Benutzer:UBBasel-408/Wackernagel 3

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Neuntes Buch
Die großen Jahrzehnte


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Erstes Kapitel
Politik




Der Abschluß des Bundes zwischen Basel und der schweizerischen Eidgenossenschaft im Jahre 1501 war ein Stoß, der die politische Entwicklung der Stadt aufhielt und einer neuen Bahn zulenkte.

Basel opferte eine halbtausendjährige Vergangenheit. Es warf von sich, was lebendige und verpflichtende Teilnahme am Dasein des deutschen Reiches war. Es gab seine bisherige Stellung am Oberrheine preis und wollte von jetzt an für diese Lande nur noch ein eidgenössisches Basel sein.


Schon in früheren Zeiten hatte sich die Stadt wiederholt — 1400 1441 1474 — mit den Eidgenossen verbündet. Wie damals so geschah dies auch jetzt aus dem Bedürfnisse von Anlehnung und Sicherung in schwerer Zeit. Aber enger bindend als jene alten Vereinungen, unbefristet, das gesamte öffentliche Recht und Leben ergreifend war jetzt der Bund.

Er brachte der Stadt eine Fülle neuer Interessen. Wie er das Gebiet der Eidgenossenschaft über die natürliche Grenze hinaus vorschob und ihr jenseits des Gebirges einen Stromübergang eminenter Art verschaffte, so gab er Basel eine neue Orientierung. Der Kamm des Jura schied Oberland und Rheinland; zum letztern hatte Basel gehört; von diesem Gebote seiner natürlichen Lage wurde es jetzt gelöst.

Basel gewann das Neue um einen hohen Preis. Es hatte sich in Fesseln zu fügen. Es verzichtete auf die Freiheit selbständiger Kriegführung und Verbündung. Nicht nur die alte Stellung am Oberrheine nahm ein Ende. Auch den großen Mächten gegenüber war es für die Stadt um die bisherige Art ihrer Existenz und die Möglichkeit freier internationaler Funktion geschehen.

Welche Schule der Staatskunst war die Zeit von 1370 bis 1500 gewesen! Aufgaben solcher Art sollten den Baslern von da an nicht mehr [4] gestellt werden. Sie hatten mit dem Bunde zu leben. Und während robustere Genossen ihr Wesen auch in diesem Connexe noch zur Geltung zu bringen vermochten, blieb dem feiner und schwächer gearteten Basel hier eine entscheidende Autorität versagt.

Die Geschichte unserer Stadt folgt fortan derjenigen des Bundes über Höhen und Tiefen. Wie die städtische Existenz, so ist das Leben jedes Einzelnen durch das Dasein der Eidgenossenschaft mit berührt. Der Bund bindet und verpflichtet Jeden, der in Basel wohnt. Er wird Volk und Behörden periodisch dargestellt, neu erwahrt und bekräftigt als ein auf das ganze Leben wirkendes Recht.

Nach dem Bundesbriefe sollte er von fünf zu fünf Jahren durch Beschwörung erneuert werden, und zwar, da Basel vollberechtigtes Ort war, durch gegenseitige Beschwörung. Sie war gegenseitig und umfassend in der Weise, daß zur gleichen Zeit hier in Basel und in den andern Orten der Basler Bund und die Bünde der andern Orte von allem Volke beschworen wurden. Zu dieser Staatsaktion ritten die Basler Gesandten jeder an den ihm zugeteilten Ort der Eidgenossenschaft, um die Eide zu leisten und abzunehmen, während die Gesandten der Orte nach Basel kamen und hier dasselbe taten. Wieder wie am Heinrichstage des Jahres 1501 war jeweilen Gottesdienst, feierliche Eidesleistung auf dem Markte, solennes Bankettieren. Am 11. Juli 1507, am 28. Juni 1514, am 4. Juli 1520, am 29. Juli und 30. September 1526 fanden diese Bundeserneuerungen hier statt.

Fröhliche Gegenstücke dieser ernsten Schwörtage waren die eidgenössischen Fastnachten und Besuche. Keine freizufälligen Veranstaltungen, vielmehr meist im Zusammenhange mit politischen Beziehungen stehend oder dazu bestimmt, in Zeiten gemeinsamer Bedrängnis den Trost gemeinsamer Freude zu bieten. Basel empfing solche Besuche 1504 und 1521, jeweilen zur Fastnachtzeit, im Januar. Das erste Mal scheint es sich nur um eine Gruppe junger Zürcher gehandelt zu haben; das Eigenartige dabei war die Kostümierung dieser Herren in den „Zeichen und Farben“ der zwölf Orte. Was demgegenüber den Fastnachtbesuch von 1521 auszeichnet, war die Überschwänglichkeit in Umfang und Aufwendung. Aber auch die große Lustfahrt der Basler nach Uri zu Schützenfest und Kirchweih im September 1517 gehört in diese Reihe. Und ebenso das in Parodie des feierlichen Staatsgeschäftes gespielte Fritschifest im Herbste 1508. Einige übermütige Basler hatten den Luzernern „ihren ältesten Burger“ Fritschi, eine Fastnachtpuppe [5] heimlich entführt; jetzt stellte das Fest die gewaltsame Befreiung und Heimholung des Fritschi durch Luzern dar, wobei Basel verhieß, sich dieses Angriffs mit gefüllten Trinkkannen erwehren zu wollen. Vom 16. bis 20. September dauerte die Lustbarkeit, unter Teilnahme des gesamten offiziellen Basel. In den Stuben zum Brunnen, zu Safran und zu Schmieden wurden die Gäste durch die Stadt bewirtet; Tanz und Spiel und Büchsenschießen füllten die Zeit zwischen den Banketten.

An diesen Freudenfesten vereinigten sich Humor und Kraft von allen Seiten her; sie konnten auch Ideen zu ernsterem gemeinsamen Handeln geben. Aber sie waren nur rasche seltene Zwischenspiele. Ergreifender ist, wie in den Sälen der Tagsatzung und auf blutigen Schlachtfeldern die Zusammengehörigkeit Basels und der Eidgenossen sich erwies. Sie lebte auch im allsonntäglichen Basler Kirchengebete, da neben der „werten Stadt Basel", neben Häuptern und Räten noch „des ganzen Vereins der Eidgenossenschaft" fürbittend gedacht wurde.


Es war eine Zusammengehörigkeit, bei der doch jeder der verbundenen Teile sein Recht und seine Sonderart behielt.

Dem Verhältnisse Basels zu den Eidgenossen war in der frühem Zeit stets ein Gefühl von Antipathie zu Grunde gelegen. Daß der Bund gleichwohl zustande kam, war das Werk äußerer Notwendigkeiten.

Mit Luzern war Basel in besonderer Weise verbunden. An den großen Verkehr des caminus Basle, der von hier über Luzern, den See und das Kerngebirge nach Süden führte, schlossen sich seit Alters rechtliche Beziehungen sowie zahlreiche nicht nur politische Neigungen und Absichten der beiden Städte. Den Ländern dagegen mußte Basel mit seinem Reichtum und seiner Weltbildung etwas Fremdartiges sein. Zürich und Bern standen, bei aller ihrer Bedeutung, doch als Landstädte zurück hinter diesem Basel auf der Höhe seiner Kultur. Für Solothurn galt die Tradition, eifersüchtiger Nachbar der Rheinstadt zu sein.

Basel war im Kreise der Eidgenossen eine singuläre Gestalt. Die „fürstliche" Stadt, wie der Luzerner Etterlin sie nannte. Auch die größte Stadt des Bundes. Aber mehr noch als die Zahl seiner Einwohner bedeutete deren nie und nimmer zu übersehende Mannigfaltigkeit und Internationalität, der Glanz der Scharen von Gelehrten Künstlern Druckern, das zu erstaunlicher Fülle entwickelte Kirchenwesen. Aus diesen Kreisen kamen die Kräfte, die Basels Leben in den höchsten Dingen bestimmten und lenkten. Zu ihnen trat die Macht des weitgespannten und kenntnisreichen [6] Handels. Trat ferner die Macht aufgesammelter Kapitalien, die schon seit Generationen Basel zum Bank- und Geldplatze für die eidgenössischen Lande machte.

Dabei waren und blieben die Basler Rheinländer. Noch immer war der Jura die von der Natur gesetzte Grenzmark. Noch immer hatte Basel im Gebiete des Oberrheins die Wurzeln seines Wesens und auch seine Gefolgschaft. Inmitten dieses Gebietes, das so sehr verschieden war vom eidgenössischen Berglande, behauptete Basel noch immer den Rang der Zentrale, neben der das breisgauische Freiburg nur als „ein klein Stettly“ galt.

In solcher Weise Stadt der „niedern Lande“ war Basel doch zugleich oberländisches Bollwerk. Als starke Vertreterin eidgenössischen Wesens hatte es jetzt seine besondere Aufgabe am Oberrheine. Wiederholt, wenn es in diesen Gebieten unruhig wurde, erhielt der Rat den Auftrag der Tagsatzung, Wächter zu sein und bei drohender Gefahr Nachricht zu geben. In Basel befand sich die Niederlage lothringischen Salzes für die Schweiz, hier der Zugang zum eidgenössischen Brotkasten und Weinkeller im Elsaß.

Daß Basel gemäß seinem Bundesbriefe bei Streitigkeiten zwischen Orten neutral bleiben und zum Frieden reden sollte, war keine Singularität, aber dem Wesen Basels angepaßt. Dieses Wesen — mäßigend erwägend sorglich — tritt auch im eidgenössischen Leben zu Tage, wenn immer und immer wieder die Basler Gesandten als die tauglichsten Vermittler gebraucht werden oder wenn an der Tagsatzung Basel bei jeder Gelegenheit dafür wirkt, daß nicht rauh, sondern milde geredet und gehandelt werde.

In allem offenbarte sich eine Manier und Anschauung und überhaupt eine Menschenart, die Basel davon abhielt, in der Eidgenossenschaft eine Führung zu haben. Bei Tagsatzungsgeschäften, die Basel nicht unmittelbar berührten, enthielten sich seine Boten instruktionsgemäß meist eines Votums oder stimmten mit der Mehrheit. Auffallend ist auch, wie selten Basler Angelegenheiten vor die Tagsatzung gebracht werden. Daß die wenigsten eidgenössischen Tage in Basel stattfanden, ist begreiflich; aber ebenso begreiflich die Wirkung dieses Fernbleibens auf die Gesinnung der Stadt. Wenn Basel — bei aller Beflissenheit zur Erfüllung seiner Bundespflichten — sich im Gemeinsamen zurückhielt, so wahrte es um so eifriger seine Rechte und Interessen. Bei der österreichischen Erbeinung z. B. und beim Rotweiler Bunde machte es mit Bestimmtheit seine Reservationen. Es verbat sich auch bei Gelegenheit jede Einmischung in seine eigenen Angelegenheiten. Auch daß Basel bei seinem Eintritt in den Bund ein ganz anderes Leben [7] hinter sich hatte und auf andern Traditionen ruhte, als die Eidgenossen, war von Bedeutung. Und wenn ihm bei diesem Eintritte nicht dieselbe Souverainität und Bewegungsfreiheit zugestanden wurde, deren sich die alten Orte freuten, so sorgte auch dieser Unterschied dafür, daß das Gefühl einer nicht nur räumlichen Distanz nie verging. Die Instruktionen des Rates an seine Gesandten enthüllen die Bitterkeit dieses Gefühls. Das Mißtrauen bricht oft überraschend hervor. Denn in engern Zirkeln der Tagsatzungsgewaltigen gehen allerhand Heimlichkeiten; im stillen wird abgeredet und zurechtgemacht; der Gesandte soll daher gut aufhorchen und sich bei Wohlwollenden informieren, um durch die Beschlußfassung nicht überrascht zu werden.

Eine Empfindung des Beiseitegeschobenseins kann sich bilden, die gelegentlich zur Explosion kommt. Wie 1519 dem Stande Basel eidgenössischerseits die Aufnahme des Grafen von Fürstenberg ins Bürgerrecht zum Vorwurfe gemacht wird, erwidert der Rat: die Stadt Basel habe nach ihren alten Freiheiten von jeher das Recht gehabt, Bürger aufzunehmen, und im Bunde sei ihr zugesagt worden, daß sie bei ihrem Ehrenwesen Regiment und Freiheiten bleiben möge; sollten sie davon gedrängt und an ihren Freiheiten verletzt werden, so müßten sie denken, daß sie vordem Herren und Freie gewesen, nun aber in der Eidgenossenschaft zu Knechten und eigenen Leuten geworden seien.


Der Basler Bund von 1501, Beginn einer neuen Zeit für die Stadt, ist umgeben durch eine allgemeine Erneuerung. Staatliche Vorgänge und Machtverschiebungen von einziger Wichtigkeit geschehen inmitten der heftigsten geistigen und gesellschaftlichen Bewegungen, gleichzeitig mit der Erschließung neuer Welten jenseits der Meere. Was die ungeheure Bedeutung dieser in wenige Jahrzehnte sich zusammendrängenden Ereignisse ist und als Wirkung auf politische Zustände, auf Geister und Gedanken, auf Verkehr Arbeit und Lebensform die Epoche füllt, trifft auch das nun eidgenössisch werdende Basel.

Dieses Basel kann sich in einem denkwürdig gehobenen Zustande fühlen. Seine voreidgenössische Zeit steht als eine mächtige Vergangenheit vor ihm. Die letzten großen Erlebnisse haben das Gemeinwesen gereift und gefestigt; es weiß sich von neuen geistigen Mächten belebt, von einem neuen Regierungsgefühle getragen.

Mit erfrischten und gesammelten Kräften steht die Stadt zur Übernahme neuer Aufgaben bereit.

[8] Die Impulse aber gibt jetzt die Eidgenossenschaft. Basel ist ihr Glied, und aus dem unruhigen Leben ihres großen und vielgestaltigen Körpers strömt eine Wucht und eine Fülle, die auch das starke städtische Wesen am Oberrheine mit sich reißt.

Zunächst handelte es sich um Frankreich, das in dieser Zeit seine Bedeutung einer Schicksalsmacht für die Schweiz begründete und dabei auch Basel nahe trat. Im Leben des Oberrheins hatten wälsche Influenz und wälsche Gefahr seit Jahrhunderten eine Rolle gespielt. Anders als das offene Land, in besonderer Weise, empfand Basel die Wirkungen dieser Nachbarschaft. Allen Reizen und Kräften der gallischen Kultur sich öffnend und an ihr sich bildend, hielt es dem Reich und der deutschen Nation die Treue. Bis in die letzten Zeiten der Niedern Vereinigung. Basels Mannschaften so gut wie diejenigen Österreichs und der Elsässer Städte lagen bei drohender Gefahr an der Landwehr bei Mümpelgart. Auch die klingenden Angebote König Ludwigs wies es von sich, zu einer Zeit, da die Geldtransporte jährlich von Lyon her in die eidgenössischen Orte gingen.

Nun aber, nach dem Bunde, suchte Basel das Verhältnis zu Frankreich, in dessen Genuß es seine Eidgenossen fand, auch für sich zu nützen.

Vor allem seine Kaufleute kamen in Betracht. Schon im August 1501, dann wieder im Juli 1502, trat Basel an der Tagsatzung dafür ein, daß seinen „werbenden Leuten“ dieselben Zollbegünstigungen in Lyon und in dem seit 1500 wieder durch Frankreich beherrschten Mailand erwirkt werden möchten, die den übrigen Händlern aus der Eidgenossenschaft gewährt seien. Sodann zeigten sich die französischen Pensionsgelder in verführerischer Nähe. Basel hatte nichts zu fordern; aber der Rat sondierte, ob nicht auch ihm etwas zufallen könnte.

Gerade Frankreich galt die Bewegung, die Basel im Sommer 1501 beim Eintreten in die Reihen der Eidgenossen hier vorfand. Das seit einem Jahrhundert, seit der Besetzung der Leventina 1403, alle Politik der Urkantone beherrschende Verlangen nach Süden hatte zu einem neuen stürmischen Unternehmen getrieben. Die Grafschaft Bellinzona war seit dem April 1500 in der Gewalt der Drei Länder; jetzt stießen Knechte, die von Frankreich rückständigen Kriegssold zu fordern hatten, plündernd bis an die Seen vor. Neben territorialen Tendenzen handelte es sich um Forderungen des Verkehres; um Forderungen also, die in hohem Maße auch für das handeltreibende und unausgesetzt über den Gotthard mit Mailand und Venedig verkehrende Basel galten.

[9] Über Bellinzona, einen mailändischen Handelsvertrag und die Ausrichtung französischer Pensionen auch an die jüngsten Bundesglieder Basel und Schaffhausen sollte nun mit Frankreich verhandelt werden; bei der großen eidgenössischen Gesandtschaft, die deswegen im August 1502 zu König Ludwig nach Asti ritt, war Basel durch seinen Bürgermeister Peter Offenburg vertreten. Die Pensionensache wünschte Ludwig noch auszustellen; das Begehren, Bellenz definitiv und förmlich an die Drei Länder abzutreten, wies er von sich.

Von da an drängt die Bellenzer Sache alles andere in den Hintergrund. Auch die französische Ambassade, die in die Schweiz kam und Ende Novembers 1502 ihre Aufwartung in Basel machte, hatte keine Wirkung. Die Drei Länder blieben bei ihrem Willen und verlangten Hilfe. Noch suchte Basel zum Frieden zu reden. Aber am 8. März erhielt es die förmliche Mahnung. Tags darauf beschloß der Rat den Heerzug.

Akten und Rechnungen zeigen uns die Sorgfalt, mit der Basel rüstete. Es wollte Ehre einlegen bei diesem Unternehmen, das, wie die städtischen Chronisten zu betonen nicht unterlassen, der erste Kriegszug des eidgenössischen Basel war.

Schon Ende Februars waren die Drei Länder über den Berg gezogen; so rasch als möglich rückte Basel ihnen nach. Vor den andern Orten, am 27. März, traf seine Mannschaft bei den Bannern der Urkantone vor Locarno ein. Sie war am 14. März von Basel abmarschiert, sechshundertneunundsiebenzig Mann stark, unter dem Befehle des Peter Offenburg. Gleich andern Tags nach der Ankunft kamen diese Basler ins Gefecht; mit den Ländern zusammen eroberten sie eine gemauerte Landwehr am See.

Während das Schloß Locarno belagert wurde, zog ein Teil des Heeres weiter nach Süden, bis Arona und Varese. Bei Intra lagerten die Basler. „Haben wir das Schloß Locarno, so werden wir das ganze Land ohne Schwertstreich einnehmen", schrieben sie dem Rate.

Aber es kam nicht dazu. König Ludwig gab nach. Am 11. April überließ er Bellinzona den Drei Ländern. Gleichen Tags begann der Rückmarsch der Eidgenossen.

Das Osterfest am 16. April feierten die Basler in Altdorf, am 21. zogen sie zu Haus ein. Ihr Begehren, um der Ehre des Einzugs willen einige Ächter mit hineinbringen zu dürfen, — welchem Begehren der Rat willfahrte — zeigt das Hochgefühl dieses ersten kriegerischen Zuges über den Gotthardberg ins Wälschland.

[10] Seit dem Abschlusse des Bundes war die Haltung, die Basel offiziell einnahm, fertig und keiner Mißdeutung unterworfen. Hinter Basel stand die ihm verbündete Macht der Eidgenossenschaft. Angesichts ihrer hatte sich auch die Regierung der Vorlande in die neue Situation zu finden.

Wir hören dieses Ensisheimer Regiment wiederholt seinen Willen betonen, gut und nachbarlich mit Basel zu leben. Solchen Erklärungen entspricht auch meist das tatsächliche Verhalten. In den amtlichen Beziehungen waltet Friede. Da die Mißernte des Jahres 1502 zu einem Verbote der Kornausfuhr aus dem Elsaß zwingt, entsteht hieraus kein Streit; die Vorstellungen des Basler Rates, das Zureden des Bischofs von Straßburg und der Eidgenossen führen zur Wiederaufhebung des Verbotes. So wird auch aus andern Vorfällen, z. B. der Heranziehung der Baselleute in Hüningen zur österreichischen Steuer, kein ernstlicher Zwist. 1507 verständigt sich Basel mit den Herren im Sundgau wegen des Rechts der „Besetzung“ ihrer in Basel ansässigen Eigenleute; 1508 stellt es mit großen Kosten den Neuen Weg wieder her. Beiderseits ist das Bedürfnis, sich in Ruhe zu lassen und die Kräfte für andere Aufgaben zu sparen; beiderseits der Wille, sich an die vor einem halben Jahrhundert gefundene Einigung zu halten. Das ist die Richtung von 1449; das sind „die hochversprochenen Briefe und Siegel, die zu Fried und Begangenschaft des Landes und der Stadt, auch aus Art und Eigenschaft der Natur und Rechte geflossen vor Augen sind. Wie großen Wert Basel auf diese „mit Blutvergießen Mühe und Arbeit“ errungene Richtung legt, zeigt es im Jahre 1511, da es beim Abschluß der eidgenössischen Erbeinigung mit Kaiser Maximilian jenen alten Separatvertrag mit Österreich aufs bestimmteste vorbehält.

Aber von dieser Politik der Regierung ist verschieden die Haltung der Untertanen und des oberrheinischen Volkes überhaupt. Hier beim gemeinen Manne wie beim subalternen Beamten hemmt keine politische Vernunft und auch kein Gefühl der Verantwortlichkeit das Ausbrechen von Empfindung. Hier haben und üben ihr Recht der tägliche Verkehr, die persönliche Berührung, die seit Jahrhunderten herrschende Gewohnheit und Anschauung. Wiederum tritt uns mit aller Gewalt entgegen, welch unvergleichliche Stellung Basel in diesem Gebiete hat. Was als bestimmte oberrheinische Qualität Basels den Erwerb dieser Stadt für die Eidgenossen wertvoll macht, gilt nicht minder im Lande selbst, und sein Eidgenössischwerden wird hier empfunden als Schmerz und Schmach.

[11] Mit einer Offenheit, die wir nicht missen möchten, reden die Leidenschaften. Es ist der durch alle Lande des Oberrheins verbreitete Zorn, daß dieses berühmte Basel, das ja zum Elsaß gehört, abtrünnig geworden ist und in ihm nun der gehaßte siegreiche Eidgenosse Fuß am Rheine faßt.

Der altgewohnte nachbarliche Hader wächst zu neuer Erregtheit, die im Sundgau und im Breisgau, auf der Landstraße und in jeder Schenke sich gewaltsam äußert.

Ein Basler Gerichtsbote wird unweit Breisach niedergeschlagen, ein Basler Schiffmann daselbst bedroht und zu rascher Flucht genötigt. An der Ötlinger Kirchweih und beim Neuen Hause geraten Basler und Markgräfler hinter einander. Hans von Thann und seine Genossen sind verdächtig, in Basel Feuer einlegen zu wollen, und die Heimlicher erhallen Befehl, auf diese Bande zu fahnden; sie sollen auch die Blotzheimer beibringen, die Trotz- und Schmähreden wider Basel führen. In solcher Weise geht es weiter, unaufhaltbar schonungslos giftig, bis zum Vorwurfe, daß das schmutzige Laster, dessen man die Schweizer bezichtigt, nun auch das Laster der Basler geworden sei. Ihre Büchsenschützen bekommen diesen Vorwurf auch am Schießen in Straßburg 1503 zu hören. So gut die Leiter des Festes die Basler Gäste aufnehmen, das Volk begegnet ihnen feindselig; dem Hans Kilchman rufen sie nach, daß die Ketten über seiner Brust von dem Golde gemacht seien, darum er den Mailänder Herzog bei Novara habe verkaufen und verraten helfen.

Separat in diesem ganzen Treiben steht Rheinfelden. Diese kleine Landstadt mit ihrem Neid auf die unerreichbar große Nachbarin ist wie früher so auch jetzt wieder der Sitz eines ganz speziellen Hasses. Wobei die Befeindung Basels über das sonst übliche populäre Unwesen des Schmähens und Schädigens hinaus zum offiziellen Handeln wird. Schultheiß und Rat der Stadt, der Vogt Michel Reutner, der Hauptmann der Waldstädte Ulrich von Habsberg führen ihren eigenen Krieg wider Basel. Natürlich kann es kein offener und ehrlicher Krieg sein; aber in Quälereien und Schikanen ohne Ende ergeht sich diese Feindschaft. In Besteuerung der in der Herrschaft gesessenen Leute Basels, in Demolierung des Grenzhags, Aufstellung eines Hochgerichts auf Basler Boden, Hinderung Basels am Betriebe seines Steinbruches, Usurpation von Rechten über das Wirtshaus an der Augster Brücke usw. usw. Aber über alles Derartige hinweg kann es kommen bis zum Schein einer eigentlichen Bedrohung Basels; im März 1503 z. B., da bei einer Musterung der Rheinfelder auf dem Möhlinfelde schlimme Reden über Basel geführt werden. Wochenlang hat Basel [12] dieser Rheinfelder Dinge wegen die Tagwächter auf den Toren, die Zuwachten u. dgl. m. Alles dies waren doch nur Nichtigkeiten neben jenem verruchten Handel von 1502, da Habsberg und sein Vogt Rümelin zu erweisen unternahmen, daß Basel Leute für eine Brandstiftung in Rheinfelden gedungen habe; sie taten es in scham- und gefühllos mißbrauchten Formen des Rechtes, mit Folterung und Hinrichtung der armen Angeschuldigten, durchaus nach dem Muster jener scheußlichen Hinmordung zweier Söldner, die 1453 in demselben Rheinfelden und zur Schmach desselben Basel verübt worden war. Dieser Freveltat gegenüber bedauerte später der Chronist, daß sich die Basler nicht „als neue Eidgenossen mit gewaltiger Hand“ wider Rheinfelden erhoben hätten. Sie ließen sich statt dessen zu einer Verständigung herbei.

Auch im Übrigen sehen wir diesen oberrheinischen Eifer sich allmählig beruhigen. Die königlichen Räte von der einen, die Tagsatzung von der andern Seite wirkten für Frieden. Es kam zu wiederholten Schiedssprüchen, zuletzt am 23. April 1507 zur ausdrücklichen und abschließlichen Tilgung aller in „Schmachworten Schriften Tratzungen u. dgl.“ geschaffenen Unbill sowie zur Ordnung guter Zustände für die künftige Zeit. Durch Ruf in den Basler Marktplatz und durch gedruckte Mandate wurde der Friede der Stadt und dem ganzen Lande feierlich kundgetan.


Inmitten dieses Sundgauer Tumultes gab es nur einen Ort, wo Ruhe herrschte und die Lage Basels verstanden wurde: Mülhausen. Das Zusammengehen mit dieser Stadt war für Basel von hohem Werte. Auch als abseits stehender Eidgenosse fand Basel in der Verbindung mit dieser zweiten oberrheinischen Reichsstadt einen erwünschten Halt.

Zwischen Basel und Mülhausen bestanden alte Beziehungen, die mehr bedeuteten als nur Nachbarschaft. Seit sie im Jahre 1246 gemeinsam das Schloß Landser bezwungen, hatten sie sich oft bei den großen Landfriedensbünden, später in der zweiten Niedern Vereinigung zusammengefunden. Aber nebenan die dritte Macht war Österreich, das bald mit Drohungen bald mit Freundschaftswerbungen sich immer näher an Mülhausen heranmachte. Der Zustand wurde unerträglich; er ließ den Mülhausern nur die Wahl zwischen Unterwerfung unter Österreich und dem engern Anschluß an das inzwischen eidgenössisch gewordene Basel.

Am 5. Juni 1506 kam der Bund zwischen Basel und Mülhausen zustande, abgeschlossen auf die Dauer von zwanzig Jahren und im wesentlichen festsetzend, daß die Verbündeten sich gegenseitig in Kriegsnöten Hilfe [13] leisten sollen, Mülhausen aber ohne den Willen Basels weder einen Krieg anfangen noch ein Bündnis schließen könne.

Von da an sehen wir die beiden Städte als engverbundene Gruppe. Sie stehen in beständigem Verkehre; Mülhausen ist die Tochterstadt, Basel die starke Beschirmerin und Beraterin. Nicht nur bei den großen Fragen des Verhältnisses zum Reich usw., sondern auch bei zahlreichen kleinen Einzelheiten der Verwaltung.

Namentlich ist Basel die Mittlerin zwischen Mülhausen und den Eidgenossen, deren „Sitten und Gewohnheiten“ den Sundgauern fremdartig vorkommen. Aber die Eidgenossenschaft begreift den besondern Wert dieser Verbindung Basels mit Mülhausen. Es ist wie eine Erweiterung schweizerischen Wesens rheinabwärts; zum „Bollwerke der Eidgenossenschaft“ Basel ist in Mülhausen ein vorgelegter Posten, „ein Ortschloß und Vormauer“ gewonnen.

Schon beim Bunde von 1506 haben die Eidgenossen mitgewirkt, der im Basler Briefe dieser Stadt auferlegten Beschränkung ihrer Bündnisfreiheit gemäß. Von nun an kommen, ohne daß Mülhausen zur Eidgenossenschaft gehört, auch manche seiner Geschäfte vor die Tagsatzung, namentlich die Zwistigkeiten mit Österreich; in Steuersachen u. dgl. verwenden sich die Eidgenossen beim König für Mülhausen; unaufhörlich teilt Basel Beschlüsse der Tagsatzung auch den Mülhausern mit. Das Ganze ist ein freier, formell ungeordneter und unverbindlicher Zustand, der aber zu engerem Anschlüsse drängt.

Seit 1508 wird bestimmter von einem Bunde der Eidgenossen mit Mülhausen gesprochen, stets auf Mahnen Basels, das die Wichtigkeit der Stadt betont. Mülhauser Kriegsvolk macht im Anschluß an das Kontingent Basels die großen Kriegszüge dieser Jahre mit, und im Juni 1514 assistieren Gesandte Mülhausens der Beschwörung der eidgenössischen Bünde zu Basel.

Bei diesem Anlasse scheinen die Verhandlungen über den Beitritt der Stadt aufgenommen worden zu sein; am 19. Januar 1515 wurde der Bund geschlossen. Mülhausen erhielt Rechte und Pflichten eines zugewandten Ortes der Eidgenossenschaft und schied damit aus dem elsässischen Zehnstädtebunde.


An das Oberrheingebiet schloß sich der allumfassende Bezirk des Reiches.

So gut die eidgenössischen Orte selbst noch immer staatsrechtlich zum deutschen Reiche gehörten, hatte auch der Beitritt Basels zum Schweizerbunde dieser Stadt keine förmliche Trennung vom Reiche gebracht.

[14] Das Verhältnis war auch jetzt noch bestimmt durch das Antwerpner Privileg Kaiser Friedrichs von 1488. Damals war Basel, auf seinen alten freistädtischen Charakter verzichtend, in die Reihe der gewöhnlichen Reichsstädte gestellt worden. Sein Verkehr mit dem Reiche und seine Leistungen während der 1490er Jahre zeigen dies überzeugend; anschaulich wird dieser Zustand auch an einem Werke der amtlich geleiteten Standesscheibenmalerei: einem Wappenfenster aus dem Beginne des sechzehnten Jahrhunderts mit den vom Reichsschild überragten Baselschilden.

Dies war das Rechtsverhältnis, nach der Meinung beider Teile. Basel behielt sich im Bundesbriefe von 1501, gleichermaßen wie die Eidgenossenschaft tat, ausdrücklich das Reich vor. Die Reichsgewalt ihrerseits betrachtete den Eintritt Basels in die Eidgenossenschaft nicht als Preisgeben des reichsstädtischen Charakters; für sie blieben die Basler „des Kaisers und des Reiches liebe Getreue.“

Dem entsprach der offizielle Verkehr. An Berührungen der Stadt mit dem Reichshaupt ist freilich nicht mehr zu denken. Nur etwa Gesandte Basels bekommen den Kaiser noch zu sehen, er selbst besucht die Stadt nicht. Alles ist anders geworden. Nichts persönlich Gestimmtes findet mehr Eingang in das amtliche Wesen.

Auch die Reichsakten Basels zeigen nicht mehr die Fülle, den unaufhörlichen Wechsel einzelner Vorgänge von ehedem. Aber auch jetzt noch gibt es neben den immer stärker andringenden Schweizerangelegenheiten Reichsgeschäfte. Ausgezeichnet durch Würde der Formen Titulaturen Siegel bringen diese Erlasse der kaiserlichen Kanzlei die große und gewählte Gebärde neben die unschöne Geschäftigkeit eidgenössischer Korrespondenz. Wie früher so kommen auch jetzt die oft prächtig gedruckten Ausschreiben Kaiser Maximilians mit der Behandlung von Fragen und Unternehmungen der größten Art.

In solcher Weise, scheinbar durch nichts gestört, vollzieht sich der Verkehr des Reiches mit Basel. Aber dabei handelt diese Stadt doch so, daß ihr Verhältnis zum Reiche tatsächlich ein fast völlig unwirksames und bedeutungsloses wird. Sie entzieht sich der Leistung ihrer Reichspflichten. So regelmäßig sie Alles erhält — Einladungen zu Reichstagen, Aufforderungen zu Truppenstellungen, Befehle zur Entrichtung von Reichssteuern; so konsequent folgt sie weder Einladungen noch Befehlen. Zuweilen bringt der Rat solche Zumutungen vor die Tagsatzung und versichert sich ihrer Hilfe für den Notfall. Aber dem Reiche selbst gegenüber äußert er sich gar nicht. Wenn er diese Zuschriften erhalten, gibt er dem Boten, der [15] sie gebracht, ein Trinkgeld, sonst aber keinen Bescheid, und legt alle die Reichspapiere ganz still auf einen Haufen.

Der Rat, der so verfährt, weiß, wie viel er gegenüber dem Reich und kaiserlicher Majestät sich herausnehmen darf. Gleichwohl ist er sich bewußt, daß ein guter Teil des öffentlichen Rechtes der Stadt auf kaiserlichen Privilegien ruht. Er macht dies auch offiziell geltend, z. B. dem Bischof gegenüber; ja er äußert zuweilen die Besorgnis, daß diese Freiheiten und Rechte ihm durch Revokation verloren gehen könnten.


In einigen großen Richtungen hat sich das politische Leben Basels zu bewegen. Die Stadt ist ein Ort der Eidgenossenschaft, sie ist eine Reichsstadt, sie hat Beziehungen zu Frankreich.

Diesem offiziellen Zustand entsprechen Parteiungen im Volke, die selbständig ihre Wege gehen, eigene Leidenschaften haben, die allgemeinen Zustände in Liebe und Haß des Einzelnen grell reflektieren. In der neuen, 1501 geschaffenen Lage Basels müssen sie sich noch zurecht finden.

Das eidgenössische Wesen ist hier in seinen Anfängen. Wenn es auch die amtliche und öffentliche Anerkennung haben mag, besteht es doch wesentlich durch die Kraft seiner Anhänger. Es ist Sache einer Partei. Neben ihm gibt es noch andere Gruppierungen und Anhänge, gelten altes eingebornes Rheinlandsgefühl, deutsches nationales Empfinden, französische Sympathie. Es ist das Dasein einer großen, vielbesuchten und vieldurchwanderten Grenzstadt, in der das Schweizerische dem Schwäbischen, das Deutsche dem Wälschen gegenübersteht. Alles ist dichtgedrängt beisammen in der Enge des Gemeinwesens, Alles bewegt durch die Unruhe einer leidenschaftlichen Zeit. Wobei jede Meinungsverschiedenheit sofort zur Zwietracht wird, Pfauenfedern, deutscher Trommelschlag neben dem schweizerischen, Lieder und Pamphlete und spöttische Reden Niemanden zur Ruhe kommen lassen.

Zum Zanke der Gasse tritt die literarische Fehde. Der Geist der Gelehrten, denen das Schweizertum Basels als Herrschaft roher Bauern über die Stadt der Musen erscheint, hat schon in Reuchlin wider den Schweizerpöbel gescholten. Brant Tritheim Bebel wissen nicht anders zu urteilen. Jetzt nimmt der junge Augsburger Hieronymus Emser diesen Ton auf. In demselben Basel, wo der Theodorsschulmeister Gregor Bünzli aus Glarus Verse über die „Schwaben“ zum Besten gibt, macht sich der Student Emser durch ein Schmähgedicht wider die Eidgenossen bekannt, „die Feinde Gottes und des Glaubens, die milchsaufenden Schurken; [16] die faulen Kuhmelker, die waldgebornen Räuber“. Hauptwortführer aber ist der unruhige Wimpfeling aus Schlettstadt, der Patriarch der Elsässer Humanisten. Während er hier im Bischofshofe Gast Christophs von Utenheim ist, schreibt er boshafte Briefe über den Zustand des schweizerisch gewordenen Basel, und im Jahre 1505 publiziert er die Flugschrift Soliloquium mit den heftigsten Angriffen auf die Schweizer, aber auch auf Basel als die zu den Bauern abgefallene Humanistenstadt, als die den Reichsfeinden anhängende alte Elsässer Reichsstadt. Es ist vor allem die elsässische Eigenwilligkeit, die in Wimpfeling zum Worte kommt; neben ihr der Zorn der Deutschen auf die Schweizer vom Schwabenkrieg und von ihrem Bunde mit Frankreich her.

Als ideale und keiner Grenzen achtende Macht, als Führerin des Lebens der Meisten erweist sich in Basel über solches Gezänke hinweg die deutschnationale Gesinnung. Tradition und Stammesart wirken ohne weiteres und unwiderstehlich; um so hinreißender sind sie in dieser Zeit der hochgesteigerten nationalen Stimmung Deutschlands. Wie im politischen Leben eine Distanz bleibt zwischen Basel und den Eidgenossen, so kann sich in Anderem die Stadt oft mehr auf einer Linie mit Straßburg und Nürnberg empfinden als mit Bern und Zürich. Es ist ein tiefes Überzeugtsein, so sehr es auch durch den Deutschland und Kaisertum zu allernächst vertretenden Nachbar Österreich auf die Probe gestellt wird. Ein regionaler Zwist mag hier viel bedeuten, Schweizer und Landsknechte mögen wider einander stehen; das sind Konflikte, die weit zurückweichen hinter dem großen geistigen und politischen Gegensätze Deutschland-Frankreich.


Unter solchen Umständen trat Basel in sein eidgenössisches Leben.

Noch galt die im Jahre 1499 mit Frankreich geschlossene Allianz; ihrzufolge bewilligte die Tagsatzung im Februar 1507 dem König Ludwig Truppen für einen Feldzug. Basel, obgleich am Bunde nicht beteiligt, entschloß sich dennoch mitzumachen. Der Rat hob Truppen aus und gab diesen zum Führer den Ritter Hans Kilchman. Am 9. März 1507 war der Abmarsch; nach der französischen Ausmusterung in Altdorf zählte das Basler Kontingent noch zweihundertsechzig Mann. Als Ziel des Zuges galt Mailand. Aber in Varese erfuhr das eidgenössische Heer, daß es dem König zu Hilfe ziehe wider das rebellische Genua. So ging der Marsch über Alessandria, und am 25. April standen die Eidgenossen vor der stolzen Meerstadt. Gleichen Tags noch begann die Schlacht, durch den Kastanienwald hin und über die Höhen ob Genua. „Drei starke Bastionen und [17] Letzenen haben wir gewonnen“, berichtete Kilchman nach Basel, „mit großer Not; denn unsre Feinde sind stark gewesen“. Tags darauf, in Anwesenheit des Königs, kam es nochmals zu einem harten Treffen. Am dritten Tage, 27. April, kapitulierte Genua, und „mit Gold Lob und Ehre“ konnten die Eidgenossen wieder nach Hause ziehen. Den Kilchman belohnte Ludwig mit einem Geschenke von zweihundert Gulden und einem lebenslänglichen Jahrgeld.

Dies war der Genueser Zug, auf Jahre hinaus die letzte kriegerische Leistung der Eidgenossenschaft für Frankreich.


Während die Schweizer vor Genua fochten, unterhandelten schweizerische Gesandte in Konstanz mit Maximilian; im April 1507 trat dort der Reichstag zusammen. Der König schien den Schwabenkrieg vergessen zu haben; das „gemeine Bergvolk“, über das seine Humanisten gespottet, war ihm jetzt willkommen. Er machte die größten Versprechungen; bei seiner Romfahrt und den damit zu verbindenden Eroberungen in Italien wünschte er ein eidgenössisches Heer zu haben; von einer Allianz wurde geredet. „Mit den Schweizern im Bunde werde ich die ganze Welt niederzuwerfen imstande sein“, verhieß Maximilian dem venezianischen Gesandten.

Aber was in den nächsten Jahren oft geschehen sollte, geschah auch jetzt: ein Werben Verschiedener um die Schweizer. So weit ihre Vereinbarungen mit Maximilian auch gediehen sein mochten, daneben arbeiteten die französischen Diplomaten mit überlegener Kunst und reichen Geldspenden. Auch Basel machte dabei seine Erfahrungen. Schon hatte der Rat die Truppen für den Zug des Königs nach Italien aufgeboten und den Bürgermeister Offenburg an ihre Spitze gestellt. Da empfing derselbe Offenburg, im Januar 1508 bei der Tagsatzung in Luzern, vom Gesandten Frankreichs eine Geldsumme. Nicht in seine Tasche; diese fünfzehn Kronen hatten die Kosten der Tagfahrt zu decken. Doch sie bedeuteten bei Basel dasselbe was bei andern Orten: daß Frankreich den Handel gewann. Die Eidgenossen widerriefen die in Konstanz gegebenen Zusagen.


Nun aber tritt Alles zurück vor einer neuen und einzigartigen Macht politischen Lebens: dem Papste. Diesen Landen zeigt sich der Stellvertreter des himmlischen Christus jetzt als Herrscher mit rein weltlichem Gebahren, als Kriegsfürst und Alliierter.

Im Jahre 1509 ging das Bündnis der Eidgenossen mit Frankreich zu Ende und wurde nicht erneuert. Die eidgenössische Politik erhielt eine andre Orientierung.

[18] Die wiederholte Intervention Frankreichs in Italien und die ihr folgenden Kombinationen riefen das Papsttum in den Kampf, das jetzt für einige Zeit ein Hauptelement in den europäischen Bewegungen sein und als solches auch auf die Schweiz wirken sollte.

Die kirchliche Stellung des Papstes kam seiner Politik zugute. Ihm war möglich, auch die profansten Unternehmungen durch die Mittel geistlicher Allgewalt zu stützen, seine Helfer zu segnen und seinen Feinden „den ewigen Himmel zu nehmen“. Mit universaler und äußerlicher Herrlichkeit verband sich eine Mystik, die von stärkster Wirkung auf den Einzelnen sein konnte.

Zu dieser Überlegenheit allgemeiner Art trat die besondere Macht eines Menschen, wie Papst Julius II. war; die Kraft einer starken Persönlichkeit und feinstes diplomatisches Geschick lebten noch unmittelbarer in dem Berater und Gehilfen des Papstes, Matthäus Schiner, dem großen Kardinal von Sitten.

Unter solchen Wirkungen kam am 14. März 1510 ein Bündnis mit Papst Julius zustande. Die Eidgenossen übernahmen den Schutz der Kirche und des Heiligen Stuhles. Sie verpflichteten sich, dem Papst auf sein Verlangen sechstausend Mann gegen jeden Feind zu stellen und während der Dauer der Allianz sich ohne Zustimmung des Papstes mit keiner andern Macht zu verbünden oder einer solchen die Werbung zu gestatten. Der Papst sagte zu, den Eidgenossen gegen ihre Feinde mit geistlichen Waffen beizustehen und jedem Ort ein Jahrgeld von tausend Gulden anzuweisen. Der Sold der für ihn auszuhebenden Leute wurde festgesetzt.

Es begannen die sieben gewaltigen Papstjahre der Politik Basels. Am französischen Bündnisse war die Stadt nicht beteiligt gewesen; jetzt stand sie sowohl berechtigt als verpflichtet in einer welthistorischen Beziehung, deren Größe jedem Tun sein Feuer gab. Der Verbündete Basels war der Heilige Vater; was Basel ihm leistete, tat es zu Trost der Kirche.

Aber auch andere Stimmungen bewegten dieses Jahr. Gerüchte und Warnungen hielten die Stadt in Atem. Es wurde geredet von Rüstungen in der Markgrafschaft, von Sammlung der Ritterschaft zu Ensisheim. Dazu bedrängte schwere Krankheitsnot die Stadt, und der Bischof rief seine Herde zu Kreuzgängen und Bußexercitien. Nur einige Buchungen der städtischen Kasse — Kosten des Empfangs einer päpstlichen Gesandtschaft, Einnahme der ersten päpstlichen Pensionsgelder — bezeugen die neue politische Haltung Basels.

[19] Zunächst noch sieht Manches aus wie überstürzter Entschluß, wie unsicheres Handeln. So der „Chiasser Zug“ im August 1510, so noch mehr der „Kaltwinterfeldzug“ von 1511.

Der Allianzberedung vom März 1510 folgte rasch ein Mannschaftsbegehren Schiners. Es wurde durch die Tagsatzung bewilligt, überall im Lande sammelte sich das Kriegsvolk. Noch am 3. August erließ der Papst ein Mahnschreiben. Am 13. August rückten die Basler aus, dreihundert Mann stark, geführt durch Jacob Meyer zum Hasen, der seit kurzem als neuer Meister zu Hausgenossen im Rate saß. Ziel des Zuges war zunächst der St. Bernhard, zum Übergange nach Italien; doch wies unterwegs die Nachricht, daß das Aostatal durch die Franzosen besetzt sei, die Basler das Wallis hinauf, von wo sie über „hohe scharpfe böse berg“, wohl den Nufenenpaß, nach Bellinzona hinüberstiegen. Hier vereinigten sie sich mit den Mannschaften andrer Orte. Es kam zu Gefechten, zur Erstürmung einer französischen Schanze an der Tresa, zu Verwüstungszügen bis Varese und Chiasso. Aber zu keiner stattlichen Kriegstat, zu keinem Erfolg und keiner Ehre. Während hier geplänkelt wurde, waren zu Hause Parteien und Diplomatie tätig, das Unternehmen zu hemmen. Im Heere selbst regte sich Mißtrauen gegen Schiner. Die Munition ging aus, die Truppen litten Hunger und wurden unwillig, sodaß sie dem Heimrufe der Tagsatzung gern und rasch folgten. Am 17. September, auf den Tag fünf Wochen nach dem Ausmarsche, zogen die Basler wieder zu Haus ein, „mit schlechtem Namen und kleinem Lob“.

Dann im Spätherbste 1511 brachte eine den Orten Schwyz und Freiburg angetane Gewalttat der Franzosen die Eidgenossenschaft wieder unter die Waffen. Basel, durch einen rührigen Agenten des Papstes, den Altdorfer Kirchherrn Anselm Graf angetrieben, beschloß Ende Oktobers den Zug; am 21. November brach es auf. Wie im Vorjahre mit dreihundert Mann; Hauptmann war Henman Offenburg, der Neffe des Bürgermeisters. Die Truppe marschierte, ohne ihr Ziel zu kennen. Die Einen glaubten, daß man „den lieben alten eitgenossen von Swiz“ zuziehe; die Andern, daß man einer Mahnung des Papstes folge. So verworren der Beginn, so der Verlauf des Zuges. Am 1. Dezember trafen die Basler in Bellinzona ein, nach mühevoller Überwindung des Passes, dessen winterlicher Rauheit ihre Pferde nicht gewachsen waren. Schwyz und Luzern waren schon voraus; eben trafen die Fähnlein von Baden und Bremgarten ein; Zürich Bern Solothurn folgten weit hinten. Endlich vor Mailand, „an der Haselstuden“, fand sich das eidgenössische Heer beisammen. Aber deutlich [20] zeigen uns die Basler Scripturen dieser paar Feldzugswochen, wie halt- und ziellos Alles war. Die Franzosen wichen dem Kampf aus; statt seiner versuchten sie es mit Unterhandeln. Sie hätten dreiunddreitzigtausend Gulden geboten, damit die Eidgenossen das alte Bündnis wieder aufnähmen, meldete Offenburg dem Rate; aber die Führer des Heeres hätten ein so kleines Angebot als Schimpf empfunden und darauf „einen Haken geschlagen“. Unter furchtbaren Verheerungen des Landes, zuchtlos, enttäuscht zogen die Schweizer wieder zurück. Am Altjahrabend brachte Offenburg die Seinen nach Hause — keinen Mann hatte er verloren. Aber „die reis wer weger vermitten“, meinte der alte Kilchman.

Während die Truppen im Felde liegen, ist daheim die Stadt voll Unlust und Streit. Falsche Siegesmeldungen aus dem Mailändischen kreuzen sich mit falschen Alarmnachrichten aus dem Sundgau. Wie dann ein zweites Aufgebot der Tagsatzung kommt, löst sich die Spannung der von allen Seiten her erregten Menge in einem aufruhrgleichen Tumulte. Der Rat vermag die Unruhe zu meistern. Dann stellt er ein zweites Kontingent, hundertundzwanzig Mann stark, bereit; doch kommt es nicht mehr zum Ziehen.


Die eidgenössische Politik dieser Monate, durch allerhand Einflüsse berührt, mangelte der Bestimmtheit. Nur allmählig kam es zu einer Festigung des Verhaltens, zur Klärung des Zieles.

Zunächst durch entschiedenes Ablehnen von Bündnisanträgen Frankreichs. Basel hatte hiefür den Besuch des grandmaître d'Amboise im September 1510, nach Schluß des Chiasser Zuges. Es bewirtete den Herrn nach Übung, zeigte ihm seine Geschützreihen im Zeughaus und ließ ihn unverrichteter Dinge wieder reisen.

Sodann wurden festere Bande mit Kaiser Max geknüpft. Es geschah dies durch eine Vereinbarung, die nach der Trennung von 1499 zum ersten Male die beiden Mächte wieder verband: die mit Max als dem Haupte des österreichisch-burgundischen Hauses am 7. Februar 1511 geschlossene Erbeinigung. Unter gegenseitigem Gelöbnis guter Nachbarschaft und Verkehrsfreiheit, gegenseitiger Zusage getreuen Aufsehens im Falle der Bedrohung durch einen Dritten, Zusicherung einer jedem Orte jährlich durch den Kaiser zu zahlenden Pension von zweihundert Gulden. Basel war wohl der am stärksten interessierte Kontrahent auf eidgenössischer Seite; es erklärte seine Zustimmung zum Vertrag erst, als ihm Sicherheit geworden war, daß seine alten Rechte der Anwendung geistlichen Gerichtes und der [21] Arrestierung österreichischer Angehöriger nicht durch den neuen Vertrag geschädigt sein würden; ein kaiserlicher Beibrief vom 17. Mai 1511 gab ihm diese Garantie.

Sodann bedurfte es noch der Auseinandersetzung mit dem über den Verlauf des Chiasser Zuges erzürnten Papst. Im Dezember 1510 hatte sich hiefür eine schweizerische Gesandtschaft ans päpstliche Hoflager Bologna zu begeben. Sie fand Julius von Krankheit kaum genesen, inmitten stärkster Aufregungen und Sorgen. In solchem Zustand empfing er die Eidgenossen „zornmüticlich“, ihre Reden wiederholt unterbrechend, mit den heftigsten Worten sie anfahrend. Einer unter ihnen aber war der Basler Stadtschreiber Gerster, ein der Curie wohl bekannter Führer der päpstlichen Sache in Basel; er hatte im kleinen Ausschusse weiter zu verhandeln, und sein Werk wohl war der ausführliche Gesandtschaftsbericht, der dann an die Tagsatzung erstattet wurde.


Wir begegnen diesem Papst und seinem gewaltigen politischen Wollen wieder im Oktober 1511 bei Schaffung der Heiligen Liga. Sie ist gegen dasselbe Frankreich gerichtet, das eben jetzt die Schweizer durch neue Gewalttaten gereizt und in die arge Enttäuschung des Kaltwinterfeldzuges getrieben hat. Führer der Liga ist der Papst, ihre Genossen sind Venedig und Spanien, bald auch England und Kaiser Max.

Angesichts solcher Größe und im Gedanken an das vor kurzem selbst Erlebte sammelt nun auch die Eidgenossenschaft all ihre Kräfte zu einem mächtigen Unternehmen. Ihr Ziel ist, den Franzosen das Herzogtum Mailand zu entreißen und selbst darüber zu verfügen.

Die Instruktionen des Basler Rates zur Tagsatzung zeigen uns lebendig, wie diese Politik sich entwickelt und festigt. Sie haben einen neuen Ton von Entschlossenheit. Die vorgeschlagene Erteilung von Geleit an eine französische Gesandtschaft wird als eine Verletzung unsrer Ehre abgelehnt. Mit allen Mitteln soll auch unsrerseits dafür gearbeitet werden, daß Kaiser Max Frankreichs Gegner werde und mit Venedig Frieden schließe. Man solle eine Gesandtschaft an die Signorie abgehen lassen, bei welcher Gelegenheit dann auch von den Kriegsvorbereitungen geredet werden könne. Denn Frankreich müsse angegriffen werden, nicht, wie Bern meine, durch einen Zug ins Burgundische, sondern in Italien, wo das Volk noch vom Winterfeldzuge her voll Schreckens vor den Schweizern sei.

Über einer so gestimmten Eidgenossenschaft ging das glorreiche Jahr 1512 auf. Es brachte vorerst die zwei wichtigen Ambassaden nach Venedig und Trier. [22] Am 21. März 1512 trafen die Gesandten in Venedig ein. Sie verhandelten mit der Signorie und dem Vertreter Spaniens über den Abschluß von Bündnissen, namentlich aber mit Kardinal Schiner, der im Namen des Papstes redete. Er verhieß die Belohnungen künftiger guter Dienste und ließ die Gesandten schon jetzt die den Schweizern zugedachten feierlichen Ehrengeschenke des Papstes, den Herzogshut und das Schwert, sehen. Die Konferenzen im schönen Inselkloster San Giorgio, das Auftreten der Eidgenossen im Dogenpalaste, ihre Teilnahme und Ehrung an der offiziellen Prozession zu Mariä Verkündigung — all diese Szenen leben für uns noch heut in der Erzählung eines der Gesandten, des Baslers Jacob Meyer zum Hasen.

Der Heimkehr von Venedig folgte sofort die Gesandtschaft nach Trier zum Kaiser. Gesandte waren Peter Offenburg aus Basel und der Zürcher Röust. Sie sollten der Majestät die Absichten der Eidgenossen mitteilen, freien Paß durchs Tirol und Heimrufung der im Dienste Frankreichs stehenden Landsknechte begehren. Vor vierzig Jahren war in demselben Trier die Zusammenkunft zwischen dem Vater des Kaisers und Karl von Burgund gewesen, durch Basel aufs eifrigste beobachtet; wie anders trat heute dort der Basler Bürgermeister auf. Er kam gerade in die junge, durch Kaiser Max inaugurierte Heiligenrockandacht und überhaupt in die umfassende Trierer Reliquiendevotion dieses Jahres 1512 hinein. Am 8. April konnte er von dort aus dem Rat über den guten Erfolg seiner Legation berichten.

Wir sehen in diesen herrlichen Frühlingswochen Alles sich steigern und vollenden. Es sind die großen Zeiten der Tagsatzung, da kaiserliche und päpstliche Botschafter vor sie treten, der französische Gesandte das Land räumt, sie selbst ihre Beschlüsse faßt. Den weiten Hintergrund dieser Vorgänge füllen Ereignisse wie die gewaltige Schlacht bei Ravenna, der zwischen Kaiser Max und Venedig beredete Waffenstillstand, die Kriegserklärung Heinrichs VIII. an Frankreich, die Eröffnung des allgemeinen Konzils im Lateran zu Rom durch Papst Julius.

Am 19. und am 30. April beschloß die Tagsatzung den Heereszug in die Lombardie.

Es war im Grunde nichts Neues. Sondern von den beiden großen Tendenzen, die seit langem, wechselnd und sich bekämpfend, über aller Politik der Eidgenossenschaft gewaltet, erhielt jetzt die eine, die enetbirgische die Oberhand. Einen Stil und für Viele jedenfalls eine spürbare Weihe gewann dieser Heerzug dadurch, daß als sein Ziel die Rettung der römischen [23] Kirche genannt wurde. Das ihn Auszeichnende aber war die mit Wucht geschehende Erhebung der gesamten Eidgenossenschaft, war ferner das entschiedene Wollen selbständigen Eingreifens und souveränen Handelns. Schon ein Jahrzehnt früher hatten die Schweizer einem Florentiner gesagt: sie wüßten nicht, warum sie nicht eines Tages auf eigene Rechnung kämpfen könnten. Dieser Tag war jetzt gekommen.

Am 6 Mai 1512 zog das Basler Kontingent, in der Stärke von sechshundert Mann, aus dem Tor, angeführt durch Jacob Meyer zum Hasen. Die Reise ging über Zürich. Unterwegs in Rapperswil stießen sie auf einen Basler Schuhmachergesellen, der aus Italien heimkam; vor vier Wochen hatte er als französischer Söldner in der Ravennaschlacht mitgefochten. Durch Chur, dann über den Albula, das Engadin hinab, über den Ofenpatz nach Glurns, durch das lange Etschtal bis Trient, — von Station zu Station begleiten wir an Hand der Rechnung die Marschierenden; neben Batzen und Kreuzern zeigen sich quattrini, Marcellini u. dgl.; man kauft Pomeranzen usf. Über Roveredo ziehen die Basler nach Verona, wo sie am 25. Mai ankommen. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, Alles jubelt und schreit: Imperium, imperium! Bald kommt auch Schiner eingeritten. Die schweizerischen Kontingente finden sich zusammen, gegen zwanzigtausend Krieger. „Eine so hübsche Mannschaft, auch in so guter Ordnung, daß jedermann Verwunderung und Wohlgefallen an uns hat.“

Bei den andern Hauptleuten sitzen nun die Basler Führer und entwerfen den Plan des Angriffs. Mit der behaglichen Stimmung der Marschtage ist es vorbei, und wir sehen andere bewegtere Bilder: das mächtige, ungeduldig wogende Heer der Eidgenossen; seine Vereinigung mir den Venezianern bei Villafranca; dann immerzu und nicht mehr nachlassend von der ersten Waffentat, von der Eroberung von Valeggio am Mincio an, das atemlose unwiderstehliche Vorwärtsstürmen, das Bedrängen Werfen Verfolgen der Franzosen. Cremona Lodi Piacenza Parma ergeben sich. Erst in Pavia ist härterer Widerstand; aber am 18. Juni abends wird die Stadt im Sturme genommen, und unter den Ersten, die eindringen, sind die Basler. „Sie haben sich so tröstlich gehalten, daß ihnen Lob und Preis gegeben wird. Umgekommen sind Pfifferhans von Waldenburg und Fridli zur Eich von Mülhausen; Gott sei ihnen gnädig. Sonst sind wir Alle in Gesundheit; Etliche sind gewundet, es steht aber gut um sie“. Die Stadt kauft sich durch Zahlung eines Monatssoldes von der Plünderung frei; unter dem gewonnenen Geschütz ist ein berühmtes Hauptstück, Madonna de Forlina genannt, das Herr Jacob Meyer vor der Stadtmauer erobert hat [24] und sofort in die Basler Herberge führen läßt. Dann fallen auch Asti Novara Alessandria Como, zuletzt das „Haupt“ Mailand. Die Franzosen fliehen über die Berge. „Also unsers teils so ist das land Lombardia ganz erobert“, schreibt Jacob Meyer dem Rate. „Der französische Name in Italien ist vertilgt“, jubelt Schiner.

Neben dieser einen gewaltigen, sich den Siegespreis im Sturme holenden Leistung geschehen gleichzeitig die Eroberung der Grafschaft Neuenburg durch die vier Orte Bern Freiburg Solothurn Luzern, die Eroberung von Bormio Veltlin Chiavenna durch die Bündner, die Eroberung des Eschentals mit Domo und der Landschaften Mendrisio Balerna Lugano Locarno durch die Urkantone. Bern ist mit dem letzten Unternehmen nicht einverstanden; aber, „damit wir nicht für Die geachtet werden, so der Franzosen schonen“, proponiert es den Baslern neuerdings den Plan eines Heerzuges nach Burgund. Man ist allerseits gestimmt zur Eroberung.

Zu dem Zug, an den Bern dachte, kam es aber nicht. Auch die am 3. Juli den Waldstätten für die Gewinnung des Eschentales zuziehenden Basler gelangten nur bis Sursee, wo sie ein Gegenbefehl aus Luzern zum Halten brachte. Sie kehrten um nach Hause, und von den Fischen des Sempachersees, bis zu dem dieser Zug gelangt war, erhielt er den Scherznamen des Albelenkrieges.

Ein Vierteljahr nach dem Abmarsch in die Lombardie, am 2. August 1512, hielten die heimkehrenden Basler triumphierenden Einzug in ihre Stadt. Meltinger und Ulrich Falkner waren ihnen zu ehrenreichem Empfang entgegengeritten; schon draußen vor der Stadt begrüßte sie die Jugendwehr; von den Türmen bliesen die Wächter, zwischen den Reihen jubelnden Volkes zogen die Krieger die Gassen hinab. Welche Bilder italiänischer Städte und Landschaften mochten sie mitbringen! Welches Lob eigener Tapferkeit, welchen Hohn auf die Franzosen, welch Gefühl des großen eidgenössischen Lebens!

Neben dem Fähnlein, das im Mai die Schar nach Italien geführt hatte, wehte jetzt das prächtige, vom Papst verliehene Banner.


Kardinal Schiner eröffnete in Pavia am 30. Juni dem Jacob Meyer, wie sehr der Papst den Eifer anerkenne, mit dem die Basler vor Andern sich gutwillig erzeigt haben. Er sei daher willens, wie den Ländern vor Zeiten, so jetzt ihnen ein Ehrenbanner mit einem „stuck des gloubens“ im Eckquartier zu schenken. Einzig Basel, gab er an, werde solcher Auszeichnung wert erachtet.

[25] Auf Vorschlag der Basler Führer wurde dann durch Schiner als „Zeichen“ der englische Gruß bestimmt und außerdem die Änderung des Schwarz am Baselstab in die „ritterliche Farbe des Goldes“ gutgeheißen. Die Anfertigung geschah sofort in Mailand, unter Leitung von Hans Oberriet und Melchior Hütschi; zum Fahnentuche diente weißer Damast mit Granatapfelmuster, die Ausstattung war reich an Perlen und Edelsteinen, goldbrokatenen Borten, Seidenstickerei usw. Noch vor Mitte Julis übergab Schiner das fertige Banner den Baslern, die es mit Pfeifen und Trommeln in ihre Herberge trugen und da einige Tage offen fliegen ließen, zum Neide der Andern.


Die Eidgenossen, die Jahr um Jahr eine nicht aufzubrauchende kriegerische Kraft erwiesen und deren jüngste Taten, von Zeitgenossen als gesta cœlo digna gerühmt, den Schreck der Ravennaschlacht rasch vergessen ließen, zeigten sich auch beim Verhandeln Allem gewachsen. Ihre Kriegsgewalt zusammen mit Kraft und Kunst politischer Negotiation begründete die hohe Geltung der Eidgenossenschaft, die diese wenigen Jahre zum glänzendsten Moment ihrer Geschichte macht.

Von allen Seiten kamen huldigend und werbend die Mächte der Welt. Der Kaiser, der Papst, der spanische König, im Geheimen auch der König von Frankreich hatten ihre Vertreter bei der Tagsatzung; Savoyen wurde Alliierter der Schweiz; Lothringen und Venedig strebten nach einer Verbindung; auch König Heinrich von England machte sich herbei. Der Kern eidgenössischer Politik dieser Jahre war doch die Freundschaft mit Papst und Kaiser. Damals hat der Schweizer Glarean in Köln, bei seiner Dichterkrönung durch Max, diesen Herrscher besungen und dabei vor Allem sein Bündnis mit dem „furchtbaren“ helvetischen Volke gepriesen, „das dem Adler gleich sei und dem Löwen“.

Wie stark daneben die Feindschaft gegen Frankreich war, sehen wir an Basel. Es verlangte, daß in der ganzen Schweiz die Ausfuhr von Kriegsmaterial nach Frankreich verboten werde. Wenn die durch Basel reisenden Kaufleute aus Köln Antwerpen usw. französische Waren hatten, wurden diese konfisziert. Und als ein französischer Agent sich herausnahm, in Basel Kriegsvolk dingen zu wollen, zeigte ihm der Rat seine Meinung so deutlich, daß er rasch wegritt. Basel hatte übergenug solcher Umtriebe in seiner Nähe. Während das eidgenössische Heer die Franzosen aus der Lombardie warf, wurde der Sundgau französischer Werbeplatz. Adelige Landsassen selbst — Diebold Stör, Hartman von Flachsland, Hans [26] von Dachsfelden —, „durch viele Kronen zum französischen Willen gebracht“, waren Werboffiziere. Auch Graf Heinrich von Tierstein gab sich dazu her und trieb das Geschäft im Großen; unter der Hohkönigsburg wurde das durch ihn geworbene Volk gemustert und von hier dem König nach Langres geschickt.

Die Monate nach dem Pavier Zuge sind erfüllt durch außerordentliche Tätigkeit der Tagsatzung. Was hiebei geschieht und wie Basel beständig an diesen Arbeiten beteiligt ist, zumeist durch Heinrich Meltinger und Ulrich Falkner, kann hier nicht geschildert werden. Wohl aber denken wir an die beiden großen Aktionen, mit denen dieses Jahr 1512 endet.

Vorab an die Gesandtschaft nach Rom. Die Eidgenossen kommen zum Papst, um als Retter des Heiligen Stuhles seinen Dank zu vernehmen; sie wollen auch für einen allgemeinen Frieden in der Welt ein Wort einlegen, rückständigen Sold begehren, Herausgabe von Parma und Piacenza an das Herzogtum Mailand verlangen, die Pfarreien und Pfründen in der Schweiz von den Kurtisanen frei machen, die Papstmonate für sich in Anspruch nehmen usw.

Basels Begehren, von den durch Papst Julius der Eidgenossenschaft verliehenen Auszeichnungen die Bulle mit dem Ehrentitel und eines der Banner zur Verwahrung zu erhalten, ist durch die andern Orte abgelehnt worden. Aber jetzt bei der Gesandtschaft führt es das Wort. Es hat auch eigene Wünsche vorzubringen. Diese Wünsche gehen zurück in die ersten Zeiten des Bündnisses mit dem Papste. Schon im August 1510 hat der Basler Hauptmann Jacob Meyer beim Marsche durch das Wallis mit Kardinal Schiner deswegen verhandelt und Schiner ein gutes Gelingen in Aussicht gestellt, „da man jetzt einen so gnädigen Papst habe, bei dem zu erlangen sei, was seit Sanct Peters Zeiten nicht habe erlangt werden mögen“. Wie es dann freilich zum Vortrage vor diesem Papste kommt, in Bologna, ist er des Chiasser Zuges wegen ein sehr ungnädiger Herr und Basel erlangt nichts.

Aber im Mai 1512, vor dem Marsch in die Lombardie, holt der Rat jene alten Desiderien wieder hervor. Er instruiert die Hauptleute darüber, er schreibt auch selbst an Schiner. In Pavia kommt es dann zu Verhandlung und fester Zusage. Die Hauptleute lassen die Suppliken redigieren und schicken sie an die Curie, damit „der Papst sie signiere und bullas darüber fertige“. Der Propst von Thann, Johannes Soder, „der by sant Jörgen in Rom daheim ist“, wird ersucht, sich der Sache anzunehmen, unter Übersendung eines Kreditbriefes. Auch die Familiaren [27] Schiners in Rom müssen helfen. Von Basel aus aber drängt der Rat die Hauptleute zur Eile; „wenn ihr aus dem felde seid, so möchte des wachses minder werden“.

Das Ergebnis dieser Mühen sind zuletzt vier am 10. September 1512 ausgestellte päpstliche Privilegien: 1. Bestellung von städtischen Conservatoren, als Erneuerung des sixtinischen Privilegs von 1483; 2. Bestellung von Conservatoren für die Universität; 3. Bestätigung der Verfügungen des Papstes Pius von 1463 und des Kardinals Raimund von 1504 über die Canonicate von St. Peter und die Universität; 4. Bestätigung der Indulte des Papstes Pius und des Kardinals Raimund über Genuß von Butter und Käse in der Fastenzeit.

Diese vier Privilegien erfüllen aber nicht alle Wünsche Basels. Der Rat hat noch Anderes auf dem Herzen und sucht es bei Anlaß der Gesandtschaft nach Rom zu erlangen.

Mitte Oktobers ritten die Eidgenossen — von Basel Lienhard Grieb — über Como nach Mailand, um zunächst hier mit dem Gubernator Ottaviano Sforza zu reden. Dabei wurde „weder in tütsch noch in welsch noch in französisch“ verhandelt, sondern lateinisch, durch Grieb. Auch Jacob Meyer war mit den Herren geritten, da er den Auftrag hatte, seinen in der Nähe Mailands weilenden guten Freund Schiner wegen der Basler Begehren zu bearbeiten. Nach Erledigung dieser Sache kehrte er heim; die andern zogen weiter nach Süden, überall Landsleute treffend, die in des Papstes Dienste standen: in Bologna den Albrecht zum Stein, in Florenz den Gardehauptmann Caspar von Silinen, der ihnen Seidenstoffe brachte, um sich daraus Hofkleider machen zu lassen. Am Samstag abend, 20. November, langten die Eidgenossen in Rom an, unter Glockengeläute und Kanonendonner und Volksjubel. Von der hohen Schanze herab segnete der Papst die durch die porta Angelica Einreitenden; der Governatore Roms, der junge Markgraf von Mantua, der Zeremonienmeister Paris de Grassis hielten Empfangsreden, und Allen hatte „der Doctor von Basel“ Grieb in Latein zu antworten.

Der folgende Mittwoch, 24. November, war der Tag, an dem die Gesandten in öffentlichem Consistorium empfangen wurden. Vor Papst Julius und einer mächtigen Corona von Cardinälen Prälaten Gesandten Höflingen hielt Grieb die Rede, in der er dem Papste die Huldigung der Eidgenossenschaft, ihren Dank und ihr Obedienzgelöbnis darbrachte.

Wir übergehen die folgenden Szenen voll Hoheit und Pracht: das „köstliche Frohnampt“ in S. Maria del popolo mit einer Predigt des [28] großen Augustinergenerals Fra Egidio von Viterbo und feierlicher Verkündung des Bundes zwischen Papst und Kaiser; die geschlossene Audienz der Schweizer in der päpstlichen Camera; die Unterhandlungen mit dem in Rom anwesenden und zum Cardinal erhobenen Vertreter des Kaisers Matthäus Lang. Alles Einzelne der Geschäfte wurde eidgenössischerseits durch eine Kommission besorgt, der außer unserm Grieb der Berner Constans Keller und der St. Galler Christoph Winkler angehörten. Von allgemeiner Bedeutung aber und dauernd denkwürdig war überhaupt das Dasein dieser Gesandten inmitten des vatikanischen Hofes. An einer Wand der Camera konnten sie ihr schweizerisches Kriegsvolk in einem soeben durch Rafael vollendeten Gemälde monumental verherrlicht sehen.

Der geplagte Grieb hatte neben den eidgenössischen Geschäften auch für sein Basel zu sorgen. Er tat es mit Erfolg. So knauserig Papst Julius den schweizerischen Boten erscheinen mochte, zu Gunsten Basels bewilligte er die gebührenfreie Ausfertigung von Privilegien. Es waren jetzt, im Anschluß an die schon im September erteilten, die folgenden: 1. Bewilligung, daß sowohl Weltgeistliche als Ordensbrüder an der Universität Basel Physik und, auch wenn sie die Weihen haben, das kaiserliche Recht hören und studieren dürfen; 20. Dezember 1512. 2. Ermächtigung des Rates von Basel zur Wahl eines Priesters, der den in gerechtem Kriege Fallenden sowie den auf dem Schafotte Sterbenden die Beichte zu hören und die Absolution zu erteilen befugt sein solle; 20. Dezember 1512. 3. Kassation des Statutes des Basler Domkapitels von 1470, wonach ein Basler niemals Aufnahme im Domkapitel finden solle ; 20. Dezember 1512. 4. Ermächtigung des Basler Rates zur Prägung von Basler Münzen, die auch Namen und Wappen des Papstes tragen; 29. Dezember 1512. Von der zur gleichen Zeit und den Bemühungen Griebs entgegen betriebenen Aktion des Basler Domkapitels bei der Curie wird noch zu reden und dabei zu erwähnen sein, welche Wünsche des Rates vom Papste nicht erfüllt wurden. Außerdem aber benützten zahlreiche Gotteshäuser sowie einzelne Kleriker Basels den guten Moment dieser Gesandtschaft, um päpstliche Gnaden zu erlangen.

In diesem Dezember 1512, der die Schweizer am römischen Hof erscheinen sah, vollzog sich in Mailand eine andere Prachtszene: die Einsetzung des Massimiliano Sforza in das Herzogtum durch die Eidgenossen. Allen Zumutungen der Großmächte gegenüber hatte die Tagsatzung an Sforza festgehalten sowie an ihrer Befugnis, über Mailand zu verfügen. Schreiben der Basler Hauptleute aus dem Felde sowie die wiederholten [29] Instruktionen des Rates lassen uns diese Absicht schon in den Sommermonaten erkennen. Basel will die Truppen nicht heimziehen lassen, ehe der junge Herzog eingesetzt ist. „Gott wolle verhüten, daß der Ruhm, den gemeine Eidgenossenschaft in diesem Heerzug erobert hat, einer andern Nation, die den Fürsten einsetzt, durch unsern Abzug zufalle.“

Es blieb bei Sforza, und mit ihm schlossen die Eidgenossen Ende Septembers 1512 den Vertrag, der ihnen die frühere Zollfreiheit wieder gewährte und das Protektorat über das Herzogtum Mailand gab, samt dem Recht auf Kriegsentschädigung und jährliche Pensionen. Dann folgte die Inthronisation, nicht durch den Kaiser, nicht durch Spanien, sondern durch die Schweizer. Der 29. Dezember war jener einzigartige Tag, da am Tore von Mailand die Vertreter der eidgenössischen Orte den Herzog empfingen, die Schlüssel der Stadt ihm einhändigten und die Gewalt über das Herzogtum ihm verliehen. Im Namen Basels handelten hiebei Jacob Meyer zum Hasen und Heinrich Meltinger.

Es war um diese Jahreswende ein Moment der höchsten Höhe, des stolzesten Machtgefühls für die Eidgenossen. Nach Kurzem schon hatten sie die Konsequenzen zu ziehen.

Der Abfall Venedigs von der Liga und der Tod des Papstes Julius (21. Februar 1513) änderten die politische Lage; Frankreich war des festen Willens, Mailand wieder zu gewinnen. Seine mächtigen Rüstungen führten dazu, daß die Eidgenossen, als die einzigen Beschirmer Mailands, sich zu dessen Schutz erhoben. Ihr hiefür unternommener Heerzug, in seiner Konzentration auf eine einzige gewaltige Feldschlacht eine Tat von überwältigender Schönheit, überstrahlte noch den Glanz des Pavier Zuges.

Am 18. April 1513 beschloß die Tagsatzung, dem Mailänder Herzog zu Hilfe viertausend Mann zu schicken; Basel sollte daran zweihundert geben. Am 4. Mai zogen diese hier aus, unter Ratsherrn Hans Stolz als Hauptmann. Tags darauf waren sie in Solothurn und erhielten da beim Weitermarsche am 6. Mai, dem Tage Sanct Johanns vor der lateinischen Pforte, „sant Johans segen ab dem Heiligtum St. Ursen und Victors zu trinken“. Über Bern Freiburg Lausanne, dann auf „langsamem hertem weg“ durch das Wallis und über den Simplon ziehend kamen sie nach Arona und fanden hier die Mahnung der andern Orte, ihnen eilends nachzuziehen. In angestrengtem Nachtmarsche kamen sie nach Novara, wohin sich der Herzog Massimiliano zurückgezogen hatte.

Von hier aus meldeten ihre Führer am 22. Mai dem Rate, daß sie willens seien, im Namen Gottes morgen an den Feind zu gehen, ihn zu [30] verjagen und auf Niemanden mehr zu warten, „damit sich der Gallus nit witer stercky“.

Inzwischen war zu Hause ein zweites Aufgebot, achttausend Mann stark, beschlossen: dabei wurde Basel die Stellung von vierhundert Mann auferlegt. Geführt durch Heinrich Meltinger rückten sie aus. „Si zugent streng für sich, denn es tett nott.“ Durch Aarburg und Luzern, den See hinauf, über den Gotthard eilten die Basler. Am 27. Mai hatten sie den Rhein verlassen, am 5. Juni traf dieses zweite Heer in Novara ein. „Durch ein brausendes Gelage“ wurde seine Ankunft gefeiert, für den folgenden Tag der Angriff auf den vor der Stadt lagernden Feind beschlossen.

An diesem 6. Juni 1513 geschah die „große Schlacht zu Naweren“. Wir haben hier ihrem Verlaufe nicht zu folgen, nur den Anteil der Basler zu bezeichnen.


Diese, im Ganzen etwa sechshundert Mann zählend, zerfielen schon zu Beginn der Schlacht in mehrere Gruppen. Meltinger und Falkner fochten in dem das feindliche Lager stürmenden Haupthaufen, bei dem auch der Herzog, der Solothurner Niklaus Konrad, Arnold Winkelried waren; der andere Basler Hauptmann, Stolz, stand im hintern Haufen. Anschaulich treten einige Bilder aus dem Gewühle vor: ein Trupp Basler hat sich im Sumpfe verlaufen, kämpft für sich allein und gelangt erst, da die Schlacht gewonnen ist, wieder zum Fähnlein der Stadt. Barthli Radeck der Messerschmied liegt am kalten Weh krank im Schlosse Novara; aber wie er morgens früh das Schießen hört, springt er auf und eilt mit andern die Gassen hinab, hinaus in die Schlacht. Martin Springinklee stürmt die feindliche Artilleriestellung. Jörg Trübelman erobert aus dem dichtesten Franzosenhaufen heraus ein Fähnlein. Fünfundsiebenzig Basler blieben bei den Toten liegen.


Um die Mittagsstunde fand das furchtbare Ringen ein Ende. Von den über vierzehntausend Feinden lag die Hälfte tot oder schwer wund, die andern flohen. Es war einer der glorreichsten Tage der Schweizergeschichte, dieser Kampf ihre letzte siegreiche Feldschlacht großer Art.


Der Heerzug, der zu solchem Siege geführt hatte, war mitten im Hader zustande gekommen. Es war der „zwiträchtig kib“, von dem der Chronist redet; der Streit der Kaiserlichen und Päpstlichen mit den Franzosenfreunden, aber auch der Haß des Söldners auf den Pensioner und des Knechts, der in Todesgefahr die Schlacht schlägt, auf den Herrn, der [31] die Schlacht befiehlt und das Jahrgeld eines fremden Herrn genießt. Diese Stürme tobten auch jetzt nach dem Siege. Überall war Mißtrauen. Man verdächtigte und hetzte. In Bern Luzern Solothurn zog die Bauernschaft gegen die Hauptstädte und zwang die Regenten, wider einige besonders Angeschuldigte einzuschreiten.

Deutlich sehen wir auch mit dem Wachsen des Kriegstreibens, mit der immer stärkeren Gelegenheit zu Gewalttat Beute und Ruhm die Wildheit allgemeiner, das Gleichmaß bürgerlichen Tagewerks unerträglicher werden.

Die in allen Richtungen aufgeregte Kraft drängte zu neuen Kämpfen.

Am Tage der Novaraschlacht selbst, 6. Juni 1513, hatte die Tagsatzung von einem Zug ins Burgund geredet. Der errungene Sieg ließ diesen Plan zunächst ruhen. Aber er wurde schon bald wieder aufgegriffen. Auch Basel fand, daß genug Mannschaft jenseits der Berge gezogen sei, und empfahl, nun den Feind an anderer Stelle zu suchen, „auf des Königs Erdreich selbst“. Kaiser Max trieb dazu und versprach Hilfe. Den stärksten Antrieb gab die Siegerstimmung dieses Novarasommers. Nie war das „weltselige Glück“ der Eidgenossenschaft stärker gewesen; im Bewußtsein ihrer Kraft traute sie sich zu. Alles zu vollbringen. Hiezu kam nun noch und wirkte vorab auf die Menge, daß es ein Zug sein sollte, bei dem kein Soldgeld dahinten bleiben konnte. Kein Zug infolge von Bündnis und Pensionenvertrag. Kein Zug zum Vorteil eines fremden Fürsten. In höherem Sinne als Pavier Zug und Novarazug ein frei und selbständig unternommener Zug.

Acht Wochen nach der Novaraschlacht, am 1. August 1513, wurde durch die Tagsatzung dieser Krieg gegen Frankreich beschlossen.

Das Gefühl des Großen und Neuen füllt alle Vorbereitungen. Schon der Umfang des Aufgebotes, sechzehntausend Mann, ging über das Bisherige hinaus. Zu diesen Aufgebotenen kamen neuntausend Freiwillige. Der allgemeine Wille zu diesem Zuge muß übermächtig gewesen sein; wie zu einem Feste drängte sich das junge Volk in die Heerhaufen.

All dies brausende Leben ergoß sich durch Basel; so strahlend und groß wie nie zuvor sah unsere Stadt die Kriegsmacht des Bundes. Dabei mochte sich der Eine oder Andre noch an die Weihnachtszeit von 1476 erinnern, da die Schweizer hier wider Karl von Burgund waren gesammelt worden. Aber damals waren es die durch Lothringen geworbenen Söldner gewesen; heute kam in diesen kriegerischen Scharen die Eidgenossenschaft selbst.

Zuerst wurde der große Wagen- und Geschützpark des Kaisers hier zusammengestellt; er rollte am 19. August hinweg nach Westen. Tags [32] darauf marschierte das Kontingent Basels ab: siebenhundert Mann. Hauptmann war derselbe Lienhard Grieb, der vor einem halben Jahr in Mailand und Rom Unterhändler und gelehrter Wortführer von Gesandtschaften gewesen war. Und dann strömte es vier Tage lang unaufhörlich durchs Äschentor herein, Zug nach Zug, daß die engen Gassen hallten. Geschlossene Gewalthaufen der Orte, Freischaren, kleine Gruppen der Mannen einzelner Ämter und Flecken. „Der recht kern von eerenlüten und fast wol gerüst und hübsch lüt.“ Über zwanzigtausend zogen so in Basel ein. Ihr Empfang, ihre Bewirtung und Einquartierung schuf den Basler Behörden viel Arbeit. Aber in welcher Fülle Schönheit und Kraft stand hier das helvetische Land den Baslern vor Augen! Eine Anschauung dieser gewaltigen Tatsächlichkeit geben schon die langen Ehrenweinlisten des Rates, noch sinnlicher die Aufzählung all der Banner und Fähnlein durch den Chronisten. Manches dieser rauschenden Seidentücher trug das erst vor kurzem durch Papst Julius ihm verliehene Schmuckstück.

Wie die Scharen gekommen, so zogen sie wieder fort, durchs Spalentor hinaus und gegen den Feind. Nur die Solothurner Berner Freiburger marschierten nicht über Basel, sondern durch das St. Immertal.

Am 6. September waren die letzten Scharen vor den Mauern Dijons eingetroffen. Die Stellungen für die Geschütze wurden hergerichtet, am 9. September konnte die Beschießung beginnen.

Schon vorher hatte der Kommandant des Platzes, La Tremoille, Verhandlungen angeknüpft; er empfand seine Schwäche diesen Eidgenossen gegenüber, die er vor kurzem bei Novara kennen gelernt hatte. Aber die Führer des Belagerungsheeres waren sich ihrer Macht nicht weniger bewußt, und dem entsprachen die Vertragsartikel, die in der Nacht vom 7. zum 8. September durch eidgenössische Ausschüsse, darunter Grieb, aufgesetzt und dem Gouverneur mitgeteilt wurden. Während die Beschießung geschah, wurde verhandelt; schon am 13. September konnte der Friede geschlossen werden. Er brachte den Eidgenossen, was sie wünschen konnten: den Verzicht Frankreichs auf Mailand und Asti; das Versprechen Frankreichs, ohne den Willen der Orte keine Knechte in der Schweiz zu werben; die Verpflichtung Frankreichs, eine Kriegsentschädigung von vierhunderttausend Kronen zu leisten. Sämtliches als Zusagen La Tremoilles, unter Vorbehalt der Ratifizierung durch den König Ludwig.

Damit hatte dieser Burgunder Zug schnell ein befriedigendes Ende gefunden; die Belagerung Dijons wurde aufgehoben, der Heimmarsch angetreten.

[33] Aber schon bald wurde bekannt, daß der König den Vertrag nicht anerkenne. Er hielt Mailand fest; die Geldmenge, die man gewonnen zu haben glaubte, kam nicht in das Land. Der nun ausbrechende allgemeine Unwille hat den Dijoner Zug um ein gerechtes Urteil gebracht. Sofort ertönten Reden, daß die eidgenössischen Hauptleute vor Dijon sich hätten bestechen lassen.

Es war aufs neue wie vordem. Eine furchtbare Erregung, eine schwere Gefährdung eidgenössischen Lebens. „Die Gemeinen rotteten sich zusammen wider die Obern.“ Ueberall stand das Volk auf; Freischaren bildeten sich, die ins Burgundische ziehen wollten. Man verlangte einen Rachekrieg gegen Frankreich.

Basel konnte wieder einmal seine exponierte Lage empfinden. Die nach Westen Drängenden suchten hier einen Durchpaß; im Sundgau wogte es von Kriegsvolk; Führer des Aufruhrs so gut wie französische Agitatoren fanden sich in Basel zusammen.

Die Stadt selbst stimmte einem nochmaligen Heerzuge zu. Sie erklärte, zu allen Beschlüssen stehen zu wollen, durch die den Franzosen Widerstand getan und das Herzogtum Mailand geschirmt werde. Als der Sforza im Mai 1614 von der Tagsatzung tausend Mann Hilfstruppen begehrte, riet Basel, zweitausend zu schicken. U. dgl. m. Durch Plakate warnte der Rat vor dem Betreten französischen Bodens und vor jedem Handel mit Frankreich.

Es war die Politik der großen Mehrheit der Tagsatzung: Festhalten an Mailand und Feindschaft mit Frankreich. Mit dem neuen Papste Leo X. hatte sich die Eidgenossenschaft am 9. Dezember 1514 verbündet, am 7. Februar 1515 schloß sie einen Bund mit dem Kaiser und mit Spanien. Die Versuche des neuen französischen Königs Franz I., sie zu Frieden und Freundschaft zu bereden, lehnte sie ab mit dem Begehren, daß er zunächst den Vertrag von Dijon zu anerkennen habe. Der Krieg war unvermeidlich.

Am 25. April 1615 erließ die Tagsatzung ein Aufgebot von viertausend Mann. Am 14. Mai folgte diesem ein zweites Aufgebot von vierzehntausend Mann; am 20. August, nachdem König Franz über das Gebirge in Italien eingedrungen war, ein drittes von siebentausend Mann. Dieses große eidgenössische Heer lagerte erst am Südfuße der Alpen in Piemont, seit der Mitte des Augusts in der Gegend zwischen den Seen und Mailand.

Die Eidgenossen waren ohne Unterstützung ihrer Alliierten. Dazu kam Ungenügen ihrer eigenen Rüstung und Vorbereitung, Uneinigkeit über den Operationsplan, Mißtrauen des gemeinen Mannes gegen einzelne Führer. [34] Für das merkwürdige Staatswesen dieser Eidgenossenschaft, das, ohne Geschlossenheit seiner Macht und ohne dauernde Einheitlichkeit des Zieles, fast wie unbewußt vor die größten politischen und militärischen Aufgaben geführt worden, war jetzt die Stunde des Verhängnisses gekommen.

Am 9. Mai zog aus Basel das erste Aufgebot ins Feld, zweihundert Mann unter Henman Offenburg; am 17. Mai trafen sie zugleich mit den Unterwaldnern in Novara ein. Infolge der zweiten Aushebung rückten am 25. Juni sechshundert Basler unter Hans Trutman aus. Endlich, bei steigender Not und Erregung, am 20. August das von Heinrich Meltinger befehligte dritte Korps von achthundert Mann. Sie marschierten nach dem Geheiße der Tagsatzung „beförderlichst“, über Luzern, den Gotthard usw. Unterwegs in Altdorf vernahmen sie durch Eilboten aus Schwyz, „daß die Unsern in Mailand ein unerlichen Abzug tun wellent“, was aber die Schwyzer nicht irre. Diese wollten „des nechsten uf Mailand ziehen“. Eilends drängten die Basler vorwärts.

Auch für unsere Stadt war es ein gewaltig ergreifender Moment. Als Äußerung der aus Stolz und Bangen gemischten Empfindungen, mit denen sie ihre Leute aushebt rüstet und marschieren läßt, kann der Ratsbeschluß vom 31. Mai 1515 gelten. Neben die schon lange bestehenden ehrwürdigen Feiern der Erinnerung an Sempach Héricourt Murten tritt jetzt eine neue Bezeugung offizieller Trauer und Ehrung. Da „nehmen die Räte die löbliche siegliche Schlacht von Novara zu Herzen“ und stiften bei den Augustinern eine jährlich am Pfingstdienstage zu begehende ewige Jahrzeit „zu Heil und Trost der Seelen aller Derjenigen, die in diesen letzten Kriegen von der Stadt wegen umgekommen sind und ihr Blut von unsertwegen vergossen haben und, wovor Gott sei, in künftigen Zeiten dergestalt umkommen werden“.

Dann das Warten auf die Entscheidung drüben, jenseits der Berge. Mit aller Deutlichkeit zeigen die von den Basler Hauptleuten beim Rat einlaufenden Schreiben die furchtbare Bedrängnis eidgenössischer Dinge.

Schon der Rückzug des Heeres aus dem Piemont vor den über die Berge hereinbrechenden Franzosen lähmte den Geist und lockerte die Disziplin. Die Eidgenossen gingen auseinander. Die Einen lagerten bei Monza, die andern beim Langensee. Und hier kam nun, die schon früher durch Frankreich begonnenen Verhandlungen schließend, am 9. September der Vertrag von Gallerate zustande, der das Herzogtum Mailand an Frankreich gab, den Eidgenossen aber die Zahlung der vor Dijon bedungenen Summe und erhebliche Kriegsentschädigungen Kriegshilfe jährliche Pensionen usw. zusicherte.

[35] Aber nur ein Teil der eidgenössischen Truppen beugte sich dieser Abrede. Während die Kontingente von Bern Freiburg Solothurn Biel sie annahmen und stracks nach Hause umkehrten, hielten die bei Monza gelagerten am Kriege fest. Auch Basel. Seine Führer und Truppen „willigten ganz nit“ in den Frieden. Sie wichen nicht mit den westlichen Orten. Sie wollten das vordem Gewonnene und „die Ehren unsres erlangten Lobes“ nicht preisgeben. Basel hielt wiederum zu den Orten des Gotthardpasses. Mit diesen und den östlichen Kantonen zusammen zog es am 10. September in Mailand ein.

Mit ihnen kämpfte es am 13. und 14. September bei Marignano die Riesenschlacht.

Eine erste, in Hast und Not hingeworfene Meldung der erlittenen schweren Verluste sandten die Basler Hauptleute sogleich nach der Schlacht; dann am 17. September von Lugano eine ausführliche Schilderung des Verlaufes, mit dem Sieg am ersten, der Niederlage am andern Tage. „Wir hand vil wunde.“ Dieser Verwundeten wegen konnten sie nur langsam heimwärts ziehen. Am 23. September waren sie in Sursee, im Laufe dieser Woche dann in Basel.

Wie sehr der Tag von Marignano als Katastrophe empfunden wurde, zeigt die sonst nicht übliche Aufzählung der Gefallenen in Akten und Chroniken.

Auf die Zeitgenossen wirkte das Ereignis ungeheuer. Die Eidgenossen hatten ihre Kriegstüchtigkeit gerade in den letzten Jahren auf so überwältigende Weise bewährt, daß jetzt ihre Niederlage Vielen erschien wie der Sturz eines Gewaltigen, der die ganze Welt geängstigt. Stolzeren Beginn des Regimentes als Franz I. hatte kaum je ein König gehabt. Er selbst pries sich in Inschriften als den ersten Bändiger der Schweizer. Der eine Sieg gab ihm Oberitalien und den Frieden mit dem Papste.


Marignano schließt die Zeit der großen Heerzüge, und wir haben Muße, das innere Leben Basels selbst uns anzusehen, zu hören wie hier das Volk sich einstellt, wie der Eingeborene, der Gast, der Neubürger Farbe bekennen. Auch das Parteiwesen ist durch die gewaltigen Erlebnisse in die Schule genommen, ist entwickelt und gesteigert worden. Von den Beratungssälen, den Heerstraßen Schlachtfeldern und fernen sonnedurchglühten Städten, wo Basels Handeln doch immer nur Teil eines viel allgemeineren Handelns ist, haben wir zurückzugreifen auf dieses Leben hier, das ganz auf eigenen Füßen steht. In ihm haben die Ereignisse ihre Vorbereitung, ihr Geleite und ihre Wirkung.

