Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band/11. Das Jahrzehnt der Reformation

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Das Jahr 1521 Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band
von Rudolf Wackernagel
Anmerkungen und Belege
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Elftes Buch
Das Jahrzehnt der Reformation


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Wir sahen die Kraft der Zeit auf allen Gebieten zu Neuem und zu Befreiung von Bisherigem drängen. Sie äußert sich nun auch, mit noch reinern Zielen, weiter ausgreifend und tiefer wühlend, als eine Bewegung, die dem religiösen und dem kirchlichen Leben gilt.


Großartig ist noch immer die Alles überspannende Einheitlichkeit des Kirchenganzen. Auch Basel begrüßt — im selben Monat Mai 1512, da seine Truppen für den Papst in die Lombardie ziehen — den Zusammentritt des Konzils zu Rom. Wenige Monate später notifiziert Papst Leo dem Basler Bischof seine Wahl, und auf diese Kunde hin vollzieht sich hier eine gewaltige Feier, bei der Volk und Klerus der Stadt in Prozessionen vereint für die Stärkung des Glaubens und das Heil der Christenheit beten.

Das damalige Kirchenwesen Basels steht vor seiner Zeit und auch vor uns noch als eine starke und glänzende Erscheinung. Im engen Kreise dieser einen Stadt ist tatsächlich Alles vorhanden: die Massen der Weltpriester, die klösterlichen Gemeinden jeder Art, die Volkskirchen, die Kapellen, die opulenten Chorgenossenschaften, die Bischofsmacht. Dies Alles zusammen bildet die eine große Form, die Heilsanstalt ist und einziger Zugang sein will zur ewigen Seligkeit, und die noch so viel Andres umschließt: Pflege der Armut, wissenschaftliche Arbeit, Schule, Bau- und Schmucksinn, ökonomische Kraft. Was dabei Kultus und Form der Andacht heißt, ist breit großartig gestaltenreich, oft von phantastischer Herrlichkeit, hohen Ansprüchen der Sinne genügend und auch im Tiefsten zu erschüttern geeignet.

Freilich bietet ein so ausgedehntes Ganzes auch dem Tadel Stellen. In der Kirche selbst lebt die Überzeugung von der Notwendigkeit einer Reform, und die Bemühungen hiefür sind vielleicht das Beste in dem sonst inhaltslosen Episkopate Christophs von Utenheim.

Worauf es für uns hier ankommt, ist nicht den Zustand der Kirche zu erkennen, sondern die Meinung von ihr.

Die absichtlich scharf formulierte Klage Bischof Christophs 1503, daß fast alle Laien den Klerikern Feind seien; dann die Invektiven Wimpfelings, [318] die strengen Worte Capitos, die Dichtungen Gengenbachs mit ihren Charaktermasken von Pfaff und Mönch sind beredte Zeugnisse aus einer Fülle ähnlicher Dokumente heraus; diese Gestalten des Fastnachtspieles, die als konventionelle Figuren auch in Satiren der Humanisten ihre Stelle haben, wenden sich unverkennbar an ein allgemeines Einverständnis; wir haben auch die Abnahme der Stiftungen und Gaben zu beachten.

So bestimmt wir gleichwohl die Stärke und die Glut damaligen religiösen Lebens wahrnehmen, so deutlich sehen wir dieselbe Kirche, die durch Offenbarung ihrer Schätze Viele beglückt, vielen Andern gar nicht mehr genügen, Vielen lästig und widerwärtig sein. Sie „hatte sich an die Welt verloren“ und muß hiefür büßen.

Die mannigfaltigsten Stimmungen Ansprüche und Leiden liegen solchem Gesinntsein zu Grunde: die Rebellion gegen das Fremde in dieser Kirche, gegen ihre römischen Taxen, ihre Steuern, ihre „Kurtisanen“; der Ärger des sich fühlenden Städters über die Sonderrechte des Klerus; das unwillige Tragen von Jahrzeitlasten Ewigzinsen u. dgl.; der Wunsch des Laien, sich unabhängig von der Kirche zu bilden; das an der Oberfläche bleibende Urteil des gemeinen Mannes, der nur das Anstößigste — das Laster, die Härte, die Habsucht von Klerikern und Klostervolk — sieht. Aber auch die Auflehnung neuer religiöser Gedanken, die leidenschaftliche Sehnsucht nach einer Erneuerung des religiösen Lebens.

Es ist Zweifel Tadel Widerspruch, inmitten verbreiteten kirchentreuen Lebens und hart neben Erscheinungen persönlicher Frömmigkeit, die keine kirchliche Autorität befeindet, aber unabhängig von ihr den Weg zu Gott selbst suchen will.

Es lebt in Vielen ein Verlangen nach Befreiung, nach Änderung. Das positive Neue, das an die Stelle des Jetzigen treten soll, wird durch die Einen so, die Andern so geträumt. Allen gemeinsam sind nur die zum Lichte drängenden Triebe des Unbefriedigtseins und der Sehnsucht.


Am 31. Oktober 1517 heftete Martin Luther, Subprior des Augustinerkonvents und Professor der Theologie in Wittenberg, ein Blatt mit fünfundneunzig Thesen an die Türe der dortigen Schloßkirche und lud darin die Gelehrten zu einer Disputation über Lehre und Praxis des Ablasses. Daß dieses an sich nicht singuläre Auftreten sofort eine mächtige Bewegung in weitesten Kreisen wirkte, zeigt, wie zum Höchsten getrieben die allgemeine Spannung war.

Die Wirkungen des Ablaßinstitutes in Basel sind geschildert worden. Auch jetzt ist noch immer von Indulgenzen die Rede. Neben die gewohnten [319] „römischen Gnaden“ drängte sich eine Reihe neuer Unternehmungen, deren größte die Indulgenz zu Gunsten des Baues von St. Peter in Rom war. Als Kommissär dieses Ablasses durchzog der Franziskaner Bernhardin Samson große Gebiete der Eidgenossenschaft, bis im April 1519 die Tagsatzung seine Abberufung durch die Curie durchsetzte. Schon vorher hatte der Basler Rat „wegen der zahlreichen Ablässe, die wir in den letzten Jahren hier gehabt haben, wie auch aus andern Gründen“ diesem Händler den Betrieb in Basel untersagt.

In dem entarteten Indulgenzwesen mußte eine Schändung des Heiligsten gesehen werden. Der Ablaßzettel erschien als eine durch Geld zu erlangende Garantie der Sündenvergebung, das ganze Geschäft als Ausbeutung der Nation für römische Geldbedürfnisse. Im Kreise Rhenans hatte man geglaubt, über den Hausierer Samson sich lustig machen zu sollen, bis man inne ward, daß die Sache nicht zum Lachen sei, sondern zum Weinen.

In solche Stimmungen hinein kamen die Wittenberger Thesen. Viele Jahre später erinnerte sich Pellican daran, wie er sie am Tische des Mülhauser Komturs kennen gelernt habe; Bonifaz Amerbach hatte sie in Freiburg beim Bücherkrämer gefunden und dem mit ihm zusammenwohnenden Thomas Blaurer nach Hause gebracht. In beiden Fällen redet die Erzählung, wohl Späteres in Früheres hineintragend, von tiefstem Ergriffensein durch die Thesen: Pellican war darauf gefaßt, von diesem Augustiner noch Größeres zu erleben, und die beiden Freiburger Studenten fanden, daß jetzt der papistischen Hierarchie der Krieg erklärt sei.

Aber schon schritt Luther selbst mächtig vorwärts. Er veröffentlichte den deutschen Sermon von Ablaß und Gnade und die Resolutionen mit Bestreitung der päpstlichen Autorität. In Disputationen zu Heidelberg und Leipzig, im Verhöre vor dem Legaten Cajetan, in Traktaten und Predigten verwarf er auch die Autorität der Konzilien, verkündete er seine neue Meinung von Kirche Sakramenten und allgemeinem Priestertum, brandmarkte er den Papst als den Antichrist.


Mancher Geist in Basel war zum Empfangen dieser Lehren schon bereitet und stand unter der Wirkung ernster freimütiger Forscher. Im Barfüßerkloster lehrte Paul Scriptoris Sätze, „die man später lutherisch nannte“; dem Pellican verhieß er eine nahe Zeit, in der man die Scholastik liegen lassen und zu den alten Lehrern zurückkehren werde. Auch von sich aus kam Pellican auf solche Gedanken; er hatte Zweifel über die Beichte, über die Lehren von Fegefeuer und Ablaß; mit Capito geriet er in eine [320] Debatte über Christi leibliche Gegenwart im Abendmahl. Und als er von Bischof Christoph beauftragt eine Unterweisung in der christlichen Lehre verfaßte, schrieb er Manches hinein, das der geltenden Doktrin entsprach, nicht seiner Überzeugung; „der Papst hielt mein Gewissen gefangen“. Auch an Thomas Wyttenbach ist zu denken, der in der Universität Basel von 1505 an theologische Vorlesungen hielt und dabei Zwingli und Leo Jud unter seinen Hörern hatte. Diese bezeugten später, den ersten Anstoß zum Studium der Schrift und der Kirchenväter dem Wyttenbach zu verdanken. In der Sache des Ablasses, betonte Zwingli, habe ihm Luther wenig geboten; schon vorher sei er durch Wyttenbach belehrt worden, daß der Ablaß Betrug sei.

An Unzufriedenheit mit der Kirche und an Skepsis gegenüber ihrer Lehre fehlte es nicht. Aber was war gewirkt worden?

Jetzt durch Luther kam die Zusammenfassung des bisherigen zerstreuten Widerspruchs. Er brachte aber noch mehr, seine eigene Persönlichkeit mit ihrem gewaltigen, wider die Macht der alten Kirche sich erhebenden Willen und eine eigene mit Gottes Forderungen Ernst machende Religion. Eine Kraft ohne gleichen war dabei am Werke. Luther sagte Alles und auf seine eigene Weise. Er sagte es der ganzen Welt und stand inmitten der Größe und Gefahr des durch Rom gegen ihn erhobenen Prozesses. Ein an seine Mission glaubender Mensch, der sich einsetzte gegenüber aller geltenden Autorität. Für die vielen nach Freiheit verlangenden, aber schwächeren Geister war die Macht dieser Erscheinung ungeheuer. „In ihr wurde das unbewußt Vorhandene bewußt und verhüllt gewesenes Wollen zum Gesetz“.

Mit Gewalt schlägt uns dieses neue Leben jetzt in Basel entgegen. Aus den verschiedensten Räumen der großen altgewordenen Kirche tönt es, von Bischof Christoph, von seinem Suffragan Tilman Limperger, vom Leonhardsprior Lukas Rollenbutz her. Sie Alle haben ihre Freude am Auftreten des Wittenberger Mönches; Rollenbutz, der ein Freund Rhenans und Zwinglis ist, hofft, bei Gelegenheit des Ordenskapitels nach Wittenberg zu kommen und dort Luthern zu sehen. Das Bereitetsein der Barfüßer haben wir schon wahrgenommen. Da ist der feurige Predikant Johann Lüthart; er schätzt Luthers Schriften wie Gold und duldet kein böses Wort über ihren Verfasser; da ist der Lektor Sebastian Münster, der die lutherische Auslegung der Zehn Gebote ins Deutsche überträgt; da ist seit 1519 der Guardian Pellican; da ist der gewaltige Johann Eberlin, als Freiburger Novizenmeister mit den Brüdern in Basel viel verkehrend. Der Prediger am Münster Capito, in dem das alte Kirchenwesen Basels seine letzte edle Vertretung [321] findet, begrüßt die neue Zeit in Luther; auf seine Weise, ein vor Allem auf Frieden und Ruhe bedachter Mensch, aber voll Bewunderung des kühnen Streiters, dessen Beziehungen zu Erasmus er nach Kräften fördert. Endlich die Männer des erasmischen Kreises selbst. Wie ein Stück ihrer eigenen Gedankenwelt erscheint ihnen, was sie von Luther hören und lesen einen Genossen ihrer eigenen Religiosität, einen Erfüller des von ihnen Gesuchten und Ersehnten begrüßen sie in ihm. Sie werden zur enthusiastischen Lutherpartei in Basel. Während Erasmus in Löwen abwesend ist und sich dort um Luthers Sache bemüht, sind seine Genossen in Basel voll Eifers. Im Innersten ergriffen Rhenan; wie freut er sich über das Dasein eines so „männlichen und standhaften Menschen“. Vom Schreiben Butzers an, in dem Dieser, noch erfüllt vom Erleben der Heidelberger Disputation, dem Freunde seine Begeisterung mitteilt, ruht das Thema Luther in den Briefen Rhenans nicht mehr; es bewegt seinen Verkehr mit Zwingli, mit Spalatin, mit Bürer usw. Noch feuriger gibt sich Bonifaz Amerbach dem Sturme hin, der Freude des Lebens in dieser Zeit, da die Schriften Luthers erscheinen und auch die Theologie dem Lichte wiedergegeben wird; „wir werden wieder sehend“!

Als die Auserlesenen fühlen sich diese Bewunderer Luthers. „Je tüchtiger hier Einer ist, um so mehr ist er für dich eingenommen“, wird ihm geschrieben. Da sie ihn in Gefahr glauben, bieten sie ihm ein Asyl an. Aber wie viele Einzelne, so viele Verschiedenheiten. Durch die ganze Skala vom scheuen Respekte bis zur hingebenden Schwärmerei gehen die Äußerungen; und wie mögen die Bedächtigen oft gebebt haben vor der Gewalt, die aus Schriften und Briefen Luthers auf sie zukam. „Mit Recht mahnst du mich zur Bescheidenheit“, erwidert er dem Freunde Pellican, „ich selbst fühle es, aber ich bin meiner nicht mächtig, ich werde vom Geiste dahingerissen.“

Bei den Gelehrten auch jetzt die Drucker. Wie die Macht des Basler Humanismus zu gutem Teil auf den Offizinen ruhte, so hat dieses Buchgewerbe auch für die Reformation Großes geleistet. Gesinnung und Geschäftsgeist gaben dabei, für uns unscheidbar, die Impulse. Zuvorderst stand der regsame Gengenbach, mit Nachdrucken verschiedener Lutherschriften des Jahres 1518. Vornehmer und großartiger erscheint wieder Froben. Im Oktober 1518 publizierte er unter Mitwirkung Capitos u. A. einen Sammelband aller bis dahin erschienenen lateinischen Traktate Luthers und zur gleichen Zeit, hastig auf Grund verschiedener Vorlagen, den Bericht Luthers über seine Augsburger Verhandlung mit Cajetan. Der dann im Spätsommer 1519 folgende Druck der Resolution Luthers über die Papstgewalt [322] kam in Frobens Abwesenheit zu Stande, durch seine Korrektoren und Mitarbeiter; Nepos scheint beteiligt gewesen zu sein, Capito den Anstoß gegeben zu haben. Es war wohl der letzte Druck einer Lutherschrift im Sessel; Erasmus wünschte, daß Froben sich fortan solcher Literatur enthalte.

Das Feld war freigegeben für Adam Petri, der den Pellican als Helfer hatte und jedenfalls auch angetrieben wurde durch den als Korrektor bei ihm arbeitenden Thurgauer Ulrich Hugwald; wir sehen Diesen erfüllt vom Haß gegen Rom, vom glühenden Enthusiasmus für Deutschland und den „apostolischen Mann“ Luther. Petri druckte nun jahrelang Lutherschriften. Von seiner Ausgabe der Ablaßthesen an die meisten, den „Unterricht“, die Deutsche Theologie, die Sermone vom ehelichen Stand, die gewaltige Trias von 1520 usw. usw., bis zur deutschen Bibel.

Daneben fällt das, was in diesen frühern Jahren Cratander als Nachdrucker Luthers leistete, kaum in Betracht.

Nach dem Drucke kam der Verkauf, der Absatz, der Massenvertrieb. Vorerst der Originale Grünenbergs in Wittenberg u. A., die an den Buchhandelsplatz Basel geliefert wurden. Dann aber stürmisch, mächtig ins Weite reichend der Absatz der Basler Drucke selbst. Froben konnte im Februar 1519 an Luther melden, daß er die ganze Auflage der Sammlung lutherischer Schriften, der Lukubrationen, bis auf zehn Exemplare verkauft habe; viele Hunderte seien nach Frankreich Spanien Brabant England gesandt worden, Franz Calvus habe eine Menge nach Italien mitgenommen. „Einen besseren Absatz hab ich noch bei keinem Buch erlebt“. Ein Berner Händler kaufte hier diese Literatur auf; nach Zürich gingen wiederholt Sendungen. Eberlin in Freiburg wollte durch seine Basler Freunde alles Lutherische erhalten, ebenso Salandronius in Chur, Cornelius Agrippa in Metz usf. Unermüdlich wirkten Rhenan und Pellican dafür, daß die Werke Luthers hier nachgedruckt wurden und die Drucke unter die Leute kamen.

Es war dasselbe mächtige, geistige zugleich und geschäftliche Leben, das schon die Gelehrtenstadt Basel erregte. Hier mengten sich andre Kräfte und Gedanken hinein, und die Wirkung war noch gewaltiger. Basel, damals durch den für Luther begeisterten Nürnberger Scheurl als die vorzüglichste Offizin Deutschlands gepriesen, wurde „das erste Zentrum des Druckes und der Verbreitung lutherischer Schriften nicht nur für Westdeutschland und die Schweiz, sondern eine Zeit lang für ganz Westeuropa“.

„Ein Buch uf das ander schreib Lutherus“. In diesen sich atemlos folgenden Werken fühlten die Leser eine Offenbarung um die andre sich auftun. „Großer Gott, mit welcher Glut sind diese Bücher geschrieben!“ [323] Viele in deutscher Sprache, in einem Deutsch von wunderbarer Klarheit Kraft und Wärme. Und wir versuchen uns die Wirkung dieser Worte, die in tausendfacher Wiederholung nun über die Welt hin gingen, klar zu machen. Zum Gewissen und zum Verstande jedes Einzelnen, auch des kleinen Mannes, redete Luther. „Durch die Schuld der Buchdrucker weiß schon jeder Ungelehrte von dem lutherischen Handel, und die alten Weiber reden davon auf der Gasse,“ bemerkte Fabri.

Unmöglich konnte die Kirche der Sache den Lauf lassen. In der Bulle vom 15. Juni 1320, dann im Wormser Edikt vom Mai 1521 wurde die öffentliche Verbrennung der Schriften Luthers befohlen; es war ein Gebot, demzufolge in Mainz Köln Löwen Antwerpen solche Feuergerichte stattfanden das aber sonst ohne Wirkung blieb.

Auch in Basel war an seine Ausführung nicht zu denken. Aber hier wollte die Curie schon den Druck selbst hindern, daher Pucci im Aufträge des Nuntius Aleander im November 1520 von der Tagsatzung verlangte, Druck und Verkauf lutherischer Bücher im Gebiete der Eidgenossenschaft zu verbieten.

Schon im Sommer 1519 wußten die Basler Lutherfreunde, daß der Peterspropst Ludwig Bär alle hier erscheinenden lutherischen Schriften sofort nach Rom sende; auch auf den Kanzeln wurde über die Drucker geklagt. Aber was jetzt die Curie ins Werk setzen wollte, war aussichtslos. Rhenan fand, daß Pucci sich mit seinen Wühlereien lächerlich mache, und der Rat trug seinen Gesandten zur Tagsatzung auf, keiner Maßregel gegen die Lutherbüchlein beizustimmen; „drucks und kaufs wer da will“. Er ließ seinen Druckern volle Freiheit. Die Einwendungen der Bär Wonnecker und Konsorten richteten nichts bei ihm aus, so wenig wie beim Volke, „das schon offene Augen und eine eigene Witterung hatte“.

In den Werken Luthers, die Basel vertrieb, redete Dieser selbst zu Unzähligen.

Aber noch Andere erhoben ihre Stimme. Auch Karlstadts Melanchthons Bugenhagens Schriften wurden in Basel gedruckt. Und zu solcher Literatur trat nun eine hundertartige, ruhelos sich ablösende, unaufhörlich neue Publizistik, die den Ort Basel selbst erregte und von hier aus rings in die Ferne ging. In dieser als Einzelblatt Flugschrift Büchlein, als Lied, als Drama, als Traktat auftretenden Tagesproduktion verkündigte sich eine öffentliche Meinung und wurde zugleich eine solche geschaffen. Sie war Zeugnis der allgemeinen Teilnahme am Religionskampfe; der einzelne Autor verschwand dabei und blieb unbekannt; seine Schrift sprach für die Menge und zu dieser. [324] Tiefes Ergriffensein, Drang zu belehren, zu werben und aufzureizen, Spott Laune Schmerz Haß — Alles lebte in diesen Blättern, in ihrer oft unschönen, immer kraftvollen Beredtsamkeit. Die Voraussetzung war, daß ein verbreitetes Lesenkönnen des Volkes ihnen entgegenkam, ein geweckter Sinn sie empfing.

Manche solcher Schriften entstanden in Basel selbst, viele andere ihrer Art waren hier beim Händler zu finden, wurden von diesem zentralen Büchermarkt aus weiter getragen.

Von Bedeutung für uns ist die Masse, ist die Einheit dieser weit überwiegend einer antirömischen Gesinnung dienenden Produktion, innerhalb deren an Einzelnes nur erinnert werden kann.

Unter den Baslern wurde hauptsächlich Gengenbach durch sein publizistisches Ingenium zur Teilnahme getrieben. Bald war er Autor, bald Drucker, bald Händler, sein Laden an der Freienstraße, unter den Becherern, für den Vertrieb solcher Ware vorzüglich gelegen. Ihm verdanken wir den Laienspiegel, den Pfaffenspiegel, den evangelischen Burger, die Totenfresser, den Hans Knüchel — lauter Schriften voll Begeisterung für die neue Lehre; er druckte auch das „furchtbare Manifest“ Eberlins, die Fünfzehn Bundsgenossen. Bei Adam Petri erschienen der Wolfgesang, der Pfründenmarkt der Kurtisanen, der Karsthans usw., bei Cratander die Pasquille Julius und Henno rusticus; auch der „abgehobelte Eck“ war vielleicht Basler Produkt.

Es ist ein Schauspiel voll Leben, wie der Geist dieser Tagesliteratur Buchdruck und Buchhandel zu einem den rasch wechselnden Verhältnissen angepaßten Betriebe und zu neuen Formen zwingt. Auch würde ohne diese mit den stärksten agitatorischen Mitteln arbeitende Publizistik die Fieberstimmung der Zeit nicht zu begreifen sein.


Ein neues Wesen regt sich in Basel, und unaufhörlich strömen ihm große Anregungen zu. Was draußen geschieht, drängt herein und will Teilnahme. Hedio schickt Berichte über die Verurteilung Reuchlins in Rom und die Siegesfreude der Kölner Mönche. „O Freiheit Deutschlands, was ist aus dir geworden!“ Aber auch Jubel wird laut über den Fortgang der Sache Luthers. Es kommen die Berichte über seine Verbrennung der Bannandrohungsbulle, Nachrichten aus dem Wormser Reichstage, das Neueste von der Ebernburg Sickingens, u. a. m. Voll Leben ist auch der persönliche Verkehr. Butzer besucht Basel im Sommer 1519, noch Dominikanermönch, aber glühend für das neue Evangelium. Später der Zwickauer Predikant [325] Sylvius Egranus; so anschaulich erzählt er von Luther, daß die Basler Diesen selbst vor sich zu haben glauben. Auch Zwingli kommt. Aus dem Lande Tirol aber vernimmt man, daß dort in Hall der Basler Jacob Strauß „das Evangelium öffentlich und ohne Menschenfurcht predige“.


Von der stillen Belehrung, von der Propaganda durch Abhandlungen und Flugblätter geschah rasch der Schritt zum öffentlichen Verkündigen auf der Kanzel.

Seit 1515 versah Wolfgang Capito die Münsterpredikatur. Eigenartig, „keinem äußern Vorteile, keiner unächten Frömmigkeit, keinem priesterlichen Selbstgefühle“ dienend. Daher sein Verhaßtsein bei manchen Standesgenossen, wofür ihn die Anhänglichkeit der Hörer entschädigen konnte. Sie drängten sich zu seinen Predigten, und er bot ihnen was er vermochte, im Stillen vom Bewußtsein gepeinigt, „durch die Hüllen der Mysterien hindurch das in ihnen dargestellte Höchste nicht in seiner Reinheit wahrnehmen zu können“. Da trat Luther auf. Daß ihm Capito zustimmte, wissen wir, mit allen Vorbehalten seiner für Angriff und Kampf nicht geschaffenen Natur; aber daß er „Luthers Erkenntnis atmete“, wurden rasch seine Freunde inne. Auch die Gemeinde im Münster erlebte eine Wandlung. Capito entschloß sich, gleich Zwingli, die hergebrachte kirchliche Perikopenordnung zu durchbrechen; er begann in täglichen Bibelstunden das Evangelium Matthäi fortlaufend auszulegen. Mit starker Wirkung auf die Hörer. Als er im April 1520 Basel verließ, um eine Predigerstelle in Mainz anzutreten, kam es beinahe zu einem Aufruhre des Volkes, das ihn nicht verlieren wollte.

Capitos ergebenster Jünger Caspar Hedio aus Ettlingen begegnet uns zum ersten Mal im Jahre 1518, als Vikar der Theodorskirche. An dieser Stelle, den abwesenden Pleban Augustin Lutenwang vertretend, blieb er, bis er im November 1519 die durch Tod des Marx Weidner frei gewordene Pfründe des Allerheiligenaltars zu St. Martin erhielt. Sofort gedachte er hier nach Capitos Beispiel zu predigen, gelangte dazu aber erst im April 1520, und begann die Auslegung des Matthäusevangeliums an der Stelle, bei der Capito im Münster stehen geblieben war, beim sechsten Kapitel. Es schien ihm zu glücken, auch die Hörer waren befriedigt. Aber in seiner völligen Dahingabe an den verehrten Capito folgte er Diesem schon im Herbste 1520 nach Mainz.

An die Stelle Lutenwangs zu St. Theodor wurde im Herbste 1519 durch die Gemeinde Marx Bertschi von Rorschach zum Pfarrer gewählt, von der Studienzeit her seit einem Jahrzehnt in Basel heimisch, ein Freund Rhenans Briefers Vadians.

[326] Die Pfarrei im Spital war seit Frühling 1518 besetzt mit Wolfgang Wissenburg aus Basel, dem Sohne des Ratsherrn Jacob Wissenburg von der Webernzunft. Wir vernehmen, daß er zu Beginn der 1520er Jahre „die Wahrheit des göttlichen evangelischen Wortes zu verkünden“ anfing und großen Zulauf hatte.

Wissenburgs Nachbar war der Predikant im Barfüßerkloster, Johann Lüthart von Luzern. Ein Volksredner, der als solcher auf einer Mendikantenkanzel, zudem in der größten Predigthalle der Stadt, am rechten Platze war. Auf Freunde wie Gegner machte er Eindruck durch die Raschheit seines Geistes und das Feuer seiner Beredtsamkeit. Wir wissen nicht, seit wann er dieses Amt des Klosters inne hatte. Erst jetzt tritt er ins Licht. Als begeisterter Verehrer Luthers und als ein Prediger, der Aufsehen erregte. Auch er legte das Matthäusevangelium aus.

Mitte Sommers 1521 wählte die Gemeinde St. Alban als ihren Pfarrer den Wilhelm Reublin von Rottenburg am Neckar. Vorerst auf die Dauer eines Jahres. Er begann sofort „aus der heiligen Schrift alten und neuen Testamentes zu predigen und sie in einer bisher ungewohnten Weise christlich und wohl auszulegen“.

Als Predikanten neuer Art sind auch die Leutpriester zweier Landgemeinden zu nennen: in Riehen der seit dem April 1519 an dieser Stelle nachweisliche Ambrosius Kettenacker von Winterthur; in Liestal Stephan Stör von Dießenhofen, der seit einem Jahrzehnt hier Pfarrer war.


Das sind Gestalten der Frühzeit. Aber neben ihnen greifen wir tiefer, so tief als möglich, und finden da erst das Wichtige, aus dem alle Bewegung kommt: das Erlebnis Einzelner, ihre geistige Gewißwerdung. Daß im Lesen der Bibel und lutherischer Schriften, im vertrauten Gespräch, in Briefen, im Anhören dieser Predigten etwas Neues sich regt, daß die Herzen erbeben in Seligkeit oder Zorn, — all das Verborgene und Persönliche muß vorangehen, ehe das Weitere geschehen kann und innerhalb des Kirchenkomplexes neue Formationen sich ankündigen. In diesen arbeitet der starke demokratische Geist, der überhaupt durch die Zeit geht, tönt der Anspruch des Laien, in religiösen Dingen frei urteilen zu können.

Schon frühe, wie wir wissen, haben die Basler Gemeinden aktiv am Pfarreileben teilgenommen. Diese Kraft ist jetzt überall am Werke. Zu St. Alban und St. Theodor haben die Gemeinden Reublin und Bertschi gewählt; beim Weggange Capitos sehen wir seine Gemeinde tumultuarisch erregt; die Gemeinde Lütharts ist an keinen Sprengel gebunden, sondern [327] zu ihm geht, wer ihn hören will; auch Wissenburg im Spital predigt nicht nur Kranken und Pfründern.

Überall ist im Anfänge das „Wort“, die Verkündung des Evangeliums. Zu seinem Anhören finden sich Gruppen Scharen Massen zusammen, und es entstehen Gemeinschaften, Keime späterer Kirchgemeinden im Rechtssinne. Nirgends erheben sich dabei Laien, die der Schrift Meister sein wollen. Sondern sofort sind Berufsprediger da; Priester und Predikanten der alten Kirche werden Führer neuer Gemeinschaften.

Aber den Führern stehen Führer, den Gemeinschaften Gemeinden gegenüber. Es kommt zu Kanzelgefechten, wie sie ein Anhänger Lütharts schildert: „dieser Franziskaner verkündet dem Volke lauten Mundes Christum, wenn auch sein Gegner, der kleine Doktor im Augustinerkloster (Moritz Fininger), beständig dawider schreit. Hat Lüthart in einer Predigt etwas aufgebaut, so reißt es der Andre in der seinigen wieder zusammen.“ Aber auch das Volk rührt sich, es schmäht sich gegenseitig die Prediger. Die ganze Stadt wird aufgeregt und der Hader immer heftiger, sodaß den Lüthart selbst seine Freunde mahnen müssen, nicht so scharf dreinzufahren. Er hat mit tätlichen Anschlägen seiner Gegner zu rechnen, und auch Reublin zu St. Alban lebt oft „in großer Gefahr Angst und Not“.

In solcher Weise beginnt der Kampf, um von da an das Jahrzehnt zu erfüllen. Ein Kampf, durch den das vorhandene kirchliche Leben entwickelt, das Bewußtsein der Kämpfer hüben wie drüben geklärt wird; einen Teil seiner Wucht gewinnt er dadurch, daß auch weltliche, soziale wie politische, Elemente in ihm zur Geltung drängen, und daß er nicht nur ein Kampf um die Lehre, sondern auch ein Kampf wider die Allmacht der Kirche ist.

Die Neuerer begnügen sich aber bald nicht mehr mit dem Verlaufe bisheriger Art. Sie verlangen nach stärkeren Demonstrationen.


Am Palmsonntag, 13. April 1522, wurde im Klybeckschloß bei der Mahlzeit Fleisch eines gebratenen Spanferkels gegessen. Es war nur einer der vielen Fastenfrevel dieser Zeit in Basel. Aber derjenige, der am meisten Aufsehen erregte, weil dabei außer dem Pfarrer von St. Alban Reublin der Spitalpfarrer Wissenburg und der St. Martinskaplan Bonifaz Wolfhart mit dem Hausherrn, dem stadtbekannten Chirurgen und Papierfabrikanten Sigmund und dem zu Besuch hier anwesenden Kölner Humanisten Herman von dem Busche zusammen am Tisch saßen. Eine spontane Ausgelassenheit war die „fresserey“ jedenfalls nicht, und der Skandal, den sie hervorrief, ein gewollter. Denken wir doch an den geistesmächtigsten und kampfesfrohesten [328] der Commensalen, Herman von dem Busche! Er war der Verteidiger Reuchlins, der Führer der lutherfreundlichen Humanisten in Deutschland; vor einigen Monaten hatte er am großen Reichstage zu Worms ein mit Drohungen erfülltes Manifest für Luther und wider den Kaiser ausgehen lassen. Gewaltig aufregend wirkte dieser leidenschaftliche, das für wahr Erkannte „mit freier Zunge“ aussprechende Mann im Kreise der Basler Neuerer. Gerade jetzt, hier in Basel, brachte er die alte berühmte Reformschrift des Marsilius von Padua mit ihrem Verlangen einer Kirche ohne Hierarchie gedruckt ans Licht. Seine Genossen am Ferkelessen, Wissenburg und Wolfhart, die Beide Dozenten waren, erregten zur selben Zeit einen Aufruhr an der Universität, um die Wahl eines Rektors nach ihrem Willen und sonstige Neuerungen zu erzwingen.

Von allen Seiten her fühlten sich die Geister in Anspruch genommen. Es war die Zeit der erschütternden Niederlage von Bicocca und des „wilden Lebens“. Aber auch ein Traktat des Erasmus erschien, den er sofort nach dem Klybecker Frevel geschrieben hatte und der sensationell war, weil Erasmus darin dem Bischof Vorstellungen machte wegen des Übermaßes „jüdischer Zeremonien“ in der Kirche, wegen der Belastung des Volkes mit Feiertagen, wegen der rein menschlichen Satzung des Coelibats. Jetzt auch, im Mai 1522, kam es zum ersten Male bei der Tagsatzung zu Debatten in Glaubenssachen und zur Aufforderung an die Orte, wider die neue Predigt einzuschreiten. Und am Ordenskapitel in Leonberg, nach Ostern 1522, hatte sich Pellican wegen seiner Gesinnung zu verantworten.

Die Kirche sah ein, die lutherische Bewegung unterschätzt zu haben. Um so eifriger suchten jetzt ihre Führer nach Mitteln der Abwehr.

Ein Anlaß bot sich in dem Predigtturnus, den Lüthart zu Pfingsten begann. Er legte die Bergpredigt aus, so schonungslos in seinem Eifer, daß die ganze Gegnerschaft in Bewegung kam. Der Bischof berief sämtliche Predikanten vor sich und untersagte das aufrührerische Predigen; außer dem Texte der heiligen Schrift sollten sie sich an die approbierten Kirchenlehrer halten und jede Bemängelung kirchlicher Autorität und Satzung unterlassen.

Zur gleichen Zeit verlangten Bischof und Domkapitel das Einverständnis des Rates zur Festnahme des „Ketzers“ Reublin, „der wider die christlichen Kirchengebräuche und Gottesdienste schreie“. Noch ehe der Rat sich äußern konnte, stand Reublins Gemeinde auf. Sie versammelte sich in der Barfüßerkirche, der Kirche Lütharts und Pellicans, und erklärte, daß sie sich ihren Pfarrer nicht werde nehmen lassen; sie ging erst auseinander, [329] nachdem der Rat versprochen hatte, den Reublin seiner Gemeinde zu lassen. Der Rat aber schloß sich einem Mandate des Bischofs an, das die vor kurzem den Predikanten erteilten Weisungen wiederholte. Außerdem befahl er der Einwohnerschaft, sich aller öffentlichen Diskussionen über Fastenordnung oder Evangelium zu enthalten.

Alles dieses Streiten Reden und Beraten, alle diese Ausbrüche der Macht wie der nach Freiheit verlangenden Überzeugung haben wir zusammengedrängt vor uns in der Spanne weniger heller heißer Junitage nach Pfingsten.

Und nun war es wieder Reublin, der kühn und unbeugsam das Äußerste wagte. Am Fronleichnamstage, 19. Juni, bei der größten kirchlichen Festfeier der Stadt, schritt er in der dichten Schar des Klerus und trug nicht, wie er sollte, Reliquien, sondern die Bibel, mit den Worten: „Das ist das rechte Heiltum, das Andre sind Totenbeine“.

Nach Allem was vorausgegangen mußte eine Gehorsamsverweigerung und Provokation dieser Art den Reublin hier unmöglich machen. Jetzt hatten seine Gegner gewonnenes Spiel, und der Rat wies ihn aus der Stadt. Es half nicht, daß zahlreiche Frauen aus der Gemeinde Reublins, manche unter ihnen hochschwanger, ins Rathaus drangen und von den Häuptern seine Hierbelassung forderten. Er mußte weichen. Noch vor Ende Junis verließ er Basel. An die erledigte Pfarrei wurde gewählt Peter Frauenberger (Gynoraeus) von Beinheim im Untern Elsaß.

In Zank und Unruhe ging Alles weiter. Aufhetzerische Reden wurden laut wider den Offizial und Andere. Im Münster kam es zu einer Schlägerei, weil einige Lutheraner den Prediger Lügner schalten. Einsteigen in Priesterhäuser und Herauszerren der Köchinnen, Bedrohung und Mißhandlung war auch früher oft verübt worden; jetzt trug es ernstere Züge. Die Klöster ihrerseits, schon wegen mancher Eingriffe in das Handwerk ein Ärgernis, wurden durch skandalöses Treiben von Klosterleuten blosgestellt; auch vernahm man vom Austritt Einzelner aus Klöstern.

Daß die Herrschaft lutherischer Ideen wuchs, war deutlich. Auch die Ratswahlen im Sommer 1522 zeigten dies; sie brachten Männer auf die Bänke, die wir später beim Siege der Reformation beteiligt sehen werden.

Auch allerhand Nachrichten, die herein kamen, und Besuche von Gleichgesinnten stärkten die Partei. Sie bezeugten die Mannigfaltigkeit, die weite Verbreitung, die Kraft des neuen Wesens. Aus Wittenberg erzählte Bürer den Basler Freunden, wie dort die Heiligenbilder verbrannt und die Altäre umgerissen, beim Abendmahle Brot und Wein gereicht worden seien, wie [330] Karlstadt und Justus Jonas Eheweiber genommen hätten. Vom Bodensee kamen Alarmberichte über einen Bund der Ritterschaft zur Verteidigung evangelischer Lehre. Im Juni weilte hier Balthasar Hubmaier aus Waldshut, dann im Juli der südfranzösische Minorit Franz Lambert. Von Zürich her, wo er mit Zwingli disputiert hatte, kam er auf seinem Esel eingeritten, „ein langer gerader Mönch, der kein Wort Deutsch versteht“, durch Agrippa an Cantiuncula empfohlen. Er rühmte sich seines Zürcher Disputiersieges, während Zwingli ganz Andres meldete. Flink, wie er gekommen, ging der Redemächtige Vielgeschäftige wieder; er reiste nach Wittenberg zu Luther. Dann im September kamen Hinne Rode und Georg Sagan, im November drei illustre Flüchtlinge: Ulrich von Hutten, Hartmut von Kronberg, Johann Ökolampad.

In den zwei Adligen zeigten sich Führer jener, den Baslern bekannten, ritterschaftlichen Bewegung, bei der das Bekenntnis zur Sache Luthers, der Haß auf Rom und die Pfaffen, die Opposition gegen das Fürstentum sich verbunden hatten. Aus dem Zusammenbruche dieses Unternehmens retteten sie sich nach Basel.

Von den Beiden war Hutten die merkwürdigere Gestalt, sein Name hier schon früher oft genannt. Jetzt wohnte er im Gasthause zur Blume, unter dem ihm gewährten Schirme des Rates. Mit Glarean verkehrte er, auch der Sachse Heinrich von Eppendorf traf ihn, aber sein ehemaliger Gönner Erasmus wich ihm aus, dem Bonifaz Amerbach erschien er als ein Catilina.

Anders geartet als dieser unstäte, in Leidenschaften verbrauchte Mann war der Kronberger. Ohne Geist und Glanz, ohne Gelehrsamkeit, ein guter, mit ganzer Seele an Luther hängender Edelmann. Dem Erasmus gefiel er; Glarean meinte, noch nie ein so friedsames Ertragen des Unglückes erlebt zu haben. Kaum im Asyle Basel aufatmend, nahm Hartmut die ihm eigene Schriftstellerei der offenen Briefe wieder auf; er verfaßte ein Sendschreiben an die Eidgenossen.

Die beinahe gleichzeitige Ankunft der Drei in Basel erregte Aufsehen. Jacob Meyer zum Hasen schrieb einem Luzerner Freunde, man sei hier darauf gefaßt, daß nach Kurzem auch Melanchthon kommen werde „und alsbald der Luther selbs“; die ganze Stadt werde rasch zu Diesem abfallen.


Die evangelische Bewegung in Basel war zunächst nur Unruhe. Ein Gähren. Ein Suchen. Keine festen Formen des Handelns waren da, keine klaren Ziele, kein Plan. Vor Allem kein leitendes Haupt. Um so zuversichtlicher konnten die Gegner sich regen. [331] In Luzern, das jenen Alarmruf des Jacob Meyer vernahm, gab in denselben Tagen eine von Basel kommende Schrift viel zu reden, betitelt „eine treue Ermahnung an die Eidgenossen, daß sie nicht, durch ihre falschen Propheten verführt, sich wider die Lehre Christi setzen“; ihr Verfasser war Sebastian Hofmeister. Die in ihr den Luzernern gemachten Vorwürfe wurden von Rat und Predigerschaft als Schmähung empfunden. Luzern erhob Klage bei Basel. Adam Petri, der das Büchlein gedruckt hatte, wurde vom Basler Rat in Haft genommen; die Untersuchung der Sache sowie die Verhandlungen mit Luzern zogen sich bis in den Sommer 1523. Das Ende war, daß Petri die Beleidigungen widerrufen, vierhundert Exemplare des Widerrufs nach Luzern liefern und zweihundert Gulden Buße zahlen mußte.

Des Friedens wegen und um Luzern gefällig zu sein, erwies Basel dies Entgegenkommen. Wir haben auch daran zu denken, daß damals, im Dezember 1522, die Tagsatzung ihre Beschlüsse gegen „das neue Predigen und die neuen Büchlein“ faßte, sowie daß in Basel selbst die Partei der Altgläubigen sich sammelte und erhob. Zunächst wider die neu hereingekommenen Führer der Reform. An Ökolampad war ihr Alles ein Ärgernis: seine wissenschaftliche Überlegenheit, seine Apostasie vom Mönchtum, seine Schriftstellerei in der Art der Abhandlung über die Beichte, seine Freundschaft mit dem Pfaffenfeind und Räuber Sickingen. Auch dem Hutten gehörte der Haß dieser Leute, und es ist bezeichnend, daß der überall Vertriebene sich jetzt auch hier nicht mehr sicher fühlte. Er verließ schon im Januar 1523 Basel und zog weiter, zunächst nach Mülhausen.

Zentrum dieser Reaktion war die Universität. Schon beim Vorgehen gegen Lüthart und Reublin war sie an der Spitze gewesen, jetzt schritt sie weiter. Leider in unwürdiger Weise. Da Bär und Cantiuncula sich zurückhielten, ließ sie den alten Wonnecker Vormann sein. Er war Rektor des Wintersemesters 1522/23 und hatte seine Einschreibungen in der Matrikel mit der Wehklage darüber begonnen, daß dieser Thüringer Martin Luther alle kirchliche Ordnung samt den Stühlen ehrwürdiger Weisheitslehrer zu erschüttern vermöge. Jetzt am Weihnachtstage schlug Wonnecker Thesen an mit der Einladung zu einer Disputation. Ein Aktenstück der seltsamsten Art, in seinem Schwulst ungebräuchlicher Worte und Bilder kaum zu verstehen. Glarean spottete, und auch draußen machte man sich über die „seraphische“ Kundmachung des Basler Rektors lustig. Aber Ökolampad besorgte, daß die Gegner sich den Sieg zuschreiben würden, wenn Keiner der Evangelischen an der in solcher Weise inszenierten Posse teilnehme.

[332] Wir erfahren nicht, ob sie wirklich stattfand. Ernste Leute hatten an Anderes zu denken, an die auf Ende Januars 1523 angesagte Zürcher Disputation Zwinglis. Wonnecker wurde von Mitgliedern des Rates aufgefordert, namens der Universität Basel an ihr teilzunehmen. Aber er ging nicht. Kaum aus Mangel an Zuversicht. Eher aus derselben einfältigen Geringschätzung der Gegner, die seinen Universitätskollegen Johann Gebwiler gegen den Besuch der Disputation eifern und dabei dem Zwingli vorwerfen ließ, er sei ein Bube und habe Ketzerei gepredigt. Dieser Gebwiler war Doktor der Theologie, Professor, Chorherr zu St. Peter, hatte aber den Spitznamen des Doktor Hänsly mit den lampechten höslin. Zürich erhob Klage beim Basler Domdekan; der als einfältig und vorlaut bekannte Gebwiler mußte widerrufen.

Auch die Ordenswelt machte ihren Angriff, auf Pellican und dessen Klosterfreunde. Schon beim Provinzialkapitel hatte sich Pellican wegen seines Glaubens verantworten müssen. Als nun in der Fastenzeit 1523 der Provinzial Caspar Satzger visitierend nach Basel kam, wurden bei ihm Pellican und Lüthart sowie der Vizeguardian Johann Kreis durch Professoren und Domherren beschuldigt, Lutheraner zu sein und die Schriften Luthers zu verbreiten. Der Provinzial, ein alter milder Herr, dem Pellican seit Jahren wohlwollend zugetan, besprach sich wegen dieser Sache mit dem Domkapitel, fand aber hier nur Härte; man verlangte von ihm, daß er die Angeschuldigten aus Basel entferne. Er vermochte diesem Begehren nicht zu widerstehen, wünschte aber schonend zu verfahren und die Drei in der Stille und mit allen Ehren nach andern Konventen zu versetzen.

Alles geschah in der gewohnten Form eines Internums der kirchlichen Behörden. Bis plötzlich der Rat eingriff. Da er zu wissen begehrte, wessen man die drei Barfüßer beschuldige, die sich bisher gegen Rat und Bürgerschaft ehrlich gehalten und ihnen angenehm seien, lud er alle Beteiligten vor sich. Am 11. April 1523 erschienen sie in der Ratsstube, der Provinzial Satzger begleitet durch den Beichtvater des Gnadentals Gregorius Heilman und „den langen predikanten von Nierenberg“ Dr. Johann Winzler; diese Beiden waren dem Vernehmen nach dazu bestimmt, die durch Versetzung Pellicans und Lütharts frei werdenden Stellen zu erhalten. Sämtliche Mönche kamen zum Worte; dann entließ sie der Rat und besprach die Sache. Das Ergebnis war, daß er gleichen Tages nach Tisch dem Provinzial den Befehl zukommen ließ, mit seinen beiden Begleitern die Stadt zu räumen und die angeschuldigten Barfüßer unbehelligt zu lassen; falls er sie hinwegführe, werde der Rat den ganzen Konvent, mehr als vierzig Brüder, aus der Stadt weisen.

[333] Ein zweiter Ratsbeschluß desselben Tages entzog den vier Professoren Wonnecker Gebwiler Fininger Mörnach ihre städtischen Besoldungen.

Ein dritter ernannte Pellican und Ökolampad zu Lehrern der Theologie an der Universität.

Der Verlauf dieser Sache ist nicht durchaus erkennbar, die Schroffheit der schließlichen Lösung auffallend. Dem Rate schien jedenfalls geboten, auf die Sympathien großer Teile der Bevölkerung für Pellican und Lüthart Rücksicht zu nehmen; überdies bestand bei Einzelnen des Rates von den Arbeiten der Universitätsreform her eine gereizte Stimmung gegen die „Veteranen“ dieser Anstalt, wozu jetzt noch die Diskreditierung Basels und der Universität kam, die man Wonnecker und Gebwiler verdankte. Das Maß wurde voll durch die Intriguen dieser selben Männer, sodaß der Rat handelte. Nicht in irgend einem Zusammenhange mit der reformatorischen Bewegung, sondern um Ruhe und Ordnung zu wahren und seine Macht zu zeigen. Zuerst wurden die unruhestiftenden Mönche beseitigt, dann die untauglich gewordenen Dozenten abgeschüttelt. Die Erteilung eines Lehrauftrages an Pellican sodann war Rehabilitierung des unbillig Angefochtenen und gab ihm die Möglichkeit, aus dem Ordens- und Parteiwesen auszuscheiden und der wissenschaftlichen Arbeit zu leben, für die er geschaffen war. Die Wahl Ökolampads endlich, der schon seit einigen Monaten privatim Vorlesungen hielt, war Anerkennung seines Gelehrtenrufes und Verwertung einer der Stadt von früher her vertrauten Kraft.


Wir halten inne zu einem Überblick.

Eine an Gehalt alle bisherigen Reformen und Revolutionen weit übertreffende Bewegung sehen wir. Ein Etwas tritt in die Stadtgeschichte ein, das alles Leben zu beherrschen beginnt. Eine vordem möglich gewesene Ruhe ist von da an vorbei für immer, und man findet sich in einem Kreise neuer Ideen und Gestalten, aus dem kein Entrinnen ist.

Bis dahin hat die Kirche durch die urtümlichen und populären Elemente ihrer Lehre und ihres Kultus die Bedürfnisse eines großen Teils der Menge befriedigt. Aber das gesetzmäßig Zwingende dieser Religion sowie die Hierarchie samt Allem, was fremd hinderlich und würdelos ist, wird von Vielen widerwillig geduldet. Auch hierüber hinaus noch besteht ein Suchen Vieler nach einer innerlich erneuerten Kirche. Und zudem sind viele Andre, die unter Lasten und Leiden auch profaner Art dulden, in solchem Drucke bereit, jedem Rufe zur Freiheit Folge zu leisten.

[334] In diesen Zustand hinein kommt nun die mächtigste Erschütterung durch Luthers Auftreten; er leugnet die päpstliche Autorität, er bestreitet die Berechtigung des Unterschiedes zwischen Priestern und Laien. Ein Alarm, der zunächst Gelehrte und Geistliche in Bewegung bringt; die größere Menge wird allmählich erregt durch persönliches Besprechen und Weitertragen alles des Neuen, das der ersten Tat Luthers folgt, durch Abhandlungen Flugschriften Predigten.

Wichtig vor Allem ist diese Predigt, das „Evangelisieren“ von Vertretern einer sich meldenden neuen Kirche. Diese Redner verkünden die ausschließliche Gültigkeit des „Wortes“, der persönlichen Offenbarung Gottes, und verwerfen, was nicht daraus zu rechtfertigen ist. Sie legen die Bibel aus, am häufigsten das Evangelium des Matthäus. Durch die im erasmischen Sinne bevorzugte Verkündung der Bergpredigt mit ihren Geboten einfachster praktischer Frömmigkeit geschehen die ersten Eroberungen der Reformation. Unter diesen Kanzeln sind die Anfänge evangelischer Gemeinden.

Von da an liegt eine Entwickelung vor uns. Der Schatz von Gegenständen primitiver Devotion — Bilder Reliquien Heilige — bleibt noch eine Zeit lang unversehrt, während schon bald in dem häufigen Brechen des Fastengebotes die Auflehnung gegen den Gesetzes- und Verdienstgedanken, in vielen Gewaltsamkeiten gegen den Klerus die Empörung wider kirchliche Macht sich ankündigen. Über die ruhige Auslegung des Evangeliums durch Capito greift der neue Geist gewaltsam hinaus, und es folgen die aufreizenden Predigten Lütharts, die scharfen Angriffe Reublins auf Folge Jahrzeit Seelgeräte Messe usw. Indem so die Wirkung wächst, dringen von andern, nicht religiösen Gebieten her Tendenzen in den Kampf mit herein und versuchen den großen Strom zu teilen oder zu trüben. Wir beachten auch, wie nur schrittweise die Einzelheiten der Lehre Eingang finden. Neben dem erasmischen Schriftverständnis und der Darlegung des Gesetzes Christi wird das paulinische Evangelium von Gnade und Rechtfertigung erst allmählich eine Macht. Und dem Großteile der Gläubigen erscheint überhaupt das einfache Gotteswort, das Evangelium von der Nachfolge Christi als die Hauptsache, während ihnen dogmatische Probleme gleichgültig sind.

Dieses Leben und Reifen im Einzelnen ist mit Bestimmtheit nicht wahrzunehmen. Vieles geschieht und bleibt unbezeugt. Hinter den Akten und allen übrigen, stets nur zufälligen Nachrichten vollzieht sich in einer mächtigen Stille die Umstimmung der Geister, die Erneuerung der Gedanken.

[335] Wir sind den Ereignissen bis zum Jahre 1523 gefolgt, in dem die alten Chronisten den Beginn der Basler Reformation sehen.

Es ist in der Tat ein Wendepunkt. Er läßt die Formationen deutlicher und dauernd hervortreten, einzelne Gestalten bestimmend werden. Es ist der Moment der Abgrenzungen und Abklärungen.


Zunächst sehen wir das Ausscheiden der meisten Humanisten aus dem reformatorischen Komplexe.

Was durch die Basler Humanisten für Erschließung der reinen Quellen des Christentums getan worden ist, macht sie zu Wegbereitern der Reformation. Ihr Kämpfen gegen curialistische Mißwirtschaft und römische Lehrsätze stellt sie in die Reihe der Genossen Luthers. Und doch gelten Unterschiede. In der „christlichen Philosophie“ dieser Humanisten, in ihrem Bewußtsein einer Renaissance, an der Wissenschaft und Religion zur gleichen Zeit und mit gleichem Rechte Teil haben, waltet ein Gefühl des Glückes, des Genusses dieser Einheit höchster geistiger Dinge. Aber daneben erhebt sich die der Welt keine Ruhe lassende Sturmgewalt Luthers, die in Lehre und Forderung bis auf die Tiefen dringende Unerbittlichkeit dieses Mannes. Seine rastlos sich folgenden Schriften sind durchaus nicht jedesfalls und überall Mittel zur Mehrung seines Anhanges. So wie er wächst und seine Angriffe immer breitere Fronten treffen, werden Manche stutzig und verweigern die weitere Teilnahme.

Die Entwickelung der Menschen und der Probleme muß trennen, was eine Zeit lang zusammen gegangen ist. Im Gegensätze von Humanismus und Paulinismus zeigen sich die Differenzen. Die „christliche Philosophie“ gibt keine genügende Kraft zum Bruche mit der Kirche, zur Gewinnung eines gewissen Glaubens an Gottes erlösende Gnade. Und wie Mannigfaltiges dabei den Humanisten zu tun gibt, zeigen Einzelne aus ihnen. Bonifaz Amerbach, der einst mit Begeisterung Luther begrüßt hat, fühlt seinen Rechts- und Ordnungssinn getroffen; „wo ist die von Christus gepredigte Milde Geduld Liebe? ringsum ist nichts als Preisgeben des Gehorsams, nichts als Unheil und Gewalttat“. Glarean, in Paris ganz ergriffen von Luther, kommt bei seiner Rückkehr 1522 hier in den heftigsten Tumult der Glaubensparteien hinein; den Niedergang der Studien fürchtend, bricht er mit den alten Freunden Myconius usw. Auch Rhenan ist enttäuscht und tritt bald zurück. Ähnlich Christoph von Utenheim, dem die wahre Bedeutung der Lehre Luthers erst allmälich und zu spät klar wird. Weil er Bischof ist und das Neue sich festsetzen läßt, macht ihn der [336] Chronist für alles Folgende verantwortlich; „da der Hausvater schlief, säete der böse Feind Unkraut in den Acker!“ Zuletzt noch der kleine Humanist Bruder Georg Carpentarii in der Karthause. Auch ihn hat Luther gewonnen, bis seine Angriffe auf die oberste Kirchengewalt und sein Verdammtwerden durch Rom den Sympathien Halt gebieten. Dem bescheidenen Mönch ist nicht möglich, wie Andern, an einen Mittelweg zu glauben; für ihn gibt es nur Beugung unter den Geist der Kirche. Um so ergreifender ist, wie der durchaus subalterne Mensch in nahe Berührung mit den Größten kommt; wie Zwingli sein Jugendgenosse ist, Erasmus ihn bezaubert, Luther ihn sich zeitweise zu eigen macht, und zuletzt all diesem Leben gegenüber die Disziplin den Sieg behauptet. Was hat sich Georg als innerste Erfahrung und Überzeugung vielleicht dennoch Vorbehalten? Sein Brief an Zwingli im Jahre 1525 zeigt in rührender Weise die Not einer unfreien und scheuen, zwischen den gewaltigen Forderungen der Zeit hin und her schwankenden Seele.

Mehr ist von Erasmus zu sagen. Er befand sich, als Luther auftrat, in seiner niederländischen Heimat, meist in Löwen. In der erhöhten Stimmung, die eine Folge war der vor Kurzem vollbrachten Edition des Neuen Testamentes; der Größe dieser Tat bewußt, aber ihretwegen auch heftig befeindet und von kuttentragenden „Hunden angebellt“. Wichtige Äußerungen und Arbeiten bringen uns den Erasmus dieser Zeit nahe. Seine Paraphrase zum Römerbriefe sendet er dem Cardinal Grimani mit einer grandiosen Apostrophierung Roms, die in dem Ruf ausklingt: „Siehe zu, daß dieses Rom nicht zu einem Babylon entarte!“ Wie er dies im November 1517 schreibt, gleichzeitig mit dem Bekanntwerden der Thesen Luthers, so wendet er sich auch sonst mit Schärfe wider die kirchlichen Übelstände. Und während Luther seinen Kampf unternimmt, hören wir den Erasmus zur alleinigen Nachfolge Christi rufen, sehen ihn das Größte tun für Erschließung der Zeugnisse reiner evangelischer Lehre. Begreiflich daher, daß Zasius ihn als Den preist, der Luther voran den Weg zur Wahrheit eröffnet habe, und daß Mutian ihn als die Quelle bezeichnet, aus der die Ökolampad Melanchthon Luther gekommen seien, daß der Nuntius Aleander in ihm den Vater aller Lutherei sieht.

Luther und Erasmus beherrschen die Geister. Man sieht sie demselben Ziele zudringen. Jeder vergleicht sie. Während die Gegner sie zusammenspannen und gemeinsam schmähen, bedauern Freunde, daß die ungewöhnlichen Kräfte auf Zweie verteilt seien.

Wir stellen uns dabei vor, wo Erasmus lebt. Wand an Wand mit den Löwener Theologen, die Luthers Lehre verdammen und die gegen [337] Luther erlassene Bannbulle veröffentlichen. Wand an Wand auch mit den Mönchen, die er als Feinde seiner Studien haßt, die auch Feinde jeder kirchlichen Reform sind. Seine Stimmung ist lauter Erregtheit, aus der er sich zuweilen erhebt, in großen Bekenntnissen seine Gesinnung und das Werk seines Lebens darlegend.

Daneben treibt die Macht der Erscheinung Luthers ihn zum Handeln. Deutlicher als je hat er das Bewußtsein des ihnen Beiden Gemeinsamen, offenbart sich ihm Luther als ein Helfer der Welt.

Mitten unter bösartigen Gegnern lebend, in der hochgesteigerten Empfindung dieser Jahre, fühlt sich Erasmus getrieben, auch seinerseits und auf seine Weise an dem großen Streite teilzunehmen und die Sache Luthers, soweit sie auch die seine ist, mit allen Kräften zu fördern. Er glaubt fest an die Möglichkeit einer gütlichen Beilegung des Streites und müht sich für eine solche. Er arbeitet durch Flugschriften, durch Briefe, durch Verwendung bei politischen und kirchlichen Machthabern. Es ist eine großangelegte Vermittlungsaktion. Aber Luther selbst stört sie durch heftiges Vorwärtsstürmen, und wie Erasmus sich hiedurch gehemmt sieht, so in seiner eigenen Nähe bedroht durch seine Gegnerschaft. Die schon lang ihm mißtrauenden Feinde erheben sich und wollen seine wahre Gesinnung nicht mehr länger in Frage lassen. In Löwen predigen die Mönche wider ihn; die Theologen stoßen ihn aus der Fakultät, Aleander fordert ihn auf, offen Partei wider Luther zu bekennen; auch am kaiserlichen Hofe wird er verdächtigt. Bis er zuletzt an seine Sicherheit denken zu müssen glaubt. Ende Oktobers 1521 weicht er aus Löwen, seine Reise geht zum Teil unter dem Schutze Sickingens, das Ziel der Flucht ist Basel.

Im November 1521 trifft er hier ein. Er hat sofort wieder mit Krankheit zu tun und sieht um sich her wieder nichts Anderes als Streit. Unter diesem Drucke, in der auf die Löwener Erregungen natürlicherweise folgenden Abspannung, kann er den Gedanken nicht los werden: „Wie sicher und ruhig lebte man, ehe Luther kam! Desidero veterem securitatem. Was hab ich erzielt? daß ich fliehen mußte, während er in Sicherheit war und Atrozitäten begehen konnte wie die Verbrennung der Bulle. Er treibt zu dem Schisma, das ich habe verhüten wollen; er bildet sich ein, aller Gegner Herr zu werden, und fühlt sich als Deutschen Herkules“. Auch andre Äußerungen zeigen uns, wie Erasmus unter der Zeit leidet, und vor Allem unter seiner eigenen Art. Schwerer als Andern fällt ihm ein Mißlingen; Alles was Aufregung ist und rücksichtsloses rebellisches Gebahren, tut ihm wehe. Und doch möchte er es Allen recht machen, erklärt er, [338] Nichts für sich selbst zu begehren, nur der Sache Christi dienen zu wollen. Klug und jedes Wort überlegend erscheint er dem Pellican, jedem Anstoß ausweichend. „Aber wie weit ab ist er vom Geiste Luthers!“

In solche Stimmungen hinein kommt nun noch der lästige Besuch Huttens. Dazu sind die Personen, die sich auf den evangelischen Kanzeln in Basel vernehmen lassen, dem Erasmus widerlich; auch muß er hier Schmähungen des Hitzkopfs Hugwald hinnehmen und sich in Libellen herunterreißen lassen. Während von der andern Seite her Schreiben des Papstes Hadrian ihm Zuversicht geben und er auch das Bewußtsein haben kann, seit der Widmung der Matthäusparaphrase beim kaiserlichen Hofe rehabilitiert zu sein.

Noch immer hofft er, in seinem Glauben an die eine Menschheitsreligion, durch Vergleichung der sich entgegenstehenden Ansichten und Feststellung einer sie versöhnenden Gemeinsamkeit könne der Religionsstreit aus der Welt geschafft werden. Aber diese Hoffnung ist aussichtslos. Immer mehr kommt an die Oberfläche, was bis dahin zurückgetreten war: die Macht der großen prinzipiellen Differenzen, der nicht auszugleichende Gegensatz.

Erasmus sieht, daß eine Bewegung im Gange ist, die seiner nicht mehr bedarf, daß sie Worten gehorcht, zu denen er nicht stehen kann, und daß sie Zielen zugeht, die er verwirft. Ihr offen entgegenzutreten vermag er nicht; so geht er ihr aus dem Wege. Sich im Gedanken daran beruhigend, daß die alte Kirche ihm größere persönliche Freiheit lasse.

Das Lebendige in dem ganzen Verlauf ist, daß eine große geistige Macht, der Humanismus, eine noch tiefer in den Menschen hineingreifende Gewalt, die Reformation, neben sich muß aufkommen lassen. In der Zuversicht, auch kirchliche Reformer zu sein, gehen diese Erneuerer der Wissenschaft eine Zeit lang mit Luther zusammen. Bis er sie erkennen läßt, daß er ein Andrer ist als sie und andre Bahnen schreitet. Da verlassen sie ihn und werden wieder, was sie vordem gewesen, unter Verzicht auf reformatorische Illusionen.


Dem Ausscheiden der Humanisten folgt das Ausscheiden Luthers.

Seit Basel eine Geschichte hat, ist kein Erlebnis über die Stadt gekommen, dessen Wirkung mit derjenigen Luthers verglichen werden könnte. Wir würdigen freilich die allgemeine Disposition der Geister. In das Ganze der Zeit und der Entwickelung eingefügt erscheint die reformatorische Bewegung nicht als das Werk nur Luthers. Sie floß aus einer Macht, der [339] auch er unterlag. Aber er allein fand in den seelischen Kämpfen, die er einsam bestand, die Formel; er hatte die einzige Gewalt der Persönlichkeit, er allein den Mut der Tat.

Luther ist in dieser Weise der Urheber auch der Basler Reformation. Von Andern ist nicht die Rede. Für die Mitlebenden ist die Bewegung „der lutherische Handel“ und „die Lutherei“. Luthers Thesen und frühe Schriften, Luthers Schriftauslegung und Schriftübersetzung bringen den Sturm in die Stadt, geben die Gedanken, das Wissen, die Begeisterung.

Aber dabei handelt es sich nur um erste Anregung und Grundlegung. Zum Inhalte der entscheidenden Jahre 1523 und 1524 gehört auch, daß hier in Basel genug geistige Kraft vorhanden ist, um zur Lösung der evangelischen Sache von ihrem Urheber den Anstoß und die Entschlossenheit zu geben. Die Bewegung nimmt hier ihre eigene Richtung.

Wir denken daran, daß Luther selbst nicht stets der Gleiche hat bleiben können, und daß nicht Jeder, der ihm bisher gefolgt war, auch der kommenden Gestaltung seines Wesens und seiner Lehre folgen mochte. Wie er den Humanisten entwuchs, so Andern. Vielleicht darf nebenbei auch an die Antipathie der Alemannen, gegen norddeutsche Art erinnert werden. Überhaupt aber haben wir zu rechnen mit der jeder Schöpfung aus dem Geiste notwendig innewohnenden und ohne Weiteres zur selbständigen Weiterentwickelung drängenden Eigenkraft. Sie ist vorhanden und empfängt Nahrung aus dem Wesen der Personen, aus dem Leben des Ortes, aus Boden und Luft. Auch das Basler Luthertum hat sich auf seine Weise weiter entwickeln und zu einem Gebild eigner Art werden müssen.


Indem das Neue sein Wesen klärt und seine Lebenskraft erweist, entstehen hier Glaubensparteien.

Daß die bisherige Kirche in Frage gestellt war, der Einzelne zur Abwägung getrieben wurde, die Begriffe des Proselytenmachens und der Konversion auftraten, — in diesem Allem erschloß sich eine bisher nicht bekannte Welt.

Natürlich gab es Indifferente, wie z. B. Niklaus Briefer gewesen zu sein scheint; es gab auch Solche wie Bonifaz Amerbach, der sich einen Mittelweg zwischen Luther und Rom wählen zu können glaubte; bei den Streitenden selbst zeigten sich Nuancen in unzählbarer Menge. Aber im Ganzen haben wir es mit den zwei Gruppen der Neugläubigen und der Altgläubigen zu tun. [340] Der altgläubigen Partei gegenüber, die nur Bestehendes behaupten oder verlieren konnte und nichts Neues schaffen wollte, waren die Neugläubigen im Vorteile durch die Aufgaben und Aussichten des Eroberns Erneuerns Entdeckens. Aber sie vertraten auch, dem angesessenen und überlieferten Fertigen gegenüber, das erst Beginnende und dem Einheitlichen gegenüber das Zersplitterte. Außerdem handelte es sich bei ihnen um Import; die neue Lehre kam von außen, und die Meisten unter ihren Verkündigern waren Fremde.

Höchst bewegt ist das Bild dieser Anfänge. Sobald die Scheu vor der Tradition aufgegeben worden, war kein Halten mehr. Das persönliche Erfahren des Einzelnen und das Wegfallen kirchlicher Herrschaft und Sitte schufen Raum für unendliche Varietäten. Im Gefühle neuer Freiheit regte sich und wogte Alles.

Daß der Begeisterung bald ein Erlahmen folgte, war natürlich. Einzelne fürchteten, nach den ersten Triumphen stehen zu bleiben oder irre zu gehen. Gefährdungen andrer Art kamen durch Übereifer und Ausschreitung. Und auch solche Evangelische gab es, „die ein klug Geschwätz aus dem Evangelio gelernt hatten, aber in ihrem Wandel keineswegs zeigten, Gottes Kinder zu sein“.

Von allgemeiner Wichtigkeit aber war diese Parteibildung selbst. Daß eine Initiative höherer Art in der Bevölkerung erwachte, neue Bildungen aus dem Konnexe der Kirche heraus wuchsen, die Kraft der Kirche abgetrennt in solchen Laiengemeinschaften wirksam wurde, bedeutete eine mächtige Bereicherung städtischen Lebens.

Die lutherischen Predikanten der ersten Jahre — Lüthart Reublin Bertschi Wissenburg Frauenberger Stör Kettenacker — haben schon Erwähnung gefunden. Ihre Reihe ändert sich teilweise und erweitert sich.

Marx Bertschi, der im Herbste 1519 Leutpriester der St. Theodorsgemeinde geworden war, bekleidete dieses Amt bis ins Jahr 1523, bis zur Übernahme der Pfarrei zu St. Leonhard.

Zu St. Ulrich beim Münster folgte auf Martin Glewell alias Textoris als Leutpriester der Magister Jacob Imelin von Pfaffenweiler im Breisgau; seine erste Erwähnung an dieser Stelle finden wir im Mai 1523.

Ferner trat zu dieser Predikantengruppe, als Prediger des Augustinerklosters, der von St. Gregoriental im Elsaß gebürtige Thomas Girfalk, früher Lesemeister des Augustinerklosters in Freiburg i/U., von wo er seines evangelischen Bekenntnisses wegen vertrieben worden war; durch Cornelius Agrippa empfohlen kam er im Januar 1524 nach Basel.

[341] In Liestal erhielt Pfarrer Stör im Dezember 1523 als Helfer den gleichgesinnten Heinrich Sinckentaler. An die dann durch Störs Weggang erledigte Pfarrei selbst kam im August 1524 Jerg Fatzman; da die Gemeinde sich diesen Altgläubigen nicht wollte gefallen lassen, mußte er schon nach einer Woche den Platz wieder räumen und erhielt als Nachfolger den Hans Bruwiler von St. Gallen, der in einer der Gemeinde zusagenden Weise predigte.

Über diese Alle hebt sich die Gestalt des Johann Ökolampad.

Er ist uns schon früher in Basel sichtbar geworden, vom Herbste 1515 zum Frühling 1516, als Mitarbeiter des Erasmus am Neuen Testament. Er betrieb damals hier auch theologische Studien, die er in seiner Heimat Weinsberg, wo er Predikant war, fortsetzte — mit Unterbrechung durch einen kurzen Aufenthalt in Basel im Herbste 1516 — und dann im November 1518 wieder hier in Basel mit der Doktorpromotion schloß. In diesem Jahre 1518 war er hier auch predigend am Münster tätig, neben Capito und dem Pleban Wenk. Im August desselben Jahres veröffentlichte er hier bei Cratander seine griechische Grammatik.

So zeigt uns diese Frühzeit ein wiederholtes Dasein und Arbeiten Ökolampads in Basel. Seine Beziehungen zu Erasmus, seine Freundschaft mit Capito Pellican und andern Männern der humanistischen Kreise, sein Verkehr mit den Herren der Fakultät, — Alles machte ihn zum Teilnehmer am Leben des Ortes. Zum Basler wurde er auch durch sein Verwandtsein von der Mutter her, durch seine gute Bekanntschaft mit Cratander, durch seine Amtstätigkeit in der großen Münstergemeinde.

Dann aber rückt er in die Ferne, da er vom Augsburger Domkapitel an die dortige Predikatur berufen wurde, im November 1518. Seine Gelehrsamkeit empfahl ihn; mehr noch wirkte die Erwartung, daß er das Luthertum bekämpfen werde. Er war von Frömmigkeit alter Art. Schon den Genossen des erasmischen sodalitium in Basel hatte er durch abergläubige Regungen Unbehagen bereitet, und wie viel sagt uns die Einzelheit, daß er, kaum in Augsburg heimisch, einige Handvoll Erde vom dortigen Ulrichsheiligtum an ein paar devote Weiber in Basel schickte, die ihn darum gebeten hatten!

Aber jetzt in Augsburg kam für Ökolampad die Zeit des Ergriffenwerdens durch Luther. Die Zeit innerer Kämpfe, wobei ihn auch die Sorge plagte, seinem Predigeramte nicht genügen zu können. Er verlangte, aus dieser miseria in die Einsamkeit zu fliehen und dort mit sich selbst ins Reine zu kommen. Alte Sympathien für das Klosterleben regten sich wieder [342] und erleichterten ihm den Entschluß. Am 15. April 1320 trat er in das Kloster Altomünster, zum Erstaunen seiner Freunde.

Ein Leben nach Gottes Wort, Ruhe, Muße für Wissenschaft und Gebet, das ists, was er bei der Einklosterung für sich begehrte. Er brachte seine große Bibliothek mit. In rastlosem Fleiße fertigte er Predigten Abhandlungen Übersetzungen aus den Kirchenvätern. Darunter sind von Bedeutung das Urteil über die Lehre Luthers und der Sermon über das Sakrament der Eucharistie, mehr noch die 1521 geschriebene Schrift über die Beichte, die weithin Aufsehen erregte.

Die Zeit, die Ökolampad als Mönch verlebte, war die Zeit der entscheidenden Reformationsjahre. Wir wissen nicht, wie viel von ihrem Leben zu ihm drang. Das Größte mußte er doch in seiner einsamen Zelle vollbringen, gleich Luther. Und damit war auch das Ziel dieses Klosterdaseins erreicht. Am 23. Januar 1522 verließ er Altomünster „als ein Freier“.

Schon im Kloster hatte Ökolampad den Haß seiner Feinde zu spüren bekommen; jetzt waren die Gefahren noch größer. Er hielt sich erst in Mainz auf, bei Hedio; dann im April 1522 ging er zu Franz von Sickingen auf dessen Ebernburg, wo er nun einige Monate lebte. Er fühlte sich „aus den Finsternissen herausgerissen; als ein neuer Mensch trat er jetzt vor den Altar“. Indem er der Burggemeinde als Geistlicher zu dienen hatte, ruhte daneben nicht die wissenschaftliche Arbeit. Er übersetzte zahlreiche Homilien des Chrysostomus. Bis in Folge der Ächtung Sickingens ein längeres Bleiben auf dem Schlosse nicht mehr möglich war.

Ökolampad dachte zuerst an Rückkehr nach Augsburg zu seinem Verleger Sigismund Grimm. Aber auch dies empfahl sich nicht. Er ging nach Basel zu Cratander. Am 17. November 1522 traf er hier ein.

Ohne Beruf, ohne Stellung, ein Flüchtling. Ein Vierzigjähriger. Er kam nach Basel, weil er die Stadt und die Menschen kannte, und vor Allem weil Buchdrucker da waren. Er kam nicht als Kirchenmann, geschweige um zu reformieren.

