Mein Freund Coy

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Autor: Max Schraut
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Titel: Mein Freund Coy
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Erscheinungsdatum: 1929
Verlag: Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
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Erscheinungsort: Berlin
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Band 3 der Romanreihe Olaf K. Abelsen. Abenteuer abseits vom Alltagswege.
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[2]

[3]
Olaf K. Abelsen
Abenteuer
abseits vom
Alltagswege
Mein Freund Coy
Einzig berechtigte
Bearbeitung a. d.
Schwedischen von
M. Schraut
– Band 3 –[1]



Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Berlin SO 16

[4]
Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschließlich das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1929 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin SO 16.
Buchdruckerei: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin SO 16.


[5]
1. Kapitel.[2]

Ich hatte, so lange ich in der Welt lebte, nur einen Freund. Unter Welt verstehe ich das, was nicht „die Welt“ ist, nicht meine Welt der Freiheit und der freien Persönlichkeit.

Dieser Freund war ein Hund, ein Bastard, Kreuzung zwischen Dobermann und Schäferhund. Meine Bekannten lachten mich aus, weil ich so vernarrt in das Tier war. Ich hatte es, während ich noch in Charlottenburg studierte, vollkommen verwahrlost im Tiergarten aufgelesen, als schon ein Hundefänger seine Schlinge bereit hielt. Sechs Jahre hat „Malm“ (ein Phantasiename, eine Abkürzung von Malmö, meiner Vaterstadt) mir eine Liebe und Anhänglichkeit bewiesen, zu der kein zweibeiniges Gottesgeschöpf mit solcher Selbstlosigkeit fähig ist. Malm begleitete mich nach Indien, Australien und nach Sumatra, – wohin mich immer mein Ingenieurberuf führte. Malm starb für mich in Kota Matta, mitten in der Sumatrawildnis durch einen Leopardenbiß. Mein sogenannter Freund und Kollege K. riß aus, nachdem er das Raubtier gefehlt hatte, obwohl sein Patronenrahmen noch vier Schüsse enthielt. Malm starb für mich. Sein Tod gewährte mir die nötigen zehn Sekunden, um meine eigene an einem Baume [6] lehnende Büchse zu holen. Ich werde Malm ebensowenig vergessen wie Coy Cala, den Araukaner. –

Coy lag neben mir im Steppengras auf der Hügelkuppe hinter den gelben Dornenblüten und den zähen bräunlichen Ranken. Unsere Pferde standen hinter uns in einer Bodensenkung. Coy hatte soeben den prächtigen Puma abgehäutet, die Fangzähne herausgebrochen und den Kadaver in eine tiefe Regenrinne geworfen. Dann war ich des einzelnen Mannes ansichtig geworden, der von den westlichen letzten Ausläufen der Anden her mit einem langen Stecken in der Hand sich über die von Gürteltieren aufgewühlte Sandebene tastete.

Tastete – – fühlte, genau wie ein Blinder.

Mein Fernglas bestätigte mir, daß der barhäuptige Europäer dort fraglos das Augenlicht verloren hatte.

„Mistre,“ sagte der braune Coy zu mir, „wie kommen Mann hier in Einsamkeit?!“

Meines Freundes Coy englische Sprachkenntnisse sind genau so eigenartig und mangelhaft wie seine religiösen Vorstellungen. Der Aufenthalt in einer der amerikanischen Missionsstationen hier am Rande des südlichen Südamerikas ist ihm schlecht bekommen.

„Der Mensch ist vollständig erschöpft,“ erklärte ich, nahm die Sniders-Büchse und erhob mich. „Gehen wir ihm entgegen, Coy … Du hast ganz recht: Was tut der Mann hier in der Südwestecke Patagoniens?!“

Coy Cala schritt neben mir, den Karabiner im rechten Arm.

[7] Der Fremde war in einem der zahllosen trockenen Flußtäler verschwunden.

„Mistre, können sein Harzsucher,“ meinte mein Freund nachdenklich. „Tragen Lederanzug wie wir, haben Pistole am Gurt, Messer und kleines Beil. Vielleicht Harzsucher von Dorf nördlich von Gallegos-Bucht.“

Wir hatten den Südrand des Flußbettes erreicht. Er fiel steil ab. Unten lagen Steine, Felsen. Ein Trupp kleiner Pampasstrauße jagte in wilder Flucht gen Osten, setzte dabei über alle Hindernisse mit Riesensprüngen hinweg und verschwand.

Unser Mann kniete am Boden neben einer lehmigen, von den Vögeln aufgerührten Regenpfütze und schöpfte den eklen Trank mit einem kleinen zerbeulten Aluminiumbecher. Wir beobachteten ihn. Die Entfernung betrug fünfzig Meter.

Der arme Kerl dort – bemitleidenswerter Anblick! Das blonde fahle Haar war lang und verwahrlost. Der Bart genau so, das Gesicht mager, tief gebräunt und rot gesprenkelt. Diese kleinen roten Beulen hatten gelbe Eiterköpfe. Bis zum Kinn, den Ohren, dem Haaransatz zeigten sich diese entsetzlichen Merkmale der in Südpatagonien zum Glück so seltenen Chapo-Ameisen.

„Chapo!!“ sagte Coy gleichmütig. „Mann sein blind von Chapo. Das kennen, Mistre … Chapo Aasfresser. Wenn Menschen beißen, geben Geschwüre.“

Ich schaute mich nach einer weniger abschüssigen Stelle um, und als ich ein paar Schritte zur Linken lehmharte Terrassen entdeckt, in denen der feine Glimmerstaub wie Goldkörnchen leuchtete, [8] wollte ich mich dorthin wenden, denn es drängte mich, den Ärmsten da unten, den das Schicksal so furchtbar heimgesucht hatte, unsere Nähe kundzutun und ihm unsere Hilfe anzubieten. Aber Coy legte mir die schmutzige, noch mit getrocknetem Pumablut getünchte Hand auf den Arm.

„Mistre, dort …!“

Er wies in die Ferne, gen Westen …

„Andere Mann kommen, Mistre, zweite Mann auf Fährte von Blinden. Kommen geritten, Mistre. Sehen?“

„Nein, Coy. Ich habe nicht deine Augen …“

„Fernglas nehmen … Erst verstecken aber. Dort Buchen, gut sein …“

Die immergrünen Buchen Patagoniens mit ihren üppigen Schößlingen boten genügend Schutz. Der Reiter konnte uns noch nicht wahrgenommen haben. Die untergehende Sonne stand hinter uns, und sie schien heute klar und grell wie selten.

Der Reiter näherte sich im Schritt. Mein Fernglas zeigte mir einen Tehuelchen, einen Sohn der Steppe, mit breitem Strohhut und einem Lederkostüm, wie wir es trugen.

„Blicken immer auf Spur von Blinden, der dreckige Tehu,“ meinte Coy mit ungeheurer Verachtung. Denn Coy Cala war Araukaner. Sein Volk wohnte weiter nördlich, und wie ausgerechnet diese kleine Kolonie Araukaner hier an die Ufer der Gallegos-Bucht geraten, hatte ich noch immer nicht feststellen können. Die Leute sprachen nicht darüber, und wenn ich Coy fragte, zuckte er nur die Achseln … „Nicht wissen, Mistre … Zu lange her, Mistre …“

Der Reiter hing lässig auf seinem dürren [9] Klepper. Aber unter dem Hutrand brannten die schwarzen mißtrauischen Augen eines der Steppensöhne, die selbst heute noch in fröhlicher Ungebundenheit ihre Lederzelte bald hier bald dort aufschlagen. Platz genug haben sie in Patagonien. Ist ein Land, in dem man tagelang reiten kann, ohne auch nur ein Lagerfeuer zu Gesicht zu bekommen. War nun heran, der Tehu. Schaute ins Flußtal hinab. Sein Gaul knabberte an den dürren fahlen Gräsern, er selbst saß als Bildsäule im plumpen selbstgearbeiteten[3] Sattel, die Doppelbüchse quer über dem Schenkel, Hand am Schloß.

Der Blinde hatte sich neben den Tümpel gesetzt und schien ausruhen zu wollen.

Ein unmerkliches Geräusch neben mir … Coy war verschwunden.

Minuten später tauchte er im Rücken des Reiters auf, der nun abgestiegen war und sich gleichfalls niedergelassen hatte. Es machte den Eindruck, als wollte der Tehu feststellen, was der Blinde weiter tun würde.

Um die Vorgänge recht genau verfolgen zu können, benutzte ich abermals mein Fernglas. Der Tehuelche war ein überaus kräftig gewachsener Mann, hatte aber, als er sich nun zu Fuß bewegte, die allen Reitervölkern eigenen schwerfälligen oder doch schwerfällig erscheinenden Schritte und eine schlaffe Körperhaltung.

Wie ich ihn so noch voller Spannung auf die Entwicklung der Dinge beobachtete, irrte mein Blick ganz zufällig einmal von ihm ab. Vielleicht fünfhundert Meter hinter ihm zog sich, noch im Gesichtsfeld meines Glases liegend, ein Gebüschstreifen hin, um dessen Ecke soeben ein zweiter Reiter bog, sofort aber wieder seinen Gaul zurückriß [10] und hinter der grünen Blattmauer verschwand. Obwohl ich diesen dritten Fremden, der hier genauso unvermutet wie der Blinde und der Tehu auftauchte, nur Sekunden vor mir gehabt hatte, war ich doch überzeugt, daß es sich um ein in einen praktischen Reitanzug gekleidetes Weib, um eine blondhaarige Europäerin handelte. Sattel und Zaumzeug ihres Pferdes waren niemals indianische Arbeit, die großen gelben Satteltaschen erst recht nicht, und unter dem breitrandigen Hut hatte ich das Haar hell und golden schimmern sehen, hatte auch den bestimmten Eindruck, daß es ein jugendlich-frisches, leicht gebräuntes Antlitz von angenehmen Zügen gewesen war.

Eine Europäerin hier in der Wildnis – hier, wo die nächsten Weißen Hunderte von Kilometern weiter östlich am Gallegos-Fluß wohnten?!

Merkwürdig – sehr merkwürdig!! Durfte ich etwa die Reiterin ebenfalls mit dem Blinden in Zusammenhang bringen?! War auch sie der Fährte dieses verwahrlosten armen blinden Steppenwanderers gefolgt?!

Die ganzen Umstände dieses Vorspiels eines Erlebnisses, dessen fernere Auswirkungen ich auch nicht im geringsten jetzt schon vorausahnen konnte, waren seltsam genug, – so seltsam, daß sie auch mir, dem Anspruchsvollen, die Nerven ein wenig ins Schwingen brachten. –

Coy hatte Pech. Diese Pampasgäule haben feine Nasen. Und man kann nicht sagen, daß Coy nicht duftete. Tran, Blut, Tabak, Sprit, – es war schwer, die einzelnen Gestankwolken, die seinem speckigen Lederwams entströmten, auseinanderzuhalten. Sauberkeit war meines Freundes Stärke nicht. Aber lügen, stehlen, saufen, das [11] konnte er. Zuweilen ritt er, der eifrigste Pferdeschacherer, mit einem jämmerlichen Klepper heimlich davon und kehrte erst nach drei Tagen mit einem Prachtgaul von derselben Farbe und ähnlicher Zeichnung zurück, behauptete dann, er habe das Pferd in den grünen saftigen Weideflächen der fruchtbaren nördlichen Andentäler aufgemästet. Ich behaupte, er hatte es eingetauscht – ohne Genehmigung des anderen Pferdebesitzers.

Coy hatte Pech. Der Tehu-Gaul witterte ihn und keilte aus. Der Reiter floh.

Ich mußte lachen, wie die beiden Indianer sich als Wettläufer versuchten. Ich bin doch auch gut zu Fuß. Aber die beiden – staunenswert!

Eine Bodensenkung entzog sie meinen Blicken, und was konnte ich besseres tun, als nunmehr den Ärmsten dort unten auszufragen. Ich kletterte die Lehmterrassen hinab. Er hörte das Kollern und Poltern der abbröckelnden Lehmklumpen, stand auf und starrte mit seinen völlig geschwollenen Augen mir entgegen. Daß er mich sah, also nicht blind war, erschien bei dem überaus gespannten, geradezu gequälten Ausdruck seines verunstalteten Gesichts gänzlich ausgeschlossen.

Dann nestelte er rasch an seiner verwitterten Pistolentasche herum und brachte eine Repetierpistole in der Richtung auf mich in Anschlag.

„Halt – stehen bleiben!“ rief er in englischer Sprache. Seine Stimme war heiser und ohne jede Kraft, und auch der rechte Arm zitterte hin und her – wie ein Grashalm, der gerade in einer Windecke wächst.

Diese Drohung konnte nur unendlich mitleiderregend wirken[4].

Als ich nun leise einige Schritte seitwärts [12] trat, behielt[5] der Kopf des Fremden dieselbe Haltung bei. Der Mann war blind.

„Fürchten Sie nichts,“ erklärte ich herzlich. „Ich bin ein Europäer wie Sie, und …“

„… Europäer sind die schlimmsten Schurken.“

„Da haben Sie nicht ganz unrecht … Was mich betrifft, so rechne ich mich nicht mehr zu denen, die das große Kontingent der Halunken stellen. Ich habe der Zivilisation Lebewohl gesagt. Ich hatte sie nach acht Monaten schuldloser Zuchthausstrafe satt.“

„Ah – das gefällt mir …“ Er lächelte ironisch aber sein entsetzliches Gesicht wurde durch dieses Lächeln zur Satansfratze. „Da können wir uns die Hand reichen, Sir … Ich bin Kollege, auch Zuchthäusler a. D., auch schuldlos eingesperrt gewesen. Vielleicht kennen Sie das Gefängnis in Valdivia.“

„Nein. Das nicht. – Aber ich denke, ich kann vielleicht für Sie jetzt zunächst irgend etwas tun. Sie scheinen hungrig zu sein … Darf ich.“

„Danke, Sir … Ihr Name?“

„Ich hieß einmal anders … Jetzt nennen meine indianischen Freunde mich in ihrem verpfuschten Kauderwelsch von Englisch-Spanisch El Gento, womit sie freilich etwas für mich höchst Ehrenvolles zum Ausdruck bringen wollen, nämlich eine Verquickung der Begriffe Herr und Mann …“

„Verstehe,“ nickte der Blinde, und sein Kopf war nach links gewandt, wo der Gaul des Tehuelchen soeben am Rande der Uferhöhe beim Grasrupfen ein wenig Sand hatte in die Tiefe rieseln lassen. „Ist dort noch jemand, El Gento?“ fügte er sofort [13] hinzu und bewies so, daß sein Gehör außerordentlich scharf war.

„Ein Pferd nur,“ erwiderte ich ausweichend, denn ich wollte prüfen, ob der Mann etwas von seinem indianischen Verfolger wußte und ob er nicht etwa mit der Wahrheit hinter dem Berge halten würde. Es kam mir nämlich ziemlich unglaubwürdig vor, daß ein Sträfling von Valdivia bis hier in die Südwestecke Patagoniens geflohen sein sollte. Der Blinde erweckte ja überhaupt den Eindruck, als ob ihm die Begegnung mit mir keineswegs angenehm wäre, – doch höchst sonderbar für einen Menschen, der sich nur mit dem Stecken weitertasten konnte und unfehlbar ohne fremde Hilfe hier verhungern mußte.

„Wohl Ihr Pferd, El Gento?“ meinte er gleichmütig. „Setzen wir uns … Ich bin müde. Diese gräßlichen Ameisen haben mich vor vier Tagen in einem der dichten Koniferenwälder der Andentäler während einer längeren Bewußtlosigkeit so fürchterlich zugerichtet. Vielleicht hatte ich’s verdient. Ich bin blind geworden. Das haben Sie wohl schon gemerkt.“ Er sagte es mit einer trostlosen Gleichgültigkeit, die mich ganz seltsam berührte.

Ich führte ihn seitwärts zu einem Steine und nahm neben ihm Platz, vermied es, ihn anzusehen, denn dieses entstellte Gesicht trieb mir wahrlich ein Frostgefühl über die Haut, und fragte ihn nun, wann er aus Valdivia entwichen sei.

„Sie haben ein Recht, von mir Auskunft über meine Person zu verlangen,“ meinte er in demselben[6] stumpfen Tone eines Menschen, dem nichts mehr am Leben gelegen ist. „Sie gestatten, daß ich Sie auch weiterhin El Gento anrede. Weshalb [14] sollen wir uns hier in der Wildnis mit Salonphrasen anöden?! – Mein Name ist van Braanken, Holländer von Geburt, nachher deutscher Untertan, Farmbesitzer in Deutschsüdwest gewesen, durch den Krieg alles verloren, daher aus Not Gelegenheitsarbeiter, bis ich vor einem halben Jahr nach Valdivia kam und Buchhalter bei Sennor Manuel Mastilo wurde, der einer der reichsten chilenischen Schafzüchter ist. Was dann geschah, ist genau so alltäglich wie mein ganzes Leben, das nur eine Kette von Fehlschlägen darstellt. Nie habe ich Glück gehabt, nie. Was ich auch begann, nachdem ich mit achtzehn Jahren meine Eltern verloren hatte, – nichts schlug zum Guten aus. Heute bin ich fünfunddreißig und … ein höchst überflüssiges Geschöpf, das nur den kläglichen Mut nicht findet, sich selbst eine Kugel vor die Stirn zu knallen. – Als Buchhalter bei Sennor Mastilo verschwanden mir aus der Kasse einige tausend Mark. Ich sollte das Geld gestohlen haben. Natürlich – ich! Und man verurteilte mich zu einem Jahr, sehr milde. Wir Sträflinge wurden beim Bau der neuen Hafenmole beschäftigt. Ich sprang ins Wasser, als niemand auf mich achtete, kroch unter einen Prahm und wurde nicht entdeckt. Nachts flüchtete ich weiter, stahl ein Pferd und wandte mich südwärts, stets bewohnte Gegenden meidend. Mit dem Pferde zugleich erbeutete ich diesen Lederanzug und meine Waffen. Der Mann, dem das alles einst gehörte, mußte hergeben, was er hatte. Ich hatte ihn niedergeschlagen und gefesselt. – Sehen Sie, El Gento, ich war bis dahin ein Mensch, der jederzeit hilfsbereit und rücksichtsvoll war und jede Gewalttat verabscheute. Aber [15] ich konnte damals nicht anders handeln. Not kennt kein Gebot. So gelangte ich denn schließlich auch über die Anden. Dann – natürlich – stürzte ich in einem Koniferenwalde mit dem Pferde … Hier bitte …“

Er schob seinen Haarwust auseinander … Und ich erblickte eine Schädelwunde, deren Ränder mit Eiterbläschen bedeckt waren.

„Ich lag viele Stunden ohne Besinnung … Und als ich erwachte, war es Nacht um mich her. Ich war blind … Ameisen …!! Ich hatte schon von den kleinen Bestien gehört. Nun hatte ich sie gründlich kennengelernt. Mein Pferd, fühlte ich, lag mit gebrochenem Genick neben mir. Da bin ich denn weiter gewandert, und nun – ja, was nun?! Leben?! Hat es einen Zweck?! Würden Sie als Blinder weiterleben wollen? Ehrlich!“

„Nein!“

„Nun also …! Und dennoch klammere ich mich an dieses jammervolle Dasein. Oder besser: ich … darf es nicht von mir werfen. Ich bin nicht feige. Vielleicht haben Sie mich vorhin mißverstanden. Ich darf nicht zur Pistole greifen. Man soll tragen, was man als Strafe betrachtet. Und ich habe weiß Gott viel zu sühnen … Es war 1915 in Südwest. Ich war jungverheiratet. Meine Farm lag an der Grenze der Kalahari ganz abseits. Die Schwarzen wurden infolge der Verhetzung immer frecher. Mich fürchteten sie nicht. Ich war allzeit der „gute Baas“ gewesen. Eines Abends kehrte ich von längerem Ritte heim. Mein Haus stand in Flammen. Die verhetzten Nigger tanzten besoffen um die Brandstätte, und mein junges Weib lag leblos im kleinen Vorgarten, ich selbst wurde mit Kugeln empfangen, [16] floh – –, und das war feige, El Gento. Ich hätte die Tote niemals diesem trunkenen Pack überlassen dürfen. Daran ist heute nichts mehr zu ändern. Und ich – – ich bin heute blind … Auch nicht zu ändern …“ Er zuckte die Achseln. „Alles findet seine Sühne, alles …“

Eine lange Pause folgte. Was sollte ich sagen?! Trösten, den Mann seelisch aufrichten?! Er war innerlich gebrochen, das merkte ich. Ich schwieg.

Die Sonne sank tiefer. Die Dämmerung nahte. Ich raffte mich auf.

„Ich werde jetzt einmal Ihre Schädelwunde und Ihre Augen gründlich säubern und verbinden,“ meinte ich. „Ich habe Kognak in meiner Feldflasche, und drüben ist eine kleine Quelle. Gehen wir dorthin.“

Ich führte ihn wieder. Spielte dann Arzt. Braankens Augen waren von Eiter völlig verklebt, die Lider unförmig geschwollen und die Pupille, die schließlich durch Auseinanderpressen der Lider in schmalem Schlitz sichtbar gemacht werden konnte, mit einer graubläulichen Haut überzogen. Die Augen waren tot, erloschen.

Braanken zuckte mit keiner Wimper, als ich die vereiterte Kopfwunde aufschnitt und auswusch. Überhaupt: Körperlich war dieser breitschultrige Riese, der gut seine sechs Fuß maß, in tadelloser Verfassung. Er mußte ungeheure Kräfte haben. Der zweimonatige Ritt durch Einöde und Berge hatte ihm fraglos Muskeln und Sehnen trainiert[7].

Ob ich Zweifel an seinen Angaben hegte? – Nein. Seine Erzählung war so schlicht gewesen, daß sie durchaus wahrheitsgetreu wirkte. Kein Wort zu viel, keins zu wenig. Keine Redensarten [17] – und eine verblüffende Ehrlichkeit, was seine feige Flucht damals in Südwest betraf.

Trotzdem … Ich habe ein gewisses Feingefühl für Unausgesprochenes. Und jener Tehuelche, den Freund Coy nun wohl bald angeschleppt bringen würde, stand fraglos, so sagte mir eine innere Stimme, in noch ungeklärter Beziehung zu Braanken. Nun, das würde sich später herausstellen.

Braanken bedankte sich kurz, als ich ihn sorgsam verarztet hatte. Dann ließ ich ihn eine Weile allein, holte unsere Pferde und das Pumafell von jener Hügelkuppe und schaute mich nach Coy Cala um. Es war bereits ziemlich dunkel. Die Steppe war leer. – Sorge um Coy?! Ach nein! Coy Cala wäre mit sechs Tehuelchen fertig geworden.

Da das ausgetrocknete Flußbett sich wenig zum Lagern eignete, begaben wir uns nach einer nahen Felsgruppe, in deren Mitte bei recht schmalem Eingang ein Grasplatz geradezu zur Nachtruhe einlud. Die Felsen waren mit Dornen und Paniaranken mit fingerlangen Stacheln völlig überzogen. Hier waren wir und die drei Pferde völlig sicher. Auch den Tehuelchenklepper hatte ich eingefangen.

Braanken lag auf meiner Decke, hatte vier Streifen Dörrfleisch verzehrt und war eingeschlafen. Ich hatte das Lagerfeuer dicht vor dem Eingang angezündet, und der helle Schein mußte Coy als Wegweiser auch jetzt bei Nacht genügen.

Ich nahm dem Indianergaul den Sattel ab. Am Sattel waren zwei primitive Ledertaschen angebunden. Ich fand darin achtzehntausend Mark in chilenischem Papiergeld, Papiere auf den Namen [18] Peter van Braanken und eine Photographie eines jungen stattlichen Weibes.

Es gehörte wahrlich kein geistvoller Kopf dazu, diesen Fund richtig einzuschätzen. Braanken hatte mich belogen. Wenn er wirklich mit seinem Gaule gestürzt wäre und wenn diese Dinge, Geld, Papiere, Bild, doch sein Eigentum, in den Satteltaschen des toten Pferdes sich befunden hätten, würde er sie niemals belassen haben, wo sie waren, sondern er hätte sie mitgenommen.

Auf der Rückseite des Bildes stand nämlich geschrieben – deutsch:

Meinem Liebsten!
Anna.ni 1914.
Windhuk, Juni 1914.




2. Kapitel.
Unsere drei Pferde.

Der Inhalt der Satteltaschen des Indianerpferdes war hiermit jedoch noch nicht erschöpft. Außer Gegenständen, wie sie ein halbzivilisierter Tehuelche besitzt, übrigens ein Volksstamm, der geistig und körperlich tief unter den Araukanern steht, entdeckte ich noch einen Orden aus Silber mit verblichenem gelbrotem Seidenband. Dieser Ordensstern zeigte in der Mitte ein Emailleschild mit dem Bilde eines auf einem Rappen dahingaloppierenden Indianers, der eine lange Stoßlanze in der Rechten schwang. Um das Bild herum [19] stand in spanischer Sprache zu lesen: Orelio Antonio I., Araukania.

Ein Orden?! Araukania?!

Nun, das Ding war mir gleichgültig. Wer konnte wissen, wo der rotbraune Kerl es gestohlen hatte, dem Freund Coy nun nachsetzte.

Coy – wo blieb er?!

Elf Uhr bereits!

Ich warf neues Holz in das Feuer … Die Scheite knallten. Braanken schlief den tiefen Schlaf der Erschöpfung.

Ich nahm die Repetierbüchse und ging ein paar Schritt in die Steppe hinaus. Der Mond schwamm als heller Fleck hinter leichtem Gewölk. Es war ziemlich finster. Ein paar Schatten huschten blitzschnell davon: Wildhunde, hier noch so zahlreich wie die Gürteltiere und die kleinen Strauße.

Um mich her war die Stille und die erhabene Weite eines Landes, das sich keine Sorgen wegen Übervölkerung zu machen braucht. Links grüßten die Gletscher[8] und Schneefelder der Kordillerenhöhen, rechts die Wellenlinien der endlosen, hier schon so grasarmen Pampas. Gelbbraune dürre Gräser säuselten im leichten Nachtwinde, und das leise Pfeifen von Erdmäusen mischte sich in das schrille Zirpen der großen Grashüpfer, die auch Coy als Delikatesse schätzte, genau wie die Neger in Kapland. Man stößt doch überall auf verwandte Züge des vielgestaltigen Herdentieres Mensch.

Solche Nächte, wie die heutige, haben mich stets in die andachtsvolle Stimmung eines gläubigen Kirchenbesuchers versetzt. Ich sage „heutige“, und doch sind seit jener Nacht, die ich unweit des Huar-Berges verlebte, Monate verstrichen. Ich habe keine Eile, meine Erinnerungen zu Papier [20] zu bringen. Häufig fehlt es mir dazu auch am Nötigsten: Schreibpapier! Denn in der Araukanersiedlung an der Gallegos-Bucht gibt es weder eine Papierfabrik noch ein Schreibwarengeschäft, und der nächste Ort, wo derartiges zu haben, nämlich Bleistift, Tinte, Federn, Papier, liegt nur zweihundert Kilometer entfernt, nur … Immerhin ein Ritt von etwa anderthalb Tagen.

Huar-Berg … Ich komme darauf noch zu sprechen. Vielleicht hätte ich ihn schon vorher erwähnen können. Nun, bisher war er nur wichtig als Ziel unseres Jagdausfluges. Dem Puma, den Coys und meine Kameraden Chubur und Chico, auch Araukaner, dort aufgespürt hatten, war bereits das schöne Fell abgestreift worden. Seine Rolle in dieser Geschichte war damit ausgespielt. Nicht die des Huar-Berges. Diese Rolle beginnt sofort. Erst aber kam noch der dünne Pampasnebel, eine Folge des starken Temperaturunterschiedes zwischen Tag und Nacht und der Nähe der feuchten Andentäler, in denen die eisigen Gießbäche von den Gletschern herabplätschern. Ja – Gletscher …! Von tausend Europäern dürfte vielleicht einer wissen, daß dieses südlichste Südamerika ein Stück Grönland beherbergt, nämlich einen Gletscher bei den Wellington-Inseln, der bis ins Meer hinabreicht und dessen Eismasse, da Gletscher bekanntlich wandern, zuweilen an der Steilküste abbricht und dann regelrechte Eisberge erzeugt – – Eisberge südamerikanischen Ursprungs! Es klingt wie ein schlechter Witz, und doch – – „kalte“ Tatsache.

Der Nebel kam. Kein Nebel wie weiter südlich an der gefürchteten Magelhaens-Straße. Nein, nur dünne Dunstschleier, die sich stellenweise wohl [21] dichter zusammenballten, schnell wieder zerflatterten, anderswo sich aufs neue vereinten … Immerhin Nebel.

Und das war unangenehm für Freund Coy. Gewiß, er besitzt den Ortssinn einer Brieftaube. Aber wenn er, wie doch offenbar geschehen, dem flüchtigen Tehu längere Zeit hatte nachsetzen müssen, so konnte er sich doch vielleicht stundenlang abmühen, um gerade dieses Fleckchen Erde hier wiederzufinden – abmühen trotz des Feuers. Dagegen war nichts zu machen. Oder – ob ich vielleicht doch ein paar Schüsse in längeren Zwischenräumen abgab?! Dann wurde aber Peter van Braanken munter, dem ich den Schlaf von Herzen gönnte, wenn er mich auch belogen hatte. Einem Blinden verzeiht man vieles. Ich entfernte mich also etwa hundert Meter von der Felsgruppe nach Norden zu, bis ich eine flache Kuppe erreicht hatte. Hier feuerte ich den ersten Schuß ab. Doch der dünne Knall der modernen Repetierpistole, durch den Nebel noch mehr gedämpft, würde Freund Coy, wie ich mir sofort sagte, wenig nützen. Nein, eine zweite Patrone wollte ich für diesen Zweck doch nicht verschwenden. Also kehrt – zurück zum Lagerplatz …

Kehrt … Nein, ich blieb … Ich starrte in den dünnen grauen Dunst … Mir wurde ganz merkwürdig zumute. Als Junge hatte ich einmal durchs Schlüsselloch eine spiritistische Sitzung im Arbeitszimmer meines Vaters beobachtet. Das war etwa ein Jahr nach dem Tode meiner Mutter gewesen, und mein gramgebeugter Vater, der erst nach dem Verlust seiner Lebensgefährtin erkannt hatte, was er an ihr verloren, war damals wohl nur Spiritist geworden, um mit der [22] geliebten Toten vielleicht in Verbindung treten zu können. Als sie noch lebte, sie die lebenslustige, vergnügte Berlinerin, als sie im nüchternen Schweden dahinzuwelken begann, da war er blind für ihre Vorzüge gewesen, und ich, einziges Kind einer unseligen Ehe, habe ihm das nie vergessen können. Schlüsselloch also – und drinnen auf schwarzem Vorhang eine weiße Gestalt … Da war ich vor Grauen ins Bett gekrochen. Übrigens war die Erscheinung plumpster Schwindel, wie später herauskam, und mein Vater gab seine Beziehungen zu den Dunkelmännern und Betrügern wieder auf. Ein paar hundert Kronen war er immerhin losgeworden.

Ganz merkwürdig wurde mir zumute …

Unten am Fuß des Hügels stand schwarzes Gestrüpp. Vor diesem schwebte etwas Weißes, Geisterbleiches hin und her.

Hier in der patagonischen Steppe – – ein Gespenst! Allerhand!! Ich mußte lächeln …

Natürlich Coy, der sich mit mir ein Späßchen erlaubte.

Hm – Coy …?! Woher sollte er die hellen wallenden Gewänder haben?

Ich suchte den Kopf des Rätselwesens deutlicher zu erkennen. Unmöglich … Wo der Kopf etwa sitzen mußte, war auch nur ein weißer Fleck.

Seltsam …

Das Ding dort schwebte tatsächlich … Ich konnte deutlich das Gestrüpp unterhalb der Gestalt unterscheiden …

Was also war’s?! Coy?! Nein! – Was sonst – – wer?!

Wenn ein Tehuelchendorf in der Nähe gewesen [23] wäre, hätte ich an die lächerlichen Künste eines Dorfzauberers denken können.

Weshalb zerbrach ich mir überhaupt den Kopf, schoß es mir gereizt durchs Hirn …

Wer eine Sniderbüchse und eine Mauserpistole bei sich hat, nimmt es mit allem auf, was hier in der Pampas sich mausig macht.

Ich schritt den Hügel hinab. Aha – der Geist hatte keine Lust, mit mir anzubinden, wich zurück, schwebte vor mir her …

Warte, Bursche …!

Ich begann zu laufen … Und ich kann laufen …

Aber Gespenster sind noch flinker und … niederträchtig …

Mit einem Male war das weiße Phantom verschwunden …

Drei Sprünge noch, und ich … sause in das Nichts hinab … Ein schroffer Abhang, Ufer einer Regenrinne … zum Glück nur fünf Meter etwa. Immerhin, ich zerschlug mir Knie und Hände auf dem harten Lehmboden, und ein Wunder war’s, daß die Büchse dabei nicht zum Teufel ging.

Ich fluche selten. Denn es ist zwecklos. Man ändert auch durch die saftigsten Kraftausdrücke nichts. Mein Gespenst war weg, und ich war der Blamierte. Ich hätte drohen und schießen sollen, ich verdammter Esel! Pardon – nicht fluchen!

Aber eins war mir nun doch gewiß: Hier irgendwo lagerten wandernde Tehuelchen, und der Dorfpope alias Zauberer hatte sich mit mir einen nächtlichen Jucks gemacht. Nun – morgen früh würden Coy und ich die Herrschaften besuchen, und [24] dann sollte der Herr Pope sein schönes langes weißes Hemd bestimmt loswerden.

Ich kletterte aus dem Lehmloch heraus und wandte mich jenem Hügel wieder zu, wo ich den „Geist“ zuerst erblickt hatte. Der Kerl mußte doch irgendwelche Spuren hinterlassen haben. Ich blies mein Feuerzeug an, hatte bald ein Büschel Gras in Brand und leuchtete den Boden ab.

Auch hier hausten Gürteltiere. Sie hatten den Sand auf Suche nach Nahrung förmlich gepflügt. Ich fand lediglich eine Menge Löcher, die mich vermuten ließen, daß der Tehu-Zauberer Stelzen benutzt hatte. Ein Genie, dieser Kerl! Stelzen! Freilich, auch Coys braune Rangen verstanden sich schon aufs Stelzenlaufen.

Der Nebel war dichter geworden. Die Flammenzungen unseres Lagerfeuers schimmerten blaß durch die Dunstschleier. Ich schlenderte darauf zu, ärgerlich, auch wieder amüsiert … Es war doch immerhin eine Abwechslung gewesen.

Das dicke Ende kam noch.

Drei Gäule preschten in wilder Flucht an mir vorbei …

Braanken hörte ich brüllen:

„El Gento – – hierher!!“

Ich starrte unseren drei Pferden nach …

Der Hufschlag verstummte …

Braanken brüllte abermals … Ich rannte hin … Er stand vor den Felsen …

„El Gento – Sie?!“

„Ja … – Teufel, was ist passiert?“

„Weiß nicht … Ich erwachte, weil die Pferde unruhig wurden … Dann hörte ich, daß sie ins Freie liefen …“

Ich war wütend. Daß ich mich derart hatte [25] anführen lassen!! Weggelockt hatte man mich … Pferdediebe, Tehus …!! Natürlich hatte einer der Schufte hinter dem Rücken eines der Gäule gehangen!

Feines Gespenst, – – ich verdammter Narr. Pardon – nicht fluchen!

Zum Glück hatten die Lumpe nichts anderes mitgehen heißen. Die Sättel waren noch da – alles … Nur Braankens Ledertaschen fehlten. Oder besser: die des Tehuelchengaules, in denen sich die vorhin aufgezählten Gegenstände befunden hatten. Nun, der Verlust war zu verschmerzen. Aber die Pferde!!

Ja – das dicke Ende war wirklich nachgekommen!

Als ich Braanken von dem famosen Gespenst erzählte, sagte er kopfschüttelnd: „Ich hätte an Ihrer Stelle sofort geschossen, El Gento … Ich hätte sofort an irgendeine Schufterei gedacht. Ihr Freund Coy kam hier wirklich nicht in Betracht.“

„Sie haben gut reden, Braanken. Am scheußlichsten ist’s mir, daß Coy mich auslachen wird. Coy kann sehr frech werden. Wir Europäer imponieren ihm absolut nicht. Er hat längst erkannt, daß wir, was unsere Sinnesorgane betrifft, weit hinter den Araukanern stehen. Er läßt mich das oft genug fühlen. – Da Sie nun schon mal wach sind, will ich gleich nach Ihren Verletzungen sehen. Rücken Sie näher ans Feuer. So …“

Und wieder sah ich nun diese verquollenen, eiternden[9] Augen, diese milchigen Pupillen …

Ich vergaß, daß Braanken mich beschwindelt hatte. Wer Braankens Gesicht so dicht vor sich gehabt hätte wie ich, würde in demselben mild-vorwurfsvollen Tone gesagt haben:

[26] „Weshalb haben Sie mich belogen, Braanken?! So, wie Sie mir Ihre letzten Abenteuer geschildert haben, können sich die Vorgänge niemals abgespielt haben. Ein Tehuelche verfolgte Sie, und diesem wieder folgte eine Reiterin, von der ich genau so wenig weiß wie von Ihnen. Ich sah diese Frau nur Sekunden. – Ehrlich Spiel, Braanken! Lügen haben kurze Beine, auch hier in den Pampas außerhalb der verlogenen Welt!“




3. Kapitel.
Sandgeister.

Ich hatte die Verbände fertig. Daß dabei ein weiteres Stück meines Leinenhemdes verbraucht worden, sprach nicht mit. Coy trug nur Wollhemden, die seine Frau aus feinster Guanacowolle gewebt hatte. Mir waren sie zu unbehaglich auf der bloßen Haut.

„Ich habe Sie nicht belogen,“ erklärte Braanken sehr ruhig und nahm die Zigarre, die ich ihm in die Hand drückte. „Wie kommen Sie darauf, El Gento?“

„Weil ich in den jetzt gestohlenen Ledertaschen des Tehuelchen-Gaules Sachen gefunden habe, die Ihnen gehören.“

„Ah – – also der Kerl war’s! Der hat mich bestohlen! Sehen Sie, das vergaß ich zu erwähnen. – Weshalb sagten Sie’s mir nicht gleich! Denken Sie, wie wertvoll war mir das Bild meiner toten Frau! Wie wertvoll! Und auch [27] meine Papiere! – Ich war ja so lange nach dem Sturz mit dem Pferde bewußtlos …! Der elende Tehuelche hielt mich vielleicht für tot …“

War dies nun die Wahrheit?!