[36] Wir brauchen nur Weniges zu nennen. Der Kriegsgeist, der den Alten keine Ruhe läßt, ergreift auch die Kinder, sodaß sie sich Parteien und gegeneinander mit Fähnlein zum Straßenkampfe ziehen. Gengenbach aber in seinen Dramen vom Wälschen Fluß und vom Alten Eidgenoß, unter großartiger Reduzierung der Welthändel und Weltpotenzen in Formen der Alltäglichkeit, zeigt das frivole Spiel der Mächte; er stellt ihnen und ihrem Werben die Gestalt des alten biedern Eidgenossen gegenüber; er warnt vor dem falschen Schrei des gallischen Hahns. Als Dichter verkündet so Gengenbach dieselbe nationaldeutsche Gesinnung, zu der sich auf ihre Weise auch die Humanisten bekennen; für sie ist Basel ohne weiteres eine deutsche Stadt. Diese Gesinnung geht Hand in Hand mit dem offiziellen Verhalten. Daß daneben im Kreise von Handwerksgesellen Künstlern usw. Widerwille gegen Überrheiner laut wird, befremdet uns nicht. Es sind kleine Zänkereien des Moments, bei denen Lupolt Rumpolt ein „Saubayer“, Ambrosius Holbein und Andere „unmächtige Schwaben“ gescholten werden. Altes grenznachbarliches Übelwollen lebt, in das nun noch die wilden Geister, die der Krieg entfesselt, gefahren sind. Lokales Ruhmgefühl auch läßt den Gegensatz des Schweizerkriegers zum Landsknecht immer bewußter werden. Aber nirgends hiebei ist die Rede von anderer, von nationaler Parteiung. Der Basler, der auf den Schwaben schimpft, ist deswegen durchaus nicht ein Freund Frankreichs.

In dieses Gewoge von Stimmungen bringt Marignano ein jähes Erschrecken; es kann auch zu Gedanken neuer politischer Orientierung führen. Es ist der Moment, in dem Frankreich mächtiger dasteht als alle andern und die von ihm gedemütigten Schweizer zu Freunden haben will. Zugleich tönen über den Rhein her Schadenfreude und Haß. Alte Schmähworte werden dort wieder geläufig; die Freiburger Studenten singen ein Spottlied auf die Toten von Marignano; Ähnliches geschieht in Straßburg, in Hagenau. Und wir übersehen nicht, wie Solches hier in Basel verletzt, wie Manchen dieses häßliche Gebahren von Deutschen an die Seite Frankreichs treibt. Tumultuatur patria, ruft Glarean. Auch in Basel wankt da und dort die Gesinnung. Noch zeigt Gengenbach, im Spiele vom Nollhart, offen seine Erbitterung gegen Frankreich; der Büchsenmeister Bernhard schilt den Hans Erhart Reinhart wegen seiner Parteinahme für König Franz einen Verräter und Bösewicht. An Umtrieben zu Gunsten Frankreichs beteiligt, im Zürcher Bächlihandel, ist auch „Junker Wolf von Basel, hat ein hübsch gelw har, und zween mit im“. Jerg Trübelman, der Held von Novara, streitet 1516 auf Seite der Franzosen usw. All das ist nur zufällig Vernehmbares. Aber [37] es zeigt, wie neben den Regenten eine öffentliche Meinung steht, wie sie sich äußert, wie sie sich wandelt.

In der Schweiz kam nach der ersten Consternation über Marignano zunächst eine Erhebung in trotziger Festigkeit. Zehn Tage nach der Schlacht verfügte die Tagsatzung ein zweites Aufgebot in der Macht von zweiundzwanzigtausend Mann. Basel stellte hiezu sechshundert, die Jacob Meyer zum Hasen führen sollte. Die auffallend stattliche Rekrutierung dieser Schar, mit bekannteren und älteren Bürgern als bei andern Zügen, beweist, daß die Stadt zu Allem entschlossen, aber auch daß sie bei den Reserven angelangt war.

Doch blieb es beim Aufgebote. Die Eidgenossenschaft erkannte noch beizeiten ihre Isoliertheit, die Treulosigkeit ihrer Verbündeten. Und wie jetzt die politische Sorge an die Stelle des Trotzes trat, so erhob sich nun auch, die durch den Trotz noch darniedergehalten worden war, die Reue. Schon früh, auf dem Heimwege, das Grausen des Schlachtfeldes noch in Aug und Ohr, hatten die Basler Hauptleute nach Hause geschrieben: „Wir achten aber das für ein straf von gott.“ In dieser Stimmung des Insichgehens beschäftigte sich die Tagsatzung mit den Unfugen ihrer Truppen in Gotteslästerung Schändung u. dgl. und mit dem alten Übel der Pensionen: die Basler Behörde erleichterte sich in einem scharfen Sittenmandate.

Aber das politische Leben konnte nicht stillestehen. Vor Allem das Verhältnis zu Frankreich bedurfte der Ordnung. Die westlichen Städte, an Marignano nicht beteiligt, setzten durch, daß ein Ausgleich gesucht wurde. Bei den Verhandlungen hierüber, die im Spätherbste 1515 in Genf geführt wurden, ließ sich Basel durch Lienhard Grieb und Hans Gallizian vertreten; seine Meinung war, mit dem Sieger einen Frieden zu schließen, keineswegs aber auch ein Bündnis. Gleich ihm waren Uri Schwyz Zürich und Schaffhausen gesinnt. So waren es fünf Orte, die sich nur zu einem Friedensvertrage herbeilassen wollten; die ihnen gegenüberstehenden acht Orte strebten nach einer Allianz.

Basel erklärte gelegentlich, daß es von dem „Spiel“ überhaupt nichts mehr wissen wolle. Aber solche Resignation war unhaltbar. Es mußte etwas geschehen. Das Traktandum Frankreich beschäftigte unabtreiblich die Geister, und es gab nur die beiden Möglichkeiten des Friedens oder der Allianz. So leidenschaftlich umstritten, daß über dieser Differenz zeitweilig die Eidgenossenschaft selbst in Stücke zu gehen drohte. Kaiserlich oder französisch, Ghibellin oder Guelf waren die Schlachtrufe, denen gegenüber die Partei [38] der Patrioten vor Allem Eidgenossen zu sein mahnte. Zuletzt siegten doch die Einsicht und der gute Wille; die acht Orte fügten sich und verzichteten auf das Bündnis.

Basel wollte durchaus als Gegner Frankreichs angesehen sein, war aber zum Abschluß eines Friedens geneigt. Ende Oktobers gab der Rat seinen Gesandten Gallizian und Trutman entsprechende Instruktion, und am 29. November 1516, in Freiburg, wurde dieser Friede zwischen Frankreich und der Eidgenossenschaft geschlossen. Er bestimmte das Ende aller Feindschaft, regelte die Freiheit gegenseitigen Verkehrs und anerkannte die Vorrechte der Schweizer Kaufleute; die enetbirgischen Herrschaften mit Ausnahme des Eschentals und Domos blieben den Eidgenossen; auch erhielten sie Kriegsentschädigungen für die Mailänder Züge und den Dijonzug sowie die Zusage jährlicher den Orten zu zahlender Pensionen.

Dieser als ewige Richtung bezeichnete Friede nahm alte Beziehungen wieder auf und befestigte sie, die vor sieben Jahren abgebrochen waren; er wurde die Grundlage aller spätem Verträge mit Frankreich, vor Allem der nach fünf Jahren ihm an die Seite tretenden Allianz und Militärkonvention. Die Eidgenossenschaft gab damit ihren Geschicken eine Wendung für immer.

Noch bestand zu Recht das Bündnis von 1614 mit dem Papste, auf Grund dessen im Sommer 1517 Leo X. schweizerisches Fußvolk für den Krieg um das Herzogtum Urbino warb; es wurde an der römischen Curie beachtet, daß hiebei Basel der einzige Kanton gewesen sei, der dem Papst eine unbeschränkte Werbung zu gestatten empfohlen habe. Im Jahre darauf, 1518, bewilligte die Tagsatzung dem Papst einen Zuzug von zehntausend Mann wider die Türken, wozu Basel dreihundert stellen sollte.

Den Gedanken einer Verbindung mit Kaiser Max, der neben dem französischen Geschäfte der Tagsatzung nahe gelegt wurde, lehnte Basel ab. Aber es war kaiserlich genug, um im Frühjahr 1516 den Kaiser Truppen für seinen Feldzug gegen Venedig und Mailand werben zu lassen. Gerne hatte es kurz vorher das Privileg zur Prägung goldener Münzen vom Kaiser angenommen; auch von Erteilung eines neuen Freiheitsbriefes an Basel war bei diesem Anlasse die Rede.

Am 12. Januar 1519 starb Kaiser Maximilian, und Basel bezeugte in offizieller Weise seine Trauer über den Weggang des alten Herrschers durch ein am 16. Februar im Münster gefeiertes Requiem. Hier im hohen Chore, vor dem mit schwarzen Behängen überdeckten Fronaltar, stand der [39] Ceremoniensarg; ein faltenreiches Goldtuch war über ihn gelegt, an ihm lehnten die Wappenschilde des Reiches und des Hauses Habsburg. Beim dumpfen Geläute der Papstglocke strömte der Klerus der Stadt ins Münster samt der Menge der Parochianen; der Rat war vollzählig anwesend. Alle trugen Trauerkleider, Bischof Christoph celebrierte die Totenmesse.

Ein Jahr begann, das die stärksten Erregungen brachte. Angekündigt durch unheimliche Vorzeichen — die Erscheinung eines Basilisken im Birsigbette, Erdbeben, Teurung — und begleitet durch die Schrecken eines gewaltigen Hochwassers, einer verheerenden Epidemie.

Vor Allem ist zu sagen, daß Basel in diesem Jahre seinem Verhältnisse zum Reich eine neue Wendung gab; den Anlaß hiezu erhielt es durch die Verhandlungen mit Rottweil.

Von den Belästigungen Basels durch auswärtige Gerichte ist schon die Rede gewesen. Es war ein Zustand, der auch den Bund von 1501 überdauerte, nur daß Basel jetzt solchen Versuchen gegenüber die Hilfe der Eidgenossen haben konnte. Auch war es entschlossen, keine Einmischung zu dulden. Es erließ daher im Jahre 1517 das bestimmte Verbot jeglicher Appellation an das Reichskammergericht, mit der nachträglichen Interpretation, daß der Wunsch der Befreiung von diesem Gericht ein Hauptgrund des Bundes von 1501 gewesen sei. Auch im Widerstande gegen die gelegentlich mit Vorladungen usw. eingreifenden Richter des kaiserlichen Landgerichtes zu Rottweil blieb der Rat fest, und als die Tagsatzung über einen Bund mit der Stadt Rottweil verhandelte, beauftragte der Rat seine Gesandten, die Rechte Basels zu wahren; er verlangte die Ausstellung eines diese Rechte sichernden Beibriefes. Trotz diesem deutlichen Begehren wurde der Bund am 6. April 1519 ohne einen solchen Beibrief abgeschlossen. Die Folge war, daß Basel die Anhängung seines Siegels an die Urkunde verweigerte und seinen Gesandten befahl, sobald es sich um die Beschwörung des Bundes handle, aufzusitzen und nach Hause zu reiten.

Es war eine Verwahrung, die an sich nicht viel besagte. Aber der Rat ging noch weiter.

Da die Rottweiler Richter das einst vielberufene, 1488 in Antwerpen durch Kaiser Friedrich den Baslern erteilte Privileg, zu dessen Schirmern sie bestellt waren, nicht handhabten, sahen auch die Basler sich nicht mehr veranlaßt, dieses Privileg gelten zu lassen. Um so weniger, da sie seiner Gewährungen gar nicht mehr bedurften und auch tatsächlich, kaiserlichen Ladungen und Aufgeboten gegenüber, sich gar nicht mehr als Reichsstädter [40] fühlten und betrugen. Basel war wieder und wollte nun auch formell wieder sein, was es vor Antwerpen gewesen war: eine Freistadt. Wenige Jahre nach dem Rottweiler Bunde sprach es dies deutlich aus, die ihm zukommenden Aufforderungen zum Reichsdienste mit der Behauptung freistädtischen Wesens zurückweisend. Und auch hier wieder tritt neben die Worte der Akten das bildliche Zeugnis: noch im Jahre des Todes von Maximilian und des Rottweiler Bundes, 1519, ließ der Rat für den neuen Prunksaal im Rathaus eine Standesscheibe anfertigen, stolz und entschlossen ohne den Reichsschild, unter den vor dreißig Jahren das Antwerpner Privileg die Baselschilde gebeugt hatte.

Kaiser Maximilian war gestorben über den Vorbereitungen für die Wahl seines Enkels Karl von Spanien zum römischen König. Aber sofort nach seinem Tode begann der heftigste Kampf um diese Nachfolge. Neben Karl strebte der französische König Franz nach der Krone. Es war eine Rivalität, in der auch die Eidgenossenschaft Partei zu nehmen hatte. Sie erklärte sich mit Entschiedenheit gegen den wälschen Prätendenten, doch ohne sich für Karl auszusprechen; dieses Traktandum verband sich auch mit der Angelegenheit des Herzogs Ulrich von Württemberg und seines Kampfes wider den Schwäbischen Bund.

Wir sehen die Tagsatzung mit den Gesandten Zevenberghen Solier Pace verhandeln und folgen auch den Beratungen der einzelnen Orte. Basel will nur einen deutschen Fürsten als Haupt des Reiches; aber wenn König Franz zu den Waffen greifen sollte, so wird es auch dem Spanier die Truppenwerbung gestatten.

Es ist wiederum ein Schauspiel voll Leben, wie die allgemeinen Weltdinge in Basel ihren Spiegel finden in Literatur und heftigen Parteiungen. Einer ist wider den andern. Die Bauern überm Rhein aber spotten, daß der Stier von Uri in Mailand umgekommen und die Kuh seither eine Witwe gewesen sei, bis man ihr einen andern Mann, den Franzosen, gefunden habe, und daß sie nun in Basel die Hochzeit halten wolle. Auch innerhalb des Rates bilden sich die Gruppen.

All das Auf und Nieder, Für und Wider ist umgeben durch die farbenreiche und immer neue Bewegung, die zum Reize dieses internationalen Sammelpunktes gehört, und durch eine Fülle politischer Probleme und Arbeiten: die eidgenössischen Geschäfte, den Kampf mit dem Bischof, die territorialen Unternehmungen, die Besuche hoher Herren und Diplomaten. Zur selben Zeit, da der Sekretär des verstorbenen Kaisers Max mit dem [41] Rate konferiert, reist hier durch der Erzbischof von Reggio, Roberto Latino Orsini, als Botschafter Leos X., reich versehen mit Gold und Breven, um bei den Kurfürsten gegen Karl und für König Franz zu agitieren. Kaum ist er weg, so kommt in höchster Eile und mit wichtigen Briefen ein Kurier aus Rom an; er fährt sofort weiter, auf einem Kahne den Rhein hinab, um noch in Straßburg den Orsini einzuholen. Dann kann Graf Herman von Neuenahr, der nach Rom durchreist, den Basler Freunden erzählen, daß nicht weniger als drei Gesandte der Curie in Mainz gegen die Wahl Karls arbeiten, und Rhenan gibt diese Nachrichten nach Zürich an Schiner weiter. Mit den Meldungen von dem alle Welt in Spannung haltenden Wahlgeschäfte kommen aber auch sorgliche Nachrichten nach Basel. Es heißt, daß der französische König in Deutschland einfallen und mit den Waffen sich die Krone holen wolle, worauf Basel mit Aushebung und Rüstung eines Hilfskorps für Karl beginnt. Der Rat erfährt auch, daß Franz von Sickingen — vor wenigen Jahren durch einen großen Güterraub den Basler Kaufleuten bekannt geworden — jetzt ein Heer sammle und gegen Mülhausen und Basel ziehe, um diese Städte von der Eidgenossenschaft ab und wieder zum Reiche zu drängen. Aus Paris kommen Warnungen deswegen; Schwyz und Luzern versprechen Basel ihre Hilfe. Aber da und dort in der Schweiz geht auch die Rede, Basel selbst habe Schritte getan des Willens, von der Eidgenossenschaft ab und wieder zum Reiche zu kommen.

Endlich am 28. Juni 1519 wird Karl gewählt. Das ist die „römisch und hispanisch königliche Majestät“, mit der von nun an Basel zu verkehren haben wird.



[42] 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000

Zweites Kapitel
Territorium




Die klassische Zeit Basels, die uns beschäftigt, zeigt die Anspannung der Kräfte auf beinah allen Gebieten. Sie leitet große Gedanken auch auf territoriale Unternehmungen.

In die paar Jahre des ausgehenden zweiten Dezenniums sind sie fast alle zusammengedrängt, in die Jahre, in denen Jacob Meyer zum Hasen und seine Genossen als Ratsgewaltige die Stadt führen. Bezeichnenderweise aber auch die Jahre nach 1515, nach dem Zusammenbruche der großen eidgenössischen Politik. Basel, noch mehr als sonst auf sich selbst angewiesen, wendet sein entwickeltes Herrschaftsgefühl auf die Sorge für das Territorium. Starke Intentionen sind dabei am Werke. Aber es fehlt volle Freiheit des Handelns, von allen Seiten kommen Hemmungen.

Die Bedeutung jeder territorialen Erweiterung für die Finanzen der Republik und namentlich für ihre Wehrkraft lag auf der Hand. Dazu kamen die wirtschaftlichen Werte, die jedem Gebiet eigen waren, sowie das Interesse einer möglichst ungebrochenen Verfügung über Verkehrsbahnen. Dies Alles erschien dann noch zusammengefaßt in den allgemeinen Forderungen der geographischen Konfiguration sowie der Beziehung zur Lage der Stadt und ihres schon vorhandenen Gebietes.

Außerdem aber kommt in Betracht, was diese Periode überhaupt für die Ausbildung des Herrschens bedeutete. Derselbe Geist, der in strafferer Gestaltung der öffentlichen Gewalt und festerer Ordnung der Administration tätig war, trieb auch zur Erweiterung des Staatsgebietes, zu Ausbau der Landeshoheit und Beseitigung bisheriger Autonomien.

Ein chronologisches Aufreihen zeigt uns die zeitliche Stellung und Umgrenzung dieser Tätigkeit:

1500 Wildenstein, 1500/03 Röteln, 1505 Schauenburg, 1510 Landgrafschaft im Sisgau, 1512 Neuchâtel, 1512 Enetbirgische Ämter, 1513/22 [43] Bettingen, 1515 Münchenstein, 1515/26 Pratteln, 1515 Strübinsche Rechte in Ziefen usw., 1516 Ötlingen, 1516 Michelfelden, 1516/21 Hüningen, 1517 Frenkendorf, 1518 Bottmingen, 1518 Sierenz, 1518/21 Röteln, 1518/23 Ramstein, 1518/24 Landser, 1518/25 Lisle, 1519/22 Pfäffingen, 1519/26 Benken, 1520/21 Biedertal und Liebenzweiler, 1520 Hertensteinische Gefälle in Diegten usw., 1521 Eptingische Waldung in Muttenz, 1522 Riehen, 1522 Klybeck.

Die Darstellung wird sich dagegen an die Komplexe halten müssen (eidgenössische Herrschaften, rechtsrheinisches Gebiet, Sisgau, Birstal, Sundgau, Burgund), denen diese territoriale Politik gilt.


Die eidgenössischen Herrschaften.

Bei der Erwerbung der eidgenössischen Herrschaften handelte Basel im Gesamten des eidgenössischen Lebens. Als Eigenart dieser Herrschaften erweist sich überdies, daß sie zum größern Teil Eroberungen waren, daß sie keinen Zusammenhang mit dem baslerischen Stammlande hatten, daß Basel sie gemeinsam mit andern Orten besaß.

Im Juli 1512, während das eidgenössische Heer die Franzosen aus Oberitalien trieb, nahmen die vier Orte Bern Solothurn Freiburg Luzern die Grafschaft Neuenburg am See ein. Sie stand dem Prinzen Ludwig von Longueville zu, der sie durch seine Verheiratung mit Johanna von Hachberg erworben hatte, und war den Städten Bern und Solothurn „mit Burgrecht verwandt“. Die Einnahme geschah, „weil die Grafschaft an der Grenze der wälschen Lande gelegen sei, und um zu verhindern, daß daselbst fremdes, der Eidgenossenschaft feindliches Volk einsitze“. Den vier genannten Orten gegenüber verlangten die übrigen Orte Teilnahme am Besitz; auch Basel trat hiefür ein, indem es geltend machte, die vier Orte hätten die Grafschaft „in dieser Feindschaft eingenommen, in welcher wir Alle sind und für welche wir Alle arbeiten und leiden“. Im Jahre 1514 wurde demgemäß die Grafschaft zu Händen und Gewalt gemeiner Eidgenossen, mit Ausnahme Appenzells, gestellt.

Von diesem Jahre 1514 an datieren somit auch die Rechte Basels an Neuenburg. Jährlich sandte es jetzt seinen Vertreter (Hans Gallizian, Hans Oberriet usw.) zu der Sitzung daselbst, in der die Rechnungen der Beamten abgenommen wurden. Es hatte seinen Teil an den Einnahmen. Im Juli 1515, als zum Schutze gegen Frankreich Neuenburg und Yverdon mit eidgenössischen Truppen besetzt wurden, hatte auch Basel Mannschaft dort.

[44] Die enetbirgische Landschaft und Herrschaft hatte für Basel ihr bestimmtes, über die Forderungen des Verkehrslebens hinausgehendes politisches Interesse seit dem Bellenzer Zuge 1503, der Bellinzona in die Gewalt der Drei Länder gebracht hatte. Während des Pavier Zuges 1512 sodann waren Lugano Locarno Balerna Mendrisio Eschental und Domo d’Ossola für gemeine Eidgenossenschaft erobert worden.

Der Anteil Basels an dieser Herrschaft äußerte sich auf mancherlei Weise.

Zunächst kriegerisch bei der Belagerung des Schlosses Lugano, das im Sommer 1512, während das Land ringsum durch die Eidgenossen eingenommen wurde, von den Franzosen besetzt blieb; Basel hatte im Belagerungskorps erst vierzig Knechte stehen, dann fünfzig, unter der Führung des Lienhard Bienz, später des Michel Nägelin. Zu Beginn des Jahres 1513 übergaben die Franzosen das Schloß. Ob Basel auch bei der Belagerung des Schlosses Locarno mitmachte, ist nicht ersichtlich; das Schloß fiel gleichzeitig mit dem Schlosse Lugano. Von da an lagen dauernd eidgenössische Garnisonen in den beiden Schlössern.

Neben den Schlössern handelte es sich um die Gebiete. Wie bei Wälsch-Neuenburg nahm Basel auch hier an der Administration und Nutzung eines fernen Territoriums Teil. Es hatte seine Vertreter bei den Jahrrechnungskonferenzen; es zog seine jährlichen Einnahmen aus Zöllen Bußgeldern Steuern usw.

Domo erhielt im Jahre 1512 gleichfalls eine Besatzung, bei der Basler standen, bis es 1515 wieder an die Franzosen kam.


Das rechtsrheinische Gebiet.

Die Vereinigung Kleinbasels mit der großen Stadt 1392 war Expansion baselischer Macht auf das rechte Rheinufer gewesen. Jenseits der Kleinbasler Banngrenze lagen Territorien des Bischofs von Basel und des Markgrafen.

Von den vielen Berührungen und Kämpfen mit dieser Nachbarschaft ist schon die Rede gewesen, auch von der Abrede über umfassende Regelung aller Verhältnisse durch Basel und Markgraf Philipp 1488. Dieser Vertrag schuf Normen, die Dauer hatten. Die offiziellen Bezeugungen freundlicher Gesinnung beiderseits dominieren jetzt in den Akten; sie geben die Vorstellung eines Verkehres, bei dem die Lande gedeihen und es auch den Herren wohl ist. Die gute Aufnahme, die der Rötler Landvogt — Michel von Neuenfels, Rudolf von Blumenegg — stets in Basel findet, vergilt er gelegentlich durch Wildpretspenden zu den Mahlzeiten des Basler Rates.

[45] Am 16. Januar 1503 hatte Markgraf Philipp seinen letzten Vertrag mit Basel geschlossen, am 9. September desselben Jahres starb er. Für den Oberrhein war er zeitlebens ein fremder Herr gewesen, völlig im wälschen Wesen aufgehend; als Graf von Neuchâtel sowie durch seine Beziehungen zum französischen Hofe und seine Ämter eines Marschalls von Burgund und eines Gouverneurs der Provence ganz anders interessiert als durch seine Herrschaften Röteln Sausenberg Badenweiler und Schopfheim. Daher auch seine Verträge mit Basel ihn kaum berührten und wesentlich das Werk seiner unmittelbar beteiligten Beamten waren.

Der Tod Philipps gab nun Bahn für ein neues Leben der Lande. Zunächst aber für Verwirrung und Streit.

Wir erinnern an den Erbvertrag, den Philipp im Jahre 1490 mit seinem Vetter Markgraf Christoph von Baden-Pforzheim geschlossen hatte; diesem Vertrage zufolge sollten, falls Philipp ohne männliche Erben sterbe, die oberrheinischen Herrschaften an Christoph fallen.

Wie die beiden Markgrafen, diesen Erbvertrag und den möglichen Tod des Einen oder des Andern vor Augen, sich benehmen, wie Interessen des Reiches Österreichs Frankreichs hinein wirken, wie die Amtleute und Untertanen sich regen, ist ein merkwürdiges Schauspiel. Philipp scheint schließlich gewillt zu sein, den Erbvertrag überhaupt zu künden und die Breisgauer Herrschaften in wälsche Hand zu bringen. Natürlich gegen die Meinung dieser Herrschaften selbst.

Wie weit aber solche Verhältnisse führen und wie sehr die Zustände entarten konnten, zeigen die um die Jahreswende 1500/1501 in Basel stattfindenden Konferenzen zwischen dem Rötler Vogt und einigen Basler Ratsherren. Sie galten dem Abschluß eines Schutzbündnisses zwischen Basel und der Rötler Landschaft. Alles geschah in höchstem Geheimnis; Akten sind nicht vorhanden, nur einige kurze Notizen im Ratsbuche. Jedenfalls blieb die Sache dem Markgrafen Philipp verborgen, gegen dessen Absichten ja ein solches Bündnis sich richtete. Um so eher ist anzunehmen, daß Christoph darum wußte. Sowohl der Rötler Rudolf von Blumenegg als in Basel Peter Offenburg waren ihm ergeben, und ein Eintreten Basels gegen die Entfremdung der Herrschaften lag durchaus im Interesse Christophs.

Aber es kam nicht zum Abschlusse des Bundes. Sondern Philipp starb, und nun handelte es sich in Ausführung des Erbvertrages um den Übergang der Lande an den badischen Markgrafen. Diesem gegenüber machten Witwe und Tochter Philipps Rechte geltend, und da die Tochter [46] Johanna als Erbin von Neuchâtel mit Bern Luzern Freiburg Solothurn im Burgrechte stand, waren auch diese vier Orte interessiert.

Uns beschäftigt die Haltung Basels.

Auf der einen Seite hatte es die ihm durch Eidgenossenschaft verbundenen, mit der Erbin Philipps verburgrechteten Orte, die den Absichten Christophs entgegentraten. Überm Rheine sah es die Landschaften in den Besitz Christophs übergehen und ihm huldigen; es sah die Verhandlungen in den österreichischen Räten und am Kaiserhofe; überall aber auch die Furcht vor einem Einfalle der Eidgenossen in den Breisgau. Das Jahr 1499 war nirgends vergessen. Auch nicht in Basel selbst die damals geübte Politik. Der Rat erwog, wie viel die Rötler Lande für Basels Wirtschaft und Leben bedeuteten und daß in einem Kriege diese Vorteile untergehen würden, und er erwog auch die Macht Christophs und seines großen Anhanges. Wirksam überdies waren persönliche Gesinnungen Einzelner, namentlich des Bürgermeisters Offenburg, des Substituten Marquard Müller und anderer markgräfischer Vertrauensmänner im Rathause.

Während nun überall am Oberrheine von einem Heerzuge der Eidgenossen geredet wurde, und Markgraf Christoph sich zur Verteidigung rüstete, übte der Basler Rat seine diplomatische und mediatorische Kunst. Er erklärte, keinen Durchzug durch sein Gebiet dulden zu wollen; er arbeitete an der Tagsatzung, schickte Gesandte nach Solothurn, hatte Helfer in Bern usw. Die Gefahr eines Krieges verging in der Tat. An einer großen Versammlung in Basel zu Beginne Dezembers 1503 wurde nach ausführlichem Verhandeln aller Begehren und Meinungen kein Entscheid getroffen, sondern Verschiebung auf eine spätere Konferenz beschlossen. Eine solche aber fand nie statt; die eidgenössischen Orte zogen vor, sich der Sache ihrer fürstlichen Bürgerin nicht mehr anzunehmen, und diese selbst verhinderte durch ungeschickte Forderungen weiteres Verhandeln. Die streitigen Lande blieben im Besitze Christophs.

Die Frage drängt sich auf, ob Basel nicht im Jahre 1500 aus der Lage und Stimmung der von Philipp vernachlässigten Lande, im Jahre 1503 aus dem Streite Christophs mit Johanna einen Nutzen hätte ziehen können durch Erwerbung der Lande selbst oder doch eines Rechtes an ihnen. Aber seine Gedanken beschäftigten sich mehr mit der Möglichkeit der Schäden eines Krieges, als mit der Möglichkeit eigenen Handelns und Gewinnens; auch erschien der Absicht Österreichs gegenüber, die streitigen Lande zu Handen zu nehmen, das Interesse Christophs mit demjenigen Basels zusammenzugehen und eine Unterstützung Christophs daher geboten. [47] Sorgfalt und Bedächtigkeit bestimmten die Staatskunst der führenden Gruppe Offenburg-Rüsch-Kilchman.

Nach wenig mehr als einem Jahrzehnt werden wir eine kühnere Periode den Gedanken der Erwerbung Rötelns aufgreifen sehen.


Zuvor tat Basel noch einen Schritt auf dem rechten Ufer durch den Kauf der Herrschaft Bettingen.

Mit diesem Dörfchen war die Stadt schon einmal beschäftigt gewesen. Sie hatte 1385 das Kleinbasler Schultheißentum erworben und dann geltend gemacht, daß zu dem Amt auch die Bettinger Hoheitsrechte gehörten.

Inhaber dieser Rechte war der Edelknecht Arnold von Bärenfels; er trug sie zu Lehen vom Bistum Basel. Derselbe Arnold war aber auch, bis zum Übergange des Kleinbasler Schultheißentums an die mehrere Stadt, Pfandinhaber dieses Amtes gewesen. Von ihm begehrte nun der Rat die Abtretung der Bettinger Rechte, als ob er sie kraft Schultheißentums, nicht kraft bischöflicher Belehnung besessen hätte.

Dem Begehren folgte sofort das Nehmen. Der Rat zog das Dorf an sich; er ließ die Bettinger, im ganzen dreiundzwanzig Männer, huldigen; er ließ auch die Rechte schriftlich beurkunden, die im Bettinger Dinghofe galten. Daß dann 1391 Arnold von Bärenfels die Abtretung der Hoheitsrechte ausdrücklich versprach für den Fall des Nachweises ihrer Zugehörigkeit zum Kleinbasler Schultheißentum, war formelle Anerkennung des Tatbestandes.

Aber diese Beherrschung durch Basel nahm bald wieder ein Ende. Infolge der Wandelungen im Schoße des Rates. Arnold von Bärenfels war 1384 als Feind der Stadt auf zehn Jahre verbannt gewesen, und der Rat hatte sich damals seines Bettingen bemächtigen können; 1395 aber war er Bürgermeister und hatte die Macht, jene Gewalttat wieder aufzuheben. Die Pertinenz der Bettinger Rechte zum Kleinbasler Schultheißentum war gar nicht zu erweisen.

Von da an war Bettingen wieder wie vordem beherrscht durch die Bärenfelse als bischöfliche Lehnsmannen. Bis das Lehen aus ihrer Familie weiterging an die verwandte Familie der Truchsesse von Wolhusen; am 13. September 1472 nahm Bischof Johann die Bettinger Herrschaft von den Herren von Bärenfels auf deren Bitte zurück und lieh sie dem Arnold Truchseß, Sohn des Heinrich und der Judith gebornen von Bärenfels, einer Enkelin jenes Arnold von 1391. Von den Truchsessen ging dann Bettingen an Basel über.

[48] Am 2. März 1613 verkauften die Brüder Christoph und Hans Truchseß von Wolhusen an die Stadt Basel um achthundert Gulden das Dorf Bettingen samt allen Rechten und Zugehörden.

Mit diesem Übergang in städtische Gewalt beginnt für das Dorf die Zeit ruhiger Entwicklung und einheitlichen Rechtszustandes. Es beginnt auch die Zeit zusammenhängender Bezeugung.

Vielleicht ist schon unter dem Bodinchova einer St. Galler Urkunde von 751 unser Bettingen zu verstehen. Dann aber wird Alles stille. Jahrhundertelang, während der alte Hof des Betting zum Dorfe Bettingen wird, ist keine einzige Erwähnung dieses Bergdorfes zu vernehmen. Zwischen seinen großen eichenreichen Waldungen lebt es abseits von allem Geschehen der Basler Rheinebene. Sein Dasein ist nicht dem Wiesental und der Stadt Basel, sondern den oberhalb gelegenen Rheingebieten zugewendet. Schon die alten Kommunikationswege des Dorfes zeigen seine Orientierung gegen Grenzach und die Chrischonahöhe. In Grenzach und in Wyhlen haben die Bettinger seit Alters Grundbesitz; an die Grenzacher Kirche zehntet die Dorfflur; wie das Christentum zuerst von Augst her in dies Tal eingedrungen sein mag, so gilt in Bettingen noch zu Ende des vierzehnten Jahrhunderts das Rheinfelder Maß und ist zur gleichen Zeit die Rede von alter Zugehörigkeit zur Herrschaft des Steines Rheinfelden. Wann und auf welchen Wegen Bettingen von dieser Herrschaft an das Basler Bistum und die Bärenfelse gelangt ist, wissen wir nicht. Daß aber Basel in die Beherrschung eintrat, konnte als Notwendigkeit gelten, sobald Basels Machtgefühl nach Erweiterung des Feldes verlangte. Das war in den 1380er Jahren der Fall gewesen und war jetzt wieder der Fall in den 1510er Jahren.

Der Zahlung des Kaufpreises an die Truchsesse 1513 folgten sofort andre Ausgaben, aber auch neue Einnahmen. Jetzt erhielt der Bettinger Vogt sein schwarz und weißes Amtskleid. Auch die kriegerische Zeit griff in die Ruhe des Bergdorfes; im Musterrodel vom April 1513 stehen Michel Schumacher und Conrad Vischer als die ersten Bettinger, die diese Heerzüge mitmachten; sie kämpften bei Novara.

Da die Truchsesse das Dorf als Lehen vom Bischof besessen hatten, war der Consens dieses Herrn zum Verkauf an Basel erforderlich, aber Bischof Christoph verweigerte ihn. Da beschloß der Rat, sich ohne solchen Consens zu behelfen. Er habe das Dorf und die Mannschaft daselbst und die hohe Herrlichkeit als Eigentum erkauft und werde sie als solches bei Händen und Gewalt behalten und nach freiem Gefallen nützen. Erst im [49] Jahre 1522 brachte der Pfäffinger Vertrag den Consens des Lehnsherrn und die ausdrückliche Befreiung der Käufer von der Lehnspflicht.

Eine Einzelheit dieses Bettinger Territoriums war die Chrischonakapelle.

Sie ging mit dem Dorf an Basel über; die Käufer konnten daran denken, daß schon ihre Väter und Urväter auf diesem Berg angebetet hatten.

In die Zeit der Christianisierung des Landes weist dieses Heiligtum. Es war ein Dasein auf einsamer Höhe, älter als das alte Dorf am Fuße des Berges; Einsiedelei und Andachtsort in der Wildnis, durch den Kultus der Chrischona (Christiana) mit eigenem Leben begabt. Auf dem Wege der Wallfahrt zu diesem heiligen Orte, der auch den Reiz eines Aussichtsortes hatte, betreffen wir vornehme Konzilsherren, und ein halbes Jahrhundert später bringt ihm Kardinal Raimund durch Elevation der Chrischonagebeine neuen Ruhm. Zur gleichen Zeit, da Sebastian Brant in seinem Hymnus zu Ehren dieser Heiligen das anmutige Bild der mit Crocus Narden Hyacinthen und Lilien gezierten Himmelswiese gibt, auf der Chrischona mit ihren Gefährtinnen spielt.

Natürlich blieb es nicht bei Einsiedlerklause und Reliquienschrein. Eine Kapelle entstand, ein Altar wurde geweiht, eine Pfründe gestiftet mit Präsentationsrecht des Markgrafen, ein Kirchengut geschaffen. Diese Chrischonakapelle war Filiale der Kirche Grenzach; dem Dorfe Bettingen diente sie als Gemeindekirche, ihr Friedhof als Ort der Begräbnisse. Neben dem das Heiligtum behütenden „Bruder“ war ein Kaplan bepfründet, der den Dienst am Marienaltar versah und die Seelsorge übte.

Der Übergang Bettingens an Basel im Jahre 1513 bringt Änderungen auch in das Chrischonadasein. Der Rat will keine kirchenherrlichen Rechte des Markgrafen mehr da oben dulden. Was in den Opferstock fällt, nimmt er in seine Kasse; er wählt den Bruder; für Bau Glasgemälde Paramente macht er große Aufwendungen.

Über Jahre hin ziehen sich dann die Verhandlungen mit dem Markgrafen, der Rechte geltend macht; aber zur Ausübung solcher Rechte durch ihn kommt es nicht mehr.


Als territoriale Maßregel kann auch gelten, daß der Rat 1516 sich vom Kloster Klingental ein Vorkaufsrecht auf dem Schloß Ötlingen mit Zwing und Bann und allen Gerechtigkeiten einräumen ließ.


Dann aber fesseln uns Vorgänge, bei denen es sich um Erwerb der Herrschaft Röteln durch Basel handelte.

[50] Herr von Röteln war jetzt, seit der Teilung der badischen Lande unter die Söhne Christophs, der 1482 geborene, mit Elisabeth, Tochter des Markgrafen Friedrich von Brandenburg-Ansbach, vermählte Markgraf Ernst. Wohl seinem ersten Besuche bei den Basler Nachbarn galt das ungewöhnlich prunkvolle Bankett im Rathause, bei dem Basel den Fürsten bewirtete, im Februar 1517.

Im Jahre darauf begann für Basel die Beschäftigung mit derselben Herrschaft Röteln, die ihm schon einmal zu tun gegeben hatte. Röteln und Schopfheim waren Lehen des Markgrafen vom Haus Österreich. Aber in der durch Max am 13. August 1499 ausgesprochenen Bestätigung des badischen Erbvertrages wurden über jene beiden Stücke hinausgehend die gesamten rötelischen und badenweilerischen Lande als Lehen Österreichs bezeichnet, unter Mißachtung der Einsprachen des Markgrafen. Im Jahre 1514 führten diese Prätensionen zu Streitigkeiten der markgräfischen Regierung mit dem Ensisheimer Regimente; sie waren auch von Interesse für Basel, das im Herbste 1514 die Tagsatzung von der Sache informierte. Der Rat behielt Alles im Auge, was drüben vorging.

Da kam im Mai 1518 das aufregende Gerücht nach Basel, daß Österreich im Begriffe sei, die Markgrafschaft Röteln einigen „schlechten“ Edelleuten zu lösen zu geben, auf Grund des im Jahre 1499 gemachten Vorbehaltes der Lösbarkeit; die damals festgesetzte Lösungssumme betrage sechstausend Gulden. Es war die Zeit der wichtigen Entscheide über Liquidation der Tiersteiner Erbschaft; dieselbe erlesene Spezialkommission, der jene Pfäffinger Sache zugewiesen war, erhielt jetzt auch Vollmachten für Röteln. Sie sollte kein Geld sparen; was sie tun werde, wollte der Rat gut heißen. Alles geschah im engen Kreis, als Geheimsache. Auch Schiner wurde interessiert und versprach, seinen guten Unterhändler, den Kirchherrn Anselm Graf, deswegen an den kaiserlichen Hof zu schicken. Graf erhielt hiefür vom Rate die Instruktion, bei der Majestät dahin zu wirken, daß die Herrschaft statt an jene Edelleute an Basel gelange; die Stadt wolle über die sechstausend Gulden hinaus noch eine weitere Summe zahlen und dabei bis achttausend, ja bis zwölftausend gehen. Denn die Herrschaft sei Basel „fast wol und überaus wol gelegen“; auch haben Burger und Einwohner große Kapitalien auf ihr stehen.

Mittlerweile kamen dem Rate noch andre Kunden zu. Lienhard Billing traf in Niederbaden, wohin er zur Kur gereist war, den Rudolf Huseneck von Straßburg, ehemals Bürger Basels, „der da wol gehalten ist von den Edeln“. Dieser hatte durch den Landvogt von Hachberg allerhand [51] über die Sache vernommen, namentlich über die Haltung des Markgrafen; auch konnte er die Herren nennen, die sich um die Lösung bewerben: Ulrich von Habsberg, Simon von Pfirt und Hans von Schönau.

Außerdem griff nun aber auch noch die Johanna von Longueville ein. Jene uns schon bekannte Johanna, Erbtochter des letzten Rötler Markgrafen Philipp und Gräfin von Neuchâtel, seit 1504 Gemahlin des Grafen Ludwig von Longueville. Ihr war durch die Eidgenossen die Grafschaft Neuchâtel genommen worden, und sie belagerte seitdem die Tagsatzung mit dem Verlangen der Rückgabe. Jetzt, da es wieder um Röteln ging, machte sie sich an Basel heran. Sie wollte ihm in dieser Sache gefällig sein und ihre eignen Ansprüche auf Röteln um vierzigtausend Sonnenkronen an Basel abtreten, wenn diese Stadt ihr zur Wiedererlangung von Neuchâtel helfe. Die Verhandlungen geschahen in größtem Geheimnis; in Basel selbst war Johannas Vertreter der Abt Claudius von St. Alban; zur weitern Besprechung sollten die Gesandten des Rates nach Châteaudun oder Lyon zu Johanna kommen. Bis tief in den Herbst 1519 dauerte der Handel; die Gräfin wollte entweder selbst die Markgrafschaft erobern oder den Baslern bei der Eroberung helfen; sie sprach auch davon, Basler Bürgerin zu werden.

Dann versagen die Akten. Sie geben keine Spur davon, inwieweit Markgraf Ernst Kenntnis von Basels Plänen erhalten habe.

Im Sommer 1521 begegnet uns diese Rötler Sache nochmals, wieder in einer neuen Umgebung. Hans Gallizian, der zur Besiegelung des französischen Allianzvertrages nach Dijon ging, hatte den Auftrag vom Rate, bei König Franz auch wegen Rötelns zu reden. Es handelte sich um Erwerbung der Ansprüche der Johanna; für diese sollte Gallizian zwölftausend Gulden bieten und, wenn es sein müsse, ein letztes Gebot von zwanzigtausend Gulden tun.

Vom Gang auch dieser Verhandlungen erfahren wir nichts; sie blieben ohne Erfolg. Das ganze große Projekt kam über die Vorbereitungen nicht hinaus. Aber auch hier wieder stoßen wir zu guter Letzt auf Solothurn, die konstante Gegnerin der Territorialpolitik Basels. Als im Juni 1521 die Basler Hans Gallizian und Ulrich Falkner auf einem Ritte nach Bern in Solothurn rasteten, eröffneten ihnen die Schultheißen, daß auch ihre Stadt wegen der Herrschaft Röteln gehandelt habe. Und da doch „Niemand sei, der einander besser zu statten kommen möge, als wir zwo stett“, so sollten die Basler ihnen Auskunft geben, „damit, wenn wir handeln, auch sie handeln könnten“. Die beiden Gesandten erwiderten, zu solchen Mitteilungen keinen Befehl zu haben.

[52] Riehen war seit dem Ende des vierzehnten Jahrhunderts ein Nachbar Basels. Ausgezeichnet durch seine Lage da, wo das tiefe Schwarzwaldtal in die Ebene und gegen Basel ausmündet und über mehrere Staffeln zum Rheine niedersteigt. All das eigentümliche Leben eines solchen Ausganges von der Bergwelt ins offene Land erfüllte den Ort und die Herrschaft. Durch das Gebiet zog sich die große Rheintalstraße; und auch sonst war keine Abgeschlossenheit. Die Waldung trat zurück; als wäre es schon ein Ort der weiten Ebene selbst, ruhte das Dorf, allen Strömungen offen, vom wechselnden Laufe der Wiese bespült und von Bächen durchzogen, breit gelagert am Fuße der südlich hellen, mächtigen Rebenwand.

Das Wesentliche in der Existenz Riehens war, daß es sich um ein Dorf handelte, um Bauern, um Landwirtschaft Rebenkultur Fischenzen. Alles im Umkreise des bannus et districtus, der im Allgemeinen noch durch den heutigen Dorfbann festgehalten wird. Doch war der Hornfelsen im dreizehnten Jahrhundert noch innerhalb dieses Bannes gelegen. Seit dem fünfzehnten Jahrhundert gehörte in diesen Bereich auch der Bezirk des Wenkenhofs, der vorher als stark bewohntes Gebiet abgesondert und selbständig gewesen war.

Daß Nachbarschaft keineswegs Freundschaft ist und daß das Leben an der Grenze sich beiderseits um so mehr erregt, je weniger fest bestimmt diese Grenze läuft, ergibt sich auch hier aus den unaufhörlichen Streitigkeiten mit Stetten Inzlingen Weil Kleinbasel über Grenze Weidgang Wässerung Fischenz usw.

Wie die Akten dieser Händel so zeigen alle andern das Dominieren des dörflichen Wesens, der Bauerschaft. Die paar in Riehen begüterten Adelsgeschlechter — von Wasserstelz von Tegerfelden Truchseß von Rheinfelden von Bärenfels von Tegernau von Ramstein Marschalk Reich — spielen daneben kaum eine Rolle, so wenig wie die beiden Weiherhäuser und die Burg, von denen gelegentlich die Rede ist.

Mehr bedeuten einige Klöster. Nicht diejenigen Basels, die gleich dem Spital Güter und Zinsrechte in Riehen haben. Sondern als Mächte in diesem Dorfleben machen sich, eine ältere Wirksamkeit St. Gallens ablösend, die beiden Abteien St. Blasien und Wettingen geltend.

Während St. Blasien, seit Beginn des zwölften Jahrhunderts hier begütert, weniger zu reden gibt, tritt Wettingen schon bald nach seiner Gründung auch hier auf. Mit der Energie des den alten Benediktinern an wirtschaftlicher Fähigkeit und Kraft überlegenen, betriebsamen Zisterzienserordens. Aus Verkäufen und Vergabungen strömt ihm schon in den 1230er [53] und 1240er Jahren ein reicher Besitz zu. Die alten Rechte St. Blasiens an der Kirche werden gleichfalls durch Wettingen absorbiert. Dieses hat auch seinen Meierhof. Der St. Blasier Dinghof und die Mühle desselben Klosters sind mit jenem Meierhofe Zentren mannigfaltigen Lebens.

In den verschiedenen Gruppen der Einwohnerschaft — Burgleute von Rheinfelden Bischofleute Markgräfische Blasiusleute Wettingerleute — dauert die Erinnerung an alte Rechtskreise noch lange weiter. Sie lassen erkennen, wer die Gewalten der ersten Zeiten waren. Die größte Bedeutung unter diesen hatte der Bischof von Basel als Dorfherr und Grundeigentümer.

Wir haben anzunehmen, daß die hoheitlichen Rechte in Riehen schon frühe dem Basler Bischof zustanden, der auch Herr der angrenzenden Herrschaften Kleinbasel und Bettingen war. Zu dieser Hoheit erwarb dann Bischof Heinrich 1270 tauschweise von Ritter Dietrich Schnewlin die Usenbergischen Güter, die Schnewlin 1267 den Wettingermönchen abgekauft hatte, also namentlich den Usenberghof mit der Jurisdiction über Frevel. Die alte Hoheit und öffentliche Gerichtsbarkeit, die dem Bischof neben dieser Grundherrschaft zustand, war zeitweise verpfändet. So vielleicht schon in den 1290er Jahren demselben Konrad Ludwigs, der damals auch den bischöflichen Hof inne hatte, und dann wieder seit Johann von Chalon oder Johann Senn dem Konrad von Bärenfels 1349, dem Werner Schaler 1382, dem Burchard Münch 1398—1409, dem Herzog von Österreich 1412—1420, dem Cunzman von Ramstein 1420. Bis der rüstige Regenerator des Bistums Johann von Fleckenstein auch dieses Pfand wieder einlöste. Von da an ist Riehen beim Bistum geblieben.

Eine Aufzeichnung des vierzehnten Jahrhunderts nennt die Rechte dieser bischöflichen Herrschaft, ihre Grenzen und Pflichten. Das Gericht ist besetzt mit Vogt und Urteilsprechern (Ratleuten), die zu wählen sind „mit des dorfes gunst und willen“; seine Sprüche werden in der bischöflichen Kanzlei protokolliert; von ihnen kann an den Bischof appelliert werden.

Durch dieses Alles ist die Menge und Intensität der Beziehungen Riehens zu Basel gegeben, ebenso die Bedeutung des Ortes selbst. Vom Versäumen einer guten Gelegenheit zum Erwerbe des Dorfes, etwa während der langen Verpfändungszeit im vierzehnten Jahrhundert, ist gleichwohl nicht zu reden. Basel besaß damals noch nicht einmal die kleine Stadt; im fünfzehnten Jahrhundert aber galt die Territorialpolitik des Rates in erster Linie dem Ergolz- und dem Birstal, wo die großen Heerstraßen sich zogen. Erst eine spätere Zeit konnte auch den Gewinn Riehens ins Auge fassen; sie ging auf dies Ziel zu durch Usurpationen.

[54] Im Jahre 1504 wurde ein Einwohner von Riehen, der auf Klage des Baslers Hans Kilchman vom dortigen Gericht inhaftiert worden, durch den Rat von Basel aus dem Dorfgefängnisse genommen und zur Aburteilung nach Basel geführt. Die Beschwerde des Bischofs blieb ohne Beachtung, so daß er zur Appellation an höhere Instanz griff. Es war ein Einbruch des Rates in die Hoheit des Herrn von Riehen; er mochte sich sagen, daß er in einer andern Nachbarschaft, in Hüningen, die ausdrückliche Zustimmung des Herrn zu solchem Verfahren besaß.

Ähnliches geschah 1508 in Weidgangsachen. Auch hier blieb dem Bischof nichts Anderes übrig als die Klage, daß seine Riehemer durch Basel „unerfordert und unverhört“ aus dem Weidgange gestoßen worden seien; „denn ir wissen, das got der allmächtig Adam onberufft onverhort us dem weydgang des paradis nit stoßen wollt, sonder in vorberuft: Adam ubi es? dannethin in rechtlich verhört und vollendet.“

Die Stadt war dem Bischof schon zu mächtig geworden, und er fühlte, daß es wie anderwärts so in Riehen mit seinem Herrschen zu Ende ging. Von einem Erwerbe Riehens durch die Stadt wurde daher unter der Hand viel geredet, bis dann beim Pfäffinger Handel diese Abtretung des Dorfes an Basel einen Ausweg aus den Schwierigkeiten des Geschäftes bot. Am 23. Juli 1522 wurde der Vertrag wegen Pfäffingens geschlossen, wobei der Bischof „in Ergötz- lichkeitsweise“ die Herrschaft Riehen um fünftausend Gulden an Basel verkaufte.

In lebendiger Bewegung steht auch hier das Ereignis der Besitzergreifung vor uns. Im Oktober 1522 wurde zu zweien Malen die Huldigung der Bauern von Riehen entgegengenommen: erst schworen die Bürger, dann die Hintersassen. Zu Basel im Schlüssel und im Kopf fanden Bankette statt, und draußen im Dorfe spendeten die Weiber den Ratsdeputierten frische Küchlein; auf die Dorfbrunnen kamen Baselfähnlein; Vogt und Weibel erhielten schwarzweißes Tuch zu ihren Röcken. Die Gemeinde aber führte sich bei ihren neuen Herren nicht nur durch die „erste Bitte“ um Freilassung eines wegen Friedbruches verhafteten Weilers ein, sondern auch durch ein ausführliches Memorial mit Wünschen wegen der Kirchweihe, der Weide, der Steuern, der reparaturbedürftigen Kirchhofmauer, der Nutzung der Wälder usw. Sie waren nun Untertanen Basels, und an den Schmähungen, mit denen ihre Markgräfler Nachbarn deswegen über sie herfielen, konnten sie die Bedeutung dieses Vorganges ermessen.

In diesem Jahre 1522 kam es auch zu einem jener Gutskäufe durch den Rat, die damals öfters vorgenommen wurden, nicht zur Erweiterung [55] des Territoriums, sondern zur Sicherung eines den städtischen Interessen gemäßen Zustandes.

Es handelte sich um das alte Gesesse Klybeck im Norden Kleinbasels. Wertvoll war die Klybeck vor Allem durch ihre Lage über der Landstraße nach Kleinhüningen, die durch das Klybecker Hoftor gesperrt werden konnte; es erinnerte dies wohl an eine frühere Grenze. Auch das hier vereinigte Wasser- und Gewerbewesen (Säge Mühle) gab dem Orte seine Wichtigkeit. Und als Weiherhaus war die Klybeck ein herrschaftlicher, ursprünglich adliger Sitz. 1402 finden wir sie im Besitze des Ritters Hans Reich, 1438 im Besitze des Friedrich Rot. Unter den spätern Eigentümern sind von Interesse Heinrich Halbisen d. J. (1476—1480); Elisabeth von Falkenstein, des Freiherrn Thomas Tochter, Fürstäbtisse von Säckingen (1491, 1492); Meister Sigmund der Steinschneider (1513 — 1522).

Dieser machte sich 1522 in Basel unmöglich; er mußte fortgehen, und nun ergriff der Rat die Gelegenheit, die Stadt an diesem wichtigen Orte zu sichern, um den in den letzten Jahrzehnten wiederholt Auswärtige gestritten hatten. Am 2. Juli 1522 kaufte er die Klybeck. Nicht um sie zu behalten. Sondern schon am 28. April 1523 verkaufte er sie wieder, an den Mediziner Berthold Barter, der dabei geloben mußte, das Haus ohne des Rates Wissen und Willen an Niemanden hinzugeben.


Der Sisgau.

Seit dem Kaufe der Aemter Liestal Waldenburg Homburg 1400 hatte Basel Vereinzeltes im Sisgau an sich gebracht: 1439 die Herrschaft Füllinsdorf, 1447 und 1450 das Geleite zu Diepflingen, 1457 die Gemeinderschaft am Augster Zoll. 1461 erwarb die Stadt die Herrschaft Farnsburg, und an diese mächtige Gebietserweiterung schloß sich rasch der Kauf von Territorien im Ergolztale, das die Farnsburger Herrschaft mit den alten Gebieten verband: 1464 Zunzgen, 1465 Sissach, 1467 Itingen und Böckten. 1479 übernahm Basel als Pfand die Herrschaft Münchenstein-Muttenz, welche Pfandschaft 1489 bestätigt wurde. In der Zwischenzeit, 1487, gingen auch Eptingen und Diegten an Basel über.

So gestaltet war um die Wende des Jahrhunderts das sisgauische Gebiet. In der zentralen Finanzverwaltung der Stadt, bei ihrer Buchung von Einnahmen und Ausgaben, gab es nur die einzelnen Herrschaften; für die übrige Administration war das Territorium in die vier Vogteien Farnsburg Waldenburg Homburg Liestal zusammengefaßt.

[56] Unter keinen Umständen aber waltete ein einheitlicher Territorialbegriff. Die Vogteien galten und wirkten als geschlossene Körper, jede für sich bestehend, keine der andern gleich. Wie verschieden schon äußerlich war das Amt Liestal mit seiner städtischen Zentrale von den andern, deren Landvogteiresidenzen in die alten Grafenschlösser eingebaut waren. Die Steuerbeziehung zwischen Liestal und Waldenburg war eine andere als zwischen Liestal und Homburg; auch das Genossamerecht dieser obern Ämter war verschieden geordnet. Wir sehen keine einheitliche Masse vor uns, aber Sonderrechte und Sonderzustände. Daß eine Einheit wenigstens angestrebt wurde, zeigt die wiederholte Aufstellung eines Dreierkollegiums „über die Ämter“, als einer über die Landvögte hinweg amtenden Oberinspektion. Aber die Einheit war auch dadurch gehemmt, daß der Rechtsgrund dieses sisgauischen Territorialbesitzes eine verschiedene Gestaltung im Einzelnen hatte. An großen Gebieten besaß Basel nur ein Pfandrecht; die Mehrzahl der kleinern Herrschaften war der Stadt zu freiem Eigen übergeben, aber Münchenstein-Muttenz ging zu Lehen von Österreich. Zu diesem Allem kam, daß dieser disparaten Gesamtheit der eine Begriff der sisgauischen Landgrafschaft gegenüber stand. Sie erschien als einheitlich und umfassend zugleich; die Art und die Fülle ihrer Rechte, in denen Befugnisse des alten Grafenamtes weiterlebten, machte sie den Herrschaften übergeordnet. Freilich war dieses Landgrafschaftsrecht durchbrochen durch Rechte und Prätensionen einzelner Herrschaften; unaufhörlich entstanden hieraus Konflikte.

Wir sehen demnach Basel seine Macht in den Herrschaften Liestal Homburg Waldenburg dadurch stärken, daß es 1416 die Rechte der Landgrafschaft über diese drei Herrschaften sich durch Graf Otto von Tierstein verpfänden ließ und 1456 dieselben Rechte nochmals zu Pfand nahm von Ottos Enkel, Thomas von Falkenstein. Die Ergänzung hiezu war 1461 beim Kaufe der Herrschaft Farnsburg der Erwerb auch der Landgrafschaft.

Aber völlige Klarheit und Sicherheit war damit nicht gewonnen. Wenn Basel sich wirklicher Landeshoheit im Sisgau erfreuen wollte, so hatte es das Vorhandene von zwei Seiten her zu ergänzen: 1. durch Erwerb einzelner ihm noch fehlender Herrschaften; das geschah in dieser spätern Periode. 2. durch Erwerb aller noch bestehenden oder behaupteten Rechte Andrer an der Landgrafschaft. 1482 konnte der Rat die Tiersteiner zur Abtretung ihrer landgräflichen Rechte bewegen, aber noch fehlte der Consens des Bischofs von Basel als Lehnsherrn. Bischof Caspar verweigerte ihn; erst Christoph war der Stadt zu Willen. Nachdem diese nochmals und endgültig die Tiersteiner Grafen abgefunden hatte, gab der Bischof am

[57] 28. Juni 1510 dem Bürgermeister und Rat die Landgrafschaft im Sisgau zu Lehen.

Damit schien Ordnung geschaffen. Aber sie ruhte noch immer auf unsicherm Grunde. Sowohl die Ämter Liestal Waldenburg Homburg als die Landgrafschaft waren mit Pfandsummen beladen. Sie konnten nur gleichzeitig gelöst werden; aber die Lösbarkeit selbst bestand zu Recht.

Das war Basler Herrschaft im Sisgau, an der Schwelle der großen politischen Zeit. In keinem Sinn eine ganze Herrschaft. Den völligen Ausbau dieser Territorialmacht zu unterlassen war unvereinbar mit der Art des damaligen Stadtregimentes. Gerade hier im Sisgau erschien solcher Ausbau als dringlich, aber auch als am besten ausführbar; Termine und Mittel konnten hier sozusagen einseitig frei bestimmt werden.

Die kleinen ergänzenden Erwerbungen sind rasch im Vorbeigehen zu nennen: die Sicherung eines Vorkaufsrechtes auf den Strübin'schen Rechten in Ziefen und Lupsingen 1515; der Kauf der Hertensteiner Gefälle in Diegten Eptingen Thürnen usw. 1520; der Kauf eptingischer Waldung 1521. Uns beschäftigen nur die größern Aktionen.


Zunächst die Übernahme der Feste Wildenstein im Amte Waldenburg.

Als die der Grenze am nächsten gelegene wehrhafte Burg in diesen Gebieten bereitete sie dem Nachbar Solothurn eine große Versuchung. In Büren Sewen Hochwald und auf Dorneck war er schon mächtig; wie rasch war über den Holzenberg und Ziefen der Wildenstein zu erreichen. Und Eile war geboten. Die Zeitumstände drängten. Seit dem Januar 1499 war Krieg, im März hatten die Schweizer am Bruderholze gesiegt, in den ersten Tagen des Aprils waren Basler Gesandte in Solothurn, um die Neutralität Basels begreiflich zu machen. Aber man begriff sie nicht und handelte selbst. Während in der Ratsstube diskutiert wurde, tat Solothurn den Schritt in den Basler Sisgau hinein. Am 12. April 1499 nahm es den Ezechiel Bär, einen der Söhne des verstorbenen Eigentümers von Wildenstein, des Professors Johannes Bär, als Bürger an; Bär stellte das Schloß in den Schirm der Stadt Solothurn und öffnete es ihr. Sofort erhielt es eine solothurnische Besatzung, und unzweifelhaft war Solothurn entschlossen, aus dem Öffnungsrecht Eigentum zu machen.

In letzter Stunde noch, im Dezember 1499, vermochte Basel diesen Einbruch in sein Gebiet zu hindern. Was es beim Sturze der früheren Schloßherren vor Bär, der Rieher, leicht hätte tun können, fiel jetzt natürlich schwerer. Aber es war eine Notwendigkeit. Im Geheimen, durch den Ratsherrn [58] Jörg Schönkind als Mittelsmann, kaufte der Basler Rat den Wildenstein. Im Januar 1500 konnte dieser Kauf verbrieft werden; vom Käufer Schönkind erhielt der Rat einen Revers, der das Eigentum Basels am Schloß anerkannte. Es handelte sich um ein Gut, nicht um eine Herrschaft; Basel vollzog nur eine Sicherung, in der Absicht, den Luxusbesitz eines solchen vereinzelten Schlosses bei erster Gelegenheit wieder aufzugeben.

Schönkind hatte 1500 den Wildenstein auf zehn Jahre gemietet und zugleich versprochen, persönlich dort zu wohnen. Er gab somit seinen Sitz im Rat auf, bis er im Februar 1510 zum Vogl auf Münchenstein erwählt wurde. Damit nahm seine Bewohnung des Wildensteins ein Ende, und der Rat konnte sich der Burg entledigen. Am 6. Juli 1510 verkaufte er sie an Margaretha, des Hans Lantzman Witwe, und ihren Sohn Fridlin Rein genannt Oltinger; die Käufer übernahmen die Verpflichtung, den Wildenstein ohne des Rates Willen nicht zu veräußern, sondern in Bau und Ehren zu halten und der Stadt Basel allezeit zu öffnen.

In ähnlicher Weise sehen wir Basel mit dem Schlosse Schauenburg verfahren. Auch hiebei mochte, trotzdem die Burg schon halb verfallen war, die Nähe der solothurnischen Gebiete die Anregung geben. 1505 sicherte sich der Rat an diesem Schlosse das Recht des Vorkaufs.

Seit 1470 war Basel im Besitze von Münchenstein. Während der ersten neun Jahre als Verwalter an Konrad Münchs Statt, seit 1479 kraft Pfandrechtes. Mit welcher Hartnäckigkeit aber, auch Gewalttaten nicht scheuend, Solothurn diesen Besitz zu stören und Münchenstein an sich zu bringen suchte, ist geschildert worden. Basel war hiegegen geschützt durch Pfandrecht und Vorkaufsrecht. Noch gewährten diese Titel keine unerschütterliche Herrschaft; auch stand über dem Ganzen noch die Oberlehnsherrlichkeit Österreichs.

Zwischen der Birs und dem Rheine gelegen, war die Herrschaft Münchenstein-Muttenz für Basel Tor und Schwelle des Sisgaus. Ihrer Lebensfülle und erdgebornen immer neuen Kraft gegenüber sehen wir aber die traurige Gestalt des verkommenden Adelshauses Münch. Jahrhundertelang gab dieses dem Gebiete die Herren. Einst eine der Glorien Basels, hatte es jetzt keinen Anteil mehr an den Geschicken dieser seiner Heimat, war ihr bald völlig entfremdet. Dazu finanziell so geschwächt, daß die Lösung des Münchensteiner Pfandes ihm unmöglich war. Mächtig dagegen hatten diese Jahrzehnte die Herrschaft in das Wesen Basels hineinwachsen lassen. Sie genoß einer guten [59] Verwaltung unter den Vögten und nahm teil an den Erlebnissen des Gemeinwesens; auch ihre Leute waren in den großen Heerzügen mitgezogen, hatten die großen Schlachten mitgeschlagen.

So fanden sich die Interessen. Am 2. Mai 1515 überließen die Brüder Hans Thüring, Jacob und Mathias Münch, des oftgenannten Konrad Münch Enkel, ihre Herrschaft Münchenstein samt Muttenz und Wartenberg an Basel gegen Zahlung von sechshundertsechzig Gulden über den Pfandschilling; sie verpflichteten sich zugleich, den Konsens des Kaisers Maximilian als des Lehnsherrn binnen eines halben Jahres beizubringen. Um diesen Consens und die Aufhebung des Lehens zu erwirken, ritt Namens der Verkäufer Jacob Münch an den Kaiserhof; aber auch der Rat sandte seinen Vertreter, den Hans Lombard. Er gab ihm Kredit für die nötig werdenden Geldspenden; dem Doctor Reichenbach, dem Propst von Waldkirch, namentlich aber dem kaiserlichen Kammerdiener und Türhüter Hans Müge sollte die Förderung dieses Geschäftes empfohlen werden. Auch die Eidgenossenschaft wurde um ihren Beistand gebeten. Offenbar machte Österreich Schwierigkeiten. Aber zuletzt ward es Willens. Am 16. August 1517, in Augsburg, gab Kaiser Max seine Zustimmung; als Haupt des Erzhauses verzichtete er auf die Lehenschaft an der Burg Münchenstein samt der Vorburg, an den Burgen Wartenberg, an der Hard, dem Dinghofe Muttenz usw.; er freite und eignete der Stadt Basel alle diese Güter und Rechte.

So konnte die Stadt sich endlich als Herrin des Gebietes fühlen. Nicht nur das alte edle Haus der Münch war entwurzelt. Noch höhere Rechte, mächtigere Traditionen nahmen jetzt ein Ende. In Münchenstein stand hinter Österreich noch das Bild uralter pfirtischer Herrlichkeit; an die Wartenberge, an Muttenz und den Hardwald knüpfte sich das Andenken der Homberger Grafen, das Andenken des großen Bischofs Peter und des großen Königs Albrecht. Das Alles war nun vorbei, wurde Geschichte. Die Könige und die Herzoge und die Bischöfe, die Grafen und die Edelleute hatten vor den Städtern weichen müssen.

Basel konnte hieran nicht genug haben. Notwendige Ergänzung des Erwerbs von Münchenstein-Muttenz war der Erwerb von Pratteln und von Frenkendorf, um den Zusammenhang mit Liestal und den obern Ämtern zu gewinnen.

Noch in diesem Jahre des Kaufes von Münchenstein, 1515, verschaffte sich der Rat von Junker Nicolaus von Eptingen ein Vorkaufsrecht sowohl für Pratteln als für Frenkendorf. Einige Monate später sehen wir den [60] Junker als Söldner im kaiserlichen Heer in Italien gegen die Franzosen kämpfen; dann zeigt er sich zu Hause nicht mehr. Aber sein Bruder Hans Friedrich verkauft 1517 Frenkendorf an den Rat von Basel und bestätigt ihm 1518 das Pratteler Vorkaufsrecht.

Pratteln und sein Herrschaftsgebiet, das sich von den waldigen Berghöhen hinabzieht bis an die Ergolz und den Rhein, ist seiner Lage entsprechend ein früh und viel genannter Ort des Sisgaus. Wir nennen vor Allem die beständigen Konflikte dieser Herrschaft mit der Landgrafschaft. Zu beachten ist auch, wie Solothurn diesem Territorium nachstellt. Dazu die Teilungen, die Abreden, die Zänkereien innerhalb der weitverzweigten Familie der Pratteler Herren, der von Eptingen. Alles dies gibt der Geschichte der Herrschaft das Wesen endloser Unruhe; und in der Person Hans Friedrichs von Eptingen meldet sich auch hier schon der Zerfall eines seiner Stellung nicht mehr gewachsenen Herrengeschlechtes. Nur der Übergang an die nahe, unerschütterlich mächtige Stadt kann wie in andern Herrschaften so hier das Klare und Dauerhafte schaffen.

Die Einleitung hiezu war seit 1515 gegeben durch das Vorkaufsrecht Basels. Noch glaubte der geldbedürftige Hans Friedrich sich durch den Verkauf seines Muttenzer Forstes, im März 1521, helfen zu können. Aber er entrann dem größeren Opfer, der Preisgabe seiner Heimat, nicht. Am 14. Dezember 1521 verkaufte er Basel sein Schloß und drei Vierteile des Dorfes Pratteln als freies lediges Eigen, unter Vorbehalt lebenslänglicher Benützung des Schlosses und der Güter. Doch machte die unheilbare Finanznot des Junkers bald eine neue Regelung seiner Nutzungsrechte usw. geltend. Die Verhandlungen über den letzten Vierteil des Dorfes, der Lehen von Österreich war und an dem die Eptingischen Vettern vom Blochmonter Zweige Teil hatten, zogen sich noch lange hin.

Wie die alte Umgrenzung des Sisgaues gegen Westen allmählich zerfiel, ist mit Deutlichkeit wahrzunehmen. Die Landgrafschaft büßte hier ein Stück Geltungsgebiet nach dem andern ein. Das war zumeist Solothurner Arbeit. Daneben aber machte sich auch die Herrschaft Ramstein geltend.

Seit dem Aussterben der Ramsteiner Freiherren im Mannesstamme, 1459, war diese Herrschaft den Edelknechten untertan, die zu Beginn des sechszehnten Jahrhunderts ihren einzigen Vertreter in Christoph von Ramstein hatten.

Die Wichtigkeit der Herrschaft für alle irgendwie an ihr Berechtigten oder ihr Benachbarten ruhte nicht auf ihrem Umfange, der klein war, sondern auf ihrer Lage. Sie beherrschte die Höhe der Wasserscheide zwischen Frenke [61] und Birs und die hier oben sich kreuzenden Wege. Im Westen an die Herrschaft Gilgenberg, im Norden an Sewen, im Osten an das baselische Amt Waldenburg grenzend, lag sie gerade da, wo das Abbröckeln des landgräflichen Gebietes begann.

Auch in dieser Herrschaft regten sich die Gelüste, seit Alters bestehende Grenzen zu mißachten. Vor Allem mit Basel hatte Junker Christoph Streit wegen solcher Eingriffe, und dieser Streit steigerte sich aufs höchste 1517, als der Ramsteiner Vogt eigenmächtig Grenzsteine auf Basler Boden setzte. Der Rat wies seinen Nachbar zur Gebühr. Aber was halfen solche Verwahrungen? Sie richteten sich an eine Gewalt, deren Wesen und Form auch bei diesem abgelegenen Ramstein als obsolet empfunden werden mußte. Am rätlichsten schien, auch ihr ein Ende zu machen, wie jetzt mit Pratteln und Münchenstein geschehen war.

Am 12. Mai 1518 versprach Christoph, sein Schloß Ramstein mit allen Lasten und Gütern, Rechten und Zugehörden der Stadt Basel käuflich zu überlassen, sofern sie binnen Jahresfrist die Zustimmung des Bischofs als Lehnsherrn erhalte; wenn dies geschehen, sollte der Verkauf gelten, die Übergabe des Schlosses und die Zahlung der Kaufsumme stattfinden. Es war etwas Halbes. Für Basel ohne Sicherheit und für seine Feinde Anlaß zu jeder Intrigue.

Bestimmtes vernehmen wir nicht. Aber daß der Rat sich zu einem Handstreich entschloß, zeigt nicht nur den Geist, der jetzt im Basler Rathause herrschte; offenbar war wirkliche Gefahr im Verzüge. Am Neujahrstage 1519 ließ der Rat durch seinen Waldenburger Vogt Balthasar Hiltprant mit einer Schar Knechte das Schloß Ramstein einnehmen. Der Eilbote, der die Nachricht vom guten Gelingen des Überfalls nach Basel brachte, erhielt ein schönes Geschenk. Auch Hiltprant und seine Helfer wurden belohnt. In die Burg aber kam eine Basler Besatzung unter den Befehlen des Ratsherrn Hans Graf. Zum Vogte der Herrschaft wurde Hans Stehelin ernannt in dem Sinne, daß er die Verwaltung zunächst noch auf Rechnung Christophs von Ramstein führen sollte.

Unterdessen gingen die Verhandlungen über den vom Lehnsherrn zu gebenden Consens. Noch sträubte sich der Bischof. Aber wie dem Kaiser gegenüber bei Münchenstein, so war Basel auch hier im Vorteile dadurch, daß es das Schloß in Händen hatte. Der Rat fühlte und benahm sich schon als Herrn von Ramstein; er vergab die Wiederherstellungsarbeiten an den sehr verwahrlosten Schloßgebäuden, und im Herbste 1521 ließ er die Ramsteiner Bauern in Eid nehmen. Im folgenden Jahre 1522 fand [62] das Geschäft seine Vollendung dadurch, daß Bischof Christoph als Lehnsherr gegen Zahlung von tausend Gulden seine Zustimmung erklärte und sich aller seiner Rechte an Ramstein begab.

Demzufolge geschah am 8. Januar 1523 eine nochmalige Verbriefung des Kaufes, wobei Christoph von Ramstein die Herrschaft als freies lediges Eigen an Basel dahingab. Jetzt endlich konnte auch der Kaufpreis an ihn ausbezahlt werden; seiner weniger geduldigen Gemahlin Christiane zu Rhein war das in der Abrede von 1518 bedungene Geschenk von zwanzig Ellen Samt zu einer Schaube — eine damals auch bei andern Herrschaftskäufen geübte Courtoisie — schon im August 1519 eingehändigt worden.

So war auch das edle Ramsteiner Geschlecht auf immer aus seinen Stammlanden verabschiedet, für Basel aber an einem wichtigen Punkte seiner Grenze eine starke Position gewonnen.


Das Birstal.

An der Configuration des im fünfzehnten Jahrhundert entstandenen Basler Gebietes ist auffallend sein Entlegensein von der Kapitale. Erst das sechzehnte Jahrhundert verbindet Stadt und Landschaft. Aber wie schmal ist die Brücke, die vom Baselbann in den Sisgau führt. Von beiden Seiten treten fremde Gebiete heran.

Am Rheine die Herrschaft Rheinfelden. Wir gedenken früherer Versuche Basels, diese Herrschaft, ja noch weitergreifend die Waldstädte sich anzueignen. Eine Zeitlang ist jene Herrschaft tatsächlich unter Basels Gewalt gewesen. Aber dieser Episode folgt nichts Ähnliches mehr. Österreich erscheint auch hier als unverwundbar, als unerschütterlich.

Von Süden her aber zieht sich gegen Basel das prächtige Birstal. Ein Gebiet alter Kultur. Voll von starker Belebung. Ein bewegtes Transitland. Ausgezeichnet durch die in diesem Raume sich drängenden Schlösser und Herrschaftszentren (Münchenstein Reichenstein Birseck Dorneck Angenstein Pfäffingen usw.). Hier ist der Bischof noch weltlicher Fürst und Territorialherr bis vor die Tore Basels. Hier hat Solothurn sich eingenistet, auf dem rechten Ufer Herrschaft nach Herrschaft dem Sisgau abgerungen.

In der Territorialgeschichte Basels dagegen ist dieses der Stadt so nahe Gebiet, mit Ausnahme eines Momentes, wie übersehen. Die Einnahme des Schlosses Pfäffingen durch die Basler am 20. April 1445 sollte den verhaßten Grafen Hans von Tierstein züchtigen und geschah wohl ohne weitere Absichten der Gebietserwerbung; auch ging das Schloß schon bald [63] wieder verloren. Nur einmal dann, zwanzig Jahre später, erhob sich Basel allerdings zu einem Schritt im Birstal, der gleich dem Projekt eines Erwerbs der Waldstädte von ungewöhnlicher Art war. Es schloß mit den Grafen von Tierstein einen Vertrag, durch den sie gegen Zahlung von zehntausendfünfhundert Gulden der Stadt Basel die Schlösser Angenstein und Pfäffingen mit allen Gebieten Rechten und Zugehörden, namentlich auch mit den hohen Gerichten zu Therwil, verkauften und das Schloß und die Herrschaft Tierstein verpfändeten. Dieser schöne Vertrag blieb leider Entwurf; sein Zustandekommen wurde wohl durch Solothurn und den Bischof, vielleicht auch durch Österreich, vereitelt. Daß Basel vor dieser Opposition zurückwich, mag sich erklären aus der allgemeinen Richtung seiner Territorialpolitik. Dieser erschien der Sisgau als das vor Allem zu erstrebende Gebiet, und um dieser Vorliebe willen wurde das Birstal vernachlässigt. Handels- und Verkehrsinteressen beherrschten die Politik und wiesen sie zunächst auf die Gebiete der großen, zu den Hauensteinen führenden Straßen.

Diesem Benehmen Basels gegenüber bietet die solothurnische Expansion ein Schauspiel voll Kraft und Leidenschaft. Unzählige Male schon ist von ihr zu reden gewesen. Von dem Willen, der die Regenten dieser kleinen Stadt stählte und vorwärts trieb; von ihrer Heftigkeit und Dreistigkeit; von ihrer brutalen Verachtung aller Rücksichten; von ihren Erfolgen. Wir haben gesehen, wie Solothurn das ihm unbequeme Basel aus dem Buchsgau wegdrängt und dann weiter vorstößt dem Rheine zu. Der Sisgau läßt ihm keine Ruhe. Es greift auf die Farnsburg; es will sich in Anwil Oltingen Langenbruck Waldenburg Ziefen festsetzen; es hat Absichten auf Pratteln, auf Münchenstein, auf alles Land bis zur Birsmündung. Sewen Büren Hochwald Gempen, das starke Dorneck fallen ihm zu. Jetzt scheint der seit Jahrzehnten erhoffte Ausgang der Tiersteiner die letzte große Gelegenheit zur Bewährung dieser solothurnischen Territorialpolitik zu bieten, die sich ja schon an den Häusern Kiburg Bechburg Froburg Falkenstein erprobt hat. Es geht um das im Birstal und im Lüsseltale gelegene Erbe der einst gewaltigen Dynastie, der ersten und ältesten des Gaues. Hiebei aber trifft nun Solothurn auf ein Basel anderer Art als dasjenige, das ihm in frühern Tagen begegnet war.

Nach Graf Wilhelms Tode am 16. Oktober 1498 bestand das Haus Tierstein noch aus den Brüdern Heinrich und Oswald II., den Söhnen Oswalds I. Wir sehen diese Letzten des einst glorreichen Stammes ruhmlos leben und dahingehen. Ohne irgendwelche Bedeutung sind sie wirklich [64] nur die Letzten. Was in der Agonie andrer alter Geschlechter wahrzunehmen ist, das Launenhafte, das unzuverlässig Schwankende der Haltung, das ist auch diesen dekadenten Tiersteinern eigen. Sie selbst verdienen keine Sympathie; aber ergreifend ist, daß dies Grafenhaus nach einem halben Jahrtausend Lebens in solcher Weise endet. Eindrücklich auch das Bild des Gegensatzes zwischen diesen müden Figuren und ihren erbarmungslosen kräftigen Hetzern, den Städten Basel und Solothurn, und zuletzt der Ausgang voll Gerechtigkeit, da diese Beiden sich gegenseitig den Gewinn nicht gönnen und am Ende Keiner von ihnen, sondern die dritte Macht dieses kleinen Erdenwinkels, das Hochstift Basel, der Gewinner ist.

Die Grafen Heinrich und Oswald folgten nach anfänglichem Zögern der väterlichen Politik und traten in Bürgerrecht und -Pflicht der Stadt Solothurn. Schon während des Schwabenkrieges hatte diese Stadt das Schloß Pfäffingen nehmen, dann beim Frieden alle drei Schlösser — Pfäffingen Angenstein Tierstein — erlangen wollen. Jetzt kam sie durch jenes Bürgerrecht ihrem Ziele näher.

So hart und eigenwillig dieses Solothurn sich die Grafen dienstbar zu machen strebt, handelt es auch gegenüber andern, vor Allem gegenüber Basel. Es beschuldigt den Basler Vogt auf Homburg unbefugter Eingriffe; es beschwert sich über das Baselfähnlein auf dem Brunnen zu Bärenwil; es vergewaltigt die Waldner und die Rotberg in ihren Herrschaften Bättwil Ettingen Metzerlen Rodersdorf Landskron; sein Dornecker Vogt errichtet einen Galgen auf Basler Gebiet; es bedrängt Muttenzer mit Steuerforderungen; seine Leute freveln in den Hochwäldern bei Waldenburg; sein Erbburger, der Abt von Beinwil, zankt sich mit den Liestalern usw. Bis 1506, dann wieder 1509 ein Vertrag das Streiten schließt und für eine kleine Weile Ruhe schafft. Wichtiger als dieser Alltagshader war das Unterfangen Solothurns, die tiersteinischen Rechte an der Landgrafschaft im Sisgau an sich zu bringen. Auf diesem Punkte durfte Basel nicht duldsam und nachgiebig sein. Es durfte auch nicht den Grafen gegenüber die schon 1482 für die Landgrafschaft geleistete Zahlung geltend machen, sondern mußte sich zu neuen Opfern bequemen. Auf diesem Wege gelang ihm 1510 der Erwerb der Landgrafschaft, von dem schon die Rede gewesen ist.

Wie dieser Vertrag, so zeigt auch Anderes, daß die Beziehungen Basels zu den Grafen sich besserten, während Diese in gleichem Maße von Solothurn abrückten. Der tiersteinische Vogt auf Pfäffingen wurde 1512 ins Basler Bürgerrecht aufgenommen, und bei der Tagsatzung bemühte sich [65] Basel wiederholt und mit Erfolg für die Rückgabe von Tierstein und Pfäffingen, die wegen der Truppenwerbungen der Grafen für Frankreich waren besetzt worden. Daneben her ging Basels erregtes Verhandeln mit Solothurn über Austausch der Eigenleute.

Mitten in diesen Bewegungen starb Graf Oswald im Jahre 1513 kinderlos. Auch der überlebende Heinrich war ohne Nachkommen. Die Liquidation des tiersteinischen Geschlechtes konnte nur noch eine Frage von Jahren sein.

Zu dieser Liquidation gehörte der Verkauf der Hohkönigsburg im Elsaß samt Dependenzen an Kaiser Max, im April 1517; noch lange nachher war zu Schlettstadt im Dominikanerkloster die Wappenscheibe zu sehen, die Graf Heinrich dorthin gestiftet hatte als Denkmal seiner Hohkönigsburger Nachbarschaft.

Die finanzielle Not Heinrichs zwang ihn zu diesem Verkaufe. Schon vorher, 1516, hatte er von Solothurn eine Summe Geldes aufgenommen und dafür seine Schlösser im Birstale verschrieben. Solothurn glaubte bei dieser Lage des Grafen die Beute schon mit Händen zu greifen. Ungeduldig drängte es ihn; im Mai 1517 verlangte es, daß er ihm einen Teil des geliehenen Geldes zurückzahle oder Tierstein und Pfäffingen einräume.

Es war eine törichte Hast, mit der sich Solothurn selbst und für immer den Handel verdarb.

Denn jetzt trat Derjenige, der zwar hauptsächlich interessierter, aber bis jetzt untätiger Zuschauer gewesen war, in die vordere Linie: der Bischof von Basel. Jedenfalls durch Basel angetrieben. Als Lehnsherr hatte er stärkere Rechte und stärkeren Einfluß als die andern; das erforderliche Geld aber gab ihm die Stadt Basel. In wiederholten Abreden gelangten der Bischof und Graf Heinrich zu einer Verständigung; die durch Solothurn vorgestreckte Summe wurde dieser Stadt zurückbezahlt und die Art des Übergangs der Schlösser und Herrschaften an das Bistum geordnet. Auch die Schwierigkeiten, die sich noch bei Kaiser Maximilian ergaben, konnten überwunden werden. So gingen Ende Augusts 1518 Tierstein, im November gleichen Jahres Angenstein und Pfäffingen an das Bistum Basel über.

Damit schien das Schicksal des tiersteinischen Erbes in der Hauptsache entschieden zu sein. Für Basel kam dabei nur Schloß und Herrschaft Pfäffingen in Betracht. Um deren Lösung von Solothurn zu ermöglichen [66] hatte der Basler Rat schon am 17. Juli 1517 dem Bischof zweitausendachthundert Gulden vorgestreckt, am 20. August 1517 weitere siebenhundert Gulden; zur Abfindung von Ansprüchen des Grafen lieh er am 25. August viertausendfünfhundert Gulden. Daß er hiebei einen ungewöhnlich niedern Zinsfuß sowie für einige Jahre völlige Zinsfreiheit des Darlehens gewährte und überdies dem Bischof seinen Beistand versprach für den Fall, daß er Pfäffingens wegen von Jemand angefochten werden sollte, zeigt, wie sehr Basel wünschte, Pfäffingen nicht bei Solothurn, sondern beim Bischof zu sehen. Der Rat hoffte natürlich, im Sinne seiner alten oft geübten Politik, bei gelegener Zeit Pfäffingen aus dem Besitze des Bistums an sich ziehen zu können. Daher auch dieses Geschäft in Formen ungewöhnlicher Wichtigkeit geführt wurde. Für die Verhandlungen mit dem Bischof war eine Neunerkommission bestellt mit unbeschränkten Vollmachten und unter dem Schutze tiefsten Geheimnisses. Sie enthielt die Elite des Rates. Der Bischof und die neben ihm wegen Pfäffingens mit dem Rate verhandelnden Herren des Domkapitels hatten auf das Evangelium zu schwören, daß sie die Beteiligung der Stadt Basel ewig geheim halten würden.

Am 22. September 1519 fanden sich Bischof und Graf in einer letzten abschließenden Vereinbarung. Dann starb Graf Heinrich, am 30. November 1519. Er starb in Basel, dessen Rat während der letzten Monate unaufhörlich mit ihm verkehrt hatte. Noch bis in den Herbst hatte er seine, beim Verkaufe 1517 vorbehaltene Wohnung auf der Hohkönigsburg gehabt; dann schied er von diesem imposanten Bau, den vor vierzig Jahren sein Vater in der Höhezeit des Lebens, in einer großartig bewegten Epoche errichtet hatte. Er kam nach Basel, um hier zu sterben und an der vornehmsten kirchlichen Stätte des Oberrheins, im Münster, sein Grab zu finden. Im Hofe des Domherrn Jost von Reinach, in einer Kammer, machte er noch am 29. November sein Testament.

Dieser Ausgang des „uralten herrlichen geschlechts der grafen von Tierstein“ eröffnete der Stadt Basel alle möglichen Perspektiven. Solothurn aber, durch die Abmachungen des Grafen mit dem Bischof geschädigt und gereizt, brachte jetzt, da der Graf tot und weiterer Bearbeitung unzugänglich war, die ganze Angelegenheit vor die Tagsatzung; es machte ältere Ansprüche und Rechtstitel geltend.

So war nun die Sache, die bis dahin ein Internum der beiden Städte und des Bischofs gewesen, auf das eidgenössische Forum getragen, wodurch natürlich eine Menge andrer Interessen mit dem Streit in Beziehung gesetzt, die freie Bewegung der zunächst Beteiligten gehemmt wurde.

[67] Zu dieser einen Komplikation trat jetzt die andere, daß Stadt und Bischof Basel, die seit 1517 in diesen Tiersteiner Dingen gemeinsam gehandelt hatten, auseinandergingen. Man ist geneigt, diese Änderung zu erklären aus dem Eintritte des Nicolaus von Diesbach in die Regierung des Bistums; er war am 28. Mai 1519 zum Coadjutor Christophs ernannt worden und nahm diesem gealterten Fürsten die Geschäfte aus der Hand. Es war die Zeit, die dem großen Bruche von 1521 unmittelbar voranging. Wie die feindliche Haltung einzelner Stubenherren gegenüber dem Rate, so zeigt auch Anderes die Gereiztheit, die als Vorbote des Kommenden schon jetzt das öffentliche Leben der Stadt und vor Allem ihre Beziehungen zu dem alten Stadtherrn, dem Bischof, durchdrang.

Nach Pfäffingen strebte der Rat so sehr, weil er mit dem Schlosse das zwischen diesem und der Stadt liegende Gebiet gewann. Auch für Basel bedeutete Pfäffingen „den Schlüssel des ganzen Tales“. War die Herrschaft in fremder Hand, so sah sich Basel sozusagen bis an seinen Stadtgraben „eingezäunt und eingetan“. Um dies zu hindern und freies Land bis zum Blauen zu schaffen, hatte der Rat dem Bischof geholfen und verlangte nun als Lohn solcher Hilfe die Zusicherung eines Vorkaufsrechtes auf Pfäffingen. Aber der Bischof lehnte dies Begehren ab, im März 1520, mit dem unbegründeten Vorgeben, daß Pfäffingen zu den vier „verschworenen Lehen“ des Bistums gehöre, sodaß eine Veräußerung gar nie stattfinden könne, ein Vorkaufsrecht somit unnütz sei.

Auf diesem Wege zurückgewiesen, suchte Basel dem Schloß in andrer Weise nahe zu kommen.

Vorerst dadurch, daß es die Witwe Graf Heinrichs, Margaretha von Neuenburg, im Mai 1520 ins Bürgerrecht aufnahm und im September ihre Ansprüche an Pfäffingen kaufte.

Sodann durch eine Annäherung an Solothurn. Diesen ganzen Sommer 1520 lang verhandeln die beiden Städte miteinander, wobei nicht nur Pfäffingen das Thema ist. Es soll eine Verständigung, ein festes Verfahren gesucht werden über die Aufnahme von Fürsten Grafen Herren ins Bürgerrecht, über gemeinsame Erwerbung von Schlössern und Landschaften oben oder unten im Lande, diesseits oder jenseits des Rheines, über Aufnahme in die gemeinsame Beherrschung schon erworbener Gebiete. Sogar von einem Burgrechtsvertrage der vier Städte Basel Solothurn Bern Freiburg ist die Rede. Das Eigenartige dieser Pläne ist, daß sie ein Zusammengehen Basels mit der Gruppe der westlichen Städte ins Auge fassen, der Basel bis dahin ferner geblieben war. Gerade im Blick auf gemeineidgenössische Verhältnisse [68] und die von diesen ausgehenden Hemmungen der eigenen Politik konnte diesen Orten eine Sonderverbindung als vorteilhaft erscheinen. Auch abgesehen hievon war rätlich, aus einem Concurrenten einen Mitinteressenten zu machen. Und gerade in dieser Pfäffinger Sache glaubte Basel, seine Position gegenüber dem Bischof durch dieses Mittel zu stärken.

Bis in den Herbst 1520 zogen sich die Diskussionen. Daß zuletzt gar nichts zu Stande kam, war vielleicht das Werk desselben Bern, dessen Angehöriger Diesbach in Basel selbst dieser Stadt entgegenarbeitete.

Alles dies haben wir uns begleitet zu denken durch ein andauerndes Behandeln des tiersteinischen Erbfolgestreites vor der Tagsatzung. Der Basler Rat aber hatte Ansprüche der Witwe Tierstein erworben; er argwöhnte, daß von Ensisheim her und aus den Kreisen des österreichischen Adels ein Anschlag auf das Schloß vorbereitet werde; er war überhaupt des fruchtlosen Geldgebens, des Debattierens und Zuwartens überdrüssig und beschloß zu handeln. Er griff zu, wie es ehedem nicht seine Art gewesen, wie er aber vor kurzem bei Ramstein mit Erfolg getan hatte. Er bot Mannschaft auf, gab dem energischen und schlauen Jacob Meyer zum Hasen das Kommando und ließ die Schar am Samstag 15. September 1520 bei anbrechender Dunkelheit ausrücken. „Durch ein besonder stratagema“ nahmen sie in der Nacht Pfäffingen ein.

So machte sich Basel zum Besitzer des Schlosses. Es legte eine Besatzung hinein; auch zeigte es den Willen, dort zu bleiben, indem es bauliche Reparaturen vornehmen ließ, ausstattete und armierte.

Die Wirkung dieses Handstreiches war, daß der Bischof bei der Tagsatzung Klage erhob und Solothurn seine Ansprüche wieder geltend machte. Aber was nun folgt, ist ein merkwürdiger Verlauf, in seiner Art nur erklärlich durch das Zusammentreffen der das Gemeinwesen von verschiedenen Seiten her in Anspruch nehmenden Interessen und Bewegungen.

Zunächst allerdings vernehmen wir eine noch sehr frei und unbefangen lautende Erklärung. Am 15. Dezember 1520 beschließt der Große Rat, daß Basel Pfäffingen behalten und nie von Händen geben solle und daran setzen die ganze Stadt und was sie habe an Leib und Gut; der Beschluß wird allen Orten durch eine Spezialgesandtschaft mitgeteilt. Diese Kundgebung ruft einer Reihe von Konferenzen; eidgenössische Tagherren versuchen zwischen Bischof und Stadt zu schlichten. Es wird hitzig verhandelt, ein Vorschlag nach dem andern vorgebracht und verworfen. Dem Basler Rate wird dabei deutlich, daß er in dieser Pfäffinger Sache die Eidgenossen gegen sich hat, wenigstens nicht auf sie rechnen kann. Weiterhin muß sich der Rat sagen, [69] daß, auch wenn das Behalten des Schlosses ihm gelingt, es ein unaufhörlicher Anlaß zu Anfechtungen und Schwierigkeiten sein wird.

