Meine Seele erhebet den Herrn/b) Lehrerin der Blauen Schule unter Löhe

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b) Lehrerin der Blauen Schule unter Löhe 1861–1872


Aus der Chronik des Mutterhauses


1862 Stiftung des „Siechensaals“ im Westflügel des Mutterhauses durch Schwester Cäcilie Pöschel.
1862 Beginn der Staatserziehungsanstalt.
1862 Einweihung des Rettungshauses.
1865 Einweihung des Magdaleniums, das mit Hilfe von Prinzessin Elise zu Hohenlohe-Schillingsfürst erbaut wurde.
1865 Erste Beteiligung Neuendettelsaus an der Kaiserswerther Generalkonferenz der Diakonissenhäuser.
1865–1870 Terminieren.
1866 Weggang von Konrektor Lotze; Deinzer wird Löhes Vikar.
1866 Eröffnung der ersten Filiale Polsingen.
1866 Krieg mit Österreich.
1866 25jähriges Jubiläum der Arbeit in Nordamerika.
1867 Beginn der Arbeit in München.
1870 Krieg mit Frankreich.
1872 2. 1. Löhes Heimgang.


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Zur Einführung


 Als Lehrerin der Blauen Schule, der eigentlichen Diakonissenschule, fühlte sich Schwester Therese noch mehr an ihrem Platz als vorher bei den Kindern.

 Das vorherrschende Thema in den Briefen aus diesem Zeitabschnitt ist das Befinden Löhes. Löhe glaubte sich öfters dem Tode nahe und erkannte, daß die enge Verbindung von Dorfpfarramt und Diakonissenanstalt auf die Dauer nicht bleiben könne. Nachdem die Diakonissenanstalt schon 1860 ihren eigenen Betsaal erhalten hatte, bekam sie auf Löhes Ansuchen hin 1864 die kirchenregimentliche Erlaubnis zur Anstellung eines eigenen Hausgeistlichen. Löhe wollte in Konrektor Lotze sich einen Nachfolger erziehen. Aber der verfrühte Versuch scheiterte. Lotze ging 1866 in seine Heimatkirche zurück, und Löhe sah ein, daß er die Sorge für die Zukunft Gott überlassen müsse.

 Am Krieg 1866 kamen Neuendettelsauer Diakonissen nur in den Lazaretten von Kissingen, Würzburg und Veitshöchheim zum Einsatz. Doch erhielt Löhe 1867 als Anerkennung seiner Verdienste um die Verwundetenpflege im Krieg den Orden vom Heiligen Michael I. Klasse. Daraufhin fingen in München die Vorurteile gegen Neuendettelsau zu schwinden an, und es konnte die erste Neuendettelsauer Station dort begründet werden. Am Krieg 1870/71 pflegten über vierzig Neuendettelsauer Schwestern in Frankreich und in Lazaretten in der Heimat; andere wurden vorübergehend für Verwundetentransporte freigemacht.


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Briefe von 1861–1872


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 21. März 1861

 Liebstes Mutterle, ich beeile mich, wegen der letzten Station auf der Herreise die nötige und gewünschte Auskunft zu geben. Ich halte es von wegen des etwa eintretenden schlechten Wetters und des für Dich am Ende doch beschwerlichen Weges von Windsbach her und drittens von wegen des nur zweisitzigen, daher nicht ganz zuverlässigen Postwägleins für das Ratsamste, wenn ich am Ostersamstag ein Fuhrwerk nach Triesdorf schicke, auf welches ich mich selber setze, damit ich um so eher bei Euch bin. Auf dem Rückweg setze ich mich dann auf den Bock. Also ich werde am Ostersamstag den Zug, der, ich weiß nicht, um 9 oder 10 Uhr, eben vormittags nach Triesdorf kommt, erwarten...

 Denke nur, Doris ist jetzt Hausmutter im Pfründhaus. Es ist in den Berufen eine völlige Umwälzung. Auch mir wurde heute angekündigt, daß ich wahrscheinlich nächstes Semester eine etwas andere Stellung im Hause einnehmen soll. Morgen werde ich auch eine Rechnung übernehmen: Ausgaben und Einnahmen für unsern Betsaal. Rechnungs- und Inventarwesen spielen in unserem Hause eine gewaltige Rolle. Ich beteilige mich mit Freuden dabei von wegen der pädagogischen Kraft, die diese beiden Ungetüme – so erscheinen sie vielen – ausüben. Ach, meine liebste Mutter, danke doch dem lieben Gott recht oft, daß er mich gerade so geführt hat, wie er mich geführt. Ich habe hier mein Lebensglück gefunden und wünsche mir nie etwas anderes, als was ich jetzt habe. Nur frömmer will ich werden.

 Wie freue ich mich, Dir alles zeigen zu dürfen und Dich selber teilnehmen zu sehen an dem, was meiner Seele tiefinnerste Befriedigung ist...

Deine dankbare Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 18. Juni 1861
 Liebste Mutter, ...Marie ist nun, wie sie Dir selbst schreiben wird, förmlich akzeptiert. Die Neuen wurden vorigen Dienstag in die Konferenz gerufen, um ihr Urteil nach der nunmehr abgelaufenen Probezeit hinzunehmen. Nur einer| wurde die Probezeit auf vier bis sechs Wochen verlängert, weil man sich noch nicht recht auskannte. Ich habe mich in meine Stellung bei den Blauen leicht hineinfinden können und bin Gott für den Wechsel recht dankbar. Ich bin im eigentlicheren Sinn Diakonissin als zuvor, da ich mich nun nicht mehr mit solchen Dingen abzugeben habe, die von gebildeten Mädchen verlangt werden, wenn sie wieder in ihren vorigen Kreis zurückkehren, sondern alles, was ich treibe, in direkte Beziehung zum Diakonissendienst setzen darf.

 Herr Pfarrer gibt selbst den Diakonissenschülerinnen einen Unterricht, der unmittelbar auf das Berufsleben vorbereitet. Nach einer eingehenden Einleitung über die Stellung einer Diakonissin im allgemeinen ging er zu seinem eigentlichen Thema, zur geistlichen Krankenpflege, über. Wir lernen da viele Sachen, die gewiß auch mancher Pfarrer, der noch weniger Erfahrung als Herr Pfarrer auf diesem Gebiet hat, brauchen könnte. – In einer dieser Stunden ist der ganz feste Entschluß in mir gereift, den ich Dir nun sagen will in Form einer Bitte: ich will mit dem Gehalt, welchen ich bekomme, von nun an alle meine Bedürfnisse bestreiten, und Du sollst mir gar nichts mehr schicken, auch nicht zu Weihnachten...

Deine dankbare Tochter Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, Anfang August 1861?
 Meine liebste Mutter, diesmal schreibe ich Dir meinen Brief von einem Ort, an dem ich noch nie geschrieben: ich sitze in der Apotheke, in der ich nun täglich eine oder mehrere Stunden zubringe; denn denke Dir, heute vor vier Wochen, als Pauline fortging ins Bad, übernahm ich zum großen Teil ihre Geschäfte und verrichte dieselben seitdem mit großem Vergnügen. Ich dachte nicht daran, mich dazu zu melden, aber umso lieber war mir’s, als es so ganz von selber kam. Herr Pfarrer meinte: „Aha, jetzt kommt die Allseitigkeit gegangen.“ Und weißt Du, liebe Mutter, was ich finde? – Daß man alles lernen und begreifen kann, womit man sich befaßt. Mein fürchterlicher Respekt vor den Dingen, die ich noch nie getan, beginnt zu weichen. Ich lege Senfteig auf, helfe Arzneien bereiten, berichte dem Doktor, führe ihn zu den Kranken etc.,| schon das Spülen der Arzneigläser ist mir eine Lust. Und was zu verwundern ist, der Doktor hat noch nicht einmal gesagt, er könne mich nicht brauchen. Mein Studieren geht ebenfalls gegenwärtig vielfach auf diese Seite hin. Gegenwärtig macht ein Buch viel Lärm: „Über die Pflege bei Kranken und Gesunden.“ Es ist von einer englischen Dame, einer alten Krankenpflegerin: Fräulein Nightingale (Nachtigall). Du hast vielleicht auch schon davon gehört. Man kann vieles daraus lernen, wenn sie auch mancher Dinge besonders Erwähnung tut, die einem der gesunde Menschenverstand selber sagt. Ich hab gestern das Buch fast ganz auf einen Sitz durchgelesen und nebenbei einen Auszug gemacht, um meinen Schülerinnen allerlei sagen zu können. In der letzten Doktorstunde ist ein Auge tranchiert worden, damit wir die ganze wunderbare Einrichtung haben sehen können. – Verzeih, liebste Mutter, daß ich diesmal so mit der Türe ins Haus geplatzt bin und gleich von mir zu reden anfange. Aber es hat sich eben so aufgedrängt. Ich sage Dir deswegen nicht minder herzlichen Dank für Deine beiden letzten Briefe.
In dankbarer, treuer Liebe Deine Tochter.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 16. August 1861
 Liebste Mutter, ...übermorgen, möglicherweise heute schon kommt Herr Pfarrer zurück. Wie sehr wir uns freuen, kannst Du Dir denken. Er war auch in Boll und bei der berühmten Trudel. Du hast von letzterer gewiß schon gehört. Sie heilt auf wunderbare Weise alle möglichen Krankheiten, tut aber im übrigen manches, was bei den nüchternen Christen Mißtrauen erweckt. Herr Pfarrer wollte eine bestimmte Überzeugung gewinnen, weil er oft in den Fall kommt, andern raten zu müssen. ...Heute mittag wird auch Frau von Zezschwitz mit ihrem Mann und vier Kindern aus Leipzig hieher kommen. Ich glaube, Du kennst sie durch Kelbers unter dem Namen Julie Meier. Sie kam schon mit dem 12. Jahr unter Herrn Pfarrers Leitung und ist von der Zeit an so recht eigentlich seine Tochter gewesen, an der auch, wenn an irgend wem, die herrliche Erziehung herrliche Frucht getragen. Ich war mit ihr vor nun bald sechs Jahren noch einige Monate| im Diakonissenhaus zusammen und erinnere mich noch lebhaft, wie sie mir damals, so oft sie unter uns erschien, den Eindruck eines höheren Wesens machte. Sie schwebt mir auch seitdem, obwohl ich sie nie wieder gesehen, immer als Ideal vor der Seele[1]. Ich brenne manchmal vor Begier, von außerordentlichen Frauen auch unserer Zeit zu wissen, und ein Gefühl der tiefsten Befriedigung durchdringt mich, wenn ich von solchen höre oder sie gar kennen lerne.

 In letzter Zeit hören wir viel von der großen Krankenanstalt in Berlin (Bethanien). Wenn wir zuweilen traulich beisammensitzen, erzählt uns Schwester Cäcilie Pöschel ganz eingehend. Diese war nämlich vor kurzem ein paar Monate dort, um für die Krankenpflege mehr zu lernen. Sie war bei vielen Operationen, hat Operierte, Typhuskranke etc. selbst gepflegt und kann uns gar nicht oft genug sagen, welch ungeheure Arbeitslast auf jenen Schwestern liegt. ...Unser Siechenhaus wird vor dem Spätherbst kaum ganz vollendet werden.

Deine dankbare Tochter Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 12. September 1861

 Liebste Mutter, ...wegen des Lateinischen, liebste Mutter, darfst Du keine Sorgen haben. Wir trieben’s während Herrn Pfarrers Abwesenheit, wo etwas mehr frei war, und trieben’s nur halb im Spaß. Jetzt muß es bis zu den Prüfungen liegen bleiben, wird aber gleich dann wieder aufgegriffen. Wir haben uns nur ein kleines Ziel gesteckt, das wir erreichen wollen, das von praktischem Nutzen für uns ist.

 Nächsten Montag über drei Wochen sind die Prüfungen, d. h. da fangen sie an. Am Samstag, den 12. Oktober, ist die Schlußfeier mit der Aussegnung einer Probeschwester, Emilie Lippold, Nichte von Herrn Pastor Ahlfeld. Nicht wahr, wenn einmal Deine Marie ausgesegnet wird, dann kommst Du? Es wird schon noch eine Weile dauern, aber in Aussicht steht’s ja doch. Sie wäre bei einem Haar neulich an eine Kinderschule nach Hildesheim bestimmt worden, weil großer Mangel an Leuten ist.

|  ...Denke Dir, neulich war die Vorsteherin des Dresdener Diakonissenhauses, Frau Pastorin Fröhlich, hier. Sie brachte ihre Schwägerin zu uns als Grüne Schülerin. Wir freuen uns dieses Bindeglieds zwischen unserer und der Dresdener Diakonissenanstalt. Frau Pastorin ist eine sehr liebenswürdige, grundgescheite und gebildete Frau. Sie mußte uns viel von dem Dresdener Diakonissenleben erzählen. Was uns besonders freute, war, daß in ihrer Anstalt jeden ersten Sonntag im Monat für alle Diakonissenhäuser gebetet wird und daß bei diesen Fürbitten Dettelsau obenan steht.
Deine dankbar Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 4. Januar 1862

 Meine liebste Mutter, ...es werden der Sorgen immer weniger, und ich wünsche Dir zum neuen Jahre, daß Du gar keine mehr haben mögest. Gott will sie Dir ganz sicherlich alle miteinander abnehmen. Eben deswegen freue ich mich auch so viel mehr über Maries Verwendung am hiesigen Rettungshaus. Sie bekommt nun als Probeschwester jährlich 40 Gulden Gehalt. Du freust Dich gewiß auch darüber, noch mehr aber über die andern Vorteile und Wohltaten, die Gottes väterliche Fürsorge durch diese Wendung der Marie zuteil werden läßt. Sie kann hier bleiben – o, und was schließt das alles in sich – und hat einen gar lieblichen, ihrer Kraft und Gabe gerade angemessenen Beruf. Sie schreibt Dir ja selber mehr davon.

 Einen Wunsch zum neuen Jahr habe ich Dir schon gesagt; aber noch einen zweiten habe ich für Dich. Wir sind am glücklichsten, wenn wir alles, was da kommt, es sei klein oder groß, als von Gott annehmen. Das war es, was mir Herr Pfarrer zu meinem Geburtstag wünschte, und ich wünsche Dirs wieder von Herzensgrund zum neuen Jahr. Man kann so ruhig und sorglos sein, daß wir in der gnädigen Hand eines Vaters liegen, der die Zahl unserer Haare weiß, geschweige um die größeren Dinge, die uns betreffen, sich kümmert...

 Mir geht es in meinem Beruf fortwährend gut, wenn auch viel Mühsal dabei ist. Ungeratene Kinder erziehen helfen, ist| eine schwierige Sache, auch wenn solche gewaltige Erziehungsmittel geboten sind wie hier. Es ist eine weit schwerere Aufgabe, die Großen mit den Kleinen zusammen zu regieren, als jede Partie gesondert; aber es wird schon gehen. Ich rede mich müde jeden Tag und weiß, daß dann am folgenden doch die alten Geschichten wiederkommen... Das weißt Du, glaub ich, noch nicht, daß ich seit vorigem Sommer Lehrerin für Strohflechten bin. Ach, wenn halt das praktische Geschick bei mir sich mehren würde! Ich freue mich über jeden kleinen Fortschritt und habe auch, und das ist wohl der Nutzen davon, eine immerwährende Mahnung zur Demut in dem Bewußtsein meines Mangels.

 In herzlicher Liebe

Deine dankbare Theresia.


An eine Krankenschwester.
Neuendettelsau, den 12. Februar 1862

 Liebe Kathrine, ...Gott meint’s recht gut mit Dir, daß Er Dir eine Stelle anweist, wo Du so viel Selbstverleugnung beweisen kannst. Aber der Leib darf dabei nicht zu Grunde gehen, und Du wirst gehorsam sein gegen das, was Frau Oberin schreibt. Du darfst nicht wie bisher Dich anstrengen; entweder muß Rat geschafft werden, oder man ruft Dich von hier aus zurück. Ich wünsche nur, daß Deine Seele nicht bei großer Mattigkeit des Leibes auch matt wird. Die Wechselwirkung der beiden ist so stark, daß das freilich kaum anders zu erwarten ist; aber Gott wird Dich stärken, daß die Seele frisch und wach bleiben kann. Vergeblich wird ja auch Dein Dienen für das Seelenheil der Kranken nicht sein. Auf den heiligen, stillen Wandel der Frauen ist ja 1. Petr. 3 ein besonderer Segen gelegt und ist demselben gute Frucht bei der Umgebung verheißen. Du kannst Dir in Deinen mancherlei Posten mancherlei Erfahrung sammeln, die einer Diakonissin so nötig ist.

 Seit ein paar Tagen steht uns ein neues, großes Arbeitsfeld in Aussicht, das tüchtige Diakonissen und deren nicht eine kleine Zahl erfordert. Du freust Dich gewiß auch darüber, wenn Du liest, was ich jetzt schreibe. Die Regierung unseres Landes hat in großem Wohlwollen beschlossen, die vagabundierenden, der Liederlichkeit ausgesetzten weiblichen Wesen, die freigesprochen| sind, in die verschiedenen Rettungshäuser Bayerns zu stellen. Auf die Aufforderung der Prinzessin Elise wurde von hier aus das Anerbieten gemacht, solche Sträflinge in unser Magdalenium aufzunehmen. Dieses Anerbieten ist nun angenommen, und der königliche Regierungskommissär war vor ein paar Tagen hier, um mit Herrn Pfarrer Unterhandlungen anzuknüpfen. Man will nun nicht nur einen Teil der verkommenen Mädchen hieher bringen, sondern alle vom ganzen Königreich, die zwischen zwölf und achtzehn Jahren stehen und protestantischer Religion sind. Wir bekommen da jährlich zwischen siebzig und achtzig. Das Haus wird im Frühjahr angefangen, und bis es fertig ist, müssen wir vom 1. Juli dieses Jahres an höchstens fünfundzwanzig Mädchen aufnehmen, die einstweilen im Siechensaal wohnen werden. Da gibts Diakonissenarbeit. Wir haben das Ganze gewiß als eine recht gnädige Fügung des barmherzigen Gottes anzusehen. Wie viel wird man da auch wieder lernen können!

 Ich befehle Dich dem Schutze des treuen Heilandes und bitte Dich ernstlich, nicht über Deine Kräfte zu tun, etwa weil Du denkst, es möchte Dir von irgend jemand verdacht werden, wenn Du Dich eher abberufen läßt, als Du Dich aufreibst. Gottes Wort sei Deine Stärke und Deine Erquickung. Ich bin

Deine treue Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 9. März 1862

 Meine liebste Mutter, ...einen Paß sollen von jetzt an alle Diakonissen haben, weil schon öfters so große Not durch den Mangel eines solchen entstanden ist. Die hiesigen machten eben den Anfang. Es ist ja hoffentlich kein schlimmes Zeichen für mich.

 Von Schwester Johanna Zwanziger soll ich Dir Grüße schreiben. Sie hat seit drei Wochen eine etwas erträglichere Zeit. Hoffnung auf Genesung ist ja natürlich nicht mehr. Im Lauf des Winters war sie öfters so elend, daß wir an ein recht nahes Ende dachten; allein guter Appetit und Schlaf haben die an und für sich gute Natur wieder gekräftigt, und wenn sie auch jetzt immer zu Bette liegen muß, so kann doch das Leiden noch lange währen, bis der Tod erfolgt.

|  Ich glaube, in Breitenau weiß man noch nichts von der gegenwärtigen Dettelsauer Tagesfrage, oder haben wir’s schon geschrieben? Ich weiß es wirklich nicht: Der Staat ist so gütig und vertraut unsern Händen die weiblichen protestantischen Fürsorgezöglinge vom Königreich Bayern an, die zwischen 12 und 17 Jahren stehen. Die Neuberatungen zum Bau, der sehr bald anfangen wird, zur Einrichtung und Führung sind sehr interessant. Ich war auch in Hinsicht und zum Zweck dieser Vorberatungen neulich mit Frau Oberin und zwei andern Diakonissen im Zuchthaus in Lichtenau. (Nicht eingesperrt!)

 Gott behüte Dich nun, meine liebe Mutter! Deine Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 10. Mai 1862

 Meine liebste Mutter, du wartest gewiß schon lange auf Nachrichten von Dettelsau; aber Du weißt ja auch, wie sehr unruhig der Anfang eines Semesters für mich ist, zumal wenn, wie diesmal, Schwester Gertrud Hahn[2] noch nicht vorhanden ist und auch die Kisten und Koffer auf meine Hände warten. Ich möchte damit nur gerne entschuldigt sein. Und jetzt laß mich zuvörderst meinen herzlichen Dank sagen für Deine viele Liebe, die ich in der Ferienzeit wieder einmal so recht genießen durfte. Es haben mir die freien Tage recht wohlgetan. Ich habe es auch keinen Augenblick bereut, gerade zur Festzeit, wo alles zu uns strömt, weggegangen zu sein. Daß ich der großen Unruhe, die die Gäste verursacht haben, entgangen bin, darüber bin ich herzlich froh.

 Die durchlauchtige Prinzessin kam sehr bald nach Quasimodogeniti wieder und sagte mir, sie habe sich wie auf ihre Heimat auf Dettelsau gefreut. Ich glaube, daß uns Gott unter anderem auch recht gnädig damit ist, daß er uns fromme, gottselige Menschen auf dem Lebensweg begegnen läßt, deren Erscheinung und Umgang etwas Emporziehendes hat. Namentlich achte ich es für ein Glück, wenn ein weibliches Wesen zu einem anderen weiblichen Wesen emporschauen kann.

|  Ich bin durch den diesmaligen Anfang des Semesters beruhigter als durch den vorigen. Etliche recht brave Schülerinnen geben gute Hoffnung. Emma Wagner ist ein Quecksilber, die auch unter die andern Leben bringt. Sie scheint sich hier sehr wohl zu fühlen bei den vielen Stunden. Ihr offenes, ehrliches Wesen ist ein recht gutes Element unter den übrigen.

 Unserer Johanna Zwanziger geht es immer elender. Es wird ja wohl ihr baldiger Heimgang nicht mehr ferne sein. Sie sieht furchtbar abgezehrt aus.

 Eine sehr liebliche Aussicht hat uns neulich Herr Pfarrer für das vor uns liegende Semester eröffnet, indem er uns ankündigte, welche Themata er an den Donnerstagabenden in seinen Vorträgen behandeln wolle. Es sollen das die heiligen Frauen des Neuen Testamentes sein. Vorgestern kam als erste Elisabeth, das Weib Zachariä, daran. Nein, ist das eine Lust! Da merkt man erst, wie viel in der Bibel steht.

 Gott behüte Dich, meine liebste Mutter. Bald sehen wir uns wieder, so Gott will. Mit herzlicher Dankbarkeit und Liebe

Deine Tochter.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 8. Juli 1862

 Liebste Mutter, ...unser 2.-Juli-Fest war recht schön. Es ist am Ende doch hie und da ein bleibender Segen bei den Roten Schülerinnen. Im ganzen freilich stelle ich je länger je mehr meine Hoffnungen sehr niedrig. Unsere Kinder, die oft hier innerlich angefaßt waren, daß es eine Freude war, haben schnell mit dem Anstaltskleid auch ihre hier empfangenen Eindrücke abgelegt. So ist es bei den allermeisten. Was sie hier gelernt haben, können sie nicht brauchen, weil sie nicht den Mut haben, es zu brauchen. Dann bezeugen sie selber, was andere sagen: man lerne hier nichts – und solche Geschöpfe wie unsereins müssen einen Kurs nach dem andern unterrichten und leiten mit solchem Bewußtsein, daß eigentlich Kraft und Zeit ziemlich verschwendet ist. Ältere Christen werden sich über diese Beobachtungen längst hinweggesetzt haben, d. h. innerlich unangefochten davon sein; ich aber bin noch jung und muß das erst überwinden lernen.

|  Am 1. Juli wurde die neue Anstalt für Sträflinge feierlich eröffnet. Ich war nie zuvor so ergriffen von den Gedanken, die damit verknüpft sind, wie gerade bei der Feier.

 Seit ein paar Tagen sind ein paar Dresdener Diakonissen unter uns. Wir freuen uns der Verbindung der beiden Anstalten.

 Es ist unser Haus nichts weniger als ein Kloster. Jeder Tag hat etwas anderes, so daß man sich fast nach einem größeren Stilleben sehnen möchte, wenigstens solange man die Stärke nicht hat, innerlich in völliger Ruhe und Abgeschiedenheit zu bleiben bei den rings umher wogenden kleinen und großen Ereignissen...

