlerweile schritt ich immer vorwärts, von einem dichten Gedränge von Wilden umgeben, deren mehrere die Hand auf meinen Schultern hatten und mehr als ein Wurfspieß war drohend auf mich gerichtet. Dennoch bemerkte ich deutlich, daß viele der mir am wenigsten freundlich Gesinnten unentschlossen und ängstlich aussahen.

Ich war noch etwa dreißig Ellen von Karakoee entfernt, als die Eingebornen meinem weitern Vorschreiten wehrten [232] und mir befahlen, mich auf den Boden niederzusetzen, dabei aber immer meine Arme festhielten. Das Gewirr und der Lärm wurden nun unbezähmbar und ich bemerkte, daß einige Priester zugegen waren, welche augenscheinlich Mow-Mow und die andern Häuptlinge antrieben, mein Fortgehen zu verhindern; und das schreckliche Wort: „Roo-nee! Roo-nee!“ welches ich tausendmal während des Tages hatte wiederholen hören, ertönte jetzt von allen Seiten. Dennoch sah ich, daß der Kannaka seine Bemühungen zu meinen Gunsten fortsetzte, daß er kühn die Sache mit den Wilden verhandelte und versuchte, sie durch das Auseinanderrollen des Baumwollenzeuges, durch das Knicken des Hahnes an der Flinte und durch das Hinhalten der Beutel mit Schießpulver zu locken. Aber alles, was er sagte oder that, schien nur das Geschrei der ihn Umstehenden zu vermehren, welche entschlossen schienen, ihn in die See zu treiben.

Als ich bedachte, welchen außergewöhnlich hohen Werth die Eingebornen sonst auf die Gegenstände legten, die ihnen jetzt statt meiner angeboten wurden, und die sie jetzt so entrüstet verwarfen, sah ich hierin einen neuen Beweis ihrer festen Entschlossenheit, mich um keinen Preis loszugeben und gleichgiltig gegen die Folgen strengte ich meine letzte Kraft an, riß mich aus den Händen der Wilden los und sprang auf Karakoee zu.

Dieser kühne Versuch entschied beinahe mein Schicksal, denn mehrere der Insulaner, welche fürchteten, ich möchte ihnen [233] entrinnen, erhoben jetzt ein einstimmiges Geschrei, drangen auf Karakoee ein, drohten ihm mit wüthenden Geberden und stießen ihn wirklich in die See. Durch ihre Gewaltthätigkeit eingeschüchtert, versuchte der arme Kerl, welcher bis über die Hüften in der Brandung stand, sie zu beruhigen; aber endlich als er fürchtete, sie möchten ihn wirklich umbringen, winkte er seinen Cameraden heranzurudern und ihn ins Boot aufzunehmen.

In diesem entsetzlichen Augenblick, als ich glaubte, jede Hoffnung sei gewichen, entspann[WS 7] sich ein neuer Zwist zwischen den beiden Parteien, welche mich nach der Küste begleitet hatten; es fielen Schläge und es floß Blut. Bei dem Interesse, welches Jeder an dem Streit nahm, hatten mich Alle verlassen, außer Marheyo, Kory-Kory und die arme liebe Fayawa, welche an mir hing und entrüstet schluchzte. Ich sah, daß jetzt oder nie der Augenblick sei, ich faltete die Hände, sah Marheyo flehend an, und schritt dem fast verlassenen Strande zu. Des Greises Augen füllten sich mit Thränen; aber weder er, noch Kory-Kory suchten mich zurückzuhalten und ich erreichte bald den Kannaka, welcher meine Bewegungen ängstlich beobachtet hatte. Die Leute im Boot ruderten so nahe heran, wie sie der Brandung kommen durften; ich umarmte Fayawa zum Abschiede, welche sprachlos vor Trauer dastand und im nächsten Augenblicke war ich wohlbehalten im Boot und Karakoee neben mir, der den Ruderern befahl, augenblicklich einzusetzen.

