Die Verheerung Westindiens

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Bartolomé de Las Casas
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Verheerung Westindiens
Untertitel:
aus: Vorlage:none
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1790
Verlag: Christian Friedrich Himburg
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer: Dietrich Wilhelm Andreae
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: MDZ München = Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: [1]
Bild
Bartolomé de Las Casas-Die Verheerung Westindiens 1790.pdf
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[]
Die Verheerung Westindiens.


Beschrieben
vom
Bischof Bartolomäus de las Casas.


Aus dem Spanischen übersetzt
von
D. W. Andreä.


Berlin, 1790
bey Christian Friedrich Himburg.


[1] Indien ward im Jahr Ein tausend vierhundert und zwei und neunzig entdeckt. Im folgenden Jahre bauten sich bereits Spanische Christen darin an, so daß nunmehr seit neun und vierzig Jahren sich eine Menge Spanier daselbst befinden. Die Gegend wo sie zuerst sich niederließen, war die große herrliche Insel Hispaniola[1], die gegen sechshundert Meilen im Umkreis enthält. Rings um sie her liegen überall noch andere sehr große Inseln, die sämtlich – denn wir haben sie alle besehen – so bewohnt, so stark mit eingebohrnen Indianern [2] besetzt waren, als das volkreichste Land in der Welt.

Das feste Land welches dieser Insel am nächsten liegt, ist ungefähr zweihundert und funfzig Meilen von derselben entfernt, und erstreckt sich auf zehntausend Meilen längs der Seeküste hin. So viel hat man nur erst entdeckt; aber täglich entdeckt man desselben noch mehr. In denjenigen Gegenden, die bis zum Jahr ein tausend fünfhundert und ein und vierzig bekannt geworden sind, wimmelte es von lebendigen Geschöpfen, wie in einem Bienenstock. Es schien nicht anders, als habe Gott die ganze Masse, oder doch wenigstens den größten Theil des Menschengeschlechtes, in diesen Erdstrich verpflanzt.

Alle diese unzähligen Menschen von verschiedenem Schlage, schuf Gott einfältiglich, ohne Falsch und Arg. Sie waren sehr folgsam, äußerst treu, sowohl ihren ursprünglichen Herren, als den Christen welchen sie dienten; waren demüthig, geduldig, friedliebend und ruhig; kannten weder Streit, noch Zwietracht, noch Zank; wußten nicht einmal, daß Groll oder Haß oder Zwietracht oder Rachsucht in der Welt vorhanden [3] sey. Es sind Leute von schwächlicher zarter Leibesbeschaffenheit, sie können nicht viel Beschwerden ertragen, und sterben leicht an der geringsten Unpäßlichkeit. Fürstensöhne und Leute von Stande, die bey uns in Ueppigkeit und Wohlleben erzogen wurden, sind vielleicht nicht so schwächlich, wie diejenigen, die bei ihnen unter die Klasse der Tagelöhner gerechnet werden. Sie sind hiernächst sehr arme Leute, besitzen wenig von den Gütern der Erde und trachten auch nicht darnach; deswegen sind sie auch weder stolz, noch hoffärtig, noch habsüchtig. Ihre Nahrung ist von der Art, daß selbst die heiligen Väter in der Wüste nicht spärlicher, armseliger, kümmerlicher gelebt haben mögen. Ihre Kleidung ist gewöhnlich ein Stück Fell, womit sie die Schaam bedecken; wenn es hoch kommt, so tragen sie einen Mantel von baumwollen Zeug, der etwa anderthalb oder zwei Varas ins Gevierte enthält. Ihr Lager besteht aus einer Matte von Schilf; höchstens schlafen sie in Decken, die wie Netze aufgehangen, und von den Einwohnern der Insel Hispaniola Hamacas genannt werden. Sie sind von schnellem, unbefangenem, durchdringendem Fassungsvermögen; [4] gelehrig und empfänglich für gute Grundsätze; voll Fähigkeit unsern heiligen katholischen Glauben anzunehmen, und sich an gottseligen Wandel zu gewöhnen. In dieser Rücksicht findet man bey ihnen weit weniger Hindernisse als bey allen übrigen Sterblichen, die Gott auf diesem Erdball erschuf. Sobald sie nur das geringste von Glaubenssachen hören, sind sie äußerst begierig noch mehr zu lernen, bezeigen auch sehr viel Eifer im Gebrauch der Sacramente, wie in gottesdienstlichen Handlungen überhaupt. Ich kann mit Wahrheit sagen, daß Gott denjenigen Geistlichen, welche sie hierin befriedigen wollen, die Gabe der Geduld in vorzüglichem Maaße verleihen muß. Mit Einem Wort, ich habe es häufig mit angehört, daß weltliche Spanier sogar, die mehrere Jahre sich dort aufgehalten hatten, und die Gutmüthigkelt dieses Volkes nicht in Abrede stellen konnten, zu sagen pflegten: diese Leute wären die glücklichsten auf der Welt, wofern sie nur die wahre Erkenntniß Gottes besäßen.

Unter diese sanften Schafe, die ihr Schöpfer und Urheber mit oberwähnten Eigenschaften begabte, fuhren die Spanier, sobald sie nur ihr [5] Daseyn erfuhren, wie Wölfe, Tiger und Löwen, die mehrere Tage der Hunger quälte. Seit vierzig Jahren haben sie unter ihnen nichts anders gethan, und noch bis auf den heutigen Tag thun sie nichts anders, als daß sie dieselben zerfleischen, erwürgen, peinigen, martern, foltern, und sie durch tausenderley eben so neue als seltsame Quaalen, wovon man vorher nie etwas ähnliches sah, hörte oder las, und wovon ich weiter unten einige Beyspiele anführen werde, auf die grausamste Art aus der Welt vertilgen. Hierdurch brachten sie es dahin, daß gegenwärtig von mehr als drei Millionen Menschen, die ich ehedem auf der Insel Hispaniola mit eigenen Augen sah, nur noch zweihundert Eingebohrne vorhanden sind. Die Länge der Insel Cuba erstreckt sich beinahe soweit als der Weg von Valladolid nach Rom; heutiges Tages ist sie fast ganz von Menschen entblößt. Sanct Juan[2] und Jamaica sind zwei der größten, fruchtbarsten und anmuthigsten [6] Inseln; beide liegen jetzt öde und verheert. Auf der Nordseite von Cuba und Hispaniola liegen die benachbarten Lucayischen Eilande, sechzig an der Zahl[3], im gleichen die sogenannten Rieseninseln[4], nebst einer Menge anderer, theils großer theils kleiner Eilande. Das geringste derselben giebt dem Königlichen Garten zu Sevilla sowohl an Fruchtbarkeit als Anmuth nichts nach. Es ist der gesündeste Erdstrich unter der Sonne. Ehedem lebten über fünfmalhunderttausend Seelen daselbst; gegenwärtig ist dort kein menschliches Geschöpf mehr vorhanden. Man ermordete sie entweder verrätherischer Weise, oder schleppte sie nach der Insel Hispaniola, als man wahrnahm, daß sie fast ganz von Einwohnern entblößt war. Drei Jahre nach dieser großen [7] Menschenärndte segelte ein Schiff in der Absicht aus, die übriggebliebenen Stoppeln zu sammeln; denn ein guter Christ [5] faßte den frommen Entschluß, diejenigen Einwohner, die etwa noch vorhanden seyn möchten, zum christlichen Glauben zu bekehren. Da fanden sich denn nicht mehr als nur noch eilf Personen, die ich mit eigenen Augen sah. Aus gleichem Grunde sind mehr als dreißig Inseln, die in der Nachbarschaft von Sanct Juan liegen, entvölkert und öde. Zusammen betragen sie mehr als zweitausend Meilen Landes, worin man keine Spur mehr von Menschen erblickt.

Was das große feste Land anbetrift, so kann man als ausgemacht annehmen, daß unsere lieben Spanier durch ihre Grausamkeit und Schandthaten daselbst mehr als zehn Königreiche, [8] die gegenwärtig Einöden sind, ehedem aber stark bevölkert waren, verwüstet und verheert haben. Sie waren größer als ganz Spanien[6], selbst Arragonien und Portugall mit eingeschlossen, und enthielten zweimal so viel Landes, als der Weg von Sevilla nach Jerusalem beträgt, welches mehr als zweitausend Meilen sind.

Wir können hier als eine gewisse und wahrhafte Thatsache anführen, daß in obgedachten vierzig Jahren durch das erwähnte tyrannische und teuflische Verfahren der Christen, mehr als zwölf Millionen Männer, Weiber und Kinder auf die ruchloseste und grausamste Art zur Schlachtbank geführet wurden, und wir würden in der That nicht irren, wenn wir die Anzahl derselben auf funfzehn Millionen angäben.

Die sogenannten Christen, welche hier landeten, wählten zwei ganz untrügliche Mittel, diese [9] bejammernswürdigm Nationen auszurotten, und sie gänzlich von der Oberfläche der Erde zu vertilgen. Fürs erste bekriegten sie dieselben auf die ungerechteste, grausamste, blutgierigste Art; und zweitens brachten sie alle diejenigen ums Leben, von denen sie fürchteten, daß sie nach Freiheit seufzen, darnach schmachten, nur daran denken, oder den Martern, welche sie erdulden mußten, entspringen möchten. So verfuhren sie mit allen den Großen des Landes, und allen freigebohrnen Unterthanen; im Kriege aber lassen sie überhaupt nur Weiber und Kinder am Leben. Sie bürdeten denselben die härtesten, schwersten, drückendsten Lasten auf, die nicht einmal Vieh ertragen kann, geschweige denn Menschen. Unter diese zwei Hauptarten mehr als satanischer Tyranney, lassen sich alle übrige mannichfaltige und unzählbare Quaalen, gleichsam als untergeordnete Gattungen bringen, wodurch sie jene Völker zu vertilgen suchten.

Die einzige und wahre Grundursache, warum die Christen eine so ungeheure Menge schuldloser Menschen ermordeten und zu Grunde richteten, war bloß diese, daß sie ihr Gold in ihre Gewalt zu bekommen suchten. Sie wünschten [10] nehmlich, in wenigen Tagen sich mit ihren Schätzen zu bereichern, und sodann sich ungleich höher empor zu schwingen, als es ihr Stand und ihre Verhältnisse erlaubten. Es geschah, ich muß es nur sagen, weil sie einen so unersättlichen Geiz und Stolz besaßen, daß ihres gleichen in der ganzen Welt wohl schwerlich zu finden ist. Es geschah, weil sie in diesen reichen und fruchtbaren Ländern sich festzusetzen wünschten, und weil die Bewohner derselben so demüthig, so geduldig, so leicht zu unterjochen waren. In der That, sie achteten und schonten sie weit weniger – und ich sage die Wahrheit, denn ich habe es die ganze Zeit über mit angesehen – nicht etwa bloß wie ihr Vieh – wollte Gott, sie hätten sie nicht grausamer als ihr Vieh behandelt! – sondern sie achteten sie nicht höher, ja noch weit geringer, als den Koth auf den Straßen. So sorgten sie für die Erhaltung ihres Lebens und das Heil ihrer Seelen. Ich kann heilig betheuern, daß alle die Millionen Menschen, wovon ich weiter oben sprach, ohne Glauben und ohne Sacrament verschieden sind. Auch ist es eine notorische allgemein bekannte Wahrheit, die selbst jene Tyrannen und Menschenwürger [11] nicht läugnen können, daß nie ein Christ in ganz Indien von den Indianern beleidigt ward. Sie begegneten vielmehr den Spaniern so, als kämen sie vom Himmel, und thaten dies so lange, bis sowohl sie, als ihre Nachbaren, zuerst auf vielfältige Weise von ihnen gemißhandelt, beraubt, gemartert, und alle nur mögliche Gewaltthätigkeiten und Bedrückungen an ihnen verübt worden waren.


Hispaniola.

Die Insel Hispaniola war es, wo die Christen, wie ich bereits oben sagte, zuerst landeten. Hier ging das Metzeln und Würgen unter jenen unglücklichen Leuten an. Sie war die erste, welche verheert und entvölkert wurde. Die Christen fingen damit an, daß sie den Indianern ihre Weiber und Kinder entrissen, sich ihrer bedienten, und sie mißhandelten. Sodann fraßen sie alle ihre Lebensmittel auf, die sie mit viel Arbeit und Mühe sich angeschaft hatten. Was die Indianer ihnen gutwillig gaben, war ihnen keinesweges genug; jeder gab zwar nach Vermögen, dies bestand aber immer nur in wenigem; [12] denn sie pflegen niemals sich mehr anzuschaffen, als was sie unumgänglich nöthig haben, und ohne viele Arbeit erlangen können. Dasjenige was für drei Familien, jede zu zehn Personen gerechnet, auf einen ganzen Monat genügt, verzehrt und verschlingt ein Spanier oft in einem einzigen Tage. Da sie nun ausserdem noch mancherlei Grausamkeiten, Bedrückungen und Gewaltthätigkeiten gegen die Indianer verübten, so sahen diese nach und nach ein, dergleichen Menschen könnten unmöglich vom Himmel kommen. Einige verbargen demnach ihre Lebensmittel, andere ihre Weiber und Kinder, noch andere flüchteten sich in die Gebirge, und suchten sich von Menschen zu trennen, deren Umgang so gefährlich und unausstehlich war. Die Christen gaben ihnen Ohrfeigen, schlugen sie mit Fäusten und Stöcken, und vergriffen sich endlich sogar an den Oberherren der Ortschaften. Unter mehrern Beweisen ihrer gränzenlosen Schamlosigkeit und Verwegenheit führe ich nur diesen an, daß ein spanischer Befehlshaber die Gemahlin des größten Königes nothzüchtigte, der über die ganze Insel zu gebieten hatte.

[13] Nun fingen die Indianer an, auf Mittel zu denken, vermittelst deren sie die Christen aus ihrem Lande jagen könnten. Sie griffen demnach zu den Waffen, die aber sehr schwach sind, nur leicht beschädigen, wenig Widerstand leisten, noch weniger aber zur Vertheidigung dienen. Daher kommt es, daß ihre Kriege nur als Klopffechtereien und Kinderspiel zu betrachten sind. Die Spanier hingegen, welche zu Pferde und mit Schwertern und Lanzen bewaffnet waren, richteten ein greuliches Gemetzel und Blutbad unter ihnen an. Sie drangen unter das Volk, schonten weder Kind noch Greis, weder Schwangere noch Entbundene, rissen ihnen die Leiber auf, und hieben alles in Stücken, nicht anders, als überfielen sie eine Heerde Schaafe, die in den Hürden eingesperrt wäre. Sie wetteten mit einander, wer unter ihnen einen Menschen auf einen Schwertstreich mitten von einander hauen, ihm mit einer Pike den Kopf spalten, oder das Eingeweide aus dem Leibe reißen könne. Neugebohrne Geschöpfchen rissen sie bei den Füßen von den Brüsten ihrer Mütter, und schleuderten sie mit den Köpfen wider die Felsen. Andere schleppten sie bei den [14] Schultern durch die Straßen, lachten und scherzten dazu, warfen sie endlich ins Wasser und sagten: da zapple nun, du kleiner schurkischer Körper! Andere ließen Mutter und Kind zugleich über die Klinge springen, und stießen sie mit den Füßen vor sich hin. Sie machten auch breite Galgen, so, daß die Füße beinahe die Erde berührten, hingen zu Ehren und zur Verherrligung des Erlösers und der zwölf Apostel je dreizehn und dreizehn Indianer an jedem derselben, legten dann Holz und Feuer darunter, und verbrannten sie alle lebendig. Andern banden, oder wickelten sie dürres Stroh um den Körper, zündeten es an, und verbrannten sie. Andern, die sie bloß deswegen am Leben ließen, hieben sie beide Hände ab, banden sie ihnen an, jagten sie sodann fort, und sagten: gehet hin (wohl zu merken) mit diesem Sendschreiben, und bringt euern Landsleuten, die sich ins Gebirge geflüchtet haben, etwas Neues! Große und Edle brachten sie gewöhnlich folgendergestalt um: sie machten Roste von Stäben, die sie auf Gabeln legten, darauf banden sie die Unglücklichen fest, und machten ein gelindes Feuer darunter, bis sie nach und nach ein jämmerliches [15] Geschrei erhoben, und unter unsäglichen Schmerzen den Geist aufgaben.

Ich kam einmal dazu, als sie vier bis fünf der vornehmsten Indianer auf solchen Rosten verbrannten. Wo ich nicht irre, so nahm ich noch zwei oder drei dergleichen Roste wahr, worauf Leute geringern Standes lagen. Sie alle machten ein gräßliches Geschrei, das dem Befehlshaber lästig fiel, oder ihn vielleicht im Schlafe stöhrte. Er gab Befehl, man sollte sie erdrosseln; der Alguasil aber – ich weiß seinen Namen, und seine Verwandten zu Sevilla sind nur recht gut bekannt – war weit grausamer als der Henker, welcher sie verbrannte; er ließ sie nicht erdrosseln, sondern steckte ihnen mit eigener Hand Knebel in den Mund, damit sie nicht schreien konnten, und schürte das Feuer zusammen, damit er sie so gemach braten konnte, wie er es wünschte. Alle diese bisher beschriebenen Greuel, und noch unzählige andere, habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen.

Da nun alles, was fliehen konnte, sich in den Gebirgen versteckte, und auf die steilsten Felsen klimmte, um diesen grausamen, gefühllosen, den Raubthieren ähnlichen Menschen zu [16] entrinnen; so richteten diese Würger, diese Todfeinde des Menschengeschlechtes, ihre grimmigen Jagdhunde dergestalt ab, daß sie jeden Indianer, den sie nur ansichtig wurden, in kürzerer Zeit, als zu einem Vater Unser erforderlich ist, in Stücken zerrissen; die von größerm Schlage fingen die Indianer wie wilde Schweine, und fraßen sie auf. Ueberhaupt richteten diese Hunde ein greuliches Blutbad unter ihnen an. Da nun die Indianer, welches jedoch nur ein paarmal geschah, einige Christen in gerechtem und heiligen Eifer erschlugen; so machten diese das Gesetz unter sich, daß allemal hundert Indianer umgebracht werden sollten, so oft ein Christ von ihnen getödtet würde.


Königreiche, die sich ehedem auf der Insel Hispaniola befanden
.

Auf dieser Insel Hispaniola gab es fünf verschiedene große Königreiche, und fünf sehr mächtige Könige, denen alle übrige Herrscher, deren es eine große Anzahl gab, so zu sagen gehorchten; doch hatten verschiedene Provinzen ihre eigenen Regenten, die keinen Oberherrn anerkannten. [17] Eines dieser Königreiche ward Magua genannt; sie sprachen die letzte Silbe dieses Wortes kurz aus, und es bedeutet in ihrer Sprache so viel, als das Reich auf der Ebene. Diese Ebene ist einer der bewundernswürdigsten Gegenstände auf der ganzen Welt; denn sie erstreckt sich auf achtzig Meilen vom südlichen Meer (Mare del Sur) bis an das nördliche (Mare del Norte). Ihre Breite beträgt bisweilen fünf, mitunter aber auch wohl acht bis zehn Meilen. Auf beiden Seiten ist sie von ausserordentlich hohen Bergen umgeben. Es durchströmen sie mehr als dreißigtausend Bäche und Flüsse, deren zwölf so groß wie der Ebro, Douro und Quadalquivir sind. Alle diejenigen Ströme, welche von einem gegen Westen liegenden Gebirge kommen, und deren wohl zwanzig,- bis fünf und zwanzigtausend seyn mögen, führen sehr viel Gold. Auf diesem nehmlichen Gebirge ist die Provinz Cibao befindlich, von welcher die Minen den Namen führen, worin jenes vorzüglich reichhaltige Gold bricht, das seines Werthes wegen in so großem Rufe steht.

Der König und Beherrscher dieses Reichs nannte sich Guarionex. Er hatte so große [18] und mächtige Herren zu Vasallen, daß einer von ihnen allein im Stande war, sechszehntausend streitbare Männer zu seinen Diensten zu stellen. Ich selbst habe einige dieser Vasallen gekannt. Dieser König Guarionex war sehr folgsam, tugendhaft, von Natur friedliebend, und den Königen von Castilien ganz ergeben. Verschiedene Jahre lang gab jeder seiner Unterthanen, der seine eigene Haushaltung hatte, auf seinen Befehl so viel Goldes, als das Innere einer kleinen Glocke fassen konnte. Als sie in der Folge nicht mehr so viel zusammen, bringen konnten, hieb man dieselbe mitten durch, und nun füllten sie diese Hälfte voll; denn die Indianer dieser Insel gaben sich wenig oder gar keine Mühe Gold zu sammeln, oder es aus den Minen zu gewinnen. Dieser Cazique wünschte und erbot sich, dem Könige von Castilien einen Dienst zu leisten, und ihm einen Strich Landes urbar zu machen, der sich von Ysabella, der ersten christlichen Colonie, bis nach der Stadt Sanct Domingo erstrecken solle; und dies betrug über funfzig Meilweges. Nur, sagte er, möchte man kein Gold mehr von ihm begehren, weil seine Unterthanen nicht wüßten [19] – und es war die Wahrheit – wie sie solches gewinnen sollten. Der Strich Landes, welchen er, seinem Verlangen gemäß, mit Freuden angebaut hätte, würde dem Könige das Jahr mehr als drei Millionen Castilianer[7] eingetragen haben. Ueberdies hätte jene Pflanzung Anlaß geben können, daß gegenwärtig über funfzig Städte, jede so groß wie Sevilla, auf dieser Insel wären.

Der Lohn, welchen man diesem so mächtigen und guten Herrn und Könige gab, war der, daß ihn ein unchristlicher Befehlshaber entehrte, und seine Gemahlin nothzüchtigte. Er konnte auf einen bequemen Zeitpunkt warten, seine Unterthanen aufbieten und sich rächen. Statt dessen aber beschloß er, sich zu entfernen, sich ganz allein zu verbergen, seinem Königreiche, seiner Würde zu entsagen, und sein Leben in einer gewissen Provinz zu beschließen, die Ciguayos hieß, und von einem seiner Vasallen beherrschet [20] ward. Hierüber entstand ein schreckliches Blutvergießen, bis die Spanier ihn endlich ausspäheten, fanden, in Verhaft nahmen, ihn als einen Gefangenen in Ketten und Banden warfen, auf ein Schiff brachten, und nach Spanien schleppen wollten. Dies Schiff aber verunglückte auf dem Meere, wobei nicht allein sehr viel Christen ertranken, sondern auch unter andern, nebst einer großen Menge Goldes, die ungeheure gediegene Goldstufe mit unter ging, die so groß wie ein Aschkuchen war, und dreitausend sechshundert Castilianer wog; denn Gott konnte alle diese Abscheulichkeiten unmöglich unvergolten lassen.

Das zweite Königreich ward Marien genannt. Daselbst ist noch jetzt ein Königlicher Hafen in der Spitze der Ebene gegen Norden. Es war weit größer als das Königreich Portugall, auch ungleich fruchtbarer, und würdig von Menschen bewohnt zu seyn. Es hat viele und große Gebirge, auch sehr ergiebige Gold- und Kupferminen. Der König desselben nannte sich Guacanagari; die letzte Silbe wird kurz ausgesprochen. Unter ihm standen sehr viele und mächtige Herren, deren ich mehrere sah und persönlich kannte. An der Küste dieses Königreichs [21] war es, wo der alte Admiral, welcher Indien entdeckte, zuerst landete. Kaum trat er hier zum erstenmal ans Ufer, als er nebst allen seinen Gefährten von besagtem Guacanagari mit der größten Leutseligkeit und Liebe empfangen ward. Er sorgte auf eine so gefällige liebreiche Art für ihre Unterstützung, ihr Fortkommen – denn sie verloren dort das Schiff, worin der Admiral ausgelaufen war – daß sie selbst in ihrem Vaterlande und von ihren eigenen Eltern keine bessere Behandlung erwarten konnten. Dies alles habe ich wörtlich vom alten Admiral selbst vernommen. Als nachher die Christen die Staaten dieses Königs verheerten und ihn derselben beraubten, suchte er ihrem mörderischen grausamen Verfahren zu entfliehen, verirrte sich aber im Gebirge, und kam darüber ums Leben. Alle übrigen Großen, die unter seinen Befehlen standen, wurden durch Tyranney und Sklavenarbeit getödtet, wie weiter unten erzählt werden soll.

Das dritte Königreich und Gebiet war Maguana; ein herrliches, gesundes und fruchtbares Land, wo noch heutiges Tages der beste Zucker verfertigt wird, der auf der ganzen Insel zu haben ist. Der König desselben ward [22] Coanabo genannt. Er that es allen andern an Macht, Würde und Ansehen zuvor, und ließ sich auch mit ungleich größerm Pomp bedienen. Dieser König ward zu einer Zelt, wo er sich in seiner Wohnung ganz sicher glaubte, auf eine eben so boshafte als listige Weise zum Gefangenen gemacht. Man brachte ihn sodann auf ein Schiff, und wollte ihn nach Castilien schleppen. Im Hafen lagen damals sechs Schiffe, sämmtlich zur Abfahrt bereit. Allein Gott wollte den Menschen zeigen, daß jenes wie diese voll abscheulicher Sünden und Missethaten seyn. Er schickte noch in der nehmlichen Nacht einen Sturm, der diese Schiffe sammt und sonders nebst allen darauf befindlichen Christen versenkte. Erwähnter Coanabo, der in Ketten und Banden lag, ging zugleich mit zu Grunde. Dieser Herr hatte drei oder vier Brüder; alle so muthig und tapfer wie er. Als diese sahen, daß man ihren Bruder und Herrn auf eine so ungerechte Weise zum Gefangenen machte; als sie die Greuel und Schandthaten vernahmen, welche die Christen in andern Königreichen verübten; als sie noch überdies den Tod ihres Bruders erfuhren: so griffen sie im Grimm zu den Waffen, fielen [23] die Christen an, und suchten sich an ihnen zu rächen. Die Christen zogen ihnen hierauf sämtlich zu Pferde entgegen – denn diese verderbliche Art zu streiten, fürchten die Indianer am meisten – und richteten ein solches Würgen und Blutvergießen unter ihnen an, daß dadurch die Hälfte des ganzen Reichs entvölkert und verwüstet ward.

Das vierte Reich ist dasjenige, welches den Namen Xiragua führt. Es war so zu sagen das Mark, die Kraft, oder vielmehr das allgemeine Hoflager der Insel. Es übertraf alle andere in Ansehung der Sprache, die hier am reinsten geredet ward; in Ansehung der Höflichkeit und des sittlichen Betragens, welches in der besten Ordnung und Verfassung war; in der Menge großmüthiger und edler Thaten, denn der größte Theil des Adels und der Vornehmsten hielt sich dort auf; und endlich waren seine Bewohner die schönsten und ansehnlichsten unter der ganzen Nation. Der König und Beherrscher desselben hieß Behechio, und hatte eine Schwester, die sich Anacoana nannte. Diese beiden Geschwister leisteten den Königen von Castillen die wichtigsten Dienste, und erzeigten [24] den Christen ganz ausserordentliche Wohlthaten, indem sie dieselben vielfältig aus Todesgefahr retteten. Nach Absterben des Königs Behechio, führte Sennora Anacoana die Regierung des Reichs. Einst kam der Gouverneur der Insel mit sechszig Mann zu Pferde und dreihundert Fußknechten zu ihr. Die zu Pferde wären allein schon zureichend gewesen, die ganze Insel nebst dem festen Lande zu verwüsten. Er berief dreihundert der vornehmsten Herren, und versprach ihnen sicheres Geleit. Die meisten derselben lockte er hinterlistiger Weise in ein Haus von Stroh. Als sie darin waren, befahl er es anzuzünden, und ließ sie alle lebendig verbrennen. Alle übrigen, nebst ihrem Gefolge, stießen die Christen mit Lanzen darnieder, oder ließen sie über die Klinge springen; die Sennora Anacoana aber hingen sie Respects wegen an den Galgen. Es begab sich, daß verschiedene Christen, entweder aus Mitleid, oder bloß aus Trieb den Beschützer zu spielen, einige Kinder nicht tödteten, sondern sie hinter sich auf die Pferde setzten. Da kamen andere Spanier von hintenzu, und durchbohrten sie mit ihren Lanzen, oder rissen sie auf die Erde, und hieben [25] ihnen die Beine mit Schwertern ab. Indessen gelang es einigen wenigen Indianern, diesen unmenschlichen Grausamkeiten zu entrinnen. Sie begaben sich auf eine kleine Insel, die ungefähr acht Meilen meerwärts von dannen liegt. Der besagte Gouverneur aber verdammte alle diejenigen, welche sich dahin geflüchtet hatten, zur Sklaverei, weil sie der Schlachtbank entronnen waren.

Das fünfte Königreich, welches Higuey hieß, ward von einer alten Königin regiert, die sich Higuanama nannte. Sie ward gefangen, und ich sah unzählige ihrer Unterthanen lebendig verbrennen, in Stücken hauen, durch neuerfundene Todesarten und Martern ums Leben bringen, die übrigen aber sämtlich zu Sklaven machen. Der Nebenumstände, welche sich bei den unter diesen Völkern verübten Mordthaten und Greueln ereigneten, sind so viele, daß die umständlichste Beschreibung sie nicht fassen würde. Ich glaube in Wahrheit, daß ich kaum den tausendsten Theil derselben anführen könnte, wenn ich auch noch so viel davon erzählte. Ich will also nichts weiter von oberwähnten Kriegen sagen, sondern nur schließlich noch die Versicherung [26] beifügen, daß ich vor Gott und meinem Gewissen überzeugt bin, daß die Indianer zu allen bereits angeführten und andern weiter unten anzuführenden Schandthaten und Ungerechtigkeiten eben so wenig Veranlassung gaben, oder Schuld daran waren, als ein Convent von frommen nach der Vorschrift lebenden Geistlichen Schuld daran war, oder Veranlassung dazu gab, daß sie beraubt, erwürgt, oder diejenigen, so mit dem Leben davon kamen, zu ewiger Leibeigenschaft und Sklavendiensten verurtheilt wurden. Ich betheure ferner, daß ich weder glauben noch vermuthen kann, daß von all den unzählbaren Menschen, die diese Insel bewohnten, bis zu dem Zeitpunct, wo sie hingerichtet und ausgerottet wurden, auch nur eine einzige Todsünde, die von Menschen bestraft werden darf, gegen die Christen begangen wurde. Andere, deren Bestrafung Gott allein vorbehalten bleibt, als Rachgier, Haß oder Groll, wozu diese Leute gegen ihre Todfeinde, welches die Christen wirklich waren, gereizt werden konnten, fielen gewiß nur sehr wenigen Indianern ein; denn nach vielfältigen Erfahrungen, die ich über sie angestellt habe, waren sie eben so [27] wenig von heftigem oder ungestümen Character, als Kinder, oder Knaben von zehn bis zwölf Jahren. Ich weiß aus zuverlässigen untrüglichen Nachrichten, daß die Indianer jederzeit die gerechteste Ursache zum Kriege gegen die Christen hatten; die Christen hingegen hatten niemals auch nur die allergeringste zu den ihrigen gegen die Indianer. Es waren vielmehr lauter ungerechte satanische Kriege, die je der ärgste Tyrann geführt haben mag; und das Nehmliche behaupte ich von allen ihren Kriegen in ganz Indien.

