Kurzgefaßte Einleitung in die heiligen Schriften (11. Auflage)/Dritte Abteilung (AT)

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« Zweite Abteilung (AT) Ferdinand Wilhelm Weber
Kurzgefaßte Einleitung in die heiligen Schriften (11. Auflage)
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Anhang: Die Apokryphen des A. Testaments »
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Dritte Abtheilung.
Die prophetischen Bücher.


§ 40.
Allgemeines über die Prophetie.

 1. Der Name Prophet bezeichnet wörtlich einen Sprecher, d. h. einen, welcher ausgesprochen hat, was Gott ihm, als seinem Vertrauten, als dem Mittler zwischen Gott und den Menschen, offenbart. Vgl. Ex. 7, 1; 4, 15. 16; Dt. 18, 18 f.; Jer. 15, 19. Wenn der Prophet auch Schauer oder Seher heißt, so deutet das auf die Art und Weise hin, wie er die Offenbarungen empfängt. Er schauet das, was ihm Gott offenbart, er empfängt also ohne eigenes Zuthun, vielmehr auf übernatürlichem Wege, was er verkünden soll. Der erste Name weist auf das Amt, der zweite auf die Gabe des Propheten hin.

 Anmerkung. Man unterscheide zwischen Prophetie im biblischen Sinne des Wortes und zwischen der Mantik, der Prophetie des Heidentums. Der heidnische Mantis, eigentlich der Rasende, verliert in der Ekstase und Begeisterung das Bewußtsein, der Prophet Gottes aber behält es. Das Bewußtsein der Propheten wird nicht auf-, sondern hinaufgehoben zum Vernehmen göttlicher Offenbarung. Vgl. 1 Kor. 14, bes. v. 14. 15. 19. 32. Würde die göttliche Offenbarung das menschliche Bewußtsein des Propheten aufheben, so wäre es unerklärlich, daß die Propheten mit voller Klarheit sich dessen wieder erinnern, was sie durch die Offenbarung gehört oder gesehen haben. – Ferner ist zu unterscheiden zwischen Wahrsagerei und Prophetie. Jene weiß und sagt allerlei, diese nur, was Gottes Geist und zwar in Sachen seines Reiches offenbart. – Verwandt mit der prophetischen Gabe ist auf dem natürlichen Gebiet das Ahnungsvermögen und die Gabe der Einsicht in den inneren Zusammenhang, der Dinge, sowie das Vermögen, die Tragweite eines Schrittes zu beurteilen. Die Mitteilung einer göttlichen Offenbarung an die Propheten haben wir uns zu denken nach Analogie der Eingebungen, wie sie besonders geniale Persönlichkeiten zu erfahren pflegen, nur daß der Prophet zugleich mit der Einsprache die| bestimmte Gewißheit erhält, daß sie von Gott selber herrühre (vgl. 1 Sam. 3, 10). Eigene Thätigkeit des Propheten auf Grund der erfahrenen Anregung und in den Schranken derselben, ist nicht ausgeschlossen, vgl. die Fürbitten und Gebete derselben, wie ihre Gespräche mit Gott; auch ist der Prophet kein bloßer Botschaftsträger zwischen Gott und Menschen; von dem was er sieht und hört, wird sein Gemüt auf das tiefste erregt, er durchlebt gewissermaßen die Ereignisse und Zustände, die er weissagt, nach ihrer freudigen, wie traurigen Seite. Der Prophet steht nicht außerhalb der Geschichte, sondern in derselben; aber sein Blick ist durch den Horizont der Zeitgeschichte nicht begrenzt (vgl. die speziellen Weissagungen auf Christum). Jeder der Propheten hat seine besondere Eigentümlichkeit; sie stammt aus der Schöpferhand Gottes, der den Propheten zu einem bestimmten Werk ausersehen und daher auch für dasselbe ausgerüstet und zubereitet hat. Die Rede des Propheten in Drohung wie Verheißung ruht auf den geschichtlichen Grundlagen der Verheißungen der Vorzeit und der göttlichen Forderungen im Gesetz; sie sind zeitgemäße Entfaltung und Anwendung beider; unter sich selber stehen die Propheten im engsten Zusammenhang.

 2. Es gibt verschiedene Formen, wie der Offenbarung, so der Weissagung: a) die prophetische Rede, in welcher das Wort göttlicher Einsprache wieder ausgesprochen wird; b) das Bild, in welchem der Prophet beschreibt oder malt, was Gott ihn schauen ließ (Vision); c) die symbolische Handlung, in welcher der Prophet an seiner Person darstellt, was Gott ihn geheißen, damit das Volk an dem Propheten sehe, was es selber ist oder werden soll.

 3. Die Prophetie selbst ist älter, als die prophetischen Bücher. Da sie das Mittel der Offenbarung Gottes an die Menschen ist, so ist sie so alt, als die Offenbarung selbst. So erscheint Noah als Prophet; die Patriarchen heißen Propheten; Moses ist der Prophet des alten Bundes ohne gleichen. Seit Samuel aber wird die Prophetie ein ständiges Amt im Volke Gottes, und die Propheten bilden einen eigenen Stand. Sie vereinigen sich zu Gesellschaften und Schulen, leben gemeinsam und werden die Mittelpunkte des geistlichen Lebens und die Träger der heiligen Überlieferung. Ihre Lebensweise entspricht der Würde und dem Ernste ihres Amtes.[1]

 4. Die Prophetie hat die Aufgabe, gemeinschaftlich mit dem| Königtum das Volk Gottes zu leiten. Wo immer das Verhältnis zwischen Prophetie und Königtum das richtige war, da war jene der Mund, dieses die Hand Gottes, oder: was die Propheten als den Willen Gottes verkündigten, das vollzogen die Könige. Zum Beweis hiefür dient das Verhältnis zwischen Samuel und Saul, Nathan und David. Dieses von Gott gewollte Verhältnis wurde aber bereits in der ersten Periode des Königtums durch den Ungehorsam des Königs Saul gegen die Weisung des Propheten Samuel getrübt. In der zweiten Periode des Königtums aber, nämlich seit der Trennung des Reichs, traten Prophetie und Königtum fast immer in Gegensatz zu einander. Da die Könige ihre eigenen Wege und nicht mehr die Wege Gottes gingen, so mußten die Propheten als die Vertreter Gottes wider sie predigen. Sie waren zuerst nur Zeugen, zuletzt Blutzeugen (Martyrer) der Wahrheit. Mit der Aufgabe, das Volk zu leiten, hängt es zusammen, daß sie bestrebt sind, dem Volk stets seinen besonderen Charakter zum Bewußtsein zu bringen, es zu richtiger Beurteilung seiner selbst und seiner jeweiligen Zustände aufzuklären, zu entsprechendem Handeln aufzufordern, den Gang, den seine Entwicklung nehmen würde, zu enthüllen, den Ratschluß Gottes über sein Volk zu offenbaren und durch all dieses auf die verheißene herrliche Zukunft des Reiches Gottes dasselbe vorzubereiten und es dafür tüchtig zu machen. Mit Recht werden sie deshalb unter die Grundleger und Baumeister des geistlichen Tempels Gottes gerechnet. (Eph. 2, 20.)
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 Übrigens war die Art und Weise ihrer Wirksamkeit innerhalb dieser Periode eine sehr verschiedene. 1. Die älteren Propheten sind ausschließlich mit den inneren Angelegenheiten Israels beschäftigt, ohne noch die in Israels Geschichte verflochtene Geschichte der Völkerwelt in ihren Bereich zu ziehen; ihre Weissagungen richten sich ausschließlich an König und Volk der beiden Reiche, noch nicht an ein fremdes Volks; die jüngeren Propheten aber verkünden Israels und der Völkerwelt Geschick. 2. Bis in die Regierungszeit des Joas wirken die Propheten durch die überwältigende That, wie besonders Elia und Elisa, erst von da an mehr durch das überzeugende Wort, durch Rede oder Predigt. 3. Deshalb haben wir auch erst von den späteren Propheten Weissagungsschriften, während die älteren| uns nur in ihren Aufzeichnungen der heiligen Geschichte, die sie ihrem Volk prophetisch deuteten, schriftliche Denkmale hinterließen.

 5. Die Weissagungslitteratur grenzt sich wieder in Perioden ab. Die mittlere oder jesajanische ist die sog. klassische Periode, sie bezeichnet den Höhepunkt der Prophetie; von ihr unterscheiden wir die vorjesajanische von Obadja bis Hosea, die Zeit der kräftigen Anfänge und die nachjesajanische oder jeremianische, welche die in Jesaja beschlossene Fülle im einzelnen zur Entfaltung bringt. Die prophetischen Schriften haben in der Litteratur der andern Völker nicht mehr ihres gleichen.

 Die vorjesajanische Prophetie besteht gewissermaßen in Gelegenheitsschriften. Es sind bestimmte eng umgrenzte Aufträge, die die Propheten dieser Periode auszurichten haben, und demgemäß einzelne Seiten der Zukunft, die sie offenbaren. Die Sprache ist kräftig und gedrungen, oft dunkel und rätselhaft (Hosea).

 Jesaja eröffnet in seiner Prophetie, was ihren Inhalt betrifft, nicht bloß einzelne Blicke in die Zukunft, sondern er breitet die ganze Zukunft aus. Von der höchsten prophetischen Höhe aus überschaut er im Geiste den Entwicklungsgang der Geschichte der Welt und des Reiches Gottes durch die Jahrtausende bis in die äußersten Fernen, bis dahin, wo die Zeit in die Ewigkeit übergeht. Dabei rücken die Ereignisse zusammen, wie die Gipfel hinter einander liegender Bergreihen und die Prophetie ist perspektivisch; was er zusammenschaut, legt sich in der Wirklichkeit oft weit auseinander. Die Weissagungen des Jesaja sind ihrem Inhalt nach die allumfassendsten, deshalb ist er unter den Propheten der Prophet. Was aber die Form anlangt, so ist sie durchaus klassisch, voll selbständiger Kraft und vollendeter Schöne; seine Reden sind ungeachtet ihrer heftigen Strömung und des hohen Aufschwungs der Gedanken doch fein gegliedert und bilden meistens ein künstlerisch abgerundetes Ganze. „An die Stelle der heiligen Lyrik, in der sich bisher das religiöse Leben der Gemeinde ausgesprochen hatte, tritt durch ein gewaltigeres Eingreifen Gottes die prophetische Poesie mit ihrer Posaunenstimme, um das entschwundene Gottesbewußtsein in der erstorbenen Gemeinde wieder zu wecken.“ – Ihm verwandt in Form und Inhalt ist sein Zeitgenosse Micha, nach ihm noch Habakuk.

 Die letzte Periode der Prophetie ist durch Jeremia bestimmt. Ihre Eigentümlichkeit besteht darin, daß sie alle älteren Weissagungen in sich aufnimmt, weil sie nun ihrer Erfüllung zueilen; ferner, daß sie die ältere, zusammenfassende Weissagung nach bestimmten Seiten ausführt. Die Redeweise ist eine losere, gedehntere, oft zum schlichten Predigtton herabgestimmte; wir begegnen zahlreicheren, ausführlicheren Visionen, die prophetischen Gedanken verkörpern sich in veranschaulichenden Symbolen. Diesen Charakter tragen alle Propheten von Jeremia bis Maleachi.

|  6. Die Weissagungsschriften beginnen mit der des Obadja welcher noch vor der Zeit des Königs Joas wirkte. Der Zeitfolge nach ordnen sich die Bücher der Propheten in folgender Weise: Obadja, Joël, Jona, Amos, Hosea, Jesaja, Micha, Nahum, Habakuk, Zephanja, Jeremia, Ezechiel, Haggai, Sacharja und Maleachi. Jesaja, Jeremia und Ezechiel nennt man wegen des Umfangs ihrer Bücher die „großen Propheten“, die übrigen aus gleichem Grunde „die kleinen“. Die Bücher der kleinen Propheten bilden im Kanon ein Ganzes, und heißen zusammen das Zwölfprophetenbuch. Für die Zusammenstellung derselben im Kanon wirkten andere Gesichtspunkte, als die der Zeitfolge.

 Anmerkung. Das Buch Daniel wird im hebräischen Kanon nicht zu den prophetischen Büchern gezählt, sondern nimmt die Stelle vor den Büchern der Chronik, Esra und Nehemia ein. Siehe darüber § 44, 4. Wir haben es hinter den drei großen Propheten behandelt, indem wir dem Herkommen folgen.


A. Die großen Propheten.
§ 41.
Das Buch des Jesaja.

 1. Jesaja (der HErr ist das Heil) war der Sohn des Amoz, welchen die jüdische Tradition ohne Beweis einen Bruder des Königs Amazja nennt. Er weissagte laut 1, 1 unter Usia, Jotham, Ahas und Hiskia, d. h. mindestens vom Todesjahr des Usia (6, 1) bis mindestens ins 15. Jahr des Hiskia (36, 1), also von 759–714. Nach alter rabbinischer Überlieferung starb er unter Manasse als Märtyrer, und zwar soll er zersägt worden sein, vgl. Hebr. 11, 37.

 2. Laut c. 6 hat Jesaja zunächst und vor allem den Beruf empfangen, das Gericht über das alte und die einstige Erlösung für das neue Israel zu verkündigen, ja durch sein Wort selbst vorzubereiten. Das Gericht der Zertrümmerung der alttestamentlichen Herrlichkeit, zu der Israel durch David und Salomo erhoben worden war, ist schon im Todesjahr des Usia c. 6 ausgesprochen worden. Die Wiederkehr davidischer Herrlichkeit (unter Usia – Jerobeam II) hat den Sinn jener Blütezeit nicht wieder gebracht. Mit dem bisherigen Wesen mußte aufgeräumt werden, wenn es zu einem Fortschritt in der Entwicklung des Reiches Gottes kommen sollte. Eingeleitet| wurde Israels Untergang durch die untheokratische Politik seiner Könige. – Zur Zeit des Propheten war die Geschichte Israels wie der gesamten Menschheit an einem großen Wendepunkt angelangt. Es erstand damals das wichtigste geschichtliche Gebilde innerhalb der natürlichen Menschheit, das Weltreich, mit dem Streben, alle Völker sich, als der höchsten Macht zu unterwerfen. Hiemit stellte es sich dem in Israel sich entwickelnden Gottesreich entgegen. Wie wird sich das Gottesvolk dazu stellen? Wird es gleichfalls dieser scheinbar höchsten Macht auf Erden huldigen oder wird es sich ihr gegenüber als das Gottesreich erweisen und bekennen? Das Volk Gottes hat seinen Beruf nicht erfüllt. In der Bedrängnis war seinem Könige die Weltmacht ein besserer Bundesgenosse als sein Gott, der durch Jesaja seine Hilfe angeboten hatte c. 7, und nachdem Gott durch wunderbare Errettung unter Vermittlung des Propheten vor aller Welt seine Herrlichkeit kund gethan hatte, unterließ es Hiskia doch, vor der Welt ihm die Ehre zu geben und ihn als alleinigen Helfer zu bekennen c. 39. So kam das Gericht, nicht ohne daß zweimal die Möglichkeit der Errettung wäre geboten gewesen. So wird Jesaja ein Prediger des Gerichts. Aber untergehen kann Israel nicht, denn es ist Gottes Volk. Das Gericht dient zur Läuterung. Israel wird in die Gewalt der Weltmacht, von der es sich nicht geschieden gehalten hat, hingegeben; wenn es aber in seiner Gefangenschaft zur Einsicht und Umkehr gekommen ist, so wird es von seinem Gott mit mächtiger Hand erlöst und der verheißenen Herrlichkeit entgegengeführt werden. Schließlich ist der Trost das Überwiegende in der Verkündigung des Propheten. –

 Es hat also Israel seinen Beruf nicht erkannt, seine Aufgabe nicht erfüllt, wider seine Bestimmung sich einmal und noch einmal verfehlt. Da mußte das angedrohte Gericht kommen.

 Dies ist der geschichtliche Boden, in dem Jesaja wurzelt. Er gehört mit seiner Thätigkeit zunächst seinen Zeitgenossen. Im Auftrag Gottes geht er hin c. 7, um in Ahas Glauben zu erwecken. Die ganze Geschichte Israels hätte eine andere Wendung genommen, wenn dies gelungen wäre. Aber Ahas versagte, er hing sich an Assur, damit brachte er Juda an den Rand des Untergangs. Jesaja sah die ganze Reihe der unglücklichen Folgen voraus, aber er sah| auch den Helfer erstehen, der mit göttlicher Gewalt von der Tyrannei der Weltmacht erlösen werde. Damit tröstete Jesaja die Gläubigen. Die Bedrängnis durch Assur ist übrigens eine vorübergehende. Gleich in ihrem Entstehen wird Jehovah der Weltmacht beweisen, daß Er der HErr in der Welt ist. Unter dem frommen Hiskia tritt jene Bedrängnis ein. Jesaja muß sie mit durchleben. In der allgemeinen Verzagtheit steht der Prophet fest wie ein Fels, sein Wort hält den König aufrecht und Jerusalem wird wunderbar vor Sanherib errettet; weithin dringt die Kunde von der Herrlichkeit des Gottes Israels. – Soweit der 1. Teil der prophetischen Thätigkeit Jesajas. Was er in ihm geredet und gehandelt, bildet auch den Hauptinhalt des 1. Teils seines Buchs, c. 1–37.

 Aber nur zur Hälfte gehört Jesajas Thätigkeit seinen Zeitgenossen. Juda erhielt sich nicht auf der Höhe, auf welche es durch die Machtthat Gottes gestellt war. Es kommen zu Hiskia Gesandte von Babel, der zukünftigen Weltmacht, der unaufhörlichen Gegnerin des assyrischen Reiches, und suchen seine Freundschaft. Da hat Hiskia die ihm gestellte Aufgabe nicht erkannt. Statt daß er dem HErrn die Ehre gegeben und ihn als alleinigen Helfer vor der Welt bekannt hätte, führt er die Gesandten zu seinen Schätzen und in seine Zeughäuser und macht sich damit den übrigen Heiden gleich. Die Gelegenheit, das beschlossene Gericht abzuwenden, war damit ebenso wie unter Ahas verscherzt. Dasselbe Heidenvolk, vor dem der König des Gottesreiches mit seiner weltlichen Herrlichkeit geprunkt hatte, wird derselben ein Ende machen und Juda in die Knechtschaft fortführen. So hat Jesaja zu verkündigen.

 Endigt nun damit des Propheten Thätigkeit? Es wäre verwunderlich, wenn der Prophet, welcher in dem ähnlichen Fall der Versündigung des vorhergehenden Königs die Schar der Gläubigen im Blick auf die kommenden Drangsale so herrlich zu trösten wußte, dieses Mal für das Schwerere, das kommen sollte, keinen Trost sollte gehabt und seine so fruchtbare Prophetenlaufbahn mit einem Beweis völliger geistlicher Impotenz sollte geschlossen haben. Dies ist indes nicht der Fall; sondern wie jetzt ein schwereres Gericht im Anzug ist, ja das ganze Heer göttlicher Gerichte, so schickt auch der Prophet sich an, die ganze Fülle dessen, was er seinem Volk im Hinblick auf die| anbrechende schwere Zeit sagen kann und zu sagen hat, in einem Testament zu hinterlassen. Er erlebt ja den Anfang jener Unglückszeit und was sie in sich schließt, nicht mehr, aber er versetzt sich in dieselbe kraft prophetischen Seherblicks und wie er in der assyrischen Drangsal der Halt Israels gewesen ist, so verläßt er auch jetzt sein Volk nicht, tritt hinein im Geist unter die Gefangenen und Geknechteten, tröstet und schilt, ermutigt und straft, ringt und betet und läßt nicht ab, bis das Gericht zum Sieg hinausgeführt ist. Denn Israel ist ja Gottes Diener, es kann nicht untergehen, es wird erlöst, aber freilich es geht durch tiefe Demütigung zur Herrlichkeit. Und an diesem Gang hat auch der teil zu nehmen, dem Jesajas am Anfang seiner prophetischen Thätigkeit als die Hoffnung Israels geschaut hat. Aber indem derselbe, der wahre Knecht Gottes, in dem sich Israels Bestimmung vollendet, durch Leiden zur Herrlichkeit empordringt, hebt er zugleich sein Zion, die Schar derer, die zu ihm sich hält, aus der Schmach und Unterdrückung mit empor. Da erfüllen sich alle Verheißungen, die dem Volk Gottes gegeben sind, in überschwenglicher Herrlichkeit. – Ansätze finden sich bereits im 1. Teil c. 6, 13; c. 9; c. 11; c. 24–27; c. 34–35. Außerdem c. 13–14; c. 21. Das Vermächtnis eines Propheten an sein Volk, ist es, was Jesaja c. 40–66 gibt, ja des größten unter den Propheten.

 (Nach bisheriger Erforschung der babylonischen Inschriften macht die Gesandtschaft Merodach Baladans c. 39, 1 ff. der Einleitung zu c. 40–66, chronologische Schwierigkeiten. Aber innere Gründe sprechen dafür, daß an dem 14. Jahr Hiskia’s als dem Jahr seiner Krankheit und des assyrischen Angriffes festzuhalten und daß die in Jesaja, 2 Könige c. 20 und 2 Chron. c. 32 vorliegende Reihenfolge der Erzählungen zugleich die chronologische sei: erst Angriff Sanheribs, dann babylonische Gesandtschaft.)

 3. Man hat Jesaja den Evangelisten unter den Propheten genannt. Er ist es, indem er der Tröster der geringen Herde der Gläubigen, der Ermutiger der Verzagten ist. Hauptsächlich ist er es aber dadurch, daß bei ihm mehr als bei irgend einem andern Propheten der Messias Gegenstand seiner Weissagung ist. Nicht bloß die Weihnachtsthatsache verkündet er wie Micha, sondern auch| die Geschichte des Karfreitags stellt er uns vor Augen. Der Messias ist bei ihm der Mittelpunkt der Geschichte Israels, im 1. und 2. Teil, und der Gang beider ist eng verbunden. Die Sünde Israels wirft ihre Schatten in den Lebenslauf des Messias, und sein Siegesgang hebt auch Israel mit empor. An ihm hängt Israels Heil. – Die Aussagen über den Messias verteilen sich in charakteristischer Weise über beide Hälften; der erste Teil stellt hauptsächlich dar die frohen Hoffnungen, die sich für die Gläubigen an die Erscheinung Gottes im Fleisch knüpfen, c. 9, Weihnachtsglanz liegt über ihm. Der 2. Teil faßt das Wirken des in Knechtsgestalt erschienenen Heilands ins Auge. Die 2. Gefangenschaft war im Gegensatz zu der ägyptischen eine verschuldete. Eine Erlösung aus ihr setzte voraus Vergebung auf Grund einer Sühnung. Die Verschuldung Israels an seinem Gott ist das eigentliche Gefängnis. Darum bildet den Mittelpunkt des 2. Teils die Passion, das sühnende Leiden des Knechtes Gottes c. 53. So hat jeder Teil seine eigentümliche Besonderheit und gehören doch beide eng zusammen, wie Weihnachten und Passion. In Stellen aber wie z. B. c. 9, 1 vgl. Matth. 4, 14 und andern berührt sich auch der 1. Teil mit dem Gedankenkreis des zweiten.

 Im übrigen umspannen beide Teile den ganzen Umfang der geschichtlichen Entwicklung des Reiches Gottes, von der Gegenwart des Propheten an bis ans Ende der Dinge; und zwar jeder Teil für sich und beide in Übereinstimmung miteinander, vgl. z. B. c. 11 und c. 65.

 4. Wie unser Buch im großen und ganzen, so ist es auch im einzelnen kunstvoll angelegt. Die Sammlung der Reden ist im ganzen und großen chronologisch geordnet. „Die Zeitangaben 6, 1; 7, 1; 14, 28; 20, 1; 36, 1 sind Punkte einer fortschreitenden Linie. Auch die drei Hauptteile bilden eine chronologische Reihe. Denn c. 1–6 stellen uns die Wirksamkeit Jesajas unter Usia-Jotham dar; c. 7–39 seine Wirksamkeit unter Ahas und Hiskia bis in dessen 15. Jahr; c. 40–66 aber sind die spätesten, unmittelbar in Schrift gefaßten Erzeugnisse des zurückgezogensten Innenlebens.“ Aber wenn auch im allgemeinen die Zeitfolge herrscht, so wird sie doch überall von sachlichen Gesichtspunkten durchbrochen. Das Prinzip des Ganzen waltet in der Anlage des Buches klar vor. Das Gericht über das| Volk Gottes, der Untergang der Weltmacht, das neue Israel der Endzeit, welches im Mittelpunkt der Völkerwelt seinen heilsgeschichtlichen Beruf vollbringt: – das sind die Ideen, welche das ganze Buch überall durchwalten, der Ratschluß Gottes mit der Menschheit und seine Ausführung von der Gegenwart an bis zum Abschluß dieses Weltlaufs ist das das Ganze beherrschende sachliche Prinzip.

 Nachdem in einer Einleitungsrede die Unheilbarkeit des Verderbens Israels geschildert ist (c. 1), wird dieses Verderben dann im einzelnen dargelegt (c. 2–5), damit erhelle, wie es kam, daß der Prophet den Beruf empfing, Gottes Gericht über sein Volk zu verkündigen, ja durch sein Wort herbeizuführen (c. 6). Die Verkündigung des Gerichts selbst im Anschluß an den offenen Abfall des Ahas enthält dann der große Abschnitt c. 7–12, in welchem bezeugt wird, daß dieses abgefallene Israel untergehen muß, daß aber ein Rest bleiben wird, den Immanuel erlöst, wenn er die Weltmacht stürzt und sein Reich aufrichtet (c. 7–12). Der Sturz der Weltmacht wird allen Gott entfremdeten Völkern das Gericht, aber sofern sie sich bekehren, das Heil bringen (c. 13–23). Diese Katastrophe wird für Gottes Volk der Durchbruch zum Heil (c. 24–27). Das tiefgedemütigte und bußfertige Israel wird aus dem Tod zum Leben, aus der Niedrigkeit zur Herrlichkeit eingehen. Die gegenwärtigen Erlebnisse, Bedrängnis und Errettung sind ein Vorspiel auf künftige, allumfassende, endgeschichtliche (c. 28–35).

 Hierauf folgt der Bericht von Sanheribs Einfall und Gottes wunderbarer Erlösung – als Unterpfand der Erfüllung dessen, was der Prophet von Gottes Zorn und Gnade verkündet hat (c. 36. 37). Daneben aber tritt der Bericht von der Sünde des Hiskia als Vorbereitung der Verkündigung des Gerichts durch Babel, welches, an Assurs Stelle tretend, alles erfüllen wird, was Jesaja von Assur geweissagt hat (c. 38. 39).

 Der zweite Hauptteil (c. 40–66) ist angesichts des kommenden Gerichtes geredet. Dies Gericht, bestehend in der Hingabe unter die Gewalt der Heiden, zunächst der Babylonier, ist zwar noch nicht eingetreten (vgl. c. 56, 8–57, 21), aber in gewisser Aussicht; auch sein Ausgang ist vom ersten Teil her gewiß. Es handelt sich nun darum, den Gefangenen Strafe und Trost zu hinterlassen, damit sie daran einen Halt finden und zur Erlösung zubereitet werden. Dies thut Jesaja in drei Abschnitten, die durch den wiederkehrenden gleichen Schlußsatz: „Keinen Frieden haben die Gottlosen“ (48, 22; 57, 21; 66, 24) mit jedesmal vorausgehender drohender und scheltender Schlußrede genugsam markiert sind. Diese drei Teile sind nur Variationen des allen gemeinsamen Themas, haben aber ein jeder für sich einen besonderen Grundgedanken und einen eigentümlichen Grundton, welcher gleich beim Eingang angeschlagen wird. In jedem der drei Teile steht ein anderer Gegensatz im Vordergrund: im ersten Teil der Gegensatz Jehovas und der Götzen, Israels, das des HErrn Zeuge sein soll, und der blinden Heiden; im 2. Teil der Gegensatz des Leidens des Knechtes Jehovas| in der Gegenwart und seiner Herrlichkeit in der Zukunft; in gleicher Weise steht sich einander gegenüber das jetzt betrübte aber einst verherrlichte Zion; im 3. Teil der Gegensatz innerhalb Israels selbst, der Heuchler, der Sünder, der Abgefallenen auf der einen Seite, der Treuen, der Trauernden, der Verfolgten auf der anderen; hiermit steht im Zusammenhang der Gegensatz des jetzt sich zurückhaltenden, zu seiner Zeit aber in der Errettung und Gericht mächtig hervorbrechenden HErrn. Denn im 1. Teil ist hauptsächlich die Erlösung aus Babel dargestellt, in welcher die Weissagung Jehovas sich erfüllt, den Götzen und ihren Verehrern zur Beschämung und zum Sturz, Israel aber zur Heilung von eigener Verblendung; im 2. Teil die Erhöhung des Knechtes Gottes, der Gottes Heilswerk in Israel ausrichtet, aus tiefer Erniedrigung; damit ist auch zugleich das Aufhören der Verstoßung und die Wiederaufnahme Israels gegeben; denn mit seinem Leiden und Sterben hat der Knecht Gottes Israels Schuld gebüßt. Der 3. Teil zeigt die Herrlichkeit, in der das Volk Gottes einst erglänzen soll; aber es ist nicht abzusehen, wie Israel zu jenem verheißenen Glück gelangen soll; seine dermaligen inneren Zustände sind verzweifelte; die Herrschaft der Sünde und der Sünder läßt das Heil nicht kommen, das Volk droht zu verkommen. Doch der HErr vergißt die Seinen nicht. Wenn das Verderben den Gipfel erreicht hat, so greift er drein, die Seinen zu erretten, seine Feinde zu richten. (Teilweise nach Delitzsch.)

 Der HErr wird sein Volk erlösen, das ist der Grundgedanke des 2. Teils; aber der Prophet bleibt nicht stehen bei der äußeren politischen Knechtschaft des Volks; sein Blick geht tiefer und weiter. Israel steht unter dem Zorn Gottes, es liegt in den Banden des sündlichen Verderbens. Dreifach ist seine Gefangenschaft, dreifach die Erlösung und in gewissem Sinn auch der Erlöser nämlich Cyrus, der leidende Knecht des HErrn, der HErr selbst in seiner göttlichen Herrlichkeit. Auch der Gegenstand der Erlösung ist ein dreifacher: einmal das Volk als Ganzes, sodann die Gemeinde der Gläubigen im Volk (des HErrn Knechte), endlich jener Knecht Gottes, der Israels Bestimmung in sich verwirklicht und Israel seiner Bestimmung entgegenführt, Israel Heil und Helfer, dem doch auch wieder selber geholfen werden muß.

 Diese Gedanken nun sind in den 3 Abschnitten des 2. Teils in merkwürdiger Weise mit einander verwoben. So handelt vom Knecht Gottes im ausschließlichen Sinn der 2. Abschnitt cf. c. 53); aber er kommt schon im 1. Abschnitt vor c. 42; ja auch im 3. Abschnitt c. 61. Von der Erlösung aus Babel redet der 1. Abschnitt; aber gegen das Ende des 2. kehrt sie wieder c. 56 und selbst im letzten (c. 65, 1–12) klingt sie noch nach. So sind die drei Abschnitte in den einzelnen Teilen ihres Inhaltes gleichsam in einander geschoben, unvermittelt kommt der Prophet von dem Hauptgegenstand des einen zu dem des andern; z. B. redet er c. 41 von der Erlösung durch Cyrus, c. 42, 1–8 von der Erscheinung des HErrn im Fleisch c. 42, 9–17 von der Erlösung durch die Machterscheinung des HErrn, von der er bereits in c. 41, 14–20 gehandelt hat. Er kann das, weil die Dinge, von denen er redet, innerlich zusammenhängen.| Bei diesem Ineinander der Gedanken ist aber gleichwohl in dem Hauptinhalt der einzelnen Teile ein erkennbarer Fortschritt, wie er oben bereits angedeutet wurde; und zwar in mehrfacher Beziehung. Im 1. Abschnitt kommt z. B. der Ausdruck „Knecht des HErrn“ noch in dreifachem Sinne vor; aber vom 2. Abschnitt an verschwindet Cyrus und auch Israel wird nicht mehr mit jenem Namen genannt, sondern allein der Messias; es gibt zwar im zweiten und dritten Abschnitt noch Knechte in der Mehrzahl, aber der Knecht des HErrn ist bloß einer.

 Dieselbe Eigentümlichkeit finden wir übrigens schon im ersten Teil, wo z. B. c. 13–27 die Erlösung von Assur, Babel und von der Herrschaft der Heiden überhaupt in ähnlicher Weise in einander geschoben ist. Mit Erlösung von Babel beginnt der Abschnitt c. 13 und 14. Mit c. 21–23 kommt er wieder darauf; dazwischen handelt er von der Errettung aus assyr. Bedrängnis geht aber c. 19, 16–c. 26 weit über dieselbe hinaus, bis in die ferne Zukunft des c. 25, während er c. 27, 1 wieder seiner eigenen Gegenwart näher kommt; ähnlich verhält es sich mit c. 7–12 und c. 28–35. Die Eigentümlichkeit des ganzen Buches spiegelt sich dazwischen in einem einzelnen Kapitel besonders ab z. B. in c. 26.

 5. Hiebei ist vorausgesetzt, daß Jesaja Verfasser des ganzen Buches sei. Indes darf nicht verschwiegen werden, daß diese Voraussetzung, nachdem schon Ibn Esra, ein jüdischer Exeget des 12. Jahrhunderts und ihm nach Spinoza († 1677) Bedenken dagegen ausgesprochen, nicht bloß seit dem Auftreten des Rationalismus vielfach bestritten wurde, sondern auch von gläubigen Theologen der neuesten Zeit aufgegeben worden ist. Man sagt: die geschichtliche Umgebung, welche der II. Teil des Buches, c. 40–66, überall zur Voraussetzung habe, sei ein deutlicher Beweis, daß derselbe in der zweiten Hälfte der babylonischen Gefangenschaft, und zwar in der Zeit zwischen dem Beginn der Siegeslaufbahn des Königs Cyrus und dem Falle Babels entstanden sei. Die Verbannung nach Babylon nämlich, sowie die Zerstörung Jerusalems und des Tempels würde nirgends vorausgesagt, sondern vorausgesetzt. Vom Siegeslauf des Cyrus werde als von etwas den Lesern Bekanntem geredet. C. 45, 1 spreche von ihm als einem bereits Aufgetretenen. Angeredet seien die in Babel gefangenen Volksgenossen des Verfassers; sie aufzurichten durch die Hoffnung einer herrlichen Zukunft sei der Zweck des Buches. Wolle man nun an der Autorschaft des zur assyrischen Zeit lebenden Jesaja festhalten, so müsse man annehmen, daß dieser durch den Geist so ganz in die ferne Zukunft des babylonischen Exils entrückt worden sei, daß er nicht etwa nur| einen Spruch wie c. 35 an jenes künftige Geschlecht richtete, sondern ganz und gar in jene Zeit sich einlebte, daß er in der langen c. 40–66 enthaltenen Reihe von Reden überall nicht seine Zeitgenossen, sondern jene Nachkommen und ihre Verhältnisse vor Augen hatte (vgl. C. v. Orelli, die A. T.liche Weissagung von der Vollendung des Gottesreiches, Wien 1882).

 Wir müssen daran festhalten, daß der historische Jesaja auch der Verfasser des 2. Teils ist. Jesaja 40–66 muß entweder zu einer Zeit geschrieben worden sein, da Menschen das weltgeschichtliche Auftreten des Cyrus auch nicht einmal ahnen konnten, oder aber c. 40–66 ist kein kanonisches Buch. Die Nennung des Cyrus, 150 Jahre vor seinem Auftreten, das ist es, woran man von gewisser Seite Anstoß nimmt; gerade aber die Wunderbarkeit dieses Vorganges ist es, was der Verfasser an demselben betont. Aus diesem Beweis seiner Allwissenheit sollte Israel seinen Gott als den allein wahren erkennen und dadurch zu ihm bekehrt werden (cf. c. 41; c. 43, 8–13). Wenn nun die Nennung des Cyrus keine Weissagung ist, dann wurde die Bekehrung verhindert, denn dann mußte eintreten, was Jesaja verhindern wollte: ein heidnisches Israel sollte nicht sagen können: mein Götze (Jer. 44, 18 etc.) hat mich erlöst; ein bei sich selbst weises Volk sollte nicht sagen können (aus seiner Betrachtung der Zeitumstände heraus): siehe, das wußte ich wohl (vgl. Jes. c. 48 v. 5 und v. 7). Die Erlösung sollte als Gottes That erkannt werden; das geschah, wenn sie auf wunderbare Weise zuvor angekündigt war. Nach eingetretener Erfüllung kam ihnen dann die Thatsache, daß das Eingetretene längst geweissagt war, ebenso zum Bewußtsein, wie den Jüngern die Erfüllung von Sacharja 9, 9 nach der Auferstehung des HErrn (Joh. 12, 16). Wenn der Verfasser von c. 40–66 nicht Offenbarungen wiedergibt, sondern nur aus der Betrachtung der Zeitverhältnisse sich ergebende menschliche Vermutungen in das Gewand der Weissagung kleidet, so kann er um so weniger als wahrhaftiger Prophet anerkannt werden, je geflissentlicher er die Nennung des Cyrus als Werk der Allwissenheit bezeichnet. Nach dem sittlichen und religiösen Gehalt, der dem angezweifelten Werk eignet, ist übrigens eine solche Annahme aus psychologischen Gründen bereits ausgeschlossen.

|  Aber auch auf Cyrus konnte die Weissagung ihre Wirkung nicht haben, wenn ihr Weissagungscharakter nicht feststand. Nach c. 45, 1–7 und c. 55, 6–13 sollte die Weissagung den Cyrus zur Befreiung Israels bestimmen und nach Esra 1, 1 etc. hat sie ihn auch dazu bestimmt. Daß hier Gott nicht durch Machtthaten wie in Ägypten, sondern durch das Wort wirken will, entspricht dem Charakter der neuen Periode, die sich jetzt anbahnt, da das Reich Gottes durch die Predigt des Wortes gebaut werden soll.

 Man sagt, der Standpunkt des Verfassers von c. 40-66 sei durchaus der exilische; dies passe nicht für den lange Zeit vor demselben lebenden Jesajas. Aber der richtige Grundsatz, daß es für jede Weissagung zeitgeschichtliche Voraussetzungen geben müsse, darf nicht nach der Seite hin übertrieben werden, daß man in Bezug auf die in der Zukunft aufeinander folgenden Thatsachen behauptet: es könne von einer späteren nicht eher geweissagt werden, als bis die frühere in die geschichtliche Wirklichkeit eingetreten sei. Im übrigen sind die geschichtlichen Voraussetzungen für die Weissagungen des 2. Teils, wie oben gezeigt, ausreichend gegeben. Wenn aber der Verfasser von c. 40–66 sich in c. 40, 1–11 in die Zeit des 500 Jahre nach dem Exil stattfindenden Auftretens Johannes des Täufers versetzen konnte, so vermochte auch der historische Jesaja in die Zeit des etwa 100 Jahre nach seinem Tod eintretenden Exils sich zu versetzen. Die lebendige Versetzung in spätere Zeit ist noch dazu eine durchgängige schriftstellerische Eigentümlichkeit unseres Propheten. Zur Zeit des Ahas versetzt er sich in die angedrohte Zeit der assyrischen Bedrängnis, die unter Hiskia dann stattfand, so lebhaft, daß er c. 8, 8, als lebte er bereits darin, den Immanuel, dessen Kommen er soeben erst geweissagt hatte, schon zur Hilfe herbei ruft. Oder c. 22, 1 versetzt er sich bereits in den Augenblick der Erstürmung Jerusalems durch die Chaldäer. Erst im Verlauf des Kapitels erfahren wir, daß es noch weit bis dahin ist. Ähnlich ist es c. 18 oder c. 33, wenn man v. 13–16 mit v. 17 etc. vergleicht und an anderen Stellen. Die gleiche Weise zeigt der Prophet also auch c. 40 bis 66; hier ist ihm aber nicht bloß die Zeit des babylonischen Exils Gegenwart, sondern auch die Zeit der Erscheinung des HErrn im Fleisch und der Bekehrung Israels zu seinem Heiland (cf. c. 53).

|  Übrigens ist nicht für den ganzen zweiten Teil das Exil der Standort des Verfassers; c. 56, 8–57, 21 hat das Exil noch vor sich; in der Weise von Jerem. 3, 18 wird dort v. 8 der noch bevorstehende Untergang Judas angekündigt: Israel ist schon untergegangen.

 Man sagt, die Gedankenwelt des zweiten Teils sei eine andere als die des ersten. Soweit dies richtig ist, erklärt es sich aus den veränderten Verhältnissen; denn man wird doch nicht verlangen, daß der Prophet sich selber hätte wiederholen sollen. Im zweiten Teil tritt die Bezeichnung Israels als Knechtes des HErrn hervor. Der Prophet sieht in diesem Teil Israel unter der Botmäßigkeit der Heiden. Die Lage Israels legt ihm diese Bezeichnung nahe, womit er zugleich Trost und Mahnung gibt. Israel ist nicht der Heiden Knecht, sondern Gottes Diener und obwohl unter den Heiden, denselben doch nicht preisgegeben; ist ja auch sein Gott der König aller Könige; ihr mächtigster, Cyrus, ist auch nur Gottes Knecht. Israel Knecht Gottes ist eine Bezeichnung voll Trost, aber durchdrungen von Demut. Kein neuer Gedanke, er ist den Psalmen nicht fremd (vgl. Ps. 86), auch dem ersten Teil Jesajas nicht (vgl. c. 26, 13 oder 31, 9; wir finden ihn aber schon 3. B. Mos. 25, 42). – Der messianische König eignet dem Teil I; aber auch in II fehlt er nicht ganz, vgl. c. 55, 3–5. Umgekehrt tritt in II Zion bedeutsam hervor, in I weniger, aber es fehlt nicht ganz vgl. c. 10, 24; 28, 16; 33, 20). – Der Gedanke des ersten Teils „Der Rest wird sich bekehren“ 10, 20–22 scheint in II zunächst zu fehlen: aber es ist ja überhaupt nur ein Rest, an den der zweite Teil gerichtet ist (vgl. 46, 3); im 2. und 3. Abschnitt aber wird innerhalb des übrig gebliebenen Volks deutlich ein Rest, der gerettet wird, unterschieden (vgl. c. 66, 5).

 Die Wurzeln des zweiten Teils liegen schon in der Berufung des Propheten. Nach c. 6 soll die verstockende Wirkung der Predigt des Propheten nicht eher aufhören und eine Wendung zum Bessern im Geschick des Volkes nicht eher eintreten, als bis auch der letzte Rest aus dem Lande geführt sei. Der Prophet wird also angewiesen, vor allem diese Endthatsache ins Auge zu fassen. Das hinterlassene schriftliche Denkmal seiner Wirksamkeit entspricht der Besonderheit| seiner Aufgabe nicht, wenn dasjenige, was in der uns vorliegenden Schrift mit dem babylonischen Exil zusammenhängt, als dem Propheten Jesajas nicht zugehörig gestrichen wird.

 Die Gegner der Echtheit von c. 40–66 nehmen an, daß diese Kapitel gegen das Ende des Exils geschrieben seien, insonderheit sei c. 49–66 geschrieben, als sich der Angriff des Cyrus auf Babel verzögerte. Aber solche Klagen, wie c. 58 und 59 oder c. 63 und 64 lassen sich wohl begreifen, wenn der Prophet das Elend der ganzen Zeit der Verstoßung Israels vor Augen hatte, nimmermehr aber, wenn sein Blick an den Gang des Cyrus geheftet ist. Es war ja von Jeremia deutlich geweissagt, daß nach 70 Jahren die Befreiung kommen sollte.

 Schließlich bleibt für die Gegner der Echtheit eine nicht geringe Schwierigkeit zu beseitigen, eine Schwierigkeit, größer als die der Annahme, daß der Prophet sich in die Zukunft versetzt habe, von der er weissagt. Nämlich: wie ist es möglich, daß ein Prophet von solcher Größe und Bedeutung unbekannt blieb? Sehen wir doch sonst die Propheten durch Nennung ihrer Person für ihre Weissagungen einstehen. Was sollte und konnte denn diesen zur Verschweigung seines Namens bewegen? Und wenn er sich auch in seinem Buche nicht nannte, wie war es möglich, daß den heimkehrenden Exulanten, die er mit seiner Weissagung getröstet und aufgerichtet, so ganz alle Erinnerung schwand, daß ein Prophet unter ihnen gelebt und gewirkt, daß man seine Weissagung an die des Jesaja anschloß, und für eine Weissagung des letzteren hielt? So lange man auf diese Frage keine irgend genügende Antwort hat, besteht allein zu Recht die bisherige Annahme, in der uns noch neben den bereits angeführten ein zweifacher Grund bestärkt: erstens, es zeigt c. 40–66 nirgends Spuren unmittelbarer Bekanntschaft mit dem Götzendienst oder den Örtlichkeiten Babylons, was doch erwartet werden müßte, hätte Jesaja dort wirklich gelebt, und nicht bloß im Geiste sich dorthin versetzt. Zweitens spricht eine Vergleichung der Stellen Zeph. 2, 15 mit Jes. 47, 8. 10, und Zeph. 3, 10 mit Jes. 66, 20, oder Jerem. c. 50 und 51 mit Jesajas Weissagungen gegen Babel, endlich Jerem. 10, 1–16 mit Jes. 44, 12–15; 41, 7; 46, 7 doch mehr dafür, daß Zephanja und Jeremia von Jesaja, nicht dieser| von jenen entlehnt habe. Vergleiche auch E. Rupprecht, Pseudodaniel und Pseudojesaja Erlangen und Leipzig A. Deichert’sche Buchhandlung 1894.

 6. Übersicht des Inhalts.

 Eigenhändige Aufschrift des Propheten über sein Weissagungsbuch 1, 1.

 Erste Hälfte der Weissagungssammlung c. 1–39.

 Erster Teil I, 2–6, 13.

 Erste Rede, 1,2–31. Die Eröffnungsrede. Sie kennzeichnet 1. v. 2 bis 15 den Zustand des Volkes, welchem Jesaja zu weissagen hat; es ist undankbar und abtrünnig, es verharrt in der Abtrünnigkeit trotz der Schlag auf Schlag es für dieselbe treffenden Gerichte Gottes (2-9). Wohl beruft sich das Volk gegen den Propheten auf seinen Opferdienst und Tempelbesuch: aber diese sind Jehova ein Greuel, denn es sind heuchlerische Werke mörderischer Menschen (10–15). Sie zeigt 2. den Weg zur Rettung: sie sollten sich reinigen von Sünden, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit üben, dann würde Gott auch schwerste Sünden vergeben und ihnen Heil widerfahren; aber nur unter jener Bedingung (16-20). Sie weist 3. nach die Notwendigkeit des Gerichts. Das Böse hat in Jerusalem allzusehr überhand genommen, und es wird nichts übrig bleiben, als ein Gericht zur Sichtung, damit die Bösen ausgeschieden werden; dann wird der Überrest wieder hergestellt werden zu seiner ehemaligen Heiligkeit, der andere Teil aber empfängt den gerechten Lohn für seinen Abfall (21–31).

 Zweite Rede c. 2–4. Der Sturz der falschen und die durch Gericht sich vollziehende Aufrichtung der wahren Herrlichkeit Israels.

 Der Prophet beginnt 2, 2–4 mit einer auch bei Micha uns erhaltenen Weissagung von der schließlichen heilsgeschichtlichen Stellung des Volkes Gottes als des geistlichen Mittelpunktes der Völkerwelt, um daran eine scharfe Rüge des Volkes für seine Hinneigung zu heidnischem Wesen, näher zu heidnischem Luxus und heidnischer Religion anzuschließen (5–11) und den Untergang alles menschlich Großen, worauf das Volk jetzt sein Vertrauen setzt (12–17), und insonderheit der Götzen (18–23) zu verkündigen. Jehova wird den jüdischen Staat zertrümmern, indem er ihm die Stützen seines Bestandes und Baues entzieht und das ganze öffentliche Leben der Auflösung preisgibt (3, 1–7), und das zur gerechten Vergeltung des trotzigen Widerstrebens gegen den heiligen Willen des HErrn, des schamlosen Sündigens, des Verderbens der Oberen des Volkes (8–12). Ohne Erfolg ist des Propheten Vorhalt; deshalb verkündigt er nun Jehovas Gericht, und zwar vor allem den Oberen des Volkes, die das Volk so schlecht beraten, dann aber auch dem Volke, das insonderheit in dem weiblichen Teil weltlicher Pracht und Hoffahrt dient; auf dieses Wesen wird eine tiefe Erniedrigung folgen (3, 13–4, 1). Dieses Gericht aber, weil es Sichtung ist, bringt Jerusalem zur schließlichen Verherrlichung. Nachdem die Gegenstände des nichtigen Stolzes weggerafft sind, wird derjenige erscheinen, auf welchen die dem Gericht Entronnenen, das Volk der Endzeit, mit Recht stolz sein werden, der| von Jehova stammende, aber aus Israel hervorgehende große König der Zukunft (Jer. 23, 5 u. ö.), von dem der Prophet c. 7 mehr sagen wird (4, 2). Die gesichtete Gemeinde wird ihn als ihren Schmuck und Heiligkeit, als ihre alleinige Ehre erkennen (3), nachdem der strafende und das Böse wegtilgende Geist das Volk gereinigt haben wird (4). Diese Gemeinde der Endzeit wird die alten Zeichen der göttlichen Gnadengegenwart (Num. 14, 14 und ö.) wieder haben und durch sie Schutz und Schirm (5); so wird Zion ein sicheres Asyl vor allen Widerwärtigkeiten und Unfällen sein (6).

 Dritte Rede c. 5. Das Gericht der Verwüstung über Jehovas Weinberg.

 Der Prophet sagt seinem Volk in einem Gleichnis, was Jehova an demselben gethan, wie er ihm ein herrliches Land gegeben und dieses von den Heiden gereinigt, wie er Priester, Propheten, Könige (edle Reben) unter sie gesetzt, die Stadt Jerusalem (Turm) mit dem Tempel (Kelter) gegründet habe, und wie schlechte Früchte das Volk seinem Gott gebracht. Dafür werde Jehova das Volk und sein Land des Schutzes berauben und den Heiden preisgeben (5, 1–7). In einem siebenfachen Wehe legt dann der Prophet dar, welches die schlechten Früchte seien, die das Haus Israel und Juda insonderheit brachte; es sind Habgier, künftig bestraft mit gänzlicher Verödung des Landes, Schwelgerei, einst vergolten mit schmachvollem Untergang, ungläubiger Naturalismus, Volksverführung, fleischliche Staatsklugheit, Mißbrauch des Amtes, wofür, wie für alles andere, das Gericht in Gestalt der Jerusalem überflutenden fremden Völker und hereinbrechender Vernichtungskämpfe heranzieht (8–29).