[234] Marheyo und Kory-Kory und eine große Menge der Weiber folgten mir ins Wasser, und ich beschloß als das einzige Zeichen der Dankbarkeit, welches mir übrig blieb, ihnen die Gegenstände zu geben, welche der Kannaka als Lösegeld für mich mitgebracht hatte. Ich reichte dem Kory-Kory die Muskete mit einer schnellen Geberde, welche die Stelle einer Schenkungsacte vertrat, gab dem Marheyo die Rolle Kattun, indem ich dabei auf die arme Fayawa zeigte, welche sich zurückgezogen hatte und trauernd auf den Muscheln und Steinchen in der Brandung saß und die Pulverbeutel warf ich den nächsten jungen Weibern zu, welche alle sehr begierig waren, sie aufzufangen. Diese Vertheilung nahm nicht zehn Sekunden in Anspruch und ehe sie beendigt, war das Boot schon in voller Fahrt und der Kannaka sprach die ganze Zeit laut gegen das, was er ein nutzloses Verschwenden von werthvollem Besitzthum nannte.

Obgleich es deutlich war, daß Einige der Eingebornen meine Bewegungen bemerkt hatten, so hatten sie doch nicht den Kampf aufgegeben, bei welchem sie betheiligt waren und erst als das Boot schon über fünfzig Ellen vom Strande war, stürzten sich Mow-Mow und sechs bis sieben andere Krieger in die See und schleuderten ihre Wurfspieße nach uns. Einige der Waffen sausten dichter, als es uns lieb war, an uns vorbei, aber es wurde Niemand verwundet, und die Leute ruderten tapfer zu. Aber obgleich wir nun außer [235] dem Bereich der Speere waren, kamen wir doch nur erstaunlich langsam vorwärts. Es wehte stark auf die Küste zu und der Strom war gegen uns, und ich sah wie Karakoee, welcher das Boot steuerte manchen ängstlichen Blick nach der äußersten Landspitze der Bucht sandte, welche wir umwettern mußten.

Einige Minuten lang nach unserer Abfahrt standen die Wilden in einzelnen Gruppen durchaus regungslos und schweigend da. Plötzlich zeigte der wüthende Häuptling durch eine Geberde, daß er entschlossen sei, wie er handeln wolle. Er rief laut seinen Begleitern zu, zeigte mit seinem Tomahawk nach der Landspitze und eilte in vollem Laufe nach der Richtung fort, von dreißig Eingebornen begleitet, unter welchen einige Priester waren, die ihr ewiges: „Roo-nee! Roo-nee!“ mit der ganzen Kraft ihrer Stimmen brüllten. Ihre Absicht war augenscheinlich, von der Landspitze hinauszuschwimmen und uns den Weg abzuschneiden. Der Wind nahm jede Minute zu und wehte uns gerade entgegen. Dabei ging eine so kurze rauhe See, daß das Rudern entsetzlich schwer wurde. Dennoch schienen die Umstände uns günstig zu sein; aber als wir etwa hundert Ellen von der Landspitze entfernt waren, sprangen die schnellen Wilden schon in das Wasser und wir fürchteten, daß wir binnen fünf Minuten von einem Dutzend dieser wüthenden Geschöpfe umgeben sein würden. In diesem Falle war unser Urtheil besiegelt, denn diese Wilden sind, [236] ungleich den schwachen Schwimmern civilisirter Länder, fast furchtbarere Gegner im Wasser als auf dem Lande. Hier galt es also die letzte Kraft anzustrengen. Unsere Eingebornen ruderten so, daß die Ruder sich krümmten und der schwimmende Haufe schoß, trotz der rauhen Wellen mit schrecklicher Schnelligkeit durchs Wasser.