Als nun die Kriege in Indien geendigt, alle erwachsene Mannspersonen umgebracht, und nur noch Jünglinge, Weiber und Kinder übrig gelassen waren; so fingen die Spanier an, dieselben unter sich zu vertheilen. Diesem gab man deren dreißig, jenem vierzig, einem andern hundert oder zweihundert, je nachdem er bei dem Obertyrannen, den man Gouverneur nannte, in Gnaden stand. Nachdem sie nun solchergestalt vertheilt worden waren, so übergab man jedem Christen sein Theil, unter dem Vorwande, sie in demjenigen zu unterrichten, was zum katholischen Glauben gehört, Sie, die fast [28] durchgehends unwissende, grausame, geizige, lasterhafte Menschen waren, sollten für das Seelenheil derselben sorgen! Diese Sorgfalt oder Seelensorge welche sie auf dieselben verwendeten, bestand darin, daß sie die Mannspersonen in die Bergwerke schickten, um Gold zu graben, welches eine fast unerträgliche Arbeit ist. Die Weibsleute aber schickten sie auf ihre sogenannten Stationen oder Meiereien, wo sie den Feldbau besorgen mußten; eine Arbeit, die nur für starke und rüstige Mannspersonen gehört. Diesen, wie jenen, gaben sie nichts anders zu essen, als Kräuter und dergleichen Sachen, die keine Kraft haben[8]. Säugenden Müttern vertrocknete [29] die Milch in den Brüsten, und in kurzer Zeit starben alle kleine Kinder dahin. Die Männer mußten ganz abgesondert leben, durften nicht den mindesten Umgang mit ihren Weibern haben; mithin hörte die Fortpflanzung gänzlich auf. Jene kamen vor Arbeit und Hunger in den Bergwerken um; und diese starben [30] auf die nehmliche Art in den Meiereien oder sogenannten Stationen. So ward die ganze zahlreiche Volksmenge auf dieser Insel vertilgt; und auf solche Weise hätte man die sämtlichen Bewohner der Erde ausrotten können. Sie bestimmten die Lasten, welche sie ihnen aufluden, [31] zu drei bis vier Arroben[9], und verschickten sie damit auf hundert auch wohl zweihundert Meilen. Diese nehmlichen Christen ließen sich in Hamacas tragen, die wie Netze aussahen, und die Indianer mußten sie fortschleppen. Denn sie pflegten sich ihrer gewöhnlich statt der Lastthiere zu bedienen. Immer hatten sie daher von den auferlegten Bürden so schwere Wunden auf den Achseln und Schultern, wie Zugvieh, das sich aufgerieben hat. Wollte ich hier noch der Peitschen, Stöcke, Ohrfeigen, Faustschläge, Flüche und anderer Mißhandlungen erwähnen, die ihnen bei der Arbeit zu Theil wurden, so würde ich in Wahrheit eben so viel Zeit als Papier nöthig haben, dennoch nicht alles beschreiben können, und nur die Menschheit schaudern machen.

Es ist bemerkungswerth, daß die Verwüstung dieser Inseln und Länder gerade zu der Zeit ihren Anfang nahm, als man daselbst den Tod der Durchlauchtigsten Königin Donna Isabella erfuhr; nehmlich im Jahr eintausend fünfhundert und vier. Bis dahin hatte man bloß [32] einige Provinzen auf, dieser Insel durch ungerechte Kriege verheert; ich rede hier aber vom Ganzen. Die meisten derselben, ja fast alle, wurden der Königin sorgfältig verhehlt. Denn diese Dame war sehr für das Beste der heiligen Kirche besorgt, und nahm sich der Wohlfahrt und des Seelenheils jener Völker eifrigst an. Wir könnten mehrere Beispiele hiervon anführen; denn vieles sahen wir mit eigenen Augen, und manches konnten wir mit Händen greifen[10].

Man kann noch überdies als Regel annehmen, daß die Christen in allen Gegenden Indiens, welche sie durchzogen, oder wo sie sich niederließen, allemal dergleichen vorbesagte Grausamkeiten, Mordthaten und tyrannische Gewaltthätigkeiten an den armen unschuldigen Indianern verübten, von Tage zu Tage noch mehrere, größere und ganz neue Martern ersannen, [33] und immer grausamer wurden. Denn Gott ließ es zu, daß sie täglich tiefer sanken, und gab sie in ihrem verstockten Sinn und verkehrtem Wesen dahin.


Sanct Juan und Jamaica.

Nach Sanct Juan und Jamaica – die beide einem Garten glichen, worin Bienen schwärmen – kamen die Spanier im Jahr eintausend fünfhundert und neun, und zwar in eben der Absicht und mit dem nemlichen Vorhaben, wie nach Hispaniola. Hier begingen sie alle oben erwähnten Sünden und Missethaten; hier übten sie die größten und unerhörtesten Grausamkeiten an den schuldlosen unglücklichen Indianern aus, ermordeten, verbrannten, brieten, hetzten sie mit grimmigen Hunden, bürdeten den übrigen die unerträglichsten Arbeiten, besonders in den Bergwerken, auf, und marterten und quälten sie so lange, bis sie samt und sonders vernichtet und ausgerottet waren. Vormals gab es in diesen beiden Inseln über sechsmalhunderttausend, wo nicht gar eine Million, Seelen. Heutiges Tages findet man in jeder [34] kaum noch zweihundert Personen. Die andern alle wurden ohne Glauben und Sacramente in die Ewigkeit geschickt.


Cuba.

Im Jahr eintausend fünfhundert und eilf kamen die Spanier auf die Insel Cuba[11], die, wie ich bereits sagte, so lang ist, als der Weg von Valladolid nach Rom, und eine Menge starkbevölkerter Provinzen hatte. Hier begannen und endigten sie nicht allein auf oben beschriebene Weise, sondern gingen sogar noch weit grausamer zu Werke. Hierbei ereignete sich unter andern folgender merkwürdige Fall:

Ein Cazique, der einer der vornehmsten im Lande war, und den Namen Hatuey führte, hatte sich nebst mehrern seiner Leute von der Insel Hispaniola nach Cuba in der Absicht geflüchtet, dem barbarischen und unmenschlichen [35] Verfahren der Christen zu entgehen. Als er sich auf dieser Insel befand, brachten verschiedene Indianer die Bothschaft, die Christen kämen dahin. Er versammelte hierauf alle seine Leute, oder doch die meisten derselben, und redete sie folgendergestalt an: Ihr wißt bereits, daß es heißt, die Christen kämen hieher. Ihr habt es erfahren, wie sie mit diesem und jenem von euern Herren und mit den Leuten auf Hayti (Hispaniola) umgegangen sind. Hier werden sie das Nemliche thun. Wißt ihr auch wohl warum sie es thun? – Sie sagten Nein! es müßte denn seyn, daß sie von Natur boshaft und grausam wären. – Sie thun es nicht bloß deswegen, sagt er, sondern sie haben einen Gott, welchen sie anbeten, und den auch wir mit aller Gewalt anbeten sollen; um deswillen peinigen, unterdrücken und tödten sie uns. Seht, sagt er – indem er auf ein Körbchen voll Gold und Edelgesteine wies, das neben ihm stand – dies ist der Christen Gott! Dünkt’s euch gut, so wollen wir ihm zu Ehren Areytos – eine Art von Balletten oder Tänzen – anstellen. Vielleicht ist er uns gnädig, und befiehlt den Christen, daß sie uns nichts zu leide [36] thun. Freudig schrieen sie alle: Recht gut! Recht gut! und sogleich tanzten sie vor ihm, bis sie sämmtlich müde waren. Nun sagte Hatuey: Seht, wenn wir ihn bey uns behalten, so nehmen sie ihn uns doch, wir mögen es machen wie wir wollen, und schlagen uns nachher todt. Werfen wir ihn lieber in jenen Fluß! Alle waren es zufrieden, daß er hineingeworfen würde; und sie warfen ihn auch wirklich in einen dort befindlichen großen Strom.

Als die Christen auf der Insel Cuba landeten, floh dieser Cazique sie überall, als einer, der sie kannte, und wehrte sich, wenn sie ihm etwa zu nahe kamen; endlich aber ward er gefangen. Weil er nun vor diesen grausamen und ruchlosen Menschen floh, und sich gegen diejenigen wehrte, die ihn ums Leben zu bringen oder ihn wenigstens nebst allen seinen Leuten und Blutsfreunden bis auf den Tod zu peinigen suchten; so beschlossen sie, ihn lebendig zu verbrennen. Als er bereits an den Pfahl gebunden war, sagte ihm ein Geistlicher vom Orden des heiligen Franciscus, ein gottseliger Mann, der sich dort aufhielt, verschiedenes von Gott und unserm Glauben, wovon der Cazique noch nie [37] das Geringste gehört hatte. Der Geistliche suchte sich die wenige Zeit, welche ihm die Henkersknechte verstatteten, so gut als möglich zu Nutze zu machen, und versicherte ihn endlich, wenn er dasjenige, was er ihm da sage, glauben wolle, so werde er in den Himmel kommen, und ewige Freude und Ruhe daselbst genießen; widrigenfalls aber werde er in der Hölle ewige Quaal und Pein leiden müssen. Der Cazique dachte hierüber ein wenig nach, und fragte sodann den Geistlichen, ob denn auch Christen in den Himmel kämen. Allerdings, sagte der Geistliche, kommen alle gute Christen hinein! Sogleich, und ohne weiteres Bedenken, erwiderte der Cazique, dort wolle er nicht hin, sondern lieber in die Hölle, damit er nur dergleichen grausame Leute nicht mehr sehen, noch da sich aufhalten dürfe, wo sie zugegen wären. So beförderten die Spanier, welche sich nach Indien begaben, die Ehre Gottes und unserer Religion!

Einst, als wir uns wohl noch zehn Meilweges von einem großen Flecken befanden, kamen uns die Indianer zum Empfang entgegen, und brachten uns Lebensmittel und andere Geschenke. Ihre Abgeordneten hatten eine große Menge [38] Fische, Brod und andere Speisen bei sich, und gaben uns von allem, so viel sie nur konnten. Aber plötzlich fuhr der Teufel in die Christen, so, daß sie in meinem Beiseyn, ohne die mindeste Veranlassung oder Ursache, mehr als dreitausend Menschen, Männer, Weiber und Kinder darnieder hieben, die rings um uns her auf der Erde saßen. Hier nahm ich so unbeschreibliche Grausamkeiten wahr, daß andere Sterbliche dergleichen wohl schwerlich gesehen haben, oder sie für möglich halten möchten.

Wenige Tage nachher schickte ich Bothen an alle Großen der Provinz Havanna; denn ich stand bei ihnen in gutem Ruf, und ließ ihnen sagen, sie sollten sich weder fürchten noch flüchten, sondern sich vielmehr aufmachen uns zu bewillkommen; es werde keinem von ihnen das mindeste Leid widerfahren. Ich that dies mit ausdrücklicher Bewilligung des Befehlshabers: denn die begangenen Mordthaten hatten das ganze Land in Furcht und Schrecken gesetzt. Als wir nun in die Provinz kamen, wurden wir unterwegs von ein und zwanzig Caziquen und andern Großen empfangen, die der Befehlshaber sogleich in Verhaft nehmen ließ, ohne [39] sich an das sichre Geleite zu kehren, das ich ihnen versprochen hatte. Tages darauf wollte man sie sämtlich verbrennen; man gab sogar vor, dies sey recht wohl gethan, denn sonach bliebe diesen Herren keine Zeit übrig, uns zu schaden. Es kostete mir sehr viel Mühe, sie vom Scheiterhaufen zu retten, und es so weit zu bringen, daß sie entwischten.

Nachdem nun die Spanier die meisten Eingebohrnen dieser Insel unterjocht oder umgebracht hatten, die übrigen aber sahen, daß sie ohne Rettung verloren seyn und umkommen müßten; so flüchteten sich einige ins Gebirge, andere hängten sich aus Verzweiflung auf. Männer und Weiber nebst ihren Kindern thaten eben das. Unter andern knüpften sich mehr als zweihundert Indianer auf, um nur den Grausamkeiten eines einzigen – mir wohlbekannten – Spaniers zu entgehen, welcher der ärgste unter allen übrigen Barbaren war.

Es befand sich ein Königlicher Beamter auf dieser Insel, der bei der Vertheilung dreihundert Indianer bekam. In Zeit von drei Monaten hatte er deren zweihundert und siebenzig durch Arbeit in den Bergwerken todtgemartert, [40] so, daß ihm deren nur noch dreißig, oder ein Zehntel derselben übrig waren. Man gab ihm deren wieder so viel, wo nicht noch mehr, und er brachte sie abermals um. Er bekam zum drittenmale so viel, und machte es wieder so, bis endlich der Teufel seine Seele holte.

Während meines Aufenthaltes starben binnen drei oder vier Monaten siebentausend Kinder vor Hunger, weil ihre Väter und Mütter in die Bergwerke geschickt wurden. Auch sah ich noch andere schreckliche Dinge.

Man beschloß nachher, Jagd auf die Indianer zu machen, die sich im Gebirge befanden, und ging entsetzlich mit ihnen um. Kurz, die Spanier entvölkerten und verheerten diese ganze Insel, so, daß wir noch vor weniger Zeit mit viel Betrübniß und Leidwesen wahrnahmen, daß sie durchgehends zur Wüste und Einöde gemacht worden sey.


Terra firma.

Im Jahr eintausend fünfhundert und vierzehn kam ein verruchter Gouverneur hieher; ein greulicher Tyrann, ohne Klugheit, ohne Menschengefühl; [41] ein Werkzeug der göttlichen Rache. Er schien fest entschlossen zu seyn, dieses Land mit recht vielen Spaniern zu besetzen. Es hatten zwar bereits verschiedene Wütriche auf Terra firma gelandet, hatten viele Leute beraubt, ermordet und unsägliches Aergerniß gegeben; sie hielten sich jedoch nur an der Seeküste auf, und raubten und stahlen dort, so gut sie konnten. Dieser that es aber allen andern, die nicht allein hier, sondern auf allen übrigen Inseln, ans Land gestiegen waren, zuvor. Seine ruchlosen Thaten übertrafen alle diejenigen, die vor ihm verübt worden waren. Er verheerte nicht nur die Seeküste, sondern entvölkerte ganze Länder und Reiche, ermordete ihre zahlreichen Bewohner und schickte sie der Hölle zu. Seine Verheerungen erstreckten sich auf viele Meilen, nemlich diesseits von Darien an, bis jenseits des Königreichs Nicaragua. Dies beträgt über fünft hundert Meilen, und ist meines Erachtens die beste, fruchtbarste und volkreichste Gegend auf der ganzen Erde. Es gab daselbst viele große und mächtige Herren, eine Menge unglaublich stark bevölkerter Ortschaften, und einen so großen Schatz an Gold, daß man dergleichen bis dahin [42] auf der ganzen Welt noch nirgends gesehen hatte. Denn ob man gleich beinahe ganz Spanien mit Golde, und zwar sehr feinem Golde, angefüllt hatte, das aus der Insel Hispaniola geholt ward; so mußte doch dieses erst in den Bergwerken von den Indianern dem Eingeweide der Erde entrissen werden, von welcher Arbeit sie, wie gesagt, starben.

Dieser Gouverneur erfand nebst seinen Leuten ganz neue und unerhörte Quaalen für die armen Indianer, damit sie ihr Gold entdeckten und ihnen es überlieferten. Einer seiner Offiziere, der Befehl von ihm hatte, die Leute zu berauben und auszurotten, brachte auf einem einzigen seiner Züge vierzigtausend Menschen ums Leben. Ein Mönch, vom Orden des heiligen Franziscus, der ihn auf diesem Marsch begleitete, und sich Fra Franzisco de Sant Roman nannte, hat dieses mit eigenen Augen gesehen. Man ließ sie über die Klinge springen, verbrannte sie lebendig, hetzte sie mit blutgierigen Hunden, oder marterte sie auf andere Art zu Tode.

Zufolge einer höchst gefährlichen Verblendung, womit alle diejenigen behaftet waren, die [43] bis auf den heutigen Tag in Indien regierten, wurde in dem Bekehrungswerke und in Rücksicht der Seligmachung jener Völker, ganz verkehrt zu Werke gegangen. Man kann mit Wahrheit sagen, daß sie dieselbe in Werk und That gänzlich hintenan setzten, wiewohl sie beständig viel Redens davon machten, um andere Dinge damit zu bemänteln und zu beschönigen. Zu dieser Profundität im Denken, Handeln und Verordnen, kam noch dies, daß sie den Indianern Befehle zuschickten, sie sollten sich zum christlichen Glauben bekehren, und den Königen von Castilien unterwerfen, sonst werde man sie mit Feuer und Schwert heimsuchen, erwürgen, zu Sklaven machen, u. s. w. Nicht anders, als wenn der Sohn Gottes, der für jeden von ihnen insbesondere starb, in seinem Gebote: „gehet hin und lehret alle Heiden,“ ausdrücklich verordnet hätte, Ungläubigen, die friedlich und ruhig in ihrem eigenen Lande lebten, dergleichen Befehle zu ertheilen, damit sie sogleich und ohne allen vorgängigen Unterricht, eine fremde Lehre annehmen, und sich der Herrschaft eines Königs unterwerfen sollten, von welchem sie nicht allein noch nie etwas sahen und hörten, sondern der [44] noch überdies so grausame, gefühllose, greuliche Wütriche zu Dienern und Bothschaftern hatte; widrigenfalls aber sie mit dem Verlust ihrer Habe, ihrer Länder, ihrer Freiheit, ihrer Weiber und Kinder, ja sogar ihres Lebens zu bedrohen. Ein Verfahren von dieser Art, verdiente allen nur möglichen Spott, Verachtung und Höllenstrafe.

Sobald jener unselige verruchte Gouverneur die Verfügung getroffen hatte, daß dergleichen Befehle ausgefertigt wurden; so suchte er denselben, da sie an und für sich abgeschmackt, unvernünftig und ungerecht waren, wenigstens einigen Schein Rechtens zu verschaffen. Er befahl demnach, oder die Mörder, welche er aussandte, trafen von selbst die Verfügung, daß die Ortschaften, worin man Gold gewahr worden war, und welche sie berauben und plündern wollten, nicht eher überfallen werden durften, bis sich die Indianer in ihren Wohnungen ganz sicher glaubten. Dann näherten sich diese unmenschlichen spanischen Räuber einem solchen Orte bei Nachtzeit bis etwa auf eine halbe Meile, verkündigten oder verlasen jene Befehle noch in der nemlichen Nacht unter sich selbst, und riefen sodann: ihr Caziquen und Indianer dieses auf [45] Terra firma befindlichen Ortes! Wir thun euch hiermit zu wissen, daß es nur Einen Gott, Einen Pabst und Einen König von Castilien giebt, welcher Herr von diesem Lande ist! Kommt augenblicklich herbei, unterwerft euch ihm u. s. w. wo nicht, so wisset, daß wir euch bekriegen, todtschlagen, gefangen nehmen werden u. s. w. Gegen vier Uhr des Morgens, wenn diese Unschuldigen nebst ihren Weibern und Kindern noch schliefen, stürmten sie in den Ort; warfen Feuer in die Häuser, die gewöhnlich nur von Stroh waren; verbrannten Weiber und Kinder lebendig, so, daß viele kaum wußten wie ihnen geschah, schlugen todt was sie wollten, und thaten denjenigen, welche sie leben ließen, alle nur erdenkliche Martern an, damit sie entweder noch mehr Gold, als sie daselbst fanden, herbeischaffen, oder andere Ortschaften angeben sollten, wo dergleichen zu finden sey; brandmarkten die, welche sie übrig ließen, als Sklaven, und suchten sodann, wenn das Feuer getilgt oder erloschen war, das Gold zusammen, welches sich in den Häusern befunden hatte. Auf diese Art, und mit solchen Thaten beschäftigte sich dieser verruchte Mensch, nebst allen den Unchristen, [46] die er mit dorthin brachte, vom Jahr eintausend fünfhundert und vierzehn, bis zum Jahr eintausend fünfhundert ein und zwanzig oder zwei und zwanzig. Auf dergleichen Zügen schickte er immer fünf oder sechs seiner Bedienten mit aus, damit er – ausser demjenigen, was er ohnehin als oberster Befehlshaber bekam – noch eben so vielfachen Antheil an dem Golde, den Perlen und Edelsteinen, welche sie raubten, wie auch an denjenigen hätte, welche sie zu Leibeigenen machten. Das Nemliche thaten alle Beamten des Königs; jeder von ihnen schickte so viele Knechte oder Bedienten mit aus, als er nur konnte; selbst der vornehmste Bischof des Reichs sendete seine Diener in der Absicht mit, seinen Theil von der gemachten Beute in Empfang nehmen zu lassen. In diesem einzigen Reiche wurde während jenes Zeitraums – in so fern ich solches überschlagen kann – für mehr als eine Million Castilianer Goldes geraubt; ja ich glaube, daß ich noch zu wenig angebe. Gleichwohl findet sich, daß der König von allem diesem zusammengeraubten Gute mehr nicht als nur dreitausend Castilianer bekam; und dennoch wurden deswegen mehr als achtmal hundert tausend [47] Menschen erwürgt. Die andern tyrannischen Gouverneurs, welche auf diesen folgten, und bis zum Jahr eintausend fünfhundert drei und dreißig regierten, brachten die noch übrigen Einwohner entweder ums Leben, oder ließen sie in der Sklaverey verschmachten, die jederzeit auf dergleichen Kriege folgte.

Unter die unzähligen Verbrechen, welche dieser Mensch während seiner Regierung beging, gehört folgendes: Ein Cazique, oder vornehmer Herr, hatte den Spaniern entweder aus freiem Willen, oder – welches wahrscheinlicher ist – aus Furcht, neuntausend Castilianer gegeben. Nicht zufrieden damit, zogen sie diesen Herrn gefänglich ein, zwangen ihn, sich mit ausgestreckten Füßen auf die Erde zu setzen, banden sie an einen Pfahl und hielten Feuer daran, damit er noch mehr Goldes gäbe. Er schickte nach seiner Wohnung, und ließ noch für dreitausend Castilianer an Werth holen. Dennoch marterten sie ihn aufs neue; und da er nicht noch mehr Goldes gab, weil er es entweder nicht hatte, oder nicht herbeischaffen wollte, fuhren sie so lange fort, ihn auf diese Art zu mißhandeln, bis ihm endlich das Mark durch die [48] Fußsohlen drang, und so starb er. Von gleicher Art waren unzähliche andere Martern, wodurch man vornehme Herren in der Absicht todt quälte, Gold von ihnen zu erpressen.

Als einst ein gewisser spanischer Befehlshaber auf Raub auszog, kam er an einen Berg, wo eine beträchtliche Anzahl Menschen Zuflucht gesucht, und sich vor dem ruchlosen scheußlichen Verfahren der Christen verborgen hatte. Sogleich fielen diese über jene her, erschlugen deren soviel sie konnten, und schleppten siebenzig bis achtzig Mädchen und Weiber mit fort. Des andern Tages vereinten sich die Indianer in Menge, und zogen den Christen in der Absicht nach, für ihre Weiber und Töchter zu streiten. Als sich nun die Christen in die Enge getrieben sahen, wollten sie ihren Raub nicht fahren lassen, sondern jagten den Mädchen und Weibern ihre Degen durch den Leib, und ließen von allen diesen achtzig auch nicht Eine lebendig. Die Indianer, welche vor Schmerz sich das Eingeweide hätten ausreissen mögen, thaten erbärmlich und schrieen: o ihr bösen Menschen! Ihr grausamen Christen! Yras sogar bringt ihr um? – Yra heißt nemlich in der Sprache dieses Landes ein Weib. – [49] Sie wollten hiermit so viel sagen: Weiber morden sey eine Greuelthat, die nur von den hartherzigsten, verruchtesten Unmenschen verübt werden könne.

Zehn bis funfzehn Meilen von Panama lebte ein vornehmer Herr, der sich Paris nannte, und sehr viel Gold besaß. Die Christen begaben sich zu ihm; er empfing sie wie seine leiblichen Brüder, und überreichte ihrem Anführer von freien Stücken für funfzig tausend Castlilaner an Werth. Als der Befehlshaber und die übrigen Christen wahrnahmen, daß er ihnen eine so große Menge Goldes gutwillig gab, so kamen sie auf den Gedanken, er müsse einen sehr großen Schatz besitzen; und hierauf war bei allen Unternehmungen ihr Heil und ihr Trost gegründet. Sie verstellten sich demnach, und thaten als wenn sie wieder abreisen wollten; des andern Morgens aber gegen vier Uhr kamen sie zurück, überfielen die sichern Einwohner des Ortes, zündeten ihn an, erschlugen und verbrannten eine Menge Menschen, und raubten noch über funfzig- bis sechzigtausend Castilianer an Werth. Der Cazique aber machte sich davon, daß sie ihn weder tödteten noch gefangen [50] nehmen konnten. Nachdem er in Eil so viel Volk, als er nur aufbringen konnte, zusammengerafft hatte, holte er die Christen, welche seine hundert und dreißig- bis vierzigtausend Castilianer noch bei sich hatten, am zweiten oder dritten Tage ein, griff sie muthig an, erschlug ihrer gegen funfzig, nahm ihnen all sein Gold wieder ab, und jagte die übrigen, welche Schläge genug davon trugen, in die Flucht. Bald hierauf fielen sehr viele Christen gemeinschaftlich über erwähnten Caziquen her, ermordeten nicht allein ihn, sondern zugleich eine Menge seiner Unterthanen, machten die andern zu Sklaven, und brachten sie wie gewöhnlich um. Solchergestalt ist heutiges Tages in diesem ganzen Bezirke, der über dreißig Meilen beträgt, und ehedem voll angesehener Leute war, keine Spur, kein Zeichen von Wohnung oder Eingebohrnen mehr übrig, die ich allenfalls hätte entdecken können. Ueberhaupt sind die Greuel und Mordthaten nicht zu zählen, die jener Elende nebst seinen Helfershelfern in diesen von ihm entvölkerten Reichen verübte.


[51]
Nicaragua.

Im Jahr eintausend fünfhundert zwei und zwanzig oder drei und zwanzig machte dieser Wüthrich sich auf, die herrliche Provinz Nicaragua unter seine Bothmäßigkelt zu bringen, und er kam auch wirklich zur unglücklichen Stunde dort an. Wer ist wohl im Stande, die Fruchtbarkeit, das gesunde Clima, die Anmuth, den Wohlstand und die ausserordentliche Bevölkerung derselben genugsam zu rühmen? Man mußte in Wahrheit erstaunen, wenn man die Menge von Ortschaften bemerkte, womit sie besetzt war, die sich auf drei bis vier Meilen zu erstrecken schienen, und insgesamt voll herrlicher Früchte stand; woher es denn auch kam, daß man ihre Bewohner fast nicht zählen konnte. Dies Land war eben und flach, mithin, konnten die Einwohner sich nicht in die Gebirge flüchten; es war auch so reizend, daß es ihnen viel Kampf und Ueberwindung kostete, sich daraus zu entfernen. Daher kam es, daß sie die größten Verfolgungen ertrugen und noch ertragen. Wenn es nur irgend möglich war, so hielten sie die Tyranney und Knechtschaft der [52] Christen geduldig aus; denn sie sind von Natur ein sanftes friedliches Volk. Erwähnter Wüthrich verübte demnach unter diesen Leuten, nebst andern Barbaren, die er bei sich hatte, und welches lauter solche waren, die ihm bereits ein ganzes Reich verwüsten halfen, solche Verheerungen, Mordthaten, Grausamkeiten, Plackereien und Ungerechtigkeiten, daß keines Menschen Zunge sie zu erzählen vermag. Er sandte ihrer Funfzig zu Pferde, und ließ die sämmtlichen Bewohner einer Provinz, die größer als die Grafschaft Roussillon war, mit Lanzen darnieder stoßen. Um der geringsten Ursache willen, ward weder Mann noch Weib, weder Greis noch Kind am Leben gelassen; z. B. wenn sie nicht schnell genug auf den ersten Wink herbei eilten, ihm nicht sogleich die verlangten Lasten Mais, welches die einzige Getreideart der dortigen Gegend ist, oder nicht Indianer genug zuschickten, die ihn oder seine Gefährten bedienen müßten. Denn da das Land überall flach war, so konnte kein einziger von ihnen den Pferden und seinem satanischen Grimm entrinnen.

Er schickte seine Spanier auf Streifereien aus, die darin bestanden, daß sie Indianer aus andren [53] Provinzen raubten, und er gestattete ihnen, deren so viele als sie nur wollten, aus ihren friedlichen Wohnungen zu ihrer Bedienung zu holen. Sie wurden zusammengeschmiedet, damit sie die Lasten, welche man ihnen aufbürdete, und die bisweilen drei Arroben betrugen, nicht abwerfen möchten. Es ereignete sich mehr als einmal, daß sie von viertausend Indianern nicht ihrer sechs lebendig nach Hause brachten; alle übrigen büßten unterwegs ihr Leben ein. Wenn einer oder der andere müde, oder von seiner ungeheuern Bürde wund gedrückt ward, oder vor Hunger, Arbeit und Entkräftung nicht mehr fortkommen konnte; so hieben sie ihm, damit sie nicht nöthig hatten, ihn von der Kette loszuschließen, dicht über dem Halseisen den Kopf ab, daß der Körper auf diese, und der Kopf auf jene Seite flog. Man bedenke, was die andern hierbei empfanden! Wenn dergleichen Wanderschaften anbefohlen wurden, gingen die Indianer, die aus Erfahrung wußten, daß selten einer oder der andere zurück kam, unter Seufzern und Thränen fort, und sagten: dies sind Wege, auf welchen wir den Christen dienen müssen; wenn wir sonst auch noch so [54] schwere Arbeiten verrichten müssen, so kommen wir doch nach Verlauf einiger Zeit wieder zu unsern Weibern und Kindern zurück; jetzt aber gehen wir ohne Hofnung hinweg, jemals zurück zu kommen, sie wieder zu sehen, oder das Leben davon zu bringen.

Einst beliebte es ihm, eine neue Vertheilung der Indianer vorzunehmen, weil er es sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, oder vielmehr, wie andere sagten, weil er die Indianer denjenigen, welchen er nicht gut war, abnehmen, und solchen geben wollte, die ihm ähnlich waren. Dies war die Ursache, daß die Indianer kein einziges Korn Saamen aussäeten. Da es nun an Brod gebrach, nahmen die Christen den Indianern allen Mais weg, den sie zu Erhaltung der Ihrigen vorräthig hatten. Dadurch starben über zwanzig- bis dreißigtausend Menschen vor Hunger, und es ereignete sich sogar, daß ein Weib ihr Söhnchen schlachtete, und solches vor Hunger verzehrte.