In diesen ersten Monaten des Jahres 1521 häufen sich für Basel die wichtigsten politischen und sozialen Traktanden, als deren Hauptstück eine Sache von gewaltigem Zuschnitte, die über das Pfäffinger Thema weit hinaus greift: die völlige Lösung der Stadt vom Bischof. Es ist eine Sache, die zur endlichen Erledigung drängt; die inmitten der diesem Moment eigenen, gewaltigen Erregung die Behörden zum Entschlusse führt, im Kleineren nachgeben zu wollen, um im Großen zu siegen. Durch Preisgeben Pfäffingens gewinnt Basel die nun einmal nicht zu vermeidenden Eidgenossen für ein Gewährenlassen in der großen Angelegenheit des Hochstifts; es kann die Lage auch dazu nützen, einen territorialpolitischen Vorteil an anderer Stelle zu erzielen.

Am 15. September 1520 hatte Basel Pfäffingen eingenommen, am 15. Dezember 1520 der Große Rat diesen Besitz als einen dauernden erklärt, am 17. April 1521 fand sich ein inzwischen andrer Meinung gewordenes Basel mit dem Bischof zur Abrede zusammen: es gab das Schloß wieder an den Bischof zurück gegen das Versprechen, es ewig beim Bistum zu behalten und weder zu verkaufen noch zu versetzen noch zu Lehen auszutun; sein Vogt auf dem Schlosse sollte Basel schwören, bei Krieg in diesen Landen neutral zu sein und keinen Feind Basels zu beherbergen; von der durch Basel dem Bischof vorgeschossenen Summe sollte ein Teil in eine ewige Gült umgewandelt werden, damit Basel, falls je das Schloß vom Hochstift kommen sollte, es als verschriebenes Unterpfand zu Handen nehmen könnte. Als „Ergötzlichkeit“ für das Entgegenkommen der Stadt bewilligte ihr der Bischof den Verkauf des Dorfes Riehen und gab ihr den Consens zu den Erwerbungen von Ramstein und Bettingen.

Noch erhob Solothurn Einwendungen; an wiederholten eidgenössischen Konferenzen mußte von der Sache gehandelt werden, bis sie endlich ihren Abschluß fand im Vertrage des Bischofs mit Basel vom 23. Juli 1522, den Namens der Eidgenossen Bern besiegelte. Wenige Tage zuvor, am 18. Juli, hatte sich der Bischof mit Solothurn abgefunden.

Das tiersteinische Erbe war damit in der Hauptsache liquidiert. Hohkönigsburg und Zubehör waren an Österreich zurückgefallen, Angenstein und Pfäffingen dem Bistum Basel geworden; Solothurn hatte Tierstein erworben.

Aber auch daran ist zu erinnern, daß jetzt endlich eine Periode mannig faltiger Aufregungen ein Ende fand, und daß Klarheit geschaffen war auch hinsichtlich der Herrschaften Ramstein Bettingen Riehen.

[70] Für den Bischof bedeutete der Ausgang des Pfäffingerhandels eine erhebliche Stärkung der territorialen Position und einen Sieg, dessen er neben der Niederlage im Basler Verfassungskampfe doppelt froh sein konnte. Die Stadt Basel aber kam schon nach kurzem wieder auf ihre Pläne der Begründung einer Macht im Birstale zurück


Der Sundgau.

Im Gesamten der territorialen Unternehmungen Basels fehlt die längste Zeit hindurch jede Bewegung nach Norden, im Sundgau.

Daß diese Gebietserweiterung unterblieb — zum ungeheuern Nachteile der Stadt —, scheint durch die Zugehörigkeit dieser Landstriche erklärt. Im Sundgau gebot Österreich, war geschlossenes Herrschaftsterritorium.

Wie oft hätte Basel sich Sundgauer Land verschaffen können! Im Isteinerkrieg, bei der Ächtung Herzog Friedrichs, im Sundgauerkrieg, in der Burgunderzeit, im Schwabenkrieg. Keine dieser Gelegenheiten wurde genützt. Es war eine konsequente Enthaltung. Jeder einzelne dieser Fälle hatte seine Besonderheiten, die als Gründe gelten konnten; stets gab es Einflüsse von Parteien, Gedanken an Gefälle und feilen Kauf, Schonung gewisser Verhältnisse oder Personen; immer entschied die abwägende Vor- und Rücksicht.

War das gewalttätige Nehmen solchergestalt ausgeschlossen, so fand das ruhige vertragliche Erwerben eine andre Hemmung. Zwar hatte Österreich selbst seine Herrschaft Rheinfelden dem Basler Rat als Pfand angetragen und 1467 wirklich übergeben. Auch beim Erwerbe von Gebieten im Sisgau, die von Österreich zu Lehen gingen, war Basel mit dieser Herrschaft fertig geworden. Aber bei ihnen und bei Rheinfelden handelte es sich um isolierte oder abseits liegende Stücke, während im Sundgau die geschlossene einheitliche Masse kein Herausbrechen gestattete. Hier war Österreich in der Tat unbezwinglich.

Es zeigt sich dies deutlich jetzt, da Basel im Flusse seiner neuen entschlossenen Territorialpolitik auch in der sundgauischen Nachbarschaft aktiv wird. Die wenigen Erfolge, die es hier hat, betreffen in der Hauptsache nichtösterreichische Gebiete.

Basels Absicht scheint hiebei planmäßig dem Streifen sundgauischer Dörfer und Herrschaften zu gelten, die einander folgend an die jüngsten Erwerbungen Solothurns und an die bischöflichen Ämter im Birstale grenzen. Basel denkt vielleicht an die Möglichkeit, künftig einmal, zu günstiger Zeit, [71] auch diese zwischenliegenden Flächen gewinnen und dann das neue sundgauische Gebiet mit dem alten sisgauischen verbinden zu können.


Den ersten Vorstoß im Birsigtal machte Basel durch einen Schirmrechtsvertrag mit dem Schloßherrn zu Bottmingen, sodann durch den Kauf dieses Schlosses.


Der Schloßherr, mit dem Basel den Vertrag beredete, wahrscheinlich 1513, war der Professor Gerhard de Lupabus; doch erlebte er die Ausführung nicht. Erst am 22. Februar 1518 kam sie zustande, jetzt mit den Erben des Professors. Basel nahm das „im Leimental oder Sundgau wider den Blauen gelegene“ Schloß Bottmingen in seinen Schutz und Schirm und ewiges Erbburgrecht. Im Fall eines Verkaufes solle das Schloß zuerst dem Rat angeboten und, wenn dieser den Kauf ablehne, nur einem Basler Bürger verkauft werden. Im Jahre 1519, als die Erben de Lupabus das Schloß zu veräußern gedachten, zog es der Rat käuflich an sich, gab es aber sofort wieder aus der Hand, durch Verkauf an sein Mitglied den Meister zu Metzgern Wolfgang Harnasch. Dabei wurde wiederum festgesetzt, daß das Schloß Niemandem gegeben werden dürfe ohne den Willen des Rates, und daß es zu ewigen Tagen im Burgrechte der Stadt Basel bleiben solle.


Ähnlich verfuhr Basel beim nahen Benken, der alten Herrschaft der Schaler. Zuerst durch Vorschießen von Geld an Junker Thomas Schaler gegen Verpfändung des Schlosses, 1519 und 1522; dann in unmittelbarem Anschluß an das letztere Darleihen durch Erwerbung von Vorkaufsrecht und Zugrecht an dem Herrensitze und den Dörfern Benken und Biel mit allen ihren Rechten und Zugehörden, am 29. März 1522. Die Abrede war dabei, daß die Schalerschen Leute dieser Dörfer in Kriegszeiten, wenn sie von Basel gemahnt würden, ihm zuziehen sollten; auch versprach der Junker, in solchen Zeiten sein Schloß den Baslern zu öffnen und sich auch sonst zu halten wie einem frommen Bürger gezieme. In Erwiderung dieser Zusagen gewährte ihm der Rat ein Darleihen, das vier Jahre lang zinsfrei sein sollte.

Basel suchte die Erweiterung seiner Macht noch über Benken hinaus weiter landaufwärts und im solothurnischen Interessengebiete. Es verständigte sich mit Humbrecht von Wessenberg über den Erwerb seiner Herrschaft, die in der Hauptsache aus dem Schlosse Biedertal und dem Dorfe Liebenzweiler [72] bestand. Das Schloß lag am Nordhange des Blauenberges, das Dorf weiter vorn im Tale, beide im Quellgebiete der hier westwärts strömenden Ill.

Die von Wessenberg, deren Stammhaus bei Mandach im Argau stand, begegnen uns das ganze fünfzehnte Jahrhundert hindurch im Verkehre mit Basel und den oberrheinischen Geschlechtern. Egli von Wessenberg war einer der Edeln, die 1499 aus Basel wegzogen; seine Gemahlin Elisabeth Offenburg, Schwester des spätern Bürgermeisters Peter, war Witwe von Friedrich Kilchman; sie heiratete nach Wessenbergs Tode den Bürgermeister Wilhelm Zeigler. Diese Beziehungen scheinen auch den Vetter Eglis, Humbrecht von Wessenberg, den Basler Ratsgewaltigen nahe gebracht zu haben.

Am 15. Dezember 1520 verkaufte er dem Rate das vom Basler Bischof zu Lehen gehende Schloß Biedertal und das von Österreich zu Lehen gehende Dorf Liebenzweiler samt Gütern und Rechten zu Metzerlen Witterswil Äsch usw., unter Vorbehalt des durch Basel beizubringenden Consenses der beiden Lehnsherren.

Der eine dieser Herren, der Bischof von Basel, stand gerade damals im Streite mit der Stadt über Pfäffingen. Seine Einwilligung erschien daher als zweifelhaft, und damit nicht ein Andrer den Baslern zuvorkomme, beschloß der Rat, sich der Burg zu versichern. Wie er vor Jahresfrist bei Ramstein, vor wenigen Monaten bei Pfäffingen getan, griff er auch hier zu. Sofort nach Abschluß des Vertrages schickte er eine erlesene Mannschaft gegen Biedertal. Früh am Sonntag 16. Dezember nach Mitternacht nahmen sie das Schloß ein. Es erhielt eine Besatzung. Zugleich legte Basel die Hand auch auf Liebenzweiler und ließ sich hier die Dorfleute schwören. Wessenberg war ahnungslos in Basel und gönnte sich mit dem Gelde des Verkaufes gute Zeit in der Krone. Von dem Handstreich erfuhr er erst, als Alles vorüber war. Aber weder seine Sundgauer Standesgenossen noch der Bischof glaubten an sein Nichtwissen.

Basel verhandelte mit dem Bischof und mit Österreich. Der Herr dieses Erzhauses, Kaiser Karl, war aber am Wormser Reichstage zu suchen, und dorthin sandte der Rat im Januar 1521 den Hans Oberriet; er sollte Freiung Liebenzweilers und Einwilligung zum Verkauf erwirken, ebenso Sicherung Wessenbergs gegenüber dem österreichischen Regiment. Diese Ensisheimer Herren aber, an ihrer Spitze Hans Imer von Gilgenberg, sind Basels Gegner, sind „die Mißgönner, die uns s. Z. geursacht haben, Eidgenossen zu werden, was uns nie gereut hat, und jetzt auch den Kaiser gegen uns aufbringen“. Sie hetzen im Kabinet und bei der Kanzlei. [73] Ihren Machenschaften gegenüber vermag weder Oberriet noch der, formell als Wessenbergs Vertreter, ihn begleitende Ratschreiber Ryhiner etwas auszurichten. Selbst die Hilfe des mächtigen Patronus Schiner versagt. Welch eine Rolle spielen die zwei Basler im Gewühle des Reichstags, mit ihrer Liebenzweiler Sache neben den welthistorischen Traktanden von Worms! Es geht um ein Dörflein von zwölf Herdstätten, das Basel nur des Brennholzes wegen gekauft haben will. Einen Monat lang werden die Beiden hingehalten, von Vorzimmer zu Vorzimmer geschickt, ein Gespött der Fürsten und der Räte und der Türhüter. Bis zuletzt der über so verächtliche Behandlung empörte Rat sie abruft. Ohne Bescheid erhalten zu haben, reisen sie nach Hause. Inzwischen hat der Bischof zur Pfäffinger Sache noch dieses Biedertaler Geschäft vor die Tagsatzung gebracht. Es geht auch Solothurn an, welche Stadt das Blauengebiet als ihre Reservation zu betrachten gewöhnt ist und Basel da nicht will Fuß fassen lassen. Überdies finden sich kaiserliche Gesandte bei der Tagsatzung ein und reden gegen Basel. Sodaß zuletzt sowohl der Rat als der von allen Seiten bearbeitete Wessenberger, Streitens und Wartens müde, das Projekt fallen lassen. Es ist der Moment, da auch in der Pfäffinger Sache das Verhalten Basels sich ändert. Wir sehen die Resignation einer durch Wichtigeres in Anspruch genommenen Behörde.

Basel gibt Biedertal und Liebenzweiler, wo es ein halbes Jahr lang Herr gewesen ist — sein Vogt auf Biedertal war Gorius Vochhenn —, wieder an Humbrecht von Wessenberg zurück. Was sodann Dieser am 28. Juni 1521 dem Rate verspricht, ist das von der ganzen Unternehmung übrig Bleibende: er darf Schloß und Dorf innert der nächsten fünf Jahre weder verkaufen noch verpfänden ohne des Rates Willen; wird innert dieser Frist der Consens der Lehnsherren eintreffen, so soll der im Dezember 1520 abgeredete Kauf vollzogen werden; auch wird Wessenberg innert der genannten Frist mit seinem Schloß und Dorf in kein andres Burgrecht noch dergleichen Pflicht sich begeben ohne des Rates von Basel Zustimmung.


Eine Sache für sich war Hüningen, im Norden Basels am linken Rheinufer, hart vor den Toren der Stadt die erste Vertretung der schönen weiten sundgauischen Fruchtbarkeit und Bodenwirtschaft.

Zu den am frühesten bezeugten Zusammenhängen Basels mit Ländlichem und Bäuerlichem gehört das Verhältnis zu diesem Dorfe. St. Alban, St. Peter, namentlich das Domstift waren dort berechtigt; im großen dompröpstlichen Dinghofe Hüningen fühlte sich das Leben einer solchen Wirtschaft [74] und Grundherrschaft unter ehrwürdigen Satzungen dauernd gefestigt. Das Geschlecht der alten Meier dieses Hofes hielt dann, zum städtischen Patriziat und bald zum oberrheinischen Adel gehörend, das Andenken dieser primitiven Zustände noch lange fest. In Unzähligem berührten sich die Stadt und das Dorf. Wie der Sprengel der frühesten Pfarrkirche Basels Hüningen mit umfaßte, so tat zuzeiten auch die städtische Bannmeile.

Aber im öffentlichen Recht erscheinen Basel und Hüningen als getrennt. Nirgends so nahe wie hier grenzte Österreich an Basel. Hüningen gehörte zum habsburgischen Stammlande und war bis ins siebenzehnte Jahrhundert eine Herrschaft Österreichs. Sie wurde von diesem zu Lehen gegeben: 1398 an Mathis und Hüglin zer Sunnen, später an die Münch von Gachnang.

Das starke Verbundensein der beiden Gemeinwesen im täglichen Leben überwältigte zuweilen das Gefühl einer Herrschaftsgrenze. So gewöhnte sich Basel daran, die von ihm verfolgten Übeltäter, die sich nach Hüningen begeben hatten, ohne weiteres dort durch seine Stadtknechte festnehmen und zur Beurteilung nach Basel bringen zu lassen; Hans Münch von Gachnang gab als Herr von Hüningen 1479 seinen Willen hiezu. Es war ein Verfahren, das in seiner Einfachheit beiderseits als das vernünftigste und als unpräjudicierlich für die Hoheit galt. Dagegen zeigte sich Basel empfindlich für Handlungen, die nicht nur der Form zu nahe traten, sondern Sache und Person trafen; es wahrte seine Rechte sehr entschieden gegenüber Österreich, als dieses 1509 die Basler Eigenleute in Hüningen zur Steuer heranzog.

Die erwünschteste Vereinfachung kam dann 1516 dadurch, daß Heinrich Münch von Gachnang seine Lehenrechte am Dorfe Hüningen auf fünfundzwanzig Jahre, bis 1541, gegen jährlichen Zins an den Basler Eucharius Holzach abtrat.

Holzach war damals Ratsherr zu Hausgenossen (seit 1507) und einer der Führer des Gemeinwesens. So ist beinahe gewiß, daß auch dieser Erwerb von Hüningen weniger seine persönliche Angelegenheit gewesen sei als die der Stadt. Die Kosten der Huldigung im September 1516 wurden aus der städtischen Kasse bestritten, aus dieser auch jährlich der dem Heinrich von Gachnang zustehende Zins. Dagegen kamen die Ausgaben der Herrschaft selbst (Besoldungen usw.) so wenig in die Bücher der Stadt als die Einnahmen. Der Zwitterhaftigkeit dieses Verhältnisses galt wohl auch die Opposition, die von Seiten der österreichischen Regierung [75] dem Übergange Hüningens an Holzach gemacht wurde. Der Rat von Basel trat dabei für seinen Kollegen ein, bis er selbst sichtbar dessen Stelle einnahm. Am 15. Januar 1521 überlieh Holzach an Bürgermeister und Rat die 1516 durch Heinrich Münch von Gachnang an ihn abgetretenen Lehensrechte am Dorfe Hüningen mit aller Zugehörde, hohen und niedern Gerichten Gefällen Nutzungen und aller Obrigkeit, für den Rest der bis 1541 währenden Dauer der Abtretung. Von da an war Hüningen eine der Vogteien Basels, als Lehen Österreichs.


Mit der städtischen Herrschaft Hüningen wurde das nahegelegene Michelfelden vereinigt, das die Stadt im selben Jahre 1516 erworben hatte, in dem Hüningen an Holzach übergegangen war.

Bei Michelfelden handelte es sich um keine Herrschaft, um kein Territorium. Es war ein großer Gutsbetrieb. Ursprünglich ein Kloster von Zisterzienserinnen. Aber schon im dreizehnten Jahrhundert zogen diese Nonnen nach Blotzheim, worauf der alte Klosterort zum Wirtschaftshofe wurde. 1378 gehörte dieses Michelfelden der Beginensammlung zur Mägd in Basel, später denen von Utingen, dann lange Zeit hindurch den Herren von Vaumarcus, Bastarden der alten Grafen von Neuchâtel. 1489 verkauften Diese das Gut an Michel Meyer von Baldersdorf und Paul Hirsinger. Nach weitern Handänderungen wurde es im Jahre 1516 durch Hans Sprengers Witwe an Bürgermeister und Rat verkauft.


Beiläufig vernehmen wir, daß im Sommer 1518 das Dorf Sierenz dem Rate zum Kauf angetragen wurde. Doch wird uns Bestimmteres nicht bekannt.

Weiter nördlich, im Kerne des alten habsburgischen Landes, lag Landser, die Burg, die den Baslern von der Erstürmung im Jahre 1246 bekannt war. Die zugehörige Herrschaft reichte bis an den Allschwiler Bach; ein mächtiges und Basel unmittelbar benachbartes Stück österreichischen Territoriums.

Diese Herrschaft Landser war dem Grafen Heinrich von Tierstein, wahrscheinlich beim Kaufe der Hohkönigsburg 1517, verschrieben worden. Um sie vom zeitigen Pfandinhaber lösen zu können, entlieh der Graf 1518 achttausend Gulden von Basel. Damit brachte er die Herrschaft in seinen Besitz; die Stadt Basel aber verwies er für ihre Forderung auf seinen Pfandbrief über Landser und stellte ihr als Bürgen den Grafen Wilhelm [76] von Fürstenberg und Herrn Adelberg von Bärenfels. Basel handelte hier wie in der Pfäffinger Sache, wo es das Geld für die Lösung der Burg vorgeschossen hatte. Es verpflichtete sich den Grafen und erwarb einen Anspruch auf die wichtige Herrschaft.

Nach des Grafen Tode 1519 hatte sich die Stadt an die Gräfinwitwe Margarethe zu halten. Diese wurde Basler Bürgerin, und das Ensisheimer Regiment vernahm, daß Basel ihr zur Einnahme von Landser behilflich sein wollte. Ensisheim mochte dies nicht geschehen lassen und brachte die Sache vor die Tagsatzung.

Wie sich nun der Handel weiter entwickelt, ist charakteristisch. Wir lernen wieder Basels Lage kennen: auf der einen Seite die Gegnerschaft Österreichs, auf der andern die Hemmung durch die Eidgenossen. Die Regentschaft nimmt Landser zu Handen und entsetzt die Gräfin, zwar unter Erlegung des Pfandschillings, des Amtes. Basel sieht sich die gute Gelegenheit entgehen und sein Geld gefährdet. Es sind die an Aufregungen und Verdruß reichen Wintermonate 1520, da der Rat noch andre Territorialpläne (Röteln Pfäffingen Biedertal) betreibt und überall auf Widerstände stößt. „Er will seine Ehre wahren“ und die Herrschaft Landser mit den Waffen einnehmen; die Eidgenossen sollen ihm helfen. Sein energisch instruierter Tagsatzungsgesandter führt „hitzige“ Beschwerden über Österreich; die Stadt sei gewillt, sich mit Gewalt zu „reichen“, was ihr vorenthalten werde. Aber die Eidgenossen verweigern nicht nur die Hilfe; sie behaften Basel beim Bundesbriefe und verlangen von ihm, sich jeder kriegerischen Unternehmung zu enthalten und nach Vorschrift der Erbeinung die Sache vor Recht gelangen zu lassen.

So bleibt Alles der Verhandlung anheim gestellt, und es beginnt das gewohnte Treiben. Mit Briefen Mahnungen Gesandtschaften Konferenzen. Auch diese Landserer Sache gelangt bis zum Kaiser an den Wormser Reichstag; auch bei ihr soll Schiner Helfer sein. Aber auch bei ihr kommt es zu nichts.


Burgund.

Seit Alters sehen wir das Leben Basels in Berührungen mit dem Leben Burgunds. Über alle Grenzen hin gingen geistiger und wirtschaftlicher Verkehr zwischen den oberrheinischen Landen und dem Tale des Doubs, den Quellgebieten der Saône. Hiezu traten noch politische Verhältnisse; sie führten die Truppen Basels dort hinüber vor Blamont l'Isle Héricourt usw. Jetzt, in der Zeit großer territorialer Entwürfe und Versuche, bemächtigen [77] sich solche Aspirationen auch jenes Gebietes. Sie werden geweckt durch das Vorgehen andrer eidgenössischer Orte und heften sich an die Erscheinung des Grafen Wilhelm von Fürstenberg.

Eine neue Figur tritt mit Diesem in die Basler Welt ein. Sein Vater Wolfgang war 1502 Landvogt der vorderösterreichischen Gebiete geworden, sein Oheim Heinrich 1499 bei Dornach als kaiserlicher Feldhauptmann gefallen. Auch die Verwandtschaft mit Graf Heinrich von Tierstein, dessen Gemahlin eine Base der Gemahlin Wilhelms war, brachte ihm Beziehungen zum Oberrhein; ebenso sein Studium in Freiburg. Die Gelder zur Aussteuer seiner Schwester Margaretha, die sich 1505 mit dem Freiherrn Hans Jacob von Mörsberg vermählte, wurden bei Basler Kapitalisten ausgenommen; für ihn arbeiteten Basler Goldschmiede usf. Dann haben auch die Basler Politiker sich mit diesem Herrn abzugeben, dessen Wesen sogar in jener doch an Vieles gewöhnten Zeit Aufsehen erregt. Sie vergleicht ihn, den ungewöhnlich schönen und imposanten Mann, mit Mars; seine Kriegstaten, seine Verschwendung, sein toller Übermut und seine Unverträglichkeit machen ihn so berüchtigt wie berühmt.

Fünfzehnjährig mit Bona, der Erbtochter von Neuchâtel, verheiratet, die nach neun Jahren 1515 starb, besaß Graf Wilhelm aus dieser Ehe Ansprüche an Schlösser und Herrschaften im Burgundischen: die an Mächtigkeit miteinander wetteifernden Héricourt und Blamont, ferner Granges Clerval l'Isle Pont de Roide usw. Aber auch Herzog Ulrich von Württemberg war erbberechtigt, durch seine Urgroßmutter Henriette von Mümpelgart. Wir haben hier den Streit der Beiden nicht zu schildern, der aus der Erbschaftssache erwuchs. Auch nicht das Eingreifen der Eidgenossen. Aber wichtig ist, zu beobachten, wie Basel in diese burgundischen Angelegenheiten hineingerät.

Es sah im September 1517 Solothurn ein Burgrecht mit Stadt und Herrschaft Mümpelgart schließen und den württembergischen Landvogt daselbst zum Bürger annehmen. Basel durfte sich fragen, warum nicht auch ihm zukomme, engere Beziehungen zu jenen Gebieten zu schaffen. Auch seine Gedanken und Wünsche waren durch mancherlei Interessen dorthin gelenkt. So geschah, daß kurz nach dem Abschlusse des Mümpelgarter Burgrechtes von Solothurn die Stadt Basel ein Ähnliches tat; und natürlich griff sie dabei auf den Gegner des mit Solothurn verbundenen Ulrich, den Fürstenberger.

Am 20. Mai 1518 nahm Basel den Grafen Wilhelm von Fürstenberg zum Bürger an samt allen seinen Herrschaften diesseits des Rheines in und bei Burgund, mit dem Versprechen, ihn zu schützen und bei Bedrohung [78] und Schädigung jener Lande ihm zu Hilfe zu kommen; im Falle von Krieg der Stadt sollten Knechte aus jenen Landen ihr zuziehen und die Stadt l'Isle, Pont de Roide mit seinem Brückenkopfe und das in der Nähe am Lomont gelegene starke Schloß Neuchâtel ihr offen stehen. Der Vertrag wurde auf sechs Jahre geschlossen.

Was folgte, war Fortsetzung des Kampfes der beiden Herren. Wie Ulrich 1519 sein Land Württemberg verlor, benützte Wilhelm den Moment, nahm Schloß und Herrschaft Granges ein, und die Landfehde ging in üblicher Weise weiter. Aber während Solothurn Hilfstruppen hinüber schickte, beschränkte sich Basel auf Beobachtung. Der Rat hatte den Meltinger, den Jacob Meyer u. A. als ständige Deputierte in Héricourt; unaufhörlich ritten die Eilboten hin und her. Daneben verhandelte man an der Tagsatzung, wo Basel „das Herkommen des Handels“ erklärte und seinen gräflichen Bürger verantwortete. Es möchte gerne sehen, dah Friede werde, erklärte Basel; aber auch das die Mümpelgarter zum Kampfe treibende Solothurn sollte stillestehen und eine Verständigung ermöglichen.

Vom Verkehre Basels mit Fürstenberg selbst erfahren wir wenig. Nur hie und da klingt ein Ton der Unzufriedenheit mit dem Benehmen Wilhelms, der sich an dieser lokalen Streitsache nicht ersättigt, sondern ins Weite und mächtig Bewegte verlangt. Daher auch die wiederholte Klage Basels, daß Wilhelm immer abwesend sei, wenn man seiner bedürfe. Er soll Dienste bei König Franz genommen haben, dann kämpft er im kaiserlichen Heere. Jedenfalls bedarf er Geldes und ist seiner burgundischen Herrschaft müde. Er findet dieses Geld bei Basel, das ihm dafür die Herrschaft l'Isle abnimmt.

Die Territorialunternehmungen Basels hatten sich bisher auf Nachbarland bezogen und waren Fortsetzung von früher Begonnenem gewesen. Jetzt zum ersten Male griff Basel über seine natürliche Zone hinaus. Kaum auf Grund eines lange vorbereiteten Planes. Der Kauf war Consequenz der Aufnahme des Fürstenberger Grafen ins Bürgerrecht und hatte eher den Charakter einer Geldanlage als einer innerlich begründeten Erwerbung. Die Wichtigkeit des in der Mitte zwischen Mümpelgart und Baume-les-dames gelegenen Ortes bestand vor Allem darin, daß er die großen Straßenzüge des Gebietes und ihre Kreuzung beherrschte; aber in solcher Ferne eine Basler Herrschaft einzurichten, war doch von fraglichem Werte und weder durch die Freude an dem schönen Lande zu rechtfertigen, noch durch die Erinnerung an vergangene Zeiten, in denen Basel seine Fahnen wider die Mauern dieser Stadt l'Isle getragen hatte.

[79] Am 23. April 1521 verkaufte der Graf an Basel Stadt und Schloß „Lyl“ um zehntausend Gulden, dazu das Geschütz daselbst um dreihundert Gulden, unter Vorbehalt des Rückkaufsrechtes für drei Jahre. Zugleich erneuerte er seinen Basler Bürgerrechtsvertrag.

Gegen diesen Verkauf erhob sich Solothurn, im Aufträge Herzog Ulrichs daran erinnernd, daß l'Isle einer der Orte sei, über deren Zuständigkeit in einem vor dem Gerichte zu Dôle hängenden Prozeß erst entschieden werden solle. Aber Basel trat hierauf nicht ein, sondern nahm l'Isle in Besitz. Es ließ Jacob Meyer und einige andre Herren hinüberreiten und die Untertanen in Eidespflicht nehmen. Die Stelle eines Landvogtes wurde ausgeschrieben und mit Junker Wolf Iselin besetzt, der bis vor Kurzem Vogt auf Pfäffingen gewesen war. Und da Graf Wilhelm zur selben Zeit um Hilfstruppen und Waffen bat, legte Basel eine Besatzung von sechzig Knechten unter Jacob Brattelers Befehl in das Schloß Héricourt; auch verkaufte es dem Grafen einige Hundert Spieße.

Reizvoll ist immerhin die Existenz dieser Basler Herrschaft fernab in der Franche Comté. Daß die Regentin Margaretha l'Isle als burgundisches Lehen reklamierte und demgemäß die Leute durch Steuerforderungen u. dgl. belästigt wurden, daß auch ein Herr von Longenpierre Ansprüche an die Herrschaft erhob, waren Störungen, über die Basel so leicht hinwegging, wie über den Einspruch Solothurns. Aus den Akten, den Roteln, den umfangreichen Abrechnungen gewinnen wir vielmehr das runde und komplette Bild dieser Basler Landesverwaltung. Neben der Stadt l'Isle selbst, die samt ihrem Schloß in einer Schleife des Doubs liegt, mit dem freien Blick über die südwärts gelegene Ebene bis zum Lomont, gehören zur Herrschaft die Dörfer Pontpierre Uzelles Rans usw. Als Einnehmer besorgt der Pfarrer von Grandfontaine, messire Thiébault de Ladroye, das Rechnungswesen. Die oberste Leitung ist beim Landvogt.

Das Birstal hinauf, dann von St. Ursanne das Tal des Doubs hinab geht der Weg, der Basel mit dieser entlegenen Herrschaft verbindet; wir sehen ihn einem beständigen Verkehre durch Briefe und Gesandtschaften dienen.

Unter den Landerwerbungen Basels in dieser Zeit war diejenige von l'Isle gewiß die ansehnlichste; sie war überhaupt die letzte große derartige Aktion der schon bald dem Sturze verfallenen Regierung.


Wichtig, umfangreich, zahlreiche Kräfte bewegend und in höchster Anspannung zusammenfassend, findet die gesamte territorialpolitische Tätigkeit dieses Regimentes doch Raum in der Spanne weniger Jahre.

[80] Die großen Unternehmungen sind dabei meist ohne Erfolg geblieben. Aber gerade sie fesseln uns, als Äußerungen eines mächtigeren Bewußtseins. In ihnen plant und wagt Basel über seine Kräfte und auch über seine traditionelle Art hinaus. Diejenigen Territorialgeschäfte, die ihm glücken, sind die naheliegenden und normalen, während jene weitergreifenden Entwürfe am Widerstande derselben Mächte zugrunde gehen, die das freie Gedeihen Basels überhaupt hemmen: Österreich Bistum Eidgenossenschaft.



[81] 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000

Drittes Kapitel
Verfassung




Wer war Obrigkeit in Basel?

In dem Streite hierüber, der seit Jahrhunderten eine Generation nach der andern erregte, war das städtische Wesen geworden und gewachsen, eine Stadtherrschaft des Rates entstanden. Jetzt, in der einzigartigen Epoche, die so vieles Alte vor modernen Ideen und Formen weichen ließ, galt es in diesem Kampfe, der dem lebenden Geschlechte vererbt worden war, den letzten Schritt. Das Ziel war die endgültige Gestaltung des Staates in der Stadtmauer, die der Zeit entsprechende Festsetzung von Bestand und Recht des Rates, die Sicherung einer geschlossenen Einheitlichkeit der Einwohnerschaft.


Von den verschiedenen Eximierungen und Privilegierungen der Kleriker ist schon die Rede gewesen. Auch davon, daß die städtische Behörde schon frühe gegen diese Sonderexistenz auftrat. Seit dem vierzehnten Jahrhundert folgten sich ihre Beschlüsse über Gerichtsbarkeit Testamente Vergabungen Besteuerung Kriegsdienst, und durch sie alle hindurch ging dieselbe Absicht: Die, „so mit einem Tor und Schlüssel beschlossen werden", sollen gleichen Rechtes sein und gleiche Bürde tragen. Es war der entschiedene Wille, alle Einwohner unter dieselbe Pflicht zu stellen; das Bedürfnis des reifen Gemeinwesens, seine Kräfte ganz zur Verfügung zu haben. Hiezu gehörte hauptsächlich die Beseitigung der libertas ecclesiastica.

Im Streben hienach hatte der Rat als entschlossensten Gegner das Domkapitel. Wir wissen, daß diese Körperschaft sich als Vertreter der gesamten städtischen Geistlichkeit zu geben pflegte. Auch jetzt wieder stand sie so dem Rate gegenüber, in einzelnen Figuren einen Stolz verkörpernd, mit dem verglichen das Wesen der Domherren vor fünfzig Jahren in der Erinnerung betagter Kapläne wie lauter Demut und Milde erschien. Der [82] Geist eines ungebeugten Kirchenregiments war noch gesteigert durch die energische kampfbewegte Zeit. Wie diese Herren des Kapitels dem Bischof gegenüber sich benahmen, so dem Rate der Stadt.

Äußerlich war das Verhältnis dieser beiden Mächte ja geordnet. Die traditionelle Stellung des Domkapitels im Gemeinwesen galt noch immer. Die Etikette großer städtischer Feste verlangte auch jetzt noch die Beteiligung der Herren auf Burg. Gegenseitig versicherte man sich bei Gelegenheit des besten Willens. Man sei von jeher miteinander verwandt gewesen und wolle wie immer in Lieb und Leid auch jetzt, die Zeit möge sein wie sie wolle, für einander einstehen.

Aber die so redeten und schrieben, hatten doch beständig Streit. Es war das notwendige Ergebnis ihrer gegensätzlichen Existenz. Auch in diesen kleinen Kontroversen, die der Inventierung des Nachlasses von Geistlichen durch die städtische Behörde, der Ablösung der Ewigzinse, der Beiziehung von Klerikern zum Kriegsdienste galten, lebte der große Gedanke vom Wesen der Kirche und ihrer Allmacht, und diesem Bewußtsein gegenüber beim Rate das Gefühl der Souveränität, der Begriff ungeschmälerter Stadtherrschaft und Hoheit.

Diese vielen Diskussionen haben wir hier nicht zu schildern. Aber darzulegen ist, wie nach all dem zerzettelten Hader, in einem Momente hoher Steigerung des öffentlichen Wesens, im Jahre 1512, die beiden Mächte wieder aufeinanderstoßen und nun ihre Begehren und Beschwerden gesammelt zur Verhandlung bringen. Eigenartig ist dabei, daß der Streit nicht offen geführt wird und daß nicht Basel der Kampfplatz ist, sondern die Curie in Rom.

Den Anlaß bietet die uns bekannte eidgenössische Gesandtschaft zu Papst Julius II., in der Basel durch seinen Oberstzunftmeister Lienhard Grieb vertreten ist. Während dieser lebensvollen Wochen, da die Boten der Tagsatzung auf dem Wege nach Rom sind, ist auch das Basler Hochstift in Aufregung. Die Domherren haben erfahren, daß Grieb dem Papst allerhand Wünsche des Rates über kirchliche Dinge vortragen werde. Einzelnes wissen sie nicht, aber sie fürchten Alles. Der Heilige Vater muß daher unterrichtet werden. Denn zahllos sind die Verletzungen kirchlicher Freiheit, die der Basler Klerus schon jetzt zu leiden hat. Heißt der Papst gut, was die Stadt begehrt, so wird der kirchliche Stand zu Basel sein, wie einst das sacerdotium unter König Pharao war. Die Freiheit, die der Papst durch die Gnade Gottes und mit der Hilfe der Schweizer seinem Italien gewonnen hat, wird der Kirche die Knechtschaft bringen.

[83] Unruhig schauen Bischof und Kapitel nach Helfern aus. Den Legaten in der Schweiz bitten sie um Verwendung beim Papste; durch das vorderösterreichische Regiment suchen sie den Kaiser für ihre Sache zu gewinnen; sie schreiben dem mächtigen kaiserlichen Rate Matthäus Lang; sie instruieren den Johannes Schütz, Prokurator in Rom; sie rufen vor Allem ihren Mitkanoniker Lux Conrater zu Hilfe, der auf seiner Pfründe in Konstanz sitzt, aber Menschen und Dinge in Rom besser kennt als die Andern. Er gibt guten Rat und vermittelt. Über Chur und Mailand und durch die Filiale der Fugger laufen die Eilbriefe der Basler an den päpstlichen Hof.

So gut wir informiert sind über die Tätigkeit des Domkapitels, so wenig vernehmen wir von den Verhandlungen in Rom selbst. Was die Stadt an Privilegien zu erlangen vermochte, haben wir gesehen. Durch die Mehrzahl wurden die Interessen des Domkapitels nicht berührt. Nahe trat ihm einzig die am 20. Dezember 1512 vom Papst ausgesprochene Kassation des alten Kapitelstatuts, daß ein Basler niemals Aufnahme im Domkapitel finden solle; aber es war dies ein rein formeller Sieg der Stadt. Das Kapitel respektierte diese Verfügung nicht und hielt nach wie vor Kandidaten baselischer Herkunft fern. Im Übrigen kennen wir mehrere Begehren des Rates, mit denen er beim Papst unterlag; sie gingen auf Besteurung aller, auch der geistlichen Einwohner; auf Ablösung der Ewigzinse; auf Übergang des Wahlrechts in den Papstmonaten an den Rat. Jedenfalls hat zu solcher Ablehnung die Einsprache des Domkapitels beigetragen. Um so mehr sah sich der Rat durch diese Erfahrung getrieben, künftig nicht mehr zu fragen und zu bitten, sondern im Bereiche seiner Macht selbständig zu handeln.

Zunächst tat er dies gegenüber den „Hofsverwandten", d. H. den Beamten der geistlichen Gerichte und der Domstiftsverwaltung. Das Verhältnis dieser Curialen zum Gemeinwesen war schon lang ein Gegenstand von Streit und Verhandlung. Aber erst die durch den Bund von 1501 geschaffene Erweiterung des öffentlichen Lebens und die Steigerung städtischen Machtgefühls führten zu durchgreifender Ordnung. Schon im Jahre 1502 war die Frage der Bundesbeschwörung durch die Prokuratoren und Schreiber der Curie bis vor die Tagsatzung gebracht worden; die vielen Heerzüge verlangten wiederum einen Entscheid darüber, wie mit diesen Leuten zu verfahren sei. Mitten im Drange der kriegerischen Rüstungen des Sommers 1515, da eine Aushebung der andern folgte, beschloß der Rat, die Curialen nicht länger von den städtischen Bürden zu dispensieren. Am 25. Juni verfügte er, daß sie von nun an den Bürgern gleichzustellen seien und [84] wachen hüten reisen (in Krieg ziehen) steuern und dem Rate schwören sollten. Den sich Weigernden wurde die Sperrung alles Kaufs und Verkaufs, das Verbot des Mahlens und Backens, der Ausschluß von Markt und Weidgang angedroht. Der Bischof erhob Einwendungen. Aber der Große Rat bestätigte die Verfügung. Und nun geschah, gern oder ungern, die Eidesleistung durch die Curialen und Viele, die ihnen glichen. Nach den Notaren Prokuratoren Pedellen der Curien schworen der Fiskal, die Klosterschaffner, Organist Buchschreiber Glöckner auf Burg, die Siegristen zu St. Peter und St. Theodor, der Münsterwerkmeister. Es war ein weithintreffender Sieg des städtischen Wesens. Aber der Münsterchronist rief Wehe über diese Freveltat, über diesen Tag des Unheils, an dem die ehrwürdigen Privilegien des Domes zertrümmert worden seien.


Seit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts saß kein Edelmann mehr im Rate, war die Hohe Stube nur noch durch Achtburger vertreten. Wie diese Vertretung aber immer schwächer wurde, haben wir gesehen; je lauter und mächtiger solcher Abnahme gegenüber die Zunft auftrat, um so fester gründete sich die Auffassung der Stube als eines fremden, zum gemeinen Nutzen nichts beitragenden Körpers. Sie selbst gab sich in Vielem preis; im Rate konnte laut davon geredet werden, daß Die von der Hohen Stube nicht täten, was ihre Pflicht sei.

Den ersten Schlag empfing die Stube bei der Revision des Handfesterechts 1503/06, da auch Zünftige als wählbar zu Kiefern erklärt wurden. In den folgenden Jahren beschäftigte man sich weiter mit den Vorrechten der Stube. Aber vor entscheidendem Zugreifen scheuten sich die Zünfte noch, jedenfalls einzelner verdienter Männer wegen, die von der Stube her im Rate saßen. Aber im Dezember 1514 starb der bedeutendste dieser Herren, der hochangesehene Bürgermeister Peter Offenburg; die feierliche Teilnahme von Rat und Sechsern an seiner Bestattung war die letzte Huldigung des Gemeinwesens an die der Hohen Stube eigenen Kräfte und Fähigkeiten. Jetzt hemmten keine Rücksichten mehr, und die Zünfte gingen vorwärts.

Sie gefielen sich in der Meinung, daß sie allein Arbeit und Verantwortung des Regimentes tragen müßten. Die Vorrechte der Hohen Stube, die vor Zeiten vielleicht begründet gewesen, erschienen heut als unverdient. Sie widerstritten auch den dieser Zeit eigenen Forderungen bürgerlicher Gleichheit. Dies war „das Gemurmel des gemeinen Mannes“, mit dem dann der Rat seinen Beschluß motivierte. Bei den Heerzügen der letzten [85] Jahre war dieser Unwille besonders laut geworden; und die Listen dieser Züge zeigen uns in der Tat die Berechtigung des Vorwurfes, daß die Stubenherren den Kriegsdienst vernachlässigt hätten, anders als ihre Vorfahren, „die in allen Kriegs- und andern Nöten dem gemeinen Gute tröstlich erschienen seien“.

Wir erinnern uns an die Vorgänge der 1440er Jahre. Wie damals war auch jetzt kriegerisch erregte Zeit. Auch damals war der Sturm der Gemeinen wider die Geschlechter gegangen. Wie damals geschah auch jetzt die Verhandlung im Rat unter Ausschluß der Mitglieder von der Stube. Als Diese vernahmen, worum es gehe, begehrten sie gleichfalls zur Sache zu reden. Man antwortete mit dem Verlangen, sie sollten die Dokumente vorweisen, auf denen ihr Recht ruhe. Aber sie vermochten nichts Schriftliches zu produzieren, bezogen sich auf die alte Übung.

Da berief der Rat die Sechser, den Großen Rat, und in dessen Sitzung am 8. März 1515 erging der Beschluß: Das bis dahin ausschließlich aus der Hohen Stube besetzte Unzüchtergericht wurde zu der Stadt Handen genommen; es sollte fortan aus dem ganzen Rate besetzt werden. Gleicherweise wurde das bisherige Übergewicht der Stubenherren in Siebneramt und Dreizehnerrat aufgehoben; diese Kollegien, sowie alle übrigen und das Gericht, sollten frei aus dem Rate besetzt werden, ohne Unterschied zwischen Stube und Zünften. Bei Gesandtschaften sollten Die von der Hohen Stube nicht mehr drei Pferde auf gemeine Kosten haben, sondern gleich den Zünftigen zwei. Wichtig dann aber, wie in diesem Beschlüsse noch über das Politische hinausgegriffen wurde. Er rührte an den Bestand der Stube selbst. Stadtwirtschaftliche und soziale Interessen drängten sich heran und setzten durch, daß der Eintritt eines Zünftigen in die Stube künftig nur möglich sein sollte unter Abgabe eines Zehntels seines Vermögens an die Stadt, sowie daß ein Stubenherr nicht mehr wie bisher ohne weiteres sein Geld in ein Gewerbe leihen und Gewinn und Verlust davon haben könne, sondern diejenige Zunft anzunehmen habe, der das Gewerbe angehöre.

Auf solche Weise wurde die Hohe Stube aus ihrer seit Jahrhunderten behaupteten Stellung verdrängt. Sie hörte auf, eine besondere politische Institution Basels zu sein. Wenn außerdem der Übergang von der Zunft in die Stube sehr erschwert und die Commanditierung zünftiger Gewerbe durch Stubenherren verhindert wurde, so trieb hiezu der Wille, das Abhandenkommen zünftischen Geldes in der Stube durch Heirat oder sonst unmöglich zu machen, sowie der Neid der niedern Zünfte, die den obern die Stärkung durch das Geld patrizischer Gemeinder nicht gönnten. Die Wirkung war [86] jedenfalls die Lösung der Stube von der Zunftmasse. Der Zufluß, den sie immer aus dieser gehabt, wurde ihr abgeschnitten und sie auf sich allein zurückgewiesen. Es war dies mehr als Isolierung, es war tödliche Entwurzelung.

Die gesamte Reform war eine Gewalttat. Aber als Werk des demokratisch-revolutionären Geistes entsprach sie der Entwickelung der Stadt. Daß sie der bisherigen Auszeichnung des einen Standes, der Optimatenherrschaft überhaupt und nicht einzelnen Vorrechten galt, zeigt die ihr folgende Bürgermeisterwahl von 1516; da wurde der stubengenössige Offenburg durch den Meister zu Hausgenossen, Jacob Meyer zum Hasen, den ersten Bürgermeister von Zünften, ersetzt.

Neben der Vernichtung alter Grundsätze war überhaupt das Lebendigere und Aufreizendere die persönliche Schädigung, das einzelne Wehetun, die Beleidigung glänzender und angesehener Familien.

Es war nur Gerechtigkeit, daß auch die Stadt ihren Schaden davon hatte, indem die bisher in den Traditionen öffentlicher erlesener Wirksamkeit gebildeten und in der Höhe gehaltenen Geschlechter zu einem politisch indifferenten und geistig verkommenden Stadtjunkertum degradiert wurden; eine große Summe von Talent Kraft und Wille eigener Art ging dem Gemeinwesen für immer verloren.

Das älteste und größte Ratsgeschäft, seit Jahrhunderten ein auf dem städtischen Wesen lastendes Problem, jetzt aber Entscheidung und Endigung begehrend, war das Verhältnis zum Bischof.

Es handelt sich um den Episkopat Christophs von Utenheim; er ist dadurch gekennzeichnet, daß in seinem Verlaufe das Letzte, was noch öffentliches weltliches Recht des Bischofs in Basel war, unterging.

Das Regiment Christophs begann unter dem Drucke der Erinnerung an Bischof Caspar und dessen Kampf mit der Stadt. Wie sehr dies auf die Haltung des Domkapitels wirkte, zeigt z. B. die unhöfliche Verzögerung der Anzeige von Caspars Tod an den Rat, dann die Ablehnung von dessen Anerbieten, die bischöflichen Lande und Schlösser übungsgemäß während der Sedisvacanz zu besorgen.

Bischof Caspar war am 8. November 1502 gestorben; auf den 1. Dezember wurde die Wahl seines Nachfolgers angesetzt. Unruhe kam dabei zunächst durch das Streben des Domkapitels, sich unter dem neuen Bischof eine bestimmte Mitregierung vorzubehalten; zu diesem Zwecke wurde eine Wahlkapitulation entworfen und im Schoße des Kapitels, offensichtlich [87] unter heftigen Kämpfen, beraten. Sodann aber drang auch in dieses Bistumsgeschäft die Erregung, die vom Schwabenkrieg und von Basels Schweizerbund her den Oberrhein bewegte. Österreich wollte wenigstens in diesem Bereiche des Bistums seinen Einfluß sichern; als Vasall des Hochstiftes wohnte es der Wahlhandlung bei und portierte als Kandidaten den Basler Kapitular Johann Werner von Mörsberg, Sohn des österreichischen Landvogtes Freiherrn Caspar. Vielleicht kamen Einwirkungen solcher Art auch noch von andrer Seite. Doch konnten nicht politische Aspirationen allein Gehör finden. Auch Kirchlichkeit Gelehrsamkeit Würde waren von Bedeutung. Und die besten Aussichten hatte jedenfalls, wer schon auf dem Posten stand und gewissermaßen designiert war. Als solcher kam der Bistumsverweser und Coadjutor Christoph von Utenheim in Betracht. Er wurde gewählt, am 1. Dezember 1502, in Anwesenheit von Deputierten des Rates. Die Provision durch Papst Alexander VI. folgte am 8. März 1503.


Christoph von Utenheim, Sohn des bischöflich straßburgischen Hofmeisters Hans, kannte Basel schon von seinen Studentenjahren her. Der Kirche diente er als Chorherr, dann als Propst des Thomasstifts zu Straßburg, seit 1475 als Domherr zu Basel. Sein Wesen wird uns schon in dieser Frühzeit dadurch bezeichnet, daß er wiederholt mit Inspektion und Visitation der Straßburger Diözese betraut wurde sowie vom Abt von Cluny, dessen Generalvikar er war, die Leitung der verwahrlosten Priorate Basel, St. Ulrich und Cerdona zugewiesen erhielt. Beim Basler Dom zum Custos erhoben, übernahm er noch bei Caspars Lebzeiten, 1499, das Amt eines Bistumsverwesers, 1502 dasjenige eines Coadjutors. All das deutet auf Brauchbarkeit und Hingebung. Aber es ist für Christoph bezeichnend, daß inmitten solcher Tätigkeit er das wachsende Verlangen hatte, stille zu werden und abseits zu sein. Er wollte im Schwarzwald in die Einöde gehen; schon war er bereit, diese Absicht auszuführen, da traf ihn die Nachricht, daß er zum Bischof von Basel ausersehen sei.

Lebensvolle Äußerungen der Freunde Utenheims sind uns aus diesem Moment erhalten. Geiler riet, die Bischofswürde abzulehnen, da eine Reform der kirchlichen Zustände ja doch nicht durchführbar sei. Anders Wimpfeling. Ihm schien, daß in dieser Berufung Gott selbst zu Utenheim rede. Er solle das Amt annehmen zur Ehre des Höchsten und zum Heile vieler Seelen. Und dann folgt auf diesen Zuspruch die Schilderung eines guten Bischofs und seiner Regierung, gemengt aus kühnen Träumen und bittern Bemerkungen über die Besetzung der Ämter, über die Beaufsichtigung [88] der Plebane und der Bettelmönche, über die Abhaltung häufiger Synoden usw. Es ist das Idealbild des weisen gläubigen ernsten Bischofs. Geiler hatte die Annahme der Wahl widerraten, weil er Christophs Art kannte und ihn vor schweren Erfahrungen bewahren wollte. Aber Christoph folgte Wimpfeling.

Sofort ging er an das größte Geschäft, den Erlaß neuer Diözesanstatuten. Er berief den Wimpfeling nach Basel und redigierte hier mit Diesem zusammen den Gesetzestext, unter Verwendung der ältern Basler Statuten sowie von Bestimmungen der neuesten Konstanzer Erlasse. Am 24. Oktober 1503 trat im Münster der durch Christoph gerufene Klerus des Bistums zusammen, um als Synode diese neuen Statuten zu vernehmen und sich zu ihrer Beobachtung zu verpflichten. Von allen Formen hoher Weihe umfaßt, gab diese Versammlung dem Bischof Gelegenheit, seine Absichten und Alles, was an seiner eignen Persönlichkeit rein und edel war, aufs feierlichste bekannt zu machen. Er verlieh damit seinem Episkopat von vornherein einen bestimmten Charakter.

Statuten und Synode waren die erste bedeutende Leistung des utenheimischen Regiments. Aber auch schon seine letzte. Und die letzte Veranstaltung dieser Art im katholischen Basel überhaupt.

Viele erwarteten nach solchen Anfängen Christophs jedenfalls Großes. Der Rat der Stadt bestritt die Kosten einer prachtvollen Publikation der Statuten. Auch die Geistlichkeit hatte an der Synode nichts Andres merken lassen als die besten Gesinnungen. Als aber Christoph[WS 1] unternahm, die Statuten anzuwenden, als er den „alten Glanz des Bistums Basel wieder aufzurichten“ und ein ausgewähltes Priestertum zu schaffen hoffte, stieß er allenthalben auf Widerstand. Im österreichischen Gebiete hatte der renitente Klerus einen Rückhalt am Adel, und im schweizerischen verdarb ihn die „allgemein dort herrschende Unbotmäßigkeit“. Weil die Domherren, auf ihre Privilegien weisend, jede Mahnung und jeden Befehl ablehnten, war auch die städtische Geistlichkeit rebellisch, und den eximierten Orden gegenüber versagte vollends die Gewalt. Neben den Ungehorsam trat noch der Spott: ein Basler Theologe machte die bischöflichen Verordnungen durch Umformung in eine nach Noten zu singende Sequenz lächerlich.

Diese ganze Opposition floß aus der Unlust Vieler, sich reformieren zu lassen; sie war auch persönlicher Widerwille gegen den Bischof und vor Allem gegen seinen Helfer Wimpfeling. Hier verbanden sich nationale Interessen mit kirchlichen. Wimpfeling verspottete die Schwaben und lästerte [89] die Schweizer; in seiner schulmeisterlichen Art erhob er sich gegen die Mönche und die sittenlosen Kleriker. Wer sich hiebei irgendwie getroffen fühlte, wurde sein Gegner. An seinen derben Streitschriften und an den Entgegnungen des Sambucellus, des apokryphen Franz Schätzer, des Predigerpriors Werner von Selden u. A. entzündete sich ein Hader, der über literarische Befehdung hinaus bis zur Handgreiflichkeit gehen konnte. Alles um die friedliche Gestalt Utenheims her, bei dem Wimpfeling immer wieder zu Besuche war, dem Dieser 1503 seine Schrift de concordia curatorum et medicantium widmete, in dessen Palaste zu Basel er das Büchlein über das schlechte Deutsch der Schwaben und die Vorrede zur großen Amerbachischen Bibelausgabe 1504 schrieb.

Aber uns beschäftigen andere Kämpfe. Wenn Christoph Statuten verfaßte und seinen Geistlichen aufs Gewissen band, so wirkte neben dem Streben nach Reform der Kirche ohne weiteres auch der Wille, die Privilegien des geistlichen Standes zur Geltung zu bringen und zugleich die alte bischöfliche Gewalt neu zu beleben. Stärkung dieser Gewalt erschien als das beste Mittel zur Besserung des kirchlichen Lebens überhaupt.

Auf dem Wege zu diesem Ziele stieß der Bischof notwendigerweise mit den weltlichen Herren zusammen.

Der Rat der Stadt hatte sich bei der Wahl Christophs, dann im Mai 1503 bei seinem Posseß durch Deputierte vertreten lassen. Er ehrte und beschenkte ihn bei seinem Einritt in Basel, bei seiner Consecration, dann Jahr um Jahr wenn er zu Ostern Pfingsten usw. im Münster celebrierte. Er ließ die Diözesanstatuten drucken, er lud den Bischof zur Fröhlichkeit des Fritschifestes. Aber abseits von Zeremonien und Höflichkeiten gab es harte Tatsachen, gab es formulierte Rechte, kraft deren jede der Parteien Ansprüche hatte, jeden Augenblick bereit, den alten Streit von Hochstift und Stadt wieder aufzunehmen.

Nach den kräftigen lauten herrischen Gestalten Venningens und Caspars erschien in Christoph eine Figur, die durch Manches an Arnold von Rotberg erinnerte. Aber wenn Milde Sittenreinheit Gelehrsamkeit Schönheit den Christoph auszeichneten und wenn er das gute Beispiel persönlichen Celebrierens am Altare bis ins hohe Alter gab, so waren das Tugenden des Mannes und des Priesters, nicht des Fürsten. Was eine solche Stellung forderte, zumal in dieser Zeit und zumal den energischen Herren des Capitels und dem Rate des eidgenössisch gewordenen Basel gegenüber, war bei Christoph kaum vorhanden. Er mochte in Einzelnem Geschäftsgewandtheit zeigen, zum Herrscher fehlte ihm die ruhige Festigkeit in sich selbst. Statt eines bestimmten [90] Entscheides gab er gute Worte. Hinhaltend und rasche Erledigung scheuend brachte er nichts zu Ende. Er mußte sich sagen lassen, daß in seiner Verwaltung keine Ordnung herrsche, keine straffe Aufsicht walte. Der Stiftschronist rühmte zwar seine Leutseligkeit, fand aber an dem kleingearteten Menschen, der Christoph war, auch die Mängel dieser Menschenart: Habsucht und Knickrigkeit. Andre urteilten, daß er sich zuviel mit den Wälschen seiner Cluniacenservisitation befasse und darüber den eigenen Clerus versäume.

Überhaupt sehen wir diesen von Natur friedsamen Herrn ringsum verstrickt in Übelwollen und Hader. Er hatte Streit mit dem Domkapitel, Streit mit seinem Kanzler, Streit mit dem Coadjutor. Nie und nirgends finden wir etwas Imponierendes an ihm. Nicht einmal am Tage seiner berühmten Synode; die Schüchternheit hielt ihn ab, selbst die große Allocution an den Klerus zu tun. In diesem Zusammenhang erscheint auch die Schlichtheit, die ihn niemals Seide am Gewände tragen ließ, wie ein Verstoß gegen die Würde seines Amtes.

In der Tat ruhte das, was Utenheim auszeichnete, auf Anderem. Seine Neigung zur Beschaulichkeit, sein gemütlicher Verkehr mit Pellican und mit den Klosterfrauen an den Steinen, sein Umgang mit Wimpfeling Erasmus Rhenan u. A., seine Freude an Kunstwerken sind Zeugnisse eines geistigen Lebens in ihm, das mit den Dingen kirchlichen und weltlichen Regierens wenig gemein hatte.

Der nunmehr diesem Christoph gegenübertretende städtische Rat ist ein anderer als der, welcher mit den Bischöfen Johann und Caspar gestritten hat. In seinem Bestand ist nicht mehr viel Vornehmheit; seiner Haltung, ja auch seiner Sprache im Kampfe mit dem Bischof fehlen die Würde, das Ergriffensein. Es fehlt auch jenes leise Vibrieren einer Kraft, die in ihrer stärksten Erhebung sich doch noch zwischen den beiden Möglichkeiten des Sieges und der Niederlage fühlt. Dieser wider Christoph fechtende Rat weiß deutlich, daß er gewonnenes Spiel hat. Seiner Macht bewußt, ohne große Worte, nüchtern und ruhig, entkleidet er den Bischof der letzten Rechte.

Wir sahen schon, wie seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die Vertretung der Stände im Rate sich verschob. Der Edeln und Achtburger wurden immer weniger. Es war stets dasselbe: ein Wegbleiben und nicht wieder Ersetztwerden. Lauter stille Vorgänge. Aber ihre Wirkung auf das Ganze war erheblich, und hinter ihnen tobte der heftigste Kampf der Parteien. Dem Bischof, den Geschlechtern, der Vornehmheit überhaupt gegenüber erhoben sich die Gegner. Man stritt um die Macht im Staate, aber auch um die Formen ihrer Ausübung; man stritt und mühte sich Jahrzehnte hindurch [91] um Änderung der alten, hinter der Gewalt des Lebens weit zurückgebliebenen Statuten.

Solange die letzten Ritter ächter Art, Hartung von Andlau und Hans Imer von Gilgenberg, dem Rat angehörten, war eine der Handfeste gemäße Besetzung der Bürgermeisterstelle zur Not noch möglich. Aber nach dem Weggange der Beiden im Herbste 1499 entstanden Schwierigkeiten. Bischof und Rat halfen sich in den Jahren 1500 und 1501 durch Wahl der Achtburger Ludwig Kilchman und Peter Offenburg zu Statthaltern des Bürgermeistertums. Aber als 1502 Peter Offenburg, der inzwischen Ritter geworden war, vom Rat als wirklicher Bürgermeister „dargetan“ wurde, erhob Bischof Caspar Einsprache. Er versagte der Ritterschaft Offenburgs seine Anerkennung und verlangte, daß der Rat „seinen vermeinten burgermeister“ ruhen lasse.

Wenige Monate nach diesem letzten Proteste, am 8. November 1502, starb Caspar, und sofort ergriff der Rat die Gelegenheit, um dem bisherigen Verfahren Halt zu gebieten. Noch ehe der neue Bischof gewählt war, beschloß er, die jetzt übliche Handfeste nicht mehr zu beschwören, da ihre Worte und deren Anwendung einander nicht entsprächen und auch sonst allerlei Mängel bestünden. Die Meinung dabei war, es seien in einer revidierten Handfeste die Namen der alten Bischöfe wegzulassen; statt der Kieser der Rat selbst als Wähler des Bürgermeisters zu nennen und dem Rate das Recht zu geben, daß er bei Mangel an Rittern und Achtburgern auch Zünftige zu Kiesern machen könne; die Steuern und das Gewerfe an den Bischof nicht mehr zu erwähnen; von Seite der Stadt die Eidgenossen vorzubehalten. Mit diesen Forderungen traf der Rat nicht nur den Bischof sondern noch mehr die Hohe Stube. Die Verhandlungen, die sogleich nach der Wahl Christophs begannen, waren daher nach diesen beiden Seiten hin zu führen. In zahllosen Konferenzen Mitteilungen Erklärungen zogen sie sich über Jahre hin, und dreimal — 1503 1504 1505 — mußte jeweilen bei der Ratserneuerung der Verlauf dieses Aktes, ja der öffentliche Rechtszustand überhaupt, durch notarialische Protestationen mit Vorbehalten gesichert werden. Zuletzt einigten sich die Parteien auf das Gutfinden des Großen Rates, und vor diesem kam die Sache am 26. Mai 1505 zur Behandlung. Auch der Bischof erschien mit allen seinen Räten im Sale und ließ durch den Dompropst eine lange Rede halten. Die Sechser entschieden natürlich im Sinne des Rates; das Einzige, was der Bischof erlangte, war ein Aufschub. Den Herbst und Winter hindurch wurde noch über Einzelnes verhandelt; endlich am 8. Mai 1506 gab Bischof Christoph die Handfeste.

[92] Es ist eine neu redigierte Urkunde; aber sie enthält zahlreiche Bestimmungen des bisherigen Handfesterechtes, meist in den alten Ausdrücken. Sachlich neu in ihr sind die Bestimmungen, daß Kieser aus den Zünften genommen werden können, wenn Ritter und Burger dafür nicht ausreichen, und daß die Stadt die Eidgenossen vorbehält. Die formell neue Bestimmung, die dem Bischof, nicht den Kiesern, die Wahl des Bürgermeisters auf Grund der durch den Rat geschehenen Vorwahl gibt, entspricht der bisherigen Übung. Vom Oberstzunftmeister und seiner Wahl durch den Bischof sagt auch diese neue Handfeste kein Wort. Das Ganze war ein Kompromiß, bei welchem der städtische Gewinn dem Rate groß genug schien, um die erste gemäß dieser Handfeste geschehende Ratserneuerung im Juni 1506 durch eine besondre Feier auszuzeichnen; er veranstaltete an diesem Tag ein kriegerisches Jugendfest.


Aber dieser Streit um die Handfeste war nichts Isoliertes. Seit den Anfängen des neuen Basel, seit dem Siege der Oppositionspartei in den 1490er Jahren, gab der große Gedanke einer Revision der ganzen Gesetzgebung den Behörden zu tun. Für diese Revisionsarbeit bestand die Spezialkommission der Neuner; seit 1497, durch allen Wechsel der Ratsbesatzung und durch die Jahrzehnte hindurch, ließ sie dieses Tractandum nicht aus der Hand. Es war die Zeit notwendiger Auseinandersetzung des modernen Denkens mit dem überkommenen auch im Bereiche der öffentlichen Zustände, die Zeit der Ablösung alter Formen durch neue.

Einzelne Wirkungen des umfassenden Vorganges sind uns schon bekannt geworden in den Debatten über die Besetzung der Domkanonikate, die Privilegien des Klerus, die Regierungsvorrechte der Patrizier, die Stellung der Hofsverwandten in der Einwohnerschaft. Ein einzelner Vorfall ist z. B. der Streit der Weinleutenzunft mit dem Bischof über die von ihm prätendierte Ungeldfreiheit seines Weinausschankes 1510. Im gleichen Jahre muß der Bischof dem Rate das Lehen der Sisgauer Landgrafschaft geben; kurz darauf hat er sich in Rom gegen Prätensionen des Rates zu wehren; er versucht ihm durch Verweigerung des Lehens Bettingen seine Macht zu zeigen; er erhebt sich gegen Mißachtung seiner Hoheitsrechte in Riehen.

Wie bei dem Allem der Bischof meist „um des Friedens willen“ nachgeben muß oder in wirkungslosen Beschwerden sich erregt und erschöpft, so ist es überhaupt die Periode allmählichen Erschlaffens bischöflicher Macht und Herrlichkeit. Welch schwache Stütze diese Herrschaft an Christoph hat, liegt klar vor Augen. Sein Domkapitel darf ihm die bittern Vorwürfe [93] machen, daß er die bei seiner Wahl gemachten Versprechungen nicht halte, daß in der Kanzlei und der Finanzverwaltung keine Ordnung sei, daß die Priesterschaft nicht genügend visitiert, überhaupt das Bistum verwahrlost und versäumt werde. Dabei ist bezeichnend, wie Christoph in der Zeit des Handfestehandels einen Bund und Schirmrechtsvertrag mit den Vierwaldstätten abzuschließen sucht. Im Jahre 1513 aber haben Basel und mit ihm die Eidgenossen darüber zu klagen, daß in der Novaraschlacht mehr als hundert Knechte aus den bischöflichen Ämtern Pruntrut Delsberg usw. auf französischer Seite gewesen seien und die Unsern „helfen ermürden und erstechen." Damals auch bemüht sich Basel vergeblich um sein Recht wider den Pfaffen von Spechbach, der die nach Dijon durchziehenden Eidgenossen geschmäht hat; die Gesandten des Rates werden vom Bischof mit „guten und glatten Worten“ abgefertigt, vom Einen zum andern seiner Räte gewiesen und „also vexiert“.

Auf die verschiedenste Weise sucht die bischöfliche Regierung ihrer Erbfeindin, der frei und stark gewordenen Stadt, wehe zu tun. Sie täuscht damit Niemanden über den Niedergang ihres Wesens in Basel. Aber ergreifend ist, wie sie gerade jetzt, in diesen späten dunkeln Zeiten, ihr Diplomatar und ihr Ceremoniale zusammen stellt; wehmütig läßt der Autor dieser Werke, der auch der Hochstiftschronist ist, Hieronymus Brilinger, den ehrwürdigen Reichtum noch einmal vereinigt funkeln.


Nun ist auch der Moment gekommen, da der Handfestestreit sein wirkliches Ende finden und der Stadt Dasjenige zufallen wird, was die Prinzipiellen und Klaren schon 1503 erstrebt hatten: die Trennung der beiden Welten, die völlige Lösung des Ratsrechtes aus dem Bischofsrechte.

Tatsächlicher Herr des Hochstiftes ist jetzt der Coadjutor Niclaus von Diesbach.

Wir lernen ihn, den Erstgebornen des Berner Schultheißen Ludwig von Diesbach, zuerst in Rom kennen, als Commensalen des mächtigen Kardinals Ascanio Sforza, Vizekanzlers unter Papst Alexander VI. Dort verschafft er sich eine Provision um die andre: 1498 auf den Priorat in Val de Travers, 1499 auf die Propstei von St. Peter in Basel und auf eine Chorherrei bei St. Peter in Solothurn, 1501 auf die Pfarreien Chateau d'Oex und Utzenstorf. Er wird auch Prior zu Grandson und zu Vaucluse, Propst von Solothurn. 1510 hat er Aussichten auf den Lausanner Bischofsstuhl. In Siena wird er 1509 zum Doctor promoviert, in Rom erlangt er die Würden eines päpstlichen Kämmerers und Protonotars. Dann erst [94] wird er auch in Basel sichtbar, seit 1514 als Domherr, seit 1516 als Domdekan.

Fremdartig steht diese halbwälsche Gestalt zwischen den Andlau Hallwil Gundelsheim Mörsberg usw. des Kapitels, als ein Andrer vollends neben Utenheim. Diesbach ist einer jener großen Prälaten, die damals auch anderwärts uns begegnen, an der Seite eines schwächlichen Bischofs und statt seiner für die Kirche und ihre Macht kämpfend. Ein energischer Mensch, den keine Sorgen der Kirchenreform plagen, der aber nach Macht Glanz und Genuß strebt und den Willen hat, auch diese Basler Bischofsherrschaft wieder herzustellen.

Am 28. Mai 1519 ernennt der mehr als siebenzigjährige Utenheim den Domdekan Diesbach zu seinem Coadjutor, mit Einwilligung des Kapitels. Auch wird Diesbach schon als Nachfolger Utenheims im Bischofsamte designiert und erhält hiezu am 8. August 1519, gegen Erlegung großer Sporteln, die Stimme Papst Leos X.

Niclaus von Diesbach ist nun „der neue Herr“, „der neue Bischof“, und als solcher tritt er in diesen gewaltigen Jahren den Mächten entgegen, die von allen Seiten her, im Gebiete der Herrschaft und in dem der Lehre, seine Kirche bedrohen.



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Viertes Kapitel
Regiment




Das System der Regierung haben wir kennen gelernt. Es waren eine Organisation und ein Verfahren, die sich ausgebildet hatten während der bewegten letzten Jahrhunderte.

In diese Formen drang zeitig der moderne Geist. Er brachte ein neues Regierungsgefühl, neue Anschauungen der Administration, ein strafferes Zusammenfassen der öffentlichen Gewalt. Wichtig war dann die definitive Beseitigung des Adels. Von nun an war das Städtertum allein herrschend; es wurde, unter allmählicher Ausscheidung des vornehmen Elementes, immer einheitlicher plebejisch. Und in bemerkenswerter Weise zeigte sich diese demokratische Partei zugleich als die Trägerin des eidgenössischen Gedankens.


Mit dem Zutritte zur Eidgenossenschaft begann Basel einen neuen Abschnitt seiner Geschichte. In diesem Verbande und vom Antriebe der Zeit überhaupt getroffen wurde das städtische Regiment auf eine hohe Stufe geführt, das öffentliche Leben mächtig erregt. Was Frucht jahrhundertelanger Vorbereitung und Schule war, kam unter die Gewalt frischer Erlebnisse und Notwendigkeiten. Jeder Tag wollte einen großen Entschluß und offenbarte in stets neuer Weise Art und Umfang dieser Stadtherrschaft.

Wir fragen, wie die unadligen, mehr und mehr auch unpatrizischen Regenten solchen Aufgaben gewachsen sein konnten. Sie hatten Geschäfte oft universalpolitischer Art zu treiben; sie mußten als Gesandte auch in den Kanzleien und Kabinetten der Großmächte sich zu behaupten imstande sein, ihre Mannschaften gegen die stärksten Heere und Hauptleute der Zeit ins Feld zu führen verstehen. Was diese Zünftler in den meisten Fällen zu solchen Funktionen bildete, war das Leben des Kaufmanns Wechslers [96] Großhändlers mit seiner speziellen Anleitung zu Welt- und Geschäftskenntnis; auch konnte militärisches Geschick bei Vielen sich ausbilden in einer Zeit, die Jeden Waffen tragen hieß und die weiten Möglichkeiten des Reislaufs und der kapitulierten Dienste bot. Im Allgemeinen aber erzog das öffentliche Wesen selbst seine Führer. In jeder Ratssitzung konnten sie die größten politischen Begriffe kennen lernen, und jede Zunftstube war ein Vorplatz des Ratssaales. Die Ereignisse drängten von allen Seiten heran. Die Beziehungen, die sie schufen, und die Wirkungen, die sie ausübten; die Feldzüge; die Reisen; der diese Stadt in nie geminderter Fülle bewegende Fremdenverkehr — Alles vereinigt konnte den zum Regimente Berufenen eine hohe Schule der Staatskunst sein, in der Gedanken und Fähigkeiten reiften. Es waren dabei auch demoralisierende Einflüsse. Sicherlich aber wurden neue Maßstäbe gewonnen, neue Formen des Handelns gelernt, neue Horizonte geschaut.


Einzelnen Führergestalten werden wir noch begegnen. Ihnen gegenüber stand die große städtische Einwohnerschaft. Organisiert in den Zünften und durch deren vereinigte Sechserkollegien umfassend vertreten im Großen Rate.

Wir wissen, daß der Große Rat nicht als unentbehrliche und vor Allem nicht als die ausschließlich legiferierende Behörde galt, daß alles Recht vielmehr beim Rate war und dieser die Freiheit hatte, den Großen Rat zu berufen oder nicht. Aber die allgemeine Richtung der Zeit, wohl auch das Beispiel eidgenössischer Orte, hat den Rat dazu getrieben, die wichtigeren Beschlüsse, an denen diese Jahre reich waren, nicht fassen zu wollen ohne Mitwirkung der im Großen Rate zum Worte kommenden „Gemeinde“. So sehen wir diesen Großen Rat jetzt häufig zusammentreten. Bündnisse u. dgl. bedürfen seines Consenses. Aber auch Anderes kommt vor ihn; namentlich wirkt er mit bei der Feststellung von Gesandtschaftsinstruktionen.

Dergestalt erweitert sich das Bild des politischen Lebens. Die wenigen Ratsgewaltigen sind nicht die einzigen Interessierten. Vielmehr machen wir uns die Vorstellung zu eigen, daß auch die Hunderte der Zunftvorstände Teil haben an den Leistungen der Stadt und daß die Gesinnung, welche die Periode auszeichnet, auch die Gesinnung dieser Vielen und Unbekannten sein kann.

Ein Zug der Größe geht durch die ganze Verwaltung. Reine Äußerlichkeiten schon zeigen uns die Weite des jetzt üblichen Maßes. So die auffallend große und prachtvolle Fensterstiftung des Basler Rates in die [97] Jegenstorfer Kirche 1515 oder kurz nachher, 1519, das herrliche Fenster mit dem Stadtwappen und dem Englischen Gruß im Chore zu St. Leonhard. Auch das in wahrer Profusion zur Austeilung kommende weißundschwarze Tuch gehört zur Fülle dieses Lebens, gleich wie das Prunken mit silbervergoldeten Läuferbüchsen und großen kostbaren Fahnen der Ratstrompeten. Es sind Stimmungen, die sich in Einzelheiten verraten wie dem Golde des Baselstabes, das die ihres Glanzes bewußte Stadt sich 1512 vom Papste, und dem Golde der Baselmünze, das sie sich kurz darauf vom Kaiser bewilligen läßt. Auch die ungewohnt breiten und weihevollen Staatszeremonien dieser Jahre — die Bestattung des Bürgermeisters Offenburg, die Universaljahrzeit für die in den italiänischen Schlachten Gefallenen, der Trauergottesdienst für Kaiser Max — sind Bezeugungen der die ganze Existenz beherrschenden großen Form.

In merkwürdiger Weise wird dem Ruhme des Jahres 1512 ein Denkmal gesetzt in einer die Linde auf der Pfalz umgebenden Steinbrüstung; sie erhält eine von Glarean verfaßte Inschrift in klassischen Metren, die den Reiz des Ortes preist, unter Invocation der erlauchten Namen Julius und Maximilian.

Monumentale und dauernde Verkörperung des in diesem Regimente lebenden Geistes aber ist der Rathausbau.


Auf allen Gebieten des Staatswesens werden höhere Ansprüche und Fähigkeiten wach. Schon im Tone verraten sie sich, den die Schreiben des Rates jetzt annehmen und der jedenfalls auch in Reden seiner Gesandten laut wird. Nicht allein um den Forderungen dieser großen Geschäfte zu genügen; auch unter der Wirkung eines neuen Formgefühles und einer erhöhten Bildung. Der Kanzleibrauch folgt dem Wesen und Wachsen der öffentlichen Dinge überhaupt. Massen von neuen Interessen, von neuen Plänen Obliegenheiten Geschäften nehmen Rat und Kollegien in Anspruch. Wir vernehmen, daß 1513 die Ratsbesoldungen erhöht werden, weil die Arbeit so sehr gewachsen ist. Wir haben vor uns das Anschwellen der Scripturen, und die knappen Rechnungsnotizen lehren, wie häufig die Gesandtschaftsreisen sind. Sie gehen zuweilen bis in die höchsten Regionen der damaligen europäischen Staatenwelt. Und welcher Formenreichtum strömt aus diesem Verkehre noch heute! Neben die unbeholfenen Schreiben deutscher und eidgenössischer Behörden schieben sich stets häufiger die elegant gefaßten und auch äußerlich feinen Briefe aus St. Germain, aus Amboise, aus Mailand, aus Rom. Ihr Gegenstück sind die immer zahlreicher werdenden [98] französischen Missiven, die der Rat hinausgehen läßt, seine nach modernen Mustern redigierten lateinischen Episteln. Schon bisher hat er mit Kaiser und Reichsfürsten oft wie mit Seinesgleichen verkehrt; jetzt sind seine Pairs auch die Könige von England und von Frankreich, die Sforza, der Allerheiligste Vater der Christenheit, die staunenswerte Signorie von Venedig. Basel genießt eines Machtgefühls und im Verbände der Eidgenossenschaft auch wirklicher Macht, wie nie zuvor.

Dabei ist unverkennbar etwas Lichtes Geräumiges, das früher mangelte. Das endlose Detail des fünfzehnten Jahrhunderts findet keine Fortsetzung. Aber nicht Verarmung, sondern Vereinfachung sehen wir. Die alten Rubriken der Ratsausgaben für Gesandtschaften und politischen Verkehr, Zeugnisse einer unsäglichen Mobilität, werden beinahe monoton. Auch in der offiziellen Gastfreundschaft herrscht eine andere Art. Noch immer natürlich finden allerhand Besucher und Supplikanten den Weg ins Basler Rathaus, von den lustigen Musikanten bis zum „Sohne des alten Kaisers von Konstantinopel“, der sich 1613 den Wein schenken läßt. Aber das Gewimmel früherer Zeiten hat aufgehört. Das Rathaus sieht nicht mehr die vielen kleinen Freunde und kleinen Feinde. Auch kaum mehr den Glanz persönlicher Fürstenbesuche. Aber Botschafter der Mächte gehen ab und zu. Am häufigsten wohl die päpstlichen Legaten, als welche Filonardi und Pucci zu nennen sind, namentlich aber der große Kardinal von Sitten Matthäus Schiner. Unter allen Diplomaten, mit denen Basel zu tun hat, tritt diese eine Figur mit unwiderstehlicher Macht hervor. Ob er Pläne entwirft, agitiert, hinreißend redet, Bündnis oder Krieg betreibt, Truppen wirbt und zur Feldschlacht ruft, überall handelt er als der leidenschaftliche Hasser Frankreichs, als maximus protector nationis Germanicae. Dieser „heiße Mensch“ läßt Niemanden zur Ruhe kommen; auch für Basel gehört er zum Leben der gewaltigen Zeit. Mit Bürgermeister Offenburg ist er vertraut, den Jacob Meyer nennt er seinen lieben Freund und Bruder.

Wichtig ist die Wirkung dieses Zustandes auf Basel selbst. Als Schärfung aller Fähigkeiten, als Wachsen aller Kräfte. Es gab natürlich schwere Momente, oft die furchtbarsten Beängstigungen und Sorgen, eine Verantwortlichkeit Weniger für die größten Ansprüche an das Gemeinwesen und den Einzelnen. Es gab auch Versuchungen aller Art, Korruption und Gewalttat. Aber es fehlte auch nicht an Ehre und Triumph.


Wir beachten dabei auch die Wirkung auf die städtischen Finanzen. Die Rechnungen dieser Jahre nennen die gewaltigen Summen, die jetzt [99] breit durch die öffentlichen Kassen zu strömen begannen; zahlenmähig wird in ihnen die Erweiterung und Steigerung des öffentlichen Lebens offenbar. Die Wende der beiden großen Jahrzehnte ist der denkwürdige Moment. In den Einnahmen des Rechnungsjahres 1510/11, in den Ausgaben von 1511/12 steigen die Beträge plötzlich mit einem starken Ruck, um von da an fast stätig noch mehr zu wachsen. Wie reich an Opfern und Mühen das hinter solchen Zahlenreihen stehende Leben war, verstehen wir leicht. Aber wir dürfen uns vorstellen, daß die dieser Generation beschiedene Gesinnung, die zum Unternehmen von so Vielem und Großem trieb, auch die Lasten zu tragen ermöglichte.

Außerdem aber sehen wir, wie diese Politik selbst Hilfen außergewöhnlicher Art darbot; so z. B. die großen Kriegsentschädigungen, die bei den Verträgen mit Mailand 1512 und Frankreich 1516 einbedungen wurden. Besondere Beachtung aber verdienen die Geschenke und Pensionen.

In früherer Zeit haben städtische Gesandte von der Macht, an die sie abgeordnet worden, wohl nichts Anderes erhalten als eine Vergütung der Wirtshauskosten, in ähnlicher Weise, wie Basel selbst die bei ihm beschäftigten auswärtigen Botschafter „von der Herberge zu lösen“ pflegte.

Seit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts aber zeigt sich der Brauch eigentlicher Geschenke, zuerst von Seite der französischen Diplomatie. Neue offizielle Formen und Zulässigkeiten treten damit auf, und die Stadt bedarf ihnen gegenüber einer grundsätzlichen Haltung. Sie gewinnt diese durch den Ratsbeschluß vom 20. Januar 1508. Er bestimmt, daß die Gesandten die Geschenke, die ihnen anläßlich ihrer Sendung im Geheimen oder öffentlich gegeben worden sind, bei der Heimkehr dem Rat abliefern sollen; wenn der Betrag dieser Geschenke denjenigen der Gesandtschaftskosten übersteige, könne der Rat entscheiden, ob man den Überschuß dem Gesandten lassen wolle.

Von da an gilt die Regel der Ablieferung aller Geschenke zu gemeinen Händen und ihrer Buchung unter den städtischen Intraden. Jahr um Jahr stoßen wir in den Rechnungen auf diese zahlreichen Einnahmeposten. Sie sind voll Leben und Wechsel. Sie lehren uns die Geschenke kennen, die den Gesandten Basels an Konferenzen von den verschiedensten Mächten — Papst Savoyen Württemberg Reich Frankreich Venedig Mailand England Markgräfin von Wälsch-Neuenburg usw. — zu Teil werden. Geschenke vor Allem in barem Geld, aber auch in Samt und Damast ellenweise, in silbernen, in vergoldeten Trinkgeschirren bestehend. Zwischen hinein erhält etwa auch die Frau Bürgermeisterin solche Präsente. Alles aber muß „ans Brett“ [100] abgeliefert werden und wird der Stadt gutgeschrieben, ohne Ausnahme, bis hinab zum Trinkgelde, das der durch den Rat bewirtete Markgraf 1517 in die Küche spendiert.

Wie diese Gesandtengeschenke als eine Vergütung der Gesandtschaftskosten betrachtet und demgemäß in die öffentliche Kasse genommen werden, so gelten die bei den großen Bündnissen einbedungenen Pensionen als Entschädigungen für die Pflichten, die der Stadt durch das Bündnis auferlegt werden.

1. Im Bündnisse der Zwölf Orte mit Papst Julius vom 14. März 1510 verspricht der Papst jedem Ort ein Jahrgeld von tausend Gulden. Das Bündnis mit Papst Leo vom 9. Dezember 1514 bemißt das Jahrgeld jedes Ortes auf zweitausend Gulden; in den zugehörenden Erläuterungsartikeln vom 18. November 1516 wird, wegen des Ausscheidens von Genua aus dem Bündnisse, das Jahrgeld auf fünfzehnhundert Gulden festgesetzt. 2. In der Erbeinigung vom 7. Februar 1511 verspricht Kaiser Maximilian als Vormund seines Enkels Karl von Burgund, daß Dieser jedem Orte der Eidgenossenschaft eine jährliche Verehrung von zweihundert Gulden zahlen solle. 3. Im Bündnisse der Acht Orte (wobei Basel) mit Herzog Karl von Savoyen vom 27. August 1512 verspricht der Herzog, jedem Ort ein Jahrgeld von zweihundert Gulden zu zahlen. 4. Im Bündnisse der Zwölf Orte mit Herzog Massimiliano Sforza vom 3. Oktober 1512 verspricht der Herzog, den Orten jährlich vierzigtausend Dukaten zu zahlen, die sie nach ihrem Willen und Gefallen unter sich teilen mögen. 5. In der Ewigen Richtung der Dreizehn Orte mit König Franz von Frankreich vom 29. November 1516 verspricht der König jedem Ort eine jährliche Pension von zweitausend Franken; im Bündnisse der Zwölf Orte mit ihm vom 7. Mai 1521 verspricht er jedem Ort außer dem Jahrgelde der Richtung noch eine Zuschußpension von tausend Franken.

Akten Quittungen Rechnungsposten zeigen uns dann im Anschluß an diese Vertragsdokumente die Tatsächlichkeit des Pensionenwesens und seine finanzielle Bedeutung. Wir bemessen aber auch seine Wirkung auf die Politik. Beratungen und Beschlüsse standen unter der Macht fremden Geldes. Wenn dabei die „gemeinen“ Pensionen, die dem Ort als solchem zukamen, als Gegenleistung für die von ihm übernommenen Pflichten gelten konnten, so mochte sich das Gemeinwesen ohne Weiteres in eine Verbindlichkeit dieser Art fügen. Anders verhielt es sich mit der Zahlung von Sonderpensionen, Privatpensionen, an einzelne Häupter des Regimentes und Mitglieder der Räte durch dieselbe Macht, die schon dem Gemeinwesen eine Pension gab [101] Sie konnten als eine Mehrleistung an dieses Gemeinwesen behandelt werden, in gleicher Weise wie die Gesandtengeschenke. Sie konnten auch gerechtfertigt werden als besondere Entschädigung dafür, was jene Einzelnen zum Nutzen des Gemeinwesens taten. Sie konnten gegeben werden, ohne daß ein Bündnis bestand, und für sich selbst und allein der Absicht einer Macht dienen, Agenten zu verpflichten, ergebene Anhänger und Parteiführer zu gewinnen. In allen Fällen aber und einer jeden Auffassung gegenüber war das ihnen Eigene, daß sie ihr Geheimnis um sich hatten und eine durch keinen Bündnisbrief und keine öffentliche Autorität gedeckte Privatsache waren.

Es ist bekannt, welchen Erregungen dieses Annehmen fremden Geldes durch einzelne Politiker damals rief. „Heimliche Pension und Eigennutz“, lautete die Formel, unter der sich überall der Unwille zu heftiger Opposition gegen die Machthaber zusammenfand. Das Land und seine Ehre erschienen gefährdet durch die privaten Machenschaften und das „Kronenfressen“ Einzelner. Die zornigen Reden Gengenbachs wider das „heimliche Schmieren“, das „böse Geld“, das Leib und Seele verderbe. Manchen seiner Ehre vergessen lasse, zum Verrat an Land und Leuten führe, waren das Urteil des gemeinen Mannes, aus patriotischem und sittlichem Empfinden geschöpft. Anders gestimmt waren die Regierungen. Wenn auch sie gegen die Sonderpensionen auftraten, so hatten sie vornehmlich die Staatsraison im Auge, die Notwendigkeit geschlossener Kraft und einheitlichen politischen Handelns.

In solcher Absicht erließen die eidgenössischen Orte, durch das Badener Verkommnis vom 21. Juli 1503, ein gemeinsames Verbot an alle in der Schweiz Angesessenen, von fremden Herren Pension oder Dienstgeld anzunehmen. Basel war an diesem Beschlusse beteiligt. Es hatte schon vorher seine Meinung wiederholt ausgesprochen, daß es die „gemeinen“ Pensionen gelten lasse, die „sonderigen“ aber verwerfe, da sie schädlich seien und „vil Unwillens und partheiisch Widerwärtigkeit gebären“. Es empfing die eidgenössischen Gesandten, die hier den Schwur auf die Abrede entgegen- nahmen; Deputierte des Rates gingen ihrerseits in die Landschaft hinaus, um auch die Untertanen darauf zu verpflichten. Der Geschichte dieses Pensionenbriefes in der Eidgenossenschaft haben wir hier nicht nachzugehen, wohl aber festzustellen, in welcher Weise Basel ihn zur Anwendung brachte.

Zunächst sehen wir, daß Frankreich im April 1507 dem Hans Kilchman ein Geldgeschenk machte und eine Pension versprach, im Januar 1508 dem Peter Offenburg ein Geldgeschenk machte. Das letztere wurde in die städtische Kasse abgeliefert; über das von Kilchman empfangene Geld vernehmen wir nichts.

[102] Sodann aber ergibt sich Folgendes: Anläßlich der Allianzen mit dem Papst und dem Herzog von Mailand, später mit dem König von Frankreich wurden außer den offiziellen „gemeinen“ „offenen“ Pensionen noch „sonderige“ „heimliche“, jeweilen einige Hundert Gulden Dukaten Kronen betragend, einbedungen. Die Verhandlungen, die zur Bewilligung der päpstlichen Sonderpension geführt, sind uns nicht bekannt; die mailändische wurde durch Jacob Meyer zum Hasen erwirkt. Das Verfahren des Bezugs dieser Privatpensionen aber war zunächst schwankend. Die frühesten, durch Papst Julius im ersten Jahre des Bündnisses gezahlten Sondergelder wurden als solche behandelt d. h. unter die Ratsmitglieder verteilt; nur ein kleiner Betrag, dessen Annahme einige Ratsherren verweigerten, floß in die öffentliche Kasse. Herzog Maximilian von Mailand sodann hatte am 23. Juli 1512 dem Bürgermeister Peter Offenburg und dem Jacob Meyer zum Hasen für ihre bei Eroberung des Herzogtums geleisteten Dienste je ein jährliches Dienstgeld verheißen; Jacob Meyer war schon einen Monat vorher, aus dem eroberten Pavia, beim Basler Rate wegen dieser Sache vorstellig geworden mit dem Verlangen, ihm das Gleiche zu gönnen, was andern eidgenössischen Hauptleuten gegönnt würde, und in der Zuversicht, daß er solche Gabe mit Leib und Blut um den Rat und gemeine Bürgerschaft verdienen werde. Aber der Rat verweigerte ihm am 1. September 1512 den erbetenen Consens; denn „es sei gemeinem Gut und dem Regimente schädlich und nachteilig, wenn einzelnen Personen des Rates oder der Gemeinde das Annehmen solcher Pensionen bewilligt werde; jetzt und künftig solle daher Niemandem erlaubt sein, von irgend einem Fürsten Herrn oder Staat eine Pension zu beziehen“. Dem entsprach dann auch, daß die vom Herzog von Mailand im Januar 1513 dem Rate zu beliebiger Verteilung unter seine Mitglieder bewilligte Privatpension von fünfhundert Dukaten keineswegs verteilt, vielmehr dem gemeinen Gute belassen wurde. Die päpstlichen Privatpensionen dagegen scheinen wie im ersten Jahre des Bündnisses so auch im nächstfolgenden noch zur Verteilung unter die Mitglieder verwendet worden zu sein. Dann aber brachte das Jahr 1512 auch hier den im Ratsbeschlusse vom 1. September ausgesprochenen Grundsatz zur Geltung.

In denkwürdiger Weise hat seitdem dieser Grundsatz, im Momente höchster kriegerischer und politischer Erfolge aufgestellt, das Pensionenwesen Basels geleitet. Die Stadt hält sich an das Badener Verkommnis von 1503 und will keine privaten Pensionäre bei sich dulden; das Geld der Sonderpensionen bleibt in der Staatskasse. Es ergibt sich dies aus den Akten, mit [103] aller Bestimmtheit zumal aus den Rechnungsbüchern des Rates. Es war ein Analogon zu der bei den Gesandtengeschenken geltenden Praxis. Wie auf diese, so legte das Gemeinwesen Beschlag auch auf die privaten Pensionen. Nicht daß es an Parteigängern im Rate fehlte. Frankreich hatte hier seine Vertreter und Wortführer so gut wie der Papst. Auch mochte unter der Hand Vieles geschehen. Aber eine offizielle Anerkennung der Möglichkeit, solche Parteinahme sich durch spezielle Geldspenden vergüten oder stärken zu lassen, gab es nicht. Der Legat Pucci nennt in seinen Relationen vom Oktober 1517 und September 1518 die hauptsächlichsten Anhänger Roms im Rate mit Namen; er charakterisiert sie und lobt ihren Eifer für die gute Sache. Und im gleichen Atemzuge teilt er mit, daß sie nichts von ihm erhalten, weil die päpstlichen Partikularpensionen im Gesamten direkt an den Rat ausbezahlt werden müssen. Dieses Verfahren, im Jahre 1512 eingeführt, war damals durch Schmer gebilligt worden, der dem Jacob Meyer gegenüber den Wunsch äußerte, „daß es allenthalben auch so zugan möchte“. Es war eine Singularität Basels, die auch durch Pucci anerkannt wurde; die französischen Agenten dagegen billigten sie nicht und verspotteten ihretwegen die Basler als „seltzame lüt“.