 In dankbarer, kindlicher Liebe

Deine Tochter Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 10. August 1862
 Meine liebste Mutter, ...ich will Dir so bald wie möglich sagen, daß unsere arme Johanna endlich hat heimgehen dürfen. Vorgestern wurde sie begraben. O wie kann der Herr heimsuchen! Es war ein herber Lebensgang mit wenig Sonnenblick. Ich bin die ganzen Tage sehr angegriffen gewesen davon, ich denke heilsam ergriffen. Ich habe noch nie in solche Leidenstiefen schauen dürfen. Unzählige Male sagte mir’s Johanna auch, wie sehr sie mich bedauere, das alles miterleben zu müssen. Ich sehe das freilich nur als eine Gnade an, weil mir’s ein starker Zug mehr ist, nicht auf das Zeitliche, sondern auf das Ewige zu sehen. Johanna hat zu Dir, liebe Mutter, eine ganz besondere Liebe gehabt. Oft sprach sie mit mir davon. Und für mich war sie eine treue, besorgte Freundin, auch in ihrer Krankheit. Ich bin ihr dankbar für alles; denn ich habe auch das große Maß von Liebe, das sie mir zuwendete, nicht verdient. Ich wachte zum ersten Mal in unserem Leichenhaus bei ihrer Leiche, die so recht das Gepräge harten Kämpfens und Ringens an sich getragen. An ihren letzten Stunden hörte sie es gerne, wenn die umstehenden Diakonissen einen sanften Gesang anstimmten. Auch hatte sie ein offenes Ohr für jedes Gotteswort, das wir ihr sagten. Sie wiederholte dasselbe mühsam, bis sie zuletzt eine Äußerung tat, die uns ein| Lächeln entlockte, zugleich dann die meisten aus dem Zimmer entfernte: Achtzehn Tage, meinte sie, möchte sie sich jetzt von ihren Freunden und Nachbarn Ruhe ausbitten. Ein dreimal wiederholtes: „Darf ich jetzt, darf ich jetzt?“ waren die letzten Worte...
Deine dankbare Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 7. Oktober 1862

 Meine liebste Mutter, nächsten Montag, Dienstag und Mittwoch werden unsere Prüfungen sein, am Mittwochabend die Schlußfeierlichkeit, mit der diesmal die Rote Schule begraben werden soll. Wir wollen uns nicht mehr in der bisherigen Weise mit der Erziehung junger Mädchen befassen. Wer seine Tochter um des geistlichen Lebens willen und um eines einfachen, guten Unterrichtes willen, so wie ihn ein Mädchen braucht, hieher tun will, kann sie als Grüne Schülerin unter die Schar der Diakonissenschülerinnen treten lassen. Französisch, Englisch, Klavier etc. wird nicht mehr gelehrt, überhaupt den Roten keine besondere Führung mehr gewidmet. Es war eine lange, breite Verhandlung, die endlich zu diesem Resultat führte. Herr Pfarrer sprach bei dieser Gelegenheit sehr ernst über die Erziehung der Mädchen und über die große Eitelkeit und Weltförmigkeit, die dabei herrsche. Wir können nach unseren Grundsätzen nicht bieten, was weltliche Institute bieten, und wenn wir in der Tat und Wahrheit Besseres, auch an wahrer Bildung Gründlicheres leisten können als andere Anstalten, so wird das so wenig verstanden, als Dettelsau überhaupt mit dem, was es will und soll, in der Welt verstanden wird.

Deine dankbare Tochter Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 16. November 1862
 Meine geliebte Mutter, eben habe ich die kleine Lebensskizze geschrieben, die Du Dir als Geburtstagsgeschenk ausgebeten hast. Es ist ein schlechtes Geschenk, aber allerdings kann ich mir denken, wie es Dir eine Geburtstagsfreude sein kann, beim Überblick dieser Notizen all der überwundenen Not| und Plage zu gedenken, die Dein früheres Leben mit sich führte. Gott sei tausendmal gepriesen, der Dich so reichlich seine Kraft und Stärke hat spüren lassen. Wie gerne möchte ich am nächsten Mittwoch ein: „O daß ich tausend Zungen hätte“ oder: „Lobet den Herren“ mit Dir anstimmen! Gott lasse Dir sonderlich an dem Tage seine Freudensonne recht ins Herz hineinscheinen! Es ist ja doch mit aller andern Freude im Grunde nichts Rechtes. Wenn wir Dich tausendmal mehr liebten, als wir Dich lieben, und Dich auf den Händen trügen, und Du tausendmal mehr Freude an uns hättest, so vermöchte doch das alles nicht Dein Herz zu füllen, das nach Freuden, die aus einer andern Welt kommen, hungert.

 Mein letztes kurzes Beisammensein mit Dir und den lieben Geschwistern ist mir in schöner Erinnerung. Ich war so fröhlich, als ich am Abend von Wörnitz daherwandelte und dabei an meinen ersten Eintritt in Dettelsau vor sieben Jahren gedachte. Und der folgende sonnige Tag in Eurem Pfarrhäuschen war auch gar schön. Ich bin glücklich heimgekommen und habe mein Tagewerk fröhlicher als je begonnen.

 ...Von Frau Oberin soll ich Dir einen herzlichen Gruß und Glückwunsch schreiben. Maries Häuschen wird, so Gott will, am 6. Dezember eingeweiht. Nächste Woche wollen wir die Verlosung halten.

 Gott behüte Dich, meine liebste Mutter. Grüße die Geschwister herzlich und danke ihnen noch für die Gastfreundschaft.

Deine dankbare Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 28. Dezember 1862

 Liebste Mutter, demnächst soll etwas von hier ausgehen, eine Aufforderung an die Pfarrer, sich mehr um die Diakonissensache zu kümmern, drüber zu belehren und Teilnahme zu erwecken, auch selber ihre Töchter nicht als geputzte Damen herumlaufen und nichts arbeiten zu lassen, sondern sie vor allem zum Diakonissendienst herzugeben. Du hast von Deinen Töchtern mehr als den Fünften gegeben. Das könnte am Ende als Regel gelten. Beim Zehnten springt doch zu wenig heraus. Mit herzlichen Grüßen

Deine Theresia.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 2. Januar 1863
 Meine geliebte Mutter, dieser Brief sollte noch zu Neujahr kommen, nun geht er erst nach Neujahr ab. Laß Dir denn jetzt noch unsere herzlichen Wünsche gefallen. Es sei das Jahr 1863 ein Jahr großen Segens für Dich, meine liebe Mutter. Dein letzter Brief schien mir ein wenig traurig zu sein. Du denkst darin der Vergangenheit. Ich finde das gerade um die Weihnachtszeit sehr natürlich. Aber wollen wir doch lieber unsere Blicke vorwärts und aufwärts und heimwärts richten. Es ist wohl nichts Leichtes, fast alle Kinder nun fern zu haben, da man sich am meisten ihrer Nähe freuen würde; aber es gibt ein ewiges Wiedersehen und ein ewiges Beisammensein. Mich begleiten in diesen Tagen beständig Bilder, die ich am Silvesterabend gesehen. Sie stellten das Gericht vor von dem berühmten Maler Fiesole. Ich kann’s gar nicht vergessen, wie die Seligen dargestellt sind – ich erzähle Dir einmal mündlich davon. Es war der Maler ein sehr, sehr frommer Mönch im 14. Jahrhundert, der immer mit Fasten und Beten an die Darstellung irgendeines Gegenstandes ging. Und das merkt man eben all seinen Bildern an: eine Frömmigkeit und Innigkeit, die man sonst nicht findet. Denke Dir nur, wir Diakonissen bekamen eine jede ein Bild von diesem Maler zu Weihnachten. Am Heiligen Abend, nachdem der erste Jubel unserer Kinder sich gelegt hatte, sagte Herr Pfarrer, jetzt würde den Diakonissen beschert. Wir mußten uns alle um den brennenden Baum stellen. Dann befahl uns Herr Pfarrer uns jetzt zu freuen. Wir fingen gehorsam an, wenigstens über den Befehl zu lachen. Über eine Weile erschien Herr Konrektor mit einem weiß bedeckten Korb. Wir mußten nun zunächst Nummern ziehen, und je nach denselben wurden die unter dem Tuche befindlichen Rollen ausgeteilt. Erst nachdem eine jede die ihrige hatte, sagte Herr Pfarrer, was sie in sich bärgen, nämlich Bilder von Fiesole, und erst danach wiederum durfte eine jede das zierliche, weißseidene Mäschchen öffnen. Dabei gab es denn einen Hauptspaß, zu sehen, wie das Los entschieden hatte. Ich bekam ein sehr schönes Doppelbild mit dem Kampf in Gethsemane und der Grablegung. Auf beiden wird die Treue der heiligen Frauen dargestellt, indem sich Fiesole denkt, es hätten dieselben den Herrn betend in ihren Gemächern| unterstützt, während die Jünger geschlafen, und bei der Grablegung sind sie ohnedies tätig zugegen. Herr Pfarrer entschuldigte sich überdies noch, daß seine Bestellung nicht geglückt sei wie die von Herrn Konrektor, indem er seinen griechischen Schülerinnen griechische Psalter zugedacht, für welche ihm aber der Buchhändler hebräische geschickt. Sie kämen aber noch. – Ich hab’ Dir das so ausführlich erzählt, weil ich vorhin darauf gekommen und weil es uns so viel Spaß gemacht.

 Unser Betsaal hat zu Weihnachten ein prächtiges Geschenk bekommen. Die Herren hier gaben Herrn Pfarrer ein Pult mit kunstvoller Holzschnitzerei und rotsamtener Kniebank. Es soll das ein Geschenk zum 25jährigen Jubiläum sein, das diesen Sommer war. Aber da hatte sich Herr Pfarrer aufs energischste alles verbeten. Und nun nahm er auch nichts, sondern schickte das Pult gleich dem Betsaal samt dem griechischen Testament, das darauf lag.

 Am Silvesterabend waren die Diakonissen mit den Freunden vom Dorf im Pfarrhaus, wo Punsch getrunken und Süßigkeiten gegessen wurden, aber auch allerlei Gutes geredet wurde. Mit dem ersten Schlag 12 Uhr stimmten die Sängerinnen, ohne daß die übrige Gesellschaft etwas wußte, das Lied: „Nun lob mein Seel“ etc. an.

 ...Heute ist Herr Pfarrer zu unserm Kummer etwas unwohl. Er hat auch die Feiertage gar zu viel geredet. Gott wird ja gnädig Schlimmeres abwenden. – Gute Nacht, meine liebste Mutter. Habe Dank für alle Deine Liebe im verflossenen Jahr.

Deine dankbare Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 6. Mai 1863
 Meine geliebte Mutter, ...am Sonntag Quasimodogeniti war eine Frau Professor Lichtenberg aus Hanau hier, um ihre Tochter heimzuholen. Die sah Dir so ähnlich, daß ich mich deshalb sehr zu ihr hingezogen fühlte. Ich freute mich überhaupt schon seit einem Jahr der Bekanntschaft mit diesem Hause, das eine rechte Hütte Gottes ist. Die Tochter war| mir mehr Freundin als Schülerin[3] und die Mutter – ich teile Dir vielleicht einmal Briefe von ihr mit, damit Du sie kennen lernst. Es ist etwas ganz Eigenes, wie schnell man mit solchen bekannt wird, die so unverkennbar auch dem Einen nachjagen, nach dem unsere ganze Seele sich sehnt.

 In diesem Semester haben wir ausnehmend wenig Schülerinnen. Ich kann dann umso treuer meine Pflicht an den Einzelnen tun. ...Denke Dir, Käthe Hommel ist noch immer krank – seit dem Dezember vorigen Jahres. Das ist nach unserem natürlichen Ermessen sehr traurig; aber es muß auch gut sein.... Da wir noch immer keine Sträflinge haben, macht Elise Steinlein alle Branchen durch; bis jetzt war sie Substitutin der Käthe, nun ist sie Gehilfin in der Küche. Sie ist ein unvergleichliches Wesen, den ganzen Tag voll Humor, der Liebling von uns allen.

 In unserm letzten Armenverein ist der Beschluß gefaßt worden, es soll fortan recht gründliche Fürsorge für die „Streuner“, wie sich Herr Pfarrer ausdrückte, für die bettelnden Handwerksburschen getroffen werden. Herr Pfarrer nimmt alle, die herkommen, in genaues Verhör. Das hat er schon bis jetzt getan. Dann aber werden sie in ein vom Armenverein gemietetes Zimmer, das bereits mit Betten versehen ist, herausgeschickt. Einer unserer Krankenpfleger bereitet ein Bad. Sie bekommen frische Wäsche und, wenn nötig, ein Kleidungsstück. Mich freut die Sache ganz königlich. Die Kerle sollen einmal in ihrem Leben sehen, wie wohl Liebe und Barmherzigkeit tut. – Nun behüt Dich Gott, meine liebste Mutter.

Deine dankbare Tochter.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 26. Mai 1863
 Liebste Mutter, es ist jetzt Pfingstmontagabend. Ich hätte gerne gewollt, daß Du unsere Briefe heute gehabt hättest. Der erste Anfang war schon am Freitagabend gemacht worden. Dazwischen lagen aber Pfingstrüstungen etc. Sechs Maien und viele, viele Blumen zieren unseren Betsaal, von dem man sich in den Tagen kaum trennen kann. Aber beinahe wäre uns| die Festzeit eine rechte Trauerzeit geworden. Gestern war in der Dorfkirche ein furchtbares Gedränge. Kaum war noch ein Plätzchen zum Stehen da. Dazu war’s ziemlich warm, und der Dampf und Dunst von Bauern! Kurz, die Folge war, daß Herr Pfarrer nur mühsam die Predigt zu Ende führen konnte. Beim Austeilen des Weines und Brotes zitterte er heftig, und als er nachhause kam, mußte er sich legen. Er sagte, er habe sich zum Sterben gerüstet, nur wollte er erst, nachdem er das Sakrament selbst empfangen. Heute morgen war er noch sehr angegriffen, sagte aber doch, er wolle uns was Kurzes predigen. Und siehe da, oder vielmehr höre, lauter und kräftiger und mächtiger als gewöhnlich strömt die ganze herrliche Pfingstpredigt aus seinem Munde. Das durfte uns nicht vorenthalten bleiben. Wir wissen nun freilich nicht, wie’s weitergeht. Vielleicht war’s nur eine vorübergehende Stärkung. Vielleicht aber ist Gott seinen armen Schafen gnädig und hat das nur einen aufgehobenen Finger sein lassen, daß wir doch aufs neue ernstlich wahrnehmen der Zeit, darinnen wir heimgesucht sind. Denn eine Heimsuchung voll Gnade und Liebe ist von Tag zu Tag, sonderlich von Sonntag zu Sonntag, unser Dettelsauer Leben. Ich möchte es manchmal an alle unsere Türen und Wände schreiben: Bedenke die Zeit, darinnen du heimgesucht bist. Es gewöhnt sich ja am Ende der Leichtsinn, besonders junger, eitler Mädchen, an alles.

 ...Unseres seligen Ludwig Biographie wird auch hier viel verlangt. Ich habe, so oft ich sie lese, einen Drang, auch der Heiligung nachzujagen wie er. Überhaupt weiß ich immer für mich kein besseres Mittel, um mich aus Trägheit und Mißstimmung recht schnell herauszureißen, als wenn ich mich mit dem Lebenslauf irgend eines selig Vollendeten befasse.

...Deine dankbare Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, Juni 1863
 Meine herzlich geliebte Mutter, ...höre die Freudenbotschaft, daß unser lieber Herr Pfarrer am 2. oder 6. Juli zurückkommt. Zwar ist sein Befinden noch nicht| gut und die alte Kraft noch nicht wiedergekehrt, aber Herr Pfarrer will nicht mehr länger von seiner Gemeinde wegbleiben, auch nichts von einem Bade wissen, das er nach wiedererlangter größerer Kraft gebrauchen sollte. Er schreibt in mehreren Briefen: „Kein besserer Ort für mich als Dettelsau, ich lebe, leide oder sterbe.“ Du wirst Dir denken können, was es immer für eine Freude war, wenn ein Brief vom Hohen Peißenberge heruntergeflogen kam. Herrn Pfarrers Briefe verrieten die tiefe Melancholie seiner Seele, die eigentlich immer vorhanden ist und einem nur bei flüchtigem Umgang vor dem erworbenen Humor entschwinden kann. „Ich schaue auf das trübe Gelände meines Lebens“, schreibt er einmal, „wehmutsvoll, doch auch getrost wegen Dessen, Der mich nicht der ewigen Verdammnis dahingegeben hat, sondern Friede und Freude des ewigen Lebens mir in die Seele gelegt.“ – Es muß auf dem Hohen Peißenberg entzückend schön sein, doch meint Herr Pfarrer, es sei der Dettelsauer Wald auch recht schön, und Herr Dr. Laurent, der zuweilen auf besondere Naturschönheiten aufmerksam mache, bekomme nicht selten zur Antwort: „O das haben wir daheim alles gerade so.“ Ganz rührend waren mir in einem Briefe an Herrn Inspektor Bauer die einzelnen Grüße, die fast eine Seite des nicht sehr langen Briefes ausmachen. Unwillkürlich ward ich beim Lesen an das 16. Römerkapitel erinnert, besonders wegen der Beisätze zu den einzelnen Namen der Gegrüßten. Herr Pfarrer scheint in kranken Tagen und in Briefen so ganz anders zu sein als sonst. Der Ferne, Gefürchtete, der mit einem oft eisernen Willen seine Sache Durchführende, der (natürlich mit vollem Recht) keinen Widerstand duldet, wo ihm seine Ansicht als die richtige erscheint, wird in Krankheit und in Briefen auf einmal mild und weich, annahend und liebevoll, fast mehr als dies. Wir sind, was die geistliche Weide anlangt, wohl versorgt und dürfen dankbar sein; aber das einzige Verhältnis, das zwischen einem wirklichen Beichtvater und seinen Kindern existiert, kann durch nichts auf der Welt ersetzt werden. ...Ida hat eines von den geistlichen Sturzbädern, respektive Zezschwitzischen Predigten, mit erlebt. Herr von Zezschwitz hat eine ganz hinreißende Beredsamkeit und eine Fülle feiner, tiefer Gedanken, die er heraussprudelt| wie einen mächtigen Strom. Ich bin ganz müde, wenn ich ihm zugehört habe, denn er sprudelt mit einem Hauptsatz 25 Nebensätze heraus in so eiligem Fluge, daß sie einem zuweilen entschwinden... Herzlich grüßt Dich
Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 19. November 1863
 Herzlich geliebte Mutter, was mußt Du doch von uns denken, daß wir so gar still schweigen und nun nicht einmal zu Deinem Geburtstag einen Brief haben eintreffen lassen. Wenigstens soll heute noch der Brief geschrieben werden. Meine liebste Mutter, was soll ich Dir zunächst an Deinem Geburtstag anderes sagen, als daß Dir unser lieber Vater im Himmel hundert- und tausendfältig lohnen wolle, was Du an uns, was Du auch an mir getan hast. Ich habe dies, glaube ich, öfters schon gesagt, wie schmerzlich mir das ist, daß ich gerade zu der Zeit, da ich vielleicht zu Verstand gekommen wäre, von Dir wegkam und also nie so recht das Glück hatte, Dir in kindlichem Dienst gleiches vergelten zu können. Jetzt kann ich nichts tun als für Dich beten und Dich lieben und Dir allenfalls meine Liebe und meine Dankbarkeit mit der Feder aussprechen. Aber es kommen schon andere Zeiten. O wie freue ich mich, wenn ich im Himmel allen meinen Wohltätern ordentlich werde danken können! Nicht wahr, dann dankst Du mit mir meinen treuen Führern auf Erden: Herrn Kirchenrat und Herrn Pfarrer. Was wäre aus mir geworden, wenn nicht so treulich für mich gesorgt worden wäre! Gottes Barmherzigkeit war wohl damals über mir, als er Dir und dem lieben Vater eingab, mich nach Augsburg zu tun, und noch mehr, als Du zu dem Entschluß kamest, mich nach Dettelsau ziehen zu lassen. Habe auch Dank, daß Du Deine Einwilligung zum Diakonissinwerden gabest. Kein seligerer Weg für mich als der, und umso gesegneter, je ernster er wird. Das wird er aber je mehr und mehr, auch dadurch, daß unser Werk unabhängiger wird von dem, der der menschliche Gründer desselben ist. Herr Pfarrer war so sehr die Seele des Ganzen, daß es uns einzelnen hat schwer werden können, zu unterscheiden, wie sehr wir an der puren Diakonissensache hangen und wie viel bei| unserm Tun davon bestimmt war, daß wir mächtig gezogen wurden von unserm großen Lehrer. Dieser selber arbeitet nun mit aller Macht darauf hin, von seiner Person loszulösen und die große Aufgabe andern Händen zu übertragen. Wir können zwar hoffen, daß Gott die heißen Gebete um Fristung des teueren Lebens hört, aber dennoch scheint der Zeitpunkt eingetreten, da unserem Hirten der Triumph erblüht, vor aller Augen zu zeigen, daß er Jüngerinnen herangezogen, die am Lehrer nicht hangen bleiben, sondern um jeden Preis Jesu dienen wollen. Für uns aber ist gleichzeitig eine Periode der inneren Losschälung gekommen und eine mächtige Aufforderung, auf den Herrn allein zu schauen. Ich würde mich gerne auf konkretere Einzelheiten dieser allgemeinen Andeutungen einlassen; aber ich fürchte, mein Brief wird zu lang... Denke aber nicht, liebste Mutter, weil ich so ernste Seiten berührt, daß ich nicht fröhlich sei. Du weißt ja längst, daß mein Beruf mein Lebensglück ist, und das wird nie anders werden. Gott behüte Dich und schenke Dir seinen Frieden.
Deine Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 6. Januar 1864

 Liebste Mutter, ...wie schön hat uns Herr Pfarrer heute morgen über die Weisen vom Morgenland gepredigt! Mir war’s so leid, wie’s schon zu Ende ging. Der Epiphanientag ist in Dettelsau immer ein großer Schenktag. Da kommen die Bauern ins Pfarrhaus und bringen Mehl und Eier und Schmalz und Geld und alles mögliche für die Mission und für die „Akonissenanstalt“.

 Denke Dir, wir Diakonissen haben heuer von Herrn Pfarrer ein gar schönes Weihnachtsgeschenk bekommen, eine sehr getreue Übersetzung des Neuen Testaments nach dem Griechischen, die in Elberfeld erschienen ist. ...Herr Pfarrer ist wieder wohler, obgleich er sagen muß, daß er seit zehn Jahren keiner gesunden Stunde sich erinnere. Seine Frau habe das bißchen Erdenglück und seine Mutter, die eben zehn Jahre tot ist, seine Gesundheit mit ins Grab genommen...

Deine dankbare Therese.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 5. Februar 1864

 Liebste Mutter, in unserm Hause war in den letzten Wochen viel Aufregung. Ich könnte Dir lange Geschichten erzählen. Doris hat eine schwere Aufgabe mit den Magdalenen. Eine ist neulich über sie hergefallen, weil sie eine Arbeit tun sollte, die sie nicht mochte. Da hat man sie, um sie unschädlich zu machen, in ein Stübchen unter dem Dach eingesperrt. Da drinnen hat sie zwei Tage lang gewütet und getobt; dann ist sie nachts aus dem kleinen Fensterchen hinausgestiegen und auf dem Dach herumgekrabbelt, endlich an der Dachrinne heruntergerutscht. Wir konnten alle nicht begreifen, wie das einem Menschen möglich war. Sie wurde am andern Tage wieder gebracht, aber Herr Pfarrer hieß ihr Tür und Tor öffnen, wenn sie nicht bleiben und sich leiten, d. h. auch strafen lassen wolle. Da erwählte sie den verkehrten Weg und ging mit ihrem Bündelein unterm Arm fort von der Stätte, die ihr hätte zum Heil werden können...

 Denke Dir, jetzt kommen zwei Diakonissen nach Hof. Es ist ein neues Krankenhaus dort erbaut worden. Wir haben aber so wenig Leute, daß man genötigt ist, Stationen, die bereits im Segen stehen, aufzulösen; denn eine solche Anfrage, wie die von Hof, möchte man um keinen Preis abschlagen, da es seit Jahren ein großer Wunsch des Hauses ist, zunächst dem Bayernlande zu dienen...

 In dankbarer Liebe

Deine Tochter Theresia.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, Frühjahr 1864?
 Liebe Ida, ...man gibt hier überhaupt keine Diakonissen mehr in Privathäuser, wenigstens in gegenwärtiger Zeit nicht, wo ein solcher Mangel an Diakonissen ist, wie er, seit das Haus steht, noch nicht dagewesen. Seit Wochen sollen zwei sehr wichtige Posten mit mehreren Diakonissen besetzt werden. Da überlegt nun Tag für Tag unser hochwürdiges Direktorium und – bringt nichts heraus. Frau Oberin schläft nicht mehr nachts. Herr Pfarrer selbst wird von der großen Not stark berührt, bis er in einer schlaflosen Nacht vom Donnerstag auf den Freitag sich eine Idee ausheckte, die er uns gestern mitteilte. Feierlich, zur ungewohnten| Stunde, wird das Kapitel zusammengerufen – der Herr Rektor befiehlt, daß die Stunden ausfallen – und nun wird die Idee kund gegeben: wir werden zuerst vorbereitet durch eine Bußpredigt, die uns gehalten wird, daß wir uns bis jetzt noch keine Substitutinnen herangezogen haben, eine jede für ihren Posten. (NB. wir hatten ja keine Seele!) Was bis jetzt nicht geschehen, soll nun geschehen. Eine jede soll sich für ihre „Branche“ eine zweite erziehen und die wohlgeschulten Diakonissen des Mutterhauses sollen dann zeitweise hinausgehen. Es fehlt nämlich nicht sowohl an Menschen überhaupt, als an solchen, die zuverlässig sind. Die Idee wurde wunderschön vorgestellt, wie ich’s da in der Eile nicht kann, von uns natürlich angenommen, wenn auch mit einigen Remonstrationen, und Schwester Elise, unsere liebste Schwester, alsbald als das erste Opfer erlesen, das ausgehen und einrichten soll. Vielleicht muß Doris bald denselben Weg betreten. An mich brauchst Du hier nicht zu denken. Ich werde wohl meine einseitige Bahn bis an mein Lebensende zu gehen haben. Das müßte schön gehen, wenn ich was einrichten sollte. Du wirst sagen, man dürfte nur nicht so viel anfangen, dann hätte man Leute genug. Ja, was aber angefangen ist! Und noch dazu: Herr Pfarrer erkennt es für seine heilige Aufgabe, unser eigenes Vaterland zunächst zu versorgen, und hat zu dem Zweck die ausländischen Stationen auflösen wollen. Aber es ging halt nicht. Seinen definitiven Kündigungen setzte man solche Remonstrationen entgegen, daß er zurückziehen mußte, wenn er nicht eigensinnig sein wollte. Laß Dir zum Spaß einen Brief schicken, den ich neulich von einer ganz fremden Pastorin erhielt. Man wollte in der großen Not die Diakonissin wegnehmen, weil sie in Hannover ein eigenes Diakonissenhaus haben. Sie behielten richtig den Sieg. Dazu tun sich jetzt in der Slovakei weite Pforten auf für ein Diakonissenarbeitsfeld, wenn nur erst Leute dazu da wären. Ganz ungesucht hat sich ein Band zwischen Dettelsau und der Slovakei geknüpft...