Gewiß – diese Möglichkeit einer Leichenfledderei hatte ich bisher nicht berücksichtigt. Sie hatte vieles für sich. Nur – sollte Braanken tatsächlich vergessen haben, daß er ausgeplündert worden war, und noch dazu Dinge ihm geraubt waren, die ihm doch unendlich kostbar sein mußten, wie er selbst soeben betont.

Ich hatte ihm Feuer für die Zigarre gereicht.

Er saß da und rauchte mit der Gelassenheit eines Menschen von untadeligem Gewissen. Sein Gesichtsausdruck (wenn man dieses entsetzlich gesprenkelte Antlitz überhaupt Gesicht nennen konnte!) verriet nichts, was mein Mißtrauen hätte steigern können.

„Und das Geld?!“ fragte ich nach einer Weile.

„Geld?!“ Er war erstaunt.

„Ja, achtzehntausend Mark in chilenischen Banknoten …“

„Wie – eine solche Summe?! Ich besaß keinen Pfennig. Der Mann, dem ich das Pferd und die Waffen gestohlen, mag Geld bei sich gehabt haben. Ich nahm es ihm nicht. Ich weiß nichts von diesen Banknoten …“

„Und der Orden?“

Noch erstaunter war er. „Orden?! Scherzen Sie?! Wie käme ich wohl dazu?! Und der Tehuelche – – noch unverständlicher!“

Ich prüfte seine Züge …

„Ja, sehr merkwürdig …“ Und ich beschrieb ihm den silbernen Orden.

Da beugte er sich vor. „Wissen Sie denn nichts [28] von dem weißen König der Araukaner, El Gento? Nichts von dem französischen Advokaten Tounens, der 1865, eine richtige Abenteurernatur, Großtoqui der Araukaner wurde und als Orelio Antonio I.[ws 1], König von Araukanien, jahrelang mit Chile Krieg führte, bis der Feldzug 70/71 Frankreichs Hilfsgelder versiegen ließ und Chile den Abenteurer verjagte?!“

„Keine Ahnung!“ Und ich möchte den Europäer mit Durchschnittsbildung sehen, der hiervon eine Ahnung hat! „Sind das denn Tatsachen?“ fügte ich zweifelnd hinzu.

„Verbürgt! Dieser Tounens war ein Genie. Ich habe in Valdivia[10] viel in der dortigen Bibliothek gelesen, und da fand ich auch seine beiden Werke „Meine Thronbesteigung“ und „Araukanien“, beide zuerst in Bordeaux 1878 erschienen – sehr interessant geschrieben, förmliche Romane. Der Orden stammt also fraglos aus jener Zeit seiner Königsherrschaft über rund hunderttausend wilde verwegene Indianer.“

Ich sog nachdenklich an meiner Zigarre. Ich dachte an Freund Coy, an die kleine Siedlung der Araukaner an der Gallegos-Bucht. Ob etwa meine dortigen Kameraden, und das waren sie mir insgesamt, vor den Chilenen einst wegen dieses „Königs“ hierher geflüchtet waren?! Sie waren ja so merkwürdig verschwiegen, was die Ursachen ihrer einstigen Wanderung zur Gallegos-Bucht betraf. Ich wußte nur, daß sie dort seit etwa fünfzig Jahren hausten. Und dieser Zeitpunkt stimmte mit dem Zusammenbruch der Königsherrlichkeit des Tounens überein: 1870! –

„Braanken …“

„Ja?“

[29] „Hat Tounens in seinen Büchern irgendwie erwähnt, daß er eine Araukanerin geheiratet hatte?“

„Gewiß … Er ließ sie samt ihren Kindern im Stich, entkam nach Frankreich und lebte fernerhin als Privatmann. Er muß erhebliche Mengen Gold bei dem Königsgeschäft verdient haben, denn seine Lebenshaltung in Frankreich blieb fürstlich, wie aus seinen Denkwürdigkeiten hervorgeht.“

„Und seine Kinder, Braanken?“

„Lassen Sie mich nachdenken … Ja, richtig, Chile hatte ein Interesse daran, auch Tounens’ Familie zu vertreiben oder einzukerkern. Am Schluß seines „Araukanien“ deutet er an, daß die Seinen sich in Sicherheit befänden, daß sie mit einer Anzahl von Getreuen eine neue Heimat gefunden. – Weshalb interessiert Sie das so sehr, El Gento?“

Ich antwortete nicht. Ich hatte zufällig nach dem Eingang geblickt. Dort lehnte Coy Cala an dem einen Felsen, nur durch das Feuer von uns getrennt, und seine schwarzen blinkenden Augen ruhten auf meinem Gesicht.

„Coy …!!“

Ich sprang auf.

„Wieder da sein,“ meinte er kühl. „Tehuelche mir entkommen … Waren zu viele … Und Coy nicht schießen wollen. Weshalb Kampf?! Keinen Zweck haben …“

Er kam und setzte sich neben uns. Sein kühnes, stolzes Gesicht mit dem klaren Profil war mir heute noch anziehender als bisher. Ich streckte ihm die Hand hin. „Gut, daß du wieder da bist, Coy … Man hat uns die Pferde gestohlen.“

[30] „Das sehen … Pferde fehlen. – Wer?“

Ich erzählte. Er nickte wiederholt …

„… Waren zwanzig dreckige Tehus, Mistre Abelsen … Ist Lager in der Nähe … Pferde holen … Kommen mit. Fernglas nehmen. Huar-Berg hoch genug. Lager sehen, dann hin, wo Feuer brennen. Pferde wieder nehmen und Zauberer Lasso spüren …“

Lasso spüren – also Wichse, genau wie Coys Rangen!

Das Programm gefiel mir. Nur Braanken, – was taten wir mit ihm?!

„Wollen Sie uns hier erwarten, Braanken? Ein paar Stunden dauert es sicher …“

„Ich fürchte mich nicht, El Gento …“

Coy blickte den Blinden scharf an.

„He, – El Gento sagen?! Das nur Araukaner tun, Mistre Braanken … Ich auch nicht … Mistre Karl Olaf mein Freund …“

Ein flüchtiges Lächeln glitt über Braankens entstellte Züge. „Nicht ohne Erlaubnis, Coy … Karl Olaf hat nichts dagegen einzuwenden.“ Und nach kurzer Pause: „Lassen Sie mich nur getrost allein. Wenn Sie mir Holz bereitlegen, unterhalte ich das Feuer schon. Die Pferdediebe werden kaum zurückkehren.“ –

Coy und ich brachen auf. Der Huar-Berg winkte uns mit seinen zum Teil kahlen und recht steilen, zum Teil wieder mit dickstem Dornengestrüpp bewachsenen Hängen nicht eben freundlich entgegen. Ich erzählte Coy von der Reiterin, die ich an der Ecke jenes Buschstreifens bemerkt hatte. Coy meinte ohne Interesse: „Wird Tehu-Mädchen gewesen sein und gestohlener Sattel, Mistre Olaf-Karl … Viele Tehu-Weiber von unreinem Blut, [31] auch blonde darunter. Sein keine Europäerin hier. Nur bei Gallegos-Farm, – das wissen …“

Nur über den „Geist“, der mich vom Lagerplatz weggelockt hatte, wollte er noch so allerlei wissen.

„Zweifelst du, daß es ein Tehuelche war?“ fragte ich, durch seine vielfachen Fragen allmählich stutzig werdend.

Er machte eine unbestimmte Handbewegung und schwieg. – Ein mühseliger Anstieg auf den Huar folgte. Endlich standen wir dann oben auf der kahlen zerklüfteten Felskuppe. Mein Fernglas zeigte mir weit im Osten trotz des Nebels fünf glühende Pünktchen.

Auch Coy benutzte das Glas. Dann wandte er sich nach Süden, wo etwa fünfhundert Meter entfernt, unser Lagerfeuer leuchtete.

„Bitte – sehen, Mistre!“

Er gab mir das Glas.

Und ich sah …

Hinter der Felsgruppe bewegte sich eine Gestalt mit einem Stecken in der Hand, schritt auf und ab: Braanken! … Kniete plötzlich nieder …

Erhob sich nach einer Weile …

„Nun?!“ fragte Coy.

„Braanken ist zwischen den Felsen wieder verschwunden,“ erklärte ich und schob das Glas in das Futteral.

Coy begann den Abstieg. Es war einfach verblüffend, wie tadellos er kletterte. Ein Bergführer aus den Alpen hätte ihm nur sein bekanntes mitleidiges Lächeln entlockt. Und ich mußte hinter ihm drein. Wenn er eine Spalte übersprang und ich dann dasselbe wagen sollte und auch wagte, machte ich in Gedanken regelmäßig mein Testament. Es [32] wurden wie schon so oft viele Testamente, aber die nicht vorhandenen Erben gingen leer aus. Mein von früher her tadellos trainierter Körper hatte an der Gallegos-Bucht in diesen letzten Wochen noch etliches zugelernt.

Der Huar war überstanden. Nun zu Fuß gen Osten – und in einem Tempo, das die italienischen Bersaglieri mit ihrem Zuckeltrab fraglos mit Neid erfüllt hätte. Und dabei hatte Coy heute noch seinen schwatzhaften Tag. Er redet gern und viel, renommiert jedoch nie, sondern bevorzugt tiefsinnige Gespräche. Heute redete er über die Klugheit der Tiere der Wildnis. Er behauptete stets, die Intelligenz der Tiere sei der menschlichen gleichwertig. Besonders dem Pferde dichtete er geistige Eigenschaften an, die ungeheuer übertrieben waren. Von Hunden dagegen hielt er nicht viel, sehr im Gegensatz zu mir.

Der Wind hatte merklich aufgefrischt, und die Nebelschwaden konnten diesem kühlen Luftzug nicht recht standhalten. Es war zum ersten Male, daß ich hier in der patagonischen Steppe längere Zeit zu Fuß marschierte. Wer ist hier nicht Reiter, wo selbst der ärmste Teufel sich einen Gaul einhandeln kann. Für drei gute Guanaco-Muttertiere bekommt man schon ein tadelloses Pferd. Und die Guanacos sind die Hausziegen Patagoniens, werden in kleinen Herden gehalten und liefern diesen Halbnomaden, ob Araukaner oder Tehuelchen, alles, alles. Meine Freunde an der Gallegos-Bucht freilich sind zumeist Fischer, sammeln Robbenhäute und treiben damit Handel.

Ich hatte die Entfernung bis zu den Lagerfeuern auf etwa anderthalb Meilen geschätzt. Um [33] halb vier morgens beim ersten Dämmerschein erklärte der als Ortskundiger nie versagende Coy dicht vor einem Waldstreifen, daß die Tehuelchen nun in nächster Nähe sein müßten.

Um es gleich im voraus zu bemerken: diese Tehus würden in keiner Weise mehr dem Ideal eines romantischen Knaben von wilden Indianern entsprechen. Die Zeiten, wo die eingeborenen Stämme Südamerikas ein Räuberleben führten, sind längst dahin. Gewiß, zuweilen erinnern sie sich wohl noch an die blutigen Taten ihrer Vorfahren, aber gefährlich sind sie kaum mehr, wenn man ihnen nur von vornherein mit dem nötigen Selbstbewußtsein gegenübertritt.

Trotzdem waren wir vorsichtig. Wir schlichen durch die Waldkulisse – und sahen ein paar verglimmende Feuer vor uns, sonst nichts. Aber an einer einzelnen Buche standen drei Gäule kurz mit Lassos angebunden: unsere Pferde und das des Tehuelchen, der meinem Coy entkommen war!

Coy machte ein verdutztes Gesicht. Dann lief er vorwärts. Die vielfachen Spuren des Lagers waren noch vorhanden, die Tehus selbst ausgekniffen. Ihre Wachen mußten uns rechtzeitig bemerkt haben.

Coy schimpfte wie ein Rohrspatz. Er hätte den Zauberer zu gern seinen Lasso schmecken lassen.

„Mistre, verfolgen?“ fragte er dann.

„Wozu, Coy?!“

„Haben recht … Zurückreiten … Dreckige Tehus mögen laufen …“

Auf ungesattelten Pferden zu reiten ist ein mäßiger Spaß. Außerdem hatte sich der Morgenwind auch zum netten Sturm gemausert und trieb uns fliegende Sandwolken entgegen.

[34] Wir ritten im Schritt. Coy führte den dritten Gaul an der Leine. Der Himmel verhieß für den beginnenden Tag nichts Gutes. Die Sonne, die bereits über dem Horizont stehen mußte, war durch fahle Wolkenfetzen verdeckt, die sich immer mehr ausbreiteten. Der Wind pendelte hin und her. Bald kam er von West, von Ost, von Süd. Nur die Nordrichtung mied er.

„Gibt Sandsturm,“ sagte Coy und zeigte nach Norden, wo die Wellenebene sich in die Unendlichkeit Patagoniens verlor. „Trab weiter, Mistre … Wenn Wind wie Uhrzeiger, sehr faul sein, sehr böse … Hier zu offenes Gelände. Näher an Berge heran.“

Also Trab …

Die Gäule drängten von selbst vorwärts, waren sichtlich nervös und fielen immer wieder in Galopp.

Die Felsengruppe kam in Sicht. Mit einem Male hatte jede Luftbewegung aufgehört. Zwei Minuten später nahte von Norden her eine so merkwürdige Erscheinung, daß ich unwillkürlich meinen Braunen anhielt.

Die Steppe, wie schon erwähnt, hatte nur vereinzelte Flächen gelbbraunen, harten Grases. Dort, wo der kahle, leicht rötliche oder gelbliche Sand frei zutage trat, tanzten kleine Kegel von aufgewirbelten Sandkörnchen dahin – auf uns zu, – einer neben dem andern, die meisten kaum einen Meter hoch … Das war jedoch nur der Vortrab. Hinterher erschienen bereits weit ansehnlichere vorwärtsgleitende Sandfontänen in endloser Reihe, tief gestaffelt. Die bis dahin leblose Ebene war plötzlich zu einem unheimlichen Dasein erwacht. Es war, als ob Geister aus der Tiefe [35] emporstrebten – von wunderlicher Gestalt und wunderlicher Beweglichkeit. Die Steppe lebte. Aber es war ein Leben, das gleichzeitig die Vernichtung in sich barg. Daran dachte ich freilich nicht, denn dieser nie gekannte Anblick der hüpfenden Sandkaskaden nahm mich, den begeisterten Naturfreund, so vollkommen gefangen, daß erst Coys ärgerlicher Zuruf mich die wahre Gefahr ahnen ließ.

„Vorwärts, – – Mistre sein wahnsinnig!! Ersticken wollen?! He?!“

Und er gab meinem Braunen mit dem Fuß einen Stoß in die Weiche, daß der brave Klepper empört vorwärtsschoß … Ich hatte Mühe, mich auf dem schweißblanken, sattellosen Pferderücken im Gleichgewicht zu halten. Ja, der Gaul schwitzte. Und ich hörte auch das keuchende Schnauben seiner vor Aufregung schneller arbeitenden Lungen, spürte, daß die vierbeinige Kreatur die Gefahr witterte, und wußte, daß ich soeben kostbare Minuten unsinnig vertrödelt hatte.

Wußte es durch einen flüchtigen Blick nach rechts …

Die tanzenden Wirbel der Sandkörnchen waren bis auf zweihundert Meter heran. Und hinter ihnen her kam’s mit derselben beklemmenden Lautlosigkeit heran: eine förmliche wandernde Mauer, unbegrenzt in ihrer Ausdehnung von Westen nach Osten, nach oben hin sich scheinbar mit dem tief hängenden düsteren Gewölk vermischend.

Die Felsgruppe kaum noch zweitausend Meter entfernt …

Nun – wir würden’s schon schaffen …

Coy brüllte abermals:

„Schneller, Mistre, schneller …!“

Ganz nervös machte er mich …

[36] Und wieder ein Blick nach rechts …

Teufel – – das wurde ernst …

Da waren diese satanischen Sandfontänen ja schon vor mir, neben mir …

Ein höllischer Dämon schleuderte mir feinstes Sandmehl ins Gesicht … Ich schloß die Augen. Sie tränten …

Ein stechendes Prickeln lief aufs neue über meine Wangen …

Ich riß die nassen Augen auf … Sah nichts. Mein Gaul, ich – mitten in einer Staubwolke … Ich fühlte es … Fühlte nun auch die Kraft des ersten Sturmstoßes, hörte das Brausen und Jaulen des Orkans …

Der Fuchs brach nach links aus – floh vor dem Sandsturm. Ich hatte alle Macht über ihn verloren …

Das Prickeln hatte ich nun im Genick, und meine sandgefüllten Augen schwemmten durch reichlichen Tränenerguß für einen Moment die beißenden Körnchen hinweg. Ich sah … Sah nichts … denn rundum nur fliegenden Sand, dicht wie aus einem Gebläse kommend, mit ebensolcher Kraft …

Aber auch in diesem unheimlichen Nebel von feinsten Sandkörnchen gab es lichtere Stellen. Und gerade als ich eine solche Stelle erreicht hatte, als meine Augenlider sich weiter öffnen durften und die schützenden Wimpern nicht mehr als Schleier wirkten, tauchte rechts von mir wie ein Gespenst ein Reiter auf. Nicht Coy Cala … Nein – es war die Reiterin von gestern, war die angeblich hellhäutige blondhaarige Tehuelchin …

In rasender Gangart preschte sie dicht an mir vorüber … Eine helle Stimme rief mir dabei [37] in reinstem Englisch etwas zu, eine linke Hand winkte … winkte befehlend. Beides verstand ich nicht, weder Worte noch Gesten … Aber Englisch war’s gewesen, reines Englisch … Nur der Sturm hatte die Silben zerfetzt, und außerdem war die freie Lücke in den wirbelnden Sandmassen auch so klein, daß ich bereits wieder inmitten der prickelnden, sausenden Wolken mich befand, bevor mein Hirn den Eindruck dieser flüchtigen Begegnung mit der Fremden richtig verarbeitet hatte.

Mein eigener Gaul hatte, wahrscheinlich völlig blind durch die Sandkörner, von diesem kurzen Intermezzo offenbar nichts gemerkt und raste im selben Tempo weiter …

Nur noch Sekunden. Dann – sprang er ins Leere …

Wir schwebten in der Luft …

Eine Schlucht, zuckte es mir durchs Hirn, blitzartig …

Ein harter Stoß … Ich flog aus dem Sattel. Noch ein Stoß, als sollten mir alle Knochen brechen.

Vorbei …




4. Kapitel.
Borneo-Erinnerungen.

Ich war in meinem Leben, das infolge meines Ingenieurberufs bisher – also bis zu meiner Abkehr von der sogenannten Zivilisation – auch bereits in aller Herren Länder in buntem Auf [38] und Ab dahingeflossen war, nur ein einziges Mal verschüttet worden und zwar im Himata-Tale auf Sumatra beim Bahnbau. Damals war eine ungeheure Geröllhalde, die wir stark genug abgestützt zu haben glaubten, ins Rutschen gekommen, und lediglich meine Geistesgegenwart – ein Sprung in eine Einbuchtung der Talwand, rettete mich vor dem Zermalmtwerden, sperrte mich aber auch volle drei Tage in dem Felsloche ein. Halbtot wurde ich endlich befreit. Was mir damals passiert, hatte sich nun hier im südlichsten Patagonien in ähnlicher Art wiederholt. Als ich zu mir kam, war ich bis zum Halse in Sand eingebettet. Der Druck der Sandmassen auf meinen Leib war so stark, daß ich noch tagelang Schmerzen in der Bauchmuskulatur empfand. Aber mein Kopf war frei. Ich konnte atmen, konnte auch den rechten, nach oben ausgestreckten Arm unschwer aus dem feinen Geriesel der immer wieder nachfallenden Sandmengen befreien. Sehen konnte ich nichts. Um mich her herrschte die vollkommenste Finsternis. Außer den Schmerzen im Leibe, der flach wie ein Fladen gepreßt sein mußte, hatten mich noch andere Schmerzen geweckt.

Ich lag mit wirrem Kopf die ersten Stunden regungslos. Meine stählerne Konstitution hatte die Folgen der tiefen Ohnmacht dann sehr bald überwunden. Mein Kopf klärte sich, die Gedanken flossen leichter und die Erinnerung erwachte: Sandsturm, Sturz mit dem Pferde in die Tiefe!

Ich hatte Glück gehabt – wieder einmal! Ich war so gefallen, daß mein Kopf in eine Vertiefung der Wand der Regenschlucht hineingeraten war. Der Sand hatte mich nicht erstickt, und die Gewißheit, mich mit den Händen herausschaufeln [39] zu können, feuerte all meine Lebensgeister aufs höchste an. Wer den Sensenmann dicht neben sich gesehen und dennoch entwischt ist, fühlt nachher die Kräfte dreier Männer, wenn er eben selbst ein Mann ist – vom Schlage Coys, Chuburs, Chicos und meiner weißen Kameraden Boche Boche und Näsler die nun längst wieder in untadeligem Habit in der Kulturwelt die große Herdenstraße des Menschentums dahinwandern.

Ja – ein anderer Schmerz noch!

Damals habe ich mein halbes linkes Ohr verloren und die Narben an der Nasenspitze erhalten – – durch Mäuse, wie ich gleich sagen will, durch vor Hunger toll gewordene grünbraune Pampasmäuse, die friedlich sonst neben den Gürteltieren ihre Nahrung in der Steppe suchen – sonst!

Das Bild ändert sich nach schweren Sandstürmen. Das ganze Mäuseheer des vom Sturme betroffenen Gebietes befällt dann, da Gras und Strauch überall vom Flugsand begraben sind, instinktiv der Wandertrieb. Ebenso instinktiv vereinen sich die Mäuse zu einer geschlossenen Kolonne, die – ein kleines, nie geklärtes Wunder – mit unfehlbarer Sicherheit den kürzesten Weg nach neuen Wohnplätzen, wo der Sturm nicht getobt, einschlägt. Dieses Mäuseheer hat als ständige Begleiter Wildhunde, Pampaskatzen, Füchse und geflügelte Räuber, die unter den kleinen Nagern gehörig aufräumen. Ich habe später nur noch ein einziges Mal eine solche Mäusewanderung, freilich unter günstigeren Umständen, miterlebt.

Diesmal waren die Umstände für mich so ungünstig wie nur irgend möglich.

Doch – eins nach dem andern …

[40] Sehen konnte ich nichts …

Ich fühlte, hörte …

Um mich her war ein dauerndes Huschen und Rascheln, leises Piepen, schrilles dünnes Pfeifen.

Und Finsternis …

Dann huschte etwas über mein Gesicht. Ich spürte feine Krallen.

Und – einen Biß in die Nasenspitze …

Gleichzeitig einen stechenden Schmerz im linken Ohrläppchen …

Bisher hatte ich mich nicht geregt. Jetzt hob ich den Kopf … Befreite mit einem Ruck den rechten Arm von der Sandlast, wußte noch immer nicht, was um mich her vorging. Der Gedanke an Mäuse kam mir nicht. Ich habe erst später durch Coy über das Mäuseheer Einzelheiten erfahren. Ich dachte an Moschusratten, die ja weit seltener, dafür aber auch frecher sind.

Ein warmes Rieseln an Ohr und Nase sagte mir dann, daß ich an diesen Stellen blutete.

Kaum hielt ich den Kopf wieder still, als auch schon die unsichtbaren kleinen Feinde von neuem angriffen. Eine ganze Anzahl huschte mir über das Gesicht. Wütend packte ich zu, erwischte ein winziges, quiekendes Geschöpf und schleuderte es in das Dunkel zur Seite, hörte es gegen Gestein klatschen …

Da ward ringsum die Hölle lebendig … Da wußte ich: Mäuse – ungezählte!!

Und das trieb mich hoch …

Erst mal auch den linken Arm aus dem Sandbett heraus …

Und dann schaufelte ich … schwitzte, keuchte.

Der Sand rutschte nach …

Immer wieder …

[41] Eine entsetzliche Arbeit … Unterbrochen durch die Verteidigungsmaßnahmen gegen die kleinen Bestien, die der Hunger jede Scheu vor dem Menschen, vor der menschlichen Witterung vergessen ließ.

Ja – sie griffen an …

Sie sprangen mir ins Genick, ins Gesicht, bissen sich in meine Haut ein, – eine fiel mir zwischen Lederwams und Hemd am Genick bis in den Rücken. Ich quetschte sie tot. Ich hatte mein Jagdmesser, Coys Geschenk, glücklich aus der Scheide ziehen können … Sofort fiel der Sand wieder nach …

Ich schlug mit dem langen haarscharfen Messer um mich. Coy hat nachher eine Stunde gebraucht, die Scharten wieder herauszuschleifen. Ich fühlte, daß der Felsboden neben mir wie ein beweglicher Samtteppich war – alles Mäuse … Mäuse …

Ich kämpfte im Dunkeln …

Grub, schaufelte im Dunkeln.

Ich kochte vor Schweiß … Vor meinen Augen sprühten Funken. Ich kämpfte um mein Leben gegen kleines Viehzeug, das mein Vater in Fallen fing, wie ich schon erwähnt habe. Vaters Fallen hätten hier verdammt wenig genützt – gar nichts …

Ich erkannte schließlich, daß ich unterliegen mußte, wenn ich nicht ein besseres Mittel ersann, die Sandmengen abzuschütteln.

Ich lag noch immer bis zum Halse bedeckt. Wühlte nun mit der Rechten abermals ein Loch bis zum Gürtel und holte die Mauserpistole hervor.

Drei Schüsse … Der bewegliche Teppich rollte zurück. Das Aufblitzen des Mündungsfeuers [42] hatte mir ein flüchtiges Bild meiner Umgebung vermittelt: eine kleine Grotte, Granitwände, Mäuse – – Hunderte – – vielleicht Tausende …

Nun legte ich die Waffe weg, benutzte rasch beide Hände – die eine zum Graben, die andere als Schutzdecke …

Ruckte mit dem Körper rückwärts. All meine Muskeln spannte ich bis zum Äußersten an.

Und – es gelang …

Ich erhob mich, taumelte nach hinten, richtete mich wieder auf …

Und begann mit meinen langen Seehundsstiefeln umherzustampfen – wie Negerweiber, die das Korn aus den Ähren treten …

Quietschen, Pfeifen, Piepen – und schlüpfrig der Boden von kleinen Leichen …

Ich stampfte weiter …

Eine blinde Wut hatte mich gepackt, Vernichtungstrieb, Ekel, Abscheu, halbes Grauen …

Dann hielt ich erschöpft inne. Was sollte das?! Wozu dieser Massenmord?! An meinen Transtiefeln konnten die Viecher ja doch nicht mehr empor.

Ich keuchte, der Schweiß lief mir über das Gesicht.

Feuerzeug heraus …

Lunte schwelte. Drei Blätter aus meinem Notizbuch flammten auf. Ich hatte sie zum dicken Fidibus zusammengedreht. Eine kurzlebige Fackel. Aber ich sah doch, was ich sehen wollte. Dies Felsloch hier in der Uferwand irgendeines der zahllosen trockenen Flußbetten, die nur nach stärksten Regenfällen für Stunden von tosenden Wassermengen angefüllt sind, um dann wieder, wenn die durstige Steppe das Naß aufgesogen [43] hat, wie vordem einen tiefen Bodeneinschnitt mit Lehmschichten, Geröll, Felsen und lehmharten oder steinigen Abhängen darzustellen, – diese Höhle im Urgestein der nicht allzu fernen Anden war doch geräumiger, als das Aufblitzen der Schreckschüsse vorhin mir’s gezeigt hatte.

Flüchtig erkannte ich links an der zackigen Wölbung zwei kleine Holzkisten – natürlich mit Mäusen auf den Deckeln …

Und Mäuse überall …

Tote, halb zertretene, lebende …

Es wimmelte von dem kleinen Geschmeiß. Es war wie ein Riesenkäfig, dessen vierbeinige flinke Bewohner von einer Seuche ergriffen worden waren …

Meine Fackel erlosch …

Ein letzter Blick hatte mir jedoch neben den Kisten einen Stoß Holz gezeigt: Kiefernäste, harzreich, mit weißlichen Harzkrusten.

Also eine zweite Fackel aus Papier …

Knisternd, fauchend kam ein dicker Ast in Brand. Nun hatte ich gewonnenes Spiel. Mochten die grünbraunen Nager auch noch so hungrig sein: Feuer verscheuchte sie!

Die ganze widerliche Gesellschaft drängte sich vor der tief gehaltenen Astfackel im hintersten Winkel zusammen … verschwand. Und ich sagte mir: Vielleicht gibt es dort auch für dich einen Weg ins Freie!

Ich folgte dem abziehenden Feindestrupp, fand hinter einer vorspringenden Ecke des Gesteins eine schräg nach oben gerichtete Spalte und sah in schmalem Strich den sonnenklaren leuchtenden Himmel, sah die Mäusekompagnien aufwärts krabbeln und schleuderte ihnen einen zweiten brennenden [44] Ast nach, damit die Herrschaften nicht etwa doch noch kehrt machten. Sie dachten nicht daran. Wie kleine blitzschnelle Gespenster huschten sie in den Sonnenschein hinaus. Das Blutbad, das ich unter ihnen angerichtet, war ihnen doch auf die Nerven gefallen.

Oh – ich beneidete diese überlebenden Feinde, denn daß die Spalte für mich selbst als Ausgang zu eng, erkannte ich sofort nach Augenmaß. Allerdings war eine ganze Menge Sand hineingeweht worden. Vielleicht wenn ich ihn fortschaffte – vielleicht …

Spätere Sorge! Erst die beiden Kisten … Sie hatten gleich meine Neugier erregt. Wie kamen hier in dieses entlegene Felsloch Holzkisten hinein, deren Bretter noch ziemlich frisch aussahen?! Und dann das Holz – das Brennholz, die harzigen Äste?!

Ich will mich bemühen, auch das Folgende ohne jede Sensationsmache zu schildern, will auch sofort erwähnen, daß die unheimlichen Dinge nachher eine zwar merkwürdige, aber nicht besonders überraschende Deutung fanden.

Die Kistendeckel konnten der Hebelkraft meines langen, scharfen und von Mäuseblut noch benetzten Messers nicht lange widerstehen. Kreischend gaben die Nägel nach. In der ersten Kiste – – ein von Papier und Lumpen umhülltes großes Glasgefäß, ein Einmacheglas, würde man sagen können, oben durch eine Gummihaut fest verschlossen. Als ich es herausgehoben hatte und der Lichtschein des knisternden Feuers den in einer klaren Flüssigkeit schwimmenden Gegenstand traf, hätte ich den durchsichtigen Behälter beinahe fallen lassen.

Nur beinahe … Mein Gott, ein Menschenkopf [45] in Spiritus ist doch an sich nichts so Ungewöhnliches. In jeder Anatomie wird man derartiges aufbewahren, in Polizeimuseen kann man sie antreffen und – in anderer Art der Konservierung zu Dutzenden auf Borneo und den Inseln Melanesiens bei den Herren Kopfjägern – in geräuchertem Zustand als vielbegehrte Trophäen. Immerhin – hier bereitete mir dieser Kopf eines blondhaarigen Jünglings doch ein wenig Unbehagen, zumal es das Haupt eines Weißen war und die fahlen Züge und die toten offenen Augen im unruhigen Feuerschein schreckhafte Beweglichkeit annahmen. Ich stellte das Glas in die Kiste zurück. Dadurch, daß ich es lange betrachtete, wurde ich um nichts klüger, und die Kiste enthielt nichts, was mir Aufschluß über die Herkunft dieses anatomischen Präparats gegeben hätte. Dann die zweite …

Jetzt wurde mir doch recht eigentümlich zumute.

Verehrter Zeitgenosse, verehrter Landsmann, der du vielleicht mal diese meine Erinnerungen in die Finger bekommst: In diesem zweiten Einmacheglase lag ein Mädchenkopf! Und ich garantiere dir, du würdest durch diesen Anblick erloschener blonder Jugend, durch diese in dem Spiritus hin und her wallenden Haare genau so aus dem seelischen Gleichgewicht geraten sein wie ich!

Es war der Kopf eines halben Kindes, eines Backfisches mit feinen Zügen, deren Ähnlichkeit mit denen des Männerhauptes sofort ins Auge fiel … Geschwister, dachte ich. Und dann stellte ich auch diesem Glas schleunigst in die Kiste zurück und trank meine Feldflasche leer. Es war immerhin [46] noch ein Achtel Liter Kognak darin, sehr guter Kognak, den Coy aus dem Wrack eines Dampfers herausgeholt hatte. Achtmal hatte er damals vor einem Monat sein Leben riskiert und war tief hinabgetaucht in die unter Wasser liegenden Heckräume. Wenn es um Alkohol geht, riskiert Coy Cala alles. Genau wie ein Morphinist oder Kokser.

Kognak ist unter allen Umständen eine Gabe Gottes. Echt französischer sogar ein Lebenselixier.

Glut kam mir vom Magen aus durch die Adern. Den Teufel auch: Ich, Olaf Karl Abelsen und zwei abgeschnittene Köpfe – – lächerlich! Auf Borneo hatte ich bei einem Häuptling eine Sammlung von etwa fünfzig Stück bewundern dürfen und angesichts dieser geräucherten Schädel mit bestem Appetit malaiischen Bärenschinken gefuttert.

Anderes war jetzt dringlicher als diese Einmachegläser nebst Inhalt. Meine Büchse lag noch irgendwo dort unter den Sandmassen. Die mußte ich unbedingt herausbuddeln. Licht hatte ich ja jetzt.

Die Arbeit war unangenehm, traurig. Als erstes stieß ich auf ein Pferdebein. Mein armer Fuchs war also dem Sandsturm zum Opfer gefallen. Nach einer Weile dann der Lauf der Büchse … Ich hatte sie wieder, prüfte, ob sie bei dem Sturz gelitten hatte. Sie war unversehrt geblieben.

Nun kam die große Frage: Wie gelangte ich hier aus dem Granitloche heraus. Der Sandwall vor dem eigentlichen Eingang war zu dick. Der Sand fiel immer wieder nach, und die Grotte wurde dadurch immer kleiner. Also die Spalte …

[47] Ich hatte vorhin die nur verletzten Mäuse totgeschlagen und die kleinen Kadaver mit einem Ast in einen Winkel gefegt. Es mochten etwa fünfzig sein. Wie ich jetzt der Spalte mich zuwende, kriecht vor mir doch noch eines der Tierchen mühsam am Gestein empor, um das Freie zu gewinnen. Dieses Mäuslein schien nur wenig abbekommen zu haben, hinkte nur ein bißchen. Mochte es leben … Mit einem Male rutschte es aus und fiel in einen Riß im Gestein, piepste kläglich …

Ich langte mit dem Arm in den engen Abgrund – für ein Mäuslein ein Abgrund … Meine mitleidigen Finger berührten etwas Kaltes. Ich zog eine Mauserpistole heraus. Das Mäuslein war vergessen. Als nächstes folgte ein Lederbeutel, – nein, eine Satteltasche primitivster Machart: es war die des Tehuelchen, in der ich van Braankens Eigentum, dazu das Geld und den Orden gefunden hatte!

All diese Dinge lagen noch in der hier versteckten Satteltasche – alles!

Im übrigen war der Riß im Gestein bis auf eine Pappschachtel Patronen für die Mauserpistole leer. Auch das Tierchen war nicht mehr da. Wahrscheinlich war es doch irgendwie nach oben entschlüpft.

Wenn jeder Sandsturm, die ich später hier noch erlebte, mir ebenso viele Überraschungen beschert hätte, würde ich, der den Alltag haßt und der das Abenteuer in seiner ursprünglichsten Form sucht, sehr zufrieden gewesen sein. Aber es ist nicht alle Tage Sonntag, – so sagten meine deutschen Kommilitonen an der Charlottenburger Hochschule, wenn sie wegen allgemeinen Dalles auf [48] den Frühschoppen verzichten mußten, den ich selbst nie mitgemacht und nie begriffen habe. Sich schon am frühen Tage den Magen mit Bier vollpumpen, – welch’ abscheuliche Unsitte!

Ich tat die Sachen wieder in den Felsriß zurück. Wer sie hier versteckt hatte, ob einer der Pferdediebe oder jemand anders, das war mir wirklich gleichgültig. Ich wollte ins Freie hinaus in den Sonnenschein, ich hatte Hunger und Durst und Sehnsucht nach Coy.

So zwängte ich mich denn immer weiter nach oben. Ich habe nie an überflüssigem Fettansatz gelitten. Und die letzten Monate, – – nein, selbst bei einer Mastkur hätten nur meine Muskeln davon profitiert bei diesem unruhigen, strapazenreichen Dasein, bei diesem wundervollen freien Leben, das Männer schafft und alles fortbläst, was innen und außen am menschlichen Kadaver überflüssig.

Auf mein Augenmaß war doch kein Verlaß … Ich gelangte wirklich ins Freie. Meine Uhr zeigte die achte Stunde. Die Sonne belehrte mich: acht Uhr morgens. Ich war also weit länger bewußtlos gewesen, als ich anfänglich vermutet hatte. Morgens hatte der Sandsturm Coy und mich überrascht, jetzt wieder Morgen … – Wo war Coy? Wo Braanken? Für meinen braunen Freund fürchtete ich nichts. Ein Coy Cala kommt nicht im Sandsturm um …

Ein Blick in die Runde …

Sandwehen … Sandwehen …

Aber dort nach Nordwest: die Felsgruppe, unser Lager. Weiter der Huar mit seiner dunklen Kuppe.

Zwischen den Felsblöcken kräuselte sich Rauch [49] empor. Ich schritt darauf zu. Kam zum Eingang des Felsenrunds. Am Feuer saß Coy und betrachtete eine brozelnde Pampashirschkeule mit liebevollen Blicken. Im Hintergrunde zwei Pferde und der schlafende Braanken.

Coys feines Ohr: er schaute auf, winkte mir sofort zu – deutete auf den Schläfer …

Ich trat näher …

Coy gab mir schweigend die Hand, schnitt von der Keule Streifen ab, und ich hockte schweigend neben ihm und aß … fraß …




5. Kapitel.
Sandschrift.

Coy wäre ein Studienobjekt für meine berühmte Landsmännin, die als Schriftstellerin die Seelen mit der Pinzette zerfasert und jedes Fäserchen dem Leser klar beleuchtet vor Augen führt.