Mit dem besten Rechte konnte sich demnach Basel wiederholt vor der Tagsatzung darauf berufen, daß es gewissenhafter als andre Eidgenossen das Badener Verkommnis handhabe. Im unruhigen Jahre 1514 war es befugt, laut seine Integrität geltend zu machen: „wir haben uns der heimlichen Pensionen bisher gemüßiget und das Annehmen solcher Gelder beim Eid verboten; sind auch der Meinung, hiebei zu bleiben“. Und als nach dem Unglücke von Marignano der allgemeine Unwille sich neuerdings gegen die Pensioner erhob, wies Basel wiederum darauf hin, daß es die Badener Ordnung nicht nur beschworen, sondern diesen Eid auch gehalten habe; doch werde es nicht fernebleiben, wenn die andern Orte jetzt ihren Schwur erneuern; „Gott wolle, daß er gehalten werde!“ Dann im Sommer 1519 wieder erklärt Basel: „bei uns nehmen einzelne Personen keine Pension; wir würden gerne sehen, daß dies bei andern Orten gleichfalls geschähe“.

Auch gegenüber Frankreich hielt Basel an diesem Grundsatze fest. Neben der vertragsmäßigen „offenen“ Pension erhielt der Rat seit dem Friedensschlusse 1516 vom Könige noch eine „heimliche“ „sonderbare“ Pension; sie war ihm, unter Vermittelung Ulrich Falkners, durch den Luzerner Schultheißen Jacob von Hertenstein erwirkt worden. Sie gelangte, gleich derjenigen die der Papst gab, ohne Weiteres in das gemeine Gut. [104] Bis der Abschluß des Bundes mit Frankreich den Führern Basels Versuchungen brachte, denen auch sie unterlagen; es war ein rasches, sofort wieder gebüßtes Preisgeben bisheriger Unbescholtenheit.

Die Geschichte des Jahres 1521 wird uns diesen Hergang schildern.

Was in solcher Weise an Geschenken und Pensionen zufloß, war eine wichtige Einnahme der Stadt. Welche Bedeutung sie hatte gegenüber den Kosten der ins Große gehenden Politik, wird durch die städtischen Rechnungen in Helles Licht gestellt. Im Jahre 1511/12 z. B. betrugen bei einer Gesamteinnahme von neununddreißigtausendneunhundertundvierzig Pfund die Einnahmen aus Geschenken und Pensionen dreitausendundein Pfund; bei einer Gesamtausgabe von sechsundzwanzigtausendachthundertzweiundzwanzig Pfund die Kosten der Heerzüge viertausendvierhundertsechsundsechzig Pfund. Im Jahre 1512/13 stiegen die Intraden aus Geschenken und Pensionen sowie Kriegsentschädigungen auf zwölftausendachthundertsiebenundvierzig Pfund.

Dabei beachten wir die Korrelationen, nämlich die der Behörde durchaus bewußten Beziehungen dieser Einkünfte zum Gegenstück auf der Ausgabenseite, zu den Kosten der Gesandtschaften und der Heerzüge. Bei der Abrechnung über das Jahr 1511/12 macht der Rechnungsführer geltend, daß die Ausgaben für Gesandtschaften die durch die Gesandten empfangenen Geschenke um dreihunderteinundfünfzig Pfund übersteigen; im gleichen Jahre sind eintausendsechshundertsiebenundsechzig Pfund mehr „verkriegt und verzogen, als die pensiones tragen“. Die finanzielle Wichtigkeit und damit auch eine Rechtfertigung der Pensionenpolitik zeigt sich am reinsten in Basel, weil hier keine persönliche Bereicherung der Regenten aus Pensionen und Geschenken geduldet wurde.

Zum Wesen dieses Regimentes gehören vornehmlich die militärischen Leistungen, mit denen Basel dem Gebote der Zeit zu genügen suchte.

Allgemeine Unruhe und Unsicherheit waren Beigaben der Stadtgeschichte von Anbeginn. Aber stärker als je zuvor machten sich die großen Potenzen, die eine halbe Welt erschütternden Bewegungen der europäischen Politik auch für Basel geltend. Diese hauptsächlich stellten jetzt Aufgaben, hielten die Behörden in Atem. Es war ein rastlos hochgespanntes Leben, dessen Äußerungen auch uns noch ergreifen.

Basel war genötigt, auf seine dauernde kriegerische Bereitschaft zu achten. In Fortifikation der Stadt und der Landschlösser, in Anhäufen [105] Hüten und Mehren mannigfaltigen Kriegsmaterials. Von allen diesen Dingen ist schon geredet worden. Hier nennen wir nur nochmals, als die schönste Einzelheit in diesem Vielerlei, die Besorgung der großen Feld- und Belagerungsgeschütze. Die Artillerie war von jeher eine Sache des offiziellen Ehrgeizes, die Sammlung dieser Kriegswerkzeuge im Basler Zeughaus eine berühmte Sehenswürdigkeit. Die Bereicherung, die sie gerade jetzt erhielt, in den 1514 durch den Straßburger Stückgießer Jörg von Guntheim für Basel angefertigten Geschützen, zeigt die Art der Zeit und die Anschauung der damaligen Behörde deutlich; diese sechs gewaltigen Prachtkarthaunen waren Werke eines hochgetriebenen künstlerischen Sinnes. Im Jahre 1519 folgte der Guß von Schlangenbüchsen durch Meister Hans Koberger.

Zur Rüstung zählen wir auch die Sorge für die allgemeine Wehrhaftigkeit. Wobei von besonderem Interesse die Übung und Ausbildung schon der Knaben in den Waffen war, sodann die von Obrigkeitswegen eingerichteten und aus öffentlichen Mitteln geförderten Fechtschulen. Eine solche Schule bestand hier seit 1485 unter der Leitung des Fechtmeisters Peter Schwizer von Bern; im Jahre 1490 wollte Paulus Krug eine zweite Fechtschule auftun und erbot sich, mit Peter um die Schule zu fechten und ihm „das Schwert abzuhauen“. Doch scheint Peter, durch den Rat geschützt, der einzige Fechtmeister in Basel geblieben zu sein; er trug ein silbernes Kleinod mit dem Stadtwappen. Nachdem er 1518 nach üchtländisch Freiburg berufen worden, versah den Fechtunterricht in Basel Hans Glarner.

Über vorbereitende und rüstende Tätigkeit hinaus ging die Kriegführung selbst.

Im Dienste großer politischer Aufgaben hat Basel zwei Jahrzehnte Kriegsleben von erstaunlichem Umfang und Inhalt durchzumachen. Dieses Leben bringt eine schwere Erprobung aller menschlichen und bürgerlichen Fähigkeiten. Es offenbart aber auch, vermöge der Häufigkeit der sich unausgesetzt folgenden Aktionen und insbesondere durch die Art der Gewinnung der Einzelnen für diesen Dienst, eine bewußte Teilnahme der Gesamtheit an der Politik und ihren Konsequenzen. Dieser großen Tatsache gegenüber kommen Stimmen Einzelner, wie z. B. des Pamphilus Gengenbach, die von der Weltpolitik samt all ihren Allianzen und Heerzügen nichts wissen wollen, kaum in Betracht. Sie waren vereinzelt. Die Gesamtheit der Bevölkerung stand in dieser Zeit da als ein Kriegsvolk; neben dem politischen Interesse riß sie das militärische Abenteuer hin, das Verlangen nach Kampf und Sieg.

[106] Eine gewaltige Erscheinung vorerst ist die Explosion dieser allgemeinen Kriegslust und Fähigkeit im Reislaufe.

Wir kennen ihn. Er hat schon frühere Zeiten bewegt. Jetzt, da Alles gesteigert ist, hat auch das Reislaufen seine Höhe. Unaufhörlich, in fast verwirrender Menge, kreuzen sich diese Reislaufdinge mit denen des offiziell autorisierten Kriegstreibens.

Die Verhandlungen der Eidgenossen hierüber führen schon 1503 zum Verbote jedes eigenmächtigen Reislaufens und jeder unbefugten Werbung für fremde Dienste. Aber, als ob dieser Erlaß nicht bestünde, hat die Tagsatzung all die Jahre hin immer wieder von der Sache zu reden, bis zur großen Aufregung im Frühling 1519, da die dem Herzog Ulrich in dichten Scharen zugelaufenen Knechte dem Heimrufe der Tagsatzung nicht folgen und einige Orte, darunter Basel, sich rüsten, mit Hauptbannern und „eilendem gewaltigem Heerzuge“ die Ungehorsamen wieder nach Hause zu zwingen.

Auch in Basel folgt Verbot dem Verbote. Stets in dem Sinne, daß die Leute still sitzen und der Obrigkeit gewarten sollen, die ihrer jederzeit bedürfen kann. Aber umsonst. Vom Elternhause, vom Handwerk, vom Acker weg läuft die Jugend in den fremden Kriegsdienst. Aus Armut folgt der Eine dem Werber, Schulden halber ist der Andre gebannt und muß aus der Heimat weichen, den Dritten verscheucht das Unglück des Todes seiner Frau u. dgl. m. Das sind einzelne Fälle. Umfassender ist das Ganze. Unergiebigkeil des Bodens und Mangel an Verdienst mögen fort treiben, aber auch die Wanderlust, die Rauf- und Beutegier, der kriegerische Drang, die Ungeduld. „Was sollen wir daheim tun? an den Klauen saugen? die Finger spitzen?“ In Vielem steht eine Notwendigkeit vor uns. Ein Überschuß sucht sich Raum und Bahn. Und wenn die Vaterlandslosigkeit dieses Mutes, das Dahintenlassen und Verwahrlosen einer angestammten Erde mißfällt, wenn nach Gengenbachs Urteil der Reisläufer Land und Leute verrät und ein durch alle Welt streichender Kistenfeger ist, so mag auf der andern Seite erwogen werden, wie manche Unbändigkeit, die zu Hause Übel wirkt, hier im Söldnerleben ein ihr gemäßes Feld findet; auch der Gedanke an das Viele gilt, das den heimkehrenden Reisläufer begleitet und nicht allein Arbeitsunlust ist und Unsitte, sondern auch Erfahrung Weltkenntnis Bildung. Im Reislaufe waltet dieselbe Kraft, auf der die einzige Kriegsglorie der Schweiz dieser Jahrzehnte ruht.

Nicht an niedres Volk nur haben wir dabei zu denken oder an die ohnedies verlornen Existenzen. Auch der Herrensohn, der reiche Herbergswirt, [107] der Tuchhändler laufen in den Krieg; wenn ihre Stunde schlägt, folgen auch sie dem Werber. Zahlreiche Verzeichnisse zeigen uns Basler Reisläuferscharen: viele Landschäftler, viele Städter. Der spätere Bürgermeister Meltinger ist unter ihnen. Manche, die vom Reislaufen nicht lassen können, unabtreibliche Gefolgsleute des Freifähnleins, müssen immer wieder zur Strafe gezogen werden: Hans Locherer der Rebmann, Hans Linder der Tuchscherer, Peter Linder, Hans Stähelin, Heinrich Steinacker genannt Algower, usf. Eine Reisläuferfigur dieser Art ist auch der Gerber Ulrich Schmid, dessen Witwe dann den jungen Hans Holbein heiratet. Matthäus Wenz sodann, erst Tuchscherer, dann Wirt. Aber Beruf und Haus treten zurück, die Akten wissen nur Kriegerisches von ihm. Jahrelang ist er einer der tätigsten Söldnerführer und Werber, dann nehmen ihn die Heerzüge Basels selbst in Anspruch. Vor Genua, im Pavierzug, überall ist er anzutreffen; bei Novara kämpft er mit Tapferkeit, und im gleichen Jahre wieder zieht er mit den Freiknechten vor Dijon.

Diesem gegenüber ist eine niedre Art des Reisläufertums vertreten durch Mathis Heckel genannt Schwertfeger, eine ungewöhnlich vollständig bezeugte Gestalt. Trieb und Drang scheinen in diesem Menschen unzähmbar zu sein; sie verderben ihm in der Tat sein Leben. Er ist Sohn des Schwertfegers Michel Heckel und immatrikuliert sich im Winter 1490/91 an der Universität. 1493 wird er Baccalaureus der Artisten. Bald darauf heiratet er die Agnes Han aus der Glasmalerfamilie; er treibt den Beruf des Vaters. Aber schon frühe dringt Unruhe in dies geordnete Wesen. Heckel gibt 1498 das Bürgerrecht auf, um in fremden Kriegen zu kämpfen. Er dient in Frankreich; er reitet zum Bailli Anton von Baissey; er zieht zu dessen Bruder nach Mailand usw. Wegen „allerley üppikeit“ aus Basel verbannt, kann er erst mit den vom Bellenzer Zug heimkehrenden Hauptleuten wieder hereinkommen. Er wird auch wieder Bürger. Er hat einen Sohn Christoph. In seiner Werkstatt im Hause zur Alten Wage an der Schwanengasse schmiedet er wieder Schwertklingen, immer mit allen Gedanken mitten drin in dem Leben, dem diese Waffen gehören. Daher er auch sein dem Rate gegebenes Versprechen bricht und aufs Neue Frau und Kind verläßt, den Kriegen nachläuft, selbst den Werber macht. Er wird bestraft, sein Hab und Gut gerichtlich inventiert. Aber daß er dann das Handwerk aufgibt und 1509 die Herberge zum goldenen Kopf an der Schifflände, kauft, deutet auf alles Andere als auf Fleiß und Stätigkeit. Er gibt sich mit Dirnen ab und lebt üppig, stolziert in Kleidern aus Samt und Seide [108] mit goldenen und silbernen Zierden Haften Zeichen Borten Seidengeflecht usw. 1517 verkauft er den Gasthof wieder. Endlich bricht ihm die große Werbungssache des Herzogs Ulrich von Württemberg 1519 den Hals; seinem Eid aufs Neue untreu, nimmt er eine Hauptmannschaft an, er führt Bürger und Andere außer Landes, er verlangt vom Herzog eine Pension, er beleidigt in lügnerischem Ausschreiben den Rat von Basel. Bis zuletzt Dieser seiner habhaft wird. Als einen Hochverräter holt er ihn mit Gewalt aus dem Asyl im Johanniterhause, in das er geflohen ist. Aber auf Fürbitte wird Heckel freigelassen und verläßt Basel. Später taucht er in Bern auf, als Feldschreiber des Junkers Ludwig von Erlach; er ist der Mathisli, der 1522 an der Werbungssache des Fierabras von Corbers beteiligt erscheint.

Dies die Lebensdaten. Hinter ihnen liegt Dasjenige, was für uns von Wert ist: Heckels Haltung in den Kriegsdiensten, denen er so beflissen nachgelaufen. Wiederholt begegnet er uns dabei als Schreiber, vielleicht seiner auf der Universität erworbenen Bildung wegen. Er hat den Ruf, einer der gewandtesten Feldschreiber zu sein und daher immer mehr Sold zu erhalten als die Andern. Als Schreiber des Wabrer ist er in die schlimme Sache des Verrats von Novara 1500 impliziert; beim Kriege gegen Venedig 1509 dient er dem Junker Hans von Diesbach als Schreiber, schon früher, in Frankreich, hat er dies Amt versehen. Von überall her aber folgt ihm der Haß der Kriegsknechte. Sie fluchen ihm als einem Schelm, der mit ihnen und ihrem Geld untreu umgegangen sei. Auch den König von Frankreich als Soldherrn soll er betrogen haben, durch Fälschung der Rötel bei der Musterung in Cremona; den Leuten in Frankreich, bei denen er gelegen, habe er die Kisten aufgebrochen, den Weibern die Ringe von den Fingern genommen u. dgl. m. Alles geht bei Heckel in Unrast und gierigem Begehren auf, und die Tüchtigkeit findet keinen Platz mehr. Der Reislauf ist ihm nur Geschäftssache. Voll Neides sieht man ihn viele Kronen, silberne und goldene Ringe aus seinen Feldzügen nach Hause bringen. Aber nach der großen Novaraschlacht, zu der er im Heere Basels mitgezogen, ist die allgemeine Rede, daß er ein Feigling gewesen und von der Wahlstatt hinter die Mauern geflohen sei.

Nun aber das obrigkeitlich geordnete Kriegsleben.

Sein Zentrum ist die Tagsatzung. Durch sie wird der Heerzug beschlossen, jedem Orte die Stellung von so und soviel „Knechten“ zugewiesen. Von diesem Beschlusse geht die kriegerische Aufregung durchs [109] ganze eidgenössische Land. Und dann beginnt, was Geschäft des einzelnen Ortes ist.

Die reinste Form der Kriegführung ist der in eigener Sache unternommene Zug, wie z. B. der nach Dijon. Oder die Obrigkeit kann einem fremden Herrn die Mannschaftswerbung im Lande gestatten; Solches war 1476 zu Gunsten des Herzogs Renat von Lothringen geschehen und wird später wieder üblich werden. Die häufigste Form unsrer Zeit aber ist: Bereitstellung der Knechte durch die Obrigkeit für den fremden Herrscher, auf dessen Kosten sie dienen, gemäß dem mit ihm geschlossenen Vertrag über Söldnerlieferung und Jahrgeld. Es ist ein Solddienst, aber in Anlehnung an das Milizsystem. Die Werbung oder die Aushebung geschehen offiziell durch den Rat und im Rahmen der Milizeinheiten, der Zünfte usw.

Wir suchen das Verfahren im Einzelnen kennen zu lernen. Es ist in den meisten Beziehungen immer dasselbe.

In der ersten Zeit teilt der Rat jeder Zunft und Gesellschaft mit, daß laut Tagsatzungsbeschluß „Basel mit seinen Eidgenossen dem Papst eine Summe Knechte auf seiner Heiligkeit Besoldung zuschicken werde. Ist Jemand unter Euch lustig und dem Rate zu Ehren gewillt, solchen Zug zu tun, der soll sich in Schrift angeben. Welche ziehen wollen, sollen sich mit Kleidung Harnisch und Waffen versehen und Dienstag nach Laurenz zum Abzuge gerüstet sein“. So 1510 beim Chiasser Zug. Ähnliche Aufforderungen ergehen in die Landschaft; jedem Landvogt wird befohlen, in seinem Amte kund zu tun, daß, wer zu ziehen Lust habe, sich in Basel melden solle. Dieses Verfahren eines gewissermaßen offiziell organisierten Reislaufs scheint sich nicht bewährt zu haben. Bald tritt an seine Stelle die eigentliche Aushebung für den fremden Dienst. Seit 1511 ist in den Zünften von Denen die Rede, die „usgeleit“ „hinweggeschickt“ werden; in der Landschaft wird jedem Amt eine bestimmte Anzahl Knechte zu stellen auferlegt.

Am stärksten beteiligt sind unter den Zünften Safran Rebleute Schmiede Schuhmacher und unter den Kleinbasler Gesellschaften der Greif. Unter den landschaftlichen Bezirken steht das große Farnsburger Amt immer an der Spitze. Wir finden aber nicht, daß diese Landämter mehr Mannschaft aufbringen als die Stadt.

Durch alle Körper hindurch geht nun die Erregung. Das kriegerische Hochgefühl, die Erwartung, die Unruhe und die Sorge. Die solche Züge schon mitgemacht, sehen neben sich Andre, die Dasselbe zu erleben begehren. Klar steht vor uns, wie mit diesen Wälschlandzügen ein neues Leben in [110] die Zünfte fährt. Wie die Ferne sich ihnen öffnet. Wie sie neben der Dürftigkeit von Werkstatt und Trinkstube nun auch Großes erleben. Jetzt können sie in ihren Archiven buchen, daß sie ausgezogen seien „zu Rettung des Herzogs von Mailand“; daß „die Schlacht geschach zu Navaren in der Lombardy wider den Frantzosen und gewonnen wir die Schlacht, Gott sy gelobt!“ u. dgl. m. Die Kriegsrötel und Reisbüchlein, die überall in den Zünften jetzt angelegt werden, sind Dokumente dieser stürmischen und mächtigen Zeit. Nur Listen zeigen sie uns; aber die Tatsächlichkeit des ganzen Ereignisses, die jeden einzelnen Vorgang begleitende Empfindung kommen uns heute noch aus ihnen entgegen, in manchen Namen von uns wohl bekannten Künstlern Buchdruckern Kaufleuten Gelehrten usw. Wir suchen das Leben überhaupt uns vertraut zu machen, das in den jährlich wiederkehrenden Aushebungswochen Stadt und Land erfüllt. Weil Kriegszeiten sind, so ist Betreibungsstillstand. Mancher macht vor dem Abmarsche sein Testament. Im Banne Stehende dürfen nicht Dienst tun; aber auf Verlangen des Rates läßt der Bischof Solchen jetzt die Absolution geben, damit sie ziehen können.

Auch die mancherlei Nötigungen und Stimmungen gehören hiezu, die Einzelne zurückhalten. Sobald es sich nicht mehr um freiwilligen Dienst, sondern um Ausgehobenwerden handelt, ist Raum für Stellvertretung. Zwar soll nur Derjenige, der eidlich dartut, „lybs halb“ nicht selbst dienen zu können, einen Söldner stellen dürfen. Aber dieser Grundsatz hält nicht stand, und die Aushebungsrötel der spätern Heerzüge sind angefüllt mit Vertretungen dieser Art, durch alle Klassen hindurch vom vornehmen Kaufherrn bis zum Handwerker. Im Dijonzug z. B. haben von zweihundertvierundzwanzig ausgelegten Städtern einhunderteinundvierzig Ersatzleute angemeldet; im zweiten Marignanoaufgebot sind einhundertsiebzig Söldner auf zweihundertachtundsechzig Zünftler und Gesellschafter. Auch in den Ämtern der Landschaft kommt diese Stellvertretung zuweilen vor. Von besonderem Interesse ist das Verhalten der Stubenherren. In den Zügen der frühern Zeit (Bellenz Genua Chiasso) haben stets einige Edelleute als Angehörige der Hohen Stube Dienst getan. Im Dijonzug sodann sind ihrer vier ausgelegt; aber von Diesen sind drei durch Söldner ersetzt, und der vierte, einzig persönlich dienende, ist der Hauptmann des Zuges Grieb. In den drei Marignanoheerhaufen aber kommen auf die zehn von der Hohen Stube Ausgelegten acht Söldner!

Welcher Art sind die Stellvertreter? Sie stammen zum Teil aus der Basler Landschaft, zum Teil aus schweizerischen Gebieten; auch Basler selbst [111] finden sich darunter, wie Pauli Bilger, Jörg Caramellis u. A. Im zweiten Marignanoaufgebote ziehen „vil redlicher handwerchsgesellen“ als Söldner mit, um sich dadurch das Bürgerrecht zu verdienen.

In solchen Söldnern haben wir vielleicht den kräftigsten Kern der Truppe zu suchen. Sie sind die Entschlossenen, die Alles wagen, und bei denen das Kriegführen schon zum Berufe geworden ist. In ihren Reihen vor Allem finden sich die Prachtfiguren der Zeichnungen und Glasgemälde, die namenlosen Helden, die in unsrer Phantasie diese Züge ziehen und diese Schlachten schlagen. Dasselbe Volk geht auch die Wege des Reislaufs in alle Welt und bildet außerdem im geordneten Heere die Scharen der freien Knechte.

Denn trotz den wiederholten Verboten der Tagsatzung nehmen an diesen Heerzügen neben der „ausgeschossenen“ „aufgebotenen“ „ausgelegten“ Mannschaft noch Freiwillige teil, „freie Knechte“. Oft in Menge. Sodaß z. B. unter den dreißigtausend Mann, die gen Dijon ziehen, vierzehntausend Freiknechte sind, mit den fünfhundertneunundachzig ausgehobenen Baslern zweihunderteinundachzig Freiknechte marschieren. Im Pavierzuge hat der Basler Haufe vierhundert ausgehobene und zweihundert freie Knechte gezählt; aber nicht schon zu Beginn. Sondern erst unterwegs, da die Basler Hauptleute vernehmen, daß alle andern Orte eine Menge Freiwilliger angenommen haben, finden sie, daß Basel dies auch tun solle, „um den andern Orten gleich zu sein und seine Macht zu mehren“, und nehmen sofort in Chur hundertfünfzig „hübscher Knecht“ an; auf dem Weitermarsche stoßen noch mehr zu ihnen.

Das ist, was „nebenher läuft“. Diese Freiwilligen müssen zum Fähnlein schwören; doch geben die Hauptleute ihnen weder Sold noch Verpflegung; sie sollen „uf iren Pfennig ziechen“. Ohne Ansehen der Person. Das gleiche Freiknechtenrecht gilt für sie Alle, auch für die „edeln und namhaftigen“ Herter von Efringen von Löwenberg Schaler Truchseß von Wolhusen, die neben Basler Raufbolden vom Schlage des Matthäus Wenz und neben den von allen Seiten her kommenden Freiknechten unter dem Fähnlein Basels wider Dijon ziehen. Mit einer Schar solcher Knechte, aus Brugg und der Herrschaft Schenkenberg stammend, hat dann Basel noch jahrelang Streitigkeiten wegen ihrer Soldprätensionen.

Eine Spezialität des Basler Kontingents endlich sind die Mülhauser. Das Bündnis dieser Stadt mit Basel 1506 hat auch sie in den „Zirkel der Eidgenossenschaft“ gebracht. Dies begründet ihre Teilnahme an den Heerzügen, jedoch durchaus in der Gefolgschaft Basels. Das Verfahren ist, [112] daß Basel jeweilen Mülhausen benachrichtigt, wenn die Tagsatzung einen Zug angeordnet hat, worauf Mülhausen den Zuzug beschließt „zu Erzeigung unsres herzlichen Willens, den wir zu euch und gemeiner Eidgenossenschaft haben“. Es ist stets nur eine kleine Schar, etwa zwanzig Mann, die von Mülhausen herauf kommt. Sie wird dem Basler Haufen „angehenkt“ und zieht unter dem Feldzeichen Basels; im Musterrotel rangiert sie gelegentlich neben den aus den baselischen Ämtern Ausgelegten. Bei keinem der großen und berühmten Züge der Eidgenossenschaft fehlt dies Mülhauser Häuflein.

In solcher Weise bildet sich das Heer. Keine Heeresmacht in modernem Sinne. Wie die Eidgenossenschaft damals ihre Taten vollbringt mit einer Armee von nicht viel mehr als zwanzigtausend Mann, so hat kein einziges Aufgebot Basels die Zahl neunhundert überschritten. Daß nach mehreren Aufgeboten zuletzt sechzehnhundert Basler die Schlacht von Marignano mitgefochten haben, ist die stärkste kriegerische Leistung der damaligen Stadt.

Aber was können uns die Zahlen sagen? Sie bedeuten an sich nichts. Sie erhalten Leben und Wert nur aus der Umgebung. Die Basler Schar ist ein Teil des eidgenössischen Heerhaufens; er mag so oder anders gebildet, größer oder kleiner sein, dem Ausland ist er „das Volk in Waffen“, bestaunt durch einen Mann wie Machiavell, als unüberwindlich berühmt, den Kriegerscharen der Antike vergleichbar.

Die an äußere Maße nicht gebundene, vielmehr durch die Tüchtigkeit und das Selbstvertrauen des Einzelnen bedingte Größe der Erscheinung hat ihre Verherrlichung gefunden in Hans Holbeins Schlachtbild; das leidenschaftliche Fühlen der Mithandelnden lebt kühn und unvergänglich in Liedern weiter. Es sind die Jahre, in denen Alles Krieg führt. Und so greift die Phantasie noch über die Zeitlichkeit hinaus in jenem Wandgemälde des Muttenzer Beinhauses, im Jahre der Schlacht von Novara, wo vom allgemeinen Kriegsrufe geweckt auch die Ahnen als ein Totenheer sich aus den Grüften heben und gegen die Feinde stürmen.

Die Mannschaft wird unter das Kommando ihres Hauptmanns gestellt. Wobei aber nicht mehr wie früher der Bürgermeister von Amtes wegen als Kommandant gilt. Die persönliche Befähigung wird erwogen. So sind jetzt Hauptleute die Oberstzunftmeister Kilchman (1507) Grieb (1513) Trutman (1515), die Stubenherren Offenburg (1511 1515) und Meltinger (1513 1515), Meister und Ratsherr von Zünften Meyer (1510 1512) und Stolz (1513).

[113] Dem Hauptmanne beigegeben ist der Stab, bestehend aus dem Lütener, dem Fähnrich und dem Vorfähnrich, den Zugeordneten vom Rate, den zum Geschütze Geordneten, den Lieferherren; in weiterem Begriff noch Figuren umfassend wie Schreiber Dolmetsch Furier Weibel Boten Trabanten Spielleute. Auch der Scherer fehlt selten, und als Feldkaplan reitet ein Mönch des Augustinerklosters mit. Außerdem sind zu nennen der Koch, die Trotzknechte, und die als amtlich bestellte Begleiterinnen der Mannschaft bei keinem Heerzuge fehlenden Dirnen, die vom Rate mit Schuhen und weißschwarzen Röcken ausgestattet werden und nach der Heimkehr sich ein Trinkgeld aus der Stadtkasse holen dürfen.

Akten und Bilder in Menge vermitteln uns die Anschauung des ausgerüsteten Heeres. Dabei erscheinen der Bellenzer Zug 1603 und der Zug nach Dijon mit besonderer Sorgfalt hergerichtet. Jedenfalls wird deutlich das allmähliche Wachsen aller Ansprüche, namentlich der Herren des Stabes, und unverkennbar legt der Rat Wert darauf, daß „wir unsern eidgenossen glichformig und nit minder geachtet werden“. In der Ausstattung des einzelnen Mannes ist Basel ohnehin den andern voran; beim Novarazug z. B. ist die Rüstung der Eidgenossen dürftig; von den „nacketen Knechten“ wird geredet; außer den Baslern und Schaffhausern haben die Wenigsten einen Harnisch.

Nur bei einzelnen Zügen (Winterzug Pavia Dijon) wird Geschütz mitgeschleppt. Die Bespannung dieser Schlangen und Büchsen sowie der Troßwagen ist durch die Klöster und das Spital zu stellen.

Als Seele des Ganzen aber gilt das Feldzeichen Basels, das Fähnlein. Alle diese Züge sind im Sinne städtischer Kriegsordnung kleinere, nicht „mit ganzer Macht“ geschehende. Wollen wir uns diese Basler Kontingente auf dem Marsch oder in der Feldschlacht vergegenwärtigen, so denken wir nicht an die schweren rauschenden Banner, nicht an die dämonische Beseelung des gewaltigen Fahnentuches der Fenner Urs Grafs. Sondern über der Mannschaft weht das Fähnlein in den Stadtfarben schwarz und weiß, ohne das Ehrenzeichen des Baselstabs.

Im Werkhofe wird die Truppe gemustert. Dann zieht sie aus der Stadt, durch eine Delegation des Rates nebst Wachtmeistern Ratstrompetern und Söldnern bis über die Birs geleitet. Drüben, außerhalb des Stadtbannes, schwört die Mannschaft den Häuptern den Feldeid und dann, losgelöst von der Heimat, tritt sie den Marsch an, dem Süden, dem Kampfe, dem Ruhme zu.

Wie während dieses Marsches zu Haus in Basel Alles erregt ist, zeigen die Korrespondenzen. „Neue Mähren“ melden sich, Reisende [114] Kaufleute Rompilger Priester bringen die mannigfaltigsten Gerüchte Vom Heere selbst kommen die Rapporte der Hauptleute, die Boten laufen, oft mit derselben Meldung verschiedene Boten zur gleichen Zeit „auf beiden Straßen“. Dennoch ist der Rat immer ungeduldig, er „dürstet“ nach Briefen, er ist besorgt und unruhig und schilt die Hauptleute um ihre Lässigkeit. Er schickt Geld. Er wünscht Sieg und glückliche Heimkehr. Im Sommer 1515 steigern sich Not und Spannung aufs Höchste. Der Rat ist sichtlich voll schwerer Sorge. Neue Töne kommen in seine Schreiben; er tadelt die Mängel der Heerführung; er schickt Warnungen, die ihm wegen der Franzosen geworden sind; er mahnt zur Einigkeit; er mahnt, die Ehre Basels zu wahren. Und dabei immer aufs Neue wieder das ungeduldige Verlangen nach Berichten. „Uns wundert, daß ihr Tinte Papier und Feder schonet. Andrer lüt schriber schlofen nit.“

So ist die Stimmung im Rathause. Das marschierende Heer aber hat unterdessen allerlei Reisenot durchzumachen, Unfälle, Erkrankung von Führern, schlimme Wege u. dgl. Namentlich geben zu tun die Fragen des Soldes und der Verpflegung.

Die Kosten der Heerzüge 1503 (Bellenz) und 1513 (Dijon) fallen durchaus der Stadt zur Last. Anders ist das Verhältnis bei den auf Verlangen und Mahnung des Papstes usw. geschehenden Zügen. Da soll grundsätzlich die Verproviantierung der Mannschaft dieser selbst obliegen, wofür sie ihren Sold vom Papste usw. erhält und sich außerdem an Feldfrüchten Vieh usw. im Feindeslande sättigt. Auch die Angehörigen des Stabes haben ihren Sold vom Papst usw.; ihre Verpflegung („Lieferung“) ist Sache Basels. Daß aber auch hierüber hinaus noch die Stadt erhebliche Kosten hat, ist verständlich.

Zu den Beschwerden des Heerzuges gehört noch Anderes. Diese in den Krieg ziehenden Knechte stellen gelegentlich eine Macht dar, um deren Gesinnung und guten Willen sich der Rat sehr zu kümmern hat. Es sind zuchtlose Elemente in der Schar. Der Gegensatz der Städter zu den Leuten aus den Ämtern, die hier nebeneinander denselben Dienst tun, führt oft zu Hader und Unruhe. Und daneben tritt der weitere Gegensatz der Ausgehobenen, die gerne bald wieder heimkehren, zu den Söldnern und den Freiwilligen, denen eine lange Dauer des Krieges willkommen ist. Aufgeregte Bilder aus diesem Treiben geben uns z. B. die Meldungen vom Pavierzug 1512: die Knechte weigern den Gehorsam; mit Trommelschlag rufen sie zu „Gemeinden“, um den Hauptleuten die Meinung zu sagen wegen des Ausbleibens der Soldgelder, wegen des Heimmarsches usw. [115] Die Sommerhitze in der lombardischen Ebene ist furchtbar. Krankheiten wüten im Heere. Die Krawalle wiederholen sich, ganze Haufen sondern sich ab und ziehen auf eigene Faust heimwärts. Es „fallen seltzame Worte“, der Unwille ist allgemein, so nachdrücklich auch die Hauptleute dem Kriegsvolke zu verstehen geben, „daß wir nicht um Geld zu verdienen, sondern in der Obern Gehorsam ausgesandt sind, der Stadt Basel und unser Aller Lob Nutz und Ehre zu werben“.

Mannigfaltiges wildes Leben füllt das Wesen dieser Heerzüge, dieser Märsche. Bis endlich die Basler die Vereinigung finden mit den andern Eidgenossen und zuletzt das ferne Feld betreten, wo die Schlacht ihrer wartet.

Allgemeine Bedeutung hat als Frucht dieser kriegerischen Taten die militärische Erziehung des Einzelnen und der Gesamtheit, sowie das Bewußtsein Basels, ein kriegerisches Gemeinwesen zu sein, das Jahr um Jahr seine Truppen ins Feld schickt. Wie der Rat die Siegesbotschaft von Novara empfängt und in einem Brief an die Hauptleute erwidert, führt uns mitten hinein in eine Stimmung, die dem Rathause nicht oft beschieden gewesen ist. In diesem siegberauschten Basel ist dann das Novaraschlachtlied gedichtet worden. Und auch die einzelnen Tapfern dieses glorreichen Tages kommen da zu ihrem Rechte: Matthäus Wenz; Martin Springinklee; Jerg Trübelman, dem die Eroberung eines feindlichen Fähnleins mit einer lebenslänglichen Pension belohnt wird; Hans Nickly von Ziefen, der in der Schlacht die Rechte verloren hat, worauf ihm der Rat durch den Stadtschlosser Hertisen eine eiserne Hand anfertigen läßt.

Aber nicht nur der Tag von Novara hat seine Helden. Die ungewöhnliche Kraft dieser Zeit lebt auch in Theodor Brand, der die drei großen Schlachten von Novara Marignano Bicocca mitmacht. Henman Offenburg und Heinrich Meltinger kämpfen bei Marignano in der vordersten Reihe und werden Beide schwer verwundet. Dasselbe Schlachtfeld sieht die Kühnheit des Hans Linsi und des Fridli Hersberg, die französische Feldzeichen gewinnen. Und ebendort findet Hans Bär den Ruhm des Unterganges.

Wir gedenken noch einiger Einzelheiten, die zur Erscheinung dieser Politik und dieser Kriege gehören.

Die päpstliche Garde, als Palast- und Leibwache 1503 für Papst Julius angeworben, war gebildet durch zweihundert Schweizer, und schon frühe finden wir auch Basler in ihren Reihen. „Am höchsten Hofe der [116] heiligen Christenheit“, wie der Rat schreibt, waren Gardisten aus Basel: Lienhart Hüglin, 1513 Theodor Kösy, 1520 Bernhardin zum Luft. Der Letztgenannte, ein Neffe des Professors und Domherrn Arnold, hatte zu Haus eine Kaplaneipfründe am Münster.

Weniger bedeutend, nur eine Episode, war der schweizerische Gardedienst in Mailand, der nach der Gewinnung des Herzogtums durch die Eidgenossen eingerichtet wurde. Er währte nur wenige Jahre, bis 1515. Balthasar Meyenberg, Joder Zwilchenbart, Hans Trucher fanden von Basel her Eintritt in diese Garde. Daneben dienten Johannes Locher von Basel dem Herzog 1514 als Büchsenmacher und im Hofstaate selbst 1513 Friedrich von Eptingen, 1514 Lorenz Sürlin als clientulus und curialis.

Dieselben paar Jahre 1512—1515 hindurch bestanden auch die schweizerischen Besatzungen der Schlösser Mailand und Cremona. Dem Protektorate der Eidgenossen über das Herzogtum als Stützen dienend wurden auch sie durch Kontingente der Orte gebildet, und ein Platz in einem dieser „Zusätze“ war jederzeit ein Gegenstand eifriger Bewerbung. Als Basler Rottmeister in Mailand werden uns genannt Hans Graf, 1514 Konrad Meyer, 1515 Benedict Hirtlin,

Reich an Bewegung und Wechsel, schließen sich um das heimatliche Kriegswesen alle diese fernen Stätten eines Soldatendaseins, wie man es zu Hause niemals hatte, mit dem lockenden Garnisonsleben in den Kastellen Wälschlands, mit dem Dienst in fürstlichen Vorzimmern und an Palastportalen.

Wir denken auch an die Besatzungen der Tessiner Schlösser, an die Besatzungen zu Yverdon und Neuchâtel, an die königliche Garde in Paris. Daneben ist die Größe der Heerzüge Schlachten Belagerungen. Alles zusammen gibt uns den Begriff einer einzigartigen kriegerischen Erweiterung der Welt.



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Fünftes Kapitel
Die Regenten




In einer Fülle von Erscheinungen entfaltet sich vor uns das Regiment. Wir aber sehen uns nach Denen um, die Hauptvertreter dieses Regimentes sind, nach den Regenten. Sie zeigen sich uns in verschiedenen Schichten.

Wir treffen Männer im Rathause, die wesentlich Gestalten des voreidgenössischen Basel sind, auch wenn sie noch einige Jahre der neuen Zeit miterleben: Niclaus Rüsch, Friedrich Hartman.

Andrer Art sind Diejenigen, die auch schon im alten Basel mitgewirkt, aber noch Frische genug haben, um jetzt dem neuen sich wieder zu eigen zu geben: Hans Hiltbrant, von der Hausgenossenzunft im Rate 1484 bis 1508; Walther Harnisch, von der Metzgernzunft 1486—1510; Mathis Iselin, von der Safranzunft 1489—1511; Ludwig Kilchman, von der Hohen Stube 1491—1517. Was diese Männer darstellen, ist das Mittelmaß, auf dessen starker und stäter Vertretung die Gesundheit des Regierens ruht. Dies gilt zumal von den ausdauernden Veteranen, von Caspar Koch, der vierzig Jahre lang, 1485—1525, in Rat und Kollegien arbeitet; von Michel Meyer, der fünfunddreißig Jahre lang von der Hausgenossenzunft her und sieben Jahre lang von der Hohen Stube her, 1476 bis 1518, dem Rat angehört. Auch Heinrich von Sennheim hat seine Bedeutung, 1486—1491 und 1498—1510 als Zunftmeister zu Safran im Rate, der letzte namhafte Vertreter eines Geschlechtes, das mit dem Ruhme Basels durch Jahrhunderte hindurch alt geworden ist.

In hohem Maß aber gilt dies von der vollkommenen Gestalt des Peter Offenburg. 1458 geboren, 1514 gestorben, erreichte er nur dasjenige Alter, in dem sein Großvater Henman noch wohlgemut nach Jerusalem gefahren war. Aber ihn den Enkel zeichnet aus, daß sein Leben völlig unzersplittert dem Gemeinwesen gehörte. Vor Andern befähigt vollbrachte [118] er während der Jahrzehnte des Überganges das Verschiedenartigste und immer gerade Dasjenige, was für die Stadt bedeutend war. Nach einigen Jahren Verwaltung der wichtigen Landvogtei Farnsburg, 1486—1494, trat er in den Rat und war von da an in ihm unausgesetzt tätig, schon von 1496 an als Oberstzunftmeister, dann bald als Bürgermeister. Seine denkwürdigste Leistung der frühern Periode war die Gewinnung des kaiserlichen Privilegs von Antwerpen 1488. Dort führte er Basel enger dem Reiche zu, dreizehn Jahre später der Eidgenossenschaft. Als das Haupt der Stadt schwor er 1501 den Schweizern. So hat er die entscheidenden Jahre der Basler Geschichte an höchster Stelle miterlebt; aber wir vermögen nicht zu sagen, wie weit er Urheber der Ereignisse gewesen ist und wie weit nur ihr Benützer. Nach dem Jahre des Bundes war er jedenfalls der am häufigsten handelnde Vertreter Basels in eidgenössischen Dingen. Daher auch in der ganzen Schweiz wohl der bekannteste und angesehenste Basler dieser Zeit. 1502 Gesandter zu König Ludwig, 1512 Gesandter zu Kaiser Max; aber auch Kommandant des ersten eidgenössischen Heerzuges Basels 1503. In solcher Kraft und Gewandtheit überdauerte er Perioden und Schwankungen baslerischer Politik, und als er 1514 starb, konnte er zurückblicken auf eine mit seiner Person enge verbundene gewaltige Entwickelung der Vaterstadt. Im Momente höchsten Glanzes erlitt er den Tod. Wie viel aber sein Leben und nun sein Tod galten, zeigt die ungewöhnliche Betätigung von Rat und Bevölkerung bei seinem Grabgeleite.

Ähnliche Beachtung fordert Offenburgs Genosse Lienhard Grieb. Eine eigenartige Gestalt voll Feinheit und Leben. Im Dienst am Gemeinwesen war er der würdige Erbe seines Vaters, er wurde zu einem Führer gleich Offenburg. Seit 1494 im Rate, versah er von 1504 bis zu seinem Tode 1516 das Oberstzunftmeisteramt. Das ihn besonders Auszeichnende aber war seine Bildung. Schon an seinen Akten erkennen wir die geistige Eigenart des Mannes; sie treten aus den übrigen Skripturen vor vermöge der individuellen Schrift sowie der Klarheit und Leichtigkeit des Satzbaus. Aber auch alles Übrige läßt die Kultur Griebs erkennen. Seinen akademischen Jugendjahren und dem 1482 zu Basel erworbenen Magistertitel verdankte er, daß er an den eidgenössischen Konferenzen Doktor Grieb hieß, als der einzige Tagherr dieser besondern Qualität neben dem Berner Thüring Fricker, seinem Freunde. Daher er auch, wie wir gesehen haben, in einem solennen Momente und am feierlichsten Orte der Welt, im Vatikan vor Papst Julius, als Orator der Eidgenossen seine Bildung erweisen konnte. Aber wie er hier mit seinem Latein vor kritischen Hörern Ehre einlegte, so [119] war er im folgenden Jahre fähig zum Kommando der Basler Truppen im Dijonzuge. Noch besitzen wir das Testament, das er damals vor dem Abmarsche machte, mit der Erbseinsetzung seiner Verwandten, da er ohne eheliche Kinder war, und mit großen Vergabungen an die Kirche und die Stadt. Noch erlebte er die Katastrophe von Marignano und die Entrechtung der Hohen Stube; im Sommer 1516 starb er.

Eine denkwürdige Periode waren die 1510er Jahre. Ihre Fülle und Macht ergreift uns überall; hier ist festzuhalten, wie das staatliche Leben Basels während dieser Jahre in der Gewalt weniger Männer steht. Wir suchen sie kennen zu lernen.

Vorerst den überall bei politischen Geschäften beteiligten, jedoch nirgends eigenartig vortretenden Eucharius Holzach. Er ist Oberstzunftmeisterssohn und eine der kleinen Größen der Mindern Stadt, wo er als Schultheiß amtet, mit den Kilchman verschwägert ist und Beziehungen zur Karthause hat. Seit 1507 sitzt er im Rate; 1516 erwirbt er, offenbar für die Stadt, die Herrschaft Hüningen. — Hans Stolz sodann gehört dem Rate schon seit 1495 an. Ihm eigen sind die englischen Beziehungen, in die er vielleicht durch seinen Weinhandel gekommen ist und die ihn 1514 als Unterhändler für ein englisch-schweizerisches Bündnis an den königlichen Hof führen. — Bei der Bürgerschaft beliebt ist der Tuchhändler Hans Trutman, 1503 Ratsherr zum Schlüssel, 1507 Oberstzunftmeister; nach Jahrzehnten noch wird er darum gepriesen, daß er toga saqoque als Magistrat und als Feldhauptmann, sich ausgezeichnet habe.

Diese Alle zeigen Durchschnittliches. Lebendiger stellt sich Hans Lombard dar. Kein alter Basler, sondern erst 1494 vom üchtländischen Freiburg her eingewandert. Vom Krämer zum Großkaufmann emporsteigend und vom Neubürger zum Schlüsselzunftmeister und Ratsherrn, um seiner Intelligenz und Gewandtheit willen sofort für die öffentlichen Interessen vielartig in Anspruch genommen. Doch tritt er politisch weniger ins Licht. Er ist vor Allem der Mann der Administration. Aber durch eine unsaubere Geschäftsmacherei bringt er sich 1517 um seine Stellung. Er wird „aus dem Rat und von Ehren gestoßen“ und schimpflich aus der Schlüsselzunft ausgeschlossen. — Auch Hans Oberriet ist ein Eingewanderter, aus dem breisgauischen Freiburg. Schon sein Bruder Simon hat in Basel gelebt, als Student 1470; seine Schwester Elisabeth wird Frau des Hans Wiler; er selbst faßt hier 1492 Fuß; er heiratet die Amalia Zscheckabürlin und kommt mitten hinein in die Zirkel der mächtigen Gesellschaft. Nach üblicher Art treibt er Großhandel und Detailgeschäft in allen möglichen Waren; er [120] ist sowohl Krämer als Kaufherr. Der Stadt dient er 1498—1503 als Wechsler am Finanzamte, von 1513 an als Ratsherr der Safranzunft, auch wiederholt in Gesandtschaften. Die zahlreichen Vergabungen an die Karthause gehören zum Ganzen dieser Existenz, ebenso der Besuch der Schlettstädter Schule durch seine Söhne; in solcher Gesinnung auch läßt er durch Hans Holbein das große Altarwerk malen, das ihn selbst uns zeigt, mit seinem ausdrucksvollen Gesicht eines klugen Rechners, und bei ihm seine zahlreichen, merkwürdig unschönen Söhne und Töchter. — Hans Gallizian endlich ist Einer aus der zweiten, vetternreichen Generation der piemontesischen Papiererfamilie, die seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts im Sankt Albantal arbeitet. Er steht mitten im Gewerbsleben; gleich den Wissenburg Oberriet Lombard Winter usw. gehört er zu der beweglichen und vielseitigen, die Stadt vorwärtsbringenden Kaufmannschaft. Er hat einen Verkaufsladen, treibt aber auch große Geschäfte; 1503 arbeitet er am städtischen Finanzamt; 1510 ist er Seckelmeister, 1512 Zunftmeister zu Safran, wiederholt Gesandter Basels zu eidgenössischen Tagen. Hier im politischen Leben gewinnt diese Gestalt Umrisse. Gallizian ist eines der Häupter der Franzosenpartei; er vertritt die Stadt bei der Besiegelung des Allianztraktates 1521.

Wir wenden uns zu den paar Herrschern des Rates.

Ulrich Falkner, von dem 1520 ein Verehrer rühmte, daß er ganz Basel in der Gewalt habe, war ein Kleinbasler gleich Eucharius Holzach. Seines Gewerbes ursprünglich Sattler, dann Herbergswirt. Was wir bei Lienhard Pfirter, Heinrich Rieher u. A. wahrgenommen, wiederholt sich hier: unaufhörlich mit aller Welt verkehrend, von überall her das Neueste hörend, den Menschen jeder Art nahekommend, können diese Inhaber großer Herbergen an ihrem Beruf eine Schule für öffentliche Geschäfte haben. 1508 wurde Falkner Meister seiner Weinleutenzunft, 1516 Ratsherr, 1519 Oberstzunftmeister. Alles trifft in voller derbster Sichtbarkeit in diesem Manne zusammen: die kriegerische Bravour beim Pavierzug und bei den gewaltigen Schlachten von Novara und Marignano, dann die unausgesetzte, nie subalterne sondern führende Tätigkeit im Rat und in zahllosen Kommissionen; neben Offenburg, später neben Meyer ist Falkner der an den meisten Tagsatzungen anwesende Basler. Im Jahre 1515 weilt er monatelang in Mailand als Mitglied des dem Herzog beigegebenen Kriegsrates. Hinter diesen öffentlichen Diensten aber betrachten wir den Menschen Falkner, wie er uns gezeigt wird in seinen Inventarien, in noch vorhandenen Trümmern einer luxuriösen Ausstattung, und in seinem Porträt, dem Bilde des [121] herrenmäßig lebenden Plebejers. Alles an ihm ist unverhüllt, ist Kraft, ist Freiheit von Skrupeln, ist Lust an Macht und Glanz und Gut. Völlig lebenswahr auch, wie diese Laufbahn auf der Höhe eines von Vielen nur mit Widerstreben bewilligten Ansehens jäh abbricht und der Gestürzte dann noch ein Menschenalter in Vergessensein auszuhalten hat.

Mit Falkner alternierte als Oberstzunftmeister der schon 1516 an dieses Amt erhobene Heinrich Meltinger. Als junger Mann hatte er Zeuge der Schmach seines Vaters, des Schlüsselzunftmeisters Ulrich Meltinger, sein müssen, der wegen Unterschlagung von Anstaltsgeldern war infam erklärt worden. Die natürliche Folge für den Sohn war das Verlassen der Heimat. Er ging fort in Solddienst, um hier eigene Ehre und eigene Geltung zu erwerben. So diente er dem König von Frankreich im Kriege von Roussillon; mit andern Basler Reisläufern begegnet er uns zu Chalon. Dann zu Beginn des Jahrhunderts kommt er wieder nach Hause, in das inzwischen eidgenössisch gewordene Basel, er selbst ein neuer Mensch. Heinrich Meltinger will mehr sein als sein Vater war. Fremde und Kriegsleben haben ihn aus allem Angestammten gelöst. Er tritt nicht in die väterliche Zunft, sondern findet Aufnahme in der Hohen Stube und heiratet die Tochter des Junkers Meyer von Baldersdorf. Er will Vasall des Markgrafen Philipp zu Ötlingen werden, er wird bischöflicher Vogt auf Birseck. Der Weg zu der Stellung in Basel, die er anstrebt, ist ihm damit geöffnet. Statt des alten kaufmännischen Meltingerwesens vertritt er ein selbsterworbenes Herrenwesen, und dieses führt ihn vom Schlosse des Bischofs auf ein Schloß der Stadt. Er wird 1509 Vogt auf Waldenburg und bleibt hier bis 1512. Das sind die Jahre, da für Basel alles Große beginnt. Inmitten dieser allgemeinen Steigerung tritt der Junker Meltinger 1512 in die Regierung ein. Als neuer Ratsherr von der Stube macht er den Pavierzug mit; er kämpft bei Novara; bei Marignano wird er schwer verwundet. Im Jahre darauf, 1516, kommt er zur Oberstzunftmeisterwürde. Durchweg erscheint er als der Mann vor Allem des Befehlens und der Tat. Aber auch seine Redegewalt wird gerühmt. Eine bestimmte, wenn auch nicht durch Tradition legitimierte Vornehmheit gibt ihm einige Distanz von den übrigen Führern; Diese sind Plebejer, mit hervorragenden Qualitäten. Politisch ist Meltinger ganz der päpstlichen Sache zugetan. Er ist einer der eidgenössischen Deputierten, die 1512 den Massimiliano Sforza in das Herzogtum einsetzen; auch später rufen ihn die Mailänder Angelegenheiten wiederholt hinüber.

Jacob Meyer zum Hasen war der 1482 geborene Sohn des Krämers Jacob Meyer, den wir als Wühler gegen die Obrigkeit kennen gelernt [122] haben. Doch wird die besondere Stimmung des Kreises, in dem der Junge aufwuchs, deutlich dadurch bezeichnet, daß die Gallizianen sowie Peter Wolfer dazu gehörten, die flinken Geschäftsleute, die kecken Unternehmer, die kein Mittel scheuen und sich nicht mit Kleinem abgeben. Zu solchen Traditionen paßte, daß Jacob auch in die Sippe Bär hinein kam durch Verheiratung mit Magdalena Bär, der Tochter des großen Kaufherrn Hans. Ihn selbst nehmen vorerst die Geschäfte ganz in Anspruch. Er spekuliert in Liegenschaften, er treibt Verlegerei mit Büchern, er steht in Handelsgemeinschaft mit Hans Gallizian. Hauptsächlich aber ist er Wechsler und hat die Wechselstube im Hause zum Hasen neben dem Rathause. Wiederholt bricht dabei seine eigenmächtige und habsüchtige Art durch; er hat Konflikte mit dem Stadtwechsler, er gibt dem Gericht unaufhörlich zu tun. Da die Tagsatzung ihm in seiner Verlegersache mit dem Erzbischof von Besançon nicht sofort zu Diensten ist, will der hitzige Mann sich selbst sein Recht holen, das Bürgerrecht aufgeben und außer Landes gehen, damit er doch tun kann, was ihn gut dünkt. Bei solcher Betriebsamkeit kommt er zu Reichtum; er kann sich neben seinem Stadthaus ein Landgut in Gundeldingen kaufen. Den Genuazug 1507 macht er als Fähnrich mit. Aber im folgenden Jahre bringt ihn eine Verfehlung — die wir nicht kennen — in die Haft des Rates. Er vermag zu entweichen und nimmt Solddienste bei den Franzosen in Italien. Nicht für lange Zeit. Denn im Jahre 1510 wählt den noch nicht Dreißigjährigen seine Zunft der Hausgenossen zum Meister, und so wird er ins Rathaus geführt, wo er nun ein Jahrzehnt voll Arbeit Macht und Ehre erleben wird. Dieses Jahr seines Eintrittes in das städtische Regiment ist das Jahr des Bündnisses der Eidgenossen mit Papst Julius; dem Bündnisse folgt sofort der erste schweizerische Heerzug in päpstlichem Dienste, der Chiasser Zug, und bei diesem Zug ist Jacob Meyer der Hauptmann der Basler. Von da an geht Alles in mächtigem Tempo. Deutlich sehen wir die Kraft Meyers wachsen und siegen. Das eine gewaltige Jahr 1512 bringt ihm die Gesandtschaft nach Venedig im März, im Sommer die Führerschaft beim Pavierzug, im November die Gesandtschaft nach Mailand zur Inthronisation des Herzogs. Dann im Dijonerzuge 1513 ist Meyer Leutnant der Basler, und beim Aufgebot im Herbste 1515, nach Marignano, ist ihm wieder die Hauptmannschaft zugewiesen. Neben diesem wiederholten Dienst im Felde ruht auf Meyer die Last und Ehre sehr häufiger Gesandtschaft zur Tagsatzung. Und zur außenpolitischen Tätigkeit kommt, was ihm in Basel selbst zufällt. Hauptstück ist dabei die Führung der Revolution von 1515 und dann der Genuß [123] ihrer Frucht: auf Johannistag 1516 wird Jacob Meyer zum Hasen der erste zünftische Bürgermeister Basels. Jedenfalls übte er eine nicht gewöhnliche Macht über Parteigenossen und Ratskollegen, vermöge seiner Intelligenz, aber auch seiner rücksichtslosen und leidenschaftlichen Eigenwilligkeit. Wie der große Künstler diesen Bürgermeister gezeichnet und gemalt hat, so erscheint uns dessen Bild auch in der schriftlichen Bezeugung. Homo astutissimo et bene corragioso nennt ihn der Florentiner Pucci. Damit sind seine Haupteigenschaften, die Schlauheit und der Mut, genannt, ist sein Wesen umgrenzt. Dem entspricht, wie aus der Gesamtheit der Nachrichten die Gestalt dieses Menschen uns entgegentritt: ohne Adel der Gesinnung selbstsüchtig listig; aber sein sind die Unerschrockenheit, die Kraft, der mächtige und leicht aufbrausende Wille, der überlegene scharfe Verstand. Dies Alles macht ihn für seine Zeit wichtig und seine Erscheinung auch heute noch eindrücklich. Nicht nur seine gute päpstliche Gesinnung — die der Legat wohl für ausschließlicher und treuer hielt, als sie wirklich war —, sondern auch die gescheite unwählerische Art Meyers überhaupt und seine Fähigkeit zu politischer Konzeption ließen ihn Freund des Kardinals Schiner werden. Jacob Meyer zum Hasen war der stolze Zünftler, der Alles erreicht hat. Der kräftigste kompletteste Typus der die Stadt damals leitenden Menschenart. Einige Jahre lang der mächtigste Mann Basels.


Der diesen Ratsgewaltigen unmittelbar zur Verfügung stehende Diener ist die Kanzlei. Zu jeder Zeit das erste Organ der Administration.

Vom Kanzleipersonal dieser Zeit sind zu nennen: Marquard Müller von Pforzheim 1503—1505; der aus einer Schaffhauser Schreiberfamilie stammende Johannes Baumann 1506—1513; Niclaus Haller genannt Leonhardi aus Masmünster 1508—1519; endlich, fremdartiger als die Übrigen, Claudius Cantiuncula aus Metz.

Das zum Teil neu orientierte, jedenfalls sehr erweiterte Regierungswesen hat auch einen, bisher in dieser Stärke fehlenden Verkehr mit Metz geschaffen. In den 1510er Jahren beginnt eine häufige Berührung der beiden Städte, und ohne Zweifel ruht hierauf die Heranziehung des jungen Metzer Rechtsgelehrten zur Ratschreiberei. Er ist seit 1518 an der Basler Universität tätig als einer ihrer glänzendsten Lehrer. Das neue Regiment aber wünscht einen Sekretär zu haben, der perfekter Jurist ist und zugleich neben Deutsch und Lateinisch auch das Französische beherrscht; der alternde Stadtschreiber Gerster bedarf eines solchen Gehilfen, und Cantiuncula [124] erfüllt alle Forderungen. Der Rat gewinnt Diesen in der Tat; von 1520 an erscheint er als Mitglied der Kanzlei. Er ist der oft erwähnte „Doctor Gladi“, notre secétaire docteur Claude, protonotarius urbis Basiliensis.

Aber das sind Nebenfiguren. Alles Interesse sammelt sich auf Johann Gerster. Dieser kluge, jeder Lage gewachsene Mann war durch vier Jahrzehnte im Rathause heimisch. Er hatte ehedem, in einem andern Basel, seine Arbeit mit dem Ordnen des Archivs begonnen; jetzt stand er inmitten des tätigsten politischen Lebens. Zum Rats- und Kanzleigeschäft, zur Arbeit in Delegationen Kollegien Schiedsgerichten kamen große Gesandtschaften; was wir ihm dabei wohl zuzuerkennen haben, waren nicht allein Fleiß sowie Geschick der Formulierung, sondern auch originale Gedanken. Gerster gehörte zur Papstpartei. Daher seine Beziehungen zu Schiner, mit dem er etwa an eidgenössischen Tagen geheime Besprechungen hatte. Daher sein Lob durch den Legaten Pucci: „Dieser Basler Stadtschreiber ist zuverlässig und brauchbar wie Wenige in der Schweiz. Er ist völlig der Unsrige. Wer in die Schweiz geht, verlasse sich auf ihn; er wird gut bedient sein.“ Daß Gerster diese Verbindung für sich und seine Söhne zu nützen suchte, ist natürlich. Aber bezeichnend sind auch seine Beziehungen zur Herrschaft Österreich in früherer Zeit und seine privaten Mitteilungen an diese Macht. Zum Nutzen oder zum Schaden Basels? Es war ein Verfahren gleich demjenigen, das sich auch Gersters Schwiegersohn und Substitut Marquard Müller in der Rötler Sache erlaubte. Wir haben es nicht „vom Standpunkte moderner Moral und Dienstpragmatik aus“ zu verdammen; allenthalben wurde damals so gehandelt. In der Reihe der Führer unsrer Stadt zur Zeit der päpstlichen Allianz und vor dem Bunde mit Frankreich, zur Zeit des Kampfes mit Bischof und Hoher Stube, zur Zeit einer einzigen und Großes planenden Territorialpolitik, ist Gersters Geist und Gestalt nicht zu missen. Dem Staate von hohem Werte, war er für Manche ein Gegenstand der Furcht, ja des Widerwillens. Eher solchem Respekt als eignen literarischen Neigungen mochte er verdanken, daß Johannes Adelphus Müling ihm 1520 sein Leben des Barbarossa dedizierte; zur gleichen Zeit erhob ein andrer Humanist, Bürer, anläßlich der Denunziation eines renitenten Priesters durch Gerster bittre Klagen über Diesen als über den Feind aller viri boni probi et docti.


Diese Regentengruppe als Ganzes hat Geschlossenheit, trotz starken persönlichen und politischen Abweichungen. Die päpstliche Partei, anfangs durch Offenburg und Grieb, später durch Meyer Meltinger Gerster geführt, [125] verliert an Macht seit dem Tod Offenburgs und zumal seit Marignano. Die Fraktion der Franzosenfreunde im Rat ist hauptsächlich durch Falkner und Gallizian geleitet. Über Alles hinweg geht doch die Einheitlichkeit der Art. Vermöge dieser ist die Gruppe herrschend und können die zu ihr Gehörenden dem päpstlichen Agenten erscheinen als die principali del senato.

In welcher Mischung an der Hingabe der Einzelnen für die Regierungsdinge Gemeingeist Patriotismus Ambition Machtsinn beteiligt sind, vermögen wir nicht zu sagen. Das Entscheidende ist die Hingabe selbst. Diese Männer sind durch die Geschäfte offenbar ganz in Anspruch genommen. Sie gehen im öffentlichen Dienst auf. Überall tätig und brauchbar, an den Beratungstischen, auf Gesandtschaftsreisen, bei Feldzügen. Auch der Repräsentationspflichten und -ehren regierender Herren bewußt; wie Stolz den gelehrten Botschafter Heinrichs VIII., Richard Pace, gastiert, so bereitet Jacob Meyer dem päpstlichen Legaten Feste im Stadthaus und auf der Villa. Sie wollen die Macht völlig in ihren Händen halten. Sie halten sie tatsächlich und haben demnach alle Lasten auf sich, alle Arbeit Mühe Sorge; aber auch Glanz und Ehre, und vor Allem jeden Genuß der Macht.

Es ist ein entschlossenes Regiment, eine geschickte Geschäftsführung. Nicht nach traditioneller Zünftlerweise, sondern mit weiteren Aspirationen. Das Gefühl der unbekümmerten Frische und des Mutes, das aus den Akten dieser Männer uns entgegenkommt, ist auch dadurch bestimmt, daß sie meist noch im kräftigsten Alter stehen, nicht erfahrungsreiche Greise sind, sondern junge Männer voll Initiative und Ruhmbegier.

Ihre Bestimmung ist, innerhalb der alten Verfassungsformen und noch im letzten Momente des Bestehens dieser Formen die höchste politische Kraft darzutun, deren ein demokratisches Regiment fähig ist. Ihr Sturz bedeutet zugleich das Ende der alten Verfassung. Die neue Verfassung tritt in Wirksamkeit zugleich mit dem Beginne gewaltiger geistiger und politischer Kämpfe, in denen Andre die Sache der Demokratie auf ihre Weise führen und bewähren sollen.



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Sechstes Kapitel
Wissenschaft




Das Bild Basels in seiner großen Zeit ist von bezwingender Schönheit.

Es ist die anmutige Stadt, durch gesteigertes politisches Leben, das Wechselspiel aller wirtschaftlichen Kräfte, die mächtigen Wirkungen eines ausgebildeten formenreichen Kirchentums erregt, stark, vermöglich, von Menschen bewohnt deren gute Art jeder Besucher preist. Sie ist auch der Sitz großer Gelehrter, einer Universität, emsiger Buchdrucker. Ein domicilium musarum. Basel, das den herrlichen Strom des Reiches, die helle weite Ebene und den Zutritt zum Berglande beherrscht, hat auch die dominierende geistige Macht.

Träger solcher Macht sind zwei Gruppen: die Genossen der Universität und die außerhalb dieses Verbandes stehenden Gelehrten. Durchaus verschieden ist schon die Überlieferung der beiden Komplexe. Dasein und Tätigkeit der Akademiker sind dokumentiert wesentlich durch Akten. Die freien Gelehrten leben vor Allem durch ihre eigenen Äußerungen, ihre Briefe und Werke; sie haben auf jede Weise besser und bewußter für ihr Andenken gesorgt als Jene. Bei den Universitätsgelehrten ist ein Sichverlassen auf Gegebenes und Vorhandenes, ein Getragensein durch dieses; im andern Lager waltet das Verlangen nach Freiheit von traditioneller Form und Denkweise. Hauptsächlich im Bereiche der Universität mögen die Alten, die Sophisten, sich finden; hauptsächlich im Bereiche der freien Gelehrsamkeit die Modernen, die Humanisten. Aber diese Sonderung ist nicht durchweg zutreffend. Und auch davor hüten wir uns, in den Unterschieden der beiden Gruppen völlige Trennung sehen zu wollen. Übermächtig ist die große, keiner Teilung und keiner Verkümmerung zugängliche Einheit geistigen Lebens.

[127] Die allgemeine Erscheinung der Universität zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts, in einer Zeit die sonst voll Leben war, ist dürftig. Schon das Entstehen andrer Studienplätze, auch so entlegener wie Wittenberg 1502, Breslau 1505, Frankfurt a. O. 1506, wirkte hemmend. Epidemien sowie kriegerische Unruhen störten. Schlimmer waren Ungenügen und Nachlässigkeit der Dozenten selbst. Wimpfeling fand, diese Anstalt sei so schwach, daß er ihr keinen Schüler anvertrauen möchte, und Zasius schalt darüber, wie leicht es hier den Doktoranden gemacht werde.

Diese Zustände wirkten unmittelbar auf das Verhältnis der Universität zur Stadt. Sie gab zu wenig durch eigene Anstrengung dem Rate Sporn und Beispiel, auch seinerseits nicht nachzulassen. Sie imponierte nicht mehr wie einst.

Im Zusammenhange mit den allgemeinen Reformarbeiten der 1490er Jahre standen auch Beratungen über Reorganisation der Universität. Im Jahre 1500 gab sie sich neue Statuten. Sie ordnete die Verwaltung ihrer Gelder. Und im Rate selbst wurde den Mutlosen gegenüber im hochgestimmten Jahre 1501 die Erklärung durchgesetzt, daß Basel trotz Allem an seiner hohen Schule festhalte. Aber mit diesem Beschlusse verband der Rat keineswegs eine Steigerung seiner Leistungen. Im Gegenteil. Er strebte nach möglichster Erleichterung des Fiskus. 1504 ließ er durch den Kardinal Raimund, der damals in Basel sich aufhielt, die der Universität zugewiesenen Pfründen gleichmäßig und einheitlich mit der jährlichen Leistung eines Geldbetrages, einer pensio, für Besoldung der Professoren belasten; 1507 sodann bestimmte er die Höhe des städtischen Zuschusses an die Universität auf zweihundert Gulden im Jahre, wogegen aber jene Pensionen der Pfründen ihm zufallen sollten. Die tatsächliche Leistung der Stadt blieb somit stark unter den vorgesehenen zweihundert Gulden, und mit Befriedigung konnte die Finanzbehörde bei Ablegung der Jahresrechnung konstatieren, daß die Stadt nicht mehr „Schaden“ mit der Universität gehabt habe. Mit diesem Beschluß über die städtische Subvention waren noch andere Regelungen verbunden; das Ganze hatte die Bedeutung eines Vertrages, in dem die akademische Regenz auch auf die Befreiung von Fleischungeld u. a. m. verzichtete. Es bezeugten sich dabei so gut das Zufriedensein der Universität mit einer untergeordneten Stellung als die begreifliche Neigung des Rates, an diese Anstalt, wie sie nun einmal war, nicht mehr zu wenden als sie verdiente.

Unter der Herrschaft solcher Anschauungen stand das Dasein der alten Universität.

[128] Wir nehmen wahr, wie in den Akten des Rates, die während der frühern Jahrzehnte beständig von Universitätsdingen gehandelt haben, dieser jetzt kaum mehr Erwähnung geschieht. Der Rat scheint die Anstalt sich selbst zu überlassen. Nur einmal, im Jahre 1512, als alle Gedanken hoch gingen und der Rat seine an Papst Julius zu bringenden Wünsche formulierte, redete er auch davon, die Erträge der in den Papstmonaten vakant werdenden Pfründen zu Stadt und Land für die Universität zu begehren; der Plan blieb unausgeführt.

Sprechend sind sodann die Frequenzzahlen. Während in den vier ersten Jahrzehnten der Durchschnitt der jährlichen Immatrikulationen achtundneunzig betragen hatte, kam er in der Periode 1500—1526 nicht höher als sechsundfünfzig. Eine starke Abnahme zeigten auch die Promotionen in den einzelnen Fakultäten.

Natürlich kamen dazwischen momentane Hebungen. Die Ordnung von 1507 scheint eine Vermehrung des Lehrkörpers bewirkt zu haben, namentlich die Anstellung eines Dozenten der Poesie, „damit die Studenten desto lustiger seien herzukommen“. In der Tat folgte eine Zunahme der Immatrikulationen während einiger Semester. Und Ähnliches zeigt sich später, da Glarean Capito Cantiuncula Vorlesungen hielten. Aber diese Namen weisen schon auf ein Neues Zukünftiges. Sie stehen vereinzelt. Die Erscheinung der Universität im Ganzen verrät deutlich das Schwinden der ehemaligen Kraft.

Heynlin war 1487 ins Kloster gegangen, 1496 gestorben; Sebastian Brant und Ulrich Kraft hatten Basel im Schicksalsjahre 1501 verlassen; seit 1503 war Surgant tot. Aber kein Gleicher ersetzte diese Männer.

Das Meiste, was wir in diesen Jahrzehnten von der Universität her vernehmen, ist Streit, ist Kollegengezänk und Prozeßlärm. Derselbe Mauricius Fininger, der als Prior in seinem Augustinerkloster den ihn ärgernden Ordensvisitator durchprügelte, zankte sich hier bei den Theologen unaufhörlich mit seinem Fakultätsgenossen Jeremias Rumel dem Leutpriester auf Burg. Auch sonst kennen die akademischen Annalen diesen Rumel hauptsächlich als Händelmacher, und es war wohl dieser ewige Streit, der ihn zuletzt von hier forttrieb; 1518 finden wir ihn als Prädikanten in Urach. Mit aller Leidenschaft ergab sich auch der juristische Professor Jacob Göttisheim der Wahrung wirklicher oder prätendierter Rechte. Er führte Kämpfe mit der Regenz, mit der Fakultät, mit einzelnen Kollegen wie Capito; er hatte einen Injurienhandel mit dem Kaufmann Peter von Wissenburg, und aus diesem Zank entwickelte sich ein jahrelang dauernder Streit mit dem Basler [129] Rate selbst. Noch im Verlaufe dieses Streites verließ Göttisheim Basel und übernahm das Amt des Offizials beim bischöflichen Hof in Straßburg.

An Stelle solcher Nichtigkeiten wünschen wir das wissenschaftliche Leben der Universität kennen zu lernen. Wir greifen dafür nach den umfangreichen Bändereihen der damals in Basel gedruckten Grammatiken Vocabularien Summen Repertorien Expositionen u. dgl. und hoffen, in Vorreden oder Nachreden dieser Werke den Basler Dozenten als Autoren zu begegnen. Aber Angaben dieser Art fehlen durchaus, nur die Drucker nennen sich. Und doch glauben wir, einer so mächtigen Masse der am Orte selbst publizierten wissenschaftlichen Literatur gegenüber, auch an eine hier geschehende Verfasserarbeit denken und diese in den Stuben der Universitätslehrer suchen zu sollen. Mehr als Vermutung ist bei der Stummheit der Werke selbst nicht möglich, und damit sinkt auch diese ganze Gelehrtenwelt wieder in ein Halbdunkel zurück. Wir sehen keine Tätigkeit, wir sehen keine Personen, wir haben beinahe nur mit Namen zu tun. Mit den Namen jener Dozenten zunächst, die durch Jahrzente hindurch im Gleichen und Hergebrachten beharrten und Alles überdauerten. Solcher Art waren Werner Schlierbach, der von den 1480er Jahren bis in die 1520er an der Artistenfakultät wirkte, und Johann Mörnach, der anfangs bei den Theologen, seit 1489 bis in die 1520er Jahre bei den Juristen dozierte. Sodann der Kleinbasler Johann Tunsel genannt Silberberg, der 1481 hier sein Studium begann, Bologna und andre Universitäten besuchte, dann 1497 wieder in Basel sich zeigte und von da an, mit Unterbrechung durch eine kurze akademische Tätigkeit in Heidelberg, der heimatlichen Anstalt als medizinischer und juristischer Lehrer diente bis zu seinem Tode 1526. Weiterhin Johann Gebwiler, Sohn des Klosterschmieds von St. Katherinen in Colmar. Schon 1465 studierte er in Freiburg, 1469 in Basel. Dann wird er erst nach Jahrzehnten wieder sichtbar, von seinem Eintritt in die theologische Fakultät 1504 an, in Verbindung akademischer Arbeit mit Kirchendienst und Pfründengenuß. Von schriftstellerischer Arbeit erfahren wir nichts; doch wurde er 1513 des Plagiats an einem der logischen Compendien des Erfurter Dozenten Jodocus Trutvetter beschuldigt.

Aus den Juristen mögen genannt werden der nur im Jahre 1504, mit ungewöhnlich hoher Besoldung, lesende Johannes Cinus aus Spanien, und der Basler Arnold zum Luft. Dessen kräftige Gestalt greift nach allen Seiten über den Dozenten hinaus. Arnold war von 1506 an Vizekanzler der Universität. Zeugnisse eines freieren und umfassenden Geistes sind sein Studium in Siena, seine Beziehungen zum Kreise Heynlins und [130] Brants sowie seine reiche Privatbibliothek. Außerdem aber wirkte aufs Stärkste in ihm die Kirche, das geistliche Amt; über den Widerstand des Domkapitels hinweg und den bestehenden Statuten zum Trotz gewann er 1474 eine Domherrei am Münster; nach Bernhard Öglin versah er über ein Jahrzehnt hin die Stelle des bischöflichen Offizials; daneben besaß er von 1473 an bis zu seinem Tode 1517 die Muttenzer Familienpfarrei der zum Luft. Wir übersehen endlich auch nicht einen aus der frühern großen Zeit der Fakultät Übriggebliebenen: den Herrn Friedrich von Guarletis. Er hatte vor bald einem halben Jahrhundert das Studium des römischen Rechts in Basel begründen helfen, dann den Niedergang dieses Studiums erlebt und war immer noch da. Einst der vornehmste der Basler Professoren gab er jetzt vor Allem durch seine Schulden zu reden; als er 1510 starb, kam es auf Verlangen seiner vielen Kreditoren zur gerichtlichen Besorgung des Nachlasses. Einer seiner Schwiegersöhne, Gerhard de Lupabus, versah eine juristische Lektur; bekannter ist er geworden als Freund des Erasmus und als Schloßherr zu Bottmingen.

Andre Figuren regen sich bei den Theologen: Phrygio und Wytlenbach und Ludwig Bär. Von diesen Dreien werden wir anderswo zu reden haben. Dagegen beschäftigt uns hier der vielgenannte Mathis Hölderlin (Sambucellus). 1513 trat er als Doktor in die Fakultät ein. Er war auch Kaplan zu St. Peter und zeitweise Pleban des Domstifts. Von seiner Theologie wissen wir nichts; aber in der Matrikel lesen wir Jahr um Jahr die durch ihn jedem neuen Rektor gewidmeten Strophen und ebenso in der Basler Bibelausgabe von 1509 sowie in Murners Studentenspiel seine Verse. Daß er dem Sebastian Brant nahe stand und ihn zur Dichtung seiner Oden auf die Passion, zur Edition von Freidanks Bescheidenheit trieb, gibt seiner Gestalt eigenen Reiz und hebt ihn aus dem Kreise der übrigen Universitätsleute. Denn auch zu Jacob Locher hatte er Beziehungen, und dem Leontorius war er vor andern teuer. All das sind Äußerungen eines neuen Geistes, und wir dürfen fragen, ob nicht bei dem Lehrer der Poesie, von dessen Anstellung 1507 geredet wurde, an Hölderlin zu denken sei. Jedenfalls ist von Interesse, daß im berühmten Kampf über die antiken Dichter auch Hölderlin den Angriffen Wimpfelings ausgesetzt war. Desselben Wimpfeling, mit dem er kurz vorher über den Priesterkonkubinat gestritten hatte.

Das an sich kümmerliche Bild des medizinischen Studienbetriebes gewinnt Leben und Ausdehnung durch Beachtung auch der Praxis. Diese unterstand der Aufsicht der Fakultät. Sie war ein Teil ihres Daseins, in [131] einem Maße, wie dies bei keiner andern Fakultät sich wiederholte. Wir dürfen daher an einzelne Praktiker hier wenigstens erinnern. Neben den Scherern Bernhard und Hans Kegel 1505, Bernhard Brand und Martin Jeckelman 1508, Ludwig Schopper von Bibrach 1514, Georg Sporhein 1516 f. u. A., neben dem „Blatterarzt“ und Wundarzt Stefan Bart 1511 f. und dem „weit- und hochberühmten“ Spezialisten des Steinschnitts Meister Sigmund 1506 f. wollen erwähnt sein: Eucharius Holzach, den Leontorius in seinen Beschwerden konsultierte, und Johann Silberberg, der den Bischof Christoph behandelte. Zu Diesen tritt, vom Apothekergewerbe her in die Fakultät kommend, Oswald Bär. Wir werden diesem merkwürdigen vielseitigen Manne, einem gebornen Südtiroler, noch oft begegnen. Nachdem er als Wiener Magister und nach einigen Semestern Studiums in Freiburg ein Jahr lang die Schlettstädter Schule geleitet, erheiratete er mit der Witwe des Nicolaus Caramellis auch dessen renommierte Apotheke in Basel und lieh sich zugleich bei der Universität einschreiben, im Wintersemester 1510/11. Schon 1511 praktizierte er hier als Arzt; 1512 promovierte er zum Doktor der Medizin. 1521 hieß er Meister Oswald der Arzt zum Blumen. Andre Fakultätsmitglieder waren Peter Wölfflin, Sohn des alten Professors und Stadtarztes Werner, 1492 in Bologna zum Doktor der sacratissima medicina kreiert, und Berthold Barter. Dieser ist vor den Meisten seiner Kollegen dadurch ausgezeichnet, daß er es zu einer medizinischen Publikation gebracht hat, dem in einem der Epidemiejahre 1519 oder 1526 veröffentlichten Regiment wider die Pestilenz. Im Übrigen sehen wir auch ihn in Injurienhändel an der Universität verwickelt; außerakademisch aber machte er von sich reden als Besitzer eines Silberbergwerkes im Sulzmattertale, das er 1518 und 1519 selbst betrieb; später als Herbergswirt zur Krone in Basel und als Eigentümer der Klybeck.

Die lebendigste Figur der Fakultät aber ist Johann Roman Wonnecker. Er stammte aus Windecken bei Hanau und studierte in Erfurt, wo er auf Michaelis 1479 inskribiert wurde. Mit dem Schererknechte Hans von Windeck, der 1485 in Basel genannt wird, vielleicht identisch, muß er sich in den folgenden Jahren zu wissenschaftlicher Bildung gebracht und hiebei ausgezeichnet haben. Denn am 15. April 1493 wurde er hier zum Stadtarzt ernannt mit einer Besoldung, die höher war als die seinem Vorgänger gereichte; auch veranlaßte der Rat seine sofortige Aufnahme in die medizinische Fakultät und erlegte für ihn die Eintrittsgebühren. Wenn dann auch allerhand Gerüchte über die Vergangenheit Wonneckers durch die Stadt liefen, so verlor er doch nicht das Vertrauen der Behörde, blieb vielmehr [132] drei Jahrzehnte lang an seiner wichtigen und ausgesetzten Stelle. Jedenfalls ist die Beweglichkeit und Zuversicht dieses Geistes bemerkenswert. Wonnecker war Arzt, ließ sich aber bald auch unter die Advokaten der bischöflichen Curie aufnehmen und wurde Doktor der Rechte, wie er Doktor der Artes und der Medizin war. Er befaßte sich mit der Ausarbeitung von Kalendern und Aderlaßregeln. Daß er hiebei sowie durch seine Praxis zu Vermögen kam, zeigt uns sein großer Liegenschaftsbesitz. Zuletzt sollte ihn sein Ehrgeiz noch ins Feld der theologischen Kämpfe treiben. Er starb in den ersten Tagen des Februars 1524.


So beschaffen war die Universität.

Äußerlich gesehen eine große Erscheinung im städtischen Wesen. Noch immer ausgezeichnet durch ihren Reichtum an Formen, ihre offizielle Geltung. Sie wirkte an sich als Gesamtheit, als ein Komplex von Rechten und Voraussetzungen höchster Art. Die imposante Macht des Begriffes Universität deckte freilich nicht die tatsächlich vorhandenen Mängel und Schwächen. Aber Jeder konnte auch in dieser bejahrten Gestalt noch das Unvergängliche erkennen. Es offenbarte sich noch immer im Wesen und Wirken einzelner Lehrer. Mächtiger in der Jugend, um deren Willen ja auch diese hohe Schule auf Erden war.

Denn Helligkeit und Frische ist um uns, sobald wir die Akten der Dozenten lassen, die Matrikeln und Promotionenlisten aufschlagen. Diese sind, die für das ewige Leben einer solchen Anstalt zeugen. In den mit jedem Semester neu gestalteten Schülerscharen ist die Verbürgung des Sieges über alles Veraltete gegeben; die Kraft zuversichtlicher Verheißung braust durch diese Reihen, in denen dichtgedrängt die Namen kommender großer Zeiten stehen, von Humanisten, von Kaufherren und Ratsgewaltigen, von Geistlichen einer neuen Kirche, von Juristen und Ärzten, von Lehrern, von Buchdruckern.


Dem Eintritte der jungen Buchdruckerei in das wirtschaftliche System der Stadt haben wir beigewohnt. Was dort als Versuch und Ausnahme begonnen worden war und seitdem eine Praxis gebildet hatte, erhielt offizielle Bestätigung. 1507 beschloß der Rat, daß das Buchdruckergewerbe frei und dem einzelnen Drucker überlassen sein solle, sich nach seinem Gutdünken eine Zunft zu wählen. Der damals Basel bewegende Kampf für eine zunfthandwerkliche Wirtschaftsordnung ging bezeichnenderweise an den Buchdruckern vorbei; ihnen wurde ermöglicht, die am größten Gearteten [133] und für den weitesten Bereich Arbeitenden in Produktion und Export Basels zu werden.

Alles war der Reife nahe. Die lokale Geltung so gut wie der Außenverkehr dieses Gewerbes. Es hatte seine ausgebildete Fähigkeit und anerkannte Bedeutung für den Dienst von Kirche und Staat, für die Wissenschaft, für eine allgemeinere Wißbegier. Als die drei großen Mächte, die über dem Gelehrtenleben walten, nennt Pellican den Rat, die Universität, die Chalcographi.


Zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts ist von den Druckern der frühern Zeit noch Lienhard Isenhut wenige Jahre hindurch tätig; Johann Bergman hat sich nach dem Weggange Sebastian Brants vom Bücherproduzieren zurückgezogen; auch Martin Flach ist seit 1500 ausgeschieden. Noch sind einige Ausdauernde der alten Generation tätig; aber neben ihnen treten schon Neue hervor, und in immer größerer Fülle zeigen sich Individualitäten. Hinter dem örtlichen Wachsen tönt der Schritt einer allgemeinen Entwickelung.

Niklaus Keßler ist Zunftmeister, dann Ratsherr zum Schlüssel und hat in diesem Haus auch seinen Buchladen. Als Drucker bleibt er im gewohnten Gleise; seine Presse scheint nur für theologische philosophische und grammatische Werke alter Observanz vorhanden zu sein. In Allem zuverlässig und ruhig erlebt er das Widerspiel hievon in seinem Sohne Bernhard; dieser ist nicht Drucker, sondern Buchhändler und Kaufherr; er macht schlechte Geschäfte; er verfehlt sich soweit, daß er, noch bei Lebzeiten des Vaters, auf ewig aus Basel verbannt wird.

Auch Jacob Wolf von Pforzheim hält zur Zeit noch die bisherige Art der Produktion fest: neben Theologischem und Erbaulichem pflegt er die Spezialität der Missale u. dgl., die er für die Diözesen von halb Europa druckt.

Dagegen gefällt sich Michael Furter, wie er stets getan, in Mannigfaltigkeit. Er druckt Bücher aus den verschiedensten Gebieten und vollbringt die Großtat der Etterlinchronik 1607. Kein andrer Basler Drucker der Zeit produziert so viel deutsche, so viel illustrierte Werke.

In dieser Richtung der Besonderheiten, der Aktualitäten, der deutschen Bücher bauen dann Lamparter Adam Petri Gengenbach weiter.


Schon vor Jahrzehnten konnten wir den Johann Amerbach bewundern; jetzt noch ist er ungebeugt. „Du bist wie Deukalions Söhne aus Stein [134] geschaffen, ich als Sohn Adams aus Lehm“, ruft ihm 1511 der kränkelnde Reuchlin zu. Am 25. Dezember 1513 stirbt Amerbach, dreiundachzigjährig; und welche Lebensfülle bis in seine letzten Zeiten!

Indem Amerbach in seinem Berufe nicht der Diener und noch weniger der Ausbeuter der Gelehrten sein wollte, sondern ihr Mitarbeiter, verkörperte er die Eigenart des damaligen Buchgewerbes in hohem Maße. Er zeigte das Stolze, aber auch das Verpflichtete solcher Stellung. Frisch bis zum letzten Atem und sich so wenig schonend wie die Andern, hatte er seine Auffassung der Buchdruckerei als einer heiligen, zur Ehre Gottes geübten Kunst. Als „impressor sanctissimus“ stellte er seine Arbeit in den Dienst der ersehnten Regeneration von Christentum und Theologie. Er druckte zahlreiche Bücher; aber kein Vielerlei und nichts Kleines, sondern meist wuchtige großformatige vielbändige Werke, Quellenschriften ersten Ranges. Mit gründlicher wissenschaftlicher Bildung und unermüdlicher Sorgfalt für Korrektheit der Texte bis ins Kleinste verband er einen großen geschäftlichen Zug. Dabei bediente er sich, nachdem er lange Zeit hindurch meist allein gearbeitet hatte, von der Jahrhundertwende an dauernd des Mittels der Gesellschaft. Zuerst mit Froben, dann mit Diesem und Petri. An die großen Werke der frühern Periode schlossen sich jetzt die Bibelausgaben mit den Postillen, die Sammlungen der Bücher geistlichen Rechtes, die Karthäuserstatuten, der Beginn des Hieronymus, lauter mächtige Publikationen. Froben tritt dabei zurück, während Petri die kenntlichere Figur ist. Johannes Petri aus Langendorf war ein fränkischer Landsmann Amerbachs, gleich Froben. In Basel begegnen wir ihm seit 1488. Nur selten arbeitet er für sich allein; seine Tätigkeit ist in Gesellschaften, zuerst mit Froben, dann mit Diesem und Amerbach; in dieser Societät der drei Johannes heißt er „der große Meister Hans“. Ein Egoismus, der wenig Rücksichten duldet, kann ihn unbequem machen; aber er kompensiert dies durch seine Kenntnis aller Geschäfte, seine technische Fertigkeit, die reichen Anregungen, die seine unternehmungslustige Gewandtheit und Tatkraft bieten.

Neben das Leben in dieser Societät treten die Beziehungen zu Anton Koberger in Nürnberg. Koberger, als Fürst der Buchhändler gepriesen, hatte seit ca. 1470 seine eigene Druckerei; er ließ aber auch fremde Pressen, in Straßburg und namentlich in Lyon und Basel, arbeiten. Hier in Basel war er in solcher Weise schon bei Drucken Amerbachs, später, in der Form des Kommanditbetriebes, bei solchen der Gemeinder Amerbach Froben Petri beteiligt. Eine Fülle ächtester Zeugnisse zeigt uns diesen Verkehr. Mit aller Wahrheit des Lebens zumal bei den Verhandlungen über die beiden [135] Bibelwerke des Nicolaus von Lyra und des Hugo von St. Victor, da die Basler diese Bändereihen zum Teil auf Kosten Kobergers als Verlegers druckten, außerdem aber noch zu seinem Schaden den Hugo selbst nachzudrucken unternahmen. Die Beziehungen wurden deswegen nicht abgebrochen. Aber Koberger machte den Versuch, die drei so betriebsamen Männer in seine Nähe und wohl auch Gewalt zu bringen. Aber sie lehnten die Einladung nach Nürnberg ab, und Koberger verstand sich zur Fortsetzung des bisherigen Verhältnisses, sofern die dabei produzierten Bücher vom Zoll und andern Erschwerungen befreit würden. Worauf die Basler Societät die Sache vor den Rat brachte. Ihre Darlegungen, daß das in Frage stehende Bibelwerk von Hugo mehr als drei Jahre Arbeit kosten und dreißig bis vierzig Gesellen beschäftigen werde, bewogen den Rat, ihr zu entsprechen; er bewilligte am 22. Oktober 1505 den drei Gemeindern eine große Zollermäßigung, samt der Freiheit vom Kaufhauszwang für das importierte Papier, der Lossagung von persönlichem Wacht- und Kriegsdienst und dem Recht auf ein Klafter Holzes von jedem Holzschiffe, das an den Rhein komme. Die Folge dieser Bewilligung an die eine Gesellschaft war schon im folgenden Jahre, am 13. Juni 1506, die den Basler Druckern insgesamt bewilligte Ermäßigung des Ausfuhrzolles.

Voll Bewegung und Kraft ist das Bild des großen baselisch-nürnbergischen Betriebes. Alles kommt in diesen Briefen zur Sprache: die Arbeit in Kontor und Werkstatt, die Verabredungen auf den Messen, die Versendung der Bücher an den Verleger und an die Faktoreien in Paris und Lyon, die Abrechnungen usw. Auch unmittelbar persönliche Äußerungen der Beteiligten vernehmen wir. Sie haben das Bewußtsein dessen, was sie sind und was sie leisten. „Fast auf uns allein ruht und steht der Buchhandel in deutschen Landen“, ruft Koberger dem Basler Freunde zu.

Über Alles hin ergreift uns die Vorstellung des weiten, durch Amerbach mittelst dieser glücklichen Verbindung von Kräften beherrschten Gebietes. Wie diese Größe internationalen Wirkens imponiert, so der persönliche Wert des Mannes.