 Bericht des Propheten über seine göttliche Sendung c. 6.

 Jesaja beschreibt uns nun seine Vision, da er, in den Himmel entrückt, die Herrlichkeit Gottes schaute (1–4), um, nachdem er entsündigt und geweiht war, des HErrn Prophet unter seinem Volke zu sein (5–7). Er empfängt nämlich von dem HErrn den Beruf, das Volk Judas durch seine Predigt zu verstocken, damit es reif werde für das Gericht, welches so lange nicht aufhören soll, bis die ungöttliche Masse des Volkes weggetilgt und nur noch ein heiliger Same übrig geblieben sein wird (8-13). Mag auch der natürliche Sinn an solchem Auftrag Gottes Anstoß nehmen: der Gedanke an des HErrn Heiligkeit muß alle Bedenken zum Schweigen bringen, nachdem schon der helle Schein derselben dem Propheten das Verderben des heiligen Volkes in seiner ganzen Tiefe gezeigt hatte.

 Zweiter Teil: Der Trost Immanuels in den assyrischen Bedrängnissen c. 7–12.

 Erster Abschnitt. Die Zeichen 7, 1–8, 4.

 1. Das Gotteszeichen des Wundersohns der Jungfrau (c. 7).

 Zur Zeit, da Rezin und Pekah gemeinsam Jerusalem bedrohen und Ahas mit dem Plane umgeht, Assurs Hilfe wider die beiden anzurufen, tritt ihm Jesaja mit der Gottesbotschaft entgegen, er möge still und gelassen bleiben, denn der HErr werde den beiden Feinden keine Macht über Juda geben, sondern habe ihnen bereits ihr Ziel gesteckt (7, 1–9). Ja er bietet ihm ein Zeichen an, damit er diese Verheißung desto besser glauben möge; aber Ahas verschmäht das Zeichen, denn er will nicht glauben an die Hilfe des HErrn, weil er all| sein Vertrauen auf Assurs Hilfe setzt (10–12). Deshalb bestimmt ihm nun der HErr selbst ein Zeichen: Eine Jungfrau wird den Retter gebären, welcher in dieser seiner Geburt von der Jungfrau, also in seiner gottmenschlichen Person (9, 5; 10, 21), ein Zeichen, zugleich aber auch den Ungläubigen ein Anstoß sein wird, an dem sie fallen (13. 14); und nicht eher wird dieser Retter erscheinen, als bis das Land eine Wüste geworden ist, denn wenn die beiden Könige, vor denen sich Ahas jetzt fürchtet, weg sein werden, dann wird Assur kommen, auf das Ahas jetzt vertraut, und das Land zur Einöde machen (15–25).

 2. Zwei Wahrzeichen des nächst Künftigen 8, 1–4.

 Nachdem der Prophet den Ausgang des syrisch-ephraimitischen Krieges (7, 16) mit Worten verkündigt, stellt er 8, 1–4 vor dem Volke zwei Wahrzeichen hin, welche bezeugen sollen, daß innerhalb zweier Jahre Tiglath-Pileser über Syrien und Ephraim triumphieren werde.

 Zweiter Abschnitt. Die Reden des Jesaja an die Gläubigen des Volks c. 8, 5–c. 12.

 Erste Rede. Immanuels Trost in den kommenden Drangsalen der Weltmacht 8, 5-9, 6.

 Weil der Trost die Trostbedürftigkeit voraussetzt, so beginnt der Prophet mit der Drohung des Gerichts. Das Haus Davids erwählt statt der Verheißung Jahves die Macht Assurs als Hilfe, und Ephraim freut sich des Bündnisses mit Syrien; dafür wird Assur Ephraim gänzlich verderben und auch in Juda mächtig vordringen; – doch Immanuel schützt sein Land (Juda) wider die Weltmacht (8, 5–10). Er, der HErr, will sein Volk schützen, nicht Assur soll es thun; deshalb sollen die Frommen nicht in das Geschrei der thörichten Volksmasse einstimmen, wenn sie Jesajas Abmahnen vor dem Bund mit Assur als Verschwörung gegen König und Volk brandmarkt, vgl. Am. 7, 10. Jer. a. v. St. (11. 12), sondern den HErrn allein fürchten, der ihnen dafür in der Not zum Heiligtum, d. h. zum Asyle werden wird, während die anderen, die ihm nicht die Ehre geben, an seinem Walten zerschellen, wie an einem Steine, und sich fangen, wie in einer Falle (13–15). Der Prophet fleht Jehova an, seine Verheißung in den Herzen der Gläubiger zu bewahren (16), er und die Seinen geben sich ganz dieser Verheißung anheim (17. 18), und ihm nach sollen auch die Gläubigen keine Auskunft über die trübe Zukunft bei den Totenbeschwörern, sondern bei der Weissagung suchen (19. 20). Das ungläubige Volk gerät in den kommenden Drangsalen in die Nacht der Verzweiflung, vgl. Apok. 16, 11. 21. (21. 22). Aber es bleibt nicht Nacht über dem Lande Israels, sondern es bricht ein Tag des Heils an; und zwar in den israelitischen Gebieten zuerst, die bis jetzt die meiste Schmach und Trübsal erlitten haben (23). Das Licht soll aber dem gesamten Volk aufgehen, die in dem verödeten Lande noch Übrigen sollen es sehen (9, 1): Vermehrung des jetzt hingeschwundenen Volkes und Rettung aus der Gewalt des Feindes, der weggetilgt wird, daß gar nichts mehr von ihm übrig bleibt, wird dem Volke zu teil werden durch den Immanuel, den der Prophet hier v. 6 geboren sieht, der ein Wunder ist durch seine übermenschliche| Person, der seinem Volke Rat schafft und es als starker Gott wider seine Feinde schirmt, der von Ewigkeit es väterlich geleitet hat und nun das Reich des Feindes aufrichtet, und das alles so gewiß, als Jehova für sein Volk in Liebe eifert und deshalb nicht ruht, bis er seine Liebesgedanken an demselben verwirklicht hat (9, 2–6).

 Zweite Rede. Die ausgestreckte Hand Jehovas 9, 7–10, 4.

 Das große Licht wird nicht eher aufgehen, als bis die Finsternis ihren Tiefpunkt erreicht hat, deshalb weissagt dieser Abschnitt die stufengängige Zunahme dieser Finsternis. Ephraim ist jetzt durch die seit Jehu erlittenen Mißgeschicke so wenig gedemütigt, daß es sich rühmt, an der Stelle der Häuser, die der Krieg zerstört hat, dauerhaftere und stattlichere zu bauen. Für diesen Trotz wird Assur es demütigen, wie Juda von den Philistern gezüchtigt werden wird (7–12). Weil diese Strafgerichte noch keine rechtschaffenen Bekehrungen zu Jehova wirken, so folgt nun ein großer Straftag, an welchen er alle miteinander um ihrer Schlechtigkeit willen ins Verderben hingibt (12–16). Vom äußersten Ende des Strafgerichtsverlaufs sieht der Prophet zurück und sieht den vollen Ausbruch des göttlichen Fluchs. Die Bosheit ist wie ein Feuer, welches erst einzelne und dann das Ganze des Volkes ergreift, und welchem Jehova in seinem Zorn die verheerende Wirkung gestattet. Gemeint ist der Bürgerkrieg mit seiner gegenseitigen Selbstzerfleischung, mit seinem Königsmord, seiner Feindschaft der nördlichen Stämme unter einander und dem Kriege wider Juda (17–21). Aber das Ende der Zorngerichte ist auch das noch nicht. Das letzte Wehe ergeht gegen die ungerechten Machthaber und Richter, welche Anordnungen treffen ohne sittlichen Gehalt und dem Volk durch ihre Ausschreiben Beschwernis machen, welche Geringe nicht zum Rechte zulassen und den Besitz der Witwen und Waisen an sich reißen; dafür wird sie unentrinnbares Leid treffen, Gefangenschaft oder Tod im Kriege (10, 1–4).

 Dritte Rede. Die Vernichtung des Weltreichs und der Durchbruch des Reiches Jehovas in seinem Gesalbten 10, 5–c. 12.

 Auf die Verkündigung der tiefsten Not folgt plötzlich und ohne Übergang die Verkündigung des Heils. Assur, welchen Gott zum Werkzeug seines Zornes erwählt, vergißt Gottes, der ihn erhoben hat und will nicht bloß den Gottesbefehl ausrichten, sondern ein Weltreich gründen, in welchem Juda und Jerusalem mit seinem Gott Jehova ebenso aufgehen soll, als andere Reiche mit ihren Götzen (10, 5–11). Deshalb wird Jehova, wenn er sein Strafwerk durch Assur an Juda vollbracht hat, sich gegen das Strafwerkzeug wenden und es dem Fluche übergeben, welchem alles widergöttlich Selbstische verfällt (12–14). Denn Assurs Prahlen ist das Großthun des Werkzeuges gegen den, der es handhabt (15). Diese Selbstvergötterung Assurs straft Gott mit der Vernichtung seiner prächtigen Heeresmasse (16–19). Von dem Gerichte Assurs an wird Israel sich wieder zum HErrn halten, aber freilich nur als Rest, denn die Masse ist unwiderruflich dem Untergange geweiht (20–23). Weil Assur Juda plagt wie die Ägypter, so wird ihn Jehova auch untergehen lassen, wie die| Ägypter, die im roten Meere ertranken, als Mose den Stab darüber ausstreckte. Das Joch der Weltmacht wird da zerspringen (24–27), denn das assyrische Heer, welches unaufhaltsam und schreckenverbreitend gegen Jerusalem losrückt und einem hochstämmigen Walde gleich dort sich aufpflanzt, stürzt hier vor Jehovas Allmacht zusammen (28–34, vgl. 37, 36). Während die Weltmacht gestürzt wird, um liegen zu bleiben, wird aus dem bis zur Unansehnlichkeit des Stammhauses zurückgesunkenen Reste der erwählten Königsfamilie ein Herrscher hervorgehen, der aus dem Stand der Niedrigkeit zur Erhöhung dringt; Jehova wird ihn zu seinem hohen Werke mit den siebenfachen Gaben des hl. Geistes weihen und er wird ein Reich der Gerechtigkeit aufrichten und ein Regiment des Friedens ausüben, unter welchem auch die Tierwelt, so wie am Anfang, unter sich und mit der Menschheit im Frieden lebt (11, 1–9). Davids Sohn wird Mittelpunkt der Völkerwelt werden (10). Die Völker aber werden das Volk Gottes wieder losgeben und in sein Land ziehen lassen, damit es in sich geeinigt und seiner Feinde mächtig hieselbst wohne (11–14). Israels Rückkehr in sein Land wird eine durch Wunder verherrlichte sein, wie einst der Auszug aus dem Lande Ägypten (15. 16). Dann wird das erlöste Israel Jehova Lobgesänge bringen, weil die Zornesoffenbarung mittelbar zu desto größerer Tröstung diente (12, 1). Das auf seinen Gott vertrauende Volk wird, wie Israel in der Wüste, Wasser des Heils trinken (2–3), und dafür immer von neuem Lobgesänge anstimmen und seinen Erlöser vor den Völkern preisen (4–6).

 Dritter Teil: Weissagungen über die Herden c. 13–23.

 Erste Weissagung. Über die Chaldäer, die Erben der Assyrer, c. 13 bis 14, 27.

 Der Prophet vernimmt ein Aufgebot zum Kriege, ein dringliches; der Befehl Jehovas wird schnell vollzogen (13, 2–5). Da muß alles in Angst und qualvolles Zagen versinken; nun kommt Jehovas Zorntag, ein Tag ohne Licht, denn auch die Natur verkündet das Gericht, das nun über die Erde ergeht (6–10). Jehova will die Frevler strafen, die Hochmütigen demütigen, die Länder entvölkern: die Natur oben und unten nimmt teil an dem Zorne Gottes (11–13). Die Folgen dieses Zorngerichts sind, daß die Masse von Fremden in Babylon bei dem Falle der Weltstadt in wilder Flucht auseinanderstirbt, daß alles niedergemetzelt, geplündert, geschändet wird (14–16). Nun deutet der Prophet auch die Namen der Eroberer an: die Meder kommen über Babel zur Rache für die Knechtung durch Nebukadnezar (Jer. 25, 25); sie kennen keine Sitte, noch Menschlichkeit (17–18), und machen die herrliche Stadt zur völligen Wüste (19–22). Ein solches Gericht ewiger Vertilgung über Babel zu verhängen, treibt den Gott Israels die Liebe zu seinem Volke: Babel stürzt, damit Israel erstehe (14, 1. 2). Die aus Babel Erlösten singen dann ein Lied auf den Fall des Königs von Babel, in dem sich die Freude kundgibt, daß der übermütige Tyrann der Völker aufgehört hat, sie zu plagen (3–8). Die Unterwelt wird staunen, wenn auch er der Mächtige, ins Reich der Schatten tritt| (9–10). Wieder hebt dann Gottes Volk an und drückt sein Erstaunen aus über den Wechsel der Geschicke des Königs (11–12), und wie auf die Selbstvergötterung des Königs der Lohn gefolgt ist (13–15). Zuletzt redet der Prophet im Tone der Weissagung, indem er verkündet, in welch tiefer Schmach der stolze Chaldäer einst noch enden wird, ohne ehrliches Begräbnis und ohne Erben aus seiner Dynastie (16–21). Mit einem Wort Gottes schließt dann der Prophet, in welchem die gänzliche Ausrottung Babels verkündet wird (22–23). Babel wird gestraft, so gewiß als Assur; dies anzudeuten fügt der Prophet schließlich in v. 24–27 der Weissagung gegen Babel die gegen Assur bei.

 Zweite Weissagung. Über Philistäa 14, 28–32, vgl. 2 Chr. 28, 18–21.

 Philistäa freut sich, daß das davidische Reich, durch welches es in Unterwürfigkeit gehalten war, nun durch den syrisch-ephraimitischen Krieg gebrochen ist: aber aus der Schlangenwurzel, d. h. dem auf die Niedrigkeit seines Stammhauses herabgekommenen Hause Davids, wächst hervor ein Basilisk, d. h. ein König, der den Philistern gefährlicher ist, als die früheren, und auf diesen folgt ein fliegender Drache, d. h. der künftige Messias, welcher für Israel Friede, für Philistäa aber der Tod ist (14, 28–30). Denn während durch den Anzug Assurs Philistäa tödlich getroffen wird, wird Jerusalem dadurch verherrlicht, weil Assurs Macht vor seinen Mauern zerschellt (31–32).

 Dritte Weissagung. Über Moab c. 15 und 16.

 In einer Nacht, also urplötzlich ist es um Moabs Macht geschehen (15, 1): alles weint und klagt (2–4). Der Prophet nimmt teil an dem Schmerze Moabs: Zoar, die schöne, feste, bisher unbezwungene Stadt, ist jetzt der Zielpunkt wilder Flucht vor dem von Norden kommenden Feinde: Jammer und Verwüstung überall (5–6). Da nun Moab eine große Brandstätte geworden ist, so überschreiten die Moabiter die Grenze und flüchten nach Idumäa (7–9). Unterwerfung unter das Haus Davids, das ruft der Prophet ihnen zu, ist Moabs einzige Rettung (16, 1). Die Moabiter nehmen diesen Rat begierig an: sie erscheinen an der Grenze zwischen Moab und Juda und flehen Zion um Rat an, stellen Juda ihr Geschick anheim und bitten demütigst um Obdach und Schutz (16, 2–4a.) Juda kann die Bitte gewähren, denn die Weltmacht ist weggetilgt, Juda frei und Davids Thron fester als zuvor; auf demselben sitzt der König, der in Recht und Gerechtigkeit waltet (4b. 5). Dieser künftigen Selbstdemütigung Moabs aber steht jetzt noch seine großsprecherische Aufgeblasenheit gegenüber (6). Dafür kommt die Strafe einer jämmerlichen Verwüstung das herrlichen Weinlandes, die Vernichtung dessen, worauf das Volk so stolz war (7–8). Die Verwüstung ist eine so traurige, daß der Prophet sie mitbeweint (9–11). Was den Propheten übrigens am meisten beunruhigt, ist, daß Moab zur Zeit solcher Not keine Hilfe hat, weil es den lebendigen Gott nicht kennt (12). – Dieses im Grunde schon alte Gotteswort über Moab soll sich nun innerhalb dreier Jahre erfüllen (13–14).

|  Vierte Weissagung. Über Damaskus-Israel-Juda c. 17.

 Damaskus wird ein Trümmerhaufe (17, 1), Israel – denn die ostjordanischen Städte Aroër und ihresgleichen stehen für das Land Israel – wird wüste (2), Ephraim verliert die festen Städte, Damaskus den Rang eines Königreichs, seine Bürger werden wie die Israels weggeführt (3). Infolge dieses Gerichts wird Israels Ansehen und Wohlstand (von Jerobeam II. und Usia her) verkommen, das Volk auf einen kleinen Rest zusammenschwinden, dieser aber wird sich bekehren (4–8). Die starkbefestigten Städte des Reiches Ephraim werden zu Ruinen, wie die Burgen der alten Kananiter, weil es sich von seiner wahren, felsenfesten Burg, Jehova, zu fremden Bündnissen gewendet, die es sorglich gepflegt und die schnell Früchte getragen (syrisch-ephraimitischer Krieg), aber nur zum Unglück Israels (9–11). So kommt denn Strafe über Israel, auch Juda wird betroffen, aber wenn Assur, das Weltreich, seinen Dienst gethan, so wird das Völkerheer vernichtet (12–14, vgl. 37, 36).

 Fünfte Weissagung. Über Äthiopien c. 18.

 Sie enthält die Wirkung des göttlichen Gerichts über Assur auf Äthiopien. – Der Prophet richtet sein Wort an die Boten, welche die Äthiopier hin und her senden, um die Hilfsvölker zum Kriege gegen Assur aufzurufen; sie sollen, sagt der Prophet, wieder zu ihrem Volke heimkehren, denn Jehova will demnächst selbst die Welt von der assyrischen Eroberungsmacht erretten. Sie sollen auf die Signale seines Gerichts merken, wenn sie ergehen (18, 1–3). Jehova läßt erst die Macht Assurs, ohne einzugreifen, unter günstigen Verhältnissen sich gedeihlich entwickeln, bis er ihm gerade da, wo es der vollendeten Reife nahe ist, plötzlich und gewaltsam ein Ende macht (4–6). Der Erfolg dieser Gerichtsthat Jehovas über Assur ist die Selbstdargabe oder Unterwerfung Äthiopiens unter Jehova (v. 7, vgl. Ps. 68, 32).

 Sechste Weissagung. Über Ägypten c. 19.

 Jehova kommt in richterlicher Majestät eilends über Ägypten zum Gericht (19, 1). Der Bürgerkrieg bricht aus; das sonst so kluge Volk ist ratlos, es gerät in die Hände eines harten Herrn (2–4). Eine zweite Plage: Der Nil versiegt und mit ihm die Ergiebigkeit des Landes zum Schrecken für Hohe und Niedrige (5–10). Die Räte Pharaos, auch die vornehmsten, wissen keinen Rat: sie pochen nicht mehr auf ihre priesterliche Erbweisheit und ihren königlichen Erbadel (11–13). Jehova gebraucht die Wahnweisheit der Priesterkaste, um durch sie das Volk irre zu führen (14–16). Die Machtoffenbarung Jehovas in Juda, da er die tyrannischen Weltherrscher wunderbar vernichtete, wird Ägypten zur Furcht vor Juda und zur Verehrung Jehovas erwecken, denn es erkennt in jener Machtthat eine Erhörung seines Gebets (16–22), und da Assur gleichfalls durch Gericht zum Heil kommt, so werden beide mit Israel zusammen des HErrn Völker sein, und Israel wird inmitten der Völkerwelt seinen Beruf erfüllen (23–25).

 Siebente Weissagung. Das Symbol von Ägyptens und Äthiopiens Fall und dessen Deutung c. 20.

|  Während die Assyrer Asdod belagerten, um nach dessen Eroberung gegen Ägypten vorzudringen, bekommt Jesaja den Auftrag, sein Bußprediger- und Trauerkleid abzulegen, und dazu barfuß, also wie ein Beraubter und Beschimpfter, öffentlich zu erscheinen, um damit die Wegführung der Gefangenen Ägyptens und Äthiopiens abzubilden, – eine Warnung für alle, die auf Ägypten ihre Hoffnung setzen.

 Achte Weissagung. Über die Meereswüste (Babel) c. 21, 1–10.

 Der Prophet sieht das feindliche Völkerheer (der Medoperser) gegen Babel heranziehen (21, 1–2); ein Anblick, der wie ein grauenerregender Traum auf ihn wirkt (3–5a, vgl. 15, 5). Er sieht, wie man in Babel trotz der Gefahr in thörichtem Vertrauen auf die festen Mauern schwelgt und von den Wächtern sich zur Kampfbereitschaft rufen läßt (5b). Das Heer, das er sieht, verschwindet vor seinen Augen, bis er endlich eine Reiterschar den Sieg des Feindesheeres über Babel verkünden hört (6–9). Dies alles verkündet er zum Trost für das unter die tyrannische Weltmacht gegebene Israel! (10).

 Neunte Weissagung. Über Duma-„Totenstille“ (Edom) c. 21, 11. 12.

 Edom fragt den Propheten, ob keine Erlösungsstunde komme; er antwortet, daß, wenn auch ein Morgen anbricht, dieser sofort wieder von der Nacht verschlungen wird.

 Zehnte Weissagung. Wider Arabien c. 21, 13–17.

 Wie es in Edom Nacht wird, so wird es in Arabien Abend. Bald wird Krieg das Land Arabien unsicher machen, so daß die Karawanen auf heimlichen Wegen ziehen müssen, und binnen Jahresfrist, genau gerechnet, ist es aus mit Kedars (der arabischen Stämme) Freiheit, Wehrhaftigkeit, Menge und Reichtum.

 Elfte Weissagung. Über das Schauthal (Jerusalem) c. 22, 1–14.

 Jerusalem, die Stadt des Propheten, wird nun selbst, wie die heidnischen Städte, Gegenstand der Weissagung. Der Prophet sieht Jerusalem nach langer Belagerung erobert, was noch übrig ist, sucht vor dem Feind, der schon in die Stadt eingedrungen ist, sich zu retten (22, 1–3). Es ist die Eroberung der Stadt durch die Babylonier. Vom Abschluß des Gerichtes aus sieht der Prophet rückwärts und verfolgt die Entwicklung desselben zurück bis zu seinen Ursachen. Der Prophet, der über Moab und Babel trauerte, ist von trostlosem Schmerz ergriffen, da er sieht, wie die Mauern Jerusalems zertrümmert werden, und da er ihr Wehgeschrei vernimmt (4–5). Denn das streitbare Heer rückt vor die Mauern (6–7). Jerusalem blieb freilich nicht blind gegen die drohende Gefahr, sondern traf kluge Maßregeln zur Abwehr, aber ohne Gott! (8–11). Jerusalem sollte durch Buße der drohenden Gefahr begegnen, aber es gibt sich toll und stumpfsinnig den rohen sinnlichen Genüssen der Gegenwart hin. Ihr Trotz fordert ihren Untergang als Sühne (12–14). [Wir stehen hier bereits im Zeichen der babylonischen Weltherrschaft c. 21, 1–10; 23 v. 13, v. 15-18.]

 Diese Weissagung über Jerusalem besondert sich dann gegen Sebna| (c. 22, 15–25), den Hausminister des Königs, den Ausbund der oben gestraften stolzen Sicherheit und Gottvergessenheit. Der sichere Mann läßt sich eben ein fast königliches Erbbegräbnis bauen, aber Jehova wird ihn nach Babel schleudern, dort soll er schmachvoll sterben (15–19). Er wird von seinem Posten gestoßen, um einem Würdigeren Platz zu machen, der freilich seine Machtfülle zu gunsten seiner Familie mißbraucht und auch zuletzt ins Verderben stürzt (20–25).

 Zwölfte Weissagung. Über Tyrus c. 23.

 Babel, die Stadt des Weltreichs beginnt, – Tyrus, die Stadt des Welthandels, beschließt die Reihe der Weissagungen gegen die Völker. Beide beherrschen die Welt in ihrer Weise. – Die Weissagung beginnt damit, daß sie uns phönizische Kauffahrteischiffe vergegenwärtigt, welche die Unglücksbotschaft, schon wie sie nach Cypern (Kittim) kommen, erschreckt (23, 1). Dann redet der Prophet das Gesamtküstenland an: es war der Handelsplatz, wo die Reichtümer der Welt aufgespeichert wurden (2–3); hierauf wendet er sich an Sidon, die Mutter von Tyrus (die Veste des Meeres), welches der Mutter klagt, daß sie nun ihrer Kinder beraubt sei (4). Auch Ägypten erschrickt über Tyrus’ Fall, denn Tyrus ist der Markt für Ägypten (5). Flüchten gehen müssen die Tyrier, die großen Handelsherren: so beugt Jehova alle stolze üppige Größe der Welt (6–9). Dadurch wird Tartessus, die spanische Kolonie von Tyrus frei und kann sich frei bewegen in seinem Lande (10). Der Prophet selbst erzählt dieser Tochterstadt, wie es dem Mutterlande ging: daß seine Bewohner fernerhin flüchten gehen müssen, weil der Chaldäer, das erst jüngst von Assur scheinbar ganz zu Grunde gerichtete Volk (vgl. 2 Kge. 17, 24), ihre Veste Tyrus zerstört hat (11–14). Doch wird Tyrus am Ende der chaldäischen Weltmonarchie wieder emporkommen (15–16); es kommt auch wieder zu seinem Handelsgewinn (17), aber er wird nun Jehova geheiligt werden (18).

 Vierter Teil: Die große Schlußwendung in der Geschichte Israels und der Völker c. 24-27.

 1. Das Gericht über die Erde c. 24.

 Jehova wird am Ende Gericht halten über die ganze Erde, über alle ohne Unterschied des Standes und der Verhältnisse (24, 1–3). Die Erde wird dann in Trauer versenkt und wie zu einer welken, vor Hitze verschmachtenden Pflanze, denn wie sich die Ruchlosigkeit der Erdenbewohner ihr mitgeteilt hat, so hat sie auch die Strafe derselben mit zu leiden. Die Welt mit ihrer Lust ist nun gerichtet (4–9), und mit ihr auch die Weltstadt, in welcher die Weltlust ihren Hauptsitz hatte: die Welt verödet allenthalben (10–13). Aus dem Gericht aber bleibt übrig eine geläuterte Gemeinde, welche nach Osten und nach Westen Jehova verkündet (14–15). Doch wird das Heil nicht kommen, ehe nicht ein göttliches Zorngericht ergangen ist. Der Prophet sieht Verderbensmächte unter Menschen und Schätzen aufräumen, welchen niemand entrinnen kann: die alte Erde selbst geht unter (16–20). Von diesem äußersten Endpunkte nochmals| in die Geschichte zurückkehrend, verkündet der Prophet, wie der HErr auch das Engelheer heimsuchen wird wie die Fürsten der Erde und sie verschließen läßt bis zum Tag des Gerichts (Apok. 20, 1–5), aber die Herrschaft geht über an Jehova, vor dessen Erscheinung der silberweiße Mond erröten und die glühende Sonne erblassen wird (21–23).

 2. Der vierfache Wiederhall der Herrlichkeit des HErrn c. 25–27, 6.

 a. Der Prophet, ans Ende der Tage versetzt, feiert das eben Geschaute in Psalmen und Liedern. Zuerst preist er Jehova, daß er die mächtige Weltstadt zerstört und sich der bisher bedrängten Gemeinde als Schutz und Schirm vor der Tyrannei der Weltstadt erwiesen hat (25, 1–5). Auf Zion offenbart sich das vollendete Reich Gottes und die Heiden nehmen teil an seiner Seligkeit. Da ist dann keine geistliche Blindheit, kein Tod und kein Leid mehr, keine Sünde und keine Schmach vorhanden (6–8). – b. Während Israel der Gnadengegenwart seines Gottes sich freut, erfährt Moab, der höhnische und hoffärtige Feind des Volkes Gottes, die Zornesoffenbarungen zur tiefsten Demütigung, und muß trotz aller seiner Ränke (11) untergehen (9–12). – c. Drüben im Lande Moab wird das Volk niedergetreten und seine hohen Burgen werden geschleift, Israel aber wohnt dann in einer unbezwingbaren Stadt, in welche Jehova das erneuerte Volk einziehen und im Frieden und in unerschütterlichem Gottvertrauen wohnen läßt (26, 1–7). Sehnsüchtig harrte die Gemeinde, daß der HErr seine Gerechtigkeit offenbaren und sie dadurch erlösen sollte, und nun ist’s geschehen (8–9). Es war ja offenbar, daß die Feinde Gottes sich nicht bekehren würden (10). Sie haben kein Auge für die Hand Gottes, so mußten sie die Rache Gottes fühlen (11). Gottes Volk aber wird nun einen unerschütterlichen Friedensstand genießen, denn die Tyrannei der Weltmacht ist zu Ende und die Tyrannen sind spurlos und auf ewig verschwunden, wogegen Israel wächst und gedeihet (12–15). Aber nochmals erinnert der Prophet an die Trübsalsnacht, welche der erschienenen Erlösung vorherging; immer hoffte die Gemeinde, daß die Rettung nun durchbrechen müsse, aber die Hoffnung ward zu schanden, und was Israel selbst zur Rettung that, das half nicht (16–18). Nun aber ist die Rettung da und nun werden auch die Bekenner Jehovas, die in den Drangsalszeiten starben, auferweckt, denn die Erde gibt die Toten wieder, um mit den noch im Leibesleben Befindlichen eine herrliche Gemeinde zu bilden (19). – Aus diesem Ende des Volkes Gottes zieht der Prophet für die Gemeinde die Mahnung, Israel solle sich zurückziehen von dem Schauplatz der Weltbegebenheiten, bis das Wetter des Zornes Gottes, mit dem er die zum Himmel schreienden Gewaltthaten rächen will, sich ausgetobt habe (c. 26, 20–21). Richten wird der HErr die Weltmächte Ägypten, Assur, Chaldäa, aber über sein Volk sich erbarmen. Dies führt der Prophet aus in einem Lied (27, 1 und 27, 2–5). Jehovas Gesinnung gegen die durch Drangsal geläuterten Gemeinde ist reine Liebe. Wehe den Feinden der Gemeinde! (27, 2–5). Die Gemeinde ist gesegnet und wird ein Segen für die Welt (6). vgl. Röm. 11, 12.

|  3. Jehovas Straf- und Heilverfahren c. 27, 7–13.

 Der Prophet rechtfertigt Jehovas Gerichte über sein Volk: Jehova sichtete, aber vernichtete es nicht, er strafte, aber um wieder begnadigen zu können, denn die Strafe hört auf, sobald dem Götzendienst in Israel ein Ende gemacht ist, was bei dem Unverstand des Volkes nicht anders als durch völlige Zerstörung seines Gemeinwesens möglich ist (7–11). In der Zukunft aber wird sein Reich in seinem verheißungsgemäß größten Umfange wieder bevölkert werden, denn die Toten Israels stehen auf, und die Zerstreuten sammeln sich aus Assur und Ägypten (12–13).

 Fünfter Teil: das Buch der Wehe über das Volk, das Assurs und Ägyptens Bündnis sucht, c. 28–33.

 Diese Reden fallen in die ersten Jahre Hiskias, in welchem das Volk fleischlicher Weise nach Freiheit rang. Man wollte da das assyrische Joch abschütteln, aber nicht im Vertrauen auf Jehova, sondern auf die Hilfe Ägyptens. Diesem Beginnen tritt der Prophet entgegen, weissagt ein schmachvolles Ende, lange Gerichte und Erlösung und Verherrlichung Israels allein durch Jehovas Macht und Gnade.

 1. Das erste Wehe über Samarien und Jerusalem und der Trost für beide c. 28.

 Samarien, die stolze, üppige Stadt wird von Assur niedergetreten und plötzlich verschwinden (28, 1–4). Die Übrigen des Volkes Gottes werden im HErrn ihre Herrlichkeit sehen, der ihnen auch mit Rat und That beistehen wird (5–6). Doch auch die üppigen Judäer, die sich vom Propheten nicht mehr wollen hofmeistern lassen, werden den richterlichen Ernst Jehovas erfahren, und diejenigen, welche das Prophetenwort verachten, werden Gottes Strafen zu empfinden haben (7–13). Sie trotzen jeder Verderbensmacht, weil sie auf Ägypten bauen, während doch der rechte Grund, der das Volk Gottes hält und trägt, allein der Sohn Davids ist, welchen der HErr durch die Verheißung in Zion eingesenkt hat. Dieser Eckstein ist für die Gläubigen ein Halt, während die Ungläubigen an ihm zerschellen; das aber, worauf die Großen Jerusalems bauen, wird sie zu schanden werden lassen (14–17). Jehova, den sie nicht fürchten, wird sie zu treffen wissen, und das ägyptische Bündnis wird sich als unzulänglich erweisen (18–20). Jehova wird gegen sein eigenes Volk handeln müssen, wie sonst gegen dessen Feinde – sofern sie vom Gespött nicht lassen und dadurch ihre Bande noch fester machen und das Gericht vermehren, das sicher kommt (21–22). Gleichwie aber der Landmann mit Pflug und Egge nicht weiter über das Ackerland kommt, als zur Saat nötig ist, und wie er, um die Frucht zu gewinnen, nicht schärfere Werkzeuge nimmt, als jede Fruchtart fordert: – so wird auch Jehova nicht mehr und nicht schärfere Zuchtmittel bei seinem Volk, welches sein Acker ist, anwenden, als notthut, um die Absicht seiner Liebe zu erreichen (23–29).

 2. Das zweite Wehe: die Bedrängnis und die Rettung Ariels c. 29.

 Jerusalem, jetzt Ariel, d. h. Gottes Herd (Ezech. 43, 15), wird binnen| Jahresfrist zu einer seufzervollen, belagerten Stadt, die aber belagert wird, eben weil sie Gottes Herd ist (29, 1–2). In größten Nöten, wie ein Sterbender, liegt dann das Volk Jerusalems am Boden, aber die dröhnende Menge seiner Feinde wird unter furchtbarer Mitwirkung der Naturgewalten vernichtet werden und wie ein Traumbild sich in nichts auflösen (3–8). Das kann das Volk nicht glauben, denn sie haben sich verstockt gegen Gottes Wort, und ihre Selbstverstockung steigert der HErr zum Verstockungsgericht, welches ihnen allen Verstand der göttlichen Offenbarung völlig wegnimmt (9–12). Dem heuchlerischen Volk wird jeder Schein von Weisheit und Einsicht verschwinden (13–14). Diese Heuchelei des Volkes zeigt sich besonders in der Geheimhaltung des Planes einer Verbindung mit Ägypten: als ob Jehova nicht alles wüßte und sie ohne ihn das Geringste vermöchten! (15–16). Aber in kurzem wird sich alles ändern: das Kleine wird groß und das Große wird klein; d. h. aus den Armen und Elenden schafft der Herr eine Gemeinde, während er dies gottentfremdete, stolze Volk vertilgt (17–21). Sünder und Sünde, welche Gottes beschämende Strafe herausforderten, sind in seiner Gemeinde der Endzeit getilgt: dagegen sind heilige Willigkeit und Empfänglichkeit für Gottes Wort dann vorhanden (22–24).

 3. Das dritte Wehe: das Verhängnisvolle des ägyptischen Bündnisses c. 30.

 Der nach 29, 15 in tiefster Heimlichkeit entworfene und vorbereitete Plan ist nun um vieles weiter gerückt. Schon ziehen Abgesandte nach Ägypten, aber der Prophet verkündigt, daß ihr Thun ganz nutzlos sei (30, 1–5). Ägypten heißt ein Wasserroß oder Nilpferd, weil es großthuerisch sich dick und breit macht, sich aber im Interesse Judas nicht von der Stelle rührt: aber dennoch gehen sie hin den gefahrvollen Weg durch die Wüste und erkaufen sich Ägyptens Hilfe (6–7). So soll denn der Prophet die Nichtigkeit der ägyptischen Hilfe dem Volke unter die Augen rücken (8), und dies um so mehr, je weniger sie die ernste Wahrheit hören wollen (9–11). Aber sie sollen es hören, daß ihr sündliches Treiben Judas ganzen Bestand unheilbar zertrümmern wird (12–14). Sie würden gerettet, wenn sie statt der Selbsthilfe Buße thäten und auf Jehova vertrauten; doch sie wollen das nicht, sondern weltliche Macht dünkt ihnen besser; so wird die weltliche Macht sie verderben (15–17). Es wird lange dauern, bis der HErr sein Volk wieder begnadigt: die Masse geht zuvor ins Gericht, nur das gläubige Häuflein wird Gottes Hilfe sehen (18). Dieses aber wird auf seinen Hilferuf neu begnadigt, auf rechtem Wege geleitet von treuen Lehrern, dem Götzendienst mit Abscheu entsagen (19–22). Dieses begnadigte Volk wird der HErr auch leiblich segnen; die Natur wird verklärt, über die Feinde des Volkes Gottes aber ergeht ein schreckliches Zorngericht Jehovas (23–28). Unter dem Triumph der Gemeinde hält der HErr über die Weltmacht sein Gericht (29–33).

 4. Das vierte Wehe: die falsche Hilfe, das Erbarmen des Verschmähten und die neue Zeit c. 31–32.

|  Nachdem der Prophet das ägyptische Bündnis nicht zu hindern vermocht hat, dieses vielmehr im vollen Gange ist, so ringt er damit im Geiste. Er vergegenwärtigt sich den Fluch, den es bringt, aber auch den Trost der Gläubigen, der im Fluch verborgen ist. Jehova ist weiser und mächtiger als die Abtrünnigen denken, deshalb wird Ägypten die ungetreue Gottesstadt nicht vor Gottes Zorngericht bewahren können (31, 1–4). Jehova hat ein so treues Herz gegen seine Stadt (5), wenn Israel doch wiederkehrte zu ihm, vom Götzendienste und der Menschenhilfe ließe, die beide zu schanden werden vor Jehova, dem verzehrenden Feuer! (6–9). Die Weltmacht fällt und ein neues Gottesgericht entsteht am Ende. Dieses hat als Segensfrucht der göttlichen Gerichte statt des alten Lügenwesens ein gerechtes Regiment, ein aufgeschlossenes Verständnis für Gottes Werk, die Benennung und Behandlung eines jeden nach seinem wahren Charakter (32, 1–8).

 Ein besonderes Wort hat der Prophet für die Frauen Jerusalems, denen er ihre leichtsinnige Sicherheit vorhält, um ihnen zu sagen, wie der HErr ihrem Leichtsinn ein Ende zu machen gedenkt durch das Verderben, welches über das Land kommt (9–14), und wie die Vernichtung so lange währen wird, bis der Geist über das Volk ausgegossen wird und die Umwandlung geschieht, womit dann wahres Glück und bleibender Friede über das Land kommt (15–20).

 5. Das fünfte Wehe: Wehe über Assur, Jerusalems Errettung und Verherrlichung c. 33.

 Die Assyrer stehen bereits in Juda, sie haben das Land verwüstet und bedrohen Jerusalem. Der Prophet tritt mit den Waffen der Weissagung und des Gebets zwischen Assur und sein Volk und das Wehe wendet sich von diesem auf jenes. – Auch Assur wird noch einmal Gleiches mit Gleichen vergolten werden (v. 1). Der Prophet betet für sein Volk und schauet im Geiste, wie der HErr dessen Feinde wegrafft, und für sein Volk eine neue Zeit beginnen läßt (2–6). Doch von der Zukunft kehrt der Prophet wieder zur Gegenwart zurück. Er beklagt den gegenwärtigen Jammerstand und weinet mit seinem weinenden Volk. Sanherib, obwohl er die für den Frieden verlangte Summe erhalten, zieht dennoch vor Jerusalem und verwüstet auf dem Zug das Land (7–9); deshalb will nun Jehova Assur verderben: Assurs Zorn gegen Jerusalem soll ihm zum Verderben werden (10–11). Gänzlich, plötzlich (12), zur Lehre für die Heiden wie für Israel (13–16). Das Volk Gottes aber, das sich durch Gericht hat lehren lassen, wird seinen König in seiner Mitte in Herrlichkeit sehen (17). Die Gewaltherrschaft (18) der fremden Völker ist dann spurlos verschwunden (18–19); unbezwungen und unverletzt steht Jerusalem da, getrosten Mutes, zu ewiger Dauer, unnahbar für die Weltmacht, denn Jehova wohnt drinnen, und ist der Stadt ein Schutz, so gut, als wenn sie von breiten Strömen und tiefen Kanälen umflossen wäre (20–22). Assur scheitert in seinem Beginnen und Jerusalem bereichert sich ohne allen Waffengebrauch| von den Reichtümern des assyrischen Lagers. All dies Heil aber ruht auf Vergebung der Sünden (23–24).

 Sechster Teil: Schlußrede vom Gericht über alle Welt, und von der Erlösung sowie der schließlichen Herrlichkeit und Seligkeit der Gemeinde Jehovas, c. 34. 35.

 Was der Prophet weissagt, betrifft alle Völker und alle einzelnen derselben in ihrem Verhältnis zu der Gemeinde Jehovas. Deshalb fordert der Prophet die Völker und mit ihnen zugleich auch die gesamte irdische Natur auf, das Gericht zu hören, welches über sie ergehen wird (34, 1–3). Mit diesem Gericht wird auch der jetzige Himmel und die jetzige Erde untergehen (4). Gottes Strafmacht rafft die dem Volke Gottes feindliche Welt dahin, Kleine wie Große (5–7), um zu vergelten mit ewiger Strafe, was sie an der Gemeinde Gottes gesündigt (8–10). Die Gott feindliche Welt wird wüste, mit ihrem Reiche und ihrer Herrlichkeit ist es für immer aus (11–12); sie ist zur Ruine geworden (13–15). Die Erfüllung wird einst die Weissagungen bestätigen, denn die Macht des HErrn führt sie gewiß hinaus (16–17). Dagegen wird das Land aufblühen, in welchem sich die Herrlichkeit des HErrn offenbaren wird (35, 1–2). Die bedrängte Gemeinde sei nur getrost, denn Jehova kommt, um sie zu rächen und ihr Heil zu schaffen (3–4)! Alles Elend der menschlichen und außermenschlichen Natur wird aufgehoben (5–7), wenn die durch Leiden geläuterte, geheiligte Gemeinde vom HErrn aus Knechtschaft und Drangsal zur ewigen Freude heimgeleitet wird. (8–10).

 Siebenter Teil: Die Erfüllung der Weissagung in der Zeit des Hiskia c. 36. 37.

 In c. 36–37, 7 berichtet Jesaja über den ersten Versuch der Assyrer, die Übergabe Jerusalems zu erzwingen; in 37, 8–38 folgt dann der zweite Versuch und das große und herrliche Wunder, durch welches Assur vernichtet und Israel errettet ward, und in welchem sich Jesajas Weissagungen glorreich erfüllten. Vgl. übrigens 2 Kön. 18, 13 ff., welcher Bericht den des Jesaja vervollständigt und erläutert.

 Der Abschnitt c. 38 und 39 bildet die geschichtliche Unterlage für die zweite Hälfte der jesajanischen Weissagungen. Der Prophet greift zurück in das Jahr, da die Assyrer in das Land kamen (36, 1) und erzählt, wie Hiskia in dieser verhängnisvollen Zeit totkrank wurde und der HErr ihm auf sein Gebet noch 15 Jahre zulegte, wofür hinwiederum Hiskia ihm ein Danklied darbringt. Aber Hiskia läßt sich durch die babylonische Gesandtschaft, die ihm zur Genesung Glück wünscht, bethören, seine Freude an der Gunst Babels zu offenbaren und mit dem Nichtigen zu prunken. Dafür verkündigt ihm Jesaja den Verlust aller seiner irdischen Güter und die Ausplünderung und Knechtung durch eben diese Fremden, um deren Gunst er buhlt. Hiermit sind wir vorbereitet für den zweiten Teil der jesajanischen Weissagungen, die das Exil voraussetzen und an die Exulanten gerichtet sind.




|  Zweite Hälfte der Weissagungssammlung c. 40–66.

 Erster Teil: Jehova und die Götzen c. 40–48.

 Einleitung c. 40, 1–11. Die Berufung des Propheten zum Evangelisten des gefangenen Volkes. Er soll predigen, daß Jehova sich herrlich offenbaren und sein gefangenes Volk erlösen wird. Gottes Volk soll ihm den Weg bereiten und an seinem Verheißungswort ohne Wanken festhalten.

 Erste Rede c. 40, 12–31.

 Der Prophet zeigt aus Weltschöpfung und Weltregierung, wie unvergleichlich erhaben Jehova und wie groß der Unverstand der Götzendiener sei, woraus für die Verbannten der Trost folgt, daß sie sich vor der Macht der Heidenvölker, unter deren Botmäßigkeit sie jetzt stehen, nicht zu fürchten brauchen. Sie entschwinden den Augen des HErrn nicht, ob sie auch in ihrer Vereinzelung unter den Heiden sich zu verlieren scheinen; sie sind jetzt gebrochen, ohnmächtig, aber der HErr vermag sie wieder aufzurichten.

 Zweite Rede c. 41. Der Gott der Weltgeschichte und der Prophetie.

 Jehova lädt die abgöttischen Völker zum Rechtsstreit ein und erweist die Wahrheit, daß er der Bildner und Lenker der Weltgeschichte von Anbeginn sei, aus der Thatsache, daß Er es ist, welcher den Eroberer von Osten (Cyrus) weissagt. Bei solchen Erschütterungen der Weltlage, wie sie das Auftreten des Cyrus verursacht, fliehen die Heiden zu ihren toten Götzen. Israels Schutz aber ist der HErr, der zu seiner Zeit das niedergetretene Israel zu einer alles niederschlagenden Kriegsmacht machen und es wieder aufrichten wird (41, 1–20). Was er einst vollbringt, das verkündet er schon jetzt (21–24). So behauptet er als der alles Waltende und Vorauswissende den Sieg über die Götter (25–29).

 Dritte Rede. Der Mittler Israels und der Heiden Heiland 42, 1–43, 13.

 Während durch den Völkerbezwinger Gerichte über die Heiden ergehen, welche die Nichtigkeit der Abgötterei offenbaren, bringt der Knecht Jehovas, der zukünftige Mittler des Heils, auf friedlichem Wege der Welt das geistliche Heil. Zu der innerlichen Aufrichtung fügt der HErr aber auch die äußerliche, indem er durch eine Machtthat, was bisher in der Welt mächtig war, stürzt, derer aber, die sich nicht zu helfen wußten, sich annimmt (42, 1–17). Israel soll angesichts des geweissagten Heiles sich wieder auf sich selbst besinnen und seinen Gott und Erlöser, den Einzigen und Unvergleichlichen, erkennen und sein Prediger und Zeuge an die Welt werden (42, 18–43, 13).

 Vierte Rede 43, 14–44, 5. Die Rächung, die Befreiung und die Geistesausgießung.

 Jehova rächt Israel an den Chaldäern durch Auflösung des Chaldäerreichs (43, 14–15). Was er einst bei der Ausführung der Kinder Israels aus Ägypten an seinen Feinden gethan, das wird er am Ende wieder thun und Israel herrlich erlösen (16–21), und zwar ohne alles ihr Verdienst, allein aus Gnaden, denn Israel kann nur Sünde aufweisen (22–28). Seine Sünde| wird der HErr tilgen und sein Volk durch Ausgießung seines Geistes verherrlichen, so daß jeder Einzelne mit Bewußtsein sich als Glied des h. Volkes bezeichnen wird (44, 1–5).

 Fünfte Rede 44, 6–23. Die Götter der Völker und der Gott Israels.

 Jehova ist es, dem sein Volk vertrauen darf, denn er verkündigt voraus, was er thut (44, 6–8), aber die Götter der Heiden werden das Vertrauen ihrer Verehrer täuschen, denn sie sind das Gebilde schwacher Menschen aus vergänglichen Stoffen (9–17), und nur die Selbstverstockung der Götzendiener verschließt ihnen die Augen vor der Nichtigkeit ihrer Götzen (18–20). Möge Israel es merken, daß der Götzendienst eitel Lüge ist, und seinem Gott dienen, der sein Volk treulich liebt und ihm seine Sünden vergibt, also daß die Gemeinde in jubelnde Freude ausbrechen kann (21–23).

 Sechste Rede 44, 24–c. 45. Cyrus, der Gesalbte Jehovas, Israels Befreier.

 Jehova, welcher Israel das Dasein gegeben hat, der Schöpfer des Alls, der alles Wissende, der die Lügenpropheten der Chaldäer zu schanden machen und das Wort seiner Knechte erfüllen wird, – will Jerusalem wieder aufrichten, Babel dem Eroberer öffnen, diesen aber (den Cyrus) zum Werkzeug der Wiederherstellung der Stadt Gottes machen (44, 24–28). In der ihm verliehenen unwiderstehlichen Sieghaftigkeit soll Cyrus Jehovas Hand erkennen, der ihn gesandt: Cyrus kannte den HErrn nicht, dieser aber nahm ihn in seinen Dienst, damit die Heiden seine Macht erkenneten; auf Erden soll ein Zustand hohen Glückes eintreten (45, 1–8). Darum soll Israel den HErrn nicht meistern, sondern seiner Führung sich vertrauen, sonderlich vor Cyrus sich nicht fürchten, denn er ist ein Werkzeug des Heils (9–13). Die Heiden aber erkennen durch das Gottesgericht, das Cyrus ausrichtet, den wahren Gott und beugen sich vor ihm (14), wofür Israel den HErrn anbetet, der die Götzenbilder zu schanden macht und Israel erlöst (15–17). Die Verheißung kann nicht unerfüllt bleiben, wenn sie sich aber erfüllt, so werden die Heiden Jehova erkennen und ihm dienen (18–21). Denn ihm sollen ja dienen und durch ihn sollen selig werden alle Völker der Erde (22–27).

 Siebente Rede. Der Sturz der Götter Babels c. 46.

 Nachdem der Prophet bezeugt hat, was Israel von Cyrus zu erwarten habe, wendet er sich zu dem, was Babel von Cyrus bevorsteht. Seine Götter stürzen und werden als Beute fortgeschleppt (46, 1–2). Das soll Israel ansehen. Babylon trug selbst am Anfang seine Götzen und mußte sie zuletzt vom Feinde forttragen lassen, dagegen Jehova trägt selbst sein Volk und errettet es. Wie erhaben ist Jehova über die Götter (3–5), diese Menschengebilde ohne Leben (6–7): das sollten merken, die in Israel zu den Götzen neigen, und den alles vorauswissenden und waltenden Gott erkennen (8–11), sowie die Gottlosen daraus die Gewißheit der nahen Heilsoffenbarungen ersehen mögen (12–13).