Als wir die Landspitze erreicht hatten, waren die Wilden gerade vor uns im Wasser zerstreut. Unsere Ruderer zogen ihre Messer und nahmen sie zwischen die Zähne und ich ergriff den Bootshaken. Wir wußten wohl, daß wenn es ihnen gelang uns abzuschneiden, sie an uns das Manöver ausführen würden, welches mancher Bootsmannschaft in diesen Gewässern verderblich geworden ist; sie würden die Ruder ergreifen, das Boot kentern und uns so in ihre Gewalt bekommen.

Nach einigen athemlosen Augenblicken erkannte ich Mow-Mow. Der riesige Insulaner schoß mit seinen Tomahawk zwischen den Zähnen durch das Wasser, welches gegen seine Brust schäumte. Er war uns der Nächste und in einem Augenblick würde er eines der Ruder erfaßt haben. Selbst in diesem Augenblicke fühlte ich einen Abscheu vor der That, welche ich begehen wollte, aber es war keine Zeit zum Mitleid oder zur Schonung und mit sicherem Ziel und meiner ganzen Kraft stieß ich mit den Bootshaken nach ihm. Ich traf ihn gerade unter der Kehle und er sank, ich hatte [237] keine Zeit den Stoß zu wiederholen; aber ich sah ihn im Kielwasser des Bootes wieder zur Oberfläche emporkommen, und ich werde nie den wilden Ausdruck seines Gesichts vergessen.

Nur einer der andern Wilden erreichte das Boot; er faßte den Rand desselben, aber die Messer der Ruderer zerschnitten sein Handgelenk so, daß er wieder loslassen mußte und in der nächsten Minute waren wir an all den Eingeborenen vorüber und in Sicherheit. Die starke Aufregung, in welcher ich so lange gewesen war, verließ mich jetzt, und ich fiel ohnmächtig in die Arme Karakoee’s.

* * * * * *

Die mit meiner unerwarteten Flucht in Verbindung stehenden Umstände können in wenigen Worten erzählt werden.

Der Capitain eines australischen Schiffes war in diesen entlegenen Gewässern um Mannschaft verlegen gewesen und war in Nukuheva eingelaufen, um die Zahl seiner Leute zu verstärken; er konnte aber nicht einen einzigen Mann bekommen, und das Schiff wurde eben wieder unter Segel gebracht, als Karakoee an Bord desselben kam und den unglücklichen Engländer benachrichtigte, daß ein amerikanischer Seemann in der nahen Bucht von Typie von den Wilden gefangen gehalten würde, und sich erbot, seine Befreiung zu unternehmen, wenn ihm die nöthigen, passenden Gegenstände zum Tauschhandel verabreicht würden. Der Kannaka hatte die Nachricht von Marnoo bekommen, dem [238] ich also doch meine Befreiung zu danken hatte. Der Vorschlag wurde angenommen und Karakoee wählte fünf tabotirte Eingeborene von Nukuheva, mit denen er wieder an Bord des Schiffes ging, welches nun in wenig Stunden bis nach der Gegend von Typie segelte, und in einiger Entfernung gerade der Bucht gegenüber, beilegte. Das Wallfischboot ruderte mit der tabotirten Mannschaft nach der Landspitze zunächst des Einganges der Bucht, während das Schiff draußen seine Rückkehr erwartete.

Die Ereignisse, welche dann folgten, habe ich schon erzählt, und es bleibt mir wenig zu sagen übrig. Als ich die Julie erreichte, wurde ich an Bord getragen und mein sonderbares Aussehen und merkwürdiges Abenteuer machte für mich das lebhafteste Interesse rege. Man bewies mir jede Aufmerksamkeit, welche die Menschlichkeit ersinnen konnte; aber mein Zustand war so schlecht, daß drei Monate vergingen, ehe ich wieder hergestellt wurde.

Das Geheimniß, welches über dem Schicksal meines Freundes und Gefährten Tobias ruhte, ist nie aufgeklärt worden und ich weiß diesen Augenblick noch nicht, ob es ihm gelungen ist, zu entfliehen oder ob er unter der Hand der Wilden als Opfer fiel.


Ende des zweiten und letzten Theils.