Amerbach kaufte 1482 das Haus zum Kaiserstuhl an der Rheingasse als Wohnhaus; für das Buchgeschäft mietete er das Haus zum Sessel am Totengäßlein. Im Kleinbasler Hause lebte er mit seiner Ehefrau Barbara Ortenberg und den Kindern, die ihm spät, einem Fünfziger und Sechziger, geboren wurden: Bruno 1485, Basilius 1488, Margaretha 1490, Bonifacius 1495. So wenig wie als Geschäftsherr scheint er als Hausvater [136] schwach gewesen zu sein. Die einzige Tochter enterbte er, weil sie ohne sein Wissen sich mit Jacob Rechburger verheiratet hatte. An die gute Ausbildung der Söhne wendete er Alles und setzte die Ziele hoch, die sie als Drucker und Gelehrte erreichen sollten; Erasmus pflegte später zu scherzen, daß Amerbach seine Söhne zum Zwecke der Wiederherstellung der guten Autoren gezeugt habe. Den Bruno schickte Amerbach mit zwölf Jahren, den Basilius mit neun 1497 in die berühmte Schlettstädter Schule; dann, nachdem sie Beide 1500/1501 die Universität Basel besucht hatten; zum Studium nach Paris. Nach nochmaligem kurzem Aufenthalt in Basel 1506 kehrte Bruno zu den Pariser Studien zurück und ging Basilius 1507 zum Rechtslehrer Zasius in Freiburg. Inzwischen war auch Bonifacius herangewachsen, bis das Jahr 1507 auch ihn entführte, erst ins Engental zu Leontorius, dann nach Schlettstadt zu Hieronymus Gebwiler. Erst von 1509 an, während weniger Jahre, sehen wir die Brüder Amerbach beisammen im Elternhause. Unter ihnen tritt der älteste, Bruno, als der geistig Bedeutendste hervor. Schon 1502 hat ihm zu Beginn der Pariser Studienjahre der amerbachische Hausfreund und Nachbar Surgant seinen Studentenführer, das Büchlein de regimine studiosorum, gewidmet mit begeisterter Lobpreisung der Herrlichkeit wissenschaftlichen Arbeitens, mit Hinweisung auf das große Vorbild seines Vaters.


Wir sahen schon, welchen Halt das durch nicht gewöhnliche Menschen vertretene Basler Buchdruckgewerbe der gelehrten Tätigkeit zu bieten vermochte. Auch jetzt fühlen wir diese Kraft. Nicht um einen Dozenten der Hohen Schule, sondern um einen Typographen sammelt sich der Kreis, dessen Bestehen und Wirken dieses Jahrzehnt der Basler Geistesgeschichte zu einem denkwürdigen gemacht hat. Es ist der prachtvolle Komplex eines vielgestaltigen freien und hochgerichteten Lebens.

Vereinzelt spielen auch frühere Beziehungen herein. So Amerbachs alte Bekanntschaft mit dem Basler Wilhelm Copus in Paris, der jetzt einer der gefeierten Mediziner der Zeit und königlicher Leibarzt ist; wie er, so nimmt sich dort auch Ludwig Bär aus Basel der jungen Amerbache an. Die Freundschaft mit Albrecht Dürer ist ebenfalls ein Geschenk früherer Jahre; jetzt findet sie frische Belebung im Verkehre mit Koberger. Auch Sebastian Brant in Straßburg ist eine der unvergeßlichen Gestalten; die Ehren des weltberühmten Schriftstellers und des hohen Beamten umgeben ihn; aber aus den einstigen Basler Beziehungen wirkt Manches weiter. Zu einer der großen Bibelausgaben Amerbachs spendet Brant Widmungen [137] Marginalien u. a. m.; mit den Amerbachsöhnen zusammen läßt er seinen Onufrius in Paris studieren.

Johann Amerbach ist ein Druckerherr, aber auch ein Gelehrter. Er hat in Paris gelebt und in Venedig; in seiner Bibliothek stehen neben Bibel und Kirchenvätern die geliebten Klassiker des Altertums; er besitzt eine Sammlung italiänischer Kupferstiche und Holzschnitte. Seine Schlettstädter Verehrer Gebwiler Sapidus Phrygio gehen bei ihm aus und ein oder schreiben ihm huldigende Briefe. Auch Wimpfeling ist sein lieber Freund. Und breiten Raum nehmen die Karthäuserbeziehungen ein. Er verkehrt als Nachbar mit den stillen Vätern des Kleinbasler Klosters; von allen seinen Werken schenkt er diesem Hause die Erstlinge, dazu andre Gaben in Menge, Fische Gewürze Wein Papier usw., auch Glasgemälde und eine Altarpfründe. Die Sympathie für den Orden, die Amerbach seinen Erstgebornen nach dem heiligen Bruno nennen lässt, führt ihn über Basel hinaus. Auch der Prior von Itingen wird sein Freund; ebenso der gelehrte Freiburger Prior Gregor Reisch; im Jahre 1510 läßt Dieser die Ordensstatuten in prächtiger Ausstattung durch Amerbach veröffentlichen.

Köstliche Einblicke in einzelne Existenzen werden uns durch die Dokumente dieses amerbachischen Zirkels eröffnet. Da ist der Beichtvater der Nonnen an den Steinen, Herr Georg Epp, der dem Amerbach bei der Edition des Bibelkommentars hilft und mit einem Exemplare dieses Werkes belohnt wird. Da ist der Leutpriester zu St. Theodor, Erbe der Freundschaft seines Amtsvorgängers Surgant zum amerbachischen Hause; auf seinen Bücherbrettern sehen wir einen Juvenal liegen, die Schriften Platos, die Elegenatiae des Valla. Zur Nachbarschaft gehören auch die Theodorsschulmeister Jacob Brun und Jacob Salzman (Salandronius). Den Brun erfreut Amerbach von Zeit zu Zeit mit einer Einladung an seinen Tisch; er leiht ihm aus seiner Bibliothek den Persius und den Properz; doch bekennt der gute Brun seine Schwäche im Lateinischen. Andrer Art ist Salandronius, von Maibach im Rheintal, 1504 in Basel immatrikuliert. Er studiert den Angelus Politianus und genießt den Pontanus; ein „in pros und carmine“ geschickterer Mann als Dieser sei nie auf Erden gewesen. Auch von Chur aus, wo er 1511 Lehrer geworden, bleibt er mit den Amerbachen verbunden; in geschwätzigen Briefchen läßt er die alten lustigen Basler Erinnerungen wieder aufleben, die er mit den Amerbachsöhnen und Fontejus teilt, seine leichtfertigen Anspielungen gegen Bruno sind ein Gegenstück zu den ernsten Worten Wimpfelings. Auch Hieronymus Emser gehört um die Jahrhundertwende zu den Hausgenossen Amerbachs, als Erzieher von Bruno und Basilius.

[138] Größer als diese Alle tritt jetzt Johannes Reuchlin wieder in die Nähe Amerbachs, mit dem er einst in Lehr- und Wanderjahren zusammen gewesen. Er sitzt in Stuttgart, als der Erste unter den Humanisten Deutschlands, und das Gefühl solchen Ruhmes wallet nun auch in seinen Beziehungen zu Amerbach. Dieser wünscht ihn als Helfer bei dem großen Unternehmen seiner letzten Jahre, der Edition des Hieronymus. Leontorius vermittelt, Reuchlin sagt zu, und bei einem Aufenthalt in Basel, im August 1510, wird die Sache beredet. Reuchlin scheint in der Karthause zu wohnen wo sein ehemaliger Zögling Hieronymus Zscheckabürlin Prior ist; dort findet zu seinen Ehren ein Bankett statt, an dem namens des Rates die Deputaten teilnehmen. Die Hauptsache jedoch ist der Verkehr mit Amerbach. „Wir lieben uns so, als wenn wir Knaben wären“, schreibt Reuchlin, „aber ich kann mit Aristophanes hinzusetzen: die Greise sind wie zwiefache Kinder“. Voll wahren Lebens sind die zahlreichen Briefe, die nun zwischen Stuttgart und Basel hin und her gehen. Ächt auch, daß die Freude des Beginns nicht anhält, daß Amerbach an den Leistungen Reuchlins allerhand auszusetzen hat und Dieser den Dienst am Hieronymus drückend findet. Schwatzereien Dritter und geschäftliche Verdrießlichkeiten kommen dazu; auch die Aufregung des nebenhergehenden Streites mit den Kölnern bewirkt schließlich, daß Reuchlin sich des Basler Geschäftes vor der Beendigung entledigt.

Wir wenden uns zum stilleren und kleineren Kreise Derjenigen, die nichts Andres sein sollen als gelehrte Helfer der Offizin; eine völlig mönchische Gesellschaft empfängt uns.

In der vordersten Reihe steht Augustin Dodo, Klosterherr von Sankt Leonhard in Basel. War er durch den dortigen Pfarrer Heynlin mit Amerbach zusammengebracht worden, oder trieb ihn die persönliche Verehrung seines Patrons? Jahre hindurch war er für die große, in Einzelausgaben schon 1489 begonnene amerbachische Edition der Werke Augustins tätig. Er reiste in Deutschland Italien und Frankreich herum und suchte Handschriften für die Ausgabe; er ließ Leute wie Wimpfeling für sie arbeiten; er besorgte Kastigierung und Kommentierung des Textes. Auf diesem Allem ruht sein Andenken; sonst wissen wir nichts von ihm. Auch war seine Fügung, rasch an der Pest wegzusterben, 1601, noch ehe das Werk, das sein Leben erfüllt hatte, beendet war.

An seine Stelle trat, von Amerbach gerufen, der gelehrte Franz Wiler, ehedem Barfüßer in Zabern, jetzt Lektor des Basler Konvents. Als ausgezeichneten Prediger, als Musiktheoretiker Komponisten und Dichter haben [139] wir ihn schon kennen gelernt. Von seiner Ausgabe des theologischen Kompendium des Bonaventura weg holte ihn Amerbach an den Augustin. Aber er blieb nur während eines Jahres an dieser Arbeit, da versetzte ihn der Orden.

Einen Nachfolger Wilers fand Amerbach wiederum bei den Barfüßern. Es war der gerade damals von geistigem Leben erfüllte Basler Konvent, zu dessen Brüdern Paul Scriptoris gezählt hatte, und wo neben Franz Wiler der große Prediger Daniel Agricola weilte, der Herausgeber der Sentenzen des Lombardus und des Dictionarium von Calepinus, der Verfasser von Passionsandachten und Erneuerer der Beatuslegende; wo auch der Nürnberger Friedrich Kraft, Adams Bruder, seine kunstreichen Astrolabien fertigte. Arnold zum Luft erachtete dieses Haus als die würdigste Stätte für die von ihm gesammelte Bibliothek.

Lektor nach Wilers Weggange war hier der Rufacher Konrad Pellican, Derjenige, der Alles überdauern sollte. Von einem erstaunlichen Lerntriebe unaufhörlich erregt, besaß dieser bleiche feingliedrige Mönch schon früh eine vielseitige Gelehrsamkeit, die ihn nicht nur zum ersten Kopfe seines Konvents machte, sondern ihm auch in der ganzen Ordensprovinz sowie in denjenigen Basler Kreisen, die solche Gaben schätzten, Ruhm gab. Neben dieser geistigen Energie empfahlen ihn sein „holdseliges sanftmütiges“ Wesen, seine Bescheidenheit, sein untadeliger Wandel. Er zeigte, was ein Klosterbruder auch zu dieser Zeit noch sein konnte, als professor verae paupertatis lebend, das unvertilgbar Gute des Mönchtums aufs Schönste bezeugend. Er war es nun auch, der den Augustin Amerbachs endlich ans Licht brachte, 1506 in elf Foliobänden, und dann sofort die Arbeit an den hebräischen Stücken des Hieronymus begann. Im Hebräischen unterrichtete er auch den Ludwig Bär und die Amerbachsöhne. Seine Handschrift, sein Stil, seine Äußerungen, die Klarheit und Concision seiner Arbeit — Alles paßt zusammen.

Pellican Wiler Dodo sind lauter aktive, durch ihre Leistungen denkwürdig gewordene Menschen. Neben ihnen kommt Konrad Leontorius nur schwach zur Geltung. Er ist schon einmal, zu Ende der 1470er Jahre, in Basel gewesen; das bewegte Treiben seines Ordens, der Zisterzienser, führt ihn, der zeitweise Sekretär des Generalabtes von Citeaux ist, nach Rom, nach Paris, nach Dole usw. Jetzt lebt er, mit wenigen Unterbrechungen durch Aufenthalte in Maulbronn oder Hirsau, im Klösterlein Engental bei Muttenz. Er dient den Tertiarierinnen oder „Beginen“ dieses Hauses — der alten Mutter Agathe, der Mutter Verena, der wunderschönen Tochter Sebastian Wetters von St. Gallen — als Beichtiger. In der [140] Stille des Ortes, den er und seine Freunde das Tal Engadi nennen, verbringt er friedliche Tage, schreibt er mit den weichen Zügen seiner Feder Briefe voll anmutiger Geschwätzigkeit, lebt er Studien und literarischen Liebhabereien. Dort hat er seine Bücher, darunter den lange gesuchten Blondus de triumphante Roma. Seinen Frauen erklärt er das Mysterium der heiligen Messe mit Hilfe des Buchs „seines süßen Freundes Heynlin". Aber auch die plautinischen Komödien sagen ihm zu. Sebastian Brant ist sein alter Bekannter, er korrespondiert mit ihm, mit Peter Schott Gresemund Wimpfeling Reuchlin Tritheim Koberger u. A. Die Hauptsache ist doch der Verkehr mit Basel, wo er an Pellican einen vertrauten Freund hat, wo Bischof Christoph und Johann Bergman ihm nahe stehen, wo das Amerbachhaus ihm wie eine Heimat ist. Für Amerbach arbeitet er an den Bibeleditionen, an den Ausgaben des Augustin, des Ambrosius, des Albrecht von Eyb; er vermittelt auch die Hilfe Reuchlins beim Hieronymus Dazwischen ist er auch für andre Drucker Basels zu haben, z. B. für Furter. Überall bringt er eigene Kleinigkeiten an: Vorreden Geleitworte Verse. Aber in seinem Gesamtbilde tritt das gelehrte Wesen zurück, erscheinen Güte und Umgänglichkeit als das Entscheidende.

Von anderm Schnitte war der Dominikaner Johannes Cono. Am 7. Januar 1511 starb Leontorius, kurz vorher war Cono in Basel eingetroffen. Mit einem Schlage hob diese Ankunft den Ruhm der Stadt.

Cono, geborner Nürnberger, hatte schon 1494, als Mönch des dortigen Predigerklosters, den berühmten Schatz griechischer Handschriften des Basler Konventes benützt. Einige Jahre später finden wir ihn in Speyer, wo er mit Jodocus Gallus griechische Studien trieb. Dann aber ging er nach Italien, und dort, durch Aldus und den Kretenser Johannes Rhosus in Venedig, durch Marcus Musurus und Scipio Carteromachus in Padua geschult und angetrieben, erwarb er eine außergewöhnliche, das im Norden Erreichbare weit übertreffende Kenntnis des Griechischen. Im Glanze dieses Ansehens kam er im Dezember 1510 nach Basel, durch Pellican Reuchlin Wimpfeling dem Johann Amerbach empfohlen, der für die Arbeit am Hieronymus einen solchen Helfer suchte.

Immer aufs Neue wieder ergreift uns die eigentümliche Macht und Bedeutung jener buchhändlerischen und zugleich gelehrten Unternehmungen. Sie sind Quellen geistigen Lebens. Die Initiative ist vielfach bei den Druckern und Verlegern, bei den[WS 2] Männern von Amerbachs Art, die erlesene wissenschaftliche Arbeiter für ihre Werke gewinnen und festhalten. Indem sie so für sich selbst sorgen, dienen sie dem Gemeinwesen, führen sie diesem neu und mächtig weiter wirkende Kreise zu.

[141] Daß ein Mann wie Cono nach Basel kam, gerade in diesem Momente, hatte große Folgen. Es war ein Ereignis, das weit herum zu reden gab, von dem man mit Begeisterung die Einbürgerung der griechischen Studien an dieser prädestinierten Stelle erwartete. Cono zog in der Tat den Rhenanus nach Basel, und Dieser wurde sein Erbe, sein Fortsetzer in die sich unmittelbar anschließende Periode.

Cono fand in Basel, was ihm zusagte: die Sammlung griechischer Codices in seinem Ordenshause und den Johann Amerbach. Er erhielt sofort Arbeit am Hieronymus. Zunächst neben Reuchlin, der gleichfalls für Besorgung des Griechischen geworben worden war. Aber seine Überlegenheit erwies sich bald. Man sah, daß er bei der Gestaltung des Textes methodischer verfahre und eine glücklichere Hand habe als Reuchlin. Diesem selbst ward dadurch der Rücktritt erleichtert. „Du hast nun den andern Griechen", schrieb er nicht ohne Bitterkeit dem Amerbach. Außerdem beschäftigten den Cono Forschungen in der Predigerbibliothek sowie Übersetzungen aus Gregor von Nyssa, Chrysostomus u. A. Daneben wirkte er im wissenschaftlichen Verkehr überhaupt, namentlich im Unterrichten. Vor dreißig Jahren hatte Kontoblakas hier die griechische Sprache doziert; seitdem war in Basel eine solche Gelegenheit nicht mehr geboten gewesen, und Bruno Amerbach halte hiefür nach Paris zu Tissardus gehen müssen. Jetzt konnte Basel aufs Neue diese Reichtümer bieten. Als akademisch unverpflichteter Lehrer gab Cono die griechischen Kurse, in denen die Amerbachsöhne und Rhenan Schüler waren. Michel Hummelberg, aus seinem Ravensburg sehnsüchtig nach Basel schauend, nannte ein solches Unterrichten inter privates parietes die schönste Form; und von Schlettstadt her pries Sapidus das amerbachische Haus, das nun Sitz der griechischen Musen geworden sei. „Die Götter selbst haben Cono gewählt, damit er Euch Führer zum Ruhme sei."

Aber schon am 21. Februar 1513, erst fünfzigjährig, starb Cono. Er wurde im Predigerkloster beerdigt, wo er auch gewohnt zu haben scheint, und Rhenan stiftete ihm die Grabschrift. Alle diese für Amerbach arbeitenden Männer waren Mönche. Jeder von ihnen in seiner Art ein Rechtfertiger des Standes, den die Humanisten als solchen haßten. Aber grell scheidet sich von den Kuttenträgern die Gestalt des im Dienst Amerbachs ihnen Folgenden, des Spaniers Matthäus Adrianus, eines getauften Juden, der sowohl Arzt als Hebraist war. Er gehörte zu jenen reisenden Gelehrten, die nicht feste Tätigkeit, sondern anregenden Wechsel suchten und auf deren Wanderstraßen Universitäten oder [142] große Buchdruckereien die Herbergen waren. In dieser Unrast haben wir auch dem Adrianus dahin und dorthin zu folgen. 1501 zu Aldus nach Venedig, wo er seine Einführung in die hebräische Sprache veröffentlichte; 1512 nach Tübingen. Er hatte schon den Ruhm eines unvergleichlichen Hebraisten und beabsichtigte, Unterricht zu geben. Aber es trieb ihn wieder fort. Das Klima sei ihm zu rauh, sagte er, der Wein zu sauer; nur am Rheine könne man leben. Im Januar 1513 war er in Straßburg, und von hier aus trug er sich dem Amerbach in Basel an als Mitarbeiter am Hieronymus für das Hebräische. Auch wollte er selbst allerhand veröffentlichen und erkundigte sich, ob Amerbach gute hebräische Typen in den Kästen habe. Außerdem dachte er an seine Aufnahme in die medizinische Fakultät und an ärztliche Praxis. Alles nur für eine kurze Spanne Zeit, höchstens bis Ostern; dann wollte er über Venedig ins Heilige Land pilgern. Wir erinnern uns an ähnliche Fremdlinge, an Mithridates, an Kontoblakas. Meridional aufgeregte, den nordischen Humanismus merkwürdig fördernde Figuren. Mit diesem Temperamente kündigte sich jetzt auch Adrianus bei den Baslern an. Daß er dabei ein erbärmliches Latein schrieb, erschien gleichgiltig neben der einzigartigen Spezialität seines hebräischen Wissens. Sehr selbstbewußt schrieb er dem Amerbach, daß für die Arbeit am Hieronymus eine Kenntnis des Hebräischen nötig sei, die ein Deutscher niemals erlangen könne. Reuchlin sogar fand, er kenne keinen bessern Hebraisten, und Pellican gab willig zu: „von Adrian habe ich mehr gelernt, als von irgend Jemand, viele Nächte habe ich schlaflos mit ihm zugebracht“. Von diesen Beiden eingeführt kam Adrianus zu Beginn des Jahres 1513 nach Basel. Er tat hier auf seinem Gebiete, was der eben jetzt scheidende Grieche Cono auf dem seinen getan hatte. Er half bei der Arbeit am Hieronymus und gab Unterricht. Die Söhne Amerbachs und wahrscheinlich auch Capito waren seine Schüler. Dann zog er weiter, nach Heidelberg.

Im Zentrum dieses Daseins, das alle Lebensalter und Disziplinen, Dauerndes und Ephemeres, Geistiges und Technisches umschließt, erhebt sich noch einmal für uns der alte Amerbach, um seine mächtige Offizin bemüht und daneben noch frisch genug für die Erziehung der Söhne sowie für den Verkehr mit Vielen und sehr Verschiedenen.

Dabei schieben sich in die Akten großer Tätigkeit allerhand anmutige Nebensächlichkeiten. Wir sehen Amerbach dem Geographen Waldseemüller die Ptolemäushandschrift der Basler Dominikaner, dem Wimpfeling Gersonhandschriften [143] aus Lyon vermitteln, von der Frankfurter Messe seinem Freunde Leontorius Brillen und den Engentaler Klosterweiblein Wohlgerüche und Spezereien bringen, auswärtigen Bekannten das Einbinden von Büchern in Basel besorgen, u. dgl. m.

Das Wesentliche ist doch die Gesamterscheinung, das Verbundensein so vieler Genien, die vereinte Leistung, das „musische“ Leben dieser Menschen.


Die Tätigkeit Johann Amerbachs und seiner Genossen war höchste Entwickelung derjenigen Zeit, in der Heynlin Brant u. A. gewirkt hatten. Jetzt sehen wir auch diese amerbachische Periode ihrem Ende zugehen und eine neue Woge geistiger Lebenskraft sich erheben.

Leontorius und Petri starben 1511, Cono und Johann Amerbach starben 1513. Diesem Verschwinden antwortete sofort das Erscheinen neuer Gestalten. Johann Froben trat an die durch Amerbach leer gelassene leitende Stelle, Rhenanus zog 1511 nach Basel; im gleichen Jahre nahm Urs Graf hier festen Wohnsitz; von 1512 an kamen, rasch sich folgend, Ludwig Bär Glarean Erasmus Hans Holbein Capito Ökolampad. Ein Wechsel der Personen vollzog sich, der zugleich Ausdruck eines Wandels allgemeiner Gedanken und Anschauungen war.

Das Wesen dieses einzigen Momentes, in dem zwei Perioden sich schieden, ist sinnfällig durch ein Einzelfaktum charakterisiert: die gleichzeitige Basler Publikation der zwei Sentenzensammlungen, des Petrus Lombardus durch Adam Petri im Juli 1513, des Paolo Cortese durch Johann Froben im August 1513. Die beiden Sammlungen, hier nebeneinander in die Welt tretend, konnten als Gegensätze gelten. Des Lombardus Sentenzen waren das dogmatische Lehrbuch des Mittelalters, völlig scholastisch in Anlage und Form; diese Basler Ausgabe geschah auf Kosten des Ludwig Hornken in Köln und wurde besorgt durch den Barfüßer Daniel Agricola. Cortese dagegen wollte die Theologie mit der Eloquenz verbunden sehen, seinen Sentenzen Klarheit und gute Latinität geben; Konrad Peutinger hatte sein Werk in Rom kennen gelernt und ließ es nun unter Rhenans Vermittlung durch Froben drucken. Alte und neue Zeit, alter und neuer Geist standen sich gegenüber, und dem entsprach auch das Äußere der beiden Werke. Neben dem herkömmlichen, noch ganz inkunabelhaften Lombardus erscheint Cortese in Druck und Zierrat wie das Produkt einer völlig veränderten Welt des Geschmackes; seinen Titel begleiten die Gestalten der Humanitas und der großen Dichter und Rhetoren des Altertums.

[144] Die Epoche ist noch durch Anderes ausgezeichnet. Sie hat auch nationale Bedeutung. Cono kommt aus Italien nach Basel, Rhenan aus Paris, Erasmus aus den Niederlanden. Sie bringen Deutschland die Kräfte und den Ruhm, die bis dahin andre Nationen allein zu besitzen gemeint hatten. Wie Sapidus in Schlettstadt dies fühlt und seinen Jubel darüber in einem Lob auf Basel ausströmen läßt, so ist auch der Abschiedsbrief, den Rhenanus am 1. März 1512 aus Basel an seinen Pariser Lehrer Jacob Faber ergehen läßt, auf solche Empfindungen gestimmt.

Alles dies geschieht um die Jahrzehntwende, in der ersten Jugend des eidgenössischen Basel. Was Wimpfeling und Andere am schweizerischen Bauernvolke zu tadeln haben, gilt nicht auch für diese Stadt, in der sich jetzt „der Glanz Latiums erneuert“. Mächtig eindrücklich ist auch das Zusammentreffen mit den großen politischen Erlebnissen. „Der Sturm der Geschichte ist dem Gedanken günstig.“

Es beginnt das foelix aevum, die große geistige Zeit Basels. Neben die Regenten des Staates, die wir kennen gelernt, tritt das imperium wissenschaftlicher und künstlerischer Führer.


Die als solche Meister der neuen Zeit Basels berufen waren — Rhenanus Bär Capito Glareanus Erasmus —, stellten sich im Laufe weniger Jahre, 1511—1514, hier ein. Sie hatten schon Manches erlebt, ehe sie in Basel Fuß faßten; hier konnten sie, was sie hinter sich gelassen, auf andre Weise und in gesteigertem Maße weiterführen. Sie fanden den alten, jetzt neu erwachenden wissenschaftlichen Ruhm dieser Stadt und sahen sich empfangen durch dessen stärkste Träger: die Söhne Amerbachs und Johann Froben.


Beatus Rhenanus hatte zur Heimat den Schicksalsort des elsässischen Humanismus, Schlettstadt. Inmitten der merkwürdigen geistigen Regsamkeit dieses Bauern- und Handwerkerstädtchens wurde er 1485 geboren. Seine erste Bildung erhielt er natürlich in der berühmten Stadtschule; Craft Hofmann und nach dessen Tode 1501 Hieronymus Gebwiler waren seine Lehrer. Dann 1503 zog er zur Universität nach Paris.

Durch eine Fülle eigenartiger Zeugnisse ist uns möglich gemacht, die geistige Entwickelung des Rhenanus zu erkennen.

Schon früh insbesondere die Selbständigkeit des Denkens; sie ruht auf dem Ernst und der Reinheit seines Wesens, auf seinem unermüdlichen Fleiße. Eine ihrer Äußerungen ist auch, daß er schon neben den Schülerarbeiten [145] an die Anlegung der Bibliothek geht, die von da an seine Liebe geblieben ist, nicht bibliophilenhaft, sondern gelehrtenmäßig, mit der lebenslang sich nicht sättigenden Lust des Sammelns, des Durcharbeitens und Erwerbens dieser geistigen Schätze.

Mit solchen Gesinnungen und schon reich an Kenntnissen kommt er in die hohe Luft von Paris, in die gewaltigen Antriebe eines wissenschaftlichen Verkehres stärkster Art. Seine Lehrer sind hier Clichtoveus, Faustus Andrelinus, der Spartaner Hermonymos, und namentlich Jacob Faber. Es sind schöne Jahre, und noch späte Äußerungen des Rhenan und seiner Pariser Genossen lassen das Glück dieses nur den Studien geltenden Lebens ahnen. Die Kraft, die Rhenan in sich fühlt, treibt ihn dazu, selbst auch schon den Führer und Lehrer zu machen; im kleinen Kreis innerhalb des Kollegiums, das er mit den Kommilitonen bewohnt, hält er Vorlesungen mit Interpretation aristotelischer Schriften. Neben her geht aber auch, als praktische Verwertung des Wissens, sowie als Kraftprobe für künftige Leistungen, die Kastigatorenarbeit im Dienste der Drucker Petit und Stephanus.

Der eigentümliche Duft und Zauber verheißungsvoller Entwickelungsjahre ruht auf diesen Zeugnissen. 1507 kehrt Rhenan ins Elsaß zurück, wo er hauptsächlich in Schlettstadt und Straßburg sich aufhält. Er macht auch kleine Gelehrtenreisen, z. B. nach Mainz zu Gresemund. Er arbeitet als Korrektor bei Schürer. Er verkehrt mit Geiler, mit Brant, mit Wimpfeling. Er verwendet sich bei Reuchlin für seinen Pariser Meister Faber, der die Werke des Cusanus sammelt und herausgeben will. Auch an einen Aufenthalt in Italien denkt er. Da kommt die Nachricht, daß Johannes Cono der Grieche sich in Basel niedergelassen habe und da Unterricht erteile. Sofort entschließt sich Rhenanus, hinzugehen. Am 31. Juli 1511 trifft er in Basel ein.

Neben den Amerbachsöhnen, die Rhenanus wohl von Paris her schon kennt, ist er nun Schüler des großen Gräcisten. Aber ein Schüler, der auch einem solchen Lehrer Eindruck machen kann. Wir bemerken, mit welcher Hochachtung Dieser ihn behandelt.

Von großer Wichtigkeit für Rhenan sind die wenigen Monate des Verkehres mit Cono. Er empfängt von ihm nicht allein die sichere Kunde griechischer Sprache und Literatur. Cono wird ihm auch der Meister philologischer Methode. Und beachtenswert ist weiterhin, wie er den bisher durch Fabers Lehre bestimmten Aristoteliker Rhenan auf den „göttlicheren“ Plato hinweist.

[146] Die Basler Zeit des Rhenanus, 1511 beginnend und anderthalb Jahrzehnte dauernd, vollzog sich stets im Gleichmaß, ohne starke äußere Bewegung. Nach dem mannigfachen Gähren der frühem Jahre ward sie die Zeit ruhigen Reifens zum Bleibenden und Bedeutenden.

Allem voran steht dabei das Verhältnis Rhenans zu Erasmus. Wie Dieser nach Basel gekommen war, wurde ihm rasch nichts unentbehrlicher, nichts zusagender als der tägliche Umgang mit dem um zwanzig Jahre jüngeren Rhenan, der das schärfste Urteil in wissenschaftlichen Dingen und dabei eine so „kluge“ Bescheidenheit zeigte. Dessen „exquisite“ Gelehrsamkeit und untrüglicher Scharfsinn imponierten ihm ; aber noch stärker fesselte ihn dessen Gesinnung. Seinen pythagoräischen Freund, seine Psyche nannte er ihn. Eine Freundschaft dieser beiden Geister erwuchs, die nie gestört wurde, stets auf derselben Höhe blieb.

Rhenanus glänzte auch neben dem großen Licht Erasmus. Seine Gelehrsamkeit erhob ihn, mehr noch „seine philologische Beanlagung, durch die er seiner Zeit weit voraus war“. Dazu kam die stille und unwiderstehliche Macht seiner klaren und bis in alle Tiefen ächten, leidenschaftslosen Art. Außerdem hatte man namentlich auswärts das Gefühl, daß neben dem incommensurabeln und im Grund aller Welt gehörenden Erasmus die dauernd zusammenhaltende Kraft des Basler Humanismus Rhenanus sei.

Die Form des Lebens war für Diesen zunächst gegeben durch seine Beziehungen zu Buchdruckern, namentlich zu Froben. Daneben hatte er ein freies Gelehrtendasein. Ohne die Auszeichnung und die Vorteile, aber auch ohne die Hemmnisse des akademischen Amtes. Er war nur auf sich gestellt. Alles aus sich allein aufzubringen gewillt und befähigt. In dieser Freiheit aber war er durch eine imposante Tätigkeit der Diener seiner Pflicht. Von seiner frühesten Basler Publikation an entfaltete er — zunächst mehr Editor und Exeget als Autor — die staunenswürdige Kraft seiner kritischen Begabung und den Reichtum seiner Studienergebnisse. Und doch fanden die Freunde, daß er mit diesem Reichtume zu haushälterisch umgehe, zu wenig von sich gebe.

Umrauscht von steigendem Ruhm und mitten in der geistig bewegtesten Umgebung scheint Rhenanus seine Schlichtheit bewahrt zu haben. Er verlangte nur eines: Ruhe für sein Arbeiten. Er war nur glücklich, wenn er für sich sein konnte. Nicht als eigensüchtiger Stubengelehrter; sein Biograph Jacob Sturm rühmte an ihm, daß er nicht studierte um zu studieren, sondern ut prodesset rebus mortalium, um der Menschheit zu dienen; diese wenigen Worte zeigen die Weite des Kreises, der in Rhenans Arbeit [147] seine zentrale Kraft hatte. Aber einen Eindruck von Größe gibt uns doch nur diese Leistung, nicht der Mensch Rhenan, der vielmehr etwas Knappes und eng Befangenes an sich hat. Die ihn kannten, tadelten seinen Mangel an Mut, sie fanden ihn auch zu wenig freigebig. Es war dieselbe bedachte Schonung seiner selbst, die ihn auch jeder amtlichen Verpflichtung ausweichen ließ. Er hatte keine Frau, keine Familie, nur ein Famulus war um ihn, und er konnte ein „philosophisches Leben“ nach seinem Willen führen. Wie wenig er doch zum Sonderling wurde, glauben wir überall zu spüren; seine Liebenswürdigkeit, seine Milde und „süßeste“ Humanitas war berühmt. Umdrängt von den zahllosen Gestalten jener Tage zeigt er uns das faßlichste und anmutigste Bild eines Humanistendaseins.


Ludwig Bär wurde 1479 in Basel geboren, als Sohn des Kaufherrn Hans Bär. Zuerst wird er wohl die heimatliche Universität besucht haben; dann war er Schüler derjenigen zu Paris. 1499 wurde er dort Magister, arbeitete weiter und schloß am 28. Mai 1511 diese langewährende Studienzeit in ausgezeichneter Weise durch den Erwerb des theologischen Doktorats. Im folgenden Jahre kehrte er nach Basel zurück und erhielt im März 1513 vom Rat eine Chorherrei am Petersstift. Im August 1513 wurde er in die theologische Fakultät aufgenommen, 1514 zu deren Dekan gewählt.

Aus eigenen wissenschaftlichen Werken von Belang ist Bär nicht zu erkennen. Auch die Briefquellen versagen für ihn fast völlig. So wenig Einzelnes wir hienach von ihm wissen, ist er doch eine eindrückliche Figur inmitten der damaligen Gelehrten und Kleriker, neben zahlreichen in ihrer Plattheit wohlbezeugten Erscheinungen.

Schon sein sozialer Hintergrund hebt ihn, der weitverflochtene Komplex einer einflußreichen Verwandtschaft; zum bürgerlichen Ansehen tritt die Macht kirchlicher Stellung; das lange Studium in Paris mit seinem glänzenden Abschlusse gibt ihm den Nimbus einer nicht gewöhnlichen wissenschaftlichen Tüchtigkeit.

Die frühe Begabung Bärs durch den Bischof mit Indulgenzen und seine wiederholte Begünstigung durch den Rat mögen weniger seiner Person gelten als seiner Familie. Aber bemerkenswert ist, wie in offiziellen Empfehlungsschreiben die Kanzlei des Rates ihm das horazische Prädikat des integer vitae gibt, wie auch auswärtige Gelehrte ihn hochachten, wie seine Nähe ihn geradezu anbetet. Er ist der feingebildete geschmeidige interessante Mensch. Von ernsten Mienen, bekannter Klugheit. Zuweilen auch für nicht ganz verläßlich gehalten. Jedenfalls bringt er fertig, nach verschiedenen Seiten hin Beziehungen [148] und Geltung zu haben. An der Universität ist er nicht allein der princeps theologorum, sondern der anerkannte erste Vertreter der Anstalt, wiederholt Rektor und nach Arnold zum Luft und Capito Vizekanzler. Aber auf der andern Seite hat er gleichfalls Heimatrecht; wenn von den Basler Humanisten die Rede ist, steht er neben Erasmus Rhenanus Capito in der vordersten Reihe. Von seinen Kollegen Fininger Gebwiler u. dgl. scheidet ihn die Fähigkeit freiern Denkens, die über das gewöhnliche Theologenmaß hinausgehende Bildung. Wie stark sein wissenschaftlicher Eifer und wie modern seine Gesinnung, zeigt sich z. B. daran, daß er bei einem seiner Pariser Ferienaufenthalte in Basel sich durch Pellican in das Hebräische einführen läßt. Die erasmische Ausgabe des Neuen Testamentes sodann trifft ihn ins Herz; leer und spielerisch erscheint ihm jetzt alle die Kunst seines scholastischen Wissens.

Das ist Ludwig Bär, der vertraute Basler Freund des Erasmus und Diesem in der Art verwandt. Daneben dauernd und über Alles hinweg mit Aleander befreundet.

Natürlich geht das Wesen eines solchen Mannes in Kirche und Gelehrsamkeit nicht auf. Er hat auch politische Qualitäten. Er ist Bürger der Stadt und Sohn eines Ratsgeschlechtes. So sehr kommt dies zur Geltung, daß er nach seiner Heimkehr von Paris den erstrebten Eintritt ins Domkapitel nicht erlangen kann, trotz der Empfehlung durch den Rat und der allgemeinen Verfügung des Papstes von 1512. Andrerseits hat seine Erhebung zur Propsteiwürde bei St. Peter 1518 keineswegs nur interne stiftische Gründe; sie wird durch den Legaten Pucci durchgesetzt und ist zu werten als kirchenpolitische Maßregel der Curie, als Mittel des Kampfes wider Luther und dessen Propaganda, zugleich als Gunsterweisung an die durch Jacob Meyer, den Schwager Bärs, geführte päpstliche Partei im Rate.


Neben die in Paris gebildeten Rhenanus und Bär treten von Deutschland her Andere.

Wolfgang Fabricius Capito, 1472 in Hagenau geboren, hatte seine Studien in Freiburg und Ingolstadt gemacht und war 1512 Prediger beim Stifte Bruchsal geworden. Von dort kam er im Frühling 1513 nach Basel. Wohl durch Pellican veranlaßt, der ihn kurz vorher in Bruchsal besucht hatte. Bei dem gerade in Basel anwesenden Matthäus Adrianus scheint er Unterricht im Hebräischen erhalten zu haben. Sein erkennbares Basler Leben beginnt jedoch erst 1515, in welchem Jahr ihm die Prädikatur am Domstift übertragen wurde. Es war die Stelle, an der Johann Kreuzer, [149] Wilhelm Textoris, Johann Heynlin gewirkt hatten. Indem sie jetzt, im Jahrzehnte des Übergangs zu neuen kirchlichen Zuständen, durch einen der Führer des Übergangs versehen wurde, erlebte sie ihre bewegteste Zeit. Von dieser Predigertätigkeit Capitos werden wir an andrer Stelle hören. Dasselbe Jahr, das ihm die Dompredikatur gab, machte ihn auch zum Angehörigen der Universität. Er war 1515 immatrikuliert und trat, schon von Freiburg her Doktor der Theologie, in diese Fakultät ein. Er hielt Vorlesungen. 1517 wurde er Rektor, 1518 Dekan; im selben Jahre war er auch Vizekanzler der Universität.

Aber die geordneten Leistungen dieses Prediger- und Professorlebens waren eingefaßt in die Fülle freiesten wissenschaftlichen Ergehens und Wirkens. Schon die Mannigfaltigkeit der Studien, die Capito während seiner Universitätsjahre bemeistert hat, ist der Beachtung wert. Mit sechsundzwanzig Jahren erlangt er zu Freiburg die Würde eines Doktors der Medizin. Dann ergibt er sich dem Rechtsstudium. Bis zuletzt die Theologie seine Herrin wird; die Vorlesungen in diesem Fache, die er in Freiburg hält, werden erst durch die Bruchsaler Predikatur abgelöst. Er ist heimisch in allen Fakultäten. Nichts Befangenes, kein Beschränktsein auf nur eine Art und Richtung ist in Capito. Durch Alles hindurch, durch das kirchliche Wirken wie die gelehrte Tätigkeit, pulst der lebendigste Geist.

Von Capitos wichtigen Leistungen für die junge hebräische Wissenschaft wird noch zu reden sein; mit dieser Spezialkenntnis dient er jetzt namentlich dem Erasmus bei der Herausgabe des Neuen Testamentes. Er hilft auch bei der cratandrischen Edition des Gellius und gibt den Kastigatoren Frobens Auskunft, wenn sie ratlos sind und nicht mehr weiter können. Überall ist er der Bewegliche, der Eigenartige. In seinen akademischen Vorlesungen legt er das Hauptgewicht auf die Exegese. Aber auch außerhalb der Universität gibt er seine reichen Anregungen. Da ist Carinus sein Famulus, der junge Hartman von Hallwil sein Zögling; mit Bruno Amerbach zusammen liest er den Sophokles.

Sein Wissen stellt ihn stets in die vorderste Reihe. Am Orte selbst zählt er zu den Großen der Sodalitas, und Fernerstehenden erscheint er, neben Erasmus Melanchthon Zasius Hessus, als einer der Führer des deutschen Humanismus überhaupt.

Wichtig namentlich sind seine Beziehungen zu Erasmus. In einer Reihe von Briefen ist dieser Verkehr vor uns dargelegt; sie treten in ihrer besondern Art aus der Masse der erasmischen Korrespondenz hervor. Da finden sich die beiden Freunde zusammen in Ausblicken über die ganze [150] gelehrte Welt, über die verjüngte Herrlichkeit der Wissenschaften. Da erklärt Erasmus, durch mancherlei Täuschungen ermüdet, dem Genossen mit der ungebrochenen Kraft und der glühenden Seele die Leuchte übergeben zu wollen, damit er sie weiter trage. Was Erasmus begonnen, solle Capito fortführen.

Diese Worte trafen das innerste Gefühl Capitos. Sie schienen ihn dahin zu weisen, wo in der Tat seine stärksten Interessen waren, zur Wissenschaft. Neben Christus und den Freunden wollte er jetzt einzig den Studien leben. In der Begeisterung dieses Entschlusses arbeitete er an seinem Hauptwerke, der hebräischen Grammatik. Welche Konflikte mußten sich bei derartigen Neigungen dem Münsterprediger durch die junge lutherische Bewegung ergeben! Aber diese seine Amtstätigkeit fand schon früh ein Ende, mit ihr zugleich auch, so viel wir sehen, die gelehrte Arbeit Capitos überhaupt.

Nach dem Rate Schiners und anderer Freunde ging Capito im Herbste 1519 nach Mainz und bewarb sich dort beim Reichskanzler, dem Erzbischof Albrecht, darum, daß ihm vom neugewählten König Karl vermöge des herkömmlichen Rechtes der „ersten Bitte“ eine Pfründe am Basler Domstift gegeben werde. Aber bei den Verhandlungen hierüber schritt der Erzbischof ein und versprach dem Capito die Dompredigerstelle in Mainz selbst. Capito nahm diesen Ruf an und verließ Basel im April 1520.


Glareanus, als Heinrich Loriti 1488 im Glarnerlande geboren, war Schüler des Rubellus, dann seit 1507 Student an der Universität Köln. Hier wurde er Magister 1510. Er hielt Vorlesungen über Vergil; Caesarius wirkte auf ihn und mit besonderer Kraft Herman von dem Busche; er versuchte sich auch in geographischen Arbeiten ; er nahm Teil am großen Streite Reuchlins, als dessen Gefolgsmann; zuletzt 1512, in einer grandiosen Szene vor den Fürsten des Reiches, empfing er von Kaiser Maximilian den Lorbeerkranz des Poeten. Leidenschaftlich und in mächtigen Äußerungen erlebte er so das Wesen des Humanismus, den er als die Bestimmung seines Lebens empfand. Aber sein Sinn stand auf Basel; er hatte die Stadt bei wiederholtem Durchreisen kennen gelernt; sie war ein Teil des schweizerischen Heimatlandes, nach dem er sich sehnte, und zugleich eine Stätte des ihm unentbehrlichen geistigen Lebens. Sein Freund Zwingli sowie die Glarner Behörden sollten ihm zu einer philosophischen Lektur an der Universität Basel helfen. Auch an dem Cantor, spätern Propst zu St. Peter, Johann Heinrich Wentz, hatte er einen Gönner. Im Frühling 1514 traf er hier ein.

[151] Mitten in eine Gesellschaft voll Form Mode und Kultur trat dieser geniale Mensch von der Berghalde, an der er früher Ziegen gehütet hatte. Vom ersten Moment an eine durchaus eigenartige Erscheinung der Basler Humanistenwelt.

In Erasmus, der kurz nach ihm in Basel einkehrte, kam ihm dann diejenige Macht entgegen, die fortan auch für ihn Basel zu einem Ort ohne Gleichen erhob. Erasmus galt ihm als Vater, als Meister. Er nannte ihn den größern Teil seiner Seele, seine Zierde, sein Gestirn. Dessen Güte war ihm das kostbarste Geschenk, weit hinausgehend über Gold und Edelstein. In Briefen, in Elegien legte er seine stürmische Bewunderung des Einzigen nieder. Des Erasmus Antwort auf solche Huldigung waren Äußerungen starken Wohlgefallens. Er freute sich am Wissen Glareans, an seinem Eifer, seiner Sittenstrenge, seiner Munterkeit. Als Führer und Bannerwächter der schweizerischen Humanisten erschien er ihm.

Auch wir bewundern die Begabung, ohne Tradition und Umgebung erwachsen, getragen durch eine urnatürlich gesunde Leiblichkeit; frisch und naiv, ohne Rücksichten, geht Glarean vorwärts. Der Umfang seiner Kraft offenbart sich in einem erstaunlichen Reichtum von Interessen und Leistungen.

Sofort beginnt das Universitätsleben Glareans. Er ist unter den Immatrikulierten des Sommersemesters 1514; am 2. Juni wird er als Kölner Magister in das Magisterkonsortium aufgenommen. Er erhält auch einen Lehrauftrag und bezieht vom Rat eine Besoldung. Aber nur während kurzer Zeit. Seine Zänkereien mit der Universität zeigen, wie wenig er sich in die akademischen Formen zu fügen vermag.

In ähnlicher Weise steht der heftige zornmütige, von rasch wechselnden Stimmungen beherrschte Glarean auch im Kreise seiner humanistischen Genossen isoliert. Von Allen geschätzt, aber Keinem ganz sympathisch. Voll von Geist und ursprünglichem Leben, ist er doch, mit der Vehemenz und gelegentlichen Grobheit seines Wesens, mit seiner sich überstürzenden, Witz und Spott heraussprudelnden Rede, mit seinem Selbstgefühle, kein bequemes Element im Ganzen der Sodalitas.

Das Kastigatoren- und Editorenleben der andern befriedigt ihn nicht. Er bedarf einer persönlicheren Produktion. Ein unerbittlicher Arbeitswille treibt ihn. Er hat auch den Drang zum unmittelbaren Verkehre, zu Menschen und zum Leben, er hat seine Freude an der Jugend. Er ist der geborne Lehrer; und als solcher erfüllt er eine Funktion für die Schweiz.

Schon gleich nach seiner Herkunft, im Juni 1514, erhält er von der Fakultät — ausnahmsweise und wohl auf Grund guter Empfehlungen — die Erlaubnis, eine Burse zu betreiben. Nicht eine der beiden Fakultätsbursen, [152] sondern eine eigene, gleichfalls mit Convikt verbundene Lehranstalt, ein archigymnasium. Glarean dient mit dieser Schule zunächst dem humanistischen Triebe der Unterweisung und einem höhern Lernbedürfnisse. Er mietet ein geräumiges Haus; die Zahl seiner, großenteils aus der Ost- und der Zentralschweiz kommenden Zöglinge und Pensionäre steigt zu Zeiten bis auf dreißig; es wird nur lateinisch gesprochen, auch beim gemeinsamen Mahle; in den Unterrichtsstunden werden Vergil Lucan Livius Gellius gelesen, wird Griechisch und Hebräisch getrieben, werden Arithmetik und Geographie gelehrt.

Hier in diesem reichen, stets neu erregten Verkehre mit jungen Hörern und Hausgenossen bilden sich die Keime der großen und so Vieles umfassenden wissenschaftlichen Tätigkeit Glareans. Es ist seine schöpferische Zeit; die grammatischen Arbeiten, der Kommentar zu Livius, die Forschungen über das römische Gewichtsystem, die musik-theoretischen Untersuchungen, die Arbeiten zur Mathematik und zur Geographie, die ganze Fülle späterer Leistungen geht in ihren Anfängen auf diese Basler Jahre zurück.

Wir haben vor uns das Bild eines reichen Lebens. Aber der Eindruck wird gestört durch unaufhörliche Bewegung. 1515 besucht Glarean mit Peter Falk von Freiburg zusammen die Trümmer von Aventicum. Im gleichen Jahre begibt er sich nach Pavia zum Genuß eines durch Herzog Massimiliano, auf Fürsprache der Tagsatzung, ihm bewilligten Universitätsstipendiums; aber es wird ihm nicht zu Teil, und er kehrt wieder nach Basel zurück, wo er sich immer weniger wohl fühlt. Bei solcher Unzufriedenheit ist davon die Rede, ihm eine Stelle an der Universität Ingolstadt zu verschaffen. Aber auch allgemeine politische Bewegungen greifen in das einzelne Gelehrtenleben. Nach Marignano ist es mit dem Mailänder Herzog und mit herzoglichen Stipendien vorbei. Dagegen beginnen Unterhandlungen der Eidgenossen mit König Franz, und diese haben Bedeutung auch für Glarean, der jetzt ein Pariser Stipendium zu erhalten hofft an Stelle des in Pavia ihm entgangenen. Noch im September 1516 ist er voll Sorge. Seiner persönlichen Interessen wegen verdrießt es ihn, daß Deutschland und England den Eidgenossen goldene Berge verheißen, um sie von Frankreich wegzuziehen. Endlich im November kommt der Friede zu Stande, und im Anschluß an ihn bewilligt Franz dem Basler Humanisten ein, von den gewöhnlichen Stipendien für Schweizer Studenten verschiedenes, besonderes Jahrgeld. Auch Erasmus hat dafür gewirkt, durch ein schönes Empfehlungsschreiben an Stephan Poncher, Bischof von Paris und Kanzler des Königs.

[153] Die mit Glarean verkehrenden Basler aber erleben nun die gute Wirkung: der oft so Unwirsche wird jetzt, da es ihm nach Wunsch geht, mild und erträglich; er bequemt sich sogar dazu, gelegentlich ein Nichtwissen zu bekennen und den Rhenan um Belehrung zu bitten.

Ende Mais 1517 reist Glarean nach dem ersehnten Paris. Seine Aufgabe ist Überwachung und Unterrichtung schweizerischer Scholaren. Wie er in Basel getan, sammelt er sie auch hier um sich. Im Bücher- und Gelehrtenviertel, in der Rue St. Jacques, hat er sein Haus, und hier lebt nun diese helvetische Kolonie, more Romano. Glareans Unterricht gilt antiken Autoren, der Geographie Mathematik Musik. Daneben werden auch Kurse der Universität besucht und berühmte Spezialisten genossen wie der Grieche Laskaris, der über Plinius lesende Venezianer Cipriano Talea, der Orientalist Giustiniani.

Glarean selbst nimmt seine griechischen Studien wieder hervor. Er verkehrt mit Jacob Faber, mit dem Basler Copus, mit Andrelinus Budaeus u. A. Auch den Wilhelm Nesen hat er wieder in der Nähe. Zuweilen besieht er sich die Sophistenzeremonien der Sorbonne und geht dann, solcher Possen satt, nach Hause, wo er singt und studiert, sich an seinem Horaz erquickt und mit Demokrit die dumme Welt verlacht.

Er ist ohne öffentliche Stellung, Niemandem verpflichtet; er lebt in Freiheit und Ruhe sich selbst. Aber auf die Dauer verdrießt ihn doch diese Pariser Existenz. Auch hier wieder regt sich in ihm der Schweizer. Allerhand Zwischenfälle wirken ein, die Arroganz und Bosheit der Pariser wird ihm widerlich. So denkt er immer ernster an die Heimkehr, und da der Einfall, sich in Zürich um eine Chorherrnpfründe zu bewerben, zu nichts führt, tritt Basel in die alten Rechte. Der dem Glarean schon bekannte Kreis von Menschen, das Behagen der uberrima Basilea locken ihn; auch hat er das Bewußtsein, jetzt eine andere Stellung ansprechen zu können, als er früher besessen.

Im Februar 1522 trifft Glarean hier ein, durch Scholaren und Bürger mit Jubel empfangen.


Als Erasmus nach Basel kam, war er bald ein Fünfziger. In der Zweiten Hälfte der 1460er Jahre in Rotterdam geboren, in Deventer unter Hegius und in Herzogenbusch gebildet, dann dem Orden der Augustinerchorherren angehörend, wurde er von allem Familiären gelöst und auf sich allein gestellt. Ein „göttliches“ Ingenium, Scharfsinn, ein Tag und Nächte durchdauernder Fleiß, ein Gedächtnis von erstaunlicher Stärke zeichneten [154] schon den Knaben aus. Das Meiste und Beste, was er sich gewann, erwarb er als Autodidakt.

Sein Dämon trieb ihn zum Verlangen nach dem Erlesenen, nach den Heiligtümern der Musen; er stärkte ihn im Vertrauen auf sich selbst und die Kraft seines Willens. Schon in dieser Zeit lebte Erasmus unter häufigem Wechsel des Ortes. Wir folgen ihm nach Cambrai, nach Paris, nach Oxford. Er weilt dann auch in Orleans, in Amiens, wiederholt da und dort in England, in Löwen usw. Vom Herbste 1506 an hält ihn Italien fest, wohin ihm schon sein Ruhm vorangeht, wo er in Turin Doktor der Theologie wird, in Bologna Rom Venedig Padua arbeitet und Freunde gewinnt. 1509 geht er zu einem ähnlich lange dauernden Aufenthalte nach dem ihm vertrauten England.

So bildet er sich und reift er an verschiedenen Orten, wird er heimisch auf der weiten Erde. Auch die Arbeitsformen wechseln. Neben seinen Studien erteilt er Privatunterricht, hält er zeitweise Vorlesungen, ist er Mentor und Meister vornehmer Zöglinge. Alles jedoch macht den Eindruck freiester Freiheit. Freiheit von überlieferter Schulform, Freiheit von einem dauernd verpflichtenden Dienste, Freiheit vom Orte, soweit möglich auch Freiheit von Menschen.

Das Ganze ist Studium und hohe Welt. Den Erasmus charakterisiert, daß neben dem angestrengtesten, bis zur Erschütterung der Gesundheit betriebenen Arbeiten der Sinn für Exklusivität im täglichen Verkehre wie im Bereiche des geistigen Lebens sich äußert. Aus Dürftigkeit und Vereinsamung hat er sich selbst emporgebracht; nun will er, daß seine Person bekannt und berühmt sei. Es ist derselbe souveräne Sinn, der ihn über die gewohnten Kommentare der Gelehrten hinaus und empor führt. Der ihn in dieser Frühe die revolutionären Anmerkungen des Valla zum Neuen Testament und zugleich aus einer schon jetzt unermeßlichen Lektüre das Interessante und Graziöse aller Schriftsteller an Anekdoten Redensarten Sprichwörtern, mit gelehrten Noten und ganz eigenpersönlichen Bemerkungen verbunden, in der Sammlung der Adagia ans Licht bringen läßt. Nebeneinander stehen dann das Handbuch des christlichen Streiters (enchiridion militis christiani) und das Lob der Weltfürstin Torheit (ecnomium Moriae); in kurzem Abstande publiziert scheinen diese beiden Werke das Tiefste, was Erasmus bis dahin erfahren, von verschiedenen Seiten her wiederzugeben.

Wir folgen dem Gange des äußeren Lebens samt seinen Erfolgen, wobei wir das innere Glück dieses Daseins nur zu ahnen vermögen. Wie Erasmus später sein eigenes Werden in Parallele stellt mit dem Wachsen [155] des nordischen Humanismus überhaupt, so muß er schon damals ein berauschendes Gefühl seiner selbst gehabt haben.

Diese Jahrzehnte, reich an Unstätigkeit, haben doch die Bedeutung eines nie abirrenden Weges zur Höhe. Erasmus gewinnt sich Freunde und Gönner an den mächtigsten Höfen, an den ersten Universitäten, in den Kreisen der Kardinale Prälaten Magistrate; allenthalben in wälschen und deutschen Landen sind Scharen von Gelehrten seine Bewunderer.

Im Besitze solchen Weltrufes kam Erasmus im Jahre 1514 nach Basel. Eine Romreise lag im Plan; aber zunächst galt Basel als Ziel. Das Letzte des Erasmus, eh er diese folgenreiche Reise antrat, war die Ablehnung der Bitte des Servatius Roger, ins Kloster zurückzukehren; großartig stellt er da der obscuren Mönchsexistenz sein Leben, seine Arbeit und seinen Ruhm gegenüber.

Was den Erasmus nach Basel zog, war der amerbachische Kreis und vor allem Froben, der vor Kurzem, die Aldina nachahmend, eine Ausgabe der Adagia veranstaltet hatte und überdies durch Franz Birkman in den Besitz des revidierten erasmischen Handexemplares dieses Werkes gelangt war.

Erasmus traf nach Mitte Augusts 1514 in Basel ein. In Straßburg und Schlettstadt war er gefeiert worden; hier in Basel hatte er nur Wenige — Rhenan Bruno Amerbach Lister — benachrichtigt und wurde durch Diese empfangen.

Nun sahen sie den längst Verehrten von Angesicht. Einen mittelgroßen Mann, das zierliche „Körperchen“ in weltliches Kleid gehüllt, aus dem Hellen Angesichte schauten unter halbgeschlossenen Lidern hervor blaugraue Augen. Er gewann die Freunde sofort durch die Gewalt seines Blickes, durch den leichten angenehmen Fluß seiner feinstimmigen Rede, durch seinen Geist.

Sofort ging Erasmus in das Haus zum Sessel und brachte dem Froben einen Brief des Erasmus, als dessen Boten und Bevollmächtigten er sich einführte. Froben verstand den Scherz. Hochbeglückt, alle Ehren erweisend, empfing er den Gast. Zwei Tage darauf, an einem durch die theologische Fakultät bereiteten Bankette, lernte Erasmus die Weisen Basels kennen; auch aus der Nachbarschaft hatten Bewunderer sich eingestellt. Voll Freude begrüßte Erasmus auch den Glarean. Er war überrascht, so viele hochgelehrte Männer hier beisammen zu finden. Im Hause Frobens wohnte er, und vor den Staunenden breitete er nun seine Schätze aus; er war beladen mit Manuskripten und erfüllt von großen literarischen Plänen.

[156] Basel hatte nur eine Station auf dem Wege nach Italien sein sollen. Aber Erasmus kam nicht weiter. Die Stadt tat sich ihm auf. Er fühlte sich gewonnen. Mit welchen Empfindungen, hat er damals gegenüber Wimpfeling in einem Briefe voll prächtig bewegten Lebens ausgesprochen. Ein anderer Brief ging in den ersten Basler Tagen an Reuchlin, den er darin pries als die Zierde und das einzige Licht Germaniens. Sinnvoll ließ Erasmus diese Huldigung an den großen deutschen Humanisten sein Erstes in Basel sein. Indem er hier Fuß faßte, wurde er selbst wirklich ein Deutscher.

Auf solche Weise geschah der Eintritt des Erasmus in unsere Stadtgeschichte. Von da an war er dem Orte Basel nicht mehr entfremdet trotz langen Absenzen. Er blieb hier, auch abwesend, Fürst und Führer. Etwas unwiderstehlich Hinreißendes liegt in der ersten erasmischen Zeit Basels, in diesem Kommen und Gehen und Wiederkommen des einen Mannes. Welche Wirkung strömte von ihm aus, wenn er hier war, und welche Erfahrungen und auch Maßstäbe brachte er immer wieder, wenn er kam! Basel vermochte dies Alles zu bemeistern und zuletzt den Erasmus dauernd festzuhalten. Es stellte ihm Pressen und Buchhandel zur Verfügung; es führte ihm Menschen in Fülle zu; es gewährte ihm die den Studien nötige Ruhe und Anmut; es zeigte ihm das rheinische Behagen des Daseins.

In drei Gruppen schließen sich nun diese spätern Jahre des Erasmus zusammen.

Ihre erste, vom August 1514 zum Mai 1516 reichend, läßt ihn mit Ausnahme weniger Monate des Jahres 1515 (März bis Juli), die ihn durch die Niederlande nach England führen, in Basel leben. Sie begründet seine Basler Existenz und gibt der humanistischen Sodalität Basels ihre Gestalt. Sie ist ausgezeichnet vor Allem durch die Publikationen des griechischen Neuen Testamentes und des Hieronymus, ferner des Seneca, der Grammatik des Gaza, des Traktates von der institutio principis christiani.

Fünf Jahre sodann, vom Mai 1516 zum November 1521, gehen für Erasmus großenteils in den Niederlanden hin, namentlich in Löwen, wo er die Stiftung des Busleidischen collegium trilingue zur Verwirklichung bringt. Im Frühling 1517 ist er in England, zum letzten Male. Zwischenhinein, vom Mai zum September 1518, weilt er in Basel und besorgt die zweite Ausgabe des Neuen Testamentes.

Charakterisiert ist diese zweite Periode durch außerordentliche Bewegung und Tätigkeit. Von allen Seiten kommen Einladungen und Rufe; König Franz will ihn nach Paris ziehen, der bayrische Herzog nach Ingolstadt, der sächsische nach Leipzig. Er erhält eine Kanonikatspfründe in [157] Cambrai. Er wird Mitglied des königlichen Hofrates in Brüssel. Sein großes Eigenes aber sind die Ausgaben des Sueton und der Kirchenväter Cyprian u. A., die neutestamentlichen Paraphrasen, die Colloquia; bezeichnenderweise beginnt er zu dieser Zeit auch die Publikation seiner Briefe.

Er steht auf der Höhe des Lebens. Es sind nicht nur die Jahre eigner universaler Geltung. Mächtiger müssen ihn ergreifen der Blick auf das rings ihn umgebende Blühen der Wissenschaften und der Gedanke daran, was er selbst dafür getan hat. Schon jetzt breitet sich vor ihm sein Lebenswerk, die Fülle persönlicher Erfahrungen, die Wirkung und Anregung nach tausend Seiten, die Menge der Veröffentlichungen, der pädagogischen und moralischen Traktate, der Stillehren, der kritischen Arbeiten, der Editionen und Kommentare, die der gelehrten und der gläubigen Welt breite glänzende Straßen geöffnet haben zum Altertum sowie zu einem reineren Christentum. In solchem Gefühle kann er jetzt dem Sapidus die Drangsale und Kämpfe seiner verlassenen Jugend schildern, den Freunden Bär und Wolsey den Geist seiner Studien bezeugen, ihnen darlegen, was er erstrebt und wie er zur Erreichung dieses Zieles gearbeitet habe.

Im November 1521 wird dann für den in Basel bleibenden Erasmus hier eine neue Zeit beginnen.

Von allen Seiten vernehmen wir das Urteil über Erasmus.

Durch einen Brief macht er berühmt, durch die Widmung eines seiner Werke vollends unsterblich; so Manche verlangen nach dem Glücke, daß Erasmus ihnen in seinen Briefen „Statuen errichte“, d. H. sie erwähne. Ihm drucken die Verleger Alles, unbesehen. Kein Autorname ist so beliebt wie der seine. Überall hin gehen seine Werke. Allenthalben verkünden Schüler und Gläubige seinen Ruhm, in Höfen Ratskollegien Universitäten Sodalitäten, in den kleinern Zirkeln abseits lebender Humanisten. Er ist der Mann, der in amtlichen Aufzeichnungen kaum eine Stelle gefunden hat und von dessen Wirkung doch alles Geistige der Zeit vibriert. Der durch ganz Deutschland als der große Präzeptor gefeiert wird und sein Reich noch weit über Deutschland hinaus hat. Er ist eine zentrale Erscheinung. In einem Zeitalter großer Gewaltunternehmungen, fürstlicher und kriegerischer Machtgestalten, leiblichen Gedeihens und Genießens übt dieses kränkliche Männlein Erasmus eine Weltherrschaft rein idealer Kräfte.

Aber wenn Begeisterung und Unterwürfigkeit in einer Fülle von Epitheten stammeln, — vom „Phönix Germaniens“, von der „Wonne des Erdkreises“ u. dgl. bis zum „Manne für sich“ —- so verwirrt das nur. In dem Flimmer gehen die scharfen persönlichen Züge unter. Wir sehen dabei [158] das Bild derjenigen Welt, die von Erasmus lebt, auch der Basler Welt, weniger sein Bild selbst.

In diesem verbindet sich Großes mit Kleinem; bald tritt der Heros vor, bald der befangene Mensch. Eine außerordentliche Spannkraft und Beweglichkeit des Geistes hat zur Seite eine nicht gewöhnliche Sensibilität. Wie diese den Erasmus das Glück seines Lebensgefühles, seines Strebens und Vollbringens gesteigert genießen läßt, so gesteigert leiden das Widerwärtige von Anfeindung und Mißlingen. Sie läßt ihn die „Tragik des höheren Menschen“ in besonderem Maße dulden. Der in Allem wählerische, nichts Unharmonisches und Unfeines ertragende, von Speise Luft und Himmel merkwürdig abhängige Erasmus, dem der Ofendunst eine Qual und der Lärm der Wirtsstuben ein Greuel ist, zeigt sich noch stärker beherrscht durch seine Empfindlichkeiten im Geistigen.

Von früh an hat Erasmus nach Freiheit von andern gestrebt, lebenslang jedes Schul- oder Parteibekenntnis abgelehnt. Daß er mit Unzähligen guter und schlimmer Art zu tun bekommt, ist unausweichlich; aber die dabei gemachten Erfahrungen lassen ihn, den Reizbaren, der von Allen verstanden und geschätzt sein möchte, sich vielleicht an einzelne Wenige anschließen, doch dem Menschengeschlechte gegenüber kühl ablehnend sein. Aus selbstsüchtiger Klugheit, aus Freiheitsbedürfnis, aus leicht erregbarem Mißtrauen, aus Ängstlichkeit, aus Scheu vor Unruh und Gewaltsamkeit. Aber damit ist auch sein Geschick gegeben, daß er in großen Momenten, die Kraft und Willen Andrer verdoppeln, ausweichen und schweigen muß. Zur Bestürzung Solcher, die ihm Alles zutrauen aber sein Innerstes nicht kennen, dieses mobile et anxium ungenium, das durch eine höchste Gerechtigkeit seinem stolzen Selbstbewußtsein beigegebene bittere Empfinden einer Unzulänglichkeit.

Ergreifend ist dabei, wie Erasmus bis in die Fünfziger Jahre fast nur das Glück und den Glanz gloriosen Emporsteigens genossen hat und dann von allen Seiten her die Angriffe schonungsloser Gegner beginnen, neue Probleme mächtigster Art sich vor ihm auftürmen. In Kämpfen und oft trüben Stimmungen vergehen ihm seine letzten Jahrzehnte.


Das Bild dieser Wenigen — Rhenan Bär Capito Glarean Erasmus — ist dadurch bestimmt, daß sie nicht isoliert, sondern inmitten Vieler zu ihnen Gehörender stehen. Wie sie selbst Vertreter und Geschöpfe einer allgemeinen Geistesbewegung sind, so haben die sie umdrängenden Gestalten denselben Ursprung, wenn auch weniger willig und fähig zur Aufnahme und Wiedergeben [159] der großen Zeitmächte und überdies noch im Einzelnen die unmittelbaren Reflexe jener Führer tragend. Diese Mischung aus allgemeinen Influenzen und nahen persönlichen Einwirkungen bedingt die eigentümlich schillernde und unerschöpflich reiche Art des Schwarmes von Nachgeordneten, von Genossen Freunden und Jüngern, der das Reich der großen Basler Humanisten füllt.

Aus dieser Schar treten die Buchdrucker hervor, durch Stärke ausgezeichnet und von einer Unentbehrlichkeit getragen, die bisweilen zur leitenden Macht werden kann. In ihrer Nähe regt sich die zur Erscheinung des humanistischen Basel wesentlich beitragende Gruppe der Korrektoren.

Im Einzelnen voll Verschiedenheit, dem großen Geschehen näher oder- ferner stehend, zeigt sich endlich noch die Menge der dem Humanismus auf irgend eine Weise arbeitend oder genießend Zugewandten. Weitab von allem Zwang und aller Monotonie wogt das Leben in einer Fülle von Gestalten.


Wir treten näher, und als Erster begrüßt uns der Bischof dieser geisterfüllten Stadt: Christoph von Utenheim. Den Kirchenfürsten kennen wir schon. Hier sehen wir den Freund der Gelehrten. Wie sein Verhältnis zu den Herren der Universität ist, wird uns nicht gesagt. Aber wenn er uns vor Augen kommt, ist er stets bei den Verkündern des neuen Tages. Von dem 1508 in Basel weilenden Mathias Ringman läßt er sich in Privatstunden Geographie dozieren; er ist eleganter lateinischer Rede mächtig. In seinem intimen Verkehre mit Wimpfeling gibt er sich als Elsässer Humanisten; jetzt aber beherrscht ihn das Leben des erasmischen Kreises. Seit dem Erscheinen des Enchiridion gehört er zu den begeisterten Anhängern des Rotterdamers; nun er Diesen in seinem Basel vor sich sieht, bezeugt er ihm auf alle Weise seine Verehrung; er lädt ihn ein, er umarmt ihn, er schenkt ihm ein Reitpferd. Auch den Rhenan und die andern zieht er gelegentlich an seinen Tisch. Er ist freilich nicht der Genosse dieser Männer, sondern stets der Fürst, ein gnädiger Gönner, und doch ohne imposante Kraft. Mit stärkeren persönlichen Gaben würde er hier in Basel, auf solchem Boden und in solcher Umgebung, ein noch Größerer geworden sein, als wenig früher in Worms Bischof Johann von Dalberg gewesen mar.

In der Welt der Kathedrale machen sich noch einige andere Gestalten geltend: Der Domdekan Adelbero von Rotberg, dem Sebastian Brant seinen Äsopus gewidmet; der mit Erasmus und Ökolampad befreundete Domherr Nicolaus von Wattenwik; namentlich aber Hans Rudolf von Hallwil. [160] Seit Jahrzehnten saß Dieser im Domkapitel. Und nun, ein hoher Fünfziger, machte er sich wieder zum Schüler und lernte mit Begeisterung Griechisch. Die längste Zeit seines Lebens erschien ihm ohne Bedeutung und Reiz jetzt, da er ein neues Leben zu beginnen glaubte, da ein jugendliches Humanistenglück ihn erfaßte und schüttelte. Er redete nur von Erasmus, träumte von ihm, lebte in seinen Schriften.

Ob er sich freilich nicht zuweilen gestehen mußte, daß dies Alles im Grunde verspätet sei? Um so mehr trieb er seinen jungen Neffen Hartman in die Studien. 1516 ließ sich Dieser durch Ökolampad in der griechischen Grammatik unterweisen; mit Capito las er den Chrysostomus, den Origenes u. A. Daß ihm dann die Dragmata Ökolampads, die hebräischen Institutionen Capitos durch die Autoren gewidmet wurden, war vielleicht Verneigung vor dem hallwilischen Ruhme, vielleicht Äußerung von Wohlgefallen an dem jungen Edelmanne, der den Torheiten seiner Standesgenossen fern zu bleiben schien. Wichtig ist doch, wie dieser Geist der neuen Zeit die beiden Hallwiler zu ergreifen und zu formen vermochte; Hartmann folgte später dem Capito nach Mainz und war dann arbeitsamer Student in Leipzig.

Auch zwei Domkapläne sind hier zu beachten. Zunächst der alte Johann Bergman von Olpe, einer der Veteranen in Kaplanenschaft und Fraternität. Mit dem ehemaligen Genossen Sebastian Brant in Straßburg verkehrte er noch immer, und in Basel hatte sich ihm ein neuer Kreis aufgetan; dem Rhenanus vor Allen stand er nahe.

Aber er erscheint wie ein durch die Zeit überholter Amateur im Vergleiche mit seinem Kollegen, dem Domkaplan Hieronymus Brilinger. Was Dieser an feinerer Bildung vielleicht schuldig blieb, ersetzte er durch die Kraft und Reichlichkeit seiner Leistungen. Achtzehnjährig erteilte er Unterricht an der Domschule; als er 1505 Rektor der Universität wurde, feierte der offizielle Lobredner und Poet seine hektorische Statur, seine Redefertigkeit, die Prägnanz seines Wesens überhaupt. Jedenfalls bewährte er sich überall als brauchbaren Arbeiter, indem er ein Diplomatar und ein Ceremoniale des Domstifts zusammenstellte, die beinheimische Chronik für Adelberg Meyer übersetzte, die Chronik Blauensteins überarbeitete und im Anschluß an dies Alles zum Chronisten seiner eigenen Zeit wurde. Von einer herzlichen Begrüßung durch Leontorius abgesehen haben wir keine Zeugnisse seines Verkehrs mit dem amerbachischen und dem erasmischen Kreise. Aber auch ohne solche ist er kenntlich genug als rüstiger und aufmerksamer Altertümler.

Während einiger Jahre war hier auch die bewegliche Gestalt des Johann Fabri anzutreffen, der jetzt, zu Beginn einer großen kirchlichen [161] Laufbahn, neben der Pfarrei seiner Heimatstadt Leutkirch, die er durch einen Vikar besorgen ließ, das Amt des Offizials in Basel versah und hier auch eine Domherrnpfründe besaß. Wir finden ihn in nahem Verkehre mit Erasmus, mit Rhenanus u. A. und werden ihm in Konstanz, wohin er 1518 zum bischöflichen Generalvikariat berufen wurde, wieder begegnen als dem Gastfreund unsrer Humanisten.

In der Nähe des Münsterpredigers Capito stehen Caspar Hedio und Ludwig Carinus.

Durch die luzernische Heimat lange festgehalten, in Beromünster als Chorherr verpfründet, kam Carinus spät zu den neuern Studien. Ein Vierunddreißiger erst, 1514, wurde er in Basel Baccalaureus. Aber mit voller Kraft trat er in die mächtige geistige Bewegung dieser Basler Welt ein und gewann sich rasch Anerkennnng. Erasmus lobte seine Gelehrsamkeit und Eloquenz; Nesen rühmte ihn und verhieß ihm eine glänzende Zukunft. Glarean ehrte ihn durch die Widmung des zweiten Buchs seiner Elegien; Rhenan liebte ihn. Aber seine sitis literarum, sein wissenschaftlicher Eifer, ließ ihm keine Ruhe, führte ihn weiter, nach Paris Löwen Köln. Erst 1520 kam er wieder nach Basel. Aber nicht um zu bleiben. Im Dienste Capitos, als dessen Privarsekretär, ging er nach Mainz.

Kleinere, oft fast bedeutungslose, nur durch eine zufällige Nennung festgehaltene Existenzen sind in Menge vorhanden.

Namentlich mit Glarean treten manche seiner Schüler in das Licht, das diese einzigen Jahre erhellt: die Basler Egolf Offenburg und Wolfgang Wissenburg; die Luzerner Johann Jacob Zurgilgen und Rudolf Collinus (zum Bühl); die Glarner Peter Valentin und Gilg Tschudi, Jacob Heer, Fridolin Eglin; die Zürcher Johann Jacob Ammann, Konrad Grebel, Gerold Meyer von Knonau; der Solothurner Melchior Macrinus (Dürr).

Wir finden die meisten dieser Jünglinge auch in der Matrikel der Universität aufgeführt. Dort waren sie Studenten; Größeres scheint ihnen doch das freie humanistische Wesen im Bereiche Glareans u. A. gegeben zu haben.

Auch die Freunde Glareans Myconius und Artolf gehören in diesen Schweizer Zirkel.

Der Luzerner Oswald Myconius kam 1510 zur Universität Basel und wurde hier Baccalaureus. Dann erhielt er, zur selben Zeit da Glarean hier eintraf, eine Lehrerstelle an der Schule zu St. Theodor, später an derjenigen zu St. Peter. So fanden sich in Basel die Beiden wieder zusammen, die schon als Schüler des Rubellus Kommilitonen gewesen waren. Myconius als der Untergeordnete. Wie er im Kampfe mit den „Sophisten“ dem [162] Glarean sekundierte, so diente er ihm, auch nachdem er Basel 1516 wieder verlassen, mit dem Kommentar zur Beschreibung Helvetiens. Er war eine rauhe Erscheinung, schon in der Äußerlichkeit seines gewaltigen Haarwuchses; ein harter Kopf, den jeder Widerstand nur noch stößiger machte. Aber dies Alles sah man zurücktreten hinter einer geistigen Potenz, die eine Naturkraft war gleich derjenigen Glareans. Daß er mit ihr die Studien förderte und zu einem der Pioniere des Humanismus in der Schweiz wurde, gewann diesem Bauer die Neigung der Basler Gelehrten, sogar des Erasmus. Seiner überströmenden Liebe versichert ihn Dieser; er schätzt ihn, weil er seinem Glarean ein Theseus ist, ja noch treuer als Theseus.

Wie Glarean und Myconius war ein Schüler des Rubellus der 1509 in Basel immatrikulierte Hieronymus Artolf von Mutten bei Thusis. Er wurde damals für die Hauptzeit seines Lebens ein Basler. Zunächst beinahe ganz durch sein Pädagogentum absorbiert. Er war Schulmeister zu St. Theodor, später Lehrer an der Münsterschule; außerdem führte er eine private Lehranstalt. Aber auch in den Wissenschaften wollte er sich vorwärts bringen. Er gelangte dabei bis zum Doktor der artes, welchen Titel er freilich nur als Äußerlichkeit wertete; er meinte, die Köstlichkeit der Wissenschaften erst mit den Lippen genossen zu haben. Er trieb Griechisch. Ebenso die Medizin, ohne es in ihr trotz jahrelangem Studium zu mehr zu bringen als zum Kandidaten. Er trieb zu Vielerlei und kam nirgends so weit wie er wollte. Haereo ubique, klagte er. So ist an ihm nichts Vortretendes Bestimmendes wahrzunehmen. Aber er steht mitten in dem mannigfaltigen, von überall her anregenden Verkehre dieser Menschen, für die er gemeinhin nur der Bündner Rhetus heißt. Von Allen gerne gesehen. Dem Rhenan bei der Arbeit am Tacitus helfend, dem Salandronius in Chur Bücherpakete aus Paris vermittelnd, den Glarean beherbergend, dem Vadian sein Herz samt allen Sorgen öffnend.

Während diese Schweizer sich mit Vorliebe um Glarean sammelten, scheinen die Elsässer zu Rhenan gehalten zu haben. So Peter Frauenberger. So Paul Phrygio. So Lucas Klett, latinisiert Paliurus, ein geborner Rufacher. Er war mit den Amerbachen zusammen in Paris, immatrikulierte sich in Basel 1509, wurde hier Magister 1512 und erhielt als Regens einer der Bursen 1513 auf besondre Empfehlung des Rates Sitz im Fakultätsrate der Artisten. Im folgenden Jahre war er Inhaber einer privaten Lehranstalt, eines paedagogium. Aber auch diese Tätigkeit hatte nur kurze Dauer. Er suchte noch immer seinen Weg und sein Ziel. Durch Erasmus ließ er sich im November 1514 bei Zasius [163] in Freiburg einführen. Dann wieder, 1515 zum Doktor juris promoviert, versah er während einiger Semester eine vom Rate besoldete Lektur der Poesie an der Basler Universität. Daß er hierauf bei Baldung in Ensisheim sich vorstellte, geschah wohl, weil er in die dortige Regierung einzutreten willens war. Endlich 1517 fand er Ruhe und eine dauernde Lebensstellung: er wurde Kanzler des Bischofs von Basel.

Als Typus des kleinen Humanisten mag Johann Glother hier genannt werden, eh er seine Helferei in Schlettstadt, dann die Pfarrei in Mülhausen antritt. 1520 erhält er durch Verwendung seines Gönners Ulrich Falkner ein Pfründlein zu St. Martin und kann nun Griechisch lernen; vorher ist er irgendwo in Basel ein Schulmeisterlein, ludimagisterculus, gewesen.

Ansehnlicher ist der zum Umgange Rhenans gehörende Basler Niclaus Briefer. Historische Interessen haben die Beiden vielleicht schon frühe zusammengebracht. Briefer, eine stattliche und stadtbekannte Figur, hatte seit 1511 eine Chorherrei zu St. Peter inne, von 1507—1513 versah er eine vom Rate besoldete Lektur. Seine geschichtlichen Arbeiten werden an andrer Stelle zu erwähnen sein.

Wo von Rhenan die Rede ist, hat auch Albert Bürer eine Stelle. Aus Brugg stammend, Sohn des Königsfelder Hofmeisters, war er in Basel anwesend von seiner Immatrikulation 1514 bis zum Jahre 1521 und während dieser Zeit minister perpetuuades Rhenan; der alumnus, der famulus, der Hausgenosse des stillen frauenlosen Gelehrten. Durchaus subaltern und treuer Knecht. Rhenan ist ihm Alles, ersetzt ihm in seiner einzigen Person sämtliche Weisen von Bologna Mailand und Athen. Er wird ihm folgen, wohin er will und auf allen Wegen, per saxa et per ignes. Bei Gelegenheit ist er auch wissenschaftlicher Helfer. Ächt und offen, durch wenig Stilisierung verdorben, lebt die Kunde dieses persönlichen Verhältnisses in Bürers Briefen. Während der Abwesenheit Rhenans in Schlettstadt sucht Bürer als Korrektor etwas zu verdienen. 1521 geht er nach Wittenberg, um den Melanchthon zu hören, und verschwindet damit aus Basel.

Aus Niederungen werden wir wieder zur Höhe geführt durch Claudius Cantiuncula. In Metz geboren, bildet er sich zum Juristen in der berühmten, den modernen Methoden geöffneten Rechtsschule zu Löwen. Von dort kommt er nach Basel und wird 1517 in die Matrikel eingetragen; 1518 erhält er die Nachfolge Göttisheims in der Professur des Zivilrechts, im März 1519 wird er zum Doktor der Rechte promoviert, am 18. Oktober [164] d. J. zum Rektor gewählt. Und dann legitimiert er sich auf eine den Zeitgenossen glänzend erscheinende Weise durch sein großes Werk der Topica, 1520 bei Cratander erscheinend, durch den Autor dem Kardinal Matthäus Schiner gewidmet. Zasius, der diese Topica schon im Manuskripte kennen gelernt hat, nennt sie ein goldnes Buch, ein Buch zum Küssen; ungeduldig wartet er, bis es im Druck erscheine, der fruchtreiche Garten des Alcinous in ihm sich auftue. Reizvoll ist die Gestalt dieses jungen Professors und Schriftstellers. Schon als Halbfranzose inmitten all der Schwaben und Oberrheiner der Universität. Er ist offenbar auch weltmännischer als die Meisten seiner Kollegen. Ein eleganter Jurist von moderner Art. Sein nicht leichtes, aber fein geformtes Latein wird durch Erasmus gepriesen, und auch an seinem fröhlichen umgänglichen Wesen hat Dieser ein Wohlgefallen. Jedenfalls tauscht Cantiuncula gerne so oft als möglich die zum guten Teil klerikale Welt der akademischen Hörsäle gegen die belebten Humanistenzirkel, wo vor Allen Bonifaz Amerbach ihm nahe tritt. Aber auch der große Zasius im nahen Freiburg liebt ihn; Cornelius Agrippa hat sich ihm, dem Jüngern, als Freund angetragen; die gute Meinung, die er sich in der Löwener Studienzeit bei Martin Dorpius erworben, verschafft ihm dessen warme Empfehlungen. In solcher Weise erscheint Cantiuncula vor uns. Ohne scharfen persönlichen Umriß. Mehr eine Richtung und Denkart als sich selbst darstellend. Nur ein kurzer Eintrag über eine Matrimonialsache, in der er durch Magdalena Lamparts als Klägerin vor Gericht gezogen wird, gibt seinem schattenlos hellen Bild einen an Menschliches und Leidenschaftliches erinnernden Zug. Von der praktischen Tätigkeit Cantiunculas als Sachwalter bei den Gerichten, als Sekretär und Syndikus des städtischen Rates ist an anderm Orte zu reden.

Wir schließen die Reihe, die mit einem Fürstbischof anhob, mit einem Bettelmönche, dem uns schon bekannt gewordenen Konrad Pellican, dem einzigen Kuttenträger in dieser Gesellschaft. Pellican scheint allen Sodalen, mit Ausnahme des Erasmus, an Kenntnis von Welt und Menschen überlegen gewesen zu sein. Als Minorit war er an keine Stabilität gebunden; im Geleite des Provinzials Satzger sodann kam er auf jahrelangen Reisen durch ganz Süddeutschland, nach Paris Rouen Rom. Es waren Reisen, die ihn allenthalben zu Gelehrten, zu Bibliotheken, zu wissenschaftlichen Neuigkeiten jeder Art brachten. Die Beweglichkeit des Mendikanten verband sich so mit derjenigen des Humanisten, bei einem Menschen, der an sich schon ein Typus von Elastizität und Frische war. Unter völligem Fehlen [165] alles Pathetischen. Wie im Bereiche der Kirche Pellican als eine Gestalt von seltener Reinheit vor uns steht, so im Gelehrtentreiben. Hier wies ihn seine wissenschaftliche Art ohne Frage zu den Besten. Schon frühe feierte ihn Rhenan als einen der wenigen großen Vertreter des elsässischen Humanismus; später wußte Reuchlin für die neue hebräische Professur in Wittenberg keinen Tauglicheren zu empfehlen als ihn. Sein erster Basler Aufenthalt, während dessen er das Lektoramt im Barfüßerkloster versah, dauerte von 1502 bis 1508. Die Stadt erlebte damals viel, und die Aufregung dieser Jahre reflektiert sich z. B. in den Briefen Wimpfelings; auch Pellican verlangte nach einem ruhigeren Orte und ließ sich 1508 nach Rufach versetzen. Dann im Sommer 1516 wieder weilte er hier, und zu Pfingsten 1519 wurde er Guardian des Basler Konventes.


Die bunte Schar dieser Nachgeordneten muß uns schon als Ganzes wichtig sein vermöge der durch sie gemeinsam vertretenen Gesinnung. Aber auch vermöge ihrer Funktion, Resonanz Dessen zu sein, was die Großen sagten und taten. Wie lebendig mögen sie oft den Kontrast empfunden haben! Es war das Gefühl der Nähe großer Geister, das bald niederdrückt bald erhebt; es war das Bewußtsein, nur Nebenfigur und Begleiter, höchstens Gehilfe zu sein.

Ein Zeugnis solcher Stimmungen gibt uns Bürer, bei dem neben der Verehrung für seinen Herrn und Meister Rhenan zuweilen die Klage über Aussichtslosigkeit einer solchen Subalternität durchbricht. Er verlangt nach Änderung, nach Verbesserung. Unschätzbar in ihrer Laune ist die Antwort Rhenans. Er rät dem Bürer, gleich andern Lehrkurse für Jünglinge aus guten Häusern einzurichten. Er werde damit sein Glück machen, Geld und Gönner gewinnen; solches Lehren sei auch das beste Mittel, um selbst gelehrt zu werden und durch die beständige Übung einen eigenen Stil zu erlangen. Es gebe aber noch einen andern Weg, der aus dem Elend heraushelfen könne, nämlich Söhne reicher Herren oder Nepoten großer Prälaten als Mentor zur Universität zu begleiten, nach Mailand oder Bologna oder Wittenberg. Von solchem Dienste heimgekehrt werde er mit Hilfe seines Herrn leicht Gelegenheit haben, entweder eine fette Pfründe zu erlangen oder eine wohlhabende Matrone zu heiraten, die er nach ihrem baldigen Tode beerben und sodann als reicher Mann eine schöne junge Frau nehmen könne. Die dritte Möglichkeit sei die Arbeit eines Korrektors in der Druckerei.

[166] Die Epoche, die Alles zur Steigerung und Reife brachte, hob auch die Buchdruckerei in einziger Weise. Aus einer Fülle verschiedener Persönlichkeiten und Leistungen formt sich vor uns ein imposantes Bild.

Wenn Konrad Geßner die einzelnen Bücher seiner Pandekten den großen Basler Druckern widmete und wenn später Christian Wurstisen ein hohes Lied auf die Typographen des erasmischen Basel — als die Mehrer des Schatzes göttlicher und menschlicher Weisheit, die Förderer so vieler erlauchter Geister, die Verherrlicher der Stadt, die Wohltäter der Menschheit — erklingen ließ, so waren das Huldigungen der Wissenschaft durch den Mund von Polyhistoren, die aus ihrer Distanz die ganze mächtige Erscheinung vor Augen hatten.

Der Geist der neuen Kunst des Buchdrucks war an sich verwandt mit dem Geiste des Humanismus. „Alles wandert zur Druckerei, es gibt keine Geheimnisse mehr, und wir wissen, was Jupiter droben im Himmel und Pluto unter der Erde treibt.“ Die Drucker selbst konnten das Bewußtsein haben, gleich den Humanisten Kämpfer und Bahnbrecher zu sein.

An eine ausschließliche Tätigkeit der Basler Pressen im Dienste der neuen Wissenschaft ist natürlich nicht zu denken. Sie besorgten auch Tagesliteratur, während geraumer Zeit auch noch viel Erbauliches, scholastische Kommentare Predigten Postillen u. dgl. Noch 1517 wetterte Rhenan, daß Lachner nur Sinn habe für den Verlag der gangbaren und einträglichen Bücher alter Art von Brulifer Spiera Biel usw.

Auch das übersehen wir nicht, daß viel Schweres zu überwinden war auf dem Wege zum europäischen Ruhme der nobilis Basiliensis libraria, daß viel Irdisches hinter diesem Glanze lebte. Zahlreiche Äußerungen zeigen die Befangenheit und Bedingtheit, die Arbeitsmühe, die Sorge und den Streit: unabwendbare Beigaben zum Tun Derer, die sich Vollender so großer Dinge nennen durften.

Johann Froben, 1460 im fränkischen Städtchen Hamelburg geboren, wurde 1490 Bürger zu Basel. Ohne Zweifel durch seinen Landsmann Johann Amerbach hergezogen, in dessen Werkstatt er seine Ausbildung erhalten zu haben scheint. Sein erster eigener Druck, eine Bibelausgabe, kam 1491 zu Stande. Später druckte er in Gemeinschaft mit Johann Petri und Johann Amerbach. 1507 erwarb er das Haus zum Sessel am Totengäßlein, in dem die amerbachische Offizin zur Miete gewesen war. Seitdem hieß Froben der Drucker zum Sessel, bei Freunden kurzweg der Sessler Sediliensis.

[167] Der Tod Petris 1511, dann der Tod Amerbachs 1513 gaben Froben freie Bahn. Jetzt erst, er stand schon in den Fünfzigen, begann sein eigentliches Wesen sich zu verkünden. Er erbte die Tradition Amerbachs, der ihm seine letzten großen Publikationspläne, den Hiob, den polyglotten Psalter, die Chronik Eusebs u.a.m., samt dem schon begonnenen Hieronymus, zur Ausführung übergeben hatte. Er war willens, auch den amerbachischen Ruhm anzutreten und durch eigene Leistungen frisch zu verdienen.

Es geschah dies in denkwürdiger Weise durch neue Orientierung des Verlags sowie äußerlich durch Ändern des Formates, der typographischen und der bildlichen Ausstattung.

Schon der erste frobenische Druck, die Bibel von 1491, hatte sich durch Zierlichkeit ausgezeichnet. In dieser Sorge für eine neue Schönheit des Werkes zeigte sich Frobens Natur und gewann er sich Anerkennung; Zasius wollte deshalb Alles besitzen, was Froben ans Licht gab, und Rhenan pries am Drucke des decretum Gratiani 1512 neben der dem Amerbach zu verdankenden Korrektheit des Textes die hohe venustas der Typen Frobens. Mit eleganter Antiqua druckte dann Froben die Adagia des Erasmus. Jodocus Badius in Paris hatte sie nach dem Venediger Erstdrucke von 1508 neu drucken wollen; Froben kam ihm zuvor und publizierte im August 1513 eine Ausgabe der Adagia, jener Aldina so täuschend nachgeahmt, daß sie mit ihr verwechselt werden konnte. In solcher Weise den Wettkampf mit Venedig und Paris aufnehmend vollbrachte Froben etwas, das über die Bedeutung der typographischen Leistung und des buchhändlerischen Geschäftes weit hinausging. Dieser schöne Foliant, mit der Klarheit und Anmut seiner Typen, der Geschlossenheit des Satzbildes, dem reichen Schmucke begründete das Verhältnis des Autors zum Drucker. Durch die Adagiaausgabe zog Froben den Erasmus nach Basel; dann brachte die überlegene Schönheit seines griechischen Satzes vollends zu Wege, daß Erasmus den Pariser Badius aufgab und sich an den Basler Froben hielt. Dieser wurde vor Allem der Drucker des Erasmus. Ein Adel war damit erlangt, der die Werkstatt im Sessel über alle andern Druckereien Basels hob; zugleich aber war einer Gestaltung der Arbeit gerufen, vermöge deren diese eine Offizin während langer Zeit das Zentrum der neuen geistigen Bewegungen nicht allein Basels, sondern eines viel weiteren Bereiches wurde.