Coy ist heute so, morgen so. Selbst die Grundmerkmale seines werten Ichs verschieben sich. Er, der Redselige, kann unheimlich verschlossen sein. Heute belehrte mich meines Freundes finstere Miene, daß ihm irgend etwas ganz grob wider den Strich gegangen. Er fragte nichts, er sagte nichts, er sog an seiner selbstgeschnitzten Pfeife, feinstes Buchenholz, über Reisigqualm gelb gefärbt wie Bernstein. Er rauchte und spuckte geräuschlos in die Glut. Ich beobachtete ihn. Sein Profil war mir so interessant, ebenso die kleinen zierlichen Ohren und die gleichfalls für einen angeblich [50] reinblütigen Araukaner so kleinen Hände. Ich dachte an den ehemaligen König von Araukanien, den Franzosen Tounens. Ob Coy etwa …? – Vielleicht – vielleicht … Ich würde schon noch dahinter kommen.

Coy deutete auf die Hirschkeule. Ich schüttelte den Kopf. Ich war satt.

Coy erhob sich, warf einen prüfenden Blick auf Braanken und winkte mir. Wir gingen ein Stück in die versandete Steppe hinaus. – Oh – wie traurig war’s doch mit den schönen immergrünen Buchen dort drüben bestellt!! Das meiste Laub hatte der Sandsturm zu Fetzen zerfasert … Und die gelben fröhlichen Dornblüten? Nicht eine mehr! Als ob Heuschrecken hier eingefallen wären.

„Mistre,“ sagte Freund Coy tief ernst, „der dort böse Mann … Der dort lügen. Alles Lüge. Coy schon lange wissen … Auch nicht blind sein, Mistre Karl Olaf. Mir glauben. Schlechte Mensch, und halten Coy für dumm.“

Es war so kennzeichnend für ihn, daß er mit keinem Wort danach fragte, was aus meinen Fuchs geworden, und wo ich das Unwetter überstanden hätte. Ihm genügte es: ich war ohne Pferd gekommen, also war der Fuchs tot, und ich lebte eben.

Seine abfälligen Äußerungen über Braanken überraschten mich nicht weiter. Auch ich hatte ja dem ehemaligen Farmer nie recht getraut. Nur eins war von Coys Seite unbedingt ein Irrtum: Braanken war blind!

„Sprich dich näher aus, Coy,“ erwiderte ich nur.

Er nahm mich lebhaft am Ärmel und führte mich hinter die Felsgruppe, zog hier zwischen [51] den Steinen zwei Stelzen hervor, die aus dicken Buchenästen ganz primitiv hergestellt waren.

„Mistre, Braanken sein Gespenst gewesen …!“

Ich machte ein recht verblüfftes Gesicht, schüttelte dann aber energisch den Kopf. „Das ist ausgeschlossen, Coy!“

Der lachte in seiner oft so überheblichen Art leise auf. „He – wer Stelzen hier verstecken, – he?! Sein neu, die Stelzen, mit Messer geschnitten, breite Klinge, – nennen Bowiemesser, die Amerikaner. War Braanken, Mistre … Nicht glauben?“

„Ein Blinder kann unmöglich Stelzen schnitzen und …“

Coy sah mich mit unendlich frecher Geringschätzung an. „Hören gut zu, Mistre Olaf Karl. Braanken sein verbündet mit Tehuelchen, dreckige Schweine … Er haben Mistre weggelockt, damit Pferde stehlen. Sehr einfach.“

„Mein lieber Coy, das sind Vermutungen deinerseits. Und die Beweise?“

Ein triumphierendes Funkeln seiner schwarzen listigen Augen machte mich stutzig. Er bückte sich wieder und brachte aus demselben Versteck – ein weißseidenes langes Damennachthemd zum Vorschein, hauchdünne feinste Seide, fraglos einst Eigentum einer der schwerreichen Chileninnen, die allen Luxus Pariser Überkultur längst nach ihrer Heimat importiert haben. Das Hemd war nicht neu. Was mir sofort außerdem noch auffiel, waren ein paar bräunliche Flecke an den Spitzen des Halsausschnittes: verfärbtes Blut! – Unwillkürlich dachte ich da an den Mädchenkopf in Spiritus, verwarf diesen Zusammenhang jedoch sofort wieder und schaute Coy verwirrt an, der [52] sich das lange Nachtgewand vor die Brust hielt. Es reichte bis zum Boden hinab. Die ehemalige Besitzerin mußte recht groß gewesen sein.

„He?!“ meinte Coy und knüllte des Hemd wieder zusammen und tat es zu den Stelzen in das Versteck zurück. „He – was nun sagen, Mistre?!“

Seine ironische Überlegenheit ärgerte mich, obwohl ich daran längst hätte gewöhnt sein müssen.

„Braanken ist blind,“ blieb ich bei meiner Behauptung.

Coy grinste. „Braanken ließen Pferde stehlen und Satteltasche, – Pferde nur wegen Satteltasche. So sein, bestimmt. Braanken dann haben Tehus gewarnt, als wir Pferde zurückholen wollten. Sehr einfach … Alles klar …“

Ich wurde kleinlaut. Die Satteltasche lag ja jetzt mit ihrem gesamten Inhalt drüben nach Osten zu in der Feldritze. Sollte Coy doch recht haben?!

„Wie fandest du diese Dinge hier, – Hemd und Stelzen?“

Jetzt blitzten seine Augen mich noch siegesgewisser an. „Coy Sandsturm entgehen, Coy dort zwischen Felsen an altem Lagerplatz Braanken finden … Felsen gute Deckung. Nichts geschehen … Nachts ich schlafen. Aber gute Ohren. Da Braanken aufstehn und schleichen weg. Ich schnarchen noch lauter. Ich getrunken Rest aus große Flasche … Tun, als ob schwere Kopf. So Braanken ohne Argwohn. Ich ihm folgen. Er gehen …“

„Halt – mit dem Stecken?“

„Ja – er gehen wie Blinder hierher … hier, wo Stelzen und Hemd … Schauen schnell [53] hin, ob Sand hat Spalte gefüllt … Gehen weiter … Als an Feuer zurückkommen, ich schon liegen und schnarchen. He – – was sagen?!“

„Vorläufig gar nichts, mein lieber Coy … Wann hat Braanken sich zum Schlafen niedergelegt?“

„Vor drei, vier Stunden … bei Morgengrauen. Er saßen an Feuer und rührten sich nicht. Gesicht nur rührte sich. Bald so, bald so … Schlimme Gedanken, Mistre …“

Pause …

Coy hatte stets mit gedämpfter Stimme gesprochen. Sie wurde noch leiser, als er nun seine Hand auf meine Schulter drückte, um dem Folgenden mehr Wirkung zu verleihen … „Mistre Olaf Karl, Eitergeschwüre in Braankens Gesicht besser jetzt, abgeheilt fast … Und deshalb Coy mit einem Male haben Ahnung, daß den Mann schon kennen … Bestimmt so sein … Coy ihn haben gesehen hier in Pampas vor halbe Jahr etwa, als Mistre Olaf Karl noch nicht hier … Da Coy und Chubur jagten an Gallegos-Fluß Hirsche. Da trafen den Mann unweit von Herden von reiche Sennor Mastilo aus Valdivia[11]. War Braanken, war allein mit gute Pferd und Waffen in Dornendickicht. War grob, uns wegjagen, drohen mit Büchse. Damals Coy und Chubur nur hatten schlechte Flinten, nicht Karabiner. Ritten weg … War Braanken … alles Lüge, was erzählen, alles … Wir vorsichtig sein … Böse Mensch Mistre Karl Olaf … Alles Lüge, und mit dreckige Tehus verbündet …“

„Aber die Chapo-Ameisen, Coy?!“ wagte ich immer noch einzuwenden.

„Gut, gut … Chapo ihn beißen … Schon [54] stimmen das … Warum nicht?! Nur nicht blind, Mistre.“

Ein Gedanke kam mir … Wenn etwa Braanken die Kisten und Einmachegläser gehörten?! Wenn er vielleicht Arzt war?! Wenn er ein Mittel besaß, die Hornhaut seiner Augen für kurze Zeit milchig zu färben?!

„Komm!“ sagte ich kurz.

Ich hatte es eilig. Ich wollte Klarheit haben. Wir betraten das Innere der kleinen natürlichen Felsenburg. Das Feuer brannte. Braanken lag und schlief. Ich weckte ihn.

„Hallo, Braanken, – ich bin wieder da!“

Er fuhr hoch … Seine Augen waren nicht mehr so gräßlich verschwollen, und auch sein Gesicht wirkte nicht mehr so abschreckend.

„Ah – Sie, El Gento …!! Gratuliere! Coy war in größter Sorge um Sie …“

Er hatte die Augenlider halb offen. Was dahinter schimmerte, war tot, milchig. Unmöglich: der Ärmste konnte uns in dem einen Punkt niemals beschwindelt haben. Er war blind. Mit solchen Pupillen kann niemand sehen!

Und doch …! Coys Beweise waren Grund genug für mich, Braanken gegenüber die Methode der Überrumpelung anzuwenden.

„Coys Sorge war überflüssig,“ erklärte ich harmlos. „Ich fand Schutz in einer Ufergrotte, die mir sehr interessant wurde. Es stehen dort nämlich[12] zwei Kisten mit zwei Gläsern …“

Ich beobachtete ihn. Nein, ich belauerte sein Gesicht …

Aber ich sah darin nur den Ausdruck, den jedes Unbeteiligten Antlitz gehabt hätte: aufmerksame Spannung!

[55] „Gläser?“ meinte er. „Ferngläser?“

„Nein, Glasgefäße, gefüllt mit Spiritus, nehme ich an. In der klaren Flüssigkeit schwimmen zwei Menschenköpfe …“

„Sie scherzen wohl …!“

„Ich habe wenig Sinn für Humor, Braanken. Diese Ader wurde mir im Zuchthaus abgebunden. Außerdem entdeckte ich in der Felsenhöhle noch Ihr gestohlenes Eigentum, – das heißt, das Geld und der Orden gehört Ihnen ja nicht …“

„Oh – wirklich?! Das Bild meiner Frau?! – Bitte, führen Sie mich dorthin – – bitte … Sie können sich denken, wie unendlich dankbar ich Ihnen bin, weil ich … “

Coys Geduldsfaden riß.

Er schrie Braanken ins Gesicht …

„Sie lügen – lügen!! Alles Lüge! Wir Bescheid wissen …!“

Braanken stand auf … Seine Lider klafften noch weiter. Die roten Augen hatten die Richtung auf Coy. Seine Züge blieben unbewegt. Nur ein Schatten tiefen Leides lag darüber.

„Du solltest deine Worte vorsichtiger wählen, Coy Cala!“ – Und zu mir: „Er mißtraut mir. Weshalb, El Gento? Seien Sie offen …“

Diese Ruhe war, wenn erheuchelt, die Leistung eines perfekten Komödianten.

„Ich will es sein, Braanken … Das, was Sie mir über Ihre Flucht, Ihre Bestrafung und …“

Coys Temperament beschleunigte die Entscheidung. Coy brüllte wütend:

„Sie lügen …! Sie schon einmal hier waren – vor halbe Jahr … Damals Coy und Chubur Sie trafen in Dickicht … Coy haben gute Augen [56] für Gesichter … Sie es waren … Sie hatten Fleck an Stirn und Brust und Bocksattel wie spanische Sennoritas. – He – was nun sagen?! Wenn sagen, Coy Cala Lügner sein, dann Coy werden noch fragen Chubur. He – wie nun?!“

Peter van Braanken blieb unverändert gleichmütig. „Ich bin es nicht gewöhnt, Coy,“ erwiderte er leicht von oben herab, „daß ein Farbiger in diesem Tone mit mir verkehrt. – El Gento, unsere Wege trennen sich wieder. Ich fühle auch Ihr Mißtrauen gegen meine Person. Möglich, daß ich mancherlei zu verbergen habe. Das ist meine Sache. Nur noch eine Bitte: Bringen Sie mich zu jener Höhle in der Regenschlucht. Geben Sie mir auch das Pferd des Tehuelchen. Dann werde ich es Ihnen danken, daß Sie sich meiner angenommen hatten, noch mehr danken, wenn Sie mich meinem Schicksal überlassen und sich nicht weiter um mich kümmern. Sie erklärten mir gelegentlich, daß Ihre Wege nicht die der großen Menge sind. Nun – auch ich wandere abseits vom Alltag, glauben Sie es mir, und noch weit mehr als Sie. Ich habe das Augenlicht verloren – eine Strafe! Und doch hänge ich am Leben, aber nicht aus Feigheit vor dem leichten letzten Schritt, vor dem Druck auf den Abzug einer Pistole. Bitte, erfüllen Sie mir, was ich verlange. Es ist wahrlich nicht viel.“

Ein nicht leichter Entschluß für mich, wie ich mich in diesem Falle verhalten sollte: Hatte ich ein Recht oder eine Pflicht, mich in Braankens persönliche Angelegenheiten einzumischen?! Ja – wenn wir hier in einem Lande gelebt hätten, wo das Tun und Lassen jedes Einzelnen nach sauber in Pharagraphen zusammengestellten Vorschriften [57] und Verboten (Strafgesetzbuch, Strafprozeßordnung, Ausführungsbestimmungen zu beiden – und so weiter!) beurteilt oder verurteilt wird – wie daheim in Schweden, wo man mich auf den glatten Meineid eines Weibes hin für zwei Jahre in Freikost und Freiquartier hatte stecken wollen, – – ja, wenn …!! Aber hier in dem äußersten Südwestwinkel Patagoniens, der dem Namen nach freilich zu Chile und vielleicht zweihundert Kilometer nach Osten zu schon – auch dem Namen nach – zu Argentinien gehört, – hier, wo man zwei, drei Tage reiten konnte, ohne auch nur eine Menschenseele zu Gesicht zu bekommen, geschweige denn einen Soldaten, Polizeibeamten, Richter, Staatsanwalt oder Advokaten, – nein, hier galt anderes Gesetz, anderes Recht: das der eigenen, freien Persönlichkeit, und das ließ sich in zwei Sätzen zusammendrängen: Tu, was du willst, und halte deine Pistole bereit.

„Kommen Sie,“ sagte ich zu Braanken, der vielleicht gar nicht so hieß, denn die Papiere konnte er sehr wohl gestohlen haben. Ich sagte es weder unfreundlich, noch irgendwie herzlich nein, mehr geschäftsmäßig …

Ich nahm ihn bei der Hand.

„Coy, du führst den Tehuelchen-Gaul …!“

Coy gehorchte mit einem Gesicht, das mir nicht gefiel.

So wanderte ich mit dem Blinden durch die mit Sandwehen bedeckte Steppe. Es war ein heißer Vormittag. Die Sonne meinte es fast zu gut. Die Luft war dabei so klar, daß man an heimische Herbsttage erinnert wurde. Bald erreichten wir den deutlich erkennbaren Strich – die Heerstraße der Mäusearmee. Die zahllosen kleinen Füßchen hatten [58] den Sandboden mit krausen Rillen versehen, und blutige Überreste von Opfern der Mäusevertilger gaben dieser breiten Bahn ein häßlich getupftes Aussehen. Dann die Regenschlucht, die Felsen oben am Westrande, die Spalte, die in das Granitloch hinablief, und unten in der Schlucht die Berge zusammengetürmten feinsten Sandes. Dort unten hatte auch mein braver Fuchs sein Grab gefunden, dort hätte ich ebenfalls ersticken müssen, wenn ich nicht mit dem Kopf in die Grotte gestolpert, gefallen wäre …

„Hier stehen Sie dicht vor der Kluft, durch die ich nach oben kletterte,“ sagte ich zu Braanken. „Ich werde Ihre Sachen holen … Coy wird den Gaul hier neben Ihnen anbinden. Ist es Ihnen so recht?“

„Ich danke Ihnen …“

Er tastete mit seinem Stecken nach einem Stein und setzte sich.

Coy band den Lasso des Pferdes um einen anderen Stein, folgte mir dann in die Tiefe.

Das Feuer, das ich vor gut zwei Stunden hier angezündet hatte, glühte noch. Coy warf Äste hinauf, blies in die Glut, und die Flammen schlugen hoch …

Mein brauner Freund beachtete die beiden Holzkisten nicht weiter, nahm einen brennenden Scheit, kniete nieder und untersuchte den Boden.

„Was soll das, Coy?!“

„Mister Olaf Karl, – – hier …!!“

Ich sah nichts, nur kahles Gestein …

Coy lachte leise, unverschämt!

„Schlechte Augen … Was dies sein?!“

Er zeigte mit dem schmierigen Zeigefinger auf ein kleines dunkles Etwas …

[59] Es war ein Schuhnagel. Und Braankens derbe Schuhe hatten genagelte Sohlen.

Coy lachte wieder. „Nun Coy alles sagen, Mistre … Als Sandsturm kam, als Coy in Sandwolke dahinjagte und an Lagerplatz kam, waren Braanken nicht da … Nicht gleich … Kamen erst später … Waren hier, der Mann … Kennen Pampas genau, kennen Sandsturm, alles. Waren ganz voller Sand, als kamen, Mistre. Verstehen das?!“

„Ja … Du meinst, er …“

„… er sein Besitzer von Menschenköpfe … Er schlimmer Mensch … Nicht gut sein, ihn zu lassen allein … Woher Köpfe, he?! Woher so starke Mann, daß durch Sandsturm zu Lager zurückfinden?! He?!“

Starker Mann – – er hatte recht! Dieser Braanken steckte wohl selbst meinen Coy in die Tasche!! Und blind?! Wirklich blind?!

„Wir werden ihn beobachten, Coy,“ entschied ich mich mit raschem Entschluß.

„Gut sein das, sehr gut … Große Geheimnis hier, Mistre … sehr große …“

„Ein Geheimnis ähnlich dem deinen, Coy!“ benutzte ich die Gelegenheit zu einem überraschenden Vorstoß. „Weißt du, was ich glaube, mein lieber Coy … Daß du mit dem einstigen König von Araukanien Tounens irgendwie verwandt bist, daß …“

Coy drehte sich kurz um …

„Gehen nach oben, Mistre … Coy nicht reden über Dinge, die tot …“ Barsch und grob war diese Abweisung. Und doch: Coy hatte nichts geleugnet, nur jede Auskunft verweigert. Ich würde schon noch die Wahrheit erfahren.

[60] Coy kroch voran. In dem Riß des Gesteins aber war keine Spur mehr von der Satteltasche vorhanden – leer!

Und oben im Freien: kein Braanken, ganz wie ich vermutet hatte!

In weiter Ferne ein nach Osten zu davongaloppierender Reiter: Braanken!

„Sehr schlau!!“ höhnte Coy. „Wir Dummköpfe aber, Mistre, wir …!! Zu großer Vorsprung, den er hat. Bis wir bei Lager sind und Pferd satteln, längst weg … Auch nur ein Pferd wir … Sehr schlau!“

Ich starrte nach links, wo eine glatte Sandfläche wie eine Riesentafel sich hinzog – Schreibtafel …!

In den Sand war mit einem Stock hineingeschrieben:

„El Gento, ich rettete Ihnen das Leben, ich zog Sie unter dem toten Tiere hervor und in die Höhle hinein. Seien Sie dankbar!
Braanken.“

Mein Leben als Weltentramp, als Vagabund des Erdenrunds, hat mir mancherlei merkwürdige Nachrichten beschert. Nie wieder eine derartige – in den Sand hineingemalt in lateinischen unregelmäßigen Buchstaben, denen deutlich anzusehen war, daß jemand, der lediglich nach dem Gefühl schreibt, diese Mitteilung dem Sande anvertraut hatte. – Braanken war blind … Daß er auf dem Tehu-Gaule entflohen, besagte nichts, denn ein Pampaspferd, dem man die Zügel frei gibt, wird jedes Hindernis zu meiden wissen.

Coy fragte leise:

„Wie heißen das, Mistre?“

[61] Ich gab ihm den Wortlaut wieder und fügte hinzu:

„Was würdest du tun, lieber Coy? Würdest du Braanken verfolgen? Ich zweifele nicht daran, daß er mir das Leben gerettet hat … Und meinem Gefühl widerstrebt es jetzt, ihm seine Bitte …“

Coy hatte den Arm gehoben …

„Mistre, Mann dort ein Mörder vielleicht sein … Erst Coy Köpfe zeigen … Mistre sagen, sein von Weißen … Erst sehen …!!“

Also wieder hinab in die Grotte … Neue Äste auf das Feuer. Ich holte das erste Glas hervor … Der Flammenschein umspielte die fahlen Züge des jungen blonden Menschen …

Neben mir ein grunzender Ton …

Ich schaue Coy an. Seine Züge waren versteinertes Entsetzen …

„Coy!!“

Wieder holte er tief Atem. „Mistre, das sein ganz bestimmt Sohn von reiche Sennor Manuel Mastilo, dem gehören große Schaffarm drüben am Gallegos-Fluß … Sennor Mastilo suchen Sohn und Tochter seit viele Monate … Jeder hier das wissen, weil großes Geld für Wiederfinden. – Kinder von Sennor waren geritten mit zwei Diener auf Pumajagd … Nicht zurückkehren … Nun hier finden Kopf von jungen Sennor. Schnell, anderen Kopf zeigen …“

Seine starre Ruhe war einer ungewöhnlichen Erregung gewichen …

Ich nahm das zweite Glasgefäß empor.

Coy fauchte vor Aufregung …

„Oh – – Sennorita Maria!! Coy nun werden zu Farm reiten … Mistre mitkommen.“

[62] Ich war wie vor den Kopf geschlagen …

Coy stellte die Glasgefäße in die Kisten zurück, nagelte die Deckel auf und meinte wieder in seiner überhebenden Art:

„Natürlich Kisten gut verstecken, denn Braanken werden kommen und wollen holen … Schnell, Mistre … Lange Ritt bis Farm …“

In meinen Adern war Fieber …

Wir mußten Braanken fangen … Coy hatte recht. Und die Leute der Farm würden uns helfen. Nur eins gefiel mir nicht: Mochte Coy allein Hilfe und ein Pferd für mich herbeiholen. Ich wollte hier als Beobachter zurückbleiben. Vielleicht kehrte Braanken wirklich zurück. Dann hatte ich ihn fest, und er würde mir Rede und Antwort stehen müssen.




6. Kapitel.
Pampasnächte.

Die Steppe lebte auf. Die Nacht kam. Und mit ihr das Getier der Pampas.

Die bleiche Mondsichel, der Heer der Sterne, der Reflex des Sandes: es war hell genug, jegliches zu betrachten, das sich in meine Nähe wagte. Da kam ein Gürteltier von der großen Art mit dem charakteristischen leisen matten Klappern bei jeder Bewegung. Aber es witterte mich, hob windend die Schnauze – kehrt, weg. Da kam ein alter Einsiedler von Pampasstrauß, ein Nandu mit gelben Füßen: Altersschnee! Mit ruckartigem Kopfsenken bohrte er den Schnabel in den Sand. [63] Aber auch er hatte eine zu feine Nase, obwohl man den Vögeln zumeist den Geruchssinn abspricht. Sehen konnte er mich unmöglich. Denn mein Sanddiwan inmitten eines halb verwehten Dornendickichts dreißig Meter vom Westrande jener Schlucht entfernt, war von allzu dichten stachligen Vorhängen umgeben.

Köstliche Nacht … Eine von vielen … Köstlich dieses Genießen der unberührten Natur mit ihren kleinen und großen Geheimnissen. Die Luft so rein, so merklich geschwängert mit dem Salzhauch des Pazifik trotz der trennenden Andenkette. Und droben, wo der Berge dunkle Konturen kühn in das Firmament hineingriffen, wo die Schneegefilde und Gletscher im Mondlicht bläulich-weiß schimmerten, – droben über dem Kordillerenkamm hing eine einzelne lichte Wolke wie eine Zauberinsel im Meer der Unendlichkeit. Sie zog langsam gen Osten, den Atlantischen Ozean zu begrüßen, änderte ihre Gestalt, reckte sich länger, reichte der Mondsichel eine ausgestreckte Hand …

Ich habe viele Nächte durchwacht, nur weil ich sie genießen wollte … Mit kindlich reinem Herzen, mit der echten Freude des Naturschwärmers … In den Bergen Sumatras schaukelte meine Hängematte im Schatten ungeheurer Urwaldriesen, und fliegende Hunde schwebten über mir von Ast zu Ast, machten Jagd auf herrlich glühende daumengroße Leuchtkäfer … In den nordischen Wäldern meiner Heimat sah ich das Nordlicht aufflammen, sah hungernde Renntierherden mit wunden Läufen durch hartkrustigen Schnee stampfen, und das Klappern ihrer Schalen war [64] wie das Lärmen der Holztrommeln der Banti-Neger im tiefsten Sudan …

Viele Nächte, viel Erleben …

Wenn ich sie alle beschreiben wollte mit ihren heimlichen Reizen, – ich könnte Coy dann jede Woche davonhetzen zu unserer „Großstadt“, wo es Papier und Tinte einzutauschen gibt gegen Robbenfelle, Hirschhäute und Pampaskatzenbälge.

Coy … Mein lieber schmieriger Coy mit dem merkwürdig europäischen Profil.

Coy war nun bereits volle zehn Stunden unterwegs zur Schaffarm am Gallegos. In vierzehn Stunden hoffte er dort zu sein. Und ich hatte gehofft, daß Braanken kommen würde. Er kam nicht …

Ein kleines Rudel Hirsche zog vorüber, nordwärts in die Täler der Andenausläufer, wo im Schatten der Koniferen das grüne Gras wucherte. Wir wußten es: am Tage blieben die Hirsche in der Steppe, fühlten sich auf freiem Gelände sicherer.

Meine Wolkeninsel hatte sich aufgelöst … Als ob die Mondsichel sie zerschnitten hätte. Genau wie ich vorhin eine zwei Meter lange Klapperschlange mit meinem Messer belehrt hatte, daß ich auf ihre giftige Gesellschaft keinen Wert lege. Coy Cala hatte es mich gelehrt, dieses kriechende Gewürm, das nur nachts sich aus Sandlöchern und Felsritzen hervorwagt und auf Mäusejagd ausgeht, mit einem Messerwurf zu teilen: Kopf ab! Das will gelernt sein. Aber ich verstehe es nun, und ich übe täglich. Gelegenheit findet sich immer. Das Messer muß nicht mit der Spitze, sondern mit der Schneide dicht hinter dem Kopf [65] treffen, wirkt so halb als Säge, und wer die nötige Kraft hat, erlebt die Freude, den Leib des Reptils[13] sich ohne Kopf hin und her schnellen zu sehen … Übrigens sind die Klapperschlangen hier so tief im Süden die einzigen „Giftmischer“ außer der Latrodektes Terrifilis, der Giftspinne, und der gefährlichen Chapo-Ameise. – Da ich diese meine Erinnerungen niederschreibe, wie nur gerade der Schnabel gewachsen ist (das heißt also: die wechselnde Stimmung meiner „Arbeitsstunden“ wird sich wohl in Form und Ausdruck des Niedergeschriebenen widerspiegeln), will ich hier getrost noch eine Bemerkung über die Chapo-Ameise einstreuen. Freund Coy hatte mir mal aus Skyring (und das ist die „Großstadt“ für uns) ein Buch mitgebracht, einen zerfetzten Schmöker, dem die ersten Seiten fehlten und den der „Warenhaus“-Besitzer dort zum Waren einwickeln benutzt hatte. Dieses dicke Werk über Südchile, insbesondere über die zahllosen deutschen Ansiedlungen hatte einen deutschen Farmer Erwin Winter zum Verfasser. Winter schreibt in dem Buche, das 1899 in Valdivia erschienen war, daß die Chapo-Ameise auch ruhendes Wild überfällt und mit Vorliebe sich in den Augenwinkeln festsetzt und dort eitrige Entzündungen hervorruft, die leicht zur Erblindung führen. Coy und ich können dies von unseren Jagdausflügen her bestätigen, denn wir haben viermal in Hirschrudeln blinde Tiere festgestellt, die von den übrigen bei der Flucht fürsorglich in die Mitte genommen wurden. Für den Tierfreund ist dies vielleicht recht interessant. Das Kameradschaftsgefühl der Tiere lernte ich auch früher schon kennen. Renntiere, die sich einen Hinterlauf gebrochen hatten, wurden von [66] zwei anderen geradezu gestützt. Ich habe auch dies persönlich beobachtet. –

Je mehr sich die Zeit nach Mitternacht zu vorschob, desto mehr gab es zu sehen und zu bewundern. Wildhunde, zumeist zu etwa einem Dutzend, tauchten auf und wühlten das Gescheide des Hirsches aus dem Sande, den ich bei Anbruch der Dunkelheit geschossen hatte und dessen Keulen in der heißen Asche rasch gar geworden waren. Ich hatte das Feuer dann wieder ausgelöscht. Der Flammenschein hätte meine Anwesenheit verraten. – Sehr spaßig war eine Gürteltierfamilie mit zwei Jungen. Diese Jungtiere waren noch nicht so weit erzogen, daß sie meine Witterung als gefahrdrohend erkannten. Sie kamen in mein Versteck hineingekrochen, und rührend war das erregte warnende Grunzen und Locken der ängstlichen Eltern draußen vor den Dornen. Ich jagte die possierlichen Panzertierchen denn auch mit einem Stock davon.

Zwischenein irrten meine Gedanken unwillkürlich in die jüngste Vergangenheit mit ihrer Folge rätselhafter Ereignisse zurück. Zu einer alltäglichen Pumajagd waren Coy und ich aufgebrochen, und aus dieser Jagd war eine andere geworden: menschliches Wild: Braanken! – war auch noch etwas emporgewachsen: die Frage nach der Abkunft meines Freundes Coy und nach den Ursachen der einstigen Abwanderung des nun an der Gallegos-Bucht hausenden Trupps Araukaner. Ganz besonders interessierte mich der Orden aus Silber mit dem verschossenen, brüchigen Seidenband, obwohl ich sonst für Orden und ähnliche Zier an Männerbrüsten verdammt wenig übrig habe. Da sind meine araukanischen Freunde doch praktischer. [67] Was sie sich an Lederstrippen um den Hals hängen oder an Schlaufen auf dem Rocke befestigen, – alles nur nützliche Dinge, die nichts Theatralisch-Weibisches an sich haben: Tabakpfeifen, Patronen, kleine Schnitzmesser und – wenn’s hoch kommt – Pumazähne.

Ja – – der Orden König Tounens I. …! Wie war Braanken dazu gekommen?!

Und weiter – eine unheimliche Frage: war Braanken der Mörder der Kinder des reichen Chilenen, bei dem er angeblich in Valdivia Buchhalter gewesen?! – Nein, – sagte mir eine innere Stimme. Den Eindruck eines feigen Mordbuben hatte Braanken auf mich wahrhaftig nicht gemacht.

Ich war ins Grübeln geraten.

Braanken hatte mir das Leben gerettet, hatte mich in die Grotte hineingezogen, hatte mich vor dem Ersticken bewahrt, wußte, daß ich freikommen und dann die Kisten sehen und untersuchen würde. Hätte ein Mensch mit schlechtem Gewissen, was die Köpfe betraf, so gehandelt?!

Hallo, – – die Wildhunde flüchteten ja … Und wie!!! Als ob der Satan hinter ihnen her wäre.

Und dort die kleine Nanduherde – auch auf und davon …

Höchste Zeit, daß ich hier nicht nutzlosen Vermutungen nachhing! Draußen in der Steppe war irgend etwas nicht sauber.

Ich duckte mich tiefer. Die Lücken in den Dornen boten genügend Aussicht. Die Nacht war noch heller geworden. Ich nahm meine Sniders und mein Fernglas und kauerte mich vor der größten Öffnung der Rankenvorhänge nieder.

[68] Dort – nach Westen flüchtende Nandus, ein noch größerer Trupp, gut zwanzig Stück. Wie sie die Beine warfen, wie der Sand hinter ihnen her stiebte!

Ich stellte das Glas ein, musterte jeden Hügel, jede flache Bodenwelle, jede Sandwehe.

Nichts …

Ich ließ nicht nach in meiner Wachsamkeit. Ich ahnte, daß Braanken – vielleicht mit einigen Tehus – in der Nähe.

Ich prüfte auch die anderen Richtungen.

Nichts Verdächtiges. Ich selbst war hier in den Dornen sicher. Ich hatte neun Schuß in der Repetierbüchse, weitere neun in der Mauserpistole. Und vorbeischießen?! Ach nein, das gab’s nicht mehr …

Eine halbe Stunde verging. Keinerlei Getier mehr ringsum. Bestimmt war hier etwas nicht in Ordnung. Und doch keine Menschenseele – nichts … Nur ich, Olaf Karl Abelsen, und neben mir der noch immer zuckende Leib der Klapperschlange und der abgetrennte Giftkopf. Ich hätte die Schlange wegwerfen können. Aber für eine gute Haut zahlte der Kaufhausbesitzer zehn leidliche Zigarren. Man muß Rechner sein, selbst abseits der Kultur.

Wieder eine halbe Stunde. Meine Uhr zeigte halb eins. Und immer noch die große Leere ringsum … Sonderbar!

Nochmals benutzte ich das Fernglas.

Da – jenseits der Schlucht eine Gestalt – ein Reiter …

Nein – die Reiterin, dieselbe wie gestern nacht – – die Fremde …

Ihr Pferd tänzelte auf einem Fleck hin und [69] her, machte dann ein paar Sätze vorwärts … Stand wieder still …

Das Mondlicht wurde noch klarer …

Die Reiterin winkte, schwang die Büchse … Und ich erhob mich rasch, winkte zurück …

Sie galoppierte auf die Schlucht zu … Hielt wieder … Winkte … Deutete in das Regental hinab, warf ihren Gaul herum und jagte davon, verschwand in einer Bodensenkung.

Und ich – unbegreifliche Begriffsstutzigkeit von mir! – nahm wieder Deckung, wartete weiter. Später habe ich eingesehen, daß nur meine lange Bewußtlosigkeit als Halbverschütteter daran schuld gewesen sein konnte, daß ich das Benehmen der Fremden so vollkommen falsch einschätzte – oder besser: gar nicht irgendwie zu meiner eigenen Nachtwache hier in Beziehung brachte.

Da abermals die Reiterin …

Und was hatte Coy doch gesagt, als ich ihm meine flüchtige Begegnung mit ihr im Sandsturm geschildert hatte … „Mistre Karl Olaf, sein vielleicht Braankens Frau … Sie leben, die Frau … Sein das beste Erklärung …“

Unsinn natürlich! Braankens Frau?! Die Pampas hier waren nicht der Ort für Kino-Schmachtstücke. Unsinn!

Und doch – wer war’s?! Wer?!

Oh – die Wildhunde schlichen wieder herbei. Näher kamen sie. Die buschigen Ruten schleiften über den Sand, und die eingedrückten Hinterleiber duckten sich noch mehr zusammen. Sie witterten mich natürlich, die kläglichen Viecher, die ihren Pelz durch beständiges Scheuern an Felskanten völlig unbrauchbar machen. Wer Flöhe hat, kratzt [70] sich. Und diese Pampashunde, Spielart des nordamerikanischen Coyoten, haben nicht nur Flöhe, sondern auch Läuse …

Knurrend, fauchend stritten sie sich um die Eingeweide, zerrten die Därme wie Stricke lang.

Ekelhaft …

Nur ein einzelnes Tier saß abseits und rieb sich hin und wieder mit den Vorderpfoten die Augen. Es war abschreckend mager, und sein Fell wies große kahle Stellen auf. Ich hatte bald heraus: Das Tier war blind – blind!

Ich nahm mein Messer, Coys Geschenk. Der Griff aus Walfischknochen, fein geschnitzt. Oben ein Knopf aus Kupfer – eine breitgehämmerte Münze. Die Klinge zweiundvierzig Zentimeter lang, Stahl von einer erbeuteten Walharpune. Eine furchtbare Waffe, haarscharf. Und meines Wurfes war ich sicher. Die dreißig Meter bis zu dem blinden Wildhund spielten keine Rolle. Er saß jetzt ganz still. Ich erhob mich langsam, die Messerspitze zwischen Daumen und Zeigefinger. Eine schnelle kreisende Armbewegung …

Das Messer flog, sauste … fuhr dem blinden Tiere zwischen die Rippen, warf es nieder, und sein heulendes, rasch ersterbendes Todeswinseln jagte die anderen davon.

Mordlust, Vernichtungstrieb bei mir?! Nein!! Erbarmen mit einer Kreatur, die dem allmählichen Verrecken verfallen.

Ich kroch ins Freie …

Der Wildhund war tot. Ich säuberte die Klinge im Sande, und mein Blick schweifte nach Osten …

Punkte fern im Mondlicht, eilende Punkte …

Reiter …

[71] Glas an die Augen …

Acht Mann – davongaloppierend, rasch verschwindend …

Woher kamen sie?!

Und mein sinnender Blick fällt nach rechts auf den dunklen breiten Strich der halb mit Sand gefüllten Regenschlucht.

Ich springe auf. Die Schlucht, das leere Flußbett, beschreibt einen großen Halbkreis nach Osten. Ich renne zu den Felsen, zum Abhang, schaue hinunter …

Oh ich Narr!! Wie wird Coy wieder sein Gesicht verziehen!! Wie überlegen wird er grinsen!

Dort unten haben Männerarme und Spaten gearbeitet … Ich brauche eigentlich gar nicht mehr hinabzuklettern. Ich weiß, was ich finden und was ich nicht finden werde. Finden werde ich den freigelegten Eingang des Felsloches, denn – denn dort liegt ja mein armer Gaul, halb von der Sandlast befreit. Dort – werde ich die beiden Kisten nicht mehr finden.

Trotzdem klettere ich, springe, rutsche, zerschinde mir die Hände …

Natürlich, die Kisten sind weg.

Olaf Karl Abelsen, du hast noch verdammt viel hinzuzulernen. Coy wäre dieser Reinfall nie passiert. Coy hätte sofort Bescheid gewußt. Freund Coy hat ja auch zum Glück weder Tief- noch Hochbau noch Ingenieurfach studiert, hat nur die freie Natur und seinen Vater und seine Stammesgenossen als Lehrer gehabt … Er weiß nichts vom pythagoräischen Lehrsatz, nichts[14] von Logarithmen, nichts von den Gesetzen der Statik und so weiter. Und wenn er auch nur mühsam Gedrucktes zusammenbuchstabieren kann: er belächelt [72] mich, die ganze treffliche Zivilisation! Hier in diesem Weltwinkel ist er der Meister und ich der Schüler, der Lehrling … –

Ich stehe mit brennendem Scheit in der Höhle. Hinter mir draußen liegt mein treuer Fuchs … Vor mir auf einer Felsnase liegt auch etwas … Es glitzert im roten Flackerschein der Fackel … Es ist der Orden.