 Dieses Semester auf einmal regnet’s Diakonissenschülerinnen. Das sind nun aber lauter Neulinge. ...Marie geht’s gut. Sie hat nur immer Angst, sie möchte ausgeschickt werden.

Deine Theresia.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, Ende Mai 1864
 Meine liebste Mutter, ...heute ist Pfingstsonntagabend. So ein schöner Tag war, meine ich, lange nicht. Die wunderbare Schönheit der Natur schien ordentlich den geistlichen Segen sinnbilden zu sollen, der für uns bereitet war. Eine Menge Festgäste waren wieder von nah und fern herzugeströmt (unter anderem redete mich auch eine Westheimerin an). Am Abend waren wir noch lange im Freien, und es bewegte mich ganz eigen, als vom Dorfe herauf der laute Gesang der Missionsschule tönte und zu gleicher Zeit unsere Schwestern und Schülerinnen am Garten entlang ein Lied nach dem anderen anstimmten. ...Unserm teuern Herrn Pfarrer geht es sehr wohl. Jetzt ist es gerade ein Jahr, seit wir den Schrecken hatten; aber Frau Oberin war zweimal sehr unwohl. Sie hat, sagt der Doktor, eine zu große Lunge. Das wirkt aufs Herz, daß das Atmen fast immer recht schwer geht und heftige asthmatische Anfälle von Zeit zu Zeit wiederkehren können. Unsere Schwestern sind auch vielfach unwohl. Herr Pfarrer meinte gestern, da sei ich doch immer noch die Heldin. „Gott b’hüts“, setzte er dazu. ...Unser Haus trägt seit einiger Zeit einen eigentümlichen Charakter durch die Anziehungskraft, die es auf die adelige Welt ausübt. Gleich ein ganzer Tisch voll Adeliger setzt sich mittags nieder, z. T. unglücklicher Adel. ...Frau Gräfin Giech[4] in Thurnau hat ihre zwei Töchter hier konfirmieren lassen und dann alle drei, eine dritte Kleine mit, in unsere Schulen getan. Wir freuen uns von Herzen der liebenswürdigen Mädchen, von denen besonders die kleine Zehnjährige einen Ernst und Eifer fürs Gute zeigt, einen Kampf wider die Sünde, daß Herr Pfarrer selbst sich über diesen Maiensonnenschein mit Freuden ausspricht. ...Morgen reist Herr Pfarrer mit Frau Oberin nach Regensburg, um dort zu visitieren. Auch nach Nürnberg und Fürth gehen sie zu den Schwestern. Da sind wir eine Woche lang Waisen, allein mit dem „Stiefvater“, Herrn Konrektor. Herr Pfarrer hält jetzt jeden Montagabend mit uns Diakonissen Kapitel und zwar in seinem Hause. Das ist recht schön. Ich hoffe, daß Marie auch bald mit hinein darf. Es ist schon| etliche Male von ihrer Aussegnung die Rede gewesen. Nur weil so viele Ältere da sind, ist’s noch nichts geworden.

 Gott behüte Dich, meine liebe Mutter!

Deine dankbare Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 21. Juni 1864

 Liebste Mutter, diesmal erhältst Du kurz nacheinander zwei Briefsendungen von Dettelsau. Es sieht aus, wie wenn die Schwestern uneins wären und jede für sich ihren Weg ginge. Dem ist aber nicht so, sondern ich schreibe heute rein in Maries Interesse und möchte Dir gerne so bald als möglich die Kunde bringen, daß Marie am 3. Juli, so Gott will, ausgesegnet wird. Es ist die Aussegnung jetzt etwas anderes geworden als dazumal, da ich, noch halb Kind, zu der Ehre kam, und es ist schon ein Abschnitt im Diakonissenleben, wenn nun eine in alle Rechte einer Schwester eintritt. Wir haben den Tag sehr herbeigewünscht und herbeigesehnt, und mich durchzuckt es ganz von innerer Freude, wenn ich nun dies Ziel so nahe sehe. Nicht wahr, Ihr denkt am 6. Sonntag nach Trinitatis abends sechs Uhr daran, daß Marie von dem Chor der Schwestern an unserem Altar eingesegnet wird. Du, liebste Mutter, kannst Dir ja die Feier denken, weil Du einmal einer beiwohntest.

 Der bevorstehende Tag nötigt mich nun aber zu zwei Bitten an Dich. Erstlich bekommen alle die Schwestern bei ihrer Aussegnung eine Mappe. Vielleicht besinnst Du Dich, eine gesehen zu haben mit den schönen Inschriften, die unsere Künstlerin Sara gemacht hat. Ein Spruch wird eingeschrieben und der ganze Gang, den man als Diakonissin gemacht hat. Diese Mappe schenken aber immer die Angehörigen, und die kostet drei Gulden. Könntest Du nun vielleicht oder die Geschwister dies für Marie tun? Ich möchte ihr gerne den Schleier oder die Diakonissenhaube geben. Zweitens, liebe Mutter, wird von unsern verehrten Vorständen verlangt, Du möchtest eine Äußerung Deiner Zustimmung zu Maries Berufswahl geben, die man ad acta legen könnte. Was darunter| unter gemeint ist, sind nur die beiden Sätze: daß Du Deine mütterliche Einwilligung gibst zum Eintritt Deiner Tochter auch in den engeren Verband, und daß Du die Disposition über dieselbe den Vorständen des Diakonissenhauses überträgst. In dankbarer Liebe
Deine Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 22. September 1864

 Meine liebste Mutter, ...daß ich sehr überladen bin mit Arbeit, das ist nicht der Fall. Manche Menschen machen sich gerne ein Geschäft daraus, dergleichen Reden auszustreuen. Meine Schülerinnen, von denen manche, weil ihnen gerade ein anderer Gegenstand mangelt, sich mit allzugroßer Zärtlichkeit an mich hängen, können gar nicht beurteilen, ob ich viel oder wenig leiste. Die Schwestern, die mit mir zusammen leben, könnten über mich sehr beruhigend berichten... Das gehört eben zu den ganz natürlichen Leiden meines Berufes, daß über mich geredet wird, bald Gutes, das nicht wahr ist, bald Schlechtes, das wahr oder auch falsch ist. Dabei kann man doch in der Stille bleiben, wenn ich mich auch oft nach größerer Stille sehne. Zum Nichtstun – um das vorige Thema wieder aufzugreifen – bin ich ja freilich nicht Diakonissin geworden. Das versteht sich. Und daß meine Nerven nicht mehr Kreuzerstricke sind, das weiß ich auch. Aber irgend etwas muß der Mensch doch haben. Ist bei dem einen der Magen schwach, so hat er eben dies zu tragen, und ein anderer was anderes. Nicht wahr, liebe Mutter, Du hegst in diesem Stück keine Sorgen mehr um mich. Aber das bitte ich Dich, daß Du meine Seele täglich den treuen, durchbohrten Händen Jesu befiehlst, daß Er sie sicher durch alle Gefahr hindurch zum ewigen Frieden bringe.

Deine dankbare Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, Oktober? 1864
 Liebste Mutter, ...daß ich gar nicht in Ferien gehen kann, trifft sich gerade schön mit meinem Vorsatz, nach welchem ich auch nicht wollte, obwohl ich mich früher dem Gedanken| hingegeben, bei Dir zu sein. Es ist schon gut so. Ich erhole mich hier, soweit es sich nämlich um ein Erholen handelt; denn ich bin ganz gesund und war auch gar nicht sehr angestrengt das letzte Semester, obwohl Herr Pfarrer heute abend, als man mich zur Sekretärin beim Armenverein wählte, meinte, ich hätte schon einen Haufen Titel und Ämter. Bei uns fliegt alles aus. Auch Frau Oberin muß fort. Sie ist sehr leidend. Sie hat Lungenemphysem. Da sind die Luftbläschen der Lunge zu sehr ausgedehnt, die Lunge infolge davon zu groß, das Herz dadurch beengt, und unerträgliche Atmungsbeschwerden werden dadurch erzeugt. Die Nächte sind sehr schlecht. Nur Schlafmittel schaffen etwas Ruhe. Man merkt aber den Tag über gar nichts an Frau Oberin. Sie leitet mit derselben Heiterkeit und Ruhe die ganze Sache...
Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 15. November 1864

 Meine liebste Mutter, es kommt mir schon lang vor, daß ich keinen vernünftigen Brief, wie sich’s gehört, an Dich geschrieben habe. Diesmal soll’s wenigstens einigermaßen einer werden, der Dir viel kindliche Liebe und viel Dank aussprechen sollte und das Verlangen, daß Dich Gott mit dem Besten, was er hat, segnen wolle und Deine Lebenstage verklären, daß sie, je näher zum Ziele, desto schöner werden und Du singen mußt: „Ach, denk ich, bist du hier so schön...“ In dem ganzen Jahre hab ich Dich nun nicht gesehen und Du mich nicht. Um so nötiger war mein Geburtstagsgeschenk für Dich. Es hätte mich kein Mensch dazu gebracht, mich photographieren zu lassen, wenn ich nicht Dir einen Wunsch damit erfüllt hätte. Möchte Dich mein Bild zu um so häufigeren und brünstigeren Gebeten reizen, die ich gerade jetzt so sehr bedarf, wo man so viel von mir verlangt, daß es zu meinen Gaben und Anlagen und zu meiner Schwachheit gar nicht passen will. Besonders wenn Du mir eine recht unerschütterliche Seelenstille erbitten wolltest!

 In inniger Liebe

Deine Tochter Theresia.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 14. Dezember 1864

 Meine liebste Mutter, ...wir sind, wenigstens soweit die Weihnachtsfreude sonst psychisch zu ergreifen pflegt, heuer gelähmt. Es kommt bei uns Schlag auf Schlag. Manche Dinge kann man nicht so gut schriftlich mitteilen. Zu allem bekamen wir vor etlichen Tagen die Nachricht, daß unsere liebste Schwester Elisabeth Steinlein in Fürth am Typhus krank liegt. Heut kam wieder ein Brief. Sie ist recht schwach. Ihre Phantasien sind ganz friedlich. Sie ist da immer im Himmel. Wir denken fast mit Gewißheit, daß sie stirbt. Das wäre für unsere Sache ein bittrer Verlust. Vielleicht fahren morgen etliche von uns nach Fürth, um sie zu sehen. Ihre Mutter ist bei ihr gewesen und nach einer Viertelstunde gefaßt und ruhig abgereist.

 Behüt Dich Gott, meine teuerste, geliebte Mutter. Prinzessin Elise schrieb mir neulich, ob ich mich nicht auf einen oder zwei Tage losmachen könne, sie zu besuchen. Sie ist gegenwärtig sehr einsam. Aber das konnte ich doch nicht, obwohl Herr Pfarrer gleich bereit war, mir die Erlaubnis zu geben.

Deine dankbare Tochter Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 20. Dezember 1864

 Meine liebste Mutter, ...von Elise Steinlein haben wir erfreuliche Nachrichten. Vielleicht erhält sie uns Gott doch. Ich war mit Frau Oberin, Doris und Amalie in Fürth. Wir durften aber nicht zu ihr. Da haben wir durch eine Vorhangspalte geschaut und sie wenigstens gesehen. Es wallte mir ganz eigentümlich das Herz, so nahe bei ihr zu sein, ohne daß sie was ahnte. Es ist was Wunderbares um dies Zusammenwachsen im Diakonissenleben. Elise ist aber auch der allgemeine Liebling.

 So sehr freue ich mich nicht auf Weihnachten wie sonst. Du weißt nicht, liebste Mutter, was mir das ist, alle Sonntage im Betsaal sitzen zu müssen und Herrn Konrektors Predigt anzuhören, während drin im Dorf Herr Pfarrer predigt. Zuweilen ringe ich nach Ergebung in dies Schwerste, was mir je begegnet ist, und dann wehre ich mich wieder aus meiner ganzen Seele. Wir sind eine Anstaltsgemeinde und haben mit| unseren Kranken, Blöden und Zöglingen Gottesdienst, während natürlich alle, die nicht durch Hausordnung gebunden sind, ins Dorf strömen und da die Gottesdienste feiern, die eben doch von ganz anderem Geist beherrscht werden als die unsrigen. Es ist alles ganz anders geworden bei uns. Mir ist zumute, denke ich, wie den Israeliten beim zweiten Tempelbau! ...Heut ist Mariannes Geburtstag. Sie ist auch 25 Jahre alt. Gestern abend durfte ich einen Augenblick in ihr Krankenzimmer.... Wir machen zu Weihnachten eine Armenbescherung in unserm Schulzimmer. Herr Korhammer schickte mir gestern 20 Gulden von Frau F. zu einer Weihnachtsbescherung irgendeiner Anstalt...

 Nun behüte Dich Gott, liebste Mutter.

Deine Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 29. Dezember 1864

 Liebste Mutter, ...ich bin bei dieser grausigen Kälte auch in ein Stüblein gezogen. Das denke nur ja nicht, liebste Mutter, daß ich in meinem Beruf weniger glücklich bin als sonst. Noch blühen die Rosen und geben ihren Duft, aber ich muß doch auch die Dornen des Lebens spüren. Mit 25 Jahren darf man ja freilich kein Kind mehr sein, das das Leben für einen Weihnachtsbaum hält, von dem man sich alle Tage sein Zuckerstückchen nimmt. Drum laß mich nur immer mein Herz gegen Dich ausschütten, auch dann, wenn’s voll schweren Ernstes ist; aber Du darfst immer dabei denken, daß ich nicht unglücklich bin. Das wäre furchtbarer Undank, wenn ich nicht glücklich wäre. An meinem Geburtstag erinnerte mich Herr Pfarrer an die große Gnade, daß ich schon so manche Zeit nun dienen darf, und forderte mich auf, meinen Lebensgang mit dem seiner Tochter zu vergleichen, die zwei Tage älter ist als ich... Bitte Du auch, daß uns für unsere Elise zehn andere gegeben werden, auch wie sie.

 ...Dir, liebste Mutter, bringe das Jahr 1865 viel Herzensfreude über Deiner Kinder Wohlergehen. Gott zahle Dir alles heim, was Du an uns getan hast. Das wußte ich noch nicht, daß ich unter der Kinderlehre geboren bin.

Deine gehorsame Tochter Theresia.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 1. Januar 1865

 Liebste Mutter, ...jetzt kommt erst der tiefe, tiefe Schmerz über Elise. Die Feier hat uns noch so gehoben. Bete für uns, auch für unser ganzes schönes Werk.

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 20. Januar 1865

 Liebe Mutter, ...Herr Dr. Laurent sagte mir heute im Pfarrhaus, mein Name mache ihm viel Kopfzerbrechens. Der hat nämlich das Namensstudium als Manie und will alles ganz gründlich wissen, ob griechische oder persische Etymologie.

 Du glaubst nicht, was es bei uns in einem fort für Sorgen gibt. Die Fürther Station besonders läßt einen gar nicht in Ruhe. Heute z. B. kommt ein Expresse mit einem Brief, es solle alsbald eine Schwester hin. Dann muß ich immer meine halbfertigen Schülerinnen ziehen lassen. Der halbe Kurs von diesem Semester ist bereits ausgeschickt. Es ist immer großer Mangel.

 Uns ist’s noch sehr, sehr weh um unsere Elise[5]. In herzlicher, dankbarer Liebe

Deine Theresia.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 14. Februar 1865

 Liebe Schwester, ich wünsche Dir zu Deinem Geburtstag Gottes Frieden und Freude, ein allezeit getrostes Herz und einen starken Mut, alles zu tragen und alles zu leiden, was aus Seinen guten Händen kommt. Ich habe diese Zeit so gerne, wo die Hyazinthen immer anfangen ihre Pracht zu entfalten und schon Frühlingsahnung das Herz durchzieht.

 Wir haben Dir heute eine etwas schmerzliche Mitteilung zu bringen: Marie wird acht Tage nach Deinem Geburtstag abreisen nach Fürth, um die dortige Pflegeanstalt zu übernehmen.| Dann ist’s mit dem lieblichen Rettungshausleben hier für immer aus. Sie wird zwar sicherlich wieder einmal hieher kommen, das hat Herr Pfarrer schon gesagt. Aber nun müssen wir doch wohl für eine gute Weile getrennt bleiben. Und auch bei mir soll in die Gleichförmigkeit meines Berufes eine Anregung kommen, eine ganz aparte. Ich soll mit Schwester Amalie in ungefähr acht Tagen den Bettelsack umhängen und terminieren gehen! Es ist nämlich so: Herr Pfarrer hat immer neue, große Ideen. Das ist eine bekannte Sache. So will er nun, daß wir hier allen Kranken und Elenden unserer Gegend dienen und zwar unentgeltlich. Der ganze Distrikt Kloster Heilsbronn hat das Recht, seine armen Kranken hieher zu schicken ins „Distriktshospital“. Die werden dann von uns gratis verpflegt. Dafür aber gehen zweimal jährlich zwei Diakonissen in all den Ortschaften herum (es sind über 100) und – betteln, betteln aber nicht fürs Diakonissenhaus, sondern lediglich für die Armen und Kranken, die wir aufgenommen haben. Mit Kloster Heilsbronn wird angefangen, und dazu sind wir einstweilen erkoren. Ich freue mich schon auf die ungewohnte Charge. Bilder und Traktate will uns Herr Pfarrer aufpacken und uns genau instruieren. Er hofft nämlich von dieser Mission recht viel für unsere Gegend, wo so vielfach ein großartiges Ignorieren unseres ganzen schönen Werkes herrscht.... Marianne Löhe ist immer noch so leidend. Es ist ein großer Jammer. Schwester Doris Braun[6] ist jetzt Oberschwester in der Blödenanstalt und regiert das neue, große Haus, bäckt Kuchen, läßt Schmalz aus, kauft Eier ein, wurde von den Blöden begrüßt mit dem geistvollen Ruf: a Neia! a Neia! ...Schwester Marie Regine Braun ist Herrn Pfarrers Geheimsekretär[7].

 Gestern ist Prinzessin Elise wieder abgereist. Sie war einen Tag hier. Sie hat mir ein wunderzierliches Büchlein machen lassen, außen mit Goldbuchstaben meinen Namen, und inwendig hat sie mir eine Sammlung Lieder eingeschrieben, vier von der heiligen Theresia...

Deine Theresia.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 26. Februar 1865
 Liebste Mutter, ...warum ich Dir ganz notwendig heute schreiben muß, ist eine Neuigkeit, die Du nicht zuerst durch Marie selbst erfahren sollst. Diese geht nämlich nach dem Willen des Herrn Pfarrers und Frau Oberins übermorgen, am 28. Februar, nach Fürth, um dort eine Pflegeanstalt zu übernehmen; nicht ins Spital, liebste Mutter, es ist zunächst kein Typhus oder so etwas zu fürchten, es ist der gleiche Beruf, wie sie ihn hier hatte. Dich wird’s wohl überraschen, und uns beiden wird’s auch schwer ums Herz. Aber wir haben das mit in unseren Diakonissenberuf hineingenommen. Herr Pfarrer meint, es sei einer jeden gut, einmal auf eine Zeit hinauszugehen, wie die Söhne die Fremde suchen müssen. Marie soll dann wieder zurückkehren und hier angestellt werden. Die Diakonissin, welche bisher der Fürther Pflegeanstalt vorstand, wird dort Krankendiakonissin in der Gemeinde, und man fand für ihre Stelle niemanden so passenden wie Marie. Sie wohnt in dem Haus der Frau Schröder[8], Herrn Pfarrers Schwester, die auch Vorsteherin der Anstalt ist, aber nicht mehr in Fürth, sondern in Nürnberg wohnt. Nur ein paar Schritte davon wohnt Herr Max Löhe, Herrn Pfarrers Bruder, an den sich Marie nur halten soll, so wird sie einen Vater an ihm haben. Seine Töchter – eine davon ist Marie sehr befreundet – sind bisher sehr eifrige Helferinnen an der Pflegeanstalt gewesen. Dazu sind sehr brave Schwestern in Fürth, im ganzen eine so große Zahl, wie nirgends auf einer auswärtigen Station. Und zwischen Dettelsau und Fürth besteht ein inniger, immerwährender Verkehr. Kurz, alles ist so, daß, wenn’s einmal „draußen“ sein muß, Fürth der beste Ort ist. Aber draußen ist’s halt doch. Und mit dem lieblichen Rettungshäuslein ist’s für immer vorbei. Ich fahre am Dienstag mit nach Kloster und besuche, denke ich, Marie in den Ferien auf einen Tag, wenn es mein neuer Beruf erlaubt, heißt das. Aber wenn ich von meinem neuen Beruf rede, so ist das was anderes als bei Marie. Der ist lustig und alteriert meinen alten nicht im geringsten. Denke nur, ich soll mit Schwester Amalie demnächst terminieren gehen. Diese Sache| verhält sich nämlich so: ein neuer, großartiger Plan ist, daß alle armen Kranken des Distrikts Heilsbronn hier Aufnahme finden sollen in unserem ehemaligen Blödenhaus, das nun Hospital wird. Diese Kranken sollen gratis verpflegt werden, dafür aber dürfen zweimal jährlich zwei Diakonissen in allen 137 Ortschaften betteln. Es werden da verschiedene Schwestern an die Reihe kommen. Amalie und ich werden vielleicht in vierzehn Tagen nach Heilsbronn gehen und in die umliegenden Dörfer. ...Babette Dieterich ist auf dringendes Bitten von ihrer Seite von ihrem Lehrberuf dispensiert worden und soll nun das Hospital leiten. Schon sind fünf solche Kranke uns gebracht worden... Doris – das weißt Du, glaub ich, schon – regiert jetzt das neue große Blödenhaus.

 Adieu, liebste Mutter!

Deine Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 2. April 1865

 Meine liebste Mutter, ich habe sehr unruhvolle Ferien gehabt. Zweimal bin ich auf dem Terminieren gewesen. Davon schrieb ich Dir ja das letztemal. Es ist uns ganz gut gegangen, viel zu gut. Man hat uns geehrt und gepflegt, wie sonst Bettlerinnen nicht. Das heißt, wir mußten eben in Kloster beim Landrichter Absteigquartier halten. –

 Und denk Dir nur, vorgestern bin ich zum erstenmal Patin geworden! Bei wem? – Bei Herrn Konrektor, der nun also mein Herr Gevatter ist. Marianne und Gräfin Anna von Giech sind auch Paten. Ich hab fast ein wenig gezittert, als ich das Kindlein über den Taufstein hielt. Ich bin recht glücklich darüber. Marianne konnte natürlich nicht dabei sein. Herr Pfarrer hat Anna und mir eine kurze Rede am Taufstein gehalten, daß wir Engelsdienst tun dürfen, wie die Engel Menschendienste tun. Geschenke kann freilich eine arme Diakonissin nicht machen. Das hat sich auch Herr Konrektor gleich verbeten, als er mich zu meiner höchsten Überraschung zu Gevatter genommen hat. Es ist ein gar nettes Kindlein, das mich bei der Taufe mit seinen hellen Äuglein gar verwundert angeschaut hat. Herzliche Grüße

Deine Theresia.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 27. April 1865

 Liebste Mutter, ...wir haben eine recht schöne Festzeit hinter uns, und jetzt geht erst eigentlich recht das Lernen für dies Semester wieder an. Der Abschied von den vorigen Schülerinnen fiel mir besonders schwer. Es war ein so inniges Zusammenleben. Die drei Gräfinnen brachten auch einen so nobeln Ton in die ganze Klasse. Sie sind nun auch vor ein paar Tagen abgefahren. Ich habe sie so lieb gewonnen. Da lernt man aber Gott danken, daß man nicht auf irdischen Höhen steht, sondern als bescheidene Diakonissin den seligen Pfad eines gottverlobten Lebens ungehindert und unbemerkbar gehen kann. Ich hab’s ihnen wohl gesagt, den Komtessen, wie sie wohl später Dettelsau genieren wird. Das wollten sie gar nicht verstehen...

Deine dankbare Tochter Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, Samstag vor Jubilate 1865

 Meine liebste Mutter, wir freuen uns sehr des schönen Frühlings. Ich bin immer im Frühjahr und Sommer ein ganz anderer Mensch als im Winter. Ich kann es nicht beschreiben, was für eine Sehnsucht in mir die blühenden Bäume und die milden Frühlingslüfte wecken. Es ist mir, wie wenn sich das Elend der Welt und die Frühlingspracht in einem unerträglichen Gegensatz gegenüberstünden, so daß nur ein Gedanke das Gleichgewicht zu halten vermag, der nämlich, daß wir einer schönen Ewigkeit entgegengehen, in der kein solch herber Widerspruch, nichts Wehetuendes überhaupt mehr zu finden ist. Meine liebste Mutter, wann kommst Du denn nun? Doch diesen Sommer noch! – Ich bitte Dich, Du wollest doch einmal eine Zeitlang recht dringend für mich beten, daß ich meinen Beruf treulich erfülle. Ich bin durch viele Arbeit weit weniger angegriffen als durch das beständige Gefühl der Unzulänglichkeit und Unfähigkeit meiner Kräfte und Gaben. Dies Gefühl beruht auch nicht nur in meiner Einbildung, sondern es ist ganz richtig und soll nur vor dem Übermaß seines Einflusses auf mein Gemüt durch ein rechtes Gottvertrauen bewahrt werden.