Aber der Gewalt der Zeit war nicht auszuweichen. Wie anders war dies Basel als das vor vier Jahren verlassene!

Vorerst hatte Ökolampad mit seinem Drucker Cratander zu tun. Er brachte ihm Manuskript und arbeitete für ihn. Ein Band Väterübersetzungen nach dem andern erschien während der nächsten Jahre in Cratanders Verlag. Ebenso eine neue Auflage der Dragmata. Ferner Predigten Streitschriften Kommentare. Ökolampad erhielt zunächst auch Wohnung bei Cratander (Petersgasse 13). In denkwürdiger Weise war so diese Offizin auf Jahre [343] hinaus durch die Verbindung mit Ökolampad charakterisiert neben der erasmischen Werkstatt Frobens.

Schon früh und selbstverständlich schloß sich an diese gelehrte Schriftstellerei das Dozieren. Noch im Jahre 1522 begann Ökolampad privatim, ohne Lehrauftrag, als Doktor der Theologie dazu berechtigt, Vorlesungen in der Universität. Es waren exegetische Kurse über Jesajas und Jeremias sowie Lektionen der Evangelien. „Er hat ein groß Volk allezeit bei seiner Letzge von Pfaffen und Laien.“ Denn auch die Propheten trug er — neben Hebräisch Griechisch Lateinisch — in deutscher Sprache vor. Es war eine Tätigkeit, die in diesem Zulaufe von Hörern ihre Rechtfertigung fand, aber auch durch die mit der Exegese der Schrift verbundenen Angriffe auf die Kirche den Zorn Vieler erregte. In erster Linie der an der Universität selbst mächtigen „Sophisten“; wir hören in der Tat sogleich von Intriguen dieser Leute. Sie versuchten, ein Verbot der Vorlesungen Ökolampads zu bewirken. Es waren Dieselben, die auch gegen Pellican arbeiteten.

Nirgends wie hiebei scheinen die Gegensätze, an denen sich die Zeit erregte, so nah aufeinander zu treffen. Es war ein Zusammenstoß der Basler Scholastik mit der humanistischen Welt; es war zugleich, was in diesem Moment und in dieser Umgebung mehr bedeutete, ein Zusammenstoß der beiden Glaubensparteien.

Der Vorgang würde noch mächtiger dastehen, wenn die kämpfenden Kräfte sich ähnelten. Aber die alte Wissenschaft und Kirche schickte nur Männer auf den Plan, deren Erbärmlichkeit die durch sie vertretenen Prinzipien und Körperschaften blosstellte. Und da sie sich nicht enthielten, auch Auswärtige in diesen Basler Hausstreit hineinzuziehen und mit ihnen „wider die gemeine der stat Basel zu practicieren“, so machte der Rat sein Hausherrnrecht geltend.

Er griff ein und faßte die Beschlüsse vom 11. April 1523, die wir kennen.

Daß der Rat den Ökolampad zum akademischen Lehrer machte, war bei dessen Gelehrtenruhm und angesichts des Erfolges, den schon die beschränkte Dozententätigkeit gehabt hatte, verständlich. Daher auch diese Wahl Hoffnungen auf ein Gedeihen der Universität gab.

Und nun faßte Ökolampad Fuß auch im Kirchenwesen Basels; er trat zu den Predikanten der neuen Lehre.

Der Pleban zu St. Martin, Anton Zanker, war ein Priestertypus alter Art, mit seinen Kaplänen in beständigem Hader lebend, Konkubinarier; [344] jetzt vom Podagra geplagt und beinahe dienstunfähig. Sein Vikar, durch Übernahme der Predigt, wurde im Frühling 1523 Ökolampad. „Auf Verlangen der Gemeinde“, wie der gut informierte Konrad Schnitt bezeugt. Jedenfalls ist weniger an einen freien Entschluß der Pfleger zu denken, als an eine in der Gemeinde selbst bestehende und nun durch den Ruhm der Bibellektionen Ökolampads noch gesteigerte Stimmung. Es war die Gemeinde, die seit Jahren den Neuerer Bonifaz Wolfhart unter ihren Kaplänen besaß, und der vor kurzem Hedio mit Kaplaneigeschäft und Schriftauslegung gedient hatte. Vielleicht wirkte auch das Fürwort einzelner Ratsmitglieder und alter Gönner Ökolampads. Wesentlich war jedenfalls die Qualität dieses Ankömmlings selbst, der ja Niemandem hier ein völlig Fremder und sämtlichen Kanzelinhabern der Stadt überlegen war durch Bildung und Wissen und mannigfaltige Bewährung im geistlichen Amte.

Was bis dahin Basler Reformation heißen konnte, war das Werk Luthers, zum Teil dasjenige des Erasmus. Zu ihrer Vertretung erhoben sich die verschiedensten Männer; sie entbehrte der einheitlichen Leitung; ihre Äußerungen gingen dahin und dorthin und verloren sich in Einzelheiten. Jetzt, im kritischen Momente, traf Ökolampad ein und wurde rasch dazu geführt, der Krisis ein Ende zu machen.

Die Stellung Ökolampads war einzigartig durch die Verbindung kirchlichen und akademischen Amtes. Beide machten ihn zum Lehrer Vieler. Neben dem Vikariate zu St. Martin war die Professur die in höherm Sinn und Bereiche wirkende und namentlich die durch die oberste Stadtbehörde ihm zugewiesene Tätigkeit. Ein Lehrauftrag war ihm gegeben zum Nutzen der Universität. Aber die Art, wie er ihn erhielt über die gestürzten alten und altgläubigen Professoren hinweg, ließ die Wahl als Demonstration für die neue Lehre wirken.

Im Genusse dieses Ansehens und durch die täglichen Homilien wie durch die Vorlesungen Besitzer einer Macht, die kein andrer Predikant und kein andrer Dozent besaß, sah sich Ökolampad schon kurz nach seiner Herkunft zum Haupte der evangelischen Bewegung erhoben. Auch fühlen wir, wie sein Eintritt in die Reihe der Predikanten sofort die Bedeutung dieser Klasse hob. Wenn sie durch Glarean noch vor Kurzem hatte gering gewertet werden können, so war dies jetzt nicht mehr möglich. Ökolampads Aufgabe war das Zusammenfassen Ordnen und Führen der vorhandenen Kräfte. Er wurde der Vorwärtstreiber, der Mahner und Lenker zur Erneuerung der Basler Kirche. Vom Neide Vieler verfolgt, von Haß umgeben, gegen Sophisten und Papisten und wenn seine Überzeugung gebot auch gegen [345] Luther kämpfend, erzog er das Leben und den Charakter dieser Kirche, leitete er sie aus ihren Anfängen zur Reife, zur Selbständigkeit.

Ökolampad war in keinem Betracht eine geniale Natur, keine überwältigende Kraft. Aber der Beste unter den in Basel vorhandenen Vertretern der neuen Lehre. Ihn empfahl und hob über die Andern seine Reinheit, sein starker sittlicher Ernst, seine Bildung, seine Klarheit, sein ungewöhnliches Wissen. Diese Qualitäten gaben ihm wie von selbst die Führerschaft.

Aber wie unansehnlich war der von Jugend auf kränkliche Mann! Nichts Gewinnendes in dieser Gestalt mit dem ausgemerkelten Leibe, dem gelben Antlitz, der großen Nase, der schwäbelnden Fistelstimme. Auch die angeborene Schüchternheit, sein Hang zu Versinken in stiller Beschauung ließen ihn hinter streitbaren Kollegen vom Schlage Lütharts und Wissenburgs zurücktreten. Schon frühe hatten die Freunde an ihm zu tadeln, daß er wankelmütig sei, seiner Stimmungen nicht Herr werde, viele Worte mache und Wenig ins Werk setze. Er scheute zurück vor einem starken und allenfalls Andern wehetuenden Zugreifen; das Fehlen von Kampflust Schlagfertigkeit Beredtsamkeit machte ihn zum schlechten Disputator.

So fühlte Ökolampad in sich selbst Fesseln und Hemmungen. Daß er trotzdem in beständigem Kampfe mit der eigenen Natur, in keinem Augenblicke durch das Glücksgefühl einer freien siegesgewissen Kraft getragen, seinen Posten behauptete und so Vieles zu Stande brachte, ist das schönste Zeugnis für die nicht glänzende, aber bis auf den Grund edle tüchtige ernste Art dieses Mannes. Das Bedeutende in der Erscheinung Ökolampads ist uns weniger sein Tun an sich, als daß es die Hingabe seines Lebens war.

Aber wir haben auch an die Schule zu denken, in der er stand. An die unabweislichen Forderungen des Werkes, dem er sich geweiht hatte, an das Große und unaufhörlich Neue seiner Zeit. Dieses allgemeine Wachsen hat auch ihn vorwärts gebracht, Menschen und Dinge haben auch ihn erregt und erzogen und gestählt zu dem herberen entschlossenen Ökolampad der spätern Jahre.

Keine neue Kirche haben wir vor uns, sondern eine Partei innerhalb der einen uralten Kirche, die jeder der Streitenden als die seine ansprechen kann. Diese Partei lebt mit vom alten Kirchengut, in den alten Kirchengebäuden, unter den alten Kirchenbehörden. Im Rahmen der alten Kirchengemeinde besteht sie als geistliche Gemeinschaft und ist Majorität oder Minorität. Nebeneinander können in derselben Kirche Alt- und Neugesinnte Gott dienen. Alles ist Übergang, noch Nichts gefestigt, noch Nichts organisatorisch geformt und geschieden.

[346] Durchweg ruhen diese Gebilde auf dem Willen des Volkes. Wie sich im Auditorium Ökolampads Hunderte von Hörern drängen, wie zu St. Martin seine Getreuen Leib und Leben für ihn wagen wollen, wie angesehene Bürger die Abhaltung täglicher Bibelstunden in der Barfüßerkirche verlangen, so handelt es sich überall um „eine Gemeinschaft mit geistlicher Gewalt, die keinen Zwang kennt, eine freiwillige Scharung um das Wort des Predigers“.

Auch die Predikantenschar entspricht diesem Anfangszustande. Jeder von ihnen ist geworden, was er ist, aus eigenem Entschluß und hat seine Gemeinde sich gewonnen mit seiner Kraft. Wenn schon hierin Anlaß ist zu selbstwilligem Handeln, so hilft dazu auch das Fehlen von Amtsordnungen und von Organisation überhaupt. Nur allmählich bildet sich die Vorstellung einer Körperschaft, eines Geistlichenstandes; die gelegentlichen Verabredungen dieser Predikanten über ihre Tätigkeit können noch kaum als Keime künftiger Synoden gelten. Daß Dissonanzen innerhalb dieser Basler Predigerschaft bestanden, lehrt uns ein Brief Zwinglis mit Ermahnungen zu Einigkeit. Von Wissenburg z. B. wissen wir, daß er in der Lehre vom Abendmahl abweichender Meinung war und unter den Kollegen als ein Bruder zweifelhafter Gläubigkeit galt. Eine weitere Distanz tat Ökolampad zwischen sich und den Andern auf. Er, der zur gleichen Zeit die zwei großen Ämter des Predigers und des Professors versah und diesem Übermaß von Arbeit seine Nächte opferte; er, der nicht derb und robust war wie Andre und doch das Schwerste trug, sonderte sich durch solche Leistung und seinen persönlichen Wert von den Amtsbrüdern, denen nichts Andres blieb, als sich ihm unterzuordnen.

Aber wie reich geartet im Einzelnen war diese Schar! Mit Ausnahme Wissenburgs lauter Hereingekommene — Elsässer Schwaben Ostschweizer — mit fremden Sprechweisen und Manieren. Während Einige unter ihnen — Reublin Lüthart — reine Volkspredikanten gewesen zu sein scheinen, hatten Andre Gelehrtenaussehen und waren auch humanistisch gebildet. Die äußere Stellung dieser Männer haben wir uns vielfach als eine an Entbehrungen reiche zu denken. Sie dienten Gemeinden vorwiegend kleiner Leute; an Gaben u. dgl. mochte ihnen Vieles abgehen im Vergleiche mit den Einkünften der alten Pfarrer. Ökolampad selbst erwähnt die Kleinheit seiner Besoldung, und von Bertschi vernehmen wir, daß er armselig leben mußte. Aber gerne würden wir unterrichtet sein über Wesen und Art der Einzelnen. Nur Wissenburg wird uns näher gebracht. Dieser Spitalpfarrer ist auch Lehrer der Universität; Akten Briefe und Chroniken reden von seiner Tapferkeit im Verkünden der neuen Lehre, von seiner persönlich freien Haltung. [347] Noch Wurstisen gedenkt seiner als eines Begründers der Kirche; er war „nach Ökolampad der Bedeutendste unter Basels evangelischen Predigern“. Im Übrigen gibt es nur allgemeine Redensarten. „Sie waren fast gute christliche Predikanten“, bezeugt diesen Männern der ihnen geneigte Chronist; sie sind ihm nur Repräsentanten des Neuen überhaupt. Was für scharfe, grell bemalte Bilder geben daneben die Gegner! Von Wissenburg, der ein böser Mensch ist, im Überrocke Messe liest, das bischöfliche Predigtmandat verachtet u. dgl. m.; vom Barte, den Imelin als der erste Pfaff in Basel getragen, vom DurchdieNasereden und vom Konkubinate dieses Imelin, von seiner rücksichtslosen Derbheit im Abtun der alten Kirchenbräuche; vom Hochmute des ungebildeten Bertschi; von der dreisten und Alles, auch das Unanständige heraussprudelnden, nur auf den Applaus gerichteten Redefertigkeit Lütharts.


Notwendigerweise bedurften diese evangelischen Gemeinschaften einer eigenen Gottesdienstordnung.

Nachdem die alte Pfarrpredigt mit ihrer Bindung an die Perikopenvorschrift und ihrer Behandlung der oft verschiedenartigsten Materien durch die dem Verlauf eines biblischen Buches folgende einfache Lektion und Auslegung ersetzt war, geschah das Nächste in Sachen der Messe.

Reublin und Imelin verwarfen die Messe überhaupt; Ähnliches verlautet von Ökolampad. Doch kam es nicht zur Abschaffung. Die Messe blieb. Aber schon im Jahre 1523 redet der Karthäuser von der Meßfeier in deutscher Sprache als allgemeinem Brauche der Basler Lutheraner, im Einzelnen wird genannt die deutsche Meßfeier Wissenburgs.

Wir erinnern uns hiebei an das schöne Basler Plenarium des Adam Petri 1514, das eine deutsche Übersetzung aller Gebete und Gesänge der Messe gegeben hatte. Wir wissen auch, daß schon mehrere Jahre vor der Herausgabe der deutschen Messe Luthers (1526) in Nördlingen Straßburg und anderswo die Messen in deutscher Sprache begangen wurden. Auf der Ebernburg hatte Ökolampad 1522 den Meßritus mehrfach geändert, den bisher still gesprochenen Kanon laut gelesen, Epistel und Evangelium in deutscher Sprache vorgetragen.

Solches geschah nun in Basel. Wichtig war dabei nicht nur, daß die Meßliturgie jetzt allen Anwesenden verständlich wurde; das Große war die Möglichkeit innerer Beteiligung der Gemeinde an der bisher abgesonderten Opferhandlung des Priesters am Altare.

Neben diese Reform der Messe trat die Einrichtung eines die katholische Kommunionsfeier ersetzenden evangelischen Abendmahles. Vorerst bestand [348] es noch neben der Messe, aber im Gegensatze zu ihr aus dem Predigtgottesdienst heraus entwickelt, während Luther die alte Messe zum evangelischen Abendmahl umgestaltete. Pfarrer Imelin zu St. Ulrich wird uns als der Erste genannt, der das Abendmahl in der neuen Form, unter beiderlei Gestalt, gereicht habe, und Ökolampad als sein erster Kommunikant. Daß dies schon im Jahre 1523 geschah, zeigt uns der Verlauf im fränkischen Städtchen Wertheim, wo Franz Kolb im Sommer 1523 das Abendmahl unter beiderlei Gestalt einführte, mit ausdrücklicher Beziehung auf den in Basel — wo er sich in eben diesem Jahr aufgehalten — ihm bekannt gewordenen Ritus.


Im Zusammenhange dieser neuen Gemeinschaftsbildungen und Gottesdienstordnungen steht auch das Ereignis einer neuen Bibelübersetzung, die sich vollendend schloß an die reiche Fülle der seit Jahrzehnten im Volke heimischen deutschen Evangelien Andachtsbücher und Predigten.

Zur selben Zeit, da die Theologie der Basler Reformatoren sich von Luther abzuwenden begann, kam von Diesem die deutsche Bibel. Im September 1522 war zu Wittenberg die erste Ausgabe des von ihm übersetzten Neuen Testamentes ans Licht getreten; schon im Dezember darauf erschien hier in Basel ihr Nachdruck durch Adam Petri. Im März 1523 folgten durch Petri zwei neue Ausgaben dieses Nachdruckes, in Folio und in Oktav, im Dezember 1523 wiederum eine Oktavausgabe. Neben Petri fertigte auch Thomas Wolf solche Nachdrucke. Im Ganzen erschienen von 1522 bis 1525 nicht weniger als zwölf Ausgaben des deutschen Neuen Testamentes in Basel. Die lutherische Übersetzung des Alten Testamentes, 1523 mit dem Pentateuch beginnend, fand in Basel ebenfalls sofort ihre Wiederholung. Vom Dezember 1523 an erschienen zahlreiche Ausgaben der einzelnen Teile durch Adam Petri und Thomas Wolf.

Wie immer so arbeiteten auch hiebei die Drucker, hinter denen Pellican und Ökolampad stehen mochten, für einen weiten Bereich, für ganz Oberdeutschland und die Schweiz. Wobei wir zu bewundern haben das rasche Entschlossensein Basels zum Herübernehmen und Nachbilden der Wittenberger Ausgabe, dann die behende Herstellung, die der gewaltigen Nachfrage gemäße Zahl der sich rasch folgenden großen Neuauflagen. Keineswegs um Hastarbeit handelte es sich dabei, sondern um Ehrenstücke typographischer Tüchtigkeit, die noch ihren Adel erhielten durch die Mitarbeit Holbeins.

Ein Feuer glüht in dem Ganzen. Es ist weit mehr als geschäftlicher Eifer; es ist das Gefühl der einzigen Art des Buches und der einzigen [349] Macht seines Wirkens. Nach so vielem Zersplitterten und Momentanen erscheint die Basler Bibel als das erste monumentale Produkt der petrinischen Offizin.

Was Petri damit vollbrachte, war Antwort auf ein starkes Verlangen weiter Kreise. Schon im Oktober 1522 verkündet Rhenan seinen Freunden das bevorstehende Erscheinen dieser Übersetzung; jetzt liegt sie da, und „es ist nicht zu sagen, mit welcher Gier sie gekauft wird“.

Wir beachten noch die besondere Art der Edition. Petri beschränkte sich nicht auf einfache Reproduktion seiner Vorlagen. Beim Alten Testamente zog er Pellican zu, damit er die Übersetzung mit dem Urtexte vergleiche, und der Ausgabe des Neuen Testamentes wurde ein Glossar angefügt, das die dem oberdeutschen Leser unverständlichen Worte der Luthersprache erklärte.


Auch im Brechen großer zwingender Lebensformen zeigt sich eine Wirkung der neuen Lehre.

Seit Langem hat das Klosterwesen die Ernsten und die Spötter beschäftigt; wenn jetzt gelehrt wird, daß die Orden menschliches Gebot und unnütz zur Seligkeit seien, und wenn die Heiligkeit des Berufslebens verkündet wird im Gegensätze zum Dasein selbsterworbener Vollkommenheit im Kloster, so trifft das Viele ins Herz. Es gibt Mönche und Nonnen, die als „arme Gefangene Gottes“ schwer an diesem Stande tragen, und auch Solche, die im Kloster Frieden gefunden haben und nichts Andres begehren. Um die zahlreichen Klöster her aber bewegt die Diskussion dieser Fragen weite Kreise.

Amerbach und Erasmus erblicken im Bruche der Klostergelübde nur eine die christliche Freiheit vorschiebende Pflichtverachtung und Lust, während Ökolampad aus eigener Erfahrung heraus verlangt, daß diese an schweren Kämpfen und Sorgen reichen Klosteraustritte ernst genommen werden. Mitten zwischen den Streitenden steht die Gestalt des evangelischen Mönches Pellican.

Wir lernen Einzelheiten kennen, die Folgen solcher Überlegungen und Debatten sind. Die durch Werke stärkster Devotion ausgezeichnete Marie Zscheckabürlin, des Morand von Brunn Witwe und des Karthäuserpriors Nichte, widerruft im Dezember 1523 ein vor fünf Jahren ausgesetztes Legat, das den Eintritt einer armen Tochter ins Kloster ermöglichen sollte; sie verfügt jetzt statt dessen, daß mit diesem Geld eine Tochter zur Ehe ausgesteuert werden solle. Kurz darauf annulliert sie eine andre Verfügung [350] für den Bau von Zellen in der Karthause. Wir sehen auch, daß der Frühmesser im Steinenkloster Herr Hans Diemli, der im Jahre 1509 die Klosterfrauen zu Erben eingesetzt hat, jetzt dies widerruft; entweder ist er selbst evangelisch gesinnt oder die Nonnen sind ihm nicht mehr katholisch genug.

Zweifel und Änderungsbedürfnis durchbrechen die Klausuren und bringen das stille Leben in Aufruhr. Zwei Karthäuser, Thomas Brun und Sebastian, verlassen im Jahre 1523 das Haus. Auch ein Augustiner scheint ausgetreten zu sein. Das Barfüßerkloster verliert in eben diesem Jahr einige Brüder, nachdem es schon im Jahre 1522 den Johannes Schwan verloren hat, wie das Clarakloster die Anna von Sulzberg und die Merge von Flachsland. Noch von andern in die Welt heimkehrenden Klosterfrauen ist die Rede.


Wenn so Ehrwürdiges wie der Glaube an das Kloster ins Wanken geriet, konnte auch die Anschauung vom Cölibat sich ändern. Dieses Problem war von jeher in Aller Munde; gerade jetzt sah man es durch Erasmus zur Sprache gebracht. In seiner anläßlich des Klybecker Fastenbruches an den Bischof von Basel gerichteten Zuschrift empfahl er neben andern Reformen auch die Ermöglichung der Priesterehe.

Dann aber war es der kecke Thurgauer Stephan Stör, Pfarrer in Liestal, einer der frühen Führer der Reformation auf Basler Boden, der auch im Cölibatskampfe die Gasse brach. Seit einem Jahrzehnt mit seiner Magd im Konkubinate lebend wollte er jetzt diesem „bübischen und schändlichen Haushalten“ ein Ende machen. Am 8. November 1523 teilte er dem Rate von Liestal seine Absicht mit und verlangte, diese auch vor der Gemeinde zu rechtfertigen. Solches geschah, worauf er im Januar 1524 durch öffentlichen Kirchgang die Ehe schloß „nit on große freud und wolgefallen der kirchgenossen“.

Wir zweifeln nicht daran, daß der Vorfall Aufsehen erregte und weit herum vom kleinen Liestal geredet wurde. Die Interessen der einen wie der andern Partei, der Gemeinden und der Obrigkeiten waren berührt, und Viele konnten wünschen, daß die Sache öffentlich erörtert werde. Am besten geschah dies durch das der Zeit nahe zur Hand liegende Mittel der Disputation. Stör erließ unter Publikation seiner „Artikel und Schlußreden“ die Einladung.

Am 16. Februar 1524 fand die Disputation statt, im Kollegiengebäude zu Basel. Stör leitete ein durch Begründung seiner Artikel; auf seine wiederholte Aufforderung an den Bischof, das Domkapitel, die Universität, die [351] Predikanten und Priester, ihn eines Bessern zu belehren, meldete sich Niemand zum Worte. Es redeten nur Störs Gesinnungsgenossen.

Lebendig tritt uns in diesen Voten die Art der einzelnen Redner entgegen. Als Ganzes aber war der Vorgang ein großes Bekenntnis der evangelischen Führerschaft, eine einheitliche Demonstration. Zu Debatte und Kampf kam es nicht; wohl aber verlor Stör Pfarramt und Pfründe; das Domkapitel, dem die Kollatur zustand, setzte ihn ab.

Dennoch folgte noch im Jahre 1524 der Pfarrer zu St. Ulrich, Jacob Imelin, seinem Beispiel. Als der erste unter den städtischen Predikanten. Er heiratete seine Köchin Margaretha Butsch von Schaffhausen, „bei der er bisher in hurerei gesessen“. Wegen dieses Eheschlusses am 10. Dezember 1524 vor den Domdekan Niklaus von Diesbach geladen, wurde er im Amte suspendiert.


Impulse von außen hatten die Basler Reformation beginnen lassen. Und so stand auch alles bisher hier zustande Gekommene in einem großen Zusummenhange. Was in Basel geschah, war nicht Sache der Stadt allein. Vielmehr Sache alten und neuen Glaubens, die beide universal waren.

Das Stärkste solcher Einwirkung freilich blieb ohne Urkunde. Aber wir lesen zufällig erhaltene Briefe und erhalten gleichermaßen Nachrichten von Besuchen Auswärtiger. Es waren Flüchtlinge, persönliche Freunde von Baslern, Propheten eigener Lehren. Wir sehen, wie weitgespannt das neue Wesen war, welche Complicationen es barg.

Der im November 1522 hergekommene Hartmut von Kronberg war noch Jahre lang hier zu treffen, wo er seine Sendschreiben ausgehen ließ und zu Zeiten andre vertriebene Ritter aus dem Reich um sich sammelte. Auch Herzog Ulrich von Württemberg trat damals hier dem Ökolampad als Hörer seiner Predigten nahe. Hinne Rode sodann, der seines Glaubens wegen das Amt an der Utrechter Brüderschule verloren hatte, war schon im September 1522 nach Basel gekommen, zusammen mit Georg Sagan. Er brachte Schriften Wessels nebst einer Abhandlung des Cornelis Hoen über das Abendmahl, die er schon Luther vorgelegt hatte. Hier in Basel ließ er die Schriften Wessels im Druck erscheinen und wurde im Januar 1523 mit Ökolampad bekannt, der jedoch Hoens symbolische Auffassung des Abendmahls ablehnte und die beiden Holländer weiterziehen ließ, nach Zürich. Auch Johann Eberlin scheint zu dieser Zeit hier, bei Pellican, gewesen zu sein. Ein Zuzug besonderer Art aber kam von Westen.

Deutlich spürbar wurden in Basel die Folgen der konfessionellen Kämpfe Frankreichs. Bei den Gewerben und an der Universität, überall [352] verdichtete sich die französische Einwanderung jetzt zu Gruppen; das Gleiche geschah in der Partei der Evangelischen. Den Romanen war Basel längst eine vertraute Stadt, ausgezeichnet, wie Einer unter ihnen rühmte, „durch ihre Klugheit und die Jedem das Seine zuteilende Billigkeit, durch ihre Pflege der Wissenschaften, durch ihre Frömmigkeit“; jetzt, in der allgemeinen Bewegung, wurde die Kraft dieses geistigen Zentrums zur Herrscherin weiter Gebiete. Vor Allem durch das Mittel der Werke Ökolampads; seine Väterübersetzungen, seine Prophetenexegesen, seine Homilien machten ihn zum Lehrer Unzähliger in Lothringen Frankreich Italien.

Den Jacob Faber in Paris haben wir schon als Lehrer Rhenans kennen gelernt; hier ist er zu beachten, weil er schon frühe für die Autorität der Bibel einsteht, Kritik ihres Textes fordert, das Verdienst der guten Werke, den Coelibat u. a. m. bekämpft. 1520 tritt er zu den in Meaux bei Bischof Briçonnet weilenden Männern, die für Reform des Kultus und Besserung der Sitten, Einzelne weiterdringend für eine Reform von Kirche und Lehre selbst arbeiten. Mit ihnen verkehrt nun Ökolampad. Wie er da auf Gerard Roussel einwirkt, auf den jungen Morelet de Museau u. A., zeigt sich uns die Macht und Weite seiner Tätigkeit. Er ist die Seele der von Basel nach Westen gehenden Evangelisation.

Die Antwort hierauf kommt in der Gestalt zahlreicher französischer Besucher, die in Basel ein Asyl begehren oder auf dem Wege zum großen germanischen Zentrum Wittenberg hier Station machen. Es bildet sich ein wälscher Verkehr, dem außer Ökolampad hauptsächlich Bertschi Wolfhart Pellican Hugwald Bentinius dienen; auch die Buchhändler Resch und Vaugris und der Formschneider Jacob Verier sind Vermittler. Als Gäste aber lernen wir kennen den Lyoner Antoine de Blet; den feurigen, unermüdlich tätigen, rasch und scharf urteilenden Lothringer Pierre Toussain, der schon 1514 als Student hier gewesen ist; den enthusiastischen Johanniter Anemond de Coct; Jean Prevot; Nicolas d'Esch aus Metz. Von Franz Lambert aus Avignon ist schon die Rede gewesen.

Das sind Figuren dieser Gruppe. Sie publizieren hier Traktate. Sie kommen und gehen. Dem Ökolampad, den sie Bischof von St. Martin nennen, dienen sie als Briefbesorger, als Evangelisten.

Über sie Alle ragt die Gestalt Farels.

Guillaume Farel, ein Freund Fabers, kam vor der Verfolgung weichend gegen Ende des Jahres 1523 nach Basel. Alsbald erbot er sich zu einem Religionsgespräch. Als Flüchtling und aus seinem entschlossenen Wesen heraus hatte er das Bedürfnis, sich sofort darzustellen, Klarheit zu [353] geben über seine Person und seine Absichten. Seine Thesen galten hauptsächlich der Bekämpfung der Werkheiligkeit; der Verwerfung des Meßopfers; der Erklärung, daß uns die vollkommenste Lebensregel durch Christus und sein Wort gegeben sei. Mitten in die Erregungen der kaum erst geschehenen Disputation Störs hinein kam Farel. Wieder versuchten Universität und bischöfliche Regierung die Abhaltung zu hindern, wieder schritt der Rat ein und gebot, daß alle Seelsorger Predikanten Priester Studenten Universitätsverwandten dem Gespräche beiwohnten. Zu Beginne des März 1524 fand es statt, in zahlreicher Versammlung. „Es kam viel Gutes davon,“ meinte der evangelische Chronist und datierte von ihm ein starkes Wachstum der neuen Bewegung.

Nur ein halbes Jahr dauerte Farels Basler Aufenthalt. Aber diese kurze Zeit ist reich an Leben. Die stürmische Art des Mannes hielt Alles in Bewegung. An die Disputation schloß Farel Vorlesungen; dann machte er den Prediger für das „Gemeindlein“ hier lebender Franzosen. Daß er Feinde hatte, war nicht nur Folge seiner Lehre. Ökolampad selbst, bei dem er wohnte, tadelte sein bitteres und mißgünstiges Wesen, sein Verkleinern Andrer, seine Heftigkeit.

Wie reich an Friktionen mußte überhaupt das Nebeneinanderleben dieser so verschiedenen Kommilitonen sein, der nüchternen tätigen Ostschweizer, der gescheiten und hartnäckigen Schwaben, der unruhigen phantasievollen heißen Wälschen! Wir hören die scharfen Worte der Letztern über die Wittenberger oder über die unklare Haltung Ökolampads im Streit um die Messe; Toussain schilt bald über den „untätig schlafenden“ Ökolampad, bald verehrt er ihn und erklärt ihm Alles zu danken, usw.

Erasmus, der auch im Kreise von Meaux seine Verehrer hatte, lernte nun hier diese Wälschen kennen. Toussain gefiel ihm. Um so weniger Farel. Während er in Ökolampad noch immer den Humanisten zu sehen vermochte, schienen ihm Farel und Genossen zugleich das Evangelium verhaßt zu machen und die Wissenschaften zu Grunde zu richten; in zehn Versen Farels sei keine einzige richtig gebrauchte Silbe. An Zwischenträgern solcher Reden fehlte es natürlich nicht, und so konnte Erasmus auch vernehmen, daß Farel ihn einen Bileam schelte, u. dgl. m.

Daß dieses Zerwürfnis mit Erasmus dem Aufenthalte Farels in Basel ein Ende gemacht habe, behauptete er später selbst. Jedenfalls kam das Ende unerwartet rasch. Im Juli 1524 erhielt Farel den obrigkeitlichen Befehl zum sofortigen Verlassen der Stadt. Es war die Beseitigung eines Störefrieds, schroff verfügt wie im Jahre zuvor die Ausweisung des Provinzials [354] Satzger. Nicht Erasmus vertrieb den Farel. Dieser war dem damaligen Basel unerträglich.

Mit dieser wälschen Invasion drang zum ersten Mal ein großes anders geartetes Element in das Dasein der Basler Evangelischen, mit Farel zum ersten Mal ein für uns sichtbarer Anlaß zu Hader innerhalb der Partei. Die Differenzen kamen hauptsächlich von persönlichem Sein und Sichbenehmen, hatten weniger mit der Lehre zu tun.

Aber zur gleichen Zeit mußte die junge Basler Gemeinde auch schon die Schwierigkeiten entschiedener Abweichungen innerhalb der Gemeindeordnung und Doktrin durchmachen. Sie bekam zu tun mit „Falschevangelischen“, auch mit „Allzulutherischen“; altgläubige Zuschauer nahmen wahr, daß sich bei den Evangelischen Sekten zeigten, „noch verwerflicher als die lutherische“. In verschiedenen Gestaltungen und mit verschiedenen Zielen drängten radikale Geister, mystische Gesinnungen vor; täuferische Zirkel bildeten sich; mannigfache Schwärmer bekannten eine unmittelbare Gegenwartsoffenbarung Gottes im Geiste.

So vernehmen wir von Dem und Jenem, der damals hier lebte oder agitierend herein kam. Johann Denk arbeitete 1523 als Korrektor bei Cratander, dann bei Curio. Simon Stumpf hoffte hier eine Tätigkeit zu finden. Auch den Druck von Schriften Clemens Zieglers beachten wir, ebenso die Anwesenheit des Felix Manz. Mit Macht strömten neue Ideen herein durch Thomas Münzer und Balthasar Hubmaier, die im Winter 1524/25 sich hier aufhielten. Es waren vorbeigehende Erscheinungen; aber wir haben zu rechnen mit der persönlichen Gewalt solcher Männer über Einzelne. Auf besondre Weise endlich mengt sich in dieser Frühwinterzeit 1524 Karlstadt in die Basler Zustände. Seine Forderungen kirchlicher Reform ungestüm vertretend hat er in Wittenberg neben Luther Geltung gewonnen, sich dann aber unmöglich gemacht, sodaß er im September 1524 aus Sachsen ausgewiesen wird. Auch Straßburg will ihn nicht dulden. Im November ist er in Basel, nur rasch und als ein heimlicher Gast. Mit Ökolampad kommt er nicht zusammen. Aber überall hin in die Nebengebiete dringen seine Gedanken und Anregungen; er gewinnt Berührungen mit den Täufern, mit Anemond de Coct u. A. So kurz er in Basel weilt, so stark ist die Erregung, die er hinter sich läßt durch die Traktate, die ihm Thomas Wolf und Bebelius drucken und in denen er seine Vielen anstößige Abendmahlslehre entwickelt; die beiden Drucker werden durch den Rat getürmt. Im Dezember 1524 weilt in Basel auch der den sektiererischen Bewegungen nahe stehende Martin Borrhaus (Cellarius).

[355] Gegenüber dieser jungen, auf mancherlei Wegen vorwärts treibenden und noch durch keine Erfahrung geleiteten Kraft evangelischen Gemeindelebens steht die Macht der alten Kirche in ihrer prächtig stilreinen und geschlossenen Form, im imposanten Besitz eines Jahrtausends Vergangenheit und Leistung. Noch scheint sie wie immer Alles umfassen und bezwingen zu können. Aber indem der Gegner innerlich erstarkt und äußerlich wächst, wandelt sich im Verlaufe des Kampfes das grandiose Kircheninstitut und wird zur Partei der „Katholischen“, der „Päpstler“.

Diese Partei erscheint vor Allem als Menge. Sie ist Teil einer Einwohnerschaft, die seit Generationen durch ein starkes Verkehrsleben und viele geistige Einwirkungen erzogen ist. Mit all der freien Regsamkeit des Ortes ausgestattet erweist sich in der katholischen Partei doch ein Kirchenvolk, das nach seiner Väter und Vorväter Weise leben und glauben und dabei nicht gestört sein will. Was drüben bei den Evangelischen Mancher als Fessel oder Last empfinden mag, ist hier Band und Vertrautheit, ist erprobte Lebensgewohnheit, ist Bedürfnis die Einheit der Kirche nicht untergehen zu lassen. Das Verlangen nach Freiheit und Neuheit, das der lutherischen Aktion den Boden vorbereitet, ist ja nicht ein allgemeines, und wie viele soziale und berufliche Beziehungen, wie viele persönliche Rücksichten, wie viele Pflichten binden außerdem noch! Nicht nur um eine Menge des gemeinen Mannes handelt es sich; auch Kaufleute und Kapitalisten sind dabei, Gelehrte Stubenherren Adlige Reisläuferhauptleute u. dgl., überhaupt weite Kreise gebildeten Bürgertums. Die Parteiführung ist bei den die Altgläubigkeit bekennenden Mitgliedern des Rates, bei der Universität, beim Domkapitel und bei allen übrigen Organen des ausgedehnten und bejahrten Kirchenwesens.

Das sind Zusammenfassungen. Aber nirgends war Gleichartigkeit. Persönlich gestaltet konnte das Verhältnis jedes Einzelnen zur Kirche und zur Lehre sein. Wie mannigfaltig schon die Schar der altgesinnten Professoren, wo beieinander Platz hatten Leute wie Wonnecker und Cantiuncula und die schwer zu fassende Gestalt des Ludwig Bär. Wie besonnen tüchtig hielt sich die katholische Ratsfraktion durch alle Erregungen dieser Jahre hindurch, auch nach der schweren Schädigung ihres Ansehens durch die Skandale Jacob Meyer und Ulrich Falkner! Und wie nahe beisammen war das Gegensätzliche! Im Domkapitel konnte neben dem stolzen Curialisten Niklaus von Diesbach doch auch Niklaus von Wattenwil sitzen, der nach Kurzem auf alle Würden verzichtete und die neue Lehre bekannte. In der Rittergasse wohnten die Schneider der Domherren Philipp mit dem schwarzen [356] Barte und Mathias Kolb, die evangelisch gesinnt waren. Das Barfüßerkloster hatte den Pellican und den Lüthart; aber die Mehrheit des Konvents hielt zum alten Wesen, und in ihr fand sich neben manchem respektabeln Mönch auch Bruder Ruman, Beichtvater vornehmer Basler Häuser, der durch sein Lasterleben den Orden schändete. Auch die Karthaus umschloß Gegensätze, und im Gnadentale treffen wir so gut den bösartigen Confessor Heilman als die Äbtisse Anna Peyger, der Eberlin von Günzburg einen seiner Traktate widmete. Draußen zu St. Alban endlich, in dem seit Langem verwahrlosten und verwälschten Kloster, herrschte der Prior Claudius de Alingio, in dem wir noch einmal, zum letztenmal, eine Erscheinung genießen, die nur innerhalb der alten Kirche denkbar ist. Claudius, aus einem Adelsgeschlechte der Waadt, tritt in St. Alban 1514 als Coadjutor auf neben dem für Prior Peter amtenden Amorat de Houpes, dann seit 1517 als Prior. Wenig später wird er auch Prior von Courcelles und Abt von St. Johann in Erlach sowie Dekan und Coadjutor von Peterlingen. So ist er überall in der Cluniacenser Welt der Westschweiz zu Hause, aber auch in weiteren Bereichen tätig: als Gesandter des Herzogs von Savoyen sowie als Agent der Johanna von Hochberg, Herzogin von Longueville. Daß er mit dem Freiburger Peter Falk verkehrt, ihm Novitäten des Basler Buchhandels verschafft, u. dgl. m., paßt zum Übrigen. Der Beachtung wert ist namentlich sein Vertrautsein mit Matthäus Schiner, dem er über politische Dinge schreibt, den er 1520 zum Reichstage begleitet, von dem er Geld leiht. Im Basler Priorate lebt er als großer Herr weit über seine Mittel, mit Landankäufen und verschwenderischen Bauten, mit kostbaren Reisen zum großen Tag in Zürich und nach Speyer. Von da bringt er ein Fräulein mit herauf, das er dann dem Klosterschaffner zur Ehe gibt. Auch nach Rom reitet er prunkvoll, um dort Protonotar zu werden. Alles auf des Klosters Kosten, das er in schwere Schulden bringt. Die letzten namhaften Rechte seiner Grundherrschaft, die Ämter der Feuerschauer und der Einungmeister sowie das Gescheid, tritt er 1524 an den städtischen Rat ab. Zu Beginn des Jahres 1526 stirbt er. Unter seinem Regimente ist Reublin, dann Frauenberger an die Pfarrei St. Alban gewählt worden; aber dies erlaubt keinen Schluß auf seine Gesinnung. Claudius hatte andre Interessen als eine solche Pfarrwahl, die wesentlich Sache der Pfleger und der Gemeinde war.

Für unsere Betrachtung wichtig ist aber das Ganze, ist die trotz einzelnen Schwächen spürbare Kraft und Würde dieser im Geistigen zugleich und im Profanen begründeten Partei der Altgesinnten. Was auf dieser [357] Seite geschieht, findet weit mehr als das Leben der Gegenpartei seine mächtige Resonanz im Zusammenhange mit universalen Existenzen und Vorgängen.

Von nun an Jahre lang wird uns der Kampf dieser Parteien beschäftigen. Er erhielt seine besondere Härte dadurch, daß altes und neues Leben sich so nahe beisammen zu behaupten hatten, innerhalb derselben Kirche, innerhalb desselben Klosters. Zustände waren möglich wie der im Barfüßerkloster, wo der seit dem August 1523 vom Guardianat entlassene Pellican sich sein Essen von Freunden mußte ins Kloster schicken lassen, um nicht durch Bruder Koch oder Kellermeister vergiftet zu werden. Auch an eine spezifische ganz persönliche Schärfung des Haders ist zu denken, an die dem Basler Ingenium eigene Gewohnheit gegenseitigen Bekrittelns und Herunterreißens; wenn damals hier gesagt wurde, daß die Basler nirgends frischer seien als über einander selbst, so galt dies auch für ihre Religionszwistigkeiten. Jedenfalls haben wir mit einer schmerzlichen Vernichtung bisherigen Daseins, mit der Zerreißung alter Verbände und enger Zusammengehörigkeiten, auch innerhalb von Familien, zu rechnen. Alles drängte zu Streit und Entscheidung. Es war zu viel der Differenzen, zu viel des Verlangens nach leidenschaftlichem Bekennen, allzuviel der Möglichkeiten von Provozieren und Wehetun.

Hauptmittel der Äußerung war allerseits die Predigt. Das Domkapitel, noch immer von dem stolzen Trotz erfüllt, mit dem es seit Jahrhunderten demselben Bürgertum widerstand, aus dessen Tiefen auch jetzt wieder die Revolution heraufkam; führte so auch die Verteidigung. Mit Bedacht rief es im Herbste 1524 auf seine Kanzel einen Mann, der die Art des überall aggressiven Priesters mit besonderer dominikanischer Schärfung verband, den Johann Burchardi aus Gebweiler; er hatte dem Nuntius Aleander bei der Verbrennung lutherischer Schriften in Mainz und Worms als unerschrockener Prediger trefflich gedient. In demselben Sinne gab das Peterskapitel seine Predikatur dem Leonhard Rebhan aus der Eichstätter Diözese. Und die Gemeinde Klein-Basel bekannte sich nach dem Weggange Bertschis im Jahre 1523 wieder zur alten Lehre durch die Wahl des Magisters Johannes an die Leutpriesterei.

Die Predigt war ein so stark gebrauchtes und zur Propaganda so dienliches Mittel, daß das damalige Basler Predigtwesen das Aussehen eines großen Predigtstreites hat. Es war lauter Rede und Gegenrede, Herausforderung und Widerspruch. Wenn der evangelische Chronist den [358] Predigern der alten Kirche vorwirft, daß sie mit ihrem Schelten und Schmähen nur Unfrieden stifteten, so gilt dies natürlich auch für die Redner seiner Partei. Ihr „Schreien“ wider den Papst, den Bischof, den Klerus usw. verletzte Viele. Überall waren Minoritäten; der Gegensatz, dem die Predigten dienten, trieb nicht nur die Kirchgemeinden in verschiedene Lager, sondern entzweite auch jede Gemeinde in ihr selbst.

In der Erregtheit der Zeit, aber auch in der Natur der Sache selbst lag, daß diese, sich selbst überlassen, ausartete. Jede Invektive rief einer schärferen von der Gegenseite. Nicht nur „das gemein arm und schlecht volk“, sondern die ganze Einwohnerschaft wurde verwirrt, zu Unruhe Hader und Tumult getrieben. Alles bewog den Rat, einzugreifen.

Im Frühsommer 1523 erließ er daher ein Predigtmandat. Er verpflichtete damit alle Geistlichen Basels zu Stadt und Land zur nur schriftgemäßen Predigt. Einzig die Bibel alten und neuen Testaments sollten die Geistlichen ihren Vorträgen zu Grunde legen und alle der Schrift nicht gemäßen Lehren Luthers und Anderer bei Seite lassen. Wer das, was er predige, nicht aus der Schrift nachweisen könne, oder wer einen Andern ohne Schriftbeweis einen Ketzer u. dgl. nenne, solle gestraft werden.

Ausgezeichnet ist dieses Mandat dadurch, daß der Rat das Schriftprinzip für beide Glaubensparteien verbindlich aufstellt und daß er, im Wunsche, die einfachste Formel zu finden, und in bemerkenswerter Entwickelung über das Predigtmandat vom Juni 1522 und auch über den Nürnberger Reichtagsabschied vom 9. Februar 1523 hinaus, einerseits die bindende Schriftauslegung der Kirchenväter ablehnt, andrerseits auch die Lehren Luthers und andrer Doktoren, soweit sie nicht schriftgemäß sind, ausschließt.

Alles dies ist Befehl des Rates. Stärker und tiefer eindringend als je bisher übt er eine Herrschaft über die Kirche.

Die Sorge für den durch ungezügeltes Predigen gefährdeten Stadtfrieden hat den Rat zum Erlasse des Mandates getrieben. Aber sachlich geht er weiter, wenn er verfügt, daß Luther so wenig als die Patres für die Basler Predigt Bedeutung haben sollen.

Auf absichtliche Begünstigung der neuen Lehre durch den Rat zu schließen, würde unrichtig sein. Er wollte ein Kompromiß zu Stande bringen, von Obrigkeits wegen eine Grundlage nachweisen und festsetzen, die beiden Parteien gemeinsam war und einer jeden sollte genügen können. Dem auf Parität gerichteten Sinne gemäß, der seine Haltung bestimmte.

[359] Tatsächlich allerdings hatte die Maßregel wenig Wert und Wirkung. Denn jede Partei nahm natürlich die Schrift für sich in Anspruch. Auch machte die Ablehnung der katholischen Tradition das Mandat den alten Predigern unannehmbar, und die neuen hatten nach wie vor Anlaß, kirchliche Satzungen als schriftwidrig zu bekämpfen. Das „zwiespältige Predigen“ blieb, wie es vorher gewesen, und mit dem Dissensus war auch stets der Streit da.

Zu Predigt und Gegenpredigt trat als weiteres Kampfmittel die Disputation.

Die damals allerwärts zahlreichen Religionsgespräche haben natürlich an der Meinung eines der Wortführer selbst nie etwas geändert, aber oft im Großen gewirkt. Sie einigten nicht; sie dienten jeder Partei zu Bekenntnis und Rechtfertigung. Die Einseitigkeit des Predigens ergänzend konnte ein solcher Redekampf ein mächtiges Mittel der Werbung sein. Er gab auch dem Rate die Möglichkeit, im einzelnen Falle sich erweisen zu lassen, ob eine Predigt dem erlassenen Mandate gemäß gewesen sei, — so die zwischen Wissenburg und dem St. Peterspredikanten Rebhan verabredete Disputation.

In einem wichtigen Momente, kurz nach dem Erlasse des Predigtenmandats, griff auch Ökolampad zu diesem Mittel. So wenig das Disputieren seiner Natur zusagte, bezwang er sich doch um der Sache willen. Er schlug seine Thesen an, den wider die evangelische Lehre erhobenen „Schmachreden“ seine Erwiderungen entgegenstellend und sich zu deren Begründung aus der Schrift erbietend. Als Tag der Disputation war zuerst der 16. August 1523 vorgesehen; auf Weisung des Rates verschoben, fand sie dann am 30. August in der Aula des Kollegiengebäudes statt, trotz den Versuchen des Coadjutors und der Universität, sie zu verhindern. Den Verlauf kennen wir nicht.

Auch an die Publizistik ist wieder zu erinnern. Sie dient vor Allem der neuen Bewegung, und in ihren Blättern leben die Stimme und die Tonart, die wir kennen. Wenn möglich noch gesteigert in Schärfe, in Witz, in Behauptung geistiger Überlegenheit. Wenn auch Erzbischof Albrecht von Mainz über die Basler Schmähbüchlein sich beschwert, Erasmus empört ist, der Luzerner Chronist Salat die durch Bettler Landfahrer Tüchleinträger Keßler usw. überall hin gebrachten Blätter als Hauptursache von Sektiererei und Aufruhr schilt, diese Volksliteratur hat und behauptet ihr unverwüstliches Leben. Es ist, dem kriegerischen Zeitalter eingeboren, die harte Ergänzung zum Frieden der Erbauung; es ist als Gegenstück zur gelehrten Disputation der populäre Kampf, neben dem feierlichen Klange des Wortes Gottes das grelle Menschenwort.

[360] Ungeheuer wirkt dies Alles auf die Bevölkerung! Auf die Menge, von deren Wandelbarkeit und Lenkbarkeit die Reformatoren selbst reden. Keine Ruhe wird ihr mehr gelassen, und sie regt sich auf ihre Weise.

Wenn dabei Kapläne mißhandelt, Priester „Eselmelker“ gescholten werden, „deren Jedem man Schellen an die Ohren hängen sollte“; wenn die Domherren mit Spottgesängen und Nachtlärm heimgesucht werden, so erinnert dies an Früheres. Auch das Drama mit der Verhöhnung des bischöflichen Konsistoriums und vielleicht die „Phantaseien“, die Ulrich Hugwald an ein Kirchenportal heftet, mögen in diese Reihe gehören. Neu aber ist, was mit der vom Rate versuchten Disziplinierung der Predigten zusammenhängt. Am Johannistage 1524 kommt es auf dem Dominikanerkirchhofe zu einer Schlägerei, weil Damian Irmi und Andre nach der Predigt den Mönch, der sie gehalten, zur Rede stellen. Wir vernehmen auch sonst auf evangelischer Seite den Vorwurf, daß die päpstischen Predikanten sich nicht um das Mandat kümmern. Es muß im Juli 1524 durch den Rat erneuert werden. Da und dort ersteht schon offen die Rebellion. Der gemeine Mann fühlt sich im Stande, ein „Verächter aller christlichen Zeremonien“ zu sein. „Wozu Kerzen brennen am lichten Tage? wozu der eiserne Götze am Kreuze? die Mutter Gottes verehren ist Abgötterei; aber ihr liebes Kind das ist unser Gott, den sollen wir ehren. Wir Alle sind Priester, ein Jeder insonders.“ Das sind Reden des Bäckers Jacob Hurling, des Sporers Mathis Fritz und Andrer. Und den Worten entspricht die Praxis: in häufiger Mißachtung des Fastengesetzes, in Arbeiten zur Zeit des Meßamtes, im Unterlassen gestifteter Jahrzeitbräuche durch Kapläne usw. usw.

Wir beachten nicht nur die eine Seite. Auch die Hüter der alten Lehre und Kirchenform rühren sich. Mit neuer Besetzung alter Predikaturen, wie wir sahen, und mit andern Mitteln. Eine Reaktion ist wach und wächst, die weit mehr bedeutet als organisiertes Handeln im Großen, die auch dem Gesinntsein des Einzelnen beizukommen sucht. Wir sehen äußerliche Maßregeln; aber hinter ihnen glühen überall Bekenntnis Leidenschaft Unerbittlichkeit. Es bleibt nicht bei Kanzelstreit, Schmähung des Gegners, Bestrafung heiratender Priester u. dgl. Wie Großes noch zurückgewonnen werden kann, zeigt die Umkehr der Theodorsgemeinde, die ihren Leutpriester Bertschi ziehen läßt und an seine Stelle den altgläubigen Johannes wählt. Auch zu einem Märtyrer kommen schon die Evangelischen. Meister Sigmund der Steinschneider, den wir als Gastgeber beim Fastenbruch am Palmsonntag 1522 kennen gelernt haben, wird am 9. Februar 1523 in Ensisheim wegen Aufruhrs sowie Schmähung der Jungfrau Maria unter Qualen hingerichtet.

[361] Aber wir haben Alles zusammenzunehmen, um den weiten Bereich dieser gegenreformatorischen Bewegung uns klar zu machen. Auch die Beschwerden und Forderungen gehören zu ihr, mit denen der Coadjutor zu dieser Zeit vor den Rat tritt; auch die Verhandlungen des Domkapitels mit dem Ensisheimer Regimente; auch die Ermunterung zum Kampfe, die Papst Clemens am 19. April 1524 dem Bischof Christoph zu Teil werden läßt.

Das Breve des Papstes Hadrian an die Stadt Basel, im Januar 1523, hatte vorerst nur die Mahnung enthalten, für den Frieden der Welt zu wirken. Aber Hadrian wollte noch Anderes als Frieden, Türkenkrieg und Reform kirchlicher Mißstände. Zu oberst in seinem Programme stand die Ausrottung der neuen Ketzerei, und hiefür empfahl er dann am 23. März 1523 dem Rate, den Druck lutherischer Bücher in Basel nicht zu dulden, vorhandene Bücher dieser Art zu verbrennen und die lutherischen Prediger fortzuweisen. Nach dem Effekte dieser Mahnung haben wir nicht zu fragen. Sofort nachdem sie dem Rate zugekommen, erhob er den Ökolampad zum Professor der Theologie; es folgten das Predigtmandat, die Disputationen usw.

Ähnliches ist zu sagen über die Anregungen, die vom Reiche hereinkamen. Hier war durch den großen Wormser Tag von 1521 die ursprünglich private Sache Luthers zur Reichsangelegenheit geworden; deren Regelung durch ein Nationalkonzil stand im Herbste 1524 zu erwarten. Aber statt seiner kam es im Sommer 1524 zum Regensburger Konvente, an dem die Fürsten von Österreich und Bayern und die süddeutschen Bischöfe sich zur Austilgung der lutherischen Ketzerei verbanden. Es war ein Sonderbund, dem auch Bischof Christoph von Basel angehörte. Einheitliche Ordnung der Religionssache im Reiche wurde dadurch vereitelt, die Reformation dem Partikularismus preisgegeben. Von allen diesen Vorgängen erhielt auch Basel Kenntnis; Kaiser Karl schickte ihm seine Mitteilungen und seine Befehle. Aber es sind Erlasse, die etwas Fremdes haben. Wie Anachronismen beinah erscheinen sie im Ganzen der damaligen Basler Akten. Ihre Voraussetzungen, einst lebensstark gewesene Zusammenhänge und Verbindlichkeiten, waren dahin.

Es blieb die Behandlung dieser Fragen im Rahmen eidgenössischer Politik. Wobei wir uns zu vergegenwärtigen haben, was Alles in den letzten Jahrzehnten zwischen hier und dort geschehen war. Wir suchen auch die Wirkung zu ermessen, die von Basel aus in Traktaten und Flugblättern und zuletzt noch durch das gewaltige Werk der deutschen Bibel in die Schweiz hinausging. Wir denken an die Männer der schweizerischen Reformation, die sich ihre Bildung in Basel geholt haben und zum Teil auch selbst hier [362] tätig gewesen sind: Thomas Wyttenbach Oswald Myconius Leo Jud Johannes Dingnauer Caspar Megander Johannes Keßler Franz Kolb Gregor Bünzli Konrad Schmid Johannes Comander u. A. Namentlich aber kommt Ulrich Zwingli in Betracht.

Für Basel war er zunächst nichts Anderes als ein Humanist, als Einer von Vielen. Er hatte hier studiert, zu St. Martin den Schulmeisterdienst versehen, zu St. Peter ein Benefiz erhalten; er war Bewunderer des Erasmus, Freund Rhenans und anderer Sodalen, eifriger Bücherkäufer. In solcher Gestalt sehen wir ihn, bis ums Jahr 1522 ein neuer Zwingli aus dem bisherigen hervortritt und rasch Führer der evangelischen Bewegung in der Schweiz wird. Damals begann auch sein Verkehr mit Ökolampad. Nicht gelehrtem, sondern religiösem Leben geltend, von jenem ersten Brief an, den Ökolampad, wenige Wochen nach seiner Ankunft in Basel, am 10. Dezember 1522 dem Zwingli schrieb. Seitdem haben wir ein Jahrzehnt lang das Nebeneinander dieser Beiden vor uns. Ökolampad beschränkte sich auf die Evangeliumspredigt und die wissenschaftliche Arbeit, ohne Politik zu treiben, während Zwingli Kirche und Staat zugleich und aus derselben Gesinnung heraus zu reformieren unternahm, Weltliches und Geistliches wie ein innerlich Zusammengehöriges empfand. Als Gelehrter war Ökolampad dem Zürcher Genossen weit überlegen. Aber wie fernab stand seine Persönlichkeit von jener Gestalt eines Herrschers. Die Verschiedenheit des Verlaufes hier und dort war natürlich nicht nur Folge dieser Ungleichheit der Führer. Sie ruhte noch auf Anderem. Vor Allem auf Denkart und Wesen der Orte, der Regierungen, der Einwohnerschaften überhaupt. Sodann auf bestimmten Voraussetzungen. Basel hatte seinen Bischof, sein Domkapitel, seinen Erasmus. Der größte Teil seiner Gefälle kam aus der altkirchlichen Nachbarschaft. Wir denken auch an die hier die reformatorische Bewegung leitenden Geistlichen und Laien und die frei sich ergehende Eigenart jedes Einzelnen, während in Zürich Alle unter dem einen Willen Zwinglis zu stehen scheinen. Dort ist die Erscheinung des ganzen Verlaufes großartig rasch und einheitlich, hier reich an Reizen der allmählichen Entwickelung und der Vielgestaltigkeit.

Die übliche Haltung Basels in eidgenössischen Dingen haben wir kennen gelernt. Sie ist dieselbe auch jetzt, bei den konfessionellen Traktanden der Tagsatzung. Im Jahre 1524 beginnen diese Debatten, wobei die Fünf, später Sechs Orte (Luzern Uri Schwyz Unterwalden Zug Freiburg) für den alten Glauben eintreten und gegen den „unsinnigen ketzerischen Mißglauben“ kämpfen. Wie überall zeigt sich auch hier eine sichere Organisation. Am 8. April 1524 [363] verbinden sich in Beckenried die Fünf Orte zu gemeinsamer Ausrottung der Irrlehre; am 20. April beschließt die Mehrheit der Tagsatzung, beim Glauben der Altvordern zu bleiben; am 19. April erläßt Papst Clemens sein Mahnschreiben an die Orte. Bei diesen Verhandlungen und Kämpfen benimmt sich Basel auf die ihm eigene Weise. Die Stadt redet überall zum Besten, zu Frieden und Einigkeit. Sie wahrt das Recht jedes Ortes, bei Fastenbrüchen und Priesterehen nach seinem Gutdünken zu handeln. Wie sie darüber zur Rede gestellt wird, ob sie den Satzungen der Päpste und Konzilien oder der Lehre Luthers anhänge, antwortet sie mit dem Hinweis auf ihr Predigtmandat. Wenn der Rat sich volle Freiheit vorbehält, gegen die Ausschließung Zürichs protestiert, mit Schärfe die Umtriebe Filonardis Reichenbachs Suters verurteilt, so mag dabei der Unwille über das beleidigende Verhalten des Luzerner Vogtes Hug in Sachen des Adam Petri und des Pfarrers Kettenacker mitwirken. Wesentlich ist die Tendenz Basels, die Behandlung der konfessionellen Fragen als ausschließlich interne Sache des einzelnen Ortes erscheinen zu lassen.

Als dann im Spätherbste 1524 ein Religionskrieg unter Eidgenossen auszubrechen drohte, bemühte sich Basel „Kraft seines Bundes“ für Frieden. Es kam in der Tat nicht zum Kriege. Wohl aber hatte Basel im Januar 1525 den Besuch einer Gesandtschaft der Sechs Orte.

Zu Anhörung dieser Boten war am 5. Januar der Große Rat versammelt. Sie brachten zunächst die Forderung an Basel, beim alten Glauben zu bleiben und zur Niederwerfung der im Thurgau drohenden Rebellion behilflich zu sein. Sodann hielten sie Basel vor, daß es das Fleischessen an verbotenen Tagen dulde und beweibten sowie anderwärts vertriebenen Pfaffen Aufenthalt gebe, auch daß hier allerhand Schand- und Schmähbüchlein gedruckt würden. Auch die Haltung Basels bei Zwietracht zwischen den Orten sowie seine Absicht, sich mit Reichsstädten zu verbünden, brachten sie zur Sprache. Über „langen Reden“ ging die Sitzung hin, und die Gesandten mußten ohne Bescheid heimkehren. Erst einige Tage später schrieb der Rat die Antwort. Kurz und ablehnend. Basel habe sich bis dahin stets den Bünden gemäß ehrlich und recht gehalten und werde Solches auch künftig tun. Auf die einzelnen Forderungen und Vorhaltungen trat der Rat gar nicht ein; in seine Art, diese Dinge zu behandeln, ließ er sich nicht hineinreden.

Wir haben zu Beginn des Jahres 1525 einen Zustand vor uns, der die Ergebnisse der bisher abgelaufenen Bewegung zusammenzufassen scheint.

[364] Während die Wechselwirkung zwischen hier und draußen unvermindert weiterdauert, — die von Basel ausgehende Kraft neuer Lehre waltet in der westlichen Schweiz, in Bern, in Mümpelgart, in Mülhausen, in Straßburg, — zeigt am Orte selbst die reformatorische Bewegung in Manchem ihr Erstarktsein. Bald durch Zuwiderhandeln, bald durch einfaches Unterlassen finden alte Bräuche des kirchlichen Lebens ihre Lockerung oder gar ihr Ende. Die neugesinnten Chronisten verlieren kein Wort über diese Vorgänge; aber die Gegner werden beredt in ihrem Schmerz und ihrem Zorne, da sie zu erzählen haben, wie in der und jener Kirche die Predigt Fronamt und Litaneien vertreibt, wie die Andachten am Heiligen Grab unterlassen werden, wie Benediktionen und Prozessionen dahingehen, die Beichtstühle vereinsamen, es stille wird auf den Glockentürmen.

Es sind lauter Abkürzungen Entfärbungen, auch Befreiungen. Einem Beobachter wie Erasmus tut es nicht leid um das Verschwinden der Zeremonien; aber erschreckend ist ihm, daß auch die Taufe durch Manche verworfen und das Wesen der Eucharistie geleugnet wird, daß die Messe nichts mehr gelten soll.

Von welchen Gedanken dieses Beseitigen „äußerlich erdachten Gottesdienstes“ begleitet sein kann, zeigt die merkwürdig lebendige Eingabe der Webernzunft an den Rat, mit der sie ihren Entschluß motiviert, die Bezündung des Heiligkreuzaltars im Münster nicht mehr auszuführen.

Einige Vorgänge besonderer Art heben sich aus diesem Vielerlei.

Zuerst die Übergabe des Leonhardsklosters an die Stadt. Den Anlaß gab das Verbot der Windesheimer Kongregation, der St. Leonhard seit 1462 angehörte, Novizen anzunehmen. Da als Folge hievon das allmähliche Aussterben des Konvents und dann der Einzug des Klostervermögens durch den Orden zu erwarten war, traten die Chorherren, unter Leitung ihres reformationsfreundlichen Priors Lukas Rollenbutz, in Unterhandlung mit dem städtischen Rate. Dieser scheint nicht sofort willig gewesen zu sein; zuletzt verstand er sich zu einer gemeinsamen Abwehr. Am 1. Februar 1525 übernahm er vom Prior und Konvent das Kloster samt der Pfarrei und allem Vermögen als unwiderrufliche Gabe unter den Lebenden; er nahm die Klosterherren in Schirm und Bürgerrecht der Stadt auf, und zugleich verließen Diese den Augustinerorden; sie zogen statt der Kutte das Kleid von Weltgeistlichen an, blieben aber im Kloster und verpflichteten sich gegen Zusicherung eines Leibgedings vom Rate, solange ihre Kräfte reichen würden, Chor- und Kirchendienst nach bisheriger Übung zu besorgen. Eine besondre Verfügung regelte die Amtspflichten und Rechte des Leutpriesters sowie [365] seines Helfers. Die Wichtigkeit dieses Aktes ist klar. Er bringt die Sekularisierung eines bisher der Welt entzogenen Zustandes, macht den Rat zum Herrn des Klosters, wandelt Mönche in Weltpriester. Aber in erster Linie stehen die stadtwirtschaftlichen Gründe; der Rat handelt so, um das Klostergut zu retten.

Dieselben Erwägungen führen ihn dazu, die städtischen Klöster überhaupt neuerdings unter seine Aufsicht zu nehmen und seine Kastvogtei durch Einrichtung städtischer Pflegereien zu ergänzen, denen die Verwaltung des Klostergutes obliegt.

Vor uns haben wir nur diese ruhigen Erlasse. Alles sieht ordentlich und zufrieden aus. Aber dahinter vollziehen sich im Klosterfrieden die erbittertsten Kämpfe, sind Unordnungen, mühen sich Einzelne unter schweren innern Anfechtungen. In vielen Konventen geschieht, was der Chronist, allzu äußerlich wertend, schildert: „es war eine große Zwietracht in den Klöstern; Etliche wollten singen und lesen, um damit ihr Essen und Trinken zu verdienen, Etliche aber nicht“.

Namentlich in den Frauenklöstern mochte Manches zu bessern sein. Hier, wo die natürliche Schwachheit der einzelnen Nonne den mannigfaltigsten Einwirkungen von Verwandten sowie der zur Aufsicht berufenen Bettelmönche preisgegeben war, konnte es zu Mißbräuchen kommen. So vernahm der Rat, daß die Steinenklosterfrauen durch ihre geistlichen Väter vom Predigerorden terrorisiert würden. Er ließ die Zustände untersuchen, und auf Grund der Ergebnisse beschloß er am 13. Februar 1525: die Dominikaner sollten künftig nichts mehr mit dem Steinenkloster zu tun und auf keine Weise dort hineinzureden haben; jede Klosterfrau sollte befugt sein, einen ihr passenden Beichtvater zu wählen, jedoch mit Ausschluß der Dominikaner und der Barfüßer; zugleich wurden Klausur und Disziplin gemildert, auch das den Nonnen bisher durch die Mönche verbotene Lesen Alten und Neuen Testamentes gestattet. Endlich stellte der Rat jeder Nonne frei, das Kloster zu verlassen und zu den Ihrigen heimzukehren, wenn sie es mit gutem Gewissen tun könne. Denn Niemand solle zu einem Joche gezwungen werden, das zu tragen ihm unmöglich sei.

Was dergestalt für das Steinenkloster verfügt wurde, galt gemäß Beschluß des Rates gleichermaßen den unter der Leitung der Barfüßer stehenden Klöstern Gnadental und St. Clara sowie dem Kloster Klingental.

Bei Allem berief sich der Rat auf seine kastvogteiliche Gewalt und darauf, daß es ihm unleidlich vorkomme, seine in diesen Häusern untergebrachten Kinder und Verwandten noch länger durch die Mönche quälen und nötigen zu lassen.

[366] Endlich die Stellung Ökolampads.

Er war im Frühling 1523 zum Predigtvikar für den kranken Leutpriester zu St. Martin, Anton Zanker, ernannt worden. Jetzt im Februar 1525 erhob ihn die Gemeinde mit Gutheißung des Rates an das Leutpriesteramt. Zanker trat zurück.

Ökolampad bedang sich hiebei aus, in seinem Amte frei nach dem Worte Gottes handeln zu dürfen, unter Vorbehalt der Zustimmung des Rates für wesentliche Neuerungen. Aber die Übernahme der vollen Amtsgewalt verweigerte er; weder Vorgesetzter und Aufseher der Martinskapläne noch zu den üblichen gottesdienstlichen Funktionen verpflichtet wollte er sein. Dieser Kultus nach bisheriger Art blieb vielmehr Sache der Kapläne, während dem Ökolampad als Gehilfe bei seiner Sakramentsverwaltung ein Diakon zugeteilt wurde, in der Person des uns schon bekannten Kaplans Bonifacius Wolfhart.

So wurde die Martinskirche, bei der einst das alte städtische Kirchenwesen angefangen hatte, jetzt bei dessen Änderung wieder Führerin. Ökolampad aber, aus dem Vikariat zum Pleban erhoben, trat damit den übrigen Predigern seiner Partei, die sämtlich Leutpriestereien inne hatten, jetzt erst äußerlich gleichberechtigt an die Seite.


Den Abschnitt, bei dem wir hier stehen, bezeichnen nicht nur diese wichtigen Anordnungen, nicht nur das alltägliche, für unsre Wahrnehmung fast still und ohne Gegenwehr geschehende Massensterben altkirchlicher Rechte und Bräuche, das z. B. dem Zasius jetzt schon Basel als lutherische Stadt erscheinen ließ. Wie weit der Umsturz greift, kann auch ein schlichter Klosterbruder konstatieren; ihn erschüttert spürbar, daß die Spenden Opfer Stiftungen aufhören, die Armut keine Hilfe mehr findet, viele Handwerker und Künstler brotlos werden, alte Lebenskräfte der Wissenschaft und der Schulen erlahmen.

Wie viel Großes und Allgemeines ergreift außerdem noch die Gemüter! welchen Gedanken ruft das Ereignis der Schlacht bei Pavia! Es ist ein Moment höchster Spannung..

[367] Seit Jahren dauerte der Kampf um die alten Heiligtümer. Länger und auf größerem Gebiete der Kampf wider Vorrecht und Macht. Wenn dem Einen schon Alles zu wanken schien, so konnte der Andre schelten, daß wenig erreicht sei. Keine Befreiung von den Zinslasten, kein Genuß am Kirchengute, keine Beseitigung der klösterlichen Handwerkskonkurrenz, kein Verpflichtetsein des Klerus zu den bürgerlichen Leistungen. Was hatte die vor Kurzem durchgesetzte Verfassungsänderung eingebracht? Wo war die Gewerbereform stecken geblieben? Wohin die große Politik führte samt Reislauf und Pensionen, stand erschütternd vor Aller Augen. Dazu nun aus dem Elsaß und über den Rhein her die wilden Gerüchte von Rottierungen der Bauern und die Gewißheit, daß es auch in der Landschaft Basel gährte.

Sonntags 30. April 1525 im Münster drohte während der Predigt ein Tumult auszubrechen. Gleichen Tags predigte Pfarrer Bertschi zu St. Leonhard über ein Kapitel des Ezechiel in Ausdrücken, die den Hörern als deutliche Anspielungen auf die Gegenwart erschienen: man habe die Untertanen ausgesogen, man solle der Obrigkeit nicht gehorchen usw. Im Zunfthause der Weber an der Steinenvorstadt aber, anläßlich eines gerade stattfindenden Zunftbotts, wurden aufgeregte Reden laut; unter Anderem über das Rodersdorfer „Pfäfflein“ Doktor Johann Friedrich, von dem es hieß, daß er die Basler Ketzer gescholten habe; man nahm sich vor, am folgenden Montag ihm „durchs Haus zu laufen“ und ihn zu fangen.

Dieser Montag war der 1. Mai, den die Zünfte in „Fröhlichkeit und Wohlleben“ zu begehen pflegten. Auch im Weberhause wieder saßen Viele schon vormittags beisammen und zechten, unter ihnen der angesehene Ulrich Leiderer.

Dieser war nicht der gewöhnliche Schreier und Rebell, zu dem ihn die offiziellen Akten machen. Weil er seinerzeit das Handwerk nicht auf normale Weise gelernt hatte, haßten ihn die Meister und wollten ihn nicht aufkommen lassen. Aber er kam dennoch in die Höhe, wuchs vom Weber zum Gewandmann und hatte eine Handelsgesellschaft. In der seinem [368] Gewerb eigenen Nachdenklichkeit zum Grübeln über religiöse Fragen geführt und auch nach politischen Änderungen verlangend wurde er kraft seiner starken Entschlossenheit, die später auch der Folterer nicht zu brechen vermochte, einer der Vormänner der Revolution.

Jetzt hier auf seiner Zunftstube brachte er allerhand zur Sprache, worüber sich der gemeine Mann zu beschweren habe. Auch Jacob Zweibrucker führte solche Reden. Man ging auseinander, um sich abends wieder hier zu treffen.

Über Tags wurde Zweibrucker durch den Rat, der natürlich Alles erfuhr, in Haft genommen. In der Erregung hierüber fanden sich die Genossen abends im Zunfthause zusammen; eine Deputation zu den Häuptern, die Freigabe Zweibruckers verlangte, hatte keinen Erfolg; und daß Altbürgermeister Adelberg Meyer in die Vorstadt kam und zur Ruhe mahnte, reizte noch mehr. Der Wein stieg in die Köpfe, laut schallte von den Tischen, was bis dahin nur gemurmelt worden: es müsse etwas des Evangeliums halb geschehen; man wolle über Klöster und Pfaffen herfallen; man wolle den Rat säubern; es müsse noch dazu kommen, daß auch die Pfaffen Wachtdienste tun; die Stadt solle der Klöster Gut nehmen und dafür den Bürgern das Ungeld erleichtern u. dgl. m. Man verabredete, sich an abgelegenen Orten (in Kuttlers Garten und Scheune, beim kalten Brünnlein) zu versammeln; man dachte an Helfer in andern Vorstädten, die zum Sprengel neugesinnter Predikanten gehörten; man hoffte auf die Hilfe der schon in Empörung stehenden Bauern.

Alles im Lärm einer gedrängt vollen Zunftstube. Nichts was da in solcher Weise vorgebracht wurde, konnte geheim bleiben, und noch gleichen Abends konnte man da und dort in der Stadt von den Plänen der Weber reden hören. Reiche Kleriker vergruben ängstlich ihr Geld; die Kleinbasler rüsteten sich, dem Aufruhr bewaffnet entgegenzutreten.