Braanken hat ihn hier deponiert. Vielleicht für Coy … Vielleicht weiß Braanken mehr über Coys Abstammung als ich. Der blinde Peter van Braanken … Blind?!

Blind?! Soll ich mir auch darüber noch den Kopf zerbrechen?! Ich habe hier eine Schlappe erlitten, ich kann mich getrost niederlegen und schlafen und auf meinen welken Lorbeeren ausruhen …

Ich lege mich nieder, nachdem ich ein großes Feuer angezündet habe … Ich liege auf dem Pumafell, dessen Innenseite Coy bereits sauber abgekratzt und mit Natron und Darmfett eingerieben hat. Über mir blinzeln höhnisch die Sterne …

Olaf, du hast dich blamiert! Wenn ihr nun die Spur Braankens und seiner Tehus verliert, dann ist dieses Abenteuer aus …

Dann wird man El Gento in der Siedlung an der Gallegos-Bucht mit Blicken mustern, die wie Rutenhiebe sein werden.

Eine ganz verfluchte Geschichte ist’s!

Ich schlafe ein.

Und das war meine damalige Nacht in der Pampas am Huar-Berge.




[73]
7. Kapitel.
Chubur erzählt.

Wetterecke hier unten. Nicht ganz so schlimm als tausend Kilometer noch weiter südlich an der Magelhaensstraße. Immer noch schlimm genug, sage ich. Und ich kenne das aus Erfahrung.

Wetterecke … Man frage die geologische Expedition, die 1922 den Adelaide-Archipel durchforscht hat, – was man so durchforschen nennt. Denn Hunderte von Inseln, die östlichsten vor der Gallegos-Bucht: eine solche wissenschaftliche Expedition müßte Jahre arbeiten, wollte sie genau sein, sorgfältig. Nun, jene Herren aus Valparaiso mit ihrem tadellosen chilenischen Regierungsdampfer haben gerade noch das nackte Leben gerettet. Im Alpha-Sund kam der Orkan in zehn Minuten, warf den Dampfer auf ein Riff, brach ihn mitten auseinander, und zwei Wochen haben die zehn Überlebenden Robinson gespielt und Möveneier und Robben gefressen, bis Freund Chubur, der Einäugige, sie zufällig auf dem Inselchen fand.

Wetterecke …

Der Himmel war ein harmloser, reiner, strahlender Engel, als ich auf meinen welken Lorbeeren und dem wertvolleren Pumafell mich ausstreckte.

Der Himmel war ein spuckender, tobender Wüterich, als mich urplötzlich ein Platzregen weckte, dazu Sturm, Gewitter, Blitze, – dann Hagel, etwas Schnee, wieder Regen …

Ich floh hinab in die Höhle. Vom Uferrande [74] warf ich die Sachen hinab, die einen Fall vertrugen: Sattel, Zaumzeug (die ich vorhin meinem Pferde abgenommen), Pumafell, Satteltaschen, Decken, Klapperschlange …

Alles in höchster Eile. Denn der Regen war eisig kalt. Und doch war ich trotz meiner Lederkluft ziemlich durchweicht, als ich nun in dem Felsloch am Feuer hockte. Draußen das trübe Licht eines Tages, der jegliche Hoffnung, die Tehus verfolgen zu können, zunichte machte. Diese herabprasselnden Wassermassen würden jede Fährte wegschwemmen, würden auch die Sandwehen des Orkans wieder austilgen und der Steppe wieder für einige Zeit Feuchtigkeit genug geben, um den fahlen Gräsern einen grünen Schimmer zu verleihen.

Es goß ohne Unterlaß. Ich hatte eine der Hirschkeulen am zugespitzten Ast über die Glut gehalten, um das bereits gare Fleisch nicht kalt genießen zu müssen. Kaum hatte ich meinen Hunger dann gestillt und den Aluminiumnapf zum Teekochen an die Glut gerückt, als aus den Regenschleiern vor dem Eingang ein Reiter sich herauslöste: Coy!

Er führte ein zweites triefendes Pferd am Lasso mit sich, rief mir nur zu: „Feuer mehr zur Seite, Mistre … Platz für Pferde“ – und versorgte dann stumm und schnell die beiden Gäule, rieb sie trocken, gab ihnen zu fressen und meinte auf meine Frage hin, wo denn die Leute der Farm seien:

„Farm?! Weshalb Farm, wo jetzt Regen?! Regen von Osten kommen … Coy umkehren … Spuren weg …“

Meines Freundes Coy Cala mitunter recht [75] gedrängte Ausdrucksweise hier häufiger wortgetreu wiederzugeben, muß ich im Interesse derer, die vielleicht einmal auch dies gedruckt lesen, leider vermeiden. Ich sage leider, denn Coys lakonische Kürze ist an sich überaus treffend. In wenigen Worten hatte er soeben seine plötzliche Rückkehr hinlänglich begründet. Nur eins hatte ich an diesen Gründen auszusetzen: Weshalb hatte er so unvermittelt darauf verzichtet, auf Sennor Mastilos Farm den Fund der Köpfe der beiden Kinder des Chilenen zu melden, und zweitens: Wo hatte er das zweite Pferd her – und der Gaul war tadellos!

Coy hatte sich am Feuer niedergelassen und langte mit vorbildlicher Gemütsruhe nach der Hirschkeule, aß, trank Tee und starrte mit scharfen Falten auf der hohen, eckigen Stirn ins Feuer. Seinen zerlöcherten breitrandigen Filzhut, der offenbar mal vor Jahren einem Missionar das feiste Antlitz beschattet hatte, schob er ganz weit ins Genick. – Woran dachte er?

Ich saß neben ihm. Ich hatte meine letzte Zigarre angezündet. Draußen hagelte es, und die weißen Schlossen schlugen unbarmherzig auf den Kopf meines im Sande noch halb vergrabenen Fuchses herab, trafen die erloschenen Augen. Es tat mir weh. Monate hatte mir der brave Fuchs seine Kräfte geliehen, hatte mir Stunden, Tage reinster harmloser Freude auf endlosen Ritten geschenkt. Armes Tier!

„Coy, wo hast du das Pferd her?“ brach ich dann das ungemütlich werdende Schweigen.

„He – Mistre es nicht kennen?!“

„Kennen?“

[76] Ich schaute hin … Es war ein Rotfuchs mit Stirnblässe.

„Wie, Chuburs Gaul?“

„Ja. Chubur und Chico treffen bei große Gallegos-Biegung. Lagerten, drei Hirsche geschossen. Chubur gab für El Gento Pferd – gab natürlich. Nicht so nötig brauchen wie wir. Können anderes fangen. Farm viele Pferde.“

„Du wolltest doch auf der Farm den Fund der Köpfe melden …“

„Wollen viel, anders überlegen. Chubur nie viel reden. Wenn reden, gut sein. Er meinen, wenn melden Köpfe, nicht gut für El Gento. Verstehen – he?“

„Du denkst an meinen Steckbrief, Coy … Oder besser, Chubur dachte daran. Nun, hier in Patagonien hat solche eine Anzeige kaum irgendeine Wichtigkeit.“

„Irren, Mistre Karl Olaf, sehr irren … Viele wissen, daß Mistre wohnen bei Araukaner an Gallegos-Bucht. Wissen auch Namen von Mistre viele … zu viele. Und Sennor Mastilo leben in Valdivia, Valparaiso, Paris – – sehr reich sein, sehr klug, sehr stark und roh wie wilder Rinderhirt. – Verstehen …! Vorsichtig sein! Wenn Coy reiten nach Farm, Mastilo kommen sicher mit, sagen Chubur.“

„Ganz recht … – Das Charakterbild dieses Schafkönigs ist nicht gerade berauschend, mein lieber Coy. Roh wie ein wilder Rinderhirt – das ist hier gleichbedeutend mit Rowdy. Stimmt das wirklich? Mastilo ist doch …“ – ich wollte sagen … „ein gebildeter Mann …“ aber ich verschluckte es.

„Sennor Manuel Mastilo sein hier unten liebe [77] Gott,“ erklärte Coy achselzuckend. „Können tun, was wollen … Erschießen zwei, drei Knechte … Nachher Notwehr. Wo Zeugen?! – Sein jähzornig wie Klapperschlange … Sein schnell mit Pistole, schießen, treffen … Sein Mann!“

„Mann, der hierher paßt – vielleicht,“ nickte ich ihm zu.

Coy stierte in die Flammen, nahm seine Pfeife, öffnete den wasserdichten Tabaksbeutel und stopfte eine gehörige Menge des billigen Knasters in den Buchenkopf. Nach den ersten Zügen sagte er mit mäßiger Ironie:

„Also beide Kisten doch weg! – Mistre haben nicht gedacht, daß Braanken und Tehus dreckige kommen durch gebogene Regenschlucht. Nun Köpfe nicht da … Gut sein das. Was gehen Köpfe Mistre an?! Reiten nachher zu Chubur und Chico, Mistre, dann nach Hütten an Gallegos-Bucht. Dort vergessen alles.“

„Und die Belohnung, die dich so lockte?!“

Coy lachte. „Geld?! Nicht brauchen … Haben noch fünfzig Robbenfelle, haben Pumafell … Was Geld?! Leben bisher ruhig. Wozu anderes leben?!“

Im Grunde hatte er nicht ganz unrecht. Was ging mich Braanken an?! Was die Kinder eines Mannes, der vielleicht nur meinen Frieden störte?

„Wann wird der Regen aufhören, Coy?“

„Mittags. Dann immer Wind umspringen, wenn Gezeiten (Ebbe und Flut) wie jetzt. Schlafen – am besten sein …“

„Halt … Braanken hat dies hier zurückgelassen …“ Ich holte den Orden aus der Tasche hervor. Ich beobachtete Coy. Er hatte den Orden bisher nicht zu Gesicht bekommen.

[78] Er streckte die Hand danach aus. In seinen schwarzen Augen glomm ein stilles Feuer auf. Er drehte den Orden um, betrachtete die Rückseite, und seine Augen weiteten sich noch mehr. Wortlos schob er dann den silbernen Stern in die Innentasche seines Jagdwamses. Seine Züge veränderten sich allmählich. Etwas Verträumtes, fast Wehmütiges verdrängte alle Härte und brutale Energie und listige Schlauheit von diesem seltsam zuckenden Antlitz.

„Gehören mir …“ sagte er leise. „Coy ihn verloren haben vor halbe Jahr in Pampas – als Braanken trafen …“

„Du trugst ihn stets?“

Er tippte auf seine Brust …

„Tragen dort, wo Vater und Großvater ihn tragen … Nicht fragen mehr. Sein genug dies. Sein alles tot, Mistre Olaf Karl. Vergessen alles – am besten …“

Und er holte den Orden wieder hervor, löste die Hornknöpfe seines hochgeschlossenen Lederrockes, öffnete auch das dunkle Guanaco-Hemd und befestigte den Orden an einem dünnen Lederriemen, der ihm um den Hals hing.

Brauchte ich noch zu fragen, wer Coy war?

Er war ein Nachkomme jenes französischen Advokaten, der jahrelang, ein königlicher genialer Abenteurer, Chile bekämpfte und beinahe gesiegt hätte, wenn nicht das Weltenschicksal eingegriffen hätte: Krieg 70/71.

Coy schloß seinen Wams, nahm eine Decke und streckte sich neben dem Feuer aus. In kurzem war er eingeschlafen.

Und ich?! Schlafen?!

Millionen und Abermillionen von Menschen [79] wandern von Jugend zum Alter, sterben friedlich, erleben nichts – nichts, was ich Erleben nenne. Und ich?! Mir hat das Geschick das Glück der Abenteuer abseits vom Alltag beschert. Mir glüht das Blut in den frischen Adern auf, wenn ich an jene Nacht zurückdenke, die über meine Zukunft entschied …

Kein Alltagsweg: hinaus in die Freiheit auf zwei schwankenden Drähten einer Starkstromleitung … Und dann Kamerad Boche Boche … Der Magelhaens-Archipel, nachher Santa Ines und Joachim Näsler …

Und jetzt: der dritte – Peter van Braanken, der dritte, den mir der Zufall in den Weg geweht hatte … Der dritte Europäer, den der unnennbare Reiz des Geheimnisvollen umgab. Ein Mörder?! Blind?!

Meine Zigarre war ausgegangen. – Die Verfolgung aufgeben – niemals!! Braanken sollte Farbe bekennen! Und Angst vor diesem Mastilo – ich?! Angst?! Was hatte ich denn zu verlieren: das Leben! Gut – das Leben! Einmal mußte ich ohnedies dran glauben. Auch mein Pfad führt schließlich in den Orkus hinab!

Frei und glücklich fühlte ich mich, denn nur wer nicht weiß, was er will, ist unzufrieden und mit sich zerfallen.

Die schlechte Zigarre schmeckte vortrefflich. Und draußen lichtete sich die finstere Wolkendecke … In der Ferne schoß bereits eine breite Sonnenbahn durch einen Wolkenriß … Der Regen ließ nach. Ich sah nach der Uhr. Es war halb zwölf vormittags. Mein Barometer hatte nicht versagt. Coy sagt immer: „Das kennen …“ – Er kennt wirklich sehr viel, mehr als ich.

[80] Der Regen war vorüber. Der Wind kam von Süden, fuhr die Schlucht entlang, – – und mit rauschenden Fittichen ließen sich zwei Aasgeier, internationales Gesindel, auf den Kadaver meines toten Pferdes herab.

Den beiden folgten drei weitere. Ihre Gier machte sie unvorsichtig. Sie mußten mich sehen. Denn wohl kein Tier besitzt so scharfe Augen wie ein Aasgeier. Wie sollten sie sonst auch so schnell aus den endlosen Höhen des Himmels, wo sie wie dunkle Punkte hängen, plötzlich herabstoßen und krächzend die starken Schnäbel wie scharfe Beile gebrauchen?! Eine Pferdehaut im Augenblick aufzureißen, – – ich sah es jetzt. Und das meinem braven Fuchs!

Im Nu die Sniders …

Zwei Schüsse …

Krächzen, Flügelschlagen …

Coy war hochgefahren. „Mistre …!!“ Er sah die beiden toten Aasfresser. „Mistre, deshalb zwei Patronen?!“

Er gähnte, reckte sich …

Und so, wie er sich reckte, das war wie ein köstliches Spiel mit all seiner unverbrauchten Kraft … Das war Preisgabe seiner wundervollen ebenmäßigen Gestalt – eine Schaustellung ohne jede beabsichtigte Wirkung.

Draußen schien die Sonne, und der verglimmende Glanz unseres Feuers und das in die Höhle hineinfallende Tageslicht gaben Coy Calas Profil den matten Glanz von edelster Kupferbronze.

Ein Königsenkel!!

Tranduftend, unsauber, Naturmensch, – und doch: seine kecke Überlegenheit, sein rasches Auffassungsvermögen, seine Freude, sich reden zu [81] hören, – seine ganze Persönlichkeit, die sich durch Worte, auf Papier gebracht, kaum erschöpfen läßt, – das war eine glückliche Mischung normannischen und indianischen Blutes, – denn Tounens[15], der Advokat, war kein reinblütiger Franzose gewesen. Königsenkel in Robbenleder …! Und mir war’s, als schimmerte der Orden des ersten und einzigen Königs von Araukanien durch Hemd und Lederwams hindurch …

Jäher Stimmungswechsel …

Draußen das Trappeln von Pferdehufen …

Etwa Sennor Manuel Mastilo?!

Nein – das wäre Film gewesen. Das Leben arbeitet andere Szenen aus …

Zwei Reiter …

„Hallo – – Chubur – – Chico!!“

„Hallo, El Gento!“ Und der einäugige Chubur springt aus dem Sattel, preßt mir die Hand.

Die Freunde Coys, meine Freunde …

Chico, der Hagere, preßt meine Hand noch stärker …

„El Gento, – rasch mitkommen … Coy, satteln! Sennor Mastilo haben erwischt den Blinden und zehn dreckige Schweine von Tehuelchen … Schweine tot … Blinder fliehen mit den Tehu-Pferden … Dort …!“

Und er hebt den Arm, deutet nach Nordwesten, wo die Andengipfel weiß erstrahlen.

Chubur und Chico, deren Temperament weit geringer als das meines Coy ist, befinden sich in einer Aufregung, die nur durch eins zu erklären sein dürfte: sie müssen Augenzeugen von Szenen geworden sein, die das kriegerische Blut ihres großen Reitervolkes in heftigste Wallung versetzt haben!

[82] Und auch Coy ist dieses Drängen zur Eile, diese geradezu nervöse Hast der beiden Ankömmlinge zu übertrieben.

„Erzählen du erst,“ sagte er zu Chubur, dem Melancholiker, der heute wie ausgewechselt ist. „Und du schweigen, Chico, – du reden und reden und vergessen Hälfte …!!“

Chubur, dessen leere linke Augenhöhle mit einer Lederkappe bedeckt ist (das Auge verlor er durch Möven an der Westküste von Santa Ines, als ein Teufel in Menschengestalt ihn in dem verfaulenden Kadaver eines Wales festgebunden hatte – ihn und Chico, der freilich dabei nur ein beträchtliches Stück Kopfhaut einbüßte), – dieser kleine sehnige braune Kerl beginnt in demselben Kauderwelsch, das ich nun ebenfalls vollkommen als Umgangssprache der Bewohner dieser und noch südlicheren Gegenden beherrsche:

„Chubur Pferd geben für El Gento. Coy reiten weg mit Pferd. Wir anderes Pferd von Farm holen wollen. Treffen dreckigen Tehu an Waldrand. Tehu[16] sitzen und passen auf. Pferd an Baum. Wir Tehu binden, Knebel in Mund. Dann Schüsse weiter in Wald, wir laufen, sehen zwischen Steinen großen Kampf …“ Bisher sprach er mit erzwungener Ruhe. Nun schien ihn wieder der Blutdunst zu umwehen. Seine Blicke wurden glühend in Erinnerung dessen, was er geschaut hatte, seine Gestalt duckte sich zusammen, und seine Arme und Hände begleiteten die folgenden Worte mit eindruckvollsten Gesten. „Große Kampf sein … Waren da der Blinde und zehn dreckige Tehus … Waren da Sennor Mastilo mit vier Peons. Schossen, stachen, – – große [83] Kampf. Blinde Mister abseits bei Pferde stehen, nichts tun. Tehus sterben, Peons sterben. Sennor Mastilo wie Pumaweibchen, wenn Junge haben. Dann blinde Mister fliehen und drei Pferde. Auf eine Pferd zwei Kisten. Mastilo lassen Tote, Verwundete liegen und reiten hinter blinde Mister. Wir nehmen Tehu-Gaul, schneiden lebenden Tehu an Waldrand Fesseln durch, reiten auch – immer neben Mastilo weit weg, daß uns nicht sehen. Viel Regen, nichts schaden … Dann Sonne, dann hierher, sollen mitkommen El Gento und Coy. So sein …“

Diese knappe Darstellung genügte.

„Wieviel Vorsprung hatte der Blinde?“ frage ich nur noch.

„Viel … Gute Pferde … Pferde wechseln er können. Mastilo-Pferd müde … Gute Spuren … Werden finden …“

Auch mich hatte jetzt die Abenteuerlust in ihrer primitivsten, vielleicht natürlichsten Form gepackt. Es ging um Menschenleben … Auch ich witterte Blut … Und in uns allen steckt Bestie. Auch in dir, der du vielleicht geruhsam in der Sofaecke bei einer tadellosen Zigarre dir abends Ablenkung nach den Betrügereien und Gaunereien eines sogenannten arbeitsreichen Tages verschaffst, edler Großkaufmann oder Börsianer. –

Die Bestie Mensch meldete sich. Coy hatte schon mit dem Satteln begonnen.

„Bedeckt meinen toten Fuchs mit Steinen,“ befahl ich Chubur und Chico.

Sie nickten Beifall. Auch ihnen galt ein Pferd etwas. Sie waren Nachkommen eines freien Reitervolkes.

Dann brachen wir auf, genau um ein Uhr [84] mittags. Zwölf Stunden später sollte ich meine Sehnsucht, einmal den nie wegschmelzenden Firnschnee der Andengipfel kennen zu lernen, erfüllt sehen, freilich in anderer Art, als ich es mir je gedacht hatte.




8. Kapitel.
Bergan.

Als ich Knabe war und als ich noch eine Mutter hatte, die ich liebte und die mir mehr Freundin als Erzieherin gewesen, denn mein Vater – leider – war mehr unser Feind, ohne dabei ein schlechter Mensch zu sein, – als ich mit glühenden Wangen die aufregenden Erfindungen der unerschöpflichen Phantasie eines Karl May in meiner Heimatsprache las – verschlang, da hat meine Mutter mir oft mahnend erklärt, daß ich nie vergessen möge, daß die Wirklichkeit denn doch wohl anders sei als May’sche Indianer- und Abenteurerromantik. Meine Mutter dämpfte die Begeisterung für jene Phantasiehelden, und so hat mir jene Lektüre nie etwas geschadet. Und meine Mutter hatte recht mit allem: Das Leben spielt anders mit Menschenschicksalen, und niemand, der am Schreibtisch seine Geistesprodukte tippt, wird dieses Leben je erschöpfen können. Wie ärmlich nimmt sich zum Beispiel jeder Roman im Vergleich zu den lebensvollen Reisewerken meines berühmten Landsmannes Sven Hedin aus! In Romanen reden die Leute zumeist in Kantschen [85] tiefsinnigen oder in Nietzsches noch schwerer verständlicheren Sätzen, in den Romanen neueren Datums wird die Seelenanalyse bis zum Erbrechen gesteigert und dabei das Tempo des Geschehens dementsprechend gebremst. Man bietet dem „Volke“ literarische Kost, die diesem „Volke“ nichts zu sagen weiß. Man behauptet, dieses „Volkes“ Geschmack „emporerziehen“ zu wollen. Das Volk kauft keine Bücher, die ihm langweilig, die seinem natürlichen Empfinden die Unnatur verraten. Ich bin weiß Gott mit übergenug Leuten aus allen Berufsklassen zusammen gekommen. Sven Hedin – ja! – so sagen sie. Aber … – doch, ich mag hier keinen der amtlich abgestempelten modernen Geistesheroen verletzen. Will nur, um zum Ausgangspunkt dieser Sätze zurückzubiegen, nochmals erklären: das erlebte Leben ist anders als es sich in den Köpfen der Kulturförderer malt! Dieses Leben kenne ich. Ihr kennt es nicht, und selbst wenn ihr jährlich zum Wintersport reist oder im Frühjahr Ägypten besucht und über die Armseligkeit der Pyramiden im Vergleich zu modernen Wolkenkratzern heimlich die Nase rümpft! Es hilft euch alles nichts: Zieht mal einen nach Tran, Tabak, Schnaps und angetrocknetem Blut stinkenden Lederanzug an und wandert abseits der Heerstraße der Zivilisation, ganz abseits, beweist erst mal, ob ihr mit euren glänzend klingenden Phrasen auch nur einen Tag in der Einöde überdauert, ohne daß euch die Hosen schlottern. Es gibt solche Kerle, die aus Eigenem schöpfen … O ja! Es gibt Schriftsteller, die nicht eine Zeile schreiben, die nicht aus ureigenster Erfahrung hervorgeholt wird … Sie sind selten. Aber sie sind Männer … – Ich bin kein [86] Dichter von Beruf. Mein Schnabel redet bald so, bald so …

Und Coy redete auch. Coy hatte heute seinen lebhaften Tag, denn er hatte mich vollends geschlagen: Chubur und Chico hatten ja einmütig erklärt, daß Braanken unmöglich blind sein könne, hatten Beweise angeführt, hatten erwähnt, daß Peter van Braankens Flucht aus der leichenbesäten Lichtung nur einem sehenden Manne geglückt wäre – unter dem Kugelhagel Sennor Mastilos noch dazu, der hinter dem Flüchtling wie unsinnig dreingefeuert hatte.

Coy triumphierte. Er benutzte die gute Gelegenheit, auch mir wieder eins auszuwischen – mir, dem gebildeten Europäer. Wir hatten die deutliche Fährte Braankens und Mastilos sehr bald gefunden. Ihr zu folgen – kein Kunststück. Erst als wir die ersten Andenausläufer gegen vier Uhr erreichten, wurde die Sache schwieriger. Coy stieg an einer Stelle, wo der glatte Felsboden eines Tales jede Spur unsichtbar machte, aus dem Sattel. Er war mein Lehrer, kein angenehmer.

„Mistre Karl Olaf, – wo Fährte?“

Ich fand nichts. Die Fährte war wie weggezaubert. Selbst die berühmten „zermalmten“ Steinchen, die jede Indianergeschichte enthält, fehlten gänzlich. Der Granit der Anden ist häufig genug so glatt vom Winde gefegt, daß selbst ein Besen oder ein Staubsauger sich umsonst bemühen würde.

Coy grinste. Chubur und Chico hatten mehr Respekt vor mir und blickten zu Boden.

Ich fand nichts.

„Noch viel lernen müssen,“ meinte Coy gutmütig. [87] „Ja – ja, – Braanken blind!! – He, noch immer glauben?!“

„Du könntest getrost weniger anmaßend sein, mein lieber Coy!“

„Coy nur wollen, daß Freund Karl Olaf sehen alles … – Braanken hier Wolldecken auf Fels gelegt haben, so dort in Wald kommen!“ Er deutete auf die düsteren Nadelbäume der Talwand.

Nun hätten nach Karl May die allzeit notwendigen, am Gestein haften gebliebenen Wollflöckchen in die Erscheinung treten müssen.

Ach nein – nichts davon! Selbst der große Winnetou (wie habe ich die Rothaut als Junge verehrt!) war ein Stümper im Vergleich zu Coy Cala.

Coy sagte mild-überlegen: „Dreckige Tehus Wolldecken mit feinstem Darmfett von Steppenhuhn gegen Nässe einreiben … Braanken hatten Tehu-Decken …“

Nun – auch durch dies „duftige“ Rezept wurde ich nicht klüger. Wie sehr Tehu-Decken nach ranzigem Fett stanken, wußte ich schon.

Coy schaute mich vorwurfsvoll an. Wie ein Lehrer, der über die Begriffsstutzigkeit seines Schülers übel erstaunt ist. Dann zeigte er auf einen Fleck des grauschwarzen Gesteins. „Hier Fett … Huf genau abgezeichnet!“

Klägliche Europäeraugen! Ich schämte mich in meine schwarze Seele hinein. Was ich für eine Verfärbung des Granits gehalten, war ein ganz leichter fettiger Abdruck durch Huf und Decke.

Es stimmte.

Diese Verfärbungen liefen nach dem Walde [88] hin. Mastilo hatte sie ebenfalls richtig erkannt, denn nachher, als es an der Berglehne emporging, sahen wir auch seine Fährte wieder.

Über die weiteren Ereignisse bis zum Abend wäre nur das eine zu sagen, daß wir noch verschiedentlich Stellen fanden, an denen der „blinde“ Braanken sich alle Mühe gegeben hatte, den Chilenen irre zu führen. Coy, Chubur und Chico begutachteten diese Versuche mit dem Prädikat „ziemlich genügend“. Ihr Urteil änderte sich bei Sonnenuntergang, als wir uns bereits inmitten einer grandiosen Bergwildnis in etwa tausend Meter Höhe befanden. Hier war’s urplötzlich auf einem mit Krüppelfichten bestandenen Plateau mit jeder Fährte endgültig aus. Meine drei Araukaner wurden kleinlaut, krochen auf allen Vieren umher, suchten, schnupperten, spähten, krochen in Spiralen, Coy fluchte, Chico desgleichen – auf die Guanaco-Herde, die hier Gras und Moos genascht und jede Fährte zertrampelt hatte.

Es wurde dunkel. Ein kalter Wind blies von Westen über die Bergkämme und brachte die eisige Luft der Gletscher und Schneefelder mit. Ich saß unbeteiligt auf einem weichen, rundlichen Block, den dicke Moospolster eigens für mich als Hocker hergerichtet hatten. Meine Aufmerksamkeit galt ausschließlich den Schönheiten des Sonnenuntergangs. Droben die Berghäupter: rot wie feuerspeiende Vulkane … Wunderbar diese Fülle von Schönheiten, die mir die Natur spendete.

Coy kam, stellte sich vor mich und sagte grimmig:

„Guanacos Pest holen!! Zu dunkel schon … [89] Werden lagern, Mistre Olaf Karl, morgens weiter …“

Chubur und Chico fällten vier Kiefern, schlugen die Äste ab: Zeltstangen! – Und dann lösten sie die Moospolster vom Gestein … ganze Matten breiteten sie über das Zeltgerüst, schlangen Dornenranken als Halt herum und schufen in kaum zehn Minuten eine warme, geräumige Unterkunft.

Feuer knisterte auf. Ein unterwegs geschossenes Guanacolamm war unser Abendessen. Unsere Pfeifen der Nachtisch, dazu Tee mit bräunlichem Zucker, der stets nach Petroleum schmeckte, weil das Kaufhaus in Skyring der nötigen Sauberkeit entbehrte. Zuweilen, wenn der Handlungsbeflissene in Skyring mit ganz „frischen“ Petroleumfingern die Tüte angefaßt hatte, gab’s sogar ein paar Fettaugen auf dem Tee. Aber das machte nichts. Man gewöhnt sich an alles. Auch daran, statt einer Zahnbürste die rauhe Wurzel des Gabi-Strauches zu benutzen und als Zahnpaste den rötlichen Ton vom Ufer des kleinen Binnensees unweit der Gallegos-Siedlung.

„Wäre es nicht angebracht, abwechselnd zu wachen,“ schlug ich vor, als ich mir die zweite Pfeife stopfte und Coy voller Liebe seinen Karabiner gründlich säuberte.

Coy sagte nur: „Müssen wachen, Mistre …“

Chubur suchte aus dem Moos unserer Lagerstätten verirrte Grashalme hervor, gab ihnen verschiedene Länge und nahm sie in die Hand, daß nur die Spitzen hervorschauten.

„Ziehen, El Gento. Längste erste Wache.“

Ich zog. Ich erwischte den zweitlängsten. Meine Wache begann um Mitternacht. Coy hatte die [90] erste, die angenehmste. Ich legte mich nieder, denn der Ritt bergan und das stellenweise Klettern war anstrengend genug gewesen.

Vielleicht war ich übermüdet. Ich schlief nicht sofort ein. Die drei Araukaner hockten mit untergeschlagenen Beinen am Feuer, rauchten, schwiegen. Ich lag im Schatten von Chuburs breitem Rücken. Nach einer Weile sagte Chico leise in seiner Stammessprache, von der ich wohl vieles verstand, ohne sie aber vollkommen zu beherrschen:

„Du solltest deine Wache beginnen, Coy … Der eine dreckige Tehu, den wir gefesselt hatten, wird Hilfe herbeiholen. Die Tehus werden Sennor Mastilo diesmal nicht entkommen lassen. Sie sind sicherlich hinter uns.“

„Gleich fertig,“ nickte Coy und schraubte das Karabinerschloß fest. „Noch nicht ganz dunkel … Tehus können vor Mitternacht nicht hier sein …“

Dann entschlummerte ich. Meine Taschenuhr war zu gemeinsamer Benutzung an eine der Zeltstangen gehängt worden. Kurz vor zwölf weckte Coy mich. Chubur und Chico schnarchten wie schlechte Kreissägen. Jedenfalls ist es ein Unsinn, wenn Forschungsreisende behaupten, Indianer schnarchen nicht. Erst wenn sie von der Kultur beleckt seien, stelle sich dieser Atemfehler ein. Das ist falsch. Ich habe später auch mit Tehuelchen zusammen in einem Zelt geschlafen, die man als „wilde“ Indianer bezeichnen konnte, denn sie waren weder seßhaft noch irgendwie mit der Zivilisation in nähere Berührung gekommen. Auch sie „sägten“, genau wie meine Araukaner. –

Coy zog mich vor das Mooszelt und tat sehr geheimnisvoll.

[91] „Mistre Karl Olaf, schlechte Gegend sein … Sehr aufpassen … Dreckige Tehus vielleicht nahe. Werden Sennor Mastilo verfolgen. Hassen ihn. Böse Mann … Sehr stark … Keine Gesetz hier … – Kommen mit …“

Er schritt nach Westen zu das in flachen, langen Terrassen ansteigende Plateau empor. Der Mond stand schräg über uns, der Himmel war klar und der Sternenschein genügte für geschulte Augen.

Coy trug dieselben hohen Seehundsstiefel mit dreifachen Sohlen wie ich. Die Sohlen sind weich und doch außerordentlich haltbar. Wir vermieden jedes Geräusch. Coys elastische Bewegungen und fast tänzelnde leichte Schritte, so überaus kraftverratend und denen des schleichenden Pumas ähnlich, der sich vor Dornenranken hütet, wurden immer behutsamer, je höher wir kamen.

Der Wind fauchte uns mit eisigem Odem entgegen. Kaum fünfhundert Meter über uns schimmerte die erste lange Schneezunge wie ein grauweißer Strich. Wir kamen an einem einzelnen turmartigen Felsen vorüber, dessen Umgebung mit dicken Krusten Vogelunrat bedeckt war.

„Condor!“ flüsterte Coy.

Ich schaute empor. Oben auf der Granitnadel starrte ein Gewirr von Ästen nach allen Seiten auseinander – das Nest der Riesenraubvögel, des edelsten Wildes der Kordilleren, denn der Puma – – ein Feigling! Ein angeschossener Condor ist weit gefährlicher.

Ein rauhes Krächzen klang aus der Höhe herab. Condorjunge …

Coy meinte: „Nachher holen … Gut bezahlen der Kaufmann in Skyring …“

[92] Dann noch zwei Terrassen – und wir standen am Rande eines etwa zehn Meter breiten Abgrundes, der sich von Nord nach Süd in unübersehbarer Länge hinzog.

Kiefern und Burgbuchen hingen halb entwurzelt über die senkrechte Wand hinweg. Dort unten murmelte und plätscherte in nicht erkennbarer Tiefe ein Gletscherbach. Der Wind war schon eisig. Die Luft aber, die hier aus diesem Schlunde emporquoll, war Grabesluft, Gestank, Modergeruch.

Links neben uns zog sich ein Dornendickicht hin, vermischt mit den zähen gelblichen Ranken des wilden patagonischen Hopfens, der bis zur Schneegrenze zu finden ist und stellenweise ganze Hügel bildet, deren Gerüst, Kiefern, durch diese unbarmherzigen Würger längst erstickt und vermodert sind. Trotzdem behalten diese Gebilde auch ohne inneren Halt ihre Form bei, und gerade diese Dickichte sind’s, die der Puma bevorzugt, der selbst bis zu den Schneefeldern emporsteigt.

Coy sagte gedämpft: „Hinlegen, Mistre … Hinabschauen … Coy zufällig hierher kommen, zufällig sehen … – Hinlegen …“

Ich tat’s und schob den Kopf ganz weit vor.

Finsternis – nichts …

Der Mond reichte in diese Tiefe nicht hinab, die Sterne erst recht nicht.

Ich wagte noch mehr … Ich packte einen Kiefernast, der mir fest genug schien. Coy setzte sich auf meine Schenkel. Ich hing nun bis zum Bauche über dem Kanon …

Nichts …

„Coy, was sahst du …?“

„Licht und Frau, – Sennora, trugen Männeranzug [93] mit Hosen und Wickelgamaschen. Licht war Laterne, Karbid, Mistre … Das kennen … – Nichts sehen?“

„Nein …“

„Warten ein bißchen …“

Das tat ich gern. Eine Dame im Sportanzug hier oben in den Anden in einer scheinbar völlig unzugänglichen Schlucht?! Es konnte sich nur um meine blonde Unbekannte handeln.

Aber selbst geduldigstes Warten half nichts.

„Zurück zu Zelt, Mistre …“ meinte Coy schließlich. „Mistre können nachher nochmals hier nach oben … Sein gewesen fremde Reiterin – bestimmt!“

Ich richtete mich auf. Wir beeilten uns, denn wir hatten die Freunde gut zehn Minuten ohne Schutz gelassen. Je mehr wir uns dem Mooszelte näherten, desto langsamer und wachsamer wurde Freund Coy. Zuletzt standen wir still, beobachteten die Umgebung. Oben aus der Zeltöffnung wirbelte der Rauch empor. Der Eingang war durch eine Decke gut verwahrt. Kein Lichtstrahl des Feuers drang in die Nacht hinaus.

Coy war beruhigt.

„Keine dreckigen Tehus … Noch nicht … Coy schlafen … Mistre am besten dort sitzen … Gute Aussicht … Windschutz …“

Ich setzte mich auf die Steinbank, nahm die Repetierbüchse in den Schoß, schob die Sicherung zurück. Coy kam mit einer Decke wieder aus dem Zelte heraus, wobei er es sorgfältig[17] vermied, einen Lichtstrahl ins Freie fallen zu lassen. Er legte mir die schwere Wolldecke um die Schultern und flüsterte: „Nachtluft hier nicht gut, Mistre …“

Ich drückte ihm die Hand. Ich weiß, was ich [94] an Coy Cala habe. Seine Treue, seine Anhänglichkeit und Fürsorge verbergen sich hinter dem durchsichtigen Gespinst kleiner scheinbarer Frechheiten. – Verbergen sich – schreibe ich heute … Wann werde ich schreiben müssen: verbargen sich! Auch die Stunde wird kommen … Heute lebt Coy noch. Sein robuster Leib verscheucht immer wieder den Sensenmann von seinem Schmerzenslager. Noch lebt er … daß er mir jemals genommen werden könnte, daß dieses kühne, wilde intelligente Antlitz einst langsam im Siechtum verwelken würde, damals ahnte ich es nicht. Welch’ Glück für uns, daß wir die Zukunft vor uns haben als schwarze Wand.

Ich drückte ihm die Hand, und er kehrte wieder ins Zelt zurück.

Von meiner Steinbank aus, deren Granitlehne nach Nordwest gerichtet, konnte ich den Condorhorst mit dem Glase deutlich erkennen. Zuweilen reckten sich über den Rand des liederlich gebauten Nestes zwei unförmige Köpfe hinweg – die Jungen! Die Eltern waren abwesend.

Dann wurde ich durch ein Geräusch links von mir abgelenkt …

Wahrhaftig – ein Puma … Ganz langsam schob sich die braunfahle Katze aus einem Windbruch hervor. Unsere Pferde wurden unruhig, hoben die Köpfe und drehten dem Raubtiere die Achterseite zu … Die Gäule standen neben dem Zelte halb unter schräg gewachsenen Kiefern. Sie hatten den Puma gewittert, und sie machten sich zur Abwehr bereit.

Der Puma verharrte jetzt auf einer kleinen kahlen Stelle eine Weile regungslos. Nur der [95] etwas buschige lange Schweif pendelte bedächtig hin und her.