Neben Johann Froben will sein Socius Wolfgang Lachner aus Neuburg a/D. beachtet sein. Er wurde 1488 in Basel Bürger. Vom Buchführer, als welcher er den Detailvertrieb von Büchern besorgte, erhob er sich bald zum Verleger. Er gab dem Kilian Fischer, dem Jacob von Pforzheim [168] und andern Basler Druckern Aufträge, so auch dem Heinrich Gran in Hagenau. Er machte Geschäfte mit der Societät Amerbach-Koberger und betrieb neben dem Allem noch immer den Einzelverschleiß von Büchern, auch von auswärts, in Paris usw. gedruckten. Er hatte in seinen Diensten ein Geschäftspersonal, zu dem Leute gehörten wie die später im Bücherwesen viel genannten Konrad Resch und Buchbinder Mathis. Auf diesem Wege wurde er ein „Druckerherr“. Aber er hieß auch „Kaufmann“, weil er sich nicht nur bei der Druckerei beteiligte, sondern noch andere Geschäfte machte, Geld auslieh und allenthalben Debitoren hatte. Seine Tochter Gertrud wurde 1510 die zweite Frau des Johann Froben. Und seitdem nach Amerbachs Tode die Offizin im Sessel dem Froben allein unterstand, war Lachner mit Diesem in engster geschäftlicher Verbindung. Er war Frobens Verleger. Er besorgte den Absatz. Er verhandelte über neue Unternehmungen. Nicht immer nach dem Sinne der humanistischen Freunde Frobens. Lachner war der erfahrene und rührige Händler. Neben dem künstlerischen Schöpfer Froben der Geschäftsmann. Gegen außen weniger hervortretend; aber die Eingeweihten wußten, wie viel von ihm abhing, wie energisch er den ganzen Betrieb zusammenhielt. Nach des Erasmus Urteil war er der Führer, der princeps/tt> der Unternehmung. Im Januar 1518 starb er an der Pest, und die Zunftgenossen zu Safran begingen in der Andreaskapelle seine Jahrzeit. Aber im Sessel schien ein Teil seines Wesens weiterzuleben in seiner Tochter, der Frau Frobens. Über das Regiment dieser kleinen resoluten Person, die auch in geschäftliche Dinge hineinredete, hatte Erasmus sich oft zu ärgern. Noch in Frobens alten Tagen bescherte sie ihn mit einem Kinde, der 1523 geborenen Ursula; nach seinem Tode heiratete sie rasch den Johann Herwagen.

Der Weggang Lachners machte den Froben zum alleinigen Herrn der Buchdruckerei. Noch gab es finanzielle Schwierigkeiten zu überwinden. Dann aber begann ein Jahrzehnt mächtiger und glorreicher Tätigkeit, das letzte Jahrzehnt im Leben Frobens.

Inmitten dieser Tätigkeit steht er vor uns, wie ihn Holbein gemalt hat: mit dem etwas verkniffenen Gesichte, niederstirnig, aber energischen ruhigen Wesens. Seine Rechtlichkeit rühmten Alle; wenn Erasmus ihn langsam vergeßlich leichtgläubig schalt, so waren das momentane Verdrossenheiten eines maßlos verwöhnten Autors. Voll zäher Kraft verrichtete Froben Tag für Tag eine „Herkulesarbeit“. Seiner Jahre bewußt, aber mitgerissen vom allgemeinen gewaltigen Arbeitsdrange trieb er ungeduldig vorwärts, wollte er jede Stunde nützen.

[169] In Allem, was von ihm ausging, lebte etwas Großes, etwas auf weite und dauernde Wirkung Gerichtetes. Daher er keine „deutschen Liedlein“, keine Flugblätter und Hefte hervorbringen wollte, sondern nur tüchtige inhaltsreiche Bände. Er war ohne den Geschäftssinn Lachners. Auch ohne die Gelehrsamkeit Amerbachs, indem er zwar ein gelenkes Deutsch schrieb, aber im Lateinischen nicht stark war. Was ihm Leben und Mut gab, war das regste wissenschaftliche Interesse, war der künstlerische Schöpferwille.

In der Tat machte die von solchem Geiste geleitete Produktion seiner Offizin, samt all dem Hohen Schönen Programmatischen, das in den Frobens Namen tragenden Vorreden gesagt war, ihn berühmt durch die Welt. In Deutschland und in Flandern wie im anspruchsvollen Italien. Als höchstes Lob eines wissenschaftlichen Werkes galt dem Erasmus, wenn es der Ehre würdig genannt wurde, durch Froben gedruckt zu werden. Humanisten und Bücherfreunde feierten in Froben den mit dädalischem Geiste Begabten, den Fürsten aller Typographen, den Wiederhersteller der Wissenschaften, die Leuchte der gebildeten Welt.


Der aus Straßburg nach Basel gekommene Niclaus Lamparter heißt Anfangs bald Drucker bald Buchführer; er ist auch Diener des Buchhändlers Hans Herlin in Freiburg i/B. Erst 1500, nachdem schon seit zwanzig Jahren hier von ihm die Rede gewesen, wird er Bürger, gelangt er zu einer selbständigen Stellung. In den Jahren 1505—1509 und 1515—1521 werden Bücher genannt, die er hier erscheinen läßt; dazwischen zeigt er sich, 1507 und 1508, auch in Frankfurt a/O. als Drucker tätig, in Gemeinschaft mit Balthasar Murrer. Aber wie die Produktion Lamparters wenig umfangreich und an sich wenig ansehnlich ist, so hat auch sein Leben nichts Gehobenes. Friedbrüche Mordhändel üble Aufführung seiner Ehefrau, Geldschulden u. dgl. bringen seinen Namen unaufhörlich in die Akten von Rat und Gericht. Zuletzt flieht er vor seinen Gläubigern aus Basel, und im Herbste 1522 verzichtet er auf das Bürgerrecht. Vier Jahre später begegnen wir ihm doch wieder in Basel, diesmal als neugewähltem Siegrist zu St. Martin; 1529 stirbt er.

Auch Michel Furter, Jacob von Pforzheim, Thomas Wolf sind Basler Drucker dieser Zeit. Aber neben der großen Macht Froben haben sie sowie Lamparter kaum Bedeutung; das Interesse an ihrem Genossen Pamphilus Gengenbach liegt wesentlich auf der schriftstellerischen Seite. Nur Zweie vermögen sich eigenartig und kräftig zu behaupten: Adam Petri und Andreas Cratander.

[170] Der zu Langendorf 1454 geborne Adam Petri gehörte zu derselben fränkischen Sippe, die den Johann Petri und den Johann Froben nach Basel gab; Jener war Adams Oheim und auch Froben ihm nahe verwandt. Im Betrieb ihrer Societät hatte sich Adam Petri herangebildet. Dann ging er seinen eigenen Weg, vielleicht in Zusammenhang mit Vorgängen im Innern der Gesellschaft, deren Wirkung auch die Übernahme des Sessels durch Froben 1507 gewesen zu sein scheint. In eben diesem Jahre erwarb Adam Petri das Bürgerrecht. Damals nahm er die Anna Selber, Tochter des bischöflichen Fiskals Sixtus Selber, zur Frau. Auch begann er jetzt den Betrieb einer eigenen Druckerei, im Hause zum Langen Pfeffer an der Weihengasse.

Zwei Jahrzehnte füllte die Tätigkeit Adam Petris. Wir sehen ihn an die Messen reisen und Novitäten nach Hause bringen. Aber das Wesentliche ist seine eigene Produktion, zum Teil als Lohndrucker für Andere. Der Katalog seiner Arbeiten erweist sich unter den Basler Katalogen jener Zeit wohl als der interessanteste. Nicht so vornehm wissenschaftlich und stilvoll geschlossen wie derjenige Frobens. Sondern von reichster Mannigfaltigkeit und überdies bewegt durch eine lebendige Entwickelung. Seit Beginn pflegt Petri das normale und fruchtbringende Feld der Erbauung und der Scholastik; daneben kommt bald auch der Humanismus zu seinem Rechte. Namentlich aber vertritt Petri — mit Lamparter und Gengenbach — diejenige Produktion, auf die sich die Drucker der vornehmen Folianten nicht einlassen: Flugblätter Lieder Kalender Laßbriefe u. dgl. Sie sind Träger der ungeduldigen und ungestümen Zeitstimmung, stehen völlig im Heute. Während Froben nie ein deutsches Buch druckt, ist der frische Petri Urheber von populärer Literatur und Übersetzungen. Von 1518 an wird seine Offizin die Heimat von Werken Luthers und von Tages- und Streitschriften aller Art, bis zu Eberlin von Günzburg und zur deutschen Bibel. Damit hat er seinem Betriebe die Eigenart gegeben und sich selbst den Ruhm gewonnen, der ein halbes Jahrhundert später bei Wurstisen laut wird, da Dieser die Begräbnisstelle Petris zu Barfüßern sucht, zwischen den Gräbern so vieler vergessener Helden und Edeln das Grab des einen unvergeßbaren Mannes.

In den Büchern des Stadtgerichtes ist Adam Petri oft erwähnt. Er hat viel mit Gläubigern zu tun, ist geplagt durch Lasten und Verbindlichkeiten mancher Art, bis die Lutherdrucke ihm das Gedeihen bringen; mit ihrem raschen und großen Absätze macht er glänzende Geschäfte.

[171] Der Straßburger Andreas Cratander (Hartmann) immatrikulierte sich 1502 an der Heidelberger Universität. Dann kam er nach Basel. Aber trotz der geistigen Qualitäten, die er später zeigte, waren hier seine Anfänge untergeordneter Art. Akten von 1505 und 1512 nennen ihn einen Druckergesellen. Sie erwähnen auch seine Ehefrau Irmeli, die hier starb. In Folge davon scheint er Basel verlassen zu haben; 1513 trat er bei Mathis Schürer in Straßburg als „Diener“ ein. 1515 jedoch war er wieder in Basel und hatte Anstellung bei Adam Petri; als ein Korrektor von gelehrter Bildung verfertigte er 1516 das Repertorium zu den von Petri gedruckten Werken des Ambrosius. Zwei Jahre später sehen wir ihn im Besitz einer eigenen Offizin. Zusammen mit dem später in Köln wirkenden Servatius Kruft druckte er 1518 Werke des Ökolampad, des Erasmus, des Lorenzo Valla usw. Seit 1519 sodann, in welchem Jahr er Bürger von Basel wurde, arbeitete er allein. Eine durchaus modern gerichtete, humanistische Offizin.

Rasch und mächtig wachsend, zum Teil als Lohnwerk für auswärtige Verleger, steht die Produktion Cratanders mit glänzenden Autorennamen vor uns. Ihrer hohen Qualität entspricht der persönliche Verkehr Cratanders mit den Gelehrten. Merkwürdig frei, wie ebenbürtig begegnet er Diesen. Seine zahlreichen Briefe an Vadian zum Beispiel, dann auch die an Bonifaz Amerbach in Avignon gerichteten, sind in Sprache und Geist tadellose Humanistenbriefe. Mit Capito in Mainz pflegt er die alte Freundschaft. Ökolampad ist sein Vertrauter. 1521 wohnen Ursinus Velius und der Zürcher Konrad Grebel bei ihm, und er freut sich des frischen Lebens, das sie seinem Hause bringen. Auch mit dem großen Andreas Alciatus wird er bekannt und erhält von ihm sein neuestes Werk zur Veröffentlichung. Cantiuncula gibt ihm seine Topica und Vadians Wiener Verleger Alantsee die zweite Ausgabe des Pomponius Mela. So bekannt ist Cratander schon überall, so empfohlen durch seinen wissenschaftlichen Sinn und die Sorgfalt, die er dem Text und der Ausstattung seiner Editionen schenkt. Täglich strömen ihm Gelehrtenmanuskripte zu, die gedruckt sein wollen, so daß er nicht weiß, mit welchem beginnen. 1522 erwirbt er die Hofstatt der Sürlin in der Petersgasse, zum schwarzen Bären, und richtet da seinen Betrieb ein.

Angesichts solchen Wesens denken wir natürlich an Froben. Es liegt nahe, die Beiden zu vergleichen. In der Tat fand Froben, daß dieser Cratander ihm ins Gehege komme. Ungerne sah er ihn Erasmisches drucken, ungern auch das alciatische Buch übernehmen; die geschäftliche Verbindung Cratanders mit der großen Societät Koberger-Birkman-Alantsee, zum Drucke des Augustinus 1521, mißfiel ihm sehr.

[172] Uns erscheint der cratandrische Verlag, in dem auch die Kampf- und Tagesliteratur Platz fand, vielseitiger als derjenige Frobens. Ohne weniger vornehm zu sein. Die Figur Cratanders ist überhaupt die stärkere; er vermochte sich unabhängiger zu halten.


Das diesen Einzelnen Gemeinsame ist die Eigenart des Buchgewerbes innerhalb der Stadtwirtschaft sowie sein weit über die Stadt hinausreichender Ruhm.

Wie sich dieser Ruhm seine Wege bahnt, im Buchhandel und im großen Verkehr aller Welt, wird uns noch gezeigt werden.

Aber ein Stück dieser Anerkennung, die das Basler Gewerbe draußen gewinnt, ist schon die Teilnahme auswärtiger Verleger.

Das alte Verlegerwesen haben wir kennen gelernt bei den Kaufleuten Meltinger Bischoff usw., die ihr Geld auf gleiche Weise im Buchgewerbe arbeiten ließen, wie sie es in Tuchfabriken Bergwerke u. dgl. gaben.

Die Entwicklung war zunächst die, daß die Kaufleute allmählich ausschieden und die Verlegerei Sache der Buchgewerbsleute selbst wurde. Vor Allem war der Drucker immer häufiger zugleich auch Verleger. Außerdem ging das Verlagsgeschäft auch in die Hände Solcher über, die zwar Buchgewerbler, aber nur Händler und nicht auch Drucker waren; sie gaben sich nicht mit der „Sudlerei“ der Werkstatt, sondern ausschließlich mit Verlagsgeschäften ab. Ein Basler Buchhändler dieser Art war Wolfgang Lachner.

Daneben zeigen sich noch andere Kombinationen. Der Vertrag, den Adam Petri 1519 mit Heinrich David über den Druck zweier juristischer Werke und einer Postille schloß, war ein Buchunternehmen eines Kaufmanns, wie deren früher viele vorgekommen waren. In andern Fällen, so beim Verlage der Werke des Hieronymus durch die Familie Amerbach 1516, oder beim Verlage der glareanischen Elegien durch Gertrud Lachner 1516, wirkten bestimmte persönliche Beziehungen.

Das Häufigere aber war jetzt, daß nicht einheimische, sondern auswärtige Unternehmer die Basler Pressen beschäftigten, soweit diese nicht dem eigenen Verlage des Druckers dienten. Das Verbot der Assozierung mit Fremden, das sonst Alle binden wollte, bestand für solche Vertragsvereinbarungen nicht. Ja ein Ratsbeschluß von 1506 ermäßigte für das im Aufträge fremder Verleger geschehende Lohnwerk den Pfundzoll.

Von einem großen Beispiele solcher Publikationen durch auswärtige Unternehmer, der Verbindung Amerbachs und seiner Gemeinder mit Anton [173] Koberger in Nürnberg, ist schon gehandelt worden. Es ist in eingehendster Weise bezeugt und uns nahe gebracht, während wir von zahlreichen Abmachungen dieser Art nur das Faktum wissen, aber nichts Näheres erfahren. So hat Jacob von Pforzheim gedruckt für Koberger, für Johann Rynman in Augsburg, für Max Werdmüller in Zürich; Michel Furter für Johannes Schott in Straßburg; Niclaus Lamparter für Hans Haselberg auf der Reichenau; Adam Petri für Johannes Lor in Magdeburg, für Leonhard und Lucas Alantsee in Wien, für Gotthard Hittorp und Ludwig Hornken in Köln, für Hans Koberger in Nürnberg, für Johann Rynman in Augsburg, für Konrad Hysch in Augsburg; Andreas Cratander für Ludwig Hornken in Köln, für das Konsortium Koberger-Birkman-Alantsee.

Das Gesamte dieser Beteiligung des Auslandes, dieser Verbindung hiesiger und fremder Kräfte zu gemeinsamer Arbeit hat etwas Großes. Die Unternehmungen solcher Art gründeten sich alle auf die Tüchtigkeit des Basler Gewerbes; sie befestigten ihrerseits wiederum den Ruf der Stadt als eines Zentrums im Buchgewerbe überhaupt.

Wichtig für die Buchproduktion Basels war zunächst die Beschaffung des Papieres. Wie vor einem halben Jahrhundert die Papiererei der Gallizian den Druckern das Fußfassen in Basel erleichtert hatte, so waren jetzt die Nachfolger der Gallizian im St. Albantal, die Zürcher Dürr Heusler u. A., die Lieferanten. Auch wurde auf der Klybeck durch Siegmund den Steinschneider eine Papierfabrik betrieben. Außerdem ist viel die Rede vom Import fremden Papieres; die hiesige Produktion mochte dem starken Konsume der Basler Pressen nicht immer genügen. So kam Papier von Straßburg, wo Fabriken bestanden und zugleich der Stapelplatz für Papiere aus Lothringen (Epinal) war. Koberger hatte da die Hauptbezugsquelle für seine Basler Editionen gehabt, und auch Froben verarbeitete öfters lothringisches Papier. Ein Lieferant der Basler war auch der Papierer Felix Mennli in Lörrach. Die Stadt erleichterte den Import durch die Bestimmung, daß dieses Papier nicht wie andere fremde Ware zuerst ins Kaufhaus zu bringen sei, sondern den Druckern direkt in ihre Häuser geführt werden könne. Die Billigkeit des Papieres auf dem Basler Markte scheint notorisch gewesen zu sein.


Nur Weniges erfahren wir aus dem Betriebe der Werkstätten.

Während Cratander in seinen guten Zeiten mit zwei Pressen arbeitete, hatte Froben deren vier, sechs, ja sieben. Auch die Gesellen im Sessel [174] werden ab und zu genannt. Sie mußten als Setzer Bildung haben und gelegentlich im Stande sein, griechischen Satz unmittelbar aus einem Originalcodex herzustellen. Wir vernehmen auch, daß sie Xenia der Autoren beanspruchten; als einmal dieses Trinkgeld des Erasmus ausblieb, rächte sich der Setzer dadurch, daß er mittelst leichter Änderung eines Wortes, das einem unbedachten Lesefehler ähnlich sah, eine Unanständigkeit in den Text brachte, deren Schmach Erasmus gerne mit vielem Gelde beseitigt haben würde.

Das sind vereinzelte und zufällige Nachrichten. Vom gesamten Personal — Setzer Drucker Posselierer Illuministen Componisten Formschneider Buchbinder usw. — wissen wir kaum Etwas.

In den Anfangszeiten des Buchdrucks, durch den zum ersten Male eine Massenfabrikation an Stelle der sonst üblichen Einzelherstellung und Stückarbeit trat, konnte das Einbinden des Buches nicht gut vom übrigen Betriebe gelöst werden. Auch war die bestehende Buchbinderei außer Stande, dem plötzlich auftretenden großen Bedarfe zu genügen. Wir sehen demnach dieselbe Offizin nebeneinander Druck und Einband besorgen.

Das mächtige Wachstum des Buchgewerbes drängte allerdings auch seinerseits die Buchbinder zur Organisation, und Konflikte konnten dann nicht ausbleiben in der Art des Streites der beiden zünftigen Buchbindermeister Spidler und Zumüller mit einem im Dienste Amerbachs, dann Furters arbeitenden Buchbinder, 1507. Andrerseits mußte die Entwicklung des Buchgewerbes zu allmählicher Ausscheidung der verschiedenen Funktionen führen. Wie der Verleger, der Sortimenter, der Formschneider, der Schriftgießer zu selbständiger Stellung gelangten, so auch der Buchbinder.

Hans Zumüller 1505 1507, Peter Spidler 1506 1508, Niclaus Cantus 1507—1526, Philipp Ytel von Augsburg 1516 1520, waren selbständige Buchbinder im damaligen Basel. Ebenso Hans Furter, des Buchdruckers Michael Bruder, 1513 1515 1517. Ferner Wolf Lorenz Faust, erst Geselle des Michael Furter, nach dessen Tode 1517 als Buchbinder auf eigene Rechnung arbeitend, später (bis 1558 nachweisbar) auch Korrektor und Drucker geheißen. Endlich Mathis Bierman aus Jülich, als der bärtige Mathis, Mathias barbatus, in Humanistenkreisen weithin bekannt. Er hatte den Magistergrad; zu Zeiten im Dienste des Wolfgang Lachner stehend, betrieb er von 1511 bis[WS 3] 1522 im Hause zum Enker am Fischmarkte sein Gewerbe, das neben der Buchbinderei eine kleine Druckerei, wohl für Akzidenz und Flugblätter, und zugleich ein vielbesuchter Buchladen war.

[175] Arbeiten dieser Männer liegen vor uns in zahlreichen Einbänden, deren manche durch ihre mit reicher Blindpressung geschmückte Lederhüllen einen deutlich erkennbaren Basler Typus darstellen.

Auffallend ist aber die kleine Zahl selbständiger Buchbinder in einer so massenhafte Bücher produzierenden Stadt. Jedenfalls geschah wie zu Beginn so auch später noch vielfach das Buchbinden innerhalb des Druckereibetriebes. Im Jahre 1521 beschwerten sich die zum Safran zünftigen Buchbinder über das Anstellen von Buchbinderknechten durch Druckerherren.

Zum Bilde des Basler Buchdrucks in dieser Periode gehört, daß seine Verwendung durch kirchliche Behörden für Anfertigen von Missalen Brevieren u. dgl. sichtlich zurücktritt. Noch immer aber ist er in hohem Maße beherrscht durch die Devotion. Daneben machen sich geltend der amtliche Erlaß, die deutsche Dichtung, die Unterhaltungsliteratur, die Publizistik. Herrscherin aber ist die Wissenschaft. Dankbar preist Erasmus den Buchdruck als ein göttliches Gewerbe. „Die Drucker spenden uns täglich gleichsam ganze Bibliotheken, ganze Welten von Büchern in jeder Gattung der Sprachen und Literaturen.“ Basel wurde der erste Ort Deutschlands für den Verlag und Druck klassischer Literatur.

Wie einst Heynlin und Sebastian Brant durch die Druckereien waren an Basel gefesselt worden, dann die amerbachsche Hieronymusausgabe den Cono und durch ihn den Rhenan hergezogen hatte, so wurde jetzt die gewaltige geistige Bedeutung des Buchgewerbes neu evident, indem Frobens Kunst den Erasmus zum Basler machte und ein Jahrzehnt später Cratander den Ökolampad bewog, nicht in Augsburg, sondern in Basel sich niederzulassen.

Als große Einheit steht das Leben der Gelehrten und ihrer Drucker da, als Arbeitsgemeinschaft edelster Art. Es ist bezeichnend, wie bei der Ankunft des Erasmus in Basel der Pariser Professor Jacob Faber von der einen, der Ottobeurer Mönch Ellenbog von der andern Seite her mit denselben Worten die gelehrte Welt glücklich preisen, weil nun Erasmus „unter den Buchdruckern“ lebe. Ein Verhältnis bildete sich, das vielleicht einzig in seiner Art war. Eine mit den höchsten Aspirationen und Fähigkeiten arbeitende Offizin trieb den größten Gelehrten der Zeit, indem sie ihm unausgesetzt und ihm fast ausschließlich diente, unausgesetzt auch zu stets neuen Schöpfungen.

Was hier mächtig geschah, hatte seine schwächere Wiederholung bei andern Offizinen. Und staunend stehen wir vor dieser Produktion, wie [176] die typographischen Annalen Basels sie zeigen, da jedes Jahr seine Volumina in langer Reihe bringt, die großen Hauptwerke Jahr um Jahr sich folgen und drängen.

Aber unmöglich ist festzustellen, in welchem Maß Autor und Verleger sich in das Verdienst der Gedanken, der Initiative und der Arbeit teilten.

Wie der Gelehrte seine Pläne hatte und „invulgiert“ sein wollte; wie er sich durch Freunde anpreisen ließ; wie er eine Offizin zuweilen für sich allein in Anspruch nahm und so sehr beschäftigte, daß kein Andrer mehr Aufnahme fand; wie er Publikationen andrer Orte zum Nachdruck empfahl; wie er Stoff suchend die Bibliotheken durchstöberte und zu Kollegen reiste; so rührte sich der Drucker. Auch er hatte seine Studien gemacht, auch er besaß Kenntnisse und wissenschaftliches Urteil. Er war nicht allein Geschäftsmann. Mit solchen Gaben stand wohl Cratander an der Spitze der Basler Topographen. Ihnen Allen gemeinsam aber war eine Aktivität, die sie dem Autor beinah ebenbürtig erscheinen ließ. Sie hatten bestimmte Wünsche. Sie bezogen Bücher andrer Verleger, die ihnen der Wiederholung wert schienen, und beauftragten einen Gelehrten mit der Herrichtung zum Drucke. Sie gingen selbst auf Reisen und suchten Handschriften zur Edition. Wieder ist Cratander zu nennen; er schreibt dem Capito von seinem Verlangen, das „göttliche Werk“ des Chrysostomus ans Licht zu bringen; er drängt den Vadian in Briefen von elegantestem Latein um das Manuskript zum Mela; er „dürstet“ nach dem in Aussicht gestellten Werke des Alciat. War der Druck vollendet, so ging das Buch nicht hinaus ohne ein Geleitwort, in dem der Drucker von der Arbeit redete, über die Quellen referierte, die Wichtigkeit dieser Publikation darlegte, den Leser begrüßte und zum Kaufen aufforderte. Das Entscheidende ist nicht, daß manche dieser Prologe gar nicht von dem Drucker selbst verfaßt waren, dessen Namen sie trugen, sondern die allgemeine Anschauung, der gemäß der Drucker und nicht ein Andrer hier das Wort hatte.

Mochte auch etwa einmal ein Gelehrter die Verleger als schnöde Ausbeuter tarieren, zu allermeist glauben wir doch in ein Zusammenarbeiten hineinzusehen, bei dem geistige und wissenschaftliche Interessen für beide Teile obenan stehen konnten. Nicht allein die Arbeit des Gelehrten erhielt ihren Adel daraus, daß sie einer allgemeinen und idealen Aufgabe diente. Nicht ihr allein winkte der geliebte Ruhm. Auch einem Froben konnte bezeugt werden, er sei mehr auf Förderung der Wissenschaften bedacht gewesen als auf materiellen Gewinn und habe seinen Erben wenig Vermögen hinterlassen, aber einen gefeierten Namen.

[177] Wir hüten uns vor allgemeiner Überschätzung der Buchdrucker. Unter ihnen waren gewiß hochstehende und selbständige Menschen. Aber ein Andrer war der Gelehrte, ein Andrer der Drucker. Nicht allein dann, wenn das Buch ein Produkt nur des Druckers — infolge eigener Initiative oder eines Verlegerauftrages — war, sondern auch in allen übrigen Fällen, auch neben Autor oder Editor bedurfte die Offizin gelehrter Mitarbeiter. Sie mochten Berater Helfer oder gar Führer sein; sie mochten eine allgemeine Verantwortung haben oder nur das Einzelne der Ausführung überwachen; sie waren unter allen Umständen nicht zu missen. In solchen Funktionen begegnen uns vorerst Rhenan Pellican Capito. Es sind freie übergeordnete Helfer. Einem Unternehmen die Richtung gebend, die Einzelarbeit der eigentlichen Korrektoren durch ihre großen Orientierungen und Normen ergänzend. Indem sie ihre Kenntnisse und ihre Kritik nicht nur einer Offizin zu Gute kommen ließen, sondern mehreren, ruhte der Ruhm der damaligen wissenschaftlichen Produktion Basels zum guten Teil auf ihnen. Neben die eigene Arbeit stellten sie diese unschätzbare Beistandschaft bei Froben Petri Cratander.

Unter ihnen aber drängte sich die Schar der Korrektoren oder Kastigatoren.

Setzer und Drucker hatten zu sorgen für die äußere Sauberkeit, den caracter nitidus des Textes, für die andere Qualität, die correctura exactissima, diese Korrektoren. Nicht nur um „einfache Hauskorrektur zweifelloser Satzvorlagen“ handelte es sich, sondern um wissenschaftliche Arbeit. Die sich ausbildende Philologie des Humanismus gab dieser Korrekturarbeit zuweilen geradezu den Wert einer kritischen Edition. Einer aus der Reihe dieser Arbeiter selbst hat uns, als Einleitung zu fünfzig Kolonnen Kastigationen, das Bild des mit wissenschaftlichem Ernst arbeitenden Korrektors entworfen.

Jedenfalls war solche Korrektorentätigkeit, zusamt dem unausgesetzten Kontakt mit den in der Offizin verkehrenden Gelehrten, die beste Schule eines jungen Mannes, der von der Universität kam und einer wissenschaftlichen Laufbahn zustrebte. Aber wir denken auch an die Masse des dabei Geleisteten. Es war Gehilfenarbeit, die im Einzelnen unansehnlich sein mochte, aber in ihrer Gesamtheit zu imposanter Wirkung kam. Gerade dies bedingt den eigentümlichen Reiz der Korrektorengesellschaft. Es ist eine bestimmte Gruppe von Gelehrten zweiten Ranges, eine unentbehrliche Arbeiterschaft. Hingegeben einer zu Zeiten intensiven, aber nicht immer absorbierenden Tätigkeit. Es sind Einzelne dabei, die den reichen Wechsel [178] eines Humanistenlebens zur Genüge kosten können; sie sind Korrektor für verschiedene Offizinen, geben aber auch Unterricht im Griechischen, profitieren bei Erasmus, besorgen Büchereinkäufe für Auswärtige u. dgl. Gleichwohl regt sich etwa das Gefühl des Gebundenseins, zumal des Untergeordnetseins. Sie haben manchmal mit empfindlichen Autoren zu tun, die dem Kastigator keine Freiheit und kein Urteil gönnen. Sie verbrauchen vielleicht das Beste ihrer Kraft für Andre, für einen hochberühmten Gelehrten, dessen Ruhm auf ihrer Arbeit ruht und der sie gleichwohl übersieht. Ohne Handlanger kein Meister und ohne Vernichtung der Kleinheit keine Größe.

Und doch bestimmen wesentlich sie neben den paar Großen das Bild des damaligen humanistischen Basel. Neben der Wichtigkeit ihrer Arbeit ist ihr Charakteristisches ihre Jugend. Sie zum guten Teil geben der ganzen Erscheinung den Hauch der Frische.

Die mannigfaltigsten Figuren dieser Art sind in den Offizinen anzutreffen.

Bei Furter der Fürsprech Rudolf Huseneck, von dem wir noch zu reden haben werden, sowie vielleicht Mathis Hölderlin, ferner Wilhelm Nesen.

Bei Adam Petri der Straßburger Cratander, später Ulrich Hugwald und der Karthäuser Georg Carpentarii. Ebenso scheint der 1519 als Korrektor erwähnte Magister Hans Petri, ein Verwandter Adams, bei Diesem gearbeitet zu haben.

Dem Cratander dienen Wolfgang Schiverius, Valentin Curio. Für Alle ist diese Tätigkeit eine Vorbereitung zu künftigen bedeutenderen Leistungen.


Bei Froben ist vorweg nochmals an Beatus Rhenanus zu erinnern. Dieser hatte seiner Zeit schon in Paris bei Heinrich Stephanus, dann in Straßburg bei Mathias Schürer als Korrektor gearbeitet; jetzt war er Ratgeber und Vertrauter der Offizin im Sessel. Es kann sogar, wenigstens nach Lachners Tode, von einer wissenschaftlichen Oberleitung des Verlages durch Rhenan geredet werden. Lachner war ein Gegner der rhenanischen, rein wissenschaftlichen Anschauungen gewesen, und diese Meinungsverschiedenheiten hatten wiederholt zum Streite geführt. Aber auch später noch mußte Erasmus gelegentlich den Froben ermahnen, nicht auf jeden „Esel“ zu hören, sondern sich an den Rat des Rhenanus zu halten, wenn er den Ruhm seiner Offizin behaupten wolle. Und als Rhenan 1519 Monate lang von Basel abwesend war und die Sachen im Sessel gehen ließ, machten sich Leute wie Zwingli schwere Gedanken über dies Preisgeben einer Tätigkeit, die [179] „nicht allein ganz Germanien, sondern dem christlichen Erdkreis überhaupt Ruhm bringe“. Auch im Erfurter Humanistenzirkel wußte man, wie sehr der Flor des frobenischen Unternehmens von der Mitarbeit des Rhenanus abhing. Es war eine Mitarbeit, die gelegentlich bis ins Einzelne ging; reizvoll ist zu beobachten, daß Rhenan auch dem Buchschmucke sein Interesse schenkte und hiefür den Hans Halbem in die Gedanken- und Bilderwelt der Antike einführte.


Eine ähnliche, den gewöhnlichen Korrektoren Frobens übergeordnete Stellung scheint Bruno Amerbach gehabt zu haben.

Er war von vorneherein Träger einer großen Tradition. Mit der besondern Obliegenheit, die vom alten Amerbach begonnene Ausgabe des Hieronymus zu vollenden, trat er in die frobenische Offizin ein, und diese Arbeit nahm ihn während der ersten Jahre fast ganz in Anspruch; nebenher gingen andere Geschäfte wie die Kastigation der berühmten Adagiaausgabe von 1513. Es war eine gewaltige Arbeit, und Erasmus bewunderte die incredibilis diligentia des Bruno bei Herstellung des Textes und Scheidung des Ächten und Unächten. Auch standen ungeduldige Treiber — Lachner Froben Erasmus — hinter ihm; wie oft seufzte er über seine Pein in diesem pristinum frobenianumxlstiinuni kroksniamim. „Wir haben endloses Geld auf das Hieronymuswerk verwandt und fast unser ganzes väterliches Vermögen aufs Spiel gesetzt“, schreibt er einmal; „doch scheint uns der Aufwand noch größer, daß wir unsre schönste Lebenszeit und unsre liebsten Studien daran gegeben haben. Es ist eine Arbeit, die jeden jungen Menschen zum Greise machen könnte.“

Endlich im Sommer 1516 war der Hieronymus in neun Folianten erledigt, und Bruno konnte sich als freien Mann fühlen. Er kehrte zu seinen Studien zurück; er las Tage und Nächte durch in den Werken des Erasmus; er träumte eine italiänische Reise.

Diese konnte er im Spätsommer 1517 ausführen. Aber sie brachte ihm wenig Freude, und schon im November sah er sich wieder in den Fesseln Frobens. Von da an liegt in wenige Monate zusammengedrängt vor uns, was Brunos Leben war.

Vor Allem seine Tätigkeit bei Froben, mit der er zum Teil Lachner abgelöst zu haben scheint. Er ist sichtlich an der Leitung des Geschäftes beteiligt. Er besucht die Messen; er schreibt Briefe und Vorreden; er stöbert in Bibliotheken sowie in Buchhändlerlagern gute nachzudruckende Bücher auf; er legt den Autoren Typenmuster vor usw. Er besorgt aber neben dem [180] Allem auch noch die Detailarbeit des Kastigators, z. B. am Neuen Testamente; dabei ist er so fleißig, wie sein Bruder Basilius faul ist. Aber noch mehr: er kontrolliert gelegentlich die Korrespondenz Frobens, und wenn dieser „schläft“, muß er die Geschäfte in die Hand nehmen. Wie froh ist Erasmus, daß Bruno wieder im Sessel mitarbeitet und den Froben vor „Dummheiten“ bewahrt.

Wir nehmen wahr, wie das ganze Dasein dieses hochgepriesenen Mannes ohne eigene Produktion dahingeht. Er hat den Ruhm, der Gelehrteste in ganz Helvetien zu sein; seine Beherrschung der drei Sprachen wird als eine vollendete bestaunt. Aber all dies Wissen drängte zu keiner Schöpfung.

Offenbar waren die rein menschlichen Eigenschaften das Vorherrschende in ihm. Schon seine Freunde fragten sich, was mehr an Bruno zu bewundern sei, die eruditio oder die probitas. Die Anmut seines Wesens, seine Treue und Hilfsbereitschaft machten tiefen Eindruck auf Jeden, der mit ihm zu tun bekam.

Es folgte ein stürmischer Lebensausgang. Erst das Glück der Vermählung mit Anna Schabler, der Witwe des Hieronymus Murer genannt Ruman, im Sommer 1518; dann bald schon der Tod der geliebten Frau sowie Auseinandersetzungen mit dem alten Schabler wegen Geldsachen. Den vielfach erschütterten Bruno ergriff die Pest, die damals in Basel wütete, und er erlag ihr, erst vierunddreißigjährig, am 12. Oktober 1519. „Um ihn weinten die Chariten und die Musen.“


Wir wenden uns zu den Korrektoren Frobens im Hause zum Sessel, das von Hasten und Drängen unaufhörlich erfüllt ist. Fervet ingens officina. Alles glüht in Arbeitseifer und Arbeitsnot, und die gequälten Korrektoren klagen, daß Tag und Nacht ohne Schonung, ohne Pause geschafft werden müsse, daß immer vielzuviel der Arbeit sei und zu wenig des Lohnes; zu den Mühen der Arbeit treten noch die Ermahnungen und Scheltworte unzufriedener Autoren. Das sind Grundlagen der großen Leistung und, hinter dem weithinhallenden Ruhme, Zustände und Stimmungen des Ortes selbst.

Die Reihe dieser Korrektoren wird eröffnet durch Konrad Fontejus (Brunner) von Wesen im Glarnerlande. Auch er wuchs aus dem alten amerbachischen Kreis in den frobenischen herüber. Seine Anfänge finden wir in Kleinbasel, bei Johann Amerbach. Vielleicht hatte ihn sein Landsmann Gregor Bünzli dorthin gezogen, der nach Absolvierung seiner Basler [181] Studien 1497 Korrektor in der amerbachischen Druckerei wurde, später Schulmeister zu St. Theodor war und eine Kaplanei am St. Petersstift erhielt. Möglicherweise durch ihn ist Fontejus auch mit Ulrich Zwingli, dem Schüler Bünzlis in der St. Theodorsschule, bekannt geworden. Als amerbachisches Hausgeschöpf sehen wir nun diesen Fontejus allerhand Familiengeschäfte besorgen, mit Hieronymus Gebwiler in Schlettstadt wegen der dort zur Schule gehenden jungen Basler abrechnen, dann auch den Sohn Amerbach nach Paris begleiten. Er nimmt Teil am Leben des Amerbachkreises und treibt seine Scherze mit Salandronius. Nebenher gehen die Studien an der Universität, die er 1513 mit dem magisterium abschließt. Von da an hat Fontejus seine Heimat und seine Arbeit im Sessel. Rhenan Bruno Amerbach Erasmus sind ihm geneigt. Zwingli schickt keinen Brief an die Basler Freunde ohne einen Gruß an den guten Fontejus. Den Ruf an eine glarnerische Pfründe lehnt er ab; dagegen übernimmt er 1517 das bisher durch Glarean betriebene Lehrinstitut. Jedoch mit wenig Erfolg. So sympathisch Fontejus erscheint, ist er doch ein untergeordneter Mensch. Im Oktober 1519, kurz nach Bruno Amerbach, erliegt auch er der Pest. Auf dem Todbette noch so freundlich, wie er stets am Tische der Freunde gewesen. „Ruhigen Sinnes gleich Seneca sich in das Sterben schickend“, schließt er seine Existenz.

Wilhelm Nesen aus Nastätten in Hessen, geboren 1493, kam 1511 nach Basel. Im gleichen Jahre wie Rhenan und vielleicht wie Dieser angezogen durch den Ruhm Conos. Er immatrikulierte sich im Sommer 1511 an der Universität und wurde Rhenans Freund. Denkmal dieser Freundschaft ist, daß ihm Rhenan 1512 seine Ausgabe eines Gedichtes des Piattino Piatti widmete und dabei seine Wißbegier und seinen Fleiß mit Worten pries, die nicht nur konventionell klingen. Das Bild des arbeitsamen und mit Begeisterung Bücher sammelnden Studenten rührt um so mehr, als er kränklich war und zu Zeiten von Bruno Amerbach Geld entleihen mußte. Trotz Allem hielt er sich auf der Höhe. Im Jahre 1515 wurde er magister artium, und die gleiche Zeit sah seinen Eintritt in das Zentrum wissenschaftlichen Lebens in Basel: er wurde Korrektor bei Froben. Zunächst für den Seneca des Erasmus, der dabei dem jungen Arbeiter auch persönlich nahe trat. Der leidenschaftliche Eifer Nesens für die Wissenschaften mochte auch ihn bezwungen haben; er schätzte ihn so hoch ein, daß er ihn im Herbste 1516 von Antwerpen aus mit der Widmung der neuen Ausgabe seines Buches De duplici copia ehrte und beglückte. Daneben sehen [182] wir den Nesen durchaus im Dienste der frobenischen Offizin aufgehen; er besuchte die Messen; er schrieb Geschäftsbriefe; namentlich aber machte ihn seine feine Witterung für jeden Fehler in den Texten zum Ideal eines Korrektors. Alles dies gab er auf, um anderwärts sich weiterbilden zu können. Im Herbste 1517 verließ er Basel und ging nach Paris, später nach Löwen. Dort nahm er am Kampfe des Erasmus mit den Theologen teil; dann gewann er die Freundschaft Luthers. Seine ganze Erscheinung macht den Eindruck des Frischen und Tüchtigen. Er starb jung in Wittenberg 1524.


Mit den Anfängen des Erasmus in Basel ist der Name Gerhard Listers verbunden. Lister, ein Niederländer aus der Provinz Utrecht, hatte in Löwen und Köln studiert. Als Erasmus im August 1514 nach Basel kam, fand er hier den Lister, seinen Landsmann, schon vor. In der Medizin, deren Doktorat er vor wenigen Monaten in Pavia erlangt hatte, war er von nicht gewöhnlicher Bildung, in den drei Sprachen und Literaturen bewandert, überdies ein Jüngling dazu geboren, dem Erasmus zusagend zu sein. Aus dem nahen Verkehre mit Diesem erwuchsen ihm griechische Verse zum Plutarch, Scholien zum Lobe der Narrheit. Als Korrektor Frobens besorgte er 1515 die neue Ausgabe der Adagia. Daneben scheint er griechischen Unterricht erteilt zu haben. Schon 1516 verließ Lister Basel. Er wurde Rektor der berühmten Schule in Zwolle. Aber sein Geist weilte noch oft am Oberrheine; lange Zeit war keine Nacht, in der er nicht von Basel träumte und mit Erasmus zu sein glaubte.


Die früheste große Arbeit des Erasmus in Basel, die Ausgabe des Neuen Testamentes, zog den Johann Ökolampad in diese Stadt. Zu einem ersten Aufenthalte, für wenige Monate.

Ökolampad war 1482 in dem damals pfälzischen Weinsberg geboren, als Johann Hüsgen (Häuslein). Durch seine Mutter, die Baslerin Anna Pfister, hatte er Beziehungen zu unsrer Stadt. Er studierte in Bologna und Heidelberg und trat den Humanisten näher. Publikationen Wimpfelings und Gresemunds wurden von ihm durch poetische Beiträge geziert. Auch seine eigene Erstlingsschrift, die declamatione de passione, die 1512 in Straßburg gedruckt wurde und an der sich Zasius und Wimpfeling mit Empfehlungen beteiligten, war oberrheinisches Gewächs. Noster Icolambadius nennt ihn Wimpfeling in der großen Charakteristik seiner Theologie, die er 1511 dem Erasmus nach Cambridge sandte.

[183] In solcher Weise war Ökolampad schon bekannt, als er — nach einer Predigertätigkeit in der Heimatstadt und Studien in Tübingen und nochmals in Heidelberg — am 21. September 1515 in Basel eintraf. Er hatte den Ruf gründlichen theologischen Wissens sowie nicht gemeiner Kenntnis der drei Sprachen. Erasmus und Froben, die für die Edition des Neuen Testamentes Arbeiter suchten, waren wohl durch Wimpfeling Zasius Reuchlin zur Berufung des gelehrten Weinsberger Predikanten vermocht worden. Jetzt kam er; ein Brief des Johann Sapidus in Schlettstadt führte ihn bei Erasmus ein.

Er erhielt Wohnung in Frobens Hause zum Sessel, zusammen mit dem gleich ihm berufenen Nicolaus Gerbel. Das waren die duo probi docti, die zwei braven Gelehrten, von denen die Rede ist. Als ihre Aufgabe galt das Zurechtmachen der Druckvorlagen und das Berichtigen des Satzes. Außerdem hatte Ökolampad „allerhand hebraica in die annotationes einzustreuen, um die Ausgabe vor einem Nachdrucke möglichst zu schützen, und die annotationes zu prüfen, ob sich keine Ketzereien eingeschlichen hätten“.

Neben dieser ernsten und verantwortungsreichen Arbeit ging einher das theologische Studium an der Universität; Ökolampad war zugleich mit Capito immatrikuliert worden. Aber schon im März 1516 ging er wieder nach seinem Weinsberg; er wollte die noch nötige Vorbereitung zur Lizenz dort erledigen.

In Basel ließ er das monumentale, von ihm mitgeschaffene Werk des Neuen Testamentes und seine berühmten Freunde. Wie oft mochte er sich in der Enge, in der Dürre seines Städtchens nach den geistigen Freuden sehnen, die im großen reichbewegten Basel ihm beschert gewesen waren.

Von Nicolaus Gerbel, dem Genossen Ökolampads, ist wenig zu sagen. Seine Gestalt tritt hier zurück. Was ihn auszeichnet, liegt vor seiner Basler Zeit und nach ihr. Reichbewegte Studienjahre, mannigfaltige gelehrte Tätigkeit in Wien Köln Tübingen, die Ausbildung im Griechischen durch Georg Simler in Pforzheim, eine italiänische Reise mit dem in Bologna erlangten juristischen Doktorat, Alles hatte der Dreißigjährige hinter sich, als er aus seinem Korrektorendienste bei Schürer in Straßburg herausgerissen wurde für einige Arbeitswochen in Basel bei Froben und für Erasmus. Am 21. September 1515 trat er zusammen mit Ökolampad die Arbeit an, die er aber, zu des Erasmus Ärger, nur nachlässig besorgte; im Dezember kehrte er nach Straßburg zurück.

[184] Bei der frobenischen Psalterausgabe im Urtexte 1516 war Sebastian Münster als Kastigator beschäftigt.

Auch Magister Johannes Froben, Neffe des Buchdruckers, war wissenschaftlicher Hilfsarbeiter im Sessel. Er hatte 1499 die Schlettstädter Schule, 1505 mit den Amerbachsöhnen zusammen die Universität Paris besucht. Wahrscheinlich sein Werk sind die Scholien zu der erasmischen Schrift Sileni Alcibiadis.


Wolfgang Angst von Kaisersberg im Elsaß studierte in Frankfurt a/O., 1513 in Freiburg. Er arbeitete dann als Korrektor bei Schürer in Straßburg, 1515 bei Gran in Hagenau, 1517 und 1518 bei Froben. Hier in Basel, das er im September 1518 wieder verließ, arbeitete er für Erasmus an den Adagia, dem Gaza, der Utopia; hier war er eingefügt in das rastlose Getriebe dieser Offizin und den bewegten Verkehr. Er erwarb dabei das Lob, gelehrt zu sein und doch nicht so eingebildet, daß er nicht durch Capito oder Rhenan oder Bruno Amerbach sich belehren ließe. So gelangte er dazu, später einer der geschicktesten Korrektoren Deutschlands zu heißen.

Mit diesem Allem würde sein Bild doch ein dürftiges bleiben. Aber wir vernehmen noch Anderes Lebendigeres. In seinen Studentenjahren gewinnt er den Ulrich von Hutten zum Freunde. Dann als Korrektor in Hagenau spielt er den kecken Streich, den ersten Druck der epistolae obscurorum virorum aus der nur an Ernstes und Würdevolles, an Predigtsammlungen Grammatiken u. dgl. gewöhnten Presse seines Patrons Gran ohne dessen Wissen in die lachende Welt hinausgehen zu lassen. Und zuletzt hat er seinem Namen noch Klang geben können durch den Fund der vierten Dekade des Livius in der Mainzer Dombibliothek.


In dieser bunten Reihe, die sich durch die Jahre zieht, erscheinen rasch im Oktober 1518 zwei fremdartigere Gestalten; junge von Erasmus hergesandte Gelehrte: der Holländer Menard von Horn, der schon nach zwei Monaten an der Pest hier starb, und Lambert Hollonius von Lüttich. Dieser hatte die Korrektur der Lucubrationen des Zasius zu besorgen, führte aber die Arbeit schlecht aus, sodaß Rhenan den Autor bedauerte, dessen Werk in die Hände eines solchen Stümpers gefallen sei.

Albert Bürer, des Rhenan Famulus, arbeitete während dessen Abwesenheit 1520 als Korrektor für Froben.

Auch Konrad von Heresbach und Michael Bentinius waren in dieser Zeit als moderatores der frobenischen Offizin tätig.

[185] Die lebendigste kräftigste Figur Aller aber ist Jacob Nepos (Näf).

Ein geborner Tettnanger, der für uns aber nicht in Schwaben und nicht am Oberrhein auftritt, sondern in Antwerpen bei Erasmus, 1516. Er ist dessen Famulus, dessen Sekretär, durch Fähigkeiten Kenntnisse und eine sehr schöne Handschrift zu diesem Dienste geeignet.

Im Mai 1517 läßt Erasmus durch ihn die Utopia des Thomas Morus zu Froben nach Basel bringen, und im Herbste 1518 soll er dort die zweite Ausgabe des Neuen Testamentes korrigieren. Um der Trefflichkeit dieser Arbeit willen hält ihn Froben fest und beschäftigt ihn weiter. Zum hohen Nutzen der Offizin. Denn dieses Männlein, der homuncio, der Pygmäe, wie die Kollegen spotten, bewältigt Alles in einer Weise, daß sogar Rhenan sich wundert und ihn über alle Andern erhebt.

Als frobenischer Korrektor hat Nepos von da an seine Heimat in Basel. An zahlreichen Drucken dieser Jahre, an Werken des Erasmus, des Rhenan, des Luther ist er beteiligt. Sein Name geht durch die damaligen Briefe als der eines dauernd vorhandenen, nicht wegzudenkenden Organes im großen Bereiche dieser Produktion; auch im Verkehre mit Auswärtigen, im Vermitteln von Büchern u. dgl. begegnet uns Nepos.

Aber dabei ist er voll Unbehagen und Unruhe. Er möchte aus der Tretmühle befreit sein, unter deren Zwang auch Bruno Amerbach geseufzt hat. Er möchte seine Korrektorstelle aufgeben. Er möchte überhaupt Basel verlassen und zu Zwingli gehen, bei dem er aufrichtiges Wohlwollen zu finden glaubt. Lauter Wünsche, die sich nicht erfüllen. Er bleibt in Basel, er bleibt Korrektor, er will zunächst die Ankunft seines Herrn Erasmus abwarten. Und inzwischen vergräbt er sich in griechische Studien. In ihnen findet er Ruhe und Genügen. Sum totus in Homero.

Aus diesen Studien erwuchs ihm nun aber der Entschluß, zu lehren und in Schülern die Genossen zu gewinnen, nach denen er verlangte. Er behielt die Korrektorstelle; daneben aber begann er Vorlesungen an der Universität und eröffnete außerdem, nach dem Beispiele Glareans und Andrer, im Frühling 1520 eine Lehranstalt mit Konvikt. Im Zusammenhange damit stand die Gründung eines eigenen Hausstandes, durch Heirat mit der schönen Tochter des Buchdruckers Michael Furter.


Wir haben die Hauptkräfte, die einzelnen Gestalten und Gruppen kennen gelernt, die das humanistische Leben in Basel während der beiden großen Jahrzehnte bestimmen.

[186] Diesen coetus doctorum, der in sich selbst schon durch ein mächtiges konzentriertes Schaffen erregt ist, sehen wir zugleich nach allen Seiten hin ins große und Weite wirken. In ihm weht universale Luft. Seine geistigen und wissenschaftlichen Absichten kennen keine Grenzen. Sie bewegen sich in einer republica literaria, die den Erdkreis überspannt und ihre Bürger so gut in London hat als in Basel.

Gemeinsam ist wesentlich die Gesinnung, die sich frei in den verschiedensten Leistungen äußert. Wobei wir uns in den Zustand einer gleichzeitigen wissenschaftlichen Tätigkeit Vieler hineinzudenken haben, die sich ganz unmethodisch vollzieht, ohne gelehrte Zeitschrift, ohne irgend ein gemeinsames Organ, auch ohne eine öffentlich geübte und organisierte Kritik. Die Gesinnungsgemeinschaft ist auch nicht in Sammelpublikationen bezeugt, die wie Programme wirken können. Jeder geht für sich allein. Was Zusammenhang oder Gruppe ist, wird höchstens dokumentiert durch Widmungen Vorreden Zuschriften u. dgl., die man den Editionen und Traktaten beizudrucken pflegt. Namentlich aber lebt dieser Zusammenhang des Basler Humanismus mit demjenigen der übrigen Welt in einer unvergleichlichen Korrespondenz.

Der Brief ist im Dienste der Humanisten-Gesellschaft zu einer Bedeutung gekommen, die er seitdem verloren hat. Er ist getragen durch den erregten, nach jeder literarischen Novität spähenden Geist dieser internationalen Brüderschaft; auch ist er die Form, nicht nur um Belesenheit und Sprachkunst zu zeigen, sondern auch um Entdeckungen Gedanken Anregungen mitzuteilen. Er vertritt in großem Maße das fehlende literarische Journal. Er ist zugleich Geplauder mit guten Freunden und Bekenntnis humanistischen Geistes, daher er als solches auch an Unbekannte gerichtet werden kann, die im gleichen Geiste wirken.

So quillt uns aus der Korrespondenz der Basler ein Leben mannigfaltiger Art entgegen. Die Briefe Rhenans und seiner Genossen, die erasmische Briefmasse, die Briefbände der Amerbache, sie alle sind von einzigem Reize. Sie offenbaren die Fülle der Menschennatur, das unendliche Streben und Sichmühen da und dort, das geistige Glück, die Entwickelung der Wissenschaft.

Auch an das persönliche Zusammentreffen, an die Besuche haben wir zu denken. In die seit Jahrhunderten von überall her kommenden und hier durchströmenden Menschenscharen mengt sich jetzt immer mehr das unruhige Element des Gelehrten, der bald wandert bald zur Sammlung und Arbeit sich in der Nähe einer Druckerpresse oder eines berühmten Mannes niederläßt. Die Basler Humanisten selbst freilich sind meist merkwürdig stabil. Sie haben vielleicht nur Paris gesehen, die Wenigsten je den heiligen [187] Boden Italiens betreten; der große Reisende ist einzig Erasmus. Aber neben ihnen ist der bewegliche Humanistentypus dargestellt durch Scholaren und Korrektoren, und rings um sie her wimmelt die Regsamkeit und der Wechsel der vielen Besucher, die das Angesicht dieser Fürsten der Gelehrsamkeit oder die berühmten Offizinen zu sehen begehren. Sie kommen und gehen, Jeder ein andres Stück Welt mit sich bringend, Jeder um sein Basler Erlebnis reicher, unter ihnen mehr als Einer, dem „überall auf Erden ein Vaterland grünet“.

Endlich aber steht hinter jedem Gedanken, hinter jeder Forschung und Entdeckung die Buchdruckerkunst bereit, um rasch für die Verbreitung zu sorgen. Wo von allgemeiner Wirkung, allgemeinen Beziehungen des Basler Humanismus die Rede ist, handelt es sich ohne Weiteres auch um die Druckerei.

Diese ist von ihrer ersten Stunde an in Verbindung mit dem Geiste des Ortes getreten. Die vorhandene Kapitalkraft macht ihr einen großhändlerischen Betrieb möglich; die ungewöhnliche Verkehrslage und der starke Transit tun das Übrige. Aber auch ihre hohen technischen und künstlerischen Fähigkeiten ruhen auf Eigenschaften Basels. Und die Impulse hat sie den Gelehrten zu danken, die sich hier um ihre Offizinen sammeln.

Alles dies begründet die Stärke der Basler Druckerei und die Gewalt ihrer Expansion. Zur Leistung der auswärtigen Verleger, denen sie dient, tritt der eigene Vertrieb. Es ist der Zustand, in dem „sich Basel zur Metropole deutschen Buchdruckes und Buchhandels erhebt“. Die Stadt steht auch hiebei unter der Einwirkung der Zeit, die selbst ungeheuer stark, reich an Ideen und Leben ist.

Ein kaufmännischer Kopf wie Lachner beschränkt sich nicht auf den Vertrieb der Drucke Frobens. Er handelt auch mit Andern; namentlich spielen die Aldinen eine Rolle, die er in Mengen aus Venedig kommen läßt und hier in Basel zum Verkaufe bringt. Natürlich ist er nicht der einzige Händler am Platze. Auch Adam Petri, auch Gengenbach, auch der Buchbinder Bierman treiben das Sortimentergeschäft. Diese haben zufällig Erwähnung gefunden, so und so Viele mögen neben ihnen das Gleiche tun.

Von allen Seiten her strömen die Bücher hier zum Verkaufe zusammen und schichten sich auf neben den hier selbst entstehenden. Ebenfalls von allen Seiten her blicken Liebhaber und Gelehrte nach diesem Zentrum. Es sind Zustände und Erregungen, deren Widerhall wir in den Korrespondenzen finden. Die Lesegier und ihre Befriedigung durch Basel ist ein stehendes Thema. Bestimmte Bücher werden gesucht. Nach den Werken, die bei [188] Froben, bei Cratander usw. unter den Pressen liegen, nach der hier zum Verkaufe stehenden Literatur wird gefragt. Amerbach Rhenan Fontejus Glarean u. A. haben unaufhörlich mit solchen Desideraten zu tun; ihre Listen der Basler Novitäten erregen unser Staunen; in diesen langen Verzeichnissen von Autorennamen und Titeln drängen sich oft die größten geistigen Vorstellungen.

Bei den in Basel selbst gedruckten Büchern handelt es sich mehrern Teils um auswärtige Käufer. So stark auch die seltsame Bücherwut am Orte selbst sein mag. die Stadt ist doch zu klein, um ihre mächtige Produktion wieder zu absorbieren. Die Drucker sind angewiesen auf den Export, auf den Absatz außerhalb der Mauern.

In den verschiedensten Formen geschieht der Vertrieb. Auf dem Markt und an der Messe in Basel selbst; am Lager der Druckereien; bei Buchbindern; durch Buchführer, die hausierend das Land durchziehen. Aber dies Wesen ist oft unbeholfen. Rhenan klagt, daß Wenige und vielfach der Sache nicht Gewachsene sich des Vertriebes annehmen, daß sie meist nur den Schund feiltragen. Es kann geschehen, daß der auf alle Neuigkeiten erpichte Hummelberg in Ravensburg doch eine ganze Reihe frischer Erasmiana nicht zu sehen bekommt, oder daß im nahen Ensisheim Hieronymus Baldung keines der frobenischen Bücher erhält, von denen alle Welt redet. Gerade diese Mängel des gewerblichen Vertriebes führen dann dazu, daß Einzelne, wie der Augsburger Mönch Veit Bild, der Zwickauer Ratschreiber Stephan Roth sich in freier Weise der Büchervermittlung annehmen.

Neben diesem vielgestaltigen Treiben steht die feste Form und Organisation der großen deutschen Büchermessen von Frankfurt und Leipzig. An diesen Weltmärkten, „wo neben Merkur die Musen walten“, sind seit früher Zeit die Basler heimisch. Auch das Buchgewerbe unsrer Stadt fügt sich in den großen Rhythmus, den diese Messen schaffen; auf den Meßterminen ruht die Datierung vieler Drucke, sie regeln die Creditverhältnisse, die Zeit der Abrechnungen, die Fälligkeir von Honoraren; sie sind die Momente der aufs Höchste gesteigerten Arbeit.

Namentlich aber: mehr als sonst je wird der Basler Buchhandel während dieser Messezeiten außerstädtisch und universal. Sie bringen ihm das große Geschäft und die weite Wirkung, deren er bedarf. Sie bringen ihn und die Produktion dieser einen Stadt aller Welt nahe. In den Leipziger Katalogen sind die Hauptrubriken: Venediger Lyoner Basler Drucke.

An den Messen werden die Beziehungen zu auswärtigen Verlegern angeknüpft und gepflegt. Auch die Kollegen aus Paris Lyon Pavia usw. [189] kommen da mit den Baslern zusammen. Gelehrte finden sich ein. Der mannigfaltigste Verkehr und Austausch ist möglich.

In solcher Weise tragen Buchdruck und Buchhandel das geistige Gut Basels hinaus in die Ferne.


In unzählbaren Äußerungen wogt und waltet die eine hohe Gemeinschaft. Wir sehen sie und vermögen dennoch die Wirkungen nicht in Klarheit zu erkennen. Neben vielem Einzelnen, das uns näher tritt, müssen allgemeine Vorstellungen genügen: vom Verkehre der über die Welt zerstreuten cultores optimarum literarum, von ihrer Aller heißen Liebe zu den Studien, von ihrem Bewußtsein der Zusammengehörigkeit usw.

Basel ist eine der paar großen Herbergen auf Erden für Leute dieser Art. In deren Berührungen mit Gleichgesinnten andrer Orte lebt das Gemeinsame, das wir zu begreifen suchen.

Allem voran ist hier zu reden vom Verkehre der Basler Humanisten und Drucker mit denen Deutschlands als von einem erlesenen Teil unsrer Stadtgeschichte. Hüben und drüben ist gleiche Sprache, gleiches Leben und das Reich die eine große Heimat Aller; eine starke unausweichliche, zugleich geistige und nationale Gemeinschaft verbindet Diese mit Jenen. Aber nur einzelne Gestalten oder Gruppen können uns dies hier vergegenwärtigen. Jene Deutschen, deren Werke hier gedruckt werden: Brassicanus Murmellius Melanchthon Heinrichman u. A., und Jene, die hier zu Besuch ankehren, die Briefe wechseln mit den Baslern. Es ist durchweg dasselbe Gefühl des Zusammenseinwollens und Zusammenhaltens der oft weit Zerstreuten, die Freude des Einen am Andern, der Wetteifer, wohl auch der Neid. Wir sehen Ulrich von Hutten mit den Basler Freunden verkehren, ebenso die stattlichen Humanistenexistenzen Peutinger in Augsburg und Pirkheimer in Nürnberg. Wie auch entlegene Provinzen dabei zur Nähe werden, zeigen die Beziehungen der Brüder Johannes und Stanislaus Turzo, Bischöfe von Breslau und Olmütz, zu Rhenan Erasmus usw.; zeigt der Besuch des Caspar Ursinus Velius aus Wien, um hier seine Gedichte drucken zu lassen; zeigt die Veröffentlichung der Sylva panegyrica, des Fünfkirchener Bischofs Janus Pannonius durch Rhenan in der Presse Frobens 1518. Caspar Vollant in Tübingen hat den einzigen Wunsch, unter Rhenans Führung in die Heiligtümer der Musen eingeführt zu werden; daher er nach Basel pilgern will. Der unermüdlich lernbegierige Benediktiner Niclaus Ellenbog in Ottobeuren, ein Freund Wimpfelings Pellicans und Ökolampads, begrüßt aus der Ferne den Erasmus in Basel und wartet sehnsüchtig auf [190] das Erscheinen des Hieronymus und des Neuen Testaments. Der kaiserliche Sekretär Jacob Bannisius hält sich im Frühling 1518, von Paris nach Trient reisend, hier auf; er besucht den Rhenan, will den Bruno Amerbach kennen lernen, kauft beim bärtigen Buchbinder Mathias Frobendrucke und bewundert die griechische Bibliothek der Dominikaner.

Auch Andre draußen empfinden den Wert des humanistischen Basel. Lebendig bezeugt dies der Stiftsherr Konrad Mutian in Gotha, der dem Froben und dem Rhenan huldigt, um ein Porträt des Erasmus bittet und um einen Katalog aller frobenischen Editionen; er treibt den Rhenan, die Pandekten und den Quintilian herauszugeben. Er selbst ediert und schriftstellert nicht; er malt sich sein Motto über die Haustür und lebt in den geliebten Büchern, die er sammelt. Wie in seinen Briefen ein heidnisch freier Geist weht, so ist auch die Schar der um ihn sich bewegenden Erfurter Humanisten von den Baslern verschieden: der Peter Eberbach, der „fröhlichste aller Sterblichen“ Crotus Rubianus u. A. Einer von ihnen, der gepriesene Poet Eoban Hessus, würde gerne nach Basel kommen, vollbepackt mit Gedichten, um sie durch Froben drucken zu lassen.

Nach den Erfurtern die Rheinländer, von dem Bibliophilen Maternus Hatt, Domvikar in Speyer, und seinen humanistischen Genossen, zu den Mainzern Konrad Weidmann, dem gefeierten Lehrer des römischen Rechts und gebornen Basler, und Dietrich Gresemund, dem Altertümler, dann zum erzbischöflichen Zolleinnehmer Christoph Eschenfelder in Boppard, einem Enthusiasten, der auf seinem Tische zwischen den Zolltabellen immer die Schriften des Erasmus liegen hat. In Koblenz aber sitzt der Offizial Mathias von Sarburg, ein vorzüglicher, in Bologna gebildeter Jurist, Besitzer einer großen Bibliothek, dem Erasmus auf der Durchreise huldigend, später ein Hauptförderer der Arbeiten Sicharts. Durch alle diese Beziehungen weht dieselbe rheinische Luft. Es ist ein Leben den ganzen herrlichen Strom entlang, von der südlichsten Rheinstadt Basel bis hinab zum heiligen Köln. Hier hat Glarean studiert und den Triumph des Poeten gefeiert. Hier leben des Erasmus Freunde Johannes Cäsarius, der Begründer griechischer Studien, und Graf Hermann von Neuenahr. Herausgeber des Einhard, der im Schicksalsjahre 1519 auf der Durchreise nach Rom Gast der Basler Humanistengesellschaft ist. Hier weilt auch zu Zeiten der unruhige, überall für den Humanismus werbende Herman von dem Busche, ein kühner Kämpfer, von Erasmus geschätzt, von Rhenanus gepriesen als eines der Häupter des neuen geistigen Deutschlands; auf seinen Wanderungen besucht [191] er wiederholt Basel. Hier in eben diesem Zentrum Köln endlich hat auch der Antwerpner Buchhändler Franz Birkman eine Niederlage; in großartiger Weise vermittelt er den internationalen Austausch, er ist für Basel wichtig als Socius des frobenischen Betriebes; diese Beteiligung, die nach dem Tode Lachners besonders stark wird, gilt namentlich dem Absatz am Unterrhein, in den Niederlanden und in England.

Höchst lebendig in diesem Gesamtbild eines großen Aufeinanderwirkens ist die Bewegung im Einzelnen, der Wechsel von Emporkommen und Vergehen. In den schönen Jugendtagen der Basler Universität und des Basler Humanismus haben wir den Johann Reuchlin als einen Teilnehmer kennen gelernt; vierzig Jahre später stand er im Glanze weitverbreiteten Ruhmes und mitten in der Erregung des großen Geisterkampfes, der aus einem Streite Reuchlins mit den Kölner Dominikanern entstanden war. Gerade jetzt kam Erasmus nach Basel, im Sommer 1514, und das Erste, was er hier tat, war ein Brief an Reuchlin. Aber Dieser hielt sich merkwürdig zurück. Auf wiederholte Schreiben des Erasmus gab er keine Antwort. Erasmus trat sogar in Rom selbst, bei Papst Leo und den Kardinälen Riario und Grimani, zu Gunsten Reuchlins ein, dessen Kölner Sache vor der Curie lag. Möglicherweise war Reuchlin wegen der Hieronymusausgabe verstimmt, deren Leitung nun dem Erasmus zufiel. Schon vorher hatte er, der lange Zeit der große Einzige gewesen, in Cono, ja auch in Bruno Amerbach Nachfolger heranwachsen sehen; jetzt vollends mußte er sich sagen, daß er der Niedergehende sei neben dem mächtig aufsteigenden und ihn aus der Führung des deutschen Humanismus verdrängenden Erasmus.

Wir nehmen Ähnliches an andrer Stelle wahr. Zur selben Zeit, da Sebastian Brant nach Straßburg gezogen war und junge Basler in der Schlettstädterschule Dasjenige suchten, was in der Heimat sich noch nicht darbot, faßte der Elsässer Pellican Fuß in Basel und rüstete Johann Amerbach die großen Unternehmungen, die den Cono nach Basel riefen. Um bei Cono zu sein, wurde Rhenan in Basel heimisch; dann trat Froben das Erbe Amerbachs an, und Erasmus kam. Wie dies Alles einen Wendepunkt schuf in der Basler Geistesgeschichte, so besonders im Verhältnisse Basels zum Elsaß. Eine neue Machtverschiebung geschah. Das stets überlegen gewesene Basel wurde jetzt zur unbedingt herrschenden Humanistenstadt. Seine große oberrheinische Funktion, die durch den Bund von 1501 Vieles im Politischen eingebüßt hatte, wurde auf geistigem Gebiete in der edelsten Weise gestärkt.

[192] Brant ist noch immer der Hochverehrte. Wie Erasmus auf der Reise nach Basel 1514 durch die Straßburger Sodalen bewirket wird, ist ihm die größte Freude, als deren Haupt diesen Sebastian Brant zu sehen, den er liebt und der ihm außerhalb alles Gewohnten steht. Der Verfasser des Lobes der Narrheit begrüßt den Dichter des Narrenschiffes. Im August 1520 trifft er wieder mit ihm zusammen, in Antwerpen, anläßlich der Gesandtenreise Brants an den kaiserlichen Hof. Hie und da besucht Brant auch das ihm einst Heimat gewesene Basel. Der Rat erweist ihm bei solchen Gelegenheiten die offiziellen Ehren; er findet seinen Freund Bergman wieder; die Humanisten feiern ihn. Aber neben den jetzt Geltenden und Wirkenden macht er einen antiquierten Eindruck.

Das Gleiche gilt von seinem Genossen Jakob Wimpfeling. Er steht in wechselndem Scheine; bald ist er ehrwürdiger Herrscher der oberrheinischen Humanisten, bald überlebt müde und moros. Von Basel aus hat er einst gefochten wider die Schweizer und die liederlichen Kleriker. Auch dem alten Amerbach hat er bei den Editionen geholfen. Mit Leontorius ist er befreundet gewesen. Jetzt ist noch immer Bischof Christoph sein Patron und seine Zuflucht. Aber sonst besteht wenig Zusammenhang mehr. Seine mit Erasmus im September 1514 gewechselten Briefe begründen nicht Nachbarschaft und Verkehr; sie schließen vielmehr in fast monumentaler Weise eine Periode. Wimpfeling fühlt, daß andere Kräfte obenauf sind, daß die Zeit ihn überholt hat. Die Welt ekelt ihn. In Basel, dem Erasmus nahe, möchte er ausleben.

Das Elsaß von heut aber hat als Vertreter in Basel den Rhenanus. Hinter Diesem liegt das weite schöne Land, das so vertraute Gebiet mit seinen humanistischen Sodalitäten. Allenthalben leben die elsässischen „Besieger der Barbarei“, die mit den Baslern verbunden sind; sie bringen ihnen die Frische des Lebens, sie empfangen von ihnen Lehren und Ideen.

Eindrücklich vor Allem ist die Schlettstädter Gruppe, in der zu Ende des zweiten Jahrzehnts, anläßlich der Anwesenheit Rhenans, neues Leben erwacht. Mit dem gelehrtesten aller Äbte Paul Bolz, dem Erasmus die neue Ausgabe des Enchiridion widmet. Mit dem Büchersammler Martin Ergersheim. Mit den kräftigen Figuren Phrygio und Sapidus.

Paul Phrygio, ein Freund des Amerbachhauses, nach kurzer Tätigkeit an der Basler Universität und in Eichstätt 1518 zum Pfarrer in Schlettstadt gewählt, ist kein Jüngling mehr. Im ersten Auftreten verheißt er wenig; aber er offenbart sich, sobald er ins Reden gerät. Der humanistischen Sache mit demselben leidenschaftlichen Feuer hingegeben, das ihn sein Pamphlet wider das Papsttum schreiben läßt.

[193] Johann Sapidus, der mit Bruno Amerbach zusammen in Paris studiert hat, ist seit 1510 Rektor der Schule in seiner Heimat Schlettstadt. Durchaus so lebendig, so eingreifend und schöpferisch, daß einer seiner Schüler, Thomas Platter, später meint, damals erst seien „die studia und linguae aufgegangen“. Er führt das Griechische als Lehrfach ein. An der Spitze einer nach Hunderten zählenden Schülerschar, in reger literarischer Tätigkeit, von starker und gewinnender Art, ist Sapidus der Fürst im kleinen Schlettstadt. Gegenüber Basel aber erscheint er durch Manches — begeisterte Schreiben an Bruno Amerbach u. A., dichterische Huldigung an die Sodalität, Empfehlung von Besuchern — als der beredte Wortführer des jungen Elsasses. Er beneidet Alle, die ihr guter Stern in Basel leben läßt.

Straßburg liegt nicht nur geographisch entfernter von Basel; es hält auch an sich mehr Distanz. Vor kurzem noch klagten die Humanisten über die Musenfeindschaft dieser Stadt. Aber jetzt ist da Otmar Luscinius zu finden, eine Gestalt voll jugendlicher Frische, durch zahlreiche Reisen mit ganz Süddeutschland, aber auch mit Italien Griechenland Kleinasien vertraut geworden; begeisterter Kenner des Griechischen; Musiktheoretiker und Virtuose, der beim erasmischen Symposion 1514 die Tafelrunde durch sein Spiel auf der Hirtenflöte entzückt. Da ist Hieronymus Gebwiler, der in Basel studiert hat, dann des Bonifaz Amerbach u. A. Lehrer in Schlettstadt gewesen ist und nun die Straßburger Domschule leitet. Dem Domvikar Lucas Bathodius (Hackfurt) widmet Rhenan 1520 seine Ausgabe der Panegryci dem Thomas Rapp 1515 den Ludis Senecae; Rapp dient ihm später durch Vermittelung eines Tertulliancodex aus Hirsau. Sympathischer als Alle ist Jacob Sturm, dem einst Straßburg und ganz Deutschland Großes verdanken werden; jetzt in der anmutigen Bescheidenheit seiner Jugend, bei allem Wissen, gewinnt er sich das Wohlgefallen des Erasmus. Noch Einer lebt in Straßburg, mit dem die Basler verkehren: Otto Brunfels. In der Einsamkeit seiner Karthäuserzelle verlangt er nach gelehrtem Gespräche, nach einem Zusammensein mit Gleichgesinnten bei coena und Spaziergang; seine Briefe, die nach Basel gehen, voll überschwänglicher Hingabe an Erasmus und Rhenan, sind Zeugnisse dieser Sehnsucht.

Der Augustinermönch Niclaus Bruckner in Colmar, dann in Mülhausen, vertritt ein sonst nicht merkbares geistiges Leben der letztgenannten Stadt; er korrespondiert mit den Basler Humanisten und bezieht durch sie Drucke des Plinius, des Cicero, des Persius u. A.; er treibt auch mathematische und astronomische Studien; den Brüdern Bruno und Bonifaz Amerbach fertigt er ihre Horoskope.

[194] Ein eigenartiger Humanist des Elsasses ist der Colmarer Dekan Jacob Carpentarii (Zimmermann) aus St. Pilt. 1485 Student in Basel, dann Chorherr zu St. Peter daselbst. Hauptsächlich bekannt aber wird er uns durch seine diplomatische Tätigkeit alle die Jahrzehnte hindurch im Dienste der Stadt Basel, des Herzogs Karl von Savoyen, des Bischofs Christoph von Basel. Die ihn bei solchen Geschäften kennen gelernt, rühmen ihn als „eine geschickte verständige dapfere gelehrte person, der sprachen latin tutsch und welsch wol bericht und wüssend“. Daneben ist wichtig, daß er 1489—1492 die Professur der Poesie an der Universität Basel versieht und in der Folge bei den oberrheinischen Humanisten den Ruhm eines ausgezeichneten Förderers der Studien hat. In seinem Dekanatshaus in Colmar besitzt er eine große Bücherei; hier findet Rhenan eine alte Handschrift des Tertullian, die das Kloster Peterlingen s. Z. dem Carpentarii geliehen hat.

Mit der Betrachtung dieser Einzelnen verbindet sich der Gedanke an ihre persönlichen Beziehungen zu den Humanisten in Basel. Aber auch der Gedanke an die Macht des Allgemeinen und dauernd Gemeinsamen in Streben Arbeit und Kampf, auf dem der Reichtum jedes Einzellebens notwendig ruht. Dies Gefühl geistigen Beisammenseins, nach jeder Seite hin wirkend, ist doch am stärksten in diesem Verkehre mit dem Elsaß, wo es an uralte Zusammenhänge sich lehnt. Auch abwesend leben die Elsässer Freunde in Basel; dem Erasmus ist bei jedem Frühmahl und Abendmahl, bei Spaziergang und Gespräch Sapidus gegenwärtig, auch wenn er in Schlettstadt weilt.

Das breisgauische Freiburg bedeutet weniger für den Basler Humanismus als das Elsaß. Schon sein Leben an sich erscheint schwächer. Auch wird jede der beiden Städte durch ihre Universität der andern fernegehalten. Es ist ein Fremdsein, das der Geringfügigkeit der Relationen politischer und wirtschaftlicher Art entspricht.

Die namhaftesten Beziehungen der früheren Zeit zeigt uns der Freiburger Karthäuserprior Gregor Reisch. Um seiner Gelehrsamkeit willen ein Stolz des Ordens, ohne Rast arbeitend, von encyclopädischem Wissen. Rhenan verlangt seine Hilfe für die Edition des Cusanus durch Faber; für ihn verfaßt Pellican eine hebräische Grammatik; er besorgt die Ausgabe der Ordensstatuten durch Amerbach 1510; kaum ist Erasmus in Basel, 1514, so wirbt er die Mitarbeit des Reisch für den Hieronymus.

Auch des Lektors der Eloquenz und Poesie in Freiburg, Philipp Engentinus (Engelbrecht), gedenken wir. Er ist der feurige Gegner aller alten Manier, durch Kleidung und Bart den Kollegen ein Greuel, aber bei der [195] Jugend gefeiert als der froheste aller Poeten. Er verkehrt viel mit den Baslern, besucht sie oft, läßt 1515 hier sein Preisgedicht auf die Stadt Freiburg neu drucken und steuert zu den Topica des Cantiuncula in einer Reihe prächtiger Distichen einen Hymnus auf diese Zeit, in der alle Wissenschaften erneuert werden, frühere Mächte und Geister wieder erwachen.

Die große Gestalt unter den Freiburgern aber ist Ulrich Zasius.

Ehe er, achtundvierzigjährig, im Jahre 1506 die ordentliche Lektur des römischen Rechts an der Universität übernahm, hatte er in Verwaltungsdienst und politischem Geschäft, im Schulehalten und als Lehrer der Poesie die Stärke seines Geistes erwiesen. Alles schloß sich nun zusammen zu derjenigen Erscheinung eines in voller reifer Kraft wirkenden Mannes, die einige Jahrzehnte lang unsere Vorstellung von Freiburg beinahe völlig beherrscht. Zasius war auch in der Jurisprudenz durchaus Humanist. Freiheit von der traditionellen Autorität der Glossatoren und Rückkehr zu den Quellen fordernd, glänzend beredt, das gepflegteste Latein schreibend, von ausgedehntem Wissen; dabei heiß und leidenschaftlich in seinem Wesen, von mächtiger persönlicher Eindrücklichkeit. Als die außerhalb Basels am Oberrhein am meisten vortretende Humanistenfigur hat Zasius zu gelten. Nach allen Seiten war er anregend, auf allen Gebieten voll Interesse. Er stand dem Brant und dem Wimpfeling nahe; noch enger waren seine Beziehungen zu Basel, wo er sich geradezu als Genossen der Sodalitas fühlte. Hier hatte er seinen Schüler Bonifaz Amerbach, hier den Cantiuncula; den Rhenan nannte er seine „Wonne“; noch war Ökolampad sein Freund. Aber der Höchste war ihm Erasmus. Dem in Basel kaum Angekommenen, 1514, huldigte er sofort in einem Erguß schwärmerischer Verehrung; in ähnlichen Tönen erwiderte Erasmus diese „Aufforderung zur Freundschaft“. Von da an ging der Briefwechsel der beiden berühmten Nachbarn weiter, voll Geist, erlesener Kunst des Stiles, eleganter Schmeichelei; wohl die stärkste Korrespondenz, die Erasmus in Deutschland hatte.

Zu den oberrheinischen Humanisten kann auch die Gruppe am Bodensee gerechnet werden.

Konstanz freilich galt Vielen als „ein von den Musen verlassener Ort“; der Engländer Pace urteilte, daß es keine Gelehrten besitze und keine Bücher. Aber die dortigen Freunde unserer Basler zeigten, wie wenig Grund ein solches Urteil hatte.

Da war Johann von Botzheim, Domherr seit 1512, nachdem er ein Jahrzehnt lang in Straßburg mit Wimpfeling Geiler Luscinius u. A. gelebt hatte. Jetzt war er der große Humanistenfreund in Konstanz. Ohne [196] eigene nennenswerte Produktion. Aber sein schönes Haus am Ufer, dessen Wände mit biblischen Historien und den Göttergestalten des Olympus geschmückt waren, wo das von Holbein gemalte Altärchen stand, wo Musikinstrumente zum Gebrauche bereit lagen samt der reichen, einst aus Italien mitgebrachten Bibliothek, war die stets offene Gelehrtenherberge. Da genoß er die Alten und empfing er seine Freunde. Er selbst „ein guter Musicus, ein holdseliges höfliches Männlein“; so heitern Wesens, daß er selbst einen Toten hätte zum Lachen bringen können.

Da war der Generalvikar Johann Fabri, den wir schon kennen. Auch er gepriesen als Mäcen und Gastfreund der Gelehrten. Musis dictantibus schrieb er seine Briefe, nach dem Diktate der Musen. Zuweilen kam er selbst herab und besuchte die Basler Freunde, den Pellican, den Ludwig Bär, die Buchdrucker. Aber schon damals nahm man wahr, wie er Schmeichelei liebte und gebeten sein wollte.

Urban Rhegius, 1512 Professor der Rhetorik und Poesie in Ingolstadt, seit 1518 in Konstanz lebend als Pleban am Münster, besucht Basel 1519. Er bringt seinen Ingolstädter Ruhm mit und die guten Empfehlungen des Zasius. Hier in Basel vollendet er sein theologisches Studium. Dann geht er nach Augsburg und wird dort Domprediger.

Noch anziehender vielleicht als diese Konstanzer ist ihr Nachbar überm See, Michael Hummelberg. Nach den bewegten Jahren seiner Ausbildung in Heidelberg Paris und Rom lebt er einsam in Ravensburg und hütet im elterlichen Hause die unverheirateten Schwestern. In der Stimmung eines Mannes, der sich abseits fühlt. Der sehnsüchtig nach allen Seiten hin horcht, nach Novitäten aus der Welt der Gelehrten und der Drucker dürstet, nach Besuchen von Freunden verlangt. Mit Bruno Amerbach und Rhenan verbinden ihn Erinnerungen an die Pariser Studienjahre. Auch den Ludwig Bär, den Froben, den Capito, den Ökolampad nennt er seine Freunde. Aber er bleibt in seinem Ravensburg, „im stillen Röhricht Pfeifen schneidend“. Mit Rhenan Peutinger Bebel u. A. korrespondiert er über die germanischen Stämme und ihre Wohnsitze; gelegentlich unterrichtet er die Konstanzer Freunde im Griechischen oder macht Besuche bei den Mönchen in Weingarten und Salem. Wie reich innerlich das Leben dieses einsamen Humanisten war, das schon mit vierzig Jahren zu Ende ging, zeigt sein ausgedehnter Briefwechsel. Die von ihm verfaßte griechische Grammatik, sein einziges Werk, trat erst nach seinem Tod ans Licht, 1532, bei Herwagen in Basel.

[197] Dem Allem gegenüber zeigen uns die Beziehungen zur Schweiz ein anderes Bild. Von Gegenseitigkeit ist wenig zu merken. Wir haben es mit der Provinz, stellenweise beinahe mit Kolonisationsgebiet zu tun.

Wir übersehen die Berner Wölfflin Anshelm Rubellus keineswegs; auch nicht den reichbegabten Peter Falk in Freiburg. Aber sie sind vereinzelt, und ihre Wirkung ist eine beschränkte. Mit Bitterkeit wird an vielen Orten des Landes empfunden, daß es in Barbarei und Rustizität dahinlebe.

Nur allmälich regt sich der neue Geist in weitern Kreisen. Die großen Basler Jahrzehnte sind zugleich die Zeit, da auch die Schweiz erwacht. Sie schickt sich an, „zum kriegerischen Ruhme nun noch den wissenschaftlichen zu erwerben, die strahlende Minerva dem Mars zu vermählen“. Aber der Anstoß hiezu kommt von Basel. Überall in der Schweiz ist ein beständiges Schauen, ein beständiges Horchen nach diesem Basel, das schon ökonomisch und durch eine freie reiche Entwickelung des Bürgertums der übrigen Eidgenossenschaft voran ist, dem der größte Gelehrte der Zeit und eine ruhmreiche Sodalitas und eine Universität angehören, dessen Drucker die Welt mit Büchern versorgen.

Voll Reiz ist die nun anhebende Bewegung. Wer in der Schweiz etwas werden, wer höher hinaus will, der muß nach Basel gehen und hier wissenschaftliches und geistiges Wesen kennen lernen. Aus Luzern kommen Myconius Collinus Carinus, später Johann Lylotectus, aus Brugg Albert Bürer nach Basel. Die Zofinger Chorherren sind für das Einbindenlassen ihrer Bücher auf Basel angewiesen. Aber am lautesten tönt es aus der Ostschweiz. In Basel studieren Marx Bertschi aus dem Thurgau, die St. Galler Johann Keßler und Johann Rütiner. Die Karthäuser zu Itingen kaufen Bücher in Basel und geben eine Hymne zu Ehren des Hl. Laurenz bei Froben in Druck. Der Bündner Artolf findet seine Heimat in Basel, während der alte amerbachische Hausfreund Salandronius jetzt in Chur sitzt und von dort durch Briefe mit den Baslern weiter lebt. Namentlich aber zeigen sich hier die aufgeweckten Glarner, die Fontejus Bünzli Heer Tschudi u. A., an der Spitze des ganzen Chores Glarean. Auch Zwingli gehört zu dieser Gruppe. Er ist s. Z. in Basel geschult worden; jetzt steht er mit der Rheinstadt in regstem Verkehre, dessen Inhalt die Freundschaft mit Rhenan und andern Sodalen, der Erasmuskult, die unaufhörlichen Wünsche des Büchersammlers sind.

Das Alles ist wesentlich einseitig, in der Hauptsache Wirkung Basels. Wie mächtig dabei die Superiorität dieser Stadt empfunden wird, zeigt die [198] ihr durch den jungen Zürcher Gerold Meyer von Knonau dargebrachte schwärmerische Huldigung.

Als imponierende Einzelgestalt kommt auch in diesen Beziehungen Matthäus Schiner zur Geltung. Wir wissen, wie sehr in dieser Zeit die Politik Basels nach seinem Willen orientiert ist. Aber er hat hier noch andern Verkehr. Neben Jacob Meyer Gerster und Genossen ist ihm der Kreis der Humanisten vertraut. Vor Allem Erasmus selbst. Wie Dieser im Mai 1517 in Antwerpen weilt, sucht ihn Schiner auf, und die beiden so verschiedenen Menschen sitzen zusammen in eifriger Unterhaltung, die bald dem Neuen Testamente gilt, bald den politischen Plänen des Kardinals. Wenige Jahre später wieder treffen sie sich am kaiserlichen Hofe, und Schiner treibt den Erasmus an die Ausarbeitung der Paraphrase zum Jacobusbrief. Dazu das Leben in Basel selbst, die Huldigung der ganzen Sesselgemeinde. Wie Capito dem Schiner gefällig ist durch Verdeutschung und Publikation des römischen Spruchs in seinem Streite mit Jörg von der Flüe; wie Cantiuncula ihm, „cui theatrum plaudit universum“, sein Erstlingswerk die Topica widmet; wie Rhenan ihm und seinem Sekretär Michael Sander nahe steht und ihm gelegentlich politische Nachrichten aus dem Reiche vermittelt; wie Schiner dem Papste die Basler Edition des Hieronymus empfiehlt; wie er dem Fontejus zwei seiner Neffen zur Erziehung gibt und dem Fuhrmann, der ihm Wein aus dem Elsaß holt, die nach Zürich bestimmten Bücherballen in Basel aufladen läßt, — überall zeigt sich die Fülle des Lebens; politische und persönliche, kirchliche und wissenschaftliche Interessen drängen sich in der Berührung mit dem gewaltigen Manne.

Sodann der St. Galler Joachim Vadian. Aus einer vieljährigen wichtigen Gelehrtentätigkeit in Wien 1518 in die Heimat zurückkehrend, ist er hier, was die andern Alle nicht sind, ein weithin berühmter Gelehrter. Seine Wiener Freunde beklagen ihn, weil er nun bei den unwissenden Bauern, bei den Kühmelkern wohnen müsse. Aber sofort sieht er sich nach dem ihm Gemäßen um. Er sucht Basel nahe zu kommen. Er sucht Beziehungen zu Erasmus. Er gewinnt die Freundschaft Rhenans. Und da sein Wiener Verleger den zweiten Druck des Pomponius Mela mit Vadians Kommentar dem Cratander überträgt, kommt es zum Verkehre dieses Basler Druckerherrn mit dem St. Galler Humanisten, der sich gibt wie ein Verkehr zwischen Gleichgesinnten.

An Deutschland schloß sich die übrige Welt.

Die Beziehungen des Basler Humanismus zu den Niederlanden waren eine Sache fast ausschließlich des Erasmus. Dort hatte er seine Heimat, [199] dort die Freunde Roger Gerard Geldenhauer Barbirius Gilles u. A. Sie scheinen den übrigen Baslern so gut wie fremd geblieben zu sein; nur gelegentlich zeigt sich uns ein Verkehr des Gilles mit Rhenanus.

Namentlich aber steigt aus der mächtigen Gesamterscheinung dieses von allem Glanze des Lebens und von reichster Tätigkeit erfüllten Landes die Stadt Löwen vor uns auf mit ihrer bald ein Jahrhundert alten berühmten Universität, mit ihrem großen Buchdrucker Dierck Martens, dem „Aldus der Niederlande“, mit dem durch Hieronymus Busleiden gestifteten und 1517 unter Mitwirkung des Erasmus eingerichteten collegium trilingue, einer humanistischen Lehranstalt für die drei Gelehrtensprachen. Am meisten in diesem Löwen hat sich Erasmus während seiner Abwesenheit von Basel aufgehalten; hier wirkten seine Freunde Konrad Goclenius, Adrian von Barland, Martin von Dorp u. A.


England hat den Reiz einer mit der Monarchie der Tudor wie neu erstandenen und sofort groß und glänzend wirkenden Kraft. Es ist die Zeit, da neben Oxford und Cambridge der Hof des jungen Heinrich VIII. eine Stätte geistigen Lebens wird, sedes et arx optimorum studiorum. Es ist das Zeitalter des Johann Colet und des Thomas Morus, im Verkehre mit welchen Erasmus früh seine stärksten geistigen Erlebnisse gehabt hat. Es ist auch das Zeitalter der Thomas Wolsey, Thomas Grey, Andreas Ammonius, Wilhelm Warham, Richard Pace. Diese Alle sind gleichfalls Freunde des Erasmus; was zwischen ihnen und Basel geschieht, ist wesentlich erasmisch. Es ist auch sein Werk, daß Schriften von Colet Morus Tunstall in Basel gedruckt werden.

Dem Thomas Grey erscheint diese Stadt als der begehrenswerteste Ort sichern und edeln Lebens; auf besondere Weise kommt Richard Pace für sie in Betracht.

Von seinen italiänischen Studienjahren her Freund des Erasmus, mit dem er damals in Ferrara bekannt geworden, durch Budaeus gepriesen, durch Wolsey in selbständige politische Tätigkeit eingeführt, kam Pace 1514 und 1515 als Gesandter des englischen Königs in die Schweiz. Er hielt sich zeitweise in Basel auf, für seine Geschäfte hauptsächlich mit dem Ratsherrn Hans Stolz, sonst mit den Sodalen des erasmischen Kreises verkehrend. Der etwa dreißigjährige Mann, gründlicher Kenner der alten Sprachen und Literaturen, schrieb hier den Tractat De fructu qui ex doctrina percipitor, der 1517 bei Froben gedruckt wurde. Zur Unzufriedenheit des Erasmus, der sich in dem Buche nicht genügend vorteilhaft geschildert fand. Pace verfaßte [200] dieses Buch neben seiner Diplomatenarbeit, zur Erholung von ihr, zur Entschädigung für sie. Denn seine Lust waren die Studien, während er die Staatsgeschäfte haßte, in die er verstrickt war. Und doch standen ihm gerade auf diesem Gebiete noch die größten, freilich ergebnislosen Aufträge bevor: seinem Könige Heinrich die Kaiserkrone, seinem Meister und Gönner Wolsey die Papstkrone zu verschaffen. Erst nach Jahren, 1528, ward ihm die Befreiung aus dem Staatsdienste zuteil, die Möglichkeit der Rückkehr in sein wellenumrauschtes Vaterland und „zu den Musen, die noch süßer sind als das Vaterland“.