Da, wie gesagt, alle ihre Wohnörter den anmuthigsten Gärten glichen, so quartierten sich die Christen darin ein, jeder in dem Orte, welcher ihm zugetheilt, oder, wie sie zu sagen pflegten, [55] anempfohlen war; lebten von den Arbeiten der Indianer, und verzehrten ihre spärliche Nahrung; sie entrissen ihnen auch ihre ererbten und eigenthümlichen Ländereien, von welchen sie sich nährten. So sperrten sie alle Indianer, Männer und Weiber, jung und alt, in ihren eigenen Häusern ein, und geboten ihnen sämtlich, sie bei Tage und Nacht, ohne Ruh und Rast, zu bedienen, welches sogar Kinder thun mußten, sobald sie nur laufen konnten. Ueberdies bürdeten sie jedem so viel, ja noch weit mehr Arbeit auf, als er verrichten konnte, und zwar so lange, bis sie ihn umgebracht hatten; wie sie denn die wenigen, welche noch übrig sind, bis auf den heutigen Tag auf die nehmliche Weise zu Grunde richten. Man erlaubte ihnen auch nicht, ihre eigene Haushaltung oder irgend etwas Eigenes zu haben. Ueberhaupt wurden hier noch mehr Ungerechtigkeiten dieser Art begangen, welche diejenigen, die auf Hispaniola verübt wurden, um vieles übertrafen.

Die Einwohner dieser Provinz mußten Holz und Bretter zum Schiffsbau auf dreißig Meilen nach dem Hafen schleppen; dadurch kamen ebenfalls [56] sehr viele ums Leben, oder wenigstens ward doch die Ursache ihres Todes beschleunigt. Andere, die Honig und Wachs vom Gebirge holen sollten, wurden von den Tigern gefressen. Schwangern und Säugerinnen legte man Bürden wie den Lastthieren auf; und dies geschieht noch bis auf diesen Tag.

Die ärgste Plage, welche diese Provinz, gleich der Pestilenz, verheerte, bestand darin, daß der erwähnte Gouverneur den Spaniern Erlaubniß ertheilte, von den Caziquen und Herren dieser Ortschaften Sklaven zu fodern. Alle vier bis fünf Monate, oder wenn es ihnen in den Kopf kam, oder je nachdem der Gouverneur Erlaubniß dazu gab, foderten sie deren funfzig von den Caziquen, unter dem Bedrohen, sie sollten, wofern sie dieselben nicht herbeischaffen, lebendig verbrannt, oder den Hunden vorgeworfen werden. Da nun die Indianer gewöhnlich keine Sklaven halten, sondern ein Cazique deren nur zwei bis drei, höchstens vier, hat, so gingen die Oberherren in ihren Ortschaften umher, und nahmen zuerst die Verwaiseten weg, dann foderten sie von jedem, der zwei Söhne hatte, Einen, von solchen, die [57] deren drei hatten, zwei, bis endlich der Cazique die vom Tyrannen begehrte Zahl zusammen hatte; wobei gemeiniglich der ganze Ort jammerte und wehklagte, so, daß man deutlich wahrnahm, wie zärtlich diese Leute ihre Kinder liebten. Da dies sehr häufig geschah, so war das ganze Reich vom Jahre drei und zwanzig an, bis zum Jahr drei und dreißig, durchgehends entvölkert. Denn sechs bis sieben Jahre nach einander fuhren allemal sechs bis sieben Schiffe zu Markt, luden alle diese unzähligen Indianer auf, und verkauften sie zu Panama oder Peru als Sklaven, wo sie dann sämtlich starben. Hierdurch ward die Erfahrung tausendfältig bestätigt, daß die Indianer sehr schnell dahinsterben, sobald sie aus ihren vaterländischen Gegenden geschleppt werden. Ueberdies giebt man ihnen nichts zu essen, und erläßt ihnen doch die Arbeit nicht; denn sie werden bloß deswegen verhandelt und gekauft, damit sie arbeiten sollen. Auf diese Art wurden über fünfmal hundert tausend Indianer als Sklaven verkauft, die alle so frei waren wie ich. Andere fünf- bis sechsmal hundert tausend kamen durch die satanischen Kriege ums Leben, welche die [58] Spanier gegen sie führten, und durch die greuliche Sklaverei, worin sie versetzt wurden; dessenungeachtet hört das Würgen bis jetzt noch nicht auf. Aller dieser Jammer hat nun bereits seit vierzehn Jahren gedauert. Gegenwärtig mag es ungefähr noch vier- bis fünftausend Personen in besagter Provinz Nicaragua geben, wovon täglich durch Sklavenarbeiten und unaufhörliche Bedrückungen mehrere umkommen, da doch diese Provinz, wie ich bereits gesagt habe, eine der volkreichsten auf der ganzen Erde war.


Neu-Spanien.

Neu-Spanien ward im Jahr eintausend fünfhundert und siebzehn entdeckt. Bei Gelegenheit dieser Entdeckung ward den Indianern von denen, welche es entdeckten, großes Aergerniß gegeben; auch wurden von ihnen verschiedene Mordthaten begangen. Im Jahr eintausend fünfhundert und achtzehn ward es von denen, welche sich Christen nannten, geplündert und verwüstet; wiewohl sie vorgaben, sie wollten sich bloß daselbst niederlassen. Vom Jahr eintausend [59] fünfhundert und achtzehn, bis zum Jahre eintausend fünfhundert und zwei und vierzig, worin wir gegenwärtig leben, ward die Bosheit, Ungerechtigkeit, Gewaltthätigkelt und Tyranney, welche die Christen in Indien verübten, aufs höchste getrieben. Sie setzten alle Furcht und Scheu vor Gott und dem Könige gänzlich hintenan, und dachten nicht einmal mehr daran, wer sie eigentlich waren. Grausamkeit und Blutvergießen, Menschenmord und Verheerung, Entvölkerung, Raub, Gewaltthätigkeit und Tyranney wurden in den großen und mannichfaltigen Reichen auf Terra firma so häufig und auf eine so unerhörte Art begangen, daß alles, was wir bereits angeführt haben, als nichts zu betrachten ist, wenn man es mit demjenigen vergleicht, was hier geschah. Einer Menge dieser Verbrechen haben wir nicht einmal erwähnt; wenn wir sie aber auch alle erzählten, so würden sie doch weder in Ansehung der Zahl noch der Strafwürdigkeit mit denjenigen in Vergleichung gesetzt werden können, welche von besagtem Jahr eintausend fünfhundert und achtzehn an, bis auf den heutigen Tag im Jahr eintausend fünfhundert und zwei [60] und vierzig verübt und begangen wurden; ja noch jetzt, im Monat September, übte man gerade die schwersten und allerschändlichsten aus. Die Regel, welche wir weiter oben festsetzten, ist demnach der Wahrheit vollkommen gemäß: daß nehmlich die Spanier von Anbegin an, sich nach und nach immer größerer Missethaten und satanischerer Werke schuldig machten.

Von ihrem ersten Eintritt in Neu-Spanien, am achtzehnten April eintausend fünfhundert und achtzehn, bis zum Jahr eintausend fünfhundert und dreißig, also zwölf ganzer Jahre, dauerte das Würgen und Morden,in einem fort, welches die grausamen blutgierigen Hände und Mordschwerter der Spanier rings um die Stadt Mexico und die umliegende Gegend, auf vierhundert und funfzig Meilen weit verübten, worin vier bis fünf Königreiche liegen, die so groß und noch weit fruchtbarer als Spanien sind. Alle diese Gegenden waren ungleich stärker bevölkert, und enthielten weit mehr Menschen, als Toledo, Sevilla, Valladolid und Saragossa nebst Barcellona. Selbst zu der Zelt, da diese Städte am stärksten bevölkert waren, gab [61] es keine so große Volksmenge darin, als Gott in vorbesagte Reiche versetzte, die, wenn man sie zu Fuße umgehen wollte, mehr als achtzehn hundert Meilen enthalten würden. In besagten zwölf Jahren, und innerhalb der erwähnten vierhundert und funfzig Meilen, ermordeten die Spanier über vier Millionen Menschen, die sie entweder mit Schwert und Lanze nieder stießen, oder lebendig verbrannten; gleichviel, ob Mann oder Weib, jung oder alt. So lange dauern nehmlich, wie bereits gesagt worden ist, ihre sogenannten Eroberungen, die aber eigentlich nichts anders, als gewaltsame Einfälle grausamer Wüthriche waren, dergleichen nicht allein im Gesetze Gottes, sondern auch nach allen menschlichen Gesetzen verboten, und die weit ärger sind, als diejenigen, deren sich der Türke zu Vertilgung der christlichen Kirche bedient. Ausserdem ward und wird noch täglich durch ihre mehrerwähnte Sklaverey und unaufhörliche Gewaltthätigkeiten und Bedrückungen, eine Menge Menschen von ihnen umgebracht.

Keine menschliche Zunge, kein menschlicher Verstand, kein menschlicher Fleiß ist vermögend, alle die schrecklichen Dinge zu erzählen, die in [62] verschiedenen Gegenden, in dieser gemeinschaftlich und zu gleicher Zelt, in jener einzeln und auf allerlei Art, von diesen offenbaren und geschwornen Todfeinden des Menschengeschlechtes in oberwähntem Bezirk begangen wurden; ja, er könnte nicht einmal alle Nebenumstände und Verhältnisse angeben, wodurch einige dieser Thaten als noch weit abscheulichere Verbrechen erscheinen. In Wahrheit, wenn man auch noch so viel Fleiß, Zeit und Geschreibe darauf verwendete, so würde man doch nicht alles erschöpfen können. Ich will also nur eins und das andere anführen, und zwar unter der eidlichen Betheurung, daß ich kaum den tausendsten Theil zu erzählen gedenke.

Unter mehrern Mordthaten vollbrachten sie folgende in einer großen Stadt, die mehr als dreißigtausend Einwohner hatte, und Cholula hieß. Alle Großen des Landes und der benachbarten Gegend gingen den Christen in einer Prozession zum Empfang entgegen, die von der Priesterschaft und ihrem Oberpriester angeführt wurde. Man bewillkommte sie mit viel Respect und Ehrerbietung, nahm sie in die Mitte, und quartierte sie in der Stadt und in denjenigen [63] Wohnungen ein, die vom Landesherrn und andern Großen zur Bewirthung der Fremden bestimmt waren. Die Spanier aber beschlossen unter sich, ein Blutbad hier anzurichten, oder – wie sie es nannten – eine Züchtigung vorzunehmen, die von ihrer Bravour zeigen und zugleich in allen Winkeln des Landes Schrecken verbreiten sollte. Denn wenn die Spanier ein Land überfielen, so faßten sie allemal – wohl zu merken! – den Entschluß, ein grausames und unerhörtes Gemetzel anzufangen, damit diese sanften Schaafe vor ihnen beben sollten. Zuvörderst schickten sie zu allen großen und vornehmen Herren in der Stadt und den dazu gehörigen Ortschaften, und ließen sie nebst ihren Oberherren zu sich entbieten. Sobald sie ankamen und herein traten, den Befehlshaber der Spanier zu sprechen, wurden sie sämtlich sogleich gefangen genommen, ohne daß es jemand bemerkte, der diese Neuigkeit bekannt machen konnte. Man verlangte fünf- bis sechstausend Indianer zum Lasttragen von ihnen; sie kamen sogleich und wurden in den hinter den Häusern befindlichen Hof gesperrt. Wenn man sah, wie diese Indianer sich anschickten, die Lasten der [64] Spanier aufzuladen, so mußte man Mitleid und Betrübniß über sie empfinden. Sie kamen fast ganz nackt, hatten bloß ihre ledernen Decken über die Schaam, und Netze mit ihren armseligen Lebensmitteln auf den Schultern, setzten sich mit untergeschlagenen Füßen hin und waren sämtlich so still wie die Lämmer. Als sie nun insgesamt angelangt und zu den übrigen, die sich bereits im Hofe befanden, gebracht worden waren, stellten sich bewaffnete Spanier zur Bewachung an die Thüren des Hofes. Die andern alle legten Hand an das Schwert, metzelten und stießen hierauf alle diese geduldigen Lämmer nieder, daß auch nicht ein einziger dem Tode entrann. Zwei bis drei Tage nachher kamen viele Indianer wieder zum Vorschein, die noch lebendig waren, aber von Blut trieften. Sie hatten sich unter den Todten verkrochen, die Haufenweis übereinander lagen, fielen nun den Spaniern weinend zu Füßen, und baten, man möchte Erbarmen mit ihnen haben und sie nicht umbringen. Diese wußten aber nichts von Mitleid und Barmherzigkeit, sondern hieben sie, so wie sie zum Vorschein kamen, in Stücken. Alle vornehme Herren, [65] deren über hundert waren und die sämtlich in Fesseln lagen, befahl der Befehlshaber, an Pfähle zu binden, die in die Erde gerammelt da standen, und sie lebendig zu verbrennen. Dennoch gelang es einem dieser Herren, welcher der Vornehmste unter ihnen oder der König des Landes war, zu entspringen. Er rafte noch zwanzig, dreißig bis vierzig Mann zusammen, und flüchtete sich in den großen Tempel, welchen sie daselbst hatten. Dieser war einer Vestung nicht unähnlich, und hieß in ihrer Sprache Quu. Hier vertheidigte er sich beinahe einen ganzen Tag. Die Spanier aber, gegen welche es sich nicht gut wehren läßt, besonders von unbewaffneten Leuten, warfen Feuer in den Tempel, und verbrannten alle, die darin waren. Diese schrieen einmal über das andere: o ihr bösen Menschen, was haben wir euch denn gethan? warum bringt ihr uns um? Geht nur nach Mexico! geht nur hin! Dort wird unser aller Oberherr, Motencuma, uns schon an euch rächen! Man sagt, während jene fünf, bis sechstausend Menschen im Höfe niedergehauen wurden, habe der Befehlshaber der Spanier gesungen.

[66]

Vom Fels Tarpejens sah in Ruh
Dem Brande Roms ein Nero zu.
Zwar hört er Greis’ und Kinder schrein;
Hart aber blieb sein Herz wie Stein[12].

Ein nicht geringes Blutbad richteten sie in der Stadt Tepecca an, die noch viel größer als jene war, und noch weit mehr Bewohner enthielt. Hier ließen sie eine unsägliche Menge Menschen über die Klinge springen, und verübten bei dieser Gelegenheit die unerhörtesten Grausamkeiten.

Von Cholula zogen sie nach Mexico. Da sandte ihnen der große König Motencuma tausenderlei Geschenke, nebst einer Menge vornehmer Herren und anderer Leute entgegen, und ließ ihnen unterweges allerlei Feten geben. Als sie an den großen Damm vor Mexico kamen, der zwei Meilen lang ist, ließ er sie durch seinen leiblichen Bruder empfangen, der von einer Menge großer Herren begleitet ward, und ihnen Gold, Silberplatten und Kleidungsstücke [67] zum Geschenk überbrachte. Am Eingange der Stadt kam er ihnen persönlich auf einer goldenen Trage, nebst seinem ganzen zahlreichen Hofstaat entgegen, empfing sie, und begleitete sie bis in seinen Pallast, wo er sie einzuquartiren befahl. Noch an eben dem Tage nahmen sie, wie mir einige, die dabei waren, erzählten, den großen König Motencuma, der sich ganz sicher glaubte, arglistiger Weise gefangen, gaben ihm achtzig Mann zur Bewachung, und warfen ihn in Ketten und Banden. Doch ich will alles dies, wovon viel und mancherlei zu erzählen wäre, mit Stillschweigen übergehen, und nur von einer Bravourthat reden, welche diese Wüthriche dort begingen.

Der Heerführer der Spanier marschirte nach dem Seehafen, in der Absicht, sich eines gewissen Befehlshabers zu bemächtigen, der wider ihn zu Felde zog. Er ließ einen Offizier zurück, der, wenn ich nicht irre, mit etwa hundert Mann den König Motencuma bewachen sollte. Da kamen die Spanier unter sich überein, eine abermalige Bravourthat zu vollziehen, die das ganze Land in Furcht und Schrecken setzen sollte. Eine Vorsicht, deren [68] sie sich, wie ich bereits sagte, sehr häufig bedienten. Die Indianer, sowohl gemeine als vornehme, in der Stadt und an Motencuma’s Hofe, beschäftigten sich mit nichts anderm, als ihrem gefangenen Beherrscher Vergnügen zu machen. Unter mehrere Arten von Festins, die sie ihm gaben, gehörte auch diese, daß sie des Abends in allen Straßen, und auf allen öffentlichen Plätzen der Stadt, diejenigen Tänze oder Ballette anstellten, die sie Mitotes zu nennen pflegten, und die von den Bewohnern der Inseln Areytos genannt wurden. Bei solchen Gelegenheiten holten sie alle ihre Kostbarkeiten und Schätze hervor, und bedeckten sich ganz damit; denn dies waren ihre vorzüglichsten Belustigungen und Feierlichkeiten. Der vornehmste Adel, ja sogar Cavaliere vom Königlichem Geblüt, hielten nach Maaßgabe ihres Ranges dergleichen Tänze und Festins, und zwar so nahe als möglich bei denjenigen Wohnungen, wo ihr Beherrscher gefangen war. In derjenigen Gegend, die den besagten Pallästen am nächsten lag, befanden sich über zweitausend Söhne vornehmer Herren; es war der Kern des gesamten Adels, der sich in Motencuma’s [69] Reiche befand. Zu diesen begab sich der Befehlshaber der Spanier nebst einem Trupp seiner Leute. Andere vertheilte er, ebenfalls Truppweise, in allen Gegenden der Stadt, wo dergleichen Tanze gehalten wurden. Sie mußten sich stellen, als kämen sie bloß zum Zusehen dahin; heimlich aber befahl er ihnen, zu einer gewissen Stunde auf einmal über sie herzufallen. Die Indianer waren aufmerksam auf ihre Tänze, und glaubten, sie wären ganz sicher; auf einmal rief er: „Sanct Jago! drauf los!“ und sogleich hieben sie mit entblößten Degen auf diese nackten zarten Körper, vergossen dies edle Blut, und ließen auch nicht einen einzigen von jenen jungen Leuten am Leben. Das Nehmliche thaten andere auf den übrigen Plätzen der Stadt. Dies war eine That, die alle jene Reiche und Völker in Bestürzung, Angst und Trauer versetzte, und mit der bittersten Wehmuth erfüllte. So lange die Welt nicht untergeht, oder so lange sie nicht alle von der Oberfläche der Erde vertilgt sind, werden sie nicht aufhören, diese so eben erzählte klägliche Begebenheit, den Verlust ihres gesamten Adels, auf den sie bis dahin seit so vielen Jahren stolzirten, in ihren Areytos, [70] Tänzen und Volksliedern zu bejammern und zu besingen.

Als die Indianer wahrnahmen, daß man mit allen diesen schuldlosen Menschen, ohne die mindeste Veranlassung, auf eine so ungerechte, grausame und unerhörte Art verfuhr; sie, die sogar die eben so ungerechte Gefangennehmung ihres allgemeinen Oberherrn gelassen erduldet hatten, weil er selbst ihnen befahl, daß sie die Christen nicht angreifen oder bekriegen sollten: so griffen plötzlich alle Bewohner der Stadt zu den Waffen, überfielen die Spanier, verwundeten ihrer viele, und trieben sie dergestalt in die Enge, daß die andern kaum noch entfliehen konnten. Einige setzten aber dem gefangenen Motencuma einen Dolch auf die Brust, und zwangen ihn, daß er auf die Gallerie treten und den Indianern gebieten mußte: sie sollten das Haus nicht stürmen, sondern sich zur Ruhe begeben, Diese gehorchten aber seinen Befehlen nicht mehr, sondern beredeten sich, einen andern Beherrscher und Befehlshaber zu wählen, der in ihren Schlachten sie anführen sollte.

Indessen kam der Befehlshaber, welcher nach dem Hafen marschirt war, siegreich zurück, [71] brachte noch mehr Christen mit, und näherte sich, das Gefecht hörte also drei bis vier Tage lang auf, bis er wieder in die Stadt eingezogen war. Kaum war er eingerückt, so kam eine unzählbare Menge Menschen aus dem ganzen Lande herbei, und stritt mit vereinten Kräften mehrere Tage lang so heftig gegen die Spanier, daß sie sich völlig verloren glaubten und einstens bei Nachtzeit sich entschlossen, die Stadt zu verlassen. Als dies die Indianer erfuhren, brachten sie auf den Brücken, die über den Morast führten, eine beträchtliche Anzahl Christen im gerechten und geheiligten Kampf ums Leben; und zwar aus den rechtmäßigsten Ursachen, die wir bereits angeführt haben. Jeder vernünftige und Gerechtigkeit liebende Mann, wer er auch sey, wird dieselben billigen. Als die Christen sich wieder erholten, hatte die Stadt einen heftigen Kampf auszustehen; denn sie richteten ein schreckliches Blutbad unter den Indianern an, ermordeten unzählige Menschen, und verbrannten viele große Herren lebendig.

Nachdem diese entsetzlichen und abscheulichen Grausamkeiten in der Stadt Mexico, wie in vielen andern Städten und Gegenden, verübt [72] worden waren, griff dieses Wüthen – vermittelst dieser Verwüster, die um Mexico herum, auf zehn, funfzehn bis zwanzig Meilen in die Runde, alles was Odem hatte ermordeten – gleich der Pestilenz immer weiter um sich, steckte endlich auch die Provinz Panuco an, und verheerte dieselbe. Auf gleiche Art wurden die Provinzen Tutupeque, Ipilcingo und Colima nach der Reihe verheert, deren jede mehr Landes als die Königreiche Leon und Castilien enthält. Aeußerst mühsam, wo nicht unmöglich, würde es seyn, alle Greuel, Mordthaten und Grausamkeiten zu erzählen, die in jeder dieser Provinzen begangen wurden, und es würde viel Ueberwindung kosten, eine solche Erzählung nur mit anzuhören.

Es verdient hier bemerkt zu werden, daß der Vorwand, unter welchem die Spanier alle die unschuldigen Menschen ermordeten, und Länder entvölkerten, welche wahrhaften Christen, wegen ihrer ausserordentlichen und unsäglichen Volksmenge, Freude und Vergnügen gemacht haben würden, darin bestand, daß man von ihnen verlangte, sie sollten kommen, sich unterwerfen und dem Könige von Spanien huldigen; [73] wo nicht, so werde man sie ermorden und zu Sklaven machen. Diejenigen, welche nun nicht gleich herbeieilten, diese unvernünftige und närrische Forderung zu erfüllen und, sich den Händen so ruchloser, grausamer und viehischer Menschen anzuvertrauen, die nannten sie Rebellen und Aufrührer, welche sich dem Dienste Seiner Majestät entziehen wollten. Als solche wurden sie dem Könige, unserm Herrn, geschildert, und diejenigen, welche Indien regierten, konnten in ihrer Verblendung nicht einmal dasjenige einsehen oder begreifen, was doch in ihren Gesetzen ausdrücklich bestimmt und einer ihrer ersten und deutlichsten Grundsätze ist, daß nehmlich niemand als Rebell betrachtet oder so genannt werden könne, er sey denn zuvor wirklicher Unterthan. Ich gebe den Christen und allen denen, die nur das mindeste von Gott, gesunder Vernunft und menschlichen Gesetzen wissen, zu überlegen, ob die Herzen irgend eines Volkes, das ruhig und sicher in seinem eigenem Lande lebt, gar nicht weiß, daß es von irgend, jemand auf der ganzen Welt in Anspruch genommen werden könne, und das noch überdies seinen eigenen natürlichen Herrn [74] hat, durch die unerwartete Bothschaft gefesselt werden könne, wenn man ihm sagt: es giebt einen fremden König, von welchem ihr nie etwas gesehen und gehört habt; diesem müßt ihr gehorchen; widrigenfalls wisset, daß wir euch sogleich in Stücken hauen werden. Man denke sich noch die Erfahrung hinzu, daß sie es mit angesehen hatten, wie andere auf der Stelle niedergehauen wurden. Ja, was noch schrecklicher ist, wenn sie auch gleich gehorchten, so wurden sie dennoch in die härteste Leibeigenschaft versetzt, worin sie nach und nach unter unglaublichen Drangsalen und weit ärgern Quaalen, als diejenigen, welche sie über die Klinge springen ließen, erduldet hatten, nebst Weib und Kind und allen den Ihrigen umkamen. Und gesetzt auch, sie brachten dies oder jedes andere Volk auf der Erde, durch Furcht und Drohungen dahin, daß es gehorchte, und die Oberherrschaft eines ausländischen Königs wirklich anerkannte; sahen denn diese blinden, von Stolz und teuflischem Geize besessenen Menschen nicht ein, daß sie dadurch nicht das geringste Recht über sie erlangten? Selbst die standhaftesten Leute können von dergleichen Furcht und Schrecken befallen [75] werden, und alles, was hierdurch von ihnen erpreßt wird, sey es auch, was es nur immer wolle, ist nach natürlichen, menschlichen und göttlichen Gesetzen weiter nichts, als lauter Wind; im höllischen Feuer aber bleiben jenen Menschen ihre Ansprüche und Rechte vorbehalten. Selbst den Königen von Castilien zogen sie den größten Schaden und Nachtheil zu, indem sie diese ihre Königreiche verheerten, und so viel an ihnen lag, alles Recht vernichteten, welches sie auf ganz Indien haben. Von dieser und keiner andern Art sind die Dienste, welche die Spanier besagten Königen und Herren in jenen Gegenden geleistet haben, und noch täglich leisten.

Unter diesem so ungerechten und gepriesenen Titel sendete jener tyrannische Befehlshaber zwei andere solche Wüthriche, die noch weit grausamer, blutgieriger, wüthender, gefühlloser und unbarmherziger als er selbst waren, in zwei große, blühende, fruchtbare, starkbevölkerte Reiche, nehmlich in das Königreich Guatimala, welches am südlichen, und nach Naco und Honduras oder Guaymura, welches am nördlichen Meere liegt, deren eines an das [76] andere gränzt, und die beide dreizehnhundert Meilen von Mexico entfernt sind, und die Gränzen dieses Reichs ausmachen. Den einen schickte er zu Lande ab, den andern aber zur See; beiden gab er sehr viele Leute zu Pferde mit, nebst einigen zu Fuß.

Ich kann mit Wahrheit sagen, daß beide so viel Böses verübten, – besonders der eine, welcher sich im Königreich Guatimala befand[13], denn der andere starb bald nachher eines jähen Todes – daß ich so viel von ihren Schandtaten und Greueln erzählen, so viel Mordthaten und Verwüstungen, so ungeheure und himmelschreiende Ungerechtigkeiten anführen könnte, daß sich ein dickes Buch darüber schreiben ließe, und sowohl das gegenwärtige als künftige Zeitalter darüber sich entsetzen würde. Denn dieser that es allen seinen Vorgängern und Nachfolgern zuvor, sowohl in Ansehung der Zahl und Größe der von ihm begangenen Greuel, als der Menge Menschen, welche er umbringen ließ, und der Länder, die er zur Einöde machte. Es waren ihrer unsäglich viel.

[77] Der andere, welcher sich nebst seinen Schiffen auf dem Meere befand, plünderte die Ortschaften an der Seeküste, und verbreitete Furcht und Schrecken unter ihren Bewohnern. Im Königreiche Yucatan, welches auf dem Wege nach vorbesagtem Königreiche Naco oder Guaymura liegt, wohin er marschirte, kamen ihm einige Indianer mit Geschenken entgegen. Kaum langte er daselbst an, so schickte er seine Hauptleute nebst vieler Mannschaft im ganzen Lande umher, ließ alle dort befindlichen Ortschaften plündern, zerstören und ihre sämtlichen Einwohner ermorden. Besonders zeichnete sich hierbei einer aus, der sich nebst dreihundert Mann empörte, sich in das Innere des Landes gegen Guatimala zog, alle darin befindlichen Oerter verheerte oder verbrannte, und die Leute beraubte und ermordete. Dies alles that er auf hundert und zwanzig Meilen weit in der Absicht, damit diejenigen, welche ihm nachgeschickt würden, wer sie auch seyn möchten, das Land verheert und in Aufruhr fänden, und von den Indianern aus Rache, wegen des erlittenen Schadens und der Verwüstung, welche sie überall zurückließen, erschlagen [78] würden. Wenige Tage nachher ward auch wirklich der oberste Befehlshaber, welcher ihn sandte, und gegen den er sich empört hatte, getödtet.. Hierauf aber kamen noch mehr grausame Tyrannen, die allenthalben Mordthaten und andere greuliche Dinge verübten, die Einwohner zu Sklaven machten, oder dieselben auf Schiffe verkauften, die ihnen Wein, Kleidungsstücke und andere Dinge zuführten. Auf diese Art, besonders aber durch ihre unerträgliche Leibeigenschaft, richteten sie vom Jahre eintausend fünfhundert und vier und zwanzig bis zum Jahr eintausend fünfhundert und fünf und dreißig, diese Provinzen nebst dem Königreiche Naco und Honduras gänzlich zu Grunde. Dies Land glich in Wahrheit einem Paradiese, und war stärker bevölkert als jedes andere auf der ganzen Erde. Wenn wir es gegenwärtig durchreisen und in Augenschein nehmen, so finden wir es dergestalt verödet und menschenleer, daß jedem, wenn er auch noch so gefühllos wäre, vor Jammer das Herz bluten möchte. In jenen eilf Jahren kamen mehr als zwei Millionen Menschen hier um, und in einem Bezirk von mehr als hundert Quadratmeilen, [79] ließen sie deren nicht mehr, als nur zweitausend übrig. Selbst von diesen werden täglich noch einige durch ihre erwähnte Sklaverey hingerichtet.

Doch ich kehre wieder zu dem ungeheuern Wüthrich im Königreiche Guatimala zurück, um noch eins und das andere von ihm zu erzählen. Er übertraf, wie gesagt, alle seine Vorfahren, und that es allen übrigen gleich, die sich noch bis auf den heutigen Tag dort befinden. Von den Provinzen, die an Mexico gränzen und durch die er marschirte, sind bis zum Königreiche Guatimala, wie er selbst in einem Briefe an seinen Prinzipal schreibt, gerade vierhundert Meilen. Auf diesem ganzen Wege mordete, raubte, sengte und brennte er, und nahm endlich das ganze Land unter obgedachtem Vorwande in Besitz. Er sagte nehmlich den Indianern, sie müßten sich diesen unmenschlichen Barbaren unterwerfen, und zwar im Namen des Königs von Spanien, der ihnen ganz unbekannt war, und von dem sie noch nie das Mindeste gehört hatten. Natürlich mußten sie glauben, er sey noch weit grausamer und ungerechter als jene; denn man ließ ihnen nicht einmal so viel [80] Zeit, diese Bothschaft zu überlegen, sondern fiel sogleich über sie her, und fing zu morden und zu verbrennen an.


Guatimala.