Vier Pferde – nein, Seine Hoheit verzichtete, machte kehrt. Vielleicht hatte er schon einmal Pferdehufe und Pferdezähne zu schmecken bekommen. Coys Gaul hätte ihn auch übel zugerichtet. Das war ein ganz gefährlicher Racker.

Ich begann zu frieren. Außerdem lockte die Schlucht dort oben. Ich hatte Coy nicht weiter nach der Frau im Abgrund und nach der Karbidlaterne befragt. Wozu?! Ich wollte selbst sehen.

Nochmals forschende Blicke rundum … Sollten wirklich Tehuelchen jetzt mitten in der Nacht unseren Lagerplatz finden, so würden die noch immer äußerst wachsamen Pferde rechtzeitig die Schläfer im Zelte warnen. Es war jetzt also für mich die günstigste Gelegenheit zu einem kurzen Abstecher nach dem Kanon, in dessen Tiefe die Fremde mit einer Karbidlaterne herumgeistern sollte – immerhin etwas, das selbst für mein abgestumpftes Gemüt verheißungsvoll erschien. Coy eine Sehtäuschung zuzutrauen, wäre verfehlt gewesen. Und die Sennora in losen Zusammenhang mit dem Verschwinden der Fährte Braankens und der seines brutalen Verfolgers zu bringen, dazu gehörte nicht viel Phantasie.

Also bergan!

Die Knochen waren mir doch etwas steif geworden, und Coys federnde Schritte mit ihrer verblüffenden Geräuschlosigkeit nachzuahmen, das wollte nicht recht glücken.

So kam ich denn ahnungslos, in die Wolldecke lose eingehüllt, an der Granitsäule vorüber – oder Turm, wie man es nennen will … So ahnungslos wie ein Kulturmensch, der etwa die [96] Kungsgatan in Stockholm entlanggeht und dem plötzlich ein Ziegelstein auf den tadellos blanken Zylinder fällt. Hier freilich war der Zylinder mein Filzhut, Fabrikmarke Valdivia, Verkäufer Sennor Gonzales in Skyring, Besitzer des Weltkaufhauses Gonzales und Kompagnie, – der andere gerissene Gauner war sein Herr Sohn Pedro, ein ganz übles Früchtchen, der eifrigst dafür sorgte, daß die Tehuelchenhorden der Umgegend auch mal Mischlinge von ihren Töchtern ernten konnten … – Und der Ziegelstein – ja, der hatte in diesem Falle Flügel, Spannweite drei Meter, und Krallen und einen Hakenschnabel.

Ob’s das Condorweibchen oder -männchen war, das mir böse Absichten auf das Nest und die Jungen zutraute und deshalb wie ein Wüterich auf mich niederstieß, kann ich nicht sagen, denn bei Vögeln ist die Geschlechtsbestimmung in der Eile nicht so ganz einfach.

Der Condor meinte es verflucht ernst. Als ich das Rauschen über mir hörte und sofort das Richtige vermutete, den Kopf einzog und mich rasch nach vorn zu Boden warf, war’s schon zu spät. Noch im Fallen schlug mir der Condor die Fänge in meinen schönen einst braun gewesenen breitrandigen Kalabreser …

Und ich – hatte auch schon das Messer heraus, flach schräg nach oben … traf auch, aber offenbar schlecht. Jedenfalls wurde ich meinen Zylinder damals endgültig los. Wir haben ihn nie wiedergefunden. Der Condor nahm ihn mit, hielt ihn vielleicht für eine besondere Art von Beute, flog davon und ließ sich auf einem nahen Berggipfel nieder. Das beobachtete ich noch. Und das [97] ist auch mein einziges Abenteuer mit diesem Riesenadler der Anden geblieben.

Es war die Einleitung für eine andere Szene. Bevor ich diese schildere, muß ich notwendig etwas einflechten, das wirklich Flechtwerk ist und vielen Schluchten in den Kordilleren, besonders im tropischen Teile, eine besondere Note verleiht.

Die Dornendickichte habe ich bereits häufiger erwähnt, vorhin auch den patagonischen Hopfen, aus dessen Ranken die braunen Fischer Taue flechten, die den Manilahanfseilen nichts nachgeben. An den senkrechten Wänden der Schluchten, Klüfte und Täler bilden sich nun (im tropischen Gebiet mit Hilfe anderer Baumarten und anderer Rankengewächse) in verschiedenen Größen oft sogenannte Pandasaras, Hängematten, – eine recht treffende Bezeichnung für diese natürlichen, zwischen Bäumen ausgespannten Matten. Wo Risse im Gestein den Kiefern und Bergbuchen das Wachstum in verschiedenen Höhenabständen der Felswände gestattet haben, findet man zuweilen diese Pandasaras in vier bis sechs Exemplaren übereinander, deren Stützpunkte eben stets Bäume sind und deren eigentliche „Matte“ hier im südlichsten Patagonien stets aus einem fast unzerreißbaren Gewirr von Dornen- und Hopfenranken sich zusammensetzt. Faulen die Stützpunkte ab, so stürzen die Pandasaras häufig ein paar Meter tiefer, werden dann aber wieder durch die im Gestein haftenden Rankenwurzeln festgehalten und gleichen nun vollkommen einer Hängematte, besonders wenn es sich um nach innen gewölbte, also überhängende Wände handelt. – Dies dürfte zum Verständnis des Folgenden genügen.

Mein schöner Filz war mir also flöten gegangen, [98] und mein einziger Trost war, daß der Condor auf seiner Bergspitze bitter enttäuscht gewesen sein muß, meine durchgeschwitzte Kopfbedeckung als völlig ungenießbar lediglich zur Nestpolsterung verwenden zu können.

Ich schritt weiter. Die Richtung, die Coy vorhin zum Rande des Abgrundes eingeschlagen hatte, hoffte ich genau einhalten zu können, merkte jedoch bald, daß mein Orientierungssinn versagte. Ich erreichte den Abhang an einer ganz anderen Stelle. Als ich mich vorbeugte, gewahrte ich fünf Meter unter mir eine gut fünf Meter lange und vielleicht zwei Meter breite Pandasara, die jeden Ausblick in die Tiefe versperrte. Ich glaubte, zu weit nach rechts abgebogen zu sein, umging ein ausgedehntes Dornengestrüpp und kam dicht an einer vom Sturme geknickten Kiefer vorüber, deren Krone sich nun eng an den Stamm angeschmiegt hatte.

Der Vorfall mit dem Condor hatte meine Wachsamkeit verdoppelt. Ich hatte das Jagdmesser noch in der rechten Hand, in der linken die Büchse. So konnte ich denn den überraschenden Angriff eines blondbärtigen hünenhaften Mannes, der einen dunklen Reitanzug aus Samtmanchester trug und der sich hinter der Kiefer hervor wortlos mit erhobenem Messer auf mich stürzte, zunächst durch einen blitzschnellen Stoß mit dem Büchsenkolben abwehren. Daß ich es hier mit Sennor Manuel Mastilo zu tun hätte, bezweifelte ich keinen Augenblick, und daß der Riese mir an Körperkräften weit überlegen, erkannte ich schon aus dem Fausthieb, mit dem er mir die Büchse aus der Hand zu schlagen suchte.

Ehe ich noch mit dem Messer zustoßen konnte, [99] hatte ich schon einen zweiten Schlag unter das Kinn erhalten, der mir für Sekunden das Hirn gründlichst in Unordnung brachte. Ich flog nach hinten. Aber instinktiv hielt ich Messer und Büchse krampfhaft fest. Ich kollerte halb in die Dornen hinein, fühlte, daß eine Faust mich am Kragen packte und weiter schleifte … Genau so instinktiv schrie ich um Hilfe … Nein – nicht um Hilfe. Nur zweimal brüllte ich mit überschnappender Stimme Coys Namen. Dann flog ich schon ins Leere …

Ich besinne mich noch genau, daß in diesem Moment, als mein Körper durch die Luft wirbelte – hinab in den Kanon, mein bewußter Blick das Gesicht meines Feindes traf und daß dieses vom Mondlicht hell beschienene gelbbräunliche Gesicht mit seinem wilden Ausdruck erbarmungsloser Mordgier mich mehr entsetzte als der flüchtige Gedanke, unten im Abgrund zu zerschellen.

Dann prallte mein Rücken auch schon auf etwas Weiches, Federndes …

Ich hörte ein dumpfes Krachen und Splittern von Holz, und die Pandasara, die mich wie ein Sprungtuch aufgefangen hatte, neigte sich, kippte und, ehe ich noch zupacken und mich an das Geflecht anklammern konnte, rollte ich abermals ins Leere. Über mir vernahm ich ein höhnisches, brutales Lachen, und nun sauste ich außerhalb der Grenze des Mondlichts in der Finsternis weiter abwärts …

Prallte wieder auf etwas Elastisches, jetzt mit Gesicht und Bauch, fühlte die Dornen an Händen, Kinn und Stirn, wurde ein wenig emporgeschleudert, [100] sank von neuem auf das breite Flechtwerk und … lag still.

Mein Herz raste, als ob es mir aus dem Halse springen wollte. Beruhigte sich, genau wie meine zügellos flutenden Gedanken. Ich wußte, daß ich vorläufig geborgen war. Die Naturhängematte hielt mein Gewicht aus und wenn mich dieser Satan von Mastilo nicht gerade von oben entdeckte und mir eine Kugel durch den Schädel jagte, würde ich schon lebend davonkommen.

Ich hob den Kopf, legte mich etwas auf die Seite …

Stiche der Dornen – mein Gott, in solcher Lage fühlt man so Winziges nicht!

Ich schielte nach oben … Triumph!! Die Pandasara über mir, die unter meinem Gewicht nachgegeben hatte, und deren Stützpunkte abgebrochen waren, hatte ihre wagerechte Lage wieder eingenommen, schwankte noch leicht hin und her und „beschirmte“ mich in ureigenstem Sinne des Wortes. Mastilo konnte mich unmöglich bemerken. Und diese Gewißheit machte mich vollends zum Herrn der mehr eigenartigen als gefährlichen Situation. Ich überlegte und kam zu dem einzig vernünftigen Entschluß, mich völlig ruhig zu verhalten. Ob Coy meine Rufe gehört hatte, – ich bezweifelte es. Der Nachtwind verursachte zu viel Lärm, wenn er auch nur stoßweise über die Terrassen des Plateaus fuhr. Ob Mastilo, der doch allein war, sich an meine drei Araukaner heranwagen würde, bezweifelte ich. Mit Coy hätte er’s nicht so leicht wie mit mir gehabt. Und der lange Chico, der nur aus Muskeln und Sehnen bestand, – auch ein böser Gegner.

Gewiß – ich hätte von hier aus ein paar [101] Alarmschüsse abgeben können. Ob der dünne Knall der Repetierbüchse bis in die Mooshütte gedrungen wäre: mehr als fraglich. Und dann würde ich mich Mastilo gegenüber nur verraten haben. Besser, er wähnte mich erledigt. – So tat ich denn gar nichts, stützte die Unterarme flach auf die dicht verschlungenen Ranken und blieb mit erhobenem Kopf auf dem Bauche liegen. Meine Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit. Ich schätzte die Größe meiner Hängematte: Vielleicht sechs Meter lang, drei Meter breit. – Ich habe noch größere gesehen.

Dann spähte ich schräg an meinem Schirm vorüber in die Höhe. Meine Pandasara hing etwa zwanzig Meter unter dem Rande der Steilwand. Und dort oben war im Mondlicht nichts zu sehen.

Nun nach unten hin …

Zu bewegen wagte ich mich nicht. Aber eins konnte ich wohl ohne jede Gefahr: ein Loch in mein Sprungtuch schneiden, ein kleines Loch. Das würde die Haltbarkeit der Hängematte nicht beeinträchtigen.

Ich arbeitete mit aller Ruhe und aller Vorsicht. Ich hatte Zeit. Es war jetzt vielleicht ein Uhr morgens, bis Tagesanbruch noch fünf Stunden. Ich schnitt und sägte, wurde kühner, denn meine Lagerstatt rührte sich nicht.

Das Loch wurde so groß, daß ich bequem die Hand hindurchstecken konnte. Nach unten hin erweiterte ich es trichterförmig. Als ich damit fertig, fluchte ich. Ich hatte mir die Hände unnötig zerkratzt und zerstochen. Unter mir – ich taxierte zehn Meter, hing noch eine Pandasara …!




[102]
9. Kapitel.
Abwärts.

Noch eine also. Und ich hätte doch so gern festgestellt, in welcher Tiefe ich als blutiger Haufen Knochen und Fleisch gelandet wäre, wenn die gütige Mutter Natur in ihrer Vielgestaltigkeit nicht diese grüngelben Sprungtücher hier ausgespannt gehabt hätte.

Die Mondsichel verschwand hinter dem weißen Strich des Andenkammes, zauberte dort in weißer Höhe noch wunderbarere Beleuchtungseffekte hervor und verabschiedete sich endgültig. Es war hier unten nun wirklich finster. Ich begann zu frieren. Meine Wolldecke lag irgendwo weiter oben. Auch der aus dem Abgrund emporsteigende Gestank belästigte mich.

Wenn ich noch Kognak gehabt hätte! Aber eins hatte ich: Tabak und Pfeife! Ich rauchte, und ich horchte … Über mir blieb alles still. Kein Coy – nichts! Der Wind fauchte, sang und pfiff und säuselte. Das war alles. Ich fror damals so entsetzlich, daß ich zitterte. Ich konnte mich ja nicht rühren, mußte still liegen. Nur die Zehen und die Hände bewegte ich dauernd. Mein Atemhauch war deutlich sichtbar. Es mußten etwa zwei Grad Kälte sein, vielleicht auch mehr. Und dazu die feuchte Moderluft des Abgrundes …! Sollte ich mir hier etwa eine Lungenentzündung holen?!

Die Kälte spornte mich an, ein weiteres zu unternehmen.

Über mir hingen einzelne Hopfenranken. Ich [103] begann, nachdem ich mich sehr langsam aufrecht gesetzt hatte, diese Ranken zu mir herabzuziehen. Ein guter Gedanke. Mir wurde warm dabei. Die Arbeit, aus den Ranken ein Tau zu drehen, hatte ich zwar persönlich noch nicht versucht, aber oft genug zugeschaut. Leider stand mir hier kein Bottich mit heißem Tran wie daheim an der Gallegos-Bucht meinen braunen Freunden zur Verfügung, – Tran, in den die Ranken „eigentlich“ vier Tage lang vor der Seilerei eingeweicht werden sollen. Nun, es mußte auch so gehen. Und es ging. Natürlich nicht ohne Geräusch und nicht ohne stärkere Bewegungen. Die Ranken sollten nicht geknickt werden, und bei manchen mußte ich mit aller Kraft ziehen, um ein möglichst langes Stück zu erobern. Viele saßen oben in meinem „Schirm“ fest, und der Schirm schwankte dann hin und her wie eine richtige schaukelnde Hängematte, in der eine Zigaretten rauchende Sennorita ruhte – ruhen könnte. Die Sennorita war wo anders, nicht über, sondern tief unter mir in der Schlucht. Zum mindesten war sie dort gewesen. Coy hatte sie deutlich gesehen. Und Coy schwindelte nur bei nichtigen Anlässen, genau wie er kleine Diebstähle als amüsanten Sport betrachtete, besonders wenn es um Sprit ging. Er war kein Säufer. Dazu fehlte es ihm an dem nötigen Quantum Whisky, Kognak, Rum oder … Brennspiritus, denn auch letzteren rechnete der mutmaßliche Enkel des ersten und einzigen Königs von Araukanien zu den Genußmitteln.

Ich spielte Seiler. Man lernt alles. Wer nicht alles sich an Fertigkeiten anzueignen vermag, die er anderen ablauscht, ist kein Mann. Und ich führe den Ehrentitel El Gento. Ich prahle damit, denn [104] der Titel wurde mir von anderer Seite verliehen – von meinen braunen Freunden, die den Menschen lediglich nach Mannestüchtigkeit einschätzten.

Das Hopfentau wuchs und gedieh, obwohl mir die zerkratzten und zerstochenen Finger verdammt wehtaten. Immer neue Ranken mußte ich mir erobern. Das Material war immer schnell verbraucht.

Ich maß nun die Länge. Recht anständig: acht Meter! Ich flickte noch drei Meter an, und ich war stolz auf mein Werk. Von Kälte und Modergestank spürte ich nichts mehr. Ich war so eifrig bei der Arbeit, daß ich geradezu erstaunt war, als ich meine Taschenuhr befragend, an den Leuchtpünktchen erkannte, wie spät oder besser früh es geworden: halb vier!

Und da wurde mir klar, daß droben, wo unsere Hütte stand, inzwischen unfehlbar sich Dinge ereignet haben müßten, die es meinen Freunden unmöglich machten, nach mir Ausschau zu halten. Meine Wache hatte ja nur bis drei dauern sollen. Und wenn meine Uhr auch nicht mehr zur allgemeinen Benutzung an der Zeltstange hing, so hatten meine Freunde doch einen so unfehlbaren Zeitsinn, daß sie längst bemerkt haben mußten, daß ich nicht rechtzeitig meinen Nachfolger Chubur geweckt hatte. Mein Fehlen war ihnen unbedingt schon aufgefallen, unbedingt, – wenn sie eben noch … lebten!

Mit einem Schlage erwachte da in mir die ernsteste Sorge um das Wohlergehen derer, die schon mehr als einmal für mich Kopf und Kragen drangesetzt hatten.

Was zögerte ich noch?! Ich hatte ein Tau, [105] ich konnte bequem auf die unter mir hängende Pandasara gelangen, brauchte nur das Guckloch meiner Hängematte erweitern und mein Tau sicher hier am zähen Gewebe zu verankern.

Los also …!

Ach nein – ich fror nicht mehr … Frau Sorge heizte mir ein …

Abwärts jetzt mit Büchse und Messer … Hinab auf Sprungtuch Nummer drei. Es war kleiner und schmäler und schwankte bedenklich.

Narr ich!! Was hatte ich dadurch gewonnen, daß ich nun hier hockte?! Nichts! Ich war an meinem Seil hinabgeklettert, war zehn Meter tiefer gelangt – – und saß wieder auf einer solchen Hängematte fest! Von dem Boden der Schlucht, von dem, was unter mir, war ja auch von hier nichts zu erkennen. Im Gegenteil, die Finsternis war nur noch größer geworden, und die feuchte Kälte und der Modergeruch wahrhaft abschreckend!

Narr ich! So ergeht’s einem, wenn man nicht vorher überlegt! Was nützte mir mein schönes Tau, wo es doch mit dem einen Ende noch an der Pandasara Nummer zwei, über mir, angebunden war?! Ja, wenn ich ein indischer Fakir gewesen wäre! Die werfen Taue in die freie Luft und klettern daran empor und herab ohne jeden Befestigungspunkt für das obere Tauende! Ich bin kein Fakir, und mein Rankenseil war niederträchtiger Weise im Grunde für mich wertlos! Ich konnte allerdings wieder Pandasara Nummer zwei als Sitz wählen – das ja, – und wenn’s mir Spaß machte oder ich warm werden wollte, konnte ich hier zwischen zwei und drei Tauklettern üben …!!

[106] Spaß machte …!

Nein, Spaß beiseite! Ich war wütend, enttäuscht, ergrimmt, belegte mich mit allerlei Kosenamen, die für eine Beleidigungsklage ausgereicht hätten. Meine Pandasara, dritte Etage von oben gerechnet, schaukelte ganz leicht, und vor meiner Nase, die ich im Gesicht als förmlichen Eisklumpen fühlte, pendelte das verdammte Tau hin und her … her und hin …

Ich gab ihm einen Fußtritt … Ich haßte es. Ich hatte mir die wunden Hände noch wunder gearbeitet – für nichts! Und hatte doch dem Abgrund – Sennorita und der Karbidlaterne so gern einen Besuch abstatten wollen.

Fußtritt …

Das lose schwebende Tauende verschwand aus meinem Sehbereich, kehrte zurück und klatschte mir rauh gegen die Backe.

Aber – man soll nie verzagen. Man soll getrost, wenn man kindlich-gläubigen frommen Gemütes ist, auf ein Wunder rechnen, hoffen – auf plötzlich erwachte geheimnisvolle Fakirfähigkeiten …

Das Wunder kam. Das Tauende versetzte mir als Gegengabe für den Fußtritt eine Maulschelle, und dann prasselte etwas auf meinen Kopf herab …

Nicht mein schöner Filzhut. Nein. Der war wirklich endgültig dahin. Es war mein Tau, das mich derart beglückte und mich gehörig zusammenschrecken ließ, – mein ganzes langes dickes rauhes Hopfentau!

Fürwahr ein Wunder!! Mein Fuß mußte in der Tat magnetische oder sonstige besondere Kräfte besitzen. Das Tau lag um mich herum wie eine [107] Schlange. Es war da. Nichts dagegen zu sagen: es war da und blieb.

Merkwürdig!

Ich starrte mit zurückgebeugtem Kopf nach oben …

Dunkelheit … Die Unterseite des Sprungtuches Nummer zwei – eine verschwommene Fläche …

Ich dachte an Sennor Manuel Mastilo, der so unzweideutig die Absicht vorhin kundgetan, aus meinem unwerten Kadaver einen Haufen Brei zu machen. Und vorsichtig nahm ich für alle Fälle die Büchse und richtete den Lauf empor.

Ausgeschlossen, daß Mastilo mich sehen konnte. Falls er es eben gewesen, der mein Tau oben losgebunden hatte.

Immerhin – er konnte trotzdem schießen oder mir einen Stein auf meine Hängematte schleudern, diese konnte reißen und dann …

Nichts geschah. Kein Stein, kein Schuß.

Wirklich Mastilo? Wenn’s nun vielleicht Coy war, mein lieber braver Coy …?!

Aber niemand meldete sich. Coy hätte doch gerufen, wenn auch noch so leise.

Die Situation blieb ungeklärt. Ich wartete eine geraume Weile. Dann tat ich dasselbe wie vorhin eine Etage höher: ich schnitt ein Loch in das dicke Rankengeflecht, befestigte mein schönes Tau, das ich nun wieder aufrichtig liebte, mit aller Sorgfalt und wagte mich noch tiefer hinab, vermied jegliches Geräusch und war nur gespannt, ob mein Tau bis unten, bis auf den Boden der Schlucht, reichen würde. Ich war überzeugt, es würde nicht reichen, denn zweimal hintereinander ausgesprochenen Dusel haben, das [108] wäre zuviel Fakirwunder gewesen. Je mehr ich mich nun nach abwärts zu bewegte, und je mehr der Modergestank, die Kälte und das Geräusch des plätschernden Gletscherbaches anwuchsen, je mehr ich mich dem Ende der Herrlichkeit, des hin und her baumelnden Taues, näherte, desto nervöser wurde ich, – ich fühlte geradezu meine Nerven vibrieren … Oder täuschte ich mich …?! Fror ich nur so stark in diesem eisigen Pesthauch?!

Da – – das Ende der Herrlichkeit …

Meine Füße glitten ins Leere … fanden kein Tau mehr …

Aber – – hallo, – – meine linke Fußspitze, – ja sie berührte etwas …

Ich reckte mich länger …

Steine – Gestein …!! Das zweite Wunder: ich stand auf festem Boden, auf dem Grunde der Schlucht, in pechrabenschwarzer Finsternis …

Über mir ein breiter zackiger Streifen mit vielen flimmernden Pünktchen: der Himmel!!

Und ich – – hier in der Hölle, zum mindesten in dem Vestibül der Villa Seiner Majestät Satanas I. von Höllenland. Der Gestank war ganz höllenmäßig, nur mit der Temperatur stimmte es nicht ganz. In diesem Eislüftchen hier ließen sich beim besten Willen keine armen Seelchen schmoren. Nein, hier kriegte man Eisbeine …

Ich stand still, hatte das Tau noch in der Hand. Vorsicht …! Es konnte vielleicht auch nur eine Felsnase sein, ein Vorsprung, der mich irreführte … Denn zu sehen war ja absolut nichts …

Ich tastete mit dem rechten Fuß umher …

Steine … Äste … Morsches Holz …

Dann etwas Weiches …

Ich fuhr leicht zusammen …

[109] Ich hatte bisher in meinem ganzen Leben noch keinem weiblichen Wesen ins Gesicht getreten, wenn ich auch schon manches getan, was stark nach Brutalität schmeckte, freilich war dann stets ein unabwendbarer Zwang die treibende Kraft gewesen.

Hier, um es gleich zu sagen, hatte ich unbeabsichtigt einer jungen Dame mit meiner Fußsohle einen gelinden Stoß ins Gesicht versetzt, wie ich nun durch behutsames Fühlen mit der linken Hand rasch feststellte.

Ein Weib … Natürlich die Reiterin! Lang am Boden lag sie – fühlte ich …

War sie etwa tot?!

Nein … Jetzt hatte ich ihre eine Hand in der meinen … Der Puls schlug …

Ich sah absolut nichts … Ich roch nur, roch Kultur, Parfüm …

Ich hätte jetzt mein Feuerzeug hervorholen und die Szenerie beleuchten können. Doch nein – besser nicht! Mastilo … Kugeln, – – besser nicht!

Ich kniete nieder. Die Frau lag auf dem Rücken, wie ich nun feststellte. Dicht neben ihrem Kopf ein Stück Baumstumpf … Sollte etwa ich der Schuldige sein, ich etwa ihre Ohnmacht dadurch veranlaßt haben, daß ich vor Stunden oben auf die Hängematte Nummer eins stürzte und dabei die Stützpunkte abbrachen – die Bäume – die herabfielen und hier eine geheimnisvolle Fremde mit ihrer Wucht niedergeschmettert hatten?!

Wirklich – das Haar war an der linken Kopfseite verklebt: Blut …

Ich sah nichts. Ich fühlte nur …

[110] Und seltsam war mir zumute … Seit Monaten wieder einmal die Nähe eines Weibes, das nicht nach Tran und anderen Hausingredienzien araukanischer Abkunft duftete! – Seltsam zumute. Seltsam die ganze Szene …

Ich setzte mich neben die Fremde. Meine tastenden Hände spürten die doppelte weiche Decke, in die sie gehüllt war. Aber sie ruhte auf naßkaltem Gestein. Ich nahm sie in die Arme, legte sie in meinen Schoß, drückte sie sanft an mich. Ihr Kopf ruhte an meiner rechten Schulter.

Olaf Karl Abelsen, du hattest doch einst alle Unterröcke zum Teufel gewünscht … Und hier nun?! Der Geist ist stark, aber das Fleisch ist schwach, und seit langem spürte ich wieder einmal, daß ich nicht nur El Gento, der Draufgänger, sondern auch Mann war … Mann, Geschlechtswesen!

Dieses Parfüm der Unsichtbaren war ja auch so merkwürdig aufreizend. Meine Gedanken glitten rückwärts … Erleuchtete Säle, dekolletierte[18] Frauen, weiche Musik, – – Menschen aus jener Welt, der ich Lebewohl gesagt … Erleuchtetes trauliches Zimmer, und im weichen Klubsessel auf meinen Knien im Dämmerlicht einer kleinen Teetischlampe das Weib, das mich nachher verraten. Erleuchtetes Gemach in einem der zierlichen Häuser einer Küstenstadt des Fürstentums Saravak, Borneo. Fürstentum von Malaien, der Fürst ein Engländer, Radscha Sir Brook. Öllampe duftet, dunstet, eine braune schlanke Schöne in meinen Armen …

Erinnerungen …

Und hier in der Tiefe einer Schlucht, von Eishauch und Gestank erfüllt, auf meinem Schoße [111] eine Frau, von der ich nichts sah, die ich nur fühlte – zu sehr fühlte. Eine bewußtlose Frau, die ganz schwach atmete und die dann plötzlich ganz schwach seufzte.

Finsternis ringsum …

Wieder seufzte sie, und ein leises Zucken ging durch ihre Glieder. Die jungfräulich-feste, sanft gerundete Brust, die meinen Arm weich berührte, hob sich zu einem tiefen Atemzuge. Im selben Moment kehrte meiner Unsichtbaren auch die Besinnung zurück. Es war erstaunlich, wie rasch sie ihre Lage richtig erfaßt hatte.

„Wer sind Sie?“ fragte sie leise in völlig akzentfreiem Englisch. – Eine Engländerin ohne Frage und sicherlich eine Landsmännin …

„Ein Europäer, Miß, der Sie hier unten bewußtlos auffand,“ erwiderte ich ebenso gedämpft.

„Der, den der Chilene herabwarf …?“ meinte sie schlicht. „Ich beobachtete alles … Aber dann traf mich ein herabsausender Stein …“

„Es war ein morscher Baum, Miß – zum Glück!“

Wirklich – diese Frau, wer es auch sein mochte, war in ihrem gänzlichen Mangel an Prüderie bewundernswert. Sie blieb ruhig auf meinem Schoße sitzen und erklärte nun halb scherzend:

„Wir haben eben beide Glück gehabt … – Finden Sie es hier sehr gemütlich?!“

„Durchaus nicht – wenigstens was die Umgebung angeht, Miß …“ Das sollte immerhin eine kleine Galanterie sein. Kaum hatte ich’s ausgesprochen, als dieser Rückfall in das törichte Phrasentum der Gentlemen von Frackes Gnaden mich auch schon scheußlich ärgerte. „Kennen Sie [112] denn eine behaglichere Stätte hier in der Tiefe?“ fügte ich ziemlich barsch hinzu. „Ich friere verdammt … Die Eisluft und der Modergestank –“

Da hatte sie sich erhoben, ehe ich noch meinen Satz beenden konnte. „Kommen Sie …“ – Sie tastete nach meiner Hand, führte mich langsam nach Norden zu, durch Finsternis, über Steingeröll, faulende Bäume, schlüpfriges Moos und kahle Flächen – bis zu einer Stelle, wo sie mir zuraunte: „Bücken Sie sich …“

Ich tat’s. Sie zog mich in ein Zelt hinein, dessen Vorhang sie rasch wieder zufallen ließ. In dem braunen kleinen Segeltuchzelt brannte eine mit einem Taschentuch halb verhüllte Karbidlaterne. Auf einem Lager von Moos, das mit einer Moosdecke bedeckt war, ruhte ein Mann und schlief ganz fest …

Es war Peter van Braanken.




10. Kapitel.

Die Fremde nahm das Tüchlein von der Laterne, und der grelle Lichtstrahl umflutete uns beide. Ich schaute sie mit leicht begreiflicher Neugier an. Sie hatte ein gebräuntes, kühles, energisches Gesicht von pikantem Reiz. Die grauen Augen besaßen den ruhigen Blick eines Menschen, der viel erlebt hat und der auf eigenen Füßen zu stehen weiß. Unter einem schicken dunkelgrünen Filzhut kamen ein paar blonde Löckchen kokett hervor, und auch der praktische derbe Sportanzug [113] konnte das Ebenmaß und die weibliche zierliche Linie dieser kräftigen Gestalt nicht beeinträchtigen.

Auch sie musterte mich mit kühlem Interesse. Dann sagte sie, und wieder hatte ihre angenehme Stimme eine schalkhafte Tönung:

„Ich bin Edith Gordon, Korrespondentin der Londoner Times … Zurzeit im Auftrage meines Blattes auf einer Andentour begriffen.“

Ich verbeugte mich.

„Und mich nennt man El Gento, Miß Gordon. Das muß Ihnen schon genügen. Immerhin könnte ich ergänzend hinzufügen: Abenteurer, Weltentramp, Naturvagabund, Kulturflüchtling, ansässig weiter im Süden an einer Bucht bei braunen Heiden, die nur dem Namen nach mal Christen wurden, – zurzeit hinter dem da her!“ Und ich zeigte auf Braanken. „Wo und wie trafen Sie mit ihm zusammen, Miß Gordon? Hat er auch Ihnen das Märchen aufgetischt, daß er blind sei?“ Mein Ton wurde energischer. Ich wollte die Sachlage schleunigst klären.

Die Miß deutete auf den moosbelegten Boden. „Setzen wir uns, El Gento. Die Höflichkeit „Miß“ und „Sie“ wollen wir uns schenken. Setzen Sie sich … Ich werde sofort den Spiritus erneuern, dann wird’s noch wärmer.“

Erst jetzt gewahrte ich auf einem flachen Stein einen Spirituskocher, dessen bläuliche Flamme den Aluminiumkessel nicht mehr ganz erreichte. Edith Gordon tat ein neues Stück Hartspiritus in den Brenner, und sofort leckten die Flämmchen höher, das Wasser im Kessel begann zu dampfen und der liebliche Geruch von Kaffee belehrte mich, daß es nicht lediglich Gletscherbachwasser war – von draußen, wo das eisige Flüßchen geheimnisvoll [114] plätscherte. Ich setzte mich. Das Moos war feucht. Aber wenn man Lederhosen mit Reiteinsatz anhat, macht das nichts. Miß Edith reichte mir einen Becher Mokka und hielt mir ein silbernes Zigarettenetui hin. Ich bediente mich. Englische Zigaretten, süßlich, etwas Opium … immerhin Zigaretten!

Und die Zeltherrin nahm mir gegenüber Platz. Zwischen uns der Kocher, summend, brodelnd … Braanken schnarchte. Ich rauchte, und ich wartete auf Edith Gordons Gegenäußerung über den Schnarcher.

„Haben Sie Hunger?“ fragte sie halblaut.

„Nein …“

„Ich traf Braanken zufällig. Er ist blind.“

Ich lachte. „Das habe ich auch anfänglich geglaubt … Wo trafen Sie ihn?“

„Hier in der Schlucht spät abends mit drei Pferden. Er war völlig erschöpft. Ich hatte hier bereits mein Lager aufgeschlagen und gewährte ihm Unterkunft. Meine beiden und seine Pferde stehen weiter nördlich in einer kleinen Höhle.“

Sie sprach sehr langsam, und ich gewann rasch den Eindruck, daß sie jedes ihrer Worte genau überlegte. Gerade dies machte mich mißtrauisch.

„Das eine Pferd Braankens trug zwei Kisten,“ meinte ich so nebenbei. Ich wollte dieser pikanten Dame rasch beweisen, daß sie kein ehrliches Spiel spielte …

„Kisten? Nein … Was für Kisten?“

Hm – die Miß schauspielerte leidlich.

„Meine Araukaner behaupteten etwas von Kisten … Gleichgültig im übrigen. – Haben Sie mit Braanken über mich gesprochen?“

„Ja, ganz kurz … Er war zu ermüdet. Seine [115] Angaben über seine Flucht vor dem Chilenen waren sehr wirr, und aus seiner Schilderung seines Zusammentreffens mit Ihnen und dem Araukaner Coy Cala wurde ich erst recht nicht klug …“

„So … so …“ Ich trank einen Schluck Kaffee und warf dann einen zweiten Fallstrick aus. „Braanken kam wohl die Schlucht von Südost emporgeritten?“

„Ach – Katz’ und Maus – – Versteck!“ lächelte sie mich an, und in ihren Vorderzähnen blinkten zwei Goldplomben. „Ach – Sie denken, ich schwindele, El Gento … Wirklich nicht! Ich werde nur das nicht sagen, was lediglich mich angeht. Sie wissen doch recht gut, daß Braanken erst hier in der Nähe die Schlucht erreichte. Was Sie nicht wissen, ist die sehr einfache Tatsache, daß hundert Meter nach Süden zu ein gut verborgener natürlicher Zickzackweg in diese düstere Tiefe hinabläuft. Dieser Pfad muß Braanken bekannt gewesen sein. Ich hörte das Poltern von den Steinen, und so wurde ich auf ihn aufmerksam.“

„Schön …“ Ich blinzelte die Gordon an. „Und diesen Pfad hat sich ein Blinder mit drei Pferden hinabgewagt?“

„Ihre Ironie ist überflüssig. Ich habe Braankens Augen hier im Zelt ausgewaschen. Der Ärmste ist blind.“ Jetzt heuchelte sie nicht.

„Ich bitte Sie,“ meinte ich eindringlich, „lassen Sie sich doch nicht täuschen …! Ausgeschlossen, daß ein Blinder durch die Pampas und die Berge bis hierher gelangen konnte! Er hätte sich xmal den Hals gebrochen … Überhaupt: die Annahme ist unsinnig, wenn ich auch selbst …“

[116] „… Die Hornhaut beider Augen ist vollständig milchig, El Gento!“

„Stimmt – durch irgendeinen Trick …!“

Und wie ich dies leicht gereizt sagte, kam mir ein Gedanke …

„Wecken wir Braanken, Edith Gordon. Prüfen wir also ganz unerwartet seine Augen. Vorher aber noch eine Frage: Wenn Sie auf einer Andentour begriffen sind, – wie kamen Sie dann so weit ostwärts in die Pampas hinein, wo ich Sie dreimal bemerkte, wo Sie mich zweimal warnen wollten, wofür ich Ihnen jetzt meinen Dank ausspreche.“

Die schneidige junge Dame erklärte nach kurzem Besinnen: „Ich gebe zu, daß ich hinter Braanken her war, weil ich in Erfahrung gebracht hatte, daß er in Dinge eingeweiht war, die mir selbst noch verborgen sind.“

„Hm – etwas unklar, Edith Gordon. Dinge – – was für Dinge?!“

„Bedauere … Darüber verweigere ich die Auskunft … – Wecken wir also Braanken. Ich bin selbst gespannt darauf, wie …“

„Nicht nötig!“

Wir schauten zur Seite. Braanken saß aufrecht. „Nicht nötig! Ich bin wach. El Gento, das Geschick hat uns wieder zusammengeführt. Bitte – – meine Augen!!“

Seine Lider waren nur noch wenig geschwollen und weit aufgerissen. Edith drehte die Laterne, und der Lichtkegel traf das mit abheilenden Geschwüren bedeckte Gesicht eines Menschen, der mir immer mehr zu raten aufgeben sollte, trafen auch die Augäpfel, die Pupille … Und diese weit aufgerissenen Augen reagierten in keiner Weise [117] auf das grelle Licht, waren wie mit einem Häutchen bedeckt.

Ich gab den Kampf nicht auf. „Schwindel!“ sagte ich hart. „Sie haben eben wieder Gelegenheit gehabt, Ihre Augen irgendwie zu präparieren, Braanken! Halten Sie mich für dumm?!“

„Nein … Sie vergessen nur die Intelligenz der Pferde, El Gento …“

Ich wurde wütend. „Schweigen Sie!! – Und woher kannten Sie den Zick-Zack-Pfad?! Wie konnten Sie als angeblich Blinder Ihre Fährten oben auf dem Plateau so glänzend verwischen, daß …“

Er hatte die Hand gehoben … In dieser Bewegung lag eine nachdrückliche Warnung.