Am 2. Mai besprach der Rat die Lage; auch aus seiner Mitte tönten Beschwerden. Aber als wichtig erschien vor Allem, sich des Großen Rates zu versichern und die Geistlichkeit, deren Exemtionen den meisten Unwillen im Volk erregten, nachgiebig zu machen. Das Letztere gelang bei der herrschenden Panik rasch. Der Klerus sandte Vertreter ins Rathaus, erbot sich, Leib Leben und Gut zum Rate zu setzen, und verlangte, in die bürgerlichen Rechte und Pflichten aufgenommen zu werden; er verzichtete damit auf seine Privilegien. Sofort ließ der Rat, noch an diesem 2. Mai, die Sechser sich versammeln; er trug ihnen vor, was im Tun war, und machte ihnen Mitteilung von der Zusage der Pfaffheit. Das Ergebnis der Beratung [369] war der durch Eide bekräftigte Beschluß Kleinen und Großen Rates, in diesen schweren Zeiten zusammenzuhalten und Leib Leben Blut und Gut für einander zu wagen.

So wenig wir im Einzelnen erfahren, das Eine ist deutlich, daß die Zunftvorstandschaft in ihrer Gesamtheit — wobei einzelne Dissidenten nicht in Betracht kommen — zum Rate hielt, und daß im festen Stamme der bürgerlichen Gemeinde auch die Evangelischen nichts gemein haben wollten mit dem Abenteuer.

Von „allerlei Volk“ redete der Rat, das bei dieser Vorstadtunternehmung sich beteiligte. Es waren Weber Rebleute Gärtner; wohl nur wenige Meister, die Mehrzahl Gesellen und Arbeiter, manche Fremde, neben leichtsinnigen und unverantwortlichen Existenzen einige gewichtigere Männer, der beste Kopf unter Allen jedenfalls der schon genannte Leiderer.

Aber es geschah nichts von dieser Seite her. Aus den bittern Reden wurden keine Taten, und als Mancher noch sich ängstigte, war die Gefahr schon vorüber, durch das rasche Haltgebieten der Machthaber beseitigt.

Der Rat konnte zuversichtlich einen Schritt weiter tun zur Einwohnerschaft selbst. Am 3. Mai ließ er seine Deputierten zu den in den Zunfthäusern versammelten Gemeinden gehen und ihnen Dasselbe vortragen, was er Tags zuvor den Sechsern berichtet hatte. Überall fanden die Räte guten Willen und entschlossene Zustimmung, keine Beschwerden wurden laut.

So war der Rat Sieger und Herr, der Kern städtischen Wesens durch dieses Zusammenstehen neu gefestigt. Auch hatten Klerus und Klostervolk die bis dahin hart verteidigten Privilegien in ihrer Angst selbst preisgegeben; sie erhielten dafür die Aufnahme ins Bürgerrecht.

Dieser städtische Aufstandsversuch, schlecht vorbereitet, war, kaum begonnen, schon gescheitert. Aber was ihn bemerkenswert macht, ist die Vielheit der Interessen und Wünsche — politischer wirtschaftlicher religiöser Art —, denen er dient, und ist ferner seine Komplikation mit einer Erhebung des Basler Landvolkes.


Während der letzten Jahrzehnte war das Oberrheinland wiederholt durch Bauernunruhen erregt worden — den Bundschuh Hans Ulmans 1493, den Aufruhr bei Bruchsal 1505, den Bund von Lehen 1513, die Aufstände in der Rufacher Mundat und in Bühl 1514, — dasselbe Land, in dem damals die Not des kleinen Mannes Wortführer von ergreifender Macht fand: den alten Wimpfeling und den Ungenannten, dem wir den Revolutionstraktat verdanken.

[370] Auch die Stadt Basel war Herrin eines bäuerlichen Untertanenlandes. Dies Verhältnis selbst und was ringsum war und geschah, konnte ihr Anlaß genug geben, sich über das allerorts verhandelte Bauernproblem Gedanken zu machen. Aber nur gelegentliche Äußerungen lassen uns etwas hiervon erkennen. Wenn in Gengenbachs Gäuchmatte der Bauer bei Frau Venus seine Marktware verbuhlt und zuletzt durch die erboste Bäurin unter Schlagen und Haarausraufen nach Hause geholt wird, so ist das der übliche Hohn des Städters über den Tölpel. Anders lautet es im gengenbachischen Spiel von den Totenfressern, wo der Bauer über die faulen Pfaffen und Mönche schilt, die ihm die Frucht seiner Arbeit wegnehmen. Wie lebensvoll dann die Bauernbilder Holbeins, Kunstwerke, die uns Alles darstellen: die Verspottung des dummen Rüpels, aber auch die Freude am Kontraste von Bauerngestalt und städtischer Feinheit, aber auch tiefe Empfindung für das Los des Bauernstandes, für das harte heilige Ackerwerk.

Seit dem Jahre 1523 zeigten sich hier agrarische Unruhen. Zunächst in Bestreitung alter Zins- und Zehntrechte. Aus solchem Widerstreben in Einzelnem erwuchs allmälich eine an das Verpflichtetsein überhaupt rührende Rebellion, und besorgt äußerte sich der Rat über die „Empörungen des gemeinen Mannes“.

Ende Aprils 1525 vernahm er, daß seine Bauern unruhig wären und losbrechen wollten. Er beschloß, ihnen zuvorzukommen, sie in Unterhandlungen festzuhalten. Ihre Ausschüsse, vier Männer aus jedem Dorfe, wurden auf den 3. Mai nach Sissach gerufen und Deputierte des Rates zu dieser Konferenz bezeichnet.

Aber dieser Beschluß hielt die Ereignisse nicht auf. Am 30. April wurden die Klöster Olsberg und Iglingen durch Bauern verwüstet, am 1. Mai das Kloster Schöntal. An eben diesem Tage, da in Basel die Zünftler bankettierten und zum Teil konspirierten, hatte auch Liestal sein Revolutionsfest. Der große Pfrundkeller des Domstifts wurde aufgebrochen, sein Inhalt unter Jubel und Hohn ausgetrunken.

Eine dunkle schwüle Stimmung liegt in diesen Tagen über Liestal, das seine alte zentrale Stellung im Lande, seine Auszeichnung als Schultheißenstadt nicht nur den Dörfern gegenüber, sondern durch die Macht des Momentes gehoben jetzt auch der großen herrschenden Stadt gegenüber empfindet. Da neben dem guten Schultheiß Brötlin neue Tagesgrößen auftreten und Führer der sisgauischen Bauersame sein wollen: Peter Wächter, Fridli Müller, Heini Soder. Bis am späten Abend dieses Tages noch Stephan Stör zu ihnen kommt. Derselbe Stör, der uns s. Z. als [371] Leutpriester Liestals und als der erste zur Ehe greifende Kleriker Basels bekannt geworden ist und der wegen dieser Ehe seine Pfründe verloren hat. Die ihm dafür gegebene Beichtvaterstelle im Gnadentale zu Basel genügt dem heftigen Ehrgeize dieses Mannes nicht; jetzt bietet sich ihm Möglichkeit, Führer zu sein in einer großen Sache. Aus dem durch Aufruhrdrohungen erregten Basel ist er gewichen und bringt nun das Neueste von dort, wohl auch Mahnungen der Aufruhrlustigen selbst, noch in den Taumel hinein, der Liestal schon erfüllt.

Hier gewinnt das revolutionäre Unternehmen rasch festere Gestalt. Am 2. Mai früh Morgens wird Lärm geschlagen; eine Volksversammlung findet statt. Liestaler und Farnsburger bilden den Ring. Brötlin mahnt zu ruhiger Überlegung. Stör empfiehlt, mit den Zünften in Basel gemeinsam zu handeln. Soder redet von den Lasten, die das Volk drücken, er rät gleichfalls, den Genossen in der Stadt Nachricht zu geben. Damit geht die Gemeinde auseinander. Und nun ists Stör, der den Brief an die Zünfte redigiert, unter Beratung Soders, und ihn durch den Kaplan Johann Felix schreiben läßt; Peter Wächter und Wolf von Buus tragen ihn noch gleichen Abends nach Basel, wo sie ihn dem Müller Simon an den Steinen einhändigen.

Deutlich zeigt sich, wie Stör und Soder Alles treiben, den ausgelassenen Krawall der Klosterplünderer zur bewußten Rebellion steigern. Der Brief, durch den die Bauern sich mit den unzufriedenen Elementen der Stadt verbünden wollen, entsteht und wird nach Basel geschickt ohne Wissen dieser Bauern selbst. Er gibt sich schon als Äußerung einer durch Eid verbundenen Gemeinde des Landvolkes und überbringt dessen Zusage, für die Zünftler Leib Leben und Gut einzusetzen. Alles stilisiert im Predigertone des Verfassers; neu und jedem guten Städterohre beleidigend ist, daß die Bauern die Bürger ihre lieben Mitbasler nennen.

Während dieser „Mordbrief“, der das Stadtvolk aufhetzen soll, hineingetragen wird, kommen die Deputierten des Rates das Land herauf geritten. Sie finden statt der Ausschüsse eine tumultuierende Menge, die von Verhandeln nichts wissen will.

Es ist ein wilder Abend, keinem Sisgauer ruhige Überlegung mehr möglich. Aus den durch Aufwiegler besuchten Dörfern strömen Züge von Bauern herein, den späten Abend und die Nacht durch. Der ganze Gau scheint im kleinen Liestal zu weilen. In diesem Gepreßtsein, in dem engen Beieinander der verschiedenartigen, aber durch dasselbe heiße Gefühl beherrschten Menschen findet kein Nachdenken und keine Geduld mehr Raum.

[372] Nur die Begier herrscht nach Aussprache, nach nichts verschweigender Debatte, nach Anklage der Herren, nach Abschüttelung aller Ungebühr und Last. Endlich einmal will auch der kleine Mann seinen Tag haben. Er ist nur der Bauer; aber er hat derselben Stadt, die ihn plagt und verachtet, auch ihre Kriege geführt; heute trägt er wieder die Waffen, deren Gebrauch er in diesen Jahrzehnten auf so manchem italiänischen Schlachtfelde gelernt hat.

Am 3. Mai, dem vom Rate für die Konferenz mit Ausschüssen bestimmten Tage, hat jetzt statt dieser das Volk selbst seine Landsgemeinde. Die Ratsgesandten weist es trotzig ab. Es tritt am Morgen vor dem obern Tore zusammen und verbindet sich mit einem Eide. Wieder sind Stör und Soder die Leiter. „Unsre Herren haben uns den Mantel, den Rock, das Wams, das Hemd und die Haut abgezogen, ja das Mark aus den Knochen gesogen!“ ruft Soder. „Daß Gottes Wunden sie schänden“, schreit ein Rotenfluher darein, „jetzt ist die Kehri an uns!“ Kein Warten gilt mehr. Das scharfe elektrisierende Sammel- und Alarmzeichen der Trommel ruft Nachmittags die Bauern aus allen Gassen heraus vors untere Tor. Sobald sie hier beisammen sind, ziehen sie davon und das Land hinab, der ganze wilde bewaffnete Haufe, Basel zu.

Dieser Zug war drinnen erwartet in Folge des Briefes Störs, der nicht an die Zünfte, sondern in die Hände des Rates gelangt war. Mehr als alles Andre bewirkte er an diesem 3. Mai die Verbündung von Räten und Zunftgemeinden gegenüber dem in der Stadt drohenden Aufstande. Jetzt war Basel einig und aufs Äußerste gefaßt. Noch war keine Nachricht da, daß die Bauern schon unterwegs seien.

Aber während Diese sich in Liestal zum Marsche gesammelt hatten, war durch die Ratsgesandten ein Eilbote mit der Meldung hievon abgesandt worden. Auf Umwegen über Füllinsdorf und Augst überholte dieser Reiter, der Söldner Ulrich Wiglin, den Bauernzug und traf Nachmittags in Basel ein.

Jetzt plötzlich war die Gefahr da, der Bauer ante portas. Die Stadt kam von einem Moment zum andern in einen Zustand von Sorge und Verteidigungsnotwendigkeit, den sie seit dem Schwabenkriege nicht mehr erlebt hatte. Alles sahen Ängstliche kommen: die Bauern durch die Tore eindringen, die ihre städtischen Helfer ihnen geöffnet, und über die Klöster, die Pfaffen, die Reichen herfallen. Alle Gassen waren voll Geschreis und Getümmels. Die Päpstischen zeigten offen ihre Furcht, sie glaubten sich die am meisten Bedrohten.

Aber die Behörde blieb besonnen. Angesichts der herankommenden und vielleicht auch im Innern lauernden Gefahr traf sie rasch ihre Maßregeln. [373] Die Tore wurden geschlossen und besetzt, Türme und Mauern bemannt, das Geläute abgestellt. Rat und Kriegsherren, alle geharnischt, hielten sich im Rathause bereit. Auf dem Markte standen die Feldgeschütze, unter wehenden Fahnen rückten von allen Seiten die Zünfte heran zum Stadtbanner. Von Hüningen kam Hilfsmannschaft. Auch die schleunige Inventierung aller hier lagernden Korn- und Weinvorräte gehörte zu den Maßnahmen der auf eine Belagerung gefaßten Stadt.

Vor der Macht dieser Rüstungen wich rasch die erste Bestürzung. Um so stärker wirkt auf uns der Kontrast dieser Ordnung und Ruhe in der Stadt zum Treiben des Rebellenlagers vor den Mauern.

Um die dritte oder vierte Nachmittagsstunde waren die Bauern bei der Katharinenkapelle vor dem Äschentor eingetroffen. Mehr als sechzehnhundert Mann zählend. Von einem Führer des Zuges hören wir nichts. Unterwegs hatten einige zur Seite ausstreifende Haufen die Klöster Schauenburg und Rothaus überfallen und geplündert. Weiter gings, in frevler Laune, der Stadt zu, deren Tore die Bauern offen zu finden meinten. Aber Alles stand geschlossen und abweisend. Hinter den Mauerzinnen funkelten Waffen. Man war zu spät gekommen. Enttäuscht zornig unbeschäftigt zerstreute sich das Volk durch die Flur, streifte dahin und dorthin, bis an die Grendel der Stadttore.

Von den Türmen aus war dies Alles sichtbar, und den Bürgern kam die Lust, über die Landleute herzufallen. Der Rat verbot dies. Er gestattete auch nicht, auf sie zu schießen. Um Allem nahe zu sein, war er im Hause des Oberstzunftmeisters Jacob Meyer, zum Hirzen in der Äschenvorstadt, versammelt.

Hier fand ihn eine solothurnische Ratsgesandtschaft, die wegen andrer Geschäfte nach Basel kam und nun mit Staunen draußen auf das Bauernheer gestoßen war, dann die geschlossene kampfbereite Stadt fand. Die Herren erboten sich sofort, mit den Aufrührern zu reden. Der Basler Rat, in dessen Auftrage schon Henman Offenburg Solches getan hatte, nahm das Anerbieten an in dem Sinne, daß die Solothurner die Verhandlung als ihre persönliche Sache führen sollten, nicht im Namen Basels. Noch am selben Abend ritten die Gesandten hinaus. Sie brachten vorerst zu Stande, daß das Heer die Belagerungsstellung aufgab und sich über die Birs nach Muttenz zurückzog.

Am folgenden Tage, 4. Mai, erhielten dort die Bauern ein Schreiben des Rates, der Sechser und der ganzen Gemeinde mit harten Vorwürfen über das Geschehene und mit der Aufforderung, sofort nach Hause zu gehen, [374] da sie sonst als Feinde der Stadt würden angesehen werden. Dem Briefe folgten die Solothurner Vermittler, und nun fand in Muttenz die Schlußverhandlung statt. Ihr Ergebnis war, daß die Bauern heimzuziehen und die Ausschüsse zu wählen versprachen, die ihre Beschwerden dem Rate vorbringen sollten.

Es war eine rasche Kapitulation. Aber nicht unbegreiflich bei einer Menge dieser Art, die in ihrer Unerfahrenheit und Plumpheit so haltlos den gewandten Aufhetzern gefolgt war wie sie jetzt, müd und ernüchtert und durch das Ausbleiben städtischer Helfer bitter enttäuscht, sich dem Zureden und Drohen fügte.

Der Zug ging rückwärts. Den Bergen und der Heimat zu, dieselbe Straße hinan, auf der er gestern erst das Land herabgestürmt war. Manche tobten. Damals wohl kam es zur Ausleerung des Engentaler Klösterleins; die Wut der zum Rückmarsche Gezwungenen sättigte sich an der armen Habe der Beginen.

Noch wurde in Liestal gerastet und geratschlagt und der Ausschuß bestellt. Dann am 5. Mai gingen die Bauern auseinander, sich vom Rate mit einem Briefe verabschiedend, in dem sie um Verzeihung baten und sich zu rechtfertigen suchten: diese Dinge seien geschehen aus Torheit oder aus Verhängnis Gottes, wie Solches sich mancherorts begebe.

Ratschreiber Ryhiner, der aus den Erlebnissen seiner amtlichen Tätigkeit heraus diese Empörung erzählte, begründete die „verwunderliche Milde“ des Rates damit, daß ein hartes und unnachgiebiges Verhalten die Bauern in die „große Bruderschaft“ der rings um Basel rebellierenden Untertanen getrieben haben würde. Der Rat wollte die Bewegung so rasch als möglich stillen und damit hindern, daß schlimme Einflüsse sich der Sisgauer bemächtigten oder daß die Unzufriedenen in der Stadt wieder die Köpfe zu heben versuchen würden. Unter solchen Erwägungen begann er das Verhandeln.

Aber auch an die Absichten der Bauern haben wir zu denken. Sie plünderten das domstiftische Vorratshaus in Liestal und ein paar Klöster, in Basel hatten sie es auf die Magazine und Schatzhäuser der Pfaffen abgesehen. Aber die obrigkeitlichen Kornspeicher, die Zolltröge Salzkästen Kassen u. dgl. rührten sie nicht an. Sie hatten auch gar nicht die Absicht, die Obrigkeit zu stürzen. Wie Alles vorbei war, betonten sie, daß sie in keiner Weise gewillt gewesen seien, von ihrer Pflicht abzuweichen. Nur nach Erleichterung strebten sie.

Die Verhandlungen geschahen unter Mediation von Gesandten der Orte Solothurn Bern Zürich Luzern Freiburg. Sie begannen am 8. Mai [375] in Liestal; Basel war durch Ratsdeputierte, das Landvolk durch seinen Ausschuß vertreten. Der Besprechung lagen ausführliche Verzeichnisse der bäuerlichen Beschwerden zu Grunde.

Nicht die ganze Untertanenschaft war dabei beteiligt; Ramstein, die rechtsrheinischen Herrschaften und Hüningen waren der Erhebung ferne geblieben. Die Beschwerden waren solche der einzelnen Ämter. Wie die Erwerbung des Landes ämterweise geschehen war und auch seine Verwaltung ämterweise geschah, so brachte jetzt jedes Amt seine eigenen Querelen.

Hier kann es sich nur um die Hauptstücke der ganzen Beschwerdenmasse handeln.

Die Bauern reden in die auswärtige Politik hinein. Basel solle keinem fremden Herrn etwas zusagen ohne ihren Willen, verlangen die Münchensteiner. Die Liestaler wollen, daß man überhaupt kein Bündnis mit Fürsten und Herren schließe; denn bisher sei Andern das Geld zugefallen, sie aber hätten die Schläge erhalten.

Kirchlicher Art ist, daß Liestal und Münchenstein sich zum Predigtmandat von 1523 bekennen, Farnsburg für die Gemeinden freie Pfarrwahl anspricht, Waldenburg Vermehrung seiner Priesterschaft und Münchenstein ein Aussterbenlassen der Klöster begehrt. Der Wille Aller sodann geht auf Beseitigung der geistlichen Gerichte sowie auf Erleichterung der Zehntpflicht; solche Pflicht wird überhaupt nur dann anerkannt, wenn aus dem Zehntertrage der Leutpriester bezahlt wird.

Im Bereiche dessen, was unmittelbares Verhältnis der Obrigkeit zu den Bauern ist, steht obenan das Verlangen nach Aufhebung der Leibeigenschaft. Diese geht nicht im allgemeinen Untertanenverhältnis auf, sondern hat im Verbote der Heirat mit Angehörigen anderer Ämter und im Todfalle die bestimmten Zeichen der privatrechtlichen Gebundenheit. Ihre Natur tritt auch darin zu Tage, daß noch vor Kurzem Einzelne sich aus dieser Basler Leibeigenschaft freigemacht, Andere sich freiwillig in solche Leibeigenschaft ergeben haben.

Andere Klagen über Ausübung grundherrschaftlicher Rechte gelten den Frohnen, den Fastnachthühnern, dem Hofzins, dem Mühle- und Trottezwang; sie gehen auf Beseitigung oder Erleichterung dieser Lasten.

Dann wird die alte Freiheit der Allmenden, die freie Beholzung, das freie Jagen Vogeln Fischen zurückverlangt.

Eine große und eindrückliche Gruppe endlich bilden die Beschwerden über die kraft Staatsgewalt erhobenen Abgaben — die Steuer, die Ungelder, [376] den bösen Pfennig, die Zölle — und über das staatliche Monopol des Salzhandels.

Dies die Beschwerden. Wir erfahren nichts über die Art der Steuerveranlagung und wissen auch nicht, welche Bedeutung im Ganzen des wirtschaftlichen Zustandes die Lasten und Leistungen hatten. Die Forderungen kirchlicher Art berührten das Verhältnis der Bauern zu Basel nur mittelbar, und die paar Äußerungen zur Politik sind zu werten als Nachahmung Dessen, was die Bauern andrer eidgenössischer Orte bei Gelegenheit ihrerseits vorgebracht, vielleicht auch nur als Wichtigtuerei vorlauter Führer. Im Übrigen aber konnten Klagen über Druck allerdings berechtigt sein.

Nicht Kampf- und Abenteuerlust allein trieb die Bauern zum Reislauf. Daß sie in die Ferne verlangten und sich zu Hause nicht wollten halten lassen, ruhte auch auf ökonomischen Gründen. Wir haben an die Verschuldung der Bauern zu denken, an mannigfaltige Not überhaupt; der Rat selbst schrieb im Jahre 1520, daß „alle Gewerbe in den Ämtern abgiengen und die Güter wüst lagen, sodaß die Leute verderben mußten“.

Wir halten damit zusammen, was die jährlichen Einnahmenrechnungen der Stadt ergeben. Seit der Erwerbung der ersten Ämter ist die Belastung der Bauern unaufhörlich gewachsen. Neben die alten, durch das Jahrhundert hin sich wenig ändernden Stammposten der Steuer, der Zölle, des Ungelds treten in zunehmender Vielartigkeit andre Einzelleistungen, neue Zölle, neue Auflagen, böser Pfennig, Rütizinse, Fronfastengelder usw. Sie waren notwendig, weil die Landeshoheit ausgebaut wurde, weil der Staat sich entwickelte und seine Ausgaben wuchsen; aber sie wirkten als erbitterter Druck, wurden als bureaukratische Plackereien empfunden.

So bildete sich die Stimmung, die schließlich zum Aufstande führte. Auch Einwirkungen im Einzelnen kamen von den benachbarten Revolten und den dort proklamierten Artikeln. Außerdem war die Kraft der kirchlichen Reformbewegung beteiligt. Aber nur beteiligt; sie gab nicht den Anstoß und führte nicht. Wie schon 1524 ein Zehntverweigerer sich auf die Lehre Luthers berufen hatte, so mochten auch beim allgemeinen Aufstand Einzelne denken. Die Predikanten, die mitwirkten, waren gegebene Wortführer. Und wenn auch im Briefe Störs die Töne vom göttlichen Recht angeschlagen wurden, so lauteten doch die Beschwerdeartikel selbst durchaus sachlich hart und nüchtern. Die Plünderungen des Pfrundkellers und der Klöster waren spontane Racheakte gegenüber Denjenigen, die nach der Meinung des armen Mannes „seinen blutigen Schweiß in Üppigkeit verzehrten“. Nicht kirchliche und nicht politische Gründe, sondern das Leiden unter wirtschaftlicher [377] Not und die Erbitterung über das stete Wachsen der fiskalischen Maßregeln hatten zum Aufstande getrieben, und in das eigene enge Erlebnis hinein drang noch die ungeheure Anregung allgemeiner Zustände.

Was nunmehr, da die Bauern wieder zu Hause das Feld bestellten, am Konferenztische zur Sprache kam, war, daß das Landvolk die Herren von Basel als seine natürlichen Obern anerkannte, aber Wiederherstellung des alten Brauches sowie Befreiung von der Leibeigenschaft verlangte.

Zahlreiche Akten zeigen uns den mühevollen und immer wieder gehemmten Gang dieser Unterhandlungen. Die eidgenössischen Vermittler ziehen sich zurück, nachdem sie am 8. Mai der Stadt und den Ämtern den Entwurf eines Vertrages mitgeteilt haben. Von da an handelt es sich nur noch um das Hin und Her zwischen Diesen. Kleiner und Großer Rat stellen Grundsätze auf und geben Instruktionen. Die Gesandten verhandeln mit dem Ausschuß, aber auch mit einzelnen Vogteien. Die Stimmungen wechseln. Wir stellen uns dabei vor, wie Vieles den Räten in diesen Maiwochen durch den Kopf geht: die Liquidation der städtischen Aufruhrsache, die Vermittlung im großen oberrheinischen Bauernkriege; um sie her ist, jedenfalls laut genug sich äußernd, der Unwille der Städter, die in ihrer Bauernverachtung diese Art nachsichtigen Paktierens nicht begreifen.

Endlich Ende Mais fanden sich Herrschaft und Untertanenschaft auf einem Punkte zusammen; er stellte das Äußerste dar, das den Bauern zu erlangen, dem Rate zu gewähren möglich war.

Die Mehrzahl der Konzessionen waren schon am 8. Mai durch die Vermittler empfohlen worden: die Aufhebung des kleinen Zehnten, des bösen Pfennigs, des geistlichen Gerichtes und Bannes, der Rütizinse, der Ungenossame und des Todfalles, des Mühlebannes; die an gewisse Vorbehalte gebundene Freigebung von Beholzung Jagd Vogelfang Fischerei; die Milderung der Frohnden; die Bestimmung des großen Zehnten für die Pfarrerbesoldung; die Berechnung der Steuer nach der Bevölkerungszahl.

Hierüber hinaus verstand sich der Rat zur förmlichen Aufhebung der Leibeigenschaft. Dagegen hielt er fest am Salzmonopol, sowie am Kornzoll und Kornungeld; am Weinungeld bewilligte er eine mäßige Reduktion. Auf die Begehren politischer Art trat er nicht ein.

Damit und mit der Gewährung der bis zuletzt noch umstrittenen Amnestie war der Friede geschlossen. Die Bauern hoben ihren Bundeseid vom 3. Mai wieder auf und schworen, der Obrigkeit gehorsam zu sein, keine Versammlung noch Vereinigung zu machen und die Friedensartikel zu vollziehen. Sie erhielten, jedes Amt für sich, am 30. Mai bis 2. Juni die [378] Briefe, in denen die Wiederherstellung von Frieden und Untertanenschaft bezeugt und die Summe der Konzessionen aufgezählt war. Sie konnten mit der Frucht ihres Tumultes zufrieden sein.

Für den Rat aber, der mit den städtischen Revolutionären so rasch fertig geworden, war dieser Ausgang ein schweres Erlebnis. Er suchte sich damit zu trösten und zugleich der Nachwelt gegenüber zu rechtfertigen, daß, er im Ratsbuch eintragen ließ, wie die Stadt Basel im Mai 1525 von ihren Untertanen überfallen worden sei und sich zur Verhütung größeren Übels entschlossen habe, diesen Untertanen durch gütliche Verträge Vieles nach- und abzulassen.

Die Verträge wurden geschlossen und die Erklärung ins Ratsbuch geschrieben, jedenfalls mit dem stillen Vorbehalte, daß Dies nicht das letzte Wort sein solle.


Wie ein Zwischenspiel nur erscheint dieser Basler Bauernputsch in der großen oberrheinischen Rebellion.

Daß dem Städter bange wurde vor der Erscheinung des allenthalben massenhaft und gewalttätig losbrechenden Aufruhrs, zeigen die damaligen Chronisten Basels. Sie suchen dem Ereignisse nahezukommen, indem sie die einzelnen Aufstandsgebiete auseinanderhalten und den Verlauf in jedem schildern. Das Erschütternde war doch die Gleichzeitigkeit aller dieser Empörungen. „Größer Angst und Not ist nit gesin in der Gedechtnus der Menschen, als Gott durch sinen Zorn hat lassen kommen über dies Teutsch Land.“

Dem Basler Rat erwuchsen dabei schwere Aufgaben. Wie die Eidgenossen zwischen ihm und seinen Bauern vermittelten, so bemühte er sich, im Solothurnischen und im Bistum, in der straßburgischen Muntat, im Sundgau, im Breisgau, in der obern Markgrafschaft zum Frieden zu reden. Starke wirtschaftliche Interessen trieben ihn dazu; aber er wurde Mediator auch kraft der traditionellen Funktion Basels als oberrheinischer Zentralmacht. Die Stadt erlebte wieder, was sie schon vor Jahrzehnten und Jahrhunderten erlebt hatte: die Gefahr, die Unruhe, das Hin- und Herschreiben, die Konferenzen, die Ströme der hier ein Asyl Suchenden. Es waren die alten Tatsachen, auch die alten Formen; aber der Geist und die Kraft der alten großen Tage Basels fehlten.

Mitte Aprils 1525 stand das Sundgauer Landvolk in Aufruhr; die Bauern überfielen Klöster Priester Edle Städte. Sofort kamen Hilferufe nach Basel. Colmar Schlettstadt Kaisersberg sandten ihre Boten. Auch [379] die Ensisheimer Regierung, in andern Zeiten eine stolze und unfreundliche Nachbarin, zeigte sich schwach; für sich und für den Adel bat sie den Rat um getreues Aufsehen; Führer der Gesandtschaft war der alte Herr Hans Imer von Gilgenberg, vor einem Vierteljahrhundert Bürgermeister Basels. Auch der Bischof von Straßburg, der Abt von Murbach baten den Rat um Beistand, in den demütigsten Ausdrücken der sich fast trostlos geberdende Freiherr Hans von Mörsberg.

Nicht diese klägliche Unmacht der Herren rührte den Rat; aber hinter ihr sah er die Kraft des Bauernheeres, sah er das schöne, fruchtbare, jetzt mit Verheerung bedrohte Land, das ihm so wert war, als wenn es sein eigen wäre. Er entschloß sich, den Bitten zu willfahren, und schickte seine Vertreter mit Friedensvorschlägen zu den vor Sulz versammelten Bauern.

Ohne Erfolg. Die Empörer glaubten den Sieg in der Hand zu haben.

Aber schon wenige Tage später kamen böse Meldungen das Elsaß herauf von der Vernichtung vieler Tausende der Bauern durch ein lothringisches Heer bei Lupstein Zabern Scherweiler. Die Zuversicht der Oberländer war mit einem Schlage gelähmt.

Noch weiß man hier nicht, daß die Lothringer rasch in ihr Land zurückgekehrt sind. Man fürchtet ihren Einfall in den Sundgau. Alles ist in mächtigster Erregung.

Am Himmelfahrtstage, 25. Mai, kommen zum Basler Rate dringende Gesandtschaften von der österreichischen Regierung und von den Bauern. Der Rat seinerseits hat schon vorher die Eidgenossen zum Aufsehen gemahnt. Gerade jetzt sind einige Gesandte von Zürich und Solothurn hier anwesend. Auf Diese greift nun der Basler Rat und läßt sie sofort mit seinen eigenen Gesandten zusammen ins Elsaß reiten. Zuerst ins Feldlager der Bauern bei Battenheim; da erbieten sich die Gesandten, einen Waffenstillstand zu bereden, den Lothringer vom Zug ins Oberland abwendig zu machen und die österreichischen Regenten dahin zu bringen, daß der Entscheid des Streites den Eidgenossen überlassen werde. Die Bauern sind einverstanden. Es folgt am 26. Mai die Konferenz in Ensisheim, bei der auch die Regenten dem eidgenössischen Spruche sich zu unterwerfen geloben. Stracks reiten die Gesandten weiter und weiter, bis nach Nancy zu Herzog Anton; sie erhalten von ihm die Zusage, daß er nicht in den Sundgau ziehen werde.

Wir übersehen nicht die Stimmungen und Bewegungen, die überall hinter diesem Handeln ihr Wesen haben: das Ansinnen der Bauern, daß Basel ihnen helfend an die Seite treten solle, falls keine Gütlichkeit zu Stande komme; den Rachedurst und die wiederkehrende Zuversicht bei Regiment [380] und Adel; die Ablehnung einer Mediation durch die Tagsatzung, in der die katholischen Orte mit dieser, nach ihrem Urteil lutherischen Bauernbewegung nichts zu tun haben wollen. Nur Zürich Bern Solothurn Schaffhausen nehmen sich der Sache an; Ende Mais kommen ihre Boten nach Basel.

Hier finden sich auch die Parteien ein: Bauernführer und einige Herren des Regiments. Am 5. Juni wird eine Waffenruhe vereinbart bis zum 4. Juli, an welchem Tage Basel und die vier genannten Orte den Streit definitiv beilegen sollen.

Während so im Sundgau Stille herrscht, vollzieht sich die Beruhigung im rechtsrheinischen Gebiete.

Seit den ersten Maitagen ist Basel mit den Empörern in der obern Markgrafschaft und im österreichischen Breisgau beschäftigt. Aus denselben Gründen, die es zum Versuch einer Schlichtung im Sundgau treiben.

Schon ehe die Bitte Markgraf Ernsts um Vermittelung an den Rat gelangt ist, hat Dieser seine Boten zu den Bauern reiten lassen. Ihr Erbieten wird zunächst abgelehnt, aber Basel läßt in seinen Bemühungen nicht nach. Dabei ist eine Sache für sich die Einnahme des Schlosses Röteln durch die Bauern, ehe die durch den Markgrafen erbetene Besetzung durch Basel hat geschehen können. Jetzt will Ernst von Basel aus über die Rebellen herfallen und verlangt, daß Basel hiefür seine Reisigen aufnehme. Aber Basel will keinen Krieg mit Landverwüstung, es will auch hier nichts Andres sein als neutraler Vermittler, und lehnt das Begehren ab.

Unermüdlich arbeitet der Rat. Er findet dabei Hilfe an Straßburg. Auch andre Oberrheinstädte nehmen sich des badischen Streites als Unterhändler an. Endlich bringen diese vereinigten Städte zuwege, daß Fürst und Bauersame in eine Friedensverhandlung zu Offenburg willigen. Hier wird am 13. Juni der Vertrag beredet, der am 18. Juli in Basel seine Fortsetzung und am 12. September wiederum in Basel seinen Abschluß erhält; er endigt den Bauernaufstand in der Markgrafschaft.

Eindrücklich ist der ruhige, durch nichts verwirrte Gang dieser Vermittlungssache. Es war dies möglich, weil zwischen Parteien und Vermittlern Vertrauen bestand und von keiner Seite her getäuscht wurde.

Ganz anders als Markgraf Ernst benahm sich die Ensisheimer Regierung. So jämmerlich ihre Hilfsbedürftigkeit in den ersten Angstwochen gewesen, so unwürdig war ihr Verhalten von dem Moment an, da sich ihre Lage besserte.

Noch galt im Sundgau der am 5. Juni vereinbarte Waffenstillstand. Aber zahlreiche Störungen zeigten, wie widerwillig die Streitenden diesen Zwang trugen.

[381] Am 4. Juli geschah die Versammlung in Basel. Anwesend waren die Vermittler aus den eidgenössischen Orten; zahlreiche Bauern; Bevollmächtigte des Straßburger Bischofs; ein Trupp Edelleute; vom Ensisheimer Regiment einige Räte, unter ihnen wieder wie im Mai, doch jetzt mit andern Mienen und Geberden, der Gilgenberger Baron. Bei den Barfüßern in dem Refektorium, das schon mancher Konferenz gedient hatte, wurde verhandelt. Eine vom Rat aufgebotene starke Wachmannschaft sorgte für Ordnung und Sicherheit.

Aber die große Veranstaltung hatte ein kleines Ergebnis. Nach tagelangem Debattieren nur das Eine, daß die Waffenruhe bis zum 10. August verlängert wurde und die Vermittler sich entschlossen, direkt mit Erzherzog Ferdinand zu verhandeln, damit er ihr Recht des Entscheidens anerkenne.

Am 1. August fand diese Gesandtschaft — Jacob Meyer und Ratschreiber Ryhiner von Basel und Hans Jacob Murbach von Schaffhausen — den Erzherzog in Augsburg, nachdem sie, unrichtig informiert, ihn im Südtirol gesucht hatte. Alles war auf Hinhalten angelegt. Auch das Benehmen Ferdinands. Gnädig und höflich die eidgenössischen Herren empfangend, gab er doch keinerlei Zusicherung und behielt sich Alles vor. Nur eine nochmalige Verlängerung des Waffenstillstandes, bis zum 20. August, konnte erzielt werden.

Wie die Eidgenossen schon diese Augsburger Fahrt nur ungerne mitmachten, so zogen sie sich allmählich ganz zurück. Nur Basel führte die von ihm übernommene Aufgabe durch, gewissenhaft, bis zum bittern Ende. Der in den Parteien lebenden und kaum zu bändigenden Kraft und Willkür gegenüber bildet dies unverdrossene vermittelnde Arbeiten der guten Stadt ein seltsames Schauspiel.

Am Tage nach dem Ende des Waffenstillstandes, am 21. August, sollte wieder in Basel verhandelt werden. Aber die österreichische Regierung weigerte sich, sodaß Basel beschloß, sie an ihrem Sitze selbst aufzusuchen. Am 22. August trat seine, wieder wie im Mai durch Bürgermeister Meltinger geführte Deputation vor die Regenten in Ensisheim.

Meltinger konnte sich jener Szene vom 26. Mai erinnern, da im selben Saale die eingeschüchterten Herren sich in die Helferhände des Basler Rates gegeben hatten. Heute war die Stimmung anders. Und wie verändert die Lage überhaupt! In Schwaben, in Franken, in der Pfalz, im Untern Elsaß, überall war die Bauernmacht unter furchtbaren Schlägen zusammengebrochen. Überm Rheine die Markgräfler hatten ihren Frieden gemacht. Einzig die Untertanen Österreichs standen noch als Empörer im [382] Felde, während der Adlige und der Fürst wieder Herren waren. Keine Waffenruhe galt mehr, und der Bauernhaß der Edeln hatte freie Bahn. Aber freie Bahn hatten auch wieder die alte fürstliche und adlige Verachtung des Städters, der alte Groll gegen die abtrünnige Rheinstadt, gegen das von Krämern und Handwerkern regierte Basel. Man hatte sich seiner bedient, da die Not dazu zwang. Aber was galten heute Zusagen aus jener Stunde der Not? „Wenn sie gegeben wurden, so waren sie doch nicht in unserm Herz und Gemüt“, warf Gilgenberg den Basler Herren hin. Nur auf Gnade und Ungnade, ohne an einen Entscheid Basels gebunden zu sein, wollte das Regiment die Bauern wieder annehmen.

Erbittert schieden die Basler. Daß die sonst übliche Höflichkeit des Ehrenweins ihnen vorenthalten, die Gesellschaftsleistung in der Herberge ihnen versagt blieb, konnte ihnen zeigen, wie nieder sie in Ensisheim gewertet wurden; zur Unhöflichkeit fügte der Adel den grausamen Hohn und die Beschimpfung, indem er für den Heimritt der Basler an den Bäumen ihrer Straße eine Reihe Bauern aufknüpfen ließ.

Auch das hatten die Gesandten vernommen, daß kurz vor ihrer Ankunft in Ensisheim, sogleich nach dem Ausgange des Waffenstillstandes, der Adel über das nahe Battenheim hergefallen war, plündernd totstechend gefangennehmend, „wie man im kriege zu tun pflegt“. Das Signal zu Gewalttaten durchs ganze Land war gegeben, und Basel wurde wieder Refugium, wie es in früheren Schreckenszeiten oft gewesen war. Die Sundgäuer flüchteten ihre Weiber und Kinder, ihren Hausrat, ihr Korn in die eidgenössische Stadt. „Da ward große Not gesehen.“ Die Spalenvorstadt stand so dicht voll von Rossen und Karren, daß Niemand durchgehen konnte.

Der Furchtbarkeit dieser Herbstwochen von 1525 schildernd gerecht zu werden, ist unmöglich. „Es war ein großer schrecken in dem land.“ Was wollten noch Konferenzen in solcher Zeit? Was fruchteten Schreiben und Vorstellungen? Ensisheim wies sie ab und ließ seine Reiter die Bauern hetzen.

Unverkennbar sind die in Basel vorhandenen starken Sympathien für die Bauern. Die uralten Beziehungen, der unübersehliche reiche Verkehr jedes Tages, die Besitzungen Zinsrechte Lieferungen wirken auf Viele. Dazu kommt das Mitgefühl manches kleinen Städters für den Bauer, der gleiche Plage trägt, kommt weiterhin der traditionelle Haß auf Österreich. Die Behörden tragen schwer an der in Ensisheim erlittenen Schmach. So kann es kommen, daß Basel, das die eigenen Bauern darniederhält, [383] sich eifrig für die fremden verwendet. Es geht sogar die Rede, daß es ihnen Geld geliehen habe. Überall in Basel, bis hinauf in die Räte, hat der „redliche bur“ der Nachbarschaft seine Freunde. Und der Jungmannschaft öffnet sich dabei auch eine neue Art Reislaufs. Scharenweise strömen sie in den Sundgau hinaus, den Bauern zu, die ihnen Sold geben. Caspar David der Metzger, Jacob Linder der jüngere zum Meerwunder, der Kartenmaler Wolfgang Gewicht, der Arzt Stefan Bart, Oswald Banwart, Urban Blechnagel, Jerg Trubelman sind Einige aus den Basler Söldnern im Bauernheere.

Aber die städtischen Zuzüger halfen den Bauern wenig. In ergreifenden Worten schilderten Diese dem Rat ihre Lage, ihre schrecklichen Leiden. An Allem verzweifelnd und keine andre Rettung sehend baten sie die Eidgenossen, den Sundgau zu Handen zu nehmen. Es war ein Vorschlag, der grenzenlose und blendende Aussichten öffnete; aber die Zeit solcher Unternehmungen war für die Schweiz vorbei. In den erbitterten innern Kämpfen waren Kraft und gegenseitiges Vertrauen der Eidgenossen untergegangen.

Inzwischen war vom Markgrafen Philipp, Ernsts Bruder, dem Erzherzog Ferdinand eine gütliche Vermittelung durch ihn, Philipp, und die Stadt Basel vorgeschlagen worden, und Ferdinand hatte dies angenommen. Bei der Lage der Dinge konnte eine solche Vermittelung, deren Gedanke ja schon den ganzen Verlauf der oberrheinischen Rebellion begleitet hatte, jetzt nur noch Wort und Form sein; in der Sache selbst brauchte sich Österreich weder durch einen Fürsten wie Philipp noch durch eine Stadt der Nachbarschaft dreinreden zu lassen.

So kam es zu der, im Grunde nur gespielten Mediation, und es ist schwer zu begreifen, daß sich der Basler Rat zu dieser traurigen Rolle hergab. Vielleicht hoffte er doch noch Gutes wirken zu können. Aber die Vermittler hatten gebundene Hände; nur auf Grund der durch Ferdinand formulierten Artikel sollten sie Frieden machen können. Diese Artikel bedeuteten gänzliche Unterwerfung der Bauern unter die Willkür der Herren; wesentliche Milderungen anzubringen gelang den Vermittlern nicht. Am 18. September 1525, in Offenburg, kam es zum Abschlüsse dieses durch Übermacht und Rachgier diktierten Friedens; die Vertreter der Bauernschaft, hoffnungslos und resigniert, nahmen ihn an; Philipp und die Stadt Basel aber ehrten ihn durch das Anhängen ihrer Siegel.

Sofort folgte das grausame Vollziehen des Vertrages, das erbarmungslose Peinigen der Unterlegenen. Es kam zu einer „Bändigung und Züchtigung, die alle Ausschreitungen der Revolutionäre weit übertraf“. [384] Hier nun, da Basel in kurzer Zeit eine Reihe kritischer Momente durchlebt hat, ist der Zustand dieses Staatswesens zu betrachten. Er zeigt sich uns in den mannigfaltigsten Äußerungen.

Zunächst noch hatte der Rat mit den Aufrührern in der Stadt abzurechnen. Das gleichzeitige Losbrechen der Empörung auf dem Lande und der Gedanke an einen Zusammenhang der beiden Aktionen steigert unverkennbar die Erregung. Den Bauern hat der Rat nachgeben müssen, um so entschiedener will er den Städtern seine Kraft zu fühlen geben.

Wer irgendwie verdächtig schien, wurde festgenommen; dann begannen die Verhöre und die Folterungen. Durch Wochen hin zog sich die Untersuchung. Zu Leibes- und Lebensstrafen kam es nicht; aber Mancher wurde für kürzere oder längere Zeit in der Stadt interniert, vom Besuche seiner Zunft ausgeschlossen, des Rechtes Waffen zu tragen beraubt. Der Hauptangeschuldigte Ulrich Leiderer hatte eine harte Inquisition auszuhalten und mußte dann vor dem Rate seine bösen Reden widerrufen. Scharf ging der Rat ins Gericht auch mit den paar Geistlichen, die am einen oder andern Aufruhre beteiligt gewesen waren. Der Schuldigste unter ihnen war jedenfalls Stör, als Verfasser des hochverräterischen „Mordbriefs“; er wurde von der Amnestie ausgeschlossen, sein Kaplan Sinckentaler bei Strafe des Schwertes verbannt; Bonifacius Wolfhart, dessen Verfehlung wir im Einzelnen nicht kennen, wurde schon am 7. Mai 1525 ausgeschafft.

Wir verstehen, daß eine so lange dauernde und so Viele treffende Untersuchung die Stadt nicht zur Ruhe kommen ließ. Auch des Geheimnisses wegen, das Alles umgab. Reflexe hievon finden wir in den so verschieden lautenden Erzählungen der Chronisten; da stellt der lutherisch Gesinnte die ganze Aufruhrsache als etwas Geringfügiges hin und tadelt die Grausamkeit der Machthaber, während die Altgläubigen von „lutherischer Verräterei“, von einem Umsturzplane der Gegenpartei reden, den nur das rasche Zugreifen des Rates zunichte gemacht habe.

An Unruhe und Gährung war überhaupt kein Mangel. Unausgesetzt störte der religiöse Streit das Leben. Und wie Vieles hatte die Stadt auch sonst noch durchzumachen. Die kargen Meldungen aus dem Stadthaushalte werden auch jetzt wieder zu lebendiger und farbiger Schilderung. Alle diese, Woche nach Woche, bis in den Winter hinein sich folgenden [385] Rechnungsposten über heimliche Wachten Zuwachten Extrawachten, über Ausrüstung mit Büchsen Spießen usw. vergegenwärtigen deutlicher als viele Worte, welche Last auf dem Gemeinwesen lag, mitten im allgemeinen Drange dieses denkwürdigen und blutigen Jahres. Die arge Verwirrung der Dinge hören wir beklagen. Allenthalben war zu viel des Jammers, und wie ein tröstliches Wunder konnte Manchem die Sommerherrlichkeit erscheinen, die über der gepeinigten Erde stand und eine seit Langem nicht mehr geschaute Fülle von Früchten reifen ließ.


Diese Zeit starker Bewegung alles städtischen Daseins war von Wichtigkeit auch für die Einwohnerschaft als Gesamtheit.

Schon Gesagtes über ihr Wesen und ihre Struktur ist nicht zu wiederholen. Nur das Eine nochmals zu betonen, wie sehr gerade dieses Basler Stadtvolk zu allen Zeiten und in der Hauptsache stets zu seinem Nutzen der starken Mischung fremder Elemente unter die eingebornen ausgesetzt war. Mit besonderer Stärke geschah dies jetzt, da die von allgemeiner Unruhe dahingerissene und wie neu beweglich gewordene Menschheit auch Basel in Anspruch nahm. Vor uns ist ein Auf- und Niederwogen in beständiger Mutation der Einwohnerschaft; wir können aber nur einige Gruppen solcher Zuwandrer hier beachten: die vom Reichsboden Herüberkommenden, die zahlreich sind und denen das neue Basel glänzende Gestalten verdankt; dann die Scharen aus Westen und Süden, französische Buchhändler Buchbinder Barettmacher Gelehrte Evangelisten Formschneider, Spediteure und Pferdehändler aus Italien, komaskische Maurer. Auch Adelsgruppen neuer Art machen sich, wie schon bemerkt worden ist, geltend; ohne die Hemmungen, die den Abkömmlingen der alten Geschlechter das Verhältnis zum jetzigen Basel schwer machen, leben diese Ostheim Waldner Reutner Ebinger Klingenberg frei und unbefangen inmitten der Bürgerlichkeit; ein besonders deutlich bezeugter Typus dieser neuen Nobilität ist Junker Christoph von Staufen. Die Kaufleute, durch eine neue Gewerbeordnung eingeengt und auf bestimmte Betriebsformen beschränkt, aber gleichwohl noch immer die starken Träger des Gedeihens, finden jetzt neue Vertretungen in den Rechburger Schultheiß Löffel Mentelin u. A.; bei ihnen steht auch die patriarchalische Gestalt Stoffel Burckhardts. Es ist Hebung und Mehrung des städtischen Wesens von allen Seiten her; durch die Kriege Religionswirren Aufstände ringsum werden die mannigfaltigsten Gestalten herein getrieben. Zahlreiche, die hier ein gesichertes Ausruhen [386] und Rasten, vielleicht auch eine Heimat suchen: verjagte Priester und Predikanten, weltlich gewordene Klosterleute, Agitatoren der und jener Sekte; in Menge auch die breiten und wilden Figuren kriegerischen Lebens, der Landsknecht, der Reiter, der Werbhauptmann. Aus den Bauernkriegen der Nachbarschaft fliehen Viele herein und leben hier als „Banditen“ zum Ärger Österreichs und anderer „Halsherren“; sie beschäftigen den Rat Jahre lang.

Das Ganze gibt das belebteste Schauspiel. Im Rahmen dieses Basel, wo immer Etwas los ist, stets Neues geschieht oder vernommen wird, Einer den Andern beobachtet und kritisiert, mischen sich die disparatesten Elemente.

Aber gerade jetzt will ein neuer Geist in diese Zustände dringen.

Die letzten Jahrzehnte der Stadt waren groß geworden unter der Herrschaft einer Gesinnung, die von keinen Umschrankungen städtischen Lebens wußte, vielmehr die Zuwanderung wünschte und nach Möglichkeit erleichterte. Daher die große Zahl der Aufnahmen ins Bürgerrecht; daher die noch weitergehende, im Ratsbeschlusse von 1506 ausgesprochene Meinung, daß Keiner der Hereinkommenden zur Erwerbung des Bürgerrechts genötigt werden solle; Jeder möge frei sein, Bürger zu werden oder Einsasse, nach seiner Wahl; das Wesentliche sei, „daß man desto förderlicher Anreiz gebe und Leute zu uns in die Stadt bringe“.

Wie verschieden hievon jetzt die Anschauung, die im Regimente Geltung gewinnt! Am 10. August 1525 verfügt der Rat, daß künftig Niemand zum Bürger aufgenommen werden solle, der nicht Mannrecht (Zeugnis persönlicher Freiheit) und Abschied (Leumundszeugnis) vorlege. Es ist Einführung einer Personalkontrolle, Einengung des Zutrittes zur Bürgerschaft, derselben Tendenz gemäß, die von nun an auch der Aufnahme von Fürsten und hohen Herren ins Bürgerrecht müßig zu gehen vorschreibt und im Jahre 1527 die Priesterapostaten und ausgetretenen Mönche vom Bürgerrecht ausschließt, damit diese Fremden nicht die Bürger an Handwerk und Nahrung hindern. Und wie das Bürgerrecht schwer erreichbar gemacht wird, so die Niederlassung. Auch von den Hintersassen soll Mannrecht und Abschied gefordert werden; sie werden des Privilegs der Pfundzollfreiheit beraubt; Hausbesitz durch Nichtbürger wird am 3. März 1526 verboten.

Dies neue Verfahren ist jedenfalls Zeichen einer engeren Denkweise. Es ist aber auch zu verstehen als Gebot der Zeitereignisse, die Alles ins Wanken zu bringen und jede Ordnung zu lösen scheinen. Angesichts solcher Vorgänge muß das Gemeinwesen wissen, wen es zu seinem Bürger macht, wen es hier wohnen läßt.

[387] Hiezu tritt noch ein Weiteres. Indem der neue Geist die Macht der Bevölkerung in allen öffentlichen Dingen steigert, ist er zugleich bemüht um die Bildung einer bessern Form des Bevölkerungsganzen. Seit Generationen am Werk im Emportreiben der Untern, strebt er nach einer möglichst einheitlich gestalteten und gleicher Ordnung unterstellten Einwohnerschaft. Es ist das Verlangen nach Gleichförmigkeit, das auch die Ordnung der Leibeigenschaftsverhältnisse in der Landschaft bestimmt und parallel wirkt im Widerstande gegen zwiespältiges Predigen. Demselben Ziele dient seit geraumer Zeit das Bekämpfen einzelner Vorrechte.

Das Sturmjahr 1525 bezwingt den Klerus und ergänzt nun auch die 1515 geschehene Entrechtung der Stubenherren und deren Beugung unter die allgemeine Hut- und Wachtpflicht. Den Anlaß hiezu bieten die oberrheinischen Unruhen im Mai.

Die aus diesen Unruhen sich zu Basel in Sicherheit bringenden Edelleute waren Flüchtlinge, deren Gleichen Basel zu allen Zeiten ausgenommen hatte. Man ließ sie zunächst aufatmen. Bis man inne ward, daß dieser Menschengattung not tat, daran erinnert zu werden, von wessen Gunsten sie hier ruhig leben konnte. Man nahm sie in Eidespflicht. Alle diese vornehmen Gäste — der Freiherr von Mörsberg, die Eptinger zu Rhein Utenheim Münch Truchseß usw. — hatten als edle Hintersassen dem Rate zu schwören, daß sie ihm gehorsam sein, das Ungeld entrichten, Lieb und Leid mit der Stadt teilen, sich dem hiesigen Gericht unterziehen wollten.

Am 19. Juli sodann trat an die Stelle dieser Verpflichtung Einzelner die umfassende Regelung, anknüpfend an die seit Alters bestehenden Organisationen und Rechtsformen der Hohen Stube, des Bürgerrechts und des Hintersitzes. Sie stellte die Hut- und Wachtpflicht der unter diesen Formen begriffenen Herren fest; ihnen Allen wurde auferlegt, zu hüten und zu wachen und beim Alarmzeichen sich bewaffnet auf dem Markt einzufinden; doch war den hereingeflohenen und nicht zur Hohen Stube gehörenden Edeln freigestellt, die persönliche Dienstleistung durch Geldzahlung zu ersetzen.

Soweit dieser Beschluß die Stubenherren anging, schuf er bleibendes Recht. Die Reglementierung der Übrigen dagegen war etwas Ephemeres. Sie verließen Basel wieder, sobald sie konnten.

Wir sehen, wie diese Erlasse sämtlich dem einen Zweck einer Uniformierung der Einwohnerschaft dienen. „Alle Diejenigen, so in einer Ringmauer verschlossen und beschirmt werden und deshalb gleichen Nutzen an Schirm Leibes und Gutes empfangen, sollen auch gemeine und gleiche Bürde tragen und Hilfe tun.“ [388] In demselben Zusammenhang ist die neue Gewerbeordnung zu würdigen.

Welche Stellung ihr in der städtischen Wirtschaftsgeschichte zukam, ist uns bekannt. Sie bedeutete, als Abschluß des langen Kampfes zwischen Handel und Handwerk, den Sieg des letztern. In der Alles in Frage stellenden Unruhe des Jahres 1521 wurde auch hiezu der Anfang gemacht, und das Jahr 1525 brachte die Sache zur Reife. Im Januar 1526 ergingen die Beschlüsse, die jede kaufmännische Konkurrenz mit der heimischen Produktion aberkannten, dem Handwerker ein Verkaufsmonopol für sein ganzes Warengebiet gaben und den Handel auf den Import gewisser Warenkategorien und den Transit beschränkten.

Diese neue Organisation des Gewerbes hatte auch eine allgemeine Bedeutung. In ihr äußerte sich derselbe Geist, der die Stubenherren ihrer Vorrechte entkleidete und die alten Zunftgewaltigen aus dem Rate trieb. Sie zeigt uns das überall tätige Verlangen nach Gleichartigkeit in einer bestimmten Einstellung auf nur mittlere Höhe. Wie im Regieren keine Außergewöhnlichkeit mehr beliebte, so sollte auch im gewerblichen Beieinandersein und -arbeiten Alles auf einen möglichst weiten Kreis mittelmäßiger Existenzen eingerichtet, Größe und Übermacht Einzelner unstatthaft sein.


Der „bürgerlichen Einigkeit“, die sämtliche Stadtbewohner zu einer einzigen Gruppe gleiches Rechtes, gleicher Lust und gleiches Leides zusammenzuschließen verlangte, fehlte noch ein mächtiger Komplex: die in der Stadt lebende und mit Exemtionen und Vorrechten ausgestattete Kirche. Dies war unvereinbar mit dem neuen Rechte. Auch wurde der Kirche das Behaupten ihrer Stellung in dem Maße schwerer, als neben ihr eine kirchliche Gemeinschaft heranwuchs, die, weil sie keine Rechtsgemeinde war, auch keinerlei eigenes Recht zu beanspruchen Anlaß hatte.

Daß der Rat schon frühe den Kampf gegen klerikale Privilegien aufgenommen und auch das „kirchliche Kulturmonopol“ anzufechten begonnen hatte, wissen wir. Jetzt, da so manchem Bestrittenen ein Ende gemacht wurde, geschah dies auch hiebei. Unabhängig von der Reformbewegung. Was der Rat gegenüber der Kirche tat, gründete sich auf die Stärke emanzipierten politischen Sinnes, auf den Willen, der salus publica zu gut die Herrschaft der Stadtobrigkeit in bisher kirchliches Herrschaftsgebiet hinein zu erweitern. Die ererbte Rücksicht gegen die alte Kirche mochte verletzt, auch den evangelischen Neuerern in die Hände gearbeitet werden, — kühl und frei richtete der Rat seinen Sinn auf unbedingte Herrschaft.

[389] Wir erwähnen zwei Fälle:

1. Der bischöfliche Fiskal Cosmas Hertel wird im November 1524, weil er die Bürgerschaft zum bischöflichen Proteste gegen die Aufhebung der Martinszinszeremonie gerufen hat, vom Rate gefangen gesetzt und ihm auferlegt, entweder das Fiskalamt oder seine Zunft aufzugeben; er soll nicht zweien Herren dienen.

2. Der Domherr Jost von Reinach hat eines armen Schneiders Tochter verführt und ohne Wissen der Eltern, die sie überall suchen, bei sich behalten. Wie die Sache auskommt, läßt ihn der Rat festnehmen und über den Kornmarkt zur Haft im Spalenturme führen. Erst auf Verwendung des Bischofs, des Domkapitels und der reinachischen Verwandten wird er freigelassen.

Beidemale verletzte der Rat Privilegien der Kirche, zur gleichen Zeit, da er durch andere Eingriffe die bischöflichen Hoheitsrechte schädigte. Alles wies auf ein gesammeltes Vorgehen weltlicher Macht hin, dessen Absichten sich schon in mancherlei Belästigungen und Schmähungen von Klerikern voraus verkündete. Es gab ängstliche Prälaten am Dom, die schon das Schlimmste, die Vertreibung aus Basel, fürchteten; der unbeugsamere Coadjutor Diesbach versuchte es mit energischer Einsprache. Aber was er im November 1524 klagend vor Rat brachte, blieb ohne Wirkung.

Vielmehr kam schon im folgenden Jahre die Regelung, die den klerikalen Vorrechten ein Ende machte.

Es geschah plötzlich. Nicht durch einseitigen Entschluß der städtischen Behörde verfügt, sondern vom Klerus selbst vorgeschlagen. Den Anstoß gab der Aufstandsversuch vom 1. Mai 1525, der, wie bekannt wurde, zu Gewalttaten namentlich gegen die Pfaffheit führen sollte; Gier nach dem Kirchengut und Unwille über die Befreiung des Klerus von bürgerlichen Lasten waren Motive. Die Lage schien so drohend, daß es nur eines Winkes des Rates bedurfte, und der Klerus brachte rasch seiner Sicherheit dieses Opfer. Er begab sich in den Schirm der Stadt, worauf sofort am 2. Mai durch ausdrücklichen Beschluß des Kleinen und Großen Rates die Weltgeistlichen in der Stadt zu Bürgern angenommen wurden: sie sollten jetzt und dann alljährlich den Bürgereid schwören; sie sollten verpflichtet sein, in der Stadt Nöten und Geschäften Kriegs- und Wachtdienst mit ihrem Gelde zu leisten, auch gleich andern Bürgern Steuer und Ungeld zu entrichten; sie sollten in weltlichen Sachen vor dem Schultheißengerichte Recht geben und nehmen; sie sollten den Geboten und Verboten des Rates gehorsam sein. Damit war Alles gesagt, jedes bisherige Privileg beseitigt, eine städtischem Wesen widerstrebende Institution aus der Welt geschafft. [390] Daß schon bald nach diesem Beschlusse dem Domkapitel Bedenken kamen, ist begreiflich; das wiederholte Hinausschieben der Eidesleistung sowie das Beraten über die Art der Besteuerung des Klerus sind gleichfalls bedeutsam, auch insofern, als diese Besteuerung in Zusammenhang gebracht wurde mit einer Erleichterung der Bürgerschaft im Steuern. Dabei wurde erwogen, ob nicht statt des wenig abtragenden Wachtgeldes der Priester ein ansehnlicher Tribut auf Priesterschaft und Klöster gelegt und dafür wieder die alte Wachtfreiheit concediert werden sollte. Aber es blieb beim Beschlusse, und der Klerus, der offenbar, nachdem die Angst vorüber, sich wieder auf sich selbst und seine alte schöne Privilegiertheit besann, erhielt kräftige Mahnungen. Der Rat gab ihm zu bedenken, „in was Nöten die Stadt um der Geistlichen willen gestanden“. Am 29. Oktober 1526 erging ein Beschluß, der die sämtlichen Priester in der Stadt, mit Ausnahme der Seelsorger und Predikanten, neuerdings zur Leistung der Wacht verpflichtete und hiefür ihre Einteilung zu Zünften und Gesellschaften anordnete.

Der neuen Steuerpflicht des Klerus wegen wurde eine Aufnahme des zu versteuernden Gutes nötig. Der Rat ließ daher die Renten Gülten Zinse Zehnten Kleinodien aller Kirchen Stifter und Klöster inventieren; die einzelnen Domherren Chorherren Kapläne usw. sollten auch ihre persönlichen Einkünfte und Vermögen neben denjenigen ihrer Pfründen angeben. Es war eine Bestandesaufnahme, die durch die ganze Basler Kirche ging. Ihr verdanken wir die tief bewegenden Verzeichnisse der Kirchenschätze im Dom und zu St. Peter, sowie die kostbaren Listen der Geistlichkeit am Dom, zu St. Peter und zu St. Martin. Sie geschah zur Sicherung des Steuerertrages. Aber wir zweifeln nicht daran und schon Zeitgenossen vermuteten, daß da und dort auch Gedanken an das Kirchengut und eine künftige Säkularisation mitwirkten. Man wollte dies Gut nicht nur jetzt schon kennen lernen, sondern auch für alle Fälle zu sichern suchen.

Mit Beseitigung des Gerichtsstandsprivilegs der Kleriker verband sich die Einschränkung des geistlichen Gerichtes. Schon im April 1525 wollte der Rat den städtischen Einwohnern die Last dieser geistlichen Prozesse und Bannbriefe abnehmen, und im Mai galt ein Hauptartikel der Freiheitsdiplome für die Bauern ebenfalls dieser Erleichterung. Von da an war Dies geltendes Recht in ganz Basel und das Offizialgericht auf eine kleinere Kompetenz zurückgewiesen. Auch dem Begehren des Coadjutors gegenüber, das Konsistorium nach altem Herkommen wieder zuzulassen, beharrte der Rat am 27. Februar 1526 darauf, daß er zu Stadt und Land den Gebrauch des geistlichen Gerichtes nur noch für Ehesachen und rechte geistliche [391] Sachen gestatte, für alles Andre aber und namentlich für Schuldsachen nicht mehr dulde.

Bei der Beseitigung kirchlicher Privilegien blieb der Rat nicht stehen.

Von eigner Art war sein Verhältnis zu den Klöstern. Das an den Stadtboden Gebundensein dieser Körperschaften verlangte andre Formen als die freie Beweglichkeit des Weltklerus.

Seit langer Zeit konnten die meisten Klöster ein Bürgerrecht geltend machen; sie standen unter der Schutzherrschaft des Rates, der sich ihren Kastvogt nannte und kraft dieses Rechtes schon frühe derb und tief in die klösterliche Existenz eingriff.

Jetzt vermochte die Ausübung dieser Klostervormundschaft den Rat bis zu völliger Verfügung über Bestand und Gut der Klöster zu führen. Wenn schon im allgemeinen Urteile der Wert des Klosterlebens gesunken war, so erschien nun als besonderes Recht des modernen Staates, gegen dieses Sequestrieren von Menschen und Gütern in den Klöstern einzuschreiten. Außerdem sprachen jedenfalls auch Interessen des zur Zeit mächtigen Handwerkes mit; wie ihm zu Liebe die neue Gewerbeordnung geschaffen wurde, so diente auch ihm jetzt die Maßregelung der Klöster, über deren Arbeitskonkurrenz es so viel zu klagen hatte.

Aus solchen Anschauungen kam das Handeln des Rates. Wie er 1525 das Leonhardskloster übernahm, die Obedienzorganisation und einzelne disziplinarische Satzungen der Frauenklöster beseitigte, den Frauen den Austritt freigab, haben wir gesehen. Er inventierte die Klostervermögen und nahm die Mönche in Eidespflicht. Namentlich aber: er zog in Erwägung, neue Einklosterungen zu verbieten und die Klöster aussterben zu lassen oder doch auf eine beschränkte Insassenzahl zu fixieren. Er erließ periodisch an sämtliche Klöster Aufforderungen zum Austritt. Er behauptete sein Recht, die Klöster „zu besetzen und zu entsetzen“. In Ratsbeschlüssen vom Juni und September 1525 waren diese Bestimmungen niedergelegt.

Wie sie wirkten, wird zu schildern sein. Nur in betreff des St. Albanklosters ist schon hier zu sagen, daß es am meisten von allen Konventen den Rat beschäftigt zu haben scheint. Nach dem Tode des Claudius de Alingio kam es ganz unter die Leitung des Rates, der den Propst und in den Landkirchen des Klosters die Pfarrer wählte. Eine der Beschwerden des Bischofs im Jahre 1528 war, „daß die Stadt sich des Gotteshauses St. Alban Ordnung und Einkommen unterziehe, obwohl die Bischöfe dieses Kloster fundiert und dotiert“.

[392] Noch in andrer Richtung ließ der Rat die Kirche seinen Willen spüren.

Schon im November 1524 beschuldigte ihn Diesbach der Verletzung geistlicher Obrigkeit durch Pfründenverleihung. Der Rat hatte begonnen, die in den ungeraden Monaten zur Erledigung kommenden und demnach dem Papste vorbehaltenen Pfründen von sich aus zu besetzen. Seit Jahren war sein Augenmerk hierauf gerichtet. Parallel mit dem Kampfe gegen die Privilegien des städtischen Klerus ging die Tendenz, ihn auch durch Verfügung über seine Pfründen in die Hand zu bekommen. Der Rat wollte Herr auch dieser Kleriker sein; im Besondern strebte er darnach, dem Unwesen fremder Pfründenbesitzer, Kurtisanen, entgegenzutreten und das Wahlrecht, dessen sich der Papst in unwürdiger Weise bediente, selbst auszuüben, die Papstmonate zu Ratsmonaten zu machen. Seine hierauf zielenden Reden bei der Tagsatzung, seine Erkundigungen bei andern Orten, seine Verwendung bei Papst Julius selbst zeigen deutlich, wie viel ihm hieran lag. Daß er auch entsprechend handelte, beweist die Beschwerde Diesbachs. Ein Einzelfall gab ihm Anlaß zu grundsätzlicher Erklärung.

Der Kaplan Jörg Fatzman, den wir von Liestal her kennen, hatte sich vom Legaten eine Pfründe geben lassen, die der Rat als ihm selbst zustehend erachtete. Er setzte daher den Fatzman in Haft. Dann im Januar 1525 gab er von sich aus ihm eine ledig gewordene Pfründe, und als das Domkapitel dem widersprach, erklärte der Rat förmlich, daß, wenn je künftig Pfründen in Papstmonaten zur Erledigung kommen sollten, die städtische Obrigkeit sie nach freiem Willen und Gefallen verleihen werde; Bischof und Domkapitel hätten sich derartiger Pfründen ganz zu müßigen.

Was der Rat früher in Rom vergeblich gesucht hatte, nahm er sich jetzt durch Usurpation. Bonifaz Amerbach wurde dadurch zu den schönsten Phantasien begeistert: „Wir sind Nachfolger des Papstes geworden in dem Rechte, frei werdende Pfründen mit dem Bischof in den Monaten alternierend zu besetzen; während bis dahin jede kirchliche Würde nur durch ungeheure Zahlungen von Rom gekauft werden konnte, verleihen wir sie jetzt unentgeltlich, aber mit Rücksicht auf die Gelehrsamkeit und Integrität der Bewerber. Statt des Schwarmes träger und ungebildeter Priester werden wir nur eine kleine Zahl von Geistlichen haben mit erhöhtem Einkommen und empfohlen durch Rechtschaffenheit und Wissen.“

In glorioser Weise fand dieses neue Recht des Rates sofort Anwendung bei Besetzung der Dompropstei. Im März 1525 starb Herr Johann Werner von Mörsberg, Inhaber dieser hohen Würde, und am [393] 28. April wählte der Rat als seinen Nachfolger den seit einigen Jahren im Domkapitel sitzenden Dr. Andreas Stürzel von Buchheim.

Ebenso sehen wir von nun an bei zahlreichen Vakanzen von Kanonikaten und Kaplaneien des Domstifts den Rat ruhig und unwidersprochen sein Wahlrecht ausüben. Wobei er nicht auf halbem Wege stehen blieb und auch außerhalb der Papstmonate Wähler zu sein versuchte.

Alles beim Domstifte, von woher uns die ausführlichste Kunde kommt. Aber in gleicher Weise verfuhr der Rat auch sonst. Er ließ 1526 die bischöfliche Regierung wissen, „daß er sich des Papstmonats nicht nur im Münster, sondern auch in andern Kirchen unterzogen habe. Der Bischof möge die vom Rat gewählten Priester investieren und die ersten Früchte von ihnen beziehen. Nur bei den Seelsorgern und Leutpriestern der Pfarrkirchen dürfe dies nicht geschehen. Diese als Diener der Gemeinde werden jederzeit durch den Rat gewählt und entlassen und seien der Investitur, der ersten Früchte und dergleichen Pflichten gegenüber dem Bischof ledig.“

Eine Besonderheit war die Aufsicht des Rates über die Chorherren zu St. Peter in betreff der Residenz und der Karenzjahre; er berief sich dabei auf sein Patronatsrecht.

Wir haben in diesem Zusammenhang auch der Ewigzinse zu gedenken, die eine Sache allerdings nicht ausschließlich, aber doch größeren Teils der Kirche waren. Die Aufhebung ihrer Unkündbarkeit war eine allgemein wirksame und am stärksten betroffen die Kirche, die wiederholt schon bei früheren Versuchen des Rates, die Unkündbarkeit aufzuheben, hiegegen protestiert hatte. Aber jetzt am 26. November 1527 bestimmten Bürgermeister und Rat, daß die Inhaber der mit ewigen Zinsen belasteten Güter berechtigt sein sollten, die Zinse abzulösen, fünf mit hundert. In der Motivierung dieses Gesetzes war, wie bei früheren Erlassen, von der Verwahrlosung von Zinsgütern die Rede; wir nehmen an, daß noch andre Gründe galten: das Widerstreben gegen ewige Gebundenheit; der Wunsch, die wirtschaftliche Macht der Kirche zu mindern; die Forderung gleichmäßiger Freiheit für Jeden, seine Rechts- und Geldverhältnisse nach Belieben zu ordnen.

Eingehender bezeugt sind die Absichten, eine einheitlich geordnete Armenpflege in der Hand der weltlichen Obrigkeit zu schaffen.

Auch hier haben wir daran zu erinnern, was schon früher, die Arbeit der Kirche begleitend, von Seiten der Stadt geschehen war: die Einrichtung eines Spitals und eines Siechenhauses, sowie die Maßregeln gegen Mißbräuche [394] im Bettlerwesen. Wir denken auch an die weltlichen Almosenpflegereien und an die Wärmstube, die der Rat seit 1509 zur Winterszeit im Hause zum Schnabel (Judenschule) für arme Leute heizte.

Der Zustand der alten Basler Caritas in seiner höchsten Ausbildung könnte nur durch Darlegung aller Einzelheiten geschildert werden, was hier nicht möglich ist. Mit den verschiedenen Anstalten für Hilfsbedürftige, den kirchlichen Almosenfonds, den zahllosen und mannigfaltigen kirchlichen Spenden, der unübersehbaren privaten Wohltätigkeit zeigt er das Bild eines nach allen Seiten auseinandergehenden Reichtums von ungeordneter Bereitwilligkeit und Leistung; im Hintergrunde jedes Tuns steht die Lehre von der Verdienstlichkeit guter Werke, vor Allem des Almosengebens.

Es verhielt sich dies in Basel wie in andern Städten, bis auch hier durch große neue Gedanken, in der Zeit geboren, der Weg zu einer frischen Betrachtung und zu einer einheitlichen, rein profanen Ordnung dieser Dinge gewiesen wurde.