 Achte Rede. Sturz Babels, der Weltreichsstadt, c. 47.

|  Nach den Göttern Babels kommt nun die Reihe an Babel selbst. Die noch unbezwungene Zwingherrin muß von stolzer Höhe zu schimpflicher Niedrigkeit herabsteigen, zur Armut und Knechtschaft, zur Beschimpfung und Entehrung, denn Jehova rächt seine Gemeinde (47, 1–4). Weil Babel ihre Macht mißbrauchte und sich nicht scheute, Gottes Volk erbarmungslos zu drücken (5–7), so wird sie, die üppige, sichere und stolze, urplötzlich ihrer ganzen Herrlichkeit beraubt, und nichts helfen die geheimen Künste (ihrer Magier), die sie so sicher gemacht (8–15).

 Neunte Rede. Die Erlösung aus Babel c. 48.

 Der Prophet fordert die jüdischen Exulanten Babyloniens, welche Israeliten heißen, aber nicht in Wahrheit sein wollen, auf, zu erkennen, daß der HErr längst voraus verkündigen ließ was er nun erfüllt hat, damit sie es nicht den Götzen zuschreiben, noch in der geschehenen Erlösung die freie Gnade des HErrn verkennen, denn sie sind treulos und zum Abfall geneigt (48, 1–8). Was Israel bis jetzt erfahren, sollte ihm nicht zur Vertilgung, sondern zur Läuterung und Prüfung dienen; nachdem dieser Zweck erreicht ist, erlöst J. sein Volk, damit die Heiden nicht länger lästern, als habe er seinen Heilsplan nicht zu Ende führen können (9–11). Israel höre auf den HErrn, denn er ist allein Gott, er der Schöpfer und Lenker der Geschichte, er der Gott der Weissagung und der da kommt von Gott zur Erfüllung (12–16). Israel halte dem HErrn die Treue durch Erfüllung seiner Gebote, so wird Glückseligkeit seine Zukunft werden. Es wird zahlreich sein und nimmer untergehen. (17–19). – Diejenigen nun, welche diesem Worte Folge leisten, sollen aus Babel als Erlösete ausziehen, die Gottlosen aber sollen keinen Teil an dem zukünftigen Heile haben.

 Zweiter Teil c. 49–57: Der Knecht Jehovas in seiner Niedrigkeit und Herrlichkeit und das jetzt betrübte, einst aber wieder begnadigte Zion.

 Erste Rede c. 49. Das Selbstzeugnis des Knechtes Jehovas und die Beschämung des Kleinmuts Zions.

 Die erste Hälfte dieser Rede v. 1–13 stellt in dem Knechte Jehovas den Mittler der Wiederherstellung Israels und der Bekehrung der Heiden dar, und ruft zuletzt Himmel und Erde zur Mitfreude mit der erlösten Gemeinde auf; die zweite Hälfte v. 14–26 beschämt den Kleinmut Zions, welches von Jehova vergessen zu sein meint, durch Verweisung auf Jehovas mehr als mütterliche Liebe und den zu erwartenden überschwenglichen Segen, und den Zweifel Zions an der Möglichkeit der Erlösung durch die Verweisung auf die Treue und Allmacht des Gottes Israel, welcher die Exulanten dem Tyrannen entreißen und ihre Quäler sich selber aufzehren lassen wird.

 Zweite Rede c. 50. Israels Selbstverstoßung und die Berufsbeständigkeit des Knechtes Jehovas.

 Israel hat sich selbst verstoßen durch seine Sünde, sonderlich durch den Ungehorsam gegen Gottes Wort, durch seinen Unglauben gegen seine Heilsbotschaft und Verachtung des Heilsmittlers (50, 1–3). Der Knecht Jehovas| kommt als Retter zu seinem Volk mit Heilsbotschaft vom HErrn, dem er sich willig zum Werkzeug begibt, um dessen willen er fröhlich leidet, weil er den siegreichen Ausgang des Leidens kennt (4–9). Wer diesen Knecht hört, vertraue dem HErrn, daß er ihn erretten wird, die aber mit Maßregeln eigener Klugheit sich helfen wollen, werden dadurch zu Grunde gehen (10–11).

 Dritte Rede c. 51. Der Durchbruch des Heils und die Wendung des Zornkelchs.

 An die Heilsbegierigen wendet sich jetzt wieder der Prophet. Sie sollen ihren Glauben an die Wiederherstellung des Volkes Gottes stärken durch die Erinnerung an die Heilsthat Gottes an Abraham und Sarah (51, 1–3). Israel wird wieder hergestellt und von dieser Heilsthat Gottes geht auch für die gesamte Völkerwelt Heil aus (4–6). Die alte Welt ist dem Untergang bestimmt, darum soll die verfolgte Gemeinde Gottes sich nicht vor Menschen fürchten (6–8). – Diese Verheißung weckt die Sehnsucht nach ihrer Erfüllung: Jehova möge sich wieder mächtig erweisen, wie einst bei der Erlösung aus Ägypten. – Ja er wird sein Volk heimführen zu ewiger Freude (9–11). Diese Zuversicht bestätigt der HErr; er wird seine bedrängte Gemeinde mit Macht erretten (12–15); die Verheißung, die der HErr dem Volke gab, und seine Aufbewahrung verbürgen ihm eine Himmel und Erde mit umfassende Heilszukunft (16). Die unter Gottes Zorn darniederliegende, unglückliche Gemeinde fasse Mut und gedulde sich, bis der HErr die Strafe von ihr nimmt und auf ihre Feinde legt (17–23).

 Vierte Rede 52, 1–12. Die Wandlung der Knechtschaft Jerusalems in Herrschaft, der Gefangenschaft in Freiheit.

 Betäubt von Gottes Zorn und abgemattet von Kummer liegt Jerusalem am Boden; sie soll sich nun aber aufraffen, denn sie wird wieder herrlich und mächtig und von den Heiden nicht mehr verunreinigt noch überwältigt, sie wird erlöst aus ihrer Knechtschaft (52, 1–2). Denn Israel ist in fremde Gewalt hingegeben, aber sein Zwingherr muß es wieder loslassen, sobald der HErr es von ihm fordert; der Chaldäer hat ja kein Recht auf Israel erworben, so wenig wie einst Pharao, und da die Heiden über die Gefangenschaft des Volkes Gottes nur lästern, so wird der HErr ihr nun ein Ende machen (3–6). Das Volk wird also erlöst aus Babel und der Prophet sieht schon im Geiste, wie die Kunde der Erlösung über die Berge nach Jerusalem gebracht wird (7), wie die Propheten sich freuen, das leibhaftig vor sich zu sehen, was sie aus der Ferne geschaut (8), wie Jerusalem aus den Trümmern ersteht (9), wie der HErr durch Gericht sein Volk erlöst, und dieses mit dem Wesen der Chaldäer unbefleckt als Gottes Diener heilig und unter Gottes Geleite aus Babel zieht (10–12, vgl. Ex. 12, 36. 39; 14, 19).

 Fünfte Rede 52, 12–53, 12. Die Erhöhung des Knechtes Jehovas aus tiefer Erniedrigung, zum Teil (53, 1–6) Beichtgebet des zur Erkenntnis gekommenen Volkes Israel.

 Durch weisliches Handeln wird der Knecht Gottes, dessen Anblick infolge| unmenschlicher Leiden Entsetzen einflößte, so erhöht, daß Schrecken der Ehrfurcht die Völker der Heidenwelt samt ihren Königen erfaßt (52, 13–15). Israel hat trotz der Weissagung an der Niedrigkeitsgestalt seines Heilands sich gestoßen (53, 1–3); aber was er in der Schmach seines Leidens büßte, war nicht eigene Verschuldung, sondern seines Volkes Sünden, dem Gott selber durch das Strafleiden seines Knechts das Heil beschafft hat (4–6). Ungewöhnlich war seine Ergebung in seinem nun überstandenen Leiden, schmerzlich auffallende Umstände kennzeichneten seinen Ausgang. Doch Niemand kam darüber zur Besinnung (79). Doch nicht in Erniedrigung sollte sein Lauf enden, sondern durch seinen Opfertod sollte er nach dem Rat des HErrn zu einer höheren weltumfassenden Heilswirkung durchdringen zum Lohn seiner unerhörten Selbsterniedrigung und seiner sittlichen Bewährung in seinem hohepriesterlichen Leiden (10–12).

 Sechste Rede c. 54. Die Herrlichkeit Jerusalems, der Gemeinde der Knechte Jehovas.

 Nun gewinnt Jerusalem, die durch das Exil einsam gewordene, neue Kinder; sie muß ihre Wohnsitze erweitern, so viel wird ihres Volkes (54, 1–3). Sie wird nun herrlich, und in dieser Voraussicht soll sie aufhören, sich zu fürchten; sie wird so herrlich, daß sie der ägyptischen und babylonischen Knechtschaft nimmer gedenken wird (4), denn ihr Gott hat Macht zu helfen und will nun helfen, denn er gedenkt an das alte Bundesverhältnis, er will nun um so reicher im Erbarmen sein, nachdem er eine kleine Weile zürnen mußte (5–8). Seine Gnade wird nun ewig währen, denn ein Zorngericht, wie das eben überstandene, soll nicht wieder über Jerusalem ergehen, denn Jehovas Gnadenbund ist unwandelbar (9–10). Als ein herrlicher Gottesbau erhebt sich Jerusalem aus seinem Schutte, und der äußeren Herrlichkeit entspricht die innere seiner Bewohner, und weil die Gemeinde der Gnade Gottes mit Gerechtigkeit des Lebens antwortet, so wird sie nun unüberwindbar und sieghaft, auch gegenüber geistigen Angriffen, durch Jehova, den Allmächtigen, der ihr Schutzherr ist (11–17).

 Siebente Rede c. 55. Kommet und ergreifet das gewisse Heil Jehovas.

 So ist denn das Heil bereitet, die Gäste werden geladen und es wird nichts von ihnen verlangt, als daß sie die Heilsgnade annehmen (55, 1–2). Wenn das Volk seinem Gott gehorcht, so wird der HErr die dem Hause David gegebene Verheißung zur Erfüllung bringen, der zukünftige David wird die Völkerwelt um sich als ihren Fürsten scharen, und das wird Israels Herrlichkeit sein (3–5). Um Anteil an jener überschwenglichen Gnade zu haben, mögen sich die von Gott Fernen bußfertig zu ihm nahen und von ihren eigenen Gedanken lassen, als wenn das Wort Gottes (c. 45, 1–7) umsonst bliebe und nichts ausrichtete; denn gewiß und unhintertreiblich wird es die verheißene Erlösung wirken, dem HErrn zum ewigen Preis (6–13).

 Achte Rede 56, 1–8. Mahnung zur Bereitung auf das Heil und Trost für Proselyten und Verschnittene.

|  Für das nahende Heil bereite sich das Volk vor durch ein bundesgemäßes Verhalten. Denn darauf, nicht aber auf der leiblichen Abstammung von Abraham beruht am Ende die Zugehörigkeit zum Volke Gottes (56, 1–7).

 Neunte Rede 56, 8–c. 57. Die Pflichtvergessenheit der Leiter Israels und die Irrsale des Volkes.

 Zu der verheißenen Herrlichkeit kommt es nicht ohne schwere Gerichte über das grundverderbte Volk. Der Prophet straft angesichts derselben die Pflichtvergessenheit der Hirten Israels: Die Weltvölker (Tiere des Feldes) können das Volk Gottes verzehren, ohne von dessen Hirten gestört zu werden (56, 9), denn diese weisen das Volk nicht zurecht, weil sie nur auf ihren eigenen Gewinn denken und in Saus und Braus dahin leben (10–12), ohne daß sie sich durch den bedenklichen Umstand, daß der HErr mit den Gerechten aus diesem Leben hinwegeilt, warnen lassen (57, 1–2). Schamlos treibt die Masse des Volks die Abgöttereisünden fort, indem sie frech die Knechte Gottes höhnen, sie, der Auswurf Israels, sie mit ihrem wollüstigen, grausamen, stumpfsinnigen Götzendienst (3–6), besonders v. 6, der Steinkultus)! Sie, die mit den fremden Göttern hinter dem Rücken Jehovas in ehebrecherischer Wollust buhlen (7–8), die sich bewerben um die Gunst der Weltmacht, und zwar so angelegentlich und unermüdlich (9–10), als ob von Menschen das Heil abhinge und nicht vielmehr von Gott, die durch Gottes Langmut sich nicht zur Buße leiten lassen, bis der HErr mit neuen Strafgerichten kommen wird (11–13). – Aber die Bußfertigen wird der HErr erlösen und gnädig heimgeleiten, denn nahe ist der Erhabene den Gedemütigten. Vom HErrn verstoßen, irren sie umher in Ratlosigkeit; in seinem Mitleid nimmt er sich ihrer wieder an und läßt seinem Volk und seinen Trauernden Trost bringen und Frieden der Versöhnung predigen. Die lästernden Gottlosen aber werden dran keinen Teil haben (14–21).

 Dritter Teil c. 58–66: Das geistliche und das fleischliche Israel und die Erlösung und Verherrlichung des Ersteren durch künftige Machtoffenbarung des jetzt sich zurückhaltenden Herrn.

 Erste Rede c. 58. Der falsche Gottesdienst und der wahre mit seinen Verheißungen.

 Das Volk macht Anspruch, als frommes zu gelten und erlöst zu werden, – weil es doch faste. Aber was nützt das Fasten, wenn es sein alltägliches weltliches Treiben dabei fortsetzt (58, 1–4)? Es ist ein äußerliches, wertloses Werk, nicht Äußerung der Gottesfurcht, die in barmherziger Liebe gegen den Nächsten sich erzeigt (5–7). Solche Gesinnung wenn das Volk erzeigte, dann würde für Zorn Gnade ergehen, das Kranke würde heil, der HErr würde sein Volk leiten, jegliches Gebet erhören (8–9a). Ja, Barmherzigkeit würde dem Volk die göttliche Gnade zuwenden, und diese würde Segensfülle und den Wiederaufbau zur Folge haben (9b–12); Sabbatheiligung im Gegensatz zu jener Entweihung der Festtage würde der HErr ihm lohnen mit Erhöhung und Wiedergabe seines Erbes (13–14).

|  Zweite Rede c. 59. Die bisherige Scheidewand und der endliche Durchbruch.

 Es sind nur die Sünden des Volkes, welche seine Erlösung aufhalten (59, 1–2), die Sünden der Lüge, der Lieblosigkeit, des Hasses, der Unfriedfertigkeit und Ungerechtigkeit (3–8). Wie kann sie der HErr von den äußeren Drängern erlösen, da unter ihnen selber ein jeder auf das Verderben des anderen sinnt und dasselbe zum Ziel sich setzt. Um dieser Sünde willen, muß die Gemeinde klagen, bleibt unsere Erlösung aus (9) und können wir keinen Ausgang unseres Elends finden, obwohl wir das Licht des göttlichen Wortes haben (10) Darum sind wir so ungeduldig, und voll Schwermut ob der Täuschung unserer Hoffnungen (11). Ja, die Sünden Israels sind groß; sein Abfall, das gegenseitige Bedrücken, das Lügen, die Ungerechtigkeit und Unredlichkeit im Leben (12–15a): sie fordern, wenn Wahrheit und Recht auf Erden nicht untergehen soll, Jehovas richterliches Einschreiten und Vergelten heraus, in welchem er seine richterliche Herrlichkeit an seinen Feinden erzeigen, den Bußfertigen aber die Erlösung und den neuen Bund, der Israel zum ewigen Zeugen Gottes für die Völker machen soll, bringen wird (15b–21).

 Dritte Rede c. 60. Die Herrlichkeit des Jerusalems der Endzeit.

 Hier ruft der Prophet in die Trübsalsnacht des Exils dem Volke zu, es solle aufstehen aus seiner Mutlosigkeit und licht werden nach der langen Nacht der Sünde in der Kraft des heiligen und herrlichen Gottes, der sich nun offenbaren will (1). Während noch das Dunkel der göttlichen Gerichte über den Völkern liegt, offenbart sich die Gottesherrlichkeit in Zion (2). Diese Offenbarung sammelt die Völker und die Zerstreuten Israels nach Zion; die Völker weihen ihre Güter anbetend dem HErrn und bringen ihm seine Kinder zurück (3–9). Ja sich selber mit ihren Königen geben die Völker huldigend und dienstwillig der wiederbegnadigten Gemeinde in Zion dar (10–12); auch die Natur gibt alles, was sie Großes hat zum Schmuck des Heiligtums (13). Die die Gemeinde verfolgten, werden ihr nun demütig, als der Stadt des HErrn, huldigen (14). Die Gemeinde des HErrn ist der Anziehungspunkt geworden für die Völker, und diese reichen ihr all das Ihre zum Dienst. An dieser Wandlung des Verhältnisses wird die Gemeinde inne, was ihr Gott vermag (15–16). Wie schön die Stadt Gottes nun ist, sieht man an ihrem äußeren Bau und den Gewalten, die nun in ihr herrschen (17–18). Die heilige Stätte wird von der alles überstrahlenden Erscheinung der Herrlichkeit Gottes unwandelbar erleuchtet sein (19–20). Nur Gerechte wohnen drin und sollen das Erdreich ewig besitzen, als Gottes Volk. Wunderbar werden sie sich vermehren (21–22a) – und das alles wird schnell geschehen, wenn die Stunde da ist (22b).

 Vierte Rede c. 61. Die Gnadenherrlichkeit des dem Knechte Jehovas verliehenen Amtes.

 Der Knecht Gottes, der Mittler aller dieser Herrlichkeit, verkündet solches allen Heilsbegierigen, nämlich Erlösung aus aller Not und Verherrlichung (61, 1–3). Israel wird sein Land wieder in Besitz nehmen und von neuem bauen,| und die Fremden werden ihm dankbar Dienste leisten und ihr Vermögen geben, damit es ungestört durch irdische Sorge seines priesterlichen Berufs warten könne (4–6); die Schmach der Verbannung wandelt sich dann in Überschwang wonnigen Besitzes zum Ersatz der früheren Beraubung durch die ungerechten Feinde und ehrenvoller Auszeichnung unter allen Völkern (7–9). Israel aber freut sich, wie Braut und Bräutigam an ihrem Ehrentage, der geschenkten göttlichen Gnade, infolge deren Israels Wohlfahrt ungehindert gedeihen wird.

 Fünfte Rede c. 62. Die stufenmäßige Auswirkung der Herrlichkeit Jerusalems.

 Jehova will nicht eher schweigen, noch sich Ruhe gönnen, als bis er sein Gnadenwerk herrlich hinausgeführt: jetzt ist Zion noch umnachtet, aber ihre Gerechtigkeit und ihr Heil soll die Nacht durchbrechen, wie das Licht, und die Völker werden diesen Zustand bewundernd anschauen und Jerusalem wird eine Ehre Gottes werden (62, 1–3). Zion wird wieder die Geliebte Gottes, und die Heimat ist wieder das Eigentum der Landeskinder (4–5). Die Wächter auf Zions Mauern lassen Jehova keine Ruhe, bis er die ganze Verheißung erfüllt hat; die Gemeinde wird keiner Überwältigung einer weltlichen Macht mehr erliegen (6–9). Zum Schluß wird aufgefordert, dem Volk den Weg zu bereiten und ein Panier für die überall Zerstreuten aufzurichten, damit sie sich sammeln und mit heimziehen, denn Jehova hat überall hin dem Volke die Botschaft von der Befreiung gesandt und ihm wissen lassen, daß nun Jehova, ihr Heiland komme, um die heilsam Geläuterten nach ausgeduldetem Strafgeschick reichlich zu belohnen. Dann heißen die jetzt noch Verbannten das heilige Volk, die Erlöseten des HErrn, und die einst Verstoßene ist wieder eine Stadt geworden, da man zusammenkommt (10–12).

 Sechste Rede 63, 1–6. Gericht über Edom und die ganze der Gemeinde feindliche Welt.

 Der Prophet sieht im Geiste Jehova in großer Pracht von Edom kommen mit einem Gewande von Traubenblut durchnäßt und gefärbt, und empfängt auf seine Frage über diese Erscheinung die Antwort, daß das, was er sehe, das Blut der Edomiter sei, die Jehova in eigener Person, weil kein Kores zur Verfügung stand, in seinem Zorn zertreten habe, wie ein Kelterer die Trauben, um sein Volk zu rächen, welches Edom von alters her mit grimmigem Haß verfolgt hat, und um seinem erlösten Volke ewige Ruhe zu schaffen von diesem seinem Erbfeind.

 Die drei Schlußreden 63, 7–c. 66.

 a) Erste Schlußrede 63, 7–c. 64. Dank-, Buß- und Bittgebet der Gemeinde des Exils.

 Nun der Prophet am Ende steht, hebt er ein Dank-, Buß- und Bittgebet im Namen der Gemeinde des Exils an. Nach einem Introitus (63, 7) beginnt das Gebet mit einem wehmütigen Rückblick in die Gesetzgebungszeit, wo das Kindschaftsverhältnis Israels zu Jehova feierlich verkündigt und gesetzlich geordnet ward (8). Wie treu nahm sich Jehova infolgedessen seines| Volkes an! (9) Israel aber erwies sich undankbar und nötigte Gott, daß er seinem Volk feind ward (10); jetzt durch die Strafen Gottes zur Besinnung gekommen, gedenkt es der Gnaden der Vorzeit und bittet um seine Erneuerung (11–15). Israel gründet seine Bitte auf Gottes Vaterverhältnis (16.) Möge er doch sein Gericht aufheben, aus seiner Gottesferne und dem drohenden Untergang es herausholen (17–19) und in Macht sich offenbaren an seinen Widersachern, den Feinden seines Volkes (64, 1–2). Es kann ja doch sonst niemand helfen, als er, der HErr, warum er denn nun nicht mehr helfen wolle, da sein Volk an seiner Gottentfremdung völlig zu Grunde gehen müsse (3–4)? Freilich bekennt das Volk, daß es von sich aus der Hilfe nicht wert ist, denn es ist unrein, in Schuld verfallen, aber Jehova ist doch der Vater seines Volkes und er kann doch nicht ansehen, wie die Stätte seines Heiligtums, wo die Väter ihn anbeteten, der Verheerung verfallen bleiben soll (5–11).

 b) Zweite Schlußrede c. 65. Jehovas Antwort auf das Gebet der Gemeinde.

 Jehova antwortet auf dieses Gebet zunächst mit einem Gerichtswort: Der Zugang zu seiner Gnade stehe offen, daß auch Fremde ihn fänden, aber Israel sei widerspenstig. Dieses Volk, welches Gottes Liebe so beharrlich von sich wies, soll nun Gottes Zorn bis zum äußersten erfahren, und die göttliche Gerechtigkeit wird nicht ruhen, bis sie sich volle Genugthuung verschafft hat (65, 1–7). Aber der HErr verdirbt nicht das ganze Volk, sondern scheidet aus, was sich retten läßt, und gibt diesem Überrest sein Erbe wieder (8–10). Die Gottentfremdeten, die fremden Göttern dienen und sich nicht zu Gott bekehren wollen, werden ohne Erbarmen dem Gericht verfallen (11–16); für die Frommen aber schafft der HErr ein Neues, über welches man den alten Jammer vergessen wird (17–19), einen Zustand vollkommenen Segens und Friedens, wie man ihn auf Erden seit der Vertreibung der Menschen aus dem Paradies nicht mehr gesehen hat. Es ist das Morgenrot der seligen Ewigkeit (20–25).

 c) Dritte Schlußrede c. 66. Ausschluß der Verächter beim bevorstehenden Heile.

 Der Prophet redet die aus dem Exil zurückgekehrte Gesamtheit an, die auf die Pracht des Tempels (Lucä 21, 5), den sie baut, stolz ist, statt daß sie Gott in demütigem gottesfürchtigem Herzen eine Wohnung bereitete, und sagt diesen allen ohne Unterschied, daß Jehova, der Schöpfer Himmels und der Erde, eines von Menschenhänden gemachten Hauses nicht bedürfe; er weist ihre Opfer mit Abscheu zurück und bedroht sie mit gerechter Vergeltung (66, 1–4); derer aber, welche beim Gehör des göttlichen Wortes voll Ehrfurcht zittern, will sich der Herr gegen diejenigen, welche sie darüber verspotten, annehmen (5). Die gottfeindliche Masse in Israel aber verfällt der gerechten Vergeltung Gottes (6). Aber Zion wird darum nicht kinderlos bleiben, sondern durch eine Wunderthat Gottes gebieret sie ein neues Volk (7–9), und wer an Zions gegenwärtigem Leide Anteil nimmt, mag sich im voraus freuen über die Wandlung| alles ihres Leides in Herrlichkeit (10–11). Jehova wendet Jerusalem Frieden und auch den Reichtum der Welt zu (12), und wer dann nach Jerusalem heimkehrt, wird eitel Trost und Freude finden (13–14). Die Erscheinung des HErrn hat aber (für seine Feinde) auch eine schreckliche Seite. Er kommt kriegerisch, furchtbar, zu seinem großen Vergeltungsgericht für die Völker und die gottlose abgöttische Masse Israels (15–17), die Völker, die sich wider ihn sammeln, müssen eine majestätische Gerichtsoffenbarung sehen (18); doch bleiben etliche übrig, die Gottes Herrlichkeit unter den Heiden verkünden. Dann werden diese die Gefangenen aus Israel als Opfergabe zurückbringen, dem HErrn zum Dienst (19–21). Wie der neue Himmel und die neue Erde, so bleibt das neue Israel ewig vor dem HErrn in stetiger Anbetung, und alles Fleisch kommt zur Anbetung Gottes, aber ewige Strafe schaut man an den von Gottes Gemeinde ausgeschlossenen Abtrünnigen (22–24).


§ 42.
Das Buch Jeremia.

 1. Jeremia = der HErr wirft (Israel hin, 15, 1 ff.) – ist laut 1, 1 ein Sohn des Hilkia, eines der Priester, die in Anathoth im Lande Benjamin wohnten. Die Tradition ist ziemlich einstimmig, daß der Vater des Propheten und der Hohepriester Hilkia, welcher das Gesetzbuch Moses auffand und den Anstoß zu der Reformation des Josia gab, eine und dieselbe Person gewesen, aber diese Ansicht ist kaum richtig; denn der Hohepriester dürfte seinen Sitz wohl in Jerusalem und nicht in Anathoth gehabt haben.

 Der Prophet hat seine prophetische Thätigkeit auch in seiner Vaterstadt ausgeübt; eine Warnung des HErrn hat ihn dort vor einem gefährlichen Anschlag seiner Nächsten bewahrt c. 11, 18 etc. Der Hauptschauplatz seines Wirkens war aber die Hauptstadt, Jerusalem. Ob Jeremia priesterliche Dienste verrichtet habe, ist ungewiß, wir wissen nur, daß er das Amt eines Propheten überkommen und geführt. Er wurde zu diesem Amte berufen, als er noch im jugendlichen Alter stand, wohl ehe er das levitische Alter erreicht hatte (1, 6 vgl. 16, 2). Er selbst bezeichnet uns 1, 2. 3 als die Grenzpunkte der Zeit seiner Wirksamkeit das 13. Jahr des Josia (628) und das 11. Jahr des Zedekia (588). Er weissagte also 41 Jahre lang. – Nach der Zerstörung Jerusalems und der Ermordung des Gedalja in Mizpa begleitete der Prophet die aus Furcht vor der Rache der Chaldäer fliehende Menge der Juden nach Tachpanhes (Daphne), einer Stadt bei Pelusium in Unterägypten. Dort| soll er von den Juden gesteinigt worden sein. Doch gibt es eine andere Tradition, der zufolge er von Nebukadnezar, als er in Ägypten einfiel, nach Babylon fortgeführt wurde.
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 2. Jeremias Aufgabe war nach 1, 10 eine zweifache: zu zerbrechen und zu bauen. Er hatte zunächst die schon von Jesaja vielfach geweissagte Zerstörung Jerusalems und Wegführung der Judäer nach Chaldäa als nunmehr nahe bevorstehend zu verkündigen und durch seine Predigt anzubahnen (vgl. c. 1). Das Volk war reif geworden für das Gericht. Manasse hatte den Baalsdienst im ganzen Lande aufgerichtet, und die Propheten, die ihm in den Weg traten, ermordet. Als er in später Reue nach seiner Rückkehr aus Babel den Götzendienst ausrotten wollte, war er schon zu tief gewurzelt, als daß eine gründliche Reformation möglich gewesen wäre. Deshalb lebte der alte Greuel unter Amon alsbald mit neuer Kraft auf. Nochmals bot der HErr nun seinem Volke Heilung an. Josia stellte die gesetzliche Ordnung, so gut er konnte, wieder her; er erneuerte nach der Auffindung des Gesetzes den Bund mit Gott, und das Volk gelobte Treue und Gehorsam. Aber die Umkehr des Volkes war nur eine äußerliche. An die Stelle des groben Götzendienstes trat die Werkheiligkeit, und unter dem Scheine der Gesetzeserfüllung barg sich gottloses Wesen. Wie wenig es durch die Reformation Josias bei der Masse des Volkes zu einer gründlichen Bekehrung gekommen war, zeigte sich, von anderem (c. 44, 15 etc.) abgesehen, augenscheinlich an den Verfolgungen, denen der Prophet unter den Nachfolgern Josias ausgesetzt war. Eine Herbeiführung besserer Zustände innerhalb des dermaligen jüdischen Gemeinwesens war nicht mehr möglich; es mußte untergehen, damit für eine bessere Entwicklung Raum geschafft würde. Im Jahre 610 starb der König an einer Wunde, die er im Kampfe gegen Pharao Necho bei Hadad Rimmon erhalten hatte, auch von unseren Propheten tief beklagt (2 Chr. 35, 25). Mit Josias Tode aber war die letzte Gnadenfrist abgelaufen. Jojakim war verschwenderisch, ungerecht und grausam: er war gänzlich vom HErrn abgewandt, ein bitterer Feind der Wahrheit, ein Verfolger, ja Mörder der Propheten. Es war damals eine schwere Zeit, besonders für unsern Propheten; Priester und König verfolgten ihn, weil er den Untergang Jerusalems| verkündete (c. 7–10; besonders 7, 14; c. 26. c. 36). Als Nebukadnezar (606) bei Karchemisch die Ägypter geschlagen, eroberte er später (602) auch Jerusalem und machte Jojakim tributpflichtig. Jeremias Weissagungen begannen sich zu erfüllen. Dennoch fiel Jojakim 3 Jahre später, als Ägypten sich erhob, von Nebukadnezar ab, der zunächst moabitische und ammonitische Kriegsleute gegen ihn sandte, im Kampf mit welchen der Abgefallene ein schimpfliches Ende fand, und dann persönlich vor Jerusalem erschien. Jechonja, der Sohn und Nachfolger ergab sich und wurde (598) weggeführt: mit ihm der Kern des Volkes, wohl auch Ezechiel. Unter Jojakim, im 4. Jahr desselben, war die bestimmte Weissagung des Gerichtes der 70jähr. babyl. Gefangenschaft ergangen c. 25. – Zedekia wurde König. Auch er wollte die Gerechtigkeit der göttlichen Strafe nicht anerkennen und vermochte nicht von aussichtslosen Freiheitsbestrebungen zu lassen c. 27. Trotz der schweren Eide, mit denen er Nebukadnezar Gehorsam gelobt, machte er mit Pharao Hophra einen Bund und fiel von Babel ab. Vergeblich hatte Jeremia bis zuletzt gemahnt, sich unter Gottes Gericht zu beugen und Nebukadnezar den schuldigen Gehorsam zu leisten. Zedekia war samt dem Volke verblendet; man sah und strafte in Jeremias Worten nur Verrat. So führte denn der neue Abfall den Untergang herbei. Als Nebukadnezar vor Jerusalem lag, da erkannte Zedekia im Gegensatz zu seinen Fürsten in Jeremia den Propheten des HErrn an, vermochte aber nicht zu einer That des Glaubensgehorsams sich aufzuraffen. So wurde Jerusalem erobert, das Heiligtum sank in Trümmer, der König ward geblendet und in Ketten nach Babel geführt, seine Kinder wurden vor seinen Augen getötet, das Volk, das übrig war, wurde zumeist in die Gefangenschaft geschleppt. Eine kleine Hoffnung schien sich für den übrig gebliebenen Rest zunächst mit der Statthalterschaft des frommen Gedalja wieder aufzuthun und nach dessen Tod durch ausdrückliche Gnadenanerbietungen des HErrn; aber der Unglaube an das verheißende Prophetenwort (c. 42) machte auch diese Hoffnung zu schanden; der Rest verließ aus Furcht das Land; damit war das jüdische Gemeinwesen vom Erdboden verschwunden. – So war der Erfolg des Zeugnisses des Propheten zunächst nur der, daß das Volk in seiner Gesamtheit, weil es dem göttlichen Gerichte sich| schlechthin widersetzte und durch die Feindschaft wider den Propheten und sein Wort für den Untergang ausreifte, wirklich unterging. – Aber der Prophet hatte nicht allein niederzureißen, sondern er war auch gesetzt zu bauen. Der bessere Teil des Volkes, welcher in die Verbannung hatte gehen müssen, sollte in der Trübsal diese andere Seite seines prophet. Wirkens erfahren. Den Exulanten sendet er c. 29 heilsamen Rat und herzerquickenden Trost, hiezu gehört auch die Angabe, daß das Exil eine bemessene Zeit, deren Ende man absehen kann, 70 Jahre, dauern werde; noch bevor das Gebäude des bisherigen nationalen Bestandes gänzlich zerbrochen ist, weissagt er die bessere und vollkommenere Wiederherstellung; über den Zusammensturz des schuldbeladenen Alten heißt er hinwegblicken auf die herrliche Zukunft, da alles Verlorene soll wieder gebracht werden, zu ewigem Bestand. Mit solchem Trost hielt er die verzagten Exulanten aufrecht und arbeitete dadurch an dem inneren Wiederaufbau der zertrümmerten Nation (c. 30–33). Den Fortbestand des gegenwärtigen jüdischen Gemeinwesens freilich vermochte er nicht zu retten.
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 3. Eigentümlichkeit Jeremias und seine besondere Stellung unter den Propheten. Jeremia ist die Leidensgestalt unter den Propheten. Allein steht er dem ganzen Volk, das wider ihn ist, gegenüber und kämpft wider Könige, Priester und falsche Propheten, sonderlich im Leben Jeremias treten diese letzteren hervor; aber er hat zu seinem Schutz nicht Feuer vom Himmel, wie Elias; er kann seinen Verfolgern nur begegnen mit der Entschlossenheit zu leiden; sein Los ist ein ganz besonders unglückliches: er hat keine Zufluchtsstätten, dahin er sich zurückziehen könnte; er muß sein Leben in der Mitte seines entarteten und verstockten Volkes zubringen; er ist keine strenge, harte Natur, sondern weich geschaffen, ein Mann von tiefer Empfindung, der von dem Unglück, welches die Unbußfertigkeit seines Volkes über dasselbe bringen wird, selber aufs tiefste ergriffen ist. Er sucht sein Volk zu retten: er ist der beste Vaterlandsfreund, aber statt daß sein treues Bemühen Anerkennung fände, wird er im verblendeten Volk als der ausgesprochene Gegner aller auf die Rettung des Vaterlandes zielenden Bestrebungen, der planmäßig auf den Untergang der Nation hinarbeite, betrachtet und verflucht. Fürwahr ein trauriges Geschick! Unter der Last desselben wandelt ihn die Versuchung an,| in der Ausübung seines Berufes innezuhalten (c. 20, 7 etc.). Er verflucht den Tag seiner Geburt; in dem Aufruf zur Freude an derselben sieht er grausame Verhöhnung (c. 20, 14). Wir haben hier die Schranken des alttestamentischen Frommen, für welchen der Tod noch nicht der Eingang zum Leben und das Abscheiden aus der irdischen Welt noch nicht das Heimkommen zum HErrn war, der dem Tag des Heils erst entgegen ging. Diejenigen, welche Jes. 40–66 im Exil entstanden sein lassen, meinen in Jeremia ein Vorspiel des leidenden Knechtes Gottes Jes. 53 sehen zu dürfen. Aber Stellen wie c. 17, 18; 18, 18 etc.; 20, 14 etc. wollen nicht zu dem Bild der vergebenden Liebe stimmen, wie es Jes. 53, 12 gezeichnet ist. Auch im Verhältnis zu seinen Feinden also zeigt Jeremia den alttestamentlichen Standpunkt (vgl. 1 Sam. 26, 19). Wohl aber erscheint Jeremia als Repräsentant des unter dem Verderben der Gesamtheit mitleidenden Häufleins der Gläubigen (cf. Jes. 8, 16–18) in Stellen wie c. 15, 15–21, wo er übrigens auch spezielle eigene Erfahrungen hineinverwoben hat. C. 10, 24 spricht er im Namen des vergewaltigten Volkes Gottes überhaupt; in c. 12, 17 etc. ist die Feindschaft des Volkes wider den Propheten ein Abbild der feindseligen Erhebung Israels gegen seinen Gott.
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 Die Sprache Jeremias zeigt im allgemeinen nicht den Schwung seines Vorgängers Jesaias: er ist mehr der auch dem gemeinen Mann verständliche Buß- und Strafprediger; seine Reden dehnen sich in die Länge, denn der Stoff, über den er zu reden hat, ist unerschöpflich; das verkehrte sündliche Treiben des Volks gibt ihm immer wieder neuen Anlaß; doch ist seine Gerichtsverkündigung von der Empfindung tiefen Mitleids durchdrungen, wie er denn, freilich vergeblich, bei Gott um Gnade für sein Volk nachgesucht hat. In anderer Weise erscheint die Tiefe seiner Empfindung bei seiner an die Exulanten ergehenden Einladung zur Umkehr, da stehen ihm die ergreifenden Töne zu Gebot, vgl. c. 29, 11–14; c. 31 v. 3, v. 20. – Mehr als bei anderen Propheten treten die eigenen persönlichen Anliegen und Interessen hervor; er klagt dem HErrn, der ihn in das Prophetenamt gesetzt hat, seine äußere und innere Not und empfängt darauf göttliche Antwort (c. 17, c. 18, c. 23 etc.). Seine Erlebnisse bilden einen Hauptbestandteil seines Buches; sie| illustrieren und erklären seine prophetischen Reden. Er ringt mit seinem Volk, ja mit seinem eigenen Geschick; gegen das Ende seiner Wirksamkeit scheint er überwunden zu haben und innerlich ruhig geworden zu sein; das Elend seines Volkes aber bleibt ihm unaufhörlich beklagenswert. Er ist es, der den Klagegesang über die Zerstörung Jerusalems anstimmt.

 Mit Recht hat man an den Weissagungen unseres Propheten den Charakter der Innerlichkeit hervorgehoben. Glauben sucht der HErr, nicht Opfer; eitel ist das fleischliche Pochen auf das Privilegium des Volkes Gottes (c. 7). Das Wort Gottes ist des Herzens Trost. Der neue Bund, den Gott aufrichten wird, besteht darin, daß der HErr das Gesetz in das Herz schreiben wird, so daß alle ihn kennen. Jehova selber wird ihre Gerechtigkeit sein; man wird dann keine Bundeslade mehr besuchen, der HErr selber wird in der Mitte seines Volkes wohnen. – Aber es fehlt seinen Weissagungen auch nicht die leibliche Seite; er sieht die 12 Stämme Israels wiederkehren; Jerusalem wird gebaut, wie es vorher stand; das Geschlecht Davids wird wieder seine alte Stellung einnehmen, desgleichen sollen auch künftig Priester und Leviten vor dem HErrn stehen und ihm dienen; noch werden die Hüter auf dem Gebirge Ephraim zu den Festversammlungen aufrufen; denn der HErr wird Israel aus dem Mitternachtsland wieder heimbringen; das hat Jeremia mit der Deutlichkeit eines Zeitgenossen der babylon. Gefangenschaft verkündet. – Jeremia gehört zu den späteren Propheten; es finden sich in seinen Schriften so viele Anklänge an die früheren, daß man die Benutzung derselben unter seine Eigentümlichkeiten rechnen muß; er pflegt aber den Gedanken der früheren Propheten umzuprägen und in neuer Gestalt zu bringen. So erinnert z. B. c. 3, 6–4, 4 an Hosea c. 2 und 14, in einzelnen Versen ganz auffällig; vgl. 3, 22–25 mit Hos. 14, 3–5. Mit c. 3, 11 aber stellt er Abfall und Strafe Israels in ein neues Licht, c. 8, 7 bringt in neuer Wendung den Gedanken von Jes. 1, 3. Den Gedanken Jes. 40, 12–25, aus dem Jesaja die Exulanten Trost schöpfen heißt, sollen dieselben nach Jeremia 10, 11 zu einem Angriff auf die Eitelkeit des Götzendienstes verwenden. Vgl. auch c. 9, 3–6 mit Mich. 7, 4–6; c. 50, 19 mit Mich. 7, 14 u. s. w.

|  Mit dem neuen Testament hängt Jeremia durch die Weissagung des besseren neuen Bundes c. 31, 31–34 vgl. Hebr. 8, 8 etc. zusammen. Vorgänger ist Hosea 2, 19–20; in gewissem Maß kommt auch Deut. 30, 6 in Betracht. Zu der jesajan. Bezeichnung des Messias mit Immanuel, womit die Vereinigung der Gottheit mit der Menschheit in seiner Person ausgedrückt wird, fügt er die neue: Jehova unsere Gerechtigkeit, in welcher die ganze Lehre von dem Eintreten des HErrn zu unsrer Rechtfertigung enthalten ist. Mit der Offenbarung St. Johannis berührt er sich durch seine Weissagung wider Babel, c. 50 und 51; vgl. Offbg. 18, 4–6; v. 21. Obwohl Wiederholung früherer Weissagungen hat sie doch eigentümliches Gepräge, hauptsächlich durch die persönliche Stellungnahme, die darin zum Ausdruck kommt.
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 4. Die Sammlung der Reden des Jeremia stammt der Hauptsache nach von dem Propheten selber. Dies lehrt uns die wichtige Stelle Jeremia 36, 2 vgl. v. 28 und 32. Die Anlage des Buches ist weniger durch chronologische, als sachliche Gesichtspunkte bestimmt. In der Aufeinanderfolge der Reden zeigt sich das Verderben des Volkes Israel in stetigem Wachsen und die absolute Notwendigkeit des göttlichen Gerichtes, andrerseits aber die heilsame Absicht Gottes und sein Gnadenratschluß über das Volk. Auf solche Weise ist die Katastrophe des Gerichtes, die Zerstörung Jerusalems und die Wegführung des übrigen Volkes, wohl vorbereitet; diese aber ist das Ziel der Weissagung des Jeremia; was jenseits derselben folgt, will teils als Nachtrag, teils als Anhang angesehen sein. – Nur wenig Stellen des Buches werden hinsichtlich ihrer Echtheit angefochten; von c. 10, 1–16 wird gesagt, es unterbreche den Zusammenhang und erinnere offenbar an Jesaja 40, 12–25 (was ja nach der neueren Kritik nur aus dem Exil stammen kann). Letzteres ist richtig, aber entsprechend der reproduzierenden Eigentümlichkeit Jeremias ist er der Entlehnende, nicht Deuterojesaja. Jesaja 40–66 lag ihm bereits vor (cf. die Einleitung zu Jesaja); auch diese Stelle ist ein Beweis dafür. Zum andern fügt sich die Stelle wohl in den Zusammenhang, c. 8, 19 hört der Prophet die Exulanten klagend fragen, ob sie denn Gott verstoßen habe. Er antwortet: sie sollen in ihrem Unglück die Strafe ihrer Sünde erkennen, aber c. 10, 2 etc.| unter den Heiden nicht der Heiden Weise lernen, wozu sie ja schon in ihrem Heimatlande die größte Neigung verrieten – sondern am HErrn, dem lebendigen Gott, festhalten und gegen den Götzendienst Zeugnis ablegen, was jedoch nur die vermögen, welche der Erkenntnis Jehovas c. 9, 23 sich rühmen können. Andrerseits hängt 10, 10 und 10, 14–16 mit c. 10, 23–25 zusammen. Während die Bitte c. 10, 24 sich nur aus c. 9, 23 erklärt, läßt sich der Gegensatz zwischen Israel und den Heiden in v. 25 nur aus der Ausführung c. 10, 1–16 begreifen, nicht aus dem sonst Vorhergehenden. – Der Abschnitt c. 50–51 soll mit c. 27–29 nicht zusammenstimmen, insofern in letzteren vor Erwartung einer nahen Erlösung gewarnt wird. Aber es wird ja in den angezogenen früheren Kapiteln z. B. c. 29, 10 bereits die Zeitdauer des Gefängnisses angegeben, das Ende also schon ins Auge gefaßt. Sodann werden die beiden Weissagungsabschnitte nicht ein und denselben Empfängern übergeben, sondern es ist alles verschieden: die Empfänger, deren Lage, Gesinnung und Bedürfnis.

 5. Inhaltsübersicht.

 Nach der Überschrift, 1, 1–3 folgt als Eingang der Bericht von der Berufung des Propheten, und zwar enthält v. 4–8 den Ruf des HErrn an Jeremia, v. 9 die Weihe, v. 10–16 das Ziel und den Gegenstand seines Amtes. Es ist dies die Vollstreckung des Gerichtes und die Vorbereitung des Heiles, symbolisch angedeutet durch die Vision vom blühenden Mandelstab, welcher den Eifer Gottes kund gibt, mit dem er die Gerichte hervorruft, wie die Blüten aus dem Mandelstab, und durch die Vision vom siedenden Topfe vom Norden her, womit das Verderben bedeutet wird, das von den Völkern des Nordens oder der Ferne unter der Führung der Chaldäer über das abtrünnige Israel kommen soll. Endlich verheißt v. 17–19 dem treuen Knechte Gottes Schutz und Schirm wider alle Feinde.

 Erster Teil c. 2–17: Die Verwerfung Israels in ihrer Entstehung.

 Erster Abschnitt: Die Ursachen der Verwerfung c. 2–10.

 1. Israels Treubruch 2, 1–3, 5.

Israel, das einst dem HErrn in bräutlicher Liebe sich zu eigen gab und dafür Schutz und Schirm von ihm genoß (2, 1–3), hat seine Treue gebrochen, indem schon die Väter Jehovas, ihres Erlösers, vergaßen und ihr Erbe durch Mißbrauch seiner Gaben entweiheten (4–7), die geistlichen Führer des Volkes aber im Abfall vorangingen (8–9). In keinem Volke wird man dergleichen Treubruch gegen die Gottheit finden, und Israel hat noch dazu den lebendigen Gott gegen die toten Götzen vertauscht (10–13)! Dafür wird Israel das| freigeborene, zum Knecht, sein Land zur Wüste, und zwar durch die Freunde, an die es sich gehängt hat (14–16). Denn sie wenden sich zu Ägypten und Assur, ihren Erlöser verlassend, um Hilfe, kündigen ihrem Gott den Dienst und treten in den Dienst der Götzen (17–21). Der Drang zum Abfall ist unüberwindlich und ohne Scham (22–27), obwohl so unbegründet, ja unnatürlich (28–32); er läßt sich nicht verbergen, denn Israel trägt die Malzeichen des Abfalls an der Stirne (33–35). Aber es wird von seiner Buhlschaft bösen Lohn haben (36–37). Gleichwohl ist der HErr bereit, die vielfältige Ehebrecherin wieder zu Gnaden anzunehmen, aber freilich nicht ohne aufrichtige Buße (3, 1–5).

 2. Israels Unbußfertigkeit 3, 6–10, 25.

 a. Gegenüber dem Ruf zur Buße 3, 6–4, 4.

 Juda hat auch durch das Strafexempel, welches Gott an Israel statuiert hat, sich nicht warnen und zur wahrhaften Bekehrung bewegen lassen (3, 6–10). Ja, Israel ist besser als Juda, darum bietet jenem Gott an, daß, wenn es umkehrt, er es heimführen und Jerusalem verherrlichen will (11–17). Doch es soll für Israel und Juda Heil kommen, wenn sie umkehren, denn nicht Gottes Ratschluß, der ihnen ja Heil und Segen bestimmt, sondern ihre Sünde hat sie ins Elend gebracht (18–25). Auch jetzt noch ist Rettung möglich für das bußfertige Israel (4, 1–4).

 b. Trotz des herannahenden Gerichts 4, 5–6, 30.

 Der Prophet verkündet nun das Hereinbrechen des göttlichen Zorngerichtes, indem er die Bewohner Israels zur Flucht vor dem heranrückenden Chaldäerheere und zur allgemeinen Trauer auffordert (4, 5–8). Allen zum Schrecken und in Sturmeseile braust der Feind ins heilige Land – o daß Juda sich bekehrte! – und umringt die heilige Stadt zum Lohn ihrer bösen Werke (9–18)! Vom Schmerz erschüttert schaut der Prophet im Geiste die Verwüstung: sie ist allgemein! Insonderheit ist die heilige Stadt verlassen und verödet: die Würger haben sich von der alten Buhle nicht bestricken lassen (19–31). Die Ursache dieses Gerichtes? Es ist kein Gerechter mehr in Gottes Stadt, nur Heuchler; unbußfertig sind die Kleinen und die Großen, Götzendiener und Ehebrecher sind sie alle (5, 1–9). Ausgerottet sollen werden die Abtrünnigen und Sicheren; was sie nicht glauben, wird durch ein schreckliches Volk, das aus der Ferne kommt, geschehen (10–18). Sie fürchten den nicht, der doch alles in der Hand hat, sie beharren in der Sünde der Ungerechtigkeit und fordern Gottes Rache heraus, und was sie nicht hören wollen, wird geschehen (19–31); der Chaldäer wird das Land überziehen, alles wird vor ihm fliehen; er aber lagert sich vor Jerusalem, brennend vor Verlangen, es zu zerstören; Bollwerke wirft er auf um die Stadt voll Sünden; – möchte sie doch einlenken, ehe sie zur Wüste wird (6, 1–8)! Bis auf den letzten Mann wird Jehova sie vertilgen, weil niemand hört, sondern alle den Sünden nachgehen und die Scham verlernt haben (9–15). Aber es hilft bei diesem Volke weder Ermahnung noch Drohung: sie verachten das Wort; darum wird auch ihr Opferdienst sie vor| dem Untergang nicht retten (16–21). Darum kommt von Norden her ein kriegsgeübtes, grausames, schreckliches Heer vor Zion und umlagert die Stadt; der Prophet hat sie geprüft, aber es ist nichts Gutes an ihr: so verwirft sie denn der HErr (22–30).

 c. Auf Grund falschen Vertrauens auf die Zeichen des Bundes c. 7–10.