„Licht aus!“ flüsterte er.

Edith Gordon hatte schon einen Deckenzipfel über die Lichtquelle gebreitet.

Wir lauschten im Dunkeln …

Im Warmen … Es war behaglich im Zelte.

Man hätte hier so angenehm plaudern können. Und nun diese beiden Menschen, die mir jeder allerlei verheimlichten, die vielleicht ein abgekartetes Spiel trieben!

Ich hörte nur das Rauschen und Plätschern des nahen Baches, der sich durch diesen endlosen Abgrund zu Tal schlängelte. Meine Rechte hatte die Büchse emporgehoben, meine Linke das Messer gelockert und hinausgezogen. Ich hielt es so vor mich, daß Braanken mich nicht anspringen konnte, ohne in die Klinge zu rennen. Ich war auf alles vorbereitet. Nur nicht auf das, was dann wirklich geschah. Ich saß dem Zeltvorhang am nächsten. Links von mir Edith. Gegenüber Braanken. Der [118] flüsterte jetzt: „Es schleicht jemand draußen umher … Vorsicht!“

Und da legte sich plötzlich von der Seite eine Hand leicht auf meine Schulter … Eine Hand, deren Geruch überaus kennzeichnend war. Nur Coys Finger dufteten so intensiv nach Tabak, nach Nikotin …

Diese Hand zupfte jetzt an meinem Jagdwams …

Zupfte wieder. Ich verstand …

Das weiche feuchte Moos erleichterte mir das lautlose Hinauskriechen. Draußen war’s noch pechfinster … Coy hielt den Zeltvorhang beiseite. Aber die hereinströmende eisige Luft verriet uns. Mit einem Schlage blitzte die Laterne auf. Edith Gordon rief: „Bleiben Sie!!“ Ich wandte den Kopf … Ihre Repetierpistole hatte die Richtung auf meinen Kopf …

Aber Coy war nicht allein. Coy hatte an Zwischenfälle gedacht.

Hinter Edith Gordon öffnete sich ein langer Schnitt im Zeltleinen. Freund Chicos Arm packte die Waffe der Engländerin, und seine Linke riß die Korrespondentin der Times nach hinten über. Dann erschien auch Chubur durch einen zweiten Schnitt auf der Bildfläche. –

Nun, mir liegt nichts daran, hier in diesen Blättern Szenen zu schildern, die jeder sich selbst ausmalen kann. Wir waren vier gegen zwei, und unser Sieg hatte nichts Heldenhaftes an sich. Wichtig war für mich lediglich meiner drei braunen Freunde unerhört brutales Benehmen gegenüber Braanken und der jungen schneidigen Engländerin. Als ich energisch protestierte, daß die beiden gefesselt wurden, fauchte mich Coy zum ersten Male, [119] seit wir uns kannten, ausgesprochen grob an …: „Hier Araukaner-Sache, Mistre, – nur Araukaner-Sache!! Das merken sich!! Still sein! Wissen, was tun!!“

Ich war zunächst so verblüfft über seinen Ton, daß ich noch halb an einen schlechten Scherz glaubte. Aber Coys dunkle Augen funkelten mich in einer Weise an, daß ich ihn nun ebenso grob anbrüllte: „Bist du verrückt, Coy?!“

Er kam zur Besinnung. Ein verlegenes Lächeln, und er bat kleinlaut:

„Mistre mit hinauskommen … Mistre alles begreifen werden …“

Wir verließen das Zelt.

Coy nahm meine Hand. Die seine war eiskalt.

„Mistre verzeihen … Wir Freunde … Aber hier diese Schlucht … diese Schlucht sein Ort, wo kein Fremder dürfen sein. Wir erst vorhin sehen, daß Abgrund berühmte Araukaner-Schlucht … Nicht fragen, Mistre … Wir Freunde. Mir glauben: sein Schlucht, in der wir haben größtes Heiligtum der großen Araukaner-Nation. Nicht fragen, – Mistre Olaf Karl mir mehr als Vater, Mutter, Frau, Kinder … Nicht fragen …! – Ich lauschen draußen … Ich verstehen englische Sennorita … Sein von Zeitung, wollen spionieren … In Chile viele reden, – über Araukaner-Heiligtum. Denken, raten, nichts wissen! Niemand wissen, Araukanerkrieger an Gallegos-Bucht …!“

Coy befand sich in einer mir völlig unverständlichen Erregung. Seine Worte überstürzten sich, seine Stimme war heiser und schrill … Seinen Gesichtsausdruck konnte ich nicht sehen, konnte ihn mir aber unschwer vorstellen. Es war noch vollkommen [120] finster hier unten in dieser greulichen Felskluft, wenn auch bereits ein flüchtiger Blick nach oben mir bewies, daß das Flimmern der Sterne zu erblassen begann und daß jener fahle Dunst den Äther zu erfüllen schien, der dem Morgengrauen vorausgeht.

Coy hatte ein paarmal keuchend Luft geholt. Noch immer hielt er meine Hand.

„Mistre Freund,“ begann er wieder, „nochmals Coy bitten: hier nicht einmischen. Wird Sennora und Braanken nichts geschehen, werden nur bleiben müssen in Siedlung an Gallegos-Bucht, bis … bis …“ – Er schien den Satz nicht vollenden zu wollen. Er fürchtete wohl zu viel zu verraten.

Ich war den Araukanern ein Bruder. Ich gehörte zu ihnen. Was gingen mich die Gordon und Braanken schließlich an?

„Tu’, was du für gut befindest, Coy,“ sagte ich herzlich. „Freilich kränkt es mich, daß du vor mir Geheimnisse hast.“

Er legte mir jetzt die Hand auf die Schulter.

„Mistre Freund, El Gento, weißer Bruder, – vielleicht Tag kommen, wo alles sagen ich … Jetzt schon sagen: Braanken lügen viel, Sennora lügen …! Orden, den Coy nun tragen, haben Braanken gestohlen aus größtem Araukaner-Heiligtum. Auch Coy lügen. Orden nicht verloren. Orden nie getragen. Lederschnur um Hals von Coy waren zu kleine Kapsel. Kapsel verloren. Das wahr sein, Mistre.“

Dann rief er Chubur herbei.

Sie flüsterten miteinander, und ich stand abseits und beobachtete, wie droben das Himmelsgewölbe [121] rasch die Farbe wechselte, der scheinbare Dunst verschwand und jene durchsichtige, tote Graubläue sich bemerkbar machte, die stets die Vorboten der ersten Sonnenstrahlen ist.

In der Schlucht wurde es gleichfalls heller. Es gab hier übergenug zu sehen. Die ungewisse Dämmerung, an die das Auge sich schnell gewöhnte, enthüllte die abschreckende Szenerie dieser Felsentiefe, durch die sich in wechselnder Breite, aber nirgends über drei Meter, der Gletscherbach wie ein weißlicher Streifen gurgelnd, schäumend und plätschernd hindurchwand und nach Südost zu verschwand. Von dem Gletscher selbst war von hier aus nichts zu bemerken. Die Schlucht machte offenbar große Windungen nach Norden zu, und vorgelagerte Berge versperrten die Aussicht auf die ewigen Schneegefilde der Anden vollkommen.

Die Tageshelle wuchs rasch. Und meine Augen schweiften hier unten über die Haufen faulender Baumstämme, über modernde Laubberge, über bemooste Felsen und Steine, über Farnkräuter, Dorngerank und von oben herabhängende Hopfenstauden, – – und alles, alles triefte von Nässe, alles befand sich in einem Zustand halber Fäulnis, stank, dunstete …

Die Schlucht war an dieser Stelle zwanzig Meter breit. Beide Wände ganz steil, aber bedeckt mit allerlei kärglicher Vegetation, – belebt durch die grüngelben wagerechten Pflanzensprungtücher von verschiedener Größe. Kein Kinoregisseur, kein Kinobaumeister konnte etwas so Unheimlich-Düsteres ersinnen als diesen Schlund, dessen eisige Feuchtigkeit die Lunge bei jedem Atemzuge belästigte. [122] Und doch war das Gesamtbild in seinen verschleierten, verschwommenen Umrissen von einer packenden Wirkung. Dort hing eine vom Sturm entwurzelte Reihe von Kiefern über dem Abgrund, nur noch getragen durch gelbliche Wurzelseile, die jeden Moment reißen konnten. Dann würden die Bäume, die droben im Lichte gestanden, mit den Kronen zuerst in die Tiefe sausen, übereinander stürzen, – – verfaulen … – Dort wieder hatte der Natur gewaltige Launenhaftigkeit ein paar Steinblöcke auf eine besondere widerstandsfähige Pandasara herabgeschleudert, so daß diese nun wie ein mit Felsbrocken gefüllter Beutel sich nach unten bauschte … Dort wieder in halber Höhe der Wand im Dornengestrüpp hängend die verwesenden Kadaver zweier Guanacos … Ein Wirbelsturm mochte diese Tiere, sonst so sichere Kletterer, in die Tiefe geweht haben, einer jener furchtbaren Drehstürme, wie ich einen auf Santa Ines erlebt hatte.

Still zufriedener Kulturmensch, der du vielleicht einmal in den Alpen eine der berühmten Schluchten, Höllenklamm oder dergleichen, dir ansiehst: Glaube mir, die großartige Wildheit dieser Araukaner-Schlucht habe ich, der Vielgereiste, nirgends gefunden, und kein Dichter von Gottes Gnaden könnte dir durch Worte auch nur annähernd den Eindruck dieser Szenerie vermitteln, die ich schauen durfte.

Ich sollte noch ganz anderes sehen. Der Tag kam wirklich, wo Coy den Schleier von all den bisher ängstlich verborgenen Dingen zog. –

Coys Zwiesprache mit dem einäugigen Chubur [123] war zu Ende. Sie hatten sehr lange beraten, und zuweilen hatte ich auch eins der hastig geraunten Worte verstanden. Chubur schien sich dafür einzusetzen, daß ich in alles eingeweiht werden sollte. Mein Coy aber hegte offenbar noch Bedenken.

Coy sagte dann zu mir: „Kommen Sie, Mistre …“

Ich zögerte. Und dieses Zögern galt Edith Gordon. Coys Augen glitten der Richtung meiner Blicke nach, und die waren auf das braune Zelt gebannt. Durfte ich die Miß wirklich hier allein lassen?! Schließlich waren’s doch nur halbe Wilde, meine araukanischen Freunde. Aber im nächsten Moment reuten mich bereits diese Zweifel. Halbe Wilde – ja. Doch niemals hätten sie sich an einem Weibe vergriffen – niemals!

Coy war zuweilen ein erstaunlicher Gedankenleser. Sein Gesicht wurde streng und hoheitsvoll. Indem er den Kopf mit einem Ruck in stolzer Bewegung zurückbog, sagte er nur: „Mistre Freund – kommen! Kennen El Gento seine Brüder noch immer nicht?!“

Ich nickte ihm zu. „Es ist eine Europäerin, Coy … Verzeih’. Gehen wir.“

Er schritt rasch die Schlucht abwärts. Hinter einem mächtigen Haufen faulender Stämme, deren muffiger fader Gestank mir den Atem benahm, bog er auf einen kaum erkennbaren schmalen Grat ab, der fraglos von Guanacos zuweilen besucht, in mehrfachem Hin und Her zur Höhe emporlief – zur Sonne, zur frischen Luft der Berge. –

Man hat es mir später in der Londoner Times [124] (nicht von seiten Edith Gordons) bitter zum Vorwurf gemacht, daß ich damals für die Miß nicht mit aller Energie eintrat und nicht ihre Freilassung erzwang. Man hat mich, dessen Name El Gento war und blieb, beschuldigt, es auf ein … Lösegeld abgesehen gehabt zu haben! Lösegeld – – ich?! Geld – – ich?! Wo ich, meine ehrenwerten Schwätzer vom Redaktionsstab der Times, einen Ort kenne, der mehr Gold birgt, als ihr je beieinander vermutet habt, – – ich und Lösegeld! In der Nummer vom 25. Februar 1922 eures Weltblattes habt ihr El Gento in der Einleitung zu Edith Gordons Artikelserie über „Geheimnisse der Anden“ mit dem stinkenden Dreck eurer geistreichen Anpöbelungen beworfen: Sensationsmache, Lockmittel, Nervenkitzel! Ihr versteht das Geschäft eben. Ihr habt da von einem verkommenen namenlosen Abenteurer geschwatzt, der … – – aber wozu das alles?! Mich verteidigen – euch gegenüber?! Nein, nein, meine Herren …! Anständiger wäre es gewesen, wenn ihr auf Edith Gordon gehört hättet! Denn die ist mit der Einleitung niemals einverstanden gewesen, wird sie wohl erst gedruckt zu Gesicht bekommen haben – auch eure Fälschungen in ihrem Manuskript, das ihr nach eurem Geschmack „gepfeffert“ habt … Ekelhaft gefälscht! Denn Edith Gordon dürfte ehrlich zugegeben haben, daß sie selbst die Schuld trug, wenn die Dinge schließlich eine etwas aufregende Wendung nahmen. Ich kenne Edith. Ihr habt gefälscht. Ihr habt aus einer poetischen Romanze eine abstoßende Räubergeschichte zurechtgestutzt. El Gento als Anführer einer Verbrecherhorde – – ich muß lachen, – aber es ist ein trübes Lachen, denn gestern ist [125] Coy sanft entschlafen. Und wenn ich trotzdem zur Feder gegriffen habe: Ablenken, zerstreuen will ich mich! Coy ist nicht mehr …




[126]
11. Kapitel.
Der Mann im Condorhorst.

Aber damals lebte er noch in all seiner prachtvollen Männlichkeit – damals, als wir aus der Hölle zum Lichte emporstiegen und als wir unserer Mooshütte zustrebten, dabei auch an der Steinsäule vorbeikamen, an dem Condorhorst.

Coy schritt noch immer still und rasch voran. Gerade jetzt hatte er es noch eiliger. Aber ich dachte an meinen schönen Filzhut, der mir verloren gegangen war und für den ich vorläufig nur als Ersatz einen „Chaprone“ tragen mußte, falls eben Coy so lieb war, mir ein solches Monstrum aus gespaltenen Wurzelfasern zu flechten. Chaprone sind nämlich die Riesenhüte, die von den araukanischen Frauen an der Gallegos-Bucht getragen werden.

Wie gesagt, Coy hatte es gerade hier am Condor-Horst mächtig eilig, konnte aber doch nicht verhindern, daß ich einen sehnsüchtigen Blick zu dem Nest, dem so liederlich gebauten, emporwarf. Mein schöner Hut – vielleicht ruhte schon ein Condor-Baby auf dem weichen Filz und benutzte ihn als Töpfchen – schauderhafter Gedanke.

Wirklich – so wie ich dies hier schreibe, mit dem Versuch, Humorist zu sein (obwohl mir doch gerade heute das Herz schwer wie Blei ist), – so war meine damalige Stimmung, denn wer dunkle Stunden in der dunklen Schlucht zugebracht hat, der freut sich des Sonnenlichtes zehnfach [127] und wird übermütig wie ein junges Füllen auf grüner Weide.

Mein Filzhut?!

Ach nein …

Aber trotzdem stand ich wie angewurzelt …

Schaute nochmals nach oben …

Das Blut schoß mir zum Herzen, flutete wieder zurück …

„Coy!“

Widerwillig dreht er sich um …

„Coy, was bedeutet das …?! Ich … ich sehe da oben ein Paar Reitgamaschen und braune Schnürschuhe über den Rand des Nestes hinwegragen, und wenn ich mich recht besinne, hat mir Chico so die untere Bekleidung Sennor Mastilos beschrieben!“

Mein Humor war dahin. Meine Stimme scharf und drohend.

Coy zuckte kalt die Achseln …

„Mistre alles hören werden … Kommen, kommen … Große Versammlung … Dreckige Tehus dreckige, aber Männer … Blut um Blut … Coy das kennen, und auch Mistre das wissen …“

Weiß Gott – mir wurde schwül zumute …

Mastilo dort oben – sicherlich angebunden …!! Blut um Blut …! Ja, die Blutrache besteht noch heute bei dem Mischvolk der Tehuelchen, und diese braunen Kerle mit den Eimerschädeln und den Stiernacken und den unverhältnismäßig kleinen Händen und Füßen halten an dieser Überlieferung zähe fest, obwohl sie ja längst keine reinblütige Nation mehr sind, sondern sich mit Flüchtlingen nördlicherer Stämme vermischt haben.

„Das dulde ich niemals!“ brüllte ich Coy an. [128] „Und wie kannst du selbst ruhig mit ansehen, daß …“

Ein merkwürdiger Blick traf mich … Das war wieder der freche, ironisch-überlegene Coy.

„Dulden, Mistre?! Sein vierzig Tehus von Thoneca-Abteilung. Die Thoneca sind reinblütige Tschultschen (gleich Südvolk). Thoneca sein von Tehus, was wir Araukaner an Gallegos-Bucht von große Araukanervolk. Thoneca beste Tehus. Waffen wie chilenische Kavallerie – alles gestohlen. Vierzig, Mistre, und wir sein drei gewesen. Wunder, daß noch leben, wir drei und Ihr, Mistre … Wunder, daß Kapike Tuluma von Thonecas uns schonte. Und da reden von Dulden, Mistre?! – Kommen … Kapike Tuluma warten. Versammlung wartet. Sennor Mastilo leben … Später sehen, was tun können. Jetzt schweigen. So am besten. Thoneca viel gut reden von El Gento … Zeigen ihnen, wie sein, Mistre …! – Kommen …!“ Die letzten Sätze sprach er in anderem Tone. Da war er wieder Coy, der treue, erprobte Freund und Gefährte. Wenn er etwas zusagte, hielt er es auch. Wenn er erklärte, man müsse später sehen, was man für Mastilo tun könnte, so meinte er’s ehrlich.

Ich warf noch einen kurzen Blick zu dem Chilenen im Condornest nach oben und folgte Coy.

Da ich hier keine Indianergeschichte schreibe, sondern lediglich Erinnerungen, die noch so frisch in meinem Hirn sind, daß ich mit tausend geringfügigen Einzelheiten aufwarten könnte, will ich über das feierliche Palawer mit den Thonecas (übrigens nennen sich alle Tehuelchen so, womit sie zu unrecht auf ihre Reinblütigkeit anspielen [129] wollen) nur das berichten, was mir selbst interessant war.

Über die Tehuelchen vorher noch ein paar wichtige Bemerkungen. In dem Buche des argentinischen Verfassers Dr. Ramon Sibla habe ich die Kopfzahl der Tehuelchen (1921) auf rund dreitausend angegeben gefunden. Davon sollen etwa tausend in kleinen Horden noch als freie wilde Nomaden leben, während die übrigen seßhaft geworden und zumeist als Jäger, Fischer und Farmarbeiter für die „Zivilisation[19]“ gewonnen seien. Gewiß, gerade der unfruchtbarste Teil Südpatagoniens, baumlose Sandsteppe von traurigster Dürftigkeit, mag diese Zahlenangaben rechtfertigen. Meinen Erfahrungen und Coys Mitteilungen nach beträgt die Menge der wilden Tschultschen zumindest zweitausend, und in dem fruchtbareren Südwestteil nahe den Andenausläufern mit ihren dichten Waldungen stieß ich auf wandernde Abteilungen von hundert bis zweihundert Menschen, deren Pferdereichtum, Reitfertigkeit und Bewaffnung diese unvermischten Thonecas als ein ausgesprochenes Nomaden- und Reitervolk hinstellt. Das Guanaco und eine Bastardrasse von mittelgroßen, zähen und sehr bissigen Hunden, die fraglos Blut vom patagonischen Steppenwolf in sich tragen, bilden ihre Haustiere. –

Als wir die flachen Terrassen nun abwärtsschritten, sah ich schon von weitem auf der Blöße vor unserem Mooszelt eine eigenartige Ratsversammlung beieinander. Diese in Leder, zum Teil auch in derbe, europäische Anzüge gekleideten Halbwilden hatten Kiefern gefällt und als Sitze hergerichtet. In sechs Reihen saßen sie hintereinander, und nicht einer war unter ihnen, der [130] nicht rauchte. Vor diesen „Bänken“ einer „Waldschule“ hockte ein greiser Thoneca auf einem mit Decken belegten Stein.

Coy ließ mir jetzt den Vortritt, lehnte sich abseits an eine Kiefer und spielte den Unbeteiligten. Der greise Kapike Tuluma erhob sich und reichte mir die Hand. In einem schauderhaften Mischmasch von Englisch, Spanisch und Französisch hieß er mich, El Gento, willkommen und bot mir einen Sitz an seiner Seite an.

Die übrigen Tschultschen, von denen die meisten Kavalleriekarabiner besaßen, betrachteten mich neugierig. Ihre Blicke waren nicht eben freundlich. Der Frieden, den Coy mit ihnen geschlossen, schien nicht gerade dauerhaft und ehrlich gemeint zu sein. Ich begriff jetzt vollkommen, daß meine drei Araukaner hier eine ihnen selbst recht peinliche Nachgiebigkeit hatten zeigen müssen. Diese Gesellschaft von bartlosen, braunroten Gentlemen war unbedingt gefährlich. – Tuluma, der Kapike, begann dann ohne jede Einleitung etwa folgendermaßen zu sprechen.

„Thoneca große Nation, freie Männer. Sennor Mastilo von Farm an Gallegos-Fluß Thoneca hassen, weil glauben, wir seine Kinder getötet. Wir keine Mörder. Wir Jäger, wir Frieden wollen mit chilenische Soldaten. Mastilo hier an Gallegos Herr über alles. Haben viel Peons er, viel Hirten, viel Diener, viel Gewehre. Mastilo fangen sechs von uns vor drei Monaten. Mastilo kein Erbarmen. Er wickeln Thonecas Kupferdraht von Dampfmaschine um Hände und Füße. In Kupferdraht böse Geister laufen, laufen zu Glasflaschen, leuchten, – laufen zu andere Maschinen, scheren Schafe, drehen Säge, pumpen Wasser aus Gallegos. [131] Mastilo kein Erbarmen. Thoneca schwören bei Geister der Toten, daß nicht Mörder von Kinder. Nichts helfen. Thoneca tot durch Draht. Wir all das wissen, wir Freund unter Arbeiter dort. Wir schicken Boten nach große Stadt Skyring. Chilenische Kommandant Boten auslachen. Keine Gerechtigkeit.“

Die ungemütlichen Gentlemen auf den Kiefern murmeln ein Wutgeknurr.

„Mastilo töten noch mehr Thonecas. Dann fangen er unsern Freund, blinden Sennor Braanken. Sein unser Freund. Große Kampf, Braanken fliehen. Alle Thoneca tot, nur einer leben, uns holen. Wir Fährten finden, kommen hierher, schon Finsternis. Araukaner Coy gerade haben Mastilo niedergeschlagen am Schluchtrand, Coy haben El Gento Tau zugeworfen auf untere Pandasara, kommen wieder nach oben, sagen zu Tuluma von Kisten mit Köpfen von Mastilo-Kindern[20], sagen, daß Frieden sein soll, wenn El Gento auch wollen Frieden, sagen, daß Mastilo für Thoneca, aber Braanken für Araukaner bleiben.“

Ich verstand ihn. Coy hatte verlangt, daß man ihm den „Blinden“ überlasse. Dafür hatte er den von ihm überwundenen Mastilo den Thonecas überliefert. Coy also hatte mir doch das Hopfentau zugeworfen. Es war nun vieles geklärt.

„Wie El Gento denken?“ fragte Tuluma, indem[21] er mich prüfend ansah.

Böse Zwickmühle! Wenn Coy mir nur Verhaltungsmaßregeln gegeben hätte!

Ich überlegte. Coy hatte vielleicht damit gerechnet, daß ich in seinem Interesse dieses Abkommen billigen würde. Er hatte mir unten in [132] der Schlucht angedeutet, daß diese Schlucht das größte Heiligtum der Araukaner enthielte und daß Braanken und Miß Gordon, so faßte ich jetzt seine Worte auf, gemeinsam dieses mir völlig unbekannte „Heiligtum“ irgendwie ausspionieren oder entweihen wollten.

Diplomat sein heißt reden, was man nicht denkt.

Ich nickte Tuluma zu. „Hier gibt wohl lediglich Coy den Ausschlag, Tuluma. Ich bin Gast der Araukaner. Wenn ich jedoch euch warnen darf, Tuluma: Schont Mastilo! Vergeßt nicht, daß die chilenische Kavallerie euch aufreiben kann. Wenn ihr wollt, werde ich nach Skyring reiten und mit dem dortigen Kommandanten sprechen. Ich werde dafür sorgen, daß Mastilo zur Verantwortung gezogen wird. Nur müßt ihr mir vorher in allem die Wahrheit sagen. Ihr kennt Braanken. Wer ist er?“

Der greise Kapike hob die Schultern.

„Braanken Freund, gewiß … Kurze Zeit erst, El Gento … Das sein so: Ein Thoneca suchen Harz in Wald westlich von Huar-Berg. Kommen Sturm, Kiefer fallen, Krieger liegen wie tot! Aber kommen weiße Sennor Braanken. Reiten wieder weg, sagen Krieger, nicht folgen sollen ihm. Damals Braanken noch Augen haben. Krieger zwei Tage später finden weiter östlich tote Pferd von Braanken, halb von Chapo-Ameisen aufgefressen. Krieger reiten Spur nach. Alles weitere wissen El Gento. Krieger dankbar, holen andere Thoneca, Braanken beschützen … Alles wissen …“

Nun etwas dürftig waren diese Angaben ja. Immerhin genügten sie mir, bis auf die beiden Kisten!

[133] „Und die Kisten, Tuluma?“ fragte ich gespannt.

Der alte Häuptling schüttelte den Kopf. „Nichts wissen, El Gento … nichts wissen!“

Er log natürlich. Aber zur höheren Diplomatie gehört auch das, einem Lügner höflich scheinbar zu glauben.

„Über den Tod der beiden Kinder Mastilos wißt ihr vielleicht etwas?“

Der weißhaarige Kapike, der ein Greis und doch noch ein körperlich und geistig wahrlich nicht zu verachtender Gegner war, erlaubte sich jetzt als Antwort lediglich eine unbestimmte Handbewegung und fragte dann seinerseits: „Wollen El Gento bestimmt bei Kommandant in Skyring sorgen, daß Mastilo bestraft werden? Haben El Gento bei Kommandant Gehör? Schon mal mit ihm reden, he?!“

Das war eine Sackgasse für mich. Ich hatte mich bisher gehütet, den Ort selbst zu betreten. Von weitem kannte ich ihn. Und den Major der chilenischen Armee, der dort den lieben Herrgott spielte, hatte ich überhaupt noch nicht zu Gesicht bekommen.

Der alte Tuluma schielte mich listig von der Seite an. „He – wie sein?!“ drang er auf eine Antwort.

Ich hatte inzwischen einen Ausweg gefunden.

„Höre mich an, Kapike … Ihr sollt Mastilo als Gefangenen bei euch behalten, aber anständig behandeln. Ich werde mit dem Major in Skyring die Sache in Ordnung bringen. Wenn er etwa Mastilo nicht zu bestrafen gedenkt, könnt ihr noch immer eurerseits Richter spielen. Ich glaube, das ist ein Vorschlag, der euch und uns und Mastilo gerecht wird.“

[134] Ich hatte laut genug gesprochen, daß auch die übrigen Thoneca mich verstanden haben mußten, so weit sie eben dieses merkwürdige Kauderwelsch beherrschten. Tuluma prüfte die wilden Gesichter seiner Untertanen, und dieser fragende Blick rief sofort ein lebhaftes Beifallsgemurmel hervor, das mir äußerst angenehm um die Ohren brummte. Meine Diplomatie hatte gesiegt. Die Warnung vor den chilenischen Kavalleristen war nicht spurlos an diesen Kriegern vorübergegangen, die dem Ideal eines nordamerikanischen Apachen oder Komanchen auch in dem Punkte nicht mehr ganz entsprachen, daß sie eben ihre Karabiner doch lieber auf einen Pampashirsch als auf einen Menschen richteten, von der lieben Sitte des Skalpierens schon ganz abgesehen.

Jedenfalls: Der Pakt wurde zwischen dem Alten und mir durch Handschlag feierlich besiegelt, und mein Ersuchen, Mastilo nun schleunigst von dem Condornest wieder herabzuholen, fand willige Ohren.

Da es mir ein Rätsel war, wie die Thonecas den Chilenen überhaupt dort nach oben auf die Granitsäule, die mindestens vierzig Meter hoch war und selbst für einen Guanaco niemals zu erklimmen gewesen wäre, hinaufgeschafft hatten, begleiteten Coy und ich das halbe Dutzend Thonecas bis zur oberen Terrasse, wo Coy mir zuraunte: „Mistre Olaf Karl, sehr gut so sein – sehr gut!“ – Nun, diese Anerkennung war mir ziemlich gleichgültig, weit wichtiger das Tun der sechs Krieger, von denen der eine jetzt seine Bola, den Lasso mit den fünf Enden und fünf Bleikugeln, wie ein Jongleur um eine Felszacke schleuderte, nach oben turnte und die Geschichte [135] von der Granitnase aus wiederholte. Alle sechs waren in wenigen Minuten am Condorhorst, und Coy meinte trocken, als sie nun den Chilenen an fünf anderen, zusammengeknoteten Lassos herabließen:

„Ah – Thoneca dumm … Wir hier nehmen Mastilo in Empfang. Wir reden mit ihm. Wir werden Mastilo machen klar, daß sein Leben abhängen von uns …“

Der blondbärtige hünenhafte Mastilo schwebte langsam herab. Um die Brust war ihm ein Strick geknotet, an dem die beiden halbflüggen Condorjungen krächzend und wütend um sich hackend hingen und des Großfarmers tadellosen Reitanzug mit weißlichen Andenken beehrten.

Dann stand der Chilene dicht vor mir. Sein Gesicht zeigte einen Ausdruck hochmütiger Neugier. Er betrachtete mich von oben bis unten und sagte dann mit einer herrischen anmaßenden Stimme: „Gehört habe ich schon von Ihnen, El Gento … Welcher Staat hat Sie denn ausgespien?!“

Coy beobachtete mich. Ich fühlte es. Aber diese Beleidigung eines Menschen, dessen blutige Taten geradezu nach Vergeltung schrien, prallte vollkommen an mir ab. Ich – – und Mastilo?! Nein – dazu war ich denn doch zu schade, diesem brutalen selbstherrlichen Menschen auch nur eine Silbe als Erwiderung zu schenken.

Ich drehte mich kurz um, schritt langsam davon.

Coy, mein temperamentvoller Coy aber dachte anders. „Sennor Mastilo werden klein werden, ganz klein!“ platzte er heraus. „Haben Sennor Mastilo schon gesehen Inhalt von Kisten von [136] blindem Braanken – he – – schon gesehen?!“

Ich wandte mich wieder zurück.

Der Chilene, ohne Zweifel ein Mann mit einem starken Schuß nordischen Blutes in den Adern, meinte mit beleidigender Geringschätzung: „Die Kisten sind mir gleichgültig. Du, mein Bursche, solltest aber samt deiner Sippe dort an der Gallegos-Bucht etwas vorsichtiger sein. Vielleicht räuchert man euch eines Tages dort aus, ihr Spitzbuben und Aufwiegler!“

Coy lachte nur. „So – Kisten gleichgültig?! So – – so!! Wollen wissen, was in Kisten sein?! Köpfe, Sennor, Menschenköpfe, Sennor …! Junge Sennor, junge Sennorita!“

Ich war mit zwei Schritten heran.

„Schweig’, Coy!“

Aber es war schon zu spät.

Mastilos frisches gesundes Gesicht hatte sich unheimlich verfärbt. Sein massiger Körper, dem es doch nicht am Ebenmaß fehlte, krümmte sich zusammen wie unter den wahnwitzigsten Schmerzen. Nur der Ausdruck der klaren Augen übertraf vielleicht noch in seiner erbarmungswürdigen ungewissen Angst das Erschütternde dieser so jählings zu einer Statue wildesten Entsetzens erstarrten Gestalt.

Mastilos Lippen zuckten. Der Mund öffnete sich, schloß sich. Die Kehle wollte Worte hervorstoßen, aber die Organe der Sprachbildung versagten. Seine Wangen nahmen bleigraue Farbe an, und unter diesen von der Furcht eines gefolterten Vaterherzens erfüllten Augen bildeten sich dunkle Schatten, – die Augen sanken ein, verloren die Klarheit und wurden trübe und wirr.

[137] In demselben Moment, als ich nun diesen Menschen, dem ich keinerlei Sympathie entgegenzubringen vermochte, mit dem ich dennoch Mitleid fühlte, obwohl er mich nachts wie ein klägliches Bündel mit seinen Riesenkräften in den Abgrund geschleudert hatte, – als ich diesem Manne schonend die volle Wahrheit beizubringen gedachte, die ihm ja doch nicht mehr lange verborgen bleiben konnte, kletterten die sechs Thonecas flink wie die Affen von der Granitsäule herab und traten zu uns. Ein paar Worte von mir und eine befehlende Handbewegung genügten. Sie gingen, blieben aber auf der nächsttieferen Terrasse stehen und beobachteten.

Das Bild, das der halb sinnlose Chilene darbot, vor dessen Brust die Condorjungen mit scheußlichem Krächzen die Flügel und Schnäbel bewegten und die Füße aus den Lederschlingen zu befreien suchten, – dieses Bild eines niedergebrochenen Menschen steht noch heute mit unheimlicher Deutlichkeit vor meiner Seele, obwohl seit jenem Morgen doch bereits viele Tage und Wochen verstrichen sind, die mir Eindrücke gebracht hatten, vielleicht noch mächtiger, nervenaufpeitschender als dieser Vater, dem die Angst vor der letzten Wahrheit den Schweiß auf die Stirn trieb.

Am gräßlichsten war das unaufhörliche Krächzen und Kreischen der jungen Raubvögel. Ich zog das Messer … schnitt die Tiere los, schleuderte sie den sechs Thonecas zu …

Im gleichen Augenblick über uns Flügelrauschen, – Coys warnender Ruf …

Das Condorpärchen …

[138] Wie ein graubrauner Federklumpen schoß der eine Riesenvogel auf die Thonecas herab, die die davonhüpfenden Jungen einzufangen suchten. Im Nu hatten die sechs sich flach zu Boden geworfen, der Condor packte das eine Junge, trug es empor … Der andere Riesenvogel stieß gleichfalls herab. Einer der Tschultschen feuerte, fehlte …

All das geschah in Sekunden …

In Sekunden hatten die Eltern mit ihren Jungen bereits das Weite gesucht, und meine durch diese gewiß nicht alltäglichen Vorgänge gebannten Augen kehrten zu Mastilo zurück, der jetzt den Araukaner neben mir flehend anblickte.

Jetzt hatte der Großfarmer auch die Herrschaft über Muskeln und Nerven wiedergewonnen. Er war kein verweichlichter Städter aus den leichtlebigen chilenischen Hafenorten, in denen die Lebensgier vielleicht noch intensiver pulst als in dem Ziel der Vergnügungssucht aller Südamerikaner: Paris! Nein, dieser Mastilo war alles andere als ein aufgeschwemmter kurznackiger Börsianer, war in seiner Art ein ganzer Kerl. Wie mußte er seine Kinder lieben, um derart aus Furcht vor voller Klarheit über ihr bisher ungewisses Schicksal zusammenzubrechen, er, der Goliath, er, der selbstbewußte König der südpatagonischen Steppe, von der ihm fast ein Viertel gehörte – so ungeheure Ausdehnung hatte seine Farm am Gallegos!

Ich sah, daß mein braver, vorschneller Coy den Kopf verlegen zur Seite gewandt hatte.

„Sennor Mastilo,“ begann ich rasch um seine Qual der Ungewißheit abzukürzen, „Sie werden kaum noch in der Hoffnung gelebt haben, daß [139] Ihre Kinder vielleicht nur von den Thonecas, die doch offenbar allen Anlaß haben, mit Ihnen irgendwie abzurechnen, entführt worden sein könnten.“

Sein Blick begegnete dem meinen, und er las die Wahrheit und das Mitleid aus meinen Augen ab, holte tief Atem, meinte leise und ergeben: „Also wirklich tot – – tot!“

Dann in heiserem Tone – drängend, fordernd: „Schonen Sie mich nicht! Was enthalten die Kisten?!“

„Sennor Mastilo, mir fällt es schwer, Ihnen …“

„Reden Sie! Ich bin kein Weib!“

Und da sagte ich ihm, was ich nach dem Sandsturm in der Höhle des Flußbettes in den Kisten gefunden.

Totenblässe überzog wieder sein Gesicht. Doch seine robuste Natur überwand auch diese entsetzliche Botschaft.

„Also Braanken[22] …!“ meinte er tonlos. „Braankens Werk!!“

Er beugte sich vor …

„Wer Sie auch sein mögen, El Gento: Verbrecher, Abenteurer – was weiß ich! Eins merke ich Ihnen an: Sie haben Herz, Mitgefühl! Sie erklärten soeben, daß dieser Braanken Ihnen ein Rätsel, daß Sie, was seine Person betrifft, noch völlig im Dunkeln tappen. Sie haben mich schonen wollen, Sie haben an mir als anständiger Mensch gehandelt. Ich kann Ihnen mit wenigen Sätzen dieses Rätsel lösen. Die Lösung ist ein Griff ins Leben, ist nüchtern, ohne jede Romantik. Braanken ist ein Geisteskranker, der vor einem Jahr aus [140] der Irrenanstalt in Valdivia entfloh, einen Farmer ermordete, sein Pferd, seine Waffen nahm und seitdem hier im südlichsten Patagonien mir … auflauert …“




[141]
12. Kapitel.
Der König von Araukanien.