Nachdem schon Geiler in Straßburg als Pflicht der weltlichen Obrigkeit bezeichnet hatte, das Armenwesen zu ordnen, erhob jetzt Luther die Stimme und forderte, daß jede Stadt für ihre armen Leute sorge und die Bettelei unterdrücke. Unmittelbare Anwendung fand dieses Verlangen rasch in der am 23. Juli 1522 erlassenen Armenordnung der Stadt Nürnberg. Dieser „erste reichsstädtische Versuch, eine obligatorische weltliche Armenpflege aufzurichten und die Bettelei abzuschaffen“, erregte Aufsehen; die Nürnberger Ordnung diente als Vorbild für die Armenordnung Straßburgs vom August 1523, und es ist bedeutsam, daß sie sofort in Basel nachgedruckt wurde.

Bedeutsam ist aber auch, wie hier in Basel selbst Pamphilus Gengenbach, im Spiel von den drei Christen, das Idealbild einer Armenpflege entwarf, die keinen Bettler in der Stadt duldet und den Bedürftigen aus dem durch Einziehung allen Kirchengutes gebildeten „gemeinen Seckel“ hilft; wie Ulrich Hugwald schon 1520 eine obrigkeitlich geordnete Armenpflege mit dem Erlös aus Kirchengütern und Zehnten forderte; wie Ökolampad 1523 für eine Mildtätigkeit ohne Grenzen und Vorbehalt, aber auch für obrigkeitliche Maßregeln gegen unwürdige Bettler eintrat, statt der Gaben an Kirchenbau die Sorge für Armenhäuser und den Verkauf der kostbaren Kirchengeräte zu Gunsten der Armenpflege empfahl.

Dies war die Umgebung, in der Peter von Wissenburg der Kaufmann im April 1523 die Summe von viertausend Gulden zu Unterstützung von Armen bestimmte und diese Stiftung unter die Aufsicht des Rates stellte.

Wie viel eigene Gedanken waren in diesem Allem? wie viel Anregung von Luther und der Nürnberger Ordnung her? Jedenfalls erhebt sich nun auch der Rat.

[395] Was er zunächst von Absichten oder Entwürfen laut werden läßt, sagen uns Amerbach und der Karthäuser; dann aber lernen wir im Januar 1526 die ausführlichen Darlegungen der Behörde selbst kennen. Was sie unternimmt, geschieht noch immer im Vertrauen auf die heilschaffende Kraft der guten Werke. „Damit wir beim jüngsten Gerichte besser bestehen können, sollen wir um der Ehre Gottes und brüderlicher Liebe willen den Armen helfen.“ Aber nur den „frommen ehrbaren hausarmen Leuten“ in beiden Städten Basel. Liederliche Arme sollen nicht unterstützt, sondern weggewiesen werden. Ebenso wird jeder Bettel auf den Gassen, vor den Häusern und Kirchen verboten, den „durchstreichenden“ fremden Bettlern und Pilgern nur einmalige Speisung und Lagerung in der Elenden Herberge bewilligt. Die Kohlenbergwirtschaft soll demgemäß aufgehoben werden. Vier aus der Mitte des Rates deputierte Herren leiten diese Armenpflege. Die erforderlichen Mittel sind aufzubringen, indem das Almosen von St. Niklaus in Kleinbasel sowie alle bei Stiftern und Kirchen fundierten Armenspenden und die Opferstöcke in den Kirchen herangezogen werden; außerdem werden die Klöster zu wöchentlichen Naturalleistungen (Muß und Brot) verpflichtet; einzelne Handwerkerbruderschaften kontribuieren; endlich wird auf freiwillige Beiträge „frommer Bürger“ und auf die Mitwirkung des vor Kurzem gestifteten Wissenburgschen Almosens gerechnet.

Wir dürfen annehmen, daß diesen Vorschlägen die Gründung des neuen Almosens und die Eröffnung seines Betriebes bald gefolgt seien. Das Wichtigste ist, daß der Rat über Fonds Spenden Kirchen- und Klostergüter verfügt und durch die Zentralisation aller dieser Kräfte in der Hand einer rein weltlichen Administration den Klerus für immer aus einer großen Tätigkeit verdrängt.


Dies Alles waren Einbrüche der weltlichen Gewalt in kirchliches Verfassungs- und Verwaltungsgebiet. Mit der reformatorischen Bewegung hatten sie nichts zu tun; in ihnen handelte der Rat lediglich aus seinem Gefühl eigener Hoheit. Welches Omnipotenzgefühl ihm allerdings auch die Verpflichtung gab, nun seinerseits für Interessen einzustehen, um die sich bis dahin nur die Kirche gekümmert hatte, und rein weltliche Ordnung an Stelle kirchlicher zu setzen. Daß er im November 1519 den Druck von Predigten des Peter Käs verbot, in denen Luther und Zwingli geschmäht wurde, geschah im Eifer für Ruhe und Ordnung. Aus dem gleichen Grunde wies er Reublin Satzger Farel hinweg, schritt er gegen Karlstadts Traktate ein, bestrafte er wiederholt „unchristliche Reden, die nicht zum Frieden dienen“. Es war Sorge für die Wohlfahrt der Stadt. Aber zuweilen ging der Rat [396] noch weiter und entschied „in geistlichen dingen den glouben betreffend". Es mag daran erinnert werden, daß er im Februar 1523 zwei Einwohnern von Rümlingen gestattete, einander zu heiraten, obwohl sie in Gevatterschaft verwandt waren; dem Verbote des Bischofs trotzend befahl er dem Rümlinger Pfarrer die Einsegnung dieser Ehe. Jedenfalls aber mit dem Predigtmandat von 1523 griff er ins Heiligtum der Kirche.

Wir dürfen nicht leugnen, daß im Verhalten des Rates gegenüber der Kirche Schwankungen, ja Widersprüche vorkommen. Das Ganze ist doch von einer durchgehenden festen Absicht getragen. Dieser entsprechend handelt der Rat, ohne sich zu grundsätzlicher Erörterung herbeizulassen. Nur ein Hauptstück, das Einschreiten gegen die Privilegien, rechtfertigt er; er erklärt, nicht anders zu handeln, als Gott und der Billigkeit gemäß. Der Geistlichen Freiheiten, alte Bräuche und Herkommen seien dem gemeinen Nutzen beschwerlich, auch manche unter ihnen wider die Ehre Gottes und die Nächstenliebe, sodaß sie nicht mehr geduldet werden können.


Wir haben das Verhalten der weltlichen Obrigkeit gegenüber Recht und Administration der Kirche kennen gelernt. Ihm an der Seite steht das politische Verhalten gegenüber dem Bischof.

Dieses älteste Problem der städtischen Herrschaft bestand auch jetzt noch, wenngleich es durch die Vorgänge von 1521 als beinah abgetan gelten konnte.

Noch immer hatte der Rat diesen Bischof, den ehemaligen Stadtherrn, in seiner Nähe. Das hochstiftische Wesen mit all seiner Herrlichkeit, seinen Formen und Prätensionen lag noch immer vor der Türe des Rathauses: eine Existenz, die vom Leben der Stadt unlösbar schien, weil mit ihm erwachsen, mit ihm verbunden durch den Namen und das hohe Gefühl jahrhundertealter Gemeinsamkeit. Eine ideale Macht bestand, die der Rat nicht beseitigen konnte noch wollte. Aber in der Wirklichkeit, im Sinn und im Tun, im strengen Geschäfte jedes Tages wie im Genusse des Herrschens, strebte er nach ganzer Freiheit.

Nachdem der Vertrag von 1522 den Streit um die Pfäffinger Herrschaft zur Ruhe gebracht hatte, verlangte die Stadt auch die ändern territorialen Beziehungen ins Klare zu setzen.

Der Rat bat den Coadjutor um die herkömmliche Leihung der Landgrafschaft im Sisgau. Diesbach verweigerte dies. Zwei Jahre später, im September 1524, wiederholte der Rat das Begehren. Wiederum sträubte [397] sich der Coadjutor, mit der Begründung, daß Meltinger, der als Träger der Stadt das Lehen empfangen wollte, kein Bürgermeister nach altem Brauche d. h. nicht ein Bürgermeister des Bischofs sondern der Stadt sei. Es kam somit nicht zur Leihung, und dies konnte auch dem Rate passen. Er gab jetzt die förmliche Erklärung ab, daß er künftig das Sisgauer Lehen nicht mehr fordern werde. Womit wieder ein Band zwischen ihm und dem Bischof gelöst war.

Wir kennen diese Jahre als die Zeit wachsender Eingriffe der weltlichen Obrigkeit in kirchliches Leben, und im Ganzen dieser Erregungen bildete sich nun auch der Entschluß des Rates, nicht mehr Hand bieten zu wollen zur Ausübung des letzten in der Stadt noch bestehenden bischöflichen Herrschaftsrechtes.

Dieses Recht war der Martinszins, der jährlich auf Martini von den Hofstätten eines Teiles der Altstadt dem Bischof entrichtet und durch die Stadtknechte unter Aufsicht städtischer und bischöflicher Beamter eingesammelt wurde. Noch einmal, am 12. November 1523, waren diese Beamten vor dem Bischofshofe gesessen, um gegen die Tags zuvor in der Zinsentrichtung säumig Gewesenen zu erkennen; es war das letzte Mal gewesen, daß sich die Organe der alten, einst einheitlich gewesenen Herrschaft zu dieser Funktion verbanden. Als im Jahre darauf am Martinstage die Hofgerichtsleute sich im Bischofshof einfanden, auch die von den edeln Inhäbern der Erbämter gestellten Pferde für den Umritt sowie der Imbiß bereit standen, wurde vergeblich auf die städtischen Beamten gewartet. Sie kamen nicht. Der Rat hatte sie zurückgehalten und ließ den Bischof wissen, daß, wenn er den Zins weiter zu erheben wünsche, er dies selber durch seine Schreiber besorgen lassen solle, da die Stadt nicht mehr dazu Hand bieten werde. Der Bischof protestierte gegen diese Neuerung. Aber tatsächlich war es damit um den Martinszins geschehen; er wurde nie mehr erhoben.


Der Rat hätte jetzt seine Akten „Bischof von Basel" schließen können; mit dem Begriffe des ehemaligen Stadtherrn war man im Rathause fertig.

Da aber brachten die Erschütterungen des Jahres 1525 ein Thema hervor, das man begraben glaubte: die Erwerbung bischöflicher Lande.

Der Aufruhr in diesen Gebieten und die Mediation Basels, das hier eingriff wie in den andern Nachbarländern, gaben den Anlaß, daß alte territorialpolitische Träume des Rates wieder aufstiegen. Er griff gerne [398] nach diesen Bildern auf die bei Pfäffingen erlebte Enttäuschung hin. Ein neuer Gedanke war es nicht. Vor mehr als hundert Jahren hatte Basel die Stadt Delsberg, das Delsberger Tal und das Münstertal in sein Bürgerrecht aufgenommen; auf „ewige Zeiten geschlossen", war diese Verbindung damals schon bald wieder gelöst worden. Aber das jurassische Programm, dem sie hätte dienen sollen, ging nicht unter; es konnte heute wieder aufgenommen werden.

Die bischöfliche Regierung, im Mai 1525 durch den Aufstand der Ämter Birseck Pfäffingen Zwingen Laufen in Verlegenheit gebracht, suchte Hilfe. Die Orte Basel Solothurn Bern Freiburg übernahmen die Vermittelung, und wir vernehmen von wiederholten Verhandlungen ihrer Gesandten mit den Empörern. Wir vernehmen aber auch, daß diese Untertanen selbst verlangten, in den Schirm Basels aufgenommen zu werden; überdies regte sich Solothurn und zeigte Absichten auf die nördlich des Blauens gelegenen bischöflichen Gebiete.

Bei solchen Umständen glaubten Bischof Christoph und sein Coadjutor, an sich selbst hilflos, bei Basel eine Stütze finden und den Rat, der das Hochstift so gerne seine Macht fühlen ließ, nun eben diesem Hochstifte verpflichten und zum Helfer machen zu können.

Diesbach trug daher Basel ein Bündnis an, mit folgenden Bestimmungen: jeder Teil soll bei seinem Recht und Herkommen bleiben; wenn ein Teil wider Recht angegriffen wird, soll ihm der andre Hilfe leisten; kein Teil soll des andern Leute zu Bürgern aufnehmen; die zwischen Bischof und Stadt streitigen Artikel sollen durch das Bündnis nicht berührt werden; das Bündnis wird auf zehn Jahre geschlossen. Der Basler Rat erklärte sich einverstanden, jedoch in der Form einer mit dem Bischof und dessen gesamten Herrschaften abzuschließenden und durch diese Herrschaften zu beschwörenden Vereinigung; er sah gegenseitige Hilfspflicht zwischen der Stadt und diesen Landen vor sowie eine ewige Dauer der Vereinigung oder doch eine von hundert, allermindestens siebenzig Jahren.

Die Sache wurde in Konferenzen behandelt, wobei Basel sich über geheime Umtriebe Solothurns informiert zeigte und auch vernahm, daß Diesbach zur gleichen Zeit mit den Bernern von einer Allianz redete. Basel gegenüber kam Diesbach immer wieder darauf zurück, daß er die „spänigen Artikel" über geistliche Obrigkeit und klerikale Freiheiten vorbehalten müsse. Basel seinerseits wollte von diesen Artikeln, die es für erledigt hielt, gar nicht geredet haben. Es dachte nur an die „ussern landschaften" des Bistums und an deren ewige oder doch möglichst lange [399] währende Verbindung mit der alten Bischofsstadt. Keinen Flecken dieser Gebiete wolle er von der Stift Händen kommen lassen, rief der Rat. Es war das alte Räsonnement: zunächst im Interesse des Hochstifts, aber an das eigene Interesse und künftige Möglichkeiten denkend, erklärte Basel die Bistumsgebiete vor fremdem Volke sichern zu wollen. Der Rat nannte sich den Kastvogt des Hochstifts, in der Hoffnung, dessen Erbe zu werden. Wir sehen deutlich, daß er die in den Unruhen offenbarte Stimmung der bischöflichen Untertanen für seine Zwecke zu nützen strebte.

Zwischen all den Mühen und Sorgen des Sommers 1525 sah sich der Rat durch dieses bischöfliche Geschäft besonders stark in Anspruch genommen. Vielleicht war es die letzte Möglichkeit eines größern territorialpolitischen Erfolges. In Betracht kam dabei das nie Ruhe gönnende Solothurn und die Hartnäckigkeit Diesbachs wegen seiner „spänigen Artikel". Indes Briefe und Entwürfe redigiert wurden, die Gesandten ritten, die oft stürmischen Konferenzen stattfanden, kamen täglich Warnungen, daß „etwas Praktik Fremder" beabsichtigt sei. Auch der Große Rat befaßte sich mit der Sache und trieb zu raschem Handeln. Es hieß, der Coadjutor verhandle mit Solothurn über Birseck usw.; die Vögtin auf diesem Schlosse sollte zu Arlesheimern gesagt haben, sie würden jetzt bald Herren haben, „denen sie durch die Finger schlieffen müßten".

Alles erregte und drängte, und der Rat entschloß sich, zuzugreifen. Vom Domkapitel ließ er sich die Einwilligung dazu geben, daß er im Namen des Kapitels Besatzungen in die Schlösser Birseck Pfäffingen und Zwingen legte. Tags darauf, am 25. September, ritten Bürgermeister Meltinger nach Reinach Ettingen Therwil Oberwil Allschwil, Oberstzunftmeister Jacob Meyer ins Laufental, überall die Leute mahnend, standhaft zu bleiben und sich Niemandem zu verpflichten. Es waren Gebiete, die Basel am nächsten lagen und am gefährdetsten zu sein schienen. Auch blieb es nicht bei der Warnung. Sondern am 27. September 1525 schworen die genannten Fünf Dörfer sowie die Stadt Laufen und deren Amt (Röschenz Wahlen Bärschwil Liesberg) dem Bürgermeister und Rat von Basel nach dem Eide, mit dem sie dem Bischof verwandt waren und der ihnen vorbehalten sein sollte, treu und hold zu sein, mit der Stadt Basel Lieb und Leid zu leiden und keinen andern Herrn anzunehmen; dagegen gelobten Bürgermeister und Rat, diese Orte, die sie als Beschirmer des Hochstifts bei diesen sorglichen Läufen in Schutz und Eid genommen hätten, zu schirmen und bei allen ihren Bräuchen und Gerechtigkeiten bleiben zu lassen, ohne Schaden für die obrigkeitlichen Rechte des Bischofs.

[400] Die Buchungen der Kosten von Botenritten Eilbriefen Extrawachten usw., wie auch die vom Berner Rat erhobene Einsprache zeigen uns das Aufsehen, das dem Handeln Basels folgte. Aber der Rat wankte nicht. Er gab neuerdings dem Coadjutor und dem Domkapitel seinen festen Willen kund, das Bistum nicht verkleinern zu lassen. Ja er erbot sich, „da die Solothurner eben geschwind", auch Delsberg und Pruntrut in seinen Schirm zu nehmen.

Hiezu kam es nun freilich nicht.

Die bischöflichen Gebiete und Städte „hiediset dem Berg" erklärten Ende Oktobers, sie zögen vor, im jetzigen Zustande zu bleiben, der ihnen nur vorteilhaft sei. Zugleich verlangten sie, daß Basel Laufen und die Fünf Dörfer wieder aus der Pflicht entlasse; die Gründe, um deren willen sie in Eid genommen worden, bestünden nicht mehr.

Ob diese Erklärungen und Begehren durch Solothurn, durch Bern, durch Österreich inspiriert waren, erfahren wir nicht. Sie verrieten eine entschlossene Opposition gegen Basel. Auch brachte jetzt Diesbach die Sache vor die Tagsatzung, und Basel hatte auch dort wieder auseinanderzusetzen, daß es nur dem Bistum zum Besten <nowiki>Unformatierten Text hier einfügen</nowiki>und nach seiner Pflicht gehandelt habe, indem die Stadt die hochstiftischen Lande zu schirmen und dadurch dem Bischof zu sichern gehalten sei. Ob die Tagsatzung diese Rechtfertigung gelten ließ, wird nicht gesagt; sie trat nicht näher auf die Sache ein und begnügte sich damit, Basel zur Nachgiebigkeit zu ermahnen.

Der Rat gab jedoch nicht nach. Die Besatzungen scheinen allerdings schon bald aus den Schlössern zurückgezogen worden zu sein; aber das Schirmrecht Laufens und der Fünf Dörfer blieb bestehen. Noch im Sommer 1526 brachte Solothurn diese ihm widrige Ausdehnung der Macht Basels zur Sprache und mahnte den Coadjutor, dagegen einzuschreiten, mit dem Erbieten, hiebei „seinerseits alle Willigkeit zu zeigen". Es war eine Anregung, auf die einzutreten Diesbach sich hütete; denn konnte er von Solothurn Besseres erwarten als von Basel, dem gegenüber er im vorliegenden Handel sich völlig wehrlos fühlte?

Er ließ die Sache liegen und trat um so beflissener für die allgemeinen Beschwerden ein, die er schon wiederholt vorgebracht und die ihm keine Ruhe ließen: über Entrechtung der bischöflichen Obrigkeit, über Verletzung der priesterlichen Freiheiten. Unermüdet, in Eingaben und mündlichen Vorträgen, brachte er diese Querelen vor den Rat, und wir dürfen in der schweren Menge seiner Worte nicht bloß Rechthaberei oder gar Deklamation sehen. Sie war als Ausdruck von Überzeugung und Gewissenhaftigkeit [401] ebenso ernst zu nehmen wie die Erwiderungen des Rates, die in ihrer ruhigen Abwehr und erfüllt vom Willen, zu halten und auf ewig nicht mehr zu lassen, Eindruck machen.

In der Tat standen die Verhandelnden sich so ferne, daß an einen Ausgleich nicht zu denken war. Den fertigen Tatsachen und der Entschlossenheit Basels gegenüber blieb den Führern des bischöflichen Regimentes nur, sich in feierlichen Protesten vor der Gesamtheit der Kirche und den Nachkommen zu rechtfertigen.

Bischof und Coadjutor gaben den Kampf auf; sie verlangten nach Ruhe.


Niklaus von Diesbach bereitete schon im August 1526 seinen Rücktritt von der Coadjutorie vor; am 21. Februar 1527 legte er das Amt nieder, durch das Domkapitel mit Vergütung seiner Ausgaben und einem ansehnlichen Jahrgeld entlassen. Er zog sich zurück pro pace sua.

Mit Bischof Christoph hatte er sich nie gut verstanden. Aber Dieser hatte auch nicht die Satisfaktion, ihn zu überdauern. Hinfällig, krank, in Allem getäuscht, trug Christoph schwer an der Not seiner Basler Kirche. Er empfand das Eitelsein alles Menschlichen und schloß sein Leben, das einst Viel verheißen hatte und dann so Wenig brachte, mit dem Bekenntnis:

Unsere Wünsche gehn irre, wir leben und werden betrogen;
Dasein voll Sorge, du Nichts, Beute des lachenden Tods!

Er wartete den förmlichen Rücktritt Diesbachs nicht einmal ab; vorher schon, am 19. Februar 1527, legte er das Bistum nieder. Vier Wochen später, am 16. März, starb er im Schlosse Pruntrut. Nach seinem Willen wurde er nicht in Basel, sondern in Delsberg bestattet.

Als Coadjutor, zugleich als künftiger Bischof, wurde im Januar 1527 der Domkustos Hans Rudolf von Hallwil bezeichnet. Derselbe, dem wir ein Jahrzehnt früher im Umgange mit Capito und bei griechischen Studien begegnet sind. Aber er starb schon bald, am 12. Februar 1527.

Dann am 28. Februar, eine Woche nach Utenheims Abgang, trat das Domkapitel in Delsberg zur Bischofswahl zusammen. Gewählt wurde der Domherr Philipp von Gundelsheim.

Er war ein fränkischer Edelmann, ein Vierziger, seit mehr als zwei Jahrzehnten dem Kapitel angehörend, in dem er die Erzpriesterwürde, dann seit Hallwils Tode die Kustorei innehatte. Ein kleiner korpulenter Herr, von elastischem Gang und raschen Wesens, zu allem weltlichen Regieren geschickt. Aber eine Natur, die sich nicht ärgern mochte und gern Alles [402] beim Alten ließ. Er hatte die Universitäten Heidelberg und Basel besucht, war jedoch von mäßiger Bildung und behalf sich bis zur Stunde, trotz hohen Dignitäten, ohne jede kirchliche Weihe. Im Ganzen genommen „ein lieber ungelerter Franck", wie Anshelm sagte.

Dieser neugewählte Basler Bischof begann damit, am Reichstage die üble Lage seines verarmten, durch Geldschulden und Aufruhr schwer mitgenommenen Bistums schildern zu lassen. Im Lande selbst beschäftigten ihn zunächst die Verhandlungen wegen der an Solothurn auszutauschenden aber in den Schirmorten Basels sitzenden Eigenleute. Der Hauptstreit mit Basel ruhte noch; bis in den Herbst blieb Philipp überhaupt ein Fremder für die Stadt.

Allerdings forderte er im Juli den Rat auf, am Huldigungsritte durch die Diözese teilzunehmen. Aber so überzeugt er auf diese Zeremonie Wert legte, so entschieden versagte der Rat seine Teilnahme als etwas Antiquiertes. Dann sollte der feierliche erste Einritt in die Kathedralstadt folgen. Bischof Philipp ließ zunächst sondieren, da er vernommen hatte, auf verschiedenen Kanzeln der Stadt verspottet und verlästert worden zu sein. Aber der Rat beruhigte ihn, und am 23. September 1527 fand dieser Introitus statt. Fürstlich, in vollen Formen der Souveränität; mit einem Prunke, den Basel schon lange nicht mehr an seinen Bischöfen erlebt hatte. Von einem halben Hundert bewaffneter Reiter umgeben zog Philipp ein. Im Bischofshofe begrüßte ihn der Rat der Stadt und beschenkte ihn mit Wein und Hafer; die vom Bischof mithereingeführten vier Geächteten begnadigte er, dem gnädigen Herrn zu Ehren. Der folgende Tag brachte die große kirchliche Solennität: die Einführung Philipps durch Domklerus und Vasallen in das Münster und seine feierliche Inthronisation.


Jetzt waren Macht und Würde des neuen Bischofs konstituiert, und sofort stellten sich die Gegner zum Gefechte bereit.

Zunächst sollten Vertrauensmänner, durch jede Partei aus Leuten der Gegenpartei ausgewählt, zu vermitteln suchen; als Solche bezeichnete Philipp den Bürgermeister Adelberg Meyer und den Metzgernzunftmeister Wolfgang Harnisch, der Rat den Freiherrn Hans Jacob von Mörsberg und den Niklaus Schnell, Abt von Bellelay.

Unter allerhand Hemmungen verging der Winter. Endlich am 10. März 1528 konnte Bischof Philipp seine Begehren und Beschwerden vorlegen, in einem Libell von achtundzwanzig Artikeln.

Alles ist hier wieder heraufgeholt, Alles wird vorgebracht, als wäre noch nie gefordert verhandelt abgelehnt worden. Philipp scheint das bisher [403] Geschehene zu ignorieren, oder er will seiner Fürstlichkeit in rein gar Nichts vergeben und über Alles Klage führen, sei es nur der Rechtswahrung wegen. Neben uralten Klagen und Vorwürfen stehen die neuen wegen Änderung der Gottesdienste usw. und die allerneuesten wegen Aufnahme bischöflicher Untertanen in das städtische Bürgerrecht.

Eigenartig ist aber, daß jetzt der Rat nicht mehr nur in der Defensive bleibt wie bei allen frühern Streiten, sondern selbst auch Forderungen erhebt. Und zwar solche geschäftlicher rechnerischer Natur, Ansprachen, die zumeist von der Tiersteiner Nachlaßsache herrühren und Geldsummen Fahrnis Dokumente betreffen.

In Klage und Antwort, Replik und Nachrede legen die Parteien ihre Anschauungen dar.

Wiederum und überall ist volle Gegensätzlichkeit, ist Unvereinbarkeit des beiderseits Vorgebrachten. Und doch, dem Leben gegenüber, machen diese Auseinandersetzungen nur den Eindruck einer großen theoretischen Diskussion. Es fehlt jede Äußerung tiefern Ergriffenseins. Nichts ist da von der Glut des Entscheidungskampfes, die in früheren Zeiten loderte.

In wiederholten Zusammenkünften suchen die Vermittler Artikel nach Artikel zu erledigen. Zu dieser Arbeit gehört, daß am 23. April 1528 der Verkauf von Riehen an die Stadt urkundlich formuliert wird und daß am gleichen Tage Philipp seinen Verpflichtungen zum Teil durch Verschreibung und Zinsverkauf nachkommt. Dann am 5. Mai 1528 vereinigen sich die Mittler zu einem vorläufigen Abschiede; der ihm folgende endgültige Abschied vom 19. September 1528 setzt fest, daß im Falle gütlicher Verständigung über die beiderseits vorgebrachten Artikel der Rat von Basel Laufen und die Fünf Dörfer aus dem Bürgerrecht entlassen, dagegen Schloß und Amt Birseck mit den Dörfern Arlesheim Reinach Oberwil Allschwil Binningen Bottmingen käuflich vom Bischof übernehmen solle.

Deutlich sehen wir: die Mediatoren geben ihre Arbeit auf; sie ist aussichtslos. Um sie immerhin präsentabel abzuschließen, stellen sie Alles auf die Parteien selbst ab, diejenige Lösung angebend, über die eine Verständigung geschehen könnte. Aber zu solcher Verständigung kommt es natürlich nicht, und auch zu nichts Anderm. Sodaß Alles beim Alten bleibt. Das Basler Bürgerrecht Laufens und der Fünf Dörfer dauert weiter, die Streitpunkte werden nicht beglichen, das Birsecker Amt fällt nicht an Basel.

[404] Die Stellung Basels im Ganzen der eidgenössischen Politik dieses Jahrzehnts war noch immer bestimmt durch die Kürze und Neuheit des Verhältnisses. Während die gewaltig einende Macht jener großen politischen und kriegerischen Impulse fehlte, die vor Kurzem noch das eidgenössische Wesen erfüllt hatten, wurde das Einleben jetzt um so mehr erschwert, da die Zustände der Eidgenossenschaft auch durch die starken innern Gegensätze um Einheitlichkeit gebracht waren.

Basel nahm im helvetischen Verbande keine vortretende Stellung ein; seine Hauptfunktion war hier das Vermitteln, und dem entsprach, daß es sich überhaupt abseits hielt und die Andern machen ließ. „Sich nicht mit Dem beladen, was Andre tun; zuhören und ad referendum nehmen; für Basel freies Handeln vorbehalten; Alles tun, was zu Freundschaft und Einigkeit dient" u. dgl. m., so lauteten die Instruktionen, die Basel seinen Tagsatzungsgesandten gab.

Aber wir erkennen die Art der politischen Beziehung Basels zur Schweiz nicht nur aus diesen Akten. Neben dem offiziellen Verkehre stehen einzelne persönliche Wirkungen von Behörden, aber auch von Unverantwortlichen. Zu den Leuten letzterer Art, den „unruhsuchenden Nebentagherren" dürfen wir den uns wohlbekannten Ulrich Falkner zählen, der in Basel seine Position eingebüßt hat, sich nun aber bei Tagsatzungsherren und fremden Ambassadoren einen Einfluß sucht. Und im Allgemeinen beachten wir, wie der Amtsverkehr sich vollzieht auf dem Grund allgemeinen politischen Empfindens. Äußerungen solcher Volksmeinung brechen zuweilen, hüben wie drüben, aus der Tiefe hervor. Wenn des Baslers Hans Gallizian Ehefrau 1524 ausrief, daß ihr Vater Hans Jungerman s. Z. zum Eidgenössischwerden Basels hauptsächlich mitgeholfen habe und sie dies nun in Basel entgelten müsse, so kam dabei wohl eine nicht nur vereinzelte Meinung zum Ausdrucke. Mehr als Einen verdroß es hier, daß die Basler „milchklötz und eidgenossen" geworden, und demgegenüber konnte man im Wirtshause Schweizer schelten hören, daß sie in Basel, wo Weiß und Schwarz die Farben seien, unter „klecksteinen" sitzen und Verräter um sich haben müßten.

Beiderseits hatte man zuweilen die Empfindung, anders gearteten Menschen gegenüber zu stehen. Und hier hinein wirkten nun noch die Eindrücke des konfessionellen Kampfes, zumal ein so starkes Erlebnis wie das Ausgeschlossenwerden Basels von der Erneuerung der Bünde 1526. Stimmungen bildeten sich, die auch im offiziellen Verkehre sich nicht immer unterdrücken ließen. Oft hatte der Basler Rat das Recht seiner Stadt zu wahren gegenüber eidgenössischen Derbheiten und Zumutungen. Wiederholt [405] hatte er darüber sich zu beschweren, „daß uns all ding bei unsern eidgnossen zum unfründlichsten gemessen werden".


Von Reichsbeziehungen Basels ist kaum mehr die Rede. Ab und zu kamen kaiserliche Mandate ins Rathaus; sie wurden ohne Bewegung hingenommen und blieben unausgeführt. Auch mit England geschahen nur gelegentliche Berührungen durch passierende Gesandtschaften. Der Papst vollends hatte nichts Politisches mehr mit Basel zu tun.

Bei solcher Dürftigkeit außenpolitischen Lebens erwies sich Frankreich als die einzige Großmacht, mit der Basel einen der Beachtung werten Verkehr hatte.

Dieser Verkehr war gegeben, die Dauer der Beziehung und der Verpflichtung vorgesehen durch die Allianz vom 7. Mai 1521.

Wir erinnern uns daran, auf welchen Wegen Basel damals in dies Bündnis hineingeführt worden war. Jetzt bestand es und war wirksam, als das größte Stück im Nachlasse des alten Regiments. Nicht nur unter dem gemeinen Manne herrschte Unzufriedenheit mit dieser „schändlichen Vereinig“ Die oberste Behörde selbst zeigte Unwillen und Antipathie. 1525 erwog der Rat, ob er nicht das Bündnis „von sich stoßen“ könnte; im Jahre darauf ließ er in Straßburg verlauten, daß „Basel zum Teil durch Unwahrheit in die französische Vereinung gebracht worden sei und bisher an Leib Ehr und Gut daraus Schaden empfangen habe“.

Dies die Stimmung. Aber die Allianz war da und nicht abzuschütteln. Basel hatte sie zu tragen samt Allem, was an Last und Lust mit ihr verknüpft war.

Vor Allem kamen dabei in Betracht die Pensionen. In den ersten zwei Jahren nach dem Abschlusse des Bundes geschahen die Zahlungen dieser Gelder ohne Weiteres. Dann blieben sie aus. Frankreich entschuldigte sich und bat Basel, Rücksicht zu nehmen auf die infortune des Königs. Erst im Rechnungsjahre 1526/27 begannen die Gelder wieder zu fließen; aber die Rückstände wurden nie völlig ausgeglichen; noch in den 1530er Jahren hatte Basel solche alte Forderungen.

Das ganze Pensionengeschäft, schon an sich Vielen anstößig, war eine Quelle beständiger Verdrießlichkeit. Schlimmer noch, daß es den Rat zu einer im Grunde unwürdigen Haltung veranlaßte. Die Sondergelder, die Frankreich seit 1516 neben der vertraglichen Gemeinpension zahlte, sollten laut dem Ratsbeschlusse vom 19. Oktober 1521 wie in frühern Jahren keinem Einzelnen zukommen, sondern der Staatskasse. Der König seinerseits machte geltend, daß diese Sondergelder für Solche bestimmt seien, die [406] ihm Dienste leisteten; mit Deren Tode fielen sie dahin, während sie, zu Mehrung der gemeinen Pension verwendet, nie ein Ende finden würden. Der Rat wollte dieses Raisonnement nicht gelten lassen, sondern am früheren Brauche festhalten, ohne zu bedenken, daß damals die Pensionen, sowohl „gemeine“ als „sonderige“, ihre Kompensation in Kriegskosten der Stadt gehabt hatten, diese jetzt aber gar nicht mehr vorkamen. Frankreich entrichtete jetzt in der Tat jeweilen nur die gemeine Pension, und durch das Ausbleiben der Sondergelder ließ sich der Rat so sehr verdrießen, daß er wiederholt sein Verbleiben bei der Allianz in Frage zog. Es war derselbe Rat, der gelegentlich bei der Tagsatzung seine Meinung kundgab, daß man besser tun würde, gar keine Pensionen zu nehmen.

Neben diesem französischen Hauptgeschäfte hatten die paar Pensionen, die Basel sonst noch erhielt, wenig Bedeutung.

Von Savoyen kamen jährlich zweihundert Gulden, gemäß dem Bündnisse vom 25. August 1512. Zuletzt im Jahre 1526; dann stellte der Herzog die Zahlungen ein.

Von Österreich kamen jährlich ebenfalls zweihundert Gulden, gemäß der Erbeinung vom 7. Februar 1511, aber in unregelmäßiger Weise.

Die Besonderheit dieses spätern Pensionenwesens war, wie gesagt, daß die Pensionen in die Kasse des Rates fielen und hier gebucht wurden, ohne wie ehedem in der Rubrik der Ausgaben ihr Gegenstück von Kriegskosten zu haben.

Was jetzt noch Basler Kriegsführung heißen konnte, war eine Sache für sich und der Ratsgewalt entwachsen.

Nachdem die Tagsatzung dem französischen Könige für die Wiedergewinnung Mailands Truppen bewilligt, sammelte sich im Januar 1522 hier Mannschaft, die der Franzos im Werkhofe musterte. „Er nahm, was ihm gefiel, wie ein Metzger das Vieh kauft.“ Der Schlosser und Ratsherr Antoni Dichtler war Hauptmann, eine zweite Schar hatte den Heinrich Isenflam zum Führer. Am 7. Februar war der Abmarsch, am 1. März standen die Basler, vierhundert Mann stark, samt übrigen Eidgenossen vor dem durch Spanier und deutsche Landsknechte besetzten Mailand. In Hin- und Herziehen vergingen hier Wochen, bis endlich die Ungeduld der Mannschaften zum Losbrechen drängte. Am Sonntag Quasimodo, 27. April 1522, stürmten sie gegen das bei Bicocca, nordöstlich Mailand, hinter Gräben Hecken Brustwehren stehende kaiserliche Heer, dessen besondere Kraft eine mit Handbüchsen bewaffnete Infanterie war. „Wir haben kein Zeichen noch Geschütz verloren, sind aber so übertreffenlich in das Geschütz gar gelaufen, daß wir wohl etwas Schadens empfangen und viel ehrlicher und [407] redlicher Leuten verloren haben," schrieben die Basler nach Hause. Es war wieder eine schwere Niederlage eidgenössischer Kriegsmacht, vor sieben Jahren gegen die Franzosen, heute im Solde Dieser. Unter den Baslern, die dabei den Tod fanden, waren des Heinrich Meltinger einziger Sohn Jacob, Bonaventura Bär, Lienhard David, der Sonnenwirt Adam Zeller. „Gott weiß der Andern Namen. Er wolle, daß sie selig seien geworden, daß sie um des christlichen Glaubens willen und um des Gelds willen also redlich gestritten und viel Sold verdient haben", schreibt mit Bitterkeit der Chronist. Die Heimkehr der Geschlagenen in Basel war von stürmischen Auftritten begleitet, und Kaiser Karl schrieb Briefe an die schwer erschütterte Stadt, in denen er ihr die übeln Folgen ihrer Politik vorhielt und sie aufforderte, jetzt von Frankreich abzulassen.

Aber diese Züge in französischem Solde nahmen keineswegs ein Ende. Sie waren allerdings anderer Art als diejenigen früherer Zeit. Der König warb, und so lange er seine finanzielle Pflicht erfüllte, konnte der Rat Keinen am Ziehen hindern. Der König hatte auch das wichtige Recht der Hauptmannswahl. So waren diese Kriegszüge fortan ein Unternehmen nur Frankreichs und kaum mehr ein baslerisches. Dennoch gehört unsere Teilnahme diesen freigebildeten städtischen Truppen, die Jahr um Jahr in den großen kriegerischen Bewegungen mit dahingerissen wurden.

Im August 1523 sehen wir hier eine Freischar sich sammeln und durch ihren Hauptmann Junker Balthasar Hiltbrant nach Oberitalien geführt werden, als Zuzug zum Heere Bonnivets; sie hat ein Fähnlein von drei Farben: weiß schwarz rauchfarbig. Dann im April 1524 sammelt Jacob Meyer zum Hasen, der ehemalige Bürgermeister, Mannschaft; doch kehrt sie nach acht Tagen wieder heim. Bis im Herbste 1524 der selbst nach Italien ziehende König Franz von der Eidgenossenschaft Truppen begehrt und auch aus Stadt und Land Basel ihm einige Hundert zulaufen. Diese nehmen Teil an der Belagerung von Pavia, dann am 25. Februar 1525 an der gewaltigen Schlacht selbst, in der das französische Heer geschlagen und der König gefangen wird. „Da gewannen wir eine ehrliche Beute von unserm Bündnis mit dem König; da verloren wir manchen guten Burger um des bösen Gelds willen. Gott verzeihs!“ Einer der in dieser Schlacht fallenden Basler ist der als französischer Pensioner und Freischarenführer uns schon bekannte Heinrich Isenflam; er hinterläßt vierzehn Kinder und große unerledigte Soldansprüche.

Es folgen Ereignisse in Menge. Aber Alles scheint in Formlosigkeit auseinanderzugehen. Wir erfahren nichts mehr von Truppensammlung in [408] Basel, von Freifähnlein und Abmarsch. Die aus den Kriegsgebieten hier einlaufende Korrespondenz muß uns entschädigen.

Sie schildert, z. T. mit ergreifender Anschaulichkeit, was diese Basler Söldner drüben erleben. Die Vorbereitungen des Zuges gegen Rom im Frühling 1527, dann den Fall der Ewigen Stadt selbst am 6. Mai. Im Heere der Liga, das dem Heere Bourbons folgt, sind auch Basler. Peter Stark von Leimen, Uli von Reinach u. A. liegen im „Römerland“; dort stirbt der Hauptmann Andres Ötli. Auch in die großen Aktionen vom Herbst 1527 sehen wir hinein; da ist unser Führer der frische elastische Hans Erhard Reinhart, der Sohn des Schreibers Lorenz, er selbst gleichfalls Schreiber Geschäftsmann und Wechsler, aber nun ganz den Waffen lebend, auf allen Kriegsschauplätzen Frankreichs heimisch. Er steht in der Picardie, dann wirbt er in Basel und allenthalben in der Schweiz Volk für des Königs Dienst; Wolf Gerster, des Stadtschreibers Sohn, ist sein Fähnrich. Diese Reinhartischen Scharen sind dabei, da Alessandria gewonnen, da am 5. Oktober Pavia erstürmt wird. „Und ist so jämmerlich in der Stadt zugangen, als ich nie gesehen habe; denn die Closterfrowen Priester Kilchen Kinder Niemand verschont, groß köstlich Schätz in den Kilchen sackeriert und hinweggenommen, die Stadt an drei Orten angezündet.“ Im September 1528 sodann liegen andre Basler vor Cremona, bei ihnen der ewig unruhige, bei allen Schlägereien und Kriegszügen beteiligte Jakob Baumgarter. Wir hören von dem Sturm auf Cremona und der Kapitulation der Stadt, aber auch von der Verwüstung des Mailändischen, von den Gefechten am Langensee und Comersee, von den Taten des Kastellans von Musso, „der ein großer boswicht ist“.

Solches geschieht draußen, und sein Widerhall in Basel selbst ist der Lärm wildesten Söldner- und Reisläufertreibens, mitten in der allgemeinen Erregung, die diese Jahre bringen. Basel ist autorisierter Werbeplatz für Frankreich, nur für dieses Land; in andre Dienste will der Rat Niemanden laufen lassen. Alles erscheint dabei beherrscht durch persönliches und spontanes Wesen. Basel selbst kämpft nicht. Der Einzelne zeigt Kraft, nicht die Stadt; die einst so lebensvolle Sammlung ihrer Kriegsakten ist verödet.


Alles politische Erleben und Leisten Basels drängte sich solchergestalt in engere Bereiche.

In vorderster Linie stehen hiebei die oberrheinischen Beziehungen.

Soweit sie täglicher Handel und Wandel waren, konnte natürlich Nichts sie brechen, auch Nichts sie ersetzen. So erweisen sich z. B. auch die [409] „Verkündungen“ des Basler Stadtgerichtes, durch die draußen wohnende Schuldner kurzerhand vor das hiesige Forum geladen wurden, als ein gutes Stück baselischen Oberrheinlebens. Es handelte sich dabei nicht um eine prinzipielle Rechtsordnung in der Art des Verfahrens von Curie und Konservatorium, sondern um eine Praxis, die altherkömmlich war und noch immer Stand hielt, weil sie dem — ohnedies für Vieles auf Basel angewiesenen — Volke paẞte und die Landesgewalten der Sache den Lauf lieẞen.

Anders war das Verhältnis im Öffentlichen und Politischen.

Beim badischen Markgrafen Ernst traf Basel auf einen Verstand und einen ruhigen Herrscherwillen, der dem Rechte Basels mit derselben Achtung zu begegnen bereit war, die er für das eigene Recht begehrte. Der Verkehr konnte demnach ein geordneter und leidlicher sein. Einzelheiten, die erwähnt werden mögen, waren die Verhandlungen über Aufnahme Ernsts in das Basler Bürgerrecht, über den Tausch der Eigenleute zu Riehen Tüllingen usw., über den Güterkauf der Markgräfler auf Basler Gebiet.

Stärkeres Leben bewegte die Beziehungen zu Österreich.

Herr der Vorlande war der Kaiser; seit dem März 1522 hatte sein Bruder Ferdinand die Administration. Aber die Führung im Einzelnen war Sache der Beamten, des alten Baselhassers Gilgenberg im Ensisheimer Regimente, des Rheinfelder Vogtes Ulrich von Habsberg und ihrer Untergebenen. Daẞ von Seiten dieser Lokalgewaltigen und des ihnen anhängenden Adels überall und jederzeit, wo und wann sich ein Anlaẞ bot, Basel verletzt wurde, war nichts Neues. Die Versuche, Zölle zu erheben und Steuern aufzulegen; die Übergriffe im Rechtsverfahren; die Störungen der territorialpolitischen Pläne Basels; die Beschimpfungen Basels, etwa durch Besudeln seines Wappens am Spitale zu Frick; — waren Vorfälle ohne besondre Auszeichnung, die, gleichsam notwendig, schon vor hundert Jahren diese Nachbarschaft belebt hatten und nach weiteren hundert Jahren sie in gleicher Weise beleben konnten.

Aber wichtig war, was als ein der Zeit Eigenes hinzu trat.

Die Ausbildung der fürstlichen Gewalt und die straffere Verwaltungsart schien die gewohnten Zustände von Nebeneinander und Gegeneinander mit neuer Leidenschaft zu füllen. Dazu kam das Wachstum der habsburgischen Hausmacht in diesen Jahren. Und auch daran ist zu denken, was der Übergang Basels zur Eidgenossenschaft und jetzt noch seine Verbindung mit Frankreich für die österreichische Politik bedeuteten. Überdies der religiöse Kampf; schonungsloser als alles Andere zeigte er die weite geistige Distanz.

[410] Hiebei kann die Beteiligung Basels am Waldshuter Geschäfte nur kurz erwähnt werden. Waldshut hatte sich unter Leitung seines Pfarrers Hubmaier zu offenem Aufruhr gegen Österreich erhoben 1524; als Anhängerin der „lutherischen Sekte" und als Rebellin wurde die Stadt durch Erzherzog Ferdinand mit den schärfsten Maßnahmen bedroht. Zwar suchte Zürich, von Basel und Schaffhausen unterstützt, für gütliche Erledigung des Streites zu wirken. Aber die Verhandlungen blieben erfolglos, da die inzwischen am Oberrhein ausbrechenden Bauernunruhen alle Kräfte absorbierten. Waldshut mußte seinem Schicksal überlassen werden. Doch im Verlaufe dieser Unruhen selbst kam es zu Vorfällen, die zur gänzlichen Entfremdung der beiden Nachbarn Basel und Österreich führten. Unter dem Eindrucke jener schmählichen Ensisheimer Szene vom 22. August 1525, die wir kennen gelernt haben, beschlossen Kleiner und Großer Rat, in Ewigkeit den Ensisheimer Herren, wenn sie nach Basel kommen sollten, keine Ehre mehr zu erweisen, vielmehr dieser Schmach eingedenk zu sein und künftig nie mehr auf irgend ein Begehren von Regiment und Adel einzutreten. Wir haben ein einheitliches Gesinntsein vor uns: der Haß auf Österreich treibt Viele in die Haufen der empörten Sundgauer Bauern; bei der Tagsatzung äußert sich der Rat mit merkwürdiger Schärfe und verlangt, der Kaiserlichen überhaupt müßig zu gehen, da sie doch nur Unfriede stiften; 1527 tritt Ökolampad hier für den Druck eines antihabsburgischen Manifestes des Wojwoden Hieronymus a Lasco ein. Gerade damals auch ist Basel von dieser Seite her beunruhigt. Im Elsaß, heißt es, werde Kriegsvolk gesammelt, Ensisheim verbiete Ausfuhr und Auswanderung; Ferdinand sei Willens, in die Eidgenossenschaft einzufallen und die Bekenner des neuen Glaubens zu vernichten. Man weiß auch von den Tendenzen der katholischen Orte, sich an Österreich anzuschließen, die dann am 22. April 1529 in der „christlichen Vereinigung" ihr Ziel erreichen.

Durch die notwendigerweise stets lebendigen Gedanken an Österreich wurde auch Anderes bestimmt, was, näher oder ferner, oberrheinische Angelegenheit Basels war.

Zunächst das Verhältnis zu Graf Wilhelm von Fürstenberg. Dieses Bürgers hatte Basel bei den schleppenden Verhandlungen über Granges gründlich müde werden können; sein unzuverlässiges Treiben bereitete nur Schwierigkeiten. Aber es war auch nicht mehr dasselbe Basel. Nicht mehr der Rat, der den Grafen als Bürger angenommen, das entlegene l'Isle gekauft hatte. So war die Gelegenheit günstig für das nie gesättigte [411] Österreich, und dessen Vorschläge konnten unter Umständen dem Grafen eine willkommene Erleichterung, der Stadt eine Lösung wenig erfreulicher Beziehungen bringen.

Am 15. März 1524 trat Graf Wilhelm seine sämtlichen Erb- und Eroberungsrechte in Burgund an Ferdinand ab. Schon vorher hatte er wegen der Lösung von l'Isle mit Basel verhandelt; am 30. Mai willigte der Rat, gern oder ungern, in einen Verkauf und, da Wilhelm selbst das Geld nicht aufbringen konnte, in eine Lösung durch Ferdinand. Überdies ließ sich der Rat dazu bestimmen, die Herrschaft noch bis zum 1. Mai 1525 zu behalten und erst auf diesen Termin lösen zu lassen und abzugeben.

Die Verwaltung von l'Isle durch Basel dauerte somit zunächst weiter. Vom 1. Mai 1525 an amtierte dann der bisherige Landvogt Junker Wolfgang Iselin nicht mehr im Namen des Basler Rates, sondern des Erzherzogs. Bis zum 21. Juni 1525, an welchem Tag er in l'Isle durch einen der erzherzoglichen Diener „mutwillig und frevelhaft und ohne Ursach“ erstochen wurde. An seiner Statt besorgte dann Hans Graf von Basel die Vogteigeschäfte bis zum 14. August 1525. Da erst wurde durch Ferdinand die Herrschaft übernommen und die Lösungssumme an Basel gezahlt.

Die Liquidation der fürstenbergischen Lande in Burgund wirkte auch auf die Beziehungen Basels zu Herzog Ulrich von Württemberg. Sie beseitigte den jeder Verständigung im Wege stehenden Grafen Wilhelm und ersetzte ihn durch Österreich, in dem sowohl die Stadt wie der Herzog einen Gegner sahen; als nach der Vertreibung Ulrichs aus Württemberg 1519 Österreich sich dieses Land vom Schwäbischen Bunde hatte einhändigen lassen, war die Meinung der Basler Regenten, „daß Herzog Ulrich den Eidgenossen gar viel wäger wäre zu einem Nachbarn denn Ferdinandus.“

Seit Beginn dieser Flüchtlingsjahre hielt sich Ulrich oft in Basel auf. Es war nicht der sonst übliche Fürstenverkehr durch Gesandte, sondern ein unmittelbar persönlicher Umgang, wobei der Mensch Ulrich mit seiner Unruhe und Launenhaftigkeit und seiner im Grunde rohen Natur aus der Nähe kennen gelernt werden konnte. Von Mümpelgart her ritt er hier ein und aus. Er besuchte das Zeughaus; beim Einschießen neuer Büchsen und bei Übungen der Stachelschützen war er anwesend. Überall als fürstlicher Nachbar geehrt, als fröhlicher derber Gesellschafter willkommen. Zuweilen hatte er seine Hausmusikanten bei sich. Er gab gerne Geld aus; auch wenn er abwesend war, mußte ihm sein Agent, der Apotheker Caspar Binder, allerhand hier kaufen: Seidenstoffe Trommeln lampartisch Tuch usw. Aber [412] nicht nur von Alltäglichkeiten vernehmen wir, von Gastereien Wildpretgeschenken usw.; wir sehen Ulrich hier auch den Führern der Reformation nahe treten, mit Ökolampad und Hartmut von Kronberg verkehren.

Neben dem Allem aber spielten natürlich Geldsachen eine Rolle. Ulrichs Verpflichtungen gegenüber der Stadt und einzelnen Kapitalisten reichten bis in den Anfang des Jahrhunderts zurück; auch das Geld der Guthaben Solothurns an Ulrich war zum größten Teil in Basel aufgenommen worden. Die Forderung der Stadt belief sich im Ganzen auf siebentausendfünfhundert Gulden.

Da verbanden sich mit diesem Schuldverhältnisse Möglichkeiten einer Ausdehnung baslerischer Territorialmacht.

Als Herzog Ulrich im Sommer 1524 mit dem Rat über Gewährung eines neuen Darlehens, sechstausend Gulden betragend, unter Verpfändung von Stadt und Amt Mümpelgart, verhandeln ließ, machte er zugleich den Vorschlag eines Verkaufes der Herrschaften Mümpelgart Granges Blamont Clerval Passavant.

Es war ein verführerischer Gedanke, der Besitz Mümpelgarts ein altes Desideratum der Basler. Vor einem halben Jahrhundert schon hatte Basel dort, „an diser port tütschen und wälschen landes“, seine Garnisonen gehabt. Öffentliche und private Beziehungen bestanden in großer Zahl. Zuletzt noch, im Jahre 1519, als das Reich Ulrichs unterzugehen schien, hatte Basel im Kreise der Eidgenossen sich eifrig für Erwerbung Mümpelgarts ausgesprochen.

Freilich gingen allezeit neben den Plänen Basels auch diejenigen Solothurns einher, und es macht einen befremdlichen Eindruck, wie diese beiden Städte, beim Geldgeben an Herzog Ulrich wie beim Greifen nach Mümpelgart, sich immer wieder, aller Rivalität zum Trotze, zusammengespannt sehen müssen. Die Folge war natürlich, daß die großen Absichten weder der einen noch der andern Stadt sich verwirklichten.

So war auch das gewaltige Projekt des Kaufs der burgundischen Herrschaften, bei dem es sich um die Summe von einhundertachtundvierzigtausend Gulden handelte, zu einer gemeinsamen Angelegenheit Basels und Solothurns, dann auch Berns, geworden.

Aber der Plan scheiterte am Widerspruche von Graf Georg, dem Bruder Ulrichs. Es blieb bei der Anleihe von sechstausend Gulden, an der neben Basel auch Solothurn als Gläubiger beteiligt war. Auch die im Jahre 1525 wiederaufgenommenen Verhandlungen über einen Kauf Mümpelgarts führten zu nichts.

[413] Basel blieben nur die Schulden Ulrichs und deren Verzinsung. Damit das Pfand Mümpelgart gesichert blieb, legten in gefährlichen Zeiten Basel und Solothurn Besatzungen dorthin.

Im Ganzen war das Verhältnis Basels zu Herzog Ulrich freudlos und fruchtlos. Zuletzt schloß es doch mit einem guten Klange. Als der Herzog im Frühling 1525 sein Württemberg wieder zu gewinnen suchte und ihm, wie vor sechs Jahren, Söldner in Menge aus der Schweiz zuströmten, vertrat Basel allein den übrigen Ständen gegenüber die Meinung, daß Ulrich nicht gehindert werden sollte. Mit schönen Worten wies der Rat darauf hin, daß Ulrich nichts Unziemliches, sondern sein Vaterland begehre, „der dessen eben lang genug in Mangel gestanden“; die bei der Einnahme Württembergs durch den Schwäbischen Bund 1519 gegebene Zusage, das Land solle für Herzog Christoph eingenommen sein, sei gebrochen und Württemberg dem Haus Österreich übergeben worden.

Im Sommer 1526 verkaufte Ulrich Mümpelgart und die übrigen Herrschaften seinem Bruder Georg. Dann verließ er den Oberrhein und ging zu Landgraf Philipp von Hessen. Von dort aus gewann er im Jahre 1534 sein Land wieder.

Durch diese Württemberger Geschäfte Basels wurde eine andere, wichtigere Sache äußerlich veranlaßt und geweckt: die neue Verbindung mit Straßburg.

Der Rat von Basel wünschte die sechstausend Gulden, um deren Darleihung er von Herzog Ulrich gebeten wurde, in Straßburg aufzunehmen und sandte hiefür seinen Stadtschreiber Caspar Schaller, der selbst Straßburger war, Ende Septembers 1524 dorthin. Bei diesen Abreden müssen auch die allgemeinen Zustände, voran die Lage der Städte im Reich, zur Sprache gebracht worden sein. Wie sehr beunruhigt diese Städte durch Handlungen des Reichsregimentes, durch den Regensburger Konvent usw. waren, wissen wir. Namentlich Straßburg fühlte sich gefährdet; und im Anschluß an jene Konferenz mit dem Basler Deputierten kam dem Rate der Wunsch, sich durch ein Bündnis mit einigen schweizerischen Gemeinwesen zu stärken. Noch im Herbste 1524 ließ er einen solchen Vorschlag an Basel ergehen; außer dieser Stadt nahm er Zürich Bern Solothurn und Schaffhausen als Verbündete in Aussicht.

Das religiöse Element war hiebei mitbeteiligt, aber nicht in entscheidender Stärke. Was den Anstoß gab, waren Rücksichten, die das ganze politische Leben umfaßten, war die überall im Reiche sich regende Erhebung [414] lokaler Mächte inmitten der Auflösung zentraler Gewalt und Autorität. Zum Verlangen einer Deckung aber mag Straßburg getrieben worden sein durch den Gedanken weniger an den alten Elsaßfeind Frankreich als an Österreich. Bemerkenswert ist dabei jedenfalls, daß Interessen, die ehemals mächtige Lebensinteressen gewesen, alte Nachbarschafts- und Gemeinsamkeitsgefühle jetzt wieder erwachten. Es war wieder die erste Berührung Basels mit Straßburg seit dem Schwabenkriegsjahre; auch die Erinnerung an die Niedere Vereinigung trat wieder frisch und stärkend hervor.

Den ersten schriftlichen Äußerungen Straßburgs folgte seine Gesandtschaft an den Basler Dreizehnerrat. Basel seinerseits brachte durch Botschaften die Sache vor die andern Städte. Wiederholt hatte sein Stadtschreiber nach Straßburg zu reiten. Durch Winter und Frühling zog sich das Beraten. Zuletzt Ende Aprils 1625 sandte Straßburg den Entwurf des „nachbarlichen tröstlichen Verstandes“ der sechs Städte Straßburg Zürich Bern Basel Solothurn Schaffhausen, der „unter dem Titel der Mitburgerschaft“ geschlossen werden sollte. Die Hauptbestimmungen sind: wird eine der Städte mit Krieg überzogen, so sollen die andern fünf Städte ihr auf Mahnung zwölftausend Mann zu Hilfe schicken; nur Straßburg, dessen Zuzug unterwegs (durch österreichisches Gebiet) auf Schwierigkeiten stoßen kann, soll statt der Mannschaften Geld zu schicken befugt sein; das Bündnis wird auf acht Jahre abgeschlossen.

Wir folgen noch kurze Zeit den Beratungen dieses Vorschlages in den Städten. Dann aber verschwindet das Traktandum, durch andere große Geschäfte zurückgedrängt. Nur im August 1527 tritt es nochmals hervor, bei Anlaß des Straßburger Schützenfestes. Von da an ist wiederholt von dem Plane die Rede, bis er neue Gestalt und kräftige Vollziehung findet im Christlichen Burgrechte der Städte Zürich Bern Basel Straßburg vom 5. Januar 1530.


Von Solothurn und seinem Verhältnisse zu Basel ist schon oft die Rede gewesen, es bleibt im Grunde wenig mehr zu sagen.

Noch immer waltet der gewohnte Geist und Wille. Nur daß seit Beginn der 1520er Jahre die Leidenschaft, die Energie und Härte sich weniger zeigen als früher. Es bedarf ihrer nicht mehr. Die hauptsächlichsten Fragen sind erledigt.

Was jetzt zu reden gibt, — Metzgerzoll in Subigen 1523 und 1524, Flotzholzzoll zu Dornach 1526, Maßregelung der liederlich gewordenen Basler Augustiner in Mariastein durch Solothurn 1525 — sind Kleinigkeiten; sie werden ruhig erledigt. Ebenso die große Sache der Grenzfeststellung vom [415] Langenbrucker Lochhaus bis Seewen 1527 und 1528; dasselbe Jahr 1528 bringt auch den Schluß des Streites über Hohe Herrlichkeit und Niedergericht zu Wisen.

Mehr ist zu sagen von der Frage der Eigenleute.

Basel hat Leibeigene, die in solothurnischen Gebieten sitzen, Solothurn Solche in Basels Gebieten. Es ist ein Zustand, der während langer Zeit hat hingenommen werden können wie Anderes. Aber die Landeshoheiten entwickeln sich, und die Konflikte zwischen Untertanenschaft und Leibeigenschaft werden unsausweichlich. Mit Besteurung Kriegsaufgebot Landkaufverbot usw. sucht der eine Staat die auf seinem Boden sitzenden Eigenleute des andern in einer Weise heim, die als unberechtige Verfügung über fremdes Gut erscheint.

Schon frühe haben Basel und Solothurn hierüber zu verhandeln gehabt. In jener merkwürdigen, auf Verhütung von Kollisionen gerichteten Abrede von 1520 ist auch von Regelung der Leibeigenensache die Rede. Aber die Abrede bleibt Entwurf, und es wird weitergestritten. An der Aare wie am Rhein ist man einem Austausche geneigt. Nur darüber einigt man sich nicht, wie ein Überschuß zu vergüten sei. Solothurn, das mehr Leute abzutreten als zu erhalten hat, will für dieses Mehr durch Gebietsabtretung entschädigt werden; Basel will nur mit Geld entschädigen. In einzelnen Fällen kommt es zum Tauschen bestimmter Familien, bei denen beiderseits gleich viel Personen sind.

Zuletzt macht der Basler Bauernaufstand von 1525 mit der ihm folgenden Aufhebung der Leibeigenschaft und der Bestimmung, auch keine fremden Eigenleute im Lande zu dulden, die Frage akut und nötigt zu einer ganzen Lösung. Die Verhandlungen beginnen sofort und ziehen sich hin. Zunächst nur die Parteien, dann auch die Tagsatzung beschäftigend. Bis endlich am 3. Oktober 1527 ein Vertrag zu Stande kommt: jede Stadt überläßt der andern die in deren Gebiete jetzt oder künftig sitzenden Eigenleute; da hiebei Basel mehr Leute erhält als gibt, zahlt es Solothurn sechshundert Kronen; überdies sollen von jetzt an die Eigenleute Untertanen und Verwandten jeder der beiden Städte in das Gebiet der anderen „on alle nachvolg der eigenschaft“ ziehen können; solche Freizügigkeit soll ewig herrschen und der Grundsatz gelten: deß Bann deß Mann.


Der Sinn des Vertrages ist Vereinigung und Ausgleichung. Die Raison einer geschlossenen Staatseinheit drängt zu dieser Lösung. Wie die [416] Stadtmauer nur einerlei Basler Volk umfassen soll, so die Landmarch. Es ist dieselbe Anschauung, die auch den Endkampf mit dem Bischof bestimmt, in der Beseitigung klerikaler Privilegien und in der Zentralisation der Armenpflege wirkt, usw.

Hiezu paßt, daß diese Zeit auch im Territorialen nach Möglichkeit arrondieren und Unfertiges erledigen will. Angefangene Unternehmungen erhalten jetzt ihr Ende. Aber Neues wird nicht mehr angesponnen. Bei den großen Aussichten des Mümpelgarter Kaufprojektes weicht dann doch die Kühnheit vor der ruhigen Berechnung, und dem Verzicht auf diesen Erwerb folgt sofort Dahingeben der Herrschaft l'Isle. So wird jetzt die Landserer Unternehmung liquidiert, bei der Basel 1518 dem Grafen Heinrich von Tierstein achttausend Gulden geliehen hat; die Gräfin Margaretha wird 1524 durch Österreich abgefunden und Junker Hans Truchseß als Pfandherr Landsers erstattet den Baslern ihr Kapital. So wird der 1521 geschlossene Kauf des Schlosses Pratteln und dreier Viertel des Dorfes 1525 und 1526 ergänzt durch Abmachung mit Hans Friedrich von Eptingen und den eptingischen Vettern von Blochmont. So wird das durch Basel 1522 erworbene Vorkaufsrecht auf die Herrschaft Benken 1526 zur Anwendung gebracht. So vervollständigt der Rat seine Rechte und Gebiete durch Kauf des Einungsmeisteramtes Feuerschaueramtes und Gescheides zu St. Alban 1524; durch Kauf des Hofgutes im Dürstel 1524; durch Kauf olsbergischer Zehnten Zinse usw. in Diegten Arisdorf Maisprach Gelterkinden usw. 1525; durch Kauf von „Obrigkeiten Zinsen Renten Gülten und Gütern“ in Basel Rotenfluh Wolschweiler Brunstat Rixheim usw. usw. 1526, die weiland Graf Heinrich von Tierstein an die Edeln von Reinach Eptingen Schaler zu Rhein Reich Hohenfirst usw. zu Lehen gegeben hat.

Es ist ein nützliches Vielerlei. Aber nirgends etwas Großes, etwas frisch Geplantes. Denn auch die Aufnahme von Laufen und den Fünf Dörfern in den Schirm Basels ist im Grunde nur Ausführung von Gedanken früherer Regenten.

Inmitten der neuen Regierungsart erscheint wie eine Episode aus anderer Zeit die gallizianische Sache, die während einiger Jahre dem Rate zu tun gab.

Hans Gallizian, den wir kennen, wurde beim Pensionensturm im Oktober 1521 aus dem Rate gestoßen. Er verließ Basel und entwich nach Solothurn, wo er das Bürgerrecht erhielt und von wo aus er Basel bei der Tagsatzung verklagte. Er agitierte im Lande, besorgte Aufträge Ulrich [417] Falkners, nahm Geld vom französischen Gesandten. In Basel war ihm sein Haus samt Ladengewölbe geschlossen, alles Gut gerichtlich vergantet, der Erlös seinen Kreditoren zugewiesen worden. Zu Ende des Jahres 1524 starb er, und nun zeigte seine Witwe Marie Jungerman, was sie vermochte.

Resolut und bösartig trat sie das Erbe ihres Mannes, den Haß auf das neue Basel, an. Das Ihre sei ihr wider Gott und Recht genommen worden, klagte sie; sie wolle sich rächen und auch ihre sieben Kinder zur Rache an Basel großziehen.

Dabei hielt sie sich zunächst in Basel selbst auf. Sie wohnte beim alten Hausfreunde Ulrich Falkner und lernte da den pfälzischen Junker Hans von Erligheim kennen. Als sie endlich ihres Drohens wegen vom Rate zur Verantwortung gefordert wurde, verließ sie Basel, mit ihr der Erligheimer.

Was nun folgt, ist widerlich. Die Gallizianin setzt sich in Hagenau fest und sucht beim umwohnenden Adel einen Anhang zu gewinnen, damit sie die zur Frankfurter Messe reisenden Basler schädigen kann. Der Rat von Basel muß an Fürsten und Städte schreiben, Gesandte schicken, Geld ausgeben usw. Bis im März 1526 ein Vergleich zu Stande kommt, wonach Straßburg den Streit entscheiden soll. Aber aus diesen Verhandlungen in Straßburg heraus wendet sich die Gallizianin an die Tagsatzung und hat hier den Solothurner Vogt Hugi zum Anwalt. Entrüstet verwahrt sich Basel dagegen, daß die Eidgenossen sich der Sache annehmen und „um so einer kleinfügigen wibsperson willen“ alle Treue Basels und dessen gute Dienste vergessen. Aber die Gallizianin — eine „scharpfe frow“ nannte sie Falkner — handelt auf ihre Weise weiter, um zu dem ihr angeblicherweise wider Recht genommenen Gute zu kommen und überhaupt um Basel wehe zu tun. Sie sucht und findet wiederum Genossen zur Selbsthilfe: eine Schar obskurer Freibeuter aus dem „Wasgau und Westerich“, an deren Spitze Philipp Wullschleger genannt von Altdorf. Diese richten trotzige Schreiben an Basel und die Tagsatzung und lassen es nicht bei solchen Briefen bewenden; ein reisender Basler wird von Reitern angefallen und in Eid genommen, daheim zu sagen, daß sie jedem Basler, „er sei Großhans oder Kleinhans“, den sie betreten, die rechte Hand abhauen, ihm die in den Busen stecken und ihn so wieder heimschicken werden.

Es ist wieder wie hundert Jahre früher: ein Verachten aller Rechtsordnung und, weil die Kräfte nicht reichen zum Kampfe mit der Stadt selbst, ein Drangsalieren der einzelnen Bürger. Auch die Gegenwehr Basels, [418] ein mühevolles Schreiben und Insistieren bei allen Mächten, ist dieselbe wie in den Zeiten der Fehden und des Raublebens.

Zuletzt geht denn doch auch dieser erbärmliche Handel dem Ende zu. In Speyer und in Straßburg werden Urteile gefällt zu Gunsten Basels. Nur bei den Eidgenossen findet Basel nicht die Hilfe, die es wünscht; die Fünf Orte vereiteln ein gemeineidgenössisches Eintreten.

„Die Sache ward gestillt, daß nichts Weiteres daraus entstand; wie sie beigelegt worden, ist mir nicht bekannt,“ schreibt der Chronist. Die Gallizianin selbst scheint müde geworden zu sein; aber noch im Dezember 1528 drohten ihre Helfer, die Angriffe fortzusetzen, unter Berufung darauf, daß einige Orte der Eidgenossenschaft sie dabei fördern würden.


Wir wenden uns schließlich zum Gesamten des öffentlichen Regimentes und haben vor uns die Erscheinung der Staatsgewalt, die auf Kosten zahlreicher bisheriger Autonomien eine zentrale Macht geworden ist.

Aber mit diesem Wachsen geht merkwürdig zusammen eine Befangenheit des Handelns.

Nicht die Tüchtigkeit nimmt ab, auch nicht die Stattlichkeit des Gebahrens; durch die ganze Ratswelt und alle Administrationen hindurch ist ein breites Gedeihen. Aber nicht zu verkennen ist die Abnahme der Triebkraft.

Bei der Wahl des neuen Rates am 16. Juni 1521 kam es zu wenigen Änderungen des Ratsbestandes. Aber unter ihnen war eine wichtig: an Stelle des Ritters Wilhelm Zeigler wurde der Tuchhändler Adelberg Meyer zum Bürgermeister gewählt. Seit 1514 Ratsherr der Safranzunft, war er bisher im politischen Leben wenig hervorgetreten; jetzt mit dieser Wahl begann seine Zeit. Neben der Arbeit im Gewerbe war er Geschichtsfreund und Sammler; auch im Bereich öffentlicher Verwaltung erwies er sich brauchbar. Aber keine kräftige Natur trieb ihn zum entschiedenen Handeln. Überall in den Geschäften der Stadt tritt er uns entgegen, nirgends ist er eigenartig und unvergeßlich. Den Forderungen dieser Übergangszeit gegenüber vielleicht mit sich selbst nicht im Reinen, ließ er Niemanden erkennen, welcher Richtung er im Innersten zugetan war.

Stärkere Wirkung hatte der Pensionensturm im Oktober 1521. Er beraubte den Rat einer Reihe mächtiger Mitglieder, und zahlreiche Neue nahmen die leeren Plätze ein. Zum Statthalter des Oberstzunftmeisteramtes wurde an Ulrich Falkners Stelle Martin von Dachsfelden gewählt, der 1498—1518 Ratsherr der Gartnernzunft gewesen war, „ein sittiger ehrsamer [419] Mann“ und Einer von Denen, die sich der französischen Pension enthielten, gleich seinem Schwiegersohne Jacob Meyer zum Hirzen, der dann bei der Ratserneuerung 1522 die Oberstzunftmeisterwürde erhielt.

Dieser Jacob Meyer, Sohn des Grempers und Ratsherrn Heinrich Meyer, wurde Gewandmann. Lange Zeit hieß er nach seinem Hause zum schwarzen Sternen an der Hutgasse; seit er 1521, nach seiner Vermählung mit der Witwe Lienhard Billings, dessen Haus zum Hirzen in der Äschenvorstadt erworben, trug er den Beinamen von diesem. 1517 als Ratsherr zu Hausgenossen dem andern Jacob Meyer (zum Hasen) dem Zunftmeister folgend, war er jetzt, da er zur Oberstzunftmeisterwürde kam, kein Neuling mehr in den Staatsgeschäften. Ohne Glanz der Erscheinung, aber Typus eines keineswegs nur kaufmännisch gebildeten Handelsmannes. Er war der Jacob Meyer, der zu den Freunden Rhenans und Pellicans gehörte und im Rate für die Reform der Universität wirkte, später die Berufung des Grynaeus nach Basel durchsetzte. Seine öffentliche Tätigkeit in den Behörden und bei wichtigen Gesandtschaften ist hundertfach bezeugt; doch hat er sein Andenken vor Allem dadurch bestimmt, daß er der weltliche Hauptführer der reformatorischen Bewegung in Basel war. So charakterisierten ihn Erasmus und dann Petrus Ramus; Amerbach urteilte, daß der Laie Meyer sich nur allzuviel auf Erörterung auch dogmatischer Fragen einlasse; Ökolampad pries seinen Ernst, seine Würde und Klugheit, seine Beredtsamkeit.

Neben den beiden Meyer saßen Lux Zeigler und Heinrich Meltinger im Häupterkollegium, und diesem Meltinger schulden wir auch hier die auszeichnende Erwähnung. Imposanter als alle Andern, vertrat er auch in dieser Zeit noch die frühere Regentenart. Seine bischöfliche Vasallität, seine Beziehungen zum Herzog von Savoyen, sein weltmännisches und kriegerisches Wesen hoben ihn hoch empor aus dem Kreise der Ratsleute. Daß er zu den wichtigsten Geschäften zu brauchen war und verwendet wurde, zeigen die Akten; die Macht seiner Rede wurde durch Erasmus gerühmt.

Wichtige Änderungen erlebte die Kanzlei.

Nach dem Tode des Ratschreibers Niklaus Haller 1519 war dieses Amt mit Caspar Schaller von Straßburg besetzt worden. Dann im Dezember 1523 schied der alte Stadtschreiber Johannes Gerster aus, an andre Zeiten und andre Regenten gewöhnt; vielleicht wurde er ausgeschieden; noch im Jahre zuvor hatte er sich mit dem von ihm gestifteten großen Madonnenbilde Holbeins ein Denkmal gesetzt. An seine Stelle rückte 1524 Schaller nach, dessen Ratschreiberei nun dem Heinrich Ryhiner übergeben wurde. Claudius Cantiuncula endlich, im Sommer 1522 bei Beginn des neuen [420] Amtsjahres von Schreibergeschäften entlastet und von da an als advocatus civitatis dem Rate mit Rechtsgutachten Gesandtschaften usw. dienend, schied im Winter 1523/1524 gänzlich aus und verließ Basel im Frühling 1524.