 ...Frau Oberin ist recht viel unwohl. Herr Pfarrer wird nächsten Mittwoch, so Gott will, wieder zurückkommen. Er| hat ja Marianne nach Karlsbad gebracht. Am Mittwoch vor Ostern kam das Reskript vom Oberkonsistorium mit der Bestätigung unseres Hausgeistlichen. Herr Pfarrer ist nun nicht mehr der Hirte der Diakonissengemeinde!!! Es ist mir eine wunderliche Lebensführung, dies neue Stadium. So glücklich sind wohl wenige hier gewesen wie ich, so ganz glücklich! Und was mich glücklich machte, das war diese geordnete Seelenführung, dies sichere Weiden unter einem solchen Hirtenstabe. Nun ist’s dahin, und es ist mir wie ein Stück Sterben, daß ich die neue Wendung fassen und mich dreinfinden und gar fröhlich dabei sein soll. Dennoch will ich’s und weiß, daß ich aus dieser Predigt dann mehr gelernt als aus den vielen, die ich aus Herrn Pfarrers Munde gehört. Ich muß auch dies ganze geistliche Gebiet als etwas dennoch Menschliches fassen lernen und es hingeben können. So schwer ist mir noch nichts im Leben geworden. Hilf mir aber, liebste Muter, durch Deine Fürbitte diese Aufgabe lösen, von der ich ja zu Dir und zu Adolf reden darf, wenn ich auch in anderen Briefen vorsichtig sein muß, weil man es uns ja verdenkt, daß wir es „Herrn Konrektor schwer machen“. ...In dankbarer Liebe
Deine Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 25. Juli 1865

 Meine liebste Mutter, ...vielleicht gehe ich doch auch in den nächsten Ferien ein wenig fort. Mitte September sind sie. Ich hatte ein sehr angreifendes Semester diesmal. Doch bin ich ganz gesund. Nur immer gegen das Ende muß ich mich vor mir selber fürchten, weil da gewöhnlich eine physische Mattigkeit über mich kommt, mit der eine gänzliche Mutlosigkeit zusammenhängt, so daß ich mich sehne, nicht mehr lehren zu dürfen. Und doch muß ich das als meinen Lebensberuf erkennen, weil nun einmal meine wenigen einseitigen Gaben dahin gehen.

 Hast Du Dich nicht recht über Babette Dieterich[9] gewundert? Es ist bei uns eine allgemeine Klage, daß wir sie verloren haben. Wieviel tausendmal leichter geht doch eine Diakonisse| durchs Leben als eine Ehefrau, obendrein eine, die ehedem Diakonissin war und so ganz drin gelebt und gewebt hat wie sie. Eben als ich dies schreibe, hat unser Herr Doktor einen Zettel von dieser seiner Braut, bei der er ein paar Tage war, gebracht. Sie bittet uns alle immerzu in jedem Brief um Erhaltung der Liebe und Gemeinschaft...
Deine dankbare Tochter Theresia.


27. Juli 1865

 Mein Brief ist noch hier, und indessen hat Herr Konrektor Lotze um seine Entlassung gebeten und zwar so entschieden, daß nichts dagegen eingewendet wurde. Es ist eine große Veränderung für unsere ganze Sache.


An die Mutter.
Neuendettelsau, 11. Sonntag nach Trin. 1865

 Meine liebste Mutter, ...heute ist Herr Pfarrer in Polsingen und hat dort gepredigt. Am 13. und 14. September sind unsere Prüfungen. Herr Konsistorialrat Bäumler will dazu kommen. Er tut am 1. Oktober seine Tochter Helene hieher.

 Ich habe die stillen Sonntagnachmittage so gar gern. Es ist jetzt alles in der Christenlehre. Ich sitze in Stube 17 und höre Herrn Konrektor im Betsal sprechen. Nachher will ich mir ein ganz seltenes Privatvergnügen machen und mir einiges herausschreiben aus einer Briefsammlung, die mir neulich jemand gegeben. Es sind nämlich Briefe, die Herr Pfarrer vor Jahren an eine junge geistliche Tochter geschrieben hat und die so viel Schönes enthalten, daß ich sie immer bei mir haben will, auch wenn ich die Originale wieder zurückgebe.

 Deine treuen Gebete begleiten mich, nicht wahr, auch auf der Reise[10], worauf es mir schon ein wenig bange ist. Ich will jetzt recht nach innerer Stille und Ruhe ringen. Wie gut ist für mein Temperament die Gebundenheit des Diakonissenlebens!

 In herzinniger, dankbarer Liebe

Deine Theresia.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 12. November 1865

 Meine liebe, teure Mutter, ...ich habe mir in der letzten Zeit öfters gedacht, daß es schon deshalb der Mühe wert sei länger zu leben, weil man da Gottes barmherzige Durchhilfe so oft erfahren kann. Gäb’s nicht so viele Nöte, so gäb’s auch nicht so viele Hilfen und damit nicht so viele Stärkung des Glaubens. Wie mag Dir, meine liebste Mutter, diese Wahrheit noch so ganz anders in die Seele leuchten als mir bei meinem kurzen, kleinen Leben. Alle Not Dir aus Deinem Leben wegwünschen, das darf ich ja nicht. Das kommt ja erst in jener Welt. Aber das darf ich Dir wünschen und erbitten, daß Du immerzu Gottes gnädige Durchhilfe sehen und spüren mögest, wenn sich eine Not Dir genaht hat.

 Sorge Dich ja nicht wegen Kälte oder so etwas. Ich bin so gesund, in diesem Semester ganz besonders, und die gute Adelheid[11] ist meine Gehilfin und teilt meine mütterlichen Sorgen für 30 Töchter, die ich herzlich liebe und die mir zuweilen ihre Anhänglichkeit auf eine rührende Weise bezeugen. Meine Reisebeschreibung, das heißt, das Ende derselben, muß ich immer noch schuldig bleiben. Frau Doktor Riedel ist seit Mittwoch hier. Ich bin ihr von Herzen gut, auch wenn sie nicht mehr Diakonissin ist. Amalie wird auch demnächst heiraten.

Deine dankbare Tochter Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 1. Januar 1866
 Meine liebste Mutter, ...ich wünsche Dir ein Jahr des Heils und der Gnade aus der guten Hand des Herrn. Habe Dank für alle Deine Mutterliebe und Muttertreue, die Du mir nun sechsundzwanzig Jahre lang erzeigt hast und die ich in den verflossenen Tagen wieder so recht erfahren habe. Dein lieber Brief zu meinem Geburtstag war mir eine besondere Freude. Und nun Deine zarte Liebe, die ich aus der Stürzenbaum’schen Apfeltorte herausmerkte, und das reizende Portemonnaie, von dem die Schwestern sagten, daß es einen sonderlich guten Geschmack der Frau Pfarrer Stählin verrate. Die schöne Schürze bekam ich auch schon zum Geburtstag, da es| an Weihnachten so wenig Zeit zu feierlichen Privatbescherungen gibt. Habe Dank für alles!...

 Bei uns gab’s diesmal recht viele Gottesdienste; zu allem kamen noch zwei Leichen. Gestern am Silvesterabend wurde das neunzehnjährige Töchterlein des hiesigen Wirts Ottmann[12] begraben. Solch ein Vater- und Mutterschmerz wie da ist einem noch selten entgegengetreten! Herr Pfarrer sagte, so lang er hier sei, habe er die Kirche so voll noch nicht gesehen. Die Eltern haben nun gar kein Kind mehr. „Ihre einzige Perle ist ihnen ins Grab gesunken.“ Der Wirt ist ein frommer Mann, der auch häufig Ungewöhnliches sieht: Dämonen um Herrn Pfarrer herum, wenn dieser predigt, oder den Chor voll Engel beim Sakrament, oder einen Schein um Herrn Pfarrer, wenn er am Altar steht. ...Nur einmal möcht ich, daß Du unsern Betsaal im Weihnachtsschmuck sehen möchtest mit seinen Blumen und Lichtern, oder unsere Krippe, die Sara so künstlich aufgebaut... An unserer lieben seligen Elise Todestag sind wir an ihr Grab gegangen, das wenige Tage zuvor mit einem Grabstein geziert worden war, in welchen die Lampe der klugen Jungfrauen eingehauen ist. – Wer nur erst so weit wäre wie sie!

Deine dankbare Theresia.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 5. Januar 1866

 Liebe Ida, ...das weißt Du, daß der große Deinzer’sche Sohn Herrn Pfarrers Vikar ist und Lehrer an der hiesigen Missionsanstalt. Wir hören ihn zuweilen predigen. So viel ich merke, ist er Herrn Pfarrers Augenweide.

 Ist das eine Kühnheit, wenn ich Deinem Herrn Gemahl dies Photographielein zu Füßen lege, und wird er’s gnädig aufheben? Lies ihm dann doch folgendes dazu vor: Die Ansicht ist vom Turm herunter aufgenommen. Man sieht vorne links, von Pappeln halb bedeckt, das „Pfarrhüselchen“, – wie es eine Geisteskranke zu nennen pflegte, – „die selige Hütte, in der ich sechs Jahre mit meiner Helene aus- und eingegangen bin“. (Du weißt doch, wo es so heißt.) Vis à vis| rechts ist das Schulhaus, das seine Front dem Blick zukehrt und einen Haufen Leute vor seinen Pforten hat. Du siehst auch ein paar Frauenzimmer in hellen Kleidern in der Nähe und würdest mit der Lupe ohne Zweifel in einer derselben Julie erkennen. Zwischen Pfarr- und Schulhaus steht ein Mann so ruhig und fest wie ein Fels: es ist der Papst von Dettelsau; neben ihm sein Vorsteher – Brunner heißt er – mit der Sense und in einiger Entfernung Seine Majestät der hiesige Schulmeister. Der schöne See im Vordergrund, in dessen klarer Flut sich seine nächste Umgebung spiegelt, ist ein wenig idealisiert: es ist, im Vertrauen gesagt, hier eine schmutzige Pfütze. Hoch oben sieht man in Miniatur die Hüttlein Gottes, – unsere Anstalten: rechts die große neue Blödenanstalt, links das neue Waschhaus, dann kommt, ganz von Bäumen bedeckt, der Betsaal, und daneben steht, halb bedeckt, das Diakonissenmutterhaus; ihm zur Seite links das Magdalenium mit dem Rettungshäuslein daneben. – Auf dem Bildchen mit dem Betsaal, dem Diakonissenhaus und Magdalenium ziehen wir eben zur Kirche am Mittwoch morgen ins Dorf. Der Herr Photograph hat uns vom Feld herüber damals ein Halt geboten, und so kamen wir denn aufs Bild: unsere beiden Schulen mit ihren Lehrerinnen.

 Siehst Du oben auf dem Betsaal das Glöcklein, das uns jetzt zu all unsern Gebetszeiten läutet?...

 Nur einmal wenn Du an Weihnachten einen Augenblick in unsern Betsaal schauen könntest, der mitten im Winter wie ein Garten blüht und grünt und in seinem Lichterschein von einer ewigen Weihnachtssonne und Weihnachtswonne zu den Herzen redet...

 Ich denke gar viel an mein liebes Augsburg, wo mir in der Sakristei von St. Jakob das Morgenrot eines neuen Tages oftmals zu leuchten schien, bis allmählich in Dettelsau mir eine Sonne aufging, die ewig nicht mehr untergehen soll... Deinem ganzen Hause wünsche ich ein heil- und segensvolles Jahr. Im Frühjahr darf ich, so Gott will, Deine Kinderlein sehen.

 Ich bleibe Dir, so lange ich lebe, von Herzen dankbar.

Deine Therese.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 4. März 1866

 Meine liebste Mutter, ...Herr Konrektor hat nun eine Anstellung in Eisenberg als Archidiakonus. Er hat heute in Altenburg gepredigt. Nach Quasimodogeniti wird er weggehen. Mein kleines Patchen gedeiht allerliebst. ...Ich hatte eigentlich vor, in den Ferien, die am 15. März beginnen, auf ein paar Tage nach Nördlingen und Augsburg zu gehen. Aber meine Pläne zerrinnen immer wie der Schnee vor der Sonne. Das Beste ist, daß ich sie mit heiterem Mut zerrinnen sehe. Meine Kinder bleiben alle in den Ferien hier, so kann ich auch nicht fort. Dazu ist’s jetzt in der Passionszeit so gar besonders schön hier. Und endlich drittens hält mich meine kleine ungetaufte Schülerin, der ich in französischer Sprache die großen Heilswahrheiten beibringen muß. Dies Frühjahr noch wird sie getauft werden, wenn Gott seinen Segen gibt. – Sechs Konfirmanden haben wir auch.

 In inniger, dankbarer Liebe

Deine Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, März 1866?

 Liebste Mutter, wir sitzen, seit Herr Pfarrer bei uns ißt, immer so lange bei Tisch. Da kann ich viel nähen. – So schön ist’s jetzt bei uns. Diese heilige Woche wird ganz besonders gefeiert. Alle drei Stunden, von früh 6 Uhr an, erschallt unser Glöcklein und gibt das Zeichen, daß wir einige Minuten die Arbeit beiseite legen und an das Leiden unseres Herrn gedenken sollen. ...So mancherlei Schweres gibt’s schon auch unter uns, aber dennoch scheint mir zuweilen mein Glück so groß, daß ich meine, so könne es nicht lange bleiben. Weißt Du, ich meine, es wird auch je länger je friedlicher im eigenen Herzen. Manche Leidenschaft legt sich mit den Jahren und wird von Natur und Gnade zusammen überwunden. Ach, könntest Du am Karfreitag bei uns sein! Aber es ist ja überall schön.

Deine ewig dankbare Tochter Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 30. April 1866
 Meine liebe Mutter, ...Herrn Konrektor richtete ich Deinen Auftrag aus. Er läßt Dich noch recht schön grüßen. Am| 7. April ist er fortgegangen. Gerade acht Tage vorher ist mein Patchen ein Jahr alt geworden. Marie und mehrere Fürther Schwestern sind nach Nürnberg gereist, um ihn noch einmal zu sehen. So viel Schmerzliches die Trennung hatte nach einem so langen Zusammenleben, so sind nun doch unsere kirchlichen Verhältnisse wieder licht und helle geworden, und ich meinesteils bin von ganzem Herzen dankbar für die gute Wendung, die nun doch bei scheinbaren Unmöglichkeiten möglich geworden ist, zumal ja auch Herr Konrektor selbst dabei zum Frieden gekommen ist. Herr Pfarrer hat mit seinem Herrn Vikar einstweilen selbst wieder die Geschäfte übernommen, und da sich letzterer nicht schämt, nach Herrn Pfarrers Anordnungen zu handeln, so geht alles gut bis jetzt. Für die nächsten Monate hilft auch ein Geistlicher aus Rußland, der sich längere Zeit hier aufhält und später ein Diakonissenhaus in Reval gründen will. ...Wir erwarten in der nächsten Zeit den Domine Heldring aus Holland, von dem ich vorigen Herbst geschrieben. Ich freue mich, daß die beiden Männer zusammenkommen. Du weißt, daß Gottfried Löhe mit Agnes Liesching verlobt ist? Am Osterabend war die Verlobung.

 O der schöne Frühling: Unser Garten ist sonst nicht schön und präsentiert mir sonst immer das Wort Langeweile. Aber jetzt mahnt er mich immer in seinem wunderbaren weißen Blütenschmuck an das Paradies und den Frühling jener Welt. Wenn der einmal anbräche! Liebe Mutter, bete doch für mich, besonders um ein recht mildes und gütiges Herz. Es klingt dumm, aber manchmal dünkt es mich zu schwer, daß ich so viele Menschen liebhaben soll und insonderheit für eine jede meiner Schülerinnen ein ganzes, warmes, volles Herz haben...

Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 21. Juni 1866
 Meine liebste Mutter, ...wie trüb und traurig sieht’s allenthalben aus[13]! Mir ist’s, wie wenn auch unser stilles Glück, mein stilles Glück die längste Zeit gewährt hätte. Zu all den großen Nöten macht mich auch Herrn Pfarrers zunehmendes Alter so besorgt. Es kann ja nicht anders sein. Es| muß doch ein jeder Mensch ohne Ausnahme in die Erfahrung der Bitterkeit und Nöte dieses Lebens hinein. Ich will mich auch bereiten, stille und gelassen zu werden bei allem, was da kommt. – Noch ist’s jetzt recht schön bei uns. „Deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott“, die sind meine Zuflucht und mein Bergungsort und sollens allewege bleiben. Jetzt werden mir die Psalmen so lieb, besonders der 46....

 Gegenwärtig ist Deine Doppelgängerin hier, Frau Professor Lichtenberg. Sie zieht mit ihrem Manne ganz hieher. Der geht unter schwerem Leiden dem Tode entgegen.

 Gott behüte Dich, meine liebste Mutter!

Deine Therese.


An die Mutter.
Polsingen, den 18. Juli 1866

 Meine liebste Mutter, ich bin hier im schönen Schlosse Polsingen und genieße mit vollen Zügen meine Ruhe und Freiheit, die mir hier gegönnt ist. Vorigen Sonntag fuhr ich mit Herrn Löhe hieher. Die Fahrt war wunderschön, besonders die abendlichen Stunden. O, es ist so schön hier! Ich bin aber fein nicht leidend, liebste Mutter, nur ein wenig matt und müde, so daß Herr Pfarrer meinte, ich könne meine Sachen nicht ordentlich tun. Er schlug mir daher öfters vor, hieher zu gehen und ein wenig auszuruhen. Ich meinte aber, ich könne es schon bis Semesterschluß aushalten. Am vorigen Freitag abend aber erteilte mir Herr Pfarrer ganz als Rektor bestimmten Befehl, am Sonntag mit einem Mann, der Ferdinand Löhe heiße, nach Polsingen zu fahren. Ich wußte nun, daß ich nun ganz einfach zu gehorchen hatte, und das hob mich über alle sonstigen Bedenken weg. Nächsten Dienstag, so Gott will, fahre ich wieder heim; denn da geht Herr Löhe zu seines Bruders Gottfried Hochzeit. ...Vorigen Donnerstag wurde Herrn Pfarrers erster Enkel getauft.

 Ich möchte Dich gerne sehen, bin Dir so nahe, nur eine halbe Stunde. Aber nur hin- und herfahren, das ist ein aufregendes Wiedersehen, und meinen Aufenthalt teilen, das wage ich nicht ohne Erlaubnis von Dettelsau. Gerne zeigte ich mich Dir, damit Du keine Sorge um mich habest. Herr Pfarrer meinte neulich auch, er wolle mich eine Zeitlang nicht lehren lassen. Und das wäre mir ganz recht. Vielleicht darf| ich auch noch die Verwundeten pflegen. Unsere Schwestern in Bamberg wurden neulich mit Hurrageschrei als rettende Engel begrüßt. Und eine Schwester wurde mit einem: „Frau Diakonissin Hoch!!“ von eben vorüberfahrendem Militär empfangen. Aber denke nicht, daß mich das etwa zur Krankenpflege zieht; weil ich so im Zusammenhang erzähle, möchte es so scheinen. Ich überlasse übrigens alles Gott und seiner väterlichen Führung. – Es gefällt mir sehr wohl hier. So viel Platz ist da. Nicht jedes Winkelein zehnfach benützt, wie in Dettelsau, und den ganzen Tag will niemand etwas von mir.
Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 18. Oktober 1866

 Liebe Mutter, ...gestern war hier ein großes Fest. Das 25jährige Jubiläum der Mission in Nordamerika wurde gefeiert. Herr Professor Fritschel von Amerika war auch da und hielt einen Vortrag so voll Feuer und Maß, wie man von einem jungen Manne wohl selten in der Weise etwas hören kann. Eine große Menschenmenge war herzugeströmt. Doch kann ich Dir aus Mangel an Zeit nicht mehr erzählen...

Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, Anfang November 1866

 Liebe Mutter, ...Julie laß ich sagen, daß Herr Pfarrer bereits drei Stunden über Memnotechnik gehalten hat. Die beiden biblischen Stunden der vorigen Woche wurden auch dazu verwendet. Es hat uns die Unterweisung viel Spaß gemacht. An der Einleitung gefiel mir der Satz so gut: Das Gedächtnis kann Schätze aufhäufen, die aber nichts nützen, wenn nicht die Erinnerung als eine Kraft von außen dazukommt. Wie der Duft in den Blumenkelchen eingeschlossen ist, wenn kein Windhauch kommt, ihn aufzuheben, so ist das Gedächtnis ohne Erinnerung. ...Morgen ist Abendmahl im Betsaal mit Predigt von Herrn Pfarrer. Gestern durfte ich mit zweien meiner Schülerinnen die äußeren Geschäfte beim „Anführen“ besorgen. Ich erzählte Herrn Pfarrer, wie das daheim für uns Kinder immer ein großes Fest gewesen...

Deine dankbare Therese.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 27. Dezember 1866

 Meine liebste Mutter, du hast mich so reichlich beschenkt, daß ich wirklich sehr überrascht war. Es ist fast zu reich gewesen. Die Jacke brachte mir Sara am Morgen meines Geburtstages mit einem Knittelvers, den sie mit großer Grazie deklamierte:

Die Mutter läßt Dich grüßen
Und läßt Dich durch mich wissen,
Daß sie Dir diese Jacke schenkt
Und Dein dabei in Lieb gedenkt.

 Den herrlichen Kuchen, den Du in Deiner großen Güte bei Stürzenbaum bestellt, brachte mir der Kleine.

 Wir haben herrliche Feststage gehabt. O unser Betsaal war so schön: Ich beschreib Dir schon noch alles. Wär nur das Wetter nicht so schlecht, ich könnte schon eine kleine Fußtour nach Ansbach machen, solange Du dort bist. Aber nein, es geht doch nicht.

 Schick mir durch den Knecht irgend einen Zettel, auf dem ein Gruß von Dir steht! Also mein eigentlicher Brief kommt erst. Ich hatte viel Arbeit in diesen Tagen. Und heute abend habe ich mit meinen Kindern, weil es dritter Feiertag ist, statt gelernt – gespielt:

Deine dankbare Tochter Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 2. Februar 1867
 Meine liebe Mutter, ...gelt, ich schrieb Dir’s schon, daß ich ein kleines Stüblein bewohne; Herr Pfarrer sagte, als ich verneinte, es sei nicht nötig, er müsse daran denken, was meine Mutter sagen würde, wenn sie hörte, daß ich den ganzen Winter über auf dem Dachboden schliefe. – Er ist immer so väterlich. Liebste Mutter, wenn Du für mich betest, dann bitte doch um Treue, daß ich nichts versäume in alle dem, was mir übertragen ist. Und bitte auch, daß meine Seele durch alle die Gefahren hindurchgerettet werde. Es ist doch der Diakonissenweg nicht so leicht, als ich mir dachte. Eine gewisse Selbständigkeit, an die wir bei allem Gehorsam gewiesen sind, und eine gewisse Isoliertheit des Weges trotz aller Gemeinschaft bringt viel Gefahr: Herrschsucht und| Leidenschaftlichkeit, das Letztere ist besonders beklagenswert. Du kannst Dir’s vielleicht nicht so denken, liebste Mutter?

 Wenn Du vielleicht hie und da Dich um Luise Dieterich ein wenig annehmen könntest, wäre es gewiß recht dankenswert. Den Nördlingern ist schwerlich jemals eine Diakonissin recht. Wir sind halt auch nicht vom Himmel gefallen und gehören zum armen Sünderorden, und darum muß man sich mit uns gedulden wie mit andern Menschen und nur immer offen die Wahrheit reden.

Deine dankbare Tochter Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 26. Februar 1867

 Liebste Mutter, ...gestern ist Herr Pfarrer mit Frau Oberin nach München gereist. Es wird dort wahrscheinlich auch eine Diakonissenstation errichtet werden. Heut vor acht Tagen hat Herr Pfarrer den Michaelsorden bekommen. ...

 Wenn ich in meinen Briefen dazwischen einmal traurig scheine, so muß Dich das nicht betrüben, nur dringender beten wollest Du dann für mich. Ich kann Dir meine wechselvolle Stimmung ja nicht verhehlen und will mich in meinen Briefen nicht anders geben, als es mir gerade zumute ist. Die schwerste Not des Lebens ist doch die Sünde. Die macht mich am öftesten unglücklich. Wenn ich aber immer wieder absolviert bin und beim Sakrament gewesen, dann geht es wieder eine Zeitlang ganz gut; es ist ordentlich, wie wenn auch der Leib teilnähme an den neugeschenkten Gotteskräften, die die Seele empfangen.

 Wenn Dir einmal gelegentlich der Brief unter die Hände kommt, den ich nach meiner Kaiserswerther Reise geschrieben, so sei so gut und schick ihn mir. Ich habe mir gar nichts ordentlich verzeichnet von jenen Tagen und möchte doch gerne die Erinnerung daran festhalten.

Deine dankbare Tochter Theresia.