Als er diesem Reiche sich näherte, ließ er gleich im Anmarsch eine Menge Volks ums Leben bringen. Dessen ungeachtet kam ihm der vornehmste Herr des Landes, unter Trompeten und Pauken und vielen Feierlichkeiten, auf einer Trage entgegen. Viele andere Herren aus Ultatlan, der Hauptstadt des Reiches, begleiteten ihn. Sie bedienten den Barbaren mit allem, was sie nur im Vermögen hatten, gaben ihm reichlich zu essen, und überhaupt so viel sie vermochten. In derselben Nacht lagerten sich die Spanier vor der Stadt, denn sie schien ihnen befestigt zu seyn, deswegen fürchteten sie Gefahr. Des andern Tages ließ der Tyrann den vornehmsten Herrn im Lande, nebst vielen andern Großen zu sich berufen. Sie kamen wie sanfte Lämmer herbei; er aber ließ sie sogleich gefangen nehmen, und sagte: sie sollten ihm so und so viel Goldes verschaffen. Sie gaben zur Antwort; sie hätten [81] keines; und wirklich giebt es auch in diesem Lande kein Gold. Sogleich befahl er, ohne anderes Verbrechen, ohne andern Proceß oder Urtheil, sie alle lebendig zu verbrennen. Als die Caziquen der übrigen Provinzen vernahmen, daß man diesen Herrn, nebst andern Vornehmen, bloß deswegen verbrannte, weil sie kein Gold gaben; so flohen sie alle aus ihren Wohnungen, begaben sich in die Gebirge, und geboten allen ihren Leuten, sie sollten sich zu den Spaniern halten, und sie, wie ihre Herren, bedienen; Nur möchten sie nicht entdecken, noch sagen, wo sie sich aufhielten. Da kamen alle Einwohner des Landes zu den Spaniern, erboten sich ihre Unterthanen zu seyn und sie als ihre Herren zu bedienen. Jener mitleidsvolle Befehlshaber gab ihnen aber zur Antwort: man verlange und begehre ihrer nicht, sondern werde sie vielmehr auf der Stelle tödten, wofern sie nicht sagten, wo ihre Herren verborgen wären. Die Indianer erwiderten, sie wüßten es nicht, ständen, nebst ihren Weibern und Kindern, zu Diensten, und wollten die Spanier mit in ihre Wohnungen nehmen, dort möchten dieselben sie ermorden, oder sonst mit ihnen machen, was ihnen beliebte. [82] Dies sagten, thaten, und hierzu erboten sich die Indianer zum öftern. Es war in der That zum Erstaunen. Die Spanier gingen in den Ortschaften umher, trafen diese armen Leute, die nichts Arges wähnten, nebst Weib und Kind, in ihren Berufsgeschäften an, und bohrten und hieben sie, ohne alle Umstände, nieder. Einst kamen die Spanier in einen großen ansehnlichen Flecken, dessen Bewohner ganz unbesorgt, und im Gefühl ihrer Unschuld noch weit sicherer, als alle übrigen waren. In Zeit von zwey Stunden hatten sie denselben zerstört: Weiber, Kinder und Greise mußten über die Klinge springen; kurz alles, was nicht entfliehen konnte, ward niedergemacht.

Da die Indianer sahen, daß. sie durch alle ihre Demuth, Diensterbietungen, Sanftmuth und Geduld, diese gefühllosen, viehischen Herren nicht erweichen, oder, besänftigen konnten; da man sie ohne den mindesten Scheingrund, ja wider alle gesunde Vernunft, in Stücken hieb; da sie ferner sahen, daß sie ein für allemal sterben müßten: so beschlossen sie, gemeinschaftliche Sache zu machen, mit gewaffneter Hand zu sterben, und sich, so gut sie könnten, an ihren [83] satanischen Todfeinden zu rächen, wenn sie auch sämtlich darüber zu Grunde gehen sollten. Denn sie sahen mehr als zu gut ein, daß sie zu Fuß, und als schwächliche, nackte, unbewaffnete Leute, gegen die Spanier, welche zu Pferde und sehr gut ausgerüstet waren, wenig oder nichts ausrichten würden. Sogleich aber kamen sie auf den Gedanken, mitten in den Straßen Gruben zu machen, damit die Pferde hineinstürzen und sich spitzige, in Feuer gehärtete Pfähle, womit sie die Gruben anfüllten, ins Eingeweide rennen möchten. Obenher bedeckten sie dieselben mit Wurzeln und Kräutern, so daß es schien, als wäre gar nichts dergleichen vorhanden. Ein- oder zweymal, mehr aber nicht, fielen Pferde hinein; denn nachher wußten die Spanier sich wohl vor ihnen zu hüten. Aus Rache machten aber die Spanier nun ein Gesetz, vermöge dessen sie alle Indianer, die lebendig in ihre Hände fielen, ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, in diese Gruben warfen. Schwangere und Säugerinnen, Kinder und Greise, kurz alle die sie in ihre Gewalt bekamen, stürzten sie hinein, bis diese Gruben angefüllt waren. Es war ein Jammer, wenn man mit ansehen mußte, wie sie sich an [84] den Pfählen spießten; besonders Weiber, nebst ihren Kindern. Sieben ganze Jahre nach einander wurden dergleichen unmenschliche Henkersthaten von den Spaniern verübt; nehmlich vom Jahr eintausend fünfhundert vier und zwanzig, bis zum Jahre eintausend fünfhundert und dreyßig oder ein und dreyßig. Man erwäge, wie viele Menschen sie während dieses Zeitraums erwürgten!

Von unzähligen Greuelthaten, die dieser boshafte, abscheuliche Tyrann, nebst seinen Helden, beging – denn die meisten seiner Officiere waren eben so boshaft und gefühllos, wie er selbst, und halfen ihm dieselben vollbringen – ist Eine besonders bemerkenswerth, die in der Provinz Cuzcatan, und zwar in demjenigen Bezirk begangen wurde, wo heutiges Tages die Stadt Sant Salvador liegt. Diese Landschaft ist so fruchtbar, wie die ganze dortige. Seeküste überhaupt, die sich auf zwanzig bis dreyßig Meilen längs dem Südmeer erstreckt. Zu Cuzcatan, welches die Hauptstadt der Provinz ist, ward er auf eine sehr feyerliche Art empfangen; denn es erwarteten ihn mehr als zwanzig bis dreyßig tausend Indianer, welche ganze Lasten Hühner [85] und andere Lebensmittel bey sich hatten. Als das Geschenk angekommen und in Empfang genommen war, gebot er, jeder Spanier solle sich unter dieser großen Anzahl Menschen so viele Indianer aussuchen, als er, während ihres dortigen Aufenthaltes, zu seiner Bedienung, zum Lasttragen und zu Herbeyschaffung des Nothwendigen, zu bedürfen glaube. Da nahm dieser hundert, jener funfzig, oder so viele als ihm zureichend schienen, sich aufs Beste bedienen zu lassen. Die unschuldigen Lämmer liessen sich diese Theilung auch gefallen, und bedienten sie nach ihrem besten Vermögen, so daß wenig fehlte, sie hätten sie angebetet. Inzwischen verlangte der Befehlshaber von den Caziquen, sie sollten ihm Gold schaffen, denn deswegen sey er hauptsächlich zu ihnen gekommen. Die Indianer antworteten: sie wollten ihm gern alles Gold geben, das sie besäßen, und brachten auch sogleich eine Menge Beile herbey, deren sie sich gewöhnlich zu bedienen pflegten. Sie waren von vergoldetem Kupfer, sahen aber wie pures Gold aus, und enthielten auch einiges. Er befahl, sie auf den Probierstein zu bringen; als er aber sah, daß sie von Kupfer waren, sagte er zu seinen [86] Spaniern: Dies Land hole der Teufel! Laßt uns weiter marschiren; denn hier giebt es kein Gold! – Darauf befahl er, sie sollten die Indianer, von welchen sie sich bedienen ließen, in Ketten schmieden und als Sklaven brandmarken. Dies geschah, und sie brannten allen, welche sie zusammen ketteten, das Königliche Zeichen als Sklaven auf. Unter ihnen befand sich der einzige Sohn des vornehmsten Herrn jener Stadt, und ich sah, daß man ihn auf die nehmliche Art gebrandmarkt hatte. Da nun die Indianer wahrnahmen, daß in allen Gegenden des Landes dergleichen Bosheiten verübt wurden, rotteten sie sich zusammen, und ergriffen die Waffen. Allein die Spanier richteten eine fürchterliche Niederlage unter ihnen an, zogen dann nach Guatimala, und erbaueten daselbst eine Stadt, die Gottes Gerechtigkeit vor nicht gar langer Zeit durch ein dreyfaches Strafgericht zerstörte; nehmlich durch Ueberschwemmung, Erdbeben, und herabstürzende Felsenstücke, die so groß, wie zehn bis zwanzig Ochsen, waren[14]. [87] Nachdem nun die Spanier nicht allein alle Vornehmen des Landes, sondern überhaupt fast alle Mannspersonen, welche die Waffen tragen konnten, getödtet hatten, belegten sie die übrigen mit ihrer mehrerwähnten teuflischen Knechtschaft, foderten Sklaven zum Tribut, ließen

[88] sich, da die Eingebohrnen keine andern Sklaven hatten, ihre Söhne und Töchter geben, schickten ganze Schiffsladungen derselben nach Peru, verkauften sie dort, und begingen noch außerdem so viele Mordthaten und Greuel, daß dadurch ein ganzes Reich, welches mehr als hundert Quadratmeilen enthält und unter die volkreichsten und fruchtbarsten auf der ganzen Erde gehörte, gänzlich zu Grunde gerichtet wurde. Besagter Wütrich selbst bezeugte, es sey volkreicher, als das Königreich Mexico; und er sagte die Wahrheit. Er und andere seines Gelichters brachten in Zeit von funfzehn bis sechzehn Jahren, nehmlich von vier und zwanzig bis vierzig, über fünf Millionen Menschen darin um, und noch bis auf den heutigen Tag hört das Würgen und Wüthen unter den Uebiggebliebenen nicht auf.

Wenn dieser Barbar darauf ausging, einen Ort oder eine Provinz zu überfallen, so pflegte er gewöhnlich von solchen Indianern, die schon unter seiner Bothmäßigkeit standen, so viele mitzunehmen, als er nur konnte, damit sie die andern bekriegen mußten. Da er nun oft zehn bis zwanzig tausend Mann bey sich hatte, denen er [89] nichts zu essen gab; so erlaubte er ihnen, daß sie die Indianer, welche sie zu Gefangenen machten, verzehren durften. In seinem Lager hielt er sogar eine öffentliche Schlachtbank, wo Menschenfleisch feil war, und wo in seiner Gegenwart kleine Kinder geschlachtet und gebraten wurden. Erwachsene Leute wurden oft nur der Hände und Füße wegen, welche für Leckerbissen gehalten wurden, ermordet. Als die Bewohner andrer Länder von diesem unmenschlichen Verfahren hörten, wußten sie sich vor Furcht und Entsetzen nicht zu bergen.

Beym Schiffbau brachte er ebenfalls eine Menge Menschen ums Leben. Auf seinen Befehl mußten die Indianer Anker von drey bis vier Centnern, die ihnen auf die Schultern und den Rücken gelegt wurden, von der Nordsee bis zur Südsee hundert und dreißig Meilen weit tragen. Auf eben die Art ließ er durch diese armen, nackten Menschen sehr viele Artillerie fortschaffen. Mir selbst sind ihrer mehrere unterweges begegnet, die Todesangst unter dieser Bürde erduldeten. Er trennte die Ehen, und zerriß die Bande des häuslichen Lebens; denn er ließ Weiber und Mädchen wegnehmen, und [90] gab sie seinen Soldaten und Schiffsleuten Preis, welche sie mir auf die Flotte schleppten. Auch ließ er ganze Schiffe mit Indianern beladen, wo sie denn sämtlich vor Hunger und Durst verschmachteten. In der That, wenn man alle seine Grausamkeiten einzeln erzählen wollte, so ließe sich ein großes Buch darüber schreiben, das die Welt mit Entsetzen lesen würde. Er rüstete zwey Flotten aus, deren jede aus sehr vielen Schiffen bestand; vermittelst derselben sengte und brennte er, wohin er nur kam, wie Feuer vom Himmel. O wie viele wurden zu Waisen durch ihn! Wie viele beraubte er ihrer Kinder! Wie vielen Männern entriß er ihre Weiber, wie vielen Weibern ihre Männer! Wie oft und viel lud er Unzucht, Ehebruch, und andere dergleichen Schandthaten auf sein Gewissen! Wie viele beraubte er der Freyheit! Welche Angst, welches Elend mußten so viele um seinetwillen erdulden! Wie viele Thränen, Seufzer und Klagen hat er nicht auf sich geladen! Wie viel Unheil stiftete er nicht in dieser Welt, und welch eine Menge Seelen hat er nicht in jener auf ewig unglücklich gemacht! Ich meine hier nicht bloß Indianer, deren unzählige waren, sondern hauptsächlich jene verruchten [91] Christen, die er sich bey Verübung seiner schweren Sünden und abscheulichen Verbrechen zu Gehülfen wählte! Möge Gott sich seiner erbarmet, und ihm um deswillen verziehen haben, daß es zuletzt ein so böses Ende mit ihm nahm.


Panuco und Xalisco.

Als alle diese Grausamkeiten und Mordthaten, nebst mehrern andern, die ich mit Stillschweigen übergehe, in Neu-Spanien und Pemuco verübt worden waren, kam im Jahre eintausend fünfhundert fünf und zwanzig ein anderer eben so gefühlloser Tyrann in Panuco an. Er wüthete ebenfalls auf die grausamste Art, und brandmarkte auf die nehmliche Weise ihrer sehr viele zu Sklaven, die doch lauter freygeborne Leute waren. Ganze Schiffe voll schickte er nach Cuba und Hispaniola, wo er sie vortheilhafter verkaufen konnte. Ueberhaupt verheerte er diese ganze Provinz, und es kam endlich gar so weit, daß man achtzig Indianer, vernünftige Menschen, für ein einziges Mutterpferd gab. Von hier ward er hinwegberufen, damit er, nebst andern nicht minder großen Tyrannen, die [92] Stadt Mexico und ganz Neu-Spanien regieren sollte. Jene wurden als Oydoren, er aber als Präsident angestellt. In Gemeinschaft derselben beging er Missethaten, Verbrechen, Grausamkeiten, Räubereyen und andere Abscheulichkeiten, die allen Glauben übersteigen. Hierdurch ward dies ganze Land dergestalt entvölkert, daß sie in Zeit von zwey Jahren ganz Neu-Spanien in eben den Zustand, wie die Insel Hispaniola, versetzt haben würden, wofern ihnen Gott durch die Widersetzlichkeit der Franziskaner nicht Einhalt gethan hätte, und nicht bald darauf eine andere Königliche Audiencia angestellt worden wäre, die sehr gut war, Gerechtigkeit beförderte und Tugend liebte. Einer, der zu der erwähnten Gesellschaft gehörte, kam einst auf den Einfall, einen ihm zugehörigen großen Garten mit einer Mauer einfassen zu lassen. Er zwang achttausend Indianer, diese Arbeit zu übernehmen, bezahlte sie aber nicht, und gab ihnen nicht einmal das mindeste zu essen. Schnell raffte der Hunger einen nach dem andern hin; allein es rührte ihn nicht.

Sobald der Befehlshaber, welcher, wie ich bereits sagte, Panuco verheerte, die Nachricht [93] vernahm, daß jene gute Königliche Audiencia im Anzuge sey, stellte er sich, als müsse er ins Innere des Landes marschiren, um dort Entdeckungen zu machen; eigentlich suchte er aber nur eine andere Gegend, wo er ungestraft tyrannisiren konnte. Er hob demnach funfzehn bis zwanzig tausend Mann gewaltsamer Weise in der Provinz Mexico aus, die ihm und den Spaniern, welche er bey sich hatte, das Gepäck nachtragen mußten. Von diesen kamen nicht zweyhundert wieder zurück, und niemand, als er, war die Ursache, daß die andern alle auf diesem Marsch umkamen. Er zog nach der Provinz Mechuacam, die vierzig Meilen von Mexico liegt, und eben so volkreich und fruchtbar ist, wie dieses Reich. Der Herr und König des Landes kam ihm, nebst einer sehr zahlreichen Prozession, entgegen, brachte ihm Geschenke, und erbot sich zu allen möglichen Diensten. Auf der Stelle ließ er ihn aber gefangen nehmen, denn er stand in dem Rufe, daß er viel Gold und Silber besitze. Damit er nun seine Schätze hergäbe, ließ der Tyrann ihn ungesäumt folgendergestalt peinigen. Man legte ihn mit ausgestrecktem Körper auf die Erde, Hand seine Hände an einen Pfahl, [94] schloß seine Füße in den Stock, und hielt ihm einen Brand dicht an die Sohlen. Ein Junge mußte dieselben von Zeit zu Zeit mit einem in Oel getauchten Weihwedel benetzen, damit die Haut recht durchbraten sollte. Neben ihm stand auf der einen Seite ein schrecklicher Kerl, der mit gespannter Armbrust ihm nach dem Herzen zielte; auf der andern stand wieder so ein Barbar, hielt einen grimmigen Hund, und hetzte denselben auf ihn los, als wenn er ihn jeden Augenblick zerreissen sollte. So marterte man ihn, damit er die vermeintlichen Schätze entdecken sollte, bis endlich ein Franziskaner dazu kam, und ihn aus ihren Händen befreyete; gleichwohl aber starb er an den erlittenen Martern. Auf die nehmliche Weise quälten und peinigten sie mehrere große Herren und Caziquen in dieser Provinz, damit sie ihnen Gold und Silber geben sollten.

Um diese Zeit zog ein gewisser Tyrann als Visitator umher[15], der aber sich weniger um [95] Leib und Seele, als vielmehr um Habe und Gut der Indianer bekümmerte, weil es hier nur auf Raub ankam. Dieser erfuhr, daß die Indianer ihre Götzenbilder versteckt hätten; denn die unseligen Spanier hatten ihnen nie einen bessern Unterricht von Gott ertheilt. Darauf setzte er die Caziquen gefangen, und marterte sie auf die [96] ungerechteste und schrecklichste Weise, bis sie ihm ihre Götzenbilder gaben; denn er glaubte, sie wären von Gold oder Silber. Damit er nun aber seinen Zweck, der bloß im Rauben und Stehlen bestand, nicht ganz verfehlen möchte, zwang er die Caziquen, ihm diese Götzenbilder wieder abzukaufen. Sie gaben ihm auch wirklich alles ihr Gold und Silber dafür, das sie zusammenbringen konnten, und beteten dann diese Bilder nach wie vor wieder als ihre Götter an. Dies sind die guten Werke und Exempel, wodurch die unseligen Spanier die Ehre Gottes in Indien befördern.

Aus der Provinz Mechuacam zog dieser tyrannische Oberbefehlshaber nach Xalisco. In dieser Provinz wimmelte es, wie in einem Binnenstock; sie war eine der volkreichsten und fruchtbarsten Provinzen in ganz Indien, und erhielt eine solche Menge Ortschaften, daß es nicht anders schien, als erstreckten sich einige derselben auf sieben Meilweges. Als er dort ankam, ward er von den Großen des Landes und vielem Volke mit Geschenken und großen Freudensbezeigungen empfangen; auf welche Art sie von allen Indianern bewillkommt wurden. Allein auch hier [97] fing er seine gewöhnlichen Schandthaten und Grausamkeiten wieder an, und trieb es, wie allenthalben, ja noch weit ärger, damit er nur seinen Endzweck, nehmlich Gold zu bekommen, erreichen möchte, welches ihm weit mehr, als Gott, am Herzen lag. Er verbrannte die dort befindlichen Ortschaften, nahm die Caziquen gefangen, marterte sie, und machte alle diejenigen, welche ihm in die Hände fielen, zu Sklaven. Unsäglich viele ließ er in Ketten schmieden; kaum entbundne Weiber sogar mußten die schwersten Lasten tragen, die ihnen von diesem Unchristen aufgebürdet wurden; und da sie vor Arbeit, Entkräftung und Hunger, ihre Säuglinge nicht fort, bringen konnten, mußten sie dieselben unterweges liegen lassen, wodurch ihrer sehr viele ums Leben kamen.

Einst wollte ein sogenannter Christ ein Mädchen mit aller Gewalt zur Unzucht zwingen; die Mutter aber widersetzte sich ihm, und wollte ihr Kind ihm aus den Händen reissen. Darauf zog er sein Schwerdt, hieb der Mutter die eine Hand ab, und weil das Mädchen in sein Begehren nicht willigen wollte, brachte er es mit vielen Dolchstichen ums Leben.

[98] Unter andern ließ er auf die ungerechteste Art von der Welt – denn sie waren so frey, wie die andern alle – viertausend und fünfhundert Menschen, Männer, Weiber und Kinder, welche letztern theils noch an den Brüsten ihrer Mütter lagen, theils nur zwey, drey, vier, höchstens fünf Jahre alt waren, als Sklaven brandmarken, ob sie gleich ihm friedlich und zum Empfang entgegen gekommen waren. Unzähliger andrer Grausamkeiten will ich nicht einmal erwähnen.

Nachdem nun alle diese ungerechten und satanischen Kriege, nebst den dabey verübten Mordthaten, vorüber waren, verbreitete er, wie gewöhnlich, die unerträglichste und abscheulichste Sklaverey über das ganze Land. Denn alle christliche Barbaren, die sich in Indien befinden, behaupten, dies Recht über die dortigen Völker zu haben und es ausüben zu dürfen. Bey dieser Gelegenheit erlaubte er seinen eignen Haushofmeistern, so wie allen übrigen, den Indianern die schrecklichsten Quaalen und Martern anthun zu dürfen, damit sie Gold und Tribut von ihnen erpreßten. Einer von seinen Haushofmeistern ließ eine Menge Indianer hängen, lebendig verbrennen, den Hunden vorwerfen, ihnen. [99] die Köpfe, Hände und Füße abhauen, oder die Zungen ausreissen, da doch die guten Leute in Frieden lebten, und er keine andere Ursache angeben konnte, als daß er sie in Schrecken setzen und sie zwingen wollte, sich ihm zu unterwerfen und Gold und Tribut zu bezahlen. Jener Erztyrann sah dies alles mit an, und wußte von allem. Die Peitschenhiebe, Stockschläge, Ohrfeigen und andere Grausamkeiten, die stündlich und augenblicklich vorfielen, will ich hier gar nicht erwähnen.

Man sagt für gewiß, er habe in dem Königreiche Xalisco achthundert Ortschaften zerstört und verbrannt. Dies war die Ursache, daß die Indianer – als sie wahrnahmen, daß ihr Untergang ein- für allemal unvermeidlich sey – sich empörten, in die Gebirge flohen, und mehrere Spanier in gerechtem Grimm erschlugen. Als nachher andere Tyrannen dahin kamen, neue Ungerechtigkeiten und Bedrückungen verübten, und andere Provinzen ebenfalls verheerten, oder, wie sie es nannten, entdeckten; da verbanden sich mehrere Indianer unter einander, und baueten sich Festen auf einigen Felsen. Da gab es abermals ein Blutbad über das andere, bis endlich [100] dies ganze weitschichtige Land verwüstet, und fast alle seine Bewohner getödtet waren. Die verruchten, verblendeten, von Gott verlassenen und in ihren verkehrten Sinn dahin gegebenen Spanier sahen nicht ein, daß die Indianer die gerechteste und gültigste Ursache gehabt hätten, sie, wofern sie anders bewafnet gewesen wären, nach allen natürlichen, göttlichen und menschlichen Gesetzen, mit dem größten Fug Rechtens in Stücken zu hauen, und aus ihrem Lande hinauszuwerfen. Noch weniger konnten sie begreifen, daß sie auf die ungerechteste, ruchloseste, gesetzwidrigste Art verfuhren, als sie jene unerhörten Grausamkeiten, Vergehungen und unverzeihbaren Verbrechen an den Indianern verübten. Sie bekriegen sie vielmehr noch immer, und denken, glauben und schreiben, alle die Siege, welche sie über die armen schuldlosen Indianer davon tragen, kämen von Gott; nicht anders, als hätten sie die gerechtesten Ursachen zu ihren Kriegen. So freuen und rühmen sie sich noch ihrer Tyranney, und danken Gott dafür, gerade so wie ihm die Tyrannen und Mörder dankten, von welchen der Prophet Sacharias im eilften Kapitel spricht: Hüte der Schlachtschafe, [101] denn ihre Herren schlachten sie, und haltens für keine Sünde, verkaufen sie, und sprechen: gelobet sey der Herr, ich bin nun reich, und ihre Hirten schonen ihrer nicht.


Yucatan.

Im Jahr eintausend fünfhundert sechs und zwanzig ward ein anderer boshafter Mensch zum Gouverneur der Provinz Yucatan ernannt, weil er den König mit Unwahrheit berichtete und lügenhafte Vorschläge that. So machten es gewöhnlich alle dortige Tyrannen bis auf den heutigen Tag, damit sie zu Aemtern kamen und Aufträge erhielten, vermöge deren sie ungestraft rauben konnten. Dies Königreich Yucatan war gepfropft voll Menschen; denn es ist ein großes gesundes Land, das Lebensmittel im Ueberfluß hat, und noch weit fruchtbarer ist, als Mexico. Besonders giebt es so viel Wachs und Honig daselbst, als man bis jetzt noch in keiner andern Gegend Indiens angetroffen hat. Im Umkreise mag dies Reich ungefähr dreyhundert Meilen enthalten. Seine Bewohner zeichnen sich vor allen andern Indianern durch Klugheit [102] und politische Verfassung aus. Bey ihnen traf man noch weit weniger Sünden und Laster, als bey allen übrigen an. Sie waren vorbereitet und würdig, zur wahren Erkenntniß Gottes geführt zu werden. Hier hätten die Spanier große Städte erbauen, und wie im irdischen Paradiese leben können, wenn sie dessen werth gewesen wären. Allein ihres Geizes, ihrer Gefühllosigkeit und ihrer schweren Verbrechen wegen, verdienten sie es nicht, und waren dieses Landes eben so wenig als so vieler andern werth, die ihnen Gott in Indien zeigte.

Dieser Barbar fing damit an, daß er die guten schuldlosen Leute, die friedlich in ihren Wohnungen lebten und niemand das geringste zuwider thaten, mit dreihundert Mann, die er bei sich hatte, auf die grausamste Art bekriegte, und eine große Anzahl von ihnen ermorden ließ. Da dies Land kein Gold enthielt, – denn hätte er nur ein Stückchen Gold darin gefunden, so würde er sie in die Bergwerke geschickt haben, wo sie ohnedies umgekommen wären – so beschloß er, diese Menschen, für welche Jesus Christus sein Leben gab, mit Leib und Seele in Gold zu verwandeln. Er machte demnach diejenigen, welche [103] er nicht umbrachte, sammt und sonders zu Sklaven; und da überall, wo man Sklaven witterte, eine Menge Schiffe bei der Hand waren, so ließ er dieselben schwer genug mit Menschen beladen, verhandelte sie gegen Wein, Oel, Weinessig, Speck, Kleidungsstücke, Pferde, kurz gegen alles, was entweder er oder seine Gefährten vonnöthen hatten, und verfuhr hierbei nach Gutdünken. Er ließ jedem freie Wahl, unter funfzig bis hundert Mädchen sich dasjenige auszusuchen, das ihm am besten gefiel, und nahm dann eine Arrobe Wein, Oel, Essig, oder auch wohl eine Speckseite dafür. Um denselben Preis war ein hübscher Bursche zu haben, der unter zwei- bis dreihundert andern ausgesucht ward; ein anderer aber kostete nur so und so viel. Es ereignete sich unter andern, daß man einen jungen Menschen, der eines Fürsten Sohn zu seyn schien, um einen Käse weggab, hundert andere Personen aber gegen ein Pferd vertauschte. Mit solchen Dingen beschäftigte er sich vom Jahr eintausend fünfhundert sechs und zwanzig bis drei und dreißig, also sieben volle Jahre. Während derselben verheerte und entvölkerte er jene Gegenden unaufhörlich, und opferte die [104] darin befindlichen Menschen ohne Gnade und Barmherzigkeit auf. Endlich aber erscholl die Nachricht von den Schätzen Peru’s; und da alle Spanier, welche er bei sich hatte, dahin wollten, so ließen jene Höllenplagen einige Zeit nach. Gleich nachher begingen seine Untergebenen wieder andere große Missethaten, Diebstahl, Menschenraub und dergleichen schwere Verbrechen gegen Gott. Noch bis auf den heutigen Tag werden dergleichen begangen, so daß jener Bezirk von dreihundert Meilen, welcher ehedem, wie ich bereits sagte, so außerordentlich mit Menschen besetzt war, gegenwärtig fast ganz entvölkert ist.

Es dürfte schwer seyn, alle die einzelnen Grausamkeiten, die hier begangen wurden, zu beschreiben und Glauben zu finden. Ich will nur zwei oder drei derselben anführen, die mir so eben beifallen. Die Spanier suchten die Indianer, sowohl Männer als Weiber, mit wilden Hunden auf, die ihrer Spur folgten. Da nun einst eine kranke Indianerin sah, daß sie diesen Hunden nicht entfliehen könne, und, gleich andern, von ihnen zerrissen werden würde; so nahm sie einen Strick, band sich ihr Kind, das [105] nur erst ein Jahr alt war, an den einen Fuß, und erhing sich dann an einem Balken. Kaum war sie fertig damit, als die Hunde kamen und das Kind stückweise zerrissen; doch ward es noch vor seinem Ende von einem Ordensgeistlichen getauft.

Als die Spanier sich aus diesem Reiche entfernten, sagte einer von ihnen zu dem Söhnchen eines vornehmen Herrn, dem ein gewisser Ort oder wohl gar eine große Provinz gehörte, er solle ihn begleiten. Der Knabe erwiderte: er wolle sein Vaterland nicht verlassen. Komm den Augenblick mit, sagte der Spanier, oder ich schneide dir die Ohren ab. Nein, sagte der Knabe. Darauf zog der Spanier seinen Dolch heraus, und schnitt ihm erst das eine Ohr ab, dann auch das andere. Da nun der Knabe noch immer sagte, er wolle sein Vaterland durchaus nicht verlassen; so schnitt er ihm auch die Nase ab, und lachte dann, daß man hätte sagen sollen, er habe ihm kein Härchen gekrümmt.

Dieser nehmliche Bösewicht rühmte sich einst gegen einen ehrwürdigen Geistlichen, prahlte, und sagte unter andern auf die schamloseste Weise: er gehe recht darauf aus, so viele Indianerinnen [106] zu schwängern, als er nur könne; denn wenn sie in andern Umständen wären, und er sie her, nach als Sklavinnen verkaufte, so bekäme er desto mehr Geld dafür.

In diesem Reiche, oder in dieser Provinz von Neu-Spanien, pflegte ein gewisser Spanier mit seinen Hunden zuweilen Kaninchen und anderes dergleichen Wildpret zu fangen. Eines Tages fand er nichts zu jagen, und es schien ihm, als hätten seine Hunde Hunger. Da nahm er ein Knäbchen, welches er seiner Mutter entriß, hieb ihm mit seinem Dolche von Armen und Beinen ein Stück nach dem andern herunter, und gab jedem Hunde sein Theil davon. Als sie nun diese Stücke aufgefressen hatten, warf er das Körperchen auf die Erde, damit sie es zusammen verzehrten. Hieraus kann man sehen, wie unbarmherzig die Spanier in diesen Ländern hauseten; welchergestalt Gott sie ganz in verkehrten Sinn dahin gab; wie wenig sie jene Menschen achteten, die Gott doch ebenfalls nach seinem Bilde erschaffen, und für welche er sein Blut vergossen hatte. Weiter unten werden wir noch schrecklichere Dinge vernehmen.