Im Verhältnisse zu Frankreich treten neben eine seit alters geltende Tradition neue Kräfte und Anregungen.

Vor Allem ist das Studium an der Pariser Universität zu beachten. Aber dieses Studienbild, samt Allem was daran hängt, erscheint gerade jetzt eigentümlich bewegt durch das umgebende Alltagsleben, das voll ist von Bewußtsein und Leidenschaft des nationalen Gegensatzes. Während das ganze Oberrheingebiet sich erregt und rüstet wider die „wälsche Gefahr“, bilden sich in Paris die jungen oberrheinischen Humanisten; in der Schweiz aber mahnt Schiner, die Studenten nach Wien zu schicken, nicht nach Paris, „wo sie dem Kaiser verloren gehen“.

Noch an Andres ist zu denken. Schon im fünfzehnten Jahrhundert, dann unter der Herrschaft des Bündnisses der Eidgenossen mit Frankreich von 1499 haben königliche Stipendien für Schweizerstudenten der Universität Paris bestanden; nach dem Frieden von 1516 nimmt König Franz dieses Verhältnis wieder auf und bewilligt für jedes Ort ein Studentengeld von hundert Franken im Jahre. Das Ergebnis dieser Pariser Studien würde sich vielleicht im Denken und Arbeiten jedes Einzelnen verfolgen lassen, sowohl Äußerliches als Innerstes treffend, bald nur streifend und momentan aufrüttelnd, bald auf das ganze geistige Leben wirkend.

Bei diesem denkwürdigen Rapporte zweier Kulturen haben wir sowohl das Verbindende zu erkennen als das jedem Teil Eigene.

Das Gemeinsame ist deutlich verkörpert in einer Figur wie Ludwig Bär, der während einer ungewöhnlich langen Zeit sich in Paris gebildet und diese Studien dann auch in sehr ehrenvoller Weise geschlossen hat, so daß er lebenslang gleichsam im Glanze dieser Pariser Jahre steht.

Ein andrer Basler, Ludwig Copus (Kopp), ist völlig zum Franzosen geworden. In Basel 1478/79 imatrikuliert erlebte er hier die Anfangszeiten des Humanismus. Er lernte Griechisch bei Johann Heberling aus Gmünd, [201] einem Schüler Reuchlins, daher Dieser später den Copus als seinen Enkel im Geiste begrüßen konnte. Copus trieb aber namentlich das Studium der Medizin und wurde 1495 Doctor dieser Wissenschaft. Von da an gehört er Paris, wo Laskaris Erasmus Aleander ihn weiterbilden. Er wächst rasch zum berühmten Manne. Den Erasmus heilt er vom Quartanfieber, den Jacob Faber von der Schlaflosigkeit; dankbar nennt ihn Erasmus den princeps artis medicae und widmet ihm seine Ode über die Hinfälligkeit des menschlichen Lebens. Er ist Leibarzt der Könige Ludwig XII. und Franz I. Neben der Praxis einher geht seine wissenschaftliche Arbeit. In ganz bestimmtem Geiste. Die Bibliothek des Copus enthält Homer, die griechischen Rhetoren u. A. m. Er ist einer der humanistisch hochgebildeten Ärzte gleich Occo Leonicenus Linacre. Er übersetzt den Paulus Aegineta, den Galen, den Hippokrates. Was Andre für Dichter und Philosophen tun, tut er hier. Auch die klassischen medizinischen Autoren sollen das Licht ehemaliger Herrlichkeit wieder gewinnen, in ihrer ursprünglichen Kraft wirken können. Durch ihn „fängt auch die Medizin wieder zu sprechen an“. So ist er in seiner Disziplin ein „treuer Diener der Musen“, und seine immer wieder laut werdende Lobpreisung durch Erasmus bedeutet mehr als nur schöne Phrase. Copus ist in der Tat eine der reichen Gestalten jener Zeit; denn auch an ihm ist nichts Einseitiges, nichts schematisch Beengtes. Weit hinaus klingt sein Name. Sowohl Deutschland als Frankreich nehmen ihn in Anspruch, und Paolo Giovio stellt sein Bild in die Galerie der berühmten Männer.

Aber auch an Erasmus selbst ist hier zu denken. Wie er jetzt Basel gehört, wie die Niederlande und England ihn als einen der Ihren preisen, so hat er entscheidende Zeiten in Paris zugebracht; die Beziehungen zu den dortigen Gelehrten Budaeus und Jacob Faber begleiten ihn durch sein Leben.

Von der Universalität dieser Einzelnen hinweg führt uns wieder in die Heimat und ein engeres Dasein, was die einstigen Pariser Scholaren Amerbach Rhenan Hummelberg Sapidus usw. als Jugend- und Studienerinnerungen auszutauschen lieben. Die Jahrzehnte entlang tönen zwischen den gereiften und die Last der Arbeit tragenden Männern diese Exclamationen stets aufs Neue. Bis zum schönen Nachrufe Rhenans an Hummelberg, bei Edition der von Diesem hinterlassenen griechischen Grammatik.

Eine Spezialität innerhalb der französischen Beziehungen bilden die Büchersachen.

Vom Druck erasmischer Werke in Paris, von Büchersendungen, die aus Paris nach Basel und über diesen Umschlagsort weiter nach Osten gehen, ist viel [202] die Rede. Wir lernen auch den Basler Buchhandel in Paris selbst kennen; wir hören von seinen Faktoreien in der Rue St. Jacques, die mit dem Baselschild und den Basilisken bezeichnet sind. Vor einem dieser Gewölbe sieht Pellican im Mai 1516 die soeben angekommenen Fässer liegen mit den frischen Exemplaren des Neuen Testaments der Basler Ausgabe. Hinter dem Allem stehen ein paar große Gestalten: der Verleger Jean Petit, der zu Zeiten die Pressen von nicht weniger als fünfzehn Druckereien beschäftigt; der gelehrte Drucker Jodocus Badius, überaus produktiv, Typograph des Erasmus und mit Rhenan befreundet; der Drucker Stephanus, dem Rhenan in jungen Jahren als Korrektor gedient hat.

Dieses Pariser Buchwesen ist eine Erscheinung voll Macht und Leben. Aber noch wichtiger für Basel ist seine römische Schwesterkolonie Lyon.

Schon als Druckort ist diese Stadt im Charakter ihrer Produktion verschieden von den durch die Sorbonne beherrschten Pariser Offizinen. Aber ihre Bedeutung ist noch viel allgemeiner. Über Lyon zieht neue italiänische Kultur in Frankreich ein. Großstädtisch geartet seit den Tagen, da es Hauptstadt des römischen Galliens gewesen, ist es jetzt einer der mächtigsten europäischen Handelsplätze. Hier entwickelt sich auch der größte Büchermarkt von Südeuropa. Dessen Verbindung mit dem deutschen Buchhandel aber geht über Basel, und dieses Basel selbst ist in allen Beziehungen des Buchgewerbes aufs engste mit Lyon verbunden; seinen Offizinen gibt die Lyoner Messe so gut die Termine wie die Frankfurter.

In Jean Grolier tritt die romanische Welt der Bücher den Baslern eigenartig entgegen; er ist der berühmte Bibliophile, der die schönsten Ausgaben sammelt und sich die schönsten Einbände anfertigen läßt, aber auch der liberale Gönner der Gelehrten, sodaß bei Diesen, wie Rhenan meint, Keiner ist, der den Namen Grolier nicht wie den eines Heiligen verehrt. Er selbst preist ihn als patronus musarum und widmet ihm eine seiner Editionen; auch von Erasmus haben wir einen Schmeichelbrief an den mächtigen Literatenfreund.

Hier ist aber namentlich zu reden von einigen Basler Figuren des Buchgewerbes.

Johann Schabler genannt Wattenschnee verbindet in seiner Person die Anfangszeiten des Buchgewerbes von Basel mit den jetzigen Zuständen. Er ist zugleich mit seinem Landsmanne Niklaus Keßler aus württembergisch Bottwar hier eingewandert und wird 1473 bei der Universität immatrikuliert. Aber schon frühe wendet er sich nach Frankreich. Seit 1483 ist er in Lyon nachzuweisen, als Drucker mit Martin Huß, gleichfalls einem Bottwarer, [203] zusammen, dann als Buchhändler. 1495 erwirbt er Bürgerrecht und Haus in Basel. Aber sein Gewerbe treibt er vorzugsweise in Frankreich. Von dort aus verkehrt er mit Amerbach in Basel, mit Koberger in Nürnberg usw. In Lyon hat er sein Geschäftshaus mit dem Baselschild; aber er lebt auch in Paris, als Verleger, längere Zeit mit Jean Petit zusammen. Bei dem Allem wird er selbst zum halben Franzosen, sodaß seine Basler Bekannten finden, er habe schon allzuviel gallische Hinterlist angenommen, um noch für einen biedern Deutschen gelten zu können. Zu Ende der 1510er Jahre scheint Wattenschnee, vielleicht aus persönlichen Gründen Paris meidend, sein Standquartier in Basel genommen zu haben; fortan ist er hier Sortimenter und Verleger, der stattlichste Repräsentant einer nach Westen orientierten Gruppe im Buchgewerbe.

Wattenschnees Ehefrau ist Claudia Vaugri, deren Vetter Johann Vaugri ein Buchhändler, der seit Beginn der 1520er Jahre meist in Lyon, aber auch in Paris, in Genf, in Basel, auf den deutschen Messen zu treffen ist. Als Wattenschnees Faktor oder Gemeinder führt er mit Michel Parmentier zusammen ein Buchgeschäft à l'écu de Bâle in der Rue Mercier in Lyon.

Auch Konrad Resch gehört zu dieser französischen Gruppe. Ein Schwabe aus Kirchheim am Neckar; 1508 Wolfgang Lachners Faktor in Lyon; dann studiert er in Tübingen; seit 1515 zeigt er sich uns als Buchhändler in Paris. Er ist der Verleger, für den Heinrich Stephanus 1519 die colloquiorum formulae des Erasmus nachdruckt. In der beständigen unruhigen Bewegung, die dem Gewerbe eigen ist, entwickelt sich vor uns auch Reschs Verkehr mit Basel. In allen möglichen Formen. Geschäftlich und rein persönlich. Als Schwestersohn Wattenschnees ist er der Vetter des Bruno Amerbach. Für Rhenan, für Erasmus, für Glarean, für Zwingli usw. besorgt er Bücher und vermittelt er Briefe. Er ist gelegentlich Verleger Frobens. Es selbst reist oft nach Basel und bringt jedesmal das Neueste aus Paris mit. Bis zuletzt auch er sich in Basel fixiert und hier 1522 Bürger wird, unter Beibehaltung seiner Pariser Geschäftsstelle.


Und nun Italien!

Wir sehen da in den lebendigen Gang einer Wandlung hinein. Das die frühere Zeit Deutschlands beherrschende Gefühl, im Gebiete wissenschaftlichen Lebens von Italien Großes zu erhalten und nur Weniges ihm zu geben, ist im Humanismus dieser Jahrzehnte ersetzt durch den Stolz einer neuen Generation von Menschen und Gelehrten. Einer Generation, die weiß, daß die Welt das ungeheure Geschenk der Buchdruckerkunst den Deutschen [204] verdankt, und die auch im Blick aus ihre eigene Leistung keineswegs als nur empfangend gelten will. Von diesen Stimmungen, die bis zum stärksten Bewußtsein des Gegensatzes und zum Wettkampfe mit der superba Italia wachsen, wird noch zu reden sein. Wie Celtis vor dem Italienlaufen warnt, so kämpft hier am Oberrheine Wimpfeling dagegen; er bestreitet, daß irgend Etwas dazu nötige, die Bildung im Auslande zu suchen.

Freilich, die Sehnsucht nach Italien ist unbesiegbar. Neben Kaufleuten Söldnern Pilgern ziehen auch Humanisten hinüber. Sie suchen den Weg zum Glanz italiänischer Universitäten, zu vielverheißenden Bibliotheken, zu Altertümern, zur Herrlichkeit der Welthauptstadt. Dem Cantiuncula prophezeit Agrippa, daß ihm, wenn er einmal Italien gesehen haben werde, „jedes andre Vaterland“ nur häßlich und gemein erscheinen könne. Noch in späten Jahren fühlt Pellican die tiefe Ergriffenheit wieder, die damals über ihn gekommen, als nach langer Reise vor ihm die Türme und Hügel von Rom aufstiegen „in der schönen Majestät ihres alten Ruhmes.“ Und welche Begeisterung bei Erasmus, welche sehnsuchtsvolle Schilderung seiner dort gelebten Zeiten! „Meine Seele ist in Rom“, schreibt er.

Aber die Wenigsten unsres Kreises sind in Italien gewesen. Wie Brant Wimpfeling Zasius niemals die Alpen überschritten haben, so wissen auch Capito Rhenan Bonifaz Amerbach Froben u. A. nichts vom schönen Süden. Bruno Amerbach ist kurze Zeit und unbefriedigt dort gewesen, Glarean nur bis Pavia gekommen und hat auch dort nicht gefunden, was er gesucht.

Ludwig Bär geht erst spät hinüber, in einer veränderten Welt.

Uralt herkömmlich, tief begründet, in ihren Wirkungen oft übermächtig sind die geistigen Beziehungen zu Italien. Dennoch sind der einzelnen Zeugnisse eines solchen Verkehrs unsres Kreises befremdlich wenige.

Wir können den Venetianer Johannes Baptista Egnatius nennen, einen Schüler des Angelo Poliziano und Herausgeber von Klassikern; mit Rhenan und Glarean steht er in Verbindung, durch Hutten schickt er 1517 seine Kaiserbiographien dem Erasmus, mit dem er lebenslang verbunden bleibt.

Auch dem Antonio Pucci gebührt eine Erwähnung. Er ist päpstlicher Legat bei der Eidgenossenschaft. Aber als Sekretär hat er den gelehrten Bolognesen Paul Bombasius, den Freund des Erasmus, bei sich, und auch er selbst liebt als Gönner unter die Basler Humanisten zu treten. Er kauft Bücher; er hilft dem Hieronymus Froben und dem Nicolaus Episcopius zum magisterium; und sein Verhältnis zu diesen Leuten zeigt sich auch in dem Lobe, das ihm Urbanus Rhegius gibt, oder in der Dedikation einer Schrift durch Capito. Erasmus aber, den Pucci zu Tische lädt, schickt als [205] Vertreter seine „Schatten“ an den Schmaus, den Rhenan, die Amerbache u. A., worauf der Legat sich dazu bequemt, dem Erasmus zu Hause, im frobenischen pistrinum, seine Aufwartung zu machen.

Um so nachweisbarer ist der buchhändlerische Verkehr. Von Italien her hauptsächlich beziehen anfangs die deutschen Humanisten ihren Bedarf. Bis auch dies sich ändert. Um das Jahr 1520 glaubt Rhenan sich über die eingebildeten Italiäner lustig machen zu können, die gegenüber den Deutschen noch immer mit ihrem Bücherreichtume prahlen und doch weit überholt sind.

Zentrum des italiänischen Buchhandels und der Ort großer Buchdrucker, zugleich der erste Marktplatz für griechische Handschriften, ist Venedig, und hier fesselt uns namentlich Aldus Manutius. Seit Beginn der 1490er Jahre, erst allein, dann in Gemeinschaft mit Andreas Torresanus (Asulanus) tätig, von hoher wissenschaftlicher Gesinnung, arbeitet Aldus in der ernstesten Weise und unter Mitwirkung großer Gelehrter, mit einer Geschäftsführung, die wie durchgeistigt erscheint und in der Geberde, in den Mitteln und Massen des Vertriebes großartig ist. Aldus druckt hauptsächlich Klassikereditionen und Handbücher; diese auch durch Schönheit des Druckes ausgezeichneten Bände überfluten Deutschland.

Auf dem Wege dahin aber liegt Basel, der wichtigste Ort der Vermittlung im buchhändlerischen Verkehre Deutschlands mit Italien, und selbst Handelszentrum für eine weite Umgebung. Hier in Basel blüht das Geschäft in italiänischer Literatur, namentlich in Aldinen. Ein eigentliches Kommissionslager des Aldus scheint in Basel nicht zu bestehen. Sondern Wolfgang Lachner schickt seine Leute nach Venedig, damit sie Aldinen herbringen. Da kommen sie dann wagenweise nach Basel: Gellius Caesar Plato Cicero Homer Lucian Demosthenes und unzählige Andere; die Käufer stehen schon in Haufen bereit, kaum nach den Preisen fragend und die Bücher rasch an sich reihend. Auch für auswärtige Liebhaber muß bei solcher Gelegenheit durch Lachner oder Froben gesorgt werden, für Zwingli in Zürich, für Erasmus in Löwen u. A.

Von Interesse ist, die Wirkung auf Froben zu beobachten. Er tritt mit Aldus in Konkurrenz. Er will so schöne Bücher drucken können wie Dieser und kommt dem Ziele rasch nahe, schon mit den Adagia 1513. Von da an beherrscht dieser spezielle Ehrgeiz seine Offizin und führt sie zu den größten Erfolgen. Die Italiäner selbst müssen die Kunst des Baslers bewundern. Natürlich greift der italiänische Buchhandel über Basel hinaus; seit Beginn des Jahrhunderts werden die deutschen Buchmessen auch von italiänischen Händlern besucht.

[206] Inmitten dieses internationalen Treibens kommt für Basel hauptsächlich in Betracht Franciscus Julius Calvus, ein aus Como stammender, Anfangs in Pavia, später in Rom ansässiger Buchhändler. Ein Polytropos nach Alciats Bezeichnung; für den Geschmack des Rhenan hat er zu viel vom Aufschneider an sich. Aber er ist gewandt, unentbehrlich, im südlichen Buchhandelsverkehr ein so vielgebrauchter Mittelsmann wie der Flame Birkman im nördlichen. An Johann Froben macht er sich 1517 brieflich heran; er liebt ihn vom Hörensagen und möchte mit ihm Geschäfte machen. Dann 1518 kommt er selbst nach Basel und wird nun mit Erasmus bekannt; er besucht auch den Zasius im nahen Freiburg, in den „hercynischen Waldschluchten“, wie der fröstelnde Alciat spottet. Seitdem ist sein Verkehr mit den Baslern der übliche. Er schickt Desideratenlisten, er schickt Bücherballen zur Spedition an die Frankfurter Messe, er fahndet auf Bücher und Manuskripte für die frobenische Presse, er übernimmt Drucke Frobens zum Vertriebe. Da er auf seinen Reisen auch nach Paris, auch nach Löwen kommt, besorgt er Basler Briefe dorthin. Er bestellt Grüße des Rhenan an Grolier Alciat Benedetto Giovio Coelius u. A.


Wir sind vielen einzelnen Gestalten und Beziehungen auf oft ermüdenden Wegen nachgegangen und kehren zurück zu einem geschlossenen Bilde, zu der Einheit des Ortes, von dem alle die Kräfte ausgehen, zu dem sie alle strömen.

Basel gilt wieder als Zentrum, wie es in andrer Weise vor siebenzig Jahren zur Konzilszeit gewesen. Wir sehen das gewaltige Schauspiel, daß Ideen Antriebe Lehren, zum Teile der größten Art, hier sich regen und zu Leistungen werden.

Am sichtbarsten kristallisiert ist dieses Leben um die beiden Punkte, die Erasmus und frobenische Offizin heißen. Eine andere Vereinigungsstelle solcher Art wird auch neben Froben noch ansehnlich werden: Andreas Cratander.

Gemeinschaft des Gelehrten und des Druckers ist durchaus die Kraft dieses Lebens. Es ist das enge Verbundensein von isolierter und gemeinsamer Tätigkeit, von Arbeit in der Freiheit und im Betriebe, von Schöpfung und vervielfältigender Ausbreitung; überall unter dem Gesetz, aber auch unter der Weihe derselben hohen Tendenz.

Träger dieses Lebens ist eine eigenartige Gesellschaft. Sie stellt sich in einer Erscheinung dar, die mehr ist als ungestaltete Fülle. Dem gravitätischen Gebahren der Universität gegenüber findet auch die freie Wissenschaft eine Form, in der die Gemeinschaft ihrer Bekenner sich verkündigt.

[207] Das ist die sodalitas Basiliensis, das sodalitium literarium. Eine für das Bewußtsein Aller vorhandene Vereinigung. Von den draußen Lebenden als coetus doctissimorum gepriesen, als eine Genossenschaft von Musageten, als ein Museion; Apollo selbst scheint sich in Basel niedergelassen zu haben. Solcher Bewunderung aus der Ferne gegenüber genügt den Beteiligten selbst das Gefühl ihrer Sodalität, das eigenartige Leben dieses Zusammenspiels individueller Kräfte und kollektiver. An eine Gesellschaft mit irgendwelcher Bestimmtheit äußerer Form, irgendwelcher Organisation haben wir nicht zu denken. Es ist eine freie Vereinigung. Durch kein anderes Recht geregelt als durch „das auf den Gesetzestafeln der Grazien geschriebene“. Nur die natürliche Herrschaft der geistig Überlegenen gilt und die natürliche Unterordnung der schwächer Begabten. Jedem steht die Sodalität offen; nur die Unfähigkeit und die Roheit sind ausgeschlossen.

Aber kein Leben der Ruhe umspannt die Sodalen. Sie sind unaufhörlich in Bewegung gehalten. Das Bedürfnis der stets sofortigen Mitteilung sorgt dafür, daß kein Tag ohne Erlebnis vergeht. So sehr fühlen sie sich durch dieselben Absichten und Aufgaben verbunden, daß, was dem Einen geschieht, als gemeinsame Angelegenheit Aller gilt. Es ist ein Leben der beständigen stärksten Aufreizung und Anregung. Während Einzelne dies Zusammensein ausgewählter Geister als eine beatitudo genießen können, machen Andere sich und den Genossen das Leben schwer durch Eifersucht und Zank. An Monotonie ist bei diesen Leuten jedenfalls nicht zu denken. Die gelehrte Diskussion hat ihre Ergänzung im Humanistenklatsch.


Innerhalb dieser Bewegung leuchten einzelne Szenen besonders hervor.

Vor Allem das Leben mit Erasmus. Kaum eine der andern humanistischen Sodalitäten ist in dem Maße wie diejenige Basels durch einen Einzigen bestimmt. Während den Zeitgenossen in den Schriften vornehmlich der gewaltige erstaunliche Erasmus entgegentritt, mag er hier momentan sein Menschliches und Kleines, aber auch in guten Stunden den Zauber des persönlichen Verkehres zeigen, dessen bezwingende Anmut immer wieder empfunden wird. Es ist der Verkehr, den er, vielleicht mit der Güte eines Fürsten, seinen Bewunderern gewährt, über Tisch beim convivium geniale, das auch ein convivium caeleste heißen kann, oder beim Spaziergange. Da auch empfängt er, in seiner Stube bei Froben auf- und niederwandelnd, die Besucher; da läßt ihn gute Laune in Epigrammen scherzen; da wird geredet de restitutendis bonis studiis, de retis moribus, de rebus sacris, über Themen also, die als die Quintessenz des Basler Humanismus gelten [208] können. Wir vergegenwärtigen uns, wie sich die Sodalen zu diesem Verkehre drängen, von den draußen Stehenden um das hohe Glück beneidet. Ihnen Allen ist die Nähe des Erasmus eine Lust; aber nie verläßt sie dabei die scheue Empfindung, daß er auf einer ganz andern Linie stehe als sie, daß eine vis plane divina in ihm sei. So ist er trotz Allem einsam, in seiner Größe und dem aller Mitteilbarkeit entzogenen Eigensten seines Wesens. Aber durch Alles hin zeigt sich seine starke Wirkung auf die Sodalität. Er ist ein immerwährendes Vorbild. Er läßt nicht zu, daß Einer sich gehen lasse; seine Gegenwart hebt unwiderstehlich Kraft und Produktion der ihn Umgebenden. Indem er so dem Basler Humanismus sein Gepräge gibt, ist auch sein eigenes Wesen dem genius loci selbst merkwürdig entsprechend, und die Empfindung hievon lebt in all den Bezeugungen seines Wohlbehagens in Basel, seiner Freude an den Reizen des Ortes, an der Geistesart der Bewohner.

Erasmus wohnt im Hause zum Sessel, als Gast Frobens. Rings um ihn her lärmt das Leben, in dem, als im Gegenstücke des erasmischen Daseins, der Basler Humanismus ein anderes Zentrum hat. Haus und Werkstatt Frobens sind der beständige, auch draußen allgemein bekannte Sammelplatz. Hier gehen die Korrektoren ein und aus und die dieser berühmten Pressen sich bedienenden Gelehrten. Hier verbringt Rhenan einen guten Teil seines Lebens, Rat gebend, prüfend und beaufsichtigend; bei Gelegenheit diktiert er dort wissenschaftliche Arbeiten wie den Kommentar zur Germania des Tacitus; auf seinem Nachmittagsspaziergange kehrt er im Sessel an, um das Neueste zu erfahren, auch um die Briefe zu erheben, die unter seinem Namen dorthin adressiert sind. Nur die Wohnung hat er nicht auch dort; er wohnt für sich in seinem Hause, wo er in der geliebten Stille leben, „sich selbst und die Musen genießen kann“. Der Sessel, die domus alta Frobeni ist auch die Herberge durchreisender Humanisten; da werden sie fröhlich aufgenommen und wohl traktiert; da treffen sie die Sodalen; da verkehren sie. Es ist ein Zusammensein und Zusammenarbeiten so enger Art, daß von einer frobenischen Akademie gesprochen werden kann, wie in Venedig von einer aldinischen. Den Haus- und Geschäftsherrn Froben selbst haben wir kennen gelernt. Hier im Sessel, wo Tag und Nacht gearbeitet wird, im Lärme der Pressen und der gelehrten Debatten, inter literasintsr literas, wird 1515/16 sein Erasmiolus (Johannes Erasmus) geboren, das Patenkind des Erasmus und des Rhenanus. Dessen älterer Bruder Hieronymus, 1501 geboren, zum Buchdrucker bestimmt, lebt und arbeitet neben dem Vater, der noch keine Schwäche zeigt. Froben führt [209] einen guten Tisch, dem es nie an Gästen fehlt und der wohl manche fröhliche Tafelrunde erlebt, da man bei vollen Bechern bis in die zweite und dritte Nachtwache disputiert. Rhenan nimmt dort zu Zeiten die Kost; auch Pensionäre werden angenommen, wie z. B. der junge Zürcher Joachim Göldli. Mitten in dem Treiben aber steht als holdselige Figur, die Freude Aller, die durch den guten Bürer so begeistert geschilderte Elisabeth Lachner.


Zum Bilde der Sodalitas gehört ihr Mangel an Stabilität. Erasmus ist wiederholt von Basel abwesend. Glarean bleibt Jahre lang in Paris hängen. Rhenan wohnt 1519/20 in seiner Heimat Schlettstadt. Bär hält sich oft in Thann auf. Bei den vielen andern aber ist ein beständiges Kommen und Gehen; die humanistische Beweglichkeit sorgt dafür, daß Wechsel ist und keine Erstarrung.

Wir empfinden dies als Äußerung von Kraft und Freiheit. Die ganze Gesellschaft macht überhaupt den Eindruck der Frische, ja der Jugendlichkeit; neben Erasmus Froben Bär Capito, die früher geboren sind, haben wir lauter Söhne der 1480er und 1490er Jahre vor uns.

Mit Ausnahme Pellicans sind keine Kutten dabei und nur einige Weltpriester. Sonst durchweg Profane. Diese Wissenschaft ist von der Kirche emanzipiert.

Wenige edel Geborene, durch Geist und Gelehrsamkeit einen besondern Adel behauptend, sind da; im Übrigen bilden Bürger und Bauern die Schar.

Aus den verschiedensten Ländern finden sie sich zusammen, und es können landsmannschaftliche Gruppen entstehen. Den Elsässern Rhenan Klett Pellican Cratander Capito Angst Utenheim stehen die Franken und Schwaben Froben Petri Lachner Wattenschnee Resch Ökolampad Nepos gegenüber; zu den feinern Städtern und Rheinländern stoßen die Schweizer Glarean Myconius Carinus Fontejus Bürer Artolf.

Versehung von Pfründen und kirchlichem Amt, Versehung einer Professur, Schulmeisterei, Betrieb einer eigenen Lehranstalt, Arbeit im Buchgewerbe, — solcher Art sind die Berufe. Die Wenigsten haben Unabhängigkeit und freie Stellung.

Aber alles persönlich und örtlich Bedingte tritt zurück hinter der allgemeinen Beziehung. Daß in dem Verhältnisse zu aller Welt eine zweite und reichere Existenz für jeden Einzelnen dargeboten ist, zeigen die den Kreis der Sodalität unaufhörlich bewegenden Besuche, zeigt die Korrespondenz, die eine Gegenwart von Hunderten heranbringt. Alles aber durchdringend und verbindend, der Sichtbarkeit ewig enthoben, sind die großen wissenschaftlichen [210] Erlebnisse die auch hier durchzuleben, die großen geistigen Kämpfe die auch hier durchzukämpfen sind. Sie gehören zum weiten Bereiche Dessen, was dieser Menschen Dasein im höheren Sinn ist.

Uns reißt das Steigen und Wachsen, die starke Entwickelung auch dieses Zustandes hin. Wir erinnern uns an seine Voraussetzungen, an sein Beginnen, an die denkwürdigen Jahre des Überganges aus der amerbachischen in die frobenisch-erasmische Zeit. Jetzt, ein Jahrzehnt später, da in der allgemeinen Geschichte des Humanismus ein großer Moment ist, ausgezeichnet durch umfassende programmatische Äußerungen des Reuchlin, des Herman von dem Busche, des Erasmus, kann auch der Humanismus Basels sich in seiner goldenen Zeit fühlen. Der Ruhm des Ortes lebt im Mund Unzähliger an allen Enden, im Widerklange hiezu äußern der Lobgesang, den Engentinus den Topica des Cantiuncula 1520 beigibt, und die Vorrede Rhenans zu seinem Tertullian 1521 auf prächtige Weise das in Basel selbst lebendige Gefühl dieser Höhe der Zeit.


Jetzt endlich haben wir die Möglichkeit, in der Tätigkeit dieser Menschen den humanistischen Geist kennen zu lernen.

Die Ahnung, daß ein Sichneubesinnen nötig sei, führt vor Allem zur Herrschaft des Quellenbegriffes und des Gefühls für Urkundlichkeit.

Für Basel ist der Ruhm einer frühen Erkenntnis und Betonung des Quellenwertes gewonnen durch die amerbachische Bibelausgabe von 1479. Jetzt im erasmischen Basel bedarf es keiner einzelnen Anregung mehr. Die allgemein vorhandene Überzeugung ist durch Erasmus selbst am würdigsten Orte, in der Vorrede zu seiner Ausgabe des Neuen Testamentes, ausgesprochen worden; in gleicher Weise treibt Capito zum Studium des Originaltextes der Bibel und weist hin auf den geraden Weg zum Heiligtum an Stelle des Herumkriechens im Dorngestrüppe der „gotischen“ Lehrweise.

Man ist der Kommentare und Spekulationen satt. Ein ernster Geist wie Reuchlin will auch nichts von Übersetzungen wissen; er ist so empfindlich für Ächtheit und Eigenart, daß er kein Buch lesen mag außer in dessen Ursprache. Man verlangt nach dem Wahren. Man dürstet nach der Quelle.

Bezeichnend ist, wie dieser Quellensinn sich ohne weiteres in Tätigkeit und Editionseifer umsetzt. Die gewaltige Leistung der Basler Gelehrten und Drucker in Ausgaben der antiken Autoren, der Bibel, der Kirchenväter, der Rechtsbücher usw. erscheint wie etwas Unerläßliches. Ohne Rückhalt [211] erklärt Glarean, daß die Herausgeber den Studien größere Förderung bringen als die Schriftsteller; und so findet auch Erasmus, ein Wiederherstellen von Monumenten der Alten tauge mehr als das Zusammenklauben neuer Werke.

Mit triumphierendem Gefühle empfindet jeder dieser Editoren das Verdienst seiner Arbeit. Aus dem großen Untergange der Bücher und Wissenschaften, aus Brand Verheerung und unerhörtem Schiffbruche sind durch ihn diese kostbaren Überbleibsel gerettet. Ins Leben zurückgerufen sind die lange verborgen gewesenen Klassiker, dem Lichte wiedergegeben, aus den Finsternissen ausgegraben, vom Orkus zurückgeholt; der angeborne Glanz, die ursprüngliche Würde sind ihnen wieder verliehen. Wiedergewonnen sind mit den Handschriften und Texten auch Ideen, geistige Kräfte, ehemaliges Leben.


Aber es ist nicht nur ein äußerliches Wiederbringen, sondern auch ein Reinigen und Wiederherstellen. Die Editorentätigkeit wird geadelt durch die sich zu ihr gesellende Textkritik.

In den ersten Jahrzehnten nach Erfindung des Buchdruckes haben die Editionen nur den Wert von Handschriften-Wiedergaben; für solche kann die gewöhnliche Hauskorrektur genügen. Aber schon Johann Amerbach hat die Korrektur zu einer wissenschaftlichen Aufgabe gemacht, und in Entwickelung des von ihm Begonnenen nimmt sich eine wachsende philologische Einsicht und Kraft der Ausgaben an.

Wie das Wiederhervorholen einer alten Größe, eines ehemaligen Lebens auch kritischer Arbeit bedürfe, hat Lorenzo Valla gelehrt, und wenn auch Erasmus selbst gelegentlich einem raschen, durch Begeisterung getragenen Edieren das Wort redet und lieber verbesserungsbedürftig als gar nicht ediert sehen will, so vernehmen wir doch vor Allen wieder ihn, wie er eindringlich handelt von der Bedeutung des Wortes ja des Buchstabens und von der Pflicht der Emendation überlieferter Texte. Dem entspricht dann, was durch ihn und in ausgezeichneter Weise durch Rhenan in Textkritik geschieht. Im Übrigen haben wir die Leistungen der uns schon bekannt gewordenen Korrektoren vor uns. Was jetzt verlangt wird, ist Vergleichung der Lesarten in den Handschriften, das Herausholen des wahren Textes aus dem Verderbnis der Überlieferung, die Emendation, die Konjektur; auch Rechenschaft über die Grundlagen der Edition, über die Art der Verwendung der benützten Handschriften. Eine im Gesamten der damaligen Editionen ausgezeichnete, so gewissenhaft und geistreich geübte Methode, daß [212] Basel beinah als die Gedurtsstätte der klassischen Philologie Deutschlands bezeichnet werden kann.

Wir vergegenwärtigen uns die damaligen Zustände und ahnen die mit solcher Edition verbundenen unendlichen Mühen. Wie zählt Glarean die Mengen seiner Emendationen und Noten in der Ausgabe des Dionys von Halikarnaß auf! Wie schildert Rhenan seine Arbeit am Tertullian und am Vellejus, seine Nachtwachen, seine Anstrengungen! Mit den Kämpfen Englands wider die Franzosen und Schotten vergleicht Erasmus das von ihm als Editor des Seneca Geleistete; nur daß bei ihm an Stelle des Schwertes die Schreibfeder gewesen, an Stelle des Mars die Musen, an Stelle der Heerscharen das Ingenium!

Diesem Allem entspricht dann auch die Vollendung, die Freude des Editors der überwunden hat. Da tritt sein Werk „mit Majestät“ in die beglückte Welt hinaus.


Wir aber machen uns klar, wie dieser stillen einsamen Editionsarbeit fast immer die Unruhe von Handschriftensuchen Schreiben und Reisen vorausgeht. Das Verlangen nach der reinen Quelle und die textkritische Pflicht treiben dazu, die verborgenen Schätze ans Licht zu heben. In einer Zeit, da jede Reise mühevoll und gefährlich und die Korrespondenz unsicher ist; in einer Zeit, die keine allgemein zugänglichen Inventarien, keine Bibliographien, überhaupt keine Organisation der wissenschaftlichen Arbeit kennt, deswegen aber auch einzigartige Entdeckerfreuden gewähren kann.

Wie einst die Humanisten Italiens getan, so mühen sich jetzt die Basler um Codices. Aus ihrem großen Sammelplatze von Gelehrten und Druckern ziehen sie nach allen Seiten hinaus, zu suchen und zu finden; neben der schwer befriedigten Gewissenhaftigkeit des Quellenforschers lebt in ihnen die Aufregung des Schatzgräbers, des Jägers. Schon Johann Amerbach hat seine Helfer mit solchen Aufträgen reiten lassen. Jetzt wiederholt sich dies. Entdeckungen und Überraschungen sind noch immer möglich; diese Generation sucht und findet mehr als die Frühern.

Vor allem die Klosterbibliotheken, wo der Humanist bei den sonst verachteten Mönchen zu Gaste gehen muß, bergen neben den gewohnten Haufen von Mammotrecten Vokabularien usw. noch immer alte Autoren als Juwelen. Und außer den Klöstern leben da und dort noch andere Handschriftenbesitzer.

Die Hinweise auf solche Schatzkammern, die Nachrichten über gemachte Funde, das Heraufbringen ans Licht einer verschollen gewesenen Handschrift [213] gehören zu den schönsten Humanistenerlebnissen. Welche Gedanken dabei kommen können, ist durch Erasmus prachtvoll dargelegt in seiner Vorrede zum Hieronymus 1516.

Merkwürdig ist bei dieser Verehrung der originalen Handschrift, wie schonungslos oft mit ihr verfahren wird. Nur die Ungeduld erklärt dies. Otto Brunfels in Straßburg, Michael Hummelberg in Ravensburg schicken dem Rhenan der Erste einige aus einem Codex der Karthäuserbibliothek gerissene oder geschnittene Blätter mit Nachrichten über Barbarossa, der Andre die letzte „Tabelle“ des altrömischen Itinerars, das ihm Peutinger anvertraut hat. Erasmus, später Sichart, geben alte Handschriften selbst in die Druckerei, wo sie durch die Setzer beschmiert werden und oft lange Zeit herumliegen wie der Murbacher Plinius oder wie jener durch Reuchlin und Erasmus benützte Band der Basler Dominikaner, der später durch Hieronymus Froben an den Pfalzgrafen Otto Heinrich verschenkt wird.

Den editionslustigen Humanisten bieten sich schon in Basel selbst Schatzkammern, unter ihnen an erster Stelle die Dominikanerbibliothek. Deren Stolz und Glanz sind die Griechen, die einst Johann von Ragusa ihr gebracht hat; seit Reuchlins Jugendjahren das Ziel mancher Gelehrtenwallfahrt. Diese kostbaren Codices dienen dem Martin Waldseemüller, dem Erasmus, dem Rhenan, dem Johann Döring, dem Wilibald Pirkheimer; eine Chrysostomus-Handschrift wandert mit Capito nach Mainz, dann zu Ökolampad auf die Ebernburg und ist erst 1527 wieder in ihrer Heimat; zwei andere Handschriften, ein Neues Testament und ein Athanasius u. A., sind dem Reuchlin geliehen worden und kehren erst einige Jahrzehnte später, nach Reuchlins Tod, auf die Gestelle zurück.

Andere oberrheinische Klöster sind schon zu Johann Amerbachs Zeiten tributpflichtig gemacht worden; für die Hieronymusausgabe liefert z. B. Mehrerau eine Handschrift; namentlich aber kommt jetzt Murbach zu neuem Ruhme seiner ehrwürdigen Büchersammlung. Rhenan entdeckt dort um 1515 den Vellejus Paterculus, kurz darauf Hieronymus Baldung das Breviarium Alarici und die Institutionen des Gajus. Von den verschiedensten Orten her holt sich Rhenan die Codices zur Edition. Erasmus bezieht solche aus Gembloux, Cantiuncula aus Metz usw.

Aber auch einzelne Gelehrte haben das Glück, Handschriften zu besitzen. So, wie wir schon wissen, der Colmarer Dekan Carpentarii. Erasmus selbst hat in seiner Bibliothek einen Sueton, der aus dem Martinskloster zu Tournay stammt; er schenkt ihn später dem Glarean. Bonifaz Amerbach besitzt griechische Handschriften, der Chorherr Diebold Oeglin zu St. Peter [214] einen Seneca. Auch in der reichen Büchersammlung des Rhenanus finden sich Handschriften, dabei die Chronik von Ebersheinmünster und ein Codex des zwölften Jahrhunderts, der in seinen ältesten Teilen schon der karolingischen Zeit angehört.


Mit geschärften Augen, entwickelten Werkzeugen stehen die Humanisten der Erscheinung des Altertums gegenüber. Das nichts Neues ist. Seit Jahrhunderten überschattet es die bestehende Welt, ist es eine stets gewaltige Gegenwart.

Nachdem dieses römisch-griechische Altertum schon auf die ganze mittelalterliche Bildung eingewirkt hat, ja in seinen literarischen Äußerungen durch dieses Mittelalter selbst mit Bewußtsein aufbewahrt und weiter vermittelt worden ist, vermag es sich jetzt mit einer bisher unmöglich gewesenen Kraft zu verkünden. Es ist dieselbe Antike, aber sie wirkt wie neu und wiedergeboren, weil sie viel umfangreicher und in ihrer ächten Form, dazu in der durch den Buchdruck gewährten Mächtigkeit auftritt und weil feinere und zugleich stärkere Organe sowie eine neue Denkweise, ein neues Lebensgefühl ihr entgegenkommen.

Unverkennbar ist in Italien, das sich als Erbe Roms fühlt, die Wirkung der Antike eine andere als im Norden; dieser erlebt jetzt die Auferstehung alter Geister und Götter. Nicht sogleich im ganzen Umfange. Anfangs stehen noch die glänzenden Schriftsteller des neuen Italiens im Wege, die an der Antike sich gebildet haben, die näher und begreiflicher sind. Nur allmählich, wie die wissenschaftliche Einsicht wächst und auch nationales Gefühl mitspricht, gelingt die Ablösung von diesen Vorbildern der Poesie, der Historik, der Sprachkunst. Ein solcher Verlauf ist z. B. bei Rhenan zu beobachten; Glarean scheint sich von Anbeginn freier von den Italiänern gehalten zu haben.

Die neue Zeit im Norden erlebt und empfindet nun neben dem gewohnten Bildungskomplex als neue geistige Macht auch die Antike. Sie empfängt vom Altertum den Hauch lebendigen Atems. Sie nimmt Maßstäbe von seiner männlichen Kraft, seiner Freiheit und Größe. Sie bereichert an seiner Lehre ihr Wissen. Sie vermag mit der Kraft ihres Glaubens auch seine kosmischen Dämonen zu erfassen. Sie bildet an seinen Mustern ihr Formgefühl.

Bei dieser Aufnahme des Altertums durch eine moderne Welt sind die Handelnden zunächst wesentlich die Humanisten.

Auch in Basel betreffen wir die Humanisten vor Allem bei diesem Tun. Ihre Sehnsucht, ihr Erkenntnisdrang, ihre Arbeit und ihre Freude [215] gehören großenteils dem Altertum. In erster Linie und fast ausschließlich seinen literarischen Denkmälern.

Die antiken Autoren erscheinen dem Cono als die „Klassiker“. Dankbar will er sie als ein Geschenk Gottes betrachten und annehmen, der sie einst zu ihren Werken begeistert habe und sie jetzt unserm Jahrhundert wieder gebe.

In Edition der Klassiker nimmt Basel damals einen der ersten Plätze unter den deutschen Städten ein; die Ausgabe des Vellejus Paterculus 1520 ist aus dieser Büchermenge als Erstausgabe herauszuheben, während es sich im Übrigen um Wiederholungen zu handeln scheint.

Neben den oft edierten Lucian und Horaz begegnen uns in diesen Basler Ausgaben Homer und Hesiod und Euripides, ferner Cicero Varro Caesar Sallust Tacitus u. A. Natürlich auch der allbeliebte Terenz, dem s. Z. schon die Offizin Bergmans gedient hat und den jetzt Fontejus in seiner Privatschule traktiert. Bemerkenswert ist die starke Beschäftigung mit Plutarch, dessen Schriften hier wiederholt herausgegeben werden. Seine Biographien sind dem Zeitalter, das an der Persönlichkeit wohllebt, natürlich willkommen; aber dieses selbe Zeitalter bedarf auch des Moralisten Plutarch, in gleicher Weise, wie es sich für Seneca begeistert. Dieser ist ein Lieblingsautor. Erasmus, der seine Basler Arbeiten 1514 mit Plutarch begonnen, ediert im Jahre darauf den Seneca, „den Einzigen, der den Geist zu den himmlischen Dingen rufe, der den Haß des Schändlichen einflöße und zur Liebe des Ehrbaren entflamme“. Wir wissen, daß Zwingli den Seneca Allen vorgezogen hat; Glarean hält 1516 Vorlesungen über ihn an der Universität; sprechend ist auch, wie oft in diesen Jahren der Seneca der Karthausbibliothek zum Lesen entliehen wird.

Wir erinnern uns hiebei an die Diskussion der oberrheinischen Humanisten über das Thema, ob nicht von den „heidnischen Poeten“ nur die nicht unsittlichen zum Studium heranzuziehen seien. Rhenan, in seinen früheren Jahren durch Jacobus Faber beeinflußt, will die Alten lediglich nach ihrer Gesinnung werten; das Künstlerische und Literarische als solches soll kein Recht haben. Mit der Zeit leitet ihn ein freieres Urteil. Aber auch Erasmus hat zuweilen das Bedenken, daß unter dem Schutze dieser antiken Literatur das Heidentum sein Haupt erheben könnte.

Auch der große Schritt in das Griechentum ist jetzt eine Notwendigkeit.


Völlig neu ist es ja nicht. Durch die lateinische Literatur ist früh auch griechischer Geist vermittelt worden. Hiebei kann aber der Humanist [216] nicht stehen bleiben. Er dringt weiter bis dahin, wo die griechischen Wurzeln jener griechisch-römischen Kultur sind, und in Herrlichkeit tut sich ihm nun die neue Welt auf.

Wir beachten die Eigenart dieser humanistischen Beschäftigung mit dem Griechischen. Sie kann von vorneherein auf keine Allgemeinheit und Weite der Wirkung rechnen. Wie das griechische Altertum an sich fremder und unbegreiflicher ist als das römische, so vermag auch dieses griechische Studium den dem Humanismus angeborenen lateinischen Charakter nicht zu überwinden.

Johann Reuchlins Gestalt ist verbunden mit dem Beginne griechischer Wissenschaft in Deutschland, und Basel der Ort dieser Berührung. „Nicht bei den Joniern und nicht in Griechenland habe ich mein erstes Griechisch gelernt,“ sagt Reuchlin, „sondern in Basel bei Andronikos Kontoblakas.“ Dann folgt hier eine Pause. Aber zu der Bildung, die Johannes Amerbach seinen Söhnen verschaffen will, gehört das Griechische; in Paris, wo noch das Andenken Bessarions lebendig ist, wo Hermonymos und Tissardus lehren, legt Bruno Amerbach den Grund zu seinem später so berühmten Graecismus. Dann beginnt die wichtige Tätigkeit des Johannes Cono in Basel; sein Auftreten hier als Lehrer des Griechischen ist ein Ereignis, das weithinaus zu reden gibt und Hoffnungen weckt. Neben Bruno Amerbach ist Rhenanus ein Schüler Conos; wir sehen, wie leidenschaftlich er jetzt hier das schon in Paris ihm bekannt gewordene Studium erfaßt, den lepor atticus bewundert, und sich durch die griechische Grammatik weiterbildet, die sein Freund Michael Hummelberg verfaßt hat. Er ist auch der Erbe Conos und erhält dessen handschriftlichen Nachlaß, darunter Kollegienhefte von Musurus in Padua. Mit diesen Schätzen und im Andenken an den Lehrer arbeitet er weiter. Aber zur gleichen Zeit ist noch ein andrer begeisterter Grieche in Basel, der Niederländer Gerhard Lister, der mit Bonifacius Amerbach zusammen Griechisch treibt; „wie die Bienen fliegen wir auf den bunten Wiesen der Wissenschaft umher und schwelgen bald in den Gärten der Philosophen, bald auf den Auen des Hesiod und Theokrit, bald am homerischen Quell.“ Auch Glarean setzt hier das in Köln begonnene griechische Studium fort. Durch Erasmus vollends wird griechisches Wesen in Basel mächtig gehoben. Sein Wissen, seine Publikationen sind von Einfluß. Er wirkt nicht nur mittelbar durch Uebersetzungen griechischer Schriftsteller; er veröffentlicht auch die griechische Grammatik des Gaza und ediert den Urtext des Neuen Testamentes.

In solcher Weise begründet sich aufs Neue die Bedeutung Basels für das griechische Studium in Deutschland.

[217] Wir wissen, daß z. B. Wimpfeling und Bebel des Griechischen unkundig, Zasius ihm abgeneigt gewesen; Andere wittern hinter der ihnen unverständlichen Schrift und Sprache ein Geheimnis. In Straßburg faßt die neue Disziplin erst um die Mitte des zweiten Jahrzehnts Fuß, namentlich durch Luscinius, und ungefähr gleichzeitig in Schlettstadt durch Sapidus. In Basel aber blühen diese Studien, und wir suchen uns vorzustellen, wie inmitten der allgewohnten Latinität das griechische Wesen sich ausnimmt und wirkt. Es gehört dazu, daß den meisten Druckern Deutschlands voran Froben griechische Typen besitzt und unaufhörlich für Mehrung und Verschönerung dieses Materials besorgt ist. Konrad Melissopolitanus will von Straßburg nach Basel kommen, um hier auf günstigerem Boden seine griechischen Kurse abzuhalten. Glarean wird der erste Lehrer des Hedio in dieser Sprache, und der große Capito sitzt mit Bruno Amerbach zusammen zur Lektüre des Sophokles. Wir sehen diesen allgemeinen Eifer und merken ab und zu auch die Freude die ihn trägt; wir hören die Basler die Formenfülle und Biegsamkeit der griechischen Sprache preisen und dabei begeistert bekennen, daß nirgends reiner, nirgends eifriger, nirgends mannigfaltiger alle Künste betrieben worden seien, als bei den Griechen. Sie erleben auch das Glück, einen leibhaftigen Griechen bei sich zu empfangen.

Es ist ein Mönch vom Sinai, Clemens Palaeologus, der im Sommer 1517 auf der Kollektenreise hier durchkommt und mit dem nun diese Basler sich in seiner Sprache unterhalten können. Das Griechischlernen macht sogar den guten alten Domherrn von Hallwil wieder zum Jüngling. Und so vernehmen wir auch von Jacobus Nepos, dem Korrektor, wie er ganz im Homer aufgeht. In seiner Schule behandelt er des Lucian Dialoge und griechische Epigramme; er hält auch öffentliche Vorlesungen über die Odyssee. Vielleicht liegt hier der Anstoß zu der Odysseeausgabe, die 1520 bei Cratander erscheint, bei demselben Verleger, dem wir auch anderes Griechisches verdanken: die Dragmata Ökolampads 1518 und das Dictionarium 1519.

Ipsa musa vivit, omnes graecantur !, jubelt Rhenan. Das Wort Reuchlins scheint hier erfüllt zu sein: daß ohne Kenntnis des Griechischen Keiner als wirklich gebildet gelten könne.


Neben eine unsterbliche Literatur, die der erwachenden Welt den Geist des Altertums vermitteln soll, treten gleichen Rechtes, wenn auch lange nicht gleicher Kraft und Wirkung, die baulichen bildlichen schriftlichen Reste des antiken Lebens.

Die Anregungen zu antiquarischer Forschung kommen von allen Seiten her. Noch in Rhenans Jugendjahre fällt die Tätigkeit des Thomas [218] Wolf in Straßburg, der die Ruinen Roms durchstreift hat und sich ein Inschriftencorpus sammelt; im Elsaß, wo ihn allenthalben die Trümmer der römischen Zeit umgeben, macht er Ausgrabungen. Aber auch an Dietrich Gresemund in Mainz bildet sich Rhenan; er besucht ihn zwischen seinen Steinen und Inschriften und unterhält sich mit ihm de re latina deque virus eruditis. Im gleichen Jahre 1509, da der Basler Hieronymus Brilinger den Altertümern am Mittelrheine nachreist. Auch mit dem antiquarischen Führer Deutschlands Konrad Peutinger steht Rhenan in Verkehr. Er beschäftigt sich mit Pomponius Laetus. Über alles groß wirkt aber Rom selbst und das um seine Trümmer sich bewegende Leben. 1519 druckt Thomas Wolf in Basel die Mirabilia Romae des Francesco Albertini.

Es handelt sich nicht um eine beliebige Doctrin. Unvermeidlich, im Grunde keiner Anregung bedürfend, aus dem Wesen des Humanismus geboren ist das Verlangen nach greifbaren Zeugen antiker Wirklichkeit. Vor Allem hier in Helvetien und am Oberrheine, wo der Humanist weiß, auf einem Boden zu leben, über den schon die Römer geschritten sind.

So macht Glarean 1515 mit dem Freiburger Peter Falk eine Wallfahrt zu den Ruinen von Aventicum. Und in Basels Nähe selbst liegt das römische Augst. Wir wissen, wie schon das frühe Mittelalter diese Stätte beachtet hat. Dann, nach langem Stillschweigen, ist seit dem vierzehnten Jahrhundert wieder von den Augster Ruinen die Rede. Der Rat von Basel braucht sie als Steinbruch, er betreibt dort auch einen Kalkofen. Im Jahre 1510 aber wird in Augst eine antike Statuette gefunden; der Stadtschreiber Gerster nimmt sie zu Händen und verehrt sie seinem Kollegen in Augsburg, der kein Anderer ist als Peutinger. In diesen Jahren ist offenbar draußen in Augst viel nach Dingen aller Art gegraben worden, daher der Rat durch wiederholte Erlasse, 1512 und 1514, das Recht der Obrigkeit am Funde wahrt. Dieses Augster Schatzgräberwesen hat dann in der Geschichte von Lienimann, der in das Heidenloch eindringt, seine phantastische Bezeugung gefunden.

Römisch ist aber auch Basel selbst. Nicht nur einzelne Stücke werden beachtet, wie Rheintor und Salzturm, die nach der Annahme Rhenans auf römischen Fundamenten stehen. Die Anfänge der Stadt überhaupt geben den Antiquaren zu denken. Eine frühere Generation, auch sie schon vom humanistischen Geiste berührt, hat als Gründer der Stadt den Römer Basilius genannt, und die Kunst hält auch jetzt noch diese Gründungssage fest. Aber inzwischen hat gelehrte Forschung die Anfänge Basels mit dem benachbarten Augst verbunden. „Aus den Ruinen von Augst erwuchs Basel“, [219] schreibt Pirkheimer; Myconius läßt die Rauriker Augst verlassen, rheinab wandern und Basel gründen; Rhenan weiß von Überlebenden des zerstörten Augst, die in die alamannische Niederlassung Basel einziehen. Noch ist hiebei nirgends von Munatius Plancus die Rede; erst das Bekanntwerden der Inschrift seines Grabmales bei Gaëta wird ihn als Gründer von Augst — und somit auch als Gründer von Basel — bekannt machen und hier seine Verherrlichung ermöglichen.

Zwischen all diesen lokalgeschichtlichen engen Bemühungen aber macht immer wieder sein Recht geltend ein allgemein gerichteter antiquarischer Sinn. Der Drang nach Erkenntnis des Altertums in seinen Denkmälern, die Freude an diesen, die Lust sie zu besitzen, die Sammlerleidenschaft.

Nicht durchweg in rein wissenschaftlicher Absicht. Wenn der Notar Johannes Salzman, der Kaplan Gregor Weyer zu St. Peter, der Propst Jörg Locher im nahen Sulzburg ihre Briefe mit antiken Gemmen siegeln, so sind ihnen diese Kostbarkeiten vielleicht nur Erinnerungen an eine italiänische Reise, an schöne Pilgertage in Rom.

Andern Charakter hat das Sammeln antiker Münzen; ein glücklicher Sammler dieser Art ist Bonifaz Amerbach. Rhenan sammelt ebenfalls Münzen. Sie können auch als stilvolle Humanistengeschenke dienen: Erasmus spendet dem Glarean zur Hochzeit eine Trajansmünze und ein goldenes Prachtstück Alexanders des Großen. Basel hat ja numismatische Fundstätten in der Nähe; mit Münzen, die in Augst hervorkommen, wird hier Handel getrieben, und 1516 tritt bei der Landskron ein ganzer Vorrat antiker Kaisermünzen ans Licht.

Mit dem römischen Matz- und Gewichtsystem beschäftigt sich Glarean; die römischen Maße der amerbachischen Kunstkammer sind durch ihn justiert und verzeichnet.

Dem Allem gegenüber ist lediglich Studiengegenstand, von allem Beiwerk äußerlicher Köstlichkeit und Verwertbarkeit frei, die Inschrift. Auch auf diesem Gebiet ist vor Allen Rhenan zu nennen, der Erste, der über lateinische Inschriften der Schweiz öffentlich Bericht gibt. Schon vorher hat Glarean Inschriften beachtet und gesammelt, und noch tätiger hiebei ist Bonifaz Amerbach. In seinem epigraphischen Sammelbande vereinigt er Texte, die er dem Glarean verdankt, mit einer Copie der auf den Bologneser Thomas Sclaricinus zurückgehenden Sammlung des Thomas Wolf in Straßburg und mit Einzeichnungen der von ihm selbst in Vienne Nimes usw. gesehenen, sowie der von verschiedenen Freunden ihm mitgeteilten Inschriften. Ihm zur Seite steht der bescheidenere Hieronymus Brilinger mit seinem [220] Sammelhefte Vetustatis fragmenta. Amerbach wie Brilinger aber bekunden bei ihrem Sammeln ein weites, an keine Grenzen gebundenes Interesse. Mit antiken Inschriften mischen sie die Grabschriften von Reuchlin Valla Savonarola Albrecht Dürer usw., die Breisacher Torinschrift sowie Aufschriften an Geräten des Basler Münsterschatzes u. dgl. m., ja Grabschriften von Angehörigen der Familie Amerbach selbst. Am Schlusse der langen Reihe aber rufen die Scharen der Toten, denen diese Inschriften gelten, dem noch mitten im Leben stehenden Leser zu: „Allen drohet der Tod. Nimm dir ein Beispiel an uns und lebe glücklich!“


Dem Drange der Erkenntnis, der überall originale Form und ächteste Bezeugung sucht, öffnet sich auch der Weg zum Hebräischen.

Es handelt sich dabei um etwas eigentümlich Lockendes, vom Studium des Alten ganz Verschiedenes.

Wie ungefällig, injucundum, klingt das Idiom dem an römische Würde und attische Anmut gewöhnten Ohre! „Gute Götter, welch ein geistloses und trauriges Studium!“ ruft Zwingli. Aber diese Sprache des verachteten Judenvolkes, der gehaßten Christuslästerer, ist doch zugleich eine geheiligte Sprache, lingua sacrata. Ohne ihre Kenntnis ist das Alte Testament nicht zu verstehen. Durch sie zuerst hat Gott den Sterblichen seine Geheimnisse kundgetan, in ihr redet unmittelbar sein Mund. So urteilt Reuchlin, der Begründer hebräischer Wissenschaft in Deutschland, und so urteilen seine Schüler. Nicht zunächst durch philologisches, sondern durch theologisches Interesse ist er zu diesen Studien geführt worden.

Von Pellican ist schon wiederholt die Rede gewesen. Hier fesselt er uns als Derjenige, der Jahre hindurch der erste Hebraist des Oberrheins war. Schon sein frühester Aufenthalt in Basel 1502—1508 bescheert dieser Stadt Früchte seines durch Selbstschulung erworbenen reichen Wissens von hebräischer Sprache: die Mitarbeit am Hieronymus, den dem Ludwig Bär und den Amerbachsöhnen erteilten Unterricht, die Publikation der von ihm verfaßten Grammatik; nach Jahrzehnten noch redete Pellican mit Stolz davon, daß er es gewesen, der einst die hebräischen Studien nach Basel gebracht habe. Es ist die Zeit, da er mit Hilfe des Basler Rates nach hebräischen Büchern forscht, die bei einem Juden in Mülhausen sein sollen. Die Zeit, da auch Leontorius sich mit der Sprache abgibt; er schenkt 1509 dem Bruno Amerbach einige Blätter mit hebräischen Texten aus dem Nachlasse des alten Sebastian Murr in Colmar. Dann kommen die Wanderjahre Pellicans mit Satzger; aber auch sie lassen ihm Muße, in Basel zu [221] wirken: durch Mitarbeit an dem der Hieronymusausgabe angehängten Psalterium Quadruplex 1516 und an der Taschenausgabe der Psalmen im gleichen Jahre.

Auch Capito wird durch das Fascinierende dieser Studien ergriffen. Unterricht hat er s. Z. von Matthäus Adrianus erhalten. Jetzt ist er selbständiger Forscher und Editor. Die ergreifenden Worte, in denen er vom Glücke des Lesens der Heiligen Schrift in der Ursprache, von der Herrlichkeit der reinen Quelle redet, bezeugen den Sinn dieser seiner Studien; die Glut, die in ihm lebt, erklärt uns sein rasches Aufsteigen zur Meisterschaft.

Zu einer Meisterschaft, die auch Erasmus anerkennt. Er hält den Capito für einen dem Reuchlin überlegenen Hebraisten. Wobei wir nicht übersehen, welche Stellung er selbst einnimmt. Indem er seine Inferiorität in diesem Fache zugibt, will er sie rechtfertigen durch Herabwürdigung des Faches selbst: die hebräische Sprache sei ihm unsympathisch; ihr Studium diene einer Überschätzung des Alten Testamentes und führe zum Talmud, zur Cabbala, zum Tetragrammaton und andern Nichtigkeiten; hinter ihm laure die Pest des Judaismus.

Capito ist damals unbestreitbar der Führer dieser Disziplin in Basel. Er nimmt teil an der Edition des Neuen Testamentes, indem er die hebräischen Namen und die Zitate aus dem Alten Testamente revidiert. Im selben Jahre 1516 fügt er zur Ausgabe des hebräischen Psalters einen grammatischen Anhang (institutionuncula, und 1518 folgt sein Hauptwerk, die große hebräische Grammatik (institutiones). An einem Orte, wo von allen Seiten her das Hebräische tönt. Bruno Amerbach ist auch dieser Sprache kundig, feliciter trilinguis. Ebenso Ökolampad; er gibt demselben jungen Hallwil, dem Capito 1518 seine Grammatik widmet, schon 1516 hebräische Stunden. Auch in Glareans Institut wird diese Sprache gelehrt. Sogar Thomas Murner treibt damals Hebräisch. Und wie dann Capito Basel verläßt, wird zur selben Zeit Pellican, den kurz vorher Reuchlin an die hebräische Lectur in Wittenberg empfohlen hat, wieder in Basel heimisch und unternimmt in seinem Kloster große lexikalische und grammatikalische sowie das Alte Testament kommentierende Arbeiten. Zugleich tritt sein Ordensgenosse Sebastian Münster hervor. Vor einem Jahrzehnt hat er im Rufacher Minoritenconvent bei Pellican Hebräisch gelernt, 1516 dient er in Basel der Taschenausgabe der Psalmen als Kastigator, jetzt 1520 publiziert er hier einen Abriß der hebräischen Grammatik und die Sprüche Salomonis. Im gleichen Jahre, da bei Froben auch des Matthäus Adrianus hebräisches Lesebüchlein für Studenten erscheint.

[222] Denkwürdig bleibt jedenfalls, mit welcher Raschheit und Kraft die Basler Drucker sich der neuen Disziplin anpassen. Sie verfügen sofort über die Spezialitäten dieser Typen Setzer Kastigatoren. Seit der ersten Grammatik Pellicans werden hier zahlreiche hebräische Bücher hergestellt.


Aus der prächtig wogenden Masse der Studien und ihrer Ergebnisse treten zwei Werke mit eigenartigem Glanze hervor: die Editionen des Neuen Testaments und des Hieronymus.

Im Sommer 1504 fand Erasmus in einer Prämonstratenserbibliothek unweit Löwen die auf griechische Terte sich gründenden Anmerkungen des Lorenzo Valla zum lateinischen Vulgatatexte des Neuen Testamentes; er entschloß sich zur Veröffentlichung dieser Arbeit, die ihm den Abstand zwischen Vulgata und Urtext zeigte, obgleich er voraussah, daß die auch vor der Heiligen Schrift nicht Halt machende Kritik Manchem bedenklich erscheinen werde. Im März 1505, in Paris, trat das Werk ans Licht.

Von da an scheint das Problem einer kritischen Ausgabe des Neuen Testamentes den Erasmus dauernd beschäftigt zu haben. Auch in Italien, dann in England. Er wollte den Text in seiner ächten Form wiederherstellen, die alte anerkannte, aber vielfach schlechte Fassung verbessern, nicht oberflächlich und ehrfurchtlos, träumend gleichsam und mit ungewaschenen Händen, sondern unter Benützung der ältesten Handschriften sowie der Meinungen gelehrter und heiliger Kirchenväter.

Als Erasmus im August 1514 nach Basel kam, meldete er sofort dem Reuchlin, daß der Druck des Neuen Testamentes beginnen werde. Aber die Arbeit war noch nicht so weit gediehen, auch traten andre Publikationen dazwischen. Noch im April 1515 hatte Froben kein Manuskript erhalten. Erst die Nachricht von einer Ausgabe des Neuen Testamentes in Spanien, in der großen complutensischen Polyglotte des Kardinals Ximenez, scheint die Basler zur Eile getrieben zu haben. Im August 1515 ist das Neue Testament im Druck; im September kommen Ökolampad und Gerbel als Kastigatoren zu Hilfe; im Februar 1516 erscheint die Edition, die überhaupt erste des Neuen Testaments im Originaltexte.

Sie ist eilig gemacht, nicht frei von Fehlern und Willkür. Aber die Wirkung auf die Geister sofort eine gewaltige.

Dieses Buch hat die Namen seiner Mitarbeiter in die Unsterblichkeit gerettet, urteilt Rhenan. Ludwig Bär küßt es, betet es an, beklagt die vielen in scholastischen Zänkereien verlorenen Jahre. Andreas Ammonius in London huldigt dem Erasmus, Budaeus jubelt, Herman von Neuenahr [223] möchte die ganze Bibel in solcher gereinigten Gestalt besitzen. Überall hin geht das Buch und gewinnt dem Erasmus neue Freunde und Bewunderer. Aber auch die Gegner regen sich.

Erasmus selbst ist sich des großen Neuen und Kühnen seiner Tat durchaus bewußt. Daher er den Leser zu gründlicher Prüfung der Arbeit auffordert und ihre Art und Absicht ihm darlegt. Nicht Eleganz aber Richtigkeit ist das Ziel; die graeca veritas, der Urtext, soll die einzige Quelle sein und die Grundbedingung richtigen Schriftverständnisses. In des Erasmus Äußerungen über die Pflicht der Kritik, über die Bedeutung auch kleiner Verschiedenheiten, über den Wert des das Heilige bergenden Wortes lebt ein tiefes Gefühl, eine Ehrfurcht, aber auch der Stolz auf das Geleistete. Das Buch soll in erster Linie nicht einem wissenschaftlichen Zwecke dienen; es ist mehr als eine Humanistenedition, „eine reformatorische Tat“.

Wie Erasmus vor zehn Jahren die Ausgabe des Vallakommentars mit dem Namen des päpstlichen Protonotars Christian Fischer gedeckt hat, so schirmt er jetzt sein Neues Testament mit dem Namen Leos X.; diesem Papst ist die Edition gewidmet.

Schon im Sommer 1516 aber denkt Erasmus an eine zweite Auflage, in der das Überstürzte der ersten verbessert werden soll. In Löwen wird diese Arbeit begonnen, in Basel fortgeführt. Unter Beigabe des Breve Leos X., das Erasmus durch Vermittlung Puccis sich erwirkt hat und in dem der Papst die Edition approbiert, erscheint das Buch im März 1519 bei Johann Froben.


Das Streben, die reineren Quellen christlicher Erkenntnis aufzudecken, führt den Humanismus auch zu den Kirchenvätern. Einst im dreizehnten Jahrhundert haben sie als die Veralteten gegolten gegenüber den neuen Meistern, den Scholastikern; jetzt kommen sie wieder zu ihrem Rechte durch die Arbeit der die Scholastik Bekämpfenden.

Überall rauschen und brausen unsern Humanisten die Quellen. Auch die Patres werden von ihnen gewürdigt. Die mächtige Energie, mit der sich der Basler Humanismus der Sammlung und Publikation ihrer Werke annimmt, gibt ihm das Recht, zu den Begründern der modernen Patristik gezählt zu werden.

Wieder haben wir auf Johann Amerbach zurückzugreifen. Durch seinen Freund und Mitarbeiter Heynlin angetrieben, will er außer der Bibel die Werke der heiligen katholischen Männer, insbesondere diejenigen der vier großen [224] Doktoren Augustin Ambrosius Hieronymus Gregor im Drucke herausgeben. Demgemäß erscheinen von 1489 an bei ihm einzelne Schriften und 1506 die Gesamtausgabe des Augustin, 1492 in drei Folianten die Gesamtausgabe des Ambrosius.

Dem Beispiel Amerbachs folgen andere Basler Offizinen: 1504 Jacob von Pforzheim mit der auf Kosten Lachners gedruckten Ausgabe aller Werke des Chrysostomus, 1512 Froben mit der Schrift Augustins vom Gottesstaate, Adam Petri 1515 mit einzelnen Schriften Augustins und 1516 mit den Werken des Ambrosius.

Dieses selbe überreiche Jahr 1516, ausgezeichnet schon durch das griechische Neue Testament sowie Frobens psalterium quadruplex bringt nun auch die Ausgabe des Hieronymus. Sie ist einst das letzte große Unternehmen Amerbachs gewesen, durch ihn begonnen 1507, nach Erledigung des Augustin, aber nicht vollendet. Seine Söhne und Froben übernehmen nach seinem Tode diese Aufgabe und gewinnen zur Mitarbeit oder Leitung den Erasmus, den dieser Schriftsteller Jahrzehnte beschäftigt und der 1512 mit Badius über eine Ausgabe der Briefe verhandelt hat. Seine Beziehungen zu Froben übertragen nun auch ihm dies große Erbe Amerbachs und beseitigen frühere Pläne. Wie begeistert vor andern ist gerade er für eine solche Arbeit! „Wir küssen und verehren die Tücher und Schuhe der Heiligen; aber ihre Schriften, in denen ihr Bestes noch heute für uns lebt und atmet, lassen wir untergehen!“ ruft er aus. Und Hieronymus zumal ist ihm unter allen Christen der alten Zeit der Gebildetste und Beredteste; wie von göttlicher Gewalt fühlt er sich zu ihm hingezogen.

Seit dem September 1514 ist von dieser Basler Ausgabe die Rede. Von da an gibt es keine Pause mehr, kein Aufatmen. Erasmus selbst, „wie ein Herkules sich mühend“, bearbeitet die Briefe; Rhenan, die Amerbache, Ökolampad besorgen das Übrige; Froben wendet die elegantesten Typen an das Werk. Auch überall draußen wird davon geredet, unausgesetzt werden alle Korrespondenten Basels vom Fortgange der Arbeit unterrichtet. In Ravensburg freut sich Hummelberg auf den Moment, da er diesen Hieronymus in Händen halten wird, seiner römischen Tage gedenkend, da er zu Santa Maria Maggiore die dort ruhende Asche des Heiligen zu verehren pflegte. Auch den ihm von Rom her persönlich bekannten Kardinälen Riario und Grimani schreibt Erasmus darüber, ebenso dem Papste, dem er die Ausgabe widmen will. Überall ausführlich über die einzige Bedeutung dieses heiligen Autors redend, der einem goldenen Strom, einer reichen Bibliothek zu vergleichen sei; eindringlich und bewußt [225] auch über die Mühen der Editoren, die mächtige Leistung der Offizin. Im Sommer 1516 tritt das große Werk, neun Bände füllend, ans Licht; Froben und die Erben Amerbachs bestreiten die Kosten. Wie mitten in einem von kriegerischem und politischem Tun hocherregten Basel diese großen Arbeiten des Erasmus vollbracht werden, ist eine Erscheinung von unvergleichlicher Belebtheit.

Aber der Eifer der Basler Humanisten für die Kirchenväter und die durch sie vertretene „alte Theologie“ ist mit diesen Bändereihen keineswegs erschöpft.

Caspar Hedio bittet Gott, daß er einen guten Menschen dazu treibe, den Origenes wieder im alten Glanz erstehen zu lassen, und auch Froben bleibt tätig. Im Jahre nach dem Hieronymus, 1517, läßt er in fünf Bänden die Werke des Chrysostomus hinausgehen, 1520 die Werke des Cyprian. Sodann veranlaßt der Fund einer aus Peterlingen stammenden Tertullianhandschrift in der Bibliothek des Kolmarer Dekans, zu der später noch ein Hirsauer Codex tritt, den Rhenan, da die Pressen Frobens gerade Ferien haben, diese Zeit rasch zur Publikation zu benützen. Die Vorlagen sind verderbt und fehlerhaft; nicht ohne Grund mahnt Bürer seinen Patron, die Tränen um den Tod des Vaters zu trocknen und die Augen zu sparen für den Tertullian; denn diese Arbeit ist voll unsäglicher Mühe, trotz Pellicans Hilfe. Aber was bedeuten Mühe und Anstrengung? Es handelt sich ja um Tertullian, den „Origenes der Lateiner“, der nun aus der Unterwelt wieder ans Licht steigen soll. Es gilt die guten Studien. Die Stimmung, die all die Patristikarbeiten der Basler bis dahin begleitet, dazu das einzige herrliche Gefühl dieser Höhezeit, leben in der Edition und werden aufs Schönste ausgesprochen durch Rhenan selbst in seinem großen Geleitschreiben an Stanislaus Turzo, Bischof von Olmütz.

Für die Basler Lokalgeschichtschreibung bleibt der Humanismus fast wirkungslos. Sie lernt nichts von den Italiänern, nichts von den Alten und bewegt sich weiter in den gewohnten Bahnen. Einzig der uns schon bekannte Hieronymus Brilinger ist unter diesen Stadthistorikern hier namhaft zu machen, weil er in Verschiedenem über das Traditionelle hinausgeht. Er gibt eine, allerdings nur ganz äußerlich, humanistische Überarbeitung der Blauensteinchronik. Er zeigt auch in bemerkenswerter Weise Sinn für Erweiterung des Gebiets historischer Quellen durch seine Sammlung von Inschriften, sowie durch sein Diplomatar der Hochkirche Basel, in dem er die Monogramme, die Siegel, die verlängerten Schriften usw. der Papst- und Kaiserurkunden nachzeichnet. Derselbe Brilinger untersucht 1512 den [226] Inhalt des wohl auf seinen Antrieb geöffneten Grabes der Königin Anna im Münster und enthebt ihm die Krone; es ist eine in antiquarischem Eifer unternommene Grabschändung, die an die gerade damals übliche Schatzgräberei streift und ihre Parallelen hat in gleichzeitigen Öffnungen von Heiligengrüften durch eine schaugierige Devotion.

Aber wichtig ist das an solche lokalpatriotischen Leistungen sich weiter Anschließende.

Im Jahre 1519 publiziert Cratander das Schriftchen des Benvenuto di san Giorgio vom Ursprunge der Welfen und Ghibellinen mit der Würdigung des Otto von Freising als eines Geschichtszeugen gegenüber italiänischen Darstellern. Vielleicht ist Rhenan, der sich zu jener Zeit mit Barbarossa beschäftigt zu haben scheint, bei dieser Publikation beteiligt. Wie das Jahr 1519 überhaupt merkwürdig reich für Rhenan ist, ihn außerordentlich angeregt und überall hin in historicis tätig zeigt.

Er plant eine Ausgabe der deutschen Volksrechte, der leges Pipini. Durch Vermittelung des Calvus fahndet er auf Handschriften von Historikern, die nach dem Untergange des römischen Reiches geschrieben haben. Er geht einer Chronik nach, die der Abt eines Schwarzwaldklosters ihm vordem geliehen hat und die nun an Jacob Spiegel gekommen ist. Namentlich aber beschäftigt er sich mit Tacitus und seiner Germania. An der Gesamtausgabe bei Froben, August 1519, nimmt er Teil durch Revision des Germaniatextes, unter Benützung einer von Hieronymus Artolf ihm mitgeteilten Kollation, und durch Anfertigung eines Registers. Sodann aber gibt er der gleichzeitig und ebenfalls bei Froben erscheinenden Sonderausgabe der Germania einen Kommentar bei, der „einen ersten Platz in der Geschichte der kritischen Erforschung der deutschen Vorzeit verdient“. Aus Rhenans Mund auch vernehmen wir eine eigene Benennung des unmittelbar vergangenen Zeitraumes. Im Bewußtsein des Humanisten, in einer neuen, durch Wiederauferstehung des Altertums geweihten Zeit zu leben, redet er von der media antiquitas, die sowohl von dieser Gegenwart verschieden sei als von jenem Altertum.


Durch Gelehrsamkeit, kritisches Urteil, Methode des Arbeitens erweist sich Rhenan als einer der Bedeutendsten unter den deutschen Geschichtsforschern der Zeit; nachdem er sich lange hauptsächlich als Editor ausgezeichnet hat, wird er in seinen Drei Büchern deutscher Geschichte ein darstellendes Werk von hohem Werte geben.

Ein neuer Geist berührt auch Gesetzgebung und Jurisprudenz. [227] Vom Eindringen römischen Rechtes in das Stadtrecht ist schon die Rede gewesen. Es war ein Vorgang, der nie mehr zur Ruhe kam, aber dabei keinem allgemein mächtigen Bedürfnisse zu entsprechen hatte, sondern sich darauf beschränkte, dem Stadtrechte einzelne neue Rechtsbegriffe und Rechtssätze zu bringen. Als solche können wir hier erwähnen den Versuch der Einführung einer Obervormundschaftsbehörde im Entwurfe der Stadtgerichtsordnung von 1518/19 und das Statut über das Eintrittsrecht der Großkinder von 1522.

Aber es handelt sich noch um Anderes als um Reception. Um das Streben nach einer Reform der Jurisprudenz, wobei wiederum das Gebot gilt, die Quellen aufzusuchen. Auch die legalis scientia, die Gesetzeswissenschaft, soll erleben, was andern Disziplinen zu Teil geworden ist: sie soll aus den „Dunkelheiten alter Irrtümer“ ans Licht gehoben, der „wahre Intellekt“ gegenüber der überlieferten Meinung und der alte ächte Text der Rechtsbücher gegenüber nachträglicher Kommentation zur Geltung gebracht werden. Auch die philologische Kritik hat dabei zu helfen, und überdies wird Eleganz der Form, Klarheit und Schönheit der Diction verlangt.

Diese Gedanken und Forderungen werden in Basel zunächst nicht durch die eigene Universität verkündet. Sondern aus der Nachbarschaft, von Freiburg her, wirkt in diesem Geiste der große Ulrich Zasius. Er ist das anerkannte Haupt des neugerichteten juristischen Deutschland; er und Budaeus und Alciat sind die Triumvirn für Reform der Jurisprudenz überhaupt. Von der merkwürdig frischen und mächtigen Art des Zasius haben wir schon zu reden gehabt; er ergreift Jeden, der mit ihm zu tun bekommt, und überwältigt ihn.

Auch Basel steht unter seinem Einflusse. Vielleicht ist die Bemühung des Rates um einen päpstlichen Erlaß, daß auch geistliche Personen in Basel das kaiserliche Recht sollen studieren dürfen, 1512, Folge einer solchen Influenz. Namentlich aber haben wir uns an diejenigen Basler Juristen zu halten, die durch die Zucht des Zasius gegangen sind: Lucas Klett, die Officiale Johann Pludanus und Ulrich Schmotzer, Bonifaz Amerbach. Auch Stephan Verdelet (Fredelot Fredler) von Besançon, der 1521 hier eine juristische Lektur versieht, ist Schüler des Zasius gewesen.

Die wichtigste Erscheinung aber ist Claudius Cantiuncula. Er kommt 1517 nach Basel, nicht von Freiburg her. Aber in feuriger Bewunderung gibt er sich dem Zasius zu eigen. Er erhält eine Professur an der Universität, plädiert auch vor dem Gerichte des Officials und schriftstellert. Wie er eine vom Herkömmlichen abweichende Art der Argumentation aufstellt, [228] stellt, so wirkt er überhaupt für eine neue Methode juristischen Studiums, mit dem bestimmten Verlangen humanistischer Vorbildung. Ohne Kenntnis der literae politores, auch der griechischen Sprache, erscheint ihm das Rechtsstudium als unvollkommen. Alle Kraft ist an das Verständnis der Quellen zu wenden.

Dennoch erscheint neben dem mächtigen Leben, das in Basel den philologischen Disziplinen gegönnt ist, die Jurisprudenz als dürftig. Um so eher beachten wir die Hilfen, die ihr hier zu Teil werden durch Edition von Rechtsquellen. Basel hat den Ruhm, daß es 1474 die Erstausgabe des Sachsenspiegels geschaffen hat“ ein halbes Jahrhundert später werden hier die Ausgaben alter germanischer Volksrechte folgen. Inzwischen publiziert die Druckergesellschaft Amerbachs in den Jahren 1511 und 1512 den ganzen Komplex der kanonischen Rechtsbücher. Dann beschäftigt sich Rhenan, durch Mutian aufgefordert, mit einer Ausgabe der Pandekten.


Auch in der Medizin regt sich etwas Frisches. Man will die alten Klassiker vom Arabismus gereinigt kennen lernen und nach ihrer Lehre handeln. Nur spüren wir in Basel selbst von diesem Streben kaum etwas. Die Stadt dient ihm durch ihren Sohn Wilhelm Copus in Paris, den wir kennen; hier ist nur der paar Humanisten zu gedenken, die sich zugleich Mediziner nennen — Lister Carinus Artolf — und des Arztes Oswald Bär, der vordem die Schlettstädter Schule geleitet hat.


Als Mathematiker von Bedeutung wird nur Glarean genannt, zu wiederholten Malen durch Erasmus.


Dieser selbe Glarean, der auch musiziert und horazische Oden komponiert, erweist sich zugleich in der wissenschaftlichen Musik als Kapazität. Nach Kainspeck Prasperg Virdung gibt er hier den Musikstudien neue Anregung. 1516 veröffentlicht er die Isagoge in musicen.


Wie an Nürnberg, so kann an Basel eine besondre Disposition für die Pflege geographischer und kosmographischer Interessen wahrgenommen werden. Der Ort alter Kaufmannschaft und unausgesetzter Weltbereisung ist auch dem wissenschaftlichen Betrachten dieser Dinge günstig. In demselben Basler Dominikanerkloster, dessen Mönch im dreizehnten Jahrhundert eine Weltkarte auf zwölf Pergamentblätter gezeichnet hat, liegt ein berühmter Codex mit der Geographie des Ptolemaeus. Aus der elsaß-lothringischen [229] Kartographenschule aber kommt jetzt Mathias Ringman nach Basel und hält hier Vorlesungen über Kosmographie, während zur gleichen Zeit Konrad Pellican, der einst mit dem Astronomen Johann Stöffler zusammen bei Paul Scriptoris in Tübingen sich gebildet hat, das durch einen Basler Barfüßer, gebornen Nürnberger, angefertigte Astrolabium und Planetarium demonstriert.

Die Beschäftigung mit diesen Dingen ruht von da an nicht mehr. Zentrum der Ptolemaeus-Studien in Deutschland ist der Nürnberger Pirkheimer, und das Gelingen der von ihm geplanten Ausgabe liegt auch den Baslern am Herzen. In ihrem Verkehre mit Pirkheimer Hummelberg u. A. ist das Beziehen von Angaben des Ptolemaeus auf spätere Zustände und Benennungen ein stehendes Thema.

Auf dem so zubereiteten Boden muß sich Glarean sofort wohl fühlen. In seiner Schule lehrt er auch Geographie. Schon früher, in Köln 1510, hat er eine Weltkarte mit den neuesten Entdeckungen und dem Namen Amerika gezeichnet, in Nachbildung der großen Karte des Waldseemüller von 1507. Kurz nachher entsteht dann das wichtige umfassende Werk, das er zwei Jahrzehnte später seinem Lehrbuch der Geographie zu Grunde legen wird: eine Darstellung der mathematischen Geographie sowie Beschreibungen der Erde und des Universums, samt mehreren Weltkarten mit eigenartigen Methoden der Längen- und Breiteneinteilung, der Projektion usw., auch einer Zeichnung der konzentrischen Sphären des Weltalls mit dem Flecken Glarus als Zentrum.

Zu diesen geographischen Arbeiten Glareans tritt nun noch eine poetisch und halbhistorisch gehaltene Beschreibung der Schweiz. Im Frühsommer 1514 von Köln her in Basel angelangt, unterhält sich Glarean hier mit dem Zürcher Heinrich Utinger über die Geschichte der Schweiz und ihre bisherige Vernachlässigung. Er entschließt sich selbst zur Arbeit, sammelt Material, und vor Ende des Jahres erscheint bei Adam Petri die Descriptio Helvetiae.

Wir bedenken, in welchem Momente Glarean dieses Werk schafft. Er kehrt aus einem jahrelangen Leben der Fremde in die Heimat zurück, die gerade jetzt so stark und ruhmreich ist wie nie zuvor. Glareans geographischer Sinn verbindet sich mit patriotischem Hochgefühl und mit der Freude am Wohllaute seiner Verskunst.

Vorgeblich, um für die vernachlässigte Schweizergeschichte etwas Positives zu leisten. Aber es ist gar kein Geschichtswerk. Nicht erzählen hören wir den Glarean, sondern beschreiben. Der allgemeinen Schilderung des [230] Landes folgen Lobsprüche auf die einzelnen Orte; den Schluß bildet eine summarische Charakteristik der Schweizer, die ermahnt werden, immer Papst und Kaiser, die beiden Leuchten der Welt, vor Augen zu haben und die Taten der Römer nachzuahmen. Das Ganze ist ächte Humanistenarbeit. Bezeichnend vor Allem, daß Glarean seine Beschreibung zum kleinsten Teil auf Autopsie, im Übrigen auf Excerpte aus Strabo Ptolemaeus u. A. aufbaut. Weil Caesar nur zwölf Oppida der Helvetier kennt, läßt Glarean in der ersten Fassung die Ehre seines Panegyricums auch nur zwölf Orten zu Teil werden und Appenzell leer ausgehen. Er stellt seinen Landsleuten die großen Römer als Muster hin, nicht die Helden der eigenen Vorzeit, mit Ausnahme Tells.

Jedenfalls empfinden schon die Zeitgenossen, wie leer diese Hunderte von Hexametern sind; auch über manche Dunkelheiten des Ausdruckes klagen sie, so daß Glareans Freund Myconius einen Kommentar zu dem Gedichte verfaßt und eine neue kommentierte Ausgabe erscheinen läßt, bei Froben 1519. Es ist eine gut schulmeisterliche Leistung, durch zahllose Notizen viel Belehrung bringend, aber den Originaltext überflutend. Auch typographisch unerfreulich: aus dem schönen Dichterhefte von 1514 ist ein schwerfälliges Produkt geworden.


Wir überschauen das Ganze dieser Vorgänge und sehen in ihm ein durchgehendes Gefühl da stärker dort schwächer wirken: das Gefühl eines durch Lösung bisheriger Bande gewonnenen, neuen Lebens.

Seine Äußerungen haben wir vernommen, wo immer von Edition alter Autoren die Rede gewesen ist; diese Alle kommen wieder ans Licht und beginnen neu zu sein. Aber nicht beim Einzelnen, beim Hieronymus renatus und dgl., bleibt der Humanist stehen. Durch das ganze Reich des Geistes ahnt er ein neues Erfahren, ein wieder jung werden alter Weisheit so gut wie ein Treiben und Quellen frischer Gedanken.

Es ist nur ein einzelner Drang der universalen Bewegung, die über dieses Geschlecht dahingeht und es ergreift, die ihm das Hochgefühl des Freiwerdens von Mächten und das Bewußtsein neuer Energien und unbändiger Kräfte bringt.

Aus der Schar der Solches Empfindenden vernehmen wir hier nur die Humanisten. Sie nennen die Zeit eine glückliche, in der ein Neues über die Erde kommt. Dem Rhenan erscheint sie als das wahre goldene Säculum. Während der zu frühe gealterte Erasmus sich in dieser so Großes [231] verheißenden und gebietenden Morgenstunde seine Kraft zurückwünscht: „O daß ich wieder jung werden könnte!“

Vom allgemeinen Sturme geweckt und begeistert steht der Humanist vor uns.

In der Überwindung der Tradition, in der Anwendung freier Kraft und selbstgewählter Mittel, im Stolze seiner „geistigen Sendung“ fühlt er sich als eine neue Kreatur. Ihn trägt das keinen Zweifeln ausgesetzte Bewußtsein, ein Mensch besonderer Art zu sein. Wozu auch die lebendige Empfindung einer Gemeinschaft gehört. Er weiß, daß in der Nähe und in der Ferne Andere leben, mit denen zusammen er erhoben ist über Barbarei und Vulgus.

Aber bei aller Gemeinsamkeit herrscht doch im Einzelnen der Wille zur völligen Freiheit. Jeder hat zunächst sich selbst zu behaupten. Erasmus begehrt Allen nützlich zu sein, aber Keinem verpflichtet. Wogegen Glarean gelegentlich mit bittern Worten klagt, statt daß Einer dem andern beistehe, suche jeder nur „sein eigenes Rühmlein“.

Das Entscheidende, den Einzelnen wie überall so auch hier in der Höhe Haltende ist die eigene Leistung. Jeder dieser Humanisten möchte sich in feinem Bereich als einen Erneuerer der Wissenschaften fühlen. Und so erklärt sich, daß uns überall dasselbe gesteigerte Wesen begegnet. Es ist durchweg die Überzeugung, daß es sich um Bahnbrecherarbeit handle und nichts erreichbar sei ohne höchsten Aufwand von Kraft.

Rastlose Tätigkeit gehört zum Wesen der Zeit überhaupt. Nicht in der Form gewöhnlichen Fleißes, sondern als mächtige Energie, als bewußte Konzentration von Wille und Fähigkeit auf ein Vorhaben. Thomas Platter zeigt uns das unvergeßliche Bild eines solchen gewaltigen und seiner selbst nicht schonenden Arbeiters. Ähnlichen Eindruck macht unser Basler Humanistenkreis. Er ist erfüllt von einer stets neu erregten und jede Erregung weiter gebenden, unruhig vibrierenden Tätigkeit. Zum Teilnehmen an allem Gelehrten, das da und dort geschieht, tritt das eigene ungeduldige Vorwärtsdringen, der Mut des Bekennens und des raschen Produzierens. Man fühlt sich frei von Vorgang und Autorität, ohne des natürlicherweise sich einstellenden eigenen Autoritätsbedürfnisses neuer Art bewußt zu werden. Man will für das Selbsterrungene allein verantwortlich sein, will sich auszeichnen und Lob hören. Auf neuen Bahnen, zu neuen Zielen strebend fühlen sich die Kräfte. Es geht weiter mit Geist- und Feuerschritten.

Die Beherrschung einer Mehrzahl alter Sprachen gilt den Ehrgeizigen und Wißbegierigen als erstrebenswert. Vielgepriesen sind die das Lateinische [232] Griechische Hebräische beherrschenden Trilingues, wie Bruno Amerbach Capito Leontorius. Auch Pellican gehört zu ihnen; 1506 schreibt er die Bußpsalmen in sechs Sprachen nebeneinander hin. Allen gemeinsam ist die Geringschätzung des Spezialistenwesens als einer der Harmonie vollkommen ausgebildeten Menschentums nicht gemäßen Art; in diesem Geiste wachsen einige ungewöhnlich Mächtige zu glänzender Vielseitigkeit. So Erasmus mit seiner einzigen Geisteskraft und Arbeitsvirtuosität. So Glarean, der Philologe Geograph Mathematiker Musiktheoretiker Dichter und Erzieher ist. So Capito, den die Wißbegier erst zur Medizin treibt, dann zum Jus, dann zur Theologie, und der ein Meister der hebräischen Wissenschaft wird. Auch Beatus Rhenanus verdient sich den Ehrennamen eines Polyhistors. Den Bonifaz Amerbach, an dem Zasius den vehemens studii ardor bewundert und der nach des Cantiuncula Urteil „schon frühe den Kreis der Encyclopädie umschritten hat“, zeichnen nicht einzelne Leistungen aus, sondern die Allgemeinheit und Weite seiner Bildung.

Es ist die Zeit, die von keiner Schonung weiß und Jeden zur stärksten Ausnützung der ihm beschiedenen Kräfte treibt. Die möglichen Übeln Folgen solcher Anstrengungen sind ihr wohl bewußt. Daher die Schrift des Marsilius Ficinus „Von der Gesundheitspflege der Gelehrten“ damals in Basel publiziert wird. Beständige Verschleimung, pituita, ist eine Gelehrtenkrankheit, über die viel geklagt wird. Und wie Manche, die „handlich studieren, früh aufstehen und spät niedergehen“, sind durch Kopfweh und Schwindel geplagt! Schon der alte Surgant empfiehlt Studierenden den Gebrauch der der gedächtnisstärkenden Pillen; Bischof Christoph läßt sich solche aus der Apotheke kommen, und auch Erasmus kennt sie.