 Der Prophet soll im Thore des Tempels zum Volke, das im Tempel ein- und ausgeht, reden, und Tempel und Volk einander gegenüberstellen (7, 1–2). Nur unter Heiligen wohnt der HErr. Israel möge darum seines Tempels nur dann als der Stätte der Gegenwart Jehovas sich getrösten, wenn es abläßt von der Ungerechtigkeit und Abgötterei (3–7). Das Volk betrügt sich, wenn es denkt, es werde trotz seiner schweren Sünden Rettung finden, weil es in den Tempel geht. Der Tempel ist nicht mehr Gottes Stätte, sondern eine Mördergrube: es geht ihm deshalb, wie ehedem dem Heiligtum in Silo: d. h. er wird verlassen werden, seine Besucher aber wirft Gott von seinem Angesichte weg, wie einst den Samen Ephraims, – und Juda, das abtrünnige und götzendienerische, trifft unabwendbares Verderben (8–20). Israel getröste sich auch seiner Opfer nicht, denn die Opfer der Ungehorsamen sind vor Gott verworfen. Gott hat nicht Opfer, sondern Gehorsam zur Bedingung seines Bundes gemacht, die Opfer der von alter Zeit her und beharrlich Ungehorsamen sind ihm ein Greuel (21–28). Verworfen ist das Volk, das Gottes Heiligtum entweiht, und vergelten wird der HErr die blutigen Götzengreuel (29–34). Auch an den längst Verstorbenen wird Gott dann noch die Sünden des Götzendienstes heimsuchen und sie vor ihren Götzen zu schanden werden lassen (8, 1–3). Israel läßt sich ja nimmer wenden; es spürt keinen Zug mehr, zu seinem Gott zurückzukehren (4–9); seine Weisen leiten es gleichfalls nicht zur Buße, sondern verhehlen den Schaden; dafür werden sie zu schanden werden und fallen (10–12), die unbußfertigen Sünder aber wird das unausbleibliche und gänzliche Verderben ereilen (13–17). Aus der Verbannung werden sie um Hilfe rufen und keine finden (18–23). Der Prophet aber möchte entrinnen aus einer Stadt voll Hurerei und Selbstbetrugs; letzterer läßt sie Gott nicht mehr erkennen (9, 1–5). Aber Gott verkündet seine Rache, nämlich Verwüstung des Landes und der heiligen Stadt, weil sie in ihrem Starrsinn sich nicht mehr bekehren lassen (6–13): er stößt sie ins Elend hinaus und sendet ihnen sein Schwert nach, während man auf Zions Trümmern das Klagelied über den Fall der Gottesstadt anstimmen wird (14–21). Aus solchem Jammer wird nichts erretten, als daß man Jehovas Gnade anrufe; nicht aber hilft die Beschneidung: denn wer nicht beschnittenen Herzens ist, wird von Gott als Vorhaut behandelt (22–25). Die Götterfurcht der Heiden ist nichtig; denn die Götzen sind tot, weil von Menschenhänden gemacht aus Stein und Holz (10, 1–6). Darum solle man Jehova, den lebendigen, alleinigen und wahren Gott, und nicht der Hände Werk, die Götzen, fürchten, auf den Herrn vertrauen, den allmächtigen, und nicht auf die ohnmächtigen Götzen (7–16). Der HErr wird das Land Israel verwüsten und seine Bewohner fortführen lassen| durch den Feind, der von Norden kommt (17–23); möge der HErr es mit seinem Volke nicht gar aus sein lassen und es an seinen Verderbern rächen (24–25).

 Übergang vom ersten zum zweiten Abschnitte. Dem Bundesbruch auf seiten des Volkes folgt die Bundesaufhebung auf seiten Gottes (c. 11).

 Der Prophet muß Israel erinnern an das Bundesgelübde, an den früheren Bruch desselben und an Gottes Strafe dafür (11, 1–8). Diesen Bundesbruch der ersten Väter hat Israel jetzt erneuert: deshalb läßt nun Gott Böses über dasselbe kommen, und auch seine vielen Götter werden ihm nichts helfen (9–13); auch der Prophet darf nicht für Israel beten, sondern ohne Erbarmen wird Jehova das heuchlerische Volk, das er selbst gepflanzt, durch sein Feuer wieder verzehren (14–17). Als Thatbeweis für das Verderben in Juda und die Gerechtigkeit des göttlichen Gerichts führt der Prophet noch an, daß die Männer von Anathoth ihm nach dem Leben stunden; aber der HErr habe sein Gericht über sie ausgesprochen (18–23)!

 Zweiter Abschnitt. Des Volkes Verwerfung ist fest beschlossen, unabänderlich c. 12–17.

 1. Jehova, Israels Feind c. 12.

 Der Prophet bittet den HErrn, er möge seine Gerechtigkeit an den Gottlosen, die jetzt im Glücke sind, bald durch das wohlverdiente Gericht offenbaren (12, 1–3), damit nicht das ganze Land für sie leiden müsse (4). Möchte Gott ihrer Bosheit steuern und sie nicht allzusehr überhand nehmen lassen, da sonst niemand mehr im Lande leben könnte! Der HErr antwortet: Es wird noch schlimmer kommen. Darum muß ich mein Liebstes dem Feind übergeben. Zum Feinde ist mein Volk mir worden, zum Feinde will ich ihm wieder werden, indem ich sein Erbteil dem fremden Volke zur Verwüstung preisgebe (5–13); doch will ich mich wieder meines Volkes wider seine Feinde annehmen, die Macht der Heiden stürzen und mein Volk, das jetzt entwurzelte wieder einpflanzen, auch die Heiden, die ehemaligen Verführer, so sie sich bekehren, unter ihm erbauen; die Unbußfertigen aber vertilgen (14–17).

 2. Jehova wirft Israel als unnütz weg c. 13.

 Das Volk, das Gott von seinem Angesichte verwirft, weil es sich von seinen Sünden nicht mehr reinigen läßt, wird in die Fremde weggeführt, um hier zu verderben (13, 1–11); wie man die Krüge mit Wein füllt, so erfüllt Gott das Volk ohne Ausnahme mit Taumelgeist, um es dann wie Krüge ohne Erbarmen zu zerschellen (12–14). Möchten sie doch hören und Buße thun, ehe denn solch ein Unglück hereinbricht (15–17)! Jerusalem und die Städte Judas werden gedemütigt und alle ihre Herrlichkeit nimmt ein Ende, denn der Buhle kommt und bringt Schmach und Schande über die unverbesserliche Ehebrecherin (18–27).

 3. Jehova nimmt keine Fürbitte an c. 14, 1–15, 9.

 Dürre und Hungersnot drängen den Propheten zur Fürbitte für sein Volk (14, 1–6): Israel sagt er, hat Hilfe wohl nicht verdient, Gott wolle| aber um seines Namens willen helfen und sich nicht stellen, als ginge ihn die Not nichts an, oder als könnte er nicht helfen (7–10). Jehova antwortet: Ich will nicht helfen, sondern mit dieser Not des Volkes Sünde heimsuchen. Weder Fürbitte, noch Opfer, noch der Umstand, daß Israel durch falsche Propheten verführt ist, soll etwas helfen, sondern die Verführer samt den Verführten soll Hunger und Schwert (11–16) und namenloses Verderben treffen, dem niemand steuern wird (17–19). Noch einmal fleht der Prophet um Hilfe. Um seiner Ehre willen und weil er es allein vermag, möge der HErr helfen (20–22). Aber der HErr weist alle Fürbitte schlechthin ab. Er hat dies Volk dem Verderben geweiht, und es soll sich alles vereinen, damit Manasses Sünde, Götzendienst und Prophetenmord, gerichtet werde. Wie das Volk dem HErr gethan, so will ihm nun der HErr auch thun, nämlich es verstoßen und verderben (15, 1–9).

 4. Der Prophet möge in seinem schweren Berufe ausharren c. 15, 10–21.

 Hierauf klagt der Prophet über seinen schweren Beruf, und der HErr sagt ihm Hilfe zu gegen seine Widersacher (10–14). Der Prophet bittet weiter, der HErr wolle damit nicht säumen, er wisse ja selbst, daß er um Gottes willen Schmach tragen müsse. Gottes Wort sei seine einzige Freude gewesen, allzeit habe er sich zu Gott gehalten; nun aber drohe er unter der Last der göttlichen Ungnade zu erliegen (15–18). – Der Prophet hat sich von der Schwere seiner trüben Erfahrungen überwinden lassen; das war sündlich und Gott hat ihm das zu fühlen gegeben (vgl. c. 1, 17); dem Umkehrenden aber verheißt der HErr Wiederannahme, Sieg, Schutz und Schirm wider seine Feinde (19–21).

 5. Jehova läßt Israel mit Schimpf untergehen c. 16.

 Seuche, Schwert und Tod streckt die Scharen des Volkes in den Staub nieder und niemand soll sie beklagen (16, 1–9). Trauer wird einkehren, weil sie von Gott abgefallen sind, und die, welche Gott nicht dienen wollten, werden in fremdem Lande fremden Göttern dienen müssen (10–15). Der HErr hat Fischer und Jäger bestellt, die sie fangen sollen für alle ihre Gräuel, er offenbart seine Macht, daß selbst die Heiden ihn erkennen müssen (16–21).

 6. Jehova bezahlt je nach Verdienst c. 17.

 Israels Götzenkulte haben den Zorn Jehovas erregt, und er gibt die, welche ihre Ehre und ihr Erbe weggeworfen, in fremde Hände (17, 1–4). Je nachdem die Menschen auf das Irdische oder auf den HErrn sich gründen, haben sie Verderben oder Heil zu erwarten (5–10). Den Frevler, den Abtrünnigen verläßt das Glück, weil er den Herrn verläßt, aber den Propheten, den treuen Knecht, möge der HErr schirmen und ihn an seinen Widersachern rächen (11–18). Wenn Israel des Herrn Sabbate nicht mehr entheiligen wird, so wird der HErr das Reich David von neuem segnen (19–26), außerdem verzehrt sie Gottes Rache (27).

|  Zweiter Teil c. 18–19: Die Besiegelung der Verwerfung.

 1. Der HErr hat das Verderben Israels beschlossen, aber er ist an seinen Beschluß nicht gebunden (18, 1–10). Wenn sie umkehrten, würde er jetzt noch sie begnadigen (11). Aber sie bestehen fest auf ihrem Abfall (12–15), fordern Gottes Rache heraus (16–17) und trachten den Propheten nach dem Leben wegen seines Wortes (18), so daß nun selbst der Prophet Gott um das Gericht über dieses Volk anruft (19–23).

 2. Der Prophet verkündigt nun im Thale Ben Hinnom, wo die schwerste Sünde, das Molochsopfer, dieser zuvor nie erhörte Greuel, geschieht, vor dem versammelten Volke Gottes Gericht über dasselbe, indem er zuerst an die Sünden erinnert, die an diesem Orte begangen wurden, und dann das denkbar schwerste Gericht verkündet, welches an eben diesem Orte für solche Sünde ergehen wird (19, 1–9). Zum Zeichen dieses Gerichts muß der Prophet den irdenen Krug, das Sinnbild des in seiner Sünde hart und unabänderlich gewordenen Volkes, zerschmeißen (10). So vernichtet der HErr für immer dieses Volk: denn ganz Jerusalem ist ein Tophet (Greuelstätte) und soll deshalb auch als Tophet behandelt werden (11–13). Dieses Zeugnis wiederholt und besiegelt der Prophet im Vorhof des Tempels (14. 15).

 Dritter Teil c. 20–45: Der Vollzug der Verwerfung.

 Erster Abschnitt: Das Gericht Gottes über die Ursächer des Verderbens c. 20–23.

 1. Spruch über die Priester c. 20.

 Paschur, der Priester und Oberaufseher des Tempels, legte den Propheten für jene Weissagung im Vorhof (s. 19, 14–15) ins Tempelgefängnis (20, 1–2). Dafür verkündigt der Prophet dem Paschur, der das Volk betrügt, daß ihn und seinen Anhang alles treffen werde, was sie nicht hören wollen (3–6). Den Propheten aber drückt sein Amt so schwer! Wenn er redet, so spotten sie, und schweigt er, so brennt’s in ihm! Sie wollen ihn töten, doch er tröstet sich, daß der HErr für ihn und sein Wort selbst einstehen werde (7–13). Dieser Trost wird dann aber seinem Auge wieder entrückt, und er verwünscht von wegen solchen jammervollen Daseins den Tag seiner Geburt (14–18).

 2. Spruch über die Könige c. 21–23, 8.

 Zedekia, von Nebukadnezar belagert, begehrt vom HErrn die Rettung durch ein Wunder, wie es zu Zeiten des Hiskia geschah (21, 1–3). Aber statt der Wunderhilfe wird der HErr die eigenen Waffen der Juden gegen sie selber kehren, denn er hat die Stadt in seinem Zorn dem Untergang geweiht (4–7). Deshalb kann sich nur retten, wer die Stadt verläßt und dem von Gott zur Rache gesandten Feinde sich ergibt (8-10). Das Königshaus soll durch eifrige Übung des Rechtes Gottes Zorn abwenden (11–12). Möge sich die Stadt nicht auf ihre Festigkeit verlassen! Denn der HErr geht selbst an sie, und sein Zornesfeuer wird sie verzehren (13–14). Das Haus Davids kann nur gerettet werden, wenn es sich von der Ungerechtigkeit reinigt, wofern es aber dies nicht thut, so ist das Verderben für dasselbe schon bereit (22, 1–9). – Sallum| wird sein Vaterland nicht wieder sehen, sondern in der Gefangenschaft sterben (10–12). Jojakim, der Hoffärtige und Ungerechte, wird weggeschleudert und findet ein schmachvolles Ende (13–19). Alle Welt höre es: das ungehorsame Juda verfällt dem Gerichte, weil seine Hirten es nicht zur Wahrheit und zum Gehorsam führen, sondern selber dem Nichtigen dienen. Deshalb wirft Jehova auch Jechonja weg, und er soll keinen Erben haben, der ihm auf dem Throne folgte (20–30). – Der HErr wird die Hirten des Volkes heimsuchen, weil sie auf die Herde nicht Obacht geben, sondern sie verderben und zerstreuen (23, 1–2); seine Herde, die jetzt zerstreute, wird er sammeln und unter die Weide des guten Hirten stellen, welchen er aus Davids Haus erweckt, nämlich jenes zukünftigen Königs, dessen Name heißt: Jehova unsere Gerechtigkeit. Dieser wird sein Volk erlösen und unter ihm wird es sicher wohnen (3–8).

 3. Spruch über die Propheten c. 23, 9–40.

 Sie sind die Hauptursächer des Verderbens, denn von ihrem bösen Beispiele ist das Verderben über das ganze Land ausgegangen (23, 9–15); sie betrügen ferner das Volk durch ihre Weissagungen, denn sie leugnen die Gerichte Gottes weg und stärken so das Volk in seinen Sünden; aber was sie leugnen, wird auf ihr Haupt fallen (16–22). Der HErr sieht und hört es, wie sie durch ihre Träume das Volk von ihm abwendig machen, indem sie ihr Wort für Gottes Wort ausgeben (23–30). Der HErr wird an die Propheten gehen, die in seinem Namen Lügen reden und das Volk verführen, welche mit dem Wort „Last“, welches der Prophet zur Bezeichnung des kommenden Gerichts braucht, ihren Spott treiben. Ewige Schmach wird sie dafür treffen (31–40).

 Zweiter Abschnitt: Das Gericht über das Volk im ganzen oder die Gefangenschaft in Babel c. 24–29.

 1. Dieses Gericht wird eingeleitet durch die Auswahl der besseren Elemente aus dem Volke, welche nach Babel geführt werden, um sie hier für eine bessere Zukunft aufzusparen, während die anderen untergehen sollen (c. 24).

 2. Der Vollzug des Gerichtes.

 a) Er besteht in der Unterwerfung Judas unter das babylonische Joch auf 70 Jahre (25, 1–11), nach Verlauf von welcher Zeit das Gericht auch über Sesach d. i. Babel, ja über alle Völker des Erdkreises von nah und fern ergehen soll, denn diese sind nicht besser als das Volk Gottes (12–31); alle Völker wird der HErr austilgen am Tage seines Zornes (32–38). Der Vollzug des Gerichts besteht weiter in der Zerstörung des Tempels und der Stadt Gottes (26, 1–6), welche der Prophet trotz der Angriffe, die er deshalb leiden mußte, bestätigt (7–16), wie denn auch Älteste durch Anführung älterer Weissagungen dieses Wort bestätigen und das Volk zur Buße ermahnen (17–24). Alle Völker ringsum müssen unter das Joch Babels; wer sich durch die Lügenpropheten verführen läßt und sich dessen weigert, der stürzt sich ins Unglück; wer sich willig darunter beugt, der wird Erlösung finden (27, 1–11). Zedekia und Jerusalem wird vor der Stimme derer gewarnt, welche das baldige| Aufhören der Knechtschaft und die baldige Wiederkehr der Gefangenen weissagen, denn auch das, was noch übrig ist, muß ins Exil (12–22).

 b) Der Vollzug des Gerichtes wird bestätigt durch Zeichen des HErrn. Das erste geschieht an Chananja, welcher sich wider das Zeugnis von dem nahen Gericht erhebt und das Gegenteil behauptet (28, 1–11), von dem HErrn aber als Lügner gestraft wird, indem er ihn zwei Monate später dahinrafft (12–17). Das zweite Zeichen geschieht an dem Lügenpropheten Semaja. Jeremia richtete nämlich an die Gefangenen in Babylon ein Sendschreiben und ermahnte sie, sie sollten nicht an baldige Rückkehr denken, sondern vielmehr Babel zunächst als ihre Heimat ansehen und allen, die es anders sagen, keinen Glauben schenken (29, 1–9), denn erst nach 70 Jahren werde der HErr die Gefangenen heimführen (10–15), die Zurückgebliebenen aber würden wie böse Feigen weggeworfen oder müßten unter den Völkern, wohin sie zerstreut werden, ein Fluch sein (16–20), die Propheten aber, die den Gefangenen das Gegenteil sagten, würde Gott finden (21–23). Da schickte Semaja, der Lügenprophet, ein Schreiben nach Jerusalem, daß man Jeremia dieses Sendschreibens halber ins Gefängnis lege, aber der HErr ließ ihm durch Jeremia nach Babel sagen, daß er und sein Haus um dieser Lügen willen das Heil nicht schauen sollen (24–32).

 Dritter Abschnitt: Der Trost bei dem Hereinbrechen des Gerichtes c. 30–33.

 1. Er besteht erstlich in der Verkündigung von der Wiederherstellung des Volkes, das Gott jetzt wegführt; sie geschieht, wenn Gottes Stunde kommt (30, 1–3). Jetzt bricht eine Not herein, in der man schier verzagen wird, weil sie ohnegleichen ist; aber der HErr wird sie wenden, indem er das Joch der Heiden zerbricht und seinem Volke den verheißenen König aus dem Hause Davids gibt, denn dies Gericht bezweckt ja nicht den gänzlichen Untergang Israels, sondern nur die Erfüllung des Jehova gebührenden Rechtes (4–11). Israel muß freilich jetzt ins Gericht und niemand kann ihm davon helfen, aber der HErr wird die Wunden, die er ihm jetzt schlägt, wieder heilen (12–17); er wird sein Volk wieder herstellen, und zwar durch ein schreckliches Zorngericht über den Feind Gottes (18–24).

 2. Der Trost besteht ferner darin, daß dann ganz Israel zur Gemeinde Gottes vollendet werden wird (31, 1). Das Gnadenwerk, das der HErr mit der Erlösung aus Ägypten begonnen, wird er am Ende wieder aufnehmen, indem er das jetzt zerbrochene Haus Israels wieder aufbaut (2–6). Dies geschieht so, daß der HErr die übriggebliebenen Trümmer des Hauses in der Fremde sammelt und wieder in ihr Erbteil einpflanzt. Dann wird alle Trauer sich in Freude kehren (7–14). Deshalb klage Rahel nicht, als ob es mit ihren Kindern aus wäre, diese Trübsal bringt ja eine reiche Frucht, denn Ephraim wird durch das Leid des Gerichtes zur Buße kommen, der HErr aber wird sich des Bußfertigen erbarmen und ihm sein Heil schenken (15–27). Wenn das Volk erst reumütig seine Schuld erkennt, dann wird der HErr einen neuen| Bund mit ihm aufrichten, so zwar, daß Gottes Gesetz mit ihrem eigenen Willen eins ist, also daß sie keines Zwanges mehr bedürfen; Israel ist dann in allen seinen Gliedern des heiligen Geistes voll, steht in wahrer Gemeinschaft mit dem HErrn und hat die Vergebung seiner Sünden (28–34). Israel bleibt trotz dem, daß ein Teil durch seine Sünde zu Grunde geht, als Volk bestehen. Jerusalem wird wieder aufgebaut, alles Unreine geheiligt, so daß die Stadt nie mehr Gegenstand des göttlichen Zornes sein wird (35–40).

 3. Der Trost besteht endlich in der Wiedereinnahme des Landes der Verheißung. Des zum Zeichen muß Jeremia, der Gefangene des Zedekia (32, 1–6), auf Jehovas Befehl in aller Form Rechtens einen Erbacker kaufen und den Kaufbrief aufbewahren, damit das Volk sehe, daß er an den künftigen Wiederbesitz des Landes glaube (7–15). Jeremia selber fühlt Zweifel, da ja Jerusalem in Kürze in die Hände der Feinde fallen wird (16–25), aber der HErr wiederholt das Wort der Verheißung: Er will Israels Gefängnis wenden und sein Volk, mit dem er einen ewigen Bund geschlossen, wieder in sein Land einpflanzen und seinen Segen an ihm offenbaren. Dann wird man wieder Äcker kaufen (26–44). Auch die Stadt Jerusalem, die jetzt in die Hände der Feinde gegeben wird, wird wieder hergestellt und wird die heilige Stadt Gottes unter den Völkern (33, 1–9). Das verwüstete Land wird dann durch den Segen des HErrn wieder neubelebt und freudenvoll; aus Davids Hause aber sproßt der hervor, welcher heißt: Jehova unsere Gerechtigkeit, und gründet ein ewiges Reich (10–18); ewig fest steht der Bund mit David und dem Haus Levi und mit Abraham, Isaak und Jakob, und auf den tiefen Fall der Gegenwart folgt ein ewiges Auferstehen für die Erwählten (19–26).

 Vierter Abschnitt: Die letzten Versuche zur Bekehrung des Volkes vor dem Eintritt des Gerichtes und die letzten Beweise von des Volkes Unverbesserlichkeit c. 34–38.

 Wie das Volk allen Versuchen Gottes, es zuletzt doch zur Umkehr zu bewegen, widerstrebt, so daß zuletzt durchaus nichts übrig bleibt, als die Vollstreckung dieses Gerichtes, dies zeigt

 1. das Verhalten gegen das Gesetz des HErrn c. 34. 35.

 Während das Heer der Feinde schon vor der Stadt liegt und Zedekia so gut wie verloren ist (34, 1–5), geht das Volk in sich und hebt eine alte Schuld auf, indem es die widerrechtlich in der Knechtschaft zurückgehaltenen israelitischen Sklaven frei läßt; aber es gereut sie diese That alsbald wieder, und so wenig ernst ist ihre Buße, daß sie die schon freigegebenen wieder zurücknehmen. Die Bande, welche sie nicht gelöst, wird nun der HErr lösen, indem er die Herren und Knechte durch das Schwert der Feinde wegrafft, Jerusalem und die Städte Judas zur Einöde macht (6–22). – Noch mehr aber erhellt das gesetzeswidrige Wesen des Volkes aus dem Vergleich desselben mit den Rechabiten. Diese, ein Nomadenstamm aus dem Geschlechte der Keniter (1 Chr. 2, 55 und 2 Kge 10, 15), in einem Grenzbezirke Palästinas, waren vor den andringenden Chaldäern nach Jerusalem geflohen. Jeremia mußte sie nun auf Gottes Befehl einladen, Wein| zu trinken, sie aber wiesen ihn zurück, um das Versprechen nicht zu brechen, das ihr Vater Jonadab ihnen abgenommen hatte. Darum soll aber auch das Haus Rechabs erhalten bleiben, wenn über Juda das Verderben kommt (c. 35).

 2. Zum Beweis der Unverbesserlichkeit des Volkes dient ferner das Verhalten gegen das Weissagungswort des HErrn c. 36.

 Jeremia bekommt Befehl, seine Weissagungen aufzuzeichnen und sie dem Volke vorzulesen, ob es sich vielleicht besinne und umkehre. Baruch liest sie dann im Vorhof des Tempels dem Volke, dann den Fürsten, und diese zuletzt dem Könige vor, dieser aber zerschneidet sie und wirft sie in das Feuer, weil darin von der Verheerung Jerusalems und der Wegführung nach Babel geschrieben stand. – Dafür wird dem Hause Davids und dem ganzen Volke verkündigt, daß die Drohung unweigerlich sich erfüllen werde, die Weissagungen aber muß der Prophet von neuem aufzeichnen (c. 36).

 3. Endlich erkennt man die absolute Unverbesserlichkeit des Volkes und die schlechthinige Notwendigkeit des Gerichtes aus seinem Verhalten gegen die Propheten c. 37. 38.

 Jeremia mahnt in der Zeit, wo das feindliche Heer den Ägyptern entgegengezogen ist, das Volk den Chaldäern sich zu ergeben. Darauf will er selbst die Stadt verlassen und in seine Heimat gehen, aber er wird unter dem Thore aufgehalten, zu den Fürsten zurückgeführt, von diesen geschlagen und in das Gefängnis gelegt. Zedekia läßt ihn holen und fragt ihn um ein Wort Gottes; obwohl er von dem Propheten sein Urteil hören muß, so mildert er dennoch sein Gefängnis (c. 37). Wieder ermahnt der Prophet das Volk, zu den Chaldäern hinauszugehen und sich ihnen freiwillig zu unterwerfen; darauf wird er in eine Grube voll Schlamms geworfen, worauf ihn ein Heide, Ebed Melech, rettet. Der König läßt ihn zu sich kommen und fragt ihn um ein Wort des HErrn. Der Prophet rät dem König, zu den Chaldäern zu gehen, dieser lehnt es aber aus Furcht vor den Fürsten ab, worauf der Prophet in das Tempelgefängnis zurückkehrt und hier bis zum Tage der Einnahme Jerusalems verbleibt (c. 38).

 Fünfter Abschnitt: Das Gericht über Jerusalem c. 39.

 Die Stadt Jerusalem wird eingenommen (39, 1–2), Zedekia wird von Nebukadnezar seiner Kinder beraubt und geblendet nach Babylon abgeführt, die Stadt aber und das Heiligtum verbrannt, endlich das ganze Volk in die Gefangenschaft geschleppt (3–10). Jeremia und Ebed Melech entrinnen dem Verderben (11–18).

 Sechster Abschnitt: Die Nachlese c. 40–45.

 1. Ismael und Gadalja c. 40–41, 10.

 Es läßt sich an, als wenn die Übriggebliebenen Frieden haben sollten. Die Versprengten sammeln sich: Gedalja als Staathalter, Jeremia als geistlicher Beistand leiteten die Kolonie in Mizpa (c. 40). Da überfällt Ismael, angereizt vom moabitischen König Baalis, den Gedalja, mordet ihn und| zwingt den Rest des Volkes, mit ihm nach dem Ammoniter-Lande zu fliehen (41, 1–10).

 2. Die Flucht nach Ägypten 41, 11–c. 45.

 Jochanan, der Führer der zersprengten israelitischen Heereshaufen, ereilt Ismael, die jüdische Menge wird gerettet. Diese selbst will nun aus Furcht vor den Chaldäern nach Ägypten fliehen, zuvor aber von dem Propheten die göttliche Bestätigung für ihr Vorhaben erlangen. Der Ausspruch Gottes geht dahin, daß sie im Lande bleiben sollen, Gott werde sie vor den Chaldäern schützen, während sie, wenn sie nach Ägypten fliehen, dort das Verderben ebenso erreichen wird, wie die Stadt Jerusalem (c. 41, 11–c. 42). Aber Jochanan hört nicht auf das Wort des HErrn, sondern zieht mit dem Reste und mit Jeremia nach Ägypten. In Ägypten muß Jeremia auf Befehl Gottes sofort verkündigen, daß die Chaldäer auch Ägypten erobern und alle Juden töten werden (c. 43). Die Juden fallen auch hier wieder alsbald vom Gesetze des HErrn zum Götzendienste ab, trotz des Strafexempels, das sie an Juda und Jerusalem erlebt. Deshalb droht der Prophet wiederholt, daß Gott auch den Überrest vertilgen werde (44, 1–14). Sie berufen sich gegen den Propheten auf den Vorgang der Väter und behaupten, daß sie, so lange sie der Astarte gedient, immer Glück gehabt hätten, und daß ihr Unglück daher stamme, daß sie der Himmelskönigin nicht mehr opferten. Hierauf entgegnet Jeremia, daß gerade um des Götzendienstes willen Jerusalem und Juda jetzt wüste lägen. Auch über sie würde das Gericht kommen, und zum Zeichen, daß dies geschähe, würde Pharao Hophra, auf den sie sich verließen, demnächst in die Hände der Chaldäer fallen (15–30). An dieser Stelle fügt der Prophet, angekommen bei dem letzten Verderben über Juda, einen Trost für die an, die der bösen Tage müde werden und einmal wieder gute Tage sehen wollen. Wo alles untergeht, sagt der HErr, ist der einzelne zufrieden, wenn er seine Seele rettet (c. 45).

 Erster Anhang: Die Weissagungen über die Völker der Erde c. 46–51.

 1. Ägypten (c. 46), das sich auf seine Macht verläßt, wird eine Niederlage bei Karchemisch erleiden und der babylonischen Weltmacht erliegen (2–12). Nebukadnezar wird auch nach Ägypten kommen und es schlagen: vor seinen Schlägen sinkt alle Stärke und Wehr Ägyptens dahin (13–26), während Israel, wenn es mit den Völkern aus sein wird, Erlösung finden soll (27–28).

 2. Über das Land der Philister, dazu über Tyrus und Sidon (c. 47) fluten die Mengen der Chaldäer herein, so daß die Philister allen Mut sinken lassen. Das Schwert Gottes würgt so lange, bis es sein Werk gethan.

 3. Keine Stadt in Moab (c. 48) soll vom Verderben verschont werden, weil sie ihr Vertrauen auf ihre Werke und ihre Reichtümer setzen (1–8). Moab, das bis jetzt in sicherer, stolzer Ruhe dahingelebt, vertrauend auf seine Stärke, wird nun aufgeschreckt, denn sein Verderben ist vorhanden (9–18). Überall hin dringt das Unglück, von allen Seiten her hört man die Klagen (19–25). Das geschieht um des Hochmuts der Moabiter willen: worauf sie| stolz waren, das wird ihnen nun zerstört (26–35). Darum herrscht allgemeine Klage und Trauer in Moab (36–39). Das alles ist ein Gericht der Vergeltung vom HErrn, dem niemand entrinnen kann; doch am Ende findet auch Moab das Heil (40–47).

 4. Dem Volke der Ammoniter (c. 49, 1–6), welches Israel das Seine genommen, wird Verwüstung und Gefangenschaft angekündigt, und keine Macht wird ihm dagegen helfen können. Aber am Ende kommt auch für Ammon eine Erlösung aus der Gefangenschaft.

 5. Die Weisheit Edoms (c. 49, 7–22) wird zu Schanden werden, wenn der HErr es heimsuchen wird, denn der HErr hat beschlossen, Edom zur Wüste zu machen, wenn er auch der Waisen und Witwen schonen will (7–13). Edom vertraute auf den Schutz seiner Felsenhöhen, aber der HErr wird die Edomiter auch dort oben finden und von ihren Höhen herabstürzen (14–18). Edom wird der gewaltigen Hand Gottes nicht widerstehen können, sondern bebend seinem Gerichte erliegen (19–22).

 6. Damaskus (c. 49, 23–27), die üppige, stolze ist gefallen (23–25); ihre Helden und ihre Pracht ist dahin (26–27).

 7. Gegen Kedar und Hazor (c. 49, 28–33) entbietet Jehova die Chaldäer; sie raffen das Ihre zusammen und flüchten (28–31). Sie, die so ruhig und so zuversichtlich sind, schlägt Verwüstung und Verödung (32–33).

 8. Wie Elams (c. 49, 34–39) Bogen, so wird sein ganzes Wesen zerbrochen (34–35); in alle Winde wird er zersplittert und der Elende verzagt vor Jehovas Gericht, doch wartet auch seiner am Ende noch das Heil (36–39).

 9. Es kommt der Tag, wo es auch von Babel (c. 50. 51) heißen wird: Sie ist gefallen. Dann wird Israel mit Ernst zu seinem Gott sich wenden (50, 1–6). Israel fiel um seiner Sünde willen Babel in die Hände, aber nun wird es frei, wenn Babel fällt, und ihr geschieht, wie sie an andern gethan (7–16). Denn der HErr rächt sein Volk an Babel, wie ehedem an Assur; er führt es zurück und vergibt ihm alle seine Sünde (17–20). Babel hat die ihr von Gott gegebene Macht mißbraucht und sich wider den HErrn versündigt. Deshalb sucht der HErr sie nun heim und bezahlt ihr alles, was sie an anderen gethan (21–30). Er macht Babels frechen Mut nun zu nichte (31–32). Israels Erlöser ist stärker, als ihre Zwingherrin; er entsendet sein Schwert wider alles, was groß und mächtig ist in Babel: er hat ein gewaltiges Heer wider sie entboten, welches die Gewaltige bezwingen wird (33–46). Die Feinde fällen schonungslos die Einwohner Babels, denn Jehova hat seines Volkes gedacht und rächt es an Babel; Jehova rächt auch die Völker, welche Babel berauscht und verführt hat, und läßt dafür unheilbares Verderben kommen: die Meder sind bestellt, um das Gericht ohne Abzug zu vollstrecken. Jehova ist der HErr, der Schöpfer aller Dinge, die Götter aber sind nichts. Er hat Babel zum Vollstrecker seiner Gerichte über die Völker und das Volk Gottes gemacht, nun aber wird an Babel selber das Gericht vollstreckt, für den Frevel an Zion (51, 1–23). Babel hat Gottes Stadt verschlungen, das vergilt ihr Gott| (24–35). Zur Rache für sein Volk läßt er sie im Rausch einschlafen und nimmer erwachen, läßt er ihre Bewohner schlachten, macht ihr Land zur Wüste und nimmt ihr alles ab, was sie geraubt hat. Das in Babel gefangene Israel soll bei Zeiten sich in Sicherheit bringen und die gottgeschenkte Möglichkeit zur Rückkehr nach Jerusalem benützen, sie aber die stolze, himmelanstrebende Babel, die an des HErrn Heiligtum sich vergriffen hat, fällt, denn der Stärkere ist über den Starken gekommen (36–58). Bestätigung der Weissagung durch eine symbolische Handlung (59–64).

 Zweiter Anhang. Historischer Bericht über die Erfüllung der jeremianischen Weissagungen über die Stadt Gottes c. 52.


§ 43.
Das Buch des Ezechiel.

 1. Ezechiel, Sohn Busis aus angesehenem Priestergeschlecht, (1, 3) wurde im Jahre 598 v. Chr. mit Jojachin und andern vornehmen Judäern ins Exil geführt (vgl. 2 Kön. 24, 15). Es scheint, daß er bereits in reiferem Alter stand und eine zeitlang priesterliche Dienste verrichtet hatte. Wenigstens war er Zeuge von der Plünderung des Tempels durch Nebukadnezar, 2 Kön. 24, 13 und hatte eine genaue Kenntnis des alten Heiligtums in seinen einzelnen Teilen, vgl. 8, 15–16 u. a. Sein Aufenthaltsort war Tel-Abib an den Ufern des Kebar in Babylonien. Hier war er förmlich ansäßig (3, 24; 8, 1; 24, 18); der Ort war ein Mittelpunkt der Exulanten. Erst im fünften Jahre der Wegführung, wohl infolge der Mitteilung der Weissagungen des Jeremia über Babel (Jer. c. 50. 51), welche die Sicherheit unter den Exulanten wieder steigern mochte, wurde Ezechiel zum Propheten für die Exulanten berufen. Diese sammelten sich oft im Hause des Ezechiel (8, 1; 11, 25; 14, 1; 20, 1; 24, 18 ff.; 33, 31. 32); er führte unter ihnen das geistliche Hirten- und Wächter-Amt (3, 16–21).

 2. Ezechiel hatte zunächst dieselbe Aufgabe für die Exulanten zu lösen, wie Jeremia für die Bewohner von Jerusalem; er hatte ihnen die Zerstörung Jerusalems zu verkündigen (vgl. Ezech. 2, 8 bis 3, 5). Und zwar sollte er ein doppeltes erreichen: 1. mußte der Wahn vernichtet werden, als stehe es nicht wirklich so schlimm um das Volk Gottes, als die Propheten sagen, und als würde Jerusalem nicht zerstört. Es war nachzuweisen, daß Jerusalem wirklich zerstört und das Volk Gottes weggeführt werden wird. 2. Sodann| war nachzuweisen, daß dieses Gericht ein wohlverdientes sei, damit die, so es hörten, dadurch zur wahren Buße getrieben würden und so an ihnen erreicht werden möchte, was an den Zurückgebliebenen zu erreichen nicht möglich war. – So war also das nächste Ziel der Weissagung die Zerstörung Jerusalems. Aber während hier Jeremias Wirken aufhörte, hatte Ezechiel nochmals anzufangen, – denn er sollte ja den bereits dem Verderben Entronnenen und für die bessere Zukunft Aufbehaltenen predigen. Nun galt es der Verzweiflung zu wehren und es mußte nicht bloß die Buße, sondern auch die Hoffnung geweckt werden, damit das Volk Gottes auch in der Fremde seinem Berufe Gottes Volk zu sein, treu bleibe. So klar im ersten Teile das Gericht, so klar, bestimmt und allseitig wird im zweiten das Heil gezeichnet, nämlich die Aufrichtung eines neuen bessern Tempels und Jerusalems anstatt des zerstörten. In der That hat der Prophet mächtig auf die Exulanten eingewirkt, nachdem der HErr durch das große Gericht ihm den Zugang zu den Herzen geöffnet hatte. Wie ließe sich auch sonst die Umwandlung erklären, die mit den Juden im Exil vorgegangen ist, indem aus Götzendienern Eiferer für Jehova, aus Gesetzlosen Gesetzeskundige und der Gerechtigkeit Beflissene wurden? Unterstützt wurde der Prophet ohne Zweifel durch den Eindruck der großen Wunder, die am Hof Nebukadnezars und seiner Nachfolger geschahen, von welchen das Buch Daniel erzählt. Der zweite Teil seines Amtes begann mit der Zeit, wo Jerusalem zerstört war. Zwischen beiden Teilen liegt ein Weissagungscyklus, der die Heiden betrifft. Er leitet vom Gerichte über Gottes Volk zu dessen Erlösung über, denn die Erlösung Israels hat das Gericht über die Heiden zur Voraussetzung.
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 3. Die Eigentümlichkeit Ezechiels und seine Stellung unter den Propheten. Die Reden Ezechiels sind nicht von dem tiefen Schmerz durchzogen, den wir bei Jeremia finden; es herrscht vielmehr ein strenger Ton bei ihm vor. Jeremia sah dem Gericht erst entgegen; als Ezechiel auftrat, war dasselbe zwar noch nicht vollendet, aber es hatte begonnen, die Hauptmasse war in die Gefangenschaft geführt. Gott ließ dem Recht seinen Lauf, dieser Umstand macht sich geltend in der Predigt des Propheten. „Haus Ungehorsam“| ist ihm Israel (ca. 17 mal). Gott läßt zwar predigen, aber mehr zum Zeugnis; sein auf das Heil der Menschen gerichtetes Streben äußert sich nicht sowohl in liebreichem Locken, als vielmehr darin, daß er warnen läßt, und dadurch vor Untergang bewahren will. – Zum andern tritt in dem Propheten Ezechiel ein deutliches Bewußtsein und eine tiefe Empfindung von Gottes Erhabenheit hervor. Dem HErrn ist seine Arbeit an seinem Volk fehlgeschlagen, deshalb ist Schmach auf seinen Namen gekommen; aber dieser Umstand hat keinen niederbeugenden Eindruck auf den HErrn gemacht, vielmehr erscheint gerade in unserem Propheten seine ungebrochene Hoheit und allgewaltige Majestät. Gott bedurfte Israels nicht. Aus souveränem Erbarmen hat er sich einst Israels angenommen, aus Rücksicht auf die Ehre seines heiligen Namens stellt er es wieder her, zu Israels ewiger Beschämung; denn Jerusalem hat in Versündigung Sodom hinter sich gelassen, daher auch dieses wieder hergestellt wird. So erscheint Gott durchaus als der souverän Erhabene, der Abstand, der zwischen Schöpfer und Geschöpf besteht, tritt hervor, auch dem eines persönlichen Umgangs gewürdigten Propheten soll derselbe zum Bewußtsein kommen, daher auch speziell in unserm Propheten die Anrede: Du Menschenkind (ca. 90mal). Das Schreckliche, welches diese Majestät für den Menschen haben kann, wird durch den Hinweis, daß dieser große Gott gegen das Verderben des kleinen Menschen nicht gleichgültig sei, sondern das Heil jedes einzelnen Sünders wünsche, ihr genommen. Hiemit hängt eine andere Eigentümlichkeit des Propheten zusammen, sein Individualismus: jede einzelne Seele hat einen selbständigen Wert vor Gott, Leben und Tod ist in die persönliche Entscheidung gestellt; daher hat der Prophet über jeden Einzelnen zu wachen.
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 Durch die Reden Ezechiels geht eine tiefe Erregung des Gemüts; aber er weiß dieselbe zu bemeistern. Immer ist er besonnen, nüchtern; über dem Großartigen, das ihm erscheint, verliert er nicht den Blick für das Einzelne. Er zeigt eine gewaltige Kraft in der Durchführung eines Gedankens. Tief greift sein Amt in sein persönliches Leben ein. Sein Weib stirbt ihm zum Zeichen für den Fall Jerusalems und er darf nicht klagen. Da zeigt er eine gestählte Natur. Auch seine zeitweilige körperliche Gebundenheit (wie sie sonst bei Starrsucht| vorkommt) c. 3, 25 und c. 4, 4 etc. und seine zeitweilige Stummheit c. 24, 27 gehört hieher. Es gehört dies mit zu dem Ausdrucksvollen, Wirkungskräftigen seiner Predigt.

 Im Vergleich mit andern Propheten greift Ezechiel weiter aus (bis in die ägyptische Zeit hinein verfolgt er Israels Versündigung); er redet stärker von Israels Verschuldung (er stellt es noch tiefer als Sodom), er schaut weiter (er weissagt von Gog und Magog, von dem allerletzten Ansturm der Völkerwelt auf das Gottesreich). Daneben ist ihm aber auch der Anfang der h. Geschichte gegenwärtig, das Paradies. Die Welt mit ihrer Fülle von Völkergebilden betrachtet er als den großen Garten Gottes mit mancherlei herrlichen Bäumen. – Lebt Jesaja in den Verheißungen Davids, Jeremia in den ihm vorangehenden Propheten, so Ezechiel im Gesetz Mosis. Ist bei Jesaja der Hauptbegriff der Knecht Gottes, bei Jeremia der neue Bund, so bei Ezechiel die Einwohnung der Herrlichkeit Gottes im neuen Heiligtum. Daß die Herrlichkeit des HErrn in Israel wohnt, ist Israels Vorzug. Die empörende Gemeinheit seiner Ehebrecherei hat den HErrn aus seinem Heiligtum vertrieben, damit ist dasselbe der Zerstörung zerfallen. Die Wiederherstellung Israels, die in majestätischer Weise erfolgt, unter persönlicher Offenbarung Gottes c. 20, 35 etc., vollendet sich in dem Einzug des HErrn im neuen Heiligtum zu ewigem Wohnen unter seinem Volk, das mit heiligem Dienst fortan ihn ehrt. – Es sind alttestamentliche Formen, unter welchen sich der Kultus im neuen Tempel vollzieht. Ezechiel trifft Vorsorge, daß eine Wiederholung früherer anstößiger Zustände vermieden werde, daß alles würdig zugehe. Aber das religiöse Leben der Zukunft geht dem Propheten, der c. 18 und 22 geschrieben hat, in der Beobachtung äußerer Formen nicht auf. Wenn schon auf Grund der A. T.lichen Offenbarung es zu herrlichen Gottesdiensten kommen konnte, nach denen ein David sich sehnte, wie viel mehr im Tempel Ezechiels, wo (c. 44, 7) nur Leute beschnittenen Herzens (Röm. 2, 29) in denen der Geist des HErrn das Herz erneuert hat (c. 36, 26–27) erscheinen sollen! Jene äußeren Formen sind nur der irdische Leib des neuen Gottesdienstes, denen der Geist, der in dem erneuerten Volk herrschen wird, das Leben einhauchen wird.

 Nach allem Vorhergehenden kann Ezechiel als der priesterliche| Bote Gottes an sein Volk bezeichnet werden. Mit der Erscheinung dessen, der über dem Cherubim thront, beginnt sein Buch. Die Entweihung des Tempels ist ihm der Gipfel der Versündigung. Vom Tempel fängt das Gericht an über das Volk. Der neue Tempel und der neue Dienst Gottes ist das wichtigste Stück der Wiederherstellung Israels. Die Versündigung Israels erscheint ihm unter priesterlichen Gesichtspunkten der Entweihung des Bundes, der Entheiligung des göttlichen Namens, der Selbstverunreinigung. Die Vergebung der Sünde ist Losmachen von Unreinigkeit, reines Wasser wird Gott über sie sprengen, daß sie rein werden. Indem er die Sünde als Unreinheit faßt, stellt er sie dar in ihrer Abscheu erregenden Erscheinungsform. Die Rettung liegt ihm aber nicht in äußerer Reinigkeit, sondern – und damit berührt er sich mit Jeremia – in der inneren Erneuerung der Herzen durch den Geist des HErrn.

 Mannichfache Berührung zeigt er mit Daniel, seinem Zeitgenossen. Der persönliche Verkehr der unsichtbaren Welt mit Angehörigen dieser irdischen tritt bei beiden Propheten mehr hervor als bei den früheren; in Verbindung damit steht ein Fortschritt in der göttlichen Offenbarung hinsichtlich des Bildes, das man sich von Gott machen soll. Exodus 24, 10 wird berichtet, daß die Ältesten Israels den Gott Israels sahen, aber eine Beschreibung seiner Gestalt wird nicht gegeben; und Deut. 4, 12–15 wird Israel vor Verfertigung von Bildern gewarnt, weil es ja auch keine Gestalt von Gott gesehen habe. Jesaja 6 haben wir eine kurze Schilderung, die mehr nur den Eindruck wiedergibt, als daß sie eine Beschreibung der Gestalt Gottes wäre. Dagegen Ezechiel 1, 26–23 und c. 8–11 haben wir eine deutliche Schilderung Gottes, ähnlich wie Daniel c. 7. – Auch in dem klaren Aussprechen des Gedankens einer Auferweckung von den Toten (Ez. c. 37. Dan. 12) berühren sich die beiden Propheten.

 Im Neuen Testament schließt sich an ihn an besonders die Offenbarung St. Johannis mit ihren Cherubim, mit ihrem Hinweis auf Gog und Magog, mit ihrer Gottesstadt, mit ihrem Lebensstrom; der Gleichheit der Erbteile c. 47, 14 entspricht in der Offenbarung die auf die 12 Stämme gleichheitlich verteilte Zahl der Versiegelten; die Ezechiel’sche Gottesstadt erscheint aber als eine Vorstufe der Johanneischen. Aus den Evangelien gehören hieher Joh. 10, das Gleichnis| vom guten Hirten, vgl. Ez. c. 34, teilweise auch die Schilderung des Weltgerichts Matth. 25.

 4. Realität des Zukunftsbildes c. 40–48. Die Erfüllung der Weissagungen dieser Kapitel ist noch zu erwarten; sie hängt mit der zu erwartenden Wiederherstellung des Gemeinwesens des Volkes Israel zusammen. Die Weissagung bezieht sich nicht auf die Erbauung des 2. Tempels unter Serubabel. Ezechiel gibt dem Volk keinen Auftrag zu bauen, sondern er berichtet nur, was ihm gezeigt worden ist. Wie es zu diesem Tempel kommt, ist eine Frage, die er vollständig übergeht. Wir lesen daher auch nicht, daß sich Serubabel nach dieser Weissagung gerichtet habe. Ezechiels Tempel kann gar nicht mehr der A.T.lichen Zeit angehören, denn die Verordnungen, die er über seinen Dienst gibt, weichen vom mosaischen Gesetz ab. Dieser Umstand setzt eine Freiheit vom Gesetz voraus, wie sie erst durch Christum erworben ist (Matth. 5, 18). Freilich die blutigen Opfer in Ezechiel’s Tempel scheinen mit dem Opfertod Christi sich nicht zu vertragen. Indes so gut die Apostel noch am A.T.lichen Dienst teil genommen haben (Apostelgesch. 3, 1), selbst St. Paulus (c. 21, 24 bis 26, vergl. Num. 6, 13–21), ebensowohl kann es auch das erneuerte Volk Israel, sintemal der Opfergedanke in den Zerstreuten noch jetzt mächtig ist. So wenig nach Hebr. 10, 1-4 die A.T.lichen Opfer Sünden wirklich wegnehmen konnten, so wenig werden die künftigen Opfer diese Wirkung haben; sie werden aber an Sünde erinnern und rückwärts auf das vollbrachte Opfer weisen, wie die A.T.lichen Opfer vorwärts. Im A. T. haben wir leiblichen Dienst, in der Zeit der Kirche ist der Dienst Gottes geistiger Art, in der letzten Periode wird er geistleiblich sein. – Vergleiche übrigens Jes. 60–62. Jerem. 30–33 (z. B. 31, 4–6; v. 12; v. 38 etc.). Sach. 14, 16–21). – Übrigens hören wir in Ez. 40–48 weder von einem Hohenpriester noch von einem König. Der rechte Hohepriester und der König, der kommen sollte (21, 27) ist demnach zur Zeit jenes ezech. Tempels bereits erschienen. Vgl. die Schlußbemerkung pg. 210.

 5. Die Form des Vortrags ist teils ruhige Entwicklung, wie in c. 12–19, wo der Prophet gern an Sprichwörter anknüpft oder Gesetzesstellen auslegt, teils symbolische oder allegorische Darstellung. Letztere ist oft dunkel und schwierig; sie weist auf großartige| Eindrücke hin, die der Prophet in Chaldäa empfangen hat. In diesen Allegorien, welche zahlreich und zwar bis ins Einzelste ausgeführt bei unserem Propheten vorkommen (vgl. c. 16, c. 17, 1–10 und v. 22–24; c. 19, c. 27, c. 31), zeigt sich das dichterische Vermögen unsers Propheten, während er von dem Lied- und Psalmenton Jesajas und anderer Propheten nichts bei sich wahrnehmen läßt. – Außerdem ist die Fülle symbolischer Darstellungen ein wesentlicher Charakterzug der Weissagung Ezechiels. Die Allegorien, den symbolischen Darstellungen verwandt, bilden ein Mitglied zwischen diesen und den anderen Reden. Reich ist er auch an stets wiederkehrenden charakteristischen Formeln und Ausdrücken (vgl. z. B. 2, 5 ff.; 3, 9; 12, 2 ff.; 33, 33 u. s. f.)