Mein zweifelnder Blick beschleunigte des Chilenen seltsame Aufklärungen. „Peter van Braanken kam 1920 nach Valdivia, zerlumpt, verkommen. Ein Zufall führte mich mit ihm zusammen. Da meine Mutter Holländerin gewesen, nahm ich mich Braankens an. Er wurde Buchhalter bei mir, obwohl er nicht ganz zurechnungsfähig war. Aber sein Irrsinn war harmlos. In Deutsch-Südwest hatten die Schwarzen ihm sein Weib ermordet und seine kleine Farm eingeäschert. Er bildete sich ein, daß sein Weib noch lebe. Er suchte beständig nach ihr, trieb sich in seinen freien Stunden am Hafen umher und belästigte Frauen, denen er nachlief und die er als „seine Anna“ ansprach. Mein Einfluß bewahrte ihn ein Jahr lang vor der Irrenanstalt. Dann trieb er es immer toller, litt unter Wutanfällen, – ich mußte ihn der öffentlichen Irrenpflege übergeben, und daher sein Haß gegen mich. Als mein Buchhalter hatte er mich zweimal nach der Gallegos-Farm begleitet. Und so konnte er unschwer nach seiner Flucht hier in der Wildnis sein gefährliches Treiben aufnehmen. Er ist nicht blind. Er hat einst in Amsterdam Medizin studiert. Er besitzt die ganze Schlauheit und Gerissenheit eines Geistesgestörten, seine Blindheit ist Schwindel. Er muß irgendein Mittel kennen, seine Augen zu Verfärben. – Nun wissen Sie alles, El Gento. Meine armen Kinder und die Diener, von denen sie begleitet waren, sind der Tücke eines Irren, [142] dem ich nur Gutes erwiesen, zum Opfer gefallen. An Sie aber richte ich die Bitte, die Thonecas zu veranlassen, die Kisten mir auszuhändigen.“ Seine Stimme schwankte merklich. „Sie werden dafür eintreten, daß dies geschieht – – ich bitte Sie herzlich. Und – – noch eins. Beurteilen Sie mein Vorgehen gegen die Eingeborenen nicht zu hart. Es bestehen hier eben andere Verhältnisse als in zivilisierten Gegenden. Die Tehuelchen haben mir, als ich vor zehn Jahren das Gebiet am Gallegos erwarb und den Farmbetrieb sofort in größtem Maßstabe eröffnete, von vornherein als Feinde gegenübergestanden. Sie stahlen, wo und was sie konnten. Sie feuerten aus dem Hinterhalt auf meine Leute. Sie suchten mich abzufangen, sie wurden von Kavallerie verjagt, kehrten zurück. Es war ein immerwährender Kleinkrieg, bis der Kommandant in Skyring vor zwei Jahren ein Exempel statuierte und zehn Thonecas erschießen ließ. Da wurden sie scheinbar zahm. Aber ihre kleinen Niederträchtigkeiten bekam ich weiter zu schmecken. Und dann verschwanden meine Kinder. Man konnte den Thonecas nichts nachweisen. Der alte Tuluma wurde nach Skyring gebracht. Ich hielt ihn für den Hauptattentäter. An Braanken dachte ich nicht. Ein einzelner Mann, sagte ich mir, kann unmöglich fünf Menschen aus dem Hinterhalt niederknallen und sie spurlos verschwinden lassen. Tuluma mußte man wieder in Freiheit setzen, denn es war ihm nicht beizukommen. Außerdem war der Kommandant auch gerecht genug, mein allzu energisches Auftreten gegenüber den Tehuelchen zu tadeln, was ich mit einiger Empörung hinnahm, denn damals war ich noch in dem Wahn befangen, nur die braunen Pampassöhne [143] könnten für den Verlust meines Sohnes und meiner Tochter verantwortlich gemacht werden. Ich bin auch nur ein Mensch, El Gento, und ich habe meine großen Fehler und Schwächen, die leider, leider in einem nie rechtzeitig zu unterdrückenden Jähzorn gipfeln. Endlose Monate in Ungewißheit über den Verbleib meiner Kinder dahinzuvegetieren, – das hat meine Nerven vollends zermürbt.“

Er war kein Mann, der irgend etwas beschönigte. Und das versöhnte mich ein wenig mit seinem brutalen Wesen. Kraftnaturen wie er bedürfen eines besonderen Maßstabes.

„Weshalb schleuderten Sie mich nachts in den Abgrund?“ fragte ich mehr neugierig als feindselig.

Ein erstaunter Blick …

„Sie waren doch Braankens Verbündeter, El Gento … Das heißt: ich mußte dies bisher annehmen. Erst Ihre Aufklärungen vorhin gaben mir ein anderes Bild von den Dingen. Ich kann Sie nur um Verzeihung bitten, und ich tue es gern, denn – Sie gefallen mir. Sie scheinen aus ähnlichem Holze geschnitzt zu sein wie ich …“

„Nicht ganz … – Aber lassen wir das. Ich lebe – und ich begreife Ihre Handlungsweise. Freilich werden Sie die Folgen zu tragen haben. Die Thonecas werden Sie als Gefangenen mit in die Pampas nehmen, bis ich mit dem Major in Skyring …“

Eine unendlich gleichgültige Handbewegung schnitt mir das Wort ab. „Mit den Thonecas werde ich fertig werden … Lassen Sie die Kisten holen, ich bitte Sie, und dann möchte ich Braanken sprechen.“

[144] Coy Cala hatte sich die letzten Minuten schweigsam und regungslos verhalten. – „Nicht sprechen können, Sennor,“ sagte er jetzt kurz. „Braanken nicht mehr da … Braanken gehören Araukanern, auch blonde Sennorita. Chubur und Chico schon unterwegs mit beiden. Sennor werden mit Thonecas reiten. So gut, so beschlossen sein.“

Er winkte den drei Thonecas zu. „He – hier den Sennor zu Lagerplatz führen …!“

Er befahl, und die Art, wie er es tat, schwächte Mastilos unwillige Kopfbewegung zu einem gefügig-geringschätzigen Achselzucken ab. „Ihr brauner Freund spielt hier den Herrn der Situation, El Gento … – Wo sind die Kisten?“

Coy erwiderte hart: „Weg sein. Braanken schweigen. Kisten werden Sennor später vielleicht finden … Wenn Kommandant gerecht ist … Braune Araukaner immer gerecht. Gelbe Chilenen aber längst vergessen, daß Araukaner und Tehus waren Herren von Berge und Pampas. – Kommen, Mistre Karl Olaf … Coy aufbrechen. Viel zu tun, Mistre … Kommen …“

Mastilo starrte mich an.

„Ich kann an alledem nichts ändern,“ meinte ich freundlicher, als er’s im Grunde verdient hatte. „Wir werden uns später noch treffen, Sennor. Leben Sie bis dahin wohl.“

„Die Kisten …“ murmelte er nur. Ein tiefer Seufzer noch und er wandte sich den Thonecas zu.

Coy schritt schnell voraus. Als wir den Lagerplatz der Tehus und die Mooshütte erreichten, waren unsere Verbündeten bereits eifrigst mit den Vorbereitungen zum Aufbruch beschäftigt. Chuburs und Chicos Pferde fehlten, und auch Coy und ich nahmen unsere Pferde und sagten dem Thoneca-Kapiken [145] Tuluma noch ein paar Abschiedsworte. Es war nicht viel Herzlichkeit darin. Der weißhaarige Eimerschädel von Häuptling fühlte wohl unbewußt meine ganz geringe Sympathie für Mastilo. Und das mochte ihn mißtrauisch gemacht haben. Diese Naturmenschen besitzen ja eine erstaunliche Beobachtungsgabe, sind förmlich Gedankenleser und Augendiagnostiker – letzteres freilich in anderer Art als die Naturheilkundigen und ähnliche Charlatane von Menschheitsbeglückern, die von der Natur keine Ahnung haben und deren famose Augendiagnose mich an die Methoden der Herren Medizinmänner der Tehuelchen erinnert, die zumeist den Patienten, ob diese nun an Brechdurchfall, Ausschlag oder Halsschmerzen leiden, in die Augen … spucken.

Als wir die unterste der Terrassen hinter uns hatten und sich nun vor uns das steinige Hochplateau endlos weit nach Osten zu ausbreitete, stieg Coy wortlos in den Sattel und trabte davon – mit einem so merkwürdig verschlossenen Gesicht, daß ich mir jede Frage verkniff, welchem Ziele wir zustrebten. Überhaupt hatte sich meines braunen Freundes Wesen mit einem Schlage von dem Moment an vollständig geändert, wo er dem Chilenen mit so deutlicher Verachtung von dem Gerechtigkeitsgefühl der Araukaner gesprochen und ihn auch an den einstigen Machtbereich der jetzt überall unterjochten Indianerstämme erinnert hatte.

Eine schmale, aber nach Süden hin scheinbar endlose Waldkulisse trennte uns jetzt von den Thonecas, die ebenfalls bereits über die Hochebene in weiter Ferne daherkamen. Coy sprang aus dem Sattel. Nahm die Taschen aus Seehundsfell von den Sattelhaken, warf sie sich über die [146] Schulter, wand sich Lasso und Bola um den Leib und winkte mir dann zu. „Schnell, Mistre …!“

Gleich darauf jagten unsere beiden Gäule, denen Coy die Zügel verknotet und je ein kurzes Stückchen glimmenden Feuerschwamm unter die Schwänze geklemmt hatte, in wildestem Galopp ein flaches Tal hinab und verschwanden hinter einer Biegung. „Werden allein an Gallegos-Bucht zurückfinden,“ sagte Coy. Dann erkletterte er eine uralte Buche, half mir hinauf, und aus diesem immergrünen Versteck konnten wir in aller Ruhe beobachten, wie sich nachher von dem Tehu-Trupp zehn Reiter abzweigten und ahnungslos der Fährte unserer Gäule folgten, während der alte Tuluma mit seinem weißen Gefangenen und den übrigen Thonecas nach Nordost hin den Ritt fortsetzte.

„Tuluma schlau und falsch,“ meinte Coy und glitt am Stamm abwärts.

Eine Stunde drauf befanden wir uns wieder in der düsteren eisigen Schlucht, in der ich kurze Zeit Edith Gordon, Korrespondentin der Times, auf dem Schoße gehabt hatte.

Die Schlucht war leer. Das kleine Zelt fehlte. Chico und Chubur waren längst mit Braanken und der Miß unterwegs nach der Araukaner-Niederlassung an der Gallegos-Bucht.

Auch jetzt blieb Coy geradezu unheimlich still.

Fragen stellen?!

Es war ja klar, daß Coy, der jetzt dicht am Gletscherbach die Schlucht aufwärts verfolgte, sich die Sache anders überlegt hatte und mich zu dem rätselhaften Heiligtum der Araukaner nehmen wollte. Ich blieb dicht hinter ihm. Von einem Weg oder Pfad war hier natürlich keine Rede. Auf dem schlüpfrigen Boden glitten wir häufig [147] genug aus, zumal mein brauner Freund alle Stellen vermied, wo unsere Seehundsstiefel auch nur die geringste Spur hätten zurücklassen können. Es war ein überaus mühseliger Weg, es war eine Strapaze ohne gleichen, dieses Klettern und Balancieren, dieses stete Mühen, sich im Gleichgewicht zu halten, dieses ununterbrochene Anspannen aller Muskeln – nach einer Nacht, die uns jedem nur knappe drei Stunden Schlaf beschert hatte. Es war ein unerhört qualvolles Wandern halb im sprühenden Gischt des in rasender Eile dahinschießenden Baches, der stellenweise noch kleine Fälle bildete und uns über und über mit feinsten Wasserperlchen bedachte. Es war trotzdem ein Weg von grandioser Seltsamkeit – zwischen oft himmelhohen Felswänden, stets im Halbdunkel, stets in der gräßlichen Kellerluft und in bedrückendem Moderduft. Es war ein Abenteuer für sich, dieses hartnäckige Erklimmen eines Pfades, der scheinbar nur am Höllentor enden konnte – ein Zugang zur Unterwelt, eine Bahn unbekannter Schrecken. Ein Wunder, daß nicht aus den finsteren Klüften zu Seiten dieses Höllenweges vorsintflutliche Ungeheuer uns anfielen. Viel Phantasie gehörte wahrhaftig nicht dazu, sich diese Untiere in grauenvollster Gestalt auszumalen.

Vielleicht anderthalb Stunden ging’s so höher und höher. Die Baumregion lag längst hinter uns. Oben an den Schluchträndern wuchsen nur mehr dürre Büsche, Krüppelkiefern und Dornen – ganz vereinzelt.

Und Coy kannte keine Ermüdung. Ich war wie in Schweiß gebadet. Meine Knie zitterten, meine überanstrengten Augen tränten, meine [148] Waden zogen sich in Krampfanfällen schmerzhaft zusammen.

Vor uns das hohle, dumpfe Brausen eines neuen Wasserfalles. Eine scharfe Krümmung und wir sahen ihn vor uns.

Da machte Coy halt, wandte sich um.

Ich starrte empor zum grellen Sonnenlicht, wischte mir die Augen.

Ich habe vieles in meinem Leben gesehen, was mich entzückte, was mich in unverfälschter Naturschönheit schwelgen ließ. Nichts von alledem vergleichbar mit dem Anblick, der mir hier beschert wurde.

Dreißig Meter vor uns ein senkrechter Abhang, gekrönt von blendendem Schnee und Eis …

Und über diesen Abhang ragte wie ein ungeheures Glasrohr einer mächtigen Wasserleitung eine Eisspitze des Gletschers tief hinab, und aus ihrer drei Meter weiten runden Öffnung schoß das klare Gletscherwasser in den Abgrund zu unseren Füßen hinunter, verwandelte ihn in einen schäumenden See mit einem brausenden Abfluß.

Vielleicht vierzig Meter war diese Steilwand hoch, vielleicht zehn die Gletscherzunge lang – das Glasrohr – durchsichtig, blau-grün, violett, dunkelgrün – in allen Farben im Sonnenlicht schimmernd.

Und im Sonnenlicht spielten auch die Wasserstäubchen dieser Gletscherbachquelle in allen Regenbogenfarben. – Ein Jammer, daß Worte so wenig eindrucksvoll sind, wenn es gilt, die Eigenart eines Landschaftsbildes wiederzugeben. Nur ein Gemälde hätte dieses Wunder von Farbenpracht und berückender Seltsamkeit getreulich gezeigt. Ich bin weder Maler noch Schriftsteller. Ich bin Olaf Karl Abelsen oder El Gento, und [149] ich schreibe dies an dem Tage, wo wir genau vor einer Woche meinen Freund Coy zur letzten Ruhe beigesetzt haben – neben seinem Großvater und Vater – hoch zu Roß wie diese beiden – beigesetzt in einer wahrhaft königlichen Gruft, wie sie noch kein Potentat irdischer Reiche gefunden. Ich schreibe dies in meiner grünen Laube hart am Ufer der Gallegos-Bucht, und zu meinen Füßen spielen Coys kleine vaterlose Rangen, und meine Hand ist schwer und mein Herz noch schwerer und mein einziger Trost der Gedanke, daß Coy gestorben ist, wie er gelebt hatte: als Mann, als mein Freund, meine Hand in der seinen – mit einem Lächeln auf den Lippen, jenem rätselvollen Lächeln, das allen denen eigen, die den Tod nicht fürchten und die reinen Herzens scheiden.

Ich schreibe – und in mir ist die lebendige Erinnerung an die ganze Zauberpracht jenes Abgrundes, jenes Gletschers, der stolz, einsam und unerreichbar inmitten der weißen Andenhügel das größte Heiligtum eines tapferen, redlichen rotbraunen Volkes darstellt. –

Coy schaute mich an …

„Mistre!!“ Er brüllte, mußte brüllen, um den Lärm der zerstiebenden, herabschießenden Wassersäule zu überschreien. „Mistre!!“ Seine Hand nahm die meine. „Du mein Freund, Olaf Karl … Du sehen, was kein Weißer schauen sollte … Einer es doch schauen schon: Braanken! Er stehlen Orden … Orden bald wieder an Ort und Stelle sein … – Du mein Freund, Freund aller Araukaner, du jetzt braune Haut, du immer gutes Herz. – Kommen …!“

Und er drehte sich zur rechten Felswand, holte [150] dort aus einer Spalte ein dickes Tau hervor, das oben irgendwo befestigt war.

„He – werden noch klettern können?“ brüllte er voller Verständnis für meine gänzliche Erschöpfung.

Ich schüttelte den Kopf.

„Gut – emporziehen … Coy klettern,“ sagte er zu mir.

Weiß Gott, Coys Muskulatur war beneidenswert.

Das dicke Seil stammte fraglos von einem gestrandeten Schiff, war tadellos geölt und in Abständen von drei Meter mit später eingeflochtenen Lederschlaufen versehen, die jedem Klettrer ein Ausruhen ermöglichten. Coy turnte mit seinen Satteltaschen und seinem umgehängten Karabiner spielend leicht empor. Müdigkeit kannte er nicht. Nerven erst recht nicht. Wenn wir mal von einem längeren Jagdausflug zurückgekehrt waren, hatte er sogar im Sattel geschlafen. Er verstand es eben, jeden Zeitpunkt rechtzeitig auszunutzen und Geist und Körper, wenn die Gelegenheit da war, vollständig zu entspannen. Aus diesem seinem Kraftakkumulator – besser kann ich’s nicht bezeichnen – schöpfte er dann bei anderen Gelegenheiten den nie ermüdenden Strom von Energie, – eine Kunst, die den Kulturmenschen in den seltensten Fällen eigen ist. Es ist dies in der Tat eine Kunst, die ja besonders bei den orientalischen Völkern von jeher bis zur äußersten Grenze vervollkommnet wurde. Man denke nur an den scheinbaren Zustand tiefsten Insichversunkenseins indischer Fakire: nichts anderes als Entspannung, nichts anderes als das Ausschalten jeglicher äußerer Eindrücke und dadurch innere Krafterneuerung.

[151] Die wenigen Minuten, die Coy zum Erklimmen des Randes des Steilhangs gebrauchte, hatten merkwürdigerweise auch mir zu einer völligen Belebung meines erschöpften Ichs genügt. Fraglos tat dabei der Wunsch, vor meinem braunen Freunde nicht zurückzustehen, das seine. Ich begann gleichfalls zu klettern. Und je höher ich kam, je mehr die frische Luft der freien Berghöhen und der Glanz des Tagesgestirns mich umspielten, desto beweglicher wurde ich. Coy hatte nur kurz zu mir herabgeblickt und war dann verschwunden. In halber Höhe des Abhangs ruhte ich mich aus. Das Tau pendelte leicht hin und her. Das Eisrohr der Gletscherzunge und der enorme Strahl intensiv grünlich schillernden Wassers war jetzt keine vier Meter von mir entfernt. Ich spürte die Kälte, die der Eismasse entströmte, aber es war eine andere Kälte als dort unten im Höllenschlund.

Weiter … Meine Muskeln arbeiteten fröhlich, mein Sinn war heiter und froh. Ich freute mich auf das, was ich sehen würde, – ich ahnte bereits, was allein es sein konnte. Freilich: Die Wirklichkeit war nachher doch noch imposanter, eigenartiger als das Spiel meiner Phantasie.

Weiter … Immer flotter … Jetzt trafen mich die ersten Sonnenstrahlen. Noch vier Kletterschlüsse, ein Schwung, und ich stand in grobkörnigem harten Schnee – auf einem nach Osten zu sich bergab ziehenden Schneefelde, während halb links von mir der durch kahle Berge eingeengte Gletscher mit seiner teils blanken, teils mit Steingeröll bedeckten Oberfläche schroff zu den Höhen eines einzelnen blendend weißen Bergmassivs emporlief.

Von Coy nichts zu sehen …

[152] Anderes sah ich …

Noch weiter links war ein Teil der ungeheuren Eismasse, die ja in steter Abwärtsbewegung begriffen ist, zwischen den nackten Wänden eines kleinen Seitentales festgeklemmt. Dort klafften deutlich erkennbar eine Spalte von vielleicht drei Meter Breite, so daß dieses kompakte Eis dort in dem Tale, das freilich bis obenan ausgefüllt war, die Wanderung nicht mitmachte.

Und dort vor der langen Spalte, die von Talrand zu Talrand lief, lagen Coys Satteltaschen.

Ich begann vorsichtig den Marsch über den Gletscher, benutzte meine Büchse als Bergstock und vermied alle blanken, feucht schimmernden Stellen. Erinnerungen an meine Knabenzeit wuchsen aus der Vergangenheit empor. Neun Jahre war ich gewesen, als meine Eltern mit mir Norwegen besucht hatten. Schon damals war die Entfernung zwischen meinem ernsten, verschlossenen, schwerblütigen Vater und meiner einst so sonnigen, heiteren Mutter, einer echten lebensfreudigen Berlinerin, so groß gewesen, daß auch mein jugendliches Gemüt in dem Vater nur den Feind und Störenfried des zwischen meiner geliebten Mammi und mir bestehenden innigen Verhältnisses betrachtete. Schon damals hatte meine Mutter dahinzuwelken begonnen, und als wir drei während dieser freudlosen Reise im Nordwesten der Fjordstadt Odda oben auf dem bekannten Buarbrä-Gletscher uns befunden hatten, war meine Mutter ins Gleiten gekommen – vielleicht absichtlich – gerade auf eine Gletscherspalte zu, aus deren Tiefen das Gurgeln und Schäumen des Wassers drohend und geheimnisvoll zur Oberwelt empordrang. Ich hatte aufgeschrien, und mein Vater war ohne [153] Besinnen der Bedrohten über die spiegelglatte Eisfläche gefolgt, hatte sie noch ergriffen, bevor der Eisschlund sie verschlingen konnte … Und meines Vaters bleiches Gesicht war mir von damals her ein unauslöschliches Bild geblieben – ein Gesicht, das mich die Wahrheit nicht erraten ließ: auf seine Art hatte er meine Mutter geliebt, und Schreck und Angst blieben noch stundenlang nachher in seinen umflorten Augen.

Erinnerungen …

Erinnerungen – genau wie das hier Niedergeschriebene – Wort an Wort Gereihte, während der Wind in den Blättern meiner Dichterlaube säuselt und Coys Rangen, die ich wie ein Vater liebe, sich im Messerwerfen üben. Und Coy – ist tot …

Coy lebt, wird immer leben, in mir, in meinem Herzen, so lange es noch pocht und hämmert und mein Hirn ernährt.

Coys Satteltaschen nun dicht vor mir. Dicht vor mir die Spalte – grünblau in den Tiefen, voller blanker Höcker, voller Felsblöcke, Steine.

Steine, eingefroren in die Eismasse für alle Ewigkeit … Steine, die eine Treppe bildeten, einen Pfad hinab in das Mausoleum des einzigen Königs von Araukanien.

Steine, auf denen sich die feuchten Abdrücke der feuchten Stiefelsohlen Coys abzeichneten.

Ich schulterte auch seine Satteltaschen. Und stieg hinab in die grünblaue Dämmerung, Stein um Stein, Schritt für Schritt, Stufe um Stufe, bis hinter einem vorspringenden Eisblock, dem ich gebückt ausweichen mußte, vor mir ein breiter, oben flach gehauener Buchenstamm lag, eine Brücke zum toten, eingeklemmten Teile des Gletschers.

[154] Weiter hinein in die immer köstlichere milde Lichtfülle der blanken glitzernden Wände …

Ein Torbogen aus Eis … Eissäulen zu beiden Seiten, von Menschenhand herausgehauen, geglättet, verziert mit gelben uralten Götzenfiguren in kleine Nischen. Gelb – – Gold! Gold – – zahllose dieser Figuren, zahllose Tempelgeräte, Waffen, Gebrauchsgegenstände: alles Gold!

Und hinter der zehnten dieser Säulen eine Eishalle …

Fackellicht …

Dreißig, vierzig Harzfackeln brannten hier, in den Eiswänden befestigt, angezündet von Coy Cala, der, ganz Statue, dicht neben den beiden Reitern stand, die mitten in dem weiten, hohen Mausoleum als Mumien auf mumienhaften Pferden saßen, beide in Ledertracht, der rechte ein Europäer mit blondem, leicht ergrautem Spitzbart: Tounens, der Normanne, der König von Araukanien, angeblich in Frankreich bestattet, in Wahrheit zurückgeholt von seinem Sohne, dem Vater meines Coy, hierher in dieses Eismausoleum.

Ein Wunderbau …

Säulen ringsum … Eissäulen … Die Decke mit plumpen Ornamenten verziert, plump, aber eindrucksvoll …

Der Eisdom schien zu glühen …

Fackellicht zauberte die wunderbarsten Lichtreflexe hervor …

Fackellicht, unruhig und wechselnd, belebte die starren Mumiengesichter, rief unheimliches Leben auf des Königs kühnen Zügen hervor, kühn und wild wie die meines Freundes, der noch immer reglos verharrte …

Und mein befangener Blick irrte abermals [155] über die Säulen hin, über den Hintergrund des Domes, der von einem farbenfrohen Gewebe gebildet wurde, wie es die Frauen der Araukaner aus Baumrinde herzustellen wissen – ein mächtiger Teppich, ein Künstlerwerk, bunt und wundervoll, voller Figuren, Reitern, Hirschen, Straußen, Pumas, in der Mitte ein Oval: ein einzelner Reiter: König Tounens!

Befangen mein Blick auch von den Reichtümern, die hier in geschmackvollen Pyramiden aufgestapelt waren … Gold … Gold …

Und meine Freunde aus der Gallegos-Bucht lebten in bitterster Armut, während hier Millionenwerte aufgehäuft waren, dachten nicht daran, auch nur das geringste Stück dieser Kostbarkeiten zu veräußern.

Meine Augen blieben wieder auf dem Araukanerkönig haften – auf dem Orden auf seiner Brust.

Orden … – Nun wußte ich: Braanken hatte den Orden von hier gestohlen!

Nun wußte ich: Edith Gordon hatte gleichfalls diese Stätte besuchen wollen, über deren Existenz längst in den Hafenstädten Chiles allerlei vage Gerüchte umgingen. –

Miß Gordon hat das Mausoleum König Tounens’ in ihrer Artikelserie in der Londoner Times später weit ausführlicher geschildert als ich es hier in der Überzeugung tue, daß Worte stets nur Worte bleiben und daß nur eigenes Schauen die erhabene Eigenart dieser Grabstätte vollkommen würdigen kann. Miß Gordon hat aber auch ihr Versprechen gehalten und ihre Niederschrift so abgefaßt, daß ein Uneingeweihter dieses Gletschermausoleum nie finden wird, ganz abgesehen [156] davon, daß der Zugang zu jenen Höhen nunmehr für alle Ewigkeit verstopft ist – und es gibt nur den einen Zugang durch die Höllenschlucht – es gab ihn! –




[157]
13. Kapitel.
Braankens letzter Schuß.

Coy trat zu mir. Mein tranduftender bärenstarker Coy mit dem scharfen, kühnen Profil und der hohen klugen Stirn. Coy, jetzt trotz allem nicht mein Coy, wie ich ihn bisher gekannt hatte.

„Freund Karl Olaf,“ sagte er mit einer Würde, die mich durchaus nicht in Erstaunen setzte, die mir vielmehr gerade in dieser Umgebung sehr angebracht erschien … „Freund, weißer Freund, Coy nicht brauchen zu erklären, was dies hier sein … Sein dies Heiligtum von einst so mächtige Araukaner-Nation … Sein dies Grab meiner Väter, weißer Freund, – fließen auch in Coy Calas Adern helles Blut von französische Normannen.“ Sein Blick hing dabei unverwandt auf der Reitermumie des einigen einzigen Araukanerkönigs. Seine Stimme wurde heller, lauter, klingender. „Weißer weiser Freund, du nicht ahnen, daß armer Fischer und Jäger Coy Cala an Gallegos-Bucht sein in Wirklichkeit rechtmäßiger Großtoqui und König über viele viele tausend Araukaner … Sein so … Coy Cala, ich, – nur ein Wort aus meinem Munde, und droben in den wärmeren Steppen meiner wahren Heimat würden Tausende satteln ihre Pferde und kommen und holen ihren Großtoqui. Aber Coy Cala …“ – und seine Stimme sank zu schmerzlicher Melancholie – „streben nicht nach Macht … Vergangenheit tot sein. Zeiten vorbei, wo braune Indios mit fremden Eroberern kämpfen konnten. Coy viel, viel gesehen, [158] viel gelernt. Coy friedlich weiter als armer Fischer leben wie bisher. Coy genug sein, daß weißen Freund haben.“

Seine Hand fand die meine …

„Olaf Karl – El Gento, weißer weiser Bruder, du sein bester Teil von mir, du sein Bruder, Vater, sein genug mir, nichts mehr verlangen Coy …“

Ein schlichteres und doch so überaus inniges Eingeständnis seiner Anhänglichkeit und Liebe war nie über seine Lippen gekommen.

Das Schicksal ist so unendlich grausam zuweilen. Das Schicksal ließ mir keine Zeit mehr, Coy so zu antworten, wie mir ums Herz war. Ein armer Wahnsinniger, dessen Geist sich angesichts der geschändeten Leiche seines jungen Weibes verwirrt hatte, war von der unbegreiflichen höheren Fügung dazu ausersehen, einen Riesen zu fällen, einen wahrhaft guten Menschen zu qualvollem Siechtum zu verdammen.

Ein entsetzliches, hier in der kalten Eisgrotte gellend widerhallendes Hohnlachen … Dann ein Schuß von der Säulenreihe her …

Coys Rechte flog aus der meinen, fuhr gegen die eigene Brust …

Ich fing den Taumelden auf, legte ihn sanft auf den feuchten, schillernden Eisboden. An mich selbst dachte ich nicht. Daß eine zweite Kugel mir gelten könnte – erst Coy!

Und Coys fahles, jäh verfallenes Gesicht, seine geschlossenen Augen, – mein Herz krampfte sich zusammen. Und wie etwas, das mich selbst nichts mehr anging, vernahm ich aus dem Säulengang jetzt den schrillen Todesschrei eines Menschen [159] und unverkennbar des dürren sehnigen Chico grimme Stimme:

„So – – Braanken nie mehr Drücker von Büchse berühren werden …“ Der dumpfe Krach eines zu Boden schlagenden Körpers folgte …

Neben mir tauchte der kleine stämmige Melancholiker Chubur auf, warf sich wortlos neben Coy in die Knie und riß ihm das Lederwams und das Hemd auf, legte so die Einschußstelle frei – ein roter, etwas blutiger Fleck, harmlos ausschauend wie eine starke Quetschung, und doch – der Anfang vom Ende!

Der lange Chico drängte mich beiseite. Ein Blick auf das Jagdmesser in seiner Hand. Ein einzelner Blutstropfen fiel von der Spitze der breiten Klinge auf das klare kalte Eis.

Chico stierte auf Coys Wunde, auf das schreckvoll veränderte Gesicht. Chubur hatte des Bewußtlosen Jacke und Hemd noch weiter geöffnet. Die Kugel war zwischen der dritten und vierten Rippe wieder herausgetreten, der daumengroße Ausschuß spie helles schaumiges Blut. Das Geschoß mußte beide Lungenflügel verletzt haben.

Chico neben mir mit heiserer, gequälter Stimme:

„Mistre Coy verbinden … Schnell … Chubur und Chico oben auf Gletschern dreckige Tehus verscheuchen. Sein da mit weiße Miß – zehn Tehus.“

Und zu Chubur – befehlend: „He – du kommen, Chubur!! Kommen rasch du …!“

Sie eilten davon. Sie waren keine Schwätzer. Sie wußten, daß ich mir alles Nötige schon zusammenreimen würde. War ja auch nicht schwer. Braanken und Miß Gordon waren ihnen offenbar [160] mit Hilfe jener zehn Tehus, die der alte Kapike Tuluma hinter Coy und mir dreingeschickt hatte, entwichen. Braanken, der ja bereits einmal das Eismausoleum besucht und dabei merkwürdigerweise nur den Orden gestohlen hatte, mußte sich dann von den anderen getrennt haben, war vorausgeeilt und hatte – wer kennt die Gründe eines Irren für eine Mordtat?! – den heimtückischen Schuß auf Coy abgegeben, während Chubur und Chico leider um wenige Sekunden zu spät auf dem Schauplatz erschienen waren.

Zu spät.

Coys Geschick hatte sich erfüllt. Während ich Ein- und Ausschuß verband, blieb er bewußtlos, glich mehr einem Toten als einem Lebenden. Entsetzlich waren die pfeifenden, rasselnden Atemzüge, entsetzlich die schaumigen Blutfäden, die ihm immer wieder aus den Mundwinkeln hervorrannen.

Traurige, traurigste Freundespflicht …

Nun lag er da auf meiner Lederjacke in dieser kalten feuchten Luft – reglos, einer, der nie mehr den Odem des weiten Meeres an der Gallegos-Bucht genießen würde, wie ich in jener unheilvollen Stunde fürchtete, – einer, der hier angesichts seiner stillen Väter vom verderblichen Blei ereilt war.

Ich richtete mich auf. Ich konnte für ihn vorerst nichts weiter tun. Eine winzige, winzige Hoffnung linderte den dumpfen Schmerz in meiner Seele: daß Coys Bärennatur trotz allem dem Sensenmann noch trotzen würde! Unfaßbar wär’s gewesen, daß dieser kraftstrotzende Körper durch ein kleines längliches Stückchen Blei hingemäht sein sollte!

[161] Ich lauschte …

Um mich her war Grabesstille. Nur das Knistern und Zischen der zahlreichen Harzfackeln und das unregelmäßige Fallen der Tropfen von der Eisdecke bildeten die einzigen stärkeren Geräusche.

Und doch war’s um mich her wie ein beständiges Wispern und Raunen ferner unverständlicher Stimmen. Es war das Gletschereis, es war diese ungeheure Eismasse, die unter dem Einfluß der Sonnenstrahlung in ihren verschieden dicken Schichten sich dehnte und allerlei Töne hervorbrachte.

Dann der schwache ferne Knall einiger Schüsse. Ich warf noch einen Blick auf den Freund, nahm die Büchse und eilte in die blaugrüne Dämmerung des Eissäulenganges hinaus. Vor mir lag Braankens Leiche auf dem Rücken. Seine rechte Hand war unter die Lederjacke geschoben. Im letzten Todeskrampf noch hatte der Unglückliche seines Weibes gedacht und ihr Bild aus der Innentasche halb hervorgeholt und mit zuckenden Fingern zusammengedrückt. Sein gesprenkeltes Gesicht zeigte einen unbeschreiblich schmerzlichen Ausdruck. Die Augen waren weit aufgerissen, und die Pupillen vollkommen klar, ohne jeden milchigen Überzug. Und auch diese Augen bestärkten mich noch in der erschütternden Annahme, daß der umnachtete Geist dieses Bedauernswerten noch kurz, ganz kurz vor dem Antritt der ungewissen Wanderung in ein ungewisses Jenseits zu voller Klarheit sich geläutert habe, daß Braanken den hinterlistigen zwecklosen Schuß auf Coy Cala klaren Geistes bereut habe.

Menschenschicksale fernab vom Alltag …

Hier ein Toter, der in den glutheißen Gefilden [162] Westafrikas ein Heim, ein Weib besessen, – – ein Toter nun hier am Ende der Welt, im gefährlichsten Wetterwinkel des Erdenrunds … Und sein Opfer keine zehn Meter entfernt, waidwund, ohne Sinn niedergeknallt … –

Wieder droben ein paar Schüsse. Ich eilte weiter, überschritt den Buchenstamm, klomm in der Gletscherspalte empor, sah aber nur Chicos Seehundsstiefel.

Peng … peng … peng …

Eisstücke spritzten. Chico lachte verächtlich. Ich schob mich neben ihn. Hier am Ostrande der Spalte hatte der lange Araukaner aus Steinen eine kleine Brustwehr errichtet. Ich lugte hindurch.

„Tehus dreckige schießen wie Kinder,“ meinte der Araukaner und zielte von neuem.

Ich erblickte drüben, wo der Gletscherbach in die Tiefe sauste, gleichfalls hinter Steinen die Hutränder einiger Thonecas, erblickte auch Edith Gordon, die sich etwas abseits auf einen Felsblock gesetzt hatte und eine Zigarette rauchte und … schrieb. Ihr Bleistift flog nur so über das Papier eines dicken schmalen Büchleins hin, das sie auf das rechte hochgezogene Knie gestützt hatte. Sie tat vollkommen unbeteiligt. Wenn sie einmal aufschaute, hatten ihr Blick und ihr Gesichtsausdruck etwas äußerst Gereiztes. Sie war zweifellos mit dem Feuergefecht zwischen den Tehuelchen und uns nicht einverstanden.

Die Sonne war bereits im Sinken begriffen. Trotzdem lagerte über dem Gletscher noch eine merkliche Welle warme Luft. Die seltsame Klarheit dieses Spätnachmittaglichtes zeigte mir auch die weitere Umgebung des Gletschers in auffallender Deutlichkeit. Mehr noch als bei meinem ersten [163] Marsch über das Gletschereis beachtete ich die strenge Abgeschlossenheit dieser geheiligten Stätte. Unmöglich war’s, daß man den Gletscher auf einem anderen Wege als durch die Höllenschlucht erreichte. Die Berge ringsum mit ihren senkrechten Steilwänden von verwirrender Höhe spotteten jeglichen Versuchs einer Annäherung an die wandelnde Eismasse.

Chico setzte den Karabiner wieder ab. „Sein vorsichtig, die Tehus … Haben drei Mann verloren, vierter Schulterschuß … Noch sechs, Mister. Wird keiner mehr Pampas sehen – keiner. Chubur sein in Loch von Gletscherbach, passen auf. Keiner mehr an Tau hinabklettern in Schlucht, auch weiße Miß nicht. Heiligtum von große Araukaner-Nation dann sicher. Müssen alle sterben.“ Und so, wie er das sagte, war auch für Edith Gordon wenig Aussicht vorhanden, jemals wieder Londoner Luft zu atmen. Doch – ich war ja noch da! Und ich gedachte meinen Einfluß auf Chico nun sofort geltend zu machen. Diese Schießerei hier mußte ein Ende haben. Übergenug war’s an drei Toten.

„Chico!“

Drüben gleichzeitig ein einzelner Schuß …

Und der dürre Chico schnellte aus der Deckung hoch und sank kraftlos quer über meinen Rücken.

Drüben ein Brüllen, Heulen und ein wahres Schnellfeuer …

Ein Blick …

Höchste Zeit …

Ich schüttelte den Toten von mir. Er rollte bis zur nächsten Eiszacke … blieb dort hängen.

Die sechs Tehus griffen an. In langen Sätzen kamen sie, glaubten wohl, daß Chico allein gewesen.

[164] Kamen, glitten aus auf blanken Eisstellen, rutschten, taumelten …

Aber sie kamen – näher … näher …

Ich erhob mich hinter der Deckung, die Sniders halb im Anschlag …

„Hallo – – halt!!“

Aber die Antwort belehrte mich, daß die stiernackigen Kerle mich nicht schonen würden.

Einer feuerte im Laufen. Ein zweiter schleuderte das Jagdmesser …

Zwanzig Meter …

Ich hatte mich geduckt … schoß …

Der vorderste klatschte zusammen …

Hinter den Angreifern die helle klingende Stimme der Engländerin:

„Halt – –!!“ Und auch sie hatte jetzt Deckung genommen, – sie schlug sich auf unsere Seite …

„Halt!“

Die fünf standen …

Nicht nur Edith Gordon gebot den Angreifern dieses eindringliche Halt! Nein, auch die Natur selbst schien jedes weitere Blutvergießen hier auf dem unberührten Gletscher, dessen Eismassen das Mausoleum eines kühnen Abenteurer-Königs bargen, verhindern zu wollen.