[107] Ich übergehe unzählige andere unerhörte Grausamkeiten, welche die sogenannten Christen in diesem Reiche verübten; denn kein menschlicher Verstand würde sie alle fassen können. Nur dies einzige führe ich zum Beschluß noch an. Als alle diese teuflische Barbaren, welche die Schätze Peru’s verblendeten, in vollem Taumel abmarschirt waren, fand sich Pater Jacobo vom Franziskaner-Orden, nebst vier andern seiner Mitbrüder, bewogen, dies Reich zu besuchen. Sie sämtlich hatten die Absicht, die Ueberbleibsel jenes Volkes, welche nach einer so höllischen Weinlese, wie die Spanier gehalten, und nach so vielen Mordthaten, welche sie sieben ganzer Jahre nach einander begangen hatten, noch vorhanden waren, zu sammlen, zu trösten, ihnen Jesum Christum zu predigen, und sie demselben zuzuführen. Ich glaube, daß dies die nehmlichen Geistlichen waren, zu welchen gewisse Indianer der Provinz Mexico im Jahr eintausend fünfhundert vier und dreißig einige Abgeordnete schickten. Sie fanden nehmlich für gut, besagte Geistliche in ihr Land zu berufen, damit sie ihnen richtige Begriffe von dem einzigen Gott beybringen möchte, welcher der wahre [108] Gott und Herr des ganzen Weltalls sey. Lange berathschlagten sie sich unter einander, hielten häufige Zusammenkünfte, zogen zum öftern vorläufige Nachrichten ein, was das wohl für Menschen seyn möchten, die sich Patres und Ordensgeistliche nennten, was sie eigentlich begehrten, und worin wohl der Unterschied zwischen ihnen und jenen Christen bestehe, von welchen sie so viele Ungerechtigkeiten und Elend erduldet hatten; endlich aber beschlossen sie, ihnen den Zutritt zu verstatten, doch unter der Bedingung, daß sie allein kommen und keine Spanier mitbringen sollten. Dies versprachen die Geistlichen; denn sie hatten vorher die Bewilligung des Vicekönigs von Neu-Spanien darüber eingeholet, und den Auftrag erhalten, sie sollten versprechen, daß keine andere Spanier, als nur Geistliche, in ihr Land kommen würden, und daß ihnen überhaupt kein Leid widerfahren solle. Sie predigten ihnen hierauf, wie gewöhnlich, das Evangelium von Christo, und machten ihnen die heilsamen Absichten der Könige von Spanien in Rücksicht ihrer bekannt; die Indianer aber faßten eine solche Liebe für diese Geistlichen, fanden so viel Geschmack an ihrer Lehre, erbaueten [109] sich dergestalt an ihrem Wandel, und freueten sich so sehr über die Nachrichten von den Königen Castiliens – denn die Spanier hatten sie ganze sieben Jahre hindurch in dem Wahn gelassen, es sey kein anderer König, als nur der, welcher sie martern und umbringen lasse – daß die Caziquen den Ordensgeistlichen, nachdem sie etwa vierzig Tage im Lande waren und gepredigt hatten, alle ihre Götzenbilder brachten und auslieferten, damit sie dieselben verbrennen möchten. Gleich nachher gaben sie ihnen ihre Kinder zu unterrichten, die sie wie das Licht ihrer Augen liebten, baueten ihnen Bethäuser, Tempel und Wohnungen, und luden sie nach andern Provinzen ein, damit sie daselbst predigen, und ihnen Begriffe von Gott und demjenigen geben möchten, den sie den großen König von Castilien nannten. Auf Zureden der Geistlichen thaten sie nachmals etwas, dergleichen bis auf den heutigen Tag nicht wieder in Indien geschah. Denn alles was von verschiedenen Tyrannen ausgesprengt wurde, welche jene Länder und Reiche verwüsteten, ist unwahr und erlogen. Zwölf bis funfzehn große Herren, die viel Land und Unterthanen hatten, beriefen dieselben, jeder die seinigen besonders, zusammen, [110] ließen sie votiren, unterwarfen sich hierauf der Oberherrschaft des Königs von Castilien aus freiem Triebe, erkannten den Kayser, als König von Spanien, für ihren Oberherrn, und gaben darüber verschiedene Bestätigungszeichen, die ich, nebst dem schriftlichen Zeugniß der Geistlichen, in Händen habe.

Während nun diese Geistlichen mit großer Freudigkeit und vielem Segen am Glaubenswerk arbeiteten, und die stärkste Hofnung hatten, alle noch übrigen Einwohner dieses Reichs, welche von Krieg und Mord verschont worden waren, und deren Anzahl sich ziemlich hoch belief, zu Jesu Christo zu führen; langten in einer gewissen Provinz achtzehn spanische Barbaren zu Pferde, und zwölf zu Fuß an, so daß ihrer zusammen dreißig waren. Sie hatten ganze Lasten Götzenbilder bei sich, die sie den Indianern in andern Provinzen weggenommen hatten. Der Anführer dieser dreißig Spanier ließ den Herrn des Landes, in welches sie eingefallen waren, zu sich kommen, und sagte zu ihm: er müsse diese Götzen ihm abnehmen, sie in seinem ganzen Lande vertheilen, und für jeden derselben einen Indianer oder eine Indianerin als Sklaven verkaufen; [111] wobei er ihm zugleich drohte, man werde widrigenfalls feindselig mit ihm verfahren. Aus Furcht sah also besagter Herr sich gezwungen, diese Götzen in seinem ganzen Lande zu vertheilen. Er befahl seinen gesammten Unterthanen, dergleichen zu nehmen, sie anzubeten, und ihm Indianer und Indianerinnen zu verschaffen, damit er sie den Spaniern als Sklaven überlassen könne. Die Indianer geriethen in Angst; wer zwei Söhne hatte, gab einen davon her, wer drei hatte, gab deren zwei; auf diese Art kam dies gotteslästerliche Negoz zu Stande, und es gelang den Caziquen, die Spanier zu befriedigen. So waren sie Christen!

Einer von diesen ruchlosen und höllischen Straßenräubern, Namens Juan Garzia, welcher krank ward und am Tode lag, hatte zwei Lasten Götzenbilder unter seinem Bette stehen. Er befahl einer Indianerin, die ihn bediente, sie sollte ja recht sorgfältig damit umgehen, und sie nicht etwa auf dem Hünermarkt verkaufen, denn sie wären sehr schön, und sie könne für jedes einen Sklaven bekommen. Nach diesem Vermächtniß, und mit solchen Gedanken beschäftigt, starb der unselige Mensch; und wer sollte wohl [112] zweifeln, daß er geraden Weges zur Hölle gefahren sey?

Hierauf kann man abermals ersehen und wahrnehmen, wie die Spanier, welche nach Indien gehen, das Beste der Religion befördern, und was für herrliche Beweise sie von ihrem Christenthum geben; wie sehr ihnen die Ehre Gottes am Herzen liegt; wie besorgt sie sind, damit er von jenen Völkern erkannt und angebetet werde; wie eifrig sie darauf sehen, daß seine heilige Religion unter diesen Seelen sich immer weiter verbreite, und an Wachsthum gewinne! Und nun entscheide man einmal, ob wohl dergleichen Sünden geringfügiger sind, als die des Jerobeam, der ganz Israel zur Sünde verführte, da er die zwei goldenen Kälber verfertigte, damit das Volk sie anbeten sollte; oder ob sie nicht jener des Judas gleich komme, und welche von beiden wohl das größte Aergerniß gaben. Dies sind endlich die guten Werke der Spanier, die sich nach Indien begaben, daß sie in Wahrheit Jesum Christum unzähligemal verkauften, verleugneten, und ihn noch täglich verkaufen und einmal über das andre verleugnen.

[113] Nun sahen die Indianer, daß dasjenige nicht wahr sey, was ihnen die Ordensgeistlichen versprochen hatten. Es sollten nehmlich keine Spanier in diese Provinzen kommen, und dennoch brachten ihnen diese nehmlichen Spanier Götzen aus andern Gegenden zum Verkauf. Gleichwohl hatten sie ihre eigenen Götzen sammt und sonders den Geistlichen ausgeliefert, damit sie dieselben verbrannten, weil sie den einzigen wahren Gott anbeten wollten. Darüber gerieth nunmehr das ganze Land in Aufruhr und Zorn gegen die Geistlichen. Die Indianer kamen haufenweise zu ihnen, und sagten: warum habt ihr uns belogen? Warum gabt ihr fälschlich vor, es sollten in dies Land keine Christen kommen? Warum habt ihr uns unsere Götter verbrannt, da uns doch eure Christen andere Götter aus andern Provinzen bringen, und uns zwingen, sie zu kaufen? Waren unsere Götter etwa nicht besser, als die Götter der übrigen Völker? – Die Ordensgeistlichen besänftigten sie, so gut sie konnten, wußten aber eigentlich selbst nicht, was sie antworten sollten. Sogleich aber suchten sie jene dreißig Spanier auf, erzählten ihnen, welches Unheil sie angerichtet hätten, und verlangten, [114] sie sollten sich hinwegbegeben. Allein diese wollten nicht, sondern machten vielmehr den Indianern weis, diese nehmlichen Geistlichen hätten sie dorthin berufen; welches die abgefeimteste Bosheit war. Endlich beschlossen die Indianer, diese Mönche zu ermorden; sie entflohen aber bei Nachtzeit mit Beyhülfe einiger Indianer, welche sie warnten. Als sie fort waren, und die Indianer sowohl die Tugend und Unschuld dieser Geistlichen, als die Bosheit der Spanier einsahen, schickten sie ihnen Boten auf funfzig Meilen nach, liessen sie bitten, zurückzukommen, und ihnen das Schrecken, welches man ihnen verursacht habe, zu verzeihen. Die Geistlichen, welche sehr eifrige Knechte Gottes und sehr besorgt um diese Seelen waren, glaubten ihnen, kamen wieder in ihr Land zurück, wurden von den Indianern wie Boten des Himmels empfangen, aufs beste bedient, und blieben nachher noch vier bis fünf Monate daselbst.

Da nun aber erwähnte Christen dies Land durchaus nicht verlassen wollten, sie auch der Vicekönig, trotz allem, was er anwandte, und ungeachtet er sie für Landesverräther erklärte, daraus nicht vertreiben konnte, weil es in weit [115] von Neu-Spanien lag: da sie hiernächst ihre gewöhnlichen Tücke gegen die Indianer nicht unterließen: so fürchteten die Geistlichen, die Indianer möchten dergleichen Bosheiten über kurz oder lang ahnden, und dann möchte vielleicht alle Schuld auf sie fallen Da sie nun noch überdies den Indianern das Evangelium nicht in Ruhe und in seiner ganzen Kraft predigen konnten, sondern vielmehr durch die Frevelthaten der Spanier unaufhörlich beunruhigt wurden; so beschlossen sie, aus diesem Reiche zu wandern. Mithin blieb es ohne Licht und ohne Beihülfe, der Lehre; jene Seelen aber versanken wieder in die tiefste Unwissenheit und in das nehmliche Elend, worin sie sich vorher befanden. Man wartete nunmehr auf einen bessern Zeitpunkt, sie durch die wahre Erkenntniß Gottes, welche sie schon mit der größten Begierde annahmen, zu erquicken und vom Verderben zu retten. Dies war geradeso, als wenn man Pflanzen, die erst seit wenig Tagen frisch getränkt wurden, das Wasser entzöge. Und alles dies geschah durch das unverzeihbare Verschulden und durch die gränzenlose Bosheit der Spanier.

[116]
Sancta Marta.

Die Provinz Sancta Marta war ein Land, wo die Indianer sehr viel Gold besaßen; denn es ward sowohl hier als in der benachbarten Gegend häufig gefunden, und die Indianer legten sich darauf, es zu sammlen. Deswegen liessen die spanischen Barbaren vom Jahre eintausend vierhundert acht und neunzig, bis auf gegenwärtiges Jahr eintausend fünfhundert zwei und vierzig, es sich allemal sehr angelegen seyn, mit ihren Schiffen dort anzufahren, die Einwohner dieses Landes zu überfallen, zu plündern, zu morden und ihnen ihr Gold abzunehmen. Dann gingen sie unverzüglich wieder zu Schiffe, landeten bald da, bald dort, verheerten gemeiniglich die Seeküste, oder drangen doch nur wenige Meilen ins Land. So machten sie es bis zum Jahre eintausend fünfhundert drei und zwanzig, in welchem sich einige spanische Tyrannen dort festsetzten. Da nun dies Land, wie gesagt, sehr goldreich war, so folgten ihnen bald verschiedene Befehlshaber nach, wovon der eine immer grausamer als der andere war. Es schien nicht anders, als wetteiferten sie mit einander, wer die größten [117] Verbrechen und Grausamkeiten begehen könne. Hierdurch ward die Wahrheit jener Regel abermals bestätigt, welche wir weiter oben zum Grunde legten. Im Jahre eintausend fünfhundert neun und zwanzig kam ein ausgelernter Barbar nebst vielen Leuten hier an, der weder Furcht vor Gott, noch Erbarmen mit Menschen hatte. Er verübte, nebst seinen Gefährten, so viele Greuel, Mordthaten und andere Ruchlosigkeiten, daß er hierin alle seine Vorgänger übertraf. In den sechs oder sieben Jahren, während welcher er dort lebte, raubte er, nebst ihnen, ungeheure Reichthümer zusammen. Endlich mußte er aber aus seiner Residenz flüchten, und starb ohne Beichte; allein es folgten ihm eben so habsüchtige und blutgierige Barbaren nach, die den Ueberrest vollends erwürgten, der den Klauen und dem Schlachtmesser ihrer Vorgänger entrann. Sie verbreiteten sich durch das ganze Land, verwüsteten und verheerten darin mehrere Provinzen, erschlugen ihre Bewohner, oder machten sie auf obenbeschriebene Weise zu Sklaven, thaten den Caziquen und ihren Unterthanen die größten Martern an, damit sie ihr Gold abliefern, oder Oerter angeben sollten, wo dergleichen [118] zu finden sey; kurz, ihre Schandthaten übertrafen, sowohl an Zahl als Strafwürdigkeit, alle vorhergehenden. Auf diese Art machen sie seit dem Jahre eintausend fünfhundert neun und zwanzig, bis auf den heutigen Tag, einen Erdstrich von Menschen leer, der über vierhundert Meilen enthält, und ehemals eben so bevölkert, wie alle übrigen war.

Ich könnte in Wahrheit eine sehr weitläuftige Geschichte schreiben, wofern ich alle die Verbrechen, Mordthaten, Verwüstungen, Ungerechtigkeiten, Bedrückungen und andere große Sünden und Missethaten erzählen wollte, welche die Spanier in der Provinz Sancta Marta gegen Gott, gegen den König und gegen diese unschuldigen Menschen begingen. Ich behalte mir dies auf einen andern Zeitpunkt vor, wofern mir Gott das Leben fristet. Gegenwärtig will ich nur einige Worte von demjenigen anführen, was der Bischof der dortigen Provinz vor nicht gar langer Zeit an unsern Herrn, den König, schrieb. Sein Brief ist vom 20sten May eintausend fünfhundert ein und vierzig datirt, und enthält unter andern folgendes:

[119] „Ich behaupte, allergnädigster Kaiser, das einzige Mittel, dies Land vom Untergange zu retten, bestehe darin, daß Ew. Majestät dasselbe der Gewalt seiner Stiefväter entreisse, und ihm einen Mann zur Ehe gebe, der es vernünftig und überhaupt so behandle, wie dasselbe es verdient. Und zwar je eher, je lieber; denn außerdem, und wofern es jene Tyrannen noch länger so peinigen, mißhandeln und entkräften, glaube ich ganz gewiß, daß es in kurzem auf immer um dasselbe geschehen sey, u. s. w.“ Weiter unten sagt er: „Ew. Majestät werden deutlich hieraus ersehen, daß diejenigen, welche jene Länder regieren, verdient haben, ihrer Aemter entsetzt zu werden, damit das gemeine Wesen Erleichterung bekomme. So lange dies nicht geschieht, kann seine Krankheit, meines Bedünkens, unmöglich curirt werden. Auch erhellet hieraus, daß es in jenen Gegenden keine Christen, sondern Teufel, keine Diener Gottes und ihres Königs, sondern nur Verräther giebt, die sich am Gesetze Gottes und ihres Königs versündigen. Denn wahrlich, das größte Hinderniß, welches ich dort fand, warum die Indianer die Waffen nicht niederlegen, und sich an ein friedliches Leben gewöhnen, diejenigen [120] aber, welche friedlich lebten, unsere Religion nicht annehmen wollten, war die harte und grausame Behandlung, welche sie mitten im Frieden von den Christen erdulden mußten. Darum wurden sie auch so aufgebracht, und nichts auf der Welt war ihnen verhaßter, als der Name Christen. In ihrer Landessprache pflegten sie dieselben gewöhnlich Yares zu nennen, welches so viel als Teufel bedeutet: und sie hatten unstreitig Recht; denn die Spanier gingen mit ihnen nicht um, wie Christen oder vernünftige Menschen, sondern wirklich wie Teufel. Daher kam es, daß die Indianer, da sie sowohl Vornehme als Geringe, und alle insgesammt, so ruchlos und grausam handeln sahen, nicht anders glaubten, als das Gesetz der Christen bringe es so mit sich, und ihr Gott und König sey daran schuld. Es würde leichter seyn, das Meer auszuschöpfen, als sie eines andern zu bereden: ja man würde hierdurch nur ein Gelächter bei ihnen erregen, und Jesum Christum, nebst seinem Gesetze, nur dem Spott und der Verachtung Preis geben. Da nun die im Kriege begriffenen Indianer sahen, wie mit denen verfahren wurde, die friedlich lebten; so dünkte es [121] ihnen besser, lieber ein- für allemal zu sterben, als den Spaniern in die Hände zu gerathen, und sich durch viele Martern todtpeinigen zu lassen. Dies alles, unüberwindlicher Kaiser, weiß ich aus eigener Erfahrung, u. s. w.“

In einer weiter unten befindlichen Stelle sagt er: „Ew. Majestät haben mehr Diener hier zu Lande, als Allerhöchstdieselben vielleicht glauben. Unter allen hier befindlichen Soldaten ist vielleicht nicht Einer, der, wenn er aufs Rauben, Plündern, Verheeren und Morden ausgeht, oder Ewr. Majestät Unterthanen zum Feuer verdammt, damit sie ihm Gold geben, der, sage ich, sich nicht erfrechen sollte, öffentlich vorzugeben, er stehe in Ewr. Majestät Diensten; denn unter diesem Titel bekämen Ew. Majestät Ihren Antheil von der gemachten Beute. Deswegen wäre es sehr gut, allerchristlichster Kaiser, wenn Ew. Majestät einige aufs nachdrücklichste bestrafen liessen und dadurch zu erkennen gäben, daß Allerhöchstdenenselben mit solchen Dingen, die Gott ein Greuel sind, kein Dienst geschehe.“

Alles obige sind die eigenen Worte des erwähnten Bischofs auf Sancta Marta. Sie zeigen deutlich genug, wie man noch heutiges [122] Tages mit den unschuldigen Bewohnern jener unglücklichen Länder verfährt. Kriegerische Indianer nennt er diejenigen, welche so glücklich waren, dem Blutbade der verruchten Spanier zu entkommen und sich in die Gebirge zu flüchten. Unter friedlichen aber versteht er diejenigen, welche sie, nachdem die meisten ihrer Landsleute umgebracht waren, zu obenbeschriebener abscheulicher und barbarischer Knechtschaft verdammten, worin sie alsdann ebenfalls nach und nach umkommen mußten, wie man aus den angeführten Worten des Bischofs zur Genüge ersiehet; und wahrlich, er hat kaum den tausendsten Theil ihrer Leiden geschildert.

Wenn die Spanier den Indianern schwere Lasten aufbürden, die sie ins Gebirge tragen müssen; wenn sie dann vor Arbeit und Entkräftung ohnmächtig darnieder stürzen; wenn die Spanier ihnen Fußtritte geben, mit Stöcken sie schlagen, ihnen die Zähne mit den Degenknöpfen einstoßen, damit sie weder ausruhen, noch Athem holen sollen; dann pflegen die Indianer zusagen: Geht, ihr bösen Menschen! Ich kann nicht mehr! Schlagt mich todt! Hier wünsche ich zu sterben und auszuruhen! – Dies sagen [123] sie mit beklemmter Brust und unter tiefen Seufzern, die deutlich genug von Schmerz und Beängstigung zeigen. Ach, wer kann nur den hundertsten Theil von allem dem Jammer und Elend beschreiben, das diese schuldlosen Menschen von den verruchten Spaniern erduldeten! Gott sey mit demjenigen, der solchen Personen eine Schilderung davon macht, die ihre Noth lindern können, und deren Pflicht es ist, dies zu thun.


Carthagena.

Die Provinz Carthagena liegt funfzig Meilen unterhalb Sancta Marta gegen Westen. Sie erstreckt sich längs der Provinz Cenu hin, bis an den Golf von Uraba. Beide nehmen über hundert Meilen an der Seeküste ein, und das Innere des Landes läuft weit gegen Mittag hin. Diese Provinzen wurden vom Jahre eintausend vierhundert acht und neunzig oder neun und neunzig bis auf den heutigen Tag gerade so behandelt, geängstigt, verheert und entvölkert, wie Sancta Marta; denn die Spanier verübten darin die größten Grausamkeiten, Mordthaten und Räubereyen. Damit ich desto geschwinder [124] damit fertig werde, will ich sie mit Stillschweigen übergehen, und dafür die Frevelthaten erzählen, welche noch bis auf den heutigen Tag in andern Provinzen begangen werden.


Die Perlenküsie, Paria und Trinitad.

Von der Küste Paria’s bis an den Golf von Venezuela sind, mit Ausschuß desselben, zweihundert Meilen. In diesem Strich Landes war es, wo die Spanier die größten Verwüstungen anrichteten. Sie suchten die Einwohner, soviel sie nur konnten, lebendig zu fangen, und verkauften sie nachher als Sklaven, Häufig nahmen sie dieselben mitten im Frieden und während der Amnestie, die sie ihnen zugestanden hatten, hinweg. Diese guten Leute nahmen sie in ihre Häuser und wie ihre leiblichen Kinder auf, gaben ihnen, was sie hatten, und bedienten sie so gut als sie nur immer konnten; dennoch hielten ihnen die Spanier weder Treue noch Glauben. Schwerlich würde man alle die zahlreichen und häufigen Ungerechtigkeiten, Beleidigungen und Mißhandlungen einzeln erzählen und beschreiben können, welche die Bewohner dieser Gegend [125] vom Jahre eintausend fünfhundert und zehn bis auf den heutigen Tag von den Spaniern erdulden mußten. Ich will deren nur zwei bis drei erzählen , woraus man auf unzählige andere schließen kann, die äußerst strafbar und des Feuers würdig waren.

Die Insel Trinitad ist größer und fruchtbarer, als Sicilien, und hängt in der Gegend von Paria mit dem festen Lande zusammen. Ihre Bewohner sind in ihrer Art das tugendhafteste und gutmüthigste Volk in ganz Indien. Auf diese Insel kam im Jahre eintausend fünfhundert und sechzehn ein raubgieriger Spanier, und brachte noch sechzig bis siebenzig ausgelernte Straßenräuber mit. Diese machten den Indianern weis, sie kämen bloß in der Absicht, dort zu wohnen und unter ihnen zu leben. Die Indianer nahmen sie so liebreich auf, wie ihre eigenen Kinder; Herr und Unterthan bedienten sie mit der größten Bereitwilligkeit und Liebe, und brachten ihnen täglich so viel zu essen, daß man von dem, was übrig blieb, noch einmal so viele Menschen hätte sättigen können; denn es war unter den freygebigen Bewohnern der neuen Welt allgemeine Sitte, den Spaniern alles, dessen [126] sie bedürftig waren, im Ueberfluß zu verschaffen und alles das Ihrige herzugeben. Sie baueten ihnen auch ein großes hölzernes Haus, worin die Spanier zusammen wohnen konnten; denn sie wollten es so, und verlangten nur ein einziges, damit sie dasjenige vollbringen konnten, was sie sich vorgesetzt hatten und bald darauf auch wirklich vollbrachten. Da sie nun die Latten oder Sparren mit Stroh belegten, und schon zwei Mann hoch mit dem Bau fertig waren, so daß diejenigen, welche darin waren, die andern, welche sich draußen befanden, nicht sehen konnten, stecken die Spanier, unter dem Vorwande, das Haus müsse aufs schleunigste vollends ausgebaut werden, sehr viele Leute hinein, und fingen nun an, sich zu vertheilen. Mehrere stellten sich derjenigen wegen, die allenfalls entspringen möchten, von außen bewaffnet ums Haus, die andern aber gingen hinein. Nun legten sie Hand an ihre Schwerdter, drohten den nackten Indianern, sie sollten sich nicht rühren, sonst werde es ihnen das Leben kosten, nahmen diejenigen, welche entfliehen wollten, mit Gewalt hinweg, und hieben verschiedene in Stücken. Einige, theils verwundete, theils gesunde, entsprangen, [127] griffen, nebst andern Einwohnern des Ortes, die nicht in das Haus gegangen waren, nach Pfeil und Bogen, und flüchteten sich in ein anderes Haus, mit dem Vorsatze, sich zu wehren. Da nun ihrer hundert oder zweihundert darin waren, und den Eingang vertheidigen, warfen die Spanier Feuer hinein, und verbrannten sie alle lebendig. Darauf gingen sie mit ihrem Raube, der etwa in hundert und achtzig bis zweihundert Menschen bestand, wieder zu Schiffe, spannten die Segel auf, und fuhren nach der Insel Sanct Juan, wo sie die eine Hälfte als Sklaven verhandelten; die andere Hälfte aber setzten sie auf der Insel Hispaniola ab. Da ich mich zur nehmlichen Zeit auf der Insel Sanct Juan befand, so machte ich dem Capitain Vorwürfe wegen dieser so boshaften und verrätherischen That; er antwortete mir aber: Herr, lassen Sie mich in Ruhe! Diejenigen, welche mir meine Instruction gaben, und mich aussandten, geboten mir ausdrücklich, ich sollte feindselig gegen diejenigen verfahren, die sich nicht gutwillig gefangen nehmen liessen! Uebrigens versicherte er mich, die Indianer hatten ihm so viel Gutes erzeigt, daß er mit Wahrheit sagen [128] könne, er sey zeitlebens nicht liebreicher behandelt worden, als auf der Insel Trinitad, und hier erst habe er Vater und Mutter angetroffen. Was er da sagte, gereichte ihm zu desto größerer Beschämung, und erschwerte nur sein Verbrechen. So machten es aber die Spanier in diesem Lande unzähligemal; wenn die Indianer sich am sichersten glaubten, fiel man über sie her, und schleppte sie in die Sklaverey. Man schließe hieraus, wie die Werke der Spanier beschaffen waren, und was für Recht sie hatten, Menschen zu Sklaven zu machen, die auf solche Art weggenommen wurden.

Geistliche unsers Ordens, nehmlich Dominicaner, faßten einst den Entschluß, diesen Leuten das Evangelium zu predigen, und sie zum christlichen Glauben zu bekehren. Denn es gebrach diesen Seelen, wie noch heutiges Tages den meisten Indianern, an Licht und geistlichem Beistande zu Erlangung der Seligkeit. Sie schickten demnach einen sehr frommen und tugendhaften Ordensgeistlichen dahin, und gaben ihm einen Laienbruder zum Gefährten. Er sollte das Land in Augenschein nehmen, mit den Einwohnern in Unterhandlung treten, und Gegenden [129] aussuchen, wo man allenfalls Klöster erbauen könne. Als diese Mönche dort ankamen, wurden sie von den Indianern wie Boten des Himmels empfangen. Sie verstanden zwar damals ihre Sprache noch nicht, und mußten sich mehr durch Zeichen als Worte verständlich zu machen suchen; dennoch aber hörten ihnen die Einwohner des Landes mit vieler Rührung, Aufmerksamkeit und Freudigkeit zu. Nun begab es sich, daß bald nachher, als das Schiff, welches diese Geistlichen dort aussezte, wieder abgesegelt war, ein anderes daselbst anlegte. Die darauf befindlichen Spanier handelten auch hier nach ihrer höllischen Gewohnheit, hintergingen und entführten den Herrn des Landes, ohne daß die Geistlichen ein Wort davon wußten. Er nannte sich Don Alonso; ein Name, den ihm entweder die Geistlichen oder andere Spanier beigelegt hatten; denn die Indianer führen gern christliche Namen, sind sehr begierig darnach, bitten sich dergleichen gleich anfänglich aus, und bilden sich etwas darauf ein, eh sie noch einmal wissen, ob sie getauft werden sollen. Genug, besagter Don Alonso ward, unter dem Vorwande einem Festin beizuwohnen, verleitet, [130] sich nebst seiner Gemahlin und mehrern andern Personen auf das spanische Schiff zu begeben. Ihn und sein Weib mitgerechnet, befanden sich in allem sechszehn Eingebohrne des Landes darauf. Sie alle glaubten steif und fest, da jene Geistlichen sich in ihrem Lande befänden, würden die Spanier ihnen nichts zu leide thun; außerdem würden sie sich denselben gewiß nicht anvertrauet haben. Kaum waren die Indianer ins Schiff getreten, da segelten die Verräther ab, begaben sich nach Hispaniola, und verhandelten sie dort als Sklaven.

Als die Einwohner des Landes sahen, daß man ihren Beherrscher nebst seiner Gemahlin entführt hatte, liefen sie Schaarenweise zu den Mönchen, und wollten sie ermorden. Als diese die verruchte That erfuhren, entsetzten sie sich sehr, und es ist zu glauben, daß sie gern ihr Leben darum gegeben hätten, dies Bubenstück zu vereiteln; besonders da jene Seelen dadurch auf immer verhindert wurden, das Wort Gottes zu hören und anzunehmen. Sie besänftigten sie so gut sie konnten, und versprachen ihnen, sie würden mit dem ersten dort ankommenden Schiffe nach Hispaniola schreiben, und es dahin [131] bringen, daß sie ihren Beherrscher, nebst allen, welche er bei sich hätte, wieder bekämen. Gott fügte es, daß bald darauf ein Schiff dort anlegte, damit diejenigen, welche die Regierungsgeschäfte besorgten, desto weniger Entschuldigung fänden. Sie schrieben an die Geistlichen nach Hispaniola, baten, flehten einmal über das andere um Hülfe; allein die Oydoren dachten gar nicht daran, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; denn selbst ihnen waren einige von den Indianern zu Theil worden, die jene Barbaren so ungerechter und boshafter Weise hinweggeschleppt hatten.