 6. Wie die Wirksamkeit, so zerfällt auch das Buch des Propheten in zwei Hauptabschnitte. Nach der Einleitung zum Ganzen c. 1–3 folgt der erste Teil. Er umfaßt die Reden vom Gerichte über Jerusalem und die Heiden (c. 4–32). Der zweite Teil aber enthält die Verkündigung der künftigen Herrlichkeit des Volkes Israel (c. 33–48). Wider Babel und seinen König, unter dessen Obrigkeit Ezechiel mit den Exulanten lebte, hat er keine Weissagung.

 Erwähnt sei noch, daß das Buch Ezechiels auch in den S. 24 f. geschilderten Verhandlungen über die Quellen des Pentateuch eine Rolle spielt. Nach Reuß, Graf, Wellhausen und ihren Anhängern ist es nämlich nicht nur älter als der sog. Priesterkodex, sondern ist dieser, wenn auch nicht gerade von Ezechiel verfaßt, so doch in Fortbildung des von Ezechiel (besonders c. 40–48) Angebahnten entstanden. In der That besteht zwischen Ezechiel und besonders dem 3. Buch Moses ein enger Zusammenhang. Aber Ezechiel macht nicht den Eindruck eines Chorführers beginnender Gesetzes-Niederschreibung, dessen Ansätze von Nachfolgern zu einem System erweitert worden wären, sondern den gegenteiligen. Er operiert mit den in Levitikus niedergelegten Anschauungen als mit bekannten; seine Abweichungen vom mosaischen Gesetz lassen nicht auf das Fehlen eines schriftlichen Gesetzes schließen (vgl. oben Nr. 4), was auch gegen alle geschichtliche Analogie wäre (vgl. die Bemerkungen zum Pentateuch). Wie wenig es angeht, den Priesterkodex eine Fortbildung Ezechiels sein zu lassen, zeigt ein Blick auf die Verordnungen beider in Betreff des Priestertums. Wellhausen sagt (Proleg. S. 122 etc.): Die Unterscheidung der Priester von den Leviten datiere erst von Ezechiel. Durch die Bevorzugung und das Übergewicht des „königlichen“ Heiligtums in Jerusalem mit seinen Priestern aus dem Haus Zadok seien die Priester der provinzialen Heiligtümer (der Höhen) um ihr Priestertum gekommen. Dieser Logik der Thatsachen hänge Ezechiel c. 44, 6–16| bloß einen moralischen Mantel um. Im Priesterkodex erscheine diese Unterscheidung als von jeher bestehend (die doch erst geschichtlich geworden sei); darum sei er Erzeugnis einer späteren Zeit. – Nun hat aber der Abscheu des bekehrten Volkes gegen den ungesetzlichen Höhendienst nach der Rückkehr aus dem Exil doch nicht aufgehört. Wie war es nun möglich, daß der Priesterkodex neben den Zadokiden auch noch die Nachkommen Ithamars als Priester stellen konnte? Ja es kehrten sogar Nachkommen Ithamars als Priester aus dem Exil zurück, vgl. Esra 8, 2 mit Neh. 10, 6, und doch gab es solche damals nach Wellhausen gar nicht mehr, sondern tatsächlich nur noch Zadokiden. Dazu kommt noch, daß Maleachi c. 2, 4–8 Priester und Leviten wieder gleichsetzt. – Es ist weiter unmöglich, daß das Gesetz Israels, auch das im Levitikus stehende auf Ezechiels Anregung zurückgehe, aus dem Grund, weil der Prophet die Übertretung dieses Gesetzes als Ursache des Untergangs Jerusalems ansieht; also muß es vorhanden und bekannt gewesen sein. – Endlich ersieht man das Vorhandensein desselben aus solchen gelegentlichen Hindeutungen, wie c. 46, 17, wo er vom Freijahr als etwas Bekanntem redet; das Gesetz des Freijahrs steht aber Lev. 25; oder c. 44, 26, wo von der Weise der Reinigung bei Berührung eines Toten wie von einer bekannten Sache geredet wird; es steht aber dies Gesetz Num. 19, 1 etc.; oder 44, 24, wo von Rechtsordnungen die Rede ist, nach welchen die Priester urteilen sollten; also solche als vorhanden vorausgesetzt werden. Die Bestimmung 44, 18b mußte als mangelhaft erscheinen, es sei denn, daß Exod. 13, 17–21 bereits vorlag. – Demgemäß kann der sogenannte Priesterkodex nicht auf Grund von Ezechiels Bestimmungen entstanden sein.

 7. Inhaltsübersicht:

 Einleitung. Die Berufung Ezechiels c. 1–3.

 Im fünften Jahre seiner Gefangenschaft erscheint dem Propheten die Herrlichkeit des HErrn in einer großen von Feuerglanz durchleuchteten Wolke, welche ein Sturmwind von Norden hertreibt. Über den vier eigentümlich gestalteten Cherubim (4–14) sieht er den HErrn auf einem majestätischen Throne in menschenähnlicher Gestalt in der Glorie seiner richterlichen Majestät, aber auch seiner ewigen Bundesgnade thronen (15–28), eine Erscheinung, welche ihm für seine ganze prophetische Wirksamkeit die Heiligkeit und Gnade Gottes in der Erhaltung, Regierung und Vollendung seines Reiches tief ins Herz prägen soll. Noch voll von der Erscheinung empfängt der Prophet eine Sendung, welche den Zweck hat, die richterliche Majestät Jehovas dem Volke kund zu thun, denn er soll dem verstockten Hause Israel das Gericht verkündigen. Des zum Zeichen gibt ihm Gott einen Brief voll Wehe zu essen, denn was aus seinem Munde kommt, soll lauter Wehe sein (c. 2, 1–3, 3). Der HErr sagt dem Propheten Kraft zur Überwindung der Schwierigkeiten seines Berufes zu, versetzt ihn an den Ort seiner Wirksamkeit und übergibt ihm in einem Schlußwort das Wächteramt in Israel mit seiner hohen Verantwortung (3, 4–21).

|  Erster Hauptteil: Die nahende Vergeltung für die Sünde Jerusalems, ein Ruf zur Buße an die Gefangenen c. 3, 22–c. 24.

 Erster Abschnitt: Der Untergang Jerusalems und seines Heiligtums c. 3, 22–c. 11.

 1. Nachdem der Prophet ins Thal bei Tel-Abib versetzt worden und hier die Herrlichkeit des HErrn wieder geschaut, auch eine allgemeine Weisung für sein prophetisches Verhalten empfangen (3, 22–27), so beginnt nun seine prophetische Verkündigung. In einer Reihe von symbolischen Handlungen zeigt der Prophet, daß Jerusalem erstens eine schwere Belagerung aushalten (4, 1–3), zweitens in eine der ägyptischen entsprechende Gefangenschaft gehen (4–8) und hier drittens nicht bloß Mangel leiden, sondern auch den Heiden gleich sich verunreinigen müsse, damit es durch solches Elend gebrochen werde (9–17). Ein Überrest des zerstreuten Volkes wird zwar sorgsam bewahrt; aber auch von diesem ein Teil noch mit Feuer angesteckt, das auch die Übrigen ergreift. (Jes. 50, 11; Lucä 19, 41 etc.) (5, 1–4). Die Ursache: das zum geistlichen Mittelpunkt der Völker bestimmte Volk ist gottloser, als diese Völker; es hat also Gott den HErrn vor den Augen der Heiden beschimpft, und dies vergilt er dem Volk, indem er an demselben ein Exempel statuiert (5–9), durch ein unvergleichlich schweres Gericht, in welchem der Zorn des HErrn sich völlig Genüge thut (10–17). Die Götzen samt den Götzendienern wird der HErr wegtilgen, damit die Übriggebliebenen im Exile vom Götzendienste sich kehren und an das Wort des HErrn gedenken (6, 1–10). Das Gericht soll ein gänzliches sein, damit man den HErrn um so mehr erkenne, wenn er sein Gericht an ihnen vollendet (11–14). Es kommt nun „das Ende“ für das Land Israel, denn der HErr will nicht mehr schonen, sondern vergelten (7, 1–4). Der Unglückstag ohne gleichen nahet, wo Gott ohne Erbarmen richtet (5–9). Die Strafrute ist schon bereitet; von den Gottlosen wird nichts übrig bleiben (10–14). Die göttliche Strafe dringt überall hin; die aber doch entkommen, sind in der kläglichsten Verfassung (15–18); Silber und Gold, worauf sie ehedem sich verlassen haben und das ihnen zur Sünde geworden ist, wird nun zum Unflat, die Beute des Feindes (19–22); Israel wird gefangen weggeführt, sein Heiligtum ist dem Übermut und Frevel preisgegeben; weder der HErr thut Einhalt, noch die Hirten des Volkes wissen Rat (23–27).

 Kap. 8–11. Damit der Prophet erkenne, wie dem HErrn bei der alles Maß übersteigenden Entweihung seines Heiligtums nichts mehr übrig bleibe, als dasselbe zu verlassen und es der Zerstörung preiszugeben, wird er im Gesichte nach Jerusalem versetzt und zwar zunächst in den Tempel, wo er wieder die Herrlichkeit Gottes schaut (8, 1–4). Hier im Tempel sieht er vier Greuelszenen, und zwar gewahrt er, wie das ganze Haus Israel dem Bild der Eifersucht dient (8, 5–6), allerlei Tiere anbetet (7–12), den Thammus (Adonis) verehrt (13–15), wie die Priester die Sonne anbeten (16); zuletzt vernimmt er Gottes Urteil über solches Greuelwesen (17–18). Sodann sieht er, wie der HErr die Engel ruft, welche Jerusalem schlagen (9, 1–3), wie er jedoch zuerst| die Treugebliebenen in der Stadt bezeichnen, dann aber die Schuldigen und zwar voran die Ältesten ohne Ausnahme durch sechs Würgengel töten läßt (9, 4–7). Ezechiel bleibt allein übrig; überwältigt von der Strenge des Gottesgerichtes, will er demselben durch Fürbitte Einhalt thun, aber er findet kein Gehör (8–11). Sondern 10, 1–8 muß er sehen, wie Jerusalem mit Feuer verbrannt werden soll, und v. 9–22, wie die Herrlichkeit des HErrn den Tempel verläßt. Dann folgt c. 11 der Schluß des Gesichtes. Das Gericht ergeht über die Volksoberen; sie vertrauten in frevler Sicherheit, daß sie samt der Stadt würden erhalten werden, aber der HErr wird sie hinauswerfen und an der Grenze, fern vom Heiligtum, richten (11, 1–12). Pelatja stirbt sofort, zum Zeichen, daß der HErr sein Wort erfüllt (13). Da der Prophet nun wehklagt, so verweist ihm Jehova diese Klage, denn diese von Gott Gerichteten sind nicht mehr seine Brüder, sondern die armen Exulanten sind es (14–15). Diese wird Gott wieder herstellen, und sie sollen einst wieder in ihre Stadt kommen ein heiliges, wahrhaft priesterliches Volk (16–21). Endlich sieht der Prophet, wie die Herrlichkeit des HErrn Stadt und Heiligtum verläßt und sich auf dem Ölberge niederläßt, um hier das Gericht über die Stadt zu verhängen, er selbst wird nach Chaldäa zurückversetzt, wo er nun (ohne Ekstase) den Exulanten verkündet, was er geschaut (22–25).

 So klar der Prophet im bisherigen das kommende Gericht verkündet hat, so beharrt das Volk dennoch in seiner ungläubigen Sicherheit; deshalb folgt nun

 Zweiter Abschnitt: Die Überführung des Volkes von der Gerechtigkeit des göttlichen Gerichtes und ein Ruf zur Buße c. 12–19.

 1. Das erste Hindernis für das Volk, die Gerechtigkeit und Notwendigkeit des kommenden Strafgerichtes zu erkennen, ist seine Sicherheit. Es erkennt im Exil gar noch kein göttliches Strafgericht, hofft vielmehr auf baldiges Vorübergehen der Bedrängnis und denkt, vgl. besonders v. 27, die Weissagung der Propheten gehe auf ferne Zeit (12, 1–2). Deshalb stellt der Prophet durch symbolische Handlungen dar den baldigen Auszug des Volkes aus Jerusalem in die Gefangenschaft im allgemeinen (3–7), und die unglückliche Flucht des Königs insbesondere (8–16), sowie den Schrecken, der auf das Volk fallen wird (17–20). Endlich muß er dem ungläubigen und sichern Volke einschärfen, daß die Erfüllung nicht weiter verziehen wird, sondern vor der Thür steht (21-28).

 2. Diese Sicherheit des Volkes ist veranlaßt durch die falschen Propheten. Ihnen tritt Ezechiel entgegen, indem er ihr lügnerisches und untreues Wesen aufdeckt (13, 1–7) und ihnen verkündet, daß sie ihres Ansehens, ihres Bürgerrechtes, sowie jeder Hoffnung in Israel beraubt, mit ihrer lügenhaften wohldienerischen Friedens-Weissagung aber zu schanden werden sollen (8–16). Ebenso tritt der Prophet auf gegen die Prophetinnen, welche um des Gewinnes willen weissagen. Ihr Thun ist ein seelenmörderisches in zweifachem| Sinn (17–19). Ihnen droht der HErr, daß er ihre Künste, womit sie berücken, ihnen niederlegen und sein Volk aus ihrer Hand erretten werde (20–22).

 3. Ein drittes Hindernis der Buße ist die Unlauterkeit, gezeigt an den Ältesten, welche zwar den groben Götzendienst nicht treiben, aber innerlich von demselben nicht lassen und dabei doch den Propheten fragen. Der Prophet des HErrn soll sie keiner Antwort würdigen (14, 1–3). Solchen Unlauteren soll man keine Hilfe verheißen, sondern ihnen ihre Sünde und Gottes drohendes Gericht bezeugen (4–8); möge kein Prophet sich verleiten lassen, von der ihm vorgeschriebenen Regel abzuweichen (9–11). Die Antwort aber, die denen gebührt, welche den Propheten über das Schicksal des Volkes fragen, ist die: Gott hat beschlossen, die Schuldigen mit seinen Plagen zu treffen, und will auch um der Gerechten willen, die etwa vorhanden sind, das Volk nicht schonen (1220). An dem Überreste des Volkes und seinen Missethaten werden die Exulanten, wenn sie dieselben nun sehen werden, Gottes Gerechtigkeit erkennen (21–23).

 4. Ein viertes Hindernis der Buße ist der Wahn, daß Israel um seiner Erwählung zum Volke Gottes willen nicht könne verworfen und mit dem Untergange des Reiches bestraft werden. Deshalb zeigt Ezechiel, daß das bereits stark geschädigte Volk in Jerusalem, nachdem es dem Holz des wilden Weinstocks gleich und damit völlig unbrauchbar geworden ist, dem Feuer zum Verbrennen übergeben, dem Verderben preisgegeben wird (15, 1–8). Um aber dieses harte Urteil zu rechtfertigen, lehrt der Prophet, daß Israel ursprünglich kananitischer Art war (16, 1–3), daß Gott es wie ein Findelkind in Ägypten aufgelesen und aufgezogen (4–7), darnach einen Ehebund mit ihm geschlossen, und es in Kleidung und Speise so herrlich gehalten, daß es schön und üppig wurde (8–14), aber gerade dadurch auch übermütig, so daß es seine Güter mißbrauchte zum Götzendienst (15–22), und Ehebruch mit allen fremden Völkern ohne satt zu werden, selbst Lohn gebend, anstatt ihn zu nehmen, trieb (23–34). Zweitens: Deshalb soll Israel die Strafe treffen, die eine Ehebrecherin und Mörderin verdient (35–42). Denn Juda ist ärger geworden als die Heiden, ja ärger denn Samarien und Sodom, so daß diese ihm gegenüber als gerecht erscheinen (43–52); deshalb hebt auch Jehova die Strafe Sodoms und Samariens auf und begnadigt sie, damit Juda gedemütigt werde (53–58, vgl. Matth. 10, 15; 11, 23. 24; 1. Petri 3, 19; 4, 6); doch wird Jehova alsdann auch mit Juda seinen Bund erneuern und durch solche unverdiente Gnade zu vollkommener Demut führen (59–63).

 5. Ein fünftes Hindernis der Buße ist das Vertrauen auf Fleisch, welches das Volk nicht an das Gericht glauben läßt, und mangelnde Erkenntnis von der Verwerflichkeit ihrer gottlosen politischen Maßnahmen; deshalb muß Ezechiel in einem Gleichnis (17, 1–10) zeigen, daß Gott den Zedekia, weil er sich nicht mit dem begnügte, was Gott ihm übrig ließ, sondern Ägyptens Macht anrief, um durch sie groß zu werden, und wegen seines frevelhaften Eidbruches ins Elend stürzt (11–21), dagegen wird der HErr auf Zion ein| Reis von der Ceder des Hauses David pflanzen, welches zu einer herrlichen Ceder emporwächst, unter der alle Vögel wohnen (22–24).

 6. Ein sechstes Hindernis der Buße ist die Verkennung des Wesens der göttlichen Gerechtigkeit. Deshalb lehrt Ezechiel in c. 18, daß niemand für fremde Sünde sterben muß, sondern für seine eigene (1–4); ist also jemand ein Gerechter, so wird er leben (5–9); ist aber sein Sohn ein Gottloser, so wird ihn die Gerechtigkeit des Vaters nicht erretten (10–13), wie der fromme Sohn nicht um des gottlosen Vaters willen sterben muß (14–20). Ja, Gott will auch an einem und demselben Menschen die frühere Sünde nicht ansehen, wenn er sich bekehrt, wie Gott auch die frühere Gerechtigkeit nicht ansieht, wenn jemand später gottlos wird. Mit dem Verhalten des Menschen ändert sich auch die Stellung Gottes zu ihm. Je nach den Werken, in welchen einer zu seiner Stunde erfunden wird, wird er gerichtet (21–29). Darum liegt es in der Macht Israels, dem Übel zu entrinnen, sofern es nur Buße thun will (30–32). Zu solcher Buße mahnt auch der Untergang der letzten Könige in Juda, das traurige Schicksal ihrer Königsstadt, die keinen König mehr hervorbringt (19, 1–14).

 Dritter Abschnitt: Der heilige Endzweck des göttlichen Strafgerichtes c. 20–23.

 Älteste kommen zum Propheten und wollen das Ende der Verbannung wissen; sie sollen es nicht hören, ihrer Väter Greuel sollen sie vernehmen (20, 1–4). Israel war schon bei Ausführung aus Ägypten, in der Wüste, in Kanaan, und bis jetzt widerspenstig und abtrünnig und vergalt dem HErrn seine Barmherzigkeit mit Abfall, wie hinwiederum auch der HErr schon in Ägypten, in der Wüste, in Kanaan das Volk vertilgen wollte, aber immer wieder an sich hielt, bis er endlich sein Zorngericht vollendet (5–31). Deswegen aber sollen sie dennoch den Heiden nicht gleich werden dürfen, denn der HErr wird künftig noch einmal mit ihnen rechten von Angesicht zu Angesicht, die Widerspenstigen aber aus seinem Volke ausscheiden. Wenn dann Israel wieder in sein Land gesammelt ist, wird es zuletzt mit Beschämung erkennen, daß seine Erlösung ein Werk der freien göttlichen Gnade ist (32–44). Nicht eher kann die neue Gottesstadt erstehen, als bis über die alte die Rache Gottes gekommen ist. Das Feuer (des Krieges) wird den Wald des Südens (= das Reich Juda) verzehren (21, 1–5). Der HErr wird sein Schwert aus der Scheide ziehen und aus Jerusalem Gerechte (vgl. Jer. 51, 6; Matth. 24, 16–20. Luc. 23, 31) und Frevler ausrotten (6–22), denn das Schwert des Königs von Babel wird Jerusalem und dann auch die Ammoniter schlagen (2327). Die Judäer halten diese Weissagung, gestützt auf alle Zusagen Gottes, für Trug, aber sie wird sich erfüllen (28-32). Auch die Ammoniter werden für ihren Hohn mit gänzlicher Vertilgung bestraft (33–37). Solches geschieht aber alles, weil Jerusalem durch Ungerechtigkeit verschuldet und durch Götzendienst befleckt ist (22, 1–4), weil in ihm weder menschliches, noch göttliches Recht, ja gar nichts mehr heilig ist (5–16). Israel muß in die Verbannung| gehen, wie unreines Silber ins Feuer der Läuterung geworfen wird (17–23). Die Propheten, Priester, Fürsten und Volk, alle thun das Böse, darum ist das Gericht über sie hereingebrochen, einen Vertreter für das Volk fand Gott nicht (24–31).

 Samaria und Jerusalem sind zwei Hurenschwestern von Jugend auf. Es muß daher Jerusalem gehen wie Samaria; wie diese für ihre Buhlerei durch ihren Buhlen gestraft worden ist, so wird Jerusalem, in dem doch des HErrn Zelt und Wohnung ist, für seine Buhlerei mit Chaldäa und zugleich mit Ägypten durch seine Buhlen selbst gestraft (23, 1–35). Ja, beide Schwestern haben sich durch Götzendienst und Unzucht ohn Ende schwer verschuldet (36–44). Beide trifft die Strafe für Ehebruch und Totschlag (45–49).

 Vierter Abschnitt: Die Zerstörung Jerusalems c. 24.

 Dem Propheten wird der Beginn der Belagerung Jerusalems, der Blutstadt, offenbart (24, 1–2). An dem Tage, an welchem er die Offenbarung empfangen hat, legt er in einem Gleichnis das göttliche Vorhaben bei der Belagerung vor: Jerusalem (der Topf) soll belagert werden (Feuer), bis seine Bewohner weich werden und den Widerstand aufgeben. Jerusalem selber ist mit der Sünde (Rost) behaftet, daß es nicht mehr zu läutern ist, sondern durch Feuer untergehen muß (3–14). Ein zweites Gleichnis in einem persönlichen Unglück des Propheten bestehend, zeigt dem Volke, daß es sein schwerstes Leid ohne Klage als Gottes Gericht wird tragen müssen (15–24).

 Von dem Tage an verstummt der Prophet, bis ein Entronnener die Zerstörung Jerusalems verkündigt (25–27).

 Anhang zum ersten Hauptteil: Das Gericht über die Heiden, die über Jerusalems Fall triumphieren, c. 25–32. Sie sollen erkennen, daß Jehova Gott ist.

 1. Ammon, das schadenfroh über Judas Unglück triumphiert, und Moab, das die Erwählung Israels in seiner Blindheit nicht erkennt (25, 1 bis 11), die Edomiter und Philister, die Judas Unglück zur Befriedigung der Rachsucht und alten Feindschaft benutzen (12–17), werden das Gericht des Untergangs erleiden. Tyrus, welches Jerusalems Fall begrüßt, weil er nun das Haupt der Völker zu werden hofft, wird dem Nebukadnezar übergeben, welcher die Stadt belagern und zerstören wird (26, 1–14). Von dem Falle der Stadt Tyrus geht ein Schrecken aus über alle seine Kolonien (15–19). Tyrus endet im tiefen Dunkel und wird nicht wieder aufstehen (20–21). Deshalb muß Ezechiel nun eine Totenklage anstimmen (27, 1–2). Tyrus, die große See- und Handelsstadt, gleicht einem Schiffe, zu dessen Bau und Bemannung jedes Land sein Bestes gab (3–11), welches von allen Völkern das Beste, was sie hatten, empfing, und dafür Waren und Fabrikate an diese Völker verkaufte (12–25), welches aber nun der Sturmwind zum Schrecken aller Völker zerschellt hat (26–36). Insonderheit beklagenswert aber ist des Königs Geschick. Er hat sich in der Fülle seiner ihm von Gott geschenkten Macht bis zur Gottheit erhoben, dafür stößt ihn der HErr plötzlich durch seine Gewaltigen vom Stuhl und läßt ihn in tiefster Schmach enden (28, 1–10).| Alle Pracht umfloß den Thron des Königs und göttliche Herrlichkeit umstrahlte diesen Herrscher: – aber weil er im Handel ungerecht war, so wird das Feuer alle seine Pracht verzehren und er wird in Schmach enden (11–19). Auch über Sidon, welches Israel nachstellt, ergeht das Gericht der Vertilgung (20–24), während Israel, nachdem alle seine Feinde zu schanden geworden sind, am Ende sein Land besitzen und im Frieden wohnen soll (25–26).

 2. Ägyptens Selbstvergötterung wird bestraft werden. Seine Macht, auf welche Könige und Volk vertrauen, so daß sie es wagen, dem Volke Gottes ein Stab sein zu wollen, auf den es sich stützen möge, wird elendiglich zu nichte werden (29, 1–7): Das Schwert soll seine Bewohner treffen und das Land zur Wüste werden 40 Jahre lang (8–12), und obwohl Ägyptens Macht dann wieder ersteht, so soll sie doch fortan klein sein (13–16). Dies alles soll geschehen durch Nebukadnezar, welchem für die an Tyrus umsonst verschwendete Mühe die Reichtümer Ägyptens zur Entschädigung dienen sollen. Israel aber wird, während Ägypten erniedrigt, zu neuer Macht und Herrschaft emporblühen (17–21). Die Söldner Ägyptens werden erschlagen (30, 1–5), alle Stützen, auch die festen Städte, werden zum Schrecken von Kusch fallen (6–9) und das Land wird zur Wüste werden, weil Gott es in die Hand der Feinde gibt (10–12). Ägypten verliert seine Götter und seine Fürsten, alle seine altberühmten Städte fallen, alles wird vom Feuer des göttlichen Gerichts verzehrt und geht unter (13–19) und zwar immer (20–21). Die Ägypter werden zerstreut, Babel aber bekommt Macht über das Land (22–26). Sollte man aber an Ägyptens Geschick zweifeln, so weist der Prophet c. 31 auf Assurs Schicksal hin, welches von Gott gepflegt, zu seltener Höhe erwuchs, aber seiner Höhe sich überhob und darum von derselben herabgestürzt wurde, und zwar so, daß mit ihm alle seine Verbündeten fielen. Wie Assur fiel, so wird auch Ägypten fallen trotz aller seiner Macht und Herrlichkeit (c. 31). So folgt denn zum Schluß (c. 32) die Todenklage über Pharao, und zwar in zwei Absätzen: 1. Ägypten, das übermütige Seeungetüm, wird gefangen, ans Land gezogen, den Vögeln zur Speise und der Verwesung zum Raube überlassen: alles zum Schrecken Himmels und der Erde. 2. Dies aber wird geschehen durch den Kriegszug Nebukadnezars, welcher der ganzen Herrlichkeit Ägyptens ein Ende macht mit Schrecken (1–16). Der Schluß von c. 32 enthält ein dumpfes schweres Grablied, welches in sechs Strophen die Tragödie abschließt und darstellt, wie Pharao im Totenreich das Los aller Tyrannen teilt (17–32).

 Zweiter Hauptteil. Die Auferstehung Israels von den Toten c. 33–48.

 Erster Abschnitt: Die Wiederherstellung Israels in der Zukunft und die daraus sich erweisende Herrlichkeit des HErrn als des Weltregenten c. 33–39.

 1. Ezechiel wird angewiesen, nach Art eines Wächters sein Volk fleißig zu warnen, und zwar vor dem Gerichte des HErrn, indem er zugleich für das Seelenheil des Volkes verantwortlich gemacht wird (33, 1–9). Er soll das| verzagte Volk auf den gnädigen Willen Gottes hinweisen und das Ablassen von der Sünde und den Gehorsam gegen Gottes Wort als den einzigen, aber allen offen stehenden Weg zum Heile zeigen (10–20). Dies Wächteramt übernimmt Ezechiel nach dem Falle Jerusalems nach längerem Schweigen wieder (21–22).

 2. Ezechiel muß vor allem das unbußfertige übrige Volk der Heimat, das in frecher Selbstüberhebung das Erbe der Väter für sich beanspruchen will, überführen, daß es sich durch seine Greuel desselben unwürdig gemacht, daß der HErr um seiner Ehre willen sie vernichten und das Land zur Wüste machen wird (23–29). Sodann straft der Prophet diejenigen, welche das Wort anhören und sich damit unterhalten, aber nicht thun. Sie werden an der Erfüllung seines Wortes merken, daß ein Prophet unter ihnen war (30–33).

 3. Die Hirten (Könige und Fürsten) Israels werden gestraft, weil sie das Volk nicht weiden, sondern selbstsüchtiger Weise ausbeuten und zu Grunde gehen lassen; sie werden dafür ihres Amtes entsetzt (34, 1–10): der HErr selbst übernimmt in der Zukunft seine Herde, sammelt die Zerstreuten und führt sie heim zur guten Weide in ihr Land; er scheidet die bösen Schafe von den guten und schafft diesen gegen die Gewalt jener freien Raum (11–21). Endlich wird der HErr seinen Knecht David zum Hirten Israels erwecken, und unter ihm wird Israel in Frieden und Segen wohnen (22–31).

 4. Im Gegensatz zu dem Segen des Landes Israel wird dann auf dem Lande Edom ewiger Fluch lasten, es verödet, weil es zur Zeit der Not Israel seinen alteingewurzelten tödlichen Haß gezeigt, sein Land an sich gerafft und den HErrn gelästert hat (35, 1–15). Dagegen das Bergland Israels, welches die Heiden geschmäht wegen seiner Verwüstung und sich als Beute zugeeignet haben (36, 1–7), soll wieder von Israel bewohnt und gebaut werden und nicht mehr die Schmach der Heiden tragen (8–15). Weil Israel das Land durch seine Sünden verunreinigt hat, so ist es ausgestoßen worden, aber damit die Heiden den Namen des HErrn um der erbärmlichen Lage seines Volkes willen nicht mehr lästern, so holt er sie zurück in ihr Land um seiner Ehre willen; aber er reinigt und erneuert sie durch seinen Geist. So werden sie dann sein Volk sein und er ihr Gott, der sie segnet (16–30). Sie werden aber im Gedächtnis ihrer schweren Sünden dieses alles als unverdiente Gnade ansehen (31–32); und der HErr, nachdem er eingerissen hat, wird wieder aufbauen, das wüste Land blüht wieder auf, die öden Städte werden wieder bevölkert (33–38).

 5. Endlich zeigt der HErr dem Propheten in einer Vision ein Feld voll Gebeine von Erschlagenen, welche sich vor seinen Augen wieder zusammenfügen und belebt werden; so wird auch das Haus Israel aus dem Tode wieder zum Leben auferstehen, um in sein Erbe wieder zurückzukehren (37, 1–14). Dann werden auch die getrennten Reiche Ephraim und Juda wieder vereinigt werden zu einem Reiche unter einem König und einem| Gott (15–24). Der HErr wird dann einen Bund des Friedens mit ihnen machen und unter ihnen wohnen ewiglich (25–28).

 6. In jener Zeit wird das Reich Gottes seinen letzten und höchsten Triumph feiern über die Reiche der Welt. Gog, d. h. die Masse der Scythen oder im allgemeinen der Völker des Nordens, d. h. der Ferne wird mit den Mengen der Völker aus dem fernen Nordland Magog, samt Völkern des Ostens und Südens wider das heilige Land Krieg führen (38, 1–13), aber der HErr offenbart sich in seiner furchtbaren Majestät und wirft die Feinde darnieder (14–23). Ringsum auf den Bergen werden die Erschlagenen liegen, kaum wird man das Land von ihnen reinigen können, Vögel und Raubtiere haben reiche Beute (39, 1–20); an diesem Gerichte wird man erkennen, daß Jehova früher Israel um seiner Sünden willen an die Heiden hingab, nun aber es nicht mehr verlassen will, weil er seinen Geist über dasselbe ausgegossen hat (21-29).

 Zweiter Abschnitt: Die neue Ordnung der Dinge in der seligen Endzeit Israels c. 40–48.

 Zuerst werden die Einrichtungen und Maße der Gebäude des künftigen Heiligtums angegeben, der Vorhöfe und Thore des Tempels, des Tempels selbst und seiner Nebengebäude, wie sie dem Propheten durch einen mit Schnur und Meßrute in der Hand versehenen Engel vorgeführt und vorgemessen werden (c. 40–42). Nachdem dann der Prophet geschaut, wie die Herrlichkeit Jehovas in dem Tempel, der nicht wieder entweiht werden darf, ihren Einzug gehalten (43, 1–12), werden die Maße des Brandopferaltars angegeben und zugleich Satzungen gegeben für die auf demselben darzubringenden Opfer (43, 13–27), sowie Satzungen hinsichtlich des Fürsten, der Leviten und Priester (c. 44); ferner Bestimmungen über die Verteilung des Landes, über den für Jehova und die Priester, für die Leviten, für die Gemeinde und den Fürsten zuzuweisenden Anteil (45, 1–8); ferner – mit einer Mahnung an den Fürsten, Gerechtigkeit zu üben, das Volk nicht zu bedrängen und richtiges Maß zu halten (45, 9–12) – noch weitere Bestimmungen über die Hebe, die sie, die Fürsten, heben sollen, und die von ihnen darzubringenden Opfer, sowie über das fürstliche Erbrecht (45, 13–46, 18); ferner über die Opferküchen (46, 19–24); dann über die vom Tempel ausgehende Quelle, deren Wasser nach dem toten Meere hinfließt, voll von Fischen ist und das Land befruchtet (47, 1–12), endlich über die künftigen Grenzen des Landes, des Bundesvolkes und dessen Verteilung unter die 12 Stämme, die Priester, den Fürsten und die Stadtgemeinde; und über die 12 Thore der Stadt, die ihren Namen von nun an davon tragen soll, daß Jehova daselbst wohnt (47, 13–48, 35).

 Zum Verständnis dieser Weissagung dient es, zu erwägen, daß die Erneuerung Israels auch in dem Baue des neuen Gotteshauses, in den Ordnungen des neuen Gesetzes und in der anderen Beschaffenheit seines Landes sich ausprägen soll. Die Weissagung ist demgemäß nicht als eine Allegorie, sondern als Weissagung einer realen Zukunft zu fassen. Nachdem die Scheidewand| zwischen dem Volke Gottes und den Völkern der Welt aufgehoben ist, und diese, wie die Propheten auch sonst einstimmig bezeugen, mit Israel in gottesdienstliche Gemeinschaft treten, ja auch gleichen Teil am Lande haben (47, 22 f.), so bedarf es nun auch eines größeren äußeren Umfanges des Tempels und der dazu gehörenden Gebäude, um die neue Gemeinde aufzunehmen; nachdem durch Vergebung der Sünden der neue vollkommene Bund hergestellt ist, fällt nun auch der Unterschied zwischen dem Heiligen und Allerheiligsten weg, und der ganze Tempel ist wie ein Allerheiligstes; aus gleichem Grunde ist auch von einer Bundeslade keine Rede mehr, wird ferner kein Hohepriester von den Priestern mehr unterschieden und fällt auch der große Versöhnungstag von selbst weg. Dafür wird neben dem Passah und Laubhüttenfest ein neues Fest eingesetzt, am 1. und 7. Tag des ersten Monats im Jahr, wo eine feierliche Sühnung des Heiligtums stattfinden soll, um solcher willen, die aus Versehen oder Einfalt gesündigt haben (45, 18–20). Nachdem die Sünde der Stämme vergeben worden ist, hat keiner mehr vor dem andern etwas voraus, sondern alle erhalten gleiche Teile; der Fürst aber, damit er das Volk nicht bedrücke, erhält seinen besonderen Teil. Endlich ist das Land selbst ein anderes geworden, indem alle Spuren des göttlichen Fluches ausgetilgt sind. Deshalb macht ein vom Tempelberg ausströmendes Wasser das tote Meer gesund und das untere Kidronthal fruchtbar. – Betrachtet man das Einzelne unter solchen Gesichtspunkten, so gewinnt man die Einsicht in diese Weissagung, und es wird nicht nötig sein, durch Allegorisieren dem Worte Gewalt anzuthun. Des Allegorisierens bedarf es auch nicht mit Rücksicht auf das Opfer, dessen Erwähnung geschieht. Das Opfer benimmt dem Sühntode JEsu nichts. Es ist nicht bestimmt, zu sühnen, sondern bloß ein subjektiver Akt, ein symbolisches Bekenntnis der Sünde. Hebr. 9, 27 bleibt im vollen Recht. – Daß hier vom israelitischen Volk und Land die Rede ist, und nicht von der christlichen Kirche, erweist sich schon daran, daß bei dieser letzteren Auffassung so wesentliche Züge, wie die Gleichberechtigung der Fremdlinge, welche sich Israel angeschlossen haben (47, 22–23, vgl. Jes. 14, 1), um ihre ganze Bedeutung kommen.


§ 44.
Das Buch Daniel.
 1. Den Namen trägt das Buch davon, daß es die Erlebnisse und Visionen enthält, welche Daniel ein jüdischer Exulant, am Hofe zu Babylon gehabt. Für das Buch als Ganzes wird ein Verfasser etwa in der Weise von Jes. 1, 1 nicht angegeben; die einzelnen Weissagungen aber von c. 7–12 werden ausdrücklich auf Daniel zurückgeführt. Bei dem engen Zusammenhang, welcher zwischen den Erlebnissen Daniels und den ihm zu teil gewordenen Offenbarungen besteht, ist es immerhin wahrscheinlich, daß auch der erste Teil des| Buches von Daniel stammt. Über die Person Daniels wissen wir nichts, als was das Buch Daniel selbst besonders c. 1 uns erzählt und Ezech. 14, 14. 18. 20; 28, 3 der Hauptsache nach bestätigt.

 Demnach stammte Daniel aus einer vornehmen Familie ab und kam als Jüngling im 3. Jahre Jojakims infolge der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar nebst mehreren anderen Judäern nach Chaldäa (1, 1. 6). Hier wurde er in Gesellschaft von drei anderen Jünglingen seiner Nation drei Jahre lang zum königlichen Dienst vorbereitet, nachdem er seinen hebräischen Namen mit dem babylonischen Beltschazar hatte vertauschen müssen. (Vgl. Gen. 41, 45.) Esther 2, 7. 2 Chr. 36, 4.) Durch die Deutung eines Traumes erlangte er ein bedeutendes Hofamt und die Würde eines Vorstehers der babylonischen Magierkaste (2, 48). Als die Meder Babylon einnahmen, stieg er zur Würde eines Staatsministers empor (6, 1 f.), und in dieser Würde verblieb er auch noch eine Zeitlang unter Cyrus (1, 21; 6, 28; 10, 1). Über sein Lebensende haben wir keine sichere Kunde. Welches Ansehen er aber seiner Weisheit und Gottesfurcht wegen unter den jüdischen Exulanten genossen habe, bezeugen uns die oben angeführten Stellen aus dem Propheten Ezechiel.

 2. Die Echtheit des Buches. Die jüdische Tradition und die ältere christliche Kirche haben einstimmig angenommen, daß der im Buche Daniel von sich selbst Erzählende eine geschichtliche Person und das Erzählte geschichtliche Thatsache, das Buch aber, so wie es vor uns liegt, ein Bericht jenes Daniel selber sei. Aber nachdem schon der Neuplatoniker Porphyrius († 304) im 12. Buche seiner Schrift wider das Christentum die Behauptung aufgestellt hatte, das Buch Daniel stamme nicht von jenem Daniel des Exils, sondern von einem Juden aus der Zeit des Antiochus Epiphanes, welcher nicht Zukünftiges weissage, sondern Vergangenes erzähle, und wo er ja etwas Zukünftiges weissage, falsch weissage, – so fing man im vorigen Jahrhundert an, mit dem Heiden Porphyrius die Echtheit des Buches Daniel in Frage zu stellen, und jetzt gilt es bei nicht wenigen wissenschaftlichen Theologen für eine ausgemachte Sache, daß es einen Daniel, wie ihn das Buch darstellt, und solche Begebnisse und Visionen, wie sie da erzählt werden, in Wirklichkeit gar nicht gegeben, sondern daß ein Jude zur Zeit des Antiochus Epiphanes dieses Buch geschrieben habe, um seine Zeitgenossen im Kampfe mit der widergöttlichen Weltmacht zu ermuntern und mit ihrem baldigem Aufhören und dem Erscheinen des messianischen Reiches zu trösten. Aber dafür, daß die Person Daniels geschichtlich sei,| bürgt das Zeugnis Ezechiels, und dagegen, daß das Buch aus der Zeit des Antiochius stamme, spricht die Aufnahme in den Kanon, welcher zur Zeit des Antiochus längst abgeschlossen war (s. § 4), und dagegen, daß das Buch statt Wahrheit Dichtung enthalte, spricht die Thatsache, daß ein Dichtwerk schwerlich geeignet war, in schwerer Drangsalszeit dem Volke Gottes eine Stütze seines Glaubens zu bieten. Übrigens lassen sich die Einwände gegen die geschichtliche Auffassung, so gewichtig sie auch erscheinen, doch genügend widerlegen und es ist demnach kein zwingender Grund vorhanden, von der synagogalen und kirchlichen Überlieferung über das Buch Daniel abzuweichen. Die christliche Kirche aber wird von dem prophetischen Charakter des Buches Daniel um so weniger ablassen, als der HErr selbst (Matth. 24, 15) demselben sein Siegel aufgedrückt.

 Weitaus das wichtigste Bedenken gegen die geschichtliche Auffassung des Buches ist folgendes. „Es findet sich darin eine Bestimmtheit der Vorhersagung auch spezieller Begebenheiten einer ziemlich fernen Zukunft, wie wir sie in dem Grade bei keinem andren Propheten antreffen, besonders c. 10–12, wo die einzelnen Kämpfe der Ptolemäer und Seleuciden, zweier Herrscherfamilien über Reiche, die zu Daniels Zeiten noch gar nicht existierten, die vielmehr erst geraume Zeit später aus einer andern, gleichfalls noch nicht existierenden großen Monarchie hervorgegangen sind, geschildert werden, und zum Teil so genau, mit solchen Spezialitäten, daß man eher Geschichtserzählung als Weissagung zu lesen meint.“ – „Dazu kommt aber noch als besonders wichtig der Umstand, daß die spezielle Bestimmtheit der Vorhersagung hier gerade bis auf die Zeit des Antiochus Epiphanes geht, wo dieser syrische Fürst seine Tyrannei gegen das jüdische Volk übte, – indem die Weissagung entweder mit dem Untergange dieses Fürsten abbricht, oder daran unmittelbar die Verkündigung der Befreiung des Volkes Gottes von allen Bedrängnissen des messianischen Reiches und selbst der Auferstehung der Toten anschließt.“ Demgemäß haben wir, sagt man, in c. 7–12 (vgl. c. 2) keine eigentliche Weissagung, sondern vielmehr Geschichtserzählung, eingekleidet in die Form von Visionen, vor uns, und ihr Zweck wäre etwa der, aus der Geschichte nachzuweisen, daß so, wie die früheren Reiche und ihre Herrscher, auch Antiochus Epiphanes und seine Schreckensherrschaft plötzlich ein Ende nehmen werde.

 Also der Haupteinwand gegen die Echtheit des Buches Daniel ist der, daß Daniel zu spezielles von den Ptolemäern und Seleuciden, und insbesondere von Antiochus Epiphanes soll vorausverkündigt haben. Aber hiegegen ist zu erinnern: 1) an die Weissagung von dem König Josia 1 Kön. 13, 2 vergl. 2 Kön. 23, 16; 2) an die Weissagungen des Jesaja 7, 8; 20, 3. 4; 38, 4; 16, 14; 21, 16; 44, 28; 46, 1; 3) die des Jeremia 25, 11; 29, 10; 4) die des Ezechiel| 4, 5 ff.; 24, 1 ff. u. s. w. Diese Weissagungen sind sehr ins Einzelne gehend. Freilich sind die Danielischen noch viel spezieller: aber wenn es einmal spezielle Weissagungen in der Schrift gibt, wer kann dann bestimmen, wie speziell sie sein dürfen, um noch für möglich gelten zu können? Die Zweifel an der Möglichkeit so spezieller Weissagungen laufen schließlich auf den Zweifel an der Möglichkeit der Weissagung überhaupt hinaus. Ist die Weissagung überhaupt möglich, so läßt sich nicht nach Naturgesetzen bestimmen, wie allgemein oder speziell sie sein müsse, um glaubhaft zu bleiben, denn die Weissagung ist eben nichts Natürliches, an die Gesetze natürlicher Entwicklung Gebundenes, sondern ein Wunder, welches im Dienste und zum Zwecke der Heilsgeschichte das Gesetz der Natur durchbricht. Spezieller übrigens als die Weissagungen über die Erscheinung und den Lebensgang des Messias sind auch die Danielschen Weissagungen nicht. Auffallend ist bei Daniel mehr die Form, in der seine speziellen Weissagungen erscheinen. Sie offenbaren die zukünftigen Dinge nach Vorgang von c. 2 in der Ordnung strenger geschichtlicher Aufeinanderfolge (vgl. die ganz andere Weise, die in Jesaja II herrscht). Es ist daher zu fragen, zu welchem Endzweck diese Form gewählt resp. festgehalten sei. Die Antwort hierauf geht in unserem Falle dahin, daß es für so drangsalsvolle Zeiten durchaus nötig war, der Gemeinde Gottes auf jedem Schritt das Licht des prophetischen Wortes leuchten zu lassen, damit sie in der sich steigernden Verkettung und Verwickelung der Verhältnisse an dem HErrn und seiner Leitung der Dinge nicht irre werde, sondern wisse, daß er selbst die Dinge also vorgesehen habe, da er sie ja vorausverkünden ließ. Wir hören nicht, daß während der 400 Jahre vor Christi Geburt von Gott ein Prophet erweckt worden wäre, den Israel, wie es vormals gewohnt gewesen war, hätte fragen können. Es hängt das mit der Erziehung Israels zusammen, es sollte zu innerer Selbständigkeit kommen; aber von prophetischer Führung sollte Israel nicht verlassen sein. Die Weissagungen Daniels, die den Gang der Weltgeschichte, in den nun auch Israels Lebensgang verflochten war, Schritt für Schritt andeuten, boten Ersatz für einen in der Mitte des Volkes lebenden Propheten. Von den Ereignissen, durch welche das jüdische Volk nicht unmittelbar berührt wird, ist nur das Nötigste mitgeteilt. – Ansätze zu der besonderen Art der Weissagung, wie wir sie in Daniel finden, zeigt der Spruch Bileams Num. 24, 17–24, welcher auch genau angibt, wie ein Weltereignis auf das andere folgt. Dieselbe Form, weil derselbe Inhalt. Eine Analogie für spezielle Weissagungen in Zeiten höchster Drangsal und Verwicklung geschichtlicher Verhältnisse bietet uns die Apokalypse. Der Kern derselben umfaßt 31/2 Jahre, durch welche wir von Schritt zu Schritt bis zum Ausgang der Geschichte geleitet werden.
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 Was aber die Einwände gegen die geschichtlichen Berichte c. 1–6 betrifft, so beziehen sie sich teils auf Zeitbestimmungen, z. B. 1, 1 und 2, 1 vgl. Jer. 25, 1 ff., teils auf geschichtliche Verhältnisse in 3, 31, c. 4, c. 5 und 6, 1, teils auf die Nennung griechischer Instrumente, c. 3; am meisten aber auf die Wunder, die da berichtet werden. Indem wir die Einwendungen gegen die| Wunder billig auf sich beruhen lassen, weil sie von einem puren Vorurteil ausgehen, bemerken wir bezüglich der chronologischen und historischen Umstände, daß dieselben nicht weniger als unlösbar sind, wie dies Füller in seiner Schrift: Der Prophet Daniel (Basel, bei Bahnmaier 1868) erwiesen hat, desgleichen E. Rupprecht, Pseudodaniel und Pseudojesaia, (Erlangen u. Leipzig, Böhme 1894), welche Schriften zu den einzelnen angeführten Stellen nachgelesen werden mögen. Doch soll auf etliche geschichtliche Einwendungen unten kurz eingegangen werden.

 Der Abschnitt 2, 4b–7 ist in der dem Hebräischen verwandten früher chaldäisch, jetzt aramäisch d. h. syrisch genannten Sprache geschrieben, in der auch Teile von Esra verfaßt sind und die man später auch in Palästina redete. Die Sprache der babylonischen Denkmalsinschriften, obwohl gleichfalls der hebräischen Sprache nächst verwandt, ist doch von der oben genannten noch verschieden. Es ist indes wohl möglich, daß Schriftsprache und Verkehrssprache auch in Babel verschieden war; nach c. 2, 4 war letztere das Chaldäische resp. Aramäische, eine Sprache, die schon zu Jesajas Zeit weitere Verbreitung genoß cf. Jes. 36, 11. Durch die Bemerkung c. 2, 4 werden die folgenden Abschnitte als geschichtliche Dokumente bezeichnet. Mit Kap. 8 verläßt der Prophet den Schauplatz der Weltbegebenheiten und beschränkt sich auf das engere Gebiet der Geschichte Israels; da tritt die hebräische Sprache ein.

 Die Sprache Daniels weist auch persische Bestandteile auf, nämlich in den geschichtlichen Partien; in den Weissagungen kommt nur ein einziges persisches Wort vor c. 10, 3 (für niedliche Speise). Hierbei hat man zu beachten, daß der Verkehr Assurs und Babels mit den östlichen Nachbarn (Medien, Elam) ein zum Teil mehr als tausendjähriger war, daß zwischen Medien und Babel um diese Zeit eine enge Verbindung bestand, daß Daniel selber noch mehrere Jahre, zum mindesten fünf, am medisch-persischen Hof lebte.

 Aus geschichtlichen Gründen wird beanstandet c. 5. Unter dem Namen Belsazar kennen die übrigen historischen Quellen den hier genannten babylon. König nicht. Die Personalien desselben aber – Herkunft, Regierungsweise, Ausgang – stimmen ganz zu einem vom chald. Geschichtsschreiber Berosus erwähnten König, namens Loborosoarchod, einem Enkel Nebukadnezars. Daß die Namen der morgenländischen Könige oftmals wechseln, ist bekannt. Daniel mag den offiziellen Namen, der zwei Jahrhundert später lebende Berosus den vor der Thronbesteigung geführten, nennen, da er ihn unter vierjähriger Vormundschaft seines Vaters stehen läßt und ihn nur neun Monate als selbständigen Regenten kennt.