Die Macht des Rates wirkte durchaus als die einer Oligarchie. Was schon bisher der Fall gewesen war. Wenn ein Unterschied sich zeigt, so war er in den Personen begründet. Auch dem jetzigen Rate gehörten noch Männer der frühern Zeit an; aber im Gegensätze zu der freiern Denkweise und der kecken weitgreifenden Art der ehemals mächtig Gewesenen hatten jetzt eine ruhige Gelassenheit, ein kleinbürgerlich Eingeschränktes und Sorgliches die Vorherrschaft. Auch jene Mächtigen waren Zünftler gewesen; was die Handelsleute und Handwerker des jetzigen Rates hinter sie zurücktreten läßt, war das kleinere Maß der Gesinnung. Die Aufgaben, die Regenten erziehen, nahmen ab; hinwieder fehlte es immer mehr an Männern, die nach dem Großen zu greifen wagten. Wie selten sind die mächtigen politischen Erlebnisse jetzt geworden und wie fremd der Ruhm! Alles wird enger nüchterner härter. Die Ursachen sind Ermatten nach der starken Anspannung, Absorption durch religiöse Fragen und Streitigkeiten, ein Wandel der Denkart.


[421] Frei und glänzend lebte hart neben diesem politischen Treiben, unberührt von ihm, eine gelehrte Welt in Basel. Ein Komplex von Kraft und Herrschaft, der das Gegenbild zum weltlichen Machtwesen bildete.

Von eigenem Reize können die Anfangszeiten einer neuen wissenschaftlichen Art und Forschung sein. Zeiten voll Ahnung, aber auch voll Entdeckergeist, da die Arbeiter halb unbewußt, wie von Dämonen geführt, das Größte vollbringen, in mächtigem Andrange schon das Ganze voraussehen und gewissermaßen vorwegnehmen. Was dann nach ihnen kommt und das Leben von Generationen beschäftigt, ist Weiterschreiten auf der gewiesenen Bahn, ist klare Erkenntnis, besonnenes Gestalten und Sichern.

Diesem Verlaufe folgen wir auch bei unserm Humanismus. Derjenige der 1520er Jahre ist schon ein anderer als der ihm vorangegangene.


Am 15. November 1521 traf Erasmus in Basel ein.

Rhenan hatte ihn von Schlettstadt her begleitet. Nun er wieder am altgewohnten Orte war, wo die Freunde schon seit Ostern auf seine Herkunft warteten, begrüßte ihn die große erasmische Gemeinde der Lande ringsum mit Jubel. Durch den Mund des Zasius, des Hummelberg, des Sapidus frohlockte Oberdeutschland; es sah sich wieder von dem Licht erfüllt, das ihm schon früher gestrahlt hatte; es bezeugte, seine Freude könnte nicht größer sein, wenn Fortuna selbst mit schimmernden Rossen oder gar alle Götter auf ihren Festwagen ins Land gefahren kämen. Von Augsburg her huldigte Peutinger; und sofort stellten sich auch die ersten Besucher ein: Volz Vadian Zwingli, mit Geschenken des Olmützer Bischofs Stanislaus Turzo der junge Poet Caspar Ursinus Velius, u. A.

Basel war ein anderes als das vor drei Jahren verlassene, voll von Gegensatz und heftigem Streit, und Erasmus zweifelte, ob er sich hier festsetzen sollte. Auch kamen Berufungen von allen Seiten. Die Universitäten Leipzig und Heidelberg hatten vor Kurzem nach ihm verlangt. Zwingli wollte ihn in Zürich haben. Vom Kaiser und von der Regentin Margaretha war Erasmus aufgefordert, nach Brabant zurückzukehren. König Franz [422] lud ihn unter großen Versprechungen nach Paris ein. Der Papst rief ihn nach Rom. „Die Häupter der Welt und die Könige der Erde stritten sich darum, ihn zu haben und zu hegen.“

Zunächst wollte Erasmus diejenigen Arbeiten beendigen, für die er in Basel anwesend sein mußte; auf Ende Augusts glaubte er so weit zu sein. Und da fühlte er sich am stärksten von Rom gelockt, nach dessen Gelehrten- und Bibliothekenreichtum er schon lange Verlangen trug. Im September 1522 machte er sich dorthin auf den Weg; Konstanz sollte die erste Station sein. Von Rhenan und Eppendorf begleitet fand er hier die beste Aufnahme; aber beinahe die ganze Zeit lag er krank, und da auch Pest- und Kriegsgefahren drohten, fiel ihm nicht schwer, den Plan der großen Reise einstweilen fallen zu lassen und wieder ins vertraute Basel zurückzukehren.

Hier sehen wir ihn sich häuslich einrichten. Nicht in seinem frühern Quartier zum Sessel. Er hatte gewünscht, eine eigene Wohnung für sich zu haben. Froben kaufte daher am 18. Dezember 1521 das in der Nähe des Sessels gelegene Haus zur alten Treue an der Ecke von Nadelberg und Imbergäßlein und vermietete es ihm.

In diesem Hause nun finden wir von da an den Erasmus; als er es 1529 verläßt, bekennt er, nirgends sonst so viele Jahre geblieben zu sein. Hier hat er nun die zu seinem Wohlbefinden nötige Behaglichkeit des Wohnens. Er lebt inmitten seiner Bücher und seiner zum Teil kostbaren Geräte. Als freier Gelehrter, ohne äußern Beruf. Die Honorare, die fürstlichen Pensionen und Geschenke, die Liberalität Frobens ermöglichen ihm diese Art des Daseins. Die Stadt Basel selbst gibt ihm das ruhige Asyl, dessen er bedarf.

Um den Junggesellen, den arbeitsamen Weisen her ist dennoch weder Einsamkeit noch Stille. Erasmus ist nicht Einsiedler, sondern pater familias mit dem unbedingt Herrschenden seines Wesens und mit den Ansprüchen eines berühmten alten Herrn.

Er muß beständig einige famuli oder amanuenses bei sich haben. Sie besorgen ihm z. B. bei seinen Editionen das Vergleichen der verschiedenen Vorlagen; sie schreiben ihm die unzähligen Briefe nach seinem Konzept oder Diktat; sie reisen für ihn mit Manuskripten Büchern Botschaften. Oft weit fort und für längere Zeit. Stets ist Einer unterwegs. Es ist ein Verkehr, für den Erasmus mehrere Pferde im Stalle stehen hat.

Als solche famuli lernen wir jetzt und in späterer Zeit kennen den Flandrer Hilarius Bertulfus, den Livinus genannt Algoet, den Quirinus [423] Talesius aus Harlem, den Nicolaus Cannius, den Felix Rex Polyphemus, den Johannes Hovius, den Claudius, den Lambertus, den Burgunder Gilbertus Cognatus aus Nozeroy.

Diesen Cognatus hebt seine Tüchtigkeit über die andern famuli und macht ihn zum Studiengenossen des Meisters, stellt ihn in die Reihe der Hausfreunde und Kommensalen, der convivae convictores. Das ist der Schwarm erlesener Jünglinge, den wir in diesen Jahren als familia domestica im Hause des Erasmus finden, und deren Manche wohl auch Kostgänger oder Pensionäre sind. Sie weilen oft Monate lang im Hause des Erasmus; wenn sie weiterziehen, zuweilen absichtlich durch ihn fortgeschickt, damit sie nicht im zu langen Verweilen am Orte stumpf werden, stattet er sie aus mit Empfehlungen an seine Freunde in Venedig Padua Paris Spanien Brabant England usw.; wie ein Geadelter geht der erasmische Kommensale fortan durch die Welt der Gelehrten und Schöngeister. Der uns schon bekannte Ludwig Carinus gehört von 1522 an zu dieser Hausgemeinde, bis er sich mit Erasmus entzweit über die Beurteilung der Senecaausgabe des Nesen und die Art der Erziehung des Erasmus Froben. Andre sind der Sachse Heinrich von Eppendorf, Franz Dilf aus Antwerpen und namentlich der dem Erasmus nahe stehende Carl Harst aus Cleve. Sodann Wolfgang von Arnim, die Polen Andreas Zebridovius und Martin Dambroviski, Carl Utenhofen aus Gent, Andreas Conritz und der durch Joachim Camerarius empfohlene Daniel Stieber, ein Edelmann aus Franken; da Dieser nach Paris gehen und hiefür französisch lernen will, rät ihm Erasmus, bei einer jungen Französin in die Schule zu gehen; eine Solche vermöge so viel wie vierzig Lehrer.

Diese famuli und commensales sind lauter Jugend. Die verschiedensten Gesichter, auch die verschiedensten Gaben und Gesinnungen, und die Sprachen aller Nationen. Aber dem Erasmus ist dies frische Leben Bedürfnis. Er selbst bezeugt es; in allen Widerwärtigkeiten des Lebens und Alters tröstet ihn, diese Jünglinge um sich zu haben beim Essen mit heitern ausruhenden Gesprächen und beim Spaziergange.

Dauernderes bietet ihm, neben dieser internationalen und oft wechselnden Hausgenossenschaft, der Umgang mit den guten Basler Freunden Rhenan Glarean Amerbach Bär Froben.

Das eigentümliche und wahre Wesen des Verkehrs in dieser Runde der erasmischen Genossen Verehrer und Helfer ist freilich nur zu vermuten. Aber wenigstens in einzelnen Augenblicksbildern wird es uns gezeigt durch die Colloquia des Erasmus. Wie einst deren früheste knappe Formen in [424] Paris entstanden sind aus seinen Tischgesprächen und Redeanweisungen, so mögen jetzt wieder diese reichen Dialoge vor Allem für ihn zeugen, aber auch für die Unterhaltung des um ihn zum convivium fabulosum sich sammelnden Kreises. Einzelne der sprechenden Personen tragen Namen seiner Hausgemeinde; auch Carinus tritt in solcher Weise auf; an Person und Reden des Pellican knüpft sich die schöne Schilderung des ächten Franziskaners Konrad im Colloquium vom Bettelreichen.

Hinter Allem steht doch die eigenste Art des Erasmus selbst und die ungeheure Macht seiner Arbeit, die selbst in diesen durch mancherlei Anfechtungen bewegten Spätjahren eine erstaunlich vielseitige ist. Aber auch eine Verkörperung des allgemeinen Geistigen der Zeit selbst sehen wir in Vollendung vor uns. Mit dem 1521 gestorbenen Sebastian Brant ist ein alter ruhmreicher Führer des Humanismus hinweggegangen; ein Jahr später stirbt der andre Große, Reuchlin, und in einer leuchtenden Vision, einer Apotheose, feiert Erasmus diesen Verklärten. Nun ist er sich seiner Einzigartigkeit, seines durch ein Leben hoher Art errungenen Ruhmes bewußt; wir sehen ihn wiederholt die Summe dieses Lebens ziehen, sein Werk zusammenfassen und überblicken: in der Briefsammlung, die seine erste Publikation nach der Ankunft in Basel ist; in der großen Autobiographie für Botzheim 1523; im Plan einer Gesamtausgabe seiner Arbeiten 1527.

Es ist eine frühe Altersbeschaulichkeit, und in solche hinein kommen immer wieder aufregende Rufe von draußen, von König Franz, von König Heinrich, vom alten Freunde Polydorus Vergilius in London u. A. Aber er bleibt in Basel. Nur einen kurzen Ausflug nach Besançon gönnt er sich einmal, 1524, ins schöne Burgund, wo die guten Freunde Carondelet Bonvalot u. A. sind und sein Lieblingswein wächst. Zwischen hinein ergreift ihn doch die Sehnsucht nach Weite und Ferne, nach den Ländern in denen er vor Zeiten froh gewesen. Er möchte zu seinem Egnatius, um in Italien wenn nicht zu leben so doch glücklich zu sterben. Wie gerne möchte er Frankreich noch einmal sehen vor seinem letzten Tage, mit Germain de Brix und den Freunden in den Gärten von Chantilly seliger Ruhe sich freuen. Aber er bleibt in Basel.

Dafür kommen die andern zu ihm. Daß er sich, zwischen erstaunlicher literarischer Produktion noch einem Übermaße von Besuchern hingeben muß, gehört zur Existenz des berühmten Mannes. Nach Jahrzehnten noch lebt die Erinnerung an diese Zeit, da um des Erasmus willen Basel das Wanderziel unzähliger Gelehrter gewesen. Er zieht sie an, wie der Magnet das Eisen. Die Freunde kommen und die begeisterten Verehrer, [425] oft ganz Unbekannte, natürlich auch manch Unwürdiger und Zudringlicher. Nicht Alle sind bescheiden wie Niklaus Winman, der nach Basel reist um den Erasmus zu sehen, der ihn am Sonntag in der Kirche beim Gottesdienste betrachtet, dann auf dem Heimwege, da Erasmus mit Rhenan Froben u. A. geht, ihm von ferne folgt und dem Hause gegenüber auf einem Steine sitzend im Anschaun dieser Wohnung des Erasmus glücklich ist.

Neben den Besuchern die Briefe. Sie bringen ein geistiges Leben aller Welt in diese eine Basler Gelehrtenstube. Eine Korrespondenz, deren Dichtigkeit und Weite uns deutlich genug erkennbar sind, um auch diesen Teil der erasmischen Arbeit zu würdigen. Da er einmal dem Stephan Gardiner schreibt, entschuldigt er die Kürze damit, daß er noch dringende Briefe nach Sachsen Polen Ungarn Italien Spanien Brabant England abzufassen habe. Ein andres Mal stehen vier Boten zugleich bereit, um seine Briefe hinauszutragen.

Mittelpunkt einer allgemeinen Bewegung ist dieser einzige Mann, der durch seinen Geist, sein Wissen, die Gewalt des Blickes, die Anmut der aus feingeformtem Munde fließenden Rede Jeden bezaubert. Wir haben vor uns seine Erscheinung, wie sie durch den jungen Johann Keßler in einer von allem Humanistenpathos freien Schilderung gezeigt wird: den grauhaarigen ehrwürdigen Alten, den kleinen und zarten Menschen im langen blauen gegürteten Rock mit weiten Ärmeln. Wir kennen ihn auch, wie ihn Matsys und Holbein in Bildern festgehalten haben. Weich und fast träumerisch schaut das Angesicht des Fünfzigjährigen. Später ist ein Zug der Bitterkeit hineingekommen; der Schreibende scheint versunken in seine Arbeit, und doch, lauernden Auges, lauscht er unter müden Lidern hinaus nach Lob und Tadel.

Merkwürdig frühe nennt sich Erasmus einen alten Mann. Elegisch redet er von seinem „Körperchen“, vom Verfalle der Kräfte; seine Gesundheit ist „zerbrechlicher als Glas“. Der warme Dunst der Öfen bringt ihn beinah um; nur am offnen Kaminfeuer ist ihm wohl. Vor Allem aber leidet er an Blasenstein, sodaß ihm einzig der Burgunder ein bekömmlicher Trank ist.

Klagen um Klagen über diese Dinge geben seinen Briefen oft eigentümlichen Charakter. Aber er hat Schwereres zu tragen. Zu seiner Größe gehören der Widerspruch und der Widerstand Andrer. Schon in Basel selbst ist er kein Stadtheiliger, kann er keiner sein, ist er dem Übelwollen oder der Gleichgültigkeit ausgesetzt; und doch hat ihn diese Stadt aufgenommen und hält ihn fest trotz den Löwenern und Luther und Ökolampad, [426] was die Stadt Zwinglis vielleicht nicht vermocht hätte. Schmerzlicher als Alles, was er hier erlebt, sind die Anfechtungen draußen, ist das Bewußtsein, nicht mehr der ehemals Mächtige zu sein. Auch ein Erasmus erlebt Werden und Vergehen. Die einen Freunde sind ihm fremd geworden, andre gestorben. So verödet das Leben, die dulcis consuetudo schönerer Zeiten ist dahin. Großartig und freudig gehoben war sein Wesen in den Jahren des Hieronymus und des Neuen Testamentes; jetzt hat er, der zum Frieden Geschaffene, nach allen Seiten hin kämpfend sich der Gegner zu erwehren. Vor Allen der gehaßten Mönche, der „Bäuche“. Aber er hat noch andre Feinde. Von überall her weiß er sich beobachtet, oft mißkannt und gehaßt. In Deutschland gilt er als der ärgste Widersacher Luthers, in Rom, in Brabant und anderswo als Lutheraner, und da sind Manche, die noch lieber ihn vertilgt wüßten als den Luther selbst. Womit hat er das Alles verdient? Warum muß er, der nur in den Gärten und blühenden Lusthainen der Musen zu Hause war und in ihnen ruhig zu altern hoffte, nun in die Arena hinabsteigen und sich als Gladiator gebärden? Während jene Andern nur an ihren Genuß und ihre Herrschsucht dachten, hat er sein Leben lang für Christus gewirkt, für die Wissenschaften, für die Zurückführung der Theologie zu ihren Quellen, für die Beseitigung von Irrtümern. Aber die ganze Welt ist verdorben und ihrem Verhängnis anheimgefallen, statt der Grazien herrschen die Furien, Alles ist kriegerisch geworden, auch die Gelehrsamkeit ist heute zänkisch, ist anmutlos.

So zürnt der Erasmus dieser spätern Jahre. Auch den alten Freunden erscheint er verbittert und mürrisch. Sogar für den Liebling Glarean hat er nicht mehr die gewohnte Freundlichkeit. Er ist müde, durch Krankheit Ärger und unablässige Arbeit erschöpft, und sehnt sich nach Ruhe. In solchen Stimmungen, überdies durch die hier herrschende Pest erschreckt, macht er im Januar 1527 sein Testament.


Unterdessen sind neben Erasmus Andre herangewachsen, die in eigner Macht ihr Geistiges vertreten. Sie gehören größeren Teiles der Universität an.

Doch ist vorweg Beatus Rhenanus zu nennen, den die Zeitgenossen als den ersten Mann des gelehrten Basel neben Erasmus, neben diesem „großen und ehrwürdigen Gestirn“ als das kaum weniger strahlende, zu verehren pflegen. Es ist die Zeit, in der die wissenschaftliche Tätigkeit Rhenans ihre bestimmte Richtung und zugleich ihre höchste Kraft gewinnt. In einem, soviel wir sehen, äußerlich unbewegten Leben. Vom Verkehre mit den Freunden ist die Rede, auch von Schülern. Der Sommer 1524 bringt [427] dem Rhenan eine Reise nach Straßburg, und in den Jahren 1526 und 1527 hält er sich in Schlettstadt auf als Flüchtling aus der Pestgefahr und den Parteikämpfen Basels. Im Jahre 1529 verläßt er diese Stadt für immer.


Seit einigen Jahren war der Rat mit einer Reform der Universität beschäftigt. Hiezu trat nun das innerhalb der Anstalt selbst Geschehende.

Wie in städtischen Dingen das Volk sich rottierte und Begehren stellte, so taten hier die Studenten; sie hatten dabei die Dozenten Wolfgang Wissenburg und Bonifaz Wolfhart zu Führern. Die im Kirchlichen für einen Umsturz arbeiteten, wollten auch im akademischen Wesen Reformer sein. Ihre Begehren gingen dahin, daß an Stelle Gebwilers Cantiuncula zum Rektor gewählt werde; auch eine andre, zum Teil aus Studenten gebildete Regenz wurde verlangt, ferner Abschaffung der Vorlesungen über geistliches Recht und Einführung griechischer und hebräischer Vorlesungen. Den Sommer 1522 hindurch, seit Ostern, und bis in den Herbst dauerte die Bewegung, mit wiederholten Zusammenkünften der Studentenschaft, worauf die Regenz dem Wolfhart, der ihr der Hauptschuldige zu sein schien, die Venia entzog. Seine Widersetzlichkeit hiegegen und auf seine Beschwerde hin der Befehl des Rates, ihn nicht am Lesen zu hindern, veranlaßten Rektor und Regenz zu einem erregten Proteste.

Der weitere Verlauf ist uns nicht bekannt. Jedenfalls beschäftigte die Sache sowohl politische als akademische Behörden während des ganzen Winters, bis zuletzt das Zusammentreffen dieser Universitätsangelegenheit mit andern Anstößigkeiten den Rat dazu brachte, durch seinen uns bekannten Beschluß vom 11. April 1523 den Professoren Fininger Gebwiler Mörnach und Wonnecker ihre öffentlichen Besoldungen zu entziehen und von sich aus zwei Ordinarien, Ökolampad und Pellican, zu bestellen.

Daß er so energisch eingriff, entsprach der allgemeinen Entwickelung der Ratsmacht. Auch waren sicherlich Absichten dabei tätig, die speziell einer Erneuerung des theologischen Studiums galten, vielleicht im Gedanken an die von Luther 1520 aufgestellten Forderungen. Der alten Ordnung gegenüber, die den Rat für Besetzung von Professuren an den Willen der Fakultät band, wurde durch diesen Beschluß ein neues Recht geschaffen. Schon kurz nachher galt als feststehend, daß die Besetzung der ordentlichen Lehrstellen Sache des Rates sei, und von der tatsächlichen Anwendung dieser Macht, von den dauernden Bemühungen des Rates um die Universität war dann oft die Rede. [428] Daß dabei das Verhältnis von Rat und Universität ein gespanntes, die Tendenz der beiden Gewalten eine verschiedene war, zeigt außer der Berufung von Pellican und Ökolampad ihr Verfahren bei Anstellung des Paracelsus; auch an ihre Haltung vor den Disputationen Ökolampads und Farels ist zu erinnern.

Aber das Gesamtbild der Universität ist ohne entschiedenen Charakter, ohne Geschlossenheit. Es wird geschaffen durch die verschiedenartigsten Erscheinungen und Kräfte. Und doch irren wir uns, wenn wir das hinter dieser Mannigfaltigkeit webende Leben gering achten, nur Erstarrung und Untätigkeit sehen wollen. Wenn die Überlieferung im Einzelnen auch versagt, so redet doch die große Zahl der Dozentennamen und reden einzelne dieser Namen selbst eine deutliche Sprache: Schlierbach Wenk Silberberg Herbort Gebwiler Sattler Mörnach Wonnecker Barter, aber auch Ludwig Bär, aber auch Briefer Wissenburg Imelin Wolfhart Holzach Torinus. Das ist nur ein Verzeichnis. Aber bei aller seiner Dürftigkeit läßt es die eigenartigen Bewegungen dieser Zeit der Krisis erkennen, heißt es denken hier an den Stolz, das treue Standhalten, die Pflichterfüllung, dort an das stürmische Eindringen neuer Ideen in ein altes Wesen.

Jedenfalls bereicherte die Universitätspolitik des Rates die Anstalt um eine Reihe energischer Männer frischer und hoher Art. Es sind — neben dem schon früher gewählten Cantiuncula — die im Jahre 1522 und in den nächstfolgenden Jahren dem Lehrkörper beitretenden Glarean Ökolampad Pellican Sichart Oswald Bär Amerbach Paracelsus.

Diese Männer wirkten neben Erasmus Rhenan und Gelenius als die Hauptführer wissenschaftlichen Lebens im Basel der 1520er Jahre. Das Wichtige dabei ist, im Gedanken an den nur um zehn Jahre zurückliegenden Zustand, daß sie Lehrer der Universität waren.

Freilich verödeten nach und nach die Matrikeln dieser Universität, und in alljährlichen Wehklagen der Rektoren wurde Solches als Folge der reformatorischen Bewegung dargestellt. Diese wirkte jedenfalls, indem sie Unsicherheit und Unruhe im geistigen Leben überhaupt weckte. Aber noch Andres kam dazu. Wir denken an die stets zunehmende Konkurrenz auswärtiger Universitäten, an die allgemeine Lage Europas, an die Kriege, die Empörungen, die Teuerungen und Epidemien. Die benachbarte Universität Freiburg, ferner Wittenberg Erfurt Leipzig Heidelberg Köln usw. erlebten dieselbe Desertion.

Wenn der schlechten Frequenz wegen von einem Zurückgehen, ja Untergehen der Universität Basel geredet wird, so gilt dem gegenüber, daß gerade [429] in diesen Jahren der Begriff der Universität durch eine Reihe von Lehrern so glänzend vertreten worden ist, wie nie zuvor. Wir erwägen, daß „eine geringe Versammlung von Studierenden nicht jene Hast fordert, die uns auf besuchten Akademien nur übertäubt“, und denken auch an eine andre, trotz äußerer Kleinheit und Schlichtheit glorreiche Zeit unsrer Universität.


Den Juristen Claudius Cantiuncula kennen wir schon. Neben Anwaltsgeschäften und Kanzleidienst versieht er seit 1518 die ordentliche Professur des weltlichen Rechts. Wir vernehmen auch sonst allerhand von seiner Fähigkeit. Er dient dem Rate bei den Arbeiten für Gewinnung guter Professoren. Die Kopien des Breviarium Alaricianum aus Murbacher und Straßburger Handschriften, die Sichart bei seiner Edition verwendet, sind von Cantiuncula angefertigt. Dieser interessiert sich auch für die Alciatausgabe Cratanders; er übersetzt das Beichtbuch des Erasmus ins Französische, die Utopia des Morus ins Deutsche und widmet jene Übersetzung der Herzogin Margaretha von Alençon, Schwester des Königs Franz, diese dem Bürgermeister und Rat der Stadt Basel. Da er diese Dedikationen schreibt, ist sein Fortgang schon beschlossen, die Widmung an den Rat ein Abschiedsgruß an das Gemeinwesen, dem er gedient hat. Die Krankheit seines Vaters zwingt ihn, {{}}nach Metz zurückzukehren; im Frühling 1524 verläßt er Basel.


Heinrich Glarean ist im Frühling 1522 von Paris nach Basel zurückgekehrt. Nach der zuvor mit den Behörden getroffenen Abrede hält er sofort Vorlesungen an der Universität, im großen, von Hörern gefüllten Auditorium. Am 10. März 1524 wird er in den Fakultätsrat der Artisten aufgenommen, am 16. Oktober 1525 zum Dekan gewählt. Er betreibt auch wieder eine private Erziehungsanstalt, ein Pensionat, in dem auch Externe am Unterrichte teilnehmen können.

Die Wohnung hat Glarean zuerst im Hause des Hieronymus Artolf. Nachdem er sich im Herbste 1522 verheiratet hat, mit einer natürlichen Tochter des Junkers Henman Offenburg, erhält er 1523 Wohnung im Kollegium, wohl zugleich auch die Leitung der Burse daselbst.

Durchweg ist er noch der Glarean der frühern schönen Zeit. Weder mürrisch noch herrisch. Voll heitern Lebens und vor den Widerwärtigkeiten draußen sich ins Haus verschließend, wo ihm seine Musen Trost bringen.

[430] So viel Munterkeit bringt er in diese Basler Zirkel, daß Erasmus ein neues Leben zu leben glaubt. Über Alles aber geht die Frische und Kraft seiner mannigfaltigen wissenschaftlichen Leistung, die zudem immer getragen ist durch ein begeistertes Schweizerbewußtsein. Er forscht arbeitet und doziert „im Namen des ganzen Vaterlandes“, und wenn er Ruhm erlangt, so dient dies „zu Helvetiens Ehre“. In seine Vorlesungen strömt die Jugend; bald ist er der Einzige, der den Saal zu füllen vermag; während Andre kaum sechs Hörer haben, hat er deren sechzig.

Am 20. Februar 1529 verläßt er Basel und geht nach Freiburg.


Am 11. April 1523 wird Ökolampad vom Rate zum ordentlichen Lehrer der Theologie an der Universität ernannt; es ist eine Professur für biblische Exegese.

Die Art der Wahl hat zur Folge, daß Ökolampad außerhalb der Universität und ihrer Ordnungen steht; die Korporation anerkennt die Wahl nicht. Und da die kirchliche Wirksamkeit Ökolampads ihn allmählich auch dem Kreise des Erasmus ferne rückt, so ist seine Stellung in der Basler Gelehrtenwelt eine isolierte. Wo er in deren Schriften Erwähnung findet, ist ein spürbarer Ernst um seine Gestalt gebreitet. Die Gegner können ihn hassen, aber nie gering schätzen.

Unter den schwierigsten Verhältnissen gewinnt er sich Achtung. Neben dem Mächtigen, das er als Haupt der neuen kirchlichen Gemeinschaft zu vollbringen hat, gehen einher die Vorlesungen an der Universität über den Propheten Jesajas, über den Römerbrief usw. und gehen weiter einher seine wichtigen und zahlreichen Veröffentlichungen: die griechische Grammatik, die Prophetenkommentare, die Väterübersetzungen. Er übt die stärkste Wirkung auf die Scharen seiner Hörer; in seinen Schriften strömen dauernde Anregungen weit hinaus in die Welt.


Gleichen Tags wie dem Ökolampad wird dem Pellican eine ordentliche theologische Lektur aufgetragen. Er erklärt in seinen Vorlesungen die Genesis, die Sprüche Salomonis, den Prediger. Es ist ein Amt, neben dem er noch Zeit findet für mannigfache Forschung, für gelehrte Schriftstellerei und Aushilfe bei den Buchdruckern, für eine, wie er selbst sagt, „große und nützliche Arbeit“. Aber auch seine Stellung ist eine isolierte. Vom Guardianat zu Barfüßern ist er seit 1523 entlassen. Schon im Februar 1526 verläßt er Basel, um in Zürich die durch Ceporins Tod frei gewordene Lehrstelle zu übernehmen.

[431] Johann Sichart wird uns während seiner Basler Jahre fast ausschließlich durch wissenschaftliche Publikationen bekannt, während sein Alltägliches und rein Menschliches uns kaum in die Nähe tritt. Die schöne Schilderung durch Zasius würden wir gerne durch charakteristische Einzelheiten und auch durch einige Schatten belebt sehen.

Sichart ist ein Franke, um das Jahr 1499 geboren in Tauberbischofsheim. In Erfurt und Ingolstadt gebildet, ist er seit 1521 als privater Lehrer in Freiburg tätig. Er wird auf die in Basel sich vollziehende Reform der dortigen Universität aufmerksam und wünscht dabei das Fach der literae humanae zu übernehmen. Auch die Basler haben auf eine noch stärkere Besetzung dieses schon durch Glarean vorzüglich vertretenen Faches Wert zu legen, da außer Glarean auch Erasmus und Rhenan zwar die mögliche Höhe solcher Studien zeigen und einen großen Maßstab geben, aber selbst nicht dozieren. Zasius und Cantiuncula führen die Verhandlungen; im Frühjahre 1524 kommt Sichart nach Basel und übernimmt eine vom Rate besoldete Professur.

In erster Linie und von Amtes wegen ist Sichart Philologe; er liest über Livius Cicero Quintilian und doziert Rhetorik. Aber er treibt auch juristische Studien; er hat auch medizinische Interessen. Er ist Editor wichtiger Quellenschriften des Altertums und des Mittelalters. Hiebei erhebt er sich zu Leistungen von dauerndem Wert, und erstaunlich ist die Summe seiner in wenige Jahre zusammengedrängten Arbeit. Viele dieser Autoren sind erst durch ihn gefunden und zum ersten Mal ans Licht gebracht.

Sichart erscheint durchaus als eine Figur für sich, ansehnlich noch neben Erasmus und Rhenan. Eine klare praktische Natur, die auch in Honorarfragen gut für sich zu sorgen versteht. Mit der sonstigen Humanistenkorrespondenz verglichen zeigen seine Briefe den noch nicht Dreißigjährigen als merkwürdig trockenen Menschen. Auch ist zu beachten, daß Erasmus seiner nirgends erwähnt, daß sich auch keine Beziehungen zu Froben zeigen. Dagegen ist uns der Verkehr Sicharts mit Rhenan und das Zusammenarbeiten dieser Zwei bezeugt; auch Bonifaz Amerbach ist Sicharts guter Freund; dem Ökolampad hilft Sichart bei der Cyrillübersetzung, dem Domherrn Peter Reich widmet er seine Ausgabe des Justin.

Das Finden- und Edierenwollen treibt den energischen Forscher wiederholt hinaus. Er kommt dabei nach Murbach Straßburg Trier, nach Sponheim Lorsch Fulda usw. Lauter Aufregung ist um diese Handschriftenjagden und glücklich die Heimkehr, wenn er einen „unvergleichlichen Schatz“ mitbringt und vor den Freunden ausbreitet.

[432] Es sind reiche fruchtbare Jahre. Im April 1530 nehmen sie ein Ende; Sichart verläßt Basel und zieht nach demselben Freiburg, nach dem schon Glarean und Erasmus gezogen sind.


Der Südtiroler Oswald Bär ist kein Neuling mehr an der Universität, vielmehr seit dem Jahre 1512, als Doktor der Medizin, Fakultätsmitglied. Im Juni 1523 wird er Ordinarius an Stelle Wonneckers, dem er noch im gleichen Jahr auch als Stadtarzt folgt.

Von seiner akademischen Wirksamkeit wissen wir nichts. Aber er ist vielleicht der Verfasser einer wider den Papst gerichteten Flugschrift 1521, und im Februar 1523 hat er dem Rat ein Gutachten zu erstatten über das Thema der Ehehinderung durch Gevatterschaft; er bestreitet sie; „alle menschliche ordnung ufsatzung gebot, so hinderniß bringen dem göttlichen wort satzung ordnung, die sind heidnisch anticristlich und teuflisch“ u. dgl. m.


Bonifacius Amerbach kommt als Sohn des Buchdruckers Johannes aus dem einzigartigen Vaterhause, das wir kennen. Geboren am 11. Oktober 1495, erhält er Unterricht im Engental von Leontorius, in Schlettstadt von Hieronymus Gebwiler und Sapidus, dann in Basel von Adrianus Cono Lister. 1513 erwirbt er in Basel die Magisterwürde und geht nach Freiburg, wo er Schüler des Zasius wird. Zwischenhinein bei wiederholten Besuchen in Basel arbeitet er hier allerhand für Rhenan und Glarean und wird mit Erasmus bekannt. Im Frühjahr 1519 kehrt er hierher zurück; ein Jahr später, im April 1520, geht er zur Vollendung seiner Studien nach Avignon zu Alciat. Pestgefahr nötigt ihn im April 1521 zur Rückkehr nach Basel, von wo er sofort sein vertrautes Freiburg aufsucht. Im Mai 1522 begibt er sich abermals nach Avignon.

Wir beachten, daß Bonifaz seine Ausbildung fast ganz außerhalb Basels sucht. Wir beachten auch die Intensität der Studien und ihre lange Dauer. Daher Verwandte und Freunde diesen ewigen Studenten mahnen, einmal abzuschließen; er solle sich aufraffen und der Heimat zeigen, was er gelernt habe. Endlich am 3. Mai 1524 trifft Bonifaz in Basel ein; er ist nahezu neunundzwanzig Jahr alt.

Zu eben dieser Zeit tritt Cantiuncula von seiner Basler Rechtsprofessur zurück, in der Meinung, daß Amerbach sein Nachfolger werde; schon im Dezember hat er hievon dem Rate gesprochen und auch den Amerbach zur Bewerbung aufgefordert. Aber Zasius will Diesen in Freiburg haben und hat Aussicht, ihn zu gewinnen. Da greift der Basler Rat ein [433] und überträgt am 27. Oktober 1524 dem Bonifacius die durch Cantiunculas Abgang erledigte Lektur in weltlichen Rechten. Aber der Gewählte hat noch nicht einmal den Doktortitel. Um diesen zu erwerben, reist er noch einmal, zum dritten Male, nach Avignon und doktoriert dort. Endlich zu Beginne des Jahres 1525 ist er fertig, trifft er in Basel ein und beginnt er hier noch im Sommer, mitten in den die Stadt bewegenden Unruhen, seine akademische Tätigkeit.

Fortan steht Bonifacius als Professor vor uns, als Inhaber des Lehrstuhles, den vor einem halben Jahrhundert die Italiäner innegehabt, dann Ulrich Kraft und zuletzt Cantiuncula. Wir lernen auch einige seiner Schüler kennen, den Petrus Vitellius, den Augustin Planta, den Johannes Sphyractes, den Johannes Oporin, den Sixt Birk, und vernehmen die Ansprache, die er bei Eröffnung des Kursus 1526 hält über die Bedeutung der Rechtswissenschaft für Staat und Gesellschaft, über die Notwendigkeit der Rechtsstudien. Sonst wird wenig von dieser akademischen Tätigkeit und von der juristischen Wissenschaft Amerbachs überhaupt spürbar. Er ist den Freunden nicht nur juris doctor, sondern auch linguarum doctissimus, und er selbst bekennt, daß er seine Professur nur gezwungen übernommen habe, daß das ganze große römische Altertum, die res latina, ihm mehr wert sei als alle Subtilität des römischen Rechts. In solcher Weise wirkt er durch die Zeugnisse seiner Zeit hindurch auch auf uns. Wo immer wir ihm begegnen, ist er nicht der fachgerechte Legist, sondern „der berühmte Doktor, der mit dem Jus die Elegantia aufs schönste verbindet“, der Humanist von allseitiger Bildung, von hoher persönlicher Kultur.

Bonifaz Amerbach hat kein Bedürfnis der auf Dauer bestimmten und ins Weite gehenden Produktion. Er ist damit zufrieden, sich in Gutachten, in Vorlesungen und im Freundesgespräche mitzuteilen. Neben so viel tätigen und schöpferischen Menschen, mitten im Geräusch allgemeinen Kampfes, will er für sich selbst nichts Anderes als die Seligkeit der Studienruhe. Ein zahmes Haustierchen nennt ihn Erasmus. Seine Freude ist der stille Genuß, den die Wissenschaften gewähren, ist der Verkehr mit allem Guten und Edeln auf Erden, zumal mit wohlgearteten Menschen.

Wohlgeartet ist vor Allen er selbst. Harmonisch, ohne Gewaltsamkeiten, anmutig. Vermöge der ihm von Jugend an eigenen Liebenswürdigkeit, der Treue, der Bildung, der Weltgewandtheit, des Reichtums wird er ein Mittelpunkt des geistigen Basel der 1520er Jahre, das an seinem dulcis convictus, an der Süßigkeit des Lebens mit ihm wohllebt. Die Führerschaft überläßt er Andern. Aber schon ein nur Hohes und Reines verehrender [434] Sinn gibt Herrschaft, und mit einer solchen Macht wirkt Bonifacius noch heute.

So erscheint er als die Freude Aller. Nur daß er dieses Wohlgefallen auch stören kann durch sein Zögern, sein kraftloses Schwanken. Er ist zeitlebens jener Bonifacius, der aus eigenem Antriebe den Studienjahren kein Ende zu geben vermag. Der aber auch die ihm das Größte verheißenden Prophezeiungen des Erasmus Lügen straft. Vielleicht steigert gerade die völlige Hingabe an diesen Erasmus, ohne den er nicht leben kann, seine Anlage. Aber was bei dem sehr aktiven Erasmus Scheu vor offener Parteinahme und Vorsicht des, trotz allem Freiheitsbekennen, vielfach Abhängigen ist, erscheint bei Bonifacius als Unlust zu Entschluß und Entscheidung. Diese weiche Gelassenheit trägt ihm gelegentlich herbe Vorwürfe von demselben Zasius ein, der einst die süßesten Kosenamen für den herrlichen zauberischen Jüngling gehabt hat. Solche Apathie ist es dann auch, neben gutbaslerischem Patriotismus, die ihn im Jahre 1529 nicht den Freunden nach Freiburg folgen, sondern in Basel bleiben läßt.

Zum Glücke dieses Menschen Bonifacius gehört, daß er im Ruhme weiterlebt nicht kraft gelehrter Traktate und Editionen, sondern anschaulicher und der Fülle des Lebens gemäßer. In den Schilderungen, deren ihn die Besten seiner Freunde gewürdigt haben, und in dem leuchtenden Bilde Holbeins. Überdies in zahlreichen durch ihn selbst vereinigten und noch heute vorhandenen Gegenständen. Sammeln und Bewahren gehört zur amerbachischen Art; ihr verdanken wir das unvergleichliche Briefarchiv, in dem der Glanz der drei Generationen lebt; auch die Bücherleidenschaft hat Bonifacius; er sammelt antike Inschriften und Münzen. Aber dies Alles, die Antiquitäten Bücher Geräte Preziosen, umgeben ihn nicht als Sammlungsstücke sondern als Ausstattung seiner Räume, dienen seinem täglichen Leben. Gerne würden wir dieses Liebhaberleben im alten Familienhaus an der Rheingasse zu schildern versuchen, wo die Freuden- und Studiengenossen aus- und eingehen, wo die Musik eine königliche Stellung hat, wo Alles sinnvoll ist von den Oliven Feigen und Orangen der Avignoneser Freunde bis zum Thymian und Basilicum im Garten und zur Hauskatze, die den Namen Juno trägt.


Im Jahre 1527 begegnen wir hier dem Paracelsus. Er ist mit keinem der Gelehrten vergleichbar, neben denen er in Basel leben und arbeiten soll. Die rundeste, durch und durch aus eigener Kraft lebende Gestalt im Vielerlei dieser Jahre. Er bringt etwas ganz Neues. Nur episodenhaft, wenige Monate dauernd, ist seine Anwesenheit.

[435] Paracelsus war geboren im Jahre 1493 zu Einsiedeln, als Sohn des Arztes Wilhelm von Hohenheim, eines unehelichen Sprossen der schwäbischen Adelsfamilie Bombast von Hohenheim. Neunjährig kommt er nach Villach; im Unterrichte seines Vaters, in den Bergwerken und Schmelzöfen, bei Sigmund Füger in Schwaz usw. tritt er der Natur nahe, lernt er die Metallgewinnung, die Scheidekunst, die chemischen Produkte kennen. Dann beginnen die Wanderjahre. Auf weiten Fahrten durch alle Länder Europas, ohne die Zucht geordneter Studien bildet sich dieses reiche Ingenium. Nicht die Schule und nicht das Buch sind es vor Allem, die dem Paracelsus die Herrlichkeiten des Wissens erschließen. Er lernt in der Natur, „wo Gott selbst die Mittel hingelegt hat“; er lernt von Landfahrern gleich ihm, von Bauern Hirten Werkleuten, vom gemeinen Mann überhaupt; auch bei Zigeunern lebt er und wird eingeführt in uralte fremde Weisheit und Heilkunst. Aber nichts Einseitiges und Befangenes ist hiebei. Paracelsus kehrt da und dort auch bei Universitäten an und macht sich mit der geltenden Medizin, mit den gepriesenen Lehrbüchern bekannt; in Ferrara erwirbt er den Doktortitel.

Dann zum ersten Male 1526 wird Paracelsus, dreiunddreißigjährig, in unserer Nähe sichtbar, in Straßburg. Dort erwirbt er das Bürgerrecht.

Sein Ruf eines erfahrenen Medicus und Chymicus muß von Straßburg nach Basel gedrungen sein, wo er sofort Gelegenheit erhält, seine Fähigkeiten zu zeigen. Durch die rasche Heilung eines Fußleidens von Johann Froben, das die Basler Ärzte nicht haben bezwingen können. Damals wohl rufen die Anwesenheit und das sichtbare Können des merkwürdigen Mannes dem Wunsche, ihn dauernd für Basel zu gewinnen. Der frobenische Kreis sowie Ökolampad empfehlen den Paracelsus, und im Frühling 1527 kommt die Wahl zu Stande. Der Rat ernennt den Paracelsus zum Stadtarzte, neben dem seit 1523 dieses Amt besorgenden Oswald Bär, und trägt ihm auf, medizinische Vorlesungen in der Universität zu halten, unter Bewilligung eines Honorars aus der städtischen Kasse.

Wenn aus der Tätigkeit des Paracelsus in Basel beinahe nur Erregendes und zum Streite Führendes bekannt wird, so gilt dies schon von seinem ersten Auftreten. Seine Stellung zur Fakultät ist von Anbeginn verdorben.

Zunächst wegen formellen Ungenügens. Paracelsus ist vom Rat ernannt, aber, weil er Immatrikulation und Inkorporation unterläßt, nicht Ordinarius der Fakultät. Sein Anspruch, zur Benützung des medizinischen [436] Hörsaales für seine Vorlesungen und zur Praxis berechtigt zu sein, wird daher durch die Fakultät mit Fug bestritten. Er wendet sich an den Rat, der ihn gewählt hat, und erlangt auf diesem Wege die Möglichkeit, im Kollegiengebäude zu lesen, gegen den Willen der Fakultät; er hat aber nach wie vor weder ihre Mitgliedschaft noch das Recht zu promovieren.

Tiefer greift die aus Person und Anschauung kommende Divergenz. Sie ist es, die den Paracelsus von Erfüllung jener Formalitäten zurückhält, die überhaupt ein Zusammenarbeiten dieses neuen, aus dem Rathause kommenden Dozenten mit den Herren der Fakultät, den Oswald Bär, Johann Silberberg, Eucharius Holzach u. A., unmöglich macht. Paracelsus weiß, ein Andrer zu sein als sie. Er verachtet die Universitäten in ihrer jetzigen Gestalt und Leistung. Er will den Unterricht ändern, die ganze Medizin reformieren. Noch steht er mit dieser Gesinnung hier allein da, isoliert, ein eremita im doppelten Sinne; als Solcher erläßt er das Programma, in dem er seine Vorlesungen ankündigt und alle Liebhaber der apollinischen Kunst zu deren Besuch auffordert. Er werde eine von Irrtümern gereinigte Wissenschaft lehren, nicht auf die Vorschriften der Alten sich stützen, sondern auf das von ihm in der Natur Gefundene. Daher werde er den Vorlesungen seine eigenen Schriften zu Grunde legen, nicht den Galen.

Das ist der neue Professor, der von der ersten Stunde an die Trennung zieht zwischen seiner Wissenschaft und derjenigen der Fachgenossen. Neben ihm ergreift auch der Stadtarzt Paracelsus das Wort und dringt, über seinen Collegen Bär hinweg, der selbst auch Apotheker ist, beim Rat auf Reform des Apothekenwesens. Eine ständige Beaufsichtigung der Apotheken solle eingeführt werden, jedes Paktum und Teilungsgeschäft zwischen Ärzten und Apothekern verboten sein; die Rezepte der Ärzte seien zu kontrollieren, die Apotheker auf ihre Kenntnisse zu prüfen, das Dispensieren durch Ungeprüfte und Unerwachsene zu untersagen, auch eine Arzneitaxe aufzustellen.

So steht dieser Theophrast von Hohenheim wie er selbst sich nennt, dieser Paracelsus wie Akten und Briefe ihn nennen, mitten im Leben der Universität und der Stadt. Als Neuerer, als Feind geltender Mächte, als ein Fremdling der hier nie Fuß fassen wird. Manchen begeistert und bezwingt sein Genius. Froben und die Brüder Amerbach sind seine Freunde; in den Vorlesungen hat er zahlreiche Hörer, aus denen Einzelne wie Oporinus ihm persönlich nahe treten. Aber sein Wesen, sein Lehren und Handeln sind derart, daß um ihn her es keine Ruhe gibt. Auch keine [437] Gleichgültigkeit. Er ruft nur dem Enthusiasmus oder dem Hasse. Die ganze Paracelsuszeit Basels, die im Frühling 1527 beginnt, im Februar 1528 endet, ist Sturmzeit.

Schon das äußere Gebahren des Mannes befremdet Viele. Wie er die Standestracht des Arztes mit dem roten Barette zu tragen verschmäht, auch sonst nichts Feierliches an sich hat, so hält er Gewohnheiten seines langen Wanderlebens überhaupt fest. Wie lobpreist er dieses Wandern : „ein Arzt soll ein Landfahrer sein, die Kunst gehet Keinem nach, aber ihr muß nachgegangen werden; Wandern gibt mehr Verstand als hinterm Ofen Sitzen, usw.“. Und so empfindet er Ungebundenheit als die zum Wirken großer Dinge nötige Freiheit. Er mag daher in seinem Auftreten etwa für einen Fuhrmann gehalten werden, in Wirklichkeit ist er lauter Geist. Von kleinem und zart gebautem Körper, mit einer dünnen Stimme. Ein Arbeiter ohne Maß, der die Kleider nie ablegt und sich kaum den Schlaf gönnt; mit gespornten Stiefeln kurze Zeit aufs Bett hingeworfen, springt er plötzlich auf wie von Dämonen gejagt und beginnt wieder zu schreiben.

Als Erneuerer der Medizin tritt Paracelsus auf. Schon das Deutsch seiner Lektionen ist Verletzung ernsten und geheiligten Brauches, kann Dem und Jenem als Profanierung der Wissenschaft erscheinen. Trotzig und leidenschaftlich verkündet er seine Lehre, die nicht im abstrakt wissenschaftlichen Gebiete bleibt, vielmehr an Gesundheit und Leben selbst geht. Die der Bücherweisheit absagt und über literarische Autoritäten hinweg wieder eine aus der Natur selbst geholte Erkenntnis verlangt. „Die Arznei steht auf der Natur, ja die Natur selbst ist die Arznei, und darum suche man letztere auch in der Natur. Selig Arzt und Naturforscher, die in den Büchern, die Gott selbst geschrieben, wandeln.“ Auch Paracelsus arbeitet für eine Wiedergeburt, für diejenige der ärztlichen Lehre und Kunst. Den Gelehrten der Fakultät gegenüber, die kein Abweichen von den pathologischen und therapeutischen Regeln der Galen usw. zugeben wollen, stellt er ein Großes und Allmächtiges gegenüber: die Erfahrung. „Erfahrung täuscht niemals. Sie ist die größte Lehrmeisterin. Die Augen, die an der Erfahrenheit ihre Lust haben, sind die wahren Professoren. Was not tut, ist Experientz, nicht, die großen Schwaderlappen der alten Skribenten zu lesen.“ Es ist die Erfahrung, die Paracelsus am Krankenbett, in der chemischen Küche, auf der weiten Erde gewonnen hat und stets neu gewinnt. Beobachtung und Experiment sind seine Forderungen.

[438] Was uns wichtig ist an Paracelsus, liegt in diesen Lehren; sie führen ihn zu seinen dauernd wertvollen Leistungen für Physiologie und Therapie. Aber charakteristisch für ihn und seine Zeit ist dann, wie er seinen Empirismus mit naturphilosophischen und mystischen Phantasien zu verbinden im Stande ist.

Wie ein Blitz fährt dieses Neue durch die alten Meinungen und Zustände. Denn in aggressivster Weise, mit unerhörter Impetuosität trägt sich Paracelsus vor. Dazu in einer Sprache voll Empfindung und Bildkraft, der sein Selbstgefühl zuweilen einen fast marktschreierischen Ton gibt. „Mir nach“, ruft er den Ärzten und Hohen Schulen zu „mir nach und ich nicht Euch nach! Mir nach, Avicenna, Galen, Rhasis, Montagnana, Mesue; mir nach und ich nicht Euch nach, Ihr von Paris, Ihr von Montpellier, Ihr von Schwaben, Ihr von Meißen, Ihr von Köln, Ihr von Wien, und was an der Donau und Rheinstrom liegt; ihr Inseln im Meere, du Italia, du Dalmatia, du Athenis, du Griech, du Arabs, du Israelita, mir nach und ich nicht Euch nach! Ich werd Monarcha und mein wird die Monarchie sein!“ Der Wahlspruch dieses unerschrockenen und mächtigen Menschen ist, daß wer sein Eigner sein könne, keines Anderen sein solle.

Wir sehen, wie gerade in diesen Jahren hier in Basel Gelehrte und Drucker einem neuen Kultus der alten Klassiker der Medizin dienen. Mitten hinein tritt nun Paracelsus, dieselben Schriftsteller als Irrlehrer bekämpfend, die zu Nutz und Frommen der Heilkunde wieder zu frischem Leben aufgerufen werden. Cornarius und Paracelsus nahe beisammen bewegen dasselbe Basel.

Bei dem Allem haben wir uns zu vergegenwärtigen, wie stark Paracelsus wirkt. Er hält im Kollegiengebäude seine Vorlesungen, in deutscher Sprache, vor vielen Hörern, täglich zwei Stunden, auch während der Hundstagsferien; in diesen Vorlesungen teilt er sein System mit, den Reichtum seiner Gedanken; viele der später gedruckten Schriften sind der Niederschlag dieser Basler Offenbarungen. Seine Studenten nimmt er bei Krankenbesuchen mit, auf Ausflügen lehrt er sie die Arzneipflanzen kennen, er leitet sie an zu chemischen Arbeiten. Daneben einher geht seine amtliche Tätigkeit als Physikus und seine ärztliche Privatpraxis.

Der Erregtheit des rastlos beschäftigten und von der Überzeugung seiner großen reformatorischen Aufgabe erfüllten Mannes antwortet von allen Seiten — Dozenten Ärzten Scherern Apothekern Laien — her Befeindung. Von Anbeginn. Kaum ist Paracelsus in Basel aufgetreten, sein Wesen bekannt, so gilt er schon als Ketzer der Arznei, als Studentenverführer. Hinter seinem Rücken gehen Schmähreden, wird der „tolle Stierkopf“, der [439] „Waldesel von Einsiedeln“ verleumdet; er soll mit seinen Pillen Manchem den Tod gereicht haben u. dgl. m. In einem an den Türen einer Burse und mehrerer Kirchen angehefteten Pasquill, im Herbste 1527, erhält er von den Manen Galens schwere Vorwürfe und die bitterste Verhöhnung seiner Lehre. Er bringt diese Sache vor Rat und verlangt Bestrafung der Täter; wir wissen nicht, mit welchem Erfolge. Aber kurz darauf bringt ein Vorfall seinem Dasein in Basel überhaupt das Ende. Bei der Behandlung des magenkranken Domherrn Cornelius von Lichtenfels kommt Paracelsus zu Ruhm durch seinen raschen Heilerfolg, aber dann zum Streite mit dem Geheilten über das Honorar. Das Gericht weist seine Forderung als unbegründet ab. Im Zorne läßt sich nun Paracelsus zu schweren Beleidigungen der Behörde hinreißen; er soll deswegen zur Verantwortung gezogen werden. Da flieht er vor der Festnahme eilig aus Basel, im Februar 1528.


An die Gelehrten reihen sich die Drucker, deren Arbeit noch immer zum größten Teile der Wissenschaft gehört.

Zunächst war Johann Froben auch jetzt der anerkannte Princeps. Die Niederlassung des Erasmus in Basel im Herbste 1521, das dessen Basler Leben neu begründete, wirkte auch auf die Offizin im Sessel; ihm diente sie in erster Linie. Mit der traditionellen Gediegenheit und Vornehmheit, auch mit der gewohnten Energie, wobei zu Zeiten eine ganze Reihe Pressen neben einander arbeiteten. Unermüdlich blieb auch die Sorge Frobens für die äußere Gestaltung seiner Werke, für die Typenform, für den Buchschmuck. Seine formulae sind noch immer die Freude aller Liebhaber feinen Studiums.

Es war der alte Geist des frobenischen Betriebes, der fortwaltete. Aber Neues kam hinzu. Außer der Veränderung des deutschen Büchermarktes, auf dem, wie Erasmus klagte, nur Lutherliteratur Käufer fand, empfand Froben in Basel selbst immer mehr eine starke Konkurrenz; er klagte über den Neid der Kollegen, über Verleumdungen. Und überdies drängte neben dem Vater der Sohn Hieronymus ungeduldig und mit eigenen Ideen nach oben.

Hieronymus Froben war Sohn der ersten Ehe des Johannes. Geboren 1501, wurde er 1515 bei der Universität immatrikuliert. 1520 erhielt er den Magistertitel. Auf die Studien ging sein Sinn; er wollte bei Pellican und Sebastian Münster Hebräisch lernen. Aber das väterliche Geschäft nahm ihn in Beschlag und gab ihm die Richtung. Er fand hier Arbeit die Fülle. Wiederholt war er bei Erasmus in Löwen; auch an der Frankfurter [440] Messe finden wir ihn und in Italien; unter den Schätzen der dalbergischen Bibliothek zu Ladenburg suchte er Anecdota für die frobenischen Pressen.

Am 11. Januar 1524 heiratete er die Anna Lachner, Schwester seiner Stiefmutter. So wurde er der Schwager seines Vaters. Es war eine unnatürliche Verbindung, die an sich schon alle Schwierigkeiten und Wirrnisse möglich machte, wie viel mehr noch bei Hieronymus Froben. Schon jener Brief, den Erasmus am 14. August 1521 aus Brügge an den Zwanzigjährigen richtete, deutet auf Spannungen zwischen Diesem und dem Vater. Ganz unverhüllt aber zeigt Erasmus einige Jahre später seinen Unwillen über das Benehmen des Hieronymus, der den Vater lieblos verachte und sich mit der Stiefmutter-Schwägerin, — „mit einem solchen Weibe!“ — gegen den alten Herrn verschwöre.

Im Oktober 1527 starb Johann Froben, und wieder hören wir den Erasmus; nicht würdiger konnte der Tote geehrt werden, als durch die wiederholten Klagen und Lobpreisungen des großen Freundes.

Bald darauf heiratete die Witwe Gertrud den Johann Herwagen, wie es scheint mit Zutun des Hieronymus; „er hat sie in diese Ehe getrieben“, sagte Erasmus. Neben Hieronymus, dem Kind erster Ehe, waren aus der lachnerischen Ehe Frobens drei Kinder da: Justina, Johannes Erasmus, Ursula; außerdem lebte eine natürliche Tochter Margaretha.

Johann Herwagen, aus dem Hegau stammend, hatte seit 1523 eine Druckerei in Straßburg betrieben und da die Prophetenkommentare des Franz Lambert, Schriften Luthers und Melanchthons usw. verlegt. Dann scheint ihn der Tod des Johann Froben zur Übersiedelung nach Basel veranlaßt zu haben, wo er 1528 die frobenische Witwe zur Frau nahm und Bürger wurde.

Er heiratete in Leben und Betrieb des Sessels hinein; auch erwarb er sich das Wohlwollen des Erasmus. Mit seinem Stiefsohne Hieronymus Froben zusammen übernahm er die Offizin samt ihrer Kundschaft, ihrem Literaturgebiet und ihrem Ruhme; bald trat auch der bisherige Korrektor Frobens, Nicolaus Episcopius, in diese Gemeinschaft ein. Indem er 1529 Justina Froben, des Johannes Tochter, heiratete, kam zur geschäftlichen Verbindung die verwandtschaftliche.

Episcopius bezog mit seiner jungen Frau die durch den Weggang des Erasmus leergewordene Wohnung am Nadelberg; Hieronymus scheint zunächst im Hause Arau am St. Petersberg gewohnt zu haben, das er 1527 gekauft hatte; Herwagen übernahm wohl mit der Witwe die väterliche Wohnung im Hause zum Sessel, wo auch Druckerei und Verlag waren.

[441] Neben der frobenischen Offizin trat hauptsächlich die cratandrische hervor. Wir kennen die Anfänge des Andreas Cratander. Rasch schuf er sich eine selbständige und bedeutende Stellung, durch seine frische Persönlichkeit wirkend, gewerbliches Geschick mit gelehrter Bildung verbindend. Mutig stellte er seine Arbeit unter die Huld der leicht über die Erde hinschwebenden Göttin der Gelegenheit; er diente ihr in seinen Signeten.

Er hatte freundschaftliche Beziehungen zu Capito und namentlich zu Ökolampad, ferner zu Hedio Zwingli Vadian. In seinem gastfreien Haus an der Petersgasse nahm er Denk auf, Hinne Rode, Christoph Heil und viele Andre. Er war mit Begeisterung Hörer der berühmten Jesajasvorlesungen Ökolampads.

Dies Alles zeigt seine Teilnahme an den Kämpfen der Zeit. Aber seine Presse wurde deswegen nicht zur Agitationspresse. Er hielt sie in der Höhe. Wenn er auch zwischen hinein etwa ein Stück Tagesliteratur verlegte, so befriedigte ihn das nicht. Sein Gebiet waren die guten und dauerhaften Autoren, vor Allem Klassiker wie Cicero Horaz Plautus Sallust, aber auch Lactanz, das cornu copiae des Perotti, Briefe des Budaeus u. dgl. m. Aber auch Schriften des Zasius und des Alciat erschienen bei ihm, und in lebendiger Weise wird uns dargestellt, wie er sich der wälschen Kollegen Bebelius Resch Parmentier erwehren mußte, die ihm den Verlag abzugewinnen versuchten. Er war der Verleger Ökolampads, wie Froben derjenige des Erasmus war; ebenso der Verleger Sicharts.

Dieses mächtige Arbeiten entlang offenbart sich uns Cratanders Leben und Wesen in manchen Einzelheiten: wie er dem Seilergesellen Thomas Platter einen Plautus schenkt, mit dem erasmischen Famulus Felix zusammen das Rheintal hinab reist, in der St. Galler Bibliothek nach Handschriften sucht, dem Freunde Vadian gelegentlich das Latein korrigiert. Albanus Torinus aber, der Herausgeber des Theokrit, der 1530 bei Cratander gedruckt wird, entwirft in der Dedikation dieses Buches an Cratanders Sohn Polykarp das schöne Bild des Vaters, des als „unsterbliche Zier der Buchdrucker“ zu preisenden, weil er nur solche Autoren zur Edition erwähle, die wahrer Gelehrsamkeit und aufrichtiger Frömmigkeit dienen, und weil er mit all seinem Eifer, seiner Arbeit und Mühe nicht sich selbst Schätze zu erwerben, sondern dem Vaterland und den Studien zu nützen bestrebt sei.


Thomas Wolf führte den Betrieb der alten Offizin seines Vaters Jacob von Pforzheim weiter. Aber im Vergleiche mit Jenem war er ein [442] moderner Drucker. Nichts mehr fand sich bei ihm von jener Spezialität der Missalien und Breviere. Er begann mit Klassikern — Caesar Euripides Juvenal u. A. — und deutscher Tagesliteratur. Dann aber wurde er hauptsächlich ein Drucker reformatorischer Schriften, von Luther Melanchthon Karlstadt Schwenckfeld Ökolampad usw., seine Ruhmestitel waren die prachtvollen Nachdrucke der deutschen Lutherbibel.


Adam Petri ist im Wesentlichen schon dargestellt worden. Denn was ihn kenntlich macht, gehört fast ganz seinen früheren Jahren an. Als polemisch zeigte sich seine Offizin noch beim Drucke des hofmeisterschen Libells im Dezember 1522, dann dauerte seine eifrig und bis ins Einzelne aufmerksam betriebene Ausgabe der deutschen Bibel bis ins Jahr 1526. Auch in einer Reihe stattlicher Editionen mit Sichart bewährte er sich. Am 15. November 1527 starb er, den Weiterbetrieb der Offizin seinem neunzehnjährigen Sohne Heinrich überlassend.

Es war der Haltung Adam Petris durchaus entsprechend, daß Heinrich die Universität Wittenberg besuchte. Dann nach dem Tode des Vaters, am Neujahrstage 1528, wurde er zu Safran zünftig, und im gleichen Jahre schon wurde er Verleger und Drucker wichtiger Publikationen Sicharts. Von da an, unaufhaltsam und ungestört, stiegen seine Leistungen, stieg auch seine persönliche Geltung. Ohne die interessante Eigenart Adams zu besitzen, wuchs er weit über dessen geschäftlichen und gesellschaftlichen Bereich hinaus.


Valentin Curio (Schaffner) aus Hagenau, also Mitbürger Capitos, begann unter dessen „Patronat“ gleich Episcopius die Basler Laufbahn. Zum Sommersemester 1519 hier immatrikuliert, wurde er im August Bürger; im Januar 1520 erwarb er das Zunftrecht zu Safran. Anna Meyer, Tochter des Oberstzunftmeisters Jacob Meyer zum Hirzen, wurde seine Frau. Im Herbste 1525 kaufte er das Haus zum grünen Helm am Heuberg.

Zu beachten ist, daß Curio schon frühe Beziehungen zu Zwingli hatte; auch die unbedachten Reden gehören zu seinem Bilde, die er, der geborene Deutsche, 1524 über die zu den Franzosen ins Mailändische reislaufenden Schweizer führte.

Curios Anfänge im Buchgewerbe geschahen in enger Verbindung mit seinen Elsässer Landsleuten Cratander und Capito. Zum griechischen Lexikon, das 1519 bei Cratander erschien, schrieb Curio die Vorrede. Er trug auch einen Teil der Kosten, einen Dritteil scheint Capito eingeschossen zu haben; im Mai 1523 erhielt Dieser die Abrechnung. Inzwischen aber war Curio selbständiger [443] Verleger und Drucker sowie Buchhändler geworden. Noch im Frühjahre 1521 war er in Avignon, wohl um im Namen Cratanders mit Alciat zu unterhandeln; im selben Jahr erschien auch schon sein eigenes erstes Presseprodukt, die ratio dialectices von Melanchthon; sein Hauptwerk im folgenden Jahre, Ceporins griechische Grammatik, widmete er dem Freunde Zwingli.

Damit begann eine Tätigkeit, die nur ein Jahrzehnt währte, bis zum frühen Tode Curios, aber durch hohe Qualität der Produktion ausgezeichnet war. Merkwürdig außerhalb des frobenisch-erasmischen Bereiches bleibend.


Johann Bebel genannt Welschhans eröffnete seine Offizin im Jahre 1523; deren Erstlinge waren die Ausgaben der Erdbeschreibung des Dionys u. A. mit Ceporins Scholien und der Dichtungen Vergils; das folgende Jahr brachte ihm die Ehre, die erste Ausgabe des durch Ökolampad edierten griechischen Neuen Testamentes, gleich dem Vergil im Verlage Wattenschnees, zu drucken. Er wurde jetzt auch Bürger Basels, am 20. Juni 1524; im gleichen Jahre zeigte er das Streben des kräftigen Anfängers damit, daß er auch Agitatorischem zum Lichte half. Weniger aus Überzeugung, als aus Ungeduld seine Pressen zu beschäftigen. Es waren dies das Libell Farels gegen Erasmus und die Traktate Karlstadts; das letzte Geschäft zog ihm und dem mitbeteiligten Thomas Wolf eine Haftstrafe des Rates zu.

Aber von da an kam nichts Derartiges bei Bebel mehr vor. Er wurde einer der Typographen Sicharts. Er druckte auch Ratserlasse. Rasch wurde seine Tätigkeit vornehm und bedeutend. Nach wenigen Jahren schon galt er auch bei Gelehrten des Auslandes als Derjenige, der Editionen übernehme, vor denen Andre in Kleinmut zurückschrecken; er wurde sogar gepriesen als „Erster und Fürst aller Chalkographen“.


Eine abgesonderte Stellung hatte Johannes Faber Emmeus (Hans von Jülich). Er arbeitete zuerst als Korrektor und wurde am 3. März 1526 Bürger; im gleichen Jahre begann er Bücher zu drucken, verschiedene Werke Glareans, sowie Medizinisches. Im Übrigen war seine Presse hauptsächlich Parteipresse im Dienste der Altgläubigen. Dem entsprechend verließ er Basel im Jahr 1529; dauernder und ergiebiger setzte er von da an seine Tätigkeit in Freiburg fort.


Alles zusammenfassend finden wir, daß der Komplex dieser Drucker und Verleger der 1520er Jahre denjenigen der vorausgehenden Periode vielleicht an Menge und Vielseitigkeit übertrifft, aber nicht an Kraft des innern [444] Lebens. Deutlich ist zu fühlen, wie im Bereiche der Wissenschaften der anregende Kampf und der Enthusiasmus früherer Jahre in der Hauptsache vorüber und jetzt das ruhige Übernehmen Brauchen und Verwerten Dessen gegeben ist, was die Vorgänger gewonnen haben. Buchdruck und Verlag stehen unter der unmittelbaren Wirkung dieses Wandels; nur Ein großes Neues macht sich geltend: die zu Reformation und Gegenreformation gehörende Literatur.


Eigenartig und den Gesamteindruck kaum mitbestimmend ist die Gruppe der wälschen Buchhändler.

An ihrer Spitze steht der uns zur Genüge bekannte Johann Schabler genannt Wattenschnee. Was sie treiben, erscheint wie Weiterführung und Ausbau des von Schabler schon vor Jahrzehnten auf französischem Boden Begonnenen. Dieser Schwabe ist darüber selbst beinahe zum Franzosen geworden und gilt als solcher nun auch in Basel, wo er seit dem Ende der 1510er Jahre festeren Fuß gefaßt hat. Er wohnt hier im Hause zum roten Ring am Fischmarkte (Nr. 9), mit seiner Frau Claudia Vaugri, in stattlichem Haushalte; später besitzt er den vordem lachnerischen Renkenhof an der Spiegelgasse (Nr. 2).

Er ist der alte Praktikus des Gewerbes, ein „Buchherr“; er treibt Verlagsgeschäfte und hat einen Verkaufsladen in Basel. Aber von früher her hat er auch noch seine Faktorei in Lyon, à l'écu de Bâle, die ihm Michel Parmentier und Jean Vaugri als Geschäftsführer besorgen. Nach allen Seiten in seiner Familie hin hat Wattenschnee Beziehungen zu Buchgewerbsleuten. Sein Vetter ist Andres Wingarter der „Buchkäufer“, der in Basel ein- und ausgeht, aber auch seine Filiale in Paris hat. Sein Schwestersohn ist der uns bekannte Konrad Resch.

Wie Wattenschnee nach Lyon weist, so Resch nach Paris; dort an der Ecke der Straßen St. Benoît und St. Jacques ist seine Geschäftsstelle sub scuto Basiliensi; er nennt sich geschwornen Buchhändler der Universität Paris. Als Verleger läßt er dortige Drucker arbeiten. Aber auch in Basel besitzt er sein Haus; erst am alten Rindermarkte, dann am Fischmarkt.

In dieselbe Sippe gehören die Brüder Vaugri aus Charlin bei Lyon, als Vettern der Claudia, der Frau Wattenschnees.

Hans Vaugri begegnet uns hauptsächlich im Lyoner Geschäft und auf den Reisen für dieses; in Basel kauft er 1526 mit seinem Gemeinder Michel Parmentier das Haus Fuchsberg unter den Becherern (Freiestraße Nr. 2). Im Herbste 1527 nach Paris reisend, stirbt er unterwegs; Froben Cratander Curio Wattenschnee sind unter seinen Kreditoren. [445] Benedikt Vaugri „der Buchdrucker von Lyon“ wird im November 1523 in Basel betroffen, später in Konstanz, wo er mit Büchern handelt. Im März 1629 besucht er von Italien zurückkehrend den Erasmus und erzählt ihm vom Karneval in Venedig.

In demselben Venedig finden wir später den Dritten der Brüder, Vincenz Vaugri, als Inhaber eines Buchladens, den er, nicht aus allgemeiner Verehrung, sondern in bestimmter persönlicher Reminiszenz bottega d'Erasmo, officina erasmiana nennt.

Diese Franzosen, die größerenteils von Geburt Schwaben sind, bilden keine seßhafte Gruppe in Basel. Trotz Bürgerrecht Zunftrecht und Grundbesitz. Außer Wattenschnee scheinen sie ihre Basler Häuser nur als Absteigequartiere zu haben oder als sichere Heimstätten für alle Fälle. Sie sind nur zeitweise hier anwesend und leben meist in Lyon oder in Paris oder auf Reisen. Sie Alle sind nicht Drucker, sondern Händler und zum Teil auch Verleger. In immerwährender Bewegung und nie gewöhnlicher Art, stellen sie vielleicht das Beste des baslerisch-französischen Verkehrs dar. Sie besorgen Briefe und mündliche Nachrichten, sie vermitteln den Druck von Büchern, sie schicken Novitätenlisten, sie leisten und verrechnen Zahlungen. Alles zunächst in Diensten der Wissenschaft. Hiezu aber tritt, namentlich bei Hans Vaugri, die Teilnahme an der reformatorischen Bewegung; der Kreis dieser wälschen Buchleute hat freundschaftliche Beziehungen zu Ökolampad Farel Coct, zu den Genossen in Meaux usw.


Dem Leben gemäß war, daß diese ansehnliche Gesellschaft von Druckerherren und literarischen Großhändlern sich in einfacheren Erscheinungen fortsetzte. Auf jene Führer und ihre schweren, für Forschung und wissenschaftliche Arbeit bestimmten Volumina mußte der vielgesichtige und wandelbare Schwarm kleiner Produzenten folgen, die sich mit Flugblatt und Volksbuch abgaben. Dabei konnten Druck Vertrieb und Buchbinderei nebeneinander hergehen oder auch in derselben Person sich zusammenfinden.

Lux Schauber aus Reutlingen, der in seinem Häuslein am Leonhardsberge „Lieder Spiele und andre dergleichen Kurzweil, wie früher Pamphilus“ druckte, war Einer aus dieser Gattung, er heißt bald Drucker bald Gremper. Rudolf Deck sodann, Buchführer zugleich und Buchbinder, kam 1525 aus Freiburg nach Basel, wo er ein paar Jahre lang populäre Literatur vertrieb; er scheint seinen Laden und wohl auch die Werkstatt im Zunfthause zum Schlüssel gehabt zu haben. Sodann der vielumgetriebene Mathias Aviarius (Biener) aus Nürnberg, der im Dezember 1525 die Safranzunft [446] erwarb und von da an während eines Jahrzehnts als Buchbinder, zu Zeiten auch als Eisenkrämer und Zunftstubenknecht hier tätig war. Ferner Wolf Lorenz Fust, Andreas Hager aus Passau, Peter von Mecheln, Stefan de la Barde, Franz Parin, Thomas Lenu (Nackendig), sämtlich Buchbinder.


Schaffend und immerfort bewegt steht dies ganze Buchgewerbe vor uns. In seiner breiten mächtigen Gesamtheit ganz durchdrungen von Einzelleben, von persönlichen Trieben und Möglichkeiten. Gruppen bestehen: die Erasmischen und die Andern, die Neu- und die Altgläubigen, die Deutschen und die Wälschen, die Großen und die Kleinen. Mitten in solchem Vielerlei regen sich auch, in noch untergeordneter Stellung, künftige Meister und Führer: die Basler Balthasar Ruch und Michael Isengrin, der Pariser Christian Wechel.

Der bestimmende Eindruck aber ist derjenige eines unaufhörlichen Arbeitens. Für die Fernerstehenden zum Staunen, wenn sie die Listen dieser Produktion zu sehen bekamen. Aber auch der dieser Dinge gewöhnte Amerbach rief aus: „Gute Götter! welcher Haufe von Büchern, die Tag um Tag hier ausgegeben werden!“

Wir halten diesen Eindruck fest, auch wenn wir sehen, wie zur selben Zeit die einst so hoch geschätzte Freiheit des Buchgewerbes durch obrigkeitliche Maßregeln eingeschränkt wurde.

Die Drucker sollten nicht mehr fremde Buchbindergesellen zu sich nehmen und ihre Bücher durch sie einbinden lassen, sondern für solche Arbeit nur hier verbürgerte oder zünftige Buchbinder brauchen. So wurde 1524 beschlossen. Und 1526: weil den Druckern durch die fremden Buchführer und deren tägliches Zutragen und Feilhaben großer Schaden zugefügt werde, sollten diese Fremden künftig nur an zwei Tagen feil haben dürfen.

Diese Beschlüsse waren Wirkungen desselben Geistes, der die neue städtische Wirtschaftsordnung überhaupt schuf.