Ein für allemal hatten jene beiden Geistlichen den Indianern des Landes versprochen, sie sollten ihren Gebieter Don Alonso nebst allen übrigen in Zeit von vier Monaten wieder bekommen. Da sie nun sahen, daß sie weder in vier noch in acht Monaten zum Vorschein kamen, so bereiteten sie sich zum Tode, und machten sich gefaßt, demjenigen ihr Leben zu opfern, welchem sie es bereits vor ihrer Abreise gewidmet hatten. Die Indianer tödteten sie, und nahmen gerechte Rache, obgleich an unschuldigem Blute; denn sie glaubten nicht anders, als daß die Geistlichen [132] jene Verrätherei angestellt hätten. Auch sahen sie, daß dasjenige, was sie ihnen versprochen hatten, in Zeit von vier Monaten nicht erfüllt wurde. Ueberdies wußte man damals, und man weiß bis auf den heutigen Tag im ganzen Lande kein Wort davon, daß zwischen Ordensgeistlichen und jenen spanischen Tyrannen, Mördern und Räubern, der geringste Unterschied sey. Jene glückseligen Geistlichen litten ungerechterweise; mithin wird wohl niemand zweifeln, daß sie ihres unschuldigen Todes wegen, nach den Grundsätzen unserer heiligen Religion, als wahre Märtyrer zu betrachten sind, und gegenwärtig in Gottes freudenreichem Himmel leben und regieren. Wie dem aber auch sey, so ist doch so viel gewiß, daß sie bloß aus Gehorsam dies Land besuchten; daß sie den Vorsatz hatten, das Evangelium dort zu predigen und zu verbreiten; alle jene Seelen seelig zu machen, alle Mühseligkeiten geduldig zu ertragen, und um Jesu Christi des Gekreuzigten willen, selbst den Tod nicht zu scheuen.

Zu einer andern Zeit wurden wieder zwei Dominikaner und ein Franziskaner von den Indianern getödtet, weil die Christen so tyrannische [133] und abscheuliche Handlungen begingen. Ich selbst befand mich als Augenzeuge dabei, und Gott entriß mich dem Tode wirklich auf wunderbare Art. Von diesem greulichen und entsetzlichen Fall, worüber die Welt erstaunen würde, könnte ich vieles erzählen. Da er aber sehr umständlich ist, so werde ich seiner zu einer andern Zeit erwähnen. Der Tag des Gerichts wird ihn vollends klar machen; dann wird Gott Rache fodern, wegen all der Greuel und Missethaten, welche diejenigen, die sich Christen nennen, in Indien verübten[16].

In diesem Lande, und zwar am Vorgebirge von Codera lag ein Ort, dessen Herr sich Higorotto nannte; es sei nun, daß dies sein eigener Name war, oder daß alle Herren dieses Ortes [134] ihm führten. Er war ein so guter Mann, und hatte so tugendhafte Leute zu Unterthanen, daß alle Spanier, welche dort landeten, Zuflucht, Nahrung, Ruhe, kurz Rath und Hülfe bei ihm fanden. Er rettete ihrer viele vom Tode, die nach verübten Bedrückungen und Gewaltthätigkeiten, aus andern Provinzen sich halb verhungert zu ihm flüchteten; half ihnen fort, und ließ sie auf der Perleninsel, wo die Christen eine Colonie hatten, in Sicherheit bringen. Er konnte sie tödten, ohne daß es jemand erfahren hätte, that es aber nie. Endlich kam es so weit, daß alle Christen den Wohnort des Higorotto nur ihre Herberge nannten.

Da diese Leute so ganz sicher waren, kam einst ein unseliger Barbar auf den Einfall, einen [135] Sprung dahin zu machen. Er kam mit einem Schiffe daselbst an, und lud viel Volks zu sich ein, daß der Gewohnheit nach sein Fahrzeug besuchte, und ihm gleich andern traute. Als sich nun recht viele Männer, Weiber und Kinder darauf befanden, ließ er die Segel spannen, und fuhr gerades Weges nach St. Juan, wo er sie sämtlich als Sklaven verkaufte. Ich befand mich damals gerade auf dieser Insel, sah den erwähnten Barbaren daselbst, und hörte, was er begangen hatte. Nach seiner Abreise war der Ort ganz Menschenleer; dies verdroß die spanischen Räuber, welche an der dortigen Küste stahlen und plünderten, nicht wenig, und sie selbst verfluchten diese abscheuliche That, wodurch ihr allgemeiner Zufluchtsort, worin sie so sicher wie in ihren eigenen Wohnungen waren, verheert wurde.

Ich sage nochmals, daß ich eine Menge Verbrechen und Missethaten, die auf die nemliche Art in jenen Gegenden begangen wurden, und noch bis auf den heutigen Tag daselbst begangen werden, mit Stillschweigen übergehe.

Auf dieser volkreichen Küste wurden mehr als zwei Millionen Menschen geraubt, und auf die Inseln Hispaniola und St. Juan geschleppt. [136] Dort kamen sie sämtlich ums Leben, weil man sie entweder in die Bergwerke steckte, oder zu andern schweren Arbeiten verdammte. Hierunter ist nicht einmal die Volksmenge mit begriffen, die es ehedem, wie wir weiter oben sagten, auf diesen Inseln gab. Es ist ein Jammer, und das Herz möchte einem zerspringen, wenn man wahrnimmt, daß dieser so große fruchtbare Strich Landes ganz öde liegt und entvölkert ist.

Es ist eine ausgemachte Wahrheit, daß die Spanier nie ein Schiff voll Indianer wegführten, die sie auf obbeschriebene Weise geraubt und gestohlen hatten, ohne daß dabei ein Drittheil ihrer Ladung ins Meer geworfen wurde. Dies kommt davon her, daß sie viele Menschen nöthig haben, wenn sie ihren Zweck erreichen, viel Sklaven holen, und viel Geld lösen wollen. Daher geizen sie mit Speise und Trank, damit es den Tyrannen, welche sie Armadores (Rheder) nennen, nicht zu viele Kosten mache. Beides ist oft für die Spanier selbst kaum zureichend, die auf Raub ausziehen; die unglücklichen Indianer bekommen dann gar nichts, sterben vor Hunger und Durst; also fort mit ihnen ins Meer! Ein Spanier selbst erzählte mir als Wahrheit, [137] es sey einst ein Schiff von den Lucaischen Inseln, wo dergleichen Unmenschlichkeiten häufig begangen wurden, bis nach Hispaniola, welches sechszig bis siebenzig Meilen davon liegt, ohne Kompaß und Seekarte geseegelt, weil ihm der Lauf, welchen es nehmen mußte, von den Leichnamen der Indianer vorgezeichnet worden sey, die man aus den Schiffen ins Meer gestürzt hatte.

Wenn nun diese Unglücklichen auf der Insel, wo man sie verkaufen will, ausgeschifft werden, dann muß vollends jedem, der nur einen Funken von Gefühl besitzt, das Herz bluten, wenn er diese nackten hungrigen Leute siehet; wenn er wahrnimmt, wie Kinder und Greise, Männer und Weiber, vor Hunger entkräftet zu Boden sinken. Dann sondert man sie ab wie die Schafe, trennt die Väter von ihren Kindern, die Weiber von ihren Männern; theilt sie in Haufen von zehn bis zwanzig Personen, und wirft das Loos über sie. Hierauf bekommen die ruchlosen Armadoren ihr Theil; so pflegt man diejenigen zu nennen, welche Geld zusammenschießen, eine Armade von zwei bis drei Schiffen ausrüsten, und die schändlichen Räuber bezahlen, die jene [138] Unschuldigen in ihren Häusern überfallen und entführen. Fällt nun das Loos etwa auf einen Haufen, worunter sich ein Greis oder ein Kranker befindet, so pflegt wohl der Tyrann, dem er zu Theil wird, zu sagen: zum Teufel mit dem alten Kerl! Warum gebt ihr mir ihn? Soll ich vielleicht für sein Begräbniß sorgen? Und was mache ich mit dem Kranken da? Soll ich ihn behalten und curiren lassen? – Da sieht man, wie die Indianer von den Spaniern geachtet werden; wie diese das göttliche Gebot der Nächstenliebe befolgen, an welchem doch das ganze Gesetz nebst den Propheten hängt.

Die Tyrannei, welche die Spanier beim Perlenfang oder bei der Perlenfischerei gegen die Indianer verüben, ist eine der grausamsten und verdammenswürdigsten Erfindungen von der Welt. In dieser Zeitlichkeit giebt es gewiß keine qualvolle Höllenarbeit, die mit dieser zu vergleichen wäre; obgleich das Goldgraben in den Bergwerken ebenfalls in seiner Art sehr mühsam, und mit unbeschreiblichen Beschwerlichkeiten verbunden ist. Man senkt sie nemlich drei, vier, auch wohl fünf Klaftern tief ins Meer, und zwar von Sonnenaufgang bis zu Sonnenuntergang. [139] Da müssen sie die ganze Zeit über ohne Athem zu holen unter dem Wasser herumschwimmen, und die Muscheln losreißen, worin Perlen wachsen. Haben sie ihre Netze damit angefüllt, so dürfen sie wieder empor kommen, und ein wenig verschnauben. Nicht weit davon ist ein spanischer Henkersknecht in einem Nachen oder kleinen Bote befindlich. Ruhen sie zulange, so stößt er sie wieder ins Wasser, oder reißt sie bei den Haaren hinein, damit sie fortfahren zu fischen. Ihre Speise besteht in Fischen, meist in den nemlichen Schalthieren, worin die Perlen wachsen, in Cazabi-Brod und etwas Mais; denn andere Brodarten kennt man hier nicht. Jene Nahrung, und dies ist sehr mühsam zu backen; mithin bekommen sie dessen nicht genug. Des Nachts müssen sie auf der Erde schlafen, und werden in den Stock geschlossen, damit sie nicht entlaufen können. Oft tauchen sie bei dieser Fischerei, oder beim Perlenfang, unter, und kommen nicht wieder empor, weil sie von Hayfischen und Seehunden umgebracht und gefressen werden; denn diese zwei Gattungen von Seethieren sind so gefräßig, daß sie einen erwachsenen Menschen verschlingen können.

[140] Da sehe man, wie christlich die Spanier beim Perlenfang verfahren! wie sie die göttlichen Gebote befolgen, worin Liebe gegen Gott und den Nächsten anbefohlen wird! wie sie um des leidigen Geizes willen, ihren Nächsten in Leibes, und Seelengefahr stürzen! Die meisten Indianer fahren ohne Glauben und Sacramente dahin. Fast alle können diese abscheuliche Lebensart nur wenige Tage ertragen; denn es ist schlechterdings unmöglich, daß Menschen, die ohne Athem zu schöpfen unter Wasser arbeiten müssen, lange leben können. Ihr Körper wird unaufhörlich von Kälte durchdrungen; ihre Brust wird vom häufigen Zurückhalten des Athems zusammengepreßt; mithin bekommen sie Blutspeien und Durchfall, und sterben daran. Ihr Haar, das von Natur schwarz ist, bekommt eine ganz andere Farbe, und wird brandroth, wie das Fell der Meerwölfe. Auf ihrem Rücken schlägt Salpeter aus; kurz, sie sehen wie Ungeheuer in Menschengestalt aus, oder doch wenigstens wie Menschen von einer ganz andern Art. Durch diese unerträgliche Arbeit und wahre Höllenquaal, richteten die Spanier, als sie auf dies Erwerbsmittel verfielen, die sämtlichen Bewohner [141] der Lucaischen Eilande hin, Sie bezahlten für einen derselben funfzig bis hundert Castilianer, und verkauften sie öffentlich; denn die Lucayer waren als treffliche Taucher bekannt. Vergebens hat die Regierung, so ungerecht sie in andern Fällen war, diesen Handel verboten. Außerdem brachten sie noch unzählige Menschen aus andern Inseln auf die nemliche Art ums Leben.


Yuya Pari.

Die Provinz Paria durchwässert ein Strohm, Yuya Pari genannt. Es ergießt sich derselbe wohl auf zweihundert Meilen ins Land herab. Im Jahr eintausend fünfhundert neun und zwanzig ward er von einem verruchten Tyrannen, der etwas mehr als vierhundert Mann bei sich hatte, auf einem großen Strich Weges beschifft. Dieser richtete entsetzliche Verheerungen an, verbrannte sehr viele Unschuldige lebendig, die friedlich und sorglos in ihren Wohnungen lebten, ließ sie über die Klinge springen, entvölkerte ganze Gegenden, und sengte und brennte überall. Er starb zwar endlich eines bösen Todes, und seine Armada ward zerstreut; [142] nach ihm kamen aber andere Barbaren, die eben so tyrannisch und gewaltthätig verfuhren; und noch bis auf den heutigen Tag erwürgt man dort Seelen, die der Sohn Gottes mit seinem Blut erlösete, und schickt sie zur Hölle.


Venezuella.

Im Jahr eintausend fünfhundert sechs und zwanzig ward unser König und Herr, durch gewisse höchst schädliche und betrügliche Vorstellungen hintergangen; wie man denn immer daran arbeitete, ihm die Wahrheit zu verheelen, daß sich die Spanier in Indien an Gott und Menschen und seiner Königlichen Würde auf die schrecklichste Art versündigten. Dem zufolge schloß er mit gewissen deutschen[17] Kaufleuten eine Kapitulation, oder einen Vertrag, vermöge dessen er ihnen ein ganzes großes Reich, größer als das Königreich Spanien, Venezuela nemlich, nebst der Verwaltung desselben, und allen dazu gehörigen Gerechtsamen überließ. Sie kamen [143] mit etwas mehr als dreihundert Mann in dies Land, und fanden an den Bewohnern desselben eben so sanfte, ja noch weit sanftere Lämmer, als alle andern Indianer dieser Gegenden waren, ehe sie von den Spaniern gemißhandelt wurden. Ich denke aber, sie wütheten weit grausamer unter ihnen, als alle bereits erwähnte Barbaren; ja noch viehischer und rasender, als die blutgierigsten Tyger und wüthigsten Wölfe und Löwen. Vor Geiz und Habsucht handelten sie weit toller und verblendeter, als alle ihre Vorgänger, ersannen noch abscheulichere Mittel und Wege, Gold und Silber zu erpressen, setzten alle Furcht vor Gott und dem Könige, und alle Schaam vor Menschen hintenan; und da sie so große Freiheiten genossen, und die Jurisdiction des ganzen Landes in Händen hatten, so vergaßen sie beinahe, daß sie Sterbliche waren.

Diese eingefleischten Teufel verwüsteten, verheerten und entvölkerten einen sehr fruchtbaren Strich Landes von mehr als vierhundert Meilen. Es gab darin große und herrliche Provinzen, Thäler, die vierzig Stunden im Umkreis hatten, sehr reizende Gegenden, und eine Menge ansehnlicher Ortschaften voll Menschen und Gold. [144] Hier wurden verschiedene große Völkerschaften nebst ihrer Landessprache so ganz ausgerottet, daß auch nicht einer mehr übrig ist, mit dem sie reden konnten; es müßte denn seyn, daß einige sich in Hölen und in das Innere der Erde verborgen, hätten, die dem verderblichen Schlachtmesser dieser Fremdlinge entrannen. Sie mordeten und erwürgten, meines Bedünkens, mehr als vier bis fünf Millionen dieser unschuldigen Leute, auf die unerhörteste, ruchloseste, boshafteste Art, und stürzten ihre Seelen in die Hölle. Ja noch jezt, auf den heutigen Tag, hört das Würgen nicht auf. Von unzähligen Verbrechen, Gottlosigkeiten, und Greuelthaten, die allhier begangen wurden und begangen werden, will ich nur etwa drei bis vier berühren. Man wird daraus auf diejenigen schließen können, wodurch die ungeheure Entvölkerung bewirkt wurde, von welcher ich oben sprach.

Sie nahmen den Oberherrn dieses Landes, ohne die mindeste Ursach gefangen, und marterten ihn bloß in der Absicht, Gold von ihm zu erpressen. Er machte sich aber los, entkam, und flüchtete ins Gebirge. Das ganze Land gerieth hierüber in Unruhe und Schrecken, und [145] die Einwohner verbargen sich auf Bergen und Felsen. Die Spanier aber zogen gegen sie zu Felde, suchten sie überall auf, fanden sie, richteten ein fürchterliches Blutbad unter ihnen an, und versteigerten alle, die lebendig in ihre Hände fielen, öffentlich als Sklaven. In vielen, ja ehe sie den allgemeinen Oberherrn gefangen nahmen, in allen Provinzen, wo sie nur hinkamen, gingen die Einwohner ihnen entgegen, empfingen sie mit Tänzen und Gesängen, und brachten ihnen eine große Menge Goldes zum Geschenk. Der Dank, den ihnen die Christen dafür gaben, bestand darin, daß sie dieselben über die Klinge springen ließen, und in Stücken hieben, damit das Land in Schrecken gesetzt würde. Einst, als sie auf oben beschriebene Art bewillkommt wurden, ließ der tyrannische Befehlshaber der Deutschen eine große Menge Volks in ein Haus von Stroh sperren, und befahl, sie in Stücken zu hauen. Da sich oben in diesem Hause einige Balken befanden, so kletterten ihrer viele hinauf, und entgingen dem Mordschwerte dieser unbarmherzigen Menschen, oder vielmehr Bestien. Allein ihr satanischer Befehlshaber ließ das Haus anzünden, und alle diejenigen, welche noch übrig [146] waren, lebendig verbrennen. Daher kam es, daß man sehr viele Ortschaften fand, die ganz von Menschen entblößt waren; denn ihre Bewohner flohen in die Gebirge, und hoften dort Rettung zu finden.

Einst kamen sie in eine andere große Provinz, die an der Gränze des Königreichs Sancta Marta lag. Hier trafen sie die Indianer in ihren Häusern und Wohnörtern, über ihren Arbeiten und im tiefsten Frieden an. Lange blieben sie bei ihnen liegen, und verzehreten ihre Habe. Die Indianer bedienten sie so eifrig, als hätten sie Leben und Seligkeit von ihnen zu erwarten, und erduldeten alle ihre unaufhörliche Bedrückungen und gewöhnliche Grobheiten, die in der That unerträglich sind; denn ein einziger spanischer Vielfraß verschlingt in einem Tage mehr, als eine Haushaltung von zehn Indianern auf einen ganzen Monat bedarf. Diese guten Leute gaben ihnen damals eine große Summe Goldes von freien Stücken, und erwiesen ihnen noch außerdem unendlich viel Gutes. Als die Barbaren endlich abmarschiren wollten, beredeten sie sich, ihre Hauswirthe folgendergestalt zu belohnen. Der tyrannische deutsche Gouverneur – [147] und wir halten ihn noch überdies für einen Ketzer; denn er hörte nie Messe, erlaubte auch andern nicht sie zu besuchen, und ließ noch außerdem deutliche Kennzeichen des Lutherthums blicken, woran man ihn erkennen konnte – ließ so viel Indianer nebst ihren Weibern und Kindern fangen, als nur immer zu bekommen waren. Sie wurden in einen Hof, oder in einen Kreis eingesperrt, der mit Pfählen umgeben. war, die man ausdrücklich hierzu verfertigt hatte. Hierauf ließ er ihnen zu wissen thun: jeder Indianer, der wieder frei seyn wollte – denn sie wußten sich nach Gutbefinden dieses boshaften Gouverneurs ranzioniren – müsse so viel Goldes für sich, so viel für sein Weib, und so viel für jedes seiner Kinder geben. Sie noch kräftiger zu zwingen, gebot er, man solle ihnen nicht das geringste zu essen geben, bis sie so viel Gold herbeischaften, als er statt des Lösegeldes begehrte. Ihrer viele schickten nach Hause, ließen Gold holen, und ranzionirten sich, so gut sie konnten. Man ließ sie los, und sie gingen wieder aufs Feld an ihre Arbeit, oder nach Hause, für ihre Nahrung zu sorgen. Der Tyrann aber sendete ihnen einige gierige raubsüchtige Spanier nach, [148] die diese bedauernswürdigen Indianer, welche sich bereits losgekauft hatten, nochmals gefangen nehmen mußten. Nun sperrte man sie wieder in den umzäumten Platz, und peinigte sie wieder so lange durch Hunger und Durst, bis sie sich zum zweitenmal löseten. So gab es ihrer viel, die zwei bis dreimal weggenommen wurden, und sich eben so oft ranzionirten; andere aber, die weder so viel besaßen, noch geben konnten, weil sie bereits all ihr Gold hergegeben hatten, mußten elendiglich verschmachten.

Ich verlasse nunmehr diese unglückliche, verheerte und entvölkerte Provinz, die Gold und Menschen in Menge enthielt, und in einem Thal von vierzig Meilen im Umkreis liegt, worin es mehr als einen Flecken gab, der aus tausend Häusern bestand.

Jener höllische Tyrann beschloß nunmehr, sich tiefer ins Innere des Landes zu begeben, und dort ein anderes Peru, oder vielmehr eine zweite Hölle zu suchen. Auf diesem abscheulichen Zuge schleppten er und die andern eine ungeheure Menge Indianer mit sich, denen man Lasten von drei bis vier Arroben aufbürdete, und die noch überdies an einander gekettet wurden. [149] Ermüdete einer oder der andere, sank er vor Arbeit, Hunger und Mattigkeit darnieder, so ward ihm sogleich oberhalb des Halseisens der Kopf abgeschlagen, damit sie sich nicht bemühen durften, die andern loszuschließen, die ebenfalls am Halseisen gingen; dann fiel der Kopf auf diese, und der Körper auf jene Seite, die Last aber, welche diese Unglücklichen getragen halten, ward unter die andern vertheilt.

Wollte ich alle die Provinzen hier nennen, die er verheerte, alle die Städte und Flecken, die er verbrannte, und um so leichter anstecken konnte, da überall die Häuser nur von Stroh waren; wollte ich die Grausamkeiten und Mordthaten erzählen, die er auf diesem Marsch beging; so würde man sich darüber entsetzen, und schwerlich mir glauben, so wahr auch immer meine Erzählung wäre. Andere Tyrannen, die nach ihm in dem nemlichen Venezuela regierten, zogen in der Folge des nemlichen Weges, und andere begaben sich in die Provinz Sancta Marta, mit dem nemlichen frommen Vorsatz, allhier das liebe heilige Haus von lauter Peruanischem Golde zu suchen. Sie alle fanden dies vormals so volkreiche und fruchtbare Land auf [150] zweihundert Meilen weit dergestalt durch Feuer und Schwert verheert, daß sie selbst, so sehr sie auch immer Tyrannen und Wütriche waren, sich der Verwunderung und des Erstaunens nicht enthalten konnten, als sie die Spuren bemerkten, die dieses Landverderben zurückgelassen hatte.

Alle diese Dinge sind von dem Fiskal des Rathes von Indien durch hinlängliche Zeugnisse erwiesen, und der Beweis ist noch jetzt bei dieser Gerichtsstelle zu finden. Gleichwohl ward kein einziger von allen diesen vermaledeiten Barbaren lebendig verbrannt. Und dennoch ist dasjenige, was auf oben gedachte Weise erwiesen ist, noch nichts gegen die übrigen Greuel und Ruchlosigkeiten, die sie in diesen Ländern verübten. Denn die sämtlichen Diener der Gerechtigkeit, die sich bis auf den heutigen Tag in Indien befinden, ließen es sich in ihrer verderblichen und unbegreiflichen Verblendung gar nicht einfallen, die Verbrechen, Mordthaten und Grausamkeiten zu untersuchen, deren sich alle diejenigen, die über Indien tyrannisirten, samt und sonders schuldig machten, und die sie auch noch gegenwärtig begehen. Sie sagen bloß: dieser oder jener ging so grausam mit den Indianern um, [151] daß der König dadurch so und so viel tausend Castilianer an seinen Einkünften verlor. Bei diesem Bericht, der noch dazu in ganz dunkeln und allgemeinen Ausdrücken abgefaßt ist, lassen sie es bewenden. Selbst dies können sie nicht einmal gehörig erweisen, aus einander setzen, und anschaulich machen. Wollten sie ihrer Pflicht gegen Gott und den König Genüge thun, so würden sie finden, daß jene deutschen Barbaren dem Könige für mehr als dreitausend Castilianer Goldes raubten. Denn die Provinzen Venezuela’s erstreckten sich, mit Inbegriff einiger andern, die ebenfalls verwüstet, geplündert und entvölkert wurden, auf vierhundert Meilweges, und waren, wie ich bereits sagte, so reich an Gold und so mit Menschen gesegnet, als irgend ein Land auf der Welt. Hier richteten sie so viel Schaden an, und schmälerten die Einkünfte der Könige von Spanien dergestalt, daß sie in diesem einzigen Reiche, in Zeit von sechszehn Jahren, einen Verlust von zwei Millionen erlitten; denn so lange ist es nunmehr, daß diese Feinde Gottes und des Königs es verheeren. Auch darf man nicht hoffen, daß dieser Schade weder jetzt noch bis an der Welt Ende [152] ersetzt werden könne; es müßte denn seyn, daß Gott alle die Millionen Seelen, welche hier in die Ewigkeit geschickt wurden, von den Todten erweckte. So viel Schaden ward bloß dem Könige und zwar nur an zeitlichen Gütern zugefügt! Nun bedenke man vollends, welcher Schade, welche Verachtung, Schmach und Lästerung Gott und der Religion zugefügt wurden! Und wodurch kann wohl der Verlust jener unzählbaren Seelen ersetzt werden, die der Geiz und die Unmenschlichkeit jener viehischen Tyrannen, der Deutschen, in die Flammen der Hölle stürzte?

Von ihrem hartherzigen und wüthigen Verfahren, führe ich zum Beschluß nur noch folgendes an. Seit der Zeit, wo sie dies Land betraten, schickten sie bis auf den heutigen Tag, also sechszehn Jahre hindurch, ganze Schiffe voll Indianer nach St. Marta, Hispaniola, Jamaica, und St. Juan, wo sie als Sklaven verkauft wurden. Dies machte zusammen über eine Million Seelen aus. Noch jetzt, im Jahr eintausend fünfhundert zwei und vierzig, hört dies nicht auf. Die auf Hispaniola befindliche Audiencia Real weis zwar von diesem [153] Handel, sieht aber dabei nicht allein durch die Finger, sondern begünstigt ihn sogar; wie sie denn alle übrigen Bedrückungen und Plackereien die auf der ganzen Küste von Terra Firma begangen werden, begünstigt, da sie doch dieselben so leicht verhindern, und ihnen abhelfen könnte. Dennoch standen die Königreiche Venezuela und Sancta Marta, die sich über vierhundert Meilen erstrecken, schon damals unter ihrer Gerichtsbarkeit, wie sie denn noch jetzt unter derselben stehn. Alle jene Indianer wurden ohne die mindeste Ursache, und bloß aus verkehrtem boshaften Willen, zu Sklaven verkauft, weil jene habsüchtigen Tyrannen hierdurch ihre unersättliche Geldgierde zu befriedigen suchten. Auf gleiche Art machten es alle andern Tyrannen in ganz Indien, indem sie diese unschuldigen Lämmer und Schafe nebst allen ihren Angehörigen auf die grausamste widerrechtlichste Art aus ihren Wohnungen rissen, mit dem Zeichen des Königs brandmarkten, und als Sklaven verhandelten.

[154]
Florida.

Seit dem Jahr eintausend fünfhundert und zehn, zogen drei verschiedene Tyrannen zu verschiedenen Zeiten in dies Land, und hauseten daselbst eben so, wie es die andern alle, und besonders zwei von ihnen, in andern Gegenden Indiens gethan hatten. Sie gingen nemlich darauf aus, sich mit dem Schweis und Blute ihrer Nebenmenschen zu bereichern, und sich dadurch in Glücksumstände zu versetzen, die ihre Verdienste weit überstiegen. Sie alle drei starben eines bösen Todes, und gingen mit Haus und Hof, die sie in vorigen Zeiten mit Menschenblut erkauft hatten, zu Grunde. Ich selbst kann dies von allen dreien bezeugen; und ihr Gedächtniß ist nunmehr von der Oberfläche der Erde vertilgt, als hätten sie nie unter die Zahl der Lebendigen gehört. Sie hinterließen einen sehr übeln Ruf, und im ganzen Lande ward ihr Name nie ohne Verachtung und Abscheu genannt. Hier und da begingen sie einige Mordthaten; doch waren ihrer nicht viel, denn Gott raffte sie hinweg, ehe sie die Zahl derselben vergrößern konnten. Er richtete sein Auge auf sie, und [155] bestrafte sie allhier für das Böse, das sie in andern Gegenden begingen, und welches ich selbst erlebt und mit angesehen habe.

Der vierte Tyrann kam noch ganz neuerlich, nemlich im Jahr eintausend fünfhundert acht und dreißig, mit großen Absichten und einem zahlreichen Gefolge hier an. Seit drei Jahren aber hört und sieht man weiter nichts von ihm. Indessen wissen wir so viel gewiß, daß er gleich nach seiner Ankunft sehr grausam verfuhr, und sodann plötzlich verschwand. Sollte er noch leben, so wird er nebst seinen Gefährten in diesen drei Jahren, allem Vermuthen nach, viele und zahlreiche Völkerschaften vertilgt haben, wenn er anders dergleichen auf seinem Zuge angetroffen hat. Denn er ist einer von den Erfahrnen und Ausgelernten, und gehört mit zu denen, die nebst ihren Spießgesellen ganze Reiche und Provinzen zu Grunde richteten. Doch glauben wir vielmehr, Gott werde ihn auf die nemliche Art hinweggenommen haben, wie die andern.

Drey oder vier Jahre nachher, als ich obiges schrieb, kam der Ueberrest jener Barbaren, welche besagten Obertyrannen nach Florida begleiteten, von da zurück. Er war vor ihrer Abreise gestorben, [156] und ich erfuhr von ihnen eine Menge unerhörter Grausamkeiten und Uebelthaten, die sowohl von ihm selbst, als nach seinem unseligen Tode von diesen Unmenschen an den unschuldigen Indianern, die nicht das geringste verbrochen hatten, verübt worden waren; mithin war dasjenige, was mir lange zuvor ahnete, nicht ungegründet. Es sind dieser Verbrechen so viel, daß die Regel, welche ich weiter oben als Grund, sah annahm, auf’s neue dadurch bekräftigt wird, daß nemlich die Spanier nur desto größere Sünden und Missethaten gegen Gott und ihre Nebenmenschen begehen würden, je weiter sich ihre Entdeckungen und Verwüstungen erstreckten. Wir sind es müde, alle ihre verwünschenswürdigen Excesse und Blutschulden hier anzuführen; denn sie handelten nicht wie Menschen, sondern wie reissende Thiere. Deswegen können wir uns unmöglich entschließen, davon mehr als folgendes zu berichten.

Sie trafen große Ortschaften an, die von gesitteten, cultivirten und gutdenkenden Menschen bewohnt wurden. Unter diesen richteten sie, wie gewöhnlich, ein Blutbad nach dem andern an, damit sich ihre Herzen darüber entsetzen sollten. [157] Auch sie wurden dadurch geängstigt und hingerichtet, daß man ihnen Lasten, wie dem Vieh, aufbürdete. Ward etwa einer oder der andere müde, oder konnte er nicht fort, so schlossen sie ihn, wenn andere vor ihm hergingen, nicht etwa von der Kette los, sondern hieben ihm, dicht über dem Halseisen, den Kopf herunter, daß der Körper auf diese, und der Kopf auf jene Seite fiel, wie wir bereits an mehreren Stellen sagten.