 Desgleichen wird die Existenz des Darius von Medien angefochten c. 5, 31 (der Vers leitet das folgende c. 6, 1 etc. ein), und der hier zunächst in Betracht kommende griech. Geschichtsschreibers Herodot, der etwa 80 Jahre nach Eroberung Babels durch Cyrus jene Gegenden bereiste, nennt ihn nicht; er sagt aber selber, daß er von den mancherlei Erzählungen über Cyrus diejenige gebe, welche ihm als die wahrscheinlichste vorkomme. Es ist auffallend, daß der 50 Jahre hernach| schreibende Xenophon in seinem Buch „Erziehung des Cyrus“ die damaligen Verhältnisse entsprechend der Darstellung Daniels schildert; ein Anlaß, von der Darstellung Herodots abzuweichen, war mit dem besonderen Zweck seines Werkes nicht gegeben; insoweit legt er ein Zeugnis ab für Daniel, nur nennt Xenophon statt Darius den Namen Cyaxares. Die armenische Chronik aber nennt in Zusammenhang mit der Besiegung des letzten Königs der Babylonier Nabonid ausdrücklich den Namen Darius des Königs. (Nach Xenophons Cyropädie ist Cyrus der Enkel des Mederkönigs Astyages, ein Sohn der Tochter desselben, Mandane. Auf Astyages folgt sein Sohn, Cyaxares. Cyrus führt die Kriege dieses seines Oheims, erobert ihm auch Babel und empfängt zuletzt des Cyaxares Tochter zur Gemahlin und Medien als Mitgift. Cyrop. I, 2. I, 5 etc. VIII, 5.) – Zu den bis jetzt gefundenen babyl. Inschriften herrscht allerdings der Name Cyrus allein für sich; Cyrus erscheint in ihnen als Herrscher. Es wird sich aber damit nicht anders verhalten, als wie mit den Aussagen des Buches Daniel über Nebukadnezar. Dieser heißt bereits c. 1, 1 im dritten Jahr Jojakims König von Babel, obwohl damals sein Vater Nobopalassar König war und er selber nur Mitregent; aber er war der aktiv hervortretende. – Zuletzt wird die Darstellung des 6. Kap. noch dadurch beglaubigt, daß die uns unter dem Namen der Perserkriege bekannten Begebenheiten bei den griechischen Schriftstellern die „medischen“ heißen (vgl. Thukyd. I, 18, 23, 86, 89, 92 u. s. w.). Demnach erschien den Griechen nicht zunächst Persien, sondern vielmehr das medische Reich als Erbe der assyrisch-babyl. Weltmacht, trotzdem der Zusammenstoß Griechenlands mit Asien in die Zeit der Perserherrschaft fällt. Der persische Bestandteil des med. Reichs trat erst später selbständig hervor, wie etwa aus dem Reich Karl des Großen das heil. röm. Reich deutscher Nation.

 Von manchen wird Gewicht darauf gelegt, daß Jesus Sirach in seinem Katalog berühmter Männer c. 49 unseren Propheten nicht nenne, zumal doch Joseph erwähnt werde, an den Daniel durch sein Traumdeuten erinnere. Aber Jesus Sirach nennt auch andere hervorragende Männer nicht, als z. B. den Hohepriester Jojada, den Schriftgelehrten Esra. Aus den Bemerkungen, womit er seine Aufzählung begleitet, geht hervor, daß er den Zeitraum des Exils unvollkommen würdigt; an Joseph rühmt er, er sei Herr über seine Brüder gewesen und Erhalter des Volkes, Bezeichnungen, die auf Daniel nicht paßten, wenn er auch sonst manche Ähnlichkeit mit jenem hatte.

 Lassen sich nach dem Vorigen den Gründen, aus welchen man dem Buch Daniel den prophetischen Charakter abspricht, Thatsachen entgegenstellen, die das Gewicht derselben sehr reduzieren, so kann man andererseits für Daniel Gründe und Zeugnisse anführen, denen innerhalb der Kirche entscheidende Bedeutung zukommt. Wenn man nämlich Daniel nicht als Propheten gelten läßt, so läßt sich auch die unfehlbare Autorität des HErrn und seines Apostels nicht mehr halten. Denn des HErrn Belehrung vom Ende Matth. 24, 15 etc. und St. Pauli 2 Thess. 2 gründet sich offenkundig auf den Propheten Daniel, muß also mit preisgegeben werden, wenn er preisgegeben wird. Die Daniel’schen| Engelnamen Gabriel und Michael erscheinen Luk. 1, 19 und Apok. 12, 7 wieder. Somit geben beide Schriften Zeugnis für Daniel. – Zum andern wird Daniel durch die Geschichte voll beglaubigt. Er weissagt c. 9 den gewaltsamen Tod des Messias und die darauf folgende zweite Zerstörung Jerusalems durch Titus, die 234 Jahre nach dem Aufhören der Bedrängnis durch Antiochus Ep. stattfand. Sein Blick reicht über das damals erst aufstrebende römische Weltreich hinaus; c. 2, 33 und v. 41–43 sieht er das Eindringen eines anderen Elementes in das römische Reich voraus. Dieses fand statt durch das Eindringen der deutschen und anderer nordischen Völker ins untergehende römische Reich, das doch auch nicht ganz unterging, sondern in dem heiligen röm. Reich deutscher Nation sich fortsetzte. Er sieht, wie sich gegen den Ausgang der Entwicklung des letzten Reiches das Bestreben nach einer Besonderung der einzelnen Teile geltend macht. Dies Beginnen sehen wir schon im Mittelalter anfangen, in unserer Zeit aber mehr und mehr sich vollenden, indem die einzelnen Nationen sich besondern. (Vgl. die 10 Zehen und die 10 Hörner c. 2 und c. 7.) – Zum Dritten konnten die Zeitumstände der Jahre nach 168 v. Chr. auf gewisse Gedanken, die wir in Daniel ausgesprochen finden, gar nicht führen. Entsprechend der Weissagung c. 11, 30 war Antiochus Epiphanes von den Römern und zwar nicht einmal durch Waffengewalt, sondern durch eine bloße Gesandtschaft gezwungen worden, von Ägypten abzustehen. Gedemütigt, wie ein unbescheidener Knabe, hatte er sich in sein Reich zurückziehen müssen. Wie sollte bei einer solchen Sachlage ein Zeitgenosse darauf gekommen sein, zu vermuten, daß Antiochus nochmals einen letzten Zug gegen Ägypten unternehmen werde, da ihm nicht nur Ägypten, sondern auch Mohrenland und Libyen vollständig in die Hand würde gegeben werden? Sodann, daß er nicht durch die Römermacht, im Westen würde beunruhigt werden, sondern durch ein Geschrei von Mitternacht und Morgen, von wo damals keine Gefahr drohte? So weissagt aber Daniel c. 11, 40–45. – Zum andern: Der geschichtliche Antiochus Ep. war bekanntlich ein fanatischer Verehrer des olympischen Zeus, des obersten griechischen Gottes, c. 11, 37–39 ist mit diesem Antiochus eine vollständige Metamorphose vorgegangen. Wie hätte ein Jude zur Makkabäerzeit auf diesen Gedanken kommen können? Ein solcher Vorgang liegt außerhalb der natürlichen Berechnung des Menschen; seines gleichen ist auch in der ganzen 300j. Verfolgungszeit der ersten Christenheit nicht vorgekommen. – Endlich finden wir in der Zeit der antioch. Verfolgung den Glauben an die Auferstehung als Haupttrost der makk. Märtyrer. Diese Thatsache setzt voraus eine vollkommen deutliche Belehrung darüber, wie wir sie nur in Dan. 12, 2–3 in eigentlicher Weise vor uns haben. Solche Überzeugung wird nicht von heute auf morgen gewonnen, noch schlägt sie im Handumdrehen Wurzeln im Gemüt. Sie setzt längere Vertrautheit mit einer darüber gegebenen Belehrung voraus; auch aus diesem Grund kann Daniel nicht der antioch. Verfolgung gleichzeitig sein, vgl. übrigens den ganz andern Trost der drei Männer im feurigen Ofen Dan. 3, 16 etc.
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|  3. Der Zweck des Buches Daniel ist zunächst der, im Volk Gottes die Kenntnis der wunderbaren Thatsachen, durch welche sich der HErr inmitten der Heidenwelt während des Exils als der Gott aller Götter und König aller Könige erwies, zu erhalten und die Offenbarungen, welche der am Hofe der Weltherrscher lebende Daniel über die Entwicklung des Weltreichs und den Ausgang seiner Feindschaft wider das Reich Gottes empfing, dem Volk Gottes zu übermitteln. Sodann aber verfolgt es den weiteren Zweck, das Volk Gottes für die Zeit, wo es unter der Weltmacht steht, durch geschichtliche Beispiele zu belehren, daß der HErr, der König aller Könige, seine Getreuen, welche Gottes Gebot über den Willen der Gewaltigen dieser Erde stellen, gegen diese zu bewahren weiß (c. 1 bis 6), und durch die Geschichte zu trösten, daß die Weltmächte und die Händel derselben, unter denen das Volk Gottes zu leiden hat (c. 11), unter der Leitung des Allerhöchsten stehen, und daß, wenn es zum äußersten in der Gottesfeindschaft der Welt gekommen sein wird, die Weltmacht ein Ende nehmen wird, damit das Reich Gottes erstehen kann (c. 7–12).
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 4. Die Stellung des Buches im Kanon. Das Buch steht im hebräischen Kanon nicht unter den Propheten, sondern unter den Hagiographen, zwischen Esther und Esra. Die Ursache hievon liegt nicht, wie die Gegner der Echtheit meinen, darin, daß das Buch erst entstanden ist lange nachdem die Sammlung der Propheten geschlossen war, sondern darin, daß Daniel nicht bloß ein prophetisches Buch, sondern auch ein Geschichtsbuch ist, welches die wichtigsten Ereignisse, die das Volk Gottes in einzelnen Vertretern während des Exils erlebte, enthält und überliefert. Mit Recht eröffnet es daher in der alten Reihenfolge der biblischen Bücher die Reihe der nachexilischen geschichtlichen Schriften (vgl. § 4 p. 7 Anmerkung). – Auch als Prophet nimmt Daniel eine abgesonderte Stellung ein. Er ist nicht zur Gemeinde des HErrn gesandt, wie Jeremia oder Sacharja, um einen Auftrag an dieselbe auszurichten; er steht nicht inmitten seines Volkes wie Ezechiel; für die meisten seiner Volksgenossen stand er wohl in unerreichbarer Höhe. Er richtet weder Straf- noch Trostreden an sein Volk. Er empfängt gewissermaßen als Privatmann Aufschlüsse über die zukünftige geschichtliche Entwicklung; seine Mitteilungen| erfordern aber doch allgemeine ernstliche Beachtung um seiner Persönlichkeit willen; denn seine Erlebnisse erwiesen ihn als ein auserwähltes Werkzeug Gottes. Seine Offenbarungen hat er nicht gepredigt, sondern in ein Buch legte er sie nieder zum stillen Studium und zur Belehrung für den, welcher aufmerken wollte. Die Zeit in ihrem Fortschritt, sollte der Ausleger sein für den Forschenden. Warum gerade er sie empfing, erklärt sich daraus, daß er in seiner hohen politischen Stellung im Mittelpunkte der ersten Weltreiche vor anderen befähigt war, das Wesen und den Geist der Weltmacht und ihrer Herrscher zu erkennen und über deren Verhältnis zum Reiche Gottes Offenbarung zu empfangen und schriftlich aufzuzeichnen.

 5. Gliederung des ganzen Buches.

 Das Buch zerfällt, wie schon bemerkt in zwei Hauptteile. Der erste (c. 1–6) enthält Erlebnisse Daniels am chaldäischen Hofe, der zweite (c. 7–12) Visionen über die Reiche der Welt und das Reich des Messias, innerlich aber hängen beide Teile untrennbar zusammen.

 Es ist im wesentlichen ein großes Bild, das Daniel vor unserm geistigen Auge entstehen läßt; der Kampf zwischen Weltreich und Gottesreich in seinen einzelnen Stadien und seinem Ausgang, c. 2 im Monarchienbild zeichnet er die Umrisse desselben; c. 7 verleiht er den erst mehr angedeuteten geschichtlichen Erscheinungen bestimmteren Charakter. Beide Kapitel umfassen das Ganze der Entwicklung, doch geht c. 7 durch Schilderung des antichristlichen Reiches über c. 2 hinaus. Nachdem das Bild im großen und ganzen sozusagen auf die Leinwand gebracht ist, kommen nun die Einzeichnungen in dasselbe, die nach den Gesetzen der Malerei und bildlicher Darstellung immer spezieller und detaillierter werden, aber alle sich wohl in einander fügen, so daß das Ganze zuletzt einen harmonischen Eindruck gewährt. Das Geheimnis der Bosheit, welches am Schluß des 4. Reiches zum entscheidenden Kampf mit dem Gottesreich hervortritt, hat sich nach c. 8 bereits im 3. Weltreich von ferne angezeigt. Wie dort aus den zehn Reichen, in welche das 4. Weltreich ausläuft, das antichristliche sich erhebt, so hier aus den 4 Reichen, die schließlich aus dem griechischen Weltreich sich bilden. Zu dem, was c. 8 in großen Zügen dargestellt ist, enthält c. 10–12 das genauere Detail; insofern dieser letzte Abschnitt uns in den geistigen Hintergrund der Weltbegebenheiten blicken und uns dadurch dieselben verstehen läßt, verhält er sich zu c. 8 ganz wie c. 7 zu c. 2. Zwischen dem Antichristentum des 3. und dem des 4. Weltreichs liegt in der Mitte das röm. Weltreich selber, c. 9 zeigt, daß die Herrschaft dieses Reiches an dem Bestand des durch Cyrus wieder hergestellten Israel nicht spurlos vorübergeht.| Infolge einer neuen noch schwereren Versündigung wird Tempel und heilige Stadt zum andern Mal, und zwar durch Heere dieses 4. Weltreichs zerstört. Über diese Zerstörung hinüber reicht das Antichristentum des 3. Reichs dem des letzten die Hand; denn beide gehören zusammen; sie bilden eine Entwicklung.

 In der Schilderung der Aufrichtung des Gottesreiches läßt sich eine ähnliche Ordnung wahrnehmen, c. 2 redet davon im allgemeinen: ein Stein ohne Hände herabgerissen zerschlägt die Weltreiche und wächst zu einem Berg, der die ganze Welt erfüllt, c. 7 sehen wir warum das Weltreich zerschlagen werden muß. Der von Anfang an in ihm schlummernde Gegensatz gegen Gott und sein Volk wird schließlich bewußte Feindschaft, die sich in Lästerung Gottes und Verfolgung des h. Volkes äußert, so daß Gott selber einschreiten muß. Der Weltherrscher wird vertilgt und Gott verleiht die Herrschaft über die Menschenwelt, dem dazu bestimmten Erben: einem Menschensohn, doch von himmlischer Herrlichkeit umgeben. Mit ihm nehmen die Heiligen das Reich ein. Die nächsten Kapitel zeigen zunächst Vorspiel und Anbahnung jener letzten großen Bedrängnis, dann kurz diese selber und ihren für Gottes Volk tröstlichen Ausgang. Das in c. 7 erwähnte Einschreiten Gottes vollzieht sich so, daß der Fürst Gottes Michael sich aufmacht und Gottes Volk errettet c. 12, 1 etc.

 Kurz ist der letzte Ausgang des Kampfes behandelt; derselbe liegt jenseits der Erscheinung Christi; die Weissagung darüber erfährt die erforderliche Erweiterung durch die Offenbarung St. Johannes. Was die aus dem babyl. Exil zurückgekehrte Gemeinde zu erleben hatte, war die Bedrängnis durch Antiochus; diese erfährt deshalb ausführliche Darstellung.

 6. Stellung Daniels unter den übrigen Propheten.

 Daniel ist der Geschichtschreiber unter den Propheten. Er zeigt, wie die Weltmacht, nachdem sie die Stadien ihrer Entwicklung durchlaufen hat, das Reich über die Welt an das heilige Volk verliert. Von den Ereignissen aus dem Leben des HErrn hat er in seiner Weissagung nur den Tod, und von diesem sind es nur die weltgeschichtlichen Folgen, die er hervorhebt. Dafür aber hat er die Weissagung von dem in des Himmels Wolken erscheinenden Menschensohn, d. h. die Weissagung von der zukünftigen Herrlichkeit des den Menschen gleich gewordenen, vgl. Matth. 26, 64. Außerdem kommt bei keinem Propheten mit gleicher Deutlichkeit der Gegensatz des himmlischen Charakters des Gottesreiches (vgl. 7, 13; 8, 10; dazu Offbg. St. Joh. 12, 1) und der tierische, ja teuflische Charakter des Weltreichs zum Vorschein, wie bei Daniel. Ebenso hat er in der Klarheit der Schilderung des Gerichts und der Auferstehung| einen besonderen Vorzug vor den übrigen Propheten. Gleichwohl ist Daniel keine singuläre Erscheinung in der Schrift. Sein Buch bildet das Mittelglied zwischen der Weissagung Bileams und der Offenbarung St. Johannis.

 7. Inhaltsübersicht:

 Erster Hauptteil c. 1–6.

 1. Infolge des Kriegszuges, welchen Nebukadnezar – wohl noch als Mitregent seines Vaters Nabopolassar gegen Ägypten und Juda unternahm (vgl. Jer. 25, 1; 46, 2; 2 Chr. 36, 6 f.; Jer. 36, 9), kommt Daniel nach Babel und wird hier mit anderen israelitischen Edelknaben zum Hofdienst herangezogen. Aus Treue gegen das mosaische Gesetz versagt er sich mit drei anderen Gefährten das Fleisch und den Wein von der königlichen Tafel, was Gott ihm trotz aller äußeren Schwierigkeiten gelingen läßt und damit segnet, daß er, obwohl er nur von Pflanzenkost und Wasser lebt, doch mehr gedeiht, als die andern. Dazu macht er in allen Kenntnissen so große Fortschritte, daß der König nach Beendigung der drei Lehrjahre ihm und seinen Genossen vor allen anderen seine Gunst zuwendet und Daniel von da an während der ganzen Dauer der chaldäischen Herrschaft am Hofe bleibt (c. 1)

 2. Nebukadnezar hatte im 2. Jahre seiner selbständigen Regierung einen Traum, der ihm entfiel und den seine Weisen (Chaldäer, vgl. c. 5, 30 Bezeichnung eines Reiches und zugleich einer Kaste, etwa wie Brahmanen s. Ranke, Weltgeschichte V, 1 p. 6) ihm wieder sagen und deuten sollen. Da sie das nicht können, so will er sie töten. Auch Daniel soll sterben. Da erfleht er von seinem Gotte die Offenbarung des Traumes und seiner Deutung, und sagt beides dem Nebukadnezar. Dieser aber beugt sich vor Daniels Gott und erhebt den Daniel zum Obervorsteher der Magierkaste. Der Traum aber war folgender. Der König schaute ein großes Bild, dessen Haupt von Gold war, Brust und Arme waren von Silber, Bauch und Lenden von Erz, die Füße teils von Eisen, teils von Thon, bis sich ein Stein von selbst losriß, an die Füße des Bildes stieß und alle Teile desselben zermalmte. Daniel deutete das Bild auf mehrere aufeinanderfolgende Reiche. Es werde nämlich auf das gegenwärtige, das des Nebukadnezars, ein geringeres folgen (das medo-persische), dann ein drittes von Erz, herrschend über die ganze Erde (das griechisch-Ptolemäisch-seleucidische), und ein viertes, stark wie Eisen, alles zermalmend und zerschmetternd (das römische), darauf ein geteiltes Reich, teils von Eisen, also stark, teils von Thon, also zerbrechlich (das ost- und weströmische), wo man sich im Geschlechte vermischen werde, aber ohne zusammenzuhalten (die kleineren, aus römischen und eingedrungenen barbarischen Volksbestandteilen gemischten Reiche, in welche das große römische Reich ausging); zur Zeit dieser Könige (der kleinen Reiche) werde Gott selbst ein Reich auf Erden errichten, welches alle jene Reiche zerstören, selbst aber in Ewigkeit bestehen und keinem andern Volke werde überlassen werden (das zukünftige Reich Christi) (c. 2).

|  3. Nebukadnezar errichtet in der Ebene von Babel eine ungeheure Statue von Gold, 60 Ellen hoch, 6 Ellen dick, versammelt zu deren Einweihung alle hohen Staatsbeamten des Reiches und gebietet ihnen durch seinen Herold bei Strafe, in einen glühenden Feuerofen geworfen zu werden, daß sie auf den Schall der musikalischen Instrumente vor dem Bilde niederfallen und es anbeten. Die drei Gefährten Daniels – von ihm selbst ist gar nicht die Rede – unterlassen es, und weigern sich auch vor dem König, es zu thun. Die werden nun in den aufs stärkste geheizten Ofen geworfen, aber in demselben auf wunderbare Weise erhalten, so daß Nebukadnezar selbst voll Staunens die Macht ihres Gottes anerkennt und einen Befehl erläßt, worin jeglicher mit Todesstrafe bedroht wird, der den Gott dieser Männer lästern würde, ihnen selbst aber hohe Ämter im Lande Babel anvertraut (3, 1–30).

 4. Es folgt nun ein Brief des Königs Nebukadnezar, gerichtet an alle Völker auf der ganzen Erde, worin er erzählt, wie Daniel ihm einen Traum ausgelegt habe, den alle Weisen seines Reiches nicht zu deuten vermochten, und wie dieser Traum dann zwölf Monate darauf an ihm in Erfüllung gegangen sei. Er sei nämlich zur Strafe seines Hochmuts in Wahnsinn gefallen und habe in diesem Zustande 7 Zeiten (Jahre oder Monate?) lang auf dem freien Felde mit den Tieren und gleich ihnen gelebt, sich vom Grase nährend; darnach sei sein Verstand zurückgekehrt, er habe die Macht und Größe des Höchsten gepriesen und sei wieder in sein Reich eingesetzt und seine Macht ihm noch vermehrt werden, und so preise und erhebe er denn jetzt vor aller Welt den König des Himmels. – [4, 25–30 ist die Briefform verlassen und vom Könige in der dritten Person die Rede, aber von v. 31 an tritt er selber wieder redend ein.] (3, 31–c. 4.)

 5. König Belsazar, mütterlicherseits ein Nachkomme Nebukadnezars, entweiht bei einem Gastmahl freventlich die heiligen Gefäße, welche Nebukadnezar aus Jerusalem nach Babel gebracht (1, 2). Da erblickt der König plötzlich eine Hand, welche etwas an die Wand des Speisesaals schreibt. Nachdem alle Weisen Babels vergeblich versucht, es zu lesen, wird Daniel geholt, welcher die Schrift liest und dahin deutet, daß der König wegen jenes Frevels und der Verachtung des HErrn des Himmels sein Reich verlieren werde, und daß dieses den Medern und Persern zu teil werden solle. Daniel wird für diese Deutung mit hoher Würde bekleidet, der König aber noch in derselben Nacht getötet. [Der letzte Sprößling Nebukadnezars verlor sein Leben durch eine Verschwörung. Der von den Verschworenen erwählte neue König Naboned verlor nach 17 Jahren den Thron im Kampf gegen Cyrus; damit fand das babylon. Reich überhaupt seinen Untergang.] (5, 1–30.)

 6. Der König Darius (der Meder, der Oheim, Schwiegervater und Vorgänger des Cyrus), setzt über das ganze Reich 120 Statthalter, über diese wieder drei Fürsten, darunter auch Daniel. Da sich dieser sehr auszeichnet, so will ihn Darius über das ganze Land setzen. Darüber neidisch, suchen die Großen des Reiches ihn zu stürzen. Der König muß auf ihr Einreden ein Edikt erlassen,| welches verbietet, daß jemand innerhalb 30 Tage an einen anderen, sei er Gott oder ein Mensch, eine Bitte richte, als an den König. Daniel verrichtet dennoch sein Gebet zu Jehova und kommt infolge dessen in die Löwengrube. Der König findet ihn aber am andern Tag noch unversehrt, läßt ihn herausziehen und dafür seine Angeber hineinwerfen. Den Gott Daniels aber, der so herrliche Wunder thut, verherrlicht er durch ein Edikt vor allen seinen Völkern c. 5, 31–6, 28.

 Zweiter Hauptteil c. 7–12.

 1. Ein Traumgesicht Daniels, welches er im ersten Jahr des Belsazar, Königs von Babel, hatte und aufschrieb. Es erscheinen dieselben Weltreiche, welche in c. 2 als Glieder einer Menschengestalt versinnbildet waren, unter den Symbolen von Tiergestalten, welche aus dem Weltmeer aufsteigen: das chaldäische als geflügelter Löwe, das medopersische als ein Bär mit drei Rippen im Rachen, dem lydischen, äpyptischen und babylonischen Reiche, das griechisch-macedonische als ein Panther mit vier Köpfen und vier Flügeln auf dem Rücken (Antigonus, Ptolemäus, Lysimachus und Kassander, Alexanders Nachfolger), das römische als das grausigste Tier mit eisernen Zähnen, ehernen Klauen und 10 Hörnern, zwischen denen ein elftes hervorkommt und drei von jenen zehn Hörnern wegstößt. Dieses kleine Horn, dessen Ansehen dann größer ist, als das der anderen, beginnt mit der Gemeinde Gottes zu streiten und unterjocht sie, aber der Alte der Tage macht dieser letzten Weltmacht ein Ende und setzt der Bedrängnis der Gemeinde ein Ziel, indem er dem Menschensohne, der in des Himmels Wolken daherkommt, alle Gewalt gibt. [Der Verfolger der Gemeinde ist nicht Antiochus Epiphanes, sondern dessen Gegenbild, der Antichrist, 2 Thess. 2. Andere nehmen freilich an, daß das vierte Weltreich nicht das römische, sondern das griechische sei; sie zählen dann das medische als ein besonderes Reich, sich berufend auf 5, 28; 6, 8. 12. 15, wo Meder und Perser unterschieden werden; dann ist natürlich das kleine Horn hier wie 8, 9 ff.; 9, 26 ff. und c. 12 nicht ein zukünftiger Antichrist, sondern Antiochus Epiphanes, und der Gesichtskreis des Buches wird durch diesen begrenzt. Allein diese Deutung scheitert an dem Umstand, daß nach c. 8, 8 etc. der Bedränger Antiochus Ephiphanes aus dem 3. Reich hervorgeht. Denn der Ziegenbock, dem sein großes Horn zerbricht und dafür vier andere wachsen, entspricht dem Pardel c. 7, 6 mit seinen 4 Köpfen. Der Ziegenbock ist aber offenbar das Reich Alexanders des Großen.

 Die Geschichte kennt kein medisches Weltreich im Unterschied vom persischen, sondern ein medisch-persisches; nach c. 7, 8 geht der letzte Gottesfeind hervor aus einer Zehnzahl von Reichen; Antiochus Ep. aber geht nach c. 8, 9 aus einer Vierzahl hervor. Letztere läßt sich geschichtlich nachweisen cf. Inhaltsangabe von c. 8; erstere ist für die Zeit des Antiochus nicht nachweisbar, ja bis jetzt überhaupt noch nicht. – Selbst für den Fall übrigens, daß das Buch Daniel erst in der Zeit des Antiochus Ep. verfaßt worden wäre, dürfte man nicht sagen, daß der Gesichtskreis des Verfassers durch das Regiment dieses| Königs begrenzt gewesen wäre. Es bestand ja damals bereits das römische Weltreich, des Antiochus Vater war ihm bereits unterlegen, Antiochus selber war in Rom als Geisel gewesen. Römisches Machtgebot hatte ihm bereits ein: „Bis hierher und nicht weiter“ zugerufen und er hatte sich gefügt.] c. 7.

 2. Ein Gesicht Daniels c. 8 aus dem dritten Jahre Belsazars, wobei er sich [im Gesichte?] in der Burg Susan, am Flusse Ulai (Eulaios) befand. Hier erscheint ihm die medopersische Macht unter dem Bilde eines Widders und die griechische unter dem Bilde eines Ziegenbocks: der einhörnige Ziegenbock siegt und bekommt vier Hörner, aus deren einem ein fünftes hervorkommt, welches sich bis an den Himmel streckt, herabgeworfene Sterne mit Füßen tritt und 2300 Abend-Morgen lang Völker, und besonders das Volk der Heiligen mißhandelt. Der Ziegenbock ist das griechische Reich; das eine ansehnliche Horn zwischen des Ziegenbocks Augen ist Alexander der Große, der in flugartigem Siegeslauf von Westen gekommene Eroberer; die vier Hörner, welche, nachdem dieses große Horn zerbrochen, an dessen Stelle gegen die vier Himmelsgegenden hin hervorwachsen, sind vier aus der Monarchie Alexanders (auf Grund der Schlacht von Ipsus 301, wo 4 Feldherrn Alexanders den Antigonus, der sich die Oberhoheit über sie anmaßte, niederwarfen und damit jeder für sich ein selbständiges Reich sich erkämpften) hervorgehende Reiche (das mazedonische im Westen, das syrische im Osten, das ägyptische im Süden und das thrazische im Norden), und das kleine Horn, welches aus einem der vier hervorgeht, himmelhoch wird und das heilige Volk bis zur Abstellung des täglichen Morgen- und Abendopfers und Verstörung des Heiligtums unterdrückt, ist Antiochus Epiphanes. Der 6 Jahre 3 Mon. 20 Tage betragende Zeitraum der 2300 Abend-Morgen läßt sich nicht sicher nachweisen. Die Zeit des Aufhörens des Opfers in der Bedrängnis durch Antiochus betrug 3 Jahre 10 Tage vgl. 1 Macc. 1, 57 und 4, 52. Die ganze Bedrängnis vom Anfang bis zum Tod des Antiochus dauerte vom 143. Jahr des syr. Reichs bis ins 149. vgl. 1 Macc. 1, 21 und 6, 16.

 3. Ein Gesicht Daniels aus dem ersten Jahre des Darius, Sohnes des Ahasverus, des Meders, der (nach Naboneds Besiegung und Babels Eroberung durch Cyrus) über das Reich der Chaldäer König geworden war (nach Xenophon Sohn des Asthages c. 9). Daniel sinnt nach über die Zahl von 70 Jahren, von denen Jeremia geweissagt, daß sie über den Trümmern Jerusalems vergehen sollten, und fleht zu Jehova um Wegnahme der Sünden des Volkes und um Abwehr des göttlichen Zornes von Jerusalem und Zion. Da erscheint ihm der Engel Gabriel und eröffnet ihm v. 24–27 wie es mit der auf Grund von Jerem. 25 nach dem Ende der 70jähr. Gefangenschaft erhofften Wiederherstellung Jerusalems und des Tempels sich verhalte. Die vollkommene Wiederherstellung, wie sie nach den herrlichen Weissagungen der Propheten erwartet werden muß, wird erst nach Verlauf eines Zeitraums von 70 Siebenden (Jahrwochen) erfolgen. Da wird der Macht der Sünden und ihren Folgen gewehrt; da kommt die Herrschaft der Gerechtigkeit und damit die Erfüllung aller Verheißung und die Salbung eines Allerheiligsten. – Dieser Zeitraum nun wieder| in 7 + 62 + 1 Woche zerfällt. Von dem Zeitpunkt an, da der Befehl ausgeht, Jerusalem zu bauen (der im 20. Jahr des Artaxerxes Longimanus vgl. Nehem. 2, 1 etc. erging), bis auf Christum, den Fürsten, eine Zeit von 7 + 62 Jahrwochen hindurch, wird Jerusalem gebaut werden, obwohl unter Bedrängnis. – (Der Zeitraum von Erlaß des Befehls bis Christus wird zerlegt; die 7 ersten Jahrwochen dürften die Zeit Nehemias und Esras bezeichnen, mit deren Wirksamkeit die Zeit der Wiederherstellung der nachexilischen Gemeinde abschloß. Das Hervortreten aber des HErrn als des Königs über Israel geschah am Palmsonntag; dies war der entscheidende Tag cf. Luk. 19, 42 etc. Das 20. Jahr des Artaxerxes ist nach der chronolog. Tafel des 150 nach Chr. lebenden Astronomen Ptolemäus das Jahr 445. Nehmen wir eine 3jährige Wirksamkeit des HErrn an, so ist er nach Luk. 3, 1 im 18. Jahr des Kaisers Tiberius gestorben d. h. im Jahre 32 nach Chr. 445 + 32 = 477, also bloß um 6 Jahre weniger, als nach Daniel zu berechnen wäre; denn 7 × 69 = 483. Es steht übrigens nicht unzweifelhaft fest, daß Artaxerxes erst 465 angefangen habe zu regieren und nicht schon früher nämlich 475 – die Gründe für beide Annahmen halten sich die Wage – während andererseits von latein. Kirchenvätern behauptet wird, der HErr sei im 15. Jahr des Tiberius gestorben. Auch bei den herkömmlichen Annahmen trifft Daniels Angabe mit der üblichen Datierung der Erscheinung des HErrn auffallend nahe zusammen. Wenn aber die beiden abweichenden Daten (475 Anfang der Regierung des Artaxerxes, 15. Jahr des Tiberius Tod des HErrn) richtig sind, so trifft die Rechnung der Weissagung und die der Geschichte unmittelbar zusammen. – In der That hat man um die Zeit der Erscheinung des HErrn die Geburt des HErrn in absehbarer Zeit erwartet (Luk. 2, 26: dem Simeon war eine Antwort geworden etc.); dies erklärt sich, wenn für die Erscheinung des HErrn eine Zeitbestimmung vorlag, wie wir sie in Daniel nach Vorgang von Jeremia 25 haben). – Aber Christus tritt nur hervor, um gewaltsam beseitigt zu werden; auch kein Rest von Anhängerschaft bleibt ihm innerhalb des Volks. So ist dasselbe ein alles geistlich Guten entleertes Gemeinwesen, das der Zerstörung anheimfällt. Ein Volk eines Fürsten, der kommen wird (d. h. die Heere der röm. Weltmacht), wird Stadt und Heiligtum zerstören (2. Zerstörung durch Titus 70 n. Chr.); eine Periode der Kriegsnot und Verwüstung beginnt (Luk. 21, 24).

 Mit v. 27 kommt Daniel auf die 70. Woche. Der v. 26 als kommend erwähnte Fürst wird die Masse zu einem festen Bund mit sich zusammenschließen, die Hälfte der Woche hindurch wird er Opfer und Speisopfer aufhören machen vgl. c. 7, 25; getragen von Gräuelmacht wird er als Verwüster schalten und sein Verwüsten wird dauern bis zum festgesetzten Ende. (Es ist der aus dem röm. Reich hervorgehende Antichrist, dessen Thun hier kurz geschildert wird. Nähere Ausführung c. 11, 36 etc.)

 4. Gesicht Daniels aus dem dritten Jahre des persischen Königs Cyrus, am Tigris. Nach dreiwöchentlichem Trauerfasten erhält Daniel wieder durch Vermittlung des Engels Gabriel Unterweisung über den weiteren Fortgang der| Geschichte des Volkes Gottes, c. 10 enthält die Einleitung dazu. Es deutet vorläufig an, wie in den Kämpfen der Weltmacht wider Gottes Volk Geistmächte (gute und böse) thätig sind; wie die guten Geistmächte im persischen Reiche noch die Übermacht behalten haben, wie es aber im griechischen Reiche anders werden würde. Von 11, 2 an folgen dann spezielle Aufschlüsse über die Geschichte des Volkes von der Gegenwart an bis zum Auftreten des Antiochus. Von Cyrus aus verfolgt nämlich die Weissagung mit wenigen Worten den Verlauf der persischen Geschichte bis zum Zuge des Xerxes gegen die Griechen, kommt von ihm aus sofort auf Alexander und den Zerfall seines Reiches, und hebt aus der Geschichte der vier griechischen Reiche die Verhältnisse und Kämpfe der Könige des Nordens und Südens (Syriens und Ägyptens) miteinander hervor. Der König von Ägypten, Ptolemäus Philadelphus, verheiratet (248) seine Tochter Berenice an den syrischen König Antiochus Theos: Berenice brachte Palästina Syrien als Mitgift zu (v. 6a). Berenice wird verstoßen (6b), durch ihren Bruder Ptolemäus Euergetes aber gerächt, welcher den Seleukus Kallinikus, den Nachfolger des Antiochus Theos, demütigte (7–9). Aber ein Sohn des Seleukus, Antiochus der Große, wird den Kampf gegen den König von Ägypten, Ptolemäus Philopator, erneuern (10). Zuerst wird er besiegt, 217 bei Raphia (11–12), dann aber wird er über den Nachfolger des Ptolemäus Philopator, den Ptolemäus Epiphanes, mit Hilfe anderer Völker siegen; auch die Juden werden es mit den Syrern gegen Ägypten halten (13–16). Er wird mit List Ägypten zu gewinnen suchen, aber vergebens (17); er wird die Inseln zu erobern suchen, aber ein Fürst (der römische Feldherr Scipio Asiaticus) wird ihn (bei Magnesia 190) schlagen (18). In einer Empörung kommt er durch sein Volk um (19). Nach ihm folgt erst Seleukus Philopator, der überall Geld erpreßte und auch die Tempelgefäße in Jerusalem rauben wollte; aber seine Herrschaft währt nur kurze Zeit (20). Nun wird der „Verachtete“ aufkommen, den die Welt den „Erlauchten“ nennt, Antiochus Epiphanes (21). Er fällt mit schamloser Tücke in das von ihm zuerst sicher gemachte Ägypten und erobert es 173 (v. 22–24). Er unternimmt einen zweiten Heereszug gegen Ägypten, wo er durch Heereskraft und Verrat Sieger bleibt (25–27). Durch solches Glück übermütig geworden, wagt Antiochus sich nun an das h. Bundesvolk des HErrn, vorerst (170 v. Chr.) nur ein wenig (v. 28, vergl. 1 Makk. 1, 21–29). Da aber ein neuer Feldzug nach Ägypten durch Schiffe der Chittäer (eine römische Flotte) vereitelt wird (29-30a), so läßt er nun seinen ganzen Ingrimm an dem Heiligtume und dem Gottesdienste aus: das tägliche Opfer schafft er ab und auf den Brandopferaltar setzt er den „Greuel“, einen Götzenaltar (30b. 31). Abtrünnige Juden lassen sich von ihm verführen, dem Zeus zu opfern, aber die standhaften Bekenner erheben sich und warnen das Volk vor dem Götzenopfer trotz der Verfolgung; es geschieht ihnen auch eine kleine Hilfe durch die Makkabäer v. 32–34, deren Haufe aber auch gesichtet wird (35). Vgl. zu v. 30-35: 1 Makk. 1, 55; 1, 53-54. 60; c. 2 ff.; 1, 61-66.
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|  Das Äußerste aber, was der letztgenannte König thut, ist, daß er sich wider alles, was Gott ist, erhebt, den Höchsten lästert, der eigenen Götter nicht achtet, überhaupt nichts achtet, was bisher für göttlich anerkannt wurde. An dessen Statt wird er Ehre thun dem Gott Maussim d. i. seiner eigenen Stärke, große Belohnungen die er auf die Verehrung seines neuen Gottes setzt, werden den Dienst desselben fördern.

 Doch indem der König thut, was er will, führt er ohne es zu wissen und wollen ein göttliches Strafurteil wegen Religionsverachtung aus (vgl. v. 36; bis der Zorn aus sei und c. 8, 23; 2 Thess 2, 10–12).

 Am Ende unternimmt der König einen letzten Kriegszug gegen Ägypten, auf dem er siegreich ist (4043), bis ihn ein Kriegsgeschrei heimruft und er im heiligen Lande, durch göttliches Eingreifen, seinen Untergang findet (44–45).[2] Israel aber wird in dieser letzten Drangsal errettet, und am Ende derselben werden alle auferstehen, die Abtrünnigen zur Schmach, die Bekenner zur Herrlichkeit (12, 1–4). Auf die Frage nach der Zeit des Endes der Trübsale empfängt Daniel eine Antwort, die der Zeitangabe 7, 25 und 9, 27 entspricht; in 31/2 Zeiten wird sich alles vollenden, wenn die Wendung in dem Geschick des jetzt erniedrigten Volkes Gottes eintritt. Letzterer Umstand weist uns über die Zeit des Antiochus Epiphanes hinaus ans Ende der Tage. Die Erhebung der Makkabäer war ja nach c. 11, 34 nur eine kleine Hilfe. Die Zeitangaben v. 11 und 12 scheinen sich auf die letzte Drangsal v. 7 zu beziehen; der Endpunkt der 1290 Tage wird vielleicht in der c. 11, 44 genannten Thatsache, der der 1335 Tage in der des 45. Verses zu suchen sein.

 Der Schluß zeigt noch einmal recht deutlich den sozusagen privaten Charakter der dem Daniel geschehenen Offenbarungen.


B. Die kleinen Propheten.
§ 45.
1. Obadja.
 Über die Person des Obadjas ist uns etwas Sicheres nicht bekannt. Die talmudische Überlieferung kombiniert ihn bald mit dem Obadja 1 Kön. 18, 3 ff., bald mit dem Hauptmann Achasjas 2 Kön 1, 13 und spinnt einen Sagenkreis um seine Person. Die Entscheidung der Frage nach seinem Zeitalter hängt ab von der Entscheidung der andern, welche Eroberung Jerusalems durch Fremde v. 11 gemeint sei. Da es nicht Babel ist, wohin die Gefangenen geführt werden, andrerseits Jerusalem nicht verbrannt zu sein scheint, sondern nach v. 17 vielmehr noch existiert, so hat man zwischen drei Ereignissen| die Wahl: zwischen der aus 2 Chron. 12, 9 zu erschließenden Eroberung Jerusalems durch Sisak von Ägypten, vgl. 1 Kge 11, 14–22; oder der 2 Chron. 27, 16 erwähnten Eroberung unter Joram durch Araber und Philister; oder der Niederlage, die Joas erlitt 2 Chron. 24, 23. Es ist wohl möglich, daß wir an das erstgenannte Ereignis zu denken haben. Der Eifer und die Entrüstung Obadja’s erklärt sich aus dem Umstand, daß die Feindschaft, welche das Brudervolk zeigte, nach der langen Verbindung desselben mit Israel unter David und Salomo ganz unerwartet kam. Jetzt fehlte ein Rächer, wie David; Rehabeam geriet in Abhängigkeit von Ägypten. Aber Edom’s Unrecht sollte nicht ungestraft bleiben. Was Juda damals erfahren hat, mußte es nach der großen Zeit David-Salomos besonders empfindlich berühren. Damals mögen Israeliten durch die nach dem Westen handelnden phöniz. Seefahrer dorthin (Sepharad vielleicht Sardes) verkauft worden sein. – Aus dem Unglück des Brudervolkes suchte Edom Nutzen zu ziehen und gesellte sich statt Mitleid zu fühlen, zu den plündernden und mordenden Feinden; solche Unthat wird an Edom, wenn der HErr über die Heiden insgemein Gericht halten wird, mit schrecklichem Sturz von seiner stolzen Höhe heimgesucht werden, während von Zion aus das Reich Jehovas und seines Volkes nach allen Seiten sich ausbreiten wird. – Obadjas Weissagung ist von Jeremia in seiner Drohrede über Edom (c. 49, 7–22) und in der über Ammon (vgl. Ob. c. 17b, mit c. 49, 2b) benützt worden. In dem messianischen Gedanken, daß Zion bei dem allgemeinen Gericht eine Stätte der Errettung sein und Jehova der Herrscher auf Erden sein werde, berührt sich Obadja mit Joël c. 3, 5 und 4, 21; auch mit Jesaja c. 14, 32 und 24, 23). – Die kurze Weissagungsrede Obadjas ist inhaltsvoll, kräftig im Ausdruck, in der Erregtheit einer tiefen Entrüstung geschrieben. – Vgl. auch Amos 1, 11–12.
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 Inhaltsübersicht. Aufschrift, Eingang. I. Das Gericht. Jehova entbietet die Völker zum Krieg gegen Edom (1), denn dieses Volk soll tief gedemütigt werden (2). Edom verläßt sich darauf, daß es auf uneinnehmbaren Felsen wohnt: aber wären seine Felsen auch himmelhoch, der HErr wird sie doch von ihren Höhen herunterstürzen (3–4). Von den aufgebotenen Völkern gänzlich ausgeplündert (5–6), von seinen Bundesgenossen verlassen und verraten (7) und dadurch, sowie durch Gott all seiner Weisheit beraubt und seines| Mutes (v. 7 Schluß, v. 8), findet Edom in einem großen Blutbade seinen Untergang (9). – II. Die Ursachen seines schmählichen Untergangs sind seine an dem Brudervolk Jakob begangenen Frevelthaten (10). Am Tage der Einnahme Jerusalems durch fremde Völker hat es zu diesen sich gesellt und sich ihnen gleichgestellt (11). Es frohlockte über Judas Untergang, vergriff sich an dessen Gut, metzelte seine Flüchtlinge nieder und überlieferte sie den Feinden (12–14). Aber der Tag des HErrn ist nahe, da ihnen vergolten wird (15), da, wie die Edomiter auf Zion ein Trinkgelage gehalten haben, so alle Völker den Taumelkelch trinken werden bis zur Vernichtung (16). – III. Das Heil Zions. Auf dem von da an unverletzlichen Zion hingegen wird es dann eine gerettete Schar geben, Juda wird seine früheren Wohnsitze wieder einnehmen (17) und Gesamt-Israel die Edomiter vernichten (18); Juda wird seine alten Grenzen nach allen Seiten hin erweitern (19), und jene Gebiete im Norden und Süden, welche bisher noch nicht eingenommen werden konnten, werden dann die jetzt Weggeführten in Besitz nehmen (20); Helfer kommen nach Zion, um Edom mitzurichten, und Jehovas ist dann das Reich (21).


§ 46.
2. Joël.

 1. Joël, der Sohn Pethuels, weissagte in Juda, wahrscheinlich in Jerusalem (1, 14; 2, 1; 3, 5 u. a.).

 Für Bestimmung der Zeit, in der er weissagte, sind wir auf etliche geschichtliche Anhaltspunkte seines Buches angewiesen. Joël nimmt auf die wunderbare Errettung Judas unter Josaphat bei dem Angriff eines zahlreichen Heeres von Moab, Ammon und von Seir so deutlich in allen ihren Einzelheiten Bezug, daß seine Weissagung als prophetische Deutung jenes Erlebnisses erscheint 2 Chron. c. 20. Der zahllose Feind, die Unmöglichkeit des Widerstandes, die Bittversammlung im Tempel, die tröstende Antwort des HErrn, die geistliche Rüstung gegen den Feind, die wunderbare Vernichtung ohne Israels Zuthun, die Verherrlichung Zions unter den Heiden, der Name Josaphat – all dieses wiederholt sich in Joël, so daß seine Weissagung zu jenem Ereignis eine ähnliche Stellung einnimmt, wie die Weissagung Asarjas 2 Chron. 15, 1–7 zu der Errettung des Vaters von Josaphat, nämlich des Königs Assa. – Wir hätten somit in Joël die früheste Weissagung. – Von manchen Kritikern wird freilich Joël in die nachexilische Zeit gesetzt. Allein die Schilderung des Gog in Ezechiel z. B. hat nach c. 38, 17; c. 39, 8 die Weissagung unseres Propheten zur Voraussetzung, nicht umgekehrt. Der| „Tag des HErrn“, ein Gedanke, der der Zeit des Amos c. 5, 18–20 bereits geläufig war, stammt von Joël. Damit stimmt auch überein der engere geschichtliche Horizont bei Joël im Gegensatz zu Ezechiel c. 38. Er kennt den von Mitternacht c. 2, 20; die Macht der Syrer hatte sich damals bereits bemerklich gemacht und leitete die nordische Bedrängnis ein; er weiß von dem Handel der Phönizier nach Jonien, (doch nicht von der griechischen Weltmacht, wie etwa Sacharja c. 9, 13); dann kennt er noch Arabien als entsprechend fernes Land, und endlich Ägypten und Edom, als Feinde, was sich auf dem Zug Sisaks gegen Rehabeam beziehen kann und überhaupt auf die Ereignisse seit dem Abfall Salomos 1 Kge. 11, 14; 2 Chron. 12, 8; 14, 9 u. s. w. – Auffallend in so früher Zeit ist c. 4, 1 der Begriff der Wendung des Gefängnisses Judas und Jerusalems. Doch scheint mit der Teilung des israelitischen Reiches Juda durch Sisak 2 Chron. 12, 8 in eine gewisse Abhängigkeit von dem mächtigen Nachbarreich gekommen zu sein, jedenfalls war es keine Großmacht mehr, wie unter David-Salomo. Dem entspricht, daß Amos c. 9, 11 von der zerfallenen Hütte Davids redet, und Hosea (trotz c. 1, 7) von der Wendung des Gefängnisses auch Judas. – (Nach gewöhnlicher Annahme soll Joël in der ersten Zeit des Joas von Juda geweissagt haben, da einerseits der nordische Feind nicht erwähnt werde, dem Joas am Ende seiner Regierung erlag, andrerseits damals der rechte Gottesdienst in Schwang ging, wie ihn Joël vor Augen hat. Allein der nordische Feind wird allerdings c. 2, 20 erwähnt.)
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 2. Der Hauptgegenstand der Rede Joëls ist der kommende Tag des HErrn und zwar durch das ganze Buch. Der Tag des HErrn ist ein Ereignis von doppelter Bedeutung, es ist zunächst ein Tag des Zorngerichts über das Volk Gottes durch Heiden, aber durch Israels Buße wendet sich dann dies Ereignis in ein Gericht über die feindselige Heidenwelt. Mannigfach ist das Volk Gottes von feindlicher Weltmacht bedrängt worden; Joël faßte den furchtbaren Abschluß aller dieser Feindseligkeiten ins Auge. Den feindlichen Ansturm schildert Joël unter dem Bild eines Heuschreckenheeres, seine Vernichtung unter dem einer Ernte. Andere Ausleger halten die von Joël geschilderte Heuschrecken-Verwüstung für eine durch| wirkliche Heuschrecken verursachte, die den Propheten an den Tag des HErrn denken ließ; denn wäre c. 1–2, 17 Schilderung eines vergangenen Ereignisses, was jedoch, besonders im Blick auf c. 2, 12–17, kaum angehen dürfte, welche Stelle vielmehr ganz den Eindruck einer Ermahnung für die Zukunft macht. Dazu will die Gemeinde c. 2, 17 ja von der Herrschaft der Heiden errettet sein; „der von Mitternacht“ c. 2, 20 könnte bloß dann einen Heuschreckenschwarm bezeichnen, wenn diese Tiere immer und regelmäßig von Norden kämen, wovon gerade das Gegenteil der Fall ist. – Es ist also im ganzen Buch Joël nur von einem Ereignis die Rede, (vgl. c. 2, 11 mit 3, 4), vom letzten Ansturm in der Drangsalszeit, aber der Prophet sieht dieses zusammen mit seinem Vorbild, dem Angriff Sanheribs (vgl. Jes. c. 30, 25 etc. und 33, 17 etc., wo man die gleiche Wahrnehmung machen kann). Darum erinnert auch der ganze Abschnitt Jes. c. 28-33 so sehr an Joël (vgl. Jes. 30, 18–20 mit Joël 2, 21–23). Bevor aber das schließliche Gericht über die Völkerwelt erfolgt, geht vorher die große Gnadenheimsuchung der Ausgießung des Geistes Gottes über dieselbe, sonderlich über Israel, wodurch die Möglichkeit gegeben ist, jenem Gericht zu entgehen und dasselbe zu überstehen. So ist Joël der Prophet auch der Pfingstthatsache (vgl. Jes. 32, 15), Apostelgesch. c. 2, 16. – Besonders Jesaja zeigt sich von Joël beeinflußt, aber auch Amos; ebenso Habakuk c. 3, 17. Seine Weissagung ist als erste ein fruchtbarer Keim, der in den späteren zur Ähre erwächst. Von Juda und Jerusalem allein redet er; an beiden hängt auch die Entscheidung für das ganze Gottesvolk. Die Zeit Joëls war eine große Zeit; damals lebte und wirkte auch Elias, der ja nach Maleachi c. 4, 5 dem Gerichtstag des HErrn vorhergehen soll.