Wichtiger ist, daß Surgant in demselben Traktat, der diese Pillen nennt, neben den Mahnungen zu Mäßigkeit und guter Zeiteinteilung die Studiosen auffordert, eifrig zu arbeiten und in solchem Arbeitseifer bis zum Tode nicht nachzulassen.

Aber zum Wesen des Humanisten gehört noch Anderes als Wissen und Arbeit.

Es gehört dazu die Bildung, die zu gewinnen ist in der Beschäftigung mit den politiores elegantiores humanae litorae, mit den ingenuae disciplinae, m. a. W. die sich nährt an den Werken der großen Dichter Philosophen Redner des Altertums und der verjüngten Gegenwart.

Erst beim Hinzutreten dieser Bildung zum Gelehrtentum ergibt sich Besonnenheit und Adel des Urteils, Erregbarkeit auch für die äußere Form, Freiheit von engen Lehrbegriffen und Denkweisen, Ergebensein den Musen. [233] Und nur der so zugleich Gelehrte und Gebildete kann als der wahre, der vom Barbaren unterschiedene Mensch gelten. Nur er ist doctus et humanus. Nur er besitzt Würde und reine Menschlichkeit, freies edles Menschentum, humanitas. Dieser hohen Herrin Humanitas, die auf ihrem Triumphwagen einherfährt, von Homer und Demosthenes und Virgil und Cicero geleitet, dient er freudig. Er ist der „klassische Mensch“, der Humanist.

Unverkennbar aber weitet sich dieser Begriff von Humanität allmählich über das geistige Gebiet hinaus. Es besteht der feste Glaube, daß der frei gebildete Mensch vermöge dieser Bildung auch ein wohlgearteter, ein guter und reiner Mensch sei. Zum Humanistenideal gehört auch die integritas, die puritas vitae, der candor. Der Humanist ist ausgezeichnet in literis et moribus.

Bis schließlich die humanitas auch die urbanitas umfaßt, vom Humanisten auch die Humanität im allgemeinen Sinne gefordert wird, die Menschenfreundlichkeit Höflichkeit Güte. Auch um dieser Tugenden willen erscheint Rhenan als eine Zierde der Humanistengesellschaft, und Erasmus übertrifft an Humanitas sogar die Grazien.


Durch solche Forderungen beherrscht erscheint der Basler Humanismus. Er will, daß sich der „Mensch“ heraus- und hinaufarbeite und gestalte. Ohne die Poetenmanieren eines Celtis u. dgl. Auch ohne die Pose einzelner Italiäner. Wissenschaftliche Tätigkeit, freie Denkart, Pflege strenger und schöner Form der Äußerung, pädagogisches Wirken, ernste Haltung sind die Hauptzüge seines Bildes. Was außerdem sich in Lebensgefühl und Lebensführung als Humanisteneigenart geltend macht, ist sekundär.

Die Gesamtheit dieser Humanisten gibt uns die Vorstellung der vielen über ihre Schreibtische Gebeugten, zu einer Zeit, da man draußen von Basel zu sagen pflegte, daß hier in jedem Haus ein Gelehrter sitze.

Wir sehen sie sacra musarum tractare haben ihre Werke vor uns, Zeugnisse zahlloser Stunden voll Mut Mühsal und glückseliger Inspiration.

Wir bestaunen ihre Arbeitsamkeit, ihren Scharfblick, die große Conception ihrer Gesamtausgaben und universalen Sammlungen.

Wir hören das nie aussetzende Geräusch ihres oft aufgeregten geistreichen Verkehres.

Es ist unendlich viel, und doch kann es uns nicht befriedigen. Wir wünschten weiter hinein dringen zu können. Hinter all der Humanitas suchen wir das einfach Menschliche. Hinter dem Methodischen und Gelehrtenhaften möchten wir das warme innere Erleben und die Leidenschaft fühlen. [234] Hinter dem allgemeinen Humanistenbegriff und auch hinter einem äußern Gleichsein lebt die größte Varietät einzelner Persönlichkeiten und Geistigkeiten, eine unendliche Verschiedenheit der Wirkungen von Quellen Autoren Gedanken Lehren usw. auf den Einzelnen. Hinter dem scheinbar überwältigenden Wesen der Sodalitas ahnen wir die Einsamkeit, die Jedem selbst inmitten vertrautester Genossen beschieden ist.

Aber in solche Tiefen wird uns kaum zu blicken gegönnt. Viel beflissener zeigen sich uns diese Menschen in der ihnen zusagenden Stilisierung.


Es handelt sich vor Allem um den sprachlichen Ausdruck. Um Erfüllung des Gebotes, daß auch die stärkste Gelehrsamkeit noch geadelt sein müsse durch auserlesene Form, daß auch die Grazien den Studien nahe sein sollen.

Dem Humanisten liegt nicht ausschließlich an der wissenschaftlichen Forschung. Er hat das Bewußtsein einer allgemeinen „menschlichen“ Aufgabe und der Vertretung neuer Ideen. Dem Ziele hoher Ausbildung seiner selbst ist er auch die Kultur des Wortes schuldig. Diese Einsicht macht den Gelehrten zum Schriftsteller und gibt der Sprachkunst die hohe Bedeutung.

Dabei wirkt die Erkenntnis, daß zum alten Mustergültigen zurückzukehren sei, auch auf diesem Gebiete. Mit Nachdruck fordert Rhenan die Humanistenjugend auf, sich wieder zur prisca elegantia, zur Formschönheit der Antike zu bekennen. Und kaum ein Jahrzehnt später, 1516, kann Erasmus froh verkünden, daß die Zeiten vorüber seien, da Grammatik und Rhetorik, „diese Führerinnen zu Reinheit Fülle und Glanz der Rede“, in elendem Stammeln untergiengen, und daß die Welt jetzt der Erudition wieder „das majestätische Geleite der Eloquenz“ beizugeben vermöge.

Derselbe Erasmus hat schon in seinem Buche De dublici copia eine methodische Anleitung zur Eloquenz gegeben, und er selbst ist der Meister der kunstreich ausgebildeten und doch wie ganz improvisiert klingenden, schmiegsamen, zum Dienste des höchsten Geistigen wie der Alltagskonversation bereiten Sprache. Unerläßlich ist von da an die Forderung der schönen durchgearbeiteten Form, der kunstvollen Satzfügung, der Wahl und Stellung der Worte nach dem Wunsch eines feinen Ohres, des Reichtums an Sentenzen und Bildern, überhaupt der elegantia. Autoren wie Leser werden dabei immer sensibler, sodaß bald keine „Simplicität“ mehr geduldet wird und nur diejenigen Schriften noch Lob erhalten, „die nach den Myrrhenkästchen der Musen duften.“ [235] In öffentlicher Rede die Eloquenz tönen zu lassen, dazu wird hier außer Vorlesungen und akademischen Akten wenig Gelegenheit geboten. Um so wichtiger ist der Brief.

Die Briefe der Humanisten sind die zahlreichsten Dokumente ihres Wesens, zugleich die persönlichsten. Nirgends auch ist das Gebot der schönen Form so begründet wie beim Briefe, in dem der Humanist sich und seine Kunst darstellt und den er für Leser schreibt, die gleich ihm nicht allein mit den Augen lesen. Daher das was Stil heißt, in der Epistolographie seine höchste Anwendung finden soll; Schreiber von illiteratae literae bitten von vorneherein um Nachsicht, aber gutgeschriebene Briefe bereiten dem Empfänger eine voluptas, eine Wonne.

Das Schreiben eines Briefes ist eine literarische Arbeit. Sie bedarf des Beistandes der Musen. Aber es gibt auch Briefsteller und sonstige Hilfsmittel, elegantiarum praecepta, in Menge, die sie erleichtern. Von Cicero und Plinius an bis auf Petrarca Enea Filelfo Politian stehen klassische Muster vor den Augen der Schreiber. Bebel gibt ihnen in seiner Briefkunstlehre ein vielbenütztes Werkzeug an die Hand; ein noch näheres, mit stärkster Macht wirkendes Vorbild haben sie an Erasmus.

Wie auf allen Gebieten humanistischen Lebens und Leistens, so ist auch hier Erasmus der gefeierte Princeps. Er verfaßt den Briefsteller De conscribendis epistolis; seine große Sammlung von Sprichwörtern und Tropen, die Adagia, ist ein den briefschreibenden Humanisten geöffnetes und von ihnen unaufhörlich benütztes Magazin der Eleganzen und der Pointen, der Ornamentik und des Geistes. Namentlich aber wirkt er selbst durch sein Briefwerk als Stilmeister. Wenn der stilus erasmicus überhaupt höchste Form darstellt, so gilt dies vor Allem von den Briefen, in denen Geist und Laune, reichstes Wissen, jede momentane Stimmung, jede Nuance des Innern, vom Zauber einer einzigen Sprachkunst umgeben, flimmern. Zur literarischen Bedeutung dieses Briefthesaurus, eines Unicums an Umfang Inhalt Schönheit, kommt ihr programmatischer Wert; viele dieser Briefe des Erasmus sind Proklamationen an die Welt. Einer solchen Würde entspricht nicht allein die sorgfältige Führung von Konzeptbüchern in der erasmischen Privatkanzlei, sondern namentlich die oft wiederholte Publikation von Sammlungen erasmischer Briefe. Wie werden diese aufgenommen! Mutian in Gotha jauchzt, täglich hat er seine Lust daran. Moibanus in Breslau und Martens in Löwen stellen Auslesen aus diesen Schatzkammern her und veröffentlichen sie als Schulbücher.

[236] Auch Cantiuncula hat den Ruhm eines perfekten Briefstilisten. Und als ihm ebenbürtig wird Bonifaz Amerbach gepriesen. Bei Diesem sehen wir die Kunst sich entwickeln; namentlich unter des Zasius Leitung wird das Rhetorische und „Saftige“ des Anfängers ersetzt durch Klarheit Anmut Einfachheit. Amerbach gewinnt sich schließlich das Lob eines erasmusgleichen Stiles, und Erasmus selbst stellt seine Briefe denen des Politian an die Seite.

Der Allen bewußte literarische Wert der Briefe erklärt, daß sie gedruckt werden, nicht in Sammlungen des Autors selbst wie die erasmischen, sondern vereinzelt, als Beigaben zu Editionen usw. Das Veröffentlichen von Briefen ist eine damals übliche Form von Publizistik.

Wir aber beklagen, daß mit dieser Formkunst oft Monotonie und Leblosigkeit verbunden sind. Wenn auch Erasmus selbst fordert, daß der Brief nur wahre Affekte enthalten und nichts Andres wiedergeben solle als Erlebtes, so vermitteln doch viele Humanistenbriefe mit all ihrem Wort- und Bilderreichtum, mit ihrem Glanz und Wohllaut verhältnismäßig wenige Tatsachen und zumal wenig unstilisiert Menschliches. Alles ist wie erhöht, von einem helleren Licht umflossen, in gleichmäßiger Art und Intensität. Die Briefe können auch uns noch hohen literarischen Genuß bieten; inhaltlich haben sie zuweilen kaum einen Wert; und wohin die Manier führen kann, zeigt z. B. ein Brief des jungen Johann Cosmas Holzach in Paris an Bonifaz Amerbach. Holzach schreibt zögernd, weil er sich ohne facultas oratoria weiß und doch die Art des sprachlichen Ausdruckes für das Höchste halten muß; der lange Brief ist ohne Gehalt und gibt nur Variationen des Stilthemas durch einen schwachen Kopf, der in der Luft des Humanismus um seine letzte Naivetät und Natur gekommen ist.

Über Abhandlung und Brief weit hinaus hofft der Humanist zum schönsten Glücke seiner Sprachkunst zu gelangen durch die Poesie. Das Gedicht bietet ihm die Möglichkeit, unter Anwendung des von den Alten Übernommenen, eine geschlossene und im höchsten Maß edle Form zu schaffen und in dieser sein Inneres zu offenbaren. Nicht der „Poet“ im Schulbegriffe des mit den antiken Autoren vertrauten Gelehrten ist das Ziel, sondern der wirkliche Dichter. Aber was hiebei entsteht, ist Philologendichtung. Sie läßt uns zumeist fragen, ob bei ihr überhaupt persönliches Glück oder Leid zum Ausbruche kommen, ob ihre Form Lebensgluten meistert. Nur dem Genius weniger Humanisten ist dies gegeben.

Der Dichter solcher Art ist dem Basler Humanistenkreise beinahe fremd. Was gelehrten Publikationen an Strophen und Distichen als tönendes [237] Schmuckwerk beigefügt ist, was Jahr um Jahr an Poemen in die Rektoratsmatrikel geschrieben wird, ist durchweg eine ganz äußerliche Leistung. Aber in derselben Matrikel steht auch ein Gedicht Glareans, zum Rektorate des Peter Wenk 1515 verfaßt, und wie beträchtlich ist sein Abstand von den Produkten des Lucas Klett, des Mathis Hölderlin u. dgl.!

Glarean ist in der Tat der Einzige der Sodalen, der hier, wo von Poesie die Rede ist, beachtet werden darf. Er bringt den Dichterlorbeer schon mit nach Basel, von der Krönung durch Kaiser Max in Köln, und was dann hier folgt, scheint diese Ehre zu rechtfertigen.

Zu Ende seines ersten Basler Jahres, 1514, veröffentlicht er das große Gedicht der Descriptio Helvetiae, das wir kennen; dann im Dezember 1516, vor seiner Abreise nach Paris, eine Sammlung von in Köln und Basel gedichteten Elegien. Dieses zierliche Heft bietet uns Anderes als die versifizierte Gelehrsamkeit der Descriptio. Nicht ein Land soll Glarean beschreiben; hier hat er geliebte Menschen vor sich, und dies ists, was ihn sichtlich ergreift und seine Verskunst, bei aller Konventionalität, doch zum schönen Gewande von Leidenschaft und Leben macht. Zwei Hauptthemen kehren durch das ganze Büchlein wieder im Klange zahlreicher Variationen: die Verherrlichung des Erasmus und die Verachtung der törichten Welt durch den hienieden zwar in Finsternis befangenen, aber zu ewigen Gestirnen strebenden Geist.


Das Latein — ihm hauptsächlich gehören diese stilistischen Bemühungen — ist die Gelehrtensprache von universaler Geltung und überhaupt die Sprache höherer Kultur. Wie der Niederländer mit dem Italiäner lateinisch korrespondiert, so der Basler Humanist mit dem Pariser. Auch in der mündlichen Unterhaltung erscheint diesen Leuten das Latein als das ihrer würdigere Idiom. Ohne Prätension vermögen sie lateinisch zu denken, ist Reden und Schreiben in dieser Sprache das Natürliche, das keinen Entschluß braucht und an sich keine Anstrengung macht.

In solcher Leichtigkeit und Universalität dauert aber bisheriger Brauch einfach weiter.

Das Scholastiker- und Juristen- und Mönchslatein der media aetas steht vor den Humanisten als eine lebende Weltsprache. Festgehalten in unzähligen Büchern, die in Jedermanns Händen sind; den Unterricht beherrschend; getragen durch die innere Macht der Werke, deren Sprache sie ist, und der tatsächlichen Bedürfnisse, denen sie dient. Nicht mehr die Sprache Ciceros, aber den Erfordernissen des Alltags wie der Wissenschaft angepaßt [238] durch neue Bildungen bereichert, kräftig flüssig, auch ausgeartet. In Allem durchaus lebendig. Dabei nationaler oder provinzialer Eigenart zuweilen folgend, so daß die Schwaben wegen ihres „Hechinger Lateins“ verspottet werden und der alte Amerbach seine Söhne in Paris vor der französischen Aussprache des Lateinischen warnt.

Gegen diese „barbarische“ „gotische“ „vandalische“ „schlechtklingende“ Sprache erhebt sich der stolze Humanismus mit seiner Latinität, die er aus den besten Quellen geschöpft zu haben überzeugt ist. Das geliebte edle Latein will er wieder befreien von all den Mißbildungen, die ihm zu Teil geworden, die Jugend wieder erziehen zu Reinheit und Glanz der Rede. Lange steht dabei der deutsche Humanismus unter der Zaubermacht Italiens. Dieses ist ihm nicht allein der nächste äußere Vermittler der Antike; es überwältigt ihn auch durch seine eigene leidenschaftliche und selbständige Auffassung. So kann es kommen, daß der frühe Humanist die Briefe des Enea Silvio denen Ciceros vorzieht, daß der Kreis Wimpfelings sich durchaus an italiänische Vorbilder hält. Der junge Rhenan erlebt und kennt als Meister der hohen Sprachkunst die Italiäner Politian Pico Marsilius Pontanus u. A. neben den einzigen Nordländern Agricola und Erasmus; und nach Jahren noch gilt als Ruhm des Zasius, daß er an sprudelndem Reichtum und an Anmut der Rede von keinem Südländer erreicht werde.

Wie dann unter Bebels Führung deutsche Humanisten diese Autorität der Italiäner bestreiten und auf die Alten als die einzigen klassischen Stilmuster hinweisen, ist bekannt. Sie haben schon früh ihren Anhang auch in Basel, wo Cono 1512 die livianische Eloquenz als Inbegriff von Sprachreinheit und Sprachschönheit lobt; höchstens das gute Latein von Kirchenvätern, die ambosiana gravitas, darf daneben noch gelten. Dann Tritt auch hier Cicero in seine Rechte und hat das Ansehen des höchsten Meisters lateinischer Prosa. Nicht mächtiger glaubt man den Erasmus verherrlichen zu können als durch den Titel eines christlichen Cicero.


Notwendig wird auch die Schrift unter dieses Gesetz der Form gestellt.

Was im Zeitalter Heynlins begonnen worden ist, wird jetzt allgemeiner humanistischer Brauch. Es ist die der Minuskel des früheren Mittelalters nachgebildete, sogenannte römische Schrift, die der vielartigen und eckigen „deutschen“ Schrift der Notare und Mönche usw. gegenübertritt. Ihre reinen Linien mögen bei Pellican Franz Wiler Leontorius noch konventionell sein; bei den Spätern zeigen sich freie individuelle Formen, die aber immer noch dem schönen Typus folgen. Neben der mächtigen [239] Führung dieser Schriftzüge Rhenans Reuchlins u. A. offenbart die um ihrer krausen Verzwicktheit willen berüchtigte Handschrift des Bonifaz Amerbach den nicht groß gearteten Menschen.


Wie der Humanist seine Schrift neu formt, so erlebt jetzt auch das gedruckte Buch, aber in weit größerem als nur dem humanistischen Bereich, eine Reformation seines Äußern.

Vor Allem wird für die dem Drucke dienende Type gleichfalls die anmutige frühmittelalterliche Buchstabenform wieder aufgenommen und eine Druckantiqua geschaffen: die „römische Type“, die seit den 1490er Jahren in Basler Drucken, zuerst in solchen Amerbachs, Verwendung findet. Ihr folgt die modernere feinere und elegantere Form einer durch Aldus in Venedig gebildeten Antiqua. Johann Froben nimmt diese herüber, als der Erste nördlich der Alpen, und beginnt ihre Verwendung mit seiner berühmten Ausgabe der erasmischen Adagia 1513.

Die weitere Ausbildung dieser Type durch Froben geschieht im Geiste derselben ehrgeizigen Konkurrenz mit dem Venezianer, die sich auch im frobenischen Verlage zeigt. Die literae aldinae vel frobeniae, die literae frobenaldinae sind berühmt. Martin Dorp in Löwen urteilt, daß der Basler Buchdruckerfürst in der Schönheit seiner Werke den Aldus übertreffe. Andere finden, nichts sei zierlicher klarer anmutiger als die Type Frobens. Zum Teil auf ihr ruht der Ruhm der Druckerstadt Basel; sie ist der gepriesene character basilianus

Aber diese Type ist nur eine Einzelheit in der umfassenden neuen Stilisierung des Buches. Diese entspricht dem Verlaufe, der das Buch nicht mehr nur Vervielfältigung der alten Handschrift sein läßt, sondern ihm Recht und Form eigenen Lebens gibt. Freie künstlerische Anschauungen verbinden sich mit Tendenzen der Gelehrsamkeit, mit allgemeinen Bedürfnissen der entwickelten Zeit. „Die Folianten werden handlicher, die Oktavbändchen häufiger, die Lettern deutlicher und damit kleiner und feiner, das Papier glätter, der Druck schärfer.“ Und zu dem Allem tritt nun noch ein hochgearteter künstlerischer Schmuck in Titel- und Texteinfassungen, Initialen und Signeten. Es entstehen in Basel jene unzähligen Werke, die als Schmuck- und Prachtstücke des Buchwesens über die Zeiten hin dauern und noch uns entzücken, nachdem der einst auch die reichste Form völlig beherrschende Inhalt längst um Leben und Ansehen gekommen ist. Auch hiebei wieder erweist sich Froben als der ruhmreiche Reformator. Adam Petri und Cratander folgen ihm in glänzender Weise.

[240] Unausweichlich ist, daß der neue graphische Stil sich auch der durch die Humanisten gepflegten Inschrift annimmt. Rhenan vor Allen, der so manches weihevolle Epitaph redigiert, sorgt dabei zugleich für die Art der Ausführung. Er will nur die feierlichschöne römische Majuskel gelten lassen; statt ihrer duldet er höchstens solche Buchstaben, die den aldinischen und frobenischen Typen entsprechen. Bei der Grabschrift für Geiler freilich ist ihm auch dies nicht gelungen: die „Halbgelehrten“, die den Stein besorgen, lassen die Inschrift in „barbarischen“ (mittelalterlich gotischen) Buchstaben einmeißeln; die römischen Majuskeln des Rhenanus halten sie für hebräische oder ägyptische Zeichen.


Der Geist, der um glücklich zu sein einer solchen Formenwelt bedarf, sucht allenthalben nach ihr. Alles soll in Zucht genommen werden, unter die „stolze Macht der Form“ sich beugen. Er verlangt eine Stilisierung des Lebens und Handelns, die nicht nur Sache des einzelnen Ausdruckes bleiben, sondern die ganze Person ergreifen soll. Soweit dies bei den übrigen Voraussetzungen unseres Humanismus und in seiner bestimmten Umgebung überhaupt angeht.

Hiezu gehört schon, daß an dem Musizieren, das wie ein neues Lebensbedürfnis des damaligen Geschlechtes laut wird, der Humanismus auf seine Weise teilnimmt. Auch es bedeutet ein Gestalten des Lebens, ein Bändigen von Empfindung in Form und Wohllaut.

Freude hieran hat schon den Celtis zum Musiker gemacht, und ein rührendes Bild ist der alte Reuchlin, der im Exil zu Ingolstadt sich mit einsamem Saitenspiele tröstet. Wie überall, wo von Anmutigem des Humanistenlebens zu reden ist, so macht sich auch hier Bonifaz Amerbach geltend; was wir von seinem Gesange, seinem Spielen auf verschiedenen Instrumenten, seinem Verkehre mit Sixt Dietrich, Hans Kotter u. A. vernehmen, scheint einen hochentwickelten Dilettantismus zu bezeugen. Die kräftigere Erscheinung aber ist auch hier wieder Heinrich Glarean. Er gehört zu den singenden Humanisten gleich Herman von dem Busche; in dorischer Tonart singt er 1512 in Köln sein Preislied auf Kaiser Max, und vierzig Jahre später wird er einen Vorlesungskursus über Sueton mit dem Absingen eines Dankgebetes an Gott eröffnen. Wie mächtig er daneben die Theorie der musikalischen Kunst gefördert hat, wissen wir; er komponiert selbst; auch in seiner Schule tönt es von Musik, unter seiner Leitung spielt der junge Luzerner Johann Zurgilgen Laute Flöte und Orgel.

[241] Auffallender, bewusst eigentümlich aber ist die Stilisierung, die als Antikisierung geschieht. Wie der Humanist das Altertum bewundert und sich an ihm bildet, so will er in den Erscheinungen der eigenen Welt solche jener vergötterten Zeit sich wenigstens Vortäuschen. Um ein Fortsetzen, um ein Herübernehmen kann es sich nicht handeln. Aber um eine ihn befriedigende Ausdrucksform handelt es sich, wenn die Karren, die vor Rhenans Fenstern durch die Gasse rumpeln, Quadrigen heißen und das am Tische Sitzen accumbere. Das Abendessen wird zum Symposion, und wer auf dem Todbett eine würdige Haltung bewahrt, der stirbt wie Seneca. Daher die Tage nach antiker Weise datiert, der November Monat der Diana genannt wird. Wie oft und viel werden die Musen, diese humanistischen Nothelfer, angerufen. Es mag meist nur Mode sein. Da und dort ist hinter diesen Äußerlichkeiten und Phantasiespielen vielleicht ein Stück antiken Weltempfindens wirklich vorhanden.

Rein konventionell, Preisgabe schönen Eigentums für ein Fremdes von nichtssagender Allgemeinheit und Hoheit sind die bald durch Umformung bald durch Übersetzung gewonnenen antiken Namen, wobei der Näf zum Nepos wird, der Amerbach zum Amorbachius, der Brunner zum Fontejus, der Salzman zum Salandronius, der Hartman zum Cratander usw. Ähnlich der dem gotischen Häuslein zum Tanz vorgemalten Renaissanceprachtfassade Holbeins. Und vollends als Maskerade erscheint uns, daß Glarean in seiner Lehranstalt Würden und Titel der römischen Republik braucht, sich selbst als consul auftreten läßt, die Zöglinge als censor praetor aedilis usw.


Der Humanist empfindet seine Existenz als eine ungewöhnliche, und dem entsprechen die so häufigen Äußerungen seines Selbstgefühles. Es ist aber weniger Persönlichkeits-, als Standesgefühl und Kastenbewußtsein, zuweilen — bei den Amerbachen — noch mit einem speziellen Familienstolze gemischt. Das Gefühl einer an keine irdischen Grenzen gebundenen Genossenschaft, einer neuen geistigen Partei. Zugleich das gemeinsame Glücklichsein einer Generation, die sich jung und frei und berechtigt fühlt.

Mit diesem Selbstbewußtsein geht zusammen die stärkste Empfindlichkeit, die schroffe oder spöttische Abwehr von Andersgesinnten. Im Verkehre mir den Genossen aber herrscht Enthusiasmus, überschwängliches Loben, überschwängliches Werben um Freundschaft. Da ist Alles voll heißen Atems; Alles superlativisch gefaßt. Freude des Einen am Andern, Freude am Humanistenleben wird uns in diesen klingenden Worten verkündet, vielleicht zuweilen auch nur vorgespielt.


ik [242] Wie aber von Gotha her Mutian den Basler Freunden sein "Vivite"! zuruft, so wird dem Humanisten sein Besonderes auch beim Scheiden vom Leben zu Teil, in einer Grabschrift, die den bisher üblichen Epitaphien gegenüber den Geist einer befreiten und glänzenden Zeit atmet.

Ein frühes Beispiel ist die Grabschrift des Cono 1513. Von ihr zieht sich die große schöne Reihe bis zum Epitaph des Erasmus, wo ausgesprochen ist, daß, solange der Erdball daure, Erasmus in seinen Schriften weiterleben und sich mit den Weisen aller Völker unterhalten werde. Zwischen diesen beiden Polen sehen wir die unablässige Bemühung um klassische Grabschriftredaktion. Brilingers Sammlung ist reich an solchen Entwürfen. Rhenan, der schon dem Cono das Grab geweiht, konzipiert auch die Grabschrift für Johannes Petri und in wiederholten Fassungen diejenige für die Amerbache.


Unverkennbar ist Wirkung dieses bewußten Sichbeugens unter gemeinsamen Stilzwang, daß in humanistischen Schilderungen das Typische überwiegt, selbst bei Erasmus, der doch eindringend zu beobachten und scharf zu porträtieren vermag. Auch das persönliche Einzelbild der Humanisten selbst erscheint uns wie verschleiert. Das Individuelle und Charakteristische soll zurücktreten hinter der harmonischen Gesamterscheinung. Gleichmäßig geformt und gefärbt, nur durch wenige Machtgestalten unterbrochen, liegt das ganze Humanistenwesen vor uns. Die zahlreichen Darstellungen und Bezeichnungen in Briefen Dedikationen Grabschriften haben bei all ihrem Glanz und Klang nur selten etwas bestimmt Kennzeichnendes. Wir dürfen sagen, daß all dies Konventionelle die Spuren von Eigenart und Ursprünglichkeit tilgt. Aber wir sehen auch, wie diese Form dem unbedeutenden Menschen seine Haltung, dem unbedeutenden Geschehen sein Pathos geben kann.

Im Bewußtsein der Allen gemeinsamen Humanität kommt der Einzelne dazu, bei allem Selbstgefühle doch Eigenes preisgeben zu müssen. Seine wissenschaftliche und schriftstellerische Leistung wird hingenommen als ein Teil der über das persönliche Verdienst weit hinausgehenden humanistischen Tätigkeit und Offenbarung überhaupt. Es ist der Zustand der „wahrhaft kräftigen Zeiten, in denen die Einzelnen einander geben und von einander nehmen, ohne ein Wort zu verlieren“. Die allgemeine Bewegung, der allgemeine Zustand sind Alles. Wie in den Gebieten der Kunst und der deutschen Literatur geistiges Eigentum mißachtet werden kann, so bei den Humanisten.

[243] Schon das unbedenkliche Publizieren von Briefen bei Lebzeiten des Schreibers und des Adressaten ruht auf der Empfindung, ein solcher Brief sei aus der persönlichen und intimen Geltung übergegangen in den Bereich humanistischer Literatur. Daher auch so oft in Titel Vorrede usw. der Autor hinter dem Verleger zurücktritt. Anstandslos wird fremde Arbeit literarisch verwertet; z. B. Bonifaz Amerbach findet in den Papieren Alciats dessen Jugendgedichte und läßt sie ohne Wissen des Verfassers in Basel drucken; Rhenanus und Hollonius geben hinter dem Rücken des Erasmus eine „unter Beistand Merkurs (des Gottes der Diebe)“ ihm entwendete Auswahl seiner Briefe und seine colloquiorum formulae in die Pressen Frobens. Selbst das Herübernehmen einzelner Stellen aus einem andern Autor in das eigene Werk gilt nicht ohne weiteres als unzulässig und geschieht auch bei der Abfassung von Briefen, z. B. durch Cantiuncula, ungescheut und in großem Maße.

Bei solchen Anschauungen erklärt sich, daß Begriff und Recht des Autorhonorars sich nur zögernd entwickeln. Die erste Rücksicht gehört offenbar dem das Werk zum Gemeingute machenden Verleger. Daher auch sein Unternehmerrecht früher Schutz findet als das Recht des geistigen Urhebers

Für die Beurteilung des Nachdruckes aber kommt in Betracht, daß die Aufgabe der Presse ist, möglichst Vielen möglichst rasch zu dienen. Das Interesse des Lesers, des Forschers, des Lehrers und des Schülers steht in der ersten Linie und darf nicht gehemmt sein weder durch ein Recht des Autors noch durch ein solches desjenigen Verlegers, der das Buch zum ersten Male veröffentlicht. Das Nachdrucken ist an sich kein Unrecht; nur als unfein, incivils, wird etwa ein sofortiges Nachdrucken angesehen, das den Absatz des ersten Verlegers schädigen könnte.

Zahlreiche Fälle des Nachdruckes durch Froben werden uns bekannt; eine Hauptleistung auf diesem Gebiet ist das der alten Druckergesellschaft Amerbach-Petri-Froben gegenüber Koberger, am berühmtesten aber das behende Nachdrucken lutherischer Schriften durch Adam Petri.

Ordnung schaffende und verbindliche Rechtsvorschriften fehlen; daher suchen sich die Verleger selbst zu helfen. Eigenartig bei der Ausgabe des Neuen Testamentes: da wird viel Hebräisches in die Anmerkungen gesetzt, um durch solche Einschiebsel ein Nachdrucken zu erschweren. Das Hauptmittel aber sind die Privilegien, durch die der Nachdruck nicht an sich für unrecht erklärt, sondern nur für eine gewisse Zeit verboten wird. Vor Allem die kaiserlichen Privilegien. Solche werden erworben durch Froben für das Neue Testament und den Hieronymus 1516, durch Adam Petri für das [244] Plenarium und Murners Gäuchmatt 1518, durch Cratander für Ökolampads Dragmata usw.; die Schutzfrist ist beim Neuen Testament auf vier, beim Plenarium auf sechs Jahre bestimmt. Während die kaiserlichen Privilegien theoretisch für das Reichsgebiet gelten, erteilt neben ihnen der Papst Privilegien für das ganze Gebiet der Christenheit; so Leo X. 1516 dem Hieronymus. Aber diese doppelt, durch Papst und Kaiser, geschützte Hieronymusedition wird dennoch teilweise „imitiert“; der Nachdrucker ist Eucharius Hirzhorn in Köln, gegen den Froben deswegen Klage erhebt.


Das Leben des Humanisten soll Leben von bestimmter wissenschaftlicher und menschlicher Richtung, mit einem bestimmten Gehalte höherer Art sein, und wie jeder Verkündiger eines neuen Geistes will auch der Humanist seinen Geist weitertragen, sein Leben lehren; er will sein Wissen Anderen vermitteln und sie in seinem Sinne bilden.

Schon die großen moralischen Schriften des Erasmus (Encomium, Enchiridion, Antibarbarorum liber, die spätere Form der Colloquia)dienen diesem Willen in ihrer Bestimmung für einen möglichst großen und schon reifen Leserkreis. Deutlicher kräftiger, den Menschen sofort beim Beginne seiner Bildung anfassend ist die speziell pädagogische Literatur der erasmischen Erziehungslehren und Schulbücher (De ratione studii, De duplici copia,De pueris institutendis); auch an eine besondere Fürstenpädagogik ist dabei gedacht (Institutio principis christiani).

Soweit es sich um solche Schriftstellerei handelt, kann hier in Basel nur von Erasmus die Rede sein, nachdem noch der junge Rhenan durch Veröffentlichung von Schriften des Guarinus und Anderer im Geiste des lehrhaften Elsässer Humanismus gehandelt hat. Erasmus ist jetzt nicht nur in Basel der einzige, sondern zu dieser Zeit im Norden überhaupt der stärkste Vertreter solcher Ideen, wobei wir aber beachten, wie energisch er das praktische Erziehen ablehnt und Theoretiker bleibt.

Dem Orte Basel selbst angehörend ist tatsächliches Unterweisen; wir finden seine zahlreichen Spuren. Ungeduldig drängt das Leben zur Anwendung und Erprobung der Doctrinen, so daß wir durch die Jahrzehnte hin beständig unsern Humanisten als Erziehern begegnen. Überall schließen sich Lehrende und Lernende zusammen; weniger die einzelnen Forderungen der Lehrbücher gelten als der Geist Desjenigen, der gerade Lehrmeister ist. Auch alle Vorstellungen von einheitlich geordnetem Studienwesen haben wir ferne zu halten; die Fülle der Möglichkeiten ist übermächtig, die Freiheit des Einzelnen unberührt. Wie Reuchlin seiner Zeit Pädagoge des jungen [245] Hieronymus Zscheckabürlin gewesen ist, so erzieht jetzt Capito den Hartman von Hallwil, Nesen die jungen Stallburger, Ökolampad die pfalzgräflichen Prinzen. Überall ist Unterrichten Bilden Vorwärtsbringenwollen. Wie fest die Humanisten an die Bedeutung der Schule glauben, verraten sie oft genug; Erasmus stellt das Amt eines Schulvorstehers der königlichen Würde an die Seite. Und von den Privatvorlesungen Ringmans, von den amerbachischen Hauskursen des Cono und des Adrianus an überschauen wir diese ganze Bemühung, wie sie sich am eindrücklichsten offenbart in den privaten Lehranstalten, den Pädagogien und Konvikten der Lister Artolf Klett Fontejus Nepos Glarean.

Lauter Interna, aus denen wir nur zu wenig erfahren. Aber wir dürfen vermuten, daß jedes geistige Erlebnis der Sodalitas, ja der humanistischen Welt überhaupt auch in solche Lehrstuben hineinwirkt. Da ist Alles elastisch, frei von der Härte und Pedanterie akademischer Bursen, anziehend durch die Neuheit des Lehrstoffes wie der Methode. Da bilden sapientiaund eloquentia die große einheitliche Macht, nach der Jeder strebt. Da werden auch die Grazien herbeigerufen zu den Musen. Da wird nicht nur Wissen gelehrt, da werden auch Gefühl und Urteil und Geschmack erzogen, da wird zu guter Sitte, zu Reinlichkeit, zu Höflichkeit angeleitet. Alles mitten in der Stadt des „ungestümen Lebens“ und umgeben durch die grobianischen Gewohnheiten des Zeitalters.

Die Wirkung solchen Treibens auf Universität und Stadtschulen werden wir noch zu erwähnen haben. Sie verdient aber schon hier in ihrer allgemeinen Wichtigkeit gewürdigt zu werden: als Streben, die Menschen zur Humanitas zu erziehen, als eine die Bildung des Bürgertums erweiternde und erhellende Kraft. Wir denken an das hinter dieser Pädagogik Liegende, an den Enthusiasmus, der Alles belebt, an das Überzeugtsein von der absoluten Güte dieses Wollens und Wirkens. Was sich so mit dem Verlangen nach Leitung der gebildeten Welt in den verschiedensten Formen und Dimensionen bewegt, was Traktat Lehrbuch Schulanstalt Unterricht ist, bildet als Ganzes und Einheit eine Propaganda, in der wir eine der stärksten Äußerungen des Humanismus zu sehen haben.


Wir fragen nach dem Verhältnis der Humanisten zu Religion und Kirche.

Wenn vor Jahrzehnten die Basler Humanisten in der Mehrzahl sich zum Realismus bekannten, so entspricht dem jetzt die Haltung ihrer Nachfolger.

Die namhaftesten Figuren unsres Kreises erweisen sich als religiös gerichtete, sittenstrenge Männer, und ihre Äußerungen bezeichnen den weiten [246] Abstand dieses Basler Humanismus von demjenigen einzelner Italiäner oder Mutians. Sie wollen Jünger der Wissenschaften und Christi zugleich sein, literarum Christique cultores. In ihnen leben eruditio und doctrina, recta studia und vera peitas als Einheit; ihre Bildung ist vor Allem dazu bestimmt, der wahren Religion zu dienen.

Mit diesem Gesinntsein stehen die Humanisten in der Gemeinschaft einer Kirche, die auch als ihr Ziel den Dienst Christi verkündet, aber dabei der schärfsten Kritik derselben Humanisten sich aussetzt. Erbittert redet Rhenan vom Aberglauben, von den possenartigen Kultusgebräuchen, von den erdichteten Wundern, von der heidnischen und jüdischen Lehre dieser Kirche. Mit Widerwillen und beißendem Hohne verurteilt sie Erasmus. Ein verunreinigtes Christentum sehen die Humanisten vor sich.

Die Gemeinschaft der Kirche wird deswegen durch sie nicht preisgegeben, auch der Zwang der Kirche nicht durchbrochen. Zu tief wurzelt auch der Humanist noch in der Tradition. Freiheit von Autorität proklamiert er; aber vor dem ehrwürdigen und geheimnisvollen Ganzen der Kirche verzichtet er auf dieses Befreitseinwollen, begnügt und beruhigt er sich mit persönlichen Vorbehalten.

Im Übrigen allerdings wahrt auch der Angesichts der Macht und Ordnung der Kirche so läßliche Humanismus seine Rechte.

Zunächst durch die Forderung, daß die Theologie ihren Schwesterwissenschaften folge und, „zur Nützlichkeit der Erudition die Pracht der Eloquenz gesellend“, literarischen Wert erlange. Auch über göttliche Dinge dürfe nicht barbarisch, ohne Stil und Schmuck, geredet werden.

Mächtiger ist das Verlangen nach einer religiösen Erneuerung. Der Humanismus erstrebt auch hier die Reinheit der Anfänge. An den evangelischen Quellen sollen wir trinken, die wir bisher nur aus Pfützen geschöpft haben. Ohne Kenntnis der Sprachen sei auch die Erkenntnis des wahren Christus nicht möglich. So setzt Bruno Amerbach an die Edition des Hieronymus seine beste Kraft, damit die alte ächte Theologie wieder auflebe. Ähnlich denken und reden Capito Rhenan Glarean. Erasmus vollends sieht seinen Beruf darin, der Religion Christi und der wahren Theologie zum Siege zu verhelfen.

Sie Alle fühlen sich in der Arbeit für eine Renaissance des Christentums. Und Einzelnen kommen dabei auch Gedanken an die Antike, deren tiefstes geistiges Leben der Humanist selbst erst erschlossen zu haben glaubt, ein Leben, das nun nach Auseinandersetzung mit der herkömmlichen kirchlichen Bildungswelt verlangt. Die Beziehung liegt nahe, daß die purissima [247] Christi philosophia, in deren Dienste die humanistische Arbeit steht, dieses wiedergewonnene reine Evangelium, auch alles Große und Wahre umschließe, das Sokrates Plato Seneca und andre Weise des Altertums gelehrt haben.

Solcher Art etwa sind die Themen von Unterhaltungen zwischen den <prave haeretici — nach dem Witzworte der epistolas obscurorum virorum —, die sich im frobenischen Hause treffen. Auch hiebei wieder sind Kräfte von Italien her mittätig: die Lehren der in der Akademie zu Florenz sich an Plato Begeisternden, die in ihm den Paulinismus zu entdecken und durch solche Verbindung das wahre Christentum wiederzufinden meinten. Diese Lehren sind dann wohl durch Johann Cono nach Basel gebracht worden als die philosophia christiana, auf die er den Rhenan hinweist; durch John Colet in Oxford gelangen sie zu Erasmus.

Bei Diesem erscheint nun alles tiefer erfaßt und zugleich schärfer formuliert. Auch von ihm freilich ist die paulinische Auffassung des Christentums, die Gnadenlehre, nicht zu vernehmen. Was er vorträgt, ist eine auf dem Willen, Christ zu sein, und einem ruhigen Vorsehungsglauben ruhende Moral. Es ist die vielleicht aus Jugenderfahrungen im Kreise der Brüder vom gemeinsamen Leben geschöpfte Forderung einfacher praktischer Frömmigkeit, eines Wandels nach der im Evangelium der Bergpredigt verkündeten Lehre, eines Erstrebens der Gotteskindschaft durch die Nachfolge Christi. Dazu eine scharfe Kritik an der kirchlichen Überlieferung und am Dogma sowie, noch entschiedener ausgesprochen als bei den Andern, der Satz, daß diese philosophia Christi schon bei den frommen Heiden zu finden gewesen, daß das Wesentliche der christlichen Lehre schon durch sie vertreten worden sei.

Liebhaber der Musen, nennen sich die Humanisten. Aber auch misobarbari. Ringsum sehen sie diese gehaßten Barbaren stehen und haben durch sie ihre Bahn zu brechen. Es sind nicht nur die rohen und die frivolen Nichtwisser, sondern auch die „Sophisten“, die Vertreter alter Wissenschaft; eine Bildung abwehrend, die der Kirche gegenüber frei und selbständig sein will, hüten sie die „gotischen Disciplinen“; jedes Neue ist ihnen zuwider; „nur ihr eigener Mist gefällt ihnen.“ In dieser Schar von Verachteten ist der Verachtetste, trotz Leontorius und Cono und Pellican, der Mönch. Der in seiner Stumpfheit den alten wissenschaftlichen Ruhm der Klöster schändet, der ungebildet ist und dennoch eine Macht ausübt, der widerlich und unrein ist, „das Tier in der Kutte.“ [248] Wie eine völlig verlorene Zeit erscheint dem Humanisten, der sich vordem mit der traditionellen Schulweisheit beschäftigt hat, jeder hierauf verwendete Tag. Um so leidenschaftlicher äußert er sich über die noch immer jene Weisheit Lehrenden.

Sophisten und Mönche sitzen in nächster Nähe unserer Humanisten auf den Lehrstühlen der Universität, dieser Anstalt, die erst ein halbes Jahrhundert alt ist und doch, mitten in der Herausbildung neuer Dinge, in so Manchem schon wie ein zurückgebliebenes Stück früheren Zustandes aussieht.

Das Gefühl dieses Gegensatzes lebt hüben und drüben; es kann geradezu Haß werden. „Mit hochmütig gehobenen Brauen“ blicken die Universitätsherren Fininger Wonnecker Gebwiler Mörnach u. A. auf die Gegner herab. Diese klagen bitter, daß sie sich untergeordnet durchs Leben schlagen müssen, während jene nebulones, jene Windbeutel und Dunstmacher, in lauter Prosperität leben.

Aber die wichtigen Grenzjahre, die uns aus der amerbachischen in die froben-erasmische Zeit geführt haben, bringen Kräfte für Besserung auch dieses Verhältnisses.

Dabei ist vorerst an Ludwig Bär zu denken und an den Einfluß dieses mächtigen Mannes auf Universität und Rat. Dann aber an die Vieles überwindende Wirkung eines Menschen wie Glarean.

Dieser Gelehrte, als poeta laureatus mit besonderen Ansprüchen begabt, macht schon durch sich selbst Eindruck. Sofort nach seiner Herkunft von Köln 1514 erhält er die Befugnis zum Betrieb einer Burse und durch die Aufnahme in das Magisterkonsortium der artistischen Fakultät die Befugnis zum Dozieren. Eine neue Figur, eine völlig frische und ungewohnte Kraft tritt mit ihm in die akademischen Zirkel ein. Auch Capito hält von 1615 an Vorlesungen.

Wir wissen, daß gleich Glarean noch andere Humanisten Lehranstalten betreiben, und jede solche private und im neuen Geiste geführte Schule kann durch die Professoren als Herausforderung empfunden werden. Die Schüler sind meist inskribierte Scholaren der Universität, aber Lehrgang und Methode vom offiziellen Brauche verschieden.

So werden Konflikte unausweichlich. Wir vergegenwärtigen uns gerne diese Jahre, da die Gegensätze das bewegteste Leben schaffen. Am meisten natürlich um den starken und rücksichtslosen Glarean her. Seine Streitigkeiten mit akademischen Kollegen, sein Widerstreben gegen bestehende Ordnungen, erregen ein Semester nach dem andern. Die berühmt gewordene [249] Szene, da ihm sein Platz in der Aula nicht bewilligt wird und er daher in den Saal einreitet und auf seinem Pferde sitzend der Disputation beiwohnen will; dann im September 1516 das Herabreißen seines eine Senecavorlesung ankündigenden Anschlages durch die Gegner, sind Einzelheiten aus dem Kampfe.

Gekämpft wird, weil Tätigkeit gegen Tätigkeit steht. Das mächtige Arbeiten der Humanisten treibt die Universität dazu, ihre Kraft stärker anzuspannen. Unverkennbar hebt sich ihr Leben. Daher 1512 in Aussicht genommen wird, auch geistlichen Personen den Besuch von Vorlesungen über Physik und kaiserliches Recht zu gestatten. Daher dem Pädagogium eine neue Ordnung gegeben wird. Auch die Zunahme der Inskriptionen gibt das Bild gesteigerten Daseins.

Bemerkenswert ist, daß auch die städtische Behörde sich regt. Wir täuschen uns kaum durch die Annahme einer Gruppe im Rate, die eine Reformation der Universität will und dabei unter der Anregung und Beratung humanistischer Kreise steht. Wir denken an Adelberg Meyer, an den mit Rhenan befreundeten Jacob Meyer zum Hirzen, an den Stadtschreiber Gerster; der die Gelehrten und die Regenten zugleich repräsentierende Ludwig Bär ist Vermittler.

Die Wirkungen zeigen sich begreiflicherweise zuerst bei der juristischen Fakultät, wo staatliche Interessen direkt beteiligt sind. Hier ist der Einfluß des Zasius mächtig. Hier wird 1518 Claudius Cantiuncula Professor des Zivilrechts. Hier treten zu dieser Zeit auch Stephan Fredoleti und Thomas Murner ein.

Thomas Murner, dem Barfüßerorden angehörend, Doktor der Theologie und beliebter Volksprediger, geistreich, „von jeder Kunst etwas wissend“, kommt im Sommer 1518 nach Basel. Die Stadt ist ihm, dem Elsässer, von früher her bekannt; seinen alten Freund und Studiengenossen Johann Werner von Mörsberg findet er hier in hoher domstiftischer Würde. Er immatrikuliert sich bei der Universität und hält Vorlesungen über römisches Recht, mit einer städtischen Besoldung.

Hier publiziert er jetzt auch, verbreiteten Popularisierungstendenzen folgend, seine Übersetzungen aus den Rechtsbüchern; in demselben Bestreben, es den Leuten leicht zu machen, bedient er sich zum Unterricht im römischen Rechte des von ihm hiefür erfundenen Kartenspieles. Wie schon der Elsässer Mathias Ringman seine Schüler die Grammatik, der Pariser Jacob Faber die seinen die Verskunst durch das Mittel von Spielkarten zu lehren verbucht haben, so tut Murner. Er will Wissenschaft lehren und dabei die Arbeit durch das Spiel, den Ernst durch den Scherz ersetzen. In Krakau [250] hat er die Logik und die Prosodie zu Gegenständen von Schach- und Brettspiel gemacht; jetzt unternimmt er ein Ähnliches mit Rechtswissenschaft und Spielkarten. An ein Spiel im eigentlichen Sinne ist dabei freilich nicht zu denken, sondern an ein buntes mnemonisches Hilfsmittel. Murner verspricht seinen Schülern, ihnen auf diesem Wege die Institutionen in vier Wochen beizubringen.

Im Jahre 1519 erlangt Murner hier die Promotion zum Doktor der Rechte. In der prahlerischen Vorbereitung und im Erzwingen dieser Zeremonie, aber auch sonst in Tun und Reden, zeigt sich die vulgäre Art des Menschen, die ihn den Humanisten zu einem Greuel macht und zu einem Anstoß für die alten Herren der Fakultät. Zasius findet, daß die Anwesenheit dieses bekutteten Juristen die Universität tödlich verwunde, und fordert den Cantiuncula auf, als Arzt einzugreifen.

Unzweifelhaft gehört auch ein Wesen wie dasjenige Murners in den Verlauf der damaligen Umgestaltung; die Zeit schuf solche Elemente und bedurfte ihrer. In Basel selbst ging diese eine Erscheinung rasch vorüber. Schon im Jahre 1519 zieht Murner weiter, unter höhnischem Lachen die von ihm gedichtete Gäuchmatte der Stadt als Abschiedsgruß lassend.

Ein Memorial der Universität an den Rat im Juni 1518 zeigt uns die Lage der Dinge und die vorhandenen Meinungen. Mit Bitterkeit konstatieren Rektor und Regenten, daß die ehemalige Größe der Anstalt dahin sei; sie klagen über die Dürftigkeit der städtischen Hilfe, über die Nachlässigkeit einzelner Lehrer; sie verlangen gemeinsame Beratung des „zu Gutem der hohen Schule“ Nötigen.

Was damals an allen Universitäten als Modernisierung, als Reform von Organisation und Lehrmethode in humanistischem Sinne Fürsten und Städte und Korporationen beschäftigt, vollzieht sich vor unsern Augen auch in Basel. Die Universität selbst bietet die Hand; der Rat versteht sich zu regerer Teilnahme; bei einzelnen Maßregeln sind namentlich Bär und Cantiuncula tätig, die Beide dem Lehrkörper angehören und zugleich Fuß im Rathause haben.

Johannes Alexander Brassicanus in Tübingen wird für Übernahme einer Lektur geworben. Wolfgang Wissenburg erhält den Auftrag zu mathematischen Vorlesungen. Jacob Nepos liest über Homer. Namentlich aber betritt nun Glareanus wieder die Szene. Er denkt aus Paris zurückzukehren, und es ist beachtenswert, wie der in diesen letzten Jahren Gereifte seine künftige Arbeit und Stellung in Basel zu gestalten wünscht. Er will wieder eine Lehranstalt betreiben. Er begehrt kein öffentliches Honorar und [251] keinerlei Privileg, aber Freiheit. Nur der städtische Rat soll sein Herr sein, seine Zöglinge sollen gleich Bürgern der Stadt geschützt werden. Unabhängig von der Universität soll er nach seinem Ermessen Lehrer anstellen und die zu lesenden Autoren bestimmen können.

Also auf eine eigene größere Schulanstalt neben der Universität geht Glareans Sinn. Wir hören von ihm selbst, 1520, wie Bär und namentlich der zuverlässigere Cantiuncula sich der Sache annehmen, wie verhandelt wird. Die Fakultät natürlich will von einem solchen konkurrierenden Institute nichts wissen und hofft, durch eine Konzession in ihrem Bereiche, nämlich die Ersetzung des Unterrichts in den Logikalien durch eine Geschichtsvorlesung, das größere Unheil abzuwenden.

Welche Form im Einzelnen schließlich vereinbart wird, wissen wir nicht. Im Frühling 1522 trifft Glarean in Basel ein; er eröffnet eine Lehranstalt mit Konvikt und hält daneben Vorlesungen an der Universität.


Die Humanisten wollen in exklusivem Sinne nur ihren Studien und einer ihnen gemäßen Lebensführung angehören. Sie erstreben keine Wirkung auf die Masse, nur mit Gebildeten haben sie zu tun. Wozu auch gehört, was sie uns über ihr Verhalten zur Profansprache zu verstehen geben. In ihrem Zirkel findet kein lebendes Idiom von heute Beachtung und Pflege. Der „Genius“ schreckt davor zurück. Erasmus spricht nicht Deutsch und nicht Italiänisch; Glarean lernt in Paris, wo er fünf Jahre lebt, nicht Französisch. Dieselben Menschen, die sich ihr Leben lang mühen um Wohllaut und Fluß der geliebten Standessprache, des Lateinischen, schreiben bei Gelegenheit ein erstaunlich unbeholfenes und trockenes Deutsch.

Aber die Humanisten wollen auch nicht zu tun haben mit staatlichem Leben und politischer Parteiung, die nur Störungen ihres ruhigen Glückes sein können, die auch viele Talente absorbieren und den Wissenschaften rauben. Ihr Eigenstes ist auf Frieden und Stille angewiesen; es ist bei den sanften Musen, den placidae musae, und so umgeben sie es mit dauernder Opposition gegen die allgemeine Gewalttätigkeit und Wildheit. Kein Gegensatz frappanter als der zwischen diesem Leben in der humanitas, das ein streitloses zu sein vorgibt, und der kriegerischen Welt, in die hinein es gestellt ist. Allen voran preist Erasmus den Frieden, den „Schirmer der guten Studien“ und kämpft für ihn in Traktaten und in Briefen; ähnliche Äußerungen hören wir von Rhenan, von Myconius.

Ein Teil dieser Abkehr von öffentlichen Dingen ist der besondere Widerwille unsrer Humanisten gegen das Hofleben, dem doch so manche [252] ihrer auswärtigen Genossen sich gerne hingeben. Schon dem Sebastian Brant ist es als Etwas erschienen, das der freie geistige Mensch nur als Beschwerde empfinden könne; dem Bonifaz Amerbach ist es geradezu verhaßt; daher auch der Weggang Capitos von Basel in den Dienst des Mainzer Erzbischofs von Manchen ungerne gesehen und eine Schädigung seines ingenium, seiner Studien und seiner Integrität durch die Hofgeschäfte vorausgesagt wird. Das Gefühl geborner Reichsstädter mag hiebei mitsprechen, während Einige vielleicht erst mittelbar durch einen an den Alten genährten Republikanismus bestimmt werden. Erasmus allerdings ist königlicher Hofrat, hält sich aber nach Möglichkeit frei von Höflingsleben und Höflingspflichten.


Bei solcher Gesinnung hat das Verhältnis zu Basel seine besondere Art.

Das völlige Verschwiegenwerden der humanistischen Gesellschaft in zeitgenössischen Aufzeichnungen der Stadt will bei der Art dieser Chroniken überhaupt nicht viel besagen. Und wenn auf Seiten der Humanisten nichts Städtisches und kaum etwas Persönliches aus der bürgerlichen Laienwelt zur Sprache kommt, so gehört auch dies zum Stil ihrer Briefe. In der Wirklichkeit ist das tausendfache Verflochtensein auch dieser Einwohnergruppe mit dem alltäglichen Leben des Gemeinwesens selbstverständlich, auch ein Reichtum persönlichen Einzelverkehres natürlich. Der ungeheure und nicht zu messende Einfluß endlich auf Geist Wissen und Urteil der Stadt ist nichts Anderes als der dem Nächsten zuerst zukommende Teil einer universalen geistigen Wirkung.

Lebensvoll und überzeugend kommen uns auch einzelne Zeugnisse entgegen: da im Mai 1516 Erasmus wegreist, wird er von vielen Baslern zu Pferde bis vors Tor hinaus begleitet, und er sieht Tränen in ihren Augen; da Glarean im Frühling 1522 von Paris hieher zurückkehrt, wird er durch Scholaren und Bürger mit Jubel empfangen.

Als ein Gegenstück hiezu kann die Lobpreisung Basels durch Erasmus gelten. Denn Voraussetzung der Existenz des Humanismus in Basel und seines Gedeihens ist allerdings die Individualität unsrer Stadt, eine ihr eigene geistige Luft, die diese Menschen hier leichter atmen läßt als anderswo.

Dennoch ist ein Abstand nicht zu verkennen. Schon Das kommt in Betracht, daß die Humanisten meist Eingewanderte und Fremde sind, daß sie sich der Stadt nicht assimilieren, vielmehr meist nur einige Zeit hier weilen und dann wieder Weiterziehen. Die Buchdrucker erwerben in der Regel das Bürgerrecht, um ihrer geschäftlichen Interessen willen; die Gelehrten, [253] auch die Jahre lang hier wohnenden, fühlen in sich keinen Beruf zum Städter. Doch ist Ludwig Bär geborner Basler; auch daß unter den im Herbste 1515 zum Heerzug Ausgehobenen ein Mann wie Bruno Amerbach steht, macht einen singulären Eindruck. Die Meisten sind ledigen Standes, und auch dies isoliert sie.

Das Gemeinwesen als solches kümmert sich kaum um diese Leute. Selbst einem Erasmus gegenüber übt der Rat weder Teilnahme noch Munificenz; höchstens daß er ihm bei der Herkunft den Ehrenwein gibt. Was Erasmus damals, in einem Brief an Wolsey, von Förderung der Gelehrten und ihrer Studien dem Minister eines Monarchen zutraut, erlebt er auch zum kleinsten Teile nicht in Basel. Aber indem für den Staat Basel diese ganze glorreiche Gruppe gar nicht vorhanden zu sein scheint, ist auch gegeben, daß er sie nicht plagt, sie in keiner Weise stört. Er läßt sie gewähren. Indem er möglich macht, daß „die tüchtigsten Geister und die ruhige Forschung sich hier zusammenfinden“, gewinnt er der Stadt den Ruhm einer Stätte geistiger Freiheit.


Ein tieferes verpflichtendes Ortsgefühl ist hienach bei unsern Humanisten nicht wahrzunehmen. Aber wir hören ihre zahlreichen Äußerungen, in denen ein deutsches Nationalgefühl laut wird. Innerhalb der Weite weltbürgerlicher Humanität empfindet der Sinn für das ausgebildet Menschliche deutlich die Besonderheit des Nationalen; gerade die Universalität des neuen geistigen Lebens und Strebens treibt jede der wetteifernd daran beteiligten Nationen zum Bewußtsein ihrer selbst, ihrer eigenen Art und Kraft.

So waltet der Stolz, deutscher Humanist zu sein, der Patriotismus des Celtis und des Bebel, auch in den Männern unsres Kreises.

Vorab als Empfindung des Gegensatzes zu allem Wälschen.

Unverhüllt zeigt sie sich in der Antipathie gegen Frankreich und die Franzosen, die eingeboren ist und sich durch keine wirtschaftlichen Beziehungen, keinen wissenschaftlichen Verkehr irre machen läßt. Die alte Erregtheit des Rheinlandes über die „wälsche Gefahr“, gerade jetzt leidenschaftlich gesteigert und durch die gelehrte Diskussion der Wolf Wimpfeling Peutinger über das Deutschtum der linksrheinischen Gebiete begleitet, von der andern Seite her die alles öffentliche Leben der Eidgenossenschaft aufwühlende Parteiung in Kaiserlich und Französisch, wirken auch in die Stimmung der Basler Humanisten. Diese äußert sich unaufhörlich. Bis zur Aufzeichnung der Spottverse von den welkenden Lilien Frankreichs durch Brilinger; bis zum Schelten Bürers über die unzüchtigen Franzosen, die er im Sessel trifft; [254] bis zur Verspottung der Pariser Studenten durch die Schüler Glareans. Der heftige Zasius wird nicht müde, seinen Widerwillen gegen das französische Wesen zu bezeugen, und in einem wichtigen Briefe fordert Erasmus 1518 den Wilhelm Nesen in Paris auf, sich als Deutschen zu bewähren und auch an seinem Teile den Schein zu widerlegen, als ob die Galli den Germani geistig überlegen seien.

Eigenartiger ist das Verhalten gegenüber Italien. Auch in den Humanisten lebt das nationale Empfinden, das sich durch die gravamina gegen Rom Luft macht; aber daneben stehen sie als Forscher und Literaten unter der Bezauberung durch die großen italiänischen Autoren. Bis auch hier der Widerwille wach wird. Wider die Nation als solche, namentlich aber wider ihre hochmütigen Gelehrten, die in gleicher Weise die „barbarische und kindische“ Wissenschaft der Deutschen verspotten, wie die italiänischen Künstler und Kunstschriftsteller die deutsche Baukunst. Es regt sich das Bewußtsein, durch die eigene Kraft es Jenen gleichtun, ja sie übertreffen zu können. Gelehrte Drucker Buchhändler stellen sich unter die Gewalt eines solchen Wetteifers; Amerbach und Rhenan und Zasius streben zur Überwindung ultramontaner Wissenschaft, Froben will Rivale des Aldus sein. Dann aber sammelt sich all dieser Ehrgeiz um Person und Werk des Erasmus, der die Leuchte Germaniens ist und der Vorkämpfer für die geistige Herrschaft. Was einst Rudolf Agricola vorausgesagt hat, scheint jetzt Vielen durch Erasmus erfüllt zu sein: Latium ist die Palme entrissen, Italien überwunden, die Führung der Geister im Norden.

Wir sehen, wie aus der Notwendigkeit der Abwehr fremder Willkür und Arroganz das immer stärkere Gefühl der eigenen Ehre, der Herrlichkeit des eigenen Landes erwächst. Das deutsche Altertum in seiner Stärke und seinem Ruhme wird jetzt wieder lebendig; Tacitus tritt neu ans Licht; den Arminius erhebt Hutten zum Begründer der deutschen Freiheit. Im Mittelalter, das die Italiäner als eine Periode des Verfalles und der Barbarei zu verachten pflegen, in dieser Zwischenzeit voll „dunkeln tiefen energischen Wirkens“, erkennt der deutsche Humanist die eigene große Vergangenheit. Er sammelt die Kunden von den Kämpfen der alten Kaiser gegen dasselbe römische Papsttum, dessen Ausbeutung Deutschlands heut einer allgemeinen Opposition ruft. Wissenschaftliche und patriotische Gedanken gehen dabei durcheinander. Erasmus freilich ist wesentlich auf Weltbürgertum gestimmt. Aber neben dem historisch begründeten Hochgefühle Rhenans hat die Begeisterung des Ulrich Hugwald für sein „geliebtes Vaterland Deutschland, die edelste und christlichste Nation“, ihre Stelle. Es ist Teilnahme an der [255] gerade damals, im Zeitalter Maximilians, mächtig ansteigenden nationalen Stimmung des deutschen Volkes.

Auch in Basel fühlt sich der Humanist auf deutschem Boden, unberührt von allen Debatten und vom Streite der Schweizer und Schwaben. Inclyta Germaniae Basilea heißt die Stadt immer und immer wieder auf den Titelblättern der zahllosen hier gedruckten schönen Humanistenbücher. Da Erasmus 1514 herkommt, lernt er hier Deutschland kennen. Hier ist das große geistige Germanien, ihrer Aller Heimat und Arbeitsfeld, das der politischen Grenze nicht achtet.

Nur Glarean steht hiebei etwas abseits, mit einem spezifisch schweizerischen Patriotismus. Er hat das Gefühl einer persönlichen Pflicht, für die gloria Helvetiorum einzustehen. In seinen Gegnern beim Streit um die logicalia, in den reaktionären Lehrern der Universität, sieht er Überrheiner und Schwaben; er träumt davon, daß das rechte Rheinufer mit dem Schwarzwald einmal zur Freiheit gelangen d. h. schweizerisch werden möge.

An der allgemeinen Huldigung der deutschen Humanisten an Kaiser Maximilian beteiligen sich auch die Basler. Aber zu wirksamer persönlicher Berührung kommt es dabei nicht. Die paar Dedikationen an den Kaiser, das Panegyricon Glareans, die Hymnen und Traueroden beim Tode von Max wollen nicht viel besagen.



[256] 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000

Siebentes Kapitel
Laienbildung




Vor uns steht die große Erscheinung einer die zentralen wissenschaftlichen Mächte umgebenden profanen Bildung.

Eine Emanzipation des Geistes von der Kirche und ein Heraustreten freier, ihre Lebensanschauung sich selbst schaffender Laien aus der Menge hat in Basel frühe begonnen. Dann kann die Universität, eine der wenigen durch Bürgerschaften gegründeten hohen Schulen nördlich der Alpen, als Denkmal entwickelter Laiengesinnung gelten. Der Humanismus endlich erweist sich vorwiegend als Laiensache.

Aus diesen beiden Quellen strömt nun Leben in die schon vorbereitete Laienwelt. So scholastisch gerichtet und so kirchlich geordnet die Universität sein mag und so unterworfen der Humanismus seinem Stil und seinem Standesbewußtsein, die Wirkung nach außen ist nirgends zu hemmen. Auf unzähligen Wegen geht das geistige Edelgut durch die Menschheit; der Gelehrte kann seine Erkenntnis über das enge Museum und den innern Verkehr der Fachgenossen hinaus in die Welt der Philister eindringen und hier früher oder später, rein oder vermischt, stark oder geschwächt, weiter walten sehen.

Dem großen Vorgange der Säkularisation einer ehedem durch die Kirche geführten Wissenschaft gesellt sich der andere, der neben der Wissenschaft eine Laienbildung entstehen läßt und neben den Gelehrten die Gebildeten.


Zunächst ist an den Buchdruck zu denken.

Schon an sich ist dieses Verfahren etwas Profanierendes Vulgarisierendes; es legt die Perle und das Gold in Jedermanns Hände.

Doch kann auch hiebei noch eine vornehme Haltung bewahrt werden. Eine solche gibt der Basler Buchdruck lange nicht preis und bleibt bei der Gelehrsamkeit, beim Folioformat, bei der lateinischen Sprache. Noch 1514 [257] kann Wolfgang Angst aus der Gewichtigkeit und dem Ernste des Granschen Verlages in Hagenau heraus die Basler Drucker rühmen, weil auch sie sich nicht dazu verstehen wollen, kleine Schriften von Halbgelehrten zu publizieren. Damit hängt zusammen, daß die Basler Pressen auffallend lange mit dem Drucke deutscher Werke hinter den Offizinen andrer Städte, namentlich Straßburgs und Augsburgs, zurückbleiben und dem im Volk unverkennbar verbreiteten Lesenwollen und Lesenkönnen nicht entgegenkommen. In der gewaltigen Produktion Frobens finden sich nur zwei deutsche Werke. Nach Bergmans und Furters schwachen Anfängen nehmen sich erst Gengenbach und namentlich Adam Petri des Druckes deutscher Bücher und Hefte in stärkerem Maße an.

Aber im Wesen der Zeit liegt eine Tendenz, erlesenes Gut zu allgemeinem Besitztum zu machen; Bedürfnisse dieser Art sind in verschiedenen Abstufungen und Richtungen vorhanden.

Wir nennen die Einzelheit der Übertragung antiker Autoren ins Deutsche; sie kann als Popularisierung gelten oder als Hilfe für den Nichtwissenden; im Tiefsten hat sie, indem sie das Altertum Allen heranbringt, ihre geistesgeschichtliche Bedeutung. Auch in der Produktion dieser Literatur steht Basel hinter Straßburg und Augsburg zurück.

Ein andres Stück sind die durch Thomas Murner gefertigten und durch Adam Petri gedruckten Verdeutschungen der Titelrubriken und Regeln des kaiserlichen und des kanonischen Rechtes 1518, der Institutionen Justinians 1519: Werke, die in den allgemeinen Zusammenhang der damals zahlreich entstehenden populären Rechtsliteratur gehören. Dem Zasius erscheinen sie, wie diese ganze Popularisierung und namentlich wie Alles was Murner tut, als Schändung der ernsten Jurisprudenz.

Sodann die Schule. In allen ihren Betrieben, in der Universität, in den humanistischen Lehranstalten, wird ein neues Leben spürbar und ein Kämpfen geistiger Mächte. Auch niedere Schulen formen sich um und veredeln sich, was schon einzelne Lehrergestalten uns vergegenwärtigen: an der Theodorsschule Jacob Brun, Gregor Bünzli, Jacob Salandronius; an der Martinsschule Ulrich Zwingli, dann zu St. Theodor und zu St. Peter Oswald Myconius, an der Schule auf Burg Hieronymus Artolf. Die Pfarrschule heißt jetzt gut humanistisch ludus literarius, der Schulmeister nicht mehr rector puerorum, sondern ludimagister und ludimoderator. Das alte traditionelle Grammatiklehrbuch des Alexander wird verdrängt, und an seine Steile treten die Klassiker selbst, der Terenz u. A. Neuer Stoff und neue Art wirken Jahr um Jahr auf ihre Weise.

[258] Wir aber müssen darauf verzichten, dieses Werden einer Laienbildung mit einem Blicke zu überschauen. Zu den am Orte selbst sich mitteilenden und übertragenden Kräften treten von viel weiter her und mit allgemeiner Macht die Anregungen der Zeit überhaupt, die dem Menschen keine Ruhe mehr lassen, treten die Antriebe von Einwanderern und Passanten und die auf jeder Reise sich darbietende Lehre aller Welt. Berührungen und Beziehungen, die zu jeder Zeit vorhanden gewesen, haben neue Macht, neuen Inhalt. Wir ermessen, durch wie Vieles und an wie unzähligen Punkten das überlieferte Leben getroffen wird. Aber nicht an Getroffensein einer obern Schicht allein dürfen wir denken. Die Zeit will Alle befreien und heben. Wie die Fähigkeit des Lesens in immer größerer Breite herrscht, so die Fähigkeit und der Wille des Urteilens. Die dem Gemeinwesen zu seinem Gedeihen unentbehrliche Bewegung der alten Grundkraft, das stets wiederkehrende Emporsteigen des Talents aus untern Schichten zu gesellschaftlicher und politischer Höhe, erhält durch die neuen Forderungen und Zustände zwar eine Erschwerung des Weges aber auch eine erhöhte Bedeutung, einen stärkeren Gehalt.

Was sich uns bei diesem Allem offenbart als Wissen mannigfaltigster Art; als Freude an geistiger Kraft und Schönheit; als Empfinden ihrer Wirkung, die nicht Nutzen zu sein braucht, aber Segen ist; als Verlangen nach Emporkommen, nach Reifen und Wachsen; bei Dem und Jenem auch als Mühen um ein ihm stets Unzugängliches — das ist die Laienkultur, die schon alt ist und uns bekannt, aber erfüllt mit frischen Anschauungen und gehorchend neuen Geboten. Sie würde sich auf den verschiedensten Stufen, vom „schlichten“ bis zum „erfahrenen und belesenen“ Laien Nachweisen lassen, im staatlichen Regiment, im Verhalten zu kirchlicher Herrschaft und Lehre, in Geschäft und Gewerb, in Kunstfreundschaft, in Denk- und Lebensart überhaupt. Hier kann nur von einzelnen Personen und Gruppen die Rede sein.

Die gute Tradition studierender Bürgerssöhne lebt noch immer, bei den Bär Sürlin Irmi usw. Damian Irmi setzt seine Basler Studien in Freiburg und Bologna fort und bringts bis zum Magister. Wir erinnern uns auch an die jungen Lachner Oberriet Caramellis Holzach usw., die neben den Amerbachsöhnen auf den Schlettstädter Schulbänken sitzen. Der spätere Gewandmann Wilhelm Wölfflin ist hiefür Student in Basel und Tübingen. Ähnlich zeigt sich Matthäus Bütschi; er wird Magister, geht aber nicht zu den Gelehrten, sondern ins praktische Geschäftsleben; er führt Prozesse, ist Mitglied des Stadtgerichts usw., und heißt dabei überall der [259] wohlgelehrte Meister, der freien Künste Meister. Auch der Schwertfegerssohn Mathis Heckel, der selbst einst diesen Beruf treiben soll, immatrikuliert sich bei der Universität. In Paris studiert Martin Isenflam, und an den dortigen offiziellen Freiplätzen finden wir den Burkart Schlegel, den Antoni Silberberg, Martins des Kochs zum Bock Sohn u. A. m.

Wie der neue Geist in alle Kreise fährt, zeigt sich unaufhörlich. Der Goldschmied Stoffel Osterwald besitzt nicht nur die große Schedelsche Chronik und das Büchlein vom Eulenspiegel, sondern auch den Livius. Beyels Sohn wird Ulpian getauft. Die Altarstiftung der Witwe von Brunn 1514 hat noch ein anderes Ziel als die Devotion; die Donatorin ist der Meinung, daß nur Solche zum Seelenheil unterweisen können, die auf der Universität gelernt haben, und stiftet ein Stipendium in der Theologenfakultät; der jeweilige Stipendiat soll dem Altare dienen.


Eine einzelne Vollfigur endlich bringt zur Anschauung, was diese Zeit aus einem Städter machen kann. Das ist Rudolf Huseneck.

Er versieht die Stelle eines der Amtleute am Stadtgerichte; daneben scheint er auch als freier Anwalt von Parteien aufzutreten. Zu Allem fähig, läßt er sich Fälschungen zu Schulden kommen und muß 1512 Amt und Stadt verlassen. Doch geht er keineswegs unter. Geschicklichkeit und Menschenkenntnis helfen diesem elastischen Menschen sofort. Er wird Bürger von Straßburg, verkehrt mit Edelleuten und hohen fürstlichen Beamten, ist überall wohl gelitten als „Herr Rudolf von Huseneck“. Auch mit Basel tritt er wieder in Beziehungen und wird Agent des Rates, dem er Informationen besorgt.

Auch in Anderem zeigt sich seine Besonderheit. Schon der Besitz, in den Häusern Husenecks an Weißer Gasse und Streitgasse aufgehäuft, ist für einen Kleinbürger, einen Gerichtsamtmann ungewöhnlich. An der Spitze der reichen modischen Ausstattung stehen die Kostbarkeiten und Kunstsachen, Gemälde Statuen Münzen Edelsteine. Natürlich fehlt nicht eine Sammlung musikalischer Instrumente. Anziehend ist auch die große Bibliothek. Neben Pandekten und Dekretalen finden sich da die kaiserlichen Landrechte, der Laienspiegel, der Sachsenspiegel, das Weichbildrecht, die Bamberger Halsgerichtsordnung. Aber auch Schedels Chronik, der Ritter vom Turn, die cento novelle antiche, die Translationen des Niclaus von Wil, Melusine und Hug Schapler, und in zahlreichen Bänden Caesar Ovid Livius Aristoteles, ferner Boccaccio Balla Panormita Filelfo usw. Speziellern Interessen dienen ein deutsches Herbarium und ein altes Büchlein vom Baumzweigen, sowie mehrere Werke über Geometrie und Astrologie nebst dem messingenen Astrolabium, [260] während nebenan im dunkeln Kabinet der Teufelskreis mit Drähten und Buchstaben und die Büchlein der Visionen und Konjurationen sich bergen, Hilfsmittel zum Heben von Schätzen, zum Zitieren von Geistern. Inmitten dieser gewählten Habe sehen wir den Huseneck selbst, der auch sein Äußeres pflegt und sich golddurchwirkte Hemden gönnt sowie silberne Degenscheiden, ein Schreibzeug von Zypressenholz und einen Affen als Haustier. Aber er ist nicht nur Sammler, nicht nur preziöser Amateur. Die Bildung dieses Fürsprechs imponiert seiner Umgebung, die ihn einen „wolberichten Mann“, einen doctus ac ingeniosus interpres legum nennt. Er denkt auch über die deutsche Sprache nach, über die Reinheit ihrer Formen, den Stil, die colores rhetoricales; wie überall, so hier wählerisch, nur das Feine und Ausgebildete schätzend. Er gilt als Autorität in diesen Dingen, daher ihn der Luzerner Etterlin zur Mitarbeit an seiner eidgenössischen Chronik heranzieht. Es handelt sich um Reinigung des Wortschatzes und um Verbesserung des Satzbaues in dem „von einem Welschen oder bösen Teutschen“ redigierten Manuskript. Huseneck übernimmt diese Korrektur und wird so zum Herausgeber des 1507 bei Furter erscheinenden berühmten Buches, der ersten gedruckten Schweizer Chronik.


Ausgiebig bezeugt ist innerhalb dieser gebildeten Laienwelt die Schicht der Schreiber Juristen Sachwalter Agenten und dgl., zu der Huseneck gehört. Eine bemerkenswerte Zwischenstufe, auf der Deutsch und Lateinisch, Deutsch und Französisch, Fachwissen und Halbgelehrsamkeit sich merkwürdig mengen.

Von Peter Hans Baltheimer dem laicus literatus an begegnen uns die Namen der Rechts- und Formenkundigen in langer Reihe bis zu den Beamten der Curien Lienhard Langwetter Sixt Selber Heinrich Karcher usw. Diese großen „Schreiber“, die Unentbehrlichen, erscheinen weniger kurial und geistlich als ehedem. Auch ihre Bildung ist reicher, und ihre Anpassung an die Zeit zeigt sich in Manchem, z. B. wie der Eine oder Andre sich die moderne Humanistenschrift aneignet oder sein Latein veredelt, aber auch wie der Sinn erwacht für Pflege und Ausbildung der deutschen Sprache.

Das sind die Praktiker, Vertreter jener Menschenart, für die der richterliche Klagspiegel Sebastian Brants, der Laienspiegel Ulrich Tenglers, die vielen Expositionen Introduktionen Vokabularien der populären Rechtsliteratur geschrieben worden sind. Aus ihrer Masse treten Einzelne vor wie die Lizentiaten Johann Crus und Johann Gut.

Sodann der vielbewährte Adelberg Salzman, einer alten Schreiberdynastie der bischöflichen Curie angehörend. Schon äußerlich empfiehlt er [261] sich uns durch die Klarheit von Schrift und Stil in seinen unübersehbar zahlreichen Ausfertigungen; er ist befreundet mit dem Berner Thüring Fricker, mit Glarean, mit Cantiuncula. Zu seinem Wesen gehört, daß er auch äußerlich mit der Zeit zu gehen weiß und sich durch allen Wechsel hindurch in Geltung erhält. Nach dem Ratsbeschlusse von 1515 über die Hofsverwandten wird er zünftig zu Gärtnern; er übernimmt Ämter in der städtischen Verwaltung, ohne die alten Beziehungen zu Bischof und Hofgericht zu lösen. Er wird auch die Reformation überdauern und in Basel in Amt Ehren und Verdienst bleiben.

Ähnlicher Art ist Werner Beyel, ein Elsässer gleich dem Notar Niclaus Haller und durch Diesen nach Basel gezogen. Auch er hat seine Tätigkeit an den Curien. Er amtet daneben als Notar der Unversität.

Eine Schreiberfamilie sind ferner die Reinhard: der alte Lorenz und dessen Sohn Hans Erhard, als Notare und Vermögensbesorger oft genannt; später wird Hans Erhard durch seine Kriegsdienste in französischem Solde von sich reden machen.

Volles eigentümliches Leben ist bei den Schweglern zu Hause, von denen diese Jahrzehnte wimmeln: Friedrich Hartman Christoph Johann Caspar Mercurius Salomon; sie Alle scheinen von Konstanz hergekommen zu sein. Unser Interesse aber fordern nicht sie, sondern Gregor und Daniel.

Gregor Schwegler aus Konstanz ist von 1491—1522 an der bischöflichen Curie tätig; daneben versieht er das Amt eines Prokurators bei der Filiale des Konstanzer Offizialats in Kleinbasel. Für Notariatsgeschäfte der städtischen Verwaltung ist er der Bevorzugte. Wichtiger sein Verkehr mit den Humanisten Rhenan u. A., die ihn als einen „fröhlichen alten Herrn“ schätzen.

Auch Gregors Sohn Daniel betreffen wir von 1506 an im Verbande des bischöflichen Hofgerichts. Dann aber, nach der Maßregelung der Curialen durch den Rat 1515, geht er in städtische Ämter über. Er wird Richthausknecht, erhält 1524 um guter Dienste willen das Bürgerrecht geschenkt und wird 1525 Schultheiß von Großbasel. Zur Monotonie dieses Amtslebens treten aber Einzelheiten, die uns den Mann lebendiger und werter machen: seine Sammlung von Musikinstrumenten; sodann daß er den berühmten oberrheinischen Revolutionstraktat besitzt und dieser Handschrift Randnoten beigibt, „durch die er ein besonders lebhaftes Interesse für die Geschichte der kirchlichen Reformbestrebungen Sekten und Ketzereien bekundet und in denen er zugleich seiner ungünstigen Beurteilung des zeitgenössischen katholischen Klerus, wie seiner Abneigung gegen Luther und die läuferische Bewegung Ausdruck gibt.“

[262] Endlich Cosmas Erzberg aus Basel. Er wird Notar; von 1488—1532 arbeitet er in städtischen Amtsstuben, erst als Substitut der Kanzlei (—1494), dann als Kaufhausschreiber. Aber schon in jungen Jahren hat er sich aus der Karthäuserbibliothek Bücher zum Studium geholt, und ein selbständigeres Bücher- und Schreiberwesen zeigt er dann bei seinen geschichtlichen Sammlungen, in denen er eigene chronikalische Aufzeichnungen mit Kopien und Extrakten andrer Texte vereinigt.


Mit dieser „Geschichtschreibung“ steht Erzberg, nicht zeitlich aber sachlich, am dürftigen Ende einer Reihe von Historikerdilettanten. Über vereinzelte Anmerkungen oder Einfälle kommt er nicht hinaus, wie die Laune und der Tag sie bringen.

Besseres leistet auch nicht der Kaufmann Hans Wiler, der in einer Handschrift die sächsische Weltchronik und die Basler Chronik Appenwilers geerbt hat und diese nun in stadt- und familiengeschichtlicher Liebhaberei mit allerlei eigenen Aufzeichnungen begabt. Das Meiste holt er sich aus alten „Registern“, nur zum kleinern Teile vermerkt er eigene Beobachtungen und Erlebnisse. Doch auch hier sind es nur dissolute Notizen.

Daneben aber stehen einige Werke, deren Autoren Darsteller heißen dürfen. Es sind die großen Ereignisse des Schwabenkrieges und der ihm folgenden politischen Umgestaltungen, dann der Mailänder Kriege, weiterhin die mächtige, anderthalb Jahrzehnte füllende Erschütterung des städtischen Wesens, die zu diesen Niederschriften getrieben haben und auch tatsächlich deren Hauptinhalt bilden. Die Verfasser sind uns in der Mehrzahl nicht bekannt; neben vier Anonymi treten Heinrich Ryhiner und Konrad Schnitt. Durchweg aber haben wir es mit fortlaufenden Erzählungen von Teilnehmern oder Zeitgenossen zu tun. Sie schreiben nicht Geschichte, sondern das Gefühl des Selbsterlebten drängt zur Äußerung. Es sind Referate ohne Prätension, Memorabilien sowohl des privaten Lebens als des öffentlichen. Mit Beschränkung auf politische und kirchliche Fakten, auf merkwürdige Vorfälle, Anekdoten, Klatsch, während sie für ganze Gebiete des städtischen Daseins, das Gelehrtenwesen, den Buchdruck, die künstlerische Tätigkeit kein Wort übrig haben. Auch keine Gruppierung oder Gestaltung findet sich; die Bequemlichkeit der chronologischen Folge meistert Alles.

Deutlicher wird uns die Entwickelung des Laienchronisten bei dem Tuchhändler Ratsherrn und Bürgermeister Adelberg Meyer. Sein Vater Klaus hat sich uns s. Z. als modern gerichteten Sammler und Leser vorgestellt. [263] Zu der von ihm ererbten Neigung kommt bei Adelberg noch die ernstere Anregung seines Oheims, des Domherrn und Professors Arnold zum Luft. Meyer zieht dessen reiche Bibliothek an sich. Den Schwabenspiegel, den er später dem Sebastian Münster mitteilen kann, hat er wohl in dieser Büchersammlung gefunden. Er besitzt auch eine Reihe baslerischer Chroniken: den Appenwiler, den Offenburg u. A. Dann aber ist der Beachtung wert, wie die politischen Erlebnisse und Erfolge auf die literarischen Liebhabereien des Tuchhändlers wirken. Sofort nach seiner Erhebung zum Bürgermeister läßt er sich durch Hieronymus Brilinger die lateinische Stadtchronik Beinheims ins Deutsche übersetzen. Und wie dann das stürmische Jahrzehnt vorüber ist, sehen wir wieder ungestörter in Meyers Arbeit hinein. Wir lernen seine Sammlungen von Auszügen aus Chroniken und Urkunden kennen, seine Abschrift der Chronik des Konrad Schnitt, sein Studium der Colmarer Chronik usw. Er kennt den Ammianus Marcellinus und würdigt die historische Bedeutung des bei der Landskron gemachten Münzfundes. Er beschäftigt den Magister Berlinger als Zusammenträger und Kopisten. Er legt eine Chronik der eigenen Person und Familie an und schließt zuletzt an all das Gesammelte noch eigene Aufzeichnungen, in der Hauptsache ein Referat über Selbsterlebtes, jedoch nicht der großen bewegten Zeit, sondern späterer Jahre.


Unser Humanismus läßt sich keine schriftstellerische Pflege der Vulgärsprache angelegen sein. Er tut nicht, was Bembo und andre Humanisten Italiens tun; er folgt auch nicht dem Vorgange Sebastian Brants, der führender Humanist am Oberrhein und zugleich der erste deutsche volkstümliche Dichter der Zeit gewesen ist.

Statt dessen hebt sich neben dem Humanismus die Kraft eingebornen Lebens selbst empor. In dem glänzenden und großen Vorgange dieser Zeiten, der ein allgemeines geistiges Regewerden und eine Verjüngung aller Erkenntnisse und Fähigkeiten bringt, schlägt auch der Sprache des Volkes die Stunde, da sie ihres Rechtes und ihrer Macht aufs Neue bewußt wird.

Bedeutsamer als in den geschichtlichen Arbeiten zeigen sich Äußerungen des Laieningeniums in deutscher Dichtung. Es handelt sich um Volksliteratur, um Schöpfungen, deren autochthone Ächtheit sie siegen läßt über allen Schimmer humanistischer Sprachkunst, wobei wir nicht zu leugnen brauchen, daß zahlreiche Elemente aus jenem Gebiete des hohen Wissens auch in die selbständigen nationalen Werke einströmen.

[264] Wir beachten zunächst die sprachliche Gestaltung dieser Werke.

Brants Monumentalwerk, das in Basel gedichtete Narrenschiff, redet in einer von der neuhochdeutschen Gemeinsprache abweichenden oberrheinischen Schriftsprache. Auch die Sprache andrer Basler Publikationen der Zeit ist durchaus dieser Schriftdialekt. Daneben aber werden hier auch Bücher in völligem Gemeindeutsch gedruckt. Schon die allgemeine Art Basels, dem großen neuhochdeutschen Sprachgebiete näher stehend und seinen Einflüssen zugänglicher als die Schweiz, zeigt sich hierin; außerdem aber ist an die den Satz herstellenden Arbeiter zu denken, die großenteils aus dem Reiche hier eingewandert sind; ihnen sowie den Verlegern und Druckern selbst ist zuzuschreiben, daß in die Werke des ortsüblichen Schriftdialektes, die hier verfaßt und gedruckt werden, gemeindeutsche Laute eindringen. Dies Verhältnis und dieser Widerstreit zeigen sich deutlich bei Pamphilus Gengenbach. Als Volksschriftsteller dichtet er im Schriftdialekt, aber in seinen Drucken dieser Dichtungen stehen zahlreiche Formen der Reichssprache, und auch da, wo er fremde Produkte druckt, z. B. das Namenbuch des Elsässers Konrad von Dankrotzheim, wird der Text vielfach an das Gemeindeutsch angepaßt. Außer Gengenbach ist Adam Petri zu nennen. So wie er 1518 für einen Augsburger Verleger ein Buch „in hochtutsch und sachsischer Sprach" zu drucken übernimmt, so hat er namentlich durch seine Art des Nachdrucks von Werken Luthers sprachgeschichtliche Bedeutung erlangt.

An eine so gewaltige Fülle volksmäßiger Produktion von Liedern Liedlein Tagweisen Sprüchen Zeitungen usw., wie sie später aus den Basler Offizinen Schauber Apiarius Schröter u. A. in die Welt hinausging, ist in dieser frühern Zeit wohl kaum zu denken. Aber auch die spärlichere Liederpoesie unsrer Jahrzehnte hat sich nur in Fragmenten erhalten, in einigen Meisterliedern vom Sündenfall, von Mordtaten usw. Auch die in Basel unaufhörlich entstehenden Momentdichtungen Parteilieder Streit- und Hohngesänge haben naturgemäß ihre Geburtsstunde nicht lang überdauert. Nur einige wenige Stücke dieser Art leben noch heute, wohl durch die Bedeutung der Ereignisse getragen, denen sie gelten, wie die Lieder auf die Niederlage der Venezianer bei Agnadello 1509, auf die Schlachten von Térouanne und Novara 1513, auf die Erwählung Karls V. Derselbe Pamphilus Gengenbach, dem einige dieser Lieder zugeschrieben werden, läßt als Verleger (zugleich als Autor?) Erneuerungen der Legende von den Jacobsbrüdern und des „Rebhänslin" (Begrüßungen und Segnungen des Weins) ausgehen. Seinen Namen tragen auch die Schrift über den Breisgauer Bundschuh und ein Gedicht über das fahrende Volk des Kohlenbergs.

[265] Deutlicher als in diesen losen Einzelheiten verkündet sich dichterische Art und Kunst in einer Reihe dramatischer Schöpfungen. Auf diesem Gebiet ist Gengenbach der die Zeit repräsentierende Meister.


Pamphilus Gengenbach, wohl ein geborener Basler, scheint auf der Wanderschaft bei Koberger in Nürnberg gearbeitet zu haben; Beziehungen zu Nürnbergern und Reminiszenzen dieser Stadt des Meisterliedes und der Fastnachtspiele zeigen sich noch später bei ihm. Zunächst hat er unruhige Jahre in Basel mit Geldschulden Wundtaten Friedbrüchen. Er ist Druckergeselle. Zwischenhinein auch einmal Kochwirt zum Rößlein (Röslein). Erst mit dem Schlusse des ersten Jahrzehnts erscheint seine Existenz als befestigt. 1508 wird er zünftig zu Gartnern, 1509 verheiratet er sich mit Änneli Renkin. Was ihn von jetzt an vor das Stadtgericht bringt, sind weniger eigene Schulden, als Forderungen die er zu stellen hat, oder Bürgschaften die er leistet. Um diese Zeit nimmt auch seine Gesellenschaft ein Ende. Er arbeitet als selbständiger Buchdrucker in seinem 1513 gekauften Hause zum kleinen roten Löwen neben dem Himmelzunfthaus. Aber er druckt nicht nur Werke Andrer, er geht selbst unter die Autoren.

Die Eigenart des Druckers Gengenbach haben wir schon kennen gelernt. Das Deutsche, das Aktuelle, das Kurze, das sofort Wirksame ist sein Thema. Dem entspricht seine eigene Schriftstellerei.

In wechselvollen Jugendjahren reif und stark geworden, von nicht gewöhnlicher Bildung, erscheint er in seinen Werken als der Kommentator alles Dessen, was um ihn ist. In durchaus ernstem Sinne, mit moralisierender Tendenz, mit dem Patriotismus der reichsdeutschen Richtung. Alle diese Qualitäten wirken in Gengenbachs Schauspielen.

Wir erinnern uns an die wenigen ältern Basler Spiele, von denen wir Kunde haben. An das Spiel der Schneider, an das Fastnachtspiel von Bertschis Hochzeit, an das Spiel vom reichen Mann und armen Lazarus. Bei einem Spiel an der Fastnacht 1504, in Kleinbasel, ziehen die Mitwirkenden übermütig in eines der dortigen Frauenklöster; 1511 haben die Buchdrucker ihr Spiel auf dem Marktplatz. Auch das geistliche Schauspiel mit seiner Dramatisierung von heiliger Geschichte und Legende ist in Basel heimisch. Wir hören oft von diesen „Spielen der Pfaffen"; das Peterskapitel verwahrt in seiner Bibliothek Texte eines Osterspieles, eines Himmelfahrtsspieles und dgl.; und wie Weltlichkeit und Laientum auch in diesen heiligen Bezirk der Kirchendramatik einzudringen versuchen, zeigt die Vorschrift der Statuten 1503, daß in Kirchen und Kirchhöfen keine Tänze noch Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR Vorlage:SeitePR 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