  1. Ich glaube, dies könnte „Starke Wässer“ übersetzt werden. „Arva“ ist der Name einer Wurzel, deren Saft sowol berauschend als heilkräftig ist. „Wai“ ist das marquesische Wort für Wasser.
  2. Weiß scheint die heilige Farbe unter den Marquesas-Insulanern zu sein.
  3. Das Wort „Artua“ hat zwar eine andere Bedeutung, wird aber in fast allen polynesischen Sprachen als Bezeichnung für die Götter gebraucht.
  4. Der hier angeführte Satz ist eine fast wörtliche Übersetzung vom Original, den ich in einem kleinen, „Erdumseglungen“ betitelten Buche, welches auch einige Auszüge aus „Dalrymple’s historischen Sammlungen“ enthielt, fand. Letzteres Werk selbst habe ich nie gesehen; aber man sagt, es enthalte eine gute Übersetzung von des gelehrten Doctors Chrestoval Suaverde de Figueroa Geschichte von Mendannas Reisen, welche zuerst in Madrid 1613 erschienen.
  5. Solche Berichte werden zuweilen in englischen und amerikanischen Zeitungen abgedruckt. Sie verleiten den Leser zu der Meinung, daß die Künste und Sitten des civilisirten Lebens den Eingebornen der Sandwich-Inseln rasch der Bildung entgegenführen. Aber lasse sich Niemand durch solche Berichte täuschen. Die Häuptlinge stolziren umher in Tuch und goldenen Tressen, aber die große Menge der gewöhnlichen Leute sind fast eben so sehr im Naturzustande, wie zu Zeiten des Cook. Bei der Entwickelung der Ereignisse auf den Inseln trennen sich die beiden Klassen mehr und mehr von einander; die Häuptlinge werden täglich üppiger und ausschweifender in ihrer Lebensweise, und die gewöhnlichen Leute mehr und mehr der Lebensbedürfnisse und dessen, was zum gewöhnlichen Anstande gehört, entblößt. Aber das Ziel, zu welchem beide endlich gelangen werden, ist dasselbe: die Einen ruiniren sich schnell durch sinnliche Genüsse, und die Andern werden schnell ruinirt durch eine Menge von Unordnungen und den Mangel an gesunder Speise. Die Bedürfnisse der herrschenden Häuptlinge werden von den verhungernden Untergebenen erpreßt, und jede neue Zierrath, mit welcher sie sich bedecken, wird mit Leiden ihrer Sklaven erkauft, so daß das Maß anscheinender Bildung, welches die Häuptlinge erreicht haben, nur der Maßstab der Bedrückung ist, unter welcher der größere Theil der Bevölkerung in diesem Augenblicke wirklich seufzt.
  6. Die strenge Rechtlichkeit, welche die Bewohner von fast allen polynesischen Inseln gegen einander beobachten, steht im schroffen Widerspruch mit der Neigung zum Diebstahl, welche [142] viele unter ihnen bei der Berührung mit Fremden zeigen; es scheint fast, als ob nach ihrem eigenthümlichen Moralcodex das Stehlen eines Hammers oder eines Nagels von einem Europäer als eine löbliche Handlung betrachtet wird, oder besser, man kann annehmen, daß sie in Betracht der großartigen Übergriffe, welche ihre nautischen Besucher sich gegen sie erlauben, sie das Eigenthum der letzteren als ihnen zukommenden Ersatz betrachten. Diese Ansicht der Sache sollte, wie sie dazu dient, einen anscheinenden Widerspruch in dem Charakter der Insulaner zu erklären, auch einigermaßen die geringe Meinung heben, welche Leser von Südseereisen sich nur zu leicht über denselben bilden.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Augeubick
  2. Vorlage: friedlichen. Im englischen Original: „On all sides the Typees were girt in by hostile Tribes, …“
  3. Vorlage: Abanderung
  4. Vorlage: die die
  5. Vorlage: kennnen
  6. Vorlage: an an
  7. Vorlage: enspann
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