 PS.: Man braucht jetzt nicht mehr: „Post Kloster Heilsbronn“ hinzuschreiben; Neuendettelsau allein genügt.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 8. März 1867
 Liebste Mutter, Deinen letzten sorgenvollen Brief hätte ich am liebsten gleich nach seinem Empfang beantwortet, obwohl| ich ja hoffen darf, daß die Stimmung, in der er geschrieben, keine andauernde, sondern schnell vorübergehende war. Ich glaube auch, daß ich nicht geschickt bin zu trösten. Kinder verstehen das Trösten nicht. „Wie einen seine Mutter tröstet“, sagt die Schrift und eignet also das rechte und wirksame Trösten den Müttern zu, die müssen’s verstehen. Dennoch wünschte ich mir – o wie sehr wünschte ich das! – ich könnte immer zu Dir eilen, wenn der Sorgengeist Dich erfassen will, und könnte Dich die Sonne sehen lassen, die dennoch helle scheint, auch wenn der Sorgennebel Dir den Blick auf sie trübt. ...Ach, wenn Dir gegeben würde, meine liebste Mutter, alle Deine Sorgen in Gebete zu verwandeln, die sich dann von Dir und Deiner Seele loslösen und in das himmlische Heiligtum eindringen!
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 Ich möchte Dir gerne heute noch einiges erzählen, was Dich gewiß auch erfreuen wird. Vorige Woche war Herr Pfarrer in München, weil man ihn sehr gebeten hat, doch einmal hinzugehen, weil ein Kreis von Freunden gerne Dettelsauer Diakonissen zur Krankenpflege dort haben möchte. Es soll wirklich demnächst eine Station dort errichtet werden. Auch die Herren Geistlichen sind ganz mit einverstanden. Herr Pfarrer hat um Audienz bei der Königin gebeten, die ihn schon länger gern hätte kennenlernen. Es war uns allen sehr interessant, von dieser Audienz – mehr durch Frau Oberin als durch Herrn Pfarrer selbst – etwas zu hören. Die Königin, ganz in Weiß gekleidet, sei äußerst huldvoll gewesen, habe über alles mögliche – anstaltliche und pastorale Angelegenheiten – gesprochen und ganz bestimmt gesagt, sie wolle nächsten Sommer nach Dettelsau kommen. Jede Schwester wolle sie extra gegrüßt haben. Herr Pfarrer sagte von ihr, sie sei ihm als eine demütige, nach Gott verlangende Seele erschienen. Das hat mir besonders gut gefallen. Beim Weggehen hat sie zu Herrn Pfarrer gesagt: „Nicht wahr, Sie beten für mich? Und auch für den König? Und“ – ein wenig schüchtern habe sie dazugesetzt – „auch für die Braut?“[14]| Am andern Morgen hat sie ihr Album zu Herrn Pfarrer geschickt und ihn bitten lassen, sich einzuschreiben. Herr Pfarrer schrieb ihr ein Ps. 21, 1–8. Mancherlei Komisches hat sich auch dabei zugetragen. Herrn Pfarrers Garderobe ist natürlich nicht für königliche Audienzen eingerichtet. Da bot ihm Herr Dekan Meier seinen Amtsrock und seine weißen Handschuhe an. Ersterer schlotterte ein wenig, da Herr Dekan ein dicker Mann ist. Den Hut lieferte Herr von Tucher, und Herr Pfarrer erzählte sehr humoristisch, wie ihm der Wind denselben einmal vom Kopfe geweht, da er mit Prinzessin Elise über die Straße ging. Es sei nun eine Jagd auf den Hut losgegangen, Prinzessin wie ein Reh, er wie ein Bär gesprungen, und erstere erjagte endlich das erborgte Kleinod.
Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, Mai 1867

 Meine liebste Mutter, ...Herr Pfarrer wird, so Gott will, morgen von Polsingen zurückkehren. Er war dann gerade drei Wochen fort. Er hat sich dort mehr als Kranker gefühlt und mehr gepflegt, als er es hier tut. Doch erwarten wir nicht, daß er gestärkter und frischer zurückkommt.

 Gegenwärtig ist eine alte Diakonissin bei uns zu Besuch, eine ehemalige Bethanische Schwester, die zunächst von X kam, wo sie hatte Oberin werden wollen, allein da die andere Oberin nicht ging, mußte sie wieder abziehen. Sie scheint geradezu aufs Oberinwerden versessen zu sein. Eine sonderbare Manie, das muß ich gestehen. Man muß wahrhaftig nicht recht gescheit sein, um darnach gerade ein Verlangen zu tragen.

 Heute abend haben wir im Pfarrhaus noch mit Blumen geschmückt zum Empfang. Ein Kranz von lauter Rosen, wunderschön von Bruder Michel gebunden, hängt an seiner Schlafzimmertür, am Eingang des Wohnzimmers stehen zwei kleine Maien, und sonst gibt’s noch Blumen und Kränze. O könnten wir doch seinen schweren Lebensabend mit lauter Blumen bestreuen, wie gerne täten wir’s! Es ist eine harte, harte Führung.

|  Denk nur, neulich war in Kloster Heilsbronn eine Somnambule, die, wenn sie in ihren eigentümlichen Krampf fiel und ganz starr und leblos dalag, mit lauter Stimme von der Wiederkunft des Herrn redete und die Leute zur Buße ermahnte. Sie wurde wie eine Prophetin angestaunt und angehört, so daß sich unser Herr Vikar veranlaßt fühlte, wenigstens den Leuten der hiesigen Gemeinde auf den Standpunkt geistlicher Nüchternheit zu verhelfen und in einer Predigt über den Somnambulismus und seinen Unterschied von Prophetie zu belehren. Es ist ein schlesisches Bauernmädchen, das seit zwei Jahren einen unwiderstehlichen Drang hat, umherzureisen und den Leuten Buße zu predigen. Was sie sagt, gibt nicht etwa ein neues Licht über das göttliche Wort, ist aber auch nicht schriftwidrig. Jetzt ist sie zu Pfarrer Clöter nach Illenschwang gegangen, der die Leute zur Auswanderung in das asiatische Rußland animieren will, weil die Zukunft des Herrn unmittelbar bevorstehe.

 Doris war neulich mit Frau Domina von Veltheim in Ammergau beim Passionsspiel. Sie kam sehr ernüchtert zurück!...

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 6. Juni 1867

 Meine liebe Mutter, herzlichen Dank für Deinen lieben Brief. Du mußt Dich nicht entschuldigen, wenn Du von äußeren Dingen zu schreiben hast. Ich bin keineswegs so ätherisch, daß ich nicht in alle Not und alles Ungemach des Lebens, das mich umgibt, hineinsteigen könnte. Wenn Du mich manchmal sähest in meinem Tun und hörtest in meinen Reden, Du würdest es schon merken, daß mir die äußeren, nur praktischen Dinge nicht einmal mehr eine Last sind. Es gehört ja dies zu diesem irdischen Leben. Einmal wird’s anders – und Schmutz und Staub und Not des Lebens hört auf.

 ...Das eben dünkt mich das Grundverkehrte an dem Scherersbuch, dies verzweiflungsvolle Ringen der Blinden nach einer Selbständigkeit, die Gott nicht einmal bei sehenden Menschen duldet, geschweige sie von Blinden ertrotzen läßt, die Er durch Seine Führung in die Abhängigkeit gesetzt hat| mehr als andere Menschen. – Ich für meine Person bin froh, daß ich das Buch gelesen. Ich meine, ich hätte etwas daraus gelernt, besonders auch das, daß doch wir Sehenden uns oft nicht genug in die Blinden hineindenken. Es ist wahr, Blinde müssen mit zartester Aufmerksamkeit behandelt werden, und seit ich mehr darauf achte, tut mir manches für Julie weher als sonst. Am Himmelfahrtstage gingen wir miteinander spazieren. Herr X. begegnete uns, grüßte und sagte dann zu mir sehr freundlich: „So, führen Sie Ihre Schwester spazieren?“ Julie war höchst aufgebracht über diesen Ausdruck: „Führen Sie etc.“ Hundertmal begegnen solche Kleinigkeiten, die vermieden werden könnten. Doch nun genug davon. Gottes Wort sagt: „Du sollst dem Blinden keinen Anstoß in den Weg legen.“ Ich meine, man könnte darin die ganze Weisung für eine zarte Rücksicht Blinden gegenüber lesen. Ich will mir’s gewiß auch merken, denn ich habe oft an allerlei nicht gedacht.

 Herr Pfarrer ist einen Tag nach seiner Rückkehr von Polsingen wieder krank geworden und ist noch jetzt nicht wieder in Tätigkeit. In Polsingen hat er alles sehr hoffnungsvoll gefunden. Er konnte bei seiner Erkrankung nichts lesen und schreiben, seine Augen taten ihren Dienst nicht. Es geht wohl wieder etwas besser.

 Denke nur, Prinzessin Elise ist Braut mit einem sehr frommen Fürsten Salm[15]. Sie wollen sich miteinander verbinden, um Werke der Barmherzigkeit zu üben, namentlich um arme irrende Seelen aus ihrem Stande wieder zurückzubringen auf den rechten Weg. Die ganze Sache ist hier vor sich gegangen und war uns natürlich höchst interessant, weil alles so außergewöhnlich ist, so gar nicht nach dem Sinn dieser Welt.

 In herzlicher, dankbarer Liebe

Deine Theresia.


An ihre Schwester Marie.
Neuendettelsau, Juli 1866?
 Liebe Marie, da stehe ich und will dichten und habe angefangen; aber es findet keinen rechten Fortgang. Poetisch| wollte ich Dir Deinen Aussegnungstag beschreiben, den schönen, da man die heilige Festgeschichte las und wir im Geiste mit Maria auf die Höhen Judas gingen, da Du in Deinem Diakonissenleben auch auf eine Höhe stiegest, die Du nimmer mit tiefen Talen vertauschen sollst. Beschreiben wollte ich Dir, wie wir Dich schmückten mit dem bräutlichen Schleier und Dich zum Altar führten als eine Erstlingsgabe am Morgen des 2. Juli. Betend und opfernd – das war ja die Meinung – sollte nicht nur der Schwesternchor, sondern auch die ganze Schar der ehemaligen Schülerinnen stehen, damit die Gabe von Ihm gnädig angesehen, das Opfer gereinigt und geheiligt und – angenommen werden sollte. Erinnern wollte ich Dich an die ernsten Worte unseres Beichtvaters, die er Dir damals sagte, die ja wohl nicht flüchtig unser Ohr umtönten, die wir aber dann doch nicht so festgehalten, wie wir gerne gewollt, weder mit dem Gedächtnis noch mit – Taten und Leben. Persönlich sollst Du Ihm Dich hingeben, Ihn persönlich meinen mit Deinem Dienst. Wohl sollst Du Dein Häuslein zurichten, so daß alle Welt sich darüber freut, daß es aussieht, wie aus dem Ei geschält, daß Pfarrer Blumhardt kommen kann und sagen: „Ei, Mariele, Du haschts aber recht schö“, aber wehe Dir, wenn Du damit Dich selber und nicht Ihn meinst. Du könntest mit all den Werken der Barmherzigkeit zum Teufel fahren. Aber, o ein gesegneter Gang, wenn Du das Wahrzeichen der Diakonissin, ihr unterscheidendes Merkmal nicht wegtäuschst, wenn Du Deine Werke Deinem Herrn tust. Nicht Armut und Gehorsam, nicht Keuschheit und Friedfertigkeit sind das besondere Teil der Diakonissin, die vier hohen Tugenden sind Gemeingut aller Christen; aber um Seinetwillen die Kinder lieben, die sonst nicht liebenswürdig sind, um Seinetwillen den Kranken dienen, vor denen die Natur sich scheut, um Seinetwillen von all dem Elend auf Erden gezogen werden wie von lauter Magneten, das soll der Charakter der Diakonissin sein. ...Erinnern wollte ich Dich auch, daß eine Hand segnend auf Deinem Haupte ruhte, die wir nun nicht mehr fassen können; aber die Selige, der sie gehörte, ist sicherlich Deine und unser aller Fürbitterin geworden. Sieh, das alles wollte ich Dir sagen, und ’s ist nicht gelungen. Nimmst Du nicht den Willen für die Tat?
Deine Therese.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 14. November 1867

 Meine liebste Mutter, diesmal soll Dir Marie mein Geburtstagsbrieflein bringen, in das hinein ich mit lauter Buchstaben der Liebe und des Dankes schreiben möchte. Ich möchte wohl auch einmal wieder einen Geburtstag mit Dir feiern. Seitdem Marie und ich damals in Weiltingen Deine einzigen Töchter waren, die Du um Dich hattest, ist mir die Freude nicht mehr zuteil geworden, und auch diesmal muß ich mich mit unsichtbaren Besuchen begnügen. Ich kann kaum einen besonderen Wunsch finden, den ich Dir aussprechen möchte, sondern alles, was gut und heilsam und zeitlich und ewig nütze und dienlich ist, das wünsche ich meiner liebsten Mutter...

 Ihr habt vielleicht schon gehört, daß am 2. November unsere liebe Schwester Cäcilie[16] ihre selige und fröhliche Heimfahrt gehalten hat. Ihr letztes Wort, das sie noch mit sterbenden Lippen hauchte, war: „Loben und danken.“ Oft während der Zeit ihres Krankenlagers hat sie uns ernstlich ermahnt, ja recht zu loben, wenn sie vollendet habe. Ihre langen, schweren Leiden haben alles nacheinander weggeschmolzen durch die Wirkung der göttlichen Gnade, was im Leben an ihr störend war, und ihre edle Seele reifte sichtlich, zu unser aller Verwunderung und zu gesegnetem Beispiel, für die Ewigkeit. Ihr sehr interessanter Lebenslauf wird gedruckt werden. Ich habe nie jemand auf dem Krankenbett so einfach und nüchtern von jener Welt reden hören, wie unsere Cäcilie. O wie viel hat der Herr auch durch dies Kranken und Sterben zu unsern Seelen geredet!...

Deine dankbare Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 15. Dezember 1867
 Mein liebstes Mütterlein, heut erhielt ich einen Brief mit der Nachricht, daß Du unwohl seiest. Wie leid tut mir das! Ich wollte, ich wäre statt Deiner krank und dürfte um Deinetwillen die Schmerzen haben, damit sie Dir abgenommen wären. ...Liebste Mutter, ich hätte einen Wunsch für das kommende| Jahr: daß Du einige Tage hieher kämest. Du wohnst dann in meinem kleinen Stüblein und ich leg mich auf den Schlafboden, und Du gehörst dann etliche Tage mir ganz allein. Ach, nicht wahr, daraus wird etwas! Ich freue mich schon, wenn ich nur daran denke.

 Bei unserm lieben, teuern Herrn Pfarrer macht sich das herannahende Alter zuweilen recht bemerkbar. Das macht mich sehr traurig. O es gibt nichts, gar nichts auf dieser Welt, was die Seele stille und wahrhaftig glücklich machen kann, als die Aussicht auf eine ewige Seligkeit. Gott sei Dank, ja tausendmal Dank, daß wir die haben!

 Ich weiß nicht, ob ich Dir schon geschrieben, daß wir in diesem Semester viele Schülerinnen haben, so viele wie seit Jahren nicht mehr. Es ist mir eine große, schöne Aufgabe zugewiesen. Aber schwierige Charaktere sind darunter. Ich glaube nicht, daß es unter dem männlichen Geschlecht solche Abnormitäten gibt wie unter dem weiblichen. Hast Du in Deinem langen Leben vielleicht die gleiche Bemerkung gemacht, oder meine ich das bloß?...

 Gegenwärtig stehe ich in einem sehr innig nahen Verhältnis zu Auguste Bandel[17], einer Cousine von Brauns, die hier die Sträflinge unter sich hat, welche der Staat hieher gebracht hat, und nebenbei englischen und französischen Unterricht erteilt. Ich habe noch nie jemand gehabt, der so wie sie mit mir auf das „inwendige Leben“ und die „geistlichen Übungen“ eingegangen ist, und ich achte ihren Umgang für ein besonderes Gnadengeschenk. Wir sprechen auch häufig englisch zusammen, und ich bin ganz vergnügt darüber, daß ich neulich bei einer Abteilung von Anfängerinnen den englischen Unterricht übernehmen durfte, denn ich liebe die englische Sprache sehr. – Gott behüte Dich nun, meine liebste, teuerste Mutter, und mache Dich bald wieder frisch und gesund und schenke Dir noch viel Freude und Wonne im armen Erdenleben. Heut abend werden die alten „Responsorien“ vom 3. Adventssonntage gesungen. Ich wollte nur, Du könntest sie hören. Das klingt immer ganz ins Herz hinein, wenn der Text des heutigen Evangeliums von den wunderbaren Tönen| getragen wird und einem die Tonkunst es vor die Seele malt, wie die Toten auferstehen etc.... Ich kann mich darüber schlecht ausdrücken, weil ich nichts von Musik verstehe... Nochmals lebe wohl!
Deine dankbare Tochter Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 4. März 1868
 Meine liebste Mutter, ...ich habe Dir, liebste Mutter, etwas Wichtiges aus meinem kleinen Leben mitzuteilen. Denke Dir nur, nächste Woche gebe ich mein Schulmeistern auf und werde Krankendiakonissin. Herr Pfarrer, der immer so sehr gütig besorgt um mich ist, sagt, er sei jetzt reicher an Lehrkräften als je (Schwester Auguste Bandel und Adelheid Liesching sind sehr gute Lehrerinnen), und man könne mich also jetzt an der Schule entbehren. Er meinte meine Nerven berücksichtigen zu müssen, die übrigens jetzt gerade nicht besonders angegriffen sind. Es geht mir leiblich ganz gut. Ich bekomme nun die Aufsicht über das ganze Krankenwesen des Hauses, insonderheit über unsern schönen Siechensaal, behalte dabei die Führung der Diakonissenschülerinnen (nicht den Unterricht, sondern nur die Seelsorge und praktische Anleitung) und meinen Mesnerberuf. Wenn ich mir’s so überlege, kommt’s mir wunderschön vor. Doch habe ich, seit ich’s weiß, innerlich viel Bangen und Sorgen durchgemacht. Bis jetzt versteh ich auch von der Krankenpflege noch gar nichts. Aber von alle dem, was ich über die Änderung in den letzten Wochen gehört und geredet, war mir ein Wort unsres teuern Herrn Pfarrers das liebste, das ich mit großer Innigkeit ergriff und festhalte. Er sagte: „So hat Dich jetzt Dein Gott geführt.“ Ein Abschnitt in meinem Leben ist es. Und ich bitte Dich sehr, liebste Mutter, vergiß mich in Deiner Fürbitte nicht! Nächsten Montag prüf ich zum letztenmal – nein, nicht Montag – Dienstag. (Da gedenke mein.) Dann ist’s aus. Es ist schon seit lange ein Wunsch von mir gewesen, einmal auch den Kranken dienen zu dürfen. Freilich an das hiesige Krankenwesen dachte ich dabei nicht. Nun hat sich alles so gefügt. In Ferien kann ich diesmal nicht. Aber nicht wahr, Du kommst – wenn die Hyazinthen blühen, wenn die Frühlingssonne warm scheint, – dann gehe ich mit Dir in unsern| schönen Wald, und Du siehst mich dann einmal in praktischer Tätigkeit. Wie freu ich mich!... Gott behüte Dich, meine liebste Mutter!
Deine dankbare Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 24. März 1868

 Meine liebste Mutter, heute empfing ich Deinen lieben Brief, für den ich Dir herzlich danke. Ich eile Dir gleich zu sagen, daß Dein Reiseplan wunderschön ist. Mein Beruf ist mir wohl noch neu dann, aber das wird doch kein Hindernis sein. Also laß es nur vorderhand so stehen. Du kommst am Montag der Karwoche zu uns und bleibst bis zum Karsamstag. Wie freue ich mich, mit Dir nach vielen, vielen Jahren wieder einmal Karfreitag zu feiern (nein, so gar viele Jahre sinds doch nicht, fällt mir da ein; ich war ja einmal in Breitenau um diese Zeit.) Marie ist da wahrscheinlich auch noch hier, denn sie bedarf einer längeren Erholung. Wie schön wird das sein!...

 Ich schreibe heute nicht mehr, nur noch das Eine, daß ich morgen erst, als am Tage Marien Verkündigung, in mein Amt eingeführt werde. Nicht wahr, Du gedenkst meiner in inbrünstigem Gebet. Die Veränderung geht bei mir tiefer als bei andern Diakonissen der Berufswechsel.

Deine Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 22. Juni 1868
 Meine liebste Mutter, nur einen herzlichen Gruß möchte ich Dir durch N. N. senden, damit Du weißt, daß ich lebe und gesund bin. Ich wollte Dir ohnehin in diesen Tagen schreiben, nun kann ich’s heute freilich nur kurz tun. Ich kann’s noch immer nicht verschmerzen, daß Dein Besuch, auf den ich mich so lange gefreut, so halb mißlungen ist. Es ist jetzt viel ruhiger hier, und auch mein Berufsleben ist etwas stiller geworden. Doch es ist nun vorbei. Es war ja doch schön, daß ich Dich in München noch einmal sehen durfte. Es geht mir recht gut, liebe Mutter. Ich habe Hoffnung, daß ich mit Gottes Hilfe meines Berufes nach und nach mächtig werde. Es war mir eine große Ermutigung, als mir neulich jemand erzählte, Herr Pfarrer habe gesagt: „Sie ist an ihrem Posten.“ O die| Kranken – ich möchte sie so recht innig lieben als die Stellvertreter unseres Heilandes und ihnen alles tun, was ich meinem Jesus täte, wenn ich Ihn sähe und bedienen dürfte. Als ich vorigen Sonntag in dem kleinen Dörflein Haag (wohin ich schon seit Jahren öfters gehe) von einem Krankenbett zum andern ging und mit einer jungen Sterbenden so einfach über Tod und Ewigkeit reden durfte, da war ich so glücklich, daß Du Dich auch gefreut hättest, wenn Du’s gesehen...
Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 20. Juli 1868

 Liebe, teure Mutter, recht herzlichen Dank sage ich Dir für Deinen lieben Brief. Das ist doch nicht Dein Ernst von Amerika! Hu, mir graust’s vor Amerika. Nach Osten hin, o, da zieht’s mich gewaltig, und in Jerusalem als Diakonissin zu sterben, das ist ein Gedanke, für den ich schwärmen könnte, wenn ich nicht zu alt wäre zum Schwärmen und wenn nicht die Nüchternheit des Lebens auch meine zum Schwärmen neigende Natur längst in ihr kühles Wasser getaucht hätte. Aber ein Gedanke bewegt mich heute, den ich Dir vorlegen möchte, damit Du ihn entweder verwirfst oder dazu wirkst, daß er realisiert wird.

 Sieh, ich bin nun, nachdem ich jahrelang mich darnach gesehnt, wirklich mitten ins praktische Leben hineingestellt worden, aber nicht, wie ich’s eigentlich bedürfte, als Schülerin und Anfängerin, sondern gleich in übergeordneter Stellung. Da fühle ich nun natürlich meine Lücken und meine Schwachheit, und eine Sehnsucht erwacht in mir, ein wenig mehr zu verstehen, um doch meinen Posten besser ausfüllen zu können. Mein Beruf stellt mich vornehmlich unter die Kranken, und doch habe ich nie Kranken persönlich so recht gedient. Da möchte ich nun so gerne nur auf ein paar Wochen in ein Hospital gehen, wo die Krankenpflege gerade in besonderer Vollkommenheit geübt wird, wie z. B. im Diakonissenhaus in Berlin oder sonst irgendwo. Das erforderte aber natürlich einiges Geld. Ich habe aber nichts. Bei meinem Überlegen fielen mir jedoch die 100 fl. ein, die ich einst besessen, auf die ich dann aber verzichtet habe. Sollten sie nun| noch nicht angegriffen sein und würdest Du mir noch eine Art Recht darauf zuerkennen, so könnte ja auf diesem Wege mein sehnliches Verlangen gestillt werden. Ich habe Herrn Pfarrer noch nichts gesagt. Ich wollte erst wissen, ob überhaupt eine Möglichkeit wäre. Vielleicht schreibst Du mir gleich nach Empfang meines Briefes. Durchsetzen um jeden Preis will ich natürlich die Sache nicht. Nur wird jedermann, der sich in meine Lage versetzt, mein Gefühl des Mangels gerecht und mein Verlangen in der Ordnung finden.

 Ja, wenn ich könnte, wie ich wollte, dann ginge ich ein paar Wochen in ein Krankenhaus, ein paar Monate in die hiesige Küche, ein paar Monate lernte ich ordentlich nähen. Es ist ja in der Tat nicht viel mit mir. Aber Krankenpflege sollte ich nun zu allernächst verstehen. Ich bitte Dich, schreibe mir doch gleich morgen, wenn’s möglich ist, Deine Meinung – so oder so.