Einst kamen sie in einen Ort, wo sie mit Freuden aufgenommen wurden. Man gab ihnen nicht allein Lebensmittel in Ueberfluß, sondern auch sechshundert Indianer, ihr Gepäck fortzuschaffen und ihre Pferde zu besorgen. Kaum waren die Barbaren fort, da kam ein Officier wieder zurück, der ein naher Anverwandter vom Obertyrannen war. Dieser plünderte das Dorf, dessen Einwohner sich nichts Böses vermutheten, stieß den König und Herrn des Landes nieder, und beging noch andere Grausamkeiten mehr.

In einem andern großen benachbarten Orte hieben und stachen sie jung und alt, groß und klein, ohne alle Gnade und Barmherzigkeit darnieder, weil es ihnen schien, als wären die Einwohner, [158] die von ihren schändlichen und grausamen Handlungen gehört haben könnten, zu sehr auf ihrer Hut.

Einer großen Anzahl Indianer, und zwar, wie man sagt, ihrer zweyhundert auf einmal, die entweder von freyen Stücken kamen, oder aus einem gewissen Flecken ausdrücklich hierzu berufen wurden, ließ der Obertyrann Nase und Lefzen abschneiden, so daß das ganze Gesicht bis auf den Bart verstümmelt war. Voll Jammer und Schmerz, wehklagend und vom Blute triefend, wurden sie hierauf wieder fortgeschickt, damit sie die glorreichen Thaten und Wunder dieser auf Christum getauften Verkündiger des heiligen katholischen Glaubens erzählten.

Nun überlege man einmal, was dies für Leute waren! Wie sie sich der christlichen Liebe befleißigten! Wie ihr Glaube an Gott beschaffen war, den sie doch für gerecht und gütig hielten! Mit welchem Grund sie auf ihre Religion, auf ihr Gesetz stolz seyn und sagen konnten, es sey ohne Wandel! Ungeheuer und unaussprechlich sind die Verbrechen, deren sich diese unseligen Menschen, diese Kinder der Verdammniß und des Verderbens, in jenen Gegenden schuldig [159] machten. Der verruchteste unter ihnen, nehmlich ihr Befehlshaber, starb ohne Beichte, und als einer, der von Gott und Menschen verlassen ist. Da er so ruchlos und boshaft war, so zweifeln wir gar nicht daran, daß er zur Hölle gefahren sey. Gott müßte sich denn, nach seiner überschwenglichen Gnade, im Verborgenen über ihn erbarmt, und ihm nicht nach seinen Werken vergolten haben.


La Plata-Fluß.

Seit dem Jahre eintausend fünfhundert zwei und zwanzig oder drei und zwanzig, zogen drei bis vier Heerführer an den Plata-Fluß, wo es viele große Provinzen und Reiche giebt, die von einer Menge vernünftiger und gutartiger Menschen bewohnt werden. Im Allgemeinen wissen wir zwar, daß sie auch hier vielen Schaden und Unheil anrichteten; aber einzelne von ihren sogenannten Bravourthaten können wir nicht erzählen, da dieser Theil Indiens viel entfernter, als alle übrigen ist. Inzwischen zweifeln wir nicht im geringsten, daß sie auch hier auf die nehmliche Art verfuhren, wie sie in andern Ländern bis auf den heutigen Tag verfahren. Denn es [160] sind noch immer die nehmlichen Spanier, und unter ihnen befinden sich noch ebenfalls einige, die andere Länder verheeren helfen. Sie wollen gern reiche Herren werden, wie die andern; dies wird und kann aber nicht geschehen, ohne daß sie die Indianer ermorden, plündern, ihre Volkszahl vermindern, und zwar auf eben die boshafte Art und Weise, wie es in andern Provinzen geschah.

Nachdem wir obiges bereits geschrieben hatten, erfahren wir die glaubwürdige Nachricht, daß sie in jenem Lande wirklich ganze Reiche und Provinzen zu Grunde richteten. Sie begingen unerhörte Mordthaten und Grausamkeiten unter diesen unglücklichen Völkern, und zeichneten sich hierdurch noch weit mehr, als alle die übrigen aus. Sie hatten auch ungleich mehr Muße dazu; denn sie befanden sich in einer weit größern Entfernung von Spanien. Dagegen setzten sie auch alle Zucht und Ordnung gänzlich bei Seite, wiewohl dergleichen, wie aus dem bereits Angeführten erhellet, ohnehin nicht in Indien zu finden ist.

Im Rathe von Indien ward unter andern nachfolgendes verlesen. Ein gewisser tyrannischer [161] Gouverneur gab einigen seiner Leute Befehl, sie sollten sich in gewisse Oerter verfügen, und alles darin todtschlagen, wofern ihnen die Indianer nicht vollauf zu essen gäben. Mit dieser Vollmacht reiseten sie ab; und da sich die Indianer vor ihnen, als ihren Feinden, versteckten, und ihnen, mehr aus Furcht, als aus Mangel an Gastfreyheit, wenig gaben, so brachten sie mehr als fünftausend Seelen um.

Eine beträchtliche Anzahl friedlicher Leute unterwarf sich ihnen freiwillig, und erbot sich zu ihren Diensten. Einst schickten sie nach ihnen, und da sie nicht schnell genug kamen, oder da es der Gebrauch somit sich brachte, suchten sie durch ihre Grausamkeiten Furcht und Schrecken unter ihnen zu verbreiten. Der Gouverneur befahl demnach, man solle sie andern Indianern ausliefern, die ihre Feinde waren. Da baten und fleheten sie mit Thränen, die Spanier sollten sie lieber tödten, als ihren Feinden übergeben. Weil sie nun durchaus nicht aus dem Hause, worin sie sich befanden, zu bringen waren, so hieben die Spanier sie in Stücken. Sie aber wehklagten und schrieen: wir kamen in Frieden, wollten euch dienen, und nun ermordet ihr uns? Unser [162] Blut bleibe an diesen Wänden kleben, zum Zeugniß unsers unverschuldeten Todes und eurer Grausamkeit! Gewiß, dies war einmal eine Bravourthat zu nennen. Sie verdient reichlich überdacht und bejammert zu werden.


Peru.

Im Jahre eintausend fünfhundert ein und dreißig zog ein anderer großer Tyrann mit einigem Volke in die Königreiche Peru’s. Er kam unter gleichem Titel und mit den nehmlichen Absichten und Grundsätzen, wie alle andern, dahin; denn er war einer von denen, die ihr Handwerk verstanden, und hatte alle Grausamkeiten und Schurkenstreiche mitgemacht, die seit dem Jahre eintausend fünfhundert und zehn auf dem festen Lande begangen wurden. Er mordete, raubte, plünderte ohne Maaß und Ziel, und hielt weder Treue noch Glauben. Ganze Oerter wurden von ihm verheert, und ihre Einwohner erschlagen und vertilgt. Er allein brachte so viel Unheil über dies Land, daß wir fest überzeugt sind, es sey niemand im Stande, dasselbe zu schildern und zu beschreiben. Aber der Tag des Gerichts wird es klar machen; alsdann erst werden [163] wir seine Werke kennen lernen. Wenn ich auch einige derselben in ihrer ganzen Abscheulichkeit darstellen, und die nähern Umstände angeben wollte, wodurch sie zu noch schwerern Verbrechen wurden; so würde ich doch in Wahrheit nicht Böses genug davon sagen können.

Bei seinem verderblichen Einzuge zerstörte er einige Ortschaften, tödtete ihre Einwohner und raubte eine Menge Goldes zusammen. Nicht weit davon lag eine Insel, die Puana genannt wurde; sie war stark bevölkert und ungemein reizend. Hier wurden sie von dem Herrn derselben und seinen Unterthanen wie Engel des Himmels empfangen. Sechs ganzer Monate blieben sie daselbst liegen, und fraßen den guten Leuten ihnen ganzen Vorrath auf. Endlich zeigten ihnen dieselben die Speicher, worin das Getreide aufbewahrt wurde, von welchem sie sich zur Zeit der Dürre und Unfruchtbarkeit, nebst ihren Weibern und Kindern, ernährten. Unter häufigen Thränen reichten sie es ihnen dar, damit sie nach Gutbefinden davon speisen und es aufzehren möchten. Der Dank, den sie diesen guten Leuten gaben, war der, daß sie eine große Anzahl derselben durchbohrten oder über die Klinge springen [164] ließen; diejenigen aber, welche lebendig in ihre Hände fielen, zu Sklaven machten. Sie gingen noch außerdem so schrecklich mit ihnen um, daß sie dadurch die ganze Insel von Menschen entblößten.

Von hier zogen sie nach der Provinz Tumbala, die auf dem festen Lande liegt, und verheerten und erwürgten darin alles, was sie antrafen. Da nun die Einwohner überall vor diesem furchtbaren und abscheulichen Menschen flohen, so gaben sie vor, sie empörten sich gegen den König und waren Rebellen. Dann bediente sich dieser Tyrann gewöhnlich folgender List: wenn die Einwohner, entweder weil er es befahl, oder auch wohl freiwillig, Gold, Silber, und von allem brachten, was sie im Vermögen hatten, so sagte er zu ihnen, sie sollten noch mehr bringen, bis er endlich sah, daß sie nichts mehr hatten, oder nichts mehr brachten. Dann sagte er, er nähme sie zu Unterthanen des Königs von Spanien auf, umarmte sie, ließ in zwei Trompeten stoßen, die er mit sich führte, und that ihnen kund, man werde nun von diesem Augenblick an ihnen weiter nichts abnehmen, noch ihnen sonst etwas zu leide thun. Er glaubte sich [165] also berechtigt, sie, ehe und bevor er sie unter den Schutz und Schirm des Königs von Spanien aufnahm, des Ihrigen zu berauben, oder ihnen doch wenigstens dasjenige abzunehmen, was sie ihm aus Furcht vor den greulichen Nachrichten brachten, die sie von ihm vernommen hatten. Nicht anders, als wenn er, nachdem sie nunmehr wirklich unter königlicher Protection standen, gar nicht Willens sey, sie unterjochen, plündern, morden und vernichten zu lassen, und als wenn er ihrer nicht bereits genug ausgerottet hatte.

Wenig Tage nachher näherte sich ihnen der Kaiser und allgemeine Oberherr dieser Länder, Namens Atabaliba, nebst einer großen Menge Volks, das entweder ganz wehrlos war, oder doch nur zum Spaß bewaffnet zu seyn schien. Er wußte viel davon, wie scharf ihre Schwerter, wie spitzig ihre Lanzen, wie schnell ihre Pferde, oder was diese Spanier überhaupt für Leute waren, die, wenn die Teufel Gold besäßen, selbst diese angepackt und ihnen dasselbe geraubt haben würden. Als er in die Gegend kam, wo sie sich aufhielten, rief er: wo sind denn die Spanier? Laßt sie herkommen! Ich weiche nicht [166] eher von der Stelle, bis sie mir wegen meiner Unterthanen , die sie ermordeten, wegen der Oerter, die sie verheerten, und wegen der Schätze, die sie mir raubten, Genugthuung geben! – Darauf machten sie sich an ihn, brachten eine große Menge seiner Leute um, und nahmen ihn, der in einer Sänfte getragen ward, in eigener Person gefangen. Als sie ihn in ihrer Gewalt hatten, trugen sie darauf an, er solle sich loskaufen. Da bot er ihnen vier Millionen Castilianer; er mußte deren aber wohl funfzehn bezahlen. Darauf versprachen sie ihm zwar, er solle freigelassen werden, hielten ihm aber nicht Wort, wie es die Spanier gewöhnlich mit den Indianern zu machen pflegten. Nun gaben sie ihm Schuld, er sey Ursach, daß sich das Volk zusammenrotte. Er antwortete ihnen aber: ohne seinen Willen bewege sich im ganzen Lande kein Blatt auf den Bäumen; wenn sich demnach das Volk zusammenrotte, so dürften sie nur keck glauben, er habe es befohlen; er sey ihr Gefangener, sie sollten ihn ermorden. – Dessen ungeachtet ward er verurtheilt, lebendig verbrannt zu werden, wiewohl einige den Befehlshaber baten, er solle ihn erdrosseln und sodann erst verbrennen [167] lassen. Als er dies wahrnahm, sagte er: warum wollet ihr mich verbrennen? Was habe ich euch denn gethan? Versprachet ihr mir nicht, ihr wolltet mich loslassen, wenn ich euch Gold gäbe? Gab ich euch nicht weit mehr, als ich versprochen hatte? Schickt mich doch lieber zu eurem König nach Spanien, wenn ihr wollet. – Er sagte hiernächst noch manches zur Beschämung der Spanier und zur Schande ihres ungerechten Verfahrens; dennoch verbrannten sie ihn. Man bedenke doch, mit welchem Rechte sie diesen Regenten bekriegten, gefangen nahmen, zum Tode verdammten und hinrichteten! Mit welchem Gewissen diese Barbaren ihre ungeheuren Reichthümer besitzen, da sie dieselben diesem großen Könige, wie auch unzähligen andern großen Herrn und Privatleuten, raubten.

Von unzähligen Uebelthaten und Grausamkeiten, wodurch die sogenannten Christen dies Volk auszurotten suchten, will ich nur einige hier anführen, die ein Mönch vom Orden des heiligen Franziskus gleich zu Anfang mit ansah. Er bekräftigte seine Erzählung mit Unterschrift seines Namens, und schickte Abschriften davon in alle Gegenden des Königreichs Castilien. Ich [168] selbst besitze eine dieser Abschriften, die eigenhändig von ihm unterzeichnet ist, und worin er sich folgendermaaßen ausdrückt:

„Ich, Frater Markus von Niza, Franziskaner-Ordens, und Commissarius über die Geistlichen des nehmlichen Ordens im Königreich Peru, war einer der ersten Ordensgeistlichen, der die Christen begleitete, welche zuerst in diese Provinzen kamen, und bezeuge hiermit, der Wahrheit vollkommen gemäß, einige Dinge, die ich in diesem Lande mit meinen eigenen Augen sah, und welche größtentheils die dortigen Eroberungen und die Behandlung der Eingebohrnen betreffen. Zuerst bezeuge ich, als einer der Augenzeuge war, und hiervon vollkommene Kenntniß erlangt und eingezogen hatte, daß die Indianer in Peru die gutmüthigsten unter allen Indianern sind, die ich je gesehen habe, und daß sie sich sehr freundlich und liebreich gegen die Christen betrugen. Auch sah ich, daß sie den Spaniern Gold, Silber und Edelsteine die Fülle gaben, überhaupt ihnen alles gewährten, was nur in ihren Kräften stand, und sie aufs Beste bedienten. So lange den Indianern durch Grausamkeit und üble Behandlung keine Veranlassung [169] gegeben ward, fingen sie nie Krieg an, sondern hielten sich ruhig, nahmen die Spanier in ihren Wohnörtern mit Wohlwollen und Ehrenbezeugungen auf, und gaben ihnen nicht allein Lebensmittel, sondern auch so viele Sklaven und Sklavinnen, als man von ihnen verlangte.“

„Imgleichen bezeuge und betheure ich hiermit, daß die Spanier, sobald sie in dies Land kamen, und ohne daß die Indianer die mindeste Veranlassung dazu gaben, sich vom obersten Caziquen Atabaliba mehr als zwei Millionen Goldes bezahlen ließen. Und nachdem er ihnen das Land, welches er beherrschte, ohne den mindesten Anstand unterworfen hatte, verbrannten sie besagten Atabaliba, den Herrn des ganzen Reichs, auf der Stelle. Nach ihm verbrannten sie seinen obersten Heerführer, Cochilimaca, lebendig, der doch, nebst andern Vornehmen, zum Gouverneur in Frieden kam. Auf gleiche Art verbrannten sie einige Tage nachher einen andern Caziquen, welcher Chamba hieß, und die Provinz Quito beherrschte. Er hatte nicht das geringste verbrochen, und sie wußten selbst nicht, warum.“

[170] „Eben so ungerechter Weise verbrannten sie den Beherrscher der Canarischen Inseln, Chapera. Einem andern vornehmen Herrn aus Quito, Namens Aluis, verbrannten sie die Füße, und thaten ihm noch andere schreckliche Martern an, damit er sagen sollte, wo Atabaliba’s Gold verborgen sey, wiewohl sich nachher fand, daß er gar nichts von diesem Schatz wußte. So verbrannten sie auch in Quito den Statthalter über alle Provinzen Quito’s, der Cozopanga hieß. Sebastian de Benalcazar, ein Befehlshaber des Gouverneurs, ließ ihn zu sich fodern; er kam und dachte nichts Arges. Da er aber nicht so viel Gold gab, als man von ihm verlangte; so ward er, nebst mehrern andern Caziquen und vornehmen Personen, verbrannt. So viel ich von den Spaniern vernahm, thaten sie dies in der Absicht, damit im ganzen Lande kein einziger Mann von Stande übrig bleiben sollte.“

„Imgleichen trieben die Spanier eine große Menge Indianer zusammen, und sperrten sie, so viel ihrer waren, in drey große Häuser ein. Dann warfen sie Feuer hinein und verbrannten sie sämtlich, ohne daß sie den Spaniern die mindeste [171] Veranlassung dazu gegeben, oder ihnen das geringste Leid zugefügt hatten. Es begab sich, daß ein Geistlicher, Namens Ocanna, ein Knäbchen aus dem Feuer riß; sogleich kam aber ein anderer Spanier, riß es ihm aus den Händen, und warf es mitten in die Flammen, worin es, nebst den übrigen, zu Asche verbrannte. Der nehmliche Spanier, der diesen kleinen Indianer in’s Feuer warf, ging noch desselbigen Tages nach dem Lager zurück, fiel aber unterwegs plötzlich darnieder und blieb todt; und ich war der Meinung, man solle ihn nicht beerdigen.“

„Imgleichen bezeuge ich, daß ich mehrmals mit eigenen Augen sah, wie die Spanier den Indianern die Hände abhieben, und sowohl Männern als Weibern, ohne irgend eine andere Veranlassung, als weil es ihnen so beliebte, Nasen und Ohren abschnitten. Dies geschah an so vielen Orten, daß es zu weitläuftig seyn würde, sie alle nahmhaft zu machen. Auch sah ich, daß die Spanier die Indianer mit Hunden hetzten, und sie in Stücken zerreissen liessen; wodurch ich ihrer ebenfalls sehr viele umbringen sah. Ferner sah ich sie so viele Oerter und Häuser in Brand stecken, daß ich die Zahl derselben nicht angehen [172] kann; nur so viel weiß ich, daß ihrer sehr viele waren. Auch dies ist Wahrheit, daß sie Kinder von der Brust rissen, bey den Armen anpackten und so weit fortschleuderten, als sie vermochten. Außerdem verübten sie noch so viele Unmenschlichkeiten, daß ich mich darüber entsetzte, und sie nicht einmal alle erzählen könnte.“

„Ferner sah ich, daß viele Caziquen und andere vornehme Leute, denen sie völlige Sicherheit versprochen hatten, friedlich und voll Vertrauen zu ihnen kamen, gleich nach ihrer Ankunft aber verbrannt wurden. Zwei derselben verbrannten sie sogar in meinem Beyseyn; den einen zu Andon und den andern zu Tumbala; auch war nicht leicht eine Gegend zu finden, wo sie, so sehr ich auch dagegen predigte, nicht das nehmliche thaten. Nach der genauesten Erkundigung, die ich darüber eingezogen habe, kann ich bey Gott und meinem Gewissen betheuern, daß die Indianer in Peru, wie jedermann einsehen muß, sich aus keiner andern Ursach empörten, als dieser Mißhandlungen wegen. Man hatte ihnen in der That Veranlassung genug dazu gegeben; denn man belog sie unaufhörlich, hielt ihnen nicht Wort, verheerte ihr ganzes Land auf [173] die unvernünftigste, ungerechteste und grausamste Weise, und ging so abscheulich mit ihnen um, daß sie den Entschluß faßten, viel lieber zu sterben, als dergleichen Behandlung noch länger zu dulden.“

„Ferner bezeuge ich, daß ich mehr als einmal von den Indianern vernommen habe, es liege weit mehr Goldes verborgen, als je an den Tag gekommen sey; aber wegen der Grausamkeiten, welche die Spanier gegen sie verüben, wollen und werden sie es nie entdecken; denn man behandelt sie so, daß sie weit eher ihr Leben, gleich so vielen andern, darüber aufopfern werden. Hierdurch aber wird unser Herrgott höchlich beleidigt, und Ihro Majestät ein schlechter Dienst erzeigt, ja Allerhöchstdieselben werden dadurch sogar der Gefahr ausgesetzt, ein Land zu verlieren, welches gar füglich ganz Castilien ernähren könnte, und dessen Widererlangung, meines Erachtens, mit eben so vielen Schwierigkeiten, als Kosten, verknüpft seyn dürfte.“

Dies alles sind die eigenen Worte des besagten Ordensgeistlichen. Der Bischof von Mexico hat sie noch überdies bekräftiget, und bezeugt ausdrücklich, daß alles dasjenige, was [174] Pater Markus angeführt habe, Wahrheit sey.

Man erwäge hiernächst, daß dieser Pater sagt, er habe hier nur dasjenige erzählt, was er selbst mit angesehen habe; man bedenke, daß er sich nur etwa neun bis zehn Jahre im Lande aufhielt, und höchstens einen Bezirk von funfzig bis hundert Meilen in Augenschein genommen hatte; denn er befand sich nur anfangs daselbst, da der Spanier noch wenige waren. Als sie aber noch von Gold hörten, begaben sich ihrer vier- bis fünftausend dahin, breiteten sich in diesen weiten Reichen und Ländern aus, die sich über sechshundert Meilen erstreckten, richteten dieselben gänzlich zu Grunde, und begingen überall obenerwähnte und noch weit schrecklichere Thaten. Seitdem und bis auf gegenwärtige Zeit brachten sie wahrlich noch tausendmal mehr Menschen ums Leben, setzten vollends alles Erbarmen, alle Furcht vor Gott und dem Könige bei Seite, und rotteten einen großen Theil des Menschengeschlechts aus. Seit den letzten zwei Jahren brachten sie in diesen Provinzen gewiß über vier Millionen Menschen um, und noch jetzt hört dort das Morden nicht auf.

[175] Es ist noch nicht gar lange, daß die Spanier eine große Königin mit Ruthen peitschten und ums Leben brachten. Sie war die Frau des Elingue, der diese Länder als König regierte. Die Christen vergriffen sich an ihm, und brachten ihn durch ihre Grausamkeiten so weit, daß er sich empörte, und noch jetzt im Aufruhr begriffen ist. Nun nahmen sie die Königin, seine Gemahlin, die der Sage nach noch überdies in andern Umständen war, wider Recht und Billigkeit weg, und tödteten sie, damit ihr Gemahl sich darüber kränken und grämen sollte.

Wollte ich jede Grausamkeit und Mordthat einzeln erzählen, welche die Christen im Königreich Peru begingen und noch täglich begehen; so würde sich finden, daß alle übrige, welche sie in andern Gegenden verübten, sowohl in Ansehung der Menge, als Abscheulichkeit, gegen diese für nichts zu achten sind.


Granada.

Im Jahr eintausend fünfhundert neun und dreißig zogen mehrere Tyrannen zu gleicher Zeit von Venezuela, Sancta Marta und Carthagena, in der Absicht aus, Peru zu [176] besuchen. Andere, die sich bereits in Peru befanden, machten sich ebenfalls auf den Weg, noch tiefer in jene Gegenden zu dringen. Dreihundert Meilen Landwärts, hinter Marta und Carthagena, fanden sie die herrlichsten und fruchtbarsten Provinzen, wo es nicht allein eine Menge Menschen von sehr gutem und sanftten Character, sondern auch sehr viel Gold und besonders Edelsteine von derjenigen Gattung gab, die Smaragden genannt werden. Sie nannten diese Provinzen das neue Königreich Granada, weil der Tyrann, welcher zuerst dort ankam, aus dem hier zu Lande befindlichen Granada gebürtig war. Da nun hier so viele ruchlose und grausame Menschen aus allen Gegenden zusammen kamen; da sie insgesamt so greuliche Menschenwürger und Bluthunde waren; da sie schon in andern Gegenden Indiens ihr Handwerk getrieben, und oben beschriebene Verbrechen begangen hatten; so verfuhren sie auch hier auf eine so teuflische Art, daß alles, was sie und andere in den übrigen Ländern verübt hatten, für nichts dagegen zu rechnen war.

Von unzähligen Greuelthaten, die diese drei Jahre hindurch daselbst begangen wurden [177] und noch gegenwärtig daselbst begangen werden, will ich nur einige wenige, und zwar ganz kurz berühren; denn ein Gouverneur, der einen andern, welcher in dieser Provinz raubte und mordete, nicht anerkennen wollte, damit er allein rauben und morden könnte, sandte eine Klagschrift gegen denselben ein, worin alle die Plackereien, Bedrückungen und Mordthaten, deren er sich schuldig machte, von Zeugen bestättigt wurden. Dieser Bericht ward im Rathe von Indien verlesen, und wird noch gegenwärtig dort aufbewahrt.

Die Zeugen sagen in demselben: die Indianer hätten in diesem Reiche ruhig und friedlich gelebt, und die Spanier aufs beste bedient; hätten sie von ihrer Hände Arbeit ernährt, den Feldbau und alle andere Verrichtungen statt ihrer besorgt; hätten ihnen viel Gold und Smaragden gebracht, und ihnen von allem gegeben, was sie im Vermögen gehabt. Die Spanier aber hätten die Ortschaften nebst ihren Herren und Bewohnern unter sich vertheilt, (denn hierdurch suchten sie gewöhnlich ihren Hauptzweck, nemlich Gold zu bekommen, zu erreichen) und das ganze [178] Land in die härteste und unerträglichste Knechtschaft versetzt.

Der tyrannische Oberbefehlshaber, welcher dies Land regierte, nahm den König desselben gefangen, ließ ihn sechs bis sieben ganzer Monate hinsetzen, und forderte dann, ohne die mindeste Ursache, Gold und Smaragden von ihm. Besagter König, welcher Bogota hieß, sagte in der Angst, er wolle ihnen ein ganzes Haus voll Gold geben, und hoffte, sich hierdurch aus den Händen seiner Henker zu befreien. Er schickte auch wirklich Indianer fort, die ihm Gold holen mußten; und sie brachten zu wiederholtenmalen eine Menge Goldes und Edelsteine. Da er aber kein Haus voll Gold herbeischaffen konnte, so sagten die Spanier, man müsse ihn umbringen, denn er habe sein Wort nicht gehalten. Der Tyrann befahl, man solle ihn zu ihm führen, damit er ihn verhören könne. Man stellte ihm demnach den König des Landes vor, und verklagte ihn förmlich. Der Tyrann aber fällte das Urtheil über ihn, und verdammte ihn zur Folter, wofern er nicht ein Haus voll Gold herbeischaffe. Hierauf gaben sie ihm die Wippe, gossen ihm siedendes Talg auf den Leib, legten [179] ihm an jeden Fuß eine Kette, die an einen Pfahl befestigt war, und schlossen ihn mit dem Halseisen ebenfalls an einen besondern Pfahl; zwei Menschen mußten ihm die Hände halten, und an die Fußsohlen ward ihm Feuer gelegt. Von Zelt zu Zeit trat der Tyrann hinzu, und sagte, man solle ihn vermittelst dieser Quaalen nach und nach ums Leben bringen, wofern er das versprochene Gold nicht herbeischaffe. Und so mordete man besagten König, und richtete ihn durch diese Martern hin. Während derselben zeigte Gott aber deutlich, daß ihm dergleichen Grausamkeiten ein Greuel sind; denn der ganze Ort, wo sie verübt wurden, ging im Feuer auf.

Die andern Spanier suchten es ihrem vortreflichen Anführer nachzumachen; und da sie weiter nichts gelernt hatten, als diese Leute zu zerfleischen, so thaten sie das nemliche, und jeder von ihnen marterte den Caziquen des Ortes oder der Oerter, die ihnen empfohlen waren, auf die grausamste Weise. Gleichwohl hatten ihnen diese Herren nebst ihren Unterthanen die größten Dienste geleistet, und so viel Gold und Smaragden gegeben, als sie nur konnten und hatten. Sie peinigten sie also bloß darum, daß [180] sie ihnen noch mehr Gold und Edelsteine geben sollten. Und so verbrannten und zerfleischten sie alle Großen des Landes.

Aus Furcht vor den unmenschlichen Grausamkeiten, die besonders gewisse Tyrannen in Indien begingen, flüchtete sich ein großer Herr, der Daytama hieß, nebst vielen seiner Leute ins Gebirge; denn dies ist ihre gewöhnliche Zuflucht, wofern sie anders was nüzte. Dies pflegen die Spanier Empörung und Aufruhr zu nennen. Als der tyrannische Oberbefehlshaber es erfuhr, sendete er dem Wütrich, vor dessen unmenschlichem Verfahren die friedlichen Indianer sich flüchteten, eine Verstärkung an Volk. Da es ihnen nun nichts half, wenn sie sich gleich ins Innere der Erde verborgen hätten, so fanden die Spanier ihrer viel, und ließen mehr als fünfhundert Menschen, sowohl Männer als auch Weiber und Kinder, über die Klinge springen; denn sie pflegten weder Alter noch Geschlecht zu verschonen. Auch sagen die Zeugen, der Cazique Daytama sei in eigener Person zu jenem grausamen Menschen gekommen, und habe ihm vier bis fünf tausend Castilianer gebracht. Nichts desto weniger ließ [181] der Andere ihn umbringen, und richtete oben erwähntes Blutbad an.

Einst kam eine große Menge Indianer, und bot den Spaniern ihre Dienste an; da sich nun diese von ihnen bedienen ließen, so glaubten die guten Leute in Einfalt und Demuth des Herzens, sie wären vollkommen sicher. Plötzlich aber kam des Nachts der Befehlshaber in ihren Ort, und ließ sie sämtlich, während sie schliefen oder speisten und sich von den Mühseligkeiten des Tages erholten, zusammenhauen. Dies that er bloß aus dem Grunde, die übrigen Bewohner des Landes durch dieses Blutbad in Schrecken zu setzen.

Ein andermal ließ der Befehlshaber seine sämtlichen Spanier schwören, daß sie alle Caziquen und sowohl vornehme als geringe Leute, die jeder von ihnen in seinen Diensten hätte, auf einen öffentlichen Platz bringen wollten. Hier ließ er sie samt und sonders enthaupten, so daß bei dieser Gelegenheit vier- bis fünfhundert Menschen ums Leben kamen. Die Zeugen sagen, er habe das Land hierdurch zu beruhigen gesucht.

Von einem gewissen Tyrannen insbesondere sagen die Zeugen, er habe viele Leute ermordet, [182] Männern und Weibern die Nasen und Lefzen abschneiden lassen, noch außerdem die größtes Grausamkeiten verübt, und überhaupt eine große Menge Volks vertilgt.