 3. Der Inhalt des Buches gliedert sich demnach wie folgt:

 I. Die Vermahnung zur Buße, 1, 2–2, 17.

 1. c. 1. Der Prophet weissagt eine schreckliche Heimsuchung durch Heuschrecken, die alles verheeren (1, 2–12), und fordert auf, vor dem HErrn sich zu demütigen ob solchen Jammers (13–20).

 2. c. 2, 1–17. Es ist der schreckliche Tag des HErrn, der damit anbricht; ein gewaltiges Heer zieht wider das Land, und die Hauptstadt heran, unaufhaltsam, unbeirrt in seinem Lauf unter dem Entsetzen der Natur, um Gottes Befehl auszurichten (1–12). Darum soll man von ganzem Herzen| Buße thun; denn da Gott barmherzig ist, ist ein Versuch ihn umzustimmen, nicht aussichtslos (13–17). Der Prophet sieht voraus, daß in der That das Bußgebet Erfolg haben wird und so kann er schon jetzt die Wirkung verkündigen: Der HErr, von brünstigem Liebeseifer für sein Volk ergriffen, vergab ihm seine Sünde und schonte sein (v. 18); und so folgt denn

 II. Die Verheißung nach der Buße, 2, 19–3, 26.

 1. c. 2, 19–27. Für Mangel gibt Gott Überfluß, das mächtige Heuschreckenvolk – das große Heer der Weltmacht – wird verjagt und kommt um (20), alles freue sich, denn Gottes Zorn ist vorüber und durch seinen Segen grünt das Land von neuem und bringt reichen Ertrag dem Volk. Dieser neue Segen ist voller Ersatz für all den Schaden, den die Heuschrecken angerichtet haben, zugleich aber auch ein Zeichen, daß sich der Herr in Gnaden zu seinem Volk bekennt und es nicht ewiglich zu Schanden werden lassen will vor den Völkern (21–27).

 Während bis jetzt der Tag des HErrn sein schreckliches Antlitz gegen das Volk Gottes gerichtet hatte, wendet er jetzt dasselbe gegen dessen Feinde (vgl. Micha 4, 11–12). Insofern der Tag des HErrn dem Volk Gottes das Verderben bringen wollte, ist er im Lauf aufgehalten worden, aber als Gerichtstag über die Gott feindliche Welt geht er hinaus. Dem Gericht über die Welt geht aber eine allgemeine Gnadenheimsuchung vorher, bestehend in der Ausgießung des Geistes Gottes über alles Fleisch, deren Reichtum man an dem ersehen kann, was Israel erfährt; äußere Wunderzeichen lassen ahnen, was es Schreckliches um den Tag des HErrn sei, durch Anrufung des Namens des HErrn kann jedoch ein jeder aus den Schrecken desselben Rettung finden (3, 1–5). Er wird nämlich an demselben alle Heiden zusammenbringen, um mit ihnen wegen ihrer Versündigung an seinem Volk zu rechten und zwar in einer gewaltigen Schlacht, in der er von Zion aus durch himmlische Streiter die gesamte Macht der Heidenwelt vernichten und damit sich als Gott Israels erweisen wird. – Nach diesem Zorngericht wird Israels Land in Segen aufblühen, während auf dem Land der Feinde der Fluch lastet, und Zion wird des HErrn Wohnung sein. (Vgl. den Propheten Obadja.)


§ 47.
3. Jona.

 1. Jona, der Sohn Amithais (1, 1) ist ohne Zweifel ein und derselbe mit dem 2 Kön. 14, 25 erwähnten Propheten Jona aus Gath Hepher im Stamme Sebulon. Er weissagte demnach unter Jerobeam II. Seine prophetische Aufgabe war aber eine doppelte: 1. hatte er Jerobeam II. die Wiederherstellung der alten Reichsgrenzen zu verkündigen; 2. wurde er vom HErrn nach Ninive entsendet, um hier Buße zu predigen. Von der letzteren Sendung handelt unser prophetisches Buch.

|  Der Anlaß zu der Sendung des Jona war die Steigerung der Sünden Ninives bis zu einer Höhe, daß dadurch ein göttliches Vertilgungsgericht herausgefordert wurde; das göttliche Erbarmen des Schöpfers suchte das drohende Unheil von der großen Stadt noch abzuwenden; deshalb sollte Jona Buße predigen. – Warum wollte Jona sich dem göttlichen Auftrage entziehen? Wenn Ninive infolge von Bekehrung nicht unterging, so erschien Jona nur als vorgeblicher, nicht als wirklicher Prophet, seine Rede aber als eitle Drohung eines Unberufenen; damit war aber das ganze Prophetentum Israels vor der Heidenwelt zu Schanden geworden (vgl. c. 4, 2). Doch die Rettung von Menschenseelen sollte dem Propheten mehr gelten, als die Wahrung des äußeren Ansehens seines Amtes (vgl. 2 Kor. 13, 7–9); strenge Züchtigung zwang den Propheten zum Gehorsam, langmütige Zurechtweisung sollte ihn zu barmherziger Gesinnung auch gegen Heiden erwecken. – Die Annahme, daß die Weigerung Jonas noch andere Gründe hatte, etwa den, daß ihm in engherzigem jüdischem Partikularismus die Erhaltung der für den Bestand Israels bedrohlichen assyr. Macht nicht wünschenswert erschien, hat im Buch selber keinen direkten Anhalt. Richtig aber wird als allgemeine Bedeutung der Geschichte Jonas dies angegeben, daß Israel aus derselben lernen sollte, daß der HErr sich auch der Heiden erbarme und nicht wolle, daß irgend wer verloren gehe, sondern vielmehr, daß sich jedermann bekehre und lebe.
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 Die Person des Propheten hat eine weissagende Bedeutung (Matth. 12, 38 etc., Luc. 11, 29 etc.). Ein und derselbe Sinn bei Jona und bei den Zeitgenossen des HErrn; er brachte den Propheten in den Leib des Fisches und den HErrn ins Grab, nämlich der Eifer um die eigene Ehre und Mangel an Erbarmen (vgl. die Feindschaft der Pharisäer gegen den HErrn). Ein Zeichen für Israel in der Ähnlichkeit Jonas aber war der HErr in dem Sinn, daß die außerordentliche Thatsache, daß eine himmlische Persönlichkeit zum Volk Gottes als Prophet kam, darin, daß ein Glied des Volkes Gottes als Prophet zu einem Heidenvolk gesendet wurde, ihr Vorbild hatte. – Die Beziehungen zwischen Vorbild und Gegenbild dürften indes damit noch nicht erschöpft sein. – Auf das wunderbare Erlebnis Jonas scheint Hosea c. 6, 2 Bezug zu nehmen. Zur| Zeit der Abfassung des Buches scheint nach c. 3, 3b Ninive bereits zerstört zu sein.

 Kein Buch der h. Schrift hat den Unglauben mehr zu Zweifel und Spott herausgefordert, als das Buch Jona. Besonderen Anstoß erregte es 1. daß die große Stadt Ninive auf das Wort des fremden Propheten sich soll bekehrt haben. Die ihren Unglauben schmücken wollen, berufen sich auf Jes. 37, 10 f.; 23 f.; 10, 10 f., wo man das Gegenteil einer Bekehrung der Niniviten wahrnehme. Aber es handelte sich ja gar nicht um eine bleibende Bekehrung, sondern um die Thatsache, daß Gott auch der Heiden sich erbarme, und auch sie der Buße fähig seien, welche eben durch Jonas symbolische Sendung und ihren Erfolg offenbart werden sollte. 2. Noch größeren Anstoß nahm man daran, daß Jona nicht nur im Bauch des Fisches drei Tage und drei Nächte sollte verweilt haben und darauf von demselben sollte wieder lebendig ausgespieen sein, sondern daß er auch in diesem Zustande, noch im Leibe des Fisches, sollte einen Psalm gedichtet haben. – Für uns fragt sich’s nur, ob die Schrift selbst die Erzählung des Buches Jona als einen Bericht über Thatsächliches angesehen wissen wolle. Daß dies der Fall sei, geht aus Matth. 12, 39–41 und Luk. 11, 29–30 auf unwiderlegliche Weise hervor. Dies genügt uns, denn ob dann diese Thatsachen mehr oder weniger wunderbar seien, ficht uns nicht an, da unser gesamtes natürliches und geistliches Dasein auf Thatsachen beruht, denen wir nicht nachrechnen können, wir also das Dogma, daß Wunder nicht möglich seien, für eine Thorheit halten müssen.

 3. Übersicht des Inhalts.

 Jona wird von Jehova nach Ninive entsendet, um ihr den Untergang zu verkündigen, da ihre Bosheit zu Gott emporgestiegen sei. Der Prophet aber, welcher fürchtete, die Niniviten möchten Buße thun und Gott möchte sie verschonen und er selber mit seiner Weissagung zu Schanden werden, wollte der Sendung Jehovas nicht Folge leisten, verließ deshalb das Land Israel und fuhr mit einem Schiffe von Joppe gen Tarsis. Auf dem Meere erregte aber Jehova einen großen Sturm. Um zu erfahren, um wessen willen der Sturm über sie verhängt sei, warfen die Schiffsleute das Los. Dieses fiel auf Jona, welcher nun seine Schuld bekannte und die Schiffsleute aufforderte, ihn ins Meer zu werfen. Diese thaten dem Jona nach seinem Worte, worauf alsbald das Meer ruhig ward. Da überfiel die heidnischen Schiffer Furcht vor Jehova, dem sie Opfer und Gelübde weihten (c. 1). Jehova ließ nun einen großen Fisch kommen, der den Jona verschlang; in dessen Leib war der Prophet drei Tage und drei Nächte. In dieser wunderbaren Erhaltung erkennt er Gottes Gnadenabsichten mit ihm und so kann er jetzt schon, die Errettung vorausnehmend, danken. Darnach spie der Fisch auf Jehovas Befehl ihn aus ans Land (c. 2). Nun erging ein neuer Befehl an ihn, nach Ninive zu gehen, und da er nun erkannt hatte, daß der HErr überall Macht habe, und seine Knechte seinem Willen sich nicht entziehen können, so leistete er dem Befehle| ohne Zögern Folge, ging nach Ninive und kündigte ihr den Untergang an. – Die Niniviten thaten auf seine Predigt Buße und wendeten durch sie den Zorn Gottes ab (3, 1–10). Über diese Langmut Gottes ward aber Jona höchst unmutig, also daß ihn der HErr mit dem Wort strafte: Ist’s recht, daß du dich so entrüstest (4, 1–4)? Darnach lehrte der HErr den Propheten auch mit der That, daß er nicht recht thue, mit Gott um sein Erbarmen über Ninive zu hadern. Den Jona reuet der Kikajon (nach jüdischer Tradition eine Ricinusstaude), der ihm seinen Schatten gab, an welchem er doch gar nichts gethan hatte, und der auch so vergänglich ist, und den HErrn sollte eine Stadt wie Ninive mit 12 Myriaden Menschen, welche nicht zwischen rechts und links zu unterscheiden wissen, und so vielen Tieren, nicht gereuen (4, 5–11)?


§ 48.
4. Amos.

 1. Amos („Last“), ein sonst bekannter Hirte aus Thekoa, der Sage nach aus dem Stamme Ascher. Arm und ohne Vorbildung zum prophetischen Amte (7, 14. 15), wurde er laut 7, 10 ff. zur Zeit des Jerobeam II. und Usia, näher in der Zeit zwischen 810 und 783, und zwar nach Am. 1, 1 zwei Jahre vor dem usijanischen Erdbeben, nach Bethel, dem Mittelpunkt des Kälberdienstes, entsendet, um dort das Gericht des HErrn zu verkündigen.

 2. Zu seiner Zeit stand Samaria obenan; durch die Siege von Joas und Jerobeam II. war das Reich Israel in seinem ganzen Umfang wiederhergestellt worden, Juda aber hatte durch Joas eine schwere Demütigung erlitten (2 Kge. 14, 8–14). Dennoch hat das stolze Reich Israel keine Zukunft; es wird um seiner Sünden und Unbußfertigkeit willen untergehen; die Hoffnung des Volkes Gottes hängt an dem jetzt freilich erniedrigten ursprünglichen Königsgeschlecht. Mit der Wiederaufrichtung der zerfallenen Hütte Davids ist auch ein Wiederaufleben des Volkes verbunden zu wunderbarem und nie mehr gestörtem Glück. Dies dem Zehnstämmereich, welches unter Jerobeam II. durch sein Glück so sicher geworden, anzukündigen und zu bezeugen, ist der Zweck der Sendung unseres Propheten. – Amos, der Hirt, selber aus der ärmeren Bevölkerung, hat ein scharfes Auge für die besonderen Schäden, die er strafen soll: das gottvergessene Wohlleben der Mächtigen, die Unterdrückung der Armen; auf die religiöse Verirrung Israels kommt er mehr gelegentlich zu sprechen; er will indes weder von Israels Gottesdienst,| noch von seinen heiligen Orten etwas wissen. – In seinen Reden zeigt er die objektive Haltung eines kräftigen Mannes aus dem Volk mit zurücktretendem Empfindungsleben, darin sehr unterschieden von Hosea, seinem späteren Zeitgenossen. In den Bildern, die er braucht, verleugnet er seinen Stand nicht vgl. z. B. c. 3, 12, erhebt sich aber von dem äußerlich beschränkten Gesichtskreis desselben aus zu großartigen Anschauungen. Er hat den Propheten Joël zur Voraussetzung (c. 5, 18); mit seiner Gerichtsankündigung für sämtliche im Kreis um Israel liegende Heidenvölker ist er Vorgänger der späteren Propheten. Eigentümlich ist ihm die ergreifende Weissagung einer künftigen geistlichen Teuerung. – Im neuen Testament erinnert an ihn besonders der Jakobusbrief, soweit dieser die Sache der Armen gegen ihre Unterdrücker führt, so ist es auch wohl nicht zufällig, daß gerade Jakobus unsern Propheten zitiert, Apostelgesch. c. 15, 15 etc.; mit welchem Zitat zugleich der messianische Gehalt desselben ans Licht gestellt wird.

 3. Den Anlaß zur Aufzeichnung seiner Reden gab dem Amos jenes Erdbeben unter Usia (vgl. 1, 1). Er sah in diesem einen Vorboten des großen Gerichtes Gottes über sein Volk und alle Völker der Erde. Das Charakteristische seiner Weissagung bezeichnet schon die jüdische Tradition als Strafandrohung über das Zehnstämmereich. Seine Schrift sollte, was er verkündigt, bleibend machen, damit das Volk dadurch zur Buße und zur Bereitschaft für den Tag des HErrn erweckt würde.

 4. Der Inhalt des Buches zerfällt in drei Hauptteile:

 Titel und Überschrift des Buches (1, 1).

 I. Das Gericht über Israel (Einleitung) 1, 2–2, 16.

 Des HErrn Gericht steht gewiß vor der Thür: dies anzudeuten, läßt der Prophet vor unsern Augen ein Wetter aufsteigen und über einem Volke nach dem andern sich entladen, bis es über dem Zehnstämmereich stille steht. Und zwar trifft es drei fremde Völker: die Syrer für ihre früher begangene unerhörte Grausamkeit an den Gileaditen, welche sie unter eisernen Dreschwalzen zerfleischten und zermalmten, vgl. 2 Kön 10, 32 ff. und 13, 7, dazu 2 Sam. 12, 31 (3–5): die Philister und Phönizier, welche judäische Gefangene an Edom überlieferten, damit sie diese weiter beförderten an Sklavenhändler aus Südarabien, vgl. Joël 4, 3 ff.; 2 Chr. 21, 16 ff.; Obadja (6–10); dann vier verwandte: die Edomiter wegen ihrer unversöhnlichen Feindschaft mit dem Brudervolk Juda, zuletzt bewiesen bei der Eroberung Jerusalems (2 Chr. 21,| 16 f. (11, 12), die Ammoniter für die Unmenschlichkeit an den Frauen der Gaditer, vgl. 2 Kön. 8, 12 (13–15), die Moabiter für die Unthat unversöhnlichen Hasses, begangen am König der Edomiter (?) (2, 1–3), die Judäer für den Abfall von Jehova, der sich als Verachtung des Gesetzes offenbart (4. 5), – bis es endlich über dem Zehnstämmreich stehen bleibt und sich furchtbar entlädt. Denn dieses ist ganz und gar vom HErrn gefallen, man erkennt es an der Bestechlichkeit der Richter, an der Unterdrückung der Armen, der Blutschande, der Abgötterei und Völlerei, verbunden mit selbstsüchtiger Härte (6–8), an dem schnöden Vergessen göttlicher Wohlthat (9–12) an den versteckten Freveln wider Gottes Gesetz und prophetisches Wort (13); – dafür kommt ein Verderben über sie, dem Keiner entrinnen soll (14–16)!

 II. Die Sünden des Volkes, 3, 1-6, 14.

 Gerade weil Israel das auserwählte Volk ist, wird Jehova es strafen (3, 1–2). Jehova hat bereits sich vernehmen lassen: das Erdbeben ist das Anzeichen, daß er sich aufmachen will, zu richten und zu strafen (3–6), drum reden jetzt auch die Propheten, weil der HErr etwas vorhat (7–8). Das Gericht muß ja kommen. Die erste Ursache des Gerichts ist die Habsucht, welche kein Recht achtet. Aber was so gewonnen ist, wird der HErr ihnen wieder entreißen. Es wird gar wenig von dem Volke, nichts vom Götzendienst, nichts von ihrer Pracht und Üppigkeit überbleiben (9–15)! Die zweite Ursache des Gerichtes ist die Halsstarrigkeit. Denn die reichen Grundherren von Samarien (fetten Kühe) lassen nicht von ihrer Ungerechtigkeit, Völlerei, von dem heuchlerischen Eifer für ihren Abgott trotz der vielen offenbaren Heimsuchungen Gottes durch Hungersnot, Pestilenz, Krieg und Erdbeben (4, 1–13). Die dritte Ursache des Gerichts ist die Heilsverachtung. Der Prophet beweint Israel als ein für immer verlorenes Volk; es könnte ja leben, wenn es den HErrn suchte, der alles vermag. Aber es weist die ab, die es strafen und beharrt in seinen Sünden der Unterdrückung und der Ungerechtigkeit; da muß ja das Gericht kommen (5, 1–17). Die letzte Ursache des Gerichts ist die allgemeine Sicherheit. Sicher sind, die des HErrn Tag begehren und nicht bedenken, daß er ihnen ein Tag des Verderbens sein wird, die da meinen, mit Opfern Gott zu dienen, während sie das Recht beugen, obwohl Gott die Opfer von Anfang an nicht gefordert und doch das Volk erhalten hat (5, 18–27). Sicher sind auch, die den Tag des Gerichts weit von sich achten, die sich nichts darum kümmern, daß rings um sie so manches Reich schon untergegangen ist, sondern in ihrem Frevelleben fortfahren (6, 1–6). Sie werden im Verderben die ersten sein, wenn es der HErr ganz aus sein läßt mit Samarien, wenn die Leute mit dem harten, bösen Herzen die Frucht ihrer Werke ernten (v. 12. 13) und über die Sicheren und Stolzen die mächtige Zuchtrute Gottes kommt (6, 7–14).

 III. Das Ziel der Gottesgerichte oder des HErrn Heilsrat in fünf Gesichten c. 7, 1–9, 15.

 Zwei Plagen hat der HErr auf die Fürbitten des Propheten weggenommen,| Heuschrecken und Dürre (vgl. 4, 7. 8 und 4, 9), jetzt aber ist seine Nachsicht zu Ende, dies der Inhalt der drei ersten Gesichte (7, 1–9). Denn man höhnt das Amos-Wort, als wäre es auf Bezahlung des Königs von Juda hin, gegen Israel gesprochen, wofür er das schwerste Strafgericht ausspricht (10–17). Im vierten Gesicht sehen wir Israel reif fürs Gericht der Gefangenschaft (8, 1–3), denn es ist ein Land voll Unterdrückung (4–6): Gottes Heere werden es überfluten (7–8). Wehe kommt für das Wohlleben in Ungerechtigkeit (9–10), bis man hungert nach Gottes Wort (11–14). Im fünften Gesichte zerbricht der HErr den Altar in Bethel und vergilt den Frevel (9, 1); unentrinnbar ist das Verderben, das der HErr verhängt über sie: was seine gewaltige Hand anrührt, das ist verloren. Israel soll es darin nicht besser gehen, als anderen Völkern, es soll vor diesen keinen Vorzug haben (2–7). Doch ist’s zur Sichtung, daß die Gottlosen und Frommen von einander geschieden werden (8–9). Jerobeams stolzes Reich geht unter, aber Davids Haus wird aus tiefem Verfall wieder aufgerichtet werden. Dann kommt eine Zeit, wo das Volk Gottes das Erbe seiner Feinde einnimmt und Gottes reichen Segen genießt, denn das Volk wird in sein Land wiederkehren und es wieder bauen und ewig sicher darin wohnen (10–15).


§ 49.
5. Hosea.

 1. Hosea (Gotthilf), Sohn des Beeri, ein Bürger des Zehnstämmereichs (1, 1; 7, 5), weissagte unter Jerobeam II. und dessen Nachfolgern, in der Zeit zwischen 790 und 725 (vgl. 1, 4; 10, 14; 12, 2; dazu 2 Kön. 17, 1 ff.), also mehr als 60 Jahre. Sein Wort galt in der Hauptsache dem Reiche Israel.

 2. In der Zeit Jerobeams II. herrscht nach außen Macht, nach innen Wohlstand und das gottesdienstliche Leben zeigt eine besonders reiche Entwicklung; aber es war ein falscher Dienst, weil Abfall vom göttlichen Gebot; denn mit der Erhebung der Dynastie Jehus war keine Lossagung von der Sünde Jerobeams I. erfolgt; mehr und mehr hatte Israels Gottesverehrung heidnischen Charakter angenommen. So trug das Volk trotz dieser Blüte doch den Keim des Verderbens in sich. Dieses Verderben offenbarte sich in seiner ganzen Tiefe nach Jerobeams II. Tod und nach dem Untergang des Hauses Jehu, als Aufruhr, Verschwörung und Königsmord das israelitische Staatswesen zerrüttete und das innerlich haltlose Volk bald bei dieser bald bei jener Weltmacht Hilfe suchte, statt daß es in dem Abfall von seinem Gott die Ursache seines Unglücks erkannt hätte. So war die Verwerfung und die Wegführung in die assyr.| Gefangenschaft das unausbleibliche Ende. Diesen Zeitverhältnissen entspricht die Verkündigung des Hosea. Unter Jerobeam hielt er dem Volke seine Sünde vor und rief das abtrünnige Israel zur Umkehr (c. 1–3). Nach dem Untergang des Hauses Jehu aber, als die Sünde bis zum Übermaß sich steigerte, verkündigte er dem verderbten Geschlecht das unaufhaltsame gänzliche Gericht, das nur denen Rettung übrig läßt, welche durch dasselbe sich zur Buße treiben lassen (c. 4–14).
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 Hosea bildet eine Ergänzung zu Amos, indem er hauptsächlich den religiösen Grundschaden Israels ins Auge faßt, seinen Kälberdienst und den gesamten inneren Abfall von seinem Gott (c. 8, 4). Einen schroffen Gegensatz bildet in Israel die Außenseite mit dem inneren Wesen, der gottesdienstliche Eifer mit der inneren Untreue, der äußere Anschein blühender Gesundheit mit innerlich vorhandenem Verderben. Der Prophet läßt sich nicht täuschen; unerbittlich deckt er das wahre Wesen des Volkes auf. Dies gibt seiner Rede etwas scharfes, einschneidendes. Es geht ihm die Kränkung und Beleidigung Gottes zu Herzen; auf der anderen Seite aber auch das Unglück, dem sein Volk zutreibt; doch waltet über dem Geschick desselben ein Ratschluß göttlicher Liebe und Treue. Fürs Erste freilich wird die unverbesserliche Ehebrecherin verstoßen und von Gottes Seite jede Bethätigung des Bundesverhältnisses suspendiert; ist aber Israel im Elend zur Einsicht gekommen, so wird Gott es wieder liebreich zu sich rufen, um sich in Gerechtigkeit und Glauben ewig ihm zu verloben. Infolge dieser seligen Aussicht kann Schelten, Drohen und die Klage über den unvermeidlichen Untergang der gegenwärtigen Herrlichkeit sich wandeln in ernste Aufforderung und Bekehrung. – Auch der Kontrast, den in Israels Geschichte die Gegenwart mit der Zukunft bildet, wird vom Propheten lebhaft gefühlt; dies kommt zum Ausdruck z. B. in der unvermittelten Nebeneinanderstellung in c. 1, 1–9 und c. 1, 10–11; überhaupt ist der Prophet kein Freund langer Überleitungen; unvermittelt tritt bei ihm eins an das andere; seine Schreibweise ist kurz, inhaltsschwer, tief. Er lebt in der heiligen Geschichte wie kein anderer seiner Berufsgenossen; von dem Sündenfall Adams bis zum Abfall Israels vom Hause David unter Jerobeam I. und dem Kälberdienst desselben (c. 3, 5 und 5, 11), ja| bis zur Zeit des Elias und Elisa (c. 13, 1 etc.) steht ihm dieselbe vor Augen und wird unablässig verwendet, besonders die Geschichte der Patriarchen und der Richterzeit. Hosea ist ein Zeuge für das frühe Vorhandensein der ganzen in den biblischen Geschichtsbüchern vorhandenen Geschichtsdarstellung. Er ist original in der Auffassung des Verhältnisses Gottes zu Israel unter dem Gesichtspunkt des Ehebundes; seine tiefe innerliche Anschauungs- und Empfindungsweise kommt darin recht zum Ausdruck; er hat damit einen Ton angeschlagen, der durch die ganze spätere heilige Litteratur nachklingt, von Jeremia und Ezechiel an bis zur Offenbarung St. Johannis.

 3. Im einzelnen stellt sich der Inhalt des Buches dar, wie folgt:

 I. Israel, die Abtrünnige, wird eingeladen, zu ihrem Eheherrn (Jehova) zurückzukehren c. 1–3.

 c. 1. Das Zeichen. Hosea nimmt auf Gottes Befehl ein Weib, das die eheliche Treue bricht und ihm Kinder des Ehebruchs gebiert, damit er durch seine Ehe das Verhältnis Israels zu Jehova vor Augen stelle[3]. Seinen Kindern muß er Namen geben, welche dem Volke Zeichen sind für die Früchte seines Ehebruchs. Die erste Frucht des Abfalls für Israel wird der Untergang des Königshauses sein: da, wo der Urahn gesündigt (2 Kön. 9, 27; 10, 14; 10, 11), werden die Enkel büßen. Die zweite Frucht ist die Hingabe des Zehnstämmereichs in Feindeshand gegenüber dem Reiche Juda, das durch Gottes Wundermacht errettet werden wird (vgl. Jes. 37. Am. 9, 10 ff.). Die letzte Frucht ist die Verstoßung, d. i. die Aufhebung des eingegangenen Bundes in der Zeit des Exils; doch ist diese Aufhebung des Bundes nicht für alle Zeit und wendet sich schließlich in Gnade und neuen Segen (1, 3–11). – Nun folgt in c. 2 auf die symbolische Thatsache die Deutung. Hier redet der HErr selbst, und zwar zu den Bekehrten. Diese sollen die Bußfertigen im Volke trösten (2, 1) ihre Mutter aber die abgefallene Volksgemeinde, zurecht weisen, damit sie ihr ehebrecherisches Wesen lasse, weil der HErr ihr sonst alle Gnaden entziehen und ihre Kinder verstoßen werde (2–4). Ihr Ehebruch ist ihr Götzendienst: daß sie den Götzen zuschreibt, was ihr doch Jehova gegeben| hat (5). Der HErr will das Volk vom Götzendienst heilen: sie sollen durch ihren Götzendienst in so bittere Not kommen, daß sie mit ihren Götzen ganz zu schanden werden und ihnen die Sehnsucht nach dem verlassenen Gott kommen muß (6–13). Wenn es soweit ist, dann wird der HErr sie allein nehmen (im Exil) und sie wieder zu sich bekehren (14); dann kommt neue Gnade für Zorn und Israel kehrt wieder zu seinem Gotte (15–17); der HErr wird es segnen und schirmen (18) und sich mit ihm zum ewigen Bunde verbinden, indem er die Unbußfertigen im Gericht ausscheidet, die Bußfertigen begnadigt (19 f.): da soll von Gottes Seite eitel Segen ausgehen, von des Volkes Seite eitel anbetende Hingabe an seinen Gott stattfinden (21–23). – In c. 3 sagt endlich der Prophet, daß die dem HErrn zu künftiger Ehe bestimmte Braut (Israel) lange Zeit (im Exil) einsam und von allem verlassen sein wird, was ihr als Volk Gottes eignete, bis sie in heiliger Sehnsucht den HErrn und seinen Gesalbten suchen wird.

 II. Die Verkündigung des göttlichen Gerichts und seines Ausgangs, c. 4–14.

 1. Der Vorhalt der Sünden und der letzte Versuch, das Volk zur Buße zu bewegen c. 4–6.

 Der HErr hält dem Volk seinen Bundesbruch vor, das Volk achtet weder Gottes noch seines Nächsten, daher die vielen Heimsuchungen; und man darf doch niemand sein Unrecht sagen: darum sollen aber auch alle fallen (4, 1–5). Die Hauptsünde ist, daß sie Gottes vergessen – darum verleugnet er fortan auch sie; auch die Priester (8) sind gottvergessen und freveln, darum vergißt Gott sie alle und nimmt seinen Segen von ihnen (6–11). Derweilen sie Gott vergessen gehen sie den Göttern und ihrem wollüstigen Kulte nach; zur Strafe folgt eine allgemeine Auflösung der Zucht und Sitte in dem sonst sittenreinen Volke (12–14). Möchte wenigstens Juda sich rein halten und nicht in Israels Sünde und Verderben sich hinreißen lassen (15–19)! – Der HErr wendet sich besonders an die Priester, an das Haus Israels, d. h. die Volkshäupter, und an den König; sie alle verführen das Volk, als ob ihre vielen Opfer ihm helfen müßten: aber diese Opfer rühren Gott nicht; Israel ist doch eine Hure, d. h. eine abtrünnige Gemeinde, von welcher denn auch der HErr sich abgewandt hat (5, 1–6). Anstatt dem HErrn zieht man die Kinder den Götzen auf. Dabei feiert man doch den Neumond, aber die Festfreude soll zu Kriegslärm werden, wenn der Feind kommt und das Land verheert (7–9). Auch die Fürsten Judas schmälern Gottes Ehre (10), wie Israel, das nach Jerobeams Gebot fortwandelt (11). Beiden droht gleiches Verderben, von dem sie niemand rettet: in der Not erst werden sie sich bekehren (12–15). Wenn es sich bekehrte, würde es wieder heil (6, 1–3). Aber ihre Bekehrung ist Schein (4), sie bedürfen scharfer Zucht (5) diese Heuchler, diese Abtrünnigen, diese Übelthäter, diese Unreinen (6–10), bis endlich in Juda durch Gericht hindurch das Heil anbrechen wird (11).

 2. Das Gericht über das unheilbare Volk c. 7–10. [Wohl aus der Zeit, als Assur schon im Lande stand.]

|  Die prophetische Predigt, welche heilen soll, offenbart erst den ganzen Schaden, besonders wie unwahrhaftig das Volk ist (7, 1). Unverbesserlich üben sie ihre Bosheit (2). Besonders tritt ihr Verderben in ihrer Treulosigkeit gegen den König hervor; sie schmeicheln dem König (3), während sie, die Ehebrecher, die Gott und Menschen die Treue brechen, gleichzeitig sich verschwören, ihn zu töten und zu geeigneter Stunde auf den Wink ihres Hauptes, z. B. Pekah, die Greuelthat vollbringen (4–7). Eine zweite Hauptsünde Israels ist die trotz der schwersten Erfahrungen immer wieder hervorbrechende Lust zum Anschluß an die Weltmächte. Sie haben ihr Herz von Gott gewendet; ohne Vertrauen (13) oder nur um Korn und Most beten sie, und nur scheinbar bekehren sie sich (8–16). – Das Gericht zieht heran über das abfällige Volk, das sich selber Könige und Götter setzt (8, 1–4), das Gott erzürnt, weil es ihn unter dem Bilde des Kalbes anbetet (5–7), das anstatt zu dem HErrn zu Assur um Hilfe geht, der aber anstatt zu helfen, das Volk sehr schwächen wird (8–10), das Abgötterei treibt und statt Gehorsam Opfer geben will (11–13), das sein Vertrauen gleich Juda auf Falsches setzt und dadurch zu schanden wird (14). – Das Volk schreibt seine Ernten den Göttern zu, dafür wird es hungern müssen, damit es wisse, wer die Ernte gibt, ja es muß das Land Jehovas wieder verlassen, in die Knechtschaft gehen und Trauerbrot essen, und sein Land wird eine Wüste (9, 1–6). Die Vergeltung muß kommen von wegen die vielen falschen Propheten und weil Ephraim, anstatt die andern Stämme zu weisen, sie verführt zu Greuelthaten, wie die Gibeas (Richt. 19 ff.) (7–9). Israel, dem HErrn einst so lieb, hat sich dem Baal ergeben und ist unrein geworden: deshalb entweicht von ihm (wie ein Vogel) aller Gottessegen: das Land wird öde und einsam (10–14). Um ihres Götzendienstes und grundverderbten (unheilbaren) Wesens willen stößt sie Gott hinaus aus seinem Lande unter die Heiden (15–17). Israel hat seinen Wohlstand zur Stiftung vieler Götzenaltäre gemißbraucht: aber der HErr wird ihre Altäre zerbrechen. Ihr Königtum, auf das Israel einst so großen Wert legte (1 Sam. 8, 5, c. 12, 13 etc.), wird sie nicht schützen: ihr treuloses, bundbrüchiges Wesen (2 Kön. 17, 4?) wuchert und treibt als unheilvolle Frucht ihr Verderben (durch Assur) hervor (10, 1–4). Der Götze von Bethel wird unter Samariens Wehklagen nach Assur geschleppt; wie werden sie da zu schanden und sich schämen, wenn Bethel nun wüste liegt (5–8)! Israel ist schlecht wie zu Gibeas Zeit, aber seine Strafe wird jetzt eine schwerere sein, wenn das Gericht für den Abfall vom HErrn und vom Hause Davids (?) durch Assur folgt (9–10). – Ephraim, das die Freiheit liebt, wird nun unterjochet: es erntet die Frucht seiner Werke, denn was Salmanassar jüngst zu Arbeel that, was wird er nun bald mit Bethel thun: das Ende ist nun da (11–15)!

 3. Der Ausgang der göttlichen Strafgerichts c. 11–14.

 Der HErr hat Israel aus Ägypten erlöst, gnädig geleitet, aber doch nur Ungehorsam erfahren und deshalb das Volk Assur übergeben müssen (11, 1–5). Das Schwert des Feindes wird nun kommen, das alles vernichtet,| worauf das Volk sich verläßt; aber gänzlich vertilgen will der HErr sein Volk nicht, sondern am Ende es mit Macht erlösen und wieder herstellen (6–11). – Israel ist treulos gegen Gott und die fremden Mächte, auch Juda bricht die Treue, dafür kommt die Vergeltung (12, 1–3). Israel sollte wie der Erzvater Jakob sich vom Unrecht bekehren und durch ernstliche Buße mit Gott um sein Erbarmen ringen (4–7). Aber das Volk hat Kanaans Art und betrügt gerne: sein böses Treiben weiß es mit dem Schein der Rechtlichkeit zu umkleiden (8–9). Aber der HErr läßt sich nicht betrügen; das Volk wird wieder hinausgestoßen werden müssen in die Wüste (die Hütten), wie die Propheten ihm jetzt verkünden (10–12). Wie treulich war Jehova mit Jakobs Samen, wie untreu dieser; dafür kommt jetzt die Vergeltung (13 ff.). Ephraims Sünde hat schon einmal seine Macht völlig zu Boden geworfen (2 Kön. 14, 8–14 vgl. 1 Kön. 19, 15–17) trotzdem sündigen sie weiter: um ihre Abgötterei wird sie der HErr wegfegen aus dem Lande (13, 1–3). Gottes Güte machte das Volk übermütig: nun wird Gott ihr Feind, sie zu verzehren (4–9): Könige und Richter helfen nicht, sie werden hingerafft (10–11). Die Strafe ist unwiderruflich. Doch ist sie das Geburtsweh eines neuen Lebens: je eher sich Ephraim bekehrt, desto eher wird sein neues Leben offenbart, denn den HErrn gereuen seine Verheißungen nicht, nur für jetzt muß Ephraim eingehen in den Tod (12–15). Samariens Untergang ist also beschlossen und wie schrecklich wird er sein (14, 1)! Das soll Israel zur Buße bewegen und zu ernster Besserung (2–4). Jehova wird den Bußfertigen wieder gnädig sein (5). Das Volk soll wieder wachsen und einen guten Namen haben; seine Gefangenen sollen ins Land zurückkehren, sich mehren, Glück und Ehre genießen (6–8). Des Götzendienstes gedenkt Jehova dann nicht mehr, er leitet und beschirmt Israel, er macht es fruchtbar (9). Wer doch auf diese Lockungen des HErrn merkte und sich retten ließe (10)!


§ 50.
6. Micha.

 1. Micha (Wer ist wie der HErr?) aus Maresa (Moreset) im südwestlichen Juda, weissagte unter Jotham, Ahas und Hiskia. Zur Zeit seines Auftretens stand nach c. 1, 6 Samaria noch, das im 6. Jahr Hiskias unterging. Nach Jerem. 26, 18 entfaltete er in der Zeit dieses letzteren Königs eine gewaltige gesegnete Wirksamkeit.

 2. Jothams Zeit war verhältnismäßig eine noch glücklichere und frömmere; aber letzteres mehr zum Schein, als in Wahrheit. Daher gewann die Heidenpartei nach Jothams Tode unter Ahas ohne Mühe die Oberhand; Baals- und Molochsdienst, Abgötterei aller Art gingen bald in Schwang, der Tempel wurde geschlossen.| Als dann Hiskia zur Regierung kam, konnte er nur schwer durchdringen mit seiner Reformation. Insonderheit mangelte es aber an der Besserung der inneren Verhältnisse, die Gewaltigen mißbrauchten ihre Macht zur Selbstbereicherung und Unterdrückung, den Inhabern der verschiedenen Ämter war in der Ausrichtung derselben nicht des Volkes Wohl, sondern der eigene Vorteil das oberste Gesetz; von einem göttlichen Gericht, das durch solches Treiben herausgefordert wurde, wollte man nichts wissen; man sei ja Gottes Volk. – Das Zehnstämmereich hinwiederum beharrte trotz des mannigfachen inneren und äußeren Unglücks, das nach dem Untergang der Dynastie Jehus über dasselbe gekommen war, in seiner Unbußfertigkeit. Deshalb wird – so weissagt der Prophet – Samaria untergehen; aber auch Jerusalem ist in den Augen des HErrn nicht die erwählte, sondern die schlimmste der ungesetzlichen Kultusstätten Judas; darum wird der Tempelberg zur wilden Höhe werden. Das Volk Jerusalems aber muß in die Gefangenschaft. Dortselbst muß das Volk des HErrn erst die äußerste Drangsal durchmachen, bevor der HErr in seiner Barmherzigkeit und Treue wider die ungöttliche Feindschaft der Heidenwelt zu Gunsten seines Volkes einschreitet und dasselbe aus tiefster Erniedrigung zu der ihm von Anfang an zugedachten und verheißenen hohen Bestimmung: Mittelpunkt der Völkerwelt, Quellpunkt des geistlichen Segens für die Völker zu werden durch eine majestätische That der Erlösung erhebt, eine Gnade, an der auch die Überreste der zehn Stämme Anteil haben werden.
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 3. Das Buch Michas enthält so viel Anklänge an Jesaja, daß man seinen Verfasser den kleineren Zwillingsbruder seines großen Zeitgenossen nennen könnte; sein Buch ist im wesentlichen eine kurze Zusammenfassung der vom Ergehen des Reiches Juda handelnden Reden Jesajas; die Heidenvölker zieht er im Unterschied von dem universalen, so zu sagen kosmopolitischen Jesaja nicht in den Kreis seiner Betrachtung; das eigene Volk nimmt sein ganzes Interesse in Anspruch (vergleiche c. 4, 5; 7, 14); auf diesem also beschränkten Gebiet aber berührt er sich nahe mit Jesaja. Nicht bloß die Weissagung vom Friedensreich Jes. 2 kehrt bei Micha wieder, sondern auch die von der babylonischen Gefangenschaft vgl. Micha c. 4, 9. etc. und der Errettung aus derselben, vgl. c. 4, 13 mit Jes. 41, 14–16.| Der Schilderung des gegenwärtigen Verderbens bei Micha entspricht Jes. 5. An Jes. 59, 1–8 erinnert Micha 7, 1–6 u. s. w. Doch lehnt sich Micha an Jesaja nicht bloß an, er ergänzt ihn auch, indem er die Geburtsstadt des Immanuel nennt, vgl. c. 5, 1 mit Jes. c. 7, 14. Während im 2. Teil Jesajas vielfach das Verlangen nach Befreiung und Errettung der unter der auferlegten Trübsalslast fast erliegenden Gemeinde Gottes hervortritt, zeigt Micha c. 7, 8 etc. dieselbe, wie sie im Bewußtsein ihrer Schuld willig und entschlossen im Vertrauen auf ihren Gott die wohlverdienten Strafen auf sich nimmt. In der Vergebung der Sünden sieht auch Micha die Möglichkeit der Rettung; wie dieselbe zustande kommt, sagt er nicht, wenn er auch den künftigen Erretter seinen Lauf in tiefster Erniedrigung anheben sieht (c. 5, 1). Er faßt nicht die Versöhnung selber ins Auge, sondern mehr den Segen und Gewinn, den dieselbe dem Volkstum Israels schließlich (durch die zweite Zukunft des HErrn) bringen wird.

 Man hat c. 6 und 7 unserm Propheten abgesprochen. Der Abschnitt sagt, auf welche Weise das drohende Unglück vermieden werden könnte, nämlich durch Gehorsam gegen das Wort des HErrn; da aber der Ruf des HErrn zur Besserung ungehört verhallt, so muß das gedrohte Strafgericht schließlich zum Schrecken der Nichtsahnenden eintreten. Für den dadurch zur Einsicht gebrachten Überrest gilt es dann, in Geduld und Ergebung den Zorn des HErrn zu tragen und mit geduldigem Hoffen auf den Tag der Erlösung zu warten. Da solche Unterweisung ein notwendiges Stück der prophetischen Predigt ist, dieselbe aber in der Mahnung des 10. Verses im 4. Kap. nur ganz kurz angedeutet ist, so hieße diese Rede dem Propheten absprechen, ein organisches Ganzes verstümmeln. – Michas Weissagung ist übrigens mit der Geschichte der Geburt des HErrn in Bethlehem unzertrennlich verknüpft.

 4. Das prophetische Buch zerfällt in drei Teile.

 Titel und Überschrift des Buches 1, 1.

 I. Die Drohung 1, 2–c. 3.

 1. Das Gericht. Der HErr wird vom Himmel, seinem Wohnsitze, zur Erde herniedersteigen als ein verzehrendes Feuer, durch welches alles zerschmilzt (1, 2–4). Er kommt zum Gericht über Israels und Judas Sünde, die wieder ihren Quell in den Sünden Samariens und Jerusalems hat; deshalb ist ihre, und zwar zunächst Samariens, des zum Gericht reifsten, Verwüstung das nächste| Ziel des göttlichen Gerichts (5–8). Aber Samariens Schicksal trifft auch Jerusalem (9). Klagt das Unglück nicht den Fremden, sagt Micha, beweint’s unter euch (10)! Nun beklagt er selbst das Geschick der Nachbarstadt Maresas: ihre Kinder ziehen fort in die Gefangenschaft unter der Wehklage ihrer gemeinsamen Mutter, des Landes Juda (11–16).

 2. Die Ursachen dieses Gerichts sind die Habsucht der Reichen und Mächtigen in Jerusalem: zur Vergeltung sollen sie jetzt und für alle Zeit alles verlieren (2, 1–5), und die Verstockung gegen das Prophetenwort, das sie nicht tragen wollen und doch durch die Unterdrückung der Armen längst verdient haben (6–10). Auch Micha kann Gutes verkündigen und nicht bloß Böses, aber dieses Gute ist nicht Sinnenlust, sondern – die einstige Erlösung aus der Gefangenschaft, in der das sündige Volk jetzt wandern muß (11–13). Insonderheit straft er die ungerechten und unbarmherzigen Richter; sie werden zur Strafe in der Zeit der Not ohne Erbarmen bleiben (3, 1–4), und die mit ihnen Verbündeten falschen Propheten, die um schändlichen Lohnes willen das Volk sicher machen und so ins Verderben stürzen, wie werden sie zu schanden werden (5-8)! Die ungerechten Richter berauben das Volk, um vom Raube glänzende Bauten aufzuführen (9–10). Ja alle, die das Volk leiten, sind grundverderbt, feil und dabei voll Sicherheit: darum wird Zion, Jerusalem, ja selbst der Tempel von Grund aus zerstört (11–12).

 II. Gottes Heilsratschluß mit seinem Volk. – Gottes Volk und die Völkerwelt 4, 1-5, 14.

 1. Doch so tief nun Zion erniedrigt wird, so hoch wird es einst erhöhet: denn es soll ein Mittelpunkt der Völker werden, welche von Zion Belehrung holen, wie sie vor Gott wandeln sollen, und infolge dieser Belehrung unter sich Frieden schließen (4, 1–4). Israel wird dann fest und treu zu seinem Gott halten. Die Völker erkennen dann, wer der wahre Gott ist (5). Das zerstreute, elende Gottesvolk aber wird heimkehren und herrlich wiederhergestellt (6–7), ebenso wie die alte davidische Herrschaft auf Zion erneuert wird (8).

 2. Das Volk, dem seine Fürsten und Ratgeber nun nicht mehr helfen werden, muß zwar um seiner Sünde willen in die Verbannung nach Babel, aber nicht – wie die Völker, die Gottes Ratschluß nicht kennen, meinen – zu ewigem Verderben. Über die feindlichen Völker wird vielmehr das Gericht ergehen, Gottes Volk aber wird zuletzt heimgeführt werden zum Triumphe über die Heiden, wenn gleich jetzt über Jerusalem das Gericht ergehen muß (9–14).

 3. Dem Könige droht Erniedrigung und Schmach, aber aus der Niedrigkeit des davidischen Königshauses geht der ewige König Israels hervor. Zions Leiden sind die Wehen der Geburt des großen zukünftigen Königs. Dieser wird sein Volk sammeln, weiden und schirmen vor Assurs Gewalt (5, 1–5). Gottes Volk wird unter den Heiden ein Segen sein (6), stark in dem HErrn, mächtig, unantastbar siegreich (7–8), gereinigt von widergöttlichem| Wesen, dem der HErr überhaupt auf der Welt ein Ende gemacht hat (9–14).

 III. Der rechte Heilsweg 6, 1–7, 20.

 1. Die Bußermahnung. Micha ruft die Berge und Hügel, die Grundfesten der Erde zu Zeugen des Rechtsstreites auf. den jetzt Jehova mit Israel beginnt (6, 1–2). Warum ist Israel so undankbar für die großen Gottesgnaden, die es empfangen hat (3–5)? Das Volk antwortet: Was sollen wir thun? Der Prophet sagt, nicht Opfer, sondern Gerechtigkeit gegen den Armen, Liebe zum Nächsten, Demut vor dem HErrn will der HErr (6–8), ungerechtes Wesen aber haßt er, und um dieses Wesens willen kommt jetzt das Gericht, in welchem alles ungerecht erworbene Gut zu Grunde gehen soll (9–16).

 2. Das Bußgebet. Der Prophet wehklagt über die Unterdrückung und die Treulosigkeit, die allgemeine Auflösung aller Bande der Liebe, die im Volk so allgemein gefunden wird (7, 1–6). Dafür muß nun das Volk, in dessen Namen Micha spricht, Gottes Zorn empfinden, aber das seine Schuld bereitwillig anerkennende Zion wird aus seinem tiefsten Fall wieder auferstehen, während seine Feindin dann wird erniedrigt werden (7–10). Der HErr verkündigt nun selbst den Wiederaufbau der zerstörten Gottesstadt in Herrlichkeit und Weitschaft: zu ihr kommen sie dann aus weitester Ferne (11–13)! Der Prophet bittet v. 14, der HErr wolle Israel sein gutes Erbe wieder geben, der HErr antwortet v. 15–17 und verheißt, er wolle Israel mit Macht erlösen, die Heiden sollen gedemütigt werden. – Nun schließt der Prophet mit dem Preis der Sünde vergebenden Barmherzigkeit und der Bundestreue Gottes (18–20).


§ 51.
7. Nahum.
 Nach jüdischer Überlieferung weissagte Nahum (Tröster) aus Elkosch in Galiläa zur Zeit des Königs Manasse (698–643 vor Chr.), auf diese Zeit führt auch die c. 3 erwähnte Eroberung von No-Amon, welche a. 664 durch die Assyrer stattfand. Nahums Beruf war es, dem durch neuerliche Machtentfaltung des assyr. Weltreichs (vgl. Chron. 33, 11) geängstigten Gottesvolk Trost zu bringen, daß nämlich ein Angriff, wie der Sanheribs, sich nicht mehr wiederholen werde und der übermütigen assyrischen Weltmacht, sonderlich der Weltstadt Ninive, den Untergang anzukündigen, der um 606 nach längerer Kriegsnot (seit 623) durch Cyaxares von Medien erfolgt ist. Schrecklich hat sich bisher die assyr. Macht den Völkern erwiesen, wo sie auftrat; aber schrecklicher ist Jehova, wenn er sich aufmacht, seinen Feinden zu vergelten; denn jetzt sucht er die Versündigung| Ninives heim und macht ihm den Garaus; Juda aber darf erfahren, daß es nicht umsonst auf seinen Gott traut. Dies der Hauptinhalt unseres mit gewaltiger Kraft der Schilderung geschriebenen Weissagungsbuches. – Das weltgeschichtliche Ereignis der Zerstörung Ninives führt der Prophet auf den Gott des unscheinbaren Reiches Juda zurück, vgl. Jes. 43, 14. – Nahum berührt sich mit Jesaja (in seinen Weissagungen über Babel und sonst), desgleichen mit Jerem. c. 50–51; mit seiner Schilderung des buhlerischen Charakters der Weltstadt hat er Offenb. c. 17 zum Vorbild gedient.