In denselben Zusammenhang gehörte auch die Einführung eines dauernden Zensurrechtes der Obrigkeit. Sie war natürlich keine vereinzelt lokale Ordnung, sondern hatte anderwärts zahlreiche Vorgänger und Begleiter. Wir erinnern an die schon frühe geübte Zensur der Kirche, die sich in päpstlichen Erlassen und in großen Edikten des Mainzer Erzbischofs von 1486 kundtat. Und wie italiänische Städte Zensurgesetze erließen, so verfuhren auch Straßburg 1504 und Augsburg 1515. Wichtig aber waren namentlich die Zensurvorschrift des Wormser Ediktes 1521 und die ihr entsprechenden Erlasse des Nürnberger Reichstages und des Regensburger Konventes 1524.

[447] Die Gedanken, die in allen diesen Verfügungen lebten, waren auch in Basel mehrmals durch die Erregung einzelner Momente geweckt worden. Am 24. Mai 1482, kurz nach der Konzilsankündigung des Andreas Zamometiç, hatte Bischof Caspar den Druck oder die Veröffentlichung irgend welcher gegen den Papst und die römische Kirche gerichteter Artikel verboten, und im Jahre 1519 untersagten Bischof Christoph und der städtische Rat den Druck der Predigten des Augustiners Peter Käs, die gegen Luther und Zwingli gerichtet waren. Wenn jetzt im Jahre 1524 sich der Rat zu einer prinzipiellen Ordnung entschloß, so mochte er durch die Reichsbeschlüsse angeregt sein; dazu kamen die Äußerungen im Gutachten des Erasmus. Den eigentlichen Stoß mögen aber die Beschwerde desselben Erasmus über ein Pamphlet Farels und der Druck karlstädtischer Schriften durch Bebel und Wolf gegeben haben. Im Interesse von Frieden und Ruhe hielt der Rat ein Einschreiten für geboten, den damit sich ergebenden Verzicht auf das bisherige Gewährenlassen für gerechtfertigt.

Am 12. Dezember 1524 verfügte er, daß von nun an die Basler Drucker nichts selbst drucken oder drucken lassen sollten, es sei lateinisch griechisch hebräisch oder deutsch, ehe es durch die hiezu Deputierten besichtigt und bewilligt sei; auch sollten sie den Drucken ihren Namen beisetzen. Die erstmals Deputierten waren die beiden alten Häupter und der Stadtschreiber.

Mancherlei wirkte zusammen: das Gefühl der erweiterten Staatsgewalt, das Beispiel des Reiches und andrer Städte, die Sorge um die Wirkungen der hier ans Licht tretenden, oft keine Schranke scheuenden Literatur. Auf alle Fälle war der Beschluß eine nicht leicht zu nehmende Beseitigung alter Freiheit.

Zeitgemäß war auch, daß der Nachdruck immer mehr zu reden gab. Die früher möglich gewesenen Anschauungen schienen gar nicht mehr verstanden zu werden. Zunächst noch überließ der Rat die Regelung dem Gewerbe selbst. Als die Drucker Klage führten über den in ihren Reihen geschehenden Nachdruck, wies der Rat sie an, „zusammenzugehen und des Nachdrucks halber miteinander zu verkommen“. Erst im Jahre 1531 verstand er sich zum Erlaß eines Nachdruckverbotes. Aber die kaiserlichen Privilegien nahmen während der 1520er Jahre in starkem Maße zu; sie wurden beinahe zur Regel.


Wie früher so erwies sich jetzt die hohe Bedeutung des Buchdruckergewerbes auch in derjenigen Beisteuer zum geistigen Leben Basels, die durch die Korrektoren geleistet wurde.

Daß der Bestand dieser eigenartigen Gelehrtenwelt rasch wechselte, war in ihr selbst begründet. Einigen der Korrektoren früherer Zeit begegnen wir [448] auch jetzt noch; so dem Basilius Amerbach, dessen scharfe Augen Zasius dankbar lobpreist, und dem Jacob Näf. Außerdem finden sich die für Cratander arbeitenden Johann Denk, Melchior Macrinus, Wolfgang Schiver, Jacob Ceporin, Johann Schweblin; ferner Ulrich Hugwald und Michael Bentinius. Dieser arbeitete 1520 als frobenischer Korrektor; später hielt er sich zum Kreise der romanischen Protestanten und plante mit Anémond de Coct die Gründung einer eigenen Druckerei für die Propaganda in Frankreich. Er suchte eine Stellung in Lyon zu erhalten; aber bei aller Abneigung gegen die Kastigatorenarbeit war er dann doch froh, durch Ökolampad wieder solche in Basel zu finden, 1526 bei Curio, 1528 bei Cratander; im letzteren Jahre starb er rasch an der Pest, zusammen mit seiner Frau, seiner Schwiegermutter, seinem Kind und einem Gaste.

Anziehend am Bilde des Korrektorendienstes ist, daß er meist ein Übergang war, daß zuweilen spätere Celebritäten durch diese Schule und Frohn hindurchgehen mußten. Nirgends war Gleichartigkeit und überall der freieste Wechsel. Aus dem philologischen Korrektor Hieronymus Gemuseus, der 1525 dem Cratander diente, wurde später ein Professor der Medizin. Der Schwabe Marcus Heilander, ursprünglich ein Tuchscherer, dann Korrektor Frobens und Mitarbeiter Pellicans bei dessen hebräischen Studien, bekleidete später Pfarreien in Bubendorf Calw Straßburg.

Der Drucker Faber Emmeus begann seine Tätigkeit hier als Korrektor; wir wissen nicht, im Dienste welches Druckers, vielleicht des Thomas Wolf.

Nicht näher bekannt sind die Korrektoren Philipp Wyler von Waldshut 1526 und Johann Würtz 1526.

Nicolaus Episcopius, aus dem alten Geschlechte der Bischoff, in Rittershofen bei Weißenburg im Elsaß 1501 geboren, später wie es scheint in Frankreich sich aufhaltend, kam in seinen Stammort Basel und wurde hier 1518 bei der Universität inskribiert, 1520 ins Bürgerrecht aufgenommen. Von Capito war er gefördert und trat sofort in enge Beziehungen zum Sessel. Er wurde Frobens Tischgenosse, mit Hieronymus zusammen erwarb er die Magisterwürde; Bentinius Rhenan Bonifaz Amerbach waren seine Freunde. Überall scheint er die Menschen gewonnen zu haben; auch Zasius und Erasmus lobten ihn. Seine Tätigkeit war die eines frobenischen Korrektors. Vielleicht für diese Druckerei reiste er 1526 nach Paris, 1528 nach Dôle. Am 5. Juni des letztern Jahres, in der Pestangst, machte er sein Testament. Aber er blieb am Leben; 1529 heiratete er die Justina Froben und wurde Gemeinder des Hieronymus und des Herwagen.

So wenig wir wissen von der Korrektorsqualität des zum Buchherrn aufsteigenden Episcopius, so deutlich steht sein Arbeitsgenosse Sigismund [449] Gelenius vor uns. Ein böhmischer Edelmann, in Pavia Bologna Venedig gründlich geschult, reiste er jahrelang durch Griechenland Italien Frankreich Deutschland, bis ihn Basel an sich zog und nicht mehr freigab. Siebenundzwanzigjährig kam er 1524 her, wurde Korrektor der frobenischen Offizin und blieb in dieser Stellung dreißig Jahre lang bis zu seinem Tode. Als freier Arbeiter und der Universität fern; ihre Geschichte kennt seinen Namen nicht. Berufungen nach Leipzig und Nürnberg lehnte er ab. Bei aller Schlichtheit, ja Dürftigkeit des äußern Lebens war er eine Gestalt voll geistigen Glanzes. Ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit Scharfsinn kritische Kühnheit. Dankbar spendete ihm Erasmus das höchste Lob.


Aus dem Zusammentreffen so vieler Kräfte und Anregungen erstand die Fülle wissenschaftlicher Leistung Basels in diesem Jahrzehnt.

Allem voran haben wir die Beschäftigung mit den Klassikern zu nennen, neben dem in Vorlesungen und Kursen Geschehenden das Sichtbarere, die zahlreichen Editionen Grammatiken und Wörterbücher. Seit Jahren war, wie wir wissen, das Griechische hier heimisch, und die Angabe Platters, daß „die griechische Sprache noch selten war und wenig gebraucht wurde“, gilt für Zürich, nicht für Basel. Froben Curio Cratander brachten hier viel Griechisches auf den Büchermarkt, darunter die Erstausgabe des Diogenes von Laerte 1523; Bebel eröffnete seine junge Offizin mit einer Ausgabe griechischer Autoren; Nepos Ceporin Torinus u. A. wirkten als Herausgeber und Lehrer. Aber das Lateinische überwog. Es wurde sichtlich bevorzugt, wobei die eigene Gewöhnung so gut als die Rücksicht auf die Käufer zu Ausgaben der Lateiner und zu lateinischen Übertragungen der Griechen führte. Auf dieser Tätigkeit ruht der Ruhm des Jahrzehnts; die 1530er Jahre werden dann viele griechische Editionen bringen. Um die Mitte der 1510er Jahre hatten die Ausgaben von Klassikern hier begonnen; jetzt wurde dieser Strom reicher und voller, in einzelnen Jahren — 1521 1524 1529 - mit überraschender Fülle sich ergießend. Dabei berühmte Editionen wie der Plinius des Rhenan, der Cicero des Bentinius.

Auch die hebräischen Studien behaupteten ihr Ansehen. Zunächst noch unter Pellicans Führung, aus dessen Arbeit wir hier das große hebräische Lexikon erwähnen. Er hatte dabei die Hilfe Heilanders; aber das Werk wuchs und schwoll ihm unter den Händen, sodaß Froben den Verlag allein zu übernehmen nicht wagte, sondern sich nach einem Socius umsah; zum Drucke kam es noch lange nicht. Neben Pellican hat auch Ökolampad hier [450] Bedeutung; im Mai 1524 bat er, zusammen mit seinem Verleger Cratander, den Capito, ihm für den Druck des Jesajaskommentars die nötigen Typen zu verschaffen. Namentlich aber will Sebastian Münster beachtet sein. Seine Arbeit hatte stets diejenige Pellicans begleitet; mit Basel hatte er oft zu tun gehabt, wiederholt hier gelebt. Jetzt war er, seit 1524, Professor in Heidelberg, und von dort aus machte er Basel zum Orte einer erstaunlich reichen hebräischen Veröffentlichung. Hier, meist bei Froben, erschienen bis 1527 seine Grammatiken und Wörterbücher der hebräischen und der chaldäischen Sprache, seine Editionen der Sprüche, des Predigers, des Hohen Liedes sowie der Lehrbücher von Rabbi Simeon, Elias Levita usw., sein hebräisches Kalendarium.

Wir haben uns klar zu machen, daß die hebräischen Studien zum guten Teile kirchlichen und theologischen Interessen dienten. In dieser Sprache wurde unmittelbar die Rede Gottes vernommen, in ihr waren die Bücher des Alten Bundes geschrieben. Daher wir auch begreifen, wie Ökolampad, nach den griechischen Arbeiten früherer Jahre, jetzt das Meiste seiner wissenschaftlichen Arbeit dem Alten Testamente schenkte. Wie sehr er es schätzte und sich mit ihm beschäftigte, zeigen seine Kommentare zu den Propheten und manche dogmatische Äußerungen. Nach Anregungen solcher Art mochte auch Ökolampads treuer Anhänger Damian Irmi handeln, wenn er sich eifrig um die Beschaffung hebräischer Bibeln bemühte; und eben dieser Richtung galt der Hohn Glareans, der altkirchlich und zugleich klassischer Philologe war, über das Gebrüll der angeblichen Wiederhersteller der Frömmigkeit, wonach Griechisch und Lateinisch nichts nütze sei und nur Hebräisch und Deutsch etwas tauge. Es handelt sich offenbar um eine im Kreise der neuen kirchlichen Gemeinschaft verbreitete Gesinnung und Gewohnheit; ihre Wirkung glauben wir zu sehen in der seit der zweiten Hälfte der 1520er Jahre hier nachweisbaren, seitdem wachsenden Übung alttestamentlicher Taufnamen: Esther Samuel Rahel Salomo Isaak usw.

Von den Basler Ausgaben der verdeutschten Bibel ist schon die Rede gewesen. Ihre Ergänzung bildeten die durch Hans Vaugri angeregte, 1524 im Verlage Wattenschnees durch Bebel gedruckte französische Übersetzung und die 1525 ihr hier folgende niederländische.

Ruhmvolle Spezialität Basels aber war die Patristik, seit den großen Kirchenväterausgaben Johann Amerbachs und den Ausgaben des Hieronymus durch Erasmus, des Tertullian durch Rhenanus. Jetzt führte vorerst Erasmus dies Werk rüstig weiter. Er publizierte 1521 den Cyprian, 1523 den Hilarius, 1526 den Irenaeus und aufs Neue den Hieronymus, 1527 [451] den Ambrosius; in der Widmung des Letztern an den Erzbischof von Gnesen, Johann a Lasco, stellte er der Überhebung heutiger Fürsten das sich Demütigen des Kaisers Theodosius vor Ambrosius, dem Bilde dieses Ambrosius selbst aber die heutigen Bischöfe gegenüber, die meist so wenig Fürsten seien als Priester. Sofort dann wendete er sich zu Augustin, einen schon von Lachner entworfenen Plan zur Ausführung bringend. Immensis laboribus, wie er seufzte. Vier, dann sieben Pressen Frobens waren mit dem gewaltigen Opus beschäftigt; im Jahre 1529 erschien es, zehn Folianten füllend. Ergänzungen boten Rhenan 1523 und Sichart 1528 mit ihren Sammlungen kirchengeschichtlicher Quellenwerke. Von der Gegenseite her aber griff die gewaltige Kraft Ökolampads ein. Beim Hieronymus von 1516 hatte er mit Erasmus zusammen gearbeitet. Jetzt stand jeder der Beiden für sich allein. Während Erasmus Urtexte edierte, ließ Ökolampad eine lange Reihe griechischer Patres in lateinischer Übersetzung erscheinen, dem allgemeinen Quellenbedürfnisse dienend, aber auch mit bestimmter Absicht auf die hierdurch zu fördernde Bibelexegese.

Geschichtliche Forschung tritt uns nur in einer, aber in mächtiger Gestalt entgegen. Denn der Plan des Hieronymus Froben 1524, durch Vadian eine Helvetische Chronik schreiben zu lassen, blieb unausgeführt; nur mit Rhenan haben wir es zu tun. Mit der Entwickelung seines Wesens und Studiums, die sich an den Kommentar zur taciteischen Germania 1519 schloß. Rhenan nannte in der großen Widmung seiner Prokopausgabe an Bonifaz Amerbach das Motiv seiner historischen Arbeiten: die Erkenntnis, daß die Deutschen in der Geschichte der fremden Völker bewandert seien ohne zu wissen, wie viel Wissens- und Staunenswertes sie zu Hause hätten. „Unser sind die Triumphe der Goten, der Vandalen, der Franken! Unser Ruhm ist der Sieg, den Jene über Italien und selbst über Rom gewonnen haben.“ In solcher Stimmung und mit dem Entschlusse, sich und seine Leser von der „Mönchstradition“ zu befreien, ging er an die Arbeit. Die kirchlichen und allgemein wissenschaftlichen Interessen, die ihn bisher beschäftigt, traten zurück vor der immer mehr seinen Geist beherrschenden Erforschung der deutschen Geschichte. Im selben Jahre 1525, da er aller Zustimmung zum Luthertum entsagte, da aber auch Erasmus konstatierte, wie sehr der durch seine neuere Arbeit interessierte Rhenan von ihm weggerückt sei, schloß Dieser die denkwürdige Verbindung mit Aventin. Es begannen die reichen Jahre Rhenans. Was sie ihm brachten an Kenntnis neuer Geschichtsquellen, an Einsichten Ideen Forschungen, Alles sollte schließlich zusammenrinnen im großen Werke der Drei Bücher Deutscher Geschichte.

[452] Der geographischen Wissenschaft gab Basel 1527 das wichtige Lehrbuch Glareans, nach der vadianisch-cratandrischen Ausgabe des Pomponius Mela 1522 und der curionischen des Strabo 1523.

Von Bedeutung aber war, was damals hier für die Medizin geschah. Zum Teil auf Anregung des 1528—1529 hier wohnhaften Graecisten und Arztes Janus Cornarius zurückgehend. Dieser fand bei Hieronymus Froben in prächtigen Aldinen die Werke von Hippokrates Galen und Dioskorides im Urtexte, und dies gab seinem Wesen die Richtung. Neun Jahre lang hatte er falschen Götzen gedient; jetzt erst in diesen Griechen fand er die „wahren Ärzte, die einzig richtigen Lehrer der Heilkunst“. Mit Begeisterung warf er sich auf ihr Studium; nachdem er noch sein medizinisches Kompendium publiziert, widmete er sich ganz dem Hippokrates; er hielt zu dessen Lob eine Rede an der Universität. Es war eine neue Bewegung, zu der auch die damals und in der nächsten Zeit hier erscheinenden Editionen (Übersetzungen) des Hippokrates, des Galen, des Dioskorides u. A. gehörten, unter Mitarbeit von Torinus und Sichart. Auch Schriften des Rhazis wurden publiziert, sowie Abhandlungen über einzelne medizinische Themen, auch über Tierarznei. Dabei ist von Interesse, den Cornarius zu vernehmen, der die Araber verwirft und die klassische Antike wieder aufzurichten und ins Licht zu rücken unternimmt, der aber auch, im Basel des Paracelsus, der eigenen Erfahrung und Naturbeobachtung das Wort redet als notwendiger Beigabe zu den in jener Literatur niedergelegten Lehren.

Auch die Rechtsgeschichte hat die damaligen Gelehrten und Drucker Basels zu preisen. Sie verdankt ihnen Editionen der alten Volksrechte der Riboarier Baioarier Alamannen, sowie das Breviarium Alarici. Ehrwürdige Aufzeichnungen eigentümlicher Art wurden da zum ersten Male bekannt. Es war die Arbeit Sicharts; aber wir ahnen hinter ihr die Anregungen und Winke Rhenans, wie wir auch von Bonifaz Amerbach wissen, daß sein wissenschaftliches Interesse sowohl diesen Denkmälern des alten heimischen Rechtes gehörte als auch den noch zu erschließenden Quellen des gültigen justinianischen Rechtes.


Auch hier wieder sind einige Worte geboten über die äußere Bewegung und den Verkehr überhaupt, die zu so mannigfaltiger Gelehrtenarbeit gehören.

Noch uns spürbar ist die Regsamkeit dieser Menschen. Sie scheinen in beständiger Erregung zu sein.

In voller Freude des mit Zuversicht Suchenden gingen Rhenan und namentlich Sichart auf die Handschriftenjagd. Erstaunlich war, wie viele [453] Schätze Sichart allenthalben hob. Auch Erasmus suchte, nicht persönlich, aber durch Freunde. Cratander erhielt Handschriften aus der reuchlinischen Bibliothek im Pforzheimer Stift. Und an die in der Fuldaer Klosterschule verbrachte Jugend denkend wünschte der alte Johann Froben die Bibliothek dieser Abtei sich dienstbar zu machen, während sein Sohn Hieronymus in Padua und Venedig Codices finden ging und im Rheingau die dalbergische Sammlung durchstöberte. Auch Cantiuncula Fabri Werner Wölfflin dachten draußen an die Basler Freunde und verschafften ihnen Materialien.


Bemühungen aller Art schließen sich in ihren Ergebnissen zusammen zum Bild einer großen Gesamtleistung, zur Erscheinung der damaligen Gelehrtenstadt Basel. Wobei jedes persönliche Bedingtsein, jedes Momentane und Vergängliche wegfällt und nur ein Großes bleibt: das von Geist und Leben erfüllte Dasein dieser Menschen.

Die Hauptrichtungen und den wesentlichen Inhalt ihrer Arbeiten haben wir genannt. Hier ist nur noch einmal Erasmus herauszuheben, die unvergleichbare Hauptfigur der Basler Gelehrtenwelt. Keiner der Autoren neben ihm zeigt solche Kraft und Fülle der Leistung. Von der dritten Ausgabe des griechischen Neuen Testamentes 1523 und von den Paraphrasen zu den Evangelien an, die er mit großer Geberde den vier Monarchen Karl Franz Heinrich Ferdinand widmete, strömte diese Produktion in mächtigen Wogen bis zu den Ausgaben des Seneca und des Augustin 1529. Ihr vielgestaltiges Geleit aber waren Bücher über Erziehung und Unterricht, Erbauungsschriften, Sprachlehren, Polemiken kirchlicher und dogmatischer Art, neue Auflagen des Lobes der Narrheit, der Adagia und namentlich der Colloquia, usw.

Wir dürfen dieses staunenswerte Werk des Einzigen nicht als Maßstab brauchen für die Beurteilung der durch seine Genossen geleisteten Arbeit. Welche Bedeutung diese im Ganzen der damaligen Gelehrsamkeit hatte, ist angedeutet worden, und nur daran mag im Einzelnen zu erinnern sein, wie ausgebildet und sicher schon die Methode sowohl bei einem Editor wie Sichart war als bei einem Forscher und Darsteller wie Rhenan.

Aber nicht allein diese Arbeiter und ihre Werke erfüllen für uns den Raum der Jahre mit dem Reichtum an Glanz Kraft und Bewegung. Wieder ist es die gelehrte Korrespondenz, die das lokale Leben zu erweitern vermag zu einem Leben in aller Welt. Und wieder sind es die Besucher, die auf den alten Musenpilgerstraßen von allen Seiten her nach Basel gezogen kommen und hier den Celebritäten ihre Huldigungen bringen, wohl auch manche gute Arbeitsstunde kosten. Die meisten Empfänge dieser Art hatte [454] natürlich Erasmus, und in seiner Schilderung haben sie schon ihre Stelle gefunden. Nicht nur Gelehrte waren dabei. Künftige Staatsmänner, wie Johann von Vlatten, Christoph Carlowitz, Viglius von Aytha, der Handelsherr Johann Kleeberger kehrten im erasmischen Haus auf dem Nadelberg, im Sessel, bei Amerbach usw. an. 1524 hatte Erasmus den Besuch des jugendlichen und schon berühmten Joachim Camerarius. Kurz darauf den Besuch des Jacob Ceratinus, den er an die durch den Tod des Mosellanus erledigte griechische Professur in Leipzig empfohlen hatte. Nicht als raschen Besucher, sondern in monatelanger Anwesenheit und Hausgenossenschaft genoß er den Polen Johann a Lasco; nichts könne goldner und edelsteinener sein als Dieser, fand Erasmus; er verkaufte ihm schon damals seine Bibliothek auf die Zeit seines Todes. Im September 1528 kam der Zwickauer Janus Cornarius, von dem die Rede gewesen ist; er hatte in Wittenberg sowohl Griechisch als medizinische Wissenschaft gelehrt, auch praktiziert. Jetzt, nach weiten Reisen durch halb Europa, kam er nach Basel und hoffte auf eine Anstellung als Professor der Poetik; es wurde nichts daraus. Er nahm Teil an der Herausgabe einer Auswahl aus der griechischen Anthologie; Bonifaz Amerbach und Sichart gewann er zu Freunden; wir wissen auch, daß er hier den Weg zu Hippokrates und den andern Klassikern der Medizin fand. Erst im Herbste 1529 verließ er Basel wieder.

Mannigfachen Verkehr mit dem Süden sehen wir auch jetzt. In Avignon hatte Amerbach seine Freunde Lopis Montaigne Alciat Binus u. A., die durch ihn Beziehungen noch zu andern Baslern erhielten. So auch Jacopo Sadoleto, der gefeierte Prosaist; er gehörte gleich Jenen zum Kreise Amerbachs und trat dann auch dem Erasmus nahe.

Eigenartig überhaupt war das Verhältnis der Gelehrtenstadt Basel zu Italien. Die einst ungeteilt gewesene Sehnsucht und Verehrung war hier immer mehr zur Gesinnung des Wettkampfes, ja des Überlegenseins geworden. Was jetzt der in Padua studierende Konstanzer Propst Matthäus Schad als allgemeine Meinung äußerte, — daß die Musen mitsamt dem Parnaß und dem Helikon aus Italien nach Norden gewandert seien, — tönte fast mit denselben Worten aus dem Munde Paolo Giovios. Von diesem geistigen Triumphe Deutschlands wurde zur selben Zeit geredet, da der sacco di Roma (Mai 1527), den Erasmus als Untergang nicht allein der Ewigen Stadt sondern der Welt beklagte, zentralen und bisher als unantastbar geltenden Zuständen auch äußerlich ein Ende brachte. Und in merkwürdiger Gleichzeitigkeit trat jetzt des Erasmus berühmte Satire wider Longolius, der Ciceronianus 1528, ans Licht, die der erbitterten Befeindung [455] des Autors durch Aleander Scaliger u. A. rief und zum großen Philologenstreit über den Ciceronianismus den Anlaß gab.


Es ist im Ganzen ein Gelehrtenwesen, das sich von demjenigen der letzten Zeit deutlich unterscheidet.

Merkwürdig rasch haben sich die verschiedenen Disziplinen entwickelt; Alles ist ruhiger und gewissermaßen verheißungsloser geworden. Auch empfinden sich die wenigen Großen nicht mehr in so entlegener Einsamkeit; die Nachgeordneten sind ihnen jetzt näher und zugleich zahlreicher. Eine starke Steigerung des Durchschnittes ist unverkennbar, wobei wir, vom Individuellen absehend, mit einem allgemeinen, unerhört beschleunigten und intensiven Wachstum zu rechnen haben.

Außerdem sehen wir statt des jugendlichen Vordringens ein ruhiges Begründetsein. An Stelle eines großartig Alles umfassenden Wollens und Vollbringens beginnt eine Arbeitsteilung. Interesse und Vermögen der Einzelnen verengern sich. Nicht mehr so entschieden wird gedacht im Geiste der persönlichen Vollendung; statt der glänzenden Trilingues haben wir jetzt vortreffliche Spezialisten.

Daß hiebei der Sodalitätsbegriff schwächer wird, seine Wirkung schwindet, ist nur eine Einzelheit. Der Zustand der ganzen Gruppe ändert sich überhaupt. Schon deswegen, weil der Humanismus nun auch an der Universität zu herrschen beginnt. Aber auch das ist von Wichtigkeit, daß der konfessionelle Gegensatz in die alte Geschlossenheit hineingreift. Es kommt zu einem Auseinandergehen. Die große gelehrte und ästhetische Bewegung löst sich aus dem großen Zusammenhange, in dem sie vorher gewesen. Indem jene Einheit von eruditio und pietas, für die vor einem Jahrzehnt die Humanisten eintraten, nicht mehr behauptet werden kann, ist dem Humanismus das Bewußtsein einer umfassenden Bedeutung genommen.

Wenn somit im Ganzen eine andre, weniger einheitliche Stimmung waltet, so tritt das Persönliche mehr hervor. Der Einzelne kommt in seiner Art mehr zur Geltung. Nachdem humanistische Stilisierung und hohes Gemeinschaftsgefühl die Schärfe des Bildes vielfach geschwächt haben, erhält es jetzt Kontur und Körper.

Wie etwas Notwendiges erscheint, daß der Ton des ganzen Lebens und Treibens in diesem Kreise sich herabstimmt. Die einstige Festlichkeit des Empfindens und des Ausdruckes und der Alles mit gesteigertem Wohlgefallen erfüllende Enthusiasmus gehen dahin. Namentlich die Briefwechsel sind überzeugende Dokumente dieses Wandels, in der Verminderung der Korrespondenz überhaupt, im Nachlassen der frischen. Allem zugewendeten Lebendigkeit.

[456] Ärzte von Auszeichnung sind hier nicht vorhanden; aber die uns da und dort Begegnenden mögen gleichwohl genannt werden. Sie gehören zum Bilde dieser Zeit, da medizinische Wissenschaft und Praxis voll Gährung sind. Hans Michel 1527; Servacius Martin der „ougenschnider“ 1525; der vielbeschäftigte Eucharius Holzach. Sodann der Spezialist für „Blattern“ Stefan Bart, auch Wundarzt genannt; er ist über Basel hinaus bekannt, und wiederholt bekommt er auswärtige Kranke in Behandlung, die durch Scherer verpfuscht worden sind. Auch Albanus Torinus aus Winterthur gehört wohl in diese Reihe; 1524 sitzt er im Fakultätsrate der Artisten; in den Jahren 1525 —1529 hält er Vorlesungen an der Universität, für die er vom Staate bezahlt wird, und deren Art wir nicht kennen; aber in eben diesen Jahren ist er Schüler des Paracelsus, dann ediert er medizinische Klassiker und soll 1528 in die medizinische Fakultät eingetreten sein. Der Doktor Bernhard Schiller, der 1528 von Freiburg nach Basel gebracht wird, um von hier aus nach St. Anstett zu gehen und dort Heilung seiner Geisteskrankheit zu suchen, scheint später hier ärztlich praktiziert zu haben. Endlich Alexander Sytz; von Zürich wegen seines übeln Lebens fortgewiesen, kommt er 1527 nach Basel, wo er schon im Jahre 1516 durch Adam Petri seine Schrift über die Wildbäder veröffentlicht hat; er praktiziert hier als Arzt; ausführlicher sind die Kunden von seinem Unruhstiften und seinen lästerlichen Reden.


Die beeidigten Schreiber, die Notare, sind noch immer zahlreich. Zu den Veteranen des Faches — Salzman Schwegler Reinhart — gesellen sich Andere, vielleicht moderner Gebildete: Joachim Schenklin, Johann Knechtler, Hans Simprecht Barter, Egmont Reißeisen, Hans Heinrich Fortmüller; zu ihnen tritt Alexander Hug, der gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts die Stadtschreiberei in Pforzheim versieht, dann in seine Heimat Basel zurückkehrt und hier 1521 als Stadtschreiber von Kleinbasel genannt wird; 1528 veröffentlicht er hier seine Rhetorica und formulare teutsch.


Aber warm und lebendig wird es bei den vielen wohlbezeugten Meistern städtischer Schulen. Sebastian Lepusculus (Häslein) zeigt sich uns in den Jahren 1522 und 1523 als Provisor zu St. Theodor, 1525—1528 als Schulmeister zu St. Martin. Zu St. Theodor ist Laurenz Hortulanus (Meyer) 1522—1524 Ludimagister. Zu St. Peter lehrt nach 1522 Albanus Torinus, 1526 Heinrich Relin, zu St. Leonhard 1528 der Friese Johannes [457] Atrocianus. Das sind nur Namen und Zahlen; aber wir erfahren genug, um die gute Durchschnittsqualität dieser Schulmeister zu erkennen. Sie holen sich von der Karthäuserbibliothek den Ovid, den Sallust, den Plinius, den Quintilian, den Lorenzo Valla u. A. zum Studium; Atrocianus dichtet Elegien und Epigramme, ediert den Ämilius Macer de herbarum virtutibus, bringt es zum Professor für Mathematik und für Logik und zum Doktor der Medizin; Lepusculus hat das Zeug, Professor und Obersthelfer zu werden.

Im Anschluß an diese Männer dürfen die Privatschulen des Melchior Macrinus, wo griechisch gelehrt wird, und des Ulrich Hugwald genannt werden, in der künftige Prediger und Juristen Unterweisung in der Rhetorik erhalten. Vor allem Andern aber wird uns diese die hohe Wissenschaft umgebende Welt nahe gebracht durch die herrlichen Szenen, da Thomas Platter, beim Seilen insgeheim den Plautus lesend, auf der Seilerbahn des Petersplatzes durch Erasmus und Rhenanus aufgesucht wird, die ihm zureden, damit er das Handwerk lasse und nur der Gelehrsamkeit gehöre; oder da er in der Schulstube zu St. Leonhard, noch mit der Arbeitsschürze am Leib, einer Schar „feiner gelehrter“ Hörer die hebräische Grammatik vorträgt und den Propheten Jonas kommentiert. Platter ist überhaupt Derjenige, an dem wir die Gewalt des neuen Geistes, aber auch die leidenschaftliche Hingabe Einzelner lebendiger als irgendwo sonst erfahren. Auch Johann Oporin gehört in die Reihe dieser Menschen, in denen die Kraft des Zeitalters sich ebenso sehr durch Unruhe äußert als durch eine rücksichtslos jede Gelegenheit ergreifende Begierde zum Lernen und Vorwärtskommen. Nach kurzer Studienzeit, während deren Oporin auch dem Erasmus nahetritt, wirkt er, noch nicht zwanzigjährig, schon als Lehrer an der Klosterschule zu St. Urban. Dann, um das Jahr 1526, wird er in Basel Lehrer an der Pfarrschule zu St. Leonhard; nebenbei kopiert er griechische Manuskripte für die Presse Frobens und läßt sich durch Thomas Platter im Hebräischen schulen. Bis er aufs Neue Student wird, Vorlesungen des Paracelsus und Amerbachs hört und mit Ersterem als dessen amanuensis lebt. 1530 finden wir ihn wieder im Lehramt, in der Schule auf Burg.

Ebenso beginnt der spätere Professor der Rechtswissenschaft Johann Sphyractes (Jeuchdenhammer) für uns als Schulmeister; zu Ende des Jahres 1525 ist er Provisor an der Theodorsschule, um das Jahr 1529 Lehrer an der Petersschule.

Daß zu Zeiten Neues in diese Kreise hereinwirkt, erleben wir auch an dem Rechenmeister und Hebraisten Johann Böschenstein, einem Eßlinger, [458] der auf seinen unsteten Wanderfahrten auch einmal in Basel pausiert. Stärker an dem Grammatiker Johann Susenbrot. Zwischen drückenden Schuldienstjahren, in Leutkirch Pfullendorf Schaffhausen Wangen und später in Ravensburg hingebracht, kommt Susenbrot 1521 in die akademische Luft Basels; er wird hier Magister und genießt drei Jahre lang, 1522—1525, ein städtisches Honorar für Vorlesungen an der Universität; später dienen seine Schemata auch in den Basler Schulen als Lehrmittel.

Es sind lauter Gestalten voll Frische. Ihre Tätigkeit an den Schulen ruht hergebrachter Maßen vor Allem im Gelehrtenhaften, im Humanistischen.

Außerdem aber machen sich jetzt im Schulwesen geltend auch Anregungen und Forderungen, die von der kirchlichen reformatorischen Seite her kommen. 1524 erscheint hier im Drucke das „Leerbiechlin, wie man die Knaben christlich underwysen und erziehen soll“, mit Ceporins Praeceptionen.

Doch die Zeit verlangt noch Anderes. Sie will, daß auch der alltäglichen Notwendigkeit, der Sprache des gemeinen Mannes, jetzt in neuer Weise gedient werde, ernster eindringlicher systematischer, als bisher durch die Lehrer und Lehrfrauen der Elementarschulen geschehen ist.

Der zuerst in Basel diesem Bedürfnisse gerecht wird, Johann Kolros, gewinnt sich damit neben Fabian Frank und Valentin Ickelsamer einen Ehrenplatz in der Geschichte der deutschen Sprache. Als „deutscher Schulmeister zu Barfüßern in Basel“ schreibt Kolros das im Jahre 1530 hier gedruckte Enchiridion, ein Handbüchlein deutscher Orthographie und Anleitung zum Lesen und Schreiben. Kolros „hat den Ruhm, der Erste zu sein, welcher in hochdeutscher Sprache die deutsche Orthographie auf systematische, nahezu vollständige Weise behandelt hat“. Sein Buch ist eine Sprachlehre, die schon die Anfänge einer deutschen grammatikalischen Terminologie hat und auch bewußt zwischen Dialekt und Schriftsprache unterscheidet. Kolros schrieb sie, wie er sagte, weil viele Eltern durch die deutsche Bibel angetrieben worden seien, ihre Kinder in die deutsche Schule zu schicken und sich auch selbst um die Kunst des deutschen Schreibens und Lesens zu bemühen; er gab zugleich Anleitung zu Benützung und Verständnis der Bibelstellen. Die Eignung des Kolros zu solcher Lehre und seine geistige Art überhaupt erweisen sich noch durch andere Leistungen, mehrere Kirchenlieder sowie ein volkstümliches Drama: das Spiel von fünferlei Betrachtnissen (Basel 1532).

Zur gleichen Zeit wie Kolros lebt in Basel der Augsburger Sixt Birk (Xystus Betulejus), der nach Studien in Erfurt und Tübingen sich am letzten Tage des Jahres 1523 bei der hiesigen Universität inskribiert. [459] Er sitzt unter den Hörern Sicharts und Amerbachs; am 13. Juni 1527 funktioniert er als Zeuge beim Testamente des Erasmus. Wahrscheinlich als Korrektor arbeitet er hier; zu Beginn der 1530er Jahre begegnet er uns als Schulmeister zu St. Theodor und verfaßt eine Reihe von Dramen: Ezechias Zorobabel Susanna Joseph Judith usw.


Alles vollzieht sich mitten im Leben Basels, im Rahmen der schönen und berühmten Stadt, der Ursinus Velius seine Oden und Beatus Rhenanus seine Beschreibung widmet. Es ist die Stadt, in der nach Huttens Urteil die Menschen freier geartet und freier denkend sind als anderwärts; zu ihrem Wesen gehört, allezeit den Gelehrten die liebste Stadt zu sein; ein Ort der Frömmigkeit und der Musen, das „Goldene Basel“.

Für die Geschichte der Basler Wissenschaft aber ist von Belang, wie die ganze Gelehrtenwelt nunmehr auch dem öffentlichen Stadtwesen näher kommt. Allenthalben zeigt sich dieses stärkere Verflochtenwerden mit den Angelegenheiten des Gemeinwesens; auch dies gehört zu der von uns angedeuteten Entwickelung. Etwas Neues z. B. ist jetzt die Heranziehung eines Universitätslehrers zum Dienste der städtischen Kanzlei. Etwas Neues auch das wiederholte Erstatten von Gutachten an den Rat durch Gelehrte wie Erasmus Cantiuncula Amerbach Bär. Bedeutsam sodann die offizielle Anerkennung humanistischer Denkweise durch Proklamation des Munatius Plancus als Stadtheros; im Jahre 1528 läßt der Rat an die dem Markte zugewendete Giebelwand des ehemaligen Rathauses, dem jetzigen Rathause gegenüber, die Figur des Munatius malen über einer durch Rhenan verfaßten lateinischen Inschrift, in der Senat und Volk von Basel ihren Willen kund tun, das durch Schuld der Zeiten verwischte Andenken des Gründers von Augst und ersten Erhellers (illustratoris) unsrer Gegend feierlich zu erneuern.


[460] Von der Kunstübung dieses Jahrzehnts wird uns kein geschlossenes und nur ihr eigenes Bild gezeigt. Mit ausdauernden Kräften der vergangenen großen Zeit mischen sich Schwächen des Niedergangs.

Künstler, die wir früher kennen gelernt haben — die Glasmaler Gutsmuts und Glaser, die Goldschmiede Angelrot Öder Graf Schweiger Eigen, die Plastiker Thür Menzinger Hoffmann, die Maler Koch Dyg Herbster Holbein — leben und arbeiten noch. Neben sie treten neue Meister: die Glasmaler Han Vennringer, die Goldschmiede Wigerich Spul Fäsch Buchwald, die Bildhauer Bürgender Dobel Gugger, die Maler Zehender und von Krotzingen. Aber es werden uns wieder nur diese Namen gegeben, in Verbindung mit Nachrichten über Liegenschaften und Nachlässe, über Zunftrecht und Bürgerrecht; von Arbeiten selbst und zwar solcher höherer Art ist nicht oft die Rede. Die Formschneider dieser Periode endlich — Faber Herman Lützelburger — sind im Zusammenhange schon früher behandelt worden; ihre Arbeiten sind uns bekannt und noch vor Augen.

Zu denken gibt, daß das Ende des Rathausbaus im Jahre 1521 zugleich das Ende einer durch Jahrhunderte währenden Leistung baslerischen Monumentalbaues war. Einiges wenige vorher Begonnene, wie das Langhaus zu St. Leonhard und ein paar Klosterräume, wurden in den nächsten Jahren noch vollendet. Aber eine neue große Bauunternehmung kam von jetzt an lange Zeit hindurch nicht mehr zu Stande. Der Bruch war vollkommen und der Gegensatz der die Dezennien vor 1521 überfüllenden Baudaten zur Zeugnisarmut und Leere der 1520er Jahre so stark als möglich.

Das von der Architektur zu Sagende gilt gutenteils auch für die Schwesterkünste. Insoweit diese mit großem Bauwesen zu tun hatten, blieben sie ohne Verwendung. Aber noch hierüber hinaus wurde der allgemeine Wandel in der Orientierung des Lebens und Empfindens auch ihnen zum Verhängnis.

Wenn wir bei der Buchdekoration mit Augen sehen, wie um die Mitte des Jahrzehnts die Zeit der großen Zierlust schon vorüber ist, so berechtigt uns diese Wahrnehmung zu einem Urteil allgemeiner Art.

[461] Die Kämpfe um eine neue Verfassung und der Pensionensturm führten zum Sturze früherer Machthaber; auch die wirtschaftliche Reform trug dazu bei, die alte Vornehmheit zu kränken und zu schwächen; am stärksten wirkte dann noch die reformatorische Neuerung, nicht als Feindin der Kunst, sondern weil sie ihrer nicht bedurfte. Es waren einzelne Bewegungen, in denen allen eine der Zeit überhaupt eigene Tendenz mächtig war.

Der Kunstsinn als solcher starb nicht, aber sein Gebiet wurde enger. Die Gelegenheiten für künstlerisches Wirken nahmen ab. Für die kirchlichen Stiftungen, die einst zahllose Kunstwerke jeder Art ans Licht gerufen, gab es keinen Anlaß mehr und keine Lust, und im Profanen war der Übermut glänzender Aufwendung großenteils dahin. Die Stimmung, die aus dem Leben ein Fest zu machen vermochte, hatte nicht mehr den freien Raum um sich wie ehedem. Die Zeit richtete sich auf Durchschnittlichkeit ein; sie wurde nüchtern sorglich verdrossen.

Schon der Chronist dieser Jahre stellte fest, daß die neue Gesinnung den Künsten nachteilig sei. Auch Erasmus hatte diesen Eindruck; hic frigent artes, schrieb er im Jahre 1526. Die Künstler selbst, namentlich die Maler, führten Klage beim Rate: es stehe schlecht um ihre Hantierung; schon eine Reihe von Meistern hätten keine Arbeit mehr, und bei den Andern werde dies bald auch geschehen.


Indem solchermaßen das Kunstwesen beinahe nur in allgemeinen Äußerungen sich uns mitteilt, macht inmitten dieses Zustandes um so gewaltigeren Eindruck die Gestalt Hans Holbeins.

Alle die Meldungen über Hauskäufe Heiraten Händel usw., deren Menge bei den damaligen Basler Künstlern das Wissen vom Wesentlichen durch ein Wissen vom Nebensächlichen ersetzt, fehlen für Holbein völlig, so daß sein äußeres Leben ein Geheimnis bleibt. Er ist auch, soweit wir sehen, ohne tiefer wirkende Berührung mit den Ereignissen geblieben, die damals Basel erschütterten. Aber mit Wucht und Sichtbarkeit lebt er für uns in seinen Schöpfungen.

Auch in der Entwickelung Holbeins bildete das Jahr 1521 Epoche. Die in diesem und dem folgenden Jahr ausgeführte Historienmalerei im Ratssaale gab seinem Stil die entscheidende Wendung und führte sein Können zur Höhe. Sie machte ihn seiner Kraft und seiner Kunstmittel bewußt; „innerlich war Holbein im Grunde jetzt schon fertig, er hatte sein Ziel gefunden.“ Aus dieser Meisterschaft des großen Künstlers entstanden jetzt die paar Gemälde, die jedenfalls nur Trümmer des damaligen Holbeinwerkes sind, aber [462] trotz ihrer Vereinzelung diese Zeitspanne mit Geist Glanz und Bewegung füllen: der Oberrietaltar, die Madonnen des Stadtschreibers und des Bürgermeisters, der Erasmus, die Lais, die Venus. Ihnen an die Seite treten Studienblätter, Entwürfe für Glasmaler und Goldschmiede, Vorzeichnungen zu Buchschmuck.

Auf dem Gebiete letzterer Dekoration gehörte Holbeins Kraft seit dem Jahre 1524 fast ganz den Verlegern Trechsel in Lyon; für sie schuf er die großen Serien der Simulachres de la mort und der Bilder zum Alten Testamente. Dieser einen Lösung von Basel folgte bald die noch stärkere. Im Jahre 1526 ging Holbein nach England. Als letzte Basler Arbeiten die Madonna des Jacob Meyer und die Laïs Offenburg hinter sich lassend, Bilder, in denen zwei Richtungen der einst mächtig gewesenen und nun depossedierten Gesellschaft, Devotion und frivole Weltlichkeit, dauernd festgehalten scheinen.

Holbein ging weg, weil das jetzige Basel nicht mehr das Basel seiner Jugend und auch weil er selbst nicht mehr der junge Holbein war. Die Stadt bot ihm in Leben und Denken nicht diejenige freie Größe, deren er jetzt würdig war und bedurfte.

Erasmus gab ihm einen — wenig freundlichen — Empfehlungsbrief an Peter Ägidius in Antwerpen mit. Aber Basel ehrte den Scheidenden durch das Wort Rhenans, daß die größten Künstler der Deutschen dieser Zeit die Vier seien: Albrecht Dürer in Nürnberg, Hans Baldung in Straßburg, Lukas Cranach in Sachsen, Hans Holbein in Basel.


[463] Hier ist der Punkt, an dem wir das Verhalten des Rates zur Reformsache im Ganzen zu überblicken suchen.

Wir haben das Wachsen der Ratsgewalt zur Macht auch über Kirchliches kennen gelernt: ein Wegdrängen von Rechten Funktionen und Privilegien der Kirchenbehörden sowie des Klerus, ein Hineinregieren in interne Kirchlichkeit. Eine weit zurückreichende Entwickelung und namentlich die letzten großen Zeiten hatten dazu geführt, daß der Rat seines Berufes und seiner Kraft auf neue Art inne wurde.

Da begann die reformatorische Bewegung. In ihr wurde eine eigenartige Initiative der Bürgerschaft rege; sie trug den revolutionären Geist der Epoche auch in die Gebiete von Glauben und Kirche. Sie rief aber auch einem Verhalten des Rates.

Als Sache Einzelner, dann als Sache einer Gruppe, aber stets als rein privates Erlebnis, entstand und wuchs das reformatorische Wesen. Wie der Aktion eine Reaktion antwortete, Parteien sich bildeten und wider einander stritten, haben wir gesehen. Eine in ihrer Wirkung nicht zu ermessende Kraft trat neu in das Leben des Einzelnen und der Gesamtheit. Aber dem städtischen Regimente bedeutete es vorerst nur eine Angelegenheit der Beteiligten. Der Rat tat nichts dafür und nichts dagegen. Er beobachtete und ließ geschehen.

Bis auch ihn die immer heftiger und unruhiger drängende Kraft des Neuen nötigte, sich nach ihren Wirkungen auf Ordnung und Friede der Stadt umzusehen. Als wichtiges Element des öffentlichen Zustandes erwies sich namentlich immer mehr das „zwiespältige Predigen“ mit seiner Beigabe von Schmähungen des Gegners. An diesem Punkte mußte der Rat eingreifen; er tat dies durch Aufstellung einer für alle Zukunft und für alle Prediger bestimmten Norm. Es entstand das große und grundlegende Dokument des Predigtmandates vom Sommer 1523, in dem als solche Norm „das heilige Evangelium und die Lehre Gottes“ bezeichnet wurde; die Prediger sollten nichts Anderes verkünden als die „bloße lautere Wahrheit der heiligen Schrift“. Die Formulierung war so einfach wie möglich. Im [464] Interesse des durch ungezügeltes Predigen gefährdeten Stadtfriedens suchte der Rat eine völlig klare und zugleich beiden Parteien dienliche Ordnung zu schaffen, unter Ausschluß alles Dessen, was nicht heilige Schrift ist, und mit der offiziellen Präsumption, daß jede Partei, auch die altkirchliche, nur das in dieser heiligen Schrift enthaltene Wort Gottes predige. Wenn demzuwider die Übelstände des zwiespältigen Predigens dennoch fortdauerten, so kommt dies hier nicht in Betracht, wo es sich um die Tendenz und Politik des Rates handelt; das Wesentliche ist seine Meinung, daß innerhalb des von ihm festgestellten Rahmens Freiheit der Lehre und des Glaubens walten sollte.

Aber der Rat handelte nicht nur als Stadtherr und Obrigkeit, sondern auch „als Stadtgemeindehaupt, als ausführendes Organ der Bürgerschaft“. Wie innerhalb dieser die Glaubensparteien bestanden, so innerhalb des Rates.

Unter der Führung hauptsächlich des „schwarzen“ redemächtigen Heinrich Meltinger stand im Rate die Partei der am alten Glauben Festhaltenden. Durch Ökolampad eine „kleine Tyrannengruppe“ genannt; nach der scharfen Schilderung des Chronisten eine Fraktion, in der Alle untereinander verwandt waren, die großen Anhang von Pfaffen hatte und dem Worte Gottes mächtig widerstand. Für unser Gefühl eine z. T. glänzende Repräsentanz alter, aber dem Niedergange verfallener Art. In ihr vortretend vielgenannte und bewährte Männer wie Hans Oberriet, Hans Stolz, Andreas Bischoff, Wolfgang Harnisch, Lux Iselin.

Ihnen entgegen erhoben sich die Bekenner neuen Glaubens: Marx Heidelin, Jacob von Wissenburg, Hans Irmi u. A., im Einzelnen weniger erkennbar als ihr Haupt, der anziehende Jacob Meyer zum Hirzen. Aber von Wichtigkeit war, daß die Männer der städtischen Kanzlei — Schaller Ryhiner Beyel —, denen so Vieles anvertraut werden mußte, ebenfalls zu den Reformfreunden zählten; unter der Wirkung ihres Willens standen nicht nur Haltung und Ton der obrigkeitlichen Erlasse, sondern da und dort wohl auch die Sache selbst.

Endlich bestand eine Mittelpartei, durch Gemäßigte und Indifferente gebildet, deren Dasein sich nur gelegentlich verrät, die aber als ausgleichende Kraft von Bedeutung war für die Haltung des Rates; als ihren Leiter dürfen wir den kühlen Adelberg Meyer ansprechen.

Formell bekannte sich der Rat als solcher, soweit es nötig war, zum bisherigen Kirchentum und übte demgemäß immer noch alte Bräuche offizieller Devotion, am Heiligen Grab im Münster, bei der Fronleichnamsprozession usw. Es war ein Bleiben im Überlieferten und zeremoniell [465] Gefestigten, unter Vorbehalt aller Rechte gegenüber der Kirche und unter Schonung aller persönlichen Freiheit der Ratsmitglieder.

Wir dürfen überhaupt die Vorstellung von Ratsparteien nicht über Gebühr steigern. Der Parteibegriff erscheint im Allgemeinen überwältigt durch den Begriff von Rat und Obrigkeit; um so eher geschieht dies, da die Behörde sich selbst ernennt und erneuert, von keinem äußeren Wähler abhängt, sich als Einheit und Macht aus nur eigenem Willen fühlen kann.

Der Gedanke hieran hilft die Haltung des Rates würdigen. Und noch Anderes kommt in Betracht. Alles Tun und Lassen ist reguliert durch allgemeine Denkart, ortsübliches Wesen. Da die Glaubensparteien sich im Rat ungefähr die Wage halten, sind allerdings momentane Schwankungen möglich; das jeweilige Besetztsein der Bänke, die besondere Art eines Geschäftes, namentlich aber die persönliche Macht Einzelner können den Ausschlag geben; ein Dominieren weniger, mit Willen und Kraft begabter Mitglieder findet sich natürlich nicht nur auf der Seite der einen Partei, wie Ökolampad behauptet. In der Hauptsache aber ist die Haltung des Rates konsequent, wenn auch nicht einseitig: eine Politik der Mäßigung und Anpassung, die vornehmlich durch die Mittelpartei gestützt sein mag, bis diese zuletzt — nach dem bittern Worte des Karthäusers, um nicht ihre Macht- und Ehrenstellung zu verlieren — sich zu den in der Bevölkerung siegenden Evangelischen schlägt.

Während des diesem Ende vorangehenden Dezenniums war für den Rat vor Allem bestimmend seine Pflicht, für Frieden und Ruhe der Stadt zu sorgen. Äußerung hievon war das Predigtmandat von 1523, auf das er immer wieder zurückkam. Aber er hatte Momente, da er an der Richtigkeit solcher Haltung zweifeln konnte. In einem solchen Momente, angesichts der immer mehr und auf beiden Seiten sich steigernden Bewegungen, wendete er sich um guten Rat an Erasmus. Dieser wollte zunächst einer Konsultation ausweichen; als die Frage des Rates dennoch an ihn kam, vermutete er hinter ihr eine Anregung der Lutherischen, die ihm damit eine Falle stellen wollten. Um so vorsichtiger faßte er sich, als er dann sein Consilium dem Rat eingab, im Herbste 1524. Nicht über die gesamte causa Lutherana; er beschränkte sich in der Hauptsache auf die drei Themen des Buchdrucks, des Fleischessens, der Ehe von Priestern und Klosterleuten. Aber er griff auch über diese hinaus. Überall der Obrigkeit Mäßigung empfehlend; man müsse ein Auge schließen können, den Umständen und der menschlichen Natur Rechnung tragen, nur in schweren Fällen einschreiten und sonst Alles vermeiden, was zu Zwist Tumult und Empörung führen könnte.

[466] Als Wirkung dieses Gutachtens hat die Zensurverordnung vom Dezember 1524 zu gelten. Im Übrigen führte der Rat die bisherige Art der Behandlung des Glaubensstreites weiter. Wie dem Erasmus erschien auch ihm eine Verständigung der Streitenden, eine Wiederherstellung der Glaubenseinheit als möglich. Auch er hatte das Vertrauen in die gleichsam zauberische Wirkung eines Religionsgespräches und förderte alle Vorschläge von Disputationen.

Über den Traum solcher Glaubenseinheit siegte aber die summa prudentia, die Amerbach pries, die ruhige Klarheit einer höhern Anschauung. Während die Parteien im Volke immer heftiger kämpften, fanden sich die Räte zusammen zu einer Politik, die nicht nur das Predigen reglementieren wollte, sondern dem umfassenderen, reicheren und zugleich reineren Gedanken von der Freiheit des persönlichen Glaubens diente.

Die diese Anschauung verkündenden Erlasse werden wir kennen lernen.


Wir nehmen die Betrachtung des kirchlichen Streites wieder auf, die wir in einem Momente höchster Spannung verlassen haben.

Unter den Stößen des Sturmjahres 1526 brach die soeben geschilderte Haltung des Rates momentan zusammen. Der äußern Macht der Kirche und ihren Privilegien gegenüber blieb er allerdings der entschlossene Stadtherr; anders aber wurde seine Stellung zur Reformsache.

Schon im Blick auf die allgemeinen Zustände und auf das in Basels Umgebung Geschehende konnte die altgläubige Partei zuversichtlich und gewaltsam werden. Noch stärker wirkte, was in Basel selbst sich zutrug.

Die Unruhe der furchtbaren Maitage zitterte lange nach. Rings um die Stadt war Empörung, in ihrem Innern Mißtrauen und Gährung. Ein Beobachter wie Bonifaz Amerbach, geistvoll und nirgends beteiligt noch verantwortlich, hat uns das Wesen dieser Zeit gezeichnet: „An keine Heirat ist zu denken. Auf unserm Theater werden nicht Komödien und nicht Possen gespielt, sondern Tragödien und was noch unseliger sein kann. Die Bürgerschaft und die Familien sind in sich parteit, da die Einen dem Papste, die Andern dem Luther, die Dritten dem Karlstadt, die Vierten Niemandem oder ich weiß nicht wem anhangen usw.“ Wenn solchermaßen der religiöse Streit nur Unsicherheit und Verwirrung brachte, so schien dieser Zustand den ohnehin zu scharfen Maßregeln und zur Unterstützung der alten Kirche Geneigten Recht zu geben, wenn sie dem Rate zuriefen, daß es nicht mehr an der Zeit sei, nur zuzuschauen und geschehen zu lassen. Alle diese Auflösung städtischen Lebens, diese Gefährdung durch Rebellion, diese Demütigung [467] der Obrigkeit sei niemand Anderm zu danken als der neugläubigen Partei, gegen die man bis dahin neutral und tolerant habe sein wollen! Das war nicht allein den im Rate sitzenden Vertretern dieser Partei selbst gesagt, sondern nachdrücklicher noch der Mittelgruppe besonnener und ruhiger Altgläubiger. „Wir waren auf dem besten Wege“, riefen sie; „wir hätten die Arroganz und unerträgliche Bosheit der Priester zerdrücken und bändigen können.“ Dies Alles war jetzt gestört durch die lutherischen Revolutionsmänner in den Vorstädten und die von Predikanten aufgejagten und geführten Bauern. Wozu jetzt noch das Allerneueste kam, das anstößige Treiben einer aus demselben kirchenreformerischen Komplex erwachsenen Täufersekte. Und noch eine besondere Erwägung mochte mitwirken: als eine Kompensation für die vielen Eingriffe der Obrigkeit in Herrschaft Recht und Brauch der Kirche verlangte diese, daß der Rat nunmehr die Evangelischen seine Macht fühlen lasse.

Die Papisten hatten in der Tat einen „guten Rücken im Rat“ gewonnen, und während einiger Zeit konnte die städtische Kirchenpolitik durch eine den Evangelischen opponierende Gruppe geführt werden. Es war das, was Ökolampad schmerzlich als Härte und Treulosigkeit des Rates empfand.

Schon daß die am 22. April 1525 vom Rat angekündigte Disputation nicht stattfand, die, das Predigtmandat ergänzend, den Begriff der dem Worte Gottes gemäßen Lehre hätte feststellen sollen, war vielleicht ein Stück des neuen Verfahrens. Anderes folgte, in dem der Sinn der Behörde klarer sich äußerte.

So die Behandlung des vertriebenen Schaffhauser Predikanten Sebastian Hofmeister, dem der dortige Rat auferlegt hatte, sich wegen seiner reformatorischen Äußerungen vor den Gelehrten der Basler Universität zu verantworten und deren Sentenz dem Rate zu weiterer Verfügung zu übergeben. Der Basler Rat ließ es gar nicht zu einem solchen Examen kommen und verwies im August 1525 den Hofmeister aus Stadt und Land Basel, „damit er keinen bösen Samen aussäen könne“.

Auch der gleichfalls aus Schaffhausen vertriebene Predikant Sebastian Meyer, der nach Basel gekommen war, sollte hier weggewiesen werden.

Bonifaz Wolfhart, der Diakon Ökolampads zu St. Martin, war schon im Mai verbannt worden. Jetzt im August wurden die Pfarrer Frauenberger und Bertschi vor Rat gefordert und wegen Unterlassung des Meßopfers zur Rede gestellt; Bertschi vermochte sich durch ein Zeugnis des Konvents zu St. Leonhard zu rechtfertigen, Frauenberger dagegen mußte seine Pfarrei zu St. Alban aufgeben und die Stadt verlassen. Auch Jakob Imeli, [468] Pfarrer zu St. Ulrich, den der Domdekan im Dezember 1524 wegen seines Eheschlusses im Amte suspendiert und der Rat im Februar 1525 aufgefordert hatte, Messe zu lesen oder vom Amte zu gehen, wurde jetzt in der Tat abgesetzt und seine Stelle einem Papisten gegeben. Auch einzelne Landpfarrer, zu Kilchberg und zu Rümlingen, die Messe und Jahrtagsfeier unterließen, hatten sich deswegen vor Rat zu verantworten; für Beharren hiebei wurden sie mit dem Entzug ihrer Pfründen bedroht. Auch gegen Ökolampad taten die „Archonten und Pharaonen“ des Rates Schritte. Sein Büchlein vom Abendmahl wurde konfisziert, dann der Druck ökolampadischer Schriften überhaupt verboten; er mußte fürchten, gleich Frauenberger aus der Stadt gewiesen zu werden.

Ein Wille war mächtig, der sich nun auch der vor Kurzem eingerichteten Bücherzensur zu seinen Zwecken bediente. Wir sahen dies soeben im Falle Ökolampads. Und wie mit diesem Mittel das Publizieren zu beherrschen war, so auf andern Wegen das Reden; die kräftigen Mendikantenprediger Girfalk und Lüthart erhielten für „freiere Reden“ auf der Kanzel einen Verweis des Rates. Zu diesem Allem paßt, daß die alte Fastenordnung wieder zu Kräften kam; daß in der Fastenzeit 1526 die Metzger den Befehl erhielten, kein anderes Fleisch zu schlachten und feilzuhalten als Lammfleisch; daß Frevler wie Hans Einfaltig und der Goldschmied Jörg Schweiger, die anderes Fleisch „gefressen“, schwer gestraft wurden. Wenn daneben auch der im Mai entwichene Stefan Stör hier nicht vergessen wurde, so galt dieser Grimm zwar vor Allem dem Treiber der Bauernrebellion, aber auch dem kecken Verteidiger neuer Kirchenlehren. In Straßburg, wo Stör als Freund Capitos und Butzers lebte, wurde er auf Verlangen Basels in Haft gesetzt und gefoltert; erst im Juli 1526 erhielt er wieder die Freiheit.

Im Dezember 1525 wurde Waldshut durch Erzherzog Ferdinand eingenommen und der alte Kultus dort wiederhergestellt; kurz darauf erlebte Rheinfelden ein Gleiches, und aus den Äußerungen der Basler Chronisten tönt der Jubel, mit dem diese Nachrichten hier bei den Altgläubigen aufgenommen wurden. Er geht zusammen mit der gehobenen Stimmung der katholischen Partei überhaupt.

Wir sehen die Kirche die obrigkeitlichen Anordnungen begleitend auch ihrerseits mit Eifer handeln, das Verdorbene oder Verlorene wiederherzustellen suchen. Überall und mit den verschiedensten Mitteln.

Um dem Bistum Basel einen energischen Kämpfer als Herrn zu geben, plante sie die Erhebung des Doktor Johann Fabri an diese Stelle, [469] unter Auskauf der Ansprüche Diesbachs, im August 1526. Auch daß dem Doktor Ludwig Bär, dem bedeutendsten Kleriker Basels, jetzt 1526 durch den Rat eine Domherrei verliehen wurde und daß das Domkapitel, die Forderungen der Zeit verstehend, seine alten Prinzipien preisgab und diesem Bürger von Basel die Tür auftat, gehörte zur Sammlung der Kräfte. Kampfmittel waren auch das Verbot des Lesens des Neuen Testaments in der lutherischen Übersetzung, sowie die Einrichtung einer der katholischen Sache ergebenen Buchdruckerei in der Offizin des Johann Faber Emmeus. Als das Wichtigste jedoch erschien die Besetzung der Predikaturen und Pfarrämter.

Der streitbare Dominikaner Johann Burchardi, der im Herbste 1524 als Domprediger gewählt worden war und auf den die Partei große Hoffnungen gesetzt hatte, versagte freilich bald. In einem Injurienhandel mit Stadtschreiber Schaller als Verleumder erwiesen, war er hier unmöglich geworden und mußte Basel verlassen, Ende Mais 1525. Sein Nachfolger wurde Telamonius Limperger, seit Jahren Suffragan des Bischofs Christoph, dem zu Gefallen wohl auch diese Wahl geschah. Aber sie hatte kurze Wirkung. Limperger neigte zur neuen Lehre; er verlor daher die Dompredikatur schon nach wenigen Monaten wieder, im November 1525. Und nun versah der Dom seine Kanzel mit einer anerkannten Celebrität. Es war dies der Ulmer Regularkanoniker Augustinus Marius, 1520 Doktor der Theologie und Professor in Wien, 1521 Domprediger in Regensburg, seit 1522 Weihbischof von Freising. Im Dezember 1525 übernahm er die Predikatur am Basler Münster. Schon vor fünf Jahren, als neukreierter Wiener Doktor, wäre er gerne nach Basel gekommen; damals war sein Wunsch gewesen, hier unter den berühmten Gelehrten zu leben und zu lernen. Jetzt kam er, aber nicht zu stillen Studien, sondern mitten in den Religionskampf hinein, um selbst Führer in diesem Kampfe zu werden. Mit einem schönen Briefe begrüßte ihn Ökolampad, auf ein gutes Zusammenarbeiten in Christo hoffend; doch Marius gab ihm keine Folge. Er war gekommen und seine bayrischen Herzöge hatten ihn ziehen lassen „Gott zu Lob und zur Handhabung des wahren christlichen Glaubens“, und so handelte er nun seiner Überzeugung gemäß in Basel, „gegen Alles wütend, was ihm als Ketzerei erschien“.

Wenn wir überdies im Dezember 1525 von der Absicht hören, den berühmten Agitator Konrad Treger, Provinzial der Augustiner, nach Basel an eine Predikatur zu rufen, so gehört auch dies zum Bilde dieser systematischen Rüstung.

Es war eine Reaktion, die, wenigstens äußerlich, Erfolg hatte. Denn zu Ende des Jahres 1525 verfügte die alte Kirche über die Leutpriestereien [470] und Predikaturen am Münster, zu St. Peter, zu St. Ulrich, zu St. Alban, zu St. Theodor, und im Dominikanerkloster.

Alles dies war Regsamkeit der Kirchbehörden, war Organisation und Parteileitung. Dahinter spüren wir das Leben der Partei selbst. Meist als Leben der Gesamtheit, während wir von Einzelnen kaum etwas vernehmen. Nur die paar großen Humanisten, die zur Partei halten, lassen uns kräftige Worte hören.

Aus ihrem Kreise haben sich einst die ersten Anhänger und Führer der lutherischen Reform in Basel erhoben; die Lehre des Erasmus hat den frühen evangelischen Predigten Art und Richtung gegeben. Wie es dann zur Trennung kam und die Reformpartei die ihr Vorgehen nicht billigenden Humanisten abschüttelte, haben wir gesehen.

Jetzt hat die alte Kirche, vielfach erschüttert und in großen Bereichen schon depossediert, an diesen Männern eine Stütze und Stärkung eigener Art. Sie sind ihr äußerlich zugetan und unterworfen, Jeder auf seine persönliche Weise, in seinem besondern Gesinntsein. Glarean hat nur Bitterkeit und Spott für das, was in der neuen Kirche geschieht; er sieht dabei nichts als Heuchelei, nichts als Befeindung der Wissenschaften; er ist, wie wir wissen, nicht gewöhnt, seine Meinung für sich zu behalten; ohne Rückhalt, auch in den öffentlichen Vorlesungen, fährt er über die Evangelischen her. Ruhiger benimmt sich Rhenan, aber nicht weniger entschieden. Luthers einst gute Lehre ist ihm zur Tollheit geworden; den Kampf gegen kirchliche Mißbräuche sieht er in sozialen und politischen Zank ausarten. Wo bleibt die ratio? wo die prudentia? Es ist das verhängnisvolle Jahr 1525, das Jahr der Bauernrebellion und der Täuferei, das ihn zur Besinnung bringt. Es zerstört auch dem Bonifaz Amerbach viele Hoffnungen; fortan bedeuten für sein Empfinden all die evangelischen Dinge nichts Andres als Unruhe, Wahnsinn, Umsturz des von Rechtes wegen Geltenden; Ökolampads Neuerungen erscheinen ihm als Sakrileg, die sogenannte evangelische Freiheit als teuflische Zügellosigkeit. Wahrlich, aus der Germania ist eine Mania geworden; denn was in Basel geschieht, geschieht auch anderwärts. Und mit diesem Wortspiele hilft sich auch Cantiuncula über den Ärger. Was ist von Sichart zu halten und was von Paracelsus? In Freiburg hat man den Sichart einen Anhänger Luthers gescholten; jetzt in Basel verdächtigt ihn Ökolampad, daß er den Katholiken zu Gefallen rede und einen Bischofssitz umschmeichle. Einem Lutheraner würde Erzherzog Ferdinand allerdings den wichtigen Freibrief für seine Studienreisen nicht gewährt haben. Paracelsus hat auch hier wieder eine Stellung für sich allein. Er begrüßt [471] den Kampf der Evangelischen als einen Kampf für die Freiheit. Aber er will nicht lutherisch sein, sagt sich auch von der alten Kirche nicht los. Er will nur hören und tun, was Christus sagt, und dadurch neu geboren werden. Die Seele muß gesunden. Der Wille ist nicht frei, die echte Freiheit nur das Leben im Willen Gottes. Zu diesem Allem bedarf es keiner kirchlichen Vermittlung des Heils, keines äußern Kirchentums, keiner Predigt usw. Jeder muß auf seine eigene persönliche Art seine Seligkeit suchen, in dem Glauben, daß wir allein durch Christus selig werden. Dem Erasmus endlich bedeuten die kirchlichen Neuerer vorab eine Gefahr der ihm teuren Studien. Und wenn trotzdem die Musen da und dort noch zu finden sind, so fehlen jedenfalls die Grazien. Überall ist Auflehnung, ist sittenloser Tumult, ist Tollwut und Tyrannei. Wenn ein paar Mönche sich entkutten, so feiern sie das als einen Triumph des Evangeliums, dieses Evangeliums, das uns eine ganz neue Sorte von Menschen gebracht hat: Heuchler Lügner Bösmäuler Aufrührer Zänker Zungendrescher Verleumder Rasende. Auch Zwingli, auch Farel und manche Andre zählen zu Diesen; Ökolampad ist noch der Bescheidenste, aber auch ihm fehlt die Aufrichtigkeit. Von Luther vollends sagt sich Erasmus ausdrücklich los; die Leugnung der vom Humanismus gefeierten Freiheit des Willens durch Luther gibt den Anlaß zum offenen Kampfe; die Erwiderung des Erasmus in seiner Diatribe 1524, das Antwortschreiben Luthers 1525 vollenden die Entzweiung. daß dabei Erasmus für die Mängel der alten Kirche und ihrer Lehre keineswegs blind ist, wissen wir; wir wissen auch, wie bittre Anfeindungen er gerade von dieser Seite her dulden muß. Aber er hält Allem gegenüber fest an seiner Überzeugung: literis et Christo! Sehnsüchtig ruft er nach einem Irenäus, einem Wiederhersteller des Friedens in der Kirche. Und immer aufs Neue wieder verkündet und beteuert er seinen Glauben an eine allgemeine Menschheitsreligion, eine einträchtige Kirche, ein Christenvolk das gleichen Sinnes ist per universum orbem.

Mit Parteileuten gewöhnlicher Art haben wir es bei den Humanisten nicht zu tun. Diese an Distinktion gewöhnten, in Selbstgefühl erwachsenen Gelehrten halten auch hier Abstand. Sie wahren kirchliche und parteiliche Disziplin, aber auch ihr eigenes Recht. In solchem Verhalten läßt die Kirche ihnen Freiheit. Denn sie weiß, wie viel ihre Zugehörigkeit wert ist. Im Besitz ungewöhnlicher Fähigkeiten und Kenntnisse, über ein weit mehr als lokales Ansehen gebietend, repräsentieren diese Männer eine große geistige Macht. Sie sind von Bedeutung für Reputation und Ausdauer der altkirchlichen [472] Partei, zugleich auch — die Beschränktheit und den Fanatismus vieler Vertreter dieser Partei in günstigster Weise ergänzend — von retardierendem Einfluß auf das Tempo der reformatorischen Bewegung.


Zu Ende des Jahres 1525 verfügten die Evangelischen nur noch über die zwei Pfarreien St. Martin und St. Leonhard, sowie über die Predikaturen der Augustiner, der Barfüßer und des Spitals.

Trotz dieser Verminderung äußerer Repräsentanz und Gewalt wuchs die neukirchliche Sache. Die große Zahl ihrer Anhänger gab den Gegnern zu denken. „Es war ein elendes Ding und Wesen mit der Luterei zu Basel, besonders in den Räten“, schrieben sie; „eine Ketzerei, die stark zunahm“. Aus dem Gesamten der Einwohnerschaft hatte sich diese Partei allmählich zusammengefunden, war sie langsam emporgekommen. Nicht durchweg in der Stille. Wir haben zu glauben an die unendlichen Erregungen, die den Verlauf begleiteten. Und nicht nur eine Mehrzahl einzelner Ereignisse haben wir zu sehen, sondern das Ganze Mächtige zu fühlen, all die Urgewalt von Werden und Entstehen auch im Erwachsen einer solchen Glaubenspartei, das überreich bewegte Schauspiel einer großen geistigen Umwandlung und Entwickelung. Da kamen, wenn den Gegnern zu glauben ist, Schwärme von fremdem Volke, Handwerksgesellen, weltlich gewordenen Klosterleuten und Priestern, die Alle des neuen Glaubens sein wollten und sich zu den jungen Kirchgemeinschaften drängten. Aus den Basler Klöstern selbst kam ein beständiger Zuzug. Wir vergegenwärtigen uns die Einzelheiten dieser mancherlei Lösungen aus bisherigen Verbänden und Gelübden; wir nehmen dabei auch Äußerliches Drastisches wahr, wenn diese gewesenen Kleriker ihre Platten verwachsen lassen, Bärte bekommen, weltliche Kleider und Degen antun, heiraten usw. Auch manchen fremdartigen unruhigen Flüchtling hatte die Partei bei sich unterzubringen, den Ludwig Hetzer z. B. mit all seiner umstürzlerischen Tatkraft, dann aus dem Kreise Farels den aufgeregten Peter Toussain, der an Ökolampad und den Baslern immer etwas zu tadeln fand, u. A. m. Ruhigeren Eindruck machen Gestalten wie Ottilie von Bergheim verwitwete von Utenheim und Ursula Truchseß. Gegenfiguren zu Erasmus und seinen Genossen waren die paar Gelehrten dieser Frühzeit der Partei — bei denen wir auch Ökolampad Wissenburg Pellican nennen dürfen —, nämlich Oswald Bär, Janus Cornarius, vielleicht Albanus Torinus, sowie die wichtige Gruppe der Buchdrucker. Das Entscheidende war doch die Menge guter angesessener Bürgerschaft, die ihre Vertrauensmänner schon im Rat und in der Kanzlei hatte, [473] aber außerdem in zahlreichen Figuren andrer Art sich uns verkündigt: in Balthasar Hiltprant dem Eroberer von Ramstein. in Franz Hagenbach, Ruprecht Winter, Urban Schwarz; in dem Maler Konrad Schnitt; in Damian Irmi, einst einem Genossen des ungestümen Lebens, jetzt einem der treuesten Anhänger Ökolampads; in Heinrich David, den wir haben zum Heiligen Grabe wallfahren, dann 1521 das französische Pensionsgeld ablehnen sehen; nun kündet er dem Faber Emmeus die Hausmiete wegen Drucks gegenreformatorischer Schriften.