Ein andermal schickte der Befehlshaber den erwähnten Wütrich nebst einigen Spaniern ins Land des Bogota, und ließ Nachfrage anstellen, wer diese Provinz seit der Zeit, wo sie den Oberherrn derselben zu Tode marterten, beherrsche. Er zog hierauf viele Meilen weit im Lande umher, und ließ alle Indianer auffangen, die er erwischen konnte. Da sie ihm nun nicht sagten, wer der Nachfolger im Reiche sey, ließ er einigen die Hände abhauen, andere aber, sowohl Manns, als Weibspersonen den Hunden vorwerfen, die sie zerrissen. Auf diese Art brachte er eine Menge Indianer und Indianerinnen ums Leben. Um die vierte Stunde gegen Morgen, überfiel er einst verschiedene Caziquen nebst ihren Unterthanen, die friedlich und in der tiefsten Ruhe lebten. Vorher hatte er ihnen versprochen und sie heilig versichert, es solle ihnen nicht das mindeste zu leide gethan werden. Sie trauten diesem Versprechen, kamen aus dem Gebirge, wo sie sich verborgen hatten, wieder aufs flache [183] Land herab, und kehrten in ihre Wohnörter zurück. Da sie nun ganz sorglos lebten und sich auf sein gegebenes Wort verließen, ließ er eine Menge Menschen, sowohl männlichen als weiblichen Geschlechts, gefangen nehmen, befahl ihnen, die eine Hand ausgestreckt auf die Erde zu legen, hieb ihnen dieselbe in eigener Person mit einem Säbel ab, und sagte: er verurtheile sie deswegen zu dieser Strafe, weil sie durchaus nicht sagen wollten, wo sich ihr neuer Landesherr befinde.

Ein andermal verlangte dieser unbarmherzige Befehlshaber einen Kasten voll Gold von den Indianern, den sie aber nicht herbei schaften. Da gebot er, sie feindselig zu behandeln, und umzubringen. Unzähligen, sowohl Männern als Weibern, wurden die Hände abgehauen, und die Nasen abgeschnitten, andere aber den Hunden vorgeworfen, die sie zerrissen und fraßen.

Ein andermal sahen die Indianer einer zu diesem Reiche gehörigen Provinz, daß die Spanier drei bis vier ihrer vornehmsten Herren verbrannten. Aus Furcht flüchteten sie sich auf einen befestigten Felsen, des Vorhabens, sich gegen Feinde zu wehren, die gar nicht wußten, was [184] Menschengefühl war. Nach Aussage der Zeugen, mochten sich ungefähr vier- bis fünftausend Indianer auf diesem Felsen befinden. Der erwähnter Befehlshaber schickte hierauf einen der größten und ärgsten Wütriche ab, der alle diejenigen, welche in diesen Gegenden ungestraft morden durften, an Grausamkeit übertraf. Dieser sollte nebst der Mannschaft, welche er bei sich hatte, die indianischen Aufrührer, wie es ihm sie zu nennen beliebte, züchtigen, weil sie dem Tode und Verderben zu entrinnen suchten. Nicht anders, als hätten sie sich hierdurch eines Verbrechens schuldig gemacht, welches die Spanier von Amts und Berufs wegen ahnden und bestrafen müßten: sie, welche die ärgsten Martern ohne alle Gnade und Barmherzigkeit verdienten, da sie selbst weder Mitleid noch Erbarmen mit diesen Unschuldigen haben! Als die Spanier an besagten Felsen kamen, bemächtigten sie sich dessen mit Gewalt; denn die Indianer waren nackt und größtentheils unbewaffnet. Erst riefen die Spanier den friedlichen Indianern zu, sie sollten sich beruhigen, denn es werde ihnen nichts zu leide geschehen, wofern sie sich nicht ins Gefecht mischten. Sogleich hörte der Kampf auf. Allein der Wütrich [185] befahl seinen Spaniern, sie sollten sich der befestigten Plätze auf dem Felsen bemächtigen, und, sobald dies geschehen sey, über die Indianer herfallen. Darauf wütheten sie unter diesen geduldigen Schafen wie Tyger und Löwen, zerfleischten sie, und hieben ihrer so viel in Stücken, daß sie sogar vom Würgen ermüden und ablassen mußten. Als sie ein wenig ausgeruhet hatten, gebot der Befehlshaber, man solle alle diejenigen, die noch übrig waren, von diesem sehr hohen und steilen Felsen herabstürzen. Die Spanier stürzten sie demnach sämtlich herab, und die Zeugen sagen, man habe siebenhundert Menschen auf einmal und zu gleicher Zeit wie eine Wolke vom Felsen herabfallen sehen, die insgesamt zerschmettert wurden.

Der nemliche Barbar kam einst in einen gewissen Ort, der Cota genannt wurde. Hier nahm er eine Menge Indianer gefangen, ließ funfzehn oder zwanzig ihrer vornehmsten Herren von Hunden zerreißen, Männern und Weibern die Hände abhauen, sie an eine Schnur binden, und nach der Reihe an eine hohe Stange hängen, damit die andern Indianer sehen sollten, wie man mit diesen umgegangen sey. So hingen [186] über siebenzig Paar Hände da. Auch ließ er Weibern und Kindern die Nasen abschneiden.

Kein Mensch ist im Stande, alle die Schandthaten und Grausamkeiten zu erzählen, die von diesem Gottesfeinde begangen wurden. Sie sind unzählig, und vor ihm hatte niemand, weder hier zu Lande, noch in der Provinz Guatimala, noch in irgend einer andern Gegend wo er hinkam, dergleichen gehört oder gesehen; denn er zieht bereits seit mehrern Jahren in diesen Ländern umher, sengt und brennt überall, und rottet die Einwohner aus.

Die Zeugen sagen ferner in erwähnter Klagschrift: die Befehlshaber hätten in diesem neuen Königreiche Granada eine so ungeheure Menge Grausamkeiten und Mordthaten entweder persönlich verübt, oder doch durch die Würgengel, welche sie bei sich halten, verüben lassen, und setzten dieselben noch gegenwärtig auf eine so schreckliche Weise fort, daß dies ganze Land dadurch zerstört und zu Grunde gerichtet werde. Die meisten Indianer würden bloß deswegen umgebracht, weil man nach ihrem Golde trachte, und sie keines mehr geben könnten, da sie bereits alles was sie besessen, hergegeben hätten. Wenn [187] demnach Se. Majestät dieser Landplage nicht in Zeiten Einhalt thäten und derselben abzuhelfen suchten, so möchte es in kurzem so weit kommen, daß gar keine Indianer mehr vorhanden seyn würden, das Land zu bauen, dergestalt, daß solches forthin ganz öde und wüste liegen werde u. s. w.

An den Gränzen dieses neuen Königreichs Granada giebt es mehrere große Provinzen, namentlich Popayan und Cali, nebst noch drei andern, die sich auf vierhundert Meilen weit erstrecken. Sie alle wurden auf obenbeschriebene Weise verwüstet und zerstört, indem man ihre unzähligen Bewohner plünderte, marterte und hinrichtete. Es war ein herrlicher, fruchtbarer, ungemein stark bevölkerter Strich Landes; auch sagen alle diejenigen, welche von dort, her kommen, es sey ein Jammer und Elend, so viele und so große Ortschaften, wie sie auf ihrem Wege antrafen, ganz verbrannt und zerstört zu sehen. Flecken, die ehedem ihre tausend oder zweitausend Einwohner hatten, enthalten jezt deren kaum funfzig; andere aber sind gänzlich verwüstet und menschenleer. Sie reiseten bisweilen hundert auch wohl zwei bis dreihundert [188] Meilen weit, und fanden alles öde, verbrannt, und die ansehnlichsten Ortschaften in Schutt.

Endlich kamen noch mehr grausame Wütriche aus dem Königreiche Peru, zogen durch die Provinz Quito, und drangen in der Gegend von Carthagena und Uraba in das Königreich Granada, Popayan und Cali. Andere verruchte Tyrannen marschirten von Carthagena nach Quito, und noch andere in die Gegend am Flusse St. Juan, nach der südlichen Seeküste zu. Sie alle vereinigten sich nach und nach, verheerten und entvölkerten über sechshundert Meilen Landes, und schickten unsäglich viele Seelen in die Hölle. Das nemliche thun sie noch bis auf den heutigen Tag unter den unschuldigen und unglücklichen Völkern, wo sie sich befinden.

Die Regel, welche ich gleich zu Anfange festsezte, bleibt demnach unumstößlich wahr, daß nemlich die Spanier immer boshafter, grausamer und unmenschlicher mit diesen sanften Schafen umgehen würden. Was noch gegenwärtig in jenen Provinzen geschiehet, und mit [189] Feuer und Schwert bestraft zu werden verdient, ist ungefähr folgendes:

Wenn ihre blutigen und mörderischen Kriege zu Ende sind, so stürzen sie die Leute in jene abscheuliche Knechtschaft, von welcher ich oben sprach. Dann werden dem einem Teufel in Menschengestalt zweihundert, einem andern dreihundert Indianer empfohlen. Nun sagt der Obriste der Teufel: schickt mir hundert Indianer her! Sogleich kommen sie wie geduldige Schafe herbei. Wenn sie alle beisammen sind, läßt er dreißig oder vierzig von ihnen die Köpfe abschlagen, und sagt zu den andern: so werde ichs auch mit auch machen, wofern ihr mich nicht gut bedient, oder euch ohne meine Erlaubniß entfernt.

Möchten doch alle diejenigen, welche dies lesen, um Gottes willen bedenken, was dies für Handlungen sind! ob sie nicht alle nur erdenklichen Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten übertreffen! ob man nicht Christen von der Art mit allem Recht Teufel nennen kann! ob es nicht eben so gut sey, die Indianer dem höllischen Teufel selbst zu empfehlen, als sie den Christen anzuvertrauen, die sich in Indien befinden!

[190] Noch muß ich einer andern abscheulichen That erwähnen; ich lass’ es aber unentschieden, welche von beiden grausamer, viehischer, satanischer sey: ob diese, oder die vorerwähnte. Ich sagte bereits, daß die in Indien befindlichen Spanier blutgierige wilde Hunde halten, die darauf abgerichtet sind, die Indianer zu erwürgen und in Stücken zu zerreißen. Nun sage einmal einer, er sey Christ oder nicht, ob er je in der ganzen Welt etwas ähnliches gehört habe? Zur Verpflegung dieser Hunde, führen sie auf ihren Märschen eine Menge Indianer bei sich, die in Ketten gehen und wie eine Heerde Schweine einher getrieben werden. Man schlachtet dieselben, und bietet Menschenfleisch öffentlich feil. Dann sagt einer zum andern: Borge mir doch einmal ein Viertheil von einem dieser Schurken (Vellacos.) Ich werde nächster Tagen auch einen schlachten; dann gebe ich dir’s wieder. Nicht anders, als wenn sie einander ein Viertheil von einem Schwein oder Schöpse liehen! – Andere gehen des Morgens mit ihren Hunden auf die Jagd; wenn sie dann um Tischzeit zurück kommen, und man fragt sie: wie gieng’s? so geben sie zur Antwort: Recht gut! Meine Hunde [191] haben wohl funfzehn bis zwanzig Vellacos todt auf dem Platze gelassen! – Diese und andere teuflische Handlungen sind sogar gerichtlich und durch Prozesse erwiesen, welche diese Tyrannen mit einander führten. Läßt sich wohl etwas grausameres, abscheulicheres und unmenschlicheres, denken?

Hiermit will ich nun schließen, bis etwa Nachrichten von noch abscheulichern Bosheiten und Missethaten einlaufen, wofern anders dergleichen begangen werden können; oder bis wir wieder nach jenen Ländern zurückkehren, und von neuem dergleichen sehen, wie wir bereits ganzer zwei und zwanzig Jahre unaufhörlich mit angesehen haben. Ich betheure zugleich vor Gott und meinem Gewissen, daß ich, wie ich nach meiner Ueberzeugung fest glaube, kaum den zehntausendsten Theil, so umständlich ich auch davon schrieb, von allen den Verwüstungen, Landschäden, Mordthaten, Gewaltthätigkeiten und andern Greueln und Abscheulichkeiten angeführt und beschrieben habe, die in allen diesen Ländern verübt wurden, und noch heutiges Tages in ganz Indien verübt werden.

[192] Damit nun ein jeglicher Christ desto mehr Mitleid mit diesen schuldlosen Völkerschaften empfinden, ihr Verderben und ihren Untergang desto mehr betrauren, hingegen den Uebermuth, die Habsucht und Grausamkeit der Spanier desto herzlicher verabscheuen möge; so nehme man die von mir verbürgte Wahrheit ein für allemal als ausgemacht an, daß nie ein Indianer, seit der Entdeckung Indiens bis auf den heutigen Tag, auch nur einem einzigen Christen, auf welche Art es auch immer seyn möge, das geringste zuwider that, wofern sie nicht vorher durch die Treulosigkeit, Bosheit und Raubgierde derselben dazu gereizt wurden. Sie betrachteten die Spanier vielmehr als Unsterbliche, die vom Himmel kamen, und behandelten sie solange als solche, bis ihre Werke zu erkennen gaben, wer sie waren und was sie eigentlich wollten.

Noch muß ich Folgendes hier anmerken: daß nehmlich die Spanier von Anfang an bis auf den heutigen Tag sich eben so wenig darum bekümmerten, diesen Völkern den Glauben an Jesum Christum verkündigen zu lassen, als wenn sie Hunde oder andere unvernünftige Thiere wären. Sie suchten vielmehr die Geistlichen recht vorsetzlich [193] im Bekehrungswerke zu hindern, und fügten ihnen deswegen viele Leiden und Drangsale zu; denn sie befürchteten, es möchten ihnen Hindernisse dadurch in den Weg gelegt werden, so viel Gold und Schätze zusammen zu häufen, als ihre Habsucht sie hoffen ließ. In ganz Indien weiß man noch bis auf den heutigen Tag eben so wenig, wie vor hundert Jahren, ob Gott ein himmlisches Wesen, oder von Holz, oder von Erde sey. Neu-Spanien, woselbst sich Ordensgeistliche befanden, nehme ich allein hiervon aus; doch ist dasselbe nur als ein kleiner unbedeutender Winkel zu betrachten, wenn man es mit ganz Indien vergleicht. Aber alle übrigen Indianer starben ohne Glauben und Sacramente dahin.

Ich, Fr. Bartholomäus de la Casas oder Casaus, ward durch Gottes Barmherzigkeit bewogen, mich an den Spanischen Hof zu verfügen, und daran zu arbeiten, daß das Höllenheer aus Indien verjagt würde, damit jene unzählbaren Seelen, die Jesus Christus mit seinem Blute erlösete, nicht rettungslos und auf ewig verloren gehen, sondern vielmehr, ihren Schöpfer erkennen, und seelig werden möchten. Auch bewog mich Liebe gegen mein Vaterland Castilien [194] hierzu, damit Gott dasselbe um der entsetzlichen Sünden willen, welche gegen seine Religion, seine Ehre, und den Nächsten begangen wurden, nicht ins Verderben stürzte. Ferner munterten mich einige an diesem Hofe befindliche angesehene Personen dazu auf, die für die Ehre Gottes eifern und vom Unglück und Elend Anderer gerührt werden. Außerdem war es schon längst mein eigener Vorsatz, den ich aber immer, meiner anhaltenden Beschäftigungen wegen, nicht ausführen konnte. Endlich geschah es zu Valencia am achten December im Jahre eintausend fünfhundert zwei und vierzig, zu einer Zeit, wo die Gewaltthätigkeiten, Drangsale, Tyranneien, Mordthaten, Räubereien und Verwüstungen, Noth, Elend und alle vorerwähnte Greuel, in allen Gegenden Indiens, wo nur Christen hinkamen, aufs höchste gestiegen waren. Man ging jedoch in der einen Gegend immer grausamer und abscheulicher zu Werke, als in der andern. Mexico nebst der umliegenden Gegend, ist ein wenig besser daran; zum mindesten treibt man es dort nicht so öffentlich; denn hier, und sonst nirgends in ganz Indien, ist einige, wiewohl sehr geringfügige. Gerechtigkeitspflege; [195] übrigens werden doch die Einwohner, durch den höllischen Tribut, den sie entrichten müssen, ebenfalls ganz ausgesogen. Ich hege die größte Hoffnung, der Kaiser und König von Spanien, Don Carlos der Fünfte dieses Namens, werde hierdurch erfahren, wie boshaft und pflichtvergessen mit seinen Unterthanen und Ländern, gegen Gottes und Sr. Majestät Willen verfahren worden ist, und noch verfahren wird, und sodann – da man ihm nunmehr die Wahrheit nicht länger, wie zeither, geflissentlich verheelen kann – ernstlich darauf bedacht seyn, jenen Uebeln abzuhelfen, und dieser neuen Welt, welche Gott ihm als einem Verehrer und Beförderer der Gerechtigkeit anvertrauete, Hülfe und Beystand zu leisten. Gott wolle sein glorreiches Leben und seine Kaiserliche Regierung zum Trost der allgemeinen Kirche, und zum Heil seiner Königl. Seele, bis auf die spätesten Zeiten beglücken! Amen.

Nachdem ich vorstehendes bereits geschrieben hatte, wurden verschiedene Gesetze und Verordnungen bekannt gemacht, die Se. Majestät im Monat November des Jahres eintausend fünfhundert zwei und vierzig in der Stadt Barcellona gaben, und das Jahr darauf in der Stadt Madrit erneuerten. Vermöge derselben ward eine gewisse Einrichtung getroffen, nach welcher von nun an verfahren werden solle, [196] damit den Ruchlosigkeiten abgeholfen würde, die gegen den Nächsten verübt wurden und auf das gänzliche Verderben jenes Welttheils abzweckten. Se. Majestät ließen besagte Gesetze von vielen angesehenen, gelehrten und gewissenhaften Personen verfertigen, die deswegen in der Stadt Valladolid öffentliche Zusammenkünfte und Disputationen hielten. Diese kamen endlich alle darin überein, ihre Meinung schriftlich von sich zu geben, und näherten sich hierin, so viel sie nur immer konnten, den Geboten Jesu Christi, als wahrhafte Christen, die ihre Hände nicht mit den geraubten Schätzen Indiens befleckt, noch besudelt hatten. Denn hierdurch waren die Hände und Seelen gar vieler verunreinigt, die damals in Indien regierten. Davon rührte auch ihre Verblendung her, vermöge welcher sie es ohne das mindeste Bedenken zu Grunde richten ließen. Als diese Gesetze publicirt worden waren, ließen die bei Hofe befindlichen Beschützer jener Tyrannen häufige Abschriften davon verfertigen, und schickten sie in mehrere Gegenden von Indien; denn es verdroß sie allerseits nicht wenig, daß ihnen der Weg versperrt werden sollte, zu ihrem Antheil von jenem geraubten Gute zu gelangen. Diejenigen, welche Vollmacht hatten, jene Gegenden zu plündern, auszusaugen, und vermöge ihres tyrannischen Verfahrens zu Grunde [197] zu richten, pflegten nie auf Ordnung zu halten, sondern trieben vielmehr alles so unordentlich durch einander, daß Luzifer selbst es nicht ärger hätte machen können. Da sie nun die Abschriften jener Gesetze weit früher zu Gesicht bekamen, als die Richter, welche sie vollstrecken sollten, und hiernächst – wie man glaubhaft versichert – von denjenigen, welche sie bis dahin in ihren Sünden und Gewaltthätigkeiten unterstützt hatten, förmlich aufgehetzt wurden; so fingen sie solche Meutereyen an, daß sie sogar, als die neuen Richter dort ankamen, und die Gesetze vollstrecken wollten, sich um so weniger entblödeten, alle Furcht und allen Gehorsam gegen ihren König bei Seite zu setzen, da sie bereits alle Furcht und Liebe Gottes verloren hatten. Sie scheuten sich also nicht, in den Ruf als Landesverräther zu kommen, da sie ohnehin die schamlosesten und greulichsten Wütriche waren. Dies gilt besonders vom Königreiche Peru, wo noch jetzt, im Jahr eintausend fünfhundert sechs und vierzig, so greuliche, entsetzliche und abscheuliche Ruchlosigkeiten begangen werden, dergleichen noch nie, weder in Indien noch in der ganzen Welt begangen wurden. Sie verüben dieselben nicht etwa bloß gegen die Indianer (denn die meisten derselben sind bereits todt;) auch nicht in diesen Gegenden, (denn diese sind größtentheils Menschenleer) [198] sondern unter sich selbst, und zwar durch Gottes Gericht; denn da sie der Gerechtigkeit des Königs sich zu entziehen suchten, so kam die Rache vom Himmel, und schickte es so, daß einer des andern Henker ward. Als nemlich die übrigen in andern Provinzen wahrnahmen, daß diese sich empörten, so gehorchten auch sie den Gesetzen, nicht mehr, gaben vor, sie würden Vorstellungen dagegen machen, und rebellirten folglich so gut wie die andern; denn es that ihnen weh, das ungerechte Gut, welches sie an sich gerissen, wieder heraus zu geben, und die Indianer, welche sie zu ewiger Knechtschaft verdammt hatten, wieder in Freiheit zu setzen. Da sie dieselben fernerhin nicht mehr durch das Schwerdt umbringen durften, so richteten sie dieselben nach und nach durch unerträgliche Drangsale und persönliche Plackereien hin. Selbst der König ist nicht mächtig genug, diesem Unwesen Einhalt zu thun; denn die Großen und Kleinen fahren noch immer mit Plündern fort; diese mehr, jene weniger; einige öffentlich und ohne Heel, andere insgeheim und verstohlner Weise. Unter dem Vorwande, dem Könige zu dienen, entehren sie Gott, und berauben den König.


  1. Columb entdeckte diese Insel im Jahr 1492 und nannte sie nachmals Sanct Domingo, zu Ehren seines Vaters Dominikus. Ihre Länge beträgt beinahe vierhundert sechs und, zwanzig, ihre Breite aber von Norden nach Süden einhundert vier und zwanzig Meilen. Sie gehört gegenwärtig theils den Spaniern, theils den Franzosen.
  2. Jetzt Portorico. Es ward im Jahr 1493 von Columb entdeckt, und 1508 von Ponce de Leon im Besitz genommen. Diese Insel ist 150 Meilen lang und 40 bis 50 breit.
  3. Die Bahamainseln. Sie wurden ebenfalls von Columb entdeckt. Sanct Salvador, oder Guanahani, ist die vorzüglichste darunter.
  4. Patagonien. Es gränzt gegen Norden an Chili und Buenos-Ayres, gegen Osten und Westen an den Atlantischen Ozean, und gegen Süden an die Magellanische Meerenge.
  5. Er nannte sich Pedro de Ysla, und trat nachher in den Franziskanerorden. Der gute Mann rüstete auf seine eigenen Kosten eine Bringantine in der Absicht aus, die noch übrigen Indianer aufzusuchen. Sie kreuzte länger als zwei Jahre; man durchsuchte alle dortigen Inseln, und fand, wie gesagt, nur noch eilf Person. S. Entre los remedios etc. Razon 6.
  6. Man rechnet die Länge des Königreichs Spanien auf 130 und seine Breite auf 132 teutsche Meilen: Seine gesamte Größe betragt nach Büsching 8500 Quadratmeilen. – Arragonien ist 25 Meilen lang und 41 breit. – Das Königreich Leon ist 55 Meilen lang und 38 breit.
  7. Eine Goldmünze, die vierhundert und fünf und achtzig Maravedis, oder vierzehn Realen und sechszehn Denaros betrug. – Ungefähr anderthalb Thaler Sächsischer Währung.
  8. Der Verfasser beschreibt das Schicksal jener Unglücklichen noch umständlicher in dem bereits angeführten Tractate Razon XI. Die Weibesleute, sagt er, müssen die Erde aufhäufeln, um Brodwurzeln zu pflanzen. Zudem Ende müssen sie Gruben machen, die vier Palmen tief sind, und zwölf Fuß ins Gevierte haben, Riesen würden diese Arbeit kaum bestreiten können; denn statt der Hacken und Grabscheide müssen sie dieselbe mit hölzernen Pfählen verrichten. Die Männer werden in die Bergwerke gesteckt, um Gold auszugraben. Hierzu gehören in der That Menschen [29] von Stahl und Eisen. Wohl tausendfältig müssen sie die Gebirge von oben bis unten, und von unten bis oben durchwühlen, und die Felsen durchbrechen. Wenn dann das Gold gewaschen wird, müssen sie Tagelang gebückt im Wasser stehen, daß ihr Körper darüber krumm und lahm werden möchte. Dringt Wasser in die Gruben, so haben sie keine andere Hülfsmittel es herauszuschaffen, als ihre Arme. Anfänglich durften sie sich das ganze Jahr hindurch nicht aus den Minen entfernen; nachmals aber, als man bemerkte, daß ihrer zu viel darüber starben, ward die Einrichtung getroffen, daß sie fünf Monate darin arbeiten, und sodann vierzig Tage, während welcher das Gold geschmolzen wurde, ihr Feld bestellen müssen. Das ganze Jahr hindurch wissen sie nicht was Feiertag ist, sondern ihre Arbeiten gehen unaufhörlich fort. Hierbei bekommen sie nicht einmal satt zu essen. Ihre Nahrung besteht bloß in Cazabi-Brod, und einer Art Wurzeln, die Ajes [30] genannt werden, und den Rüben nicht unähnlich sind. Zwar lassen einige Spanier, die für freigebig angesehen seyn wollen, wöchentlich ein Schwein für funfzig Indianer schlachten; hiervon behält aber der Aufseher über die Minen wenigstens zwei Viertel für sich, und dann erst werden die andern zwei Viertel unter die Indianer vertheilt. Mithin bekommt jeder ungefähr ein Stückchen Fleisch von der Größe wie das geweihte Brod, welches Sonntags in der Kirche ausgetheilt wird. Ich habe Leute gekannt, die so geizig waren, daß sie den Indianern gar nichts zu essen gaben, sondern sie allemal über den andern Tag auf Berg und Feld zur Weide trieben, wo sie ihre Nahrung auf Bäumen und Gesträuch suchen mußten. Ausser demjenigen, was sie im Magen nach Hause trugen, hatten sie in der Zwischenzeit keinen Bissen zu ihrer Nahrung. Auf diese Art brachten die Spanier bisweilen eine Arbeit zu Stande, die fünf bis sechshundert Castilianer werth war, und ihnen keinen Kreuzer kostete.
  9. Ungefähr ein Centner. Die Arrobe zu 25 Pfund gerechnet.
  10. Der Verfasser spielt hier hauptsächlich auf verschiedene Verordnungen an, worin die Indianer für freie Leute erklärt wurden. In seinem sogenannten achten Vorschlage bezieht er sich auf eine derselben, die im Jahr 1503 den 20. December erlassen wurde.
  11. Columb entdeckte sie 1492. Diego de Velasquez nahm sie 1511 in Besitz. Sie ist 660 Meilen lang, und nur 30 bis 40 breit. Die Engländer nahmen sie den Spaniern 1761 ab, gaben sie ihnen aber 1763 zurück.
  12. Mira Nero de Tarpeya
    A Roma como se ardia;
    Gritos dan ninnoz y viejoz,
    Y el de nada se dolia.
  13. Piedro de Alvarado; einer von den Officieren des Cortez.
  14. Zur Erläuterung dieser Stelle mag folgende Beschreibung dienen, die Raynal von der Lage Guatimala’s macht. Diese Stadt, sagt [87] er, liegt in einem Thale, das ungefähr drey französische Meilen breit, und von zwey sehr hohen Bergen eingeschlossen ist. Von demjenigen, welcher gegen Süden liegt, stürzen eine Menge Wasserfälle und Quellen herab, verbreiten in den Dörfern, welche am Abhange desselben liegen, eine erquickende Kühle, und machen, daß man jederzeit Blumen und Früchte daselbst findet. Der andere Berg, welcher gegen Norden liegt, bietet einen fürchterlichen Anblick dar. Nie bemerkt man das geringste Gräschen darauf. Asche und calcinirte Steine sind alles, was man daselbst findet. In seinem Innern hört man unaufhörlich ein dem Donner ähnliches Getöse, welches die Landeseinwohner dem Sieden geschmolzener Metalle zuschreiben , die sich in den Klüften der Erde befinden. Aus seinen unterirdischen Feuerschlünden steigen Flammen und Schwefeldämpfe hervor, welche die Luft mit unausstehlichem Gestank erfüllen. Kurz Guatimala liegt, wie die Einwohner sagen, zwischen dem Paradies und der Hölle. Raynal histoire phil. & polit. Tom. p. 92. Amsterdammer Ausgabe.
  15. In dem bereits angeführten Ottavo Remedio etc. werden diese Visitatoren folgendermaßen geschildert: Der Gouverneur stellte in denen Flecken und Ortschaften, welche den [96] Spaniern zugehörten, einige der angesehensten Personen an, die Visitadores genannt wurden. Statt der Besoldung, bekamen sie, außer den Indianern, die ihnen ohnedies bey der Vertheilung zugeeignet wurden, noch hundert andere Indianer, die ihnen als Knechte dienen mußten. Diese Visitatoren waren die ärgsten und unbarmherzigsten Henker unter allen, welche die Indianer peinigten. Ihnen stellte der Alguazil del Campo (Profos) alle diejejenigen Indianer vor, die er vom Gebirge holte. Dann erschien der Ankläger, und sagte: dieser oder jener Hund von Indianer will nicht arbeiten; er lauft täglich ins Gebirge; ist ein Faullenzer und Taugenichts, der bestraft werden muß. Alsbald band ihn der Visitator eigenhändig an einen Pfahl, nahm eine durch Theer gezogene Geissel, dergleichen auf den Galeeren Anguilla genannt wird, und die einer eisernen Gerte nicht unähnlich ist. Damit hieb er so lange und so unbarmherzig zu, bis dem Verklagten das Blut an vielen Orten aus dem Körper drang, und er wie todt da lag.
  16. Nur gute Hirten, die ihrer Schafe sich annahmen, opferten die Spanier der Rache der Indianer auf; hingegen suchten sie das kaum mit Miethlingen zu besetzen. Zu diesen gehörte unter andern ein gewisser Juan Colmenero, dem die dortige Regierung die Seelsorge über einen großen Distrikt in der Provinz Sancta Marta übertrug, Las Casas schildert ihn als einen halbverrückten Menschen, und er war es auch. Ein angesehener [134] Prälat hatte ganz unglaubliche Dinge von diesem Dümmling gehört, und ließ ihn zu sich kommen. Da fand es sich, daß er nicht einmal das Zeichen des Kreuzes auf gehörige Art machen, noch den Seegen ertheilen konnte. Was lehrt denn aber der Herr seine Indianer? fragte ihn der Prälat. – Curios, antwortete Colnero. Lehren? Was lehren! Ich übergebe sie dem Teufel, und zwar per Signin Sanctin Cruces.
  17. Es waren bekanntlich die Welser in Augsburg. Sie hatten Karln dem Fünften große Summen vorgeschossen; deswegen verpfändete er ihnen diese Provinz.