Die Sonne hatte bereits jene rotviolette Färbung angenommen, die der glühenden Weltenkugel um die Zeit ihres Untertauchens zur anderen Erdenhälfte in diesen Breiten eigen ist. Und rotviolett erstrahlten das Eis, die Schneefelder, die Gipfel und Zacken. Eine berauschende Farbensinfonie hüllte die ganze Umgebung ein, bis dann gerade in dem Moment, als die fünf verdutzten Tehus sich auch im Rücken bedroht sahen, eine kleine einzelne Wolke sich als Blende vor den [165] Sonnenball schob und mit einem Schlage ein düsteres, drohendes Zwielicht die prachtvollen Farbentöne auflöste.

So seltsam wirkte dieser Beleuchtungswechsel, daß auch ich förmlich erschrak und den Kopf nach Westen wandte, – emporblickte zu dem keilförmigen Ausschnitt in den Bergen, wo das Abschied nehmende Tagesgestirn wie eine abgeblendete ungeheure Laterne zwischen dunklen Felswänden matt schimmerte.

Als ich, rasch meiner Unvorsichtigkeit mir bewußt werdend, die Front dem Feinde wieder zukehrte, hatten die Thonecas bereits den Rückzug angetreten. In schräger Richtung suchten sie an dem Felsen vorüberzukommen, hinter dem die Engländerin schußfertig kniete.

Ich rief der Miß zu, sie solle sich besser decken, denn ich war überzeugt, daß der Feind, der hier fünf Mann eingebüßt hatte, niemals im Ernst an eine kampflose Unterwerfung dachte.

Die Gordon hatte leider zu der Biederkeit ihrer bisherigen Verbündeten zu festes Vertrauen. Was nun folgte, war doch ein Stück verblichener Indianerromantik. Die Thonecas schienen jener Stelle des Abgrundes zuzustreben, wo das dicke Tau befestigt war, schienen also den Rückzug in die Höllenschlucht antreten zu wollen. Dort gab es übergenug zerstreute Felsblöcke, dort fanden sie Schutz, konnten sich aufs neue festsetzen und … Ein erneuter Zuruf von mir kam zu spät.

Wie ein Blitz hatten die Thonecas sich im Felsgeröll niedergeworfen … Sekunden später ein Schuß … Edith Gordon wurde die Büchse aus der Hand gerissen. Der Lauf schlug ihr gegen die Stirn, und sie sank nach hinten zusammen. [166] Gleichzeitig klatschten drei, vier Kugeln neben mir gegen die Steine.

Ich sprang auf … Ich rechnete damit, daß die meisten Tehus nur einläufige Büchsen besäßen. Ich konnte die Miß unmöglich diesen Kerlen überlassen, die fraglos in ihrem Blutrausch selbst ein Weib nicht schonen würden, zumal die Gordon bisher mit den Braunfellen und Braanken gemeinsam gegen uns aufgetreten war und nun erst sich eines besseren besonnen hatte.

Ich sprang auf …

Man muß meine damalige ganze Stimmung berücksichtigen, um diese lächerliche Tollkühnheit zu begreifen. Mein guter Coy lag todwund unten in dem Eisdom. Chico, der mir gleichfalls ein treuer Kamerad gewesen, hing mit Kopfschuß über die Eiszacke wie ein schlaffer Sack – tot …

Nein, ich war damals nicht völlig Herr meiner Sinne …

Niemals hätte ich sonst mein Leben auf so zwecklose Art aufs Spiel gesetzt.

Ich sprang auf und vorwärts. Eine Kugel zischte dicht an mir vorüber, einer zweiten entging ich nur, weil ich ausrutschte und lang hinfiel, dabei in eine schmale Spalte glitt und nur deshalb nicht weiter in die grünblaue Tiefe sauste, weil meine Büchse sich quer über die Ränder der Spalte gelegt hatte und ich sie am Schloß mit der Rechten fest umklammert hielt, was den Thonecas offenbar entging, denn ihr verfrühtes Jubelgeheul war vielsagend genug: sie glaubten mich erledigt!

Nun – das war ich nicht, und doch war meine Lage verzweifelt. Ich hing in der kaum ein Meter breiten Spalte, deren Wände wie poliert waren – glattes Eis, – ich hing über einem [167] Loche, in dessen Tiefen der Gletscherbach toste und purzelte, – ich durfte es nicht wagen, mich mit Klimmzug an meiner Büchse über den Rand der Spalte emporzuziehen, wenn ich nicht sofort eine Kugel in den Kopf riskieren wollte. Ich hing zwischen zwei Todesarten: Ersaufen oder erschossen werden, und beides war nicht nach meinem Geschmack.

Zunächst packte ich auch mit der Linken den Büchsenlauf. Ein Wunder war’s, daß Lauf und Schaft nicht auseinanderbrachen. Solide Arbeit, diese Sniders-Büchsen. Ich kann sie empfehlen. Die Büchse hielt, und ich fand Zeit, die peinliche Situation kritisch zu prüfen. Ich schaute nach links, nach rechts. Beide Wände wirklich wie poliert, nirgends ein Halt für einen meiner Füße …

Peinliche Lage. Aber die Geschichte endete weit glimpflicher, als ich’s verdient hatte bei meiner haarsträubenden Unbesonnenheit.

Aus der Tiefe eine tiefe Stimme – noch tiefer als meine eigene. Nur der Melancholiker Chubur besaß solchen Baß. Nur sein leicht verfetteter Hals brachte solche Töne hervor …

„Mister – nur ein paar Minuten warten … Chubur Leiter bringen …“

Leiter!! Glänzender Einfall! – Aber wo hatte Freund Chubur eine Leiter her?!

Egal: die Leiter erschien, schob sich an meinen Füßen vorbei, lehnte sich an die linke Wand. Ich fand halt, stand … Hatte die Büchse, die Arme und Hände frei … Stieg rasch noch eine Stufe höher … Lugte über den Rand des Eisloches hinweg …

Rechtzeitig …

Zwei Thonecas trugen die ohnmächtige Edith [168] Gordon gerade nach einer größeren Felsanhäufung hin. Die drei anderen waren unsichtbar, – nur die Flintenläufe verrieten, wo sie die weitere Entwicklung der Dinge mit Finger am Drücker abwarteten.

Nun – die weitere Entwicklung war schon da.

Jede Sekunde kostbar, – und Menschenleben unter diesen Umständen schonen, – nein, nur ein Friedensapostel von alberner Unkenntnis des wahren Spiels der Leidenschaften hätte vielleicht anders gehandelt. Hier ging’s um mehr als um Edith Gordon. Hier ging’s um Coy. Coy mußte schleunigst heraus aus der Eiseskälte der Gruft, mußte Wärme, Luft, Pflege haben.

Ich schoß.

Ich hatte ganz kaltblütig gezielt. Die beiden Thonecas ließen die Gordon fallen und sanken nebenbei, um nie wieder aufzustehen.

Die drei anderen hatten mich nun bemerkt. Aber das farbige Licht der wieder entschleierten sinkenden Sonne blendete sie. Ich hatte die Sonne im Rücken. Ich schoß abermals. Und schoß genau so sicher wie der Thoneca vorhin, der auf Edith Gordons Büchsenlauf gehalten hatte. Ich hatte nur dieses Ziel – und traf wie auf dem Scheibenstand.

Genug davon.

Ich hatte gerade den letzten Thoneca wehrlos gemacht, als Chubur sich über mich hinwegschob und auf den Gletscher sprang.

Der kurze Kampf Mann gegen Mann war schnell beendet. Ich war Chubur gefolgt, und ich wandte mich diskret ab, als er nun sämtliche zehn Thonecas über den Rand des Abgrundes [169] hinab in den schäumenden Gischt des Gletscherbaches warf, einen nach dem anderen – alle zehn.

Ich bemühte mich um Edith Gordon, und sie erwachte denn auch sehr bald, so daß ich schleunigst zu Coy zurückkehren konnte – hinab in das stille schillernde Mausoleum.




[170]
14. Kapitel.
Abschied für immer.

… Zurück über den abgeplatteten Baumstamm.

Vorüber an des unseligen Braankens Leiche.

Durch den Eissäulengang.

Bebende Angst im Herzen, daß mein Coy bereits verschieden sein könnte.

Die Fackeln brannten noch.

Die Mumiengesichter der beiden stillen Reiter starrten mir entgegen.

Dort lag Coy – mit offenen matten Augen.

Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. So begrüßte er mich.

„Coy – ich trage dich sofort nach oben,“ – und ich hob ihn empor wie ein Kind – behutsam, langsam …

Ich bettete ihn zart an meiner Brust, und in meiner Seele war das Grauen bei dem entsetzlichen Röcheln seiner zerschossenen Lunge.

Ich trug ihn, und ich schritt über den dicken Buchenstamm mit der Sicherheit eines Seiltänzers, erkletterte trotz der schweren Last in den Armen die Wand der Eiskluft …

Wie ich’s fertig brachte, ich weiß es nicht mehr. Es gibt eben Augenblicke, in denen Geist und Körper zur allerhöchsten Leistungsfähigkeit sich paaren, weil eben das Stärkere von beiden, der Geist, es so will.

Ich kam empor zum scheidenden, farbenprächtigen Tageslicht, und das erste, was ich hier [171] oben gewahrte: Edith Gordon, die drei Schritt entfernt von mir stand und … zeichnete.

Nun, diese halb fertige Skizze hat sie nachher vernichten müssen.

Müssen.

Denn Chubur kannte keine Rücksichtnahme. Chubur kam herbeigehetzt wie ein Irrer, das Gesicht verzerrt, in den flackernden Augen noch den Mordrausch – jetzt ganz Sohn jener wilden Araukaner, denen Coys Großvater einst König gewesen.

Aber Chuburs Augen wechselten rasch den Ausdruck, als er nun dem Stammesgenossen in das fahle, von Todesahnen bereits beschattete Antlitz blickte.

Diese rauhen, harten Männer dort von der Gallegos-Bucht, die mir Freunde geworden und die mir den Glauben an das Gute im schlichten Menschen wiederschenkten, verstehen es nicht, ihre primitiven Empfindungen zu meistern. Chubur, der Melancholiker, nahm mir mit schmerzzerwühlter Miene den Todwunden ab und sagte leise:

„Mister, wir ihn müssen bringen sofort hinab in die warmen Täler …“

Keiner Mutter angstvolle Sorge um ein krankes Kind könnte im Ton der Stimme klarer hervortreten als hier dieses wilden ungebildeten Indianers tiefes, ehrliches Kameradschaftsgefühl für meinen Coy. Und noch ein anderes war darin, etwas wie Respekt vor einem, den er insgeheim längst als hoch über sich stehend anerkannt hatte. Coy war ja in der Tat in der kleinen Niederlassung an der zerklüfteten Bucht ein ungekrönter König, der in aller Stille und ganz unmerklich die Seinen regierte – unmerklich und doch von mir längst [172] bemerkt.

Chuburs Blick war auf die schlanke, schneidige Miß gefallen, die noch immer eifrig strichelte, völlig hingenommen von ihrem eigentlichen Beruf, von ihrer Pflicht.

Chubur rief ihr zu:

„Sennorita werden verbrennen, was da auf Papier sein – sofort verbrennen! Niemand sollen wissen von diese Gletscher – niemand!“ Und zu mir: „Mister, wegnehmen Papier – sofort! Hier dies Araukaner-Heiligtum, keiner davon erfahren dürfen … Mister unser Freund, Mister unser Bruder … Reden mit Sennorita … Dürfen nichts verraten – nichts, sonst – – sterben wie Braanken und dreckige Thoneca!“ Und der Ausdruck seines Gesichts war jetzt wieder so unaussprechlich drohend und unerbittlich, daß ich mich rasch an Edith Gordon wandte.

Was wir damals vereinbarten, wie wir uns dahin einigten, daß sie in das Eismausoleum zwar hinabsteigen, aber niemals über dessen Lage nähere Angaben machen dürfe, – wer sich dafür interessiert, den verweise ich auf ihre Artikelserie in der Times. Jedenfalls: sie durfte hinab, und ganz allein hat sie dort eine volle halbe Stunde geweilt.

Inzwischen hatten Chubur und ich aus Ästen und Decken eine Art Förderkorb hergestellt und den Verwundeten in die Höllenschlucht hinabgelassen, hatten ihn die Schlucht abwärts getragen bis zu der Stelle, wo die zehn Thonecas ihre Pferde zurückgelassen hatten. Wir beeilten uns, wir schwitzten, fieberten. Galt es doch, den wieder in tiefe Bewußtlosigkeit Gesunkenen schleunigst aus dieser verderblichen Luft in die milden Gefilde [173] der Pampas zu transportieren. Chubur führte dann den[23] Tehu-Gaul, auf dem mein armer brauner Freund festgebunden war.

Ich selbst kehrte trotz der schnell zunehmenden Dunkelheit auf den Gletscher zurück, fand hier Edith Gordon auf einem Stein sitzen, den Kopf in die Hand gestützt, in tiefen Gedanken.

Sie schrak leicht zusammen, als ich sie ansprach.

„Helfen Sie mir … Chicos Leiche muß noch weggeschafft werden, und ebenso die Braankens.“

Sie schaute mich wie traumverloren an.

„El Gento, ich bin erschüttert und auch begeistert,“ meinte sie schlicht. „Kann es wohl etwas Wundervolleres geben als dieses Grabmal mitten im Gletscher?! Und jetzt, El Gento, will ich Ihnen auch die volle Wahrheit gestehen: ich war hinter Braanken her, weil ich ahnte, daß er den Weg zu dem sagenumwobenen Königsgrab kannte! Das erklärt alles, El Gento …“

Ich nickte nur.

„Helfen Sie mir …“

Und sie erhob sich.

Das Abendrot am Himmel war bereits schwächer geworden. Die Wärme des Tages wich, und der eisige Odem der Gletscher und Schneefelder fauchte uns grimmig an, als wir nun Chicos Leiche an dem dicken Tau in die Schlucht hinabließen.

Dann holten wir auch den toten Braanken nach oben, nahmen Fackeln mit, löschten die anderen im Eisdome aus, – eine nach der anderen, bis der letzte zuckende Lichtschein den beiden Reitergestalten schreckhafte scheinbare Beweglichkeit verlieh.

Edith Gordon hat das Mausoleum König [174] Tounens’ nicht mehr betreten, – und kein Europäer außer mir hat je wieder den erhabenen Eindruck dieses schillernden Eisgewölbes genießen dürfen.

Außer mir, – als wir Coy Cala neben Vater und Großvater zur letzten Ruhe hoch zu Roß aufbahrten.

Edith Gordon schritt mit vier qualmenden Fackeln voraus über den Gletscher, und ich hinter ihr, den toten Braanken in den Armen. Finster war’s mittlerweile geworden, völlig finster. Nur die Berggipfel glühten noch wie geschmolzenes Metall, wie blankes Kupfer – – geheimnisvoll, rötliche Konturen am bereits dunklen, sternbesäten Nachthimmel.

Eine glatte, blanke Stelle …

Ich gleite aus … Vor mir eine der gefährlichen Spalten, in deren Tiefen die Wasser murmeln und flüstern und ohne Unterlaß von den kriegerischen Taten eines königlichen Abenteurers raunen und wispern.

Eine Spalte … Ich gleite. Ich muß den Toten fallen lassen, wenn ich nicht selbst in dem verderblichen Schlund verschwinden will.

Gleite … suche Halt …

Braanken rutscht, den Kopf voran, in den Eisabgrund …

Ich greife nach ihm … Umsonst. Ich kann’s nicht hindern, daß Peter van Braanken denselben Weg nimmt wie die zehn Thonecas – hinab in die schäumenden Gischtmassen des Gletscherbaches.

Die Engländerin hatte sich umgedreht, springt mir bei, läßt zwei Fackeln aus der Rechten fallen und hilft mir auf die Beine, sagt halb belustigt: „Genagelte Schuhe sind hier geeigneter als Ihre [175] Fischerstiefel, El Gento. Ich stehe fest, mag’s auch noch so glatt sein … Ich bin in meinem Leben nie … danebengerutscht, El Gento …“

Unsere lebenswarmen Hände liegen noch ineinander. Wir schauen uns an. Und unter meinem Blick tritt ein Ausdruck echt weiblicher Verwirrung auf ihr frisches, keckes Gesichtchen.

Olaf Karl Abelsen – – Vorsicht!!

Und meine Hand läßt die Mädchenhand fahren. Aber ich bin ehrlich, sage mit verhaltener Zärtlichkeit:

„Edith Gordon, vielleicht würden wir beide gut zueinander passen – – draußen in der Kulturwelt, Edith … Hier – nein, – hier sind Sie nicht Weib und ich nicht Mann, hier sind wir nichts als winzige Rädchen im großen Uhrwerk des Schicksals … Fühlen Sie das?“

Und sie antwortet leise: „Wer sind Sie, El Gento? Ich werde schweigen.“

„Ein Mensch, der die Menschen verließ, weil ein Weib ihn ins Zuchthaus schickte, ein angeblicher Mörder, Edith Gordon … So, nun wissen Sie es! – Mein wahrer Name?! Weshalb?! Was besagt ein Name?! – Ich freue mich, hier in Ihnen ein Weib kennengelernt zu haben, das ich als Mann achte, das mir imponiert. – Gehen wir …“

Und so endete diese Szene, die für mich den Verzicht auf das bedeutete, was der Welt Liebesglück bedeutet.

Edith hatte sich rasch abgewandt …

Ich fühlte es: ich hätte Edith getrost in die Arme schließen können – ich hätte die Köstlichkeit sehnsüchtiger Lippen genießen können.

Ich – Olaf Karl Abelsen … Ja – man [176] bleibt Sklave dessen, das uns Mutter Natur mitgegeben: Liebestrieb – – Liebe …! – Auch ich – Sklave. Wozu sich besser machen als man ist. Besser?!

Nun – die Sekunden, wo El Gento die Vergangenheit vergessen hatte, wo er das Verlangen nach anderem Glück gespürt als dem eines freien und ungebunden Daseins – – vorüber, vorbei!

Edith schritt wieder voran, kletterte an dem Tau in den Höllenschlund, – rasch, geschickt, sich nur mit einer Hand haltend, in der anderen drei lohende zischende Fackeln, – die vierte hatte sie mir gegeben.

Kletterte hinab … Und das Fackellicht zauberte in dem schäumenden, brodelnden Kessel köstlichste Beleuchtungseffekte hervor.

Ich stand oben am Rande des Abgrunds.

Stand und stierte in die gurgelnden Wasser.

Fröstelte, fror …

Menschliche Gestalten kamen dort in den nie zur Ruhe gelangenden Gischtmassen zum Vorschein, tauchten wieder unter, erschienen von neuem – wie Korken in einem Wasserfall, den spielende Kinder aus einem Rinnsal geschaffen haben …

Korken … Leichen … die zehn Thoneca …

Und Braanken …

Braanken auch …

Ein furchtbares Spiel, das der Gletscherbach hier mit den Toten trieb …

Auf und ab tanzten sie – auf und ab …

Als wollten sie heraus aus dem eisigen Kessel.

Heraus … Und konnten nicht. Denn der Abfluß des Kessels war von einem Zaun von Felsblöcken eingeengt … Und dieser Zaun hielt die Toten fest – hält sie fest … – das, was [177] von ihnen noch übrig …

Ein leises Grauen kroch mir zum Herzen, und erst Ediths heller Zuruf aus der Tiefe brachte mich nieder zu mir selbst.

Hinab …

Und dann Chicos Leiche auf ein Pferd gebunden …

Abwärts den Höllenschlund …

Hinter mir Edith mit den übrigen Pferden.

Ungewisses Fackellicht spielte huschend über den düsteren Kanon hin …

Wir beeilten uns. Wir wollten Chubur einholen …




[178]
15. Kapitel.
Schluß.

Stunden vergingen …

Und in diesen Stunden des trostlosen Rückweges in die freundlicheren Täler kam mir damals mit jäher grausamer Wucht allmählich zum Bewußtsein, daß, wenn Coy mir stürbe, ich abermals heimatlos sein würde …

Stürbe …

Konnte das denn sein?! Konnte dieser muskelstrotzende Körper meines Freundes Coy wirklich dahinsiechen durch diese lächerlich kleine Kugel, – konnte das Geschick so unbarmherzig sein und ihn mir nehmen, an dem ich mit jeder Faser meines verhärteten Herzens hing – mit jeder Faser, wie ich’s genau fühlte. –

Stunden abwärts … Nächtliche Stunden in Moderluft und Eiseskälte, über uns als schmaler Streifen der ausgesternte Himmel, neben uns der schäumende Gletscherbach und der stille tote Chico und die Pferde – stolpernd, schnaufend, – und Edith und ich und unsere Gedanken …

Stunden …

Bis wir die Stelle erreichten, wo der Zickzackpfad nach oben führte zu den Bergterrassen und dem Felsenturm und dem Condorhorst …

Aufwärts …

Kühle, reine Nachtluft grüßt uns. Uns begrüßt die Mooshütte, die noch vom damaligen Lagern stehen geblieben. In der Hütte Licht – zwei Gestalten, – sich mühend um meinen Coy: [179] Mastilo und Chubur, wirklich Mastilo, Sennor Manuel Mastilo …

Der Chilene ist den Thonecas entflohen. Seine kleine Taschenapotheke leistet uns gute Dienste. Entflohen ist er, spricht mit Geringschätzung von den Tehus, die ihn, den zermürbten Vater, in die Einöde schleppen wollten, – ihn, dem sein brutales Mannestum und seine Vaterliebe die unmöglich erscheinende Flucht erleichtert hatten.

Coys Wunde war sauber verbunden. Mastilo und ich standen vor dem Zelt im Mondlicht.

„El Gento, wo sind die beiden Kisten?“ fragte er mit harter Stimme.

Kisten?! – Wo hatte ich doch mal von zwei Kisten etwas erfahren?! Ich mußte mich erst besinnen und mein Hirn freimachen für andere Erinnerungen und Gedanken als die an meinen Coy. – Kisten … Ja – – urplötzlich war ich völlig im Bilde.

„Braanken ist tot,“ sagte ich düster. „Wo er die Kisten verborgen hat – ich weiß es nicht.“

„Mein Gott! Sollen denn die Häupter meiner Kinder vielleicht in alle Ewigkeit in …“

Seine Stimme bebte … – und jäh packte er meine Hand. „Helfen Sie mir suchen, El Gento! Helfen Sie mir …! Braanken kann die Kisten doch nur hier in der Nähe versteckt haben – in jener Nacht, als ich Sie in den Abgrund schleudern wollte, El Gento … Helfen Sie mir, wenn Sie ein Herz im Leibe haben …“

„Gehen wir, Sennor Mastilo …“

Wir schlugen dicke, harzüberzogene Äste von den Bäumen. Auch Edith Gordon kam mit uns. Wieder hinab in den modrigen Schlund. Ein Vater bat, ein Vater, ein Mann, der hier in [180] diesem verlassenen Weltwinkel trotz allem ein ganzer Mann war …

Still ging die schlanke Engländerin uns dann voran. Die Harzäste knisterten, fauchten, sprühten Funkengarben. Edith Gordon bog um einen Haufen faulender Baumstämme, bückte sich, schob Moder und Laub beiseite.

Zwei Kisten …

„Braanken hat mir alles gebeichtet,“ erklärte sie. „Sennor Mastilo, Ihre Kinder und die berittenen Diener kamen durch einen unglücklichen Zufall ums Leben. Sie wissen ja besser als ich, was in der Pampas eine Solardeo bedeutet.“

„Ah – ein Einsturz einer unterspülten Lehmwand …!“ rief der Chilene dumpf.

„Ja, Sennor, das Erdreich begrub Ihre Kinder, und als Braanken hinzukam – ein Zufall! –, hatten die Wildhunde bereits die Leichen angefressen. Da hat der arme Irre in seinem blöden Wahn, daß Sie sein Feind seien, Ihnen die grauenvolle Überraschung durch die Übersendung der Kisten …“

„Still – still …!“ – und Mastilo kniete nieder …

Ich ließ ihn mit Edith Gordon allein. Ich hatte doch andere Sorgen als diesen beklagenswerten Vater, der außerdem in bester Obhut zurückblieb. Edith Gordon würde ihm eine sanftere Trösterin sein als ich.

Zurück zu meines Coy Schmerzenslager, neben dem Chubur wie eine Buddhastatue mit rätselvoll verschlossenem Gesicht hockte und mir nur mit den Augen warnend zuwinkte. Coy schlief. Aber sein Atem kam stoßweise aus der pfeifenden Lunge, und sein Puls war schwach und schnell und Hand [181] und Stirn glühten im Wundfieber. Ich hatte mich neben Chubur gesetzt. Flüsternd berieten wir. Beim ersten Morgengrauen wollten wir aufbrechen mit dem verwundeten Coy und dem toten Chico – heimkehren in das friedliche Dorf an der Gallegos-Bucht. Wir beide, ein Toter und ein Sterbender.

Wir flüsterten, und draußen lag Chico im Mondlicht unter einer Decke, schlief den ewigen Schlaf und hatte nicht unsere Sorgen mehr.

„Die Thoneca werden Sennor Mastilo suchen,“ meinte Chubur. „Mister, wir sein werden sehr vorsichtig. Alte Tuluma dir und Coy nachschicken zehn Leute, zehn Leute nun tot. Tuluma, wenn uns treffen, werden fragen, wo zehn Krieger sein. Thoneca Blutrache – das wissen, Mister. Thoneca jetzt Todfeinde von Araukaner an Gallegos. Wir machen Umweg am besten, Mister. Sein nur zwei, wir, und nicht kämpfen können.“

Er hatte recht. – Coy, Chico, wir beide: trafen uns die Thoneca, so waren auch wir hinüber, so würde vielleicht erst nach vielen Wochen die Kunde von unserer Niedermetzelung bis zur Gallegos-Bucht dringen.

Chubur fügte leise hinzu: „Englische Sennorita doch schweigen werden, – sonst …!!“

Die Antwort kam aus der Ferne – als schwacher Knall.

Ein Schuß. Und Chubur und ich schnellten hoch, ergriffen die Büchsen, traten ins Freie, lauschten, suchten dann Deckung hinter nahem Fels.

Kein weiterer Schuß. Aber bald droben auf den Terrassen Edith Gordon, eilends abwärtssteigend.

Was sie erzählte: Mastilo war in der Schlucht, [182] als er noch vor den unheimlichen Glasgefäßen kniete, hinterrücks erschossen worden, hatte vornüberfallend die Gläser umgestürzt, die in Scherben gingen.

„… Ich sah niemand,“ schloß die Gordon ihren knappen Bericht. „Aber ich hörte Pferdegetrappel – dann nichts mehr …“

„Tuluma …“ meinte Chubur. –

Wir haben noch in derselben Nacht Sennor Mastilo oben auf der Condor-Terrasse am Fuße der Steinsäule zusammen mit den Häuptern seiner Kinder unter einem hohen Hügel von Felsstücken bestattet. Und als auch das getan, war der Morgen da, und der Abschied kam – von Edith Gordon, die nordwärts durch die Vorberge bis zur ersten Siedlung reiten wollte. Kurzer Abschied, Händedruck, ein Lächeln auf ihrem kühnen Gesicht, Lächeln des Verzichts, des wehmütigen Scheidens. Ihr wurde das Auseinandergehen nicht leicht, und mir … wurde es leichter ums Herz, als sie mit ihrem tadellosen Pferd, den Lastgaul hinter sich am Lasso, davontrabte und in einem Quertale untertauchte. Leichter ums Herz. Was diese Bekanntschaft betraf. Denn Edith Gordon würde mir als Weib vielleicht noch mehr gegolten haben als meine liebe Jugendgespielin, die … – aber das gehört ja nicht hierher.

Edith war aus meinem Leben gestrichen – für immer. Ich habe sie nie mehr wiedergesehen bisher. Möglich, daß uns das spielerische Schicksal doch noch zusammenführt. Aber Edith Gordon hat meiner in vielem so unausgeglichenen und widerspruchsvollen Persönlichkeit in ihrer Artikelserie in der Times volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, hat sich damit in krassem Gegensatz zu jenem [183] sensationslüsternen schreibenden geschäftstüchtigen Herrn gestellt, der die Einleitung verfaßte. Aber auch das ist ja alles so unendlich gleichgültig.

Coy … Mein Freund Coy. Ihm gelten diese letzten Seiten, ihm allein.

Chubur hatte gleich nach Edith Gordons Aufbruch die ganze Umgebung unseres Lagerplatzes aufs genaueste abgesucht. Er kehrte erst zurück, als die Sonne bereits hoch über dem dunstigen Horizont stand. Er hatte keinerlei verdächtige Spuren entdeckt. Auch wir brachen auf. Chubur ritt dreißig Meter voran. Ich folgte mit dem Todwunden und dem Toten und den fünf Reservepferden. Coy ruhte im Halbschlaf in der aus Zweigen geflochtenen Wiege, die weich mit Moos und Decken gepolstert und dem kräftigsten Gaul auf den Rücken gebunden war. Coy war[24] wach, lag aber mit fieberglänzenden Augen da und führte wirre Reden.

Vier Stunden durch die Ausläufer der Anden. Dann die Steppe, kurze Rast, abermals Aufbruch. Die Thonecas ließen sich nicht sehen. Edith Gordon hatte mir ihren Vorrat an Chinin ausgehändigt. Coy war nach der zweiten Dosis eingeschlummert – ein bleierner unnatürlicher Schlaf.

Und wir brachten ihn drei Tage später wirklich noch lebend bis zur Gallegos-Bucht.

Brauche ich Einzelheiten dieses entsetzlichen Rittes zu erwähnen?! Jeder kann sich selbst unschwer ausmalen, was es heißt, mit einem Schwerverwundeten und einem Toten durch glutheiße Tage, eisige Nächte, Sandsturm, tosende Gewitter und – – in steter Sorge vor einem heimtückischen Angriff durch die endlose Wellenprärie dahinzutraben – ohne längere Ruhepause, ohne [184] je recht Schlaf zu finden, stets mit angespannten Sinnen, Angst um den Sterbenden im Herzen, den Leichenduft des in eine Wolldecke gehüllten Toten als ständige Mahnung an die Vergänglichkeit alles Irdischen in der Nase, – – und das Hirn leer vor Erschöpfung. Selbst Chuburs eiserne Natur versagte. Kaum waren wir im Dorfe angelangt, kaum hatten wir den uns umdrängenden Männern, Frauen und Kindern und dem vor Schmerz wie Wahnsinnige sich gebärdenden Weibern Chicos und Coys die notwendigsten Erklärungen gegeben und die ebenso notwendigen Anordnungen getroffen, damit sofort ein paar Reiter den Militärarzt aus Skyring herbeiholten, als wir auch schon halb ohnmächtig in ein Zelt taumelten und in einen tiefen bleiernen Schlaf fielen. Volle achtzehn Stunden habe ich damals wie ein Bewußtloser dagelegen. Als ich erwachte, – mein erster Gang zu Coys Steinhütte, die hart am hohen Felsufer der Bucht sich neben einem kleinen Buchenwäldchen erhebt, zwanzig Meter weiter unter der breiten Krone eines uralten Stammes mein eigenes schlichtes Heim …

Coy bei vollem Bewußtsein – mir entgegenlächelnd, mir matt die Hand hinstreckend. Sprechen konnte er nicht mehr, nicht einmal mehr flüstern. Jeder Versuch dazu rief einen schrecklichen Hustenanfall hervor, der ihm eitrige Blutfäden über die Lippen trieb.

Am nächsten Tage kam der Arzt. Untersuchte, zuckte die Achseln, nahm mich abseits. Es war ein Chilene von liebenswürdigsten Umgangsformen.

„Drei, vier Wochen kann’s noch dauern … Ebenso gut kann’s morgen schon mit Ihrem Freunde zu Ende gehen …“

[185] Er gab mir Verhaltungsmaßregeln: Sonne, frische Luft, Umschläge, Chinin, wenn das Fieber wiederkehre …

Und ritt mit seiner Eskorte von fünf Kavalleristen wieder davon, als Honorar drei von meinen schönsten Pumafellen mit sich nehmend.

Wochen …

Ja – noch Wochen dauerte diese qualvolle Ungewißheit … Einen Tag hoffte ich, den anderen Tag fürchtete ich das Schlimmste, den nächsten hoffte ich von neuem …

Und – – so ging’s Wochen, drei volle Wochen …

Siechtum eines Mannes, der das Sterben nicht fürchtete, der immer heiter war, der immer die Kraft fand, uns – uns aufzurichten, wenn das Weh uns kleinmütig machte. So war der sterbende Coy.

Wenn Coy schlief, flüchtete ich in meine Laube am Strande und schrieb … wie ich heute hier schreibe vom Sterben des Enkels des einzigen Araukanerkönigs.

Und dann kam jener Donnerstag, an dem ich merkte, daß die vollkommen vereiterte Lunge den welken Leib nicht mehr genügend mit Sauerstoff versorgte und die Auflösung unmittelbar bevorstehe. Coy war seit acht Stunden bewußtlos. Die Atmung kaum mehr wahrnehmbar, das Gesicht mit kalten Schweißperlen bedeckt, die Augen tief eingesunken.

Dieser Zustand währte bis zum Abend. Ich verließ nicht einen Moment Coys Lager, und Chubur und ein paar andere Araukaner, die dem Sterbenden näher gestanden, hockten wie ich in [186] düsterem Schweigen um das mit Häuten bespannte Rahmenbett.

Draußen wurde es dunkler und dunkler. Coys Weib zündete auf dem Steinherd ein Feuer an. Die Flammen leckten knisternd empor. Der unruhige Lichtschein umspielte das magere Leidensgesicht Coy Calas und die ernsten Mienen seiner Stammesgenossen. Drüben von der Bucht her schallten die verschlafenen Schreie der Möven herüber und das ferne heisere Bellen von Robben und Seehunden.

Pferdegetrappel dann …

Der Sterbende schreckt empor …

Fremde Gestalten betreten die Hütte: eine Abordnung der großen Araukanernation ist’s … Viele Tage sind die zwanzig Krieger unterwegs gewesen, kommen aus den wärmeren fruchtbareren Gebieten der Pampas, aus Coys eigentliche Heimat … Bringen dem ungekrönten Herrscher der Araukaner die Grüße der ganzen Nation.

Coy sitzt aufrecht. Hört die Häuptlinge sprechen.

Und abermals draußen ungewöhnlicher Lärm. Schüsse … Immer zahlreicher …

Das war der Spätabend, an dem der Oberkapike Tuluma den Tod seiner zehn Leute zu rächen gedachte.

Überfall, Kampf …

Und Kugeln fahren in die Wände der Hütte …

Coy winkt mir … Coy will hinaus ins Mondlicht – hinaus in den Lärm des wütenden Nachtgefechts. Ich trage ihn. Chubur drückt ihm den Karabiner in die schlaffen Hände.

Tuluma hat mit den zwanzig tadellos bewaffneten fremden Araukanern nicht gerechnet. Nicht mit der grimmen Wut der Angegriffenen, [187] nicht mit dem Eindruck, den das Erscheinen Coys hervorruft.

Urplötzlich verstummen die Schüsse, als ich, den Sterbenden in den Armen, in den Lichtschein zweier brennender Blockhütten trete …

Coy hebt den Karabiner …

Drückt ab … Die Kugel fliegt gen Himmel. Der Karabiner fällt zu Boden. Ich ergreife des Freundes Hand. Ein letzter Druck seiner Finger.

Coy Cala ist tot. – So starb er.




[188] Tuluma mit seiner Horde zog in aller Stille wieder ab.

Und am anderen Morgen ritten vierzig Araukaner, an der Spitze neben mir der tote Coy, der tote ungekrönte König, gen Norden zum Gletschermausoleum.

Niemand, der’s nicht soll, wird dieses Mausoleum finden.

Niemand wird mir ersetzen, was ich an Coy verlor …

Niemand ist einsamer als ich …

Wieder einsam …

Und vor mir rauschen die Wellen der Gallegos-Bucht … Flüstern einen Namen, immer denselben: Coy … Coy … Coy!

Es war nur ein armer transtinkender Fischer und Jäger …

Es war ein Mann …

Und ich – bin einsam … Nichts hält mich mehr hier im Südwestwinkel Patagoniens … Die Unruhe in meinem Abenteurerblut wächst …

Chubur kommt soeben, fragt, ob ich mit hinausfahren will in die breiten Kanäle zwischen den Adelaide-Inseln, Robben zu jagen … Und er zwinkert mir zu …

„Eine Brigg ist gestrandet, Mister … Große Brigg … verlassen …“

[189] Ich werde also meine Schreibutensilien schleunigst zusammenpacken …

Die Brigg lockt …

Strandpirat spielen …

Man vergißt den Unvergeßlichen darüber …

„Fahren wir, Chubur! Vorwärts!“




[Verlagswerbung]
Olaf K. Abelsen

(Max Schraut)

Abenteuer abseits vom Alltagswege


Band 1: Das tote Hirn

B.nd 2: Das Geheimnis des Meeres

B.nd 3: Mein Freund Coy

B.nd 4: Das Paradies der Enterbten

B.nd 5: Das Kreuz der Wüste

B.nd 6: Die Geisterburg


Diese Sammlung wird fortgesetzt

Preis jeden Bandes 50 Pfennig


Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.

Berlin SO16, Michaelkirchstraße 23a


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Siehe hierzu die Artikel über Orélie Antoine de Tounens und das Königreich von Araukanien und Patagonien in der Wikipedia.

Errata (Wikisource)

  1. Vorlage: "– Band 3 –" ergänzt.
  2. Vorlage: "1. Kapitel" ergänzt
  3. Vorlage: selbstgearbeiten
  4. Vorlage: wirkte
  5. Vorlage: vehielt
  6. Vorlage: demselten
  7. Vorlage: träiniert
  8. Vorlage: lGetscher
  9. Vorlage: eiterndern
  10. Vorlage: Valdivio
  11. Vorlage: Vildivia
  12. Vorlage: nämllich
  13. Vorlage: Reptiels
  14. Vorlage: nicht
  15. Vorlage: Taunens
  16. Vorlage: Tuhe
  17. Vorlage: sorgfälrig
  18. Vorlage: dekollettierte
  19. Vorlage: Zivilation
  20. Vorlage: Mistilo-Kindern
  21. Vorlage: in-
  22. Vorlage: Brannken
  23. Vorlage: denn
  24. Vorlage: wach