Was die Basler Bevölkerung überhaupt charakterisiert, — geistige Regsamkeit, Bildung, kritischer Sinn — bewährte sich im Verhalten dieser Menschen zu den neuen Ideen. Wenn einzelne Humanisten, aber auch Männer der katholischen Kirche sowie Luther selbst der Meinung waren, daß dem gemeinen Manne nicht Alles gesagt werden solle und daß Manches, was für die Gelehrten tauge, das Volk nur verwirre, so brauchten die Evangelischen sich Solches nicht bieten zu lassen. Der Rat selbst hatte, als der Provinzial Satzger sich in diesem Sinne äußerte, gefunden, daß das „groß und schwer zu hören sei“; nicht anders dachte und handelte das Volk. Sein Geist, schon lange genug in Spannung und von allen Seiten her angetrieben und geschärft, war reif zum Ergreifen und Begreifen. Er war hinausgewachsen über die einfache Neuerungs- und Freiheitsfreude der ersten Jahre, und voll von Reiz ist das Betrachten dieses allmählichen Eindringens von Verständnis und Erkenntnis, wobei geschehen kann, daß Handwerker über Dogmen disputieren, sei es auch im Wirtshaus und in der Weinlaune. Wir haben vor uns ein Stadtvolk, das überhaupt und nun auch in diesen kirchlichen Dingen aktiv sein will; einem Bürgertum wird die Aufgabe, etwas großes Geistiges selbständig zu entscheiden. Die allgemein gewordene Mündigkeit offenbart sich nicht in Provokationen der Gegner, nicht in Exzessen wie demjenigen der Christnacht 1525, da das Münster und andere Kirchen geplündert werden sollen, wohl aber auf sehr eindrückliche Weise in den allgemeinen Volksabstimmungen, die dieses Jahrzehnt hindurch wiederholt zur Entscheidung wichtigster Angelegenheiten des Gemeinwesens stattfinden.

Die Führung der evangelischen Partei geschah durch ihre weltlichen Vertreter in den Räten und ihre Predigerschaft.

Pfarrer zu St. Martin war seit dem Februar 1525 Ökolampad, zu St. Leonhard seit dem Sommer 1523 Marx Bertschi, der dann 1527 den Balthasar Vögeli aus Wallenstadt, 1528 den Erhart Müller als Helfer zur Seite hatte. Leutpriester des Spitals war Wolfgang Wissenburg, Prediger zu Barfüßern Johann Lüthart, zu Augustinern Thomas Girfalk.

[474] Diese paar Männer müssen Großes leisten. Außer ihren eigenen Sprengeln sollen sie auch für das in den andern Bereichen vorhandene und vorwärts drängende reformatorische Leben sorgen; sie haben dabei Deckung an einzelnen Mächtigen, an Konventen, an Volksgruppen.

Nur Ökolampad scheint solches Schirmes weniger zu bedürfen und fast aus eigner Kraft allein aufrecht zu stehen. Es ist bezeichnend, wie ihn die Gegner respektieren, wie schonend zumeist mit ihm der Rat verfährt. Seit dem Februar 1525 ist er Pleban zu St. Martin. Ein Jahr später, am 25. Februar 1526, wird diese seine Stellung durch die Pfleger geordnet, mit klarer Verteilung der gottesdienstlichen Funktionen und neuer Regelung der Einkommensverhältnisse. Ökolampads Diakon Bonifaz Wolfhart hat im Mai 1525 Basel verlassen müssen; an seiner Stelle finden wir seit dem Dezember gleichen Jahres den Hieronymus Bothanus aus Masmünster.

An diesem einen Orte St. Martin, dem wichtigsten, folgen wir der Entwickelung der evangelischen Sache.

Zwei Kulte bestehen nebeneinander in dem einen Kirchenraume: ein katholischer Gottesdienst den die Kapläne, und ein evangelischer den Ökolampad und sein Diakon versehen. Aber während jener allmählich in Verfall gerät, reißt dieser immer mehr Leben an sich. Mit Bestürzung sehen die Päpstlichen, wie zahlreich die von Ökolampad das Abendmahl in neuer Gestalt Empfangenden sind; sie schätzen sie, wohl übertreibend, auf etliche Tausende.

Hier zu St. Martin können wir jetzt auch das Hinfälligwerden ehrwürdiger Fundationen erleben. Die Witwe Margaretha von Eptingen, geborene von Laufen, sogut wie die Brüder Jörg und Arbogast von Andlau beschwerten sich darüber, daß die durch ihre Vordern zu St. Martin gestifteten Messen Spenden usw. nicht mehr abgehalten, die Verfügungen der Stifter nicht mehr geachtet, die Gelder ungebührlich verwendet würden. Die Artisten waren genötigt, ihre bisher zu St. Martin gefeierte Fakultätsmesse in die Peterskirche zu verlegen. U. dgl. m. Seit dem Osterfeste 1526 ertönte in der Martinskirche auch deutscher Gemeindegesang, nach der Neuerung Luthers und dem durch die Straßburger Evangelischen gegebenen Beispiele folgend. Außer zu St. Martin auch in den übrigen neukirchlichen Gemeinschaften Basels. Der Rat verbot solches Singen. Aber als trotz diesem Verbote weiter gesungen wurde und Ökolampad in dringlicher Weise dafür eingetreten war mit der fast drohenden Erklärung, die Sache auf der Kanzel zur Sprache bringen zu wollen, gab der Rat schließlich im Spätsommer 1526 doch seine Einwilligung. Von da an hatte Basel in seinen dem evangelischen Bekenntnisse dienenden Kirchen den deutschen Gemeindegesang; [475] am frühesten in der Schweiz. Zum Verdrusse der Altgläubigen. Der Karthäuser Chronist nannte diesen Gesang einen „Bauernlärm“, Bonifaz Amerbach ein „Heulen“, Glarean ein „läppisches Geplapper“. Es waren deutsche Gesänge, die nach Psalmen gedichtet worden. Aber die Bedeutung des Neuen lag darin, daß an Stelle des alten künstlerischen Gesanges, der eine Gabe der Kirche an die Gemeinde gewesen war, jetzt die Gemeinde selbst den Mund auftat und im Gesang ihre freie Teilnahme am Gottesdienst erwies.

Ein deutscher vereinfachter Taufritus wird erwähnt, den Ökolampad seit dem Herbste 1525 zur Anwendung brachte; desgleichen ein neuer Ritus der Eheeinsegnung; ebenso zu dieser Zeit ein neuer Ritus der Abendmahlsfeier, wobei auch die Haus- und Krankenkommunion vorgesehen wurde. Alle diese wichtigen Ordnungen fanden sich vereinigt in der Agende, die vielleicht schon 1525, sicher 1526 gedruckt wurde. Einen Katechismus, „Frag und Antwort in Verhörung der Kinder“, verfaßte Ökolampad im Jahre 1526. Zu beachten ist auch, daß in der Passionswoche 1527, während überall nach altem Brauche die Glocken schwiegen, die Evangelischen in ihren Kirchen durch Geläute zur Predigt rufen ließen.

Es war lauter Anordnung für einen neuen Gemeindegottesdienst, ein neues Kultusleben, durch denselben Geist der freien Überzeugung geschaffen, der das Dasein der heranwachsenden Kirchgemeinschaft überhaupt bestimmte. Ohne daß dabei wesentlich neue liturgische Gedanken hervortraten; der evangelische Gottesdienst ruhte in seiner Ordnung auf der Tradition. Aber diese Basler Liturgie, als deren Schöpfer wir Ökolampad zu betrachten haben, wurde rasch das Vorbild für die meisten evangelischen Gottesdienstordnungen Süddeutschlands; sie kam zur Herrschaft in Mümpelgart und in Mülhausen, im Kraichgau bei Heilbronn, in den Städten Konstanz Lindau Memmingen Ulm Isny Biberach Eßlingen Augsburg Frankfurt.

Neben der Kultusordnung ist hier zu erwähnen, was über das Kircheninnere hinausging und die Stellung der neuen kirchlichen Gemeinschaft überhaupt kennzeichnete: der Eheschluß der Predikanten. Ihre Mehrzahl hatte diesen Schritt getan; ihrem Beispiele folgend machte jetzt auch Ökolampad seine Leutpriesterei zu einem Pfarrhause moderner Art. Im März 1528 vermählte er sich mit Wibrandis Rosenblatt aus Säckingen, Tochter des kaiserlichen Feldobersten Johann Rosenblatt, Witwe des Magisters Ludwig Keller.

Jeder dieser Vorgänge hatte seine Wichtigkeit. Größer war, was durch ihre Gesamtheit zum Ausdrucke kam: die Tatsache, daß die evangelische Partei jetzt ein geläutertes Programm, ein klareres Ziel hatte. Manche [476] Desiderata der Frühzeit, in denen sie wider die Macht Roms, wider die Priesterschaft, wider die kirchlichen Vorrechte aufgetreten war, hatten inzwischen durch Maßregeln der Obrigkeit Erledigung gefunden. Übrig blieb ihr das Wesentliche, das persönlich Innerliche, die Lehre; auch waren für Reinigung und Stärkung des neuen Gemeindebegriffes starke Kräfte freigegcben.

Wobei wir allerdings nicht übersehen, wie groß die Gefährdung eben dieses Gemeindebegriffes durch die innerhalb der Gemeinde laut werdenden persönlichen Meinungen über Einzelheiten der Lehre war. Überdies haben wir einzugestehen, daß hohe Güter jener Frühzeit inzwischen verloren gegangen waren; auch die reformatorische Bewegung hat die Idealität ihrer Jugend nicht bewahren können und mancherlei Ernüchterung und Verhärtung an ihre Stelle treten lassen.

Jedenfalls aber war die alte kirchliche Einheit gebrochen. Im Rahmen unsrer Stadt regte sich ein zahlreiches und stets wachsendes Kirchenvolk neuer Art; wir sehen dieses Gebilde nach eigenen Formen ringen. Wenn auch an topographische Aussonderung dieser Kirchgemeinschaft so wenig gedacht werden konnte als an organisatorische Gestaltung, so war doch schon die Zeit gegeben für die uns bekannt gewordene eigene Ordnung des Gottesdienstes.

Der noch mangelnde Zwang einer Organisation wurde ersetzt durch persönliche Macht.

Unverkennbar galt und benahm sich Ökolampad schon früh als Führer und Haupt der Basler Reformation. Er trat dann bald auch den evangelischen Geistlichen der Landschaft gegenüber als Herr auf und erließ an sie im November 1528 einen „Hirtenbrief“ mit Ermahnungen und Belehrungen.

Aber er war fast einsam auf seinem Posten.

Nirgends unter den Amtsbrüdern zeigt sich eine Gestalt, die stärkeres Interesse weckt. Es ist bedeutsam, eine wie kleine Rolle diese Predikanten z. B. im zwinglischen Basler Briefwechsel spielen, wie auch wissenschaftlich nichts von ihnen verlautet, mit Ausnahme etwa Wissenburgs. Welch andres Leben quoll für Ökolampad aus dem Umgange mit den lebhaften und auch weltmännisch gearteten Franzosen von Farels Gefolge, die nur allzukurz hier verweilten.

Und dann ging auch Pellican von Basel fort. Im Dezember 1525 rief ihn Zwingli nach Zürich an die durch Ceporins Tod erledigte hebräische Lektur. Ökolampad selbst unterstützte bei Pellican die Werbung Zwinglis. Nicht aus reiner Selbstlosigkeit. Sondern weil er, gleich Andern der Partei, [477] an dem Mönchtume Pellicans sich stieß und in ihm einen Patron des Aberglaubens sah. Pellican nahm den Ruf an; am 22. Februar 1526 wanderte er von hier fort. Noch als Klosterbruder. Dann am 16. März 1526 in Zürich legte er die Kutte ab. Und nun, da er fort war, er, der letzte Gefährte aus alten schönen Tagen, empfand Ökolampad die Bitterkeit des Verlassenseins.

Auch andre Freunde früherer Zeit hatte Ökolampad verloren, zumal den Erasmus. Von überall her kamen überdies Anfeindungen, und hier am Orte selbst waren die Gegner zahlreich. Aber nicht die Gegnerschaft allein bedrängte ihn; er litt auch unter falschen Brüdern, unter Schwarmgeistern und Dissidenten. Mitten unter allen Diesen mußte er leben, sub talibus agere, ohne gute Ratgeber zur Seite zu haben.

Er war allein und trug die Arbeitslast allein; oft hatte er Augenblicke der schmerzlichsten Klage, des Verzweifelns an der Frucht seiner Mühe.

Wie er solchergestalt für seine Gemeinde und in großer Absicht für die Stadt und das Reich Gottes kämpfte und litt, erscheint diese stellvertretende Tätigkeit als eine gewaltige Leistung. Aber dabei sahen die Genossen den an sich zaghaften unberedten Mann merkwürdig wachsen, auch herber und härter werden und immer wirksamer seine Aufgabe meistern. Er gab, vielfach eigenartig schöpferisch, der Basler Kirche die Gestalt und die Lehre. Daß er unmittelbaren und intensiven Einfluß auf die Haltung des Rates hatte, ist nicht zu erkennen; seine Art war eher, durch Einwirkung auf das Volk sich das Mittel zu schaffen, durch das er Basel für das Neue gewann.


Schon im alten reichen Kirchenleben unsrer Stadt hatten eigenwillig und außerkirchlich Fromme verschiedener Art Platz gefunden. Basel war zu allen Zeiten eine gute Stätte für Separatisten, und der zentral gelegene, international disponierte Ort ward immer gerne von Vertriebenen aufgesucht. Wie durch die Jahrhunderte hin vom heimatlosen Volke der Fahrenden, so jetzt von den um ihres Bekenntnisses willen Fliehenden und Wandernden.

Wir haben Solche kennen gelernt: Denk Karlstadt Münzer u. A. Aus Anregungen, die sie hier hinterließen; aus Flugschriften; aus eigenen Gedanken Einzelner, die in der Stille außerhalb der Welt leben und die Form dieses Lebens auf nichts Anderes als die Bibel, das einfache Wort Gottes gründen wollten; — konnte die Sekte erwachsen, die um die Mitte des Jahres 1525 hier bemerkbar wurde, in einer Zeit, da noch in Allem die Erschütterungen des großen Bauernaufstandes bebten. Wir dürfen an [478] Übereinstimmungen dieser Gruppe mit alten Gemeinschaften Basels denken, ohne direkte Abhängigkeit von ihnen annehmen zu müssen; jedenfalls aber haben wir sie zu betrachten als eingeschlossen in die allgemeine Bewegung der Geister, in die allgemeine Entwickelung der Zustände.

Im August 1525 wurde bekannt, daß im Hause des Schneiders Michel Schürer an der Weißengasse (No. 17) geheime Versammlungen stattfanden; außer Schürer und seiner Frau waren der Weber Lorenz Hochrütiner, der Korrektor Ulrich Hugwald, und Andere, im Ganzen neun Personen, die Teilnehmer. Sie kamen täglich zusammen, ließen Einen unter ihnen predigen und hatten auch die Wiedertaufe an einander vollzogen. Der Rat nahm sie Alle in Haft; am 16. August freigelassen, mußten die Hauptschuldigen die Stadt für immer verlassen, die Andern schwören, sich solcher Dinge künftig zu enthalten; als Strafe der Übertretung wurde den Männern Enthauptung, den Weibern Ertränkung angedroht.

Der Rat mochte anfangs geglaubt haben, ein Überbleibsel der vor Kurzem niedergeschlagenen Revolte vor sich zu haben; die Untersuchung zeigte aber etwas ganz Anderes: eine friedliche Gemeinschaft von Brüdern, eine von Welt und Staat sich durchaus absondernde Gemeinde der Heiligen nach dem Vorbilde des Urchristentums. Buße und völlige Sinnesänderung waren die Bedingungen für den Eintritt in diesen Kreis, das als erreichbar geltende Ziel die Sündlosigkeit. Form des Eintrittes war die Taufe, die aber nur der seines Glaubens Gewisse und Bekehrte erhalten konnte. Dem Staate verweigerten die Brüder Eid und Waffendienst; sie erkannten allein Gott als ihre Obrigkeit an.

In dieser ganzen Tendenz lag für die Staatsgewalt sowohl als für die Kirche eine Herausforderung.

Der alten Kirche war das Täufertum eine Ketzerei so gut wie das Luthertum. Aber sie sah gerne, daß es in die Reihen ihrer Gegner Unruhe und Zersplitterung brachte. Was sie von der Sache selbst hielt, hat besonders scharfen Ausdruck gefunden durch Amerbach: ihm waren die Täufer eine Höllenbrut, Verbrecher, Schwarmgeister denen man das Schlimmste zutrauen konnte, aber mit dem Allem nichts Anderes als ein natürliches Produkt der Lehre Luthers.

Daß der Rat gegen die Täufer einschritt, ist begreiflich. Er hatte eine Verweigerung öffentlichen Gehorsams und Dienstes vor sich; auch erschien ihm diese neue Parteiung als ein Übel. In Verhaftungen Bestrafungen Wegweisungen zeigte er den Täufern seinen Unwillen; in wiederholten Mandaten äußerte er sich gegen sie. Aber das Alles hatte wenig Wirkung. [479] Die Gebote scheinen nur schwach gehandhabt worden zu sein. Vielleicht der vom Rat erklärten Anerkennung freier Conscienz überhaupt entsprechend; vielleicht aus Nachsicht gegen das stille und im Grunde harmlose Wesen dieser Leute. Aber Ökolampad sah in dem läßlichen Verhalten der Behörde nur ein Spiel papistischer Gesinnung.

Um so entschiedener erhob er selbst sich wider die Täufer.

Wenn er sofort im August 1525 eine Auseinandersetzung mit ihnen in seinem Pfarrhause zu St. Martin veranstaltete, wobei er sich durch Wissenburg Girfalk Imelin assistieren ließ, so trieb ihn vielleicht die Hoffnung, der in die Irre gehenden Brüder noch Herr werden und ihre Absonderung von der Gemeinde hindern zu können. Dann aber der Wunsch, ihre Abweichung von der Lehre in bester Form festzustellen. Dies Gespräch, das mehr stürmischer Wortwechsel als Disputation war, brachte natürlich keine Einigung; es konstatierte nur den vorhandenen Riß.

Sowohl der alten als der neu sich bildenden Kirche gegenüber war diese Täufergemeinde eine Separation. Sie fügte sich in keinen Kirchenrahmen; Manche die zu ihr gehörten hatten vielleicht den subtilen Dünkel der Gemeinschaftsleute; auch mochte ihr Wesen von enger und gesetzlicher Art sein. Aber ihre Absonderung war frei von Gewaltsamkeit; nichts Andres wollte sie als ernste Befolgung der Gebote des Neuen Testamentes; in einer Zeit allgemeinen Kampfes stand sie als stille und reine Erscheinung ruhig abseits.

Mit den paar Männern und Weibern, die 1525 beim Schneider an der Weißengasse ertappt wurden, hielt der Rat keineswegs die ganze Sekte in Händen. Vielmehr gab es noch Andre, die zu ihr gehörten, aber unbehelligt blieben. Wie überhaupt, gemäß dem die Welt meidenden Fürsichleben dieser Gemeinde, ihre Bezeugung einseitig feindlich und daher ungenügend ist, so fällt es uns schwer, dieses Dasein in Wahrheit kennen zu lernen.

Die Brüder, auch die hier zeitweilig ansäßigen, scheinen großenteils Fremde gewesen zu sein. Neben Gebildeten wie dem Korrektor Hugwald, dem Freisinger Lehrmeister Ulrich Kern, dem Priester Ulrich Bolt aus der schwyzerischen March, großenteils Handwerker und kleine Leute. Von draußen, aus der Ostschweiz, dem Elsaß usw., kamen Wanderprediger mit täuferischer Lehre. In gleicher Weise gingen Propaganda und Werbung von hier aus wieder weiter. Mitten im Wogen eines großen über die Lande gebreiteten Gemeinschaftslebens erbaute sich die Basler Gemeinde. Eine Gesinnungs-, nicht eine Rechtsgemeinschaft. Eine auf Innerlichkeit [480] sich gründende Sekte, die sich absonderte von der zur äußern Kirchenorganisation genötigten evangelischen Gemeinde. Von Winkel- und Waldpredigten ist dabei die Rede, von Konventikeln in Häusern oder vor der Stadt, im Felde, auf Bergmatten, zu St. Margarethen, beim Holee, in Oberwil Therwil usw. Da wurde gepredigt, da wurde den in der Kindheit schon Getauften die Spättaufe, „Wiedertaufe“, erteilt.

Bis zum Jahre 1528 begegnet uns dies täuferische Wesen hauptsächlich in der Stadt und ihrer Nachbarschaft; dann mehr in der Landschaft bis in die obern Vogteien hinauf. Eine große Mannigfaltigkeit einzelner Taufbrüder und ihrer Schicksale füllt diese Jahre. Ein Reichtum von Erscheinungen, wobei aus dem Alle durchdringenden Enthusiasmus, aus der schönen Gesamtheit von Ergebung und Festigkeit einfachster Menschen Einzelne vortreten wie der berühmte Prediger Felix Manz; wie Bruder Karli (Brennwald), der die Artikel seines Glaubens schriftlich fixiert und sich zur Disputation mit den Predikanten vor dem Rat erbietet; u. A.

Politisch ohne Bedeutung, war dieses Basler Täufertum für die Evangelischen eine lästige Nachbarschaft. „Von allen Beschwerden, die wir schon getragen, die beschwerlichste“, urteilte Bertschi. Wie aber Dieser selbst, wenigstens bei den Papisten, als ein Freund der Spättaufe galt, so auch sogar Ökolampad. Sein früheres Schwanken im Urteil über die Kindertaufe hatte zur Folge, daß nicht nur die Altgläubigen ihn als Freitäufer verdächtigten, sondern auch die Täufer ihn wiederholt als einen insgeheim ihre Lehre Bekennenden, öffentlich sie Verleugnenden bezeichneten.

Durch solche Vorwürfe nur zu leidenschaftlicherem Kampfe gereizt, ließ Ökolampad in Disputation Kanzelpolemik Traktaten Libellen Briefen die Täufer seine Gegnerschaft und seine Kraft fühlen; es war ein Kampf, der ihn bis ans Ende des Lebens beschäftigte.

Das Wiedertäuferjahr 1525 führte den Ökolampad noch in einen andern Kampf. Auch dieser währte jahrelang. Aber die Gegner waren sehr verschieden von den schlichten Täufern: Führer der Reformationssache selbst, ehemalige humanistische Freunde und Genossen, extreme Papisten. Die Schärfe des Tones zeugte von der das Innerste ergreifenden Macht der Gedanken, denen der Kampf galt: der große Kampf um das Verstehen der Eucharistie.

Gegenüber der Lehre Luthers von der wahren Gegenwart des Leibes und Blutes Christi für alle das Abendmahl Genießenden vertrat Zwingli eine nur symbolische Auffassung, bezeichnete er das Abendmahl als bloßes [481] Erinnerungsmahl, zuerst im März 1525 durch seinen Kommentar von der wahren und der falschen Religion. Ökolampad hatte, wie wir sahen, im Jahre 1523 die in der Schrift des Holländers Hoen entwickelte symbolische Auffassung abgelehnt, und im April 1525 äußerte er die Absicht, die Frage in einem Religionsgespräche mit Luther zu erörtern; dann aber im Herbste 1525 stellte er sich überzeugt und offen an die Seite Zwinglis; er bekannte diese seine Meinung in dem, nicht in Basel sondern in Straßburg gedruckten Buche über die ächte Deutung der Einsetzungsworte.

Eine schon vorhandene Gährung wurde durch diese Schrift zum Ausbruche gebracht; da und dort erhoben sich Gegner Ökolampads: der vehemente Jacob Strauß, ein geborner Basler, der zur Zeit in Nürnberg weilte und bald Stiftsprediger in Baden-Baden wurde; die Prediger in Schwaben Billikan in Nördlingen u. A. m.

Wie sehr vor Allem Basel durch die Sache erregt wurde, zeigen Äußerungen Amerbachs u. A. und zeigt namentlich der Ratsbeschluß vom Oktober 1525, durch den die Schrift Ökolampads einer aus Erasmus Ludwig Bär Cantiuncula und Amerbach gebildeten Spezialkommission zur Begutachtung gegeben wurde. Ende Oktobers erfolgte das Gutachten; seine Wirkung war die sofortige Konfiskation der ökolampadischen Schrift.

Auch der heißblütige Zasius ließ sich vernehmen, mit argen Beschimpfungen Ökolampads, und ähnlich stritt der alte Nürnberger Freund Pirkheimer in gehässiger und persönlicher Art. Von entscheidender Wichtigkeit aber war der in der Schrift Ökolampads erklärte Kampf gegen Luther, den „tyrannischen neuen Pontifex“. Und bedeutsam, daß selbst im Kreise der Basler Predikanten Ökolampad einen Gegner hatte, den die lutherische Auffassung teilenden Wolfgang Wissenburg.

Eine erregte Flut von Briefen und Streitschriften trug die Debatte weiter und durch Jahre hin. Als in den Jahren 1526 ff. auch Clichtoveus an der Pariser Sorbonne und der Bischof von Rochester Johann Fisher, später auch der Dominikaner Pelargus wider Ökolampad sich erhoben, war es die Zeit äußerster Spannung des Religionskampfes überhaupt, wobei die Leidenschaft dieses speziellen Streites in dem allgemeinen Tumult unterging.

Indem sich beim Abendmahlsstreite die Geister schieden bis zur völligen Lösung der schweizerischen Reformation von der lutherischen, und indem er sowohl Leben brachte als Hemmungen, wirkte er unmittelbar auf den Gesamtverlauf in unsrer Stadt. Aber an sich erscheint die Kontroverse vorwiegend als eine Sache der Theologen, bei der die Masse unbeteiligt blieb.

[482] In die lokalen Zustände hinein wirkten unaufhörlich die konfessionellen Zwistigkeiten der Eidgenossenschaft.

Wie engbegrenzt und wie arm an eigenem Leben die eidgenössische Betätigung Basels in diesen Jahren war, wissen wir. Sie galt wie sonst so auf diesem Gebiete des kirchlichen Kampfes der Sorge für Frieden und Einigkeit; sie mühte sich namentlich um eine Vermittlung zwischen Zürich und den die Sache Roms vertretenden Orten. Daß Basel hiedurch sich das Mißfallen dieser Orte zuzog, ist klar erkennbar. Es wurde beschuldigt, die neue Lehre zu unterstützen, und eine besondere Gesandtschaft der Sechs Orte war deswegen im Januar 1525 nach Basel gekommen. Wir haben gesehen, in welcher Weise der Basler Rat solchen Zusprüchen und Vorwürfen gegenüber sein Hausrecht wahrte. Er hatte auch später wiederholt Anlaß, der Tagsatzung zu erklären, daß er mit Zürich so gut wie mit den gegnerischen Orten in ewigem Bündnis stehe und daher sich weder vom einen oder andern Ort absondern noch ein solches ausschließen, vielmehr allen Eidgenossen gegenüber sich nach Lage der Bünde benehmen wolle. In diese Debatten hinein kam nun der Gedanke eines großen, eidgenössisch inszenierten Religionsgespräches.

Der neugläubige Basler Chronist sah im Vorschlag einer solchen Disputation eine List der Gegner. Allerdings kam er von dieser Seite. Schon im August 1524 hatte Johann Eck von Ingolstadt aus eine Disputation empfohlen, dann im Oktober 1525 diese Anregung wiederholt, mit dem Erbieten, selbst dabei mitzuwirken „zu Ausreutung der gräulichen Ketzerei, zu der Zwingli und Ökolampad schon viele Tausende verführt haben“. Eck, ein kecker und gewandter Fechter, hatte s. Z. in Leipzig mit Luther gekämpft und wünschte nun die beiden Schweizer sich gegenüber zu haben.

Die zu diesem Traktandum der Tagsatzung amtlich erklärte Meinung war, daß nur ein Religionsgespräch die Einigkeit im Glauben wieder herstellen könne. Die Altgläubigen hatten dabei, wie die Zustände waren, einen formellen Sieg zu erwarten und sahen vor, auf diesem Weg eine Glaubenseinheit der Eidgenossenschaft erzwingen zu können; die Evangelischen aber erkannten ihre Pflicht, dieser Gelegenheit öffentlichen Kampfes für ihre Überzeugung nicht auszuweichen.

Ökolampad war sofort dazu bereit. Aber nur in Basel wollte er sich zum Kampfe stellen. Das schon früher als Disputationsort in Vorschlag gebrachte Baden lehnte er ab; ein solcher Ort aller Ausgelassenheiten schien ihm wenig geeignet für eine Verhandlung dieser Art, auch nicht ungefährlich, da er im Territorium der acht alten, in der Mehrheit katholischen Orte gelegen war. Er empfahl, die Disputation in Basel geschehen zu lassen, [483] „wo eine hohe Schule und gelehrte Leute, wo alte Handschriften und Bücher seien und gute Gelegenheit für Fremde, wo jede der beiden Opinionen Anhänger habe, wo auch eine berühmte Stadt und ein Bischofssitz sei.“

Der Basler Rat — der im Frühjahr 1525 selbst ein Religionsgespräch in Basel vorgesehen, dann aber „aus bewegenden Ursachen“ doch nicht veranstaltet hatte — äußerte bei der Tagsatzung zunächst seine Bedenken gegen den Plan einer eidgenössischen Disputation überhaupt. Jedenfalls aber verwahrte er sich, dem Ökolampad widersprechend, gegen die Veranstaltung in Basel, wobei er aber nur nebensächliche Gründe dieser Ablehnung nannte; in Wahrheit wollte er die Disputation nicht in seinen Mauern haben, weil bei dem vorauszusehenden Siege der Altgläubigen eine Erhebung der großen evangelisch gesinnten Partei in der Bürgerschaft zu erwarten war.

Am 20. März 1526 beschloß die Mehrheit der Orte (ohne Basel) die Abhaltung der Disputation, und zwar in Baden. Hier begann sie am 21. Mai 1526.

Es war ein seltsames Bild, wie auf die fröhliche helle Bäderstadt, sonst Lustort aller Welt, sich jetzt diese große, fast ausschließlich klerikale Gesellschaft niederließ, eine dunkle und im Ganzen auch ernste Schar, und einige Wochen lang ihr Leben beherrschte. Neben den Boten der eidgenössischen Orte hatten sich eingefunden Vertreter der schweizerischen Bistümer und der Abtei St. Gallen, sowie ein Schwarm zahlloser Geistlicher Mönche Theologen Predikanten Kapläne usw. Der Eindruck würde auch auf uns noch gewaltig sein, wenn nicht durch Alles hindurch der Wille nur der einen Partei sich vordrängte, die absichtliche Einseitigkeit der ganzen Zurüstung ersichtlich wäre.

Disputator der Kirche war in erster Linie Eck, Disputator der Reformpartei in erster Linie Ökolampad. Zwingli hielt sich fern. Ökolampad war begleitet durch seine Basler Amtsbrüder, von welchen, soviel wir sehen, auch Imeli in den Kampf eingriff, mit bündigen kräftigen Sätzen bei der Verhandlung über die erste These. Diese Predikanten waren auf Geheiß des Rates zur Disputation geritten, nicht als seine Vertreter, sondern um bei dieser solennen Gelegenheit eine Verantwortung ihrer Sache zu unternehmen; aus demselben Grunde hatte er auch den Telamonius Limperger zur Teilnahme aufgefordert, sowie den in Basel gerade anwesenden Ludwig Hetzer. Als seine Repräsentanten dagegen waren der Bürgermeister Adelberg Meyer und der Zunftmeister Urban von Brunn abgeordnet. Bischof Christoph sandte als seine Vertreter den Domprediger Marius, den Colmarer Dekan Jacob Zimmermann, den Doktor Johann Mörnach u. A. Einer [484] der Disputationspräsidenten war der Propst zu St. Peter Doktor Ludwig Bär. Endlich war im Auftrage der Eidgenossen auch Erasmus durch den Basler Rat eingeladen worden, aus Rücksicht auf seine Kränklichkeit dieser Aufforderung aber nicht gefolgt. Teilnehmer aus Basel waren auch Doktor Johann Gebwiler und der St. Peterspredikant Leonhard Rebhan.

Vom 21. Mai bis zum 8. Juni wurde disputiert: über die Gegenwart Christi im Altarsakrament, die Fürbitte der Heiligen, die Bilder, das Fegefeuer, die Erbsünde, die Taufe. Gegeneinander standen auf den Kanzeln Eck mit mächtiger Gestalt und lautdröhnender Stimme und der unansehnliche Ökolampad. Für Diesen erklärten sich am Schlusse nur Elf aus den Hörern, die übergroße Mehrheit aber, gegen Neunzig, für Eck. So endigte die Disputation mit dem erwarteten Siege der Altgläubigen. Aber es galt, was der Basler Rat schon im Januar dargelegt hatte, daß jeder Teil den wahren Glauben zu haben meinte und keiner sich von diesem Glauben abtreiben ließ.

Die Lobsprüche, die dem aus Baden nach Hause kehrenden Ökolampad von Freunden zu Teil wurden, haben wir hier nicht festzuhalten. Aber bemerkenswert ist auch jetzt wieder nicht die Gelehrsamkeit und nicht die Klugheit Ökolampads, sondern die große sittliche Kraft, die den zum Disputieren so wenig Geschaffenen diesen Kampf für die Überzeugung, dem kein Sieg winkte, mutig und selbstlos, dem Rate gehorsam, aufnehmen hieß. Er war dabei fast ohne Beistand. „Ein zweiter Atlas, trug er allein auf seinen Schultern das von Blitz und Donner erfüllte Himmelsgewölbe von Baden.“ Es war eine große persönliche Leistung und ein Verdienst, das soviel wog wie ein Triumph.

Die Partei der Neugläubigen in Basel fühlte sich durch den ganzen Vorgang jedenfalls gestärkt. Aber auch der Rat stand sichtlich unter dem Eindrucke dieser Persönlichkeit Ökolampad. Auch mußte das offizielle Basel unzweifelhaft verletzt sein durch die herrische Art, mit der das Disputationsunternehmen einseitig geführt worden war und nun ausgebeutet werden sollte. Verletzend war auch das monatelange Vorenthalten des Disputationsprotokolls durch die Altgläubigen.

Aber Diese gingen noch weiter. Schon im Dezember 1525 waren die Sieben Orte des Willens, bei der bevorstehenden periodischen Bundesbeschwörung denjenigen Orten, „die vom alten christlichen Glauben abgefallen“, nicht mehr zu schwören. Basel bemerkte hiezu, daß man aus Rücksicht auf die allgemeine Lage bis auf Weiteres jedes Schwören überhaupt unterlassen sollte; je weniger man zur Zeit das Volk versammle, um so besser. In der [485] Sache selbst aber war seine Meinung, Jedem sei zu schwören, dem man nach Inhalt der Bünde den Eid schulde; unsre Bünde erstrecken sich nicht auf den Glauben, „den wir doch, so Gott will, Alle christlich haben“. Aber der Gedanke, daß ein politisches Vereintsein auch religiös Getrennter möglich sei, war den Gegnern fremd; mit Entschiedenheit brachten sie ihre Anschauung gegenüber Basel zur Geltung, das ihnen als lutherische Stadt galt.

Der Rat mochte noch so energisch erklären, weder lutherisch noch zwinglisch zu sein, und darauf Hinweisen, daß Basel in Messe Singen Kirchenzierden Bildern wie von Alters her noch immer bestellt sei und nichts geändert habe. Die Eidgenossen machten geltend, daß in Basel zu verbotenen Zeiten Fleisch gegessen werde und noch andre Mißbräuche möglich seien; auch habe die Stadt zum Religionsgespräche neugläubige Predikanten geschickt. Sie lehnten ab, einem solchen Orte zu schwören.

Hiebei blieb es, und Basel erhielt und gab demgemäß nur eine sehr beschränkte Beschwörung der Bünde. Am 29. Juli 1526 schworen Zürich Bern Basel einander hier auf dem Petersplatz und gleichen Tags in den beiden andern Städten; am 30. September folgte ergänzend die Beschwörung durch Glarus und Schaffhausen.

Nach Schluß der Badener Disputation hatte die Tagsatzung bestimmt, daß die in eidgenössischen Orten tätigen lutherischen Prediger entweder weggewiesen oder im Amte suspendiert werden sollten. Demnach war Ökolampad darauf gefaßt, seine Predigten einstellen zu müssen. Aber es kam nicht dazu. Der Rat ließ ihn und die andern neugläubigen Predikanten ruhig auf ihren Kanzeln und nannte den Eidgenossen als Grund, daß die Beseitigung dieser beliebten Männer einem Aufruhre rufen würde. Er begnügte sich damit, sämtliche Prediger der Stadt, auch die altgläubigen, vorzuladen und neuerdings auf das Predigtmandat von 1523 zu verpflichten. „Solange sie, wie dieses Mandat verlangt, nur das Wort Gottes predigen, haben wir keinen Anlaß, sie abzusetzen.“ Auch den Druck ökolampadischer Schriften gab der Rat jetzt wieder frei.

Die eidgenössischen Begebenheiten konnten den Rat allerdings dazu führen, keine besondern Rücksichten mehr zu nehmen und nur an sein Basel allein zu denken. Auch dazu, sich jederlei Einmischung von jener Seite zu verbitten. Vor Allem die Verweigerung des Bundesschwurs nötigte zu einer solchen Haltung. Wenn auch gelegentlich der Rat erklären mochte, daß er die Bundespflicht auch denjenigen Orten gegenüber üben werde, die ihm [486] nicht geschworen, so machte er in andern Momenten sehr deutlich sein Verhalten vom bundespflichtigen Handeln der andern Orte abhängig. Das innerste Empfinden der Behörde war und mußte sein, eine schwere Beleidigung und eine unverdiente Isolierung im Bund erlitten zu haben.

Notwendige Folge hievon war, daß der Einfluß der römischen Partei auf die Ratspolitik schwächer wurde, die Haltung des Rates zur Reformsache sich änderte. Zum Ärger der extremen Papisten, aus deren Reihen dann die übertriebene Klage kam, Basel habe „keinen alten Christen mehr im Rate, sondern nur unverständige Leute und abtrünnige Lutheraner“.

Dazu kam, daß in der Behörde überhaupt, bisheriges Verfahren fortsetzend, eine Stimmung mächtig war, die einem Beschränken und Vereinfachen altgewohnten Kirchenwesens das Wort gab. Formen und Vorgänge, die vor Jahrhunderten ihren Nimbus gehabt haben mochten, erschienen jetzt Vielen als entbehrlich, ihre Beibehaltung in einer veränderten Zeit als nachteilig für die Ruhe der Stadt. Der Rat hatte schon so Manches im Innern der Kirche nach seinem obrigkeitlichen Gutdünken geordnet und bot nun auch jetzt Hand zu Reformen. Im Mai 1527 beschloß er eine starke Verminderung der kirchlichen Feiertage zu Stadt und Land, indem vierundzwanzig solcher Tage abgeschafft, und außer den Sonntagen nur noch vierzehn Feiertage beibehalten wurden, unter genauer Anordnung der Ruhe von Arbeit und Gewerbe an diesen Tagen; auch sollten die Fronleichnamsprozession und andre Umgänge künftig nur innerhalb der Atrien und Kirchhöfe stattfinden dürfen. Schon früher, im April 1526, hatte der Rat die Grenze des Basler Gebietes für die bisher an gewissen Festtagen aus der Umgegend, namentlich aus der Markgrafschaft, hereinkommenden Prozessionen geschlossen; den Ortsbehörden war dies unter der Begründung mitgeteilt worden, daß bei der allenthalben gährenden Unruhe die Untertanen besser zu Hause blieben.

Die eidgenössischen Erlebnisse, zumal die gewalttätige Ausbeutung des Badener Disputationssieges durch die altkirchlichen Orte, dann die Versagung des Bundeseides durch dieselben Orte, hatten natürlich ihre Wirkung auch auf das Basler Volk. Die alte Partei mochte triumphieren und eigene Hoffnungen wieder wachsen fühlen, während die Evangelischen aus diesen Vorgängen nicht Resignation zu lernen hatten, sondern gemehrte Willenshärte und Entschlossenheit. Wir haben auch daran zu denken, daß es dabei nicht allein um konfessionelle Gegensätze ging; Manche dieser in Kirchendingen so schroffen Tagherren waren hier auch berüchtigt als große Pensioner, als Helfer Österreichs, als Begünstiger der in Basel schimpflich beseitigten Jacob Meyer und Ulrich Falkner.

[487] Aber wir haben uns überhaupt klar zu machen, daß diese Basler Kirchensache im Rahmen allgemeiner Bewegungen und Ereignisse stand. Es war die Zeit nicht nur der Entzweiung in der Eidgenossenschaft, sondern auch die Zeit anhaltender Kriegsgerüchte, des gewaltigen Wachstums der Kräfte Österreichs, des ferdinandeischen Ediktes wider Lutheraner Ökolampadianer und andre Ketzer, des durch die Einen als Unglück der Menschheit beklagten und durch die Andern mit triumphierender Freude begrüßten sacco di Roma. Was in Basel geschah, verflocht sich mit dem allgemeinen Geschehen und hatte doch die stärksten Lokalfarben.


Gestritten wurde in allen Formen, vom dogmatischen Diskurse bis zur persönlichen Verunglimpfung. Das Verkünden des Wortes Gottes entartete zu einem Zanken auf allen Kanzeln der Stadt; Augustinus Marius hetzte in seinen Dompredigten, und die evangelischen Geistlichen ließen sich zu Beleidigungen des neugewählten Bischofs Philipp hinreißen. Und nun brachte die Zeit aus der Menge der Kontroversen ein Kernstück an die Oberfläche und machte es zum Hauptkampfobjekte: die Messe.

Schon frühe war durch Luther das Opfer der Messe als dem Wesen des Evangeliums widersprechend bezeichnet worden. Wie dann in den evangelischen Gemeinschaften Basels wenigstens der Meßritus geändert wurde, haben wir vernommen. Jetzt sollte die Messe selbst fallen. Das Beispiel der Predikanten Imelin und Frauenberger, die wegen Unterlassung des Meßopfers ihre Stellen verloren hatten, schreckte nicht. Und wenn noch im Jahre 1525 da und dort im evangelischen Basel die Messe gefeiert wurde, was Pierre Toussain nicht begreifen konnte und tadelte, so kam es jedenfalls seit 1526 zu St. Martin, bei den Augustinern, im Spital und zu St. Leonhard zu keiner Meßfeier mehr.

Ein wie Großes und Eindrückliches dieses Beseitigen der Messe war, verstehen wir im Gedanken daran, was die Messe im alten Kirchenwesen bedeutete. Sie umschloß im geheimnisvollen Reichtum ihrer Liturgie, der den Gläubigen die Gegenwart Gottes erleben ließ und ihm das Opfer Christi vermittelte, den Hauptinhalt gottesdienstlichen Lebens. Sie war, wie Niklaus Manuel sagt, „der stein im pfulment“. Welcher Auffassung gegenüber die evangelische Lehre dahin ging, daß die Messe mit dem Worte Gottes nicht bestehen möge und der Ehre Christi zu nahe trete, mithin eine Lästerung und ein Greuel wider Gott sei. Wir übersehen außerdem nicht, daß die Messe nicht nur zum Allerheiligsten des alten Sakralwesens gehörte, sondern auch von hoher wirtschaftlicher Bedeutung für die [488] Kirche war deswegen, weil ein großer Teil des Kirchengutes auf Meßstiftungen ruhte, ein großer Teil des Klerus von Meßstiftungen lebte.

Diesem Allem gemäß war die Kraft und Leidenschaft des Kampfes, der nun über die Messe geführt wurde. Nähere Nachrichten fehlen. Aber deutliches Zeugnis ist das Verfahren des Rates. Dieser beschloß am 16. Mai 1527, daß die sämtlichen Predikanten der Stadt, von der einen wie von der andern Seite, binnen Monatsfrist ihre Haltung zur Messe aus der Heiligen Schrift begründen sollten; am 21. Mai beschied er sie Alle vor sich und notifizierte ihnen den Befehl.

Unter allen kirchenobrigkeitlichen Akten, die sich der Rat je gestattet, war dieser Beschluß wohl der stärkste. In der Tat erhoben Bischof und Domkapitel sofort Einsprache. Aber der Rat erklärte sich für kompetent. „Jeder in Verkündung des göttlichen Wortes der Bürgerschaft Vorgesetzte sei seiner Lehre Grund und Ursache anzuzeigen schuldig.“ Er war des Glaubens, bisheriger Disputationsmethode gemäß, mittelst eines solchen Schriftenwechsels zu einem Zustande friedlichen Vertragens und Lebens zu gelangen.

Einen eigenen Entscheid in der Sache selbst zu treffen, war nicht Absicht des Rates. Aber wie dann die Parteischriften eingingen, erkannte er, im Glauben an die Möglichkeit einer Verständigung sich geirrt zu haben. Verantwortungsschriften wurden ihm eingegeben Namens der Kirche durch den Münsterprediger Marius, Namens der Reformpartei durch Ökolampad. Sie lauteten so entschieden und waren inhaltlich so unvereinbar, daß der Rat die Sache fallen lassen mußte; er verwies die Streitenden an ein künftiges allgemeines Konzil.

Daß dann Marius und Ökolampad sowie Pelargus die dem Rat eingereichten Schriften und Gegenschriften im Drucke veröffentlichten, lag im Interesse der Parteien und entsprach der großen Bedeutung des Streites.

Der Rat aber erließ eine dem tatsächlichen Zustand angepaßte Zwischenordnung. Durch Mandat vom 23. September 1527 verkündete er, daß hinfort Niemand gezwungen werden solle, Messe zu halten oder Messe zu hören. Nur der eine Vorbehalt wurde hiebei gemacht, daß ein Bepfründeter, der nicht Messe halte, dementsprechend seine Pfründe verlieren solle, mit Ausnahme der Geistlichen zu St. Martin und zu den Augustinern sowie derjenigen Herren zu St. Leonhard, die schon vor dieser Erkanntnis nicht Messe gelesen hätten.

Ein Grundsatz war damit ausgesprochen, der allgemeine Geltung haben sollte. Nur für die drei Kirchen der Evangelischen in der Stadt wurde mit [489] Rücksicht auf schon Bestehendes, nicht mehr zu Änderndes eine Ausnahme gemacht, während für Kirchen auf der Landschaft eine solche Ausnahme nicht als gerechtfertigt und geboten anerkannt werden wollte.

Wie eine disziplinarische Maßregel der alten Kirche selbst konnte die Ordnung angesehen werden; als solche ruhte sie auf der durchaus billigen und vernünftigen Meinung, daß der Geistliche, der die Messe nicht anerkenne und nicht halte, auch nicht von ihr leben solle. Daher auch eine Erklärung aller Bepfründeten, mit Ausnahme derjenigen zu St. Martin usw., verlangt wurde; der Rat mußte wissen, ob die Pfründen im bisherigen Besitze blieben oder an Andre zu geben waren.

Die Evangelischen allerdings sahen jetzt das durch sie bis dahin Errungene vom Rate gewährleistet, und die Freude über diesen Erfolg lebt deutlich in damaligen Briefen Ökolampads; triumphierend schildert er das Benehmen des enttäuschten Marius; triumphierend redet er von der Messe, daß sie krank sei, daß sie friere, daß sie von ihren eigenen Anhängern vernachlässigt zu werden beginne.

Es handelte sich um einen Erlaß, der einerseits an den Klerus gerichtet war, andrerseits die Hauptfrage der Messe selbst regelte. Indem dabei ausgesprochen wurde, daß hinfort Niemand gezwungen werden solle, Messe zu halten oder Messe zu hören, war mit klaren Worten eine große und neue Auffassung offiziell anerkannt.

Daß wir es freilich mit einem parteiten Rate zu tun haben, zeigt schon die Ungleichmäßigkeit in der Gewährung von Ausnahmen. Jedenfalls gingen alle Kundmachungen dieses Jahres aus einer durch heftige Kämpfe hin und her getriebenen Behörde hervor. Von solchen Streitigkeiten und Erregungen ist damals in der Tat die Rede, und der Rat selbst verfügte, daß unter seinen Mitgliedern Keiner dem Andern seine Rede oder Ratschlag zu Argem oder Ungutem auffassen und dagegen reden, vielmehr einem Jeden seinen freien Ratschlag lassen solle.

Es war ein Moment, da die konfessionelle Politik des Rates als ein Ganzes zur Erwägung kam und neue Gedanken zur Geltung empordrängten. Was bisher diese Politik hatte leiten können: das Überzeugtsein von der durchaus einigenden Kraft eines Gemeinsamen und der Glaube an die Möglichkeit einer Verständigung der streitenden Religionsparteien, — hatte wenig Bestand mehr; seine Schwäche hatte sich beim Kampf um die Messe deutlich gezeigt, und daneben trat nun ein Neues, das nur unter heftigen Kämpfen hatte gewonnen werden können: die Ehrfurcht vor der Freiheit und dem Rechte des Glaubens.

[490] In bedeutsamen Mandaten verkündete jetzt der Rat wiederholt seinen Willen. Am 23. September 1527: Niemand werde gezwungen, Messe zu halten oder zu hören, sondern solle Solches dem Gewissen eines Jeden anheimgestellt bleiben; am 21. Oktober 1527: Jeder solle seines Glaubens frei sein und Niemand genötigt werden, Messe oder nicht, diese oder jene Predigt zu hören, sondern solle dies eines Jeden Conscienz anheimgestellt sein; am 29. Februar 1528: weil der Glaube eine Gabe Gottes und nicht von den Menschen verliehen, daher es unbillig sei, daß ein Bürger oder Nachbar von des Glaubens wegen, der doch in keines Menschen Gewalt, den Andern hasse, solle Jeder frei sein zu glauben, nach dem ihm von Gott Gnade verliehen und was er seiner Seele Heil zu sein verhoffe.

Den Parteiführern allerdings, die für ausschließliche Geltung der von ihnen vertretenen Doktrin einzustehen innerlich verpflichtet waren, mußte eine derartige Toleranz unerträglich vorkommen; mit dem Ende des Religionskampfes und dem Siege der einen Partei war es daher auch um die Toleranz geschehen. Aber während der wenigen Jahre ihrer Geltung war sie der Ausdruck einer nicht gewöhnlichen Denkweise. Dem Zwang und Terror der Parteien gegenüber hat dieses obrigkeitliche Bekenntnis zur Achtung der freien Conscienz, das natürlicherweise unter dem Vorbehalte der Wahrung von Frieden und Ruhe geschah, etwas Großes. Es war etwas dem Orte Basel, der schon so Vielen Asyl gewährt, so manche anderswo unmöglich gewordene Fremdlinge und Flüchtlinge geduldet hatte, durchaus Gemäßes. Humanistischer Geist war darin. Es ersetzte die Gedanken, die zum Predigtmandat von 1523 geführt hatten, durch eine andere, weitere Anschauung. Es war zugleich ein Preisgeben des alten Prinzips, daß die Obrigkeit verantwortlich sei auch für das Seelenheil ihrer Untertanen.

In welcher Verwirrung aber diese Einwohnerschaft war, zeigt uns der neutrale Beobachter Amerbach: „die Priester wollen nichts preisgeben und sich nicht ändern. Dieselbe Starrköpfigkeit findet sich bei ihren Gegnern. Und nun streiten die Päpstler mit den Lutherischen, die Lutherischen mit den Sakramentierern. Tausend Abarten des Glaubens wollen heute Geltung haben. Soviele Köpfe soviele Meinungen. Für sakrosankt hält Jeder seine Träume.“

Auch aus Zeugnissen andrer Art tritt uns dieses Bild entgegen. Aus dem Verbote der schon ganz zur schlimmen Übung gewordenen Schmählieder und Spottreden; aus der Bestrafung Einzelner, die den Bürgermeister Meltinger, den Wolf Harnisch, den Ratsherrn zu Schuhmachern usw. verlästern. Hans Seiler, der Wächter über Rhein, schilt die aus dem Gottesdienste [491] zu St. Martin Kommenden Ketzer; der Weihwasserstein vor dem Münster wird demoliert, Kruzifixe vor den Toren und in Feldkapellen werden niedergehauen und als Brennholz weggeführt. Nachdem in der Karfreitagsnacht 1526 beim Heiligen Grabe zu St. Peter ein Unfug verübt worden, vor dem die beim Grabe sitzenden Priester fliehen müssen, und Ähnliches im Münster geschehen ist, sind die Altkirchlichen in beständiger Angst vor Störungen ihres Kultus.

Es ist eine Zersetzung, die Alles angreift, auch das Familienleben, auch das Tagewerk, auch den Frieden des Geländes vor den Stadtmauern an Sommerabenden, da Erasmus im Rebhäuslein sitzt und den Chrysostomus übersetzt, während nebenan in den Weingärten die Einen zur Arbeit Psalmen singen und die Nachbarn darüber fluchen. Auch in den Gerichten, so beschuldigt man einander, wird nicht nach dem Rechte, sondern nach der Parteizugehörigkeit geurteilt.

Jeder meint, „er habe den rechten Glauben, und der Andre sei des Teufels“; bei welcher Gesinnung die Stadt allstündlich auf einen blutigen Krawall gefaßt sein kann.

In diese Zustände hinein nun erließ der Rat seine Mandate von der Freiheit der Überzeugung, an ein Volk sich wendend, das doch selbst Ruhe zu finden meinte nur bei einer die ganze Stadt umfassenden Gleichheit des Glaubens und der kirchlichen Lehre. Diese Diskrepanz zwischen der Ratspolitik und der allgemeinen Stimmung war um so hoffnungsloser und furchtbarer, als die beiden Parteien just in diesem Widerstreben gegen die Toleranz der Ratsstube einig gingen. So wenig die alte Kirche sich über das ihr selbstverständliche Ablehnen solcher Duldung äußerte, so deutlich redeten ihre Gegner. Auch sie wollten eine Gleichberechtigung der Konfessionen nicht gelten lassen. Mit Unerbittlichkeit drangen sie auf Abstellung des zwiespältigen Predigens, m. a. W. auf Beseitigung der alten Lehre. Sie sahen wie weit ihr Werk schon gediehen war, und verlangten zornig und ungeduldig nach seiner Vollendung. Die Zeiten waren vorbei, da ihre Predikanten sich mit Marius zu verständigen suchten über gemeinsames Wirken; jetzt war Streit und dann Niederlage des Einen oder des Andern das einzig Denkbare; und voll Unwillens schalt Ökolampad über den Rat, der auf zwei Stühlen sitzen wolle.

Alles steigerte sich einer Katastrophe zu. Wie Vorboten einer solchen und als Zeichen des göttlichen Zornes erschienen den erregten Menschen schwere und ungewöhnliche Gewitter, Allem voran der berühmt gewordene Blitzschlag am 19. September 1526, der den Pulverturm bei der Malzgasse traf und weitherum in der Stadt Schaden tat. Schrecklicher war die verheerende [492] Pestepidmie des Jahres 1526; schon lange war keine solche Verwüstung mehr erlebt worden; einige Klöster starben beinah aus, ganze Familien wurden beseitigt. Und um die Qual voll zu machen, folgte der Seuche eine große Teurung und Hungersnot. „Es ist Mangel an Allem, was der Mensch zum Leben braucht,“ schrieb der Rat.

Einseitigen aber ergreifenden Ausdruck fand die damalige Stimmung der Evangelischen, die sich nur als ungerecht Bedrückte fühlen wollten, in Ökolampads Predigten über die Klagelieder Jeremiae sowie in seinen Briefen, die voll von Unzufriedenheit sind mit dem Rate und mit diesem Basel, „dem nicht zu helfen ist.“ Er schrieb im Namen einer Partei, der nicht genügte, daß sie geduldet werde; sie wollte Gunst und Geltung.

Auch die Berner Disputation im Januar 1528 änderte hieran nichts. Basel war stark an ihr vertreten, Niklaus Briefer einer ihrer Präsidenten; neben Ökolampad nahmen Bertschi Imelin Wissenburg sowie einige Landgeistliche teil. Vom Rat abgeordnet waren Konrad David und Diebold Wyssach; die gleichfalls anwesenden Franz Hagenbach, Mathias Apiarius, Urban Schwarz, Ruprecht Winter, Jacob Heilweg u. A. sind wohl Deputierte der Gemeinden. Aber während dann, unter dem Eindrucke dieser Disputation, der Rat von Bern in seinem ganzen Gebiete das alte Kirchenwesen beseitigte und den reformierten Gottesdienst einführte, war dies dem Basler Rat unmöglich.

Da handelte das evangelische Volk.


Was das katholische Basel damals an der neuen Partei und ihrem vorwärtsdrängenden Wesen hauptsächlich sah, sagt es selbst uns gelegentlich: „Alles Alte und Heilige ist abgetan, Ehe Taufe Messe Predigt sind geändert, überall geht es deutsch zu, jeder Pfaff und Predikant kann tun was ihm beliebt.“ Dazu kam das unausgesetzte Wachsen dieser Gemeinschaft; immer neue Genossen traten ihr bei, und unter ihnen fielen namentlich die abtrünnig gewordenen Klosterleute auf. Wir haben zu rechnen mit einem allmählichen Leerwerden der Konvente. Wenn wir etwa zu hören bekommen, wie die Verwandten einer Nonne ihr zusetzen und keine Ruhe lassen, bis sie Zelle und Klausurpforte hinter sich hat, so sind viel häufiger die einfachen Meldungen von Klosteraustritten, wobei zu vermuten bleibt, welch erregte Stunden dem Schritte vorangingen oder folgten. Einen Kollektivaustritt sehen wir beim Augustinerkloster geschehen, wo am 16. Januar 1528 die noch vorhandenen sechs Mönche sich entschlossen, insgesamt zum gemeinen Christenstande zurückzukehren, und ihr Kloster mit aller Zubehör an die Stadt [493] abtraten. Im Übrigen folgte Einer dem Andern; am meisten Aufsehen erregend war der Austritt des Dominikanerpriors Jörg Hartman Rieher im September 1527, da zur Apostasie noch die Verheiratung mit der fast achzigjährigen Dame von Rosenberg kam; Erasmus spottete, daß die Braut die Schwester der Hekuba sein könnte. Aber noch andre Figuren fallen auf in der Gefolgschaft Ökolampads: der das letzte Asyl seines unruhvollen Lebens in Basel suchende Johann Denk, die Schwenkfeldianer Mathias Wickler, Fabian Eckel u. A. m. So gesteigert, so maßlos sind die Meinungen, daß es im Kreise Ökolampads Leute gibt, die den Luther schon zu den Papisten rechnen. Dabei zieht ein fremder Prediger laut zur Buße rufend durch die Gassen Basels. Erregt sind Alle, einer entscheidenden Stunde zueilend und ungeduldig nach dem Siege verlangend. Aber auf neue Weise.

Es ist nicht mehr die Zuhörerschaft des Einen oder des Andern, die einzelne Kirchgenossenschaft, die sich regt. Sondern die neugläubig gerichtete Gesamtheit. Der Verband aber, in dem dies geschieht, ist die Zunft.

In diese Form kann sich nun auch fügen die neben den kirchlichen Reformwillen tretende politische und soziale Opposition. Seit dem Beginne der Bewegung sind sie sich nahe gestanden; jetzt in der Gluthitze dieser letzten Zeit rinnen alle die Elemente zusammen.

Umsonst sucht der beunruhigte Rat, durch polizeiliche Maßregeln die vorhandene Aufregung zu dämmen und die Gelegenheiten zu Ausschreitung möglichst zu mindern. „Die Sitten sind schlecht; nie war größere Schwelgerei, nie mehr Betrug, nie größere Verachtung Gottes und der weltlichen Obrigkeit“. Daher der Rat ein großes Mandat erläßt wider Spielen Trinken Schwören Tanzen; den Totengräbern und Andern wird das bisher übliche Wirten auf dem Kohlenberge verboten, u. s. f. Aber eine Wirkung ist nicht wahrzunehmen.

Es handelt sich nur um die kirchliche Bewegung. Aber sie vollzieht sich im Ganzen eines allgemeinen Zustandes der Einwohnerschaft. Das starke Lautwerden des Volkes in diesen Jahren, seine Regsamkeit und sein energisches Bekennen sind nicht zu verstehen und zu würdigen ohne die Annahme eines verbreiteten Besitzes von Urteil und Kenntnis. Die vielen Feldzüge, der Reislauf, der Verkehr, die Dramen Gengenbachs und die fessellose Publizistik haben erzogen, erregt; in ihnen erscheint die Zeit selbst als die große Lehrmeisterin. Mächtig gefördert, zur Mündigkeit gebracht, steht jetzt, im bewegtesten Momente, dieses von Natur kritische und seit Jahrhunderten von allen Seiten her wachgehaltene Stadtvolk einer großen Aufgabe gegenüber.

[494] Beschwerden in Menge erheben sich. Wenn Lohnerhöhung für Holzfuhren von den gnädigen Herren verlangt wird, „denn Diese haben so viele Kronen eingenommen, daß sie guten Lohn zahlen können“, — oder wenn der alte Gnadentaler Schaffner Hans Prassel Aufhebung des Ungelds fordert und dem Rate vorwirft, das Geld verkriegt zu haben, das er besser am Ungelde nachgelassen hätte, so gelten solche Reden kaum den jetzigen Regenten, sondern ihren Vorgängern. Auch die Predigt Girfalks, in der Alle, die Pensionen nehmen, vierfache Mörder gescholten werden, erregt Zorn mehr in der Eidgenossenschaft als in Basel, wo keine Pensioner mehr sind. Aber den herrschenden Rat treffen die Schmähungen Jägers und Leiderers und Andrer, die Verdächtigung des Gescheides durch Hans Fritzschin usw. Eine üble Stimmung gährt auf Basler Boden wie jenseits der Grenzen und nötigt den Rat, seine Schlösser gut zu verwahren, sowie das Abhalten andrer Dorfversammlungen, als die Weg und Steg und gemeines Werk berühren, zu untersagen. Ein Bürger hetzt in Istein markgräfliche Bauern auf und verspricht ihnen Hilfe aus der Stadt. Da und dort werden Frohnen und Zehnten verweigert. Auch die täuferische Meinung spielt hinein, daß das Gebot weltlicher Obrigkeit nicht zu achten sei und das Gebot Gottes vorgehe.

Durch Alles hindurch tönt die Unzufriedenheit mit dem Rate. Die sich durch die Verfassung von 1521 um alte Hoffnungen betrogen fühlen, die Wühler von 1525, die allezeit das Regiment Tadelnden, aber auch ruhige und ihres Rechtes bewußte Bürger — sie Alle haben denselben Willen: die Oligarchie zu brechen, dem Kleinen Rate gegenüber den Großen Rat und in diesem Großen Rate die Gesamtheit der Bürgerschaft zur Geltung zu bringen. In den Zuständen selbst ist begründet, daß, die Solches anstreben, in ihrer Masse zur evangelischen Partei halten, daß diese Partei der Hauptträger allgemeiner populärer Forderungen ist.

Hier haben wir es zu tun mit der religiösen Erhebung.

Die Paritätspolitik des Rates wird durch die Neukirchlichen durchaus verworfen. In unbefangenster Selbstgerechtigkeit sehen sie Übertretung des Predigtmandates nur bei den Päpstlern, auf der eigenen Seite nichts als eine ewige Wahrheit; völlig unduldsam dringen sie darauf, daß einzig ihr Glaube hier gepredigt werde. Denn was Anderes ist die zwiespältige Predigt als „ein Brunn vieler Laster, ein Deckmantel aller Apostüzlerei, eine Irrung der verstrickten Conscienzen, eine Stärkung der Boshaftigen, eine Unterdrückung der Wahrheit, eine Erweckung des Zornes Gottes, eine Schande für die ganze Stadt Basel?“ Darum soll die Predigt der Altgläubigen [495] aufhören samt dem Greuel ihrer Messe, soll die vom Rate verkündete allgemeine Gewissensfreiheit nicht gelten. In solcher Meinung erheben sie sich gegen den Rat und sind gewiß, damit nur ihre Pflicht zu tun. Ruhig und fest nehmen sie sich das Recht, der Obrigkeit, die ihren Seelen und Gewissen zu nahe tritt, offenen Widerstand zu tun.

Am 22. Oktober 1527, nach der Predigt, versammelten sich einige Hundert Evangelische im Augustinerkloster. Von der noch immer fehlenden Einigkeit im Predigtwesen, von der Mißachtung der obrigkeitlichen Mandate durch die Altkirchlichen wurde geredet, bessere Handhabung der Mandate verlangt und zur Vertretung dieser Begehren vor dem Rat ein Dreißigerausschuß bestellt. Es war keine brausende Jugend, die so handelte; „alte redliche Männer“ bildeten die Versammlung. Durch Abgeordnete ließ der Rat in ihr zur Güte reden; am folgenden Sonntag aber, in den verschiedenen Zunfthäusern, gab er zu vernehmen, daß er an dem Geschehenen Mißfallen habe und künftige Zusammenrottungen bestrafen werde.

Überall, wo Revolutionen beginnen, sehen wir der ordentlichen Behörde gegenüber das neue Leben in Klubs und Ausschüssen offenbart. Hier bilden sich die Programme, die Forderungen, die Führer. Jetzt in diesem Basel ruhte noch in besonderer Weise die Bedeutung solcher Ausschüsse darauf, daß sie und nur sie eine Repräsentanz des Volkes waren. Der Große Rat, so wie er bestellt wurde, konnte unmöglich als eine Volksvertretung gelten; dem entsprach die klägliche Rolle, die er diese ganze große Reformbewegung hindurch zu spielen gehalten war. Das Volk, die Gemeinde, fand sich selbständig und außerhalb des Großen Rates zusammen, und über ihn hinweg verhandelte und verkehrte es durch das Mittel von Ausschüssen mit der Regierung.

Von Aufruhr redete der Rat und drohte mit Strafen. Aber das Volk ließ sich nicht Stille gebieten. Der ersten Versammlung folgten andre gleicher Art, und wie schon dort ein gemeinsames Schmausen und Trinken sich an das Verhandeln geschlossen hatte, so geschah dies auch bei den spätern Anlässen.

Ganz neue Bilder entstehen vor unsern Augen. Diese bis dahin ungewöhnlichen Versammlungen und Zweckessen, diese Ausschüsse. Völlig profan und fast revolutionär sind die Formen. Wenn auch zunächst nur von Glaubens- und Kirchensachen die Rede sein mag, so wirken doch umfassendere Kräfte. Allgemeine Interessen der Bürgerschaft sind beteiligt. Sie ists, die mit dem Rate redet, nicht der Predikant. Die Geistlichen sehen sich hineingerissen in dies Treiben, das die Versammlung im Gotteshaus [496] als freie „Gemeine“ begleitet; der Prediger, der dort auf seiner Kanzel sich allein zu hören pflegt, ist hier bei diesen Zusammenkünften nur Einer unter Seinesgleichen.

Wenn Ökolampad sich mit auswärtigen Freunden über diese Dinge unterhielt, bemerkte er, daß der größere Teil der Bevölkerung, nach seiner Schätzung auch der bessere, hinter ihm stehe. Es war in der Tat eine „Gemeine“, die schon jetzt versucht sein konnte, sich als „Hauptorgan der Stadtverfassung und damit auch als Herrn über das religiöse Schicksal der Stadt“ zu fühlen. Nicht mehr um Einzelheiten der Lehre oder des Kultus wurde gesorgt und gestritten. Indem die Evangelischen immer wieder gegen die Zwiespältigkeit der Predigt sich erhoben und sie als Unterdrückung der Wahrheit bezeichneten, verlangten sie nichts Geringeres, als Beugung des ganzen städtischen Kirchenwesens unter ihre Lehre allein.

Mit wiederholten Eingaben dieses Sinnes bestürmten sie den Rat, dessen Politik doch seit Jahren offen vor ihnen lag.

In der Tat beschied er sie auch jetzt wieder auf gewohnte Weise. Am 29. Februar 1528 erließ er das uns bekannte Mandat, wonach Jedem freistehen solle, zu glauben, was er für das Heil seiner Seele halte. Auch forderte er die Predikanten vor sich, um sie persönlich auf die Vorschriften zu verpflichten. Wie ernst er die Sache nahm, zeigt auch seine Aufforderung an Bischof Philipp, 12. März 1528, den ungebärdigsten aller katholischen Prediger, den Augustinus Marius im Münster, dazu anzuhalten, daß er sich dem Mandate gemäß benehme. Aber das waren Maßregeln, die nicht befriedigten. „Langsam und unzitig“ sei der Rat, hieß es auf evangelischer Seite; und Ökolampad rief: „wahrlich! auf solche Weise wird kein Friede geschaffen“. Entschlossen gingen nun die Revolutionäre von sich aus vor.

Nachdem schon in der Beilegung des Streites über die Messe der tatsächliche Zustand anerkannt worden war, sollten nunmehr die den Evangelischen dienenden Kirchen auch im Übrigen ihrer Gottesdienstart angepaßt werden.

Die Einleitung war ein Tumult auf dem Fischmarkt am Palmsonntage. Dann am Karfreitag, 10. April 1528, wurden durch einige Spinnwetternzünftige die sämtlichen Heiligenbilder in der Kirche zu St. Martin weggeräumt. Am Ostermontag, 13. April, geschah das Gleiche — unter den Schlägen eines plötzlich losbrechenden, von Vielen als bedrohliches Mirakel gedeuteten, schweren Gewitters — in der Augustinerkirche.

Es war ein wohl zunächst durch das Beispiel Berns nahegelegtes Verfahren. Aber jedenfalls eine Gewalttat, die sich der Rat nicht durfte bieten lassen. Die Mehrzahl der Täter blieb ihm unbekannt, außer Vieren — [497] einem Hafner, einem Küfer, einem Tischmacher, einem Zimmermann —, die er festnehmen ließ und in Haft setzte. Die Zunft verlangte ihre Freilassung. Vergeblich. Diese Weigerung wurde das Signal zu einer Revolte. Früh am 15. April strömten einige Hundert von den Zünften auf dem Marktplatze zusammen. Immer Neue zogen dem Haufen zu, der das Rathaus bedrohte. Der Rat konnte einem Verhandeln nicht ausweichen und begehrte, daß die Menge hiefür einen Ausschuß bestelle. Solches geschah. Den ganzen Tag lang stritten sich nun Rat und Ausschuß, während die Gemeinde auf dem Spinnwetternzunfthause den Ausgang erwartete. In leidenschaftlicher Erregung, ungesättigt. „Ehe Pfingsten kommt, müssen auch das Münster und die andern Kirchen gestürmt und die Heiligen aus ihnen hinausgeworfen sein!“ Endlich auf den Abend kam im Rathause die Einigung zu Stande. Die Gefangenen wurden in Freiheit gesetzt, die geschehene Ordnung und Abrede in einem Mandate vom 15. April 1528 folgendermaßen verkündigt: da den zu St. Martin Augustinern Barfüßern Spital St. Leonhard den Gottesdienst Besuchenden die Heiligenbilder unleidlich sind, sollen die Bilder in diesen fünf Kirchen durch Werkleute des Rates weggetan werden, mit Ausnahme der in den Chören zu St. Leonhard und zu Barfüßern befindlichen, damit Diejenigen, die an diesen beiden Orten noch Meßstiftungen haben, dort ihre Andacht verrichten können. In den übrigen Kirchen, wo Predigt und Meßfeier in hergebrachter Weise gehalten werden, sollen die Bilder unverändert bleiben.

Zu beachten ist, wie der Rat in diesem Erlasse die schon geschehene private Bilderstürmerei völlig ignoriert. Die Beseitigung von Heiligenbildern soll als Werk der Obrigkeit allein dastehen. Als ihr Werk damit auch die schon in der Ordnung über die Messe begonnene, jetzt vollendete Trennung der beiden Kirchengruppen alten und neuen Glaubens. Es ist wiederum von Amtes wegen die Widerlegung alles auf Ausschließlichkeit gerichteten Wollens; die beiden Konfessionen sollen nebeneinander leben, jede für sich, jede auf ihre Weise, jede gleiches Rechtes.

Amerbach begrüßte die Klarheit einer solchen Scheidung, während extreme Altgläubige ergrimmten über diese Vergewaltigung des Rates durch einen Haufen „meineidiger Schelme und Bösewichte“. Wenn der Chronist im nahen Gebweiler das Wegtun heiliger Bilder der gleichzeitigen offiziellen Verherrlichung des Heiden Munatius am Marktplatze gegenüberstellte, so war dies ein bitterer Gedanke weiter Kreise.

Wie aber dem Ökolampad diese neue Ordnung die Zwietracht nur zu mehren, nicht zu beseitigen schien, so war seine Partei überhaupt nur [498] damit zufrieden, daß sie nun fünf von „Messe und Götzen gesäuberte“ Kirchen besaß. Das Weiterbestehen von „zweierlei Glauben“ dagegen war und blieb ihr anstößig. Sie konnte keine Ruhe geben, solange nicht die Einheitlichkeit von Predigt und Gottesdienst durch ganz Basel erreicht war, solange ihren fünf Kirchen noch der Gewalthaufen der altgläubigen Gotteshäuser mit elf Ordenskirchen, zahlreichen Stifts- und Pfarrkirchen und Kapellen gegenüberstand.

In solcher Lage kam ihr der Gedanke, es mit einer Unterstützung durch eidgenössische Freunde zu versuchen.

Von einer Gesandtschaft Zürichs an Basel, wegen Beitrittes dieser Stadt zu dem zwischen Zürich und Konstanz geschlossenen christlichen Burgrechte, war schon durch Zwingli geredet worden. Jetzt boten die in Folge der Bilderbeseitigung entstandenen Unruhen noch drängenderen Anlaß zur Intervention; sie brachten auch Bern und Schaffhausen in Bewegung. Bern seinerseits hatte außerdem das Interesse, für die erfolgreiche Arbeit Ökolampads an der dortigen Disputation den Dank zu erstatten, zugleich aber auch Klage zu führen, daß Ecks Schmähbüchlein wider die Disputation in Basel gedruckt worden war.

In den unmittelbar auf das Ratsmandat vom 15. April folgenden Tagen hatte Ökolampad dem Freunde Zwingli ein ausführliches Programm für eine solche Botschaft der drei Städte entwickelt. In der Woche darauf trafen die Gesandten Zürichs und Schaffhausens hier ein, wenige Tage später, noch vor Ende Aprils, die Gesandten Berns.