 Seinen Beruf vollbringt Nahum in dreifacher Weise, c. 1 verkündigt er, wie der HErr, der eifrige, der den Feinden des Volkes Gottes ihre Unthaten vergelten will, der Allgewaltige, vor dessen Zorn alles vergeht, über Ninive kommt (1, 2–9). Jerusalem wird nicht noch einmal wie von Sanherib geängstigt werden: denn plötzlich und rettungslos werden die Assyrer weggerafft; ihr Rat wird zu nichte, Israel wird von Assur erlöst, dessen Herrscher aber ausgerottet samt seinem Götzendienst (10–14). – c. 2 verkündet der Prophet Juda die fröhliche Botschaft vom Untergang seines Feindes (1), sodann wendet er sich v. 2 an Ninive und weissagt ihr, daß der Eroberer (Meder und Chaldäer) wider sie heraufziehen werde, durch den der HErr Ninive seine Übelthat am Volke Gottes vergelten wolle, denn der Eroberer will sie von Grund aus vertilgen (2–3). Dieser Eroberer kommt furchtbar gerüstet: Ninives Bundesgenossen fallen durch seine Gewalt, und Ninive wird erobert (4–7). Die menschenreiche Stadt wird ganz entleert, alles wird weggeführt oder flieht (8–9); was die Niniviten aus aller Welt in ihre Stadt wie in eine Höhle zusammengeschleppt, das plündern die Eroberer rein aus (10–13). Ninives Gewaltthat hat ein Ende (14). – c. 3. Das Gericht hat Ninive verdient durch seine Buhlerei, indem sie alle Völker der Welt durch die Augen- und Fleischeslust, die die Weltstadt ihnen bot, an sich gekettet hat (1–4); die Buhle wird nun zu schanden vor den Völkern, indem der HErr zeigt, was übrig bleibt, wenn die Augen- und Fleischeslust von Ninive weggethan wird, nämlich eine Wüstenei, vor der jedem graut (5–7). Es wird Ninive seine Macht so wenig helfen, als No-Amon, d. i. Theben in Oberägypten, der stark befestigten und von Hilfsvölkern unterstützten Stadt; wie dieses, so wird Ninive doch untergehen, wenn die Zeit da ist und alle Verteidigungsanstalten werden Ninive nichts helfen (8–15). Zur Zeit der schrecklichen Katastrophe sind die Handelsleute, die zu Ninive standen, und die Hilfsvölker verschwunden, die Gewaltigen geschlagen, das Volk zerstreut: niemand wird das Verderben aufhalten (16–18). Wie werden sich die Völker freuen, wenn sie der Drängerin los sind (19)!


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§ 52.
8. Habakuk.

 1. Habakuk (d. h. Umarmung, Luther: der Herzer d. h. der Herzende war nach 3, 19[4] ein Levit; daneben hatte er den Beruf eines Propheten (1, 1).

 2. Die Zeit Habakuks setzt die talmudische Überlieferung in die letzten Jahre des Königs Manasse (vgl. 2 Kön. 21, 10 ff.; 2 Chr. 33, 18). Aus Hab. 1, 5 aber, wo der Prophet sagt, daß noch in den Lebzeiten derer, die er anredet, der Chaldäer über Jerusalem kommen werde ist zu schließen, daß er nicht vor der Regierungszeit des Königs Josia (640–610) geweissagt habe. Seit dem Jahr 625 ging es mit dem assyr. Reich abwärts; die Babylonier (samt den Medern) traten hervor. Die Generation, der er weissagte, konnte also noch den Angriff der Chaldäer erleben. An die Zeit Jojakims (609–598) zu denken verbietet c. 1, 5; denn zu dessen Zeit war ein Vordringen der Chaldäer etwas sehr Wahrscheinliches.

 3. Zweck des Buches. Zur Zeit der Propheten war der Gottesdienst wiederhergestellt, und es gab wieder Fromme; aber sie konnten den Gottlosen gegenüber nicht mehr durchdringen (1, 2–4). Das Verderben, sonderlich der Frevel und die Gewaltthat war geblieben und nahm immer mehr überhand. Als sich nun zugleich neben der zerfallenden assyrischen die neue chaldäische Macht erhob, so offenbarte der HErr dem Propheten, daß sie zur Zuchtrute für das verderbte Juda bestimmt sei, und Habakuk hatte den schmerzlichen Auftrag, dies seinem Volke anzukündigen. Doch war es nicht sein eigentlicher Hauptberuf, sein Volk zu strafen, sondern er sollte die Frommen seines Volkes trösten über den Ausgang der Trübsal, die um der Gottlosen willen hereinbrechen wird. c. 2 ist der Kern des Buches und dieses ist also eine Trostschrift, die den Sturz des chaldäischen Weltreichs verkünden soll.

 4. Die Eigentümlichkeit Habakuks wird durch den alten Spruch gut bezeichnet, der da sagt, daß er klage, bete und tröste,| letzteres mit dem Trost, den er von Gott sich erbeten hat. Was ihn aufregt, ist die Herrschaft der Gewaltthat in der Welt. So unerträglich auch der Zustand ist, daß die Menschenwelt dem Willkürregiment eines Menschen schutzlos sich preisgegeben sehen muß, so bleibt doch für das einzelne Glied seines Volkes, dessen Sache er vor Gott führt, nichts anderes übrig, als im festen Vertrauen auf Gott geduldig das Kommen der geweissagten Hilfe zu erwarten. Er selber, der Prophet, erhebt sich in der Kraft des Glaubens aus dem gegenwärtigen Elend und feiert schon jetzt in einem erhabenen Lied die künftige Errettung. – Im Buch des Propheten wechselt klagende Bitte mit göttlicher Antwort. Er erinnert an Jesaja (c. 13 und 14, auch c. 21, 1–10 u. s. w.); sein Buch ist ein Gegenstück zu Nahum, weil wesentlich Weissagung des Sturzes des tyrannischen Weltherrschers; von Jeremia unterscheidet er sich, indem er an der chaldäischen Drangsal mehr die Verschuldung des Chaldäers, als dessen göttliche Sendung zur Züchtigung hervorhebt. Für das neue Testament kommt er durch c. 2, 4 in Betracht, insofern er den Glauben als Weg zum Heil bezeichnet, eine Stelle, die besonders St. Paulus Röm. 1, 17 etc. verwertet hat.

 1. Des Chaldäers Sendung, c. 1. Der Prophet wehklagt vor Jehova, um endliche Abhilfe bittend, über selbsterfahrenen Frevel und das ihn umgebende Verderben (2–4). Der HErr antwortet ihm und dem ganzen Volke: Ein erstaunliches, außerordentliches Gotteswerk ist seinem Vollzuge nahe: wie die Sünde des Volks, so wird das nahe Strafgericht sein. Die Vollstrecker desselben sind die Chaldäer, das unaufhaltsam vorwärtseilende, unerbittlich tyrannische Eroberungsvolk (5–11). Der Prophet, der im Geist den Chaldäer bis zur äußersten Selbstvermessenheit schonungslos morden und erobern sieht, fragt, ob Gott, der doch sein Volk nicht untergehen lassen könne, dem Chaldäer, der sein Werkzeug ist, aber die eigene Macht zu seinem Gott erhebt, nicht bald ein Ziel setzen werde (12–17)?

 2. Der Untergang des Chaldäers, c. 2. Der Seher, der mit gespannter Aufmerksamkeit auf die in seinem Innern zu vernehmende Antwort Gottes harrt, empfängt sie mit dem Befehl, sie aufzuzeichnen, weil sie erst künftig in Erfüllung gehen wird (1–3). Während der Gerechte durch seinen Glauben erhalten wird, wird der aufgeblasene Chaldäer, der trunkene, hochmütige, unersättlich habgierige Welteroberer, zuletzt den unterjochten Völkern ein Gegenstand einstimmig triumphierenden Spottes (4–6a). Wehe über den Chaldäer, der die Völker beraubt hat, er selbst wird den Völkern zum Raube werden (6b–8); wehe dem gewinnsüchtigen und eigennützigen, der viele Völker vernichtet| um sich und seiner Familie einen hohen, unnahbaren Wohnsitz zu bauen, aber in der That sich selber Schande und Untergang bereitet (9–11), wehe dem Chaldäer, der von fremdem Gut und Blut Städte baut: jene Bauten, mit denen Völkermassen sich mühen, werden mit Feuer verzehrt, denn was dem Reiche Gottes hindernd entgegentritt, soll aus dem Wege geräumt, die ganze Erde der Gotteserkenntnis voll werden (12–14); wehe dem Chaldäer, der seinen Nächsten in der heimtückischen Absicht trunken macht, um ihn dann zu beschimpfen: er wird selbst den Strafkelch Jehovas trinken müssen und mit Schande bedeckt werden (15–17). Was helfen dem Götzenbildner und Götzendiener seine stummen Götzen! Wehe über ihn, die Götzen sind wesenlose Gebilde, welche kein Flehen vernehmen, Jehova aber ist in seinem heiligen Tempel – vor ihm muß verstummen die ganze Erde (18–20).

 3. Habakuks Siegespsalm, c. 3 enthält einen Gebetspsalm, in dem der Prophet die Eindrücke der göttlichen Antworten c. 1 und 2 wiedergibt. Die Kunde von dem Gericht durch die Chaldäer hat den Sänger erschreckt; er fleht, daß der HErr in Zukunft sich wieder wie ehedem als den Gott des Heils erweise und thue, wie er (2, 4) verheißen hat (2). Darauf malt er die künftige Erscheinung Gottes zum Sturz des Weltreichs seinem Volk vor Augen mit Farben, die der Offenbarung Gottes bei der Ausführung aus Aegypten und der Durchführung durchs rote Meer entnommen sind. Wie dem geängsteten Israel am roten Meere, so wird der HErr inskünftig wieder erscheinen als der Richter, welcher Lichtglanz zur Seite, Pest und Seuche zu Trabanten hat, unter dessen Tritten, wenn er zum Strafgericht kommt, alles vergeht (3–5). Die Erde schwankt unter seinem Tritt, die Völker beben vor seinem Blick, die Urgebirge bersten vor ihm (Richt. 5, 5; Ps. 68, 19 und Ex. 19, 18), die anwohnenden Nomadenvölker Kuschan (Äthiopien) und Midian geraten in Angst und Schrecken (6–7). Zu welchem Endzweck ist Jehova in solch schrecklicher Majestät erschienen als gewaltiger Siegesheld, unter dem die Erde berstet, so daß unterirdische Gewässer aufbrechen (8–9), vor dem die Berge, die Wasser oben und unten in Unruh geraten und der Himmel sich umflort, ob der schrecklichen Blitzstrahlen des Wetters, in welchem der majestätisch Zürnende über die Erde schreitet (10–12)? Antwort: Jehova erscheint zur Hilfe für sein Volk. Er stürzt den Fürsten der tyrannischen Weltmacht (13), vernichtet die gerüsteten, ihr untergebenen Volksmassen, die, unter sich selbst in Verwirrung geratend, die Spieße gegen einander kehren (14): zu Grunde gehen die Feinde – wie einst Pharao und seine Reisigen im Meer (15). Darum – obwohl der Prophet noch zittert ob der Schreckenskunde, die er gehört, obwohl er noch zittert im Angesicht der trübsalsvollen Zukunft, will er doch im Angesicht des Heils, das er nun geschaut, frohlocken (16–19).


§ 53.
9. Zephanja.
 1. Zephanja (der HErr birgt, vgl. 2, 3), der selbst sein Geschlecht| auf Hiskia zurückführt, weissagte zur Zeit des Josia (1, 1), näher etwa vom 18. Jahr des Josia an, da der Ausdruck c. 1, 4 „ich will das Übrige von Baal ausrotten“ den Vollzug der 2 Kge. 23 erzählten Reformation Josias vorauszusetzen scheint; ebenso konnte die c. 1, 4–6 bekämpfte Meinung, als ob äußerlicher Jehovadienst, vor dem Gericht schütze, nur aufkommen, wenn derselbe äußerlich im Schwange ging; endlich deutet c. 3, 5 deutlich auf den 2 Kge. 23, 2 erwähnten Vorgang.

 2. Josias Eifer vermochte wohl eine äußere Reinigung hervorzubringen, aber keine innere Umwandlung; früher wurde Gott zum Zorn gereizt durch die Abgötterei seines Volkes, nun vor allem durch Gottlosigkeit und Gottesverachtung, besonders von seiten der Obersten und Führer c. 1, 8–13 ; 1–4; auch ist das Götzenwesen nicht ganz ausgerottet c. 1, 4–6.

 Darum kündigt Zephanja an, daß Gott selber eine Reformation vornehmen wolle und zwar des religiösen Zustandes der ganzen Erde, sonderlich aber seines eigenen Volkes. Das göttliche Gericht, das Zephanja ankündigt, trifft zunächst die Heiden, die da höhnen oder Gott die schuldige Ehre nicht geben; im vollen Maß aber entlädt sich Gottes Zorn über Gottes eigener Stadt, die taub gegen alle göttliche Zurechtweisung in frevelhaftem Leben verharrt und dabei noch als Gottes Eigentum betrachtet und geschützt sein will. Durch ein allgemeines Strafgericht, gegen welches allein aufrichtige Selbstdemütigung vor Gott schützt, wird der HErr aller Gottesverachtung und aller Abgötterei auf Erden ein Ende machen und zu ehrfurchtsvoller Anbetung erwecken; auf Zion aber wird ein gereinigtes, demütiges Volk sich finden, das zu seinem hohen Beruf der Welt Gottes Wort predigen (c. 3, 9) geschickt ist, an dem Gott seine Freude haben, das er segnen und verherrlichen kann.

 3. Die Anlage des Buches unseres Propheten erinnert an Amos; indem wie dort Israel, so hier Jerusalem das letzte Ziel eines allgemeinen Gerichtes ist. Daß die Selbstdemütigung als Rettungsmittel empfohlen wird, zeigt, daß der Prophet im Mittelpunkt der Zeit Josias steht; denn dadurch erlangte Josia persönliche Errettung vgl. 2 Kge. 22, 19. Zephanja nimmt vielfach Gedanken früherer Propheten wieder auf, von Joël bis Micha. Im Unterschied von| Habakuk hebt er mehr die Versündigung des Volkes Gottes hervor. Mit besonderer Kraft betont er, daß Gott einst auch die Heiden als seine Anbeter haben wird (c. 3, 10 vgl. mit Joh. 11, 52). Eigentümlich ist ihm die Darstellung der künftigen Gemeinde Gottes als einer armen und geringen Herde (c. 3, 12; vgl. dazu Luk. c. 12, 32). Mit der Schilderung des sittlichen Zustandes des von Gott erhaltenen Überrestes reicht er bis in die ferne Zukunft der Offenbarung (c. 3, 13 vergl. mit Offenbarung 14, 5). – Auf grimmigen Wettersturm milder erquickender Sonnenschein – das ist im allgemeinen die Signatur des Buches unseres Propheten; auch sein Buch ist wesentlich eine Trostschrift für die Frommen, denn auch er zielt c. 2 und 3 auf die Wendung im Geschicke des heiligen Volkes ab. Auch bei ihm ist es die Spitze aller Weissagung, daß Gottes Volk durch das Gericht hindurch zu dem verheißenen schließlichen Heile gelangen soll.

 c. 1. Der Tag des Zorns. Alles ohne Ausnahme wird Jehova aus seinem Lande ausrotten (1–3), sonderlich den (trotz der Reformation des Josia) noch übrigen Götzengreuel des Baals- und Gestirndienstes samt den Götzendienern; aber auch die heuchlerischer Weise Jehova dienen, so gut wie diejenigen, welche gar nicht nach Jehova fragen (4–6). Berge sich, wer kann, denn an dem nahen Gerichtstag wird Jehova ein Schlachten (Vertilgungsgericht) anstellen durch seine Schlächter (zunächst die Chaldäer) (7). Da wird es gehen über die Großen im Reich, die vom Raube reich werden (8–9), die reichen Handelsleute (10–11), die gottesleugnerischen Sünder, die in stolzer Ruhe an kein Gericht glauben (12–13). Nun kommt der Tag, da der HErr seinen Zorn offenbart, vor dem alle erschrecken und bangen werden, da der HErr sie ohne Erretten hingibt ins Verderben (14–18).

 c. 2. Vermahnung. Der Prophet ermahnt angesichts des nahe bevorstehenden Zorngerichtes Gottes alle, sonderlich die „Elenden“ (d. i. Demütigen, Frommen), den HErrn zu suchen (1–3). Er treibt dazu, indem er verkündet, wie der Zorn Gottes keines Volkes auf Erden schonen wird, weder der Umliegenden – das Gericht über diese wird dem Volk Gottes unmittelbar zu gute kommen – noch der Fernen; denn ihm soll alle Welt inskünftige die Ehre geben. Die Mohren wird es treffen (4–12). Auch Ninive wird endlich seinen Zorn erfahren: die Stolze wird wüste, daß die Tiere an ihrer Stätte wohnen (13–15).

 c. 3. Die Verheißung. Jerusalem, die Stadt voll Frevel und Greuel (1–2), wo die Fürsten und Richter auf Beraubung der Leute ausgehen (3), die Propheten das Volk Gewinns halber täuschen und die Priester Gottes Gesetz falsch deuten, wo Gottes Wort wieder öffentlich gelehrt, aber nicht befolgt| wird (4–5), wo man durch Gottes Gerichte an den Völkern sich nicht warnen läßt, – diese Stadt muß notwendig durchs Feuer des Gerichts (6–8). Wenn aber Gottes Volk durchs Zornfeuer geläutert ist, so wird es den Völkern mit reiner Lippe predigen und sie werden sich bekehren zum HErrn und als seine Anbeter ihm Opfer bringen (9–10). Israel wird dann ein heiliges, demütiges, Gott vertrauendes Volk sein (11–13). Es freut sich dann das Volk: weg ist die Trübsal, der HErr ist bei seinem Volk, es schirmend und in Liebe seiner sich freuend (14–17). Das arme, zerstreute Israel, das lange der Festfeier entbehrte, kehrt heim (18), denn die Weltmacht, die es gefangen hielt, ist zu nichte, Gottes Volk aber kommt wieder zu Ehren inmitten der ganzen Welt (19–20).


§ 54.
10. Haggai.

 1. Haggai (der Festfeiernde) geweissagt, als Juda unter der Herrschaft des Königs Darius Hystaspis stand, im Jahre 520.[5] Das Volk war noch nicht lange aus dem Exile heimgekehrt. Geheilt vom Götzendienst beeiferte es sich, dem Gott der Väter fortan allein zu dienen, baute sofort nach seiner Rückkehr einen Brandopferaltar und richtete den täglichen Opferdienst wieder ein. Dann ward auch der Tempelbau in Angriff genommen und es wurde rüstig fortgebaut. Aber die Feindschaft der Samariter, die am Tempel Anteil haben wollten, aber nicht erhielten, und die deshalb die Juden beim Perserkönig verklagten und ein Verbot des Weiterbaues erwirkten (Esra c. 4), hinderte den Bau; ja er blieb zuletzt ganz stille stehen. Das Volk ließ sich nur allzugerne hindern. Die Interessen der Selbstsucht und des Eigennutzes nahmen es gefangen, und des Tempels ward vergessen. Auch Heimsuchungen des HErrn erweckten den alten Eifer nicht (1. 6. 9–11): der Bau ruhte von dem Jahre der Heimkehr, also vom Jahre 535, bis zum Jahre 520. Da trat Haggai auf, um Serubabel und Josua, die die Leitung und damit auch die Verantwortlichkeit für das Volk hatten, zu ermahnen, daß sie den Tempelbau wieder aufnähmen und getrost und hoffnungsfreudig zum Ziele führten. Dies der Endzweck der prophetischen Sendung Haggais, deren Denkmal in dieser prophetischen Schrift vorliegt.

|  2. Haggai ist nüchtern, realistisch, die Wichtigkeit materieller Interessen wohl würdigend; aber er weiß dem natürlichen Streben nach irdischem Nutzen eine andere Richtung zu geben und es in den Dienst der idealsten Aufgabe zu stellen (cf. Matth. 20, 26–27). – Es ist ins Einzelne eingehend, wenn er etwas deutlich vor Augen stellen will, dann aber auch wieder von gedrängter, vielsagender Kürze. Das Kleinod seiner Schrift ist die Verheißung der künftigen weltumfassenden Herrlichkeit des israelitischen Heiligtums. Die letzte Herrlichkeit des Tempels soll größer sein als die erste (c. 2, 10). So viel auch das israel. Heiligtum in seiner zweiten Gestalt Ehre erfuhr, von seiten der Weltherrscher, oder durch den Besuch von Proselyten aus den Heiden, – um die volle Erfüllung der Verheißung hat sich das zur Zeit Jesu lebende Geschlecht durch die Verwerfung seines Heilandes gebracht. So steht also jene nicht bloß die Erde, sondern auch den Himmel bewegende Erschütterung, die dadurch bewirkte Bekehrung der Heiden und daraus sich ergebende Verherrlichung des israel. Heiligtums noch bevor. Das Werk Gottes in der Welt wird dann aber damit zu seinem Ziel gekommen sein, nach Hebr. 12, 26–27.

 Das Wort Haggais ist nicht bloß verstanden worden, es hat auch eingeschlagen; Haggai ist aber im Trösten ebenso kräftig, wie im Ermahnen.

 Inhaltsübersicht.

 1. Das Volk, sagt Haggai strafend und mahnend, entschuldige die Saumseligkeit im Tempelbau immer mit der schlechten Zeit: für seine eigenen Häuser aber habe es Mittel. Die schlechte Zeit komme eben davon her, daß sie den Tempel nicht bauten, denn deshalb hätten sie keinen Segen mehr. Sie warteten auf mehr, aber je länger sie warteten, desto weniger würde es werden. Sie sollten den Tempel bauen, dann würden sie auch wieder Segen haben. Dieser Mahnung gehorchten die Fürsten und das Volk (c. 1).

 2. Dafür tröstet sie dann Haggai (2, 1–2), um die kümmerliche Gegenwart durch Hinweis auf die künftige Herrlichkeit des Tempels, die größer sein werde, als die des ersten (3–9), durch den Segen, den der HErr von nun an wieder geben wolle (10–20), durch die Verheißung, daß Serubabel (das Haus David), wenn die Weltreiche untergehen würden, der Vertraute oder Gesalbte des HErrn sein solle, den er zum Abglanz seiner Herrlichkeit machen wolle (Petschaftring) (21–24).


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§ 55.
11. Sacharja.

 1. Sacharja (der HErr gedenkt [an seinen Bund]) war ein Sohn Berechjas des Priesters und ein Enkel jenes Iddo, der nach Neh. 12, 4 als eines der Häupter der priesterlichen Familie, welcher Sacharja angehörte, aus der Gefangenschaft heimkehrte. Er folgte, da sein Vater frühzeitig starb, dem Großvater im Amte nach (Neh. 12, 16, vgl. Esra 5, 1). – Die Zeit, in der er auftrat, war das zweite Jahr des Darius (520 v. Chr.). Er ist somit ein jüngerer Zeitgenosse des Haggai.

 2. Haggais Zeugnis wird durch das Zeugnis Sacharjas fortgesetzt. – Indes berührt sich seine prophetische Aufgabe nur nach einer Seite mit der des Haggai. Das Volk war ja durch Haggai schon willig geworden zum Werke des HErrn. Es bedurfte daher weniger der Mahnung, als 1) des Aufschlusses über den Widerspruch der Gegenwart durch den Hinweis auf die zukünftige Herrlichkeit. 2) Zugleich eröffnet auch Sacharja, was dieser Zeit besonders notthue, und zeigt dem Volk das Gebot des HErrn. Endlich 3) verschweigt er nicht, durch welche große Trübsale sein Volk noch werde hindurchgehen müssen, bis es bei der verheißenen Herrlichkeit der Endzeit anlangen wird. Der Grund der neuen Trübsale ist die Verwerfung des verheißenen Königs und Hirten von seiten seines undankbaren Volkes. Das Volk Gottes wird abermals den Heiden preisgegeben; aber wenn die Heidenvölker ihm den Garaus machen wollen, wird der HErr einschreiten und seinem zur Erkenntnis und Bereuung seiner Sünden gebrachten Volke den Sieg über seine Feinde verleihen.

 3. Sacharja berührt sich in seinem Berufe wie mit Haggai, so noch mehr mit Daniel, ohne dessen Gesichte er gar nicht verstanden werden kann. Auf Grund von Dan. c. 9; 10, 20; 11, 45 zeigt er, in welcher Art die mit der Rückkehr aus Babel neu anhebende Geschichte verlaufen werde; der Hauptinhalt seiner Weissagung ist Tröstung des jetzt tiefgebeugten Volkes, doch nicht ohne daß er verkehrten Anschauungen, wie wenn die gegenwärtig anhebende Entwickelung geradlinig zur Herrlichkeit führte, entgegenzutreten hätte. – In der Weissagung vom Leiden des Messias schließt er sich besonders an| Jesaja c. 53 an, ergänzt ihn aber (c. 11, 13) und hebt noch deutlicher die Schuld Israels am Tod seines Heilandes hervor (c. 12, 10, vgl. auch Dan. 9, 26) als jener. Mit Recht heißt Sacharja wegen der Weissagungen in seinem 3. Teil der Prophet der Passionswoche (vgl. c. 9, 9; 11, 13; 12, 10; 13, 7). Der Hinweis auf die erste und auf die zweite Zukunft des HErrn, Evangelium und Eschatologie ist bei Sacharja wunderbar verbunden. In beider Hinsicht faßt er die früheren Propheten zusammen; auf Schritt und Tritt begegnet man auch bei ihm Erinnerungen an dieselben. – Das Buch Sacharja zerfällt ganz kenntlich in drei Teile, die entsprechend ihrem Inhalt in sehr verschiedener Form der Rede sich bewegen, darum aber dennoch einem Verfasser angehören.
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 Nicht unerwähnt mag bleiben, daß man c. 9–11 und c. 12–14 dem Sacharja abspricht, und behauptet, c. 9-11 müsse laut 9, 1 vor der Zerstörung des damascenisch-syrischen Reiches durch Tiglath Pilesar, laut 10, 11 als das assyrische Reich noch existierte, laut 11, 4–17, als die Reiche Israel und Juda noch neben einander bestanden (s. besonders 6. 8. 14), also unter Jotham oder Ahas verfaßt sein; während man von c. 12–14 sagt, sie seien in der Zeit des Jeremia entstanden, und zwar, weil 12, 10. 12; 13, 1 das Bestehen Jerusalems, als der Hauptstadt eines selbständigen Reiches, und des davidischen Königshauses, und 13, 2 ff. der Götzendienst in Jerusalem erwähnt werden u. s. w. – Aber beide Hälften des 3. Teils hängen in sich zusammen; c. 9, 13–16 mit c. 12, 1–9 ist ein und derselbe große Kampf gemeint. Der Hirte des HErrn in c. 11 ist dieselbe Person wie der in c. 13, 7; beide Hälften setzen die Weissagungen Ezechiels voraus, vgl. die Schilderung der schlechten Hirten c. 11 (besonders v. 16) mit Ezech. c. 34; die Weissagung c. 13, 8–9 hängt zusammen mit Ez. 5, 1–5. Die bedeutsame Nennung des Ölbergs c. 14, 4 erinnert an Ez. 11, 23. Letztgenannter Umstand (der Zusammenhang mit Ezechiel) verbietet zugleich, an vorexilische Zeit zu denken; auch späte Weissagungen Jeremias liegen unserem Propheten zu Grunde (vgl. c. 14, 10 mit Jer. 31, 38). Jerusalem erscheint aber bei Jeremia und den gleichzeitigen Propheten in ganz anderer Lage als bei Sacharja c. 9–14. Während es sich bei diesem trotz höchster Bedrängnis behauptet, weiß Jeremia nur von Zerstörung der damaligen Hauptstadt. – Die erste Hälfte c. 9–11 setzt in c. 10, 2, 6, 9 deutlich den Zustand des Gefängnisses als jetzt bestehend voraus (v. 9 erkläre nach Hos. 2, 25). Freilich redet c. 9–11 auch von Jerusalem und Ephraim so, als befänden wir uns noch in der Zeit vor der assyrisch-babylonischen Gefangenschaft (c. 9, 10); aber im Zusammenhalt mit den angeführten Stellen dürfen wir beide nicht als noch bestehende ansehen, sondern müssen sie als aus dem Exil wieder hergestellte denken nach Jesaja c. 11, 11–16, Hos. 2, 1–2;| Ez. 37, 21 etc.; denn die Weissagung Sacharjas zielt auf den Ausgang des Kampfes zwischen Israel und der Heidenwelt. – Die Gegenüberstellung von Assur und Ägypten c. 10, 10–12 bedeutet nichts anderes als den Gegensatz eines nördlichen und eines südlichen Weltreiches (vgl. Dan. c. 10–12; dazu Esra 6, 22; Neh. 13, 6. Beide letzteren Stellen reden von Assur und Babel, als beständen diese Reiche noch). Endlich führt der c. 9, 13 geweissagte Kampf zwischen den Kindern Zions und Griechenlands notwendig in nachexilische Zeit. – Man meint, die c. 13 gerügten religiösen Schäden (Götzendienst, falsches Prophetentum) hätten sich nach dem Exil nicht mehr gefunden und allerdings hat das Exil eine Wendung in dieser Hinsicht gebracht; aber die Gefahr der Vermischung mit Heiden bestand fort und teilweise ist das Volk auch dieser Versuchung unterlegen vgl. Esra c. 9, 1–2; damit war aber auch dem Götzendienst die Thür geöffnet; dafür daß derselbe, wie es scheint, in Form der Zauberei thatsächlich bestand, vgl. 2. Makkab. 12, 39. Das falsche Prophetentum aber hat sich schon zu Nehemias Zeit ziemlich breit gemacht vgl. Neh. c. 6.

 Teil I und Teil III von Sacharja sind von einander sehr verschieden; dort Gesichte, hier Weissagungsrede; dort lauter Licht, hier zwar auch Licht, aber sich hindurchringend durch düstere Schatten; der Unterschied entspricht der Sachlage. Als es galt, ein verzagtes Volk zum Werk des Tempelbaues zu ermutigen, konnte nicht von Bedrängnis geweissagt werden; denn jenes Werk sollte ihnen gelingen; die durch diesen Erfolg Gehobenen hingegen mußten auf das noch zu überstehende Schwere aufmerksam gemacht werden, damit sie nicht an dem Erreichten in verkehrter Weise hängen blieben. Im übrigen stimmen beide Teile zusammen. Die äußere politische Lage ist beidemal dieselbe. Wenn auch das Reich Babels gestürzt ist, so ist Israel doch noch zerstreut und rings von feindseligen Heiden umgeben. Der Zusammenklang von c. 2, 10 mit c. 9, 9 ist nicht zufällig, so wenig wie der von c. 2, 5 mit 12, 6. Die Doppelseite der Einwohnung des HErrn in seinem Volk kommt in letzteren in charakteristischer Weise zum Ausdruck. Daß der künftig zum Heil seines Volkes Erscheinende von Jehova unterschieden und doch auch selber wieder Jehova ist (d. h. das ewige Wort und der eingeborne Sohn Joh. c. 1, 1–14), tritt bei keinem Propheten mit solcher Klarheit hervor, wie bei Sacharja und zwar im 1. wie 3. Teil (vgl. c. 2, 10–11 u. c. 12, 10). – In äußerer Beziehung besteht eine gewisse Übereinstimmung zwischen den Gesichten des 1. Teils und der symbolischen Darstellung im c. 11.

 4. Inhaltsübersicht.

 Vorwort 1, 1–6. Mahnung zum Gehorsam gegen Gottes Wort.

 I. Die Gegenwart im Lichte der Weissagung 1, 7–6, 15.

 Am 24. Tag des 11. Monats (520) empfing Sacharja folgende sieben Gesichte: 1. Die Reiter unter den Myrten (1, 8–17). Noch sieht der HErr dem Weltlauf ruhig zu, aber bald wird er sich seines Volkes erbarmen| und Rache üben an Jerusalems Feinden und es seiner Stadt wohlergehen lassen. – 2. Die vier Schmiede (1, 18–21). – Die vier Hörner (Mächte) der Völkerwelt, unter deren Druck Gottes Volk seufzt, werden durch vier Schmiede (vgl. 6, 1–8) abgestoßen werden. – 3. Der Mann mit der Meßschnur (2, 1–13). Der HErr macht sich auf, baut Jerusalem wieder, aber diesmal ohne Mauer, denn zahllos sind seine Bewohner, da die Exulanten heimkehren und die Heiden sich ihnen anschließen. Der HErr selbst, ihre Mauer, umgibt sie mit seinem Schutze und segnet sie mit seiner Gegenwart. – 4. Der Hohepriester (3, 1–10). Satan, der Gottes Heilswerk zu nichte machen will, klagt Josua, den Hohepriester, an, um den Zorn Gottes zu erwecken; aber Gott hält ihm entgegen, daß Josua nicht errettet ist, um verworfen zu werden und reinigt selbst den Josua von seinen Sünden, ferner verheißt er ihm den Engelschutz und weissagt ihm, daß er und Serubabel ein Unterpfand für die Erscheinung des Knechtes Zemach (Messias) sind; jetzt sprengt Josua das sühnende Blut auf einen bloßen Stein in Ermangelung der Lade mit den heiligen Gesetzestafeln; an Stelle dieser fehlenden Tafeln zeigt ihm der HErr im Gesicht einen einigen für jetzt noch mit keiner Inschrift versehnen Stein, der dazu bestimmt ist, den Inhalt des neuen Bundes, des Gnadenbundes, aufzunehmen und davon Zeugnis abzulegen (mit andern Worten: er weist ihn hin auf den zwar in gewöhnlicher menschlicher Gestalt erscheinenden, aber von Gott zum Heiland der Welt gemachten und als solchen gekennzeichneten Messias). – 5. Der goldene Leuchter (c. 4). Der Leuchter ist das Bild der heiligen Gemeinde Gottes, die das Licht ihrer Erkenntnis in die Welt soll leuchten lassen; das Öl, welches dem Leuchter sein Licht gab, ist der Geist des HErrn, durch welchen das Werk gefördert wird; die Ölbäume oder Ölkinder sind Haggai und Sacharja, die Mittler des göttlichen Geistes, durch den das Werk Gottes gefördert wird. – 6. Das heilige Volk (c. 5). Der fliegende Brief ist ein Erlaß Gottes, darin für die Übertreter des Gesetzes der Fluch steht. Das Epha ist ein großes Maß, das Weib ist die Macht der Verführung zur Gottlosigkeit; Sinear ist Babel. Also die Macht der Verführung wird aus dem heiligen Land weggeführt, an einen ihr entsprechenden Ort, nämlich an die unreine Stätte des zerstörten, widergöttlichen Babel, um dort zu bleiben. – 7. Die vier Wagen (6, 1–8). Die zwei Berge sind der Zion und der Morija, der Ort, von dem die Wagen ausgehen, ist das Heiligtum des HErrn. Ehern ist die Kriegsfarbe. Die Wagen entsprechen den Winden (c. 5) und sind nach c. 1, 8 die Engelheere Gottes, durch welche er alle feindselige Gewalt auf Erden überwindet, vor allem im Land gegen Mitternacht, der Heimat des Hauptbedrängers des heiligen Volkes.
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 Anhang 6, 9–15. Die Doppelkrone. Fromme Männer aus Babel kommen nach Jerusalem, um Trost zu empfangen für diese betrübte Zeit. Ihnen zur Stärkung krönt Sacharja den Hohepriester mit der Doppelkrone und in ihm den Vorgänger des Zemach, der die Priester- und die Königskrone tragen wird. Also mit dem Königtum in Israel und mit dem Hause Gottes ist’s nicht aus:| es hat beides eine große Zukunft. An sie halte man sich voll Vertrauen in dieser letztbetrübten Zeit.

 II. Des HErrn Gebot an sein Volk, 7, 1–8, 23.

 Wer solch herrlicher Zukunft will teilhaftig werden – was muß der thun? – 1. Er muß Gott dienen in Wahrheit: Opfer darbringen, die aus einer Gesinnung kommen, welche sich im Leben als Güte und Barmherzigkeit erzeigt, – wie das der HErr durch seinen Propheten reichlich, aber umsonst verkündigen ließ (7, 1–14). – 2. Der HErr verheißt anstatt des früheren Zornes lauter Gnade, – aber er will Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden in seinem Volke sehen; wo solches ist, da werden die Fasttage sich in Freudentage wandeln, an denen teilzunehmen auch die Heiden sich beeifern (8, 1–23).

 III. Der Weg zur Herrlichkeit oder die Drangsal vor der Herrlichkeit, c. 9–14.

 1. Der gute Hirte und seine Herde 9, 1–11, 17.

 Während der HErr die Feinde seines Volkes ringsum vertilgt und der Nachblieb der Heiden zu dem lebendigen Gott sich bekehrt, sieht Zion seinen König in seinen Mauern einziehen. Dieser König, selbst ein Mann des Friedens, nicht des Krieges, richtet ein Reich des Friedens auf und verbreitet es über die ganze Erde, seinem gefangenen Volk aber verleiht Er den Sieg über die Weltmacht und führt es zur Herrlichkeit (9, 1–17). Vom HErrn allein ist Hilfe zu erwarten (10, 1–2). Ja, der HErr wird die bösen (Völker-)Hirten (Böcke 10, 3) heimsuchen und Juda von ihrem Drucke erlösen. Ihre Ecken = Ecksteine (Fürsten), ihre Nägel (die Verwalter und Beamten), ihre Streitbogen (Kriegshelden), ihre Treiber (Fronvögte) werden sie verlieren, der ganze Bau der Weltmacht wird also zusammenbrechen. Dazu sammelt der HErr sein Volk aus der Welt – nichts vermag es zu halten –, um es sieghaft zu machen über die Weltmacht (10, 3–12). – Vor dieses Bild der letzten Zukunft tritt nun 11, 1 ff. plötzlich ein ganz anderes; das Land Israel ist verwüstet, die Feinde sind hereingebrochen, alles klagt und heult (11, 1–3). Diese Erscheinung ist das Ergebnis der nächstfolgenden Geschichte der Welt und Israels, der Vorgeschichte der letzten Zeit. Sie wird uns symbolisch dargestellt in v. 4–17. Da empfängt der Vertraute Gottes den Auftrag, die Schlachtschafe, d. i. das Volk Jehovas, welches die Weltherrscher jetzt wie Schlachtschafe behandeln, zu hüten (vgl. Jer. 1, 9 f.); die Völker der Erde gibt Gott zur Strafe der gegenseitigen Selbstvernichtung Preis (4–6). Jener thut es um der „elenden“ Schafe in Israel (Frommen) willen. Er hütet das Volk mit dem Stab Sanft, er schützt es vor der Gewalt der Völker, und mit dem Stab der Verbindung, er einigt es in der Trübsalszeit. Als Hirte seines Volkes vertilgt er (Jehova) in einem Monat, so übel gefiel ihm der Dienst eines jeden, drei (Völker-)Hirten (vgl. 6, 1–8), den chaldäischen, persischen und griechischen Weltherrscher; aber auch zwischen ihm und der Herde entstand wechselseitiger Überdruß; darum hört er auf sie zu weiden und gibt sie der Gewalt der Völker preis. Die Elenden (Frommen) Israels erkennen in diesem Gericht die Veranstaltung des HErrn (7–11). Nun soll’s aber auch mit Israel zum Entscheid kommen, es| soll sich erklären, was ihm das Hirtenamt Jehovas wert ist. Israel achtet seinen Hirten so gering als einen Sklaven, es beut ihm Sklavenlohn. Den wirft der Hirte weg, und es hört nun das Hirtenamt für Israel ganz auf (12–14). Jetzt bricht eine lange Drangsalszeit über Gottes Volk herein. Der thörichte, d. i. nichtswürdige Hirte, dem das Volk übergeben wird, die römische Weltmacht, frißt das Volk auf und empfängt dafür zuletzt selbst den Fluch (15–17). Dieses nächstbevorstehende Gericht (durch die Römer) schauen wir eben in der 11, 1–3 geschilderten Verwüstung.[6]

 2. Die heilige Stadt und des HErrn Herrlichkeit 12, 1–14, 21.

 Jerusalem ist schließlich wieder eingenommen vom Volke Gottes. Da kommt die letzte Drangsal: die Völkerwelt versucht noch einmal, es zu stürzen. Aber des HErrn Kraft ist in seinen Schwachen mächtig (12, 2–8). Woher aber diese Gnade? Israel thut Buße für die Verwerfung seines Heilandes (9–14). Alle Ärgernisse werden aus der nun heiligen Gemeinde Israels weggethan (13, 1–6). Wer aber ist dies Volk? Es ist der durch lange Trübsal geläuterte Überrest der nach dem Morde des großen Hirten Israels in alle Welt versprengten Herde (7–9). Jener geweissagte große Triumph erfolgt erst nach vorausgehender schwerster Bedrängnis: die antichristische Welt macht sich zum Streit wider Gottes Volk auf; da tritt noch einmal eine Sichtung ein im Volke Gottes durchs Schwert der Völker (14, 1 f.), aber nach derselben streitet der HErr selbst für sein Volk und schafft ihm ein Entrinnen (3–5). Es bricht die volle Heilszeit an: der HErr wohnt im Lande, es ist heilig (6–11). Grauenhaft ist das Gericht über die Feinde. Sie vertilgen sich selbst (12–13), Juda siegt über sie und nimmt ihnen alles ab (14–15). Jerusalem aber ist nun die Stadt Gottes in der Welt, zu welcher die Völker kommen müssen, um mit ihr den HErrn anzubeten. Jerusalem ist vollendet in Heiligkeit, auch der letzte Anstoß (Josua 9, 16–21) ist hinweggetilgt (Ezech. 44, 6–9).


§ 56.
12. Maleachi.
 1. Maleachi (des HErrn Bote) weissagt, aus seiner mit Neh. 13, 6 ff. übereinstimmenden Beschreibung von dem Volke zu schließen, zur Zeit des zweiten Aufenthalts des Nehemia in Jerusalem (433). Die Zeit war trotz eines Esra und Nehemia doch eine traurige, der erste Eifer war erkaltet, vor allem bei den Priestern, aber auch beim Volk. Die gottesdienstlichen Anfänge waren ja wohl| geringe; darin lag eine Versuchung zur Geringschätzung. Die Priester unterlagen ihr auch und gaben dies auch kund. Vom Volk wurden etliche so lau im Glauben, daß sie ihre Gliedschaft am Volke Gottes gering genug achteten, um sich mit Heiden zu verschwägern (2, 11. 12) und weil die verheißenen glücklichen Zeiten zögerten, zu kommen so fing das Volk zu murren an, ja manche zweifelten an der Verheißung und gaben sich offenem Unglauben hin (c. 2, 17; 3, 13 etc.).

 2. Bei solcher Lage war es der eigentliche heilsgeschichtliche Beruf dieses Propheten, zu weissagen, daß nun bald der Bote erscheinen werde, der der Erscheinung Jehovas vorausgehen müsse, nämlich Elia der Thisbite, und daß ihm, dem Bahnmacher, dann der HErr selber folgen werde und zwar als Bote oder Mittler eines neuen Bundes. Dieser Tag Jehovas, den die Zweifler immer gerne sehen möchten, werde für sie ein Schreckenstag sein, denn durchs Feuer des Gerichtes hindurch werde das Gemeinwesen Israels in erneuerter verklärter Gestalt erstehen.

 3. Jener Bote, der 3, 1 „mein Bote“ und 4, 5 „Elia der Thisbite“ genannt wird, ist kein anderer, als Johannes der Täufer. Maleachi ist somit der letzte Prophet des alten Bundes. Johannes der Täufer steht bereits auf der Grenze beider Testamente; die eine Hand reicht er Maleachi, die andere dem, in welchem Jehova, der Bundesmittler, den Maleachi verheißen hat, erschienen ist.

 4. Die Haltung des Buches Maleachi ist dialogisch. Es zieht sich nämlich durch das Buch die auch in früheren Propheten schon vorgekommene Redewendung hindurch, daß der Prophet selbst auf seine Behauptung eine Gegenfrage von seiten des Volkes aufstellt; namentlich läßt er das Volk den ihm gemachten Vorwurf abwehren, um darauf selber eine weitere Erklärung folgen zu lassen; 1, 2. 7; 2, 14. 17; 3, 7. 8. 13. Hierin ist eine Einwirkung der Zeitverhältnisse, des aufkommenden Schulvortrags und Unterrichtswesens auf den prophetischen Vortrag, der dadurch selbst einen gewissen dialektischen Charakter erhalten hat, wohl unverkennbar. Maleachis Vortrag gleicht in dieser Hinsicht am meisten dem des Buches Koheleth.

|  5. Inhaltsübersicht.

 Überschrift 1, 1.

 1. Des Volkes Sünde, 1, 1–2, 17.

 Israel ist das Volk der Wahl: an Edoms, des Brudervolks Geschick, möge das murrende Volk das erkennen (1, 2–5). Aber das Volk ehrt seinen Gott nicht. 1) Die Priester verachten Gott, indem sie ihm das opfern, was zu nichts mehr taugt. Wäre es nicht besser, den Tempel ganz zu schließen, als ihn durch solche Opfer zu entweihen? Des HErrn Name soll unter allen Völkern heilig werden, und jene entheiligen ihn durch verächtliche Worte von dem Opfer, durch Geizen bei dem Opfer (6–14). Weil nun die Priester Gott verachten, so will Gott ihnen den Fluch auf die Felder senden (2, 1–3a), ja die Gottesverachtung und das Geizen, womit sie die Opfer verunreinigen (der Mist ihrer Festopfertiere), wird der HErr ihnen mit ärgster Beschimpfung vergelten (3b), damit sie den Ernst des göttlichen Gebots merken (4). Gott schloß einst mit dem Stamm Levi einen besonderen Bund (5, vgl. Dt. 33, 8 ff.); Levi hielt ihn lange durch Gesetzeslehre und Ausübung des Rechtes (6–7). Dieses Priestergeschlecht aber hat den Bund Gottes mit Levi gebrochen, darum hat Gott auch sie der Verachtung des Volkes preisgegeben (8–9). Nun folgt die Gottesverachtung (2) des Volkes. Es ist lieblos gegen die Brüder (10), entweiht das Volk (Heiligtum des HErrn) durch Ehen mit Töchtern von Götzendienern – deren Nachkommen der HErr alle ausrotten wird (11–12), durch leichtfertige, treulose Scheidung von dem Weibe der Jugend, deren Thränen die Opfer des Mannes vor Gott unwert machen, ganz entgegen dem Vorbild Abrahams, und von Gott als Frevel angesehen, wenn gleich frevle Spötter sagen, Gott kümmere sich um dergleichen nicht (13–17).

 2. Der Ruf zur Bekehrung 2, 18–4, 6.

 Ein solches Volk nun hat nicht Ursache, die Zukunft Jehovas zu verlangen, denn ihm kommt er zum Gericht: er wird in diesem Volke die Guten und Bösen scheiden und die Bösen richten, damit aber nur die Erfüllung seiner unwandelbaren Verheißung vorbereiten (3, 1–6). Möge endlich das Volk sich bekehren (7), möge es dem HErrn redlich das Seinige (die Zehnten) geben, damit er seine Felder wieder segnen könne (8–12), möge es ablassen, den Dienst Gottes mit Murren zu verrichten, weil Gott ja doch keinen Unterschied zwischen Gerechten und Gottlosen (Israel und den Heiden [?]) mache: die Frommen würden es noch erleben am Tage des Gerichts, daß Gott solchen Unterschied mache, wenn er ihrer, der Frommen, dann schone (13–18). Ja, es kommt ein Tag, wo alle Gottesverächter und Übelthäter gänzlich ausgerottet werden (4, 1), den Fommen aber erscheint der HErr, der unsere Gerechtigkeit ist; er heilt sie von der Schwachheit, gibt ihnen Leben und volle Genüge, und ihre Feinde unter ihre Füße (2–3). Doch soll, ehe das große schreckliche Gericht anhebt, ein Elia (Johannes der Täufer, vgl. Matth. 17, 10–13; 11, 10–14) kommen, der versucht, das Volk zu bekehren und den Bann von ihm abzuwehren (4–6).





  1. Vgl. 1 Sam. 10, 5 ff., 19, 18 ff,. 2. Kön. 6, 1 f. mit 2, 3 ff. 4, 38 ff. - 1 Kön. 20, 35; 2 Kön 2, 3–15 u. a. – 1 Sam. 28, 14; 2 Kön 1, 8 vgl. Sach. 13, 4; Math. 3, 4; Hebr. 11, 37.
  2. Die Alten meinen, daß von v. 36 an den Antiochus zum Antichristus seinem Gegenbilde übergegangen werde. v. 45 erinnert an Ezech. 38.
  3. In welchem Sinne der Befehl Jehovas an Hosea zu fassen, ist streitig. Man faßt ihn entweder so, daß Hosea ihn wirklich ausführen mußte, oder so, daß er für ihn nur die Bedeutung einer Allegorie hatte. Der Wortlaut des ganzen Kapitels spricht für die erstere Fassung, und es wird v. Orelli (Die altt. Weissagung S. 257) beizustimmen sein, wenn er es für das wahrscheinlichste erklärt, Hosea habe das Unglück der Untreue seines Weibes wirklich erlebt und hinterher erkannt, daß er der Prophet und Vertreter Jehovas, nach Gottes Willen jene unglückliche Wahl treffen mußte, um durch sein häusliches Mißgeschick, das nur zu sehr des Volkes Aufmerksamkeit auf sich zog, diesem einen Spiegel vor die Augen halten zu können, indem es erkennen sollte, wie es zum HErrn und wie der HErr zu ihm stehe.
  4. Da sagt er: „dem Vorsänger auf meinem Saitenspiel“ und daraus schließt man, daß er amtlich – als Sänger – beim Tempeldienst beschäftigt war.
  5. Nach der Tradition hätte er geweissagt unter Darius Nothus, dem Sohne des Ahaschwerosch und der Esther; Darius hätte seiner Mutter Esther schon am Tage seines Regierungsantritts das Versprechen gegeben, Jerusalem wieder zu bauen. Vgl. die apokryph. Schrift III Esra 4. 43.
  6. Sach. c. 910 verhält sich zu c. 11 so, daß jener erste Abschnitt sagt, wie es Gott mit Israel von Anfang an gemeint, und zuletzt auch hinausführt, und der andere, wie Israel Gottes Ratschluß zu nichte und durch Verwerfung seines Heilandes neue Gerichte nötig macht und seine Heilszukunft selbst hinausschiebt. Die Erscheinung Jesu Christi und Israels Verhalten gegen ihn ist der Schlüssel zum Verständnis von Sacharja c. 9–11.
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Kurzgefaßte Einleitung in die heiligen Schriften (11. Auflage)
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