Deine dankbare Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 9. p. Trin. 1868

 Liebste Mutter, ...Ich danke Dir von ganzem Herzen, daß Du mir zur Erlangung meines Wunsches helfen willst. Ich bin ein wenig von Berlin abgegangen und tiefer heruntergestiegen. Ich kann ja auch in einem der Spitäler, wo unsere Schwestern arbeiten, lernen. Herr Pfarrer findet es ganz gut, wenn ich irgendwohin gehe. Aber so bald kann ich jetzt noch nicht fort. Am 13. August kommen die Tüncher in den Betsaal. Dann wird auch unser Siechensaal gemacht. Da wird’s schon Herbst werden. Ich bin jetzt schon beruhigt, weil ich die Möglichkeit sehe. Ich denke nicht, daß es so arg viel kosten wird. – Denke nur, unter meinen Pflegebefohlenen ist jetzt eine Gräfin, die die Kopfgicht hat und auch Gelenkrheumatismus. Man muß ihr jetzt nachts einheizen. Sie ist eine geborene Französin und in Polen aufgewachsen. Da hat sie denn auch polnische Gewöhnungen an sich. Man mußte ihre beiden Koffer unter die Matratzen ins Bett stellen. „So machen’s wir Polen.“ Auf dem Kopfe trägt sie eine Pelzmütze, eine wattierte Haube, ein seidenes Tuch und dann noch eine Art von Turban drüber. Kuriose Menschen gibt es doch unter der Sonne!

|  ...Ich bin schon wieder auf einer Hochzeit gewesen – bei Prinzessin Elise Salm. Schwester Marie Regine sagt: „Sie bereist jetzt alle Hochzeiten.“ Ich hab mir gedacht, die Hochzeiten bei uns Bürgerlichen sind schöner als die vornehmen. Da ist nichts von Gemütlichkeit, sondern alles wird mit einem steifen Zeremoniell ziemlich kurz abgemacht. Die Braut sah sehr schön aus im weißen Atlaskleid mit langem Schleier, der mit goldenen Nadeln zierlich geheftet war. Ich war aber froh, als ich wieder glücklich daheim war. Nur Herrn Pfarrers Kommando hat mich gezwungen hinzugehen. Er wollte nicht, daß gar niemand von Dettelsau da wäre; er selbst wollte nicht, auch Frau Oberin nicht. So schickte man mich mit einer Schwester, obwohl ich Prinzessin bereits für ihre Einladung gedankt hatte. Ich bin froh, daß ich nicht vornehm bin.

 Liebste Mutter, bete doch für mich, daß ich ein recht liebevolles Herz bekomme. In der Familie hat man, meine ich, viel weniger Reizung zur Lieblosigkeit und Ungeduld als unter Fremden. Es ärgert mich den Tag über so vieles, und die tägliche, stündliche Selbstverleugnung wird oft so schwer. Gott erbarme sich mein und unser aller, daß doch unser Leben je länger je mehr zu Seines Namens Ehre diene. – Am Dienstag ist bei uns Festtag, diesmal am 11. statt am 10. Nun sind es vierzehn Jahre, seit unser Haus steht, und dreizehn sind’s bald, daß ich hier bin. Eine lange Zeit der Gnaden, wie sie nicht vielen Menschen so ununterbrochen zu teil wird.

Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 19. Oktober 1868

 Meine liebe Mutter, nun habe ich Dir schon sehr lange nicht mehr geschrieben, aber Du weißt ja, daß es mir gut geht. Gott sei Dank. Mit meinem Plan muß ich es vorderhand gehen lassen. Ich habe niemand, der meine Stelle inzwischen vertritt. Ich lerne nun eben hier, so viel ich kann. Ich habe auch neuerdings zu meiner großen Freude entdeckt, daß ich leibliche Kraft genug zur Krankenpflege habe. Nur Nachtwachen könnte ich, glaube ich, nie viel aushalten...

 In dankbarer Liebe

Deine Theresia.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 5. November 1868

 Meine liebste Mutter, Gott grüße Dich in Ansbach, liebe, teure Mutter, wohin Dich Gott nunmehr für die nächste Zeit geführt hat. ...Ich kann mir denken, daß Dir der Abschied von Nördlingen schwer geworden ist, auch der Abschied von Marie, die Dir so nahe war; aber Du bist nun im Schoße der Liebe gewiß nicht minder als bisher, und wenn ich von mir etwas sagen darf, so freue ich mich recht von Herzen, daß Du nun auch mir einmal näher gekommen bist. Gott segne Deinen neuen Aufenthalt! „Ein Tag, der sagt’s dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit.“

 ...Ich möchte so gerne Taulers Leben lesen. Auch wäre ich sehr dankbar, wenn ich einmal Karl von Raumers Leben und Schliers Leben auf kurze Zeit geliehen bekommen könnte...

 Der Herr behüte Dich, meine liebe Mutter, und erquicke Dich mit Seinem Freudengeiste.

Deine dankbare Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 2. Dezember 1868

 Meine liebste Mutter, ...Marie war hier, nicht ganz zweimal vierundzwanzig Stunden. Wir mußten am Montag vormittag miteinander ins Pfarrhaus, weil ihre Etats durchgesprochen wurden fürs nächste Rechnungsjahr. Herz und Gemüt hatte wenig vom ganzen Besuch. Das Diakonissenleben ist schrecklich geschäftlich. Aber wir waren doch froh, daß wir ein wenig zusammen sein konnten.

 Es geht mir sehr wohl. Zwischenein freu ich mich wie ein Kind auf Weihnachten und doch nicht mehr wie ein Kind. Es ist doch alles anders geworden, und Gott sei tausendmal gedankt, daß es anders geworden ist und an die Stelle der Kinderfreude ein wenig etwas von der rechten Christenfreude getreten ist. Der Herr schenke uns eine selige Advents- und Weihnachtszeit.

Deine dankbare Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 23. Januar 1869
 Meine liebste Mutter, ...wie leid tut es mir, daß Du Dir meinetwegen Sorge gemacht hast. Es ist eben jener Unfall so| völlig spurlos an mir vorübergegangen, daß ich nicht daran dachte, der Beruhigung wegen zu schreiben. Also jetzt will ich Dir einfach den Hergang erzählen. Ich erwähnte doch neulich schon die Frau Superintendentin Pehmüller, die sieben Jahre in Südafrika mit ihrem Mann zugebracht hat und dreizehn Jahre lang, jedes Mal zu winterlicher Zeit, melancholisch wurde. Diesmal wollte sie ihre schlimme Zeit hier verleben. Allein es kam diesmal keine Melancholie. Nach langen Jahren feierte sie wieder einmal ein seliges Weihnachtsfest, war aber am Fest und nachher ein wenig aufgeregt. Vom 29. Dezember an begann eine wirkliche Geisteskrankheit, die zuerst in einer Art von Verzückungen sich äußerte, wobei sie aber meist ganz klar redete, bis am Silvesterabend zu unser aller Schrecken die sonst so stille, fromme, ernste und ruhige Frau tobsüchtig wurde.
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 Das schrieb ich, denk ich, alles neulich schon. Sie wurde dann nicht mehr klar, redete, auch wenn sie ruhig wurde, lauter wirres Zeug, erkannte ihren Schwiegersohn, der herbeigeeilt war, nicht – und zu unser aller Verwunderung starb sie schon am 11. Januar. Es war dieser ungewöhnliche Fall ein rechter Weck- und Mahnruf an unsere Seelen. Die Leiche sollte nach Preußen geschafft werden. Das machte schrecklich viel Wirtschaft und Not. Am Abend des 13. Januar war es jedoch so weit, daß man sie weiterfahren konnte. Vorher wurde sie in unserem Leichenhaus ausgesegnet. Wir schmückten die Leiche und zündeten die Lichter an. Ich lief wohl sechsmal den Garten auf und ab. Als die Feier begann, war es noch nicht ganz finster, aber während wir da unten waren, brach die völlige Dunkelheit herein. Alles entfernte sich, nur etliche, die mit der Leiche noch beschäftigt waren, blieben. Mir fiel ein, daß ich noch zwei Fürbitten einzuschreiben hatte, ehe der Abendgottesdienst begann, und da wollte ich recht schnell in den Betsaal laufen, damit ich bald wieder bei der Leiche wäre. Als ich heraustrat und anfing zu laufen, dachte ich: „Um alles, so finster ist’s, und Herr Pfarrer hat keine Laterne“, aber indem ich das dachte, war ich schon bei dem untern Bassin angekommen, und weil ich eben an dieses gar nicht dachte, sondern nur geradean lief, stürzte ich mit kühnem Sprung ins Wasser. Einen Augenblick schwamm ich im Wasser,| dann merkte ich, daß ich ganz wohl gründen und drin stehen konnte. Frau Oberin war nicht weit entfernt, sie hatte den Sturz gehört und mein Rufen und rief nun gleich unseren guten, treuen Bauwart herbei, der zum Glück noch im Leichenhaus war; der hob mich sanft heraus und trug mich heim. Ich war wohl zuerst recht erschrocken, doch erholte ich mich schnell, und geschadet hat es mir nicht ein bißchen. Erst einen Tag danach bemerkte ich, daß am Fuß die Haut ein wenig geschürft war. Gespürt hatte ich gar nichts. Daß ich Gott recht von Herzen dankbar bin, kannst Du Dir denken. Ich wäre damals schlecht zum Sterben bereitet gewesen. Sonst wäre ich ja von Herzen gerne gestorben. Ich will mich auch nun ernster bereiten, nachdem mir Gott diese Mahnung gegeben, daß ich plötzlich und unversehens könnte dahingerissen werden. Weißt Du, zum Ertrinken ist das Bassin gerade nicht, aber das kalte Bad, das eisigkalte, hätte doch gefährlich werden können. Es waren wieder die getreuen Engelshände, wie damals bei dem Kellersturz. Daß ich gleich wieder aufgestanden bin, ist natürlich. Ich werde mich doch nicht für nichts und wieder nichts ins Bett legen. Am andern Tag, liebe Mutter, habe ich Dein Weihnachtsgeschenk benützt und bin Dir jetzt erst recht dankbar dafür. Also nicht wahr, meine liebste Mutter, Du sorgst Dich jetzt nimmer und verzeihst mir auch, daß ich nicht gleich geschrieben. Hätte ich geahnt, daß Du Dich sorgst, hätte ich’s natürlich gleich getan. Herr Pfarrer meinte, ich müßte doch eine gute Natur haben, und wollte mich von jetzt an Mose nennen. Ich hab nur immer gesagt: Es ist gut, daß es weiter niemand war als ich. Ich kann so was vertragen, andere nicht. Daß nun das Bassin umzäunt wird (der frühere Zaun ist nämlich weggebrochen), versteht sich von selbst, und ich will auch das Meine dazu tun, daß es recht bald geschieht. Und daß wir ein andermal Laternen aufstecken, ist wiederum keine Frage. Und daß ich bei dunkler Nacht nicht mehr so zurenne, das versteht sich auch von selbst.

Gott sei nun für dieses Mal doppelt Lob und Dank gesagt, daß er die Unvorsichtigkeit so barmherziglich und gnädiglich gestraft hat...

Deine dankbare Therese.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 9. März 1869?

 Meine liebe, teure Mutter, ...Rechte Sorgen hatten wir diese Tage um unsere liebe Frau Oberin, die an ihrem Geburtstag Rotlauf bekam und außerdem einen sehr heftigen Anfall von Asthma hatte. Gestern hatte sie auch einen sehr schweren Tag. Doch sagte der Doktor, der Verlauf der Krankheit sei bis jetzt normal und nicht beängstigend. Wir sind schlimm daran: keinen Rektor in voller Kraft und eine kranke Frau Oberin. Doch freue ich mich manchmal so ganz im stillen, wie jetzt um so mehr Zusammenhalt und Zusammenschluß unter den Schwestern ist und alles sich bemüht, seine Sache bestmöglichst zu machen. ...Herr Pfarrer hat wirklich den Konfirmandenunterricht eröffnet, was uns eine rechte Herzensfreude war. Es geht ihm so leidlich, wenn auch freilich von einer zunehmenden Kräftigung nichts zu merken ist. Nach jenem Konfirmandenunterricht kam er zu mir her und fragte: „Meinst du nicht, ich könnte den ganzen Unterricht geben?“ Ich sagte: „Nein, das ginge doch nicht, wir danken aber Gott, daß Sie das können.“ Da antwortete er: „Ja, ich könnte auch wirklich nicht den vollen Unterricht geben.“ – Nächsten Montag, so Gott will, wird meine Schule geprüft. Herr Pfarrer will selbst dazu kommen. Da denk an mich, liebe Mutter, nachmittags von 3 bis 6 Uhr.

Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 9. Juni 1869

 Meine liebe, teure Mutter, was mußt Du nur von mir denken, daß ich immer und immer stumm bleibe! Ich kann mich eigentlich gar nicht entschuldigen. Es ist halt ein Tag nach dem andern vergangen, und zuletzt sind’s so viele geworden... Ach, wir Diakonissen haben’s doch in vieler Beziehung so viel leichter. Ich kann’s nie anders finden, wenn ich die Stände vergleiche. Es ist aber alles ganz anders. Das, was man gewöhnlich beim Diakonissenberuf für schwer hält, das ist leicht, und an was man in der Regel nicht denkt, das ist schwer. Ich will mich jetzt nicht deutlicher ausdrücken. Aber danken will ich Gott und danken sollst auch Du, meine liebste Mutter, daß ich – bei meiner Anlage – eine Diakonissin und nichts anderes geworden bin.

|  ...Ich bin also wieder an der Schule, liebe Mutter, und so ungern ich das sage, so ist es am Ende doch wahr: es ist, wie wenn man den Fisch wieder ins Wasser geworfen hätte. Das Lehren ist eben doch meine Gabe, vielleicht meine einzige. Ich weiß es nicht. Es mußte sich alles so merkwürdig fügen, daß in einer einzigen Stunde, vor deren Beginn niemand die große Änderung ahnte, mein Schicksal entschieden wurde. Ich möchte, daß mir mein Tun nicht mehr so wichtig vorkäme. Es ist ja doch alles einerlei, was wir in dieser Wartezeit auf die ewige Heimat zu tun haben, wenn wir nur treu sind. Ich habe eines auch gelernt in diesem Jahre, daß ich mich aus keinem Beruf heraus- und in keinen andern mehr hineinsehne. Nur an Einem Dienst hänge ich mit einer gewissen Leidenschaft: das sind die süßen, heiligen Mesnergeschäfte. Daß ich die Altäre bereiten darf zur höchsten Feier auf Erden, die Brote und den Wein besorgen zu Seinem Sakrament, das ist mir unaussprechlich süß, und das ginge mir tief ins Herz, wenn ichs hergeben müßte. Aber das andere alles soll mich nicht mehr tief berühren.

 Dieser Tage kam in einer Zeitschrift eine Schilderung von Herrn Pfarrer Löhe, die großes Wohlgefallen erregte. Ich konnte des Blattes noch nicht habhaft werden, hörte aber heute mit freudigem Staunen, daß Adolf der Verfasser sei. Ach ja, man wird Herrn Pfarrer erst noch recht begreifen, wenn dies reiche, große Leben abgeschlossen ist. Jetzt meldet sich das Alter in sehr merklicher Weise. Zwar wenn er im Amte ist, erscheint er oft frisch und kräftig, aber wenn ich ihn in seinem Hause sehe, etwa am Abend eines mühevollen Tages, dann macht er mir so den Eindruck eines Greises, daß es einem ganz wehmütig werden könnte. Wie wohl wird ihm einmal die Ruhe tun, die Ruhe, die „noch vorhanden ist dem Volke Gottes“! Wie wohl wird sie auch Herrn Kirchenrat Bomhard tun, wenn das letzte Schwere vollends überwunden ist! Ich freu mich, wenn ich einmal diese zwei Lehrer „leuchten sehe in des Himmels Glanz und wie die Sterne glänzen immer und ewiglich“, weil sie viele zur Gerechtigkeit gewiesen haben.

 Bei unserer Matutin spielt Gertrud Hahn jetzt manchmal die Harfe. Das klingt so schön zu den Psalmen.

Deine dankbare Therese.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 15. Juli 1869

 Meine liebe Mutter, ...Heut hab ich einen sehr glücklichen Tag. Laß Dir erzählen, warum. Dieser Tage lag mir’s sehr am Herzen, daß doch Gott unsern Anstalten es auch am irdischen Gut nicht mangeln lassen wolle. Ich sagte auch meinen Schülerinnen davon, und wir beteten ein paar Abende auf unsern Knien um irdisches Gut für unsere armen Anstalten. Frau Oberin sollte in diesen Tagen viele Zinsen zahlen und hatte kein Geld. Da führte heut Herr Pfarrer Fremde herum, und mit einem Male rief er mich her und hieß mich meine Hand aufheben, er wolle mir was schenken, – und da legte er mir ein Goldstück nach dem andern ein, bis 100 fl. voll waren, und hieß es mich zu Frau Oberin tragen; sie solle damit ihre Zinsen zahlen. Überglücklich legte ich Frau Oberin die reiche Gabe auf den Tisch. Dann ging ich zu einer adeligen Dame, die in unserm Hause wohnt und demnächst Diakonisse werden will. Die hatte heut ihren Geburtstag und legte mir ein Papier in die Hand, darin waren 50 fl. „für den Betsaal“. Das griff mir noch mehr ins Herz, denn das ist meine besondere Kasse, und ich hatte so viel Schulden für das Dach und Reparaturen. Ich mußte fast weinen, daß Gott gar so gut ist, wenn man Ihn nur bittet. Vor wenig Tagen hätte ich so gar gern eine Rechnung gezahlt. Es fehlten mir aber noch über 3 fl. Indem ich nun so wünsche und denke und auch ein leiser betender Gedanke wie schüchtern sich aus meiner Seele hebt, da kommt ein Mädchen daher und verlangt von mir, ich solle ihr Geld wechseln. Ich gebe ihr Kreuzer und Pfennig, und sie füllt damit ihr Portemonnaie und sagt: „So, jetzt bring ich mein großes Geld nicht mehr hinein. Nehmen Sie das und verwenden Sie’s, wie Sie wollen.“ Damit gibt sie mir 2 Taler. Ich war ganz erstaunt und fragte sie noch, ob sie’s auch wirklich tun könne. Und als sie beharrte, ja, es sei ein Geschenk, – da nahm ich’s mit Dank gegen den wunderbaren Gott, der einen kaum entstandenen Gedanken versteht und in übergroßer Güte gleich erhört, damit wir endlich einmal „bitten lernen sollen, wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.“

 Unserm teuern Herrn Pfarrer merkt man das fortschreitende Alter oft recht an. Wenn ihm nur jemand etwas abnehmen| könnte von seiner ungeheuren Arbeitslast. Und nun hat er auch seine Marianne nicht für seinen persönlichen Dienst. Das tut mir gar zu leid. Wir sind alle in ehrfurchtsvoller Ferne. – Aber denk nur, dieser Tage hat er zu einem fremden Herrn, der uns besuchte, gesagt, ich sorge für ihn wie eine Tochter, ich solle drum auch einen Segen haben, einen Vatersegen. Das hat mich sehr glücklich gemacht, daß ich einen Vatersegen haben soll.

 Marie kommt jetzt bald in Ferien. Ich freu mich recht. Ich will sie dann recht pflegen. Ich wüßte Dir noch viel zu erzählen, aber ich darf nicht mehr. Laß Dir gute Nacht sagen, meine herzliebste Mutter, und Dich im Geiste küssen und umarmen.

Deine dankbare Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 10. August 1869

 Meine liebste Mutter, wir bitten Dich herzlich hieher zu kommen. Dann sind wir doch alle drei beisammen. Marie könnte wohl im Rückweg mit Dir zusammen sein, aber ich nicht, denn wir haben in wenigen Wochen Prüfung. Da kann ich vorher nicht fort. Ich freu mich so, wenn Du kommst. Diesmal soll es gewiß gemütlicher werden, auch mit dem Logieren. ...Wenn das Wetter nicht gar zu schlecht ist, dann ist der Weg von Schlauersbach her nicht zu anstrengend für Dich – und es ist so am einfachsten. Wir werden also am Donnerstag um 4 Uhr in Schlauersbach sein, wenn Du nicht mehr schreibst. Ist das Wetter zu schlecht, dann erwarten wir Dich nicht. Wir könnten Dir auch mit einem Einspänner entgegenfahren. ...Ich freute mich schon immer darauf, was ich Dir alles zeigen werde, meine liebe, liebe Mutter.

 Denke Dir, Herrn Pfarrers Enkeltöchterlein in Nürnberg ist gestorben – Helene (Löhe) hieß es. Es gedieh so prächtig, daß es eine Wonne war, und plötzlich bekam es die Brechruhr und starb. Herr Pfarrer ist dort. Heut ist die Leiche. Herr Pfarrer wird wohl erst Ende der Woche kommen, weil er mehrere Diakonissenstationen visitiert...

Deine dankbare Tochter.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 17. November 1869

 Meine liebe, liebe Mutter, ...also ich komme, so Gott will, am Freitag zwischen 9 und 10 Uhr zum Geburtstag meiner lieben, lieben Mutter. Denk nur, Herr Pfarrer meint, Du seist noch nicht so alt wir er. Da sagte ich ihm, daß Du dreizehn Jahre älter wärest.

 Wie freue ich mich, daß ich kommen kann! Heut nachmittag von 3–6 Uhr visitiert Herr Pfarrer meine Schule zum erstenmal in diesem Semester.

Deine bald sichtbare Tochter.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 28. November 1869

 Meine liebste Mutter, ...ich bin neulich gut heimgekommen und war am andern Tag hocherfreut, unsern Altar fertig zu sehen. Der darauffolgende Sonntag war ein unbeschreiblich schöner Tag für uns. Ich meine fast, so eine schöne Feier wie diese Altarweihe habe ich hier noch nicht erlebt. Gott ist recht gut und barmherzig, daß Er uns solche hohe Festtage schenkt, die das ordinäre Leben wie mit leuchtenden Strahlen durchbrechen.

 Heute ist Advent. So weit schrieb ich noch vor der Kirche. Jetzt füge ich noch ein paar Zeilen dazu, nachdem ich eine herrliche Predigt gehört, die uns zur Freude mahnte und uns den Grund von vorhandener Freudlosigkeit in inneren, sittlichen Mängeln suchen ließ. ...Eine fröhliche Adventszeit wünsche ich Euch allen.

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, Dezember 1869
 Meine liebste Mutter, noch diesen Abend muß ich Dir ein paar Worte schreiben. Ich war heute so glücklich, unsern lieben Herrn Pfarrer sehen zu dürfen. Ich hatte es natürlich nicht gewagt darum zu bitten, aber er hat mir’s selbst sagen lassen. Ach, es weiß es niemand, als wer es erfahren, was uns Herr Pfarrer ist und was er den armen Seelen für Barmherzigkeit je und je erwiesen hat. Drum kannst auch Du Dir,| meine liebste Mutter, die Angst und Sorge nicht denken, die uns in dieser Zeit bewegte, und nun die Freude, da es sichtlich besser geht. Ich war wirklich im ersten Augenblick ganz weg vor Freude, als ich an seinem Bette stand. Es war mir wie ein Traum. Und als ich ihm auf seine Frage, wie es uns gehe, erwiderte: „So gut, als es uns eben gehen kann ohne Sie“ und er in seiner gewöhnlichen scherzenden Weise meinte, ich sei eben immer höflich gegen ihn, und als er dann ganz einfach von Geschäftssachen anfing zu reden und versicherte, er liege eigentlich nur noch zwecklos zu Bette, – da bekam ich doch so einen bestimmten Eindruck, daß er selbst sich viel wohler fühlen müsse und wieder in sein tatenreiches Leben eingehen werde. – O Gott sei tausendmal gelobt! Er vergebe allen Kleinmut und alle Verzagtheit. Ich war so melancholisch resigniert. – Freilich über alle Berge sind wir nicht. Herr Pfarrer kann noch nicht aufstehen, hat noch keinen Appetit und wird noch lange der strengsten Schonung bedürfen. Aber wir wollen doch von nun an weniger auf die Ärzte, so treu sie sind, achten, als auf des Herrn barmherzige Hände, die Wunder tun können.

 Ich danke Dir für Dein liebes Brieflein und Messer und Farben. Schreib mir doch im nächsten Brief, was alles kostet, weil der Apostel befiehlt, man solle sich nichts schuldig bleiben als Liebe. Ja, ich Dir nichts schuldig bleiben! Ich werde Deine Schuldnerin bleiben allewege, auch wenn ich redlich Dir Messer und Farbe zahle. Aber da drinnen ist ein ewig dankbares Herz für Dich, meine liebste Mutter, und das mag in seiner Weise allmählich Schulden abzahlen.

Deine glückliche Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 5. Januar 1870

 Meine liebste Mutter, nimm jetzt noch meine innigsten Glückwünsche zum neuen Jahr! Der Herr gehe mit uns hinein ins Jahr 1870, so gewiß als Er mit Seinem Volke Israel zog in der Wolken- und Feuersäule. Drum können wir auf alle Fälle getrost sein, es mag gehen, wie es will.

|  Morgen will Herr Pfarrer zum erstenmal herauskommen – so Gott will. Gestern war Granvagl[18] da. Ich habe aber noch nichts Genaueres gehört, nur so viel, daß er Herrn Pfarrer das Ausgehen, aber noch nicht das Predigen erlaubt hat.

 Dieser Tage kommt Marielein von Polsingen. Ich freu mich diesmal so besonders darauf. –

 In inniger, dankbarer Liebe

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, Januar 1870

 Liebste Mutter, „Wenig, aber von Herzen“, schreibe ich Dir noch geschwind diesen Abend, weil der Knecht morgen fährt. ...Marie war von Mittwochabend bis Montag hier. Es geht ihr gottlob besser, und munter und fröhlich ist sie ohnedies. Sie hat einmal im Pfarrhaus Kaffee getrunken, und Herr Pfarrer hat ihr eigenhändig serviert. Am Epiphanientag ist Herr Pfarrer wirklich herausgefahren. Es hat ihm auch nichts geschadet. Am Montag hat er auch wieder angefangen zu diktieren. Trotz allem kann ich aber, besonders zeitenweise, einer großen Bangigkeit nicht los werden. Der Herr wird’s ja wohl machen.

 Am Epiphanientag ist hier eine schöne Sitte: da kommen die Leute und opfern. Man bringt ins Pfarrhaus Geld, Getreide, Kartoffeln etc. zu wohltätigen Zwecken. An dem einzigen Tag neulich wurden über 200 fl. an Geld und Naturalien geschenkt...

Deine dankbare Therese.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 12. Januar 1870
 Liebste Schwester, herzlichen Dank sage ich Dir und der lieben Mine für Eure Briefe und auch für die guten Sachen, die Du mir zum Geburtstag schicktest. Ja, ich bin jetzt schon sehr alt. Auguste Bandel schrieb mir aber neulich, 30 Jahre, das sei die reinste Ironie. „She never grows old“, meint sie. Seit ich vorigen Herbst mit Marie in Weiltingen war, ist mir die Zeit meiner Kindheit noch näher gerückt als sonst. Wie| fahren doch unsere Jahre dahin wie ein Geschwätz! Beinahe die Hälfte meiner Lebenszeit habe ich nun hier im lieben, lieben Dettelsau zugebracht. Wie hat mich doch Gott so überaus gnädig geführt! O, wie freue ich mich, wenn ich Ihm einmal so recht danken kann, wie ich gerne möchte! Hier geht’s noch so schlecht mit dem Danken. Wenn ich damit anfangen will, dann spüre ich, daß der Dank nicht heiß und nicht tief ist. Es ist alles oberflächliche Stümperei. Aber dort, ja dort wird es bei ewiger Übung ewig wohlgelingen.

 Über unser ganzes Leben hier ist jetzt ein trüber Schleier gelegt – durch Herrn Pfarrers Krankheit. Es geht zwar besser, am Epiphanientage ließ er sich zu unserer herzinnigen Freude wieder einmal in den Abendgottesdienst fahren; aber als er am Montag wieder einen Geschäftsbrief diktierte, bekam er keine gute Nacht darauf, und so kann man sich einer entschiedenen Besserung eigentlich doch nicht freuen. Es ist sein diesmaliger Zustand ganz anders als sonst – viel bedenklicher. Liebste Schwester, das kann man niemand sagen, was so ein Menschenherz durchzieht wie das meine, das ein solches Glück im Jammertal erfahren hat und nun dies Glück allmählich entschwinden sieht, – ich meine das Glück, speziell geleitet und geweidet zu werden auf grünen Auen und an frischen Wassern. Gott allein weiß es. Aber es gibt noch ein höheres, größeres Glück – und das entschwindet ewig nimmer. Gott Lob und Dank! Du mußt nicht denken, daß Herrn Pfarrers Zustand im allgemeinen für hoffnungslos angesehen wird. Es kommen mir nur wieder heute so trübe, bange Gedanken. Herr Pfarrer selbst spricht davon, daß er gerne Vorträge halten wolle etc.

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, 5. Sonntag n. Epiphanias 1870

 Meine liebste Mutter, ...gestern abend hält plötzlich ein Wagen vor unserm Haus. Ich wußte, daß Herr Löhe kommen wollte, aber von Mariens Nichtkommen war ich ganz fest überzeugt. Dennoch gehe ich hinaus und rufe, wer da sei. „Ein Mensch“, antwortet’s, und richtig, sie war’s, nämlich meine jüngste Schwester Marie. Wir sitzen miteinander im Stüblein. Wenn Du nur auch dabei wärest!

|  Herrn Pfarrer geht es ordentlich. Granvagl war gestern da, ich habe aber noch nicht gehört, was er für einen „Sager“ getan. Herr Pfarrer wünschte sehr, von ihm die Erlaubnis zum Ausgehen zu erlangen. Unser Doktor will es nicht zugeben, solange es so kalt ist. Er hat gewiß recht. – Über die heutige Epistel hat Herr Pfarrer einmal so schön gepredigt: „Von den schönen Kleidern, die wir anlegen sollen.“
Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, Februar 1870?

 Liebste Mutter, nur einen eiligen Gruß. Es fährt sogleich ein Wagen nach Ansbach. Ich bin neulich recht gut heimgekommen. An Schlauersbach waren etliche von unsern Leuten, so daß der Postillon meinte: „Do is scho halb Dettelsa.“ Der Weg war ganz gut. Ich danke Dir und den lieben Geschwistern nochmals herzlich für alles. Ich freute mich so, bei Euch ein wenig sein zu können, aber Du wirst es begreifen können, daß mich’s auch immer wieder zur Arbeit zieht. Es war auch gut, daß ich kam. Herr Pfarrer hatte mich für den folgenden Tag schon um neun Uhr bestellt und machte mich, wie er sagte, zur Bundesgenossin für einen Plan, den er wegen Abendmahlsliedern hat. Infolgedessen durfte ich mich den Tag nach meiner Rückkehr beinahe von morgens bis abends nur mit Abendmahlsliedern befassen, und Herr Pfarrer sagte obendrein am Abend, ich hätte ihm was Wirkliches geholfen. So freute mich’s doppelt. Mein Betsaalinventar, das ich in den Ferien ganz in Ordnung bringen wollte, muß eben noch ein wenig warten.

 Herzlichen Gruß!

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 17. Februar 1870
 Meine liebste Mutter,... gestern und heute ist Herr Pfarrer in der Mittagszeit ein wenig spazieren gegangen. Recht verwaist kommt mir zuweilen schon unsere ganze Gemeinschaft vor. Vielleicht empfinden es andere nicht so schwer und schmerzlich, die nicht die alte Zeit erlebt. Wenn ich nur lerne| mich um so fester an den Herrn anzuklammern in meiner großen Schwachheit.

 Ich fühle auch so mein Unvermögen den Schülerinnen gegenüber. Sonst durfte ich mich so als Handlangerin des Herrn Pfarrers ansehen, jetzt muß ich in meiner Schwachheit so allein arbeiten. Doch ich will ja nicht kleinmütig werden. Es geht ja auch besser. Ich kann nur so meiner Traurigkeit nicht recht Herr werden. – Neulich ließ Herr Pfarrer alle Lehrerinnen zu sich kommen und ordnete an, daß wir jetzt schon in den Schulen anfangen sollen nach den neuen Maßen und Gewichten zu rechnen. Jetzt mußt Du das auch noch erleben, daß man von lauter Metern etc. spricht. Mir ist’s aber ganz interessant.

 Heute hielt der Ausschuß des Distriktsrates seine Sitzung in Kloster, hauptsächlich um sich wegen des Fortbestandes unserer Spitäler zu beraten. Die fünf Probejahre nämlich, auf welche der Vertrag mit dem Terminieren lautete, sind nun vorüber, und es handelt sich nun um neue Übereinkunft. Wir sind sehr gespannt. Als mir Herr Pfarrer neulich aus einem eben eingelaufenen Schreiben mitteilte, daß der Distrikt gegen die Fortsetzung des Terminierens sei, mußte ich unwillkürlich – ich weiß nicht, warum – ein wenig lächeln. Das hat sich Herr Pfarrer so gut gemerkt, daß er’s in öffentlicher Konferenz erzählte und es als Beweis nahm, wie froh doch auch die Schwestern seien, dieser Last überhoben zu werden. Es war aber doch das eigentlich meines Herzens Meinung nicht...

 In herzlicher, dankbarer Liebe

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, Quasimodogeniti 1870

 Meine liebste Mutter, ...Herr Pfarrer konnte heute die Kinder selbst konfirmieren, aber bloß konfirmieren mit Handauflegung. Auch die Konfirmandenbeichte hat er gestern und vorgestern selbst gehört und heut mit das Abendmahl ausgeteilt. Gott sei Lob und Dank. Granvagl sagt, es sei ein merkwürdiger Stillstand in der Krankheit eingetreten. Aber Marianne geht’s gar nicht gut. Sie soll wieder nach Karlsbad...

Deine dankbare Therese.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 6. Mai 1870

 Meine liebe, teure Mutter, ...gestern hielt Herr Pfarrer in meiner Klasse selbst Visitation. So etwas ist jetzt immer eine besondere Freude. Nächsten Sonntag will er auch vielleicht selbst eine Kopulation halten, wenigstens die Braut in die Kirche führen. Es ist hier eine schöne Sitte, daß immer eine ledige Braut einen Myrtenkranz bekommt. Es besteht dafür eine Stiftung. Im Paramentenverein wird er gearbeitet, und Sara und ich dürfen ihn dann immer aufsetzen und eröffnen den Hochzeitszug...

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, August 1870

 Meine liebe Mutter, ...von morgen an bin ich nicht mehr in Dettelsau, sondern wo? – in Ansbach; da pflege ich im Orangeriesaal verwundete Soldaten, unsere deutschen Brüder, die von französischen Waffen geschlagen wurden. Das ist Dir eine große Überraschung, nicht wahr? Aber ich bin sehr dankbar, daß ich so in der Nähe bleiben darf. Viele Schwestern sind auf dem Kriegsschauplatz selbst tätig. O, der entsetzliche Krieg! Bei uns ist große Bewegung: Telegramme und Posten bringen fast täglich was Neues. Bete für uns, insonderheit für Deine Tochter, die jetzt in eine ganz neue Sphäre eintritt.

Deine Therese.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 5. September 1870
 Meine liebe Schwester, nun bin ich schon wieder in Dettelsau. In Ansbach, wohin uns der Bürgermeister berufen, haben wir drei Wochen auf Verwundete gewartet und sind endlich wieder heimgegangen. Es ist mir scheint’s nicht gegönnt, Verwundete zu pflegen, obwohl es doch übergenug gibt. Ob wir hieher welche bekommen, weiß man auch noch nicht. ...Ich bin erst gestern abend wieder heimgekommen. Man wird uns telegraphieren, wenn in Ansbach wirklich Verwundete sind. ...Es ist recht gut, wenn man auch dazwischen einmal ein wenig von hier fortgeht, dann ist man so froh, wenn man wieder heimkommen darf. Diesmal wäre ich aber| gerne länger geblieben, wenn nur das peinliche Warten nicht gewesen wäre...

 In herzlicher, treuer Liebe

Deine Therese.


An die Mutter.
1870

 Meine liebe Mutter, ...Herrn Pfarrer geht es nicht schlimmer. Granvagl sagte neulich, ein Jahr lang solle er nicht predigen, die Rektoratsgeschäfte könne er schon behalten. Natürlich muß er sehr geschont werden und wir müssen uns eben, so gut es geht, helfen.

 Ich danke Dir für Deine tröstlichen Worte. Ich habe bei allem Schmerz einen tiefinneren Frieden. Es ist etwas Wunderbares, daß eine gewisse Freude tief verborgen daneben liegt, wenn man alles wanken sieht. ...Heut hat sich mein ganzes Herz erquickt bei dem Leichenbegängnis eines sehr frommen Mannes der hiesigen Gemeinde. Grüber hieß er. Herr Pfarrer hat Herrn Vikar den schönen Lebenslauf diktiert, der da vorgelesen wurde. In dem kleinen Kirchlein auf dem Filial konnte man kaum schnaufen, geschweige sitzen, so war ein Gedränge.

 Herr Löhe war mehrere Tage hier. Ehe er heute fortging, kam noch ein Brief mit 200 fl. für Polsingen, die eine Frau in Segnitz der dortigen Blödenanstalt vermacht hat. Ich brachte sie im Triumph ins Pfarrhaus. Da meinte Herr Pfarrer, die Marie werde demnächst ganz schuldenfrei werden, eben die Anstalt dort. Es ist auch wirklich eine Freude, wie viel Barmherzigkeit doch in der Welt ist. Gerade als Marie neulich hier war, kam auch so mancherlei für Polsingen, daß sie sich ganz triumphierend in den Wagen setzte und sagte: „Siehe, ich bin zwei Heere worden.“ –

 In inniger Liebe

Deine Therese.


An die Mutter.
Weißenburg/Elsaß (im Lazarettzug), den 27. Oktober 1870
 Meine liebe Mutter, gerne würde ich die friedliche Ansbacher Lazaretttätigkeit mit der gegenwärtigen abenteuerlichen| Existenz vertauschen. Doch es ist so auch gut. Ich fahre fort in meinem Bericht an Dich. Wie froh waren wir, als endlich am Montagmorgen um 1/29 Uhr unser Zug sich von Mühlacker, an das er wie angeschmiedet schien, losreißen durfte. Wir fuhren von da nach Karlsruhe, wohin unsre Ärzte schon vorausgegangen waren, um der tödlichen Langeweile zu entfliehen. Bei Maxau fuhren wir über den Rhein. Eben als wir dahin kamen, durchbrach ein Sonnenstrahl das trübe Gewölk und ein Regenbogen wölbte sich über dem Strom des Streites. Montagabend, den 24., kamen wir in Winden, einem Dorf in der Pfalz, an. Da konnte unser Zug wieder nicht weiter, sondern mußte bis heute morgen um 2 Uhr zwischen zwei hohen Dämmen liegen bleiben. – Bis dahin schrieb ich. Da wird zum Essen gerufen. Wir steigen in den Küchenwagen, wo Schwester Karoline Reissuppe und Meerrettich gekocht hat. Während wir essen, geht plötzlich der Zug weiter. Wir fahren weiter nach Frankreich hinein. Es geht zunächst zwischen hohen Dämmen durch, in die die Franzosen Löcher gegraben haben, um womöglich die Dämme auf die durchfahrenden Eisenbahnzüge zu stürzen. Sehr freundlich! – Jetzt hält unser Zug in Hagenau. Aufs neue wölbt sich ein wunderbar schöner Regenbogen vor uns, der sechste auf unserer Reise. Nun will ich der Reihe nach erzählen: In Winden, in unserem Engpaß, wurde uns Zeit und Weile lang. Schwester Luise und ich dachten, wir gehen trotz Schmutz und Regen ein wenig spazieren und sehen, ob wir nicht etwas „erleben“. Nun ja, wir steigen auf einen Hügel und schauen, so weit wir können. Es war nichts Interessantes zu erblicken, aber ein Kirchturm stach uns in die Augen. „Auf den wollen wir zugehen“, dachten wir. Hatten wir doch auf der Welt nichts zu versäumen. Das Dörflein winkte uns immer ferner, je weiter wir gingen, und es dunkelte schon, als wir die ersten Häuser erreicht hatten. Ein Soldat stand am Eingang des Dorfes vor einer kleinen Bretterhütte und forderte uns auf da einzutreten. Wir verstanden gar nicht, was er wollte, zögerten, seinem Befehl zu gehorchen, bis er uns endlich die Hand reichte, daß wir über den Graben, der uns von ihm trennte, konnten. Dann schob er uns geschwind in das kleine Häuschen, riegelte zu und wir standen erstaunt und versteinert| in einem dunklen Loch, atmeten starke Chlordämpfe ein und schnappten nach Luft. Nach ein paar Minuten wurde unser dunkler Arrest wieder geöffnet, und wir fragten nun, weshalb uns denn solches widerfahren wäre. Die Rinderpest sei in diesem Ort gewesen, hieß es, und jeder, der ein- und ausgeht, wird zur Vorsicht geräuchert.

 „Sehens, wenns ans andere End gehen, da müssens wieder nein.“ Wir hatten genug an einmal und wollten nur noch in die Kirche gehen, die zugleich den Protestanten und Katholiken dient, weil das Dorf Leute von beiden Konfessionen hat. Beim Schullehrer gab man uns einen Brief vom katholischen Pfarrer zu lesen, der als Feldkaplan mit nach Frankreich ist. Er schreibt, daß er wohl den Winter über im Feindesland dienen werde. Er erzählte, wie die Franzosen anfangs alle Deutschen „Prussiens“ genannt hätten, jetzt aber anfingen, einen großen Unterschied zu machen, zwischen Prussiens und Bavarois zu gunsten der letzteren. „Ah, les Bavarois, nous les aimons, ils sont gentils.“ Die Preußen machten sich durch allzu unverschämte Forderungen verhaßt. Nun hatten wir eine volle Stunde zurückzukehren, und unser Spitalzug hatte unterdessen Ordre bekommen weiter zu fahren. Man hatte uns gesucht und über uns raisonniert. Die Räucherungsgeschichte aber gab uns reichen Stoff zu Witz und Gelächter. Wir dankten Gott, daß wir wieder da waren, und nahmen uns vor, nicht wieder par force etwas erleben zu wollen.


Den 28. Oktober zwischen Brumath und Saverne.
 Vorgestern erlebten wir doch wieder etwas. Herr Dr. Riedel forderte uns auf mit nach Weißenburg zu fahren auf ein paar Stunden und abends wieder zurückzukehren. Fünf von uns gingen mit. Wir kauften uns zuerst in einem Laden Gummischuhe und wollten dann etwas sehen. Die Stadt ist in hohem Grad unansehnlich, kein bißchen schön, die Bevölkerung macht den Eindruck der Verkommenheit. Wir gingen in die Kirche und waren überrascht über den wunderschönen gotischen Bau. Sie war ein wenig beschädigt, ein einziges von den prachtvoll gemalten Fenstern war zertrümmert. Ein Freskogemälde| imponierte uns: es stellte den hl. Christophorus in Riesengröße vor, wie er mit seiner heiligen Last durchs Wasser schreitet. Wir schritten über die „Weißenburger Linien“, betrachteten die „Weißenburger Höhen“ und wollten dann den berühmten Gaisberg hinansteigen. Ganz hinauf konnten wir nicht mehr kommen, weil wir um 5 Uhr auf der Bahn sein sollten. Doch konnten wir alles überschauen. Die drei oft genannten Pappeln sahen wir auch. Wie günstig war doch die Stellung der Franzosen! – Wir gingen zurück am Judenkirchhof vorbei, dann am christlichen, an welchen eine große Menge Soldatengräber, natürlich außerhalb der Mauer, sich anreihte. Das waren Gräber nicht von Gefallenen, sondern von solchen, die nach der Schlacht in Weißenburg gestorben sind: Deutsche, Franzosen und Turkos. Jedes Grab hat ein Kreuz, die Turkosgräber auf dem Kreuz den Halbmond! Als wir auf den schmutzigen, elenden Bahnhof zurückkehrten, empfing uns die frohe Nachricht, unser Zug käme von Winden hieher, wir brauchten nicht mehr zurück. Also warteten wir in der Restauration. Herr Professor Herz und unser Herr Hauptmann, der vom Kriegsministerium aus beim Spitalzug ist, hatten kreuz und quer telegraphiert und endlich das bewerkstelligt. Eine Stunde sollten wir warten, hieß es. Allein das ging ganz anders. Wir saßen nicht lange, da erhob sich ein solch furchtbarer Sturm, daß alle, die zugegen waren, beteuerten, nie so etwas erlebt zu haben. Die Gläser flogen draußen klirrend umher, das ganze Glasdach, mit welchem der Bahnhofplatz bedeckt war, wurde unter furchtbarem Getöse zertrümmert. Wir saßen schweigend, – unsere Herren gleichfalls ganz still, auch Herr Professor Herz faltete die Hände. In solchen Augenblicken kommt doch einem jeden das Gefühl des Nichts. Aber das Entsetzlichste von allem waren die Gespräche, die unter dem Brausen und Sausen etliche Herren führten; – sie waren von Schweinfurt und fuhren mit Proviant, ich weiß nicht, bis zu welcher Station in Frankreich. Sie führten gotteslästerliche Reden, die ein Chriftenohr tief verletzen mußten. Ich dachte an Jonas und sein Schiff, und daß doch da die Heiden alle ihren Gott anriefen. Aber die abgefallenen Christen sind viel schlimmer als Heiden.
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|  Ein Bahnbeamter kam hereingelaufen und berichtete, acht Wagen seien „durchgebrannt“ in der Richtung nach Hagenau hin und einer gegen Winden zu. – Wir saßen bis nachts 1/21 Uhr da. Dann führte man uns barmherzig in eins der Bureauzimmer, wo wir versuchen konnten, ein wenig zu schlafen. Ein paar von uns streckten sich auf dem Boden aus, andere setzten sich einfach auf die hölzernen Stühle. Das Regentuch, mit dem die Glastür verhängt war, wurde wieder abgenommen, weil die Betreffende es nicht entbehren konnte. Da guckten die Soldaten einer nach dem andern herein, die interessante Konstellation zu beobachten. Wir hörten am anderen Morgen, die Soldaten hätten drüber ihren Dienst versäumt. – Um 1/23 Uhr nachts klopft’s, wir sollen kommen. Schnell eilen wir hinaus. Es geht auf einem ganz schmalen Weg zwischen zwei Eisenbahnzügen in der dunklen Nacht. Noch wußten wir nicht recht, wohin wir geführt wurden. Da heißt’s endlich, unser Zug sei gekommen. Mit Freuden begrüßten wir unser Coupé wie eine liebe Heimat und richteten uns nächtlich ein. – Unser Zug ist nun mit einem Württemberger Spitalzug zusammengehängt und ist deshalb ganz ungeheuer lang. Bei dem Württemberger sind Barmherzige Schwestern. Die Einrichtungen sind noch schöner und bequemer als bei dem unsrigen. – Die wichtigste Station am gestrigen Tage war Hagenau, eine kleine Festung. Da sahen wir Turkos, einen Zuaven und französische Soldaten. Alles spricht noch deutsch, aber ein solches Lumpengesindel erscheint am Bahnhof und bietet Speisen an, daß es einem graut. Nun, wir kaufen ja nichts, weil unser Zug alles bei sich hat. Wir fuhren gestern noch bis Wendenheim und erhielten dort die Nachricht, daß wir erst am 31. Oktober weiter könnten. Schrecklicher Gedanke! Ich dachte aber, Gott wird uns schon weiter lassen, wenn auch die preußischen Bahnbeamten nicht. Wir schliefen noch recht gut in unserm bretternen Haus, und heut morgen heißt es, wir können bis Saverne weiter. (Ich weiß nicht, ob der Eisenhammer noch dort ist; das Gedicht paßt jedenfalls nicht mehr, weil man Zabern sagen muß. Da reimt sich’s nicht.) Herr Hauptmann und Herr Professor Herz sind aber doch nach Straßburg gereist, damit wir in Saverne nicht aufs neue aufgehalten sind. Es muß eben in einem fort| Militär befördert werden, so daß nicht genug Geleise auf den Bahnen sind. Auf der vorigen Station kamen preußische Soldaten an unsern Wagen. Die erzählten, sie lägen schon drei Tage hier (300 Mann) und könnten nicht weiter. Es waren sämtlich geheilte Verwundete, die vor Paris müssen und das erstemal bei Metz waren. – Jetzt will ich aufhören. Du siehst, daß es uns ganz gut geht, wenn auch Hindernisse da sind. Die müssen aber Herr Hauptmann und Herr Professor überwinden. Etwas, liebe Mutter, ist sehr bequem: weil unser Spitalzug unser Haus und Hof, Hab und Gut und alles ist, ist man immer eingestiegen, und Du brauchst also nie zu fürchten, zu spät zu kommen, denn solche Exkursionen wie nach Winfeld ins Chlorhäuschen machtest Du doch nicht. – Eben sieht man ein Stück von den Vogesen, wunderschön. Das Straßburger Münster sahen wir von weitem.

 Herzlichen Gruß an alle.

Deine Tochter in der Fremde.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 15. November 1870

 Meine liebe, teure Mutter, am nächsten Samstag ist Dein Geburtstag. Das will ich Dir nur hiemit in Erinnerung bringen, im Falle Du es übersehen solltest. Und da ist es je und je Sitte gewesen, daß ich mich zum Gratulieren eingestellt habe. Ich kann’s auch diesmal nicht lassen zu kommen, trotz aller Hindernisse, und möchte mich also definitiv anmelden, aber eben schon für den Freitagabend, weil ich die Post benützen will. Den Weg finde ich schon allein, und als Nachtquartier ist mir jeder Winkel recht. Ich möchte ja kein dérangement verursachen. Ich freu mich ganz unbeschreiblich. Ich kann schon zur Not noch ein wenig deutsch sprechen, wenn ich auch in Frankreich war.

 Gott schenke uns einen fröhlichen Tag mitten in dieser Zeit der Not und Trübsal.

Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Zwischen Neuendettelsau und Nogent,
den 9. Dezember 1870, nachm. 4 Uhr
 Meine liebe, liebe Mutter, wieder auf dem Weg nach Frankreich. Deine Tochter wird ganz abenteuerlich. Am| Dienstag kam ein Telegramm vom Grafen Castell, er bäte um sechs Schwestern. Es waren nur fünf aufzutreiben. Am Mittwoch früh ging’s fort. Ich kam durch Ansbach, wie Du weißt; ich hoffte Dich noch zu sehen; aber ich durfte es nicht mehr wagen, da wir ein wenig später von Dettelsau weggefahren waren. Ich freute mich, wenigstens Adolf noch zu sehen. – In Treuchtlingen rief mich ein bayerischer Artillerist an. Er war mein Pflegling beim ersten Spitalzug gewesen und kehrte jetzt vom Erlanger Lazarett in seine Heimat zurück. In München übernachteten wir im schönen Diakonissenhaus. Gleich nach unserer Ankunft war Bibelstunde von Herrn Burger. Das war wunderschön in dem lieblichen Betsaal. Herr Oberkonsistorialrat fragt die Schwestern und das übrige Personal und sondiert die biblischen Geschichtskenntnisse, daß mir das Herz lachte. Ich war so vergnügt über diesen Anfang und so dankbar gegen Gott, daß Er so gar gut gegen uns ist. Mit dem Sakrament sind wir in Dettelsau entlassen worden und mit Gottes Wort in München empfangen. Verzeih, daß ich Dir mit Bleistift schreibe, ich war eben so klug und nahm ein Tintenzeug mit, aber nur zwei Tropfen Tinte drin. Das klingt fast wie: „Sie nahmen die Lampen, aber kein Öl mit sich“, und doch gemahnt uns unsere Fünfzahl so ernstlich an die klugen Jungfrauen. Gestern brachten uns Fräulein von Roth und Herr von Tucher noch Geld, daß wir uns noch warme Sachen kauften. Wenn ich alles anhabe, kann ich auch beinah nicht schnaufen.
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 Ich war so kühn und ging zu Burgers, denn Herr Oberkonsistorialrat hatte mich nach der Bibelstunde dazu aufgefordert. Er war so gütig und freundlich und sagte mir so viel von der heiligen Geschichte, daß ich wenigstens mit drei Ohren horchte. Bei der lieben Tante war ich natürlich auch und trank Tee und aß Wurst. In der schönen schneehellen Nacht früh 2 Uhr fuhren wir ab. Wir waren heut um 10 Uhr in Ulm. Ich fragte nach dem Dorfe Reutti: eine Stunde sei’s hin und wir blieben bis 1/21 Uhr, hieß es. Wie zog’s mich, Wilhelm eine Depesche zu schicken, aber es war doch nicht gut ausführbar. Unser Zug ist vortrefflich eingerichtet, weit besser als der vorige. In unsern Wagen sind kleine Öfen, ein Soldat brachte schon in aller Frühe einen Korb voll Torf.| Da heizen wir nun und finden’s außerordentlich gemütlich. Eine Köchin haben sie von München mitgenommen, aber der Materialverwalter klopft heut früh ans Fenster und bittet, Karoline möchte doch so gut sein und ein wenig helfen, nur ausnahmsweise, die Köchin finde sich sonst nicht zurecht. Anna sagt, Karoline müsse gewiß noch einmal im Himmel kochen. Es ist heut ein herrlicher Tag. Wir fahren durch die schneeigen Gefilde des Württemberger Ländles jetzt eben Stuttgart zu. Der Zug gehe bis Nogent, heißt’s. Er hat 25 Wagen und kann 200 Verwundete zurückbringen. Unser Hauptmann heißt Pestalozzi; vielleicht können wir ein wenig pädagogische Prinzipien profitieren. Das Pflegepersonal ist zum Teil dasselbe wie bei unserm ersten Spitalzug. Es war ordentlich lächerlich, als uns gestern in München auf unsern Einkaufwegen einer nach dem andern von den guten alten Bekannten begegnete. Der Materialverwalter gab mir einen so kräftigen altbayerischen Handschlag, daß mir mein bißchen Hand ganz weh tat. Mit den Schwestern in München waren wir sehr vergnügt. Eine davon, die diesen Sommer in Fürstenried gepflegt, erzählte uns von des Königs Besuch dort. Als er in ihren Krankensaal trat, haben die Schwestern mit den Soldaten angestimmt: Heil unserm König, Heil! Das hat unsern Ludwig gefreut. Wenn’s gut geht, komme ich an meinem Geburtstag zurück. Unser dirigierender Arzt heißt Hussel. Eine Baronin ist auch beim Pflegepersonal, weil man keine sechs Schwestern von Dettelsau geschickt. Diesmal wird in unserm Küchenwagen auch für die Soldaten gekocht, wenigstens solange es durch Frankreich geht. Des bin ich froh. Da müssen sie doch nicht wieder von der schlechten Hutzelbrüh leben wie das vorige Mal. Die Schwestern, die mit sind, heißen: Karoline Meyer[19], Marie Fleck[20], Anna Cordez[21] berühmten Namens, Friederika Deinzer, Therese Stählin.

 Adieu, meine liebe Mutter. Betet für uns, aber sorg Dich nicht. Herr Pfarrer sagte gleich: „Was wird die Mutter dazu sagen?“ und setzte hinzu: „Sie wird ihren Segen geben!“

Deine dankbare Tochter.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 6. Januar 1871

 Meine liebste Mutter, ...Herr Pfarrer hat heute ganz kräftig, wenn auch nur ganz kurz gepredigt. Aber ich kann mich nicht mehr darüber freuen. Sein Zustand ist deswegen doch bedenklich und traurig genug. Es soll nur niemand stürmisch ums Leben beten, auch nicht um ein solches, an dem so gar viel hängt. ...Beinah, liebe Mutter, wäre ich dieser Tage wieder nach Frankreich gereist. Ich bin eben gegenwärtig am leichtesten zu entbehren, deshalb werde ich immer in erster Reihe dabei sein. Ich bin jetzt doch recht froh, daß ich nachher in mein gutes Bett darf. Aber es ist mir auch ein tiefes Genügen, wenn ich in dieser Zeit der großen Not auch etwas opfern und entbehren darf. Vorhin hab ich mit unsern Probeschwestern den Lebenslauf einer Kaiserswerther Diakonissin gelesen, die in einem Lazarett in Pont à Mousson gestorben ist. Auch wir haben eine sterbende Schwester, aber gottlob in unserer Mitte. Weißt Du, es ist die Magdalene Wunner, die diesen Sommer noch in Ansbach war und mit der wir dann heimfuhren. Sie ist uns ein rechtes Vorbild in geduldigem Leiden, muß aber sehr viel ausstehen. Gott behüte Dich, meine liebe Mutter! Grüße die Geschwister aufs innigste. Ein Buch hat mir jemand zum Geburtstag geschenkt, das mich lebhaft interessierte, ich muß Dir’s schicken! „Margarete Verflassen, ein Lebensbild aus der katholischen Kirche.“

 In herzlicher, dankbarer Liebe

Deine Therese.


An die Mutter
Neuendettelsau, den 14. Januar 1871

 Meine liebe, teure Mutter, ...geht es Euch doch gut im kalten Winter? Ich bin ganz gesund. Nur das Ergehen unseres teuren Herrn Pfarrers liegt als ein schwerer Druck auf uns. Auch Marianne ist wieder recht schwer leidend, so daß es im Pfarrhaus recht trüb jetzt aussieht. – Schwester Magdalene Wunner[22] ist gestorben. Es war ein recht friedlicher, für uns erbaulicher Heimgang. Es ist doch schön, so ein Diakonissenleben, das sich im Liebesdienst verzehrt hat...

Deine Therese.


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An die Mutter
Neuendettelsau, den 31. Januar 1871

 Meine liebe Mutter, ...gestern abend in unserem Kapitel haben wir einen sehr interessanten Brief von Sara[23] aus Versailles gelesen. Sie beschreibt die Kaiserproklamation. Die Schwestern dachten: in Rom sein und den Unfehlbaren nicht sehen, das ginge doch nicht, und fanden richtig einen Posten hinter den Fähnrichen, von dem aus sie alles sehen und hören konnten. Die Ansprache des Geistlichen, die Liturgie, das Rauschen der Instrumente, der Gesang, das donnernde „Hoch!“, die Rede des Kaisers, der feierliche Verneigungsakt, alles mußte aufs tiefste bewegen, und sogar uns hat die lebhafte Schilderung einer Augenzeugin zwar nicht Tränen entlockt, aber doch dahin gebracht, daß wir uns eine sehr genaue Vorstellung von allem machen konnten.

 Vorigen Sonntag waren Löhes hier. Herr Pfarrer hat sich doch, glaub ich, auch ein wenig gefreut. ...Marie hat ein großes Stück Arbeit hinter sich mit Berichten und Jahresrechnungen. Oft denk ich, sie hat aber trotz aller Mühsal doch einen recht schönen Wirkungskreis. Der meine ist ja auch schön, aber das immerwährende Lehren wird mir zuweilen recht arg zuwider. Gestern hab ich eine neue Schülerin aus Darmstadt bekommen: ein stattliches Frauenzimmer von zweiundzwanzig Jahren, die hinter dem Rücken ihrer Mutter eine Liebschaft angefangen hat und nun hier „fromm“ werden soll. Es ist mir ganz bang auf die Aufgabe.

 Gott behüte Euch alle, insonderheit vor den Blattern. Grüße alle recht schön. Ich muß jetzt die Stunde anfangen.

 In herzlicher Liebe

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 11. März 1871
 Meine liebste Mutter, nun ist ja Friede. Wie dürfen wir loben und danken! Hier war am 3. März eine ganz pompöse, großstädtische Friedensfeier. Gestern sind unsere Schwestern von Versailles wohlbehalten heimgekehrt und mit großem Jubel empfangen worden. Nun erwarten wir noch die von| Lagny. Wie gut wird auch ihnen wieder heilige Regel und Ordnung sein nach dem entfesselnden Kriegsleben!

 Was soll ich von Herrn Pfarrers Befinden schreiben? Gottes Wege sind wunderbar und heilig, aber schwer und dunkel für den trüben Blick unserer sterblichen Augen. Ich hätte mir auf der Welt nichts Schmerzlicheres ausdenken können, als was ich erlebe und vielleicht erleben werde. Bald kommt mir das ganze Leben nur noch wie eine große Tragödie vor, die sich nacheinander abspielt. Aber wir haben ja mitten in dem trüben Gewirre einen festen Anker, und den will ich treu und fest halten in aller Not. Der große Schmelzer schmelze nur zu und schmelze hinweg, was vor Seinen Augen nicht gut ist, – wenn Er uns nur dann geläutert und gereinigt in Sein ewiges Heiligtum eingehen lassen kann...

Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 1. April 1871

 Liebste Mutter, denke Dir, Herrn Pfarrer geht es heute über Erwarten gut. Er hat eine gute Nacht gehabt, ist sehr munter und wird allem Anschein nach demnächst sich wieder in die Arbeit begeben. Freilich mischt sich in die Freude, daß wir ihn nun doch noch eine Weile behalten dürfen, auch viel Sorge und Bangigkeit; denn jedenfalls hat ihn der neue Anfall wieder bedeutend geschwächt. Doch wir gehen eben an der guten Hand des Herrn von einem Tag zum andern. Einmal wird ja doch alles gut werden.

 Ich kann nur wenig schreiben. Es geht das neue Semester an. Es muß ja doch alles seinen Gang fortgehen...

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 16. April 1871
 Liebste Mutter, schönen Dank für Deinen lieben Brief. Also Herr Pfarrer hat heute konfirmiert und diese Woche über sehr viel getan. Wenn nur nicht jetzt wieder die Kraft zusammenbricht! Ich mußte heute so oft bei der Feier| denken, daß es für ihn die letzte sein könnte. Doch wer weiß, was der Herr beschlossen hat.

 Neulich habe ich Dir gar nichts von Westheim erzählen können, und es war doch so schön und mir eine solche Herzensfreude, auf dem heimatlichen Boden herumzuwandeln. Recht viele Leute trugen mir warme Grüße an Dich auf, manche sind inbezug auf unsere Familiengeschichte ganz im laufenden, was sich wunderlich anhört, wenn sie so vertraut von Berta und Ida, Adolf und Eduard etc. reden. Ich schaute mich genau im Pfarrhaus um, und die Frau wußte mir auch alles zu sagen: „Hier war die Wohnstube, da die Küche, an diesem Herd haben Berta und ich viel gekocht, da oben wohnte die Tante, als sie von München zu Besuch kam, da sind die Kinder nacheinander zur Welt gekommen“ etc. Es war mir alles so rührend und auch das Kirchlein, in dem ich die heilige Taufe empfangen, betrachtete ich mit besonderen Gefühlen.

 Ich habe in diesem Semester viele Schülerinnen, unter anderen auch eine 38jährige Gouvernante, die die jüngste Tochter von Frau Marie Nathusius erzogen hat.

 Schwester W. und A. wollten austreten, konnten es aber doch nicht übers Herz bringen, – sie sind eigentlich nur der übergroßen Anstrengung, die sie in Hof hatten, erlegen und wußten sich nicht recht zu helfen, da man sie von hier aus nicht ablösen konnte. Der Magistrat dort hat nämlich die Lazarettzeit benützt, gute Geschäfte für sein Spital zu machen. Es kamen endlose Soldatentransporte, ohne daß irgendwer fürs Lazarett eigens angestellt worden wäre, sondern die Spitalschwestern mußten neben dem andern Dienst die 70 – oder wie viel es gerade waren – Soldaten verpflegen. Nun, die Kriegszeit bringt eben viel Abnormes mit sich...

 In herzinniger, dankbarer Liebe

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 11. Mai 1871
 Mein liebes Mütterlein, es ist gar nicht in der Ordnung, daß Du mir mehreremale nacheinander schreibst, ehe ich antworte, aber ich danke Dir für jeden Deiner lieben Briefe. Wie sehr ich mich freue, daß Du kommen willst, muß ich Dir vor| allen Dingen sagen. Ja, dann wollen wir recht vergnügt miteinander sein und recht viel im Wald spazieren gehen. Platz gibt’s genug für Dich, und alles freut sich, Dich wieder zu sehen, ich aber am allermeisten.

 Fräulein Escher[24] ist hier immer unwohl. Wir haben sie alle recht herzlich lieb. Sie besprach gestern recht ernstlich mit mir, ob nicht Marie diesen Sommer auf etliche Wochen zu ihr käme. Sie meint, es seien bei ihr die Magennerven stark angegriffen. Eine Luftveränderung, ein Aufenthalt in ihrem schönen Landhaus bei Zürich könne herrliche Dienste tun mit Gottes Hilfe. Ich solle den Plan mit Dir und Marie besprechen. Ich weiß nun freilich nicht, was Marie dazu sagt. Jedenfalls ist’s recht freundlich von dem guten Fräulein Escher, die sich vorgenommen hat, nur noch für andre zu leben, und unter ihre Lebenszwecke es aufgenommen hat, in ihrem schönen Zürich erholungsbedürftigen Dettelsauer Diakonissen eine Erquickung zu bieten. Frau Oberin sagte schon im Spaß, sie und ich sollten nächstes Jahr einmal hin.

 Gott behüte Dich, meine liebste Mutter, und führe Dich recht bald im Frühlingssonnenschein hieher.

Deine dankbare Tochter Therese.


An ihre Schwester Ida.
Ansbach, den 10. September 1871

 Liebste Schwester, Du hast wohl gehört, daß ich meine Ferien im Ansbacher Spital zubringen will, wo ich die Stelle einer Schwester, die abgelöst wurde, vertrete. Meine schöne Idee hat aber so allgemeinen Widerstand gefunden, daß ich sie aufgegeben hätte, wenn es nicht schon zu spät gewesen wäre. Nun möchte ich aber gerne, wenn es angeht, die letzten Tage meiner Ferien bloß meinem Vergnügen leben – dann wird alles wieder mit mir zufrieden sein, und ich erfülle damit auch einen eigenen Herzenswunsch. Ich möchte recht gern Dich und alle die Lieben in Augsburg sehen.

 ...Es sind gegenwärtig gar nicht viel Kranke im Spital, ich hab’s nicht anstrengend, und es freut mich so, ihnen dienen| zu dürfen. Eben haben wir eine unglückliche Geisteskranke im Garten herumgeführt. – Grüße die liebe Mutter und Julie und die Kinder.
Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 26. Oktober 1871

 Meine liebste Mutter, nimm meinen herzlichsten Dank für Deinen lieben Brief, mit dem Du mir zuvorgekommen, denn billig hätte ich zuerst schreiben sollen.

 Von Polsingen habe ich keine neuen Nachrichten. Der kleine Hans[25] ist hier bei seinem Großvater, und es ist sehr rührend, wie er immer mit trippelt, wenn Herr Pfarrer in dem bequemen Rollstuhl, den ihm Gräfin Giech geschickt, spazieren gefahren wird, was fast täglich geschieht. Herr Pfarrer hat kürzlich zwei Schwesterneinsegnungen selbst halten können. Das war eine große Freude. Verzeih diesen flüchtigen Gruß. Bald kommt mehr...

Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 2. Dezember 1871

 Liebste Mutter, recht schönen Dank für die schönen Früchte, die mir Deine Liebe geschickt. Wie gerne denke ich an Deinen sonntäglichen Geburtstag. Es war doch ein schöner, schöner Tag, und wie dankbar bin ich, daß ich da sein durfte.

 Mit dem Judenmädchen ist jetzt keine Gefahr mehr. Der Vater legt ihr kein Hindernis mehr in den Weg, und sie gefällt uns immer gleich gut. Als ich ihr gestern Stunde gab, sagte sie unter Tränen, ich könne mir gar nicht denken, wie ihr zu Mut sei und wie sie sich freue. Sie sei doch nun noch nicht getauft, aber „da drinnen“ (im Herzen) sei’s schon ganz anders geworden, seit sie hier sei, als zuvor.

 Eine meiner Schülerinnen bringt Dir das Brieflein. Sie freut sich sehr, Dich zu sehen.

 In herzlicher Liebe

Deine Therese.


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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 23. Januar 1872

 Meine liebe Mutter, nur einen herzlichen Gruß durch Schwester Johanna, damit Du wieder weißt, wie es mir geht. Ich wollte in diesen Tagen an Adolf schreiben und ihm danken für seinen Brief und die Zusendung der Zeitung mit dem Nekrolog. Ich fand nur noch keine Zeit dazu. Danke ihm doch einstweilen recht schön für beides. Der Nekrolog ist recht schön. Es kommt ja wohl noch einmal einer in der Luthardtschen Zeitung. Gestern las ich einen, der von Weber sein soll. Das ist bis jetzt von allem, was ich gelesen, das schönste. Er hat das Leben des Seligen tief erfaßt. –

 Ich bin so froh, daß die Zeit so eilt. Heute sind’s schon drei Wochen, daß die Abschiedsstunde schlug. Ich kann nicht viel anderes Tröstliches denken, als daß die Zeit enteilt, das Leben entschwindet und dann ein ewiges Wiedersehen kommt. Noch bin ich von dem nagenden Schmerz zu sehr hingenommen, als daß ich so recht danken könnte für das, was ich gehabt, und daß mich Gott in Gnaden gewürdigt hat, mein armes kleines Leben in Beziehung zu dem großen zu bringen, das nun abgeschlossen ist. Ich bin überhaupt immer noch wie im Traum und tue meine Geschäfte wie im Traum und muß mich unzählige Male fragen, ob’s denn auch wahr ist. Am vorigen Sonntag hatte ich eine selige Nachmittagsstunde, wie seit langem nicht mehr. Da war’s, wie wenn mir ein rechter Trank des Trostes gereicht würde von oben her; das Heimweh und Sehnen wurde zwar größer, aber es war eine Süßigkeit dabei.

Deine dankbare Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 24. Februar 1872

 Meine liebste Mutter, wir hatten neulich einen rechten Freudentag am 2. Februar, als die Jüdin getauft wurde. Sie ist so ernst und meint es so redlich, daß es in der Tat eine rechte Erquickung gewesen ist, diese Feier erleben zu dürfen. Ich erzähle sie Dir nicht, weil sie im nächsten Diakonissenblatt beschrieben ist. Es war die ganze Sache wie ein letztes Vermächtnis unseres vielgeliebten Toten. Mein letztes Gespräch mit ihm handelte von ihr, und so gerne hätte er sie selbst noch getauft. Caroline Meyer und ich waren die Patinnen.

|  Daß Weber hier Pfarrer wird, ist mir eine rechte Freude, wenn gleich viel Schweres drum und dran hängt. Ich habe so fest die Überzeugung, daß das Gott gemacht hat, daß ich’s wie ein Unterpfand nehme, Er werde auch für uns in Gnaden sorgen und uns nicht allzulange in der bitteren Verwaisung lassen. Nur das Sündengefühl will mir oft den Glauben anfechten, daß Gott uns auch wieder jemand in Seiner Gnade und nicht in Seinem Zorn setzen werde. Am 21. Februar zogen wir hinaus zum Grabe und sangen: „Wer sind die vor Gottes Throne“ und „Gloria sei Dir gesungen“...

 In herzlicher, dankbarer Liebe

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 25. April 1872

 Meine liebe Mutter, heute war ein rechter Freudentag, an dem ich so viel Güte und Gnade des Herrn erlebte, daß ich Freudentränen weinte und aufs neue recht fest alle die Unterpfänder für Seine fernere Durchhilfe erfaßte. Das Erste heute morgen war, daß mir Frau Oberin sagte: „Weißt du, daß die Kollekte für Polsingen bewilligt ist?“ Ja, dafür sei Gott tausendmal Dank. Nun seufzt man in Polsingen auf und nimmt, wenn die drückenden Schulden weg sind, auch alles andere leichter. Dann kam Dein lieber Brief mit der frohen Botschaft und dem tröstlichen Schreiben von Blumhardt. Wie hat mich dies letztere so innig gefreut! Ich schicke den Brief morgen nach Polsingen, und Marie wird ihn dann gleich wieder nach Ansbach schicken... Ja, der Herr ist barmherzig und gnädig und kann erretten und helfen. Ich weiß es auch ganz gewiß, daß er auch uns noch helfen und uns wieder in Gnaden einen Hirten geben wird: Keiner wird zu Schanden, der Sein harret.

 Denke Dir, vor ein paar Tagen schrieb eine Schwester aus Kulmbach, die dort an der Kinderschule dient, sie seien in eine große Verlegenheit versetzt worden. Eine ihrer Vorstandsdamen, eine gute Frau, sei zu der Schwester gekommen und habe dringend gebeten, sie möchten doch eine Zeitlang mit dem Unterricht in der biblischen Geschichte aussetzen. Die Kinder seien so begeistert von den heiligen Geschichten, daß sie daheim| immer davon sprächen, und viele Eltern seien dadurch in Aufruhr gekommen und sagen, sie wollten keine Diakonissin, sie wollten eine Kindergärtnerin, die in der Schule nichts von Religion vorbringe. Die Schwester erklärte der guten Dame, die in Angst und Sorge um den Bestand der Schule geraten war, daß sie es für eine Verleugnung halten würde, mit dem Erzählen der heiligen Geschichten aufzuhören, und wenn es auch nur für eine Zeitlang sein sollte, so wüßte sie ja dann nicht, wann sie wieder anfangen sollte. Es kann nun wohl sein, daß die Schwestern weichen müssen. Vielleicht verläuft sich aber auch der Sturm. Jedenfalls ist dieses Vorkommnis ein Zeichen unserer Zeit, und auf der andern Seite ist uns bei dieser Gelegenheit die Bedeutung der unscheinbaren Kinderschulen recht vor die Seele getreten. Teile das doch Adolf mit.

 Marianne wohnt noch im Pfarrhaus. Frau Schröder ist fort, und Herr Verweser Fleischmann ist ins Missionshaus gezogen.

 Ich sehne mich sehr nach dem Ende unseres Provisoriums.

 Das Judenmädchen hat sich jetzt in Dittenheim verheiratet. Wir sollten zur Hochzeit kommen.

 Gott behüte Dich, meine liebste Mutter! Grüße Adolf und die Schwägerinnen aufs herzlichste.

Deine dankbare Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 3. Mai 1872
 ...Gestern waren wir ganz belebt von dem unerwarteten Besuch des Bischofs von Eichstätt. Er ließ sich überall herumführen, fragte nach allem und zeigte für alles ein ungewöhnliches Interesse und ein feines Verständnis. Er sagte, dieser Tag sei einer der schönsten seines Lebens gewesen. In der Paramentik hielt er sich besonders lange auf, aber auch den Herd in der Küche beschaute er von allen Seiten und beschloß, sich auch einen solchen zu verschaffen, und in den Hospitälern und in den Schulen – überall war er voll Liebenswürdigkeit und richtete eingehende Fragen an die betreffenden Personen.| Als er in meine Schule kam und Herr Inspektor mich als die Lehrerin vorstellte, fragte er mich, wo ich meine Bildung empfangen hätte, und als Herr Inspektor später sagte, ich sei eine Schwester vom Konsistorialrat Stählin, schien ihm der Name nicht fremd, so daß er fragte, ob nicht ein Bruder in Weißenburg gewesen sei. Im Betsaal gefiel es ihm überaus gut. Er sieht sehr mager aus und stach darin sehr von den andern beiden ihn begleitenden katholischen Geistlichen ab. Daß uns natürlich seine große, reiche, goldene Kette, seine violetten Strümpfe, seine Schnallenschuhe und seine schöne, breite Schärpe ungeheuer interessierten, kannst Du Dir denken.
Deine dankbare Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 16. Juni 1872

 Meine liebste Mutter, ...es ist noch gar keine bestimmte Aussicht für uns vorhanden. Ich bin oft so traurig, so traurig. Wenn sich doch Gott über uns bald erbarmen wollte!

Deine dankbare Therese.



  1. Korr.-Bl. 1907 Nr. 1/2.
  2. Korr.-Bl. 1891 No. 12.
  3. Korr.-Bl. 1913 Nr. 1/2.
  4. Korr.-Bl. 1911, Nr. 6/7, S. 22.
  5. Siehe „Lebensläufe“ S. 40 ff.
  6. „Lebensläufe“ S. 162 ff.
  7. Korr.-Bl. 1898, Nr. 3/4.
  8. Korr.-Bl. 1883, Nr. 7/8.
  9. Schwester Babette Dieterich heiratete Dr. Alfred Riedel.
  10. Zur Generalkonferenz der Diakonissenhäuser nach Kaiserswerth.
  11. Schwester Adelheid Liesching, siehe Korr.-Bl. 1906, Nr. 11/12.
  12. Der Wirt im Gasthaus zur Sonne.
  13. Beginn des preußisch-österreichischen Krieges.
  14. Königin Marie, eine preußische Prinzessin, war die Witwe des 1864 verstorbenen Königs Maximilian II. und die Mutter des regierenden unvermählten Königs Ludwig II., der damals verlobt war.
  15. Korr.-Bl. 1920, Nr. 6/7.
  16. „Lebensläufe“, S. 56–68.
  17. Korr.-Bl. 1910, Nr. 10, S. 38–40.
  18. Granvagl war ein homöopathischer Arzt aus Nürnberg.
  19. Korr.-Bl. 1925, Nr. 1.
  20. Korr.-Bl. 1925, Nr. 6/7.
  21. Korr.-Bl. 1927, 5/6.
  22. Siehe „Lebensläufe“, S. 75–85.
  23. Korr.-Bl. 1916, Nr. 3/4.
  24. Korr.-Bl. 1913, Nr. 1/2.
  25. Kind des Gutsbesitzers Ferdinand Löhe in Polsingen.


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