In der Geschichte unserer Stadt war es ein Moment nicht gewöhnlicher Bedeutung. Alle Geister standen in Spannung. Nicht nur die drei evangelischen Städte kümmerten sich um diese Basler Dinge; auch Luzern merkte auf, wollte vom Rate Näheres erfahren und war bereit, Gesandte herabzuschicken und auch seinerseits hier zum Rechten zu sehen. Dazu kamen Berichte von Rüstungen im Sundgau, vom Plan eines kaiserlichen Heerzuges, von einen Separatverkommnis der Sieben Orte zur Beschirmung des alten Glaubens. Man sah unheimliches „verdorbenes“ Kriegsvolk in Basel herumstreichen, und der Rat selbst warnte davor, sich mit den vielen Fremden einzulassen, die nur Aufruhr und Unglück stiften; die Bevölkerung war voll Unruhe und schien sich sogar zum Bürgerkampfe zu rüsten; in den Häusern wurden Steine u. dgl. bereitgehalten. Wie „hitzig“ der gemeine Mann war, fiel den Gesandten auf.

Für Ökolampad und die Seinen kam Alles darauf an, daß die Gesandten ihr Geschäft nicht vor dem Kleinen Rat abtaten; was bei ihm herauskam, [499] war vorauszusehen. Vor den Großen Rat mußten sie treten, hier reden und verhandeln, ea qua oportet majestate, hier dafür wirken, daß auch in Basel Einhelligkeit der Lehre herrsche. Wenn Einige freilich nicht zuversichtlich waren und eine kleine papistische Mehrheit im Großen Rat ausrechneten, so erwartete doch Ökolampad das Beste.

Alles war vorbereitet; die zürcherische Instruktion lautete ausdrücklich auf Vortrag vor dem Großen Rate, mit einer lehrhaften Ermahnung zur Eintracht, zur Abstellung der „Schulpredigten“, zur Gestattung nur der Predigt des lautern Evangeliums.

Aber man hatte umsonst geplant, der Rat verweigerte den Gesandten die Einberufung des Großen Rates. Schon bei andrer Gelegenheit hatte der Rat den Eidgenossen zu verstehen gegeben, daß er das Dreinreden des Parlamentes ungerne sehe; in derselben Meinung und um die jetzt vorliegende Sache in der Hand zu behalten, ließ er die eidgenössischen Boten nicht vor die Sechser treten. „Es ward ihnen schlechte Ehr erboten“.

Noch einmal siegte die Ratspolitik über die gewaltsamen Tendenzen der Evangelischen. Aber der Eindruck der Stärke dieser Partei wird dadurch nicht gemindert. Wenn am Zunftwahltage zu Spinnwettern im Juni 1528 der Maurer Luchsenhofer vor den Tisch der Herren trat und ihnen den „Befehl der Gemeine“ brachte, keinen andern Meister zu wählen als der dem Wort und Evangelium anhange, so war dies eine Stimme aus der großen Menge Derer, die in keiner Behörde saßen, und Kundmachung des diese Menge zum Angriffe treibenden, am schließlichen Siege nicht zweifelnden Willens.


Die alte Kirche, fast durchweg in die Defensive gedrängt, sah sich auf dem Punkte, da es um das Letzte geht.

In dieser großen Entscheidungsstunde haben wir wiederum das Fehlen persönlicher und freier Äußerungen von altkirchlichen Führern zu beklagen. Die Notizen und Exclamationen des Karthäusers sowie des anonymen Chronisten zeigen nur ein allgemeines Bild der damaligen Stimmung dieser Kreise. Schärfer, in literarischer Fassung, der weiten öffentlichen Wirkung zu Liebe gestaltet, gibt eine Schar von Flugschriften diese Stimmung wieder. Noch einmal vor dem Ende, in gesammelter Macht, ergriffen da die Streiter der Kirche das Wort und erließen Libelle. Dr. Johann Eck publizierte hier seine Sendbriefe und „machte damit Basel zu einem Ingolstadt“. Ähnlich Johann Fabri; seine apologetische Epistel über Anrufung U. L. F. und der Heiligen widmete er den Getreuen der Kirche in Basel. Auch das [500] Gutachten des Augustin Marius über das Opfer der Messe erschien jetzt im Drucke. Ebenso die demselben Thema geltenden und gleichfalls gegen Ökolampad gerichteten Schriften des Dominikanerpredikanten Ambrosius Pelargus. Zu welchen bekannten und zum Teil hochstehenden Kirchenmännern sich auch ein kleiner Humanist gesellte, der St. Leonhardsschulmeister Johannes Atrocianus, und verschiedene Dichtungen — Querela missae, dem Beromünstrer Propst Huldreich Marti, und Nemo evangelicus, dem Bischof Philipp von Basel gewidmet — zu dieser katholischen Literatur der letzten Tage beisteuerte.

Aber als wollte eine innere Notwendigkeit der alten Kirche den Beweis abringen, daß sie noch immer nicht nur zu befehden, sondern auch positiv zu handeln vermöge, erscheint sie während eben dieser Monate in einer Tätigkeit, die an bessere Zeiten erinnert. Sie erhob sich noch einmal zu Reformen. Gegen das trotz Allem in der Priesterschaft verbreitete Schandleben — über das Bonifaz Amerbach sich empörte und der Abt Niklaus von Bellelay dem Domkapitel seine Klagen eingab — richteten sich wiederholte Maßregeln, namentlich der große Erlaß Bischof Philipps vom 25. Mai 1528. Auch für angemessene Versehung der wichtigen Stellen wurde gesorgt. Telamonius Limperger, der schon im Spätjahre 1525 die Dompredikatur hatte abgeben müssen und nur durch die Gunst des Bischofs Christoph noch als Weihbischof belassen worden war, verlor 1527, nach Erhebung Bischof Philipps, auch dieses Amt; wie in der Predikatur, so folgte ihm nun auch im Suffraganat Augustinus Marius. Aber den Ungeschicklichkeiten, die sich Dieser bei seinen Münsterpredigten zu Schulden kommen ließ, und über die gelegentlich auch der städtische Rat sich beschwerte, trat das Domkapitel energisch entgegen; es verwies ihm im August 1528 seine aufhetzerische Predigtweise. Zur gleichen Zeit bemühte es sich, für die erledigte Leutpriesterei von St. Theodor einen tauglichen Mann zu finden; der Kaisersberger Pleban Johann Nicolai wurde aufgefordert, diese Pfarre zu übernehmen. Mitten in den Bewegungen und Unsicherheiten erscheint als denkwürdig auch der Bau, den das Kapitel zu dieser Zeit noch im alten Fabrikhause bei der Pfalz ausführte: die Einrichtung von Räumen für seine Sitzungen und für die Münsterschule.

Zuversicht und Entschlossenheit einer Herrschaft, die sich noch nicht preisgeben will, lebt in allen diesen Handlungen. Auch darin was im Sommer 1528 in Riehen geschah: Einführung eines Meßpriesters und Anordnung der Meßfeier. Unter persönlicher Beteiligung des Bürgermeisters Meltinger; es war ein Vorgehen, das dem Predikanten Kettenacker als Aufreizung zum Tumult erschien, im Grund aber nur Handhabung des vorjährigen Mandates in Sachen der Messe war. Und wie die Neukirchlichen [501] sich in Versammlungen und Banketten organisierten, so taten die Altgesinnten mit ihren Leuten; im Zunftsaale zu Metzgern hielten sie ihre Parteischmäuse.

Aber was konnte dies Alles zu solcher Stunde noch bewirken? Zu Vieles und zu Großes war verloren. Wir hören das Hochstift klagen über seinen Mangel an tauglichen Priestern. Wir sehen hinein in den ganz desolaten Zustand des Barfüßerklosters, wo keine Regenten mehr waren und keine Observanz mehr galt.


Öffentliches und privates Leben scheinen im Fieber zu liegen. Der Zwist der Gemeinden, die Versammlungen, die Kanzelpolemik, das Hinwegtun von Kirchenausstattungen, Drohung und Waffentragen, die unheimlichen wiederholten Feuersbrünste, — in Allem spüren wir die Erregung, aus der heraus die Stadt nur durch ein Gewaltereignis zur Ruhe gebracht werden kann. Dazu kommt bei der Behörde, aber jedenfalls auch bei Vielen der Einwohnerschaft das Bewußtsein der Isoliertheit. Basel erlebt jetzt in dieser gewaltigen Stunde fühlbarer als je die Eigenart seiner Stellung innerhalb der Eidgenossenschaft, aber auch die Konsequenzen seiner Politik selbst. Es steht abseits, ist allein gelassen. Sein Recht aus dem Bunde ist ihm durch die Mehrzahl der Orte nicht mehr anerkannt, die Erneuerung des Bundesschwures ihm versagt worden; beim Blick auf die andern Orte, wie unbeteiligt sieht es sich an ihrem bewegten politischen Leben, an ihren Abreden und Burgrechten! In solche Stimmungen hinein können Tage kommen wie die mit dem Schauspiele des von Italien her hier durch nach Hause ziehenden, in Elend und Krankheit vergehenden kaiserlichen Kriegsvolkes. Es kommen auch wieder, in den Wechselstuben und Trinkhäusern von Munde zu Munde weitergegeben, die Reden von drohenden Rüstungen in den österreichischen Vorlanden. „Es stat treffenlich ruch zu Basel, der gwalt ist ganz unruewig.“ Schon bereitet sich das Domkapitel darauf vor, sein Archiv nach Pruntrut zu flüchten; Der und Jener vernimmt von heimlicher Zusammenrottung und Bewaffnung der Papisten; und auch andre Nachrichten führen mitten hinein in dies Leben. So die Schilderung des aufsehenerregenden Vorfalles im Ratssaale, da ein den Evangelischen geneigter Senator über das zwiespältige Predigen schilt und zornig die Sitzung verläßt unter der Erklärung, nicht mehr mittun zu wollen, solange dies Übel nicht beseitigt sei. Ein Priester reißt den Anschlag Ökolampads für Vorlesungen über Daniel von der Kirchtür und gerät darüber in eine Schlägerei mit dem Prediger Thomas [502] Girfalk. Die Neukirchlichen erleben arge Schmach durch Peter Frauenberger, einst ihren Leutpriester zu St. Alban, der jetzt wegen Ehebruchs ans Halseisen gestellt und aus der Stadt gepeitscht wird. Innerhalb der vier Wände aber ereignen sich Szenen wie der Disput des Doktors Alexander Sytz, des Antoni de Insula u. A. im Scherhaus am Fischmarkt über Christus und die Jungfrau Maria, oder jener tolle Abend bei Amerbach, da Ökolampad mit seinem Schwabendeutsch und seinen Gebärden karikiert wird und einer der Gäste, ein Student, diesen Spaß in Versen feiert.

Im Bilde Ökolampads konzentriert sich für uns Vieles, was diese Zeit bewegte. Er hatte seinen Verkehr mit den Freunden in Zürich und Straßburg; auch die neugewonnenen schlesischen Gesinnungsgenossen aus dem Kreise Schwenkfelds bereiteten ihm Freude; er genoß des Glückes reichlicher Arbeit. Aber daneben auch welche Mühen! Die dogmatischen Kämpfe gegen die schwäbischen Prediger und zumal gegen den „furibunden“ Luther. Wie Marius und Pelargus als die extremen Haupttreiber der Päpstler ihm in Basel zu tun gaben, so hier in anderer Weise die Anabaptisten. In guten Momenten sah er die „den Feinden Gottes furchtbare“ Entscheidungsstunde schon nahe. Aber öfter noch hatte er Depressionen und meinte, daß seine Sache gar keine Fortschritte mache. Da klagte er über die Verzagtheit, die Kleinmütigkeit um ihn her; aber wie wenig hinreißend war er selbst! „Wir kleben noch immer an derselben Stelle im Dreck“, konnte er sagen; die Ratserneuerung im Sommer hatte keineswegs die gehoffte Änderung gebracht.

Auch Briefe Bertschis lassen uns erkennen, wie trüb und zweifelhaft, trotz allen Erfolgen, den ungeduldigen evangelischen Führern der Stand ihrer Sache erschien.

Klarer urteilte Erasmus. Er sah voraus, daß nach Kurzem der Unwille des Volkes sich in wildem Sturm entladen werde.


Am vierten Advent-Sonntag, 20. Dezember 1528, wurden bei den Zunftfronfastenbotten die alten Volksbegehren aufs Neue laut. In dem Sinne, daß man sich diesmal nicht, wie schon allzu oft geschehen, zum Weitergewährenlassen bequemen werde. Vielmehr sollten diese in den verschiedenen Zunftstuben zugleich geführten Diskussionen jetzt der Anfang einheitlichen, entschlossenen und nicht mehr abbrechenden Handelns sein.

Demzufolge sammelten sich am nächsten Mittwoch, 23. Dezember nachts, Vertreter des evangelischen Volkes im Gartnernzunfthause, zur Gutheißung einer dem Rat einzugebenden Supplikation. Während des Redens und [503] Ratens wuchs ihre Zahl bis zu Fünfhundert. In der großen Zunftstube, auf Treppe und Vorplätzen standen dichtgedrängt die erregten Männer. Die Eingabe wurde ihnen vorgelesen. Sie war ausführlich, voll Kraft und Empfindung, die alleinige Berechtigung der neuen Lehre vertretend; was schon vor Monaten durch die Zunftmeister vor den Rat gebracht worden, sei damals unwirksam geblieben, daher das Volk selbst sich jetzt versammelt habe und persönlich sich wolle sehen lassen; es verlange Beseitigung aller Predikanten, „die dem Evangelium Christi mit päpstlicher Lehr zuwider“, bis zu ihrer Verständigung mit den evangelischen Predigern, sowie Abschaffung der Messe bis zu deren Rechtfertigung durch die Meßpriester.

Diese Eingabe wurde sofort dem Rate gesandt. Zur gleichen Nachtstunde noch gaben die Zünfte selbst, in überwiegender Mehrzahl, von fünfzehn Zünften die zwölf Schlüssel Hausgenossen Weinleute Safran Rebleute Schuhmacher und Gerber Schneider und Kürschner Gartner Metzger Zimmerleute und Maurer Scherer Maler und Sattler Weber, ihren Namen zum Vorgehen der zu Gartnern versammelten Angehörigen und erließen gemeinsam ein Schreiben an den Rat zu Bern mit der Bitte, durch eine Gesandtschaft ihnen beizustehen. Im gleichen Sinne schrieb Ökolampad, durch die Versammlung beauftragt, zu Händen des Zürcher Rates an Zwingli, den er schon acht Tage vorher hierauf vorbereitet hatte.

Den so entschlossen auftretenden Neuerern gegenüber wollte die altkirchliche Partei nicht ruhig bleiben. Auch sie versammelte sich. Allen voran die im St. Peterskirchspiel und die an der Spalen Wohnenden, die Kleinbasler in Harnisch und Waffen.

Mitten inne stand der Rat. Nachdem Bürgermeister Meltinger die Eingabe der Evangelischen anzunehmen sich geweigert, brachten Adelberg und Jacob Meyer sie vor den Rat; zur Vertretung vor dieser Behörde bestellte die Gemeinde zu Gartnern einen Dreißigerausschuß.

In der allerheiligsten Nacht brennen auf den Kandelabern beim Hochaltare des Münsterchores die Kerzen, und der hebdomadarius stimmt mit den assisii zusammen die Antiphonien an. Aus der Sakristei wird das alte kostbare Rauchfaß gebracht; auf und nieder über die Stufen im hohen Chore bewegen sich Subkustos und Hebdomadar, reichen das Rauchfaß, entzünden den Weihrauch, umschreiten räuchend das Heiligtum des Altars. Dazu erschallt in vollem Chorgesange der Hymnus: Komm o du Erlöser der Völker! die Orgel braust, die Krippe glänzt von Lichtern. Und so geht es fort bis zu den Matutinen, bis zur Feier der drei Messen, die [504] Papst Telesphorus geordnet hat, durch die hohen Dignitäre des Kapitels gesungen. Auch das Petersstift und die Martinskirche nehmen in Vertretern Teil, gemäß unvordenklichem Brauche. Über die Lettnertreppe hinunter ins mächtige Schiff der Kirche, wo die Gemeinde voll Andacht im Dunkel kniet, und wieder zurück und hinauf ins Vestibulum ziehen sie Alle, Fahnen und Flammen und Rauchfaß und auf einem Kissen das ehrwürdige Plenarium tragend, indes die Orgel mächtig das Tedeum intoniert.

In solcher Weise beging die alte Kirche hier zum letzten Male die Weihnacht. Den feierlichen, oftgeübten, unabänderlich geordneten Formen fügten sich die Celebranten, ihre Herzen voll Angst und Haß. Eine andre Festfeier mochte in den Räumen der Neugläubigen stattfinden. Aber die Feiern fanden hier und dort ihr Ende, und von der Andacht erhob man sich zur Gewalttat.


Die Eingabe der Evangelischen vom 23. Dezember hatte beim Rate wenig Beachtung gefunden, war trotz ihrer Dringlichkeit noch nicht beantwortet worden. Wieder strömten die Volkshaufen zusammen, drohend und unheimlich in der dunkeln Nacht vor dem Stephanstage. Den Anstoß scheinen die Altgläubigen mit Drohungen und Rüstungen gegeben zu haben. Beim Münster, in der Spalenvorstadt, in Kleinbasel sammelten sie sich, zu Gartnern ihre Gegner. Alle bewaffnet und zum Bürgerkriege für den Glauben entschlossen. Es waren seltsam bewegte Stunden; in den Domherrenhöfen und Priesterhäusern fürchtete man eine Mordnacht; auf den Gassen überall war lärmendes Ziehen von Verstärkungen; die ganze Nacht durch saß der Rat, sandte den da und dort Versammelten seine Gebote.

Endlich, nach vielen Versuchen, gelang am 26. Dezember dem Rate, die Erregten zur Ruhe zu bringen. Jede Partei bestellte einen Ausschuß; dann gingen sie auseinander. Die Ausschüsse aber blieben in Permanenz, im Zunfthause zu Gartnern der eine, in dem der Fischer der andre; von hier aus unterhandelten sie Tag und Nacht mit dem Rate.

Eine Abschrift der Supplikation der Evangelischen vom 23. Dezember wurde den Altgläubigen auf ihr Begehren vom Rate zugestellt; zu deren Erwiderung ließen nun auch sie, am 29. Dezember, eine Eingabe an den Rat abgehen.

Die meisten Tore der Stadt blieben geschlossen, die Wachen wurden verstärkt. Allgemein hatte man den Eindruck, mitten in der entscheidenden Bewegung zu stehen, in der schwersten Krisis für Leib und Gut. Daß es viel mehr als nur ein vereinzelter vergänglicher Hausstreit war, zeigte das Hineinreden der Freunde und Nachbarn.

[505] Markgraf Ernst erklärte seine Bereitwilligkeit, zu vermitteln. Bischof Wilhelm von Straßburg meldete sich gleichfalls. Der durch das Domkapitel alarmierte Bischof Philipp von Basel war in zwei Vertretern, den Vögten Urs Marschalk und Erasmus Sigelman, anwesend, mit der ausdrücklichen Erklärung, nicht Mediator zu sein, sondern Partei. Straßburg und Mülhausen schickten ihre Botschaften. Aller Augen aber blickten nach den Gesandten der Orte, hier von Zürich und Bern, dort von Luzern Uri Schwyz Unterwalden Zug Freiburg Solothurn. Die Gegner eidgenössischer Tagungen standen auch hier bei dieser Basler Sache wider einander.

Die Gesandten hatten zu tun mit einem jedes diktatorische Eingreifen meidenden Rate, der „wenig schafft noch schaffen wolt“, wie die an ihre einfacheren Verhältnisse gewöhnten Zürcher meinten. Die evangelische Partei war numerisch stark überlegen, im Bestande mannigfaltig, von ihrem Recht überzeugt. Die Päpstler, „die guten alten cristen“ erheblich schwächer an Zahl, aber einheitlich und fest gefügt, scheinbar zum Äußersten entschlossen; sie sollten im Einverständnis stehen mit der Ensisheimer Regierung und von dort her Hilfszusagen erhalten haben. Aber auch innerhalb der Gesandtschaften selbst hemmte und erschwerte die Parteiung jede Arbeit. Überdies fragten die Evangelischen Basels, ob sie eine Vermittlung der Sieben Orte überhaupt sich gefallen lassen sollten, nachdem ihnen diese Orte vor wenigen Jahren den Bundesschwur versagt hätten wegen derselben Glaubenssache, über die jetzt hier gestritten werde. Wenn speziell die Zürcher Gesandten bevollmächtigt waren, den Evangelischen im Notfalle tätliche Hilfe zuzusagen, so waren im Übrigen sämtliche Boten in erster Linie dazu da, für Eintracht zu wirken und Blutvergießen zu hindern.

Wir fühlen das Atemlose dieser Tage, da Alles dem Entscheide zudrängte. Aber durch all die Äußerlichkeiten des Geschehens — die nächtlichen Versammlungen und Sitzungen, die endlosen Debatten, das Durcheinanderreden und Streiten Einheimischer und Fremder, die Anhäufungen in den Gassen usw. — hindurch suchen wir das Unsichtbare und Unbezeugte. Nur zu ahnen sind die tiefsten Kräfte dieses ganz aus Empfinden und Verlangen, aus Leben und Leiden der Einzelnen kommenden Bewegung. Wie wenig Persönliches wird laut! Deren Inneres am Offensten vor uns liegt, sind die paar Chronisten; auch Ökolampad Bertschi Artolf teilen sich mit; und mit Freude sehen wir unsre Basler Akten geschmückt durch die markige Sprache, den entwickelten Stil Niklaus Manuels, der als Gesandter Berns hier weilt und arbeitet. Sonst ist vor uns lauter Gesamtzustand. Gegen einander stehen System [506] und System, Volk und Oligarchie, Gemeinde und Obrigkeit. Nur wenige Einzelgestalten, deren Namen wert sind genannt zu werden, zucken rasch aus dem Getümmel auf, um rasch wieder im Allgemeinen zu versinken: der unbeugsame Meltinger mit dem Denken und den Ansprüchen einer erst vor Kurzem gewesenen und schon vergangenen Zeit; der sich klug akkomodierende Adelberg Meyer; der geschickte Wortführer in Rat und Volksversammlung und Ausschuß Hans Irmi; der stolze Andreas Bischoff, dem schon durch das bis jetzt Geschehene Ehrenamt und Heimat zum Ekel werden und der vor der Zeit davon geht; die resoluten Balthasar Hiltprant und Jörg Jeuchdenhammer.

Das Jahr 1529 begann mit der Arbeit einer aus Mitgliedern des Rates und der Gemeinde gebildeten Kommission, die einen Mittelweg suchen und Artikel einer Verständigung formulieren sollte. Dann wurden die Parteien aufgerufen. Die Evangelischen, selbstbewußt und nach hellstem Lichte verlangend, hatten ein Zusammenkommen beider Parteien auf einem Platz unter freiem Himmel, mit Erledigung des Streites durch Abstimmung der Versammelten, vorgeschlagen, die Gesandten aber von einer so gefährlichen Veranstaltung abgeraten. Als Versammlungsorte wurden daher die Kirchen zu Predigern für die Päpstler, zu Barfüßern für die Evangelischen bestimmt. Es gab wieder unruhige Tage und Nächte. Weil jede der Parteien die ersten Vorschläge der Vermittlungskommission ablehnte, hatten Räte und Gesandte nach einer neuen Fassung zu suchen. In der Erregung all dieses Debattierens Zuredens Konzedierens und Widersprechens tritt uns die „Sorglichkeit“ des Momentes, von der die ungeduldig nach Hause verlangenden Gesandten reden, deutlich entgegen. Deutlich auch die Fülle bewegtesten Lebens, das zwischen dem Ratssaale und den beiden Kirchen, zwischen den Mittlern und den zum Höchsten gereizten Parteihaufen sich hin und her bewegte. Zu Barfüßern waren einige Tausend streitbarer Burger versammelt, zu Predigern nur einige Hundert; die Boten der Länder waren bei solcher Lage der Dinge sichtlich entmutigt und hielten sich zurück, während die Gesandten von Bern Zürich Straßburg das große Wort führten. In derselben Stimmung kam nun auch die katholische Partei selbst dazu, ihre Sache dem Entscheide des Rates anheimzugeben. Am 3. Januar 1529 wurde hier in der Vermittlungskommission eine neue Ordnung redigiert und sodann den Parteien vorgelegt. Auf Seite der Katholischen erhob nur Einer noch lauten Widerspruch, Jacob Meyer zum Hasen, der einst der mächtige Führer des alten Basel gewesen war. Stärkere Opposition bereiteten die Evangelischen. „Das wird nit geschehen“, „wir wend d'meß nit liden“, [507] tönte es dem Verkündiger des Ratsvorschlages aus der zu Barfüßern versammelten Menge entgegen; „wir wend unser supplication geloben“ u. dgl. m. Da ergriff Ökolampad das Wort und beschwichtigte; es redeten auch die Gesandten von Zürich und Bern und mit eindringlicher Kraft der Gesandte Straßburgs. Sodaß zuletzt das Volk sich fügte. Vom 5. Januar ist die endgiltig formulierte Abrede datiert, vom 6. Januar ihre Annahme durch die Parteien, durch die Altkirchlichen „mit großem Unwillen“.

Diese Ordnung, von der jede Zunft eine Ausfertigung erhielt, bestimmte:

1. Damit das zwiespältige Predigen, diese Ursach aller Entzweiung, aufhöre, soll jeder Prediger in Basel, er sei Pfarrer Seelsorger Leutpriester oder Mönch, nichts Andres verkünden als das pure klare Evangelium, ohne Beifügung andrer Lehre und Menschensatzung, gemäß dem Mandate von 1523. Um diese Einheitlichkeit des Predigens zu schaffen, sollen die Prediger in allwöchentlichen Zusammenkünften sich hierüber vereinbaren. Wer nicht den Andern gleichförmig predigt, soll sein Amt verlieren.

2. Damit die Wahrheit über die von den Einen als Lästerung und Greuel verschrieene, von den andern für gut und recht gehaltene Messe ans Licht komme, sollen die Predikanten und die Meßpriester am 30. Mai (zweiten Sonntag nach Pfingsten) hierüber auf Grund der heiligen Schrift disputieren und sodann nach Anhörung dieses Gesprächs die zünftigen Einwohner über Beibehaltung oder Beseitigung der Messe abstimmen; das hiebei durch die Mehrheit Angenommene soll künftig gelten.

3. Bis zu dieser Disputation sollen täglich nicht mehr als drei Messen in Basel gefeiert werden, je eine im Münster, zu St. Peter und zu St. Theodor.

Während diese Abrede in Sachen der Predigt über die seit dem Mandat von 1523 geltende Ordnung nicht wesentlich hinausging, war die Regelung des Streites über die Messe um so neuer und einschneidender. Die Einschränkung der Messefeiern auf drei im Tage durch ganz Basel erschien als eine der Stärke der beiden Parteien gemäße Umwendung des Mandates von 1527, das die Messebegehung als das normale behandelt und nur die paar Kirchen der Evangelischen davon eximiert hatte. Daß der — wie es hieß, auf Anregung des Bischofs, der vom Speyrer Reichstag eine Änderung der allgemeinen Lage erhoffte, bis nach Pfingsten hinausgeschobene — Schlußentscheid über Sein oder Nichtsein der Messe der Mehrheit der Einwohnerschaft überlassen wurde, erschien Vielen als etwas Unerhörtes, schon im Hinblick auf die Qualität vieler an einer solchen Abstimmung Teilnehmenden; aber es lag in der Linie der bisherigen Ratspolitik.

[508] Ergänzt wurden die Artikel durch zwei Ratsbeschlüsse, vom 6. und vom 7. Januar: im ersteren wurde Denjenigen, die nach dem Ausgange der Abstimmung über die Messe Basel zu verlassen die Absicht haben sollten, dies freigestellt; der andre gebot, daß Keiner, er sei geistlich oder weltlich, er gehöre zum großen oder zum kleinen Haufen, den Andern schelten oder verspotten solle.

Jetzt konnten die Gesandtschaften ihr Werk als getan ansehen; sie verritten. Basel war sich selbst und dem Genusse der zu Stande gekommenen Ordnung überlassen.

Aber alle Geister waren in Bewegung. Wir hören den Bonifaz Amerbach zürnen und klagen über Trojas Untergang; er sagt sich, daß auch Städte Provinzen Königreiche alt werden und dahingehen; nichts Anderes bedeutet ihm das in Basel jetzt Geschehene; es ist nicht ein Trauerspiel, sondern eine Vernichtung. „Der Antichrist ist gefallen!“ jubelt Ökolampad in einem von Unzufriedenheit und Sorge freien Augenblicke, „wir haben den Sieg vor uns“. Bei den Evangelischen vernehmen wir aber auch Beschwerden über die Lässigkeit des Rates, der die Artikel vom 5. Januar nicht handhabe; wir sehen den Ausschuß beständig eingreifen und mahnen.

Offiziell scheint in der Tat wenig zu geschehen. Umsomehr innerhalb der Parteien, und hierüber unterrichtet werden wir vor Allem auf altkirchlicher Seite. Da mochte das Gefühl Mancher der Verzweiflung nahe kommen. Zahlreiche Briefe des Domkapitels an den Bischof, an Johann Fabri u. A. verraten diese Stimmung; man war auf das Ende des uralten und glorreichen Basler Kirchenlebens gefaßt.

Gerüchte gingen durch die Stadt von gefährlichen Konspirationen, und allerhand Gedanken wurden wach, als am 11. Januar unversehens Bischof Philipp hier einritt. Auch daß die Päpstler durch Schmähreden, geheime Meßfeiern u. dgl. m. den Artikeln zuwider handelten, wurde vielfach vermerkt. Pelargus konnte eine Streitschrift wider Ökolampad veröffentlichen; heftige Hetzpredigten des St. Peterspredikanten Sebastian Müller erregten Unwillen. Dies Alles war auch schon dagewesen, ein neues Verhalten der Päpstischen dann aber, daß sie, um der vorgeschriebenen Verständigung über das Predigen zu entgehen, die Predigten auf ihrer Seite überhaupt einstellten, ihre Kanzeln leer stehen ließen. Sie gingen noch weiter. Wie die Chorpfaffen des Münsters durch ihre Obern vom Messehalten, vom Singen und Räuchern dispensiert wurden, so geschah auch in andern Kirchen. Im selben Trotz und Überdruß, Basel preisgebend, resignierte Ludwig Bär seine [509] Chorpfründe und Propstei zu St. Peter, gingen Marius Pelargus Müller Rebhan, von den weltlichen Häuptern der Partei Andreas Bischoff u. A. davon.


Bis zum 30. Mai sollte der Waffenstillstand währen. Aber er nahm schon früher ein Ende.

Die Artikel vom 5. Januar wurden möglich durch ein weitgehendes Nachgeben der katholischen Ratsmehrheit; sie tat damit das Äußerste und durfte ihre Sache nicht noch mehr schwächen, wenn diese Sache überhaupt noch bestehen und gelten sollte. Aber die ganze streitige Angelegenheit blieb damit im Rahmen der bisherigen Zustände. Es war nichts grundsätzlich Neues, nur eine quantitative Änderung geschaffen. Dem Streben der Evangelischen keineswegs entsprechend und ihrer Ungeduld unerträglich. Sie standen in Gährung; „vom Geiste Gottes getrieben“, wie die Gegner höhnten, drängten sie ungestüm vorwärts. Die Passivität des Rates den Beschwerden ihres Ausschusses gegenüber, dann das Trotzbieten Meltingers, der den Predikanten zu St. Peter so herausfordernd und beleidigend hatte predigen lassen, empörte sie; um so stärker, da sie wußten, der „große Haufe“ und den Andern weit überlegen zu sein.

Am Montag 8. Februar früh zwischen fünf und sechs Uhr, bei noch nächtlicher Dunkelheit, kamen sie zusammen, achthundert Mann stark, in der Barfüßerkirche. Hans Irmi, Sechser zum Safran, redete im Namen des Ausschusses; die allgemeine Ansicht war, daß etwas geschehen müsse. Man wußte, was man wollte, und hatte die Begehren formuliert. Eine inzwischen, noch früh morgens, in der Versammlung eintreffende Vorladung des Ausschusses vor den Rat, um den Bescheid auf die erhobenen Klagen zu vernehmen, fand keine Beachtung mehr, und die Versammlung faßte ihren Beschluß. Sie verlangte Entfernung der entschiedenen Anhänger des alten Glaubens im Rat, Entfernung der „falschen Predikanten“, Änderung der Wahl von Zunftvorständen und Rat.

Seit Jahresfrist war die reformatorische Bewegung durchaus als Sache der Bürgerschaft, der Zünfte geführt; dieser ihr Charakter zeigt sich jetzt auf neue Art in der Erweiterung dieser Volksbegehren über das Kirchliche hinaus.

Als eine Erscheinung voll Lebens steht vor uns, wie das allgemeine Unzufriedensein in die religiöse Bewegung eindringt und wie dieses Mitwirken politischer und sozialer Interessen der Kirchenreform zum Siege hilft, wie aber zugleich auch der Geist und Schwung jener Bewegung erst dem ganzen Unternehmen die Wucht gibt. Jetzt konnten diese zu Gartnern [510] und zu Barfüßern Versammelten, dieser „große Haufe“, sich in der Tat als „die Gemeinde“ fühlen, als diejenige Macht, von der das kirchliche so gut wie das politische Leben der Stadt die Richtung zu erhalten hatte.

Wir täuschen uns nicht in der Bedeutung des Vorganges. Diejenige Kraft, die seit einem Jahrzehnt Basel immer mehr in ihren Bann gezwungen hatte, der auf Erneuerung des religiösen Lebens gerichtete Wille, war auch jetzt, da es das Ende galt, die bestimmende Kraft; sie kam aus Tiefen des menschlichen Wesens, in denen keine weltlichen Aspirationen und Notwendigkeiten wohnen; sie besaß die Macht, das Innerste eines Jeden mitsprechen und handeln zu lassen; sie hatte auch die Gewißheit ausdauernder und nachhaltiger Wirkung über alle konstitutionellen Wandlungen des Augenblickes hinaus.

Diese Kraft reformatorischer Bewegung war seit geraumer Zeit am Werk. Aber noch nicht am nahen Ziele. Noch immer bestand das Hindernis, das unzerbrechbar und unübersteigbar zu sein schien: die den Rat beherrschende Gruppe intelligenter und entschlossener Männer, die mit gesellschaftlicher Auszeichnung politische und gewerbliche Macht verbanden und die altkirchliche Sache vertretend die evangelische Partei niederhielten. Eine im kleinen Kreise sich immer neu konstituierende und gegenseitig garantierende Gewalt, nach der Meinung Ökolampads eine zur Tyrannei Weniger entartete Aristokratie. Ihre Entfernung und damit die Öffnung der Bahn für das Evangelium erschien als möglich nur auf dem Weg einer Änderung der Ratsverfassung.

Noch im Dezember, ja noch im Januar hatte die Volksbewegung keine politische Tendenz gezeigt; sie hatte der Einheitlichkeit der Predigt und der Beseitigung der Messe gegolten. Jetzt griff sie weiter aus, nahm sie mächtigeren Anlauf. Der Verdruß über das zugleich verächtlich hinhaltende und parteiische Benehmen des Rates gegenüber den Evangelischen ward zur Entrüstung über die Unbilligkeit dieses oligarchischen Regierens überhaupt.

Alte Querelen, oft wiederholte und nie erfüllte, wachten in der Bürgerschaft wieder auf. Man erinnerte sich an die Konspirationen und Oppositionen vor dreißig, vierzig Jahren; an die Entrechtung der Hohen Stube; an den Kampf wider die Großhändler; an die Enttäuschungen bei der Verfassungsrevision von 1521; an die skandalösen Vorfälle im Pensionenwesen; an die bei den Unruhen von 1525 lautgewordenen aber rasch erstickten Wünsche. Dies Alles konnte jetzt ergänzt nachgeholt und gutgemacht werden, wenn Jeder sich erhob und Alle sich zusammentaten, die Anlaß zu Klagen über jene „Tyrannen“ zu haben glaubten.

[511] Der Moment war da, das Volk in Bewegung, um nicht zur Ruhe zu gehen, eh es den Kampf für das Evangelium durchgefochten, der zugleich ein Kampf sein sollte für Recht und Gerechtigkeit im Gemeinwesen, für die publica justicia.

Als dieses Volk haben wir nur zum kleinen Teile Solche uns zu denken, denen das Spektakelmachen Hauptsache war, nur zum kleinen Teile die „jungen Schrantzen, Handwerksgesellen, Bauern aus den nächsten Dörfern“, die der Karthäuser Chronist, „die Flüchtlinge, die Geächteten, die Landstreicher und Apostaten“, die Amerbach im Auge hatte. Es war der gute und tüchtige Großteil der Einwohnerschaft, ernste Vertreter der Kirchenreform und die mit starkem Sinn eine Besserung des Regierungswesens Begehrenden, die „ehrlichen und gut christlichen Burger“, die „streitbaren Burger“, an denen der Gesandte Niklaus Manuel seine Freude hatte.

Zögernd und ungerne brachte der Ausschuß die „rauhen“ Begehren der zu Barfüßern Versammelten vor den Rat, und hier im Ratssaale begann nun mit dem erst dämmernden Tage das schwere und grausame Geschäft.

Verlangt war zunächst, daß diese Zwölf aus dem Rat entfernt würden: der Bürgermeister Heinrich Meltinger, der Oberstzunftmeister Lux Zeigler, die Junker von der Hohen Stube Egli Offenburg und Bernhard Meyer von Baldersdorf, die Ratsherren Franz Bär Hans Murer genannt Silberberg Hans Stolz Andreas Bischoff Hans Oberriet Caspar Thurneisen, die Meister Hans Schaffner genannt von Brunn Hans Lux Iselin. Die Vertreter der Gemeinde verhießen die Gründe dieser Ausstoßung darzulegen; sie boten Recht vor den Räten zu Zürich Bern oder Straßburg; sie erklärten, daß die Ehre der Austretenden unversehrt bleiben solle. Aber in der Sache selbst sei kein Nachgeben, der Gemeindebeschluß unwiderruflich.

Die beiden andern Begehren gingen auf die Wahl evangelischer Prediger und darauf, daß die Zunftvorstände durch die Zunftgemeinden, der Rat durch den großen Rat zu ernennen seien.

Wir sind außer Stande, heute und durch die parteiische Berichterstattung der Zeit hindurch uns den Zustand des Rates in diesen Morgenstunden des 8. Februar zu vergegenwärtigen. Die durchaus gebietende Macht im Saal ist der Wille des Volkes. Die höchste Behörde, die durch das unendliche Vielerlei wechselnder Geschäfte und durch die schwersten Momente hindurch sich bis jetzt behauptet hat, sieht sich in einer seltsamen Lage. Vielleicht hält die Konsternation die große Versammlung nieder, vielleicht ist sie erregt durch Streit und Tumult, wir wissen es nicht. Nur in zwei Gruppen vermögen wir uns hineinzufühlen. In Diejenigen, die über den [512] Weggang jener Machthaber und über das Ende der „Tyrannei Weniger“ sich im Stillen freuen. Dann aber in die Zwölfe selbst, deren Beseitigung das Volk begehrt und denen im vollen Gefühle der Bitterkeit und Schmach dieser Stunde nichts Anderes bleibt als sich zu fügen; sie sehen sich im Rat isoliert, draußen ohne Hilfe und tätige Gefolgschaft, und das Viele, das sie in jahrelanger Arbeit für die Stadt geleistet haben, gilt heute gar nichts.

Prächtig ist, wie der ganze Verlauf sich steigert.

Die Gemeinde wartete in ihrer Kirche. Ausschuß und Rat aber waren beisammen; über ihrem stundenlangen Verhandeln und Streiten kam es zu keinem Ende. Der Ausschluß der Zwölf aus dem Rate, mehr noch die Änderung des Wahlverfahrens für Ratsherren Meister und Sechser waren Begehren, gegen die sich der Rat mit aller Macht stemmte. Es wurde Abend, ohne daß ein Beschluß zu Stande gekommen war. Die Räte erhoben sich und gingen nach Hause. Die Ausschußmitglieder, seit Sonntags an der Arbeit, vom Fasten und langen Reden gebrochen, müde und verdrossen, konnten auch ihrerseits dem Volke den erwarteten Bescheid nicht geben.

Dieses in seiner Hitze und Erregung sah überall nur Böswilligkeit, meinte sich gefoppt und verraten. Es war Wartens satt und entschloß sich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Schon im Laufe des Nachmittags war die Versammlung aus der Barfüßerkirche auf den Marktplatz verlegt, die Parteiunternehmung dadurch auch äußerlich zu einer Angelegenheit des Gemeinwesens erhoben worden. Jeder holte sich zu Hause Wehr und Waffen, und wie zum Kampfe gerüstet strömten die Scharen vor dem Rathause zusammen. Zu einem Feldlager wurde allmählich der Marktplatz. Die zu ihm führenden Gassen wurden mit den Eisenketten gesperrt, die sechs im Rathause stehenden Geschütze herausgeholt und zur Deckung des Lagers aufgestellt. Alle Stadttore waren geschlossen und mit Mannschaften besetzt, das Zeughaus im Werkhofe behütet. Das gesamte öffentliche Wehr- und Wachtwesen hielt das Volk in seiner Hand; an Alles hatten seine Führer gedacht.

Nirgends zeigte sich ein Gegner. Die Altkirchlichen, ihrer Schwäche bewußt, blieben ruhig.

Aber eilends wurden die Ratsmitglieder wieder aus ihren Wohnungen zusammengeboten; in dem durch die Menge belagerten Rathause gingen die Verhandlungen aufs Neue weiter. Endlich um neun Uhr abends konnte der Ausschuß dem zwischen den Geschützen mit Spießen und Hellebarten wartenden Volk eine Antwort des Rates herausbringen. Sie stellte die verlangten Zugeständnisse in Aussicht, ohne sie schon zu formulieren. Allerseits [513] war man der Meinung, das Geschäft erst andern Tages zu endigen und inzwischen zu ruhen.

Aber es ward eine ruhelose Nacht. Die Stadt lag halbwach, in vielen Häusern fürchtete man Überfall und Gewalttat. Um Wachtfeuer auf dem Marktplatze lagerten Mannschaften, andere waren in den nahen Zunfthäusern postiert. Durch die Gassen zogen verstärkte Wachtrotten; die Flammen der da und dort an den Straßenecken angezündeten Leuchter und Laternen schimmerten flackernd durch die rauhe Februarnacht. Allerhand Reden gingen hin und her. Meltinger war nicht mehr im Rat erschienen; er wußte, der Gehaßteste zu sein, und es gab in der Tat Solche, die ihn mitten auf dem Marktplatz an einen Galgen zu hängen Lust hatten. Da erfuhr man, daß er zusammen mit Junker Egli Offenburg heimlich in einem Kahne rheinab gefahren sei, vielleicht willens, nach Ensisheim zu den Österreichern zu gehen. Auch von Hans Oberriet hieß es, er sei entwichen.

Das war die große Nacht, in der das alte Basel ein Ende nahm.

Früh am Dienstag 9. Februar begann die Ratssitzung; wieder sammelte sich das Volk, zu Tausenden wachsend, auf dem Marktplatze.

Es stand und harrte, harrte bis in den Nachmittag. Was war aus den Versprechungen des gestrigen Abends geworden? Der Rat hielt noch immer die Sache hin, und der Unwille stieg in der Menge, die das lange Warten in der Kälte verdroß. Einige verlangten nach Bewegung, sie wollten die Stadt durchziehen, nach den Wachtmannschaften bei den Toren sehen; in ihrer Laune gefiel ihnen auch, wieder einmal den stolzen Bezirk auf Burg zu besuchen, diese eigenste Welt des gegen den Untergang sich vergeblich sträubenden Gegners. An den Adels- und Domherrenhöfen vorüber gingen sie ins Münster, dort kaum darauf achtend, daß eine ihrer Hellebarten eine Altartafel zu Boden warf. Mit den deswegen sie zur Rede stellenden Geistlichen zu streiten vermieden sie; aber beim Rückwege zum Markte stießen sie schon auf einen erregten Trupp, der auf die Kunde des Geschehenen hin ihnen nachgezogen war. Da schlug Einer vor, die Stunde mit Zerschlagung der Götzen auszufüllen, das im Vorjahre zu St. Martin Begonnene zu vollenden. Alle stimmten bei, und die Schar wandte sich gegen das Münster. Dessen Portale, durch die zitternden Kapläne inzwischen geschlossen, zertrümmerten die Erregten. Zornig über diese Abwehr, ungeduldig, in rasch wachsender Zerstörerwut, stürmten sie durch die weite Kathedrale, dann durch alle andern Kirchenräume Großbasels, überall schonungslos und unter Hohnrufen die Bilder mit Axthieben zersplitternd, mit Hämmern zerschmetternd. Zur gleichen Zeit arbeiteten sie da und dort, [514] in vielen Haufen; den einen sah man durch Junker Balthasar Hiltprant geführt, einen andern durch den Henker Jacob; es ging zu wie in einer Feldschlacht, überall war Krachen und Tosen unter den hohen Gewölben. Wie viel Überzeugung war dabei am Werke? wie viel rohe Lust des Schädigens und Vernichtens? Nach einer Stunde war Alles getan. Wir haben nicht stehen zu bleiben vor dem dieser Stunde folgenden Bilde der Leere und Vernichtung, aber daran zu denken, daß das Verwüsten der unbeschützten alten Heiligtümer eine erste Kraftäußerung der neuen Kirche gewesen ist.

Weder der Parteiausschuß noch der Rat, die den Zerstörern ihre Boten sandten, hatten sie zurückhalten können. Nur davon waren sie jetzt abzubringen, sofort auch in Kleinbasel die Bilder zu zerschlagen. Wohl aber mehr als die Mahnungen der Behörde wirkten hiebei die durch Kleinbasel auf der Brücke schußbereit aufgeführten Geschütze.

Noch immer saß der Rat. Es war schon der zweite dieser mühevollen und endlosen Sitzungstage und noch kein Ende. Die Zwölfe hatten sich geopfert; die Besetzung der frei gewordenen Pfarreien mit Evangelischen war zugestanden; aber auch das Dritte zuzugestehen, die Änderung der Zunft- und Ratswahlordnung, sträubte sich die Behörde. Aber hatte sie heute noch eine Macht, war sie noch frei? Sie sah sich dem Terror der Menge gegenüber. Noch als Letztes suchte sie Hilfe bei den Vermittlern, die sich vor Monatsfrist tätig erwiesen, und sandte Eilboten nach Zürich und Bern. Aber für heute kam jede Hilfe zu spät; müde wünschten Viele Schluß zu machen. Den vom Bildersturme zurückkehrenden, erhitzten und gewalttätigen Rotten war Alles zuzutrauen. Schon tönte es vom Markte herauf: „nun die Götzen zerschlagen seien, wollten sie nicht länger warten, sondern sich selbst den Bescheid im Ratssaale holen“, und: „Jahre lang habt Ihr beraten und nichts erzielt, wir werden in einer Stunde Alles vollbringen!“ Der Ausschuß begütigte die Unwilligen und bat um eine letzte Stunde Geduld. Aber zuletzt fand man sich und ergab man sich. Der Rat war vom Volk „übermeistert“; unter diesem Zwang und durch das Nachgeben sowie den Frontwechsel einzelner Mitglieder oder Gruppen kamen drei Beschlüsse zu Stande, wie das Volk sie begehrte, am Abend des 9. Februar:

daß die Zwölfe, deren Entfernung verlangt worden war, vom Rat ausgeschlossen sein sollten;
daß die infolge der Enthaltung der Altkirchlichen leer stehenden Predikaturen mit Predigern besetzt werden sollten, die obrigkeitlichen Mandaten gemäß das Wort Gottes verkünden;

[515]

daß künftig die Wahl der Zunftmeister und Sechser den Zunftgemeinden, die Wahl des Rates der Sechserversammlung, dem Großen Rate, zustehen sollte.

Jetzt konnte der Rat aufstehen, der Ausschuß aber die Gemeinde in den Ring rufen und ihr diese Beschlüsse mitteilen. Das Volk war befriedigt; es konnte denken, sein Ziel erreicht zu haben. Die Menge löste sich auf. Jeder konnte nach Hause gehen und ausschlafen.

Doch noch blieb Arbeit die Menge. Zuviel des Alten und Großen war ungestüm beseitigt und an seiner Statt kein geordnetes Neues gesetzt. Nur im Allgemeinen waren Absichten anerkannt und Prinzipien ausgesprochen, aber noch Nichts ausgeführt und gestaltet. Was seit Jahrhunderten und bis gestern große geheiligte Form, was Ziel tiefster Andacht, was Ehrfurcht vor Regenten gewesen war, was als unantastbares Gehäuse politischen Lebens und dienlichste Verteilung von Gewalt und Macht gegolten hatte, war an dieser „aufrührerischen Fastnacht“ zu Grunde gegangen, und Mancher mochte die Trümmer heut in dumpfer Aschermittwochstimmung betrachten.

Er konnte auch diese neueste Ordnung vergleichen mit dem mühsam erkämpften Abkommen vom 5. Januar. Deutlich zeigte sich dabei, welch mächtige Weite, welch neuen Inhalt über jene nur dem Kirchlichen geltenden Begehren und Festsetzungen hinaus die Bewegung gewonnen hatte. Sie war zur Revolution geworden, das Staatswesen als solches im Innersten seines Wesens berührt.

Zunächst aber breiteten sich vor Aller Augen und durch die ganze große Stadt hin die widerlichsten aller Trümmer, diejenigen des Bildersturmes. „Die Kirche lag voll Bilder, einem war der Kopf ab, dem andern eine Hand usw.“. So im Münster und so überall in den Kirchen Kreuzgängen Portiken Klöstern Kapellen Sakristeien Krypten u. dgl. Großbasels. Es war ein grauenhafter Anblick. Zerstückt und verdorben und vernichtet die Gemälde, die Tafeln, die Statuen von Stein und Holz, die farbenbunten und funkelnden Zierden aller Art, die zauberische Pracht der Glasbilder, dabei in wüsten Haufen Steine und Schutt zertrümmerter Altäre. Geschändet und vertrieben war „das Hausgesinde des alten Himmels“.

Der ernste Gegner der „Abgötterei“, der Ordnungsliebende, der Gebildete, aber auch der Reuige, der durch solche Zerstörung Erschütterte und Empörte — sie Alle mußten wünschen, daß der Greuel ihnen aus den Augen komme. Die Behörde versuchte es zuerst mit der Preisgabe der Heiligentrümmer an die Armut. Aber die Folge war, daß die Armen sich um Stücke und Splitter zankten, ja schlugen und verwundeten. Da hieß man das sämtliche Holzwerk durch Feuer verzehren. An diesem Aschermittwoche noch, [516] 10. Februar, wurde es zu Haufen gesammelt und in Brand gesteckt. Auf allen Kirchhöfen loderten die Flammen, zwei Tage und zwei Nächte lang brannten diese Stöße, und vollends ging nun dahin, was das Werk geistiger und künstlerischer Macht vieler Jahrhunderte, die Freude von Generationen, in Erinnerung an Weihe Anbetung Vorfahren ein Träger stärksten persönlichen Lebens gewesen war. Freilich wie in den Kirchen selbst Manches durch die Bilderstürmer übersehen oder absichtlich geschont worden war (in Silber und Gold gebildete Schmuckstücke Geräte Gefäße, Pontificalgewänder Paramente Teppiche u. dgl., Bücher Totenschilde Grabmäler Orgelflügel usf.), so mochte auch noch da oder dort etwa ein Stück gerettet werden. Aber fast bedeutungslos war dies Viele doch der Fülle Dessen gegenüber, das zerschlagen worden war und jetzt am Aschermittwoch in Asche fiel. Allein auf dem Münsterplatze loderten eine lange Reihe Feuer, vor den Augen der zahlreichen Umstehenden und der in den Fenstern der Domherreien liegenden Curialen. Aber so überreich an Schmuck war das Münster gewesen, daß gar nicht Alles hinausgetragen und erst draußen beseitigt werden mochte. Im Innern selbst, im hohen Chore, zwischen den prächtigen Gestühlen, vor dem Bischofsthron und dem auseinandergerissenen Hochaltar, flammte und qualmte die Brandglut der hier zusammengehäuften Herrlichkeiten. Auf dem Marktplatze ging das große Kruzifix des Münsters in Feuer auf, das Tags zuvor durch die Knaben unter Spottliedern und Geschrei dorthin war geschleppt worden.

Als notwendige Ergänzung erscheint, daß der „Götzenkrieg“ auch nach der Stadt Minder Basel hinübergetragen wurde, „die damals noch vast uf dem alten wesen was“. Zwar hatten die Kleinbasler am 9. Februar sich zur Beseitigung der Bilder erboten; aber dies scheint gar nicht oder nur teilweise ausgeführt worden zu sein. Daher am Sonntag Invocavit, 14. Februar, gegen Abend ein Großbasler Haufe hinüberzog, um Ordnung zu schaffen. Natürlich, daß da auch die Kleinbasler sich rotteten; als ihr Führer tat sich der grimmige und laute Schmied Jörg Jeuchdenhammer hervor. Auf dem Theodorskirchhofe kam es zu einer Schlägerei; hier floß aus den Wunden eines fremden Goldschmiedgesellen das einzige Blut, das die Basler Revolution in diesen Tagen gekostet. Aber die Großbasler hatten die Übermacht. Auf Befehl des Rates wurden sofort und am folgenden Tag in Kleinbasel alle Bilder aus den Kirchen getan und verbrannt. „In der Karthause zerschlugen sie nicht allein die Bilder, sondern zerrissen auch, was sie in der Kirche und an den Zellen geschrieben fanden“, klagten die Mönche.

[517] Seit dem Ausschlusse der Zwölfe am 9. Februar war der Rat nicht mehr komplett, sondern tatsächlich ein Rumpfsenat. Aber er führte auch als solcher, da er nunmehr einheitlich im evangelischen Sinn orientiert war, die Geschäfte bis zu einer ordentlichen Neubestellung des Regimentes weiter. Mit der durch die Umstände befohlenen Raschheit und Klarheit.

Das Erste war, die Beseitigung der Heiligenbilder usw. zu vollenden. Auf das unordentliche Verwüsten folgte jetzt durch die vom Rat überall hin gesandten städtischen Werkleute das systematische Fertigmachen. Die Wandgemälde wurden überweißelt, die noch vorhandenen Steinskulpturen und Altäre zerschlagen, aus den kirchlichen Räumen überhaupt Alles weggeschafft, was dem ehemaligen Kultus gedient hatte. Der bilderstürmerische Exzeß war so nachträglich durch den Rat legitimiert und zu einer Sache der Ordnung gemacht.

Sofort am 10. Februar besichtigte eine Deputation des Rates den Domschatz im Münster, ohne an seinem Bestande zu ändern, und befahl die gute Schließung aller Türen. Gleiches wird in Kirchen und Klöstern geschehen sein, und im Zusammenhange hiemit stand, daß der Rat jetzt auch die sämtlichen Pflegereien neu bestellte. Durch diese Maßregeln sollte das Kirchengut gesichert werden, sowohl altkirchlichen als neuen und revolutionären Tendenzen gegenüber.

Den Domherren Kaplänen usw. wurde Sicherheit ihres Leibes Lebens und Gutes und völlig freier Wandel wie bisher zugesagt.

Dies Alles war nicht viel mehr als Regelung des Überganges, als Administration. Außerdem aber kam man rasch zu dem großen Beschlusse, der die Fundamente für die neue Basler Kirche legte. An demselben 10. Februar 1529 erließ der Rat ein Mandat, wonach im ganzen Gebiete Basels, zu Stadt und Land, Messe und Bilder beseitigt sein sollten. Keine „papistischen Zeremonien“ wurden mehr geduldet, alle „alten Kirchenbräuche, die Meßfeier, der Horengesang und was überhaupt aus der heiligen Schrift nicht zu begründen war, ganz und gar abgetan“.

Die förmliche Einführung dieses neuen Wesens fand statt am Sonntag Invocavit, 14. Februar. Sämtliche Kirchen zeigten an diesem ersten Sonntage nach der Revolution denselben Anblick; sie standen öde, ohne den gewohnten Schmuck und Glanz; sie alle dienten nun demselben Kultus, und auch auf den in den letzten Wochen leer gebliebenen Kanzeln standen und redeten von nun an evangelische Prediger: zu St. Theodor der bisherige Spitalpfarrer Wolfgang Wissenburg; zu St. Peter Paul Phrygio; [518] zu St. Alban Hieronymus Bothanus; zu St. Elisabeth (St. Ulrich) Thomas Girfalk; im Münster der alte Weihbischof und frühere Inhaber der Dompredikatur Telamonius Limperger, und schon bald trat hier Ökolampad als Inhaber des Pfarramtes an Limpergers Seite.

Noch vernehmen wir im Laufe des Monats März die Bestimmungen über Auftun der Klöster und die Verhandlungen mit den Klosterleuten; ferner die Ratserlasse, durch die allen Pfaffen die Beseitigung ihrer Haushälterinnen befohlen und der Schluß einer ordentlichen Ehe gestattet, sowie überdies allen Pfaffen und Mönchen in Gemäßheit der Ordnung von 1525 auferlegt wurde, den Bürgereid zu schwören oder die Stadt zu räumen.

Dann aber bildete den ersten großen Abschluß der reformatorischen Bewegung die „Reformationsordnung“, am 1. April 1629 erlassen durch Bürgermeister Kleinen und Großen Rat und die speziell für dieses Geschäft aus der Gemeinde Beigeordneten. Sie war Kirchenorganisation und Sittengesetz und hatte darzulegen, in welcher Weise die „verworfenen Mißbräuche durch wahren Gottesdienst ersetzt, die Laster abgestellt und bestraft“ werden sollten. Indem sie die Art der Verkündigung christlicher Lehre bestimmte, für die Ausbildung und Tätigkeit der Predikanten usw. sowie für die Einteilung der städtischen Pfarreien Vorschriften gab, die Sakramente darstellte, das Eherecht und die Bestrafung von Übertretungen regelte, war sie die feierliche Kodifikation des von nun an in Basel geltenden kirchlichen und religiösen Wesens.


Nichts als Vernichtung Tempelraub Tyrannei sah Amerbach in dem Geschehenen, und dabei welchen Betrug! Solle denn allein auf Ökolampads Lippen Christus wohnen, er allein der echte Erklärer des Evangeliums sein? Auch um die edeln Studien, um die guten Sitten sei es von nun an hier geschehen. Ähnliches fürchtete Glarean, und im fernen London klagte Tunstall über diesen tiefen Sturz der berühmten Stadt Basel. „Das Gemeinwesen ist verdorben“, urteilte Cantiuncula, „die Kirchen sind profaniert, Geschlechter Familien Freundschaften zerrüttet.“

Von der andern Seite schallte Triumph. „Was unmöglich schien, ist möglich geworden“, jubelte Ökolampad, „kein Streit ist mehr unter den Predigern; sie Alle lehren nun aus Einem Munde Christum; die Kirchen, die einst innerhalb derselben Stadtmauer entzweit gewesen, sind nun geeint; die alten Götzen in Asche und Vernichtung gesunken.“ Dem Ambrosius Blaurer erschien das Ganze als eine freudenvolle, schier unglaubliche Erneuung, dem Marx Bertschi als eine Änderung bürgerlicher und kirchlicher Zustände, wie Basel seit seinem Bestehen keine erlebt habe.

[519] Auch vor uns steht das Ereignis dieser Reformation, dieser Gegensatz des Gewesenen und des nun Beginnenden, als etwas Gewaltiges. Aber nicht allein das rechtlich Interessante sehen wir in dem Vorgange; wir denken auch an die seelischen Erlebnisse Unzähliger. Eine ungeheure Macht findet im Bereiche dieser Stadt, den sie seit Menschengedenken mit Leben erfüllt hat, von einem Tage zum andern ihr Ende; was als hohe Gewißheit über dem Einzelnen, über der Familie, den Vorfahren, der Stadt, der Welt gestanden, wird als Trug erklärt; eine neue Religiosität soll gelten, ein geänderter Gottesdienst. Und dem Schmerz über das Verlorengehen kostbarer Werte gegenüber walten das Gefühl neugewonnenen Reichtums und die Freude an einer endlich Siegerin gewordenen Wahrheit.

Wir suchen uns dabei die Stärke Derjenigen zu vergegenwärtigen, die reines Gewissens und mit einer in Kämpfen errungenen Überzeugung ihre Mitbürger und das Gemeinwesen diesen neuen Weg gehen heißen. Aber unmöglich ist uns, in die Seelen der diesen Führern Folgenden hineinzuschauen. Was bedeutet ihnen der Übergang vom Alten zum Neuen? Vielen bringt er Erfüllung der Sehnsucht, Vielen Trost und Glück, Andere fühlen vor Allem das Befreitsein von Zwang und Last. Mancher mag einfach mitgerissen worden sein, Manchem auch die Skepsis des Chronisten gelten: „da hat die Abgötterei ein Ende genommen in den Kirchen, nicht weiß ich wie in den Herzen.“ Und welche Empfindungen bewegen die vielen Hunderte, die sich besiegt beraubt und zum Leben in einer neuen Kirche gezwungen sehen?

Zum Wesen der Reformation gehört, daß sie das unmittelbare Verhältnis des Einzelnen zu Gott — als des einen Einzelnen, nicht als des Mitgliedes der kirchlichen Gemeinschaft — anerkennt. Aber diese Gemeinschaft ist vorhanden und will leben; sie ist die neue Kirche nach der alten; um ihrer Existenz und Organisation willen müssen auch die Reformatoren den alten Satz bekennen: außerhalb der Kirche ist kein Heil. Sekten und Häresien gegenüber, in denen das urtümliche und durch die reformatorische Bewegung neu bezeugte Freiheitsbedürfnis des Einzelnen sich äußert, vertreten die Reformatoren den Begriff auch ihrer Kirche als einer Heilsanstalt.

Diese Anstalt steht nun in engster Beziehung zur Obrigkeit, die wie die weltliche so die geistliche Gesetzestafel zu hüten hat. Die Kirche ist auf deren Schutz und Hilfe angewiesen, ja sie wird selbst Regierungssache. Die große, keine politischen Grenzen kennende Allgemeinheit der alten Kirche ist ersetzt durch ein nur für den Bereich dieses Stadtstaates vorhandenes Kirchenwesen; an die Stelle der von universalem Glanz umflossenen Gewalten Papst Bischof Priester tritt ein munizipales Regiment, in dem Theologen [520] Pfarrer und „biblisch belehrte“ Laienobrigkeit sich die Hand zu gemeinsamer Herrschaft reichen über eine Stadt, deren Bürgerrecht oder Niedergelassenenrecht ohne die Zugehörigkeit zur neuen Kirche nicht erlangt werden kann.

Ziel dieser durch Staats- und Kirchenbehörden gemeinsam ausgeübten Herrschaft ist die Verwirklichung des Gottesreiches auf Erden. Im ausschließlichen Sinne der Norm, nach der die neue Kirche sich gebildet hat und geordnet ist. Dem Ziele dienen strenge Mandate und alle die Mittel, mit denen auf die Überzeugung gewirkt wird. Der vor Kurzem noch verkündete Grundsatz des Basler Rates, daß Jeder in seinem Glauben frei und alles Tun und Lassen in kirchlichen Dingen eines Jeden Conscienz heimgestellt sein solle, gilt nicht mehr. Die Evangelischen, als Partei jeder „Zwiespältigkeit“ von Predigt usw. feind, haben jenen Grundsatz schon damals bekämpft; jetzt, da sie den evangelischen Einheitsstaat einrichten, wird der Zwang, dem sie früher das Wort geredet, Staatsprinzip. Diese Intoleranz ist Notwendigkeit, ist Gebot der Selbsterhaltung für den konfessionellen Staat und seine Kirche.

Aber wie seufzt Amerbach unter dem ihm auferlegten Zwange zu Predigtbesuch und Abendmahlsgenuß; er ist willens, auszuwandern, wenn ihm nicht Freiheit gelassen wird.

Wie bei ihm so bei andern äußert sich das unbeirrbare Innenleben Einzelner. Es ist schon in den Zeiten der alten Kirche — in Vielem durch diese nicht befriedigt — vorhanden gewesen. Es hat der reformatorischen Bewegung ihre Macht gegeben. Auch da die Reformation durchgeführt ist, wirkt und wächst es, neben der für uns die Überlieferung allzusehr beherrschenden Gestaltung des Äußern.

In solcher innerlichen Religiosität des Einzelnen mögen die Reinheit und der Enthusiasmus der reformatorischen Anfangszeiten weiterleben. Für die allgemeinen Zustände aber ist nicht sie bestimmend, sondern die Umwandlung der Reformation aus einer Volkssache in eine Regierungssache und die zwingende Härte der staatskirchlichen Führung.


Mit dieser großen und gründlichen Umgestaltung, der „Reformation in geistlichen Sachen“, verband sich eine politische Änderung. Hinter den Zeugnissen dieser Verfassungsrevision tritt in den Aufzeichnungen der Zeit die geistliche Sache zurück.

Noch am Abend des aufregenden 9. Februar, während die Revolutionäre über ihren Sieg jubelten, ließ der Rat Eilbriefe an die befreundeten Städte abgehen. Er sah sich durch das Volk bezwungen und mußte einen Weg [521] aus dieser Niederlage heraus finden; er dachte auch an die Macht der entwichenen und der ausgestoßenen Ratsgewaltigen; er bedurfte der Hilfe.

Als im Laufe des 11. Februar die ersten der erbetenen Gesandtschaften — von Zürich Bern Solothurn Mülhausen — hier eintrafen, hatte der Rat seine Ruhe wieder gefunden; auch der Plan für die neue Befestigung der Regierungsgewalt war wohl schon entworfen und konnte mit guten Freunden unter den Botschaftern besprochen werden.

Demnach wurden an eben diesem 11. Februar die Zünfte versammelt zur Wahl außerordentlicher Gemeindevertreter; es waren dies sogenannte Zuboten, deren jede Zunft vier zu wählen hatte.

Tags darauf, am 12. Februar, trat ein mächtiges Parlament zusammen, gebildet aus Kleinem Rat, Großem Rat und Zuboten. Auf Vorschlag des Rates vereinigte sich, zu Verhütung möglichen Argwohns in gemeiner Bürgerschaft, diese Versammlung in einem feierlichen Eide, mit dem sie sich verpflichtete, den Bürgern insgemein in Allem beraten und beholfen zu sein, den gemeinen Nutz treulich zu handhaben und alles zu Erhaltung bürgerlichen Friedens Dienliche zu tun. Auch verkündete sie Amnestie für das bei Aufruhr und Bildersturm Verübte und gewährte Verzeihung auch den aus der Stadt Gewichenen, sofern sie heimkehrten und den Eid leisteten. Außerdem schlug der Rat der Versammlung vor, die künftige Wahlart für Häupter Rat und Zunftvorstände festzusetzen, nachdem die Bürgerschaft sich zur Gutheißung aller Beschlüsse der Versammlung eidlich verpflichtet haben werde. Es war dies der erste Schritt zu einer Ordnung der Dinge, die an Stelle der im Aufruhr erzwungenen treten sollte.

Sofort am 13. Februar folgte der zweite, entscheidende Schritt. Vertreter des Rates, von den Gesandten der befreundeten Städte begleitet, machten den Umgang durch alle Zunfthäuser. Den hier versammelten Gemeinden legten sie die Beschlüsse vom 12. Februar vor mit der Aufforderung, daß nun auch die Bürgerschaft sich durch Eidesleistung dazu verpflichte, dem Rate gehorsam zu sein und Alles, was der Rat zu Pflanzung christlichen Wesens sowie bürgerlichen Friedens und Einigkeit beschließen werde, anzuerkennen und zu handhaben.

Sämtliche Zunftgemeinden waren willig zum Versprechen des Gehorsams und zur Erteilung des Vertrauens, zur vorgängigen und allgemeinen Anerkennung des durch die Räte zu Beschließenden. Die Bedeutung des Aktes kam wohl nur Einzelnen zum Bewußtsein.

Wir suchen die Stimmung dieses Momentes uns zu vergegenwärtigen, sowie ihre geschickte Benützung durch den Rat, der sich nach überstandenem Sturme wieder auf sich selbst zu besinnen vermochte.

[522] Durch die Amnestie wurden Alle, die von den Revolutionstagen her ein schlechtes Gewissen hatten, beschwichtigt und für den Rat gewonnen. Auch daß die Zünfte hatten Zuboten wählen können und Diese nun mit den Räten zusammen handeln sollten, erschien als großer Gewinn, sowie als Schutzwehr gegen alle denkbare Willkür. Auch mochten Viele jetzt, da Ernüchterung und Alltagsstimmung wieder zu ihrem Rechte kamen, froh sein, Ruhe zu haben, in keine tagelangen Versammlungen gehen und Revolution machen zu müssen. Man hatte seinen Willen gezeigt, man war seinen Führern gefolgt, man konnte jetzt wieder Alles dem Rat überlassen, der ja von den argen Tyrannen gesäubert war.

Dies waren die Gedanken des gewöhnlichen Zünftlers; sie bewirkten, daß der vom Rat verlangte Eid des Gehorsams und Vertrauens überall durchging und geleistet wurde.

Der Rat konnte zufrieden sein; im alten Widerstreite von Obrigkeit und Volk war der Sieg des Letztern über Jene nur eine kurze Episode gewesen; er hatte seine Autorität wieder befestigt. Auch die Untertanen in den Landämtern mußten ihm schwören. Vom Nimbus göttlicher Kraft und Gnade umgeben, „ein ersamer christlicher rat“, hielt er das öffentliche Wesen wieder in der Hand.

Am 15. Februar versammelten sich der Kleine und der Große Rat samt Zuboten und wählten eine Verfassungskommission von Zwanzigen, halb aus dem Kleinen, halb aus dem Großen Rate genommen. Diese Kommission arbeitete rasch.

Schon am 18. Februar konnte das durch sie entworfene Verfassungsgesetz beraten und erlassen werden. Es war dies die „Pollicy“ über Wahl der Häupter und Besetzung des Rates; sie bestimmte Folgendes:

1. Ausschüsse der Zünfte (je vier Sechser) und der Kleinbasler Gesellschaften (je zwei Meister) wählen jährlich mit dem alten und dem neuen Rate zusammen zuerst die beiden neuen Häupter, dann den neuen Rat.

2. Diese Gewählten werden öffentlich auf dem Petersplatze der Gemeinde kundgetan.

3. Am Nachmittage nach dieser Verkündung geschehen die Wahlen in den Zünften: drei Zunfthäupter (nach Ausschluß des alten Meisters), zehn Sechser und vier von der Gemeinde Ausgeschossene wählen den neuen Meister, worauf die vier Zunfthäupter, die sämtlichen Sechser und die von der Gemeinde Ausgeschossenen die neuen Sechser wählen.

Voraussetzung der Wählbarkeit ist durchweg, daß der zu Wählende „dem göttlichen Wort anhängig“ und weder Lehnsmann noch Dienstmann noch Pensioner sei.

[523] Am 18. Februar erließen Neuer und Alter Rat samt den Sechsern und den Zuboten diese Ordnung.

Da hienach weder der ganze Große Rat den Kleinen Rat, noch die ganze Zunft ihre Meister und Sechser wählte, so bedeutete die Ordnung ein Zurückweichen hinter die am 9. Februar dem Rat abgedrungenen Zusagen.

Wir kennen den Gang der Verhandlungen nicht. Aber es wird dabei kaum an stürmischen Szenen gefehlt haben. Wenn auch nach Angabe des Chronisten die Ordnung mit einhelligen Stimmen erlassen wurde, so zweifeln wir nicht, daß diesem Ende Debatten und Mehrheitsbeschlüsse vorangegangen sind. Die Zuboten der Gemeinde waren in der Minorität gegenüber Räten und Sechsern, die über ihrem alten und anerkannten Rechte wachten und sich nur zum Zugeständniß einer sehr beschränkten Teilnahme von Gemeindevertretern bereit fanden.

In der Hauptsache war wieder die alte oligarchisch gerichtete Ordnung des Regimentes zu Recht erkannt; nach Kurzem, 1533, sollte diese Restauration ihre Vollendung finden.

Noch Eines blieb zu tun übrig: die Ergänzung des seit dem Ausschlusse der Zwölfe sowie dem Tod eines Mitgliedes noch immer unvollständigen und als Rumpfsenat amtierenden Rates. Es geschah dies durch Ergänzungswahlen, die nach den Vorschriften der neuen Verfassung am 26. Februar vorgenommen wurden; am 27. Februar, einem Samstag, nahmen die Gewählten ihre Plätze im Rat ein.

Nach drei stürmischen Wochen war jetzt die Obrigkeit wieder konsolidiert.


Die Volkserhebung, deren Verlaufe seit dem Dezember 1528 bis hieher wir gefolgt sind, hat im Kirchlichen zu einem dauernden Erfolge geführt. Der politische Sieg aber geht rasch wieder verloren.

Der Rat wird konfessionell gestaltet und erhält damit die Einheitlichkeit, deren er zu seinem Kirchenregimente bedarf. Als weltliche Obrigkeit tritt er nach momentaner Demütigung wieder in den Besitz der fast ungeminderten früheren Macht; wobei aber die letzten Träger der alten großen Tradition aus ihm weichen und die seit der Revision von 1521 in ihm vertretene Menschen- und Regentenart durchaus dominiert.

Wie der Siegerfreude Ökolampads die schwere Sorge um bevorstehende fernere Kämpfe beigegeben ist, so muß auch dieser restaurierte Rat die Bänglichkeit seiner Aufgabe fühlen. Nicht nur die kirchliche Reformation hinterläßt ihre Enttäuschten. Auch hier äußert sich im Volke der Unmut.

[524] Rebleute und Papierer zu St. Alban berufen eine Volksversammlung in die Kirche daselbst. Andre drohen: wie man zu Fastnacht ein Spiel gehabt, so wolle man ein Osterspiel haben. Wieder Andre: wir haben für die „Pfaffen“, die neuen Geistlichen, gefochten, aber uns armen Burgern nichts erlangt. Wieder Andre: die Herren, die wir nach Änderung des Rates hineingesetzt, sind ebenso böse wie die frühern.

Formell hat ja der Rat, durch den Eid der Zunftgemeinden vom 13. Februar gedeckt, Recht und Gewalt in Händen. Aber wie mächtig und wie unbändig ist das noch immer hinter den Eiden Aller und dem Gehorsam Vieler wogende Leben!

Dem unduldsamen und die Gewissen nötigenden Kirchenregiment entspricht im Profanen die nach dem kurzen Revolutionstumulte rasch restituierte Oligarchie.

Es ist bis auf Weiteres das Ende des Kampfes; aber der Geist der Freiheit hat nicht